Betty Mosbacher

Auch Betty Mosbacher war nach den Eintragungen auf ihrer Gestapo-Karteikarte einmal Bewohnerin der Grillparzerstr. 9. Sollte sie dort tatsächlich einmal gelebt haben – dies ist trotz des Eintrags keineswegs sicher -, so hatte sie das Haus aber in jedem Fall wieder verlassen, bevor es zum Judenhaus wurde. Dennoch soll an dieser Stelle zumindest knapp an Sie erinnert werden.

Judenhaus Grillparzerstr. 9 Mosbacher Felix, Betty KatzensteinFelix
Stammbaum der Familie Mosbacher
(GDB-PLS)

Sie war mit ihrem Mann Feibel / Felix Mosbacher um 1930 nach Wiesbaden gekommen, vermutlich um hier als Rentiers ihren Lebensabend zu verbringen. Felix Mosbacher war zuvor in Gießen als praktischer Arzt tätig gewesen. Er kam aus dem unterfränkischen Eschau, wo er am 18. März 1864 als ältestes von insgesamt neun Kindern des Pferdehändlers Mendel Mosbacher und seiner Frau Hanna, geborene Ehrlich zur Welt gekommen war.[1]

Betty selbst war am 30. September 1869 in Gießen geboren worden. Ihre Eltern Siegmund Elizer und Sophie Katzenstein, geborene Loeb, hatten noch vier weitere Kinder. Die Ehe zwischen Betty und Felix Mosbacher wird um 1888 geschlossen worden sein, denn 1889 kam Siegmund, das erste von vermutlich insgesamt fünf Kindern zur Welt.[2]

Am 12. Februar 1930, also unmittelbar nach ihrem Umzug nach Wiesbaden, verstarb Felix Mosbacher. Die Witwe war zunächst in der Schützenstr 7, ihrer bisher gemeinsamen Wohnung geblieben, dann aber 1932 für kurze Zeit in die Walkmühlstr. 22 gezogen. Ab 1934 bewohnte sie eine Dreizimmer-Erdgeschosswohnung in der Van Dykstr. 1, alles Wohnungen, die in unmittelbarerer Nachbarschaft im Walkmühltal gelegen waren.[3] Ihre Tochter Lotte Ander beschrieb im Entschädigungsverfahren ausführlich das gut ausgestattete Interieur ihrer dortigen Bleibe. Wertvolle, echte Möbel und eine Vielzahl von Bildern, darunter mehrere Originale von Käthe Kollwitz, soll es in diesem „mit exquisitem Geschmack“ ausgestatteten Haushalt gegeben haben.[4]

Was das weitere Schicksal von Betty Mosbacher angeht, so gibt es hier gewisse Unsicherheiten. Es ist nicht zu vermuten, dass sie freiwillig aus dieser schönen Wohnung auszog. Die Detektei Blum ermittelte, dass das Haus verkauft wurde und legte nahe, dass der nächste Umzug von Frau Mosbacher, der im Zeitraum 1937/38 erfolgte, damit in Verbindung gebracht werden könne.[5] Auf ihrer Gestapo-Karteikarte ist ohne konkrete Datumsangabe als Adresse nur „Grillparzerstr. 9“ eingetragen. Am 23. Dezember 1938 soll sie dann nach Frankfurt verzogen sein. Wenn überhaupt, dann kann sie in dem zukünftigen Judenhaus nur eine kurze Übergangszeit gewohnt haben, aber auch das ist nicht wirklich gesichert. Das Haus hatte nur zwei Etagen, in denen die jetzigen Besitzer bzw. die Vorbesitzer wohnten. Es hätte dort kaum Platz für den Hausrat einer Dreizimmerwohnung gegeben, den Betty Mosbacher sicher mitgebracht hätte. Wie sich aus späteren Briefen ergibt, litt sie nicht unter finanzieller Not, sodass es auch sehr unwahrscheinlich ist, dass sie sich davon getrennt hätte. Es ist auch eigenartig, dass in den weiteren Unterlagen des Entschädigungsverfahrens diese Adresse nicht erwähnt wurde. Nicht ausgeschlossen ist aber, dass sie bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt hier übergangsweise einen Unterschlupf gefunden hatte, ohne die Möbel mitzubringen. Diese scheint sie in Frankfurt später zunächst noch besessen zu haben, denn ihr waren wohl von der Devisenstelle 150 RM für einen weiteren Umzug bewilligt worden.[6]

In ihrem letzten erhaltenen Brief, den sie am 26. September 1941 an ihre Tochter Trude schrieb, erwähnt sie, dass sie demnächst aus ihrem „behaglichen Zimmer“ ausziehen müsse. „Frauen und Männer ueber 70 Jahre, die ohne Heim seien, bekämen nach neuester Verordnung kein Zimmer mehr zugewiesen, sondern müssten in ein Altenheim. Mein Entsetzen und meinen Zusammenbruch kannst du dir Vorstellen. Denke deine Mutter, die stets in Freiheit, nachts geöffnetes Fenster, morgens Dusche, gewohnt war, in einem Raum mit anderen Frauen, mit dem Musszusammensein Tag und Nacht. Liebe Trude, ich bin mit zusammengebissenen Zaehnen durch alle Schicksalsschlaege und Verfuegungen hindurchgegangen, immer mit dem einen Ziel bald zu euch zu kommen, jetzt bin ich am Ende meiner Kraft, …“[7]

Betty Mosbacher Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden Frankfurt
Ausschnitt aus dem hoffnungsvollen Brief vom 23.3.1941
„Meine liebe Lotte!
Ich kann Dir heute nicht viel schreiben. Die Hoffnung, nicht mehr Jahre des Zuwartens bis zur möglichen Auswanderung vor mir zu haben, sondern die nach gerueckte Moeglichkeit bald zu Euch zu koennen, hat mich so erschuettert, dass es mir ganz flau geworden ist und ich muss Dir doch noch das Noetigste schreiben.“
HHStAW 518 37766 (52)

Noch ein halbes Jahr zuvor war sie voller Hoffnung, im letzten Augenblick zu ihren Kindern und zu ihrer Schwester in Amerika zu gelangen und dem Verhängnis zu entkommen: „Du kannst dir denken wie wirbelig vor Glueck ich bin in dem Gedanken, dass nun die Möglichkeit besteht, bald zu euch zu kommen,“ hatte sie in einem Brief vom 23. Februar 1941 an ihre Tochter Lotte in den USA geschrieben. Ein angeblich vertrauenswürdiger Berater hatte ihr wohl zugesichert, dass er einen Weg über Portugal wisse, um noch in die Staaten zu gelangen, sofern die notwendigen Papiere von dort kommen würden. Sie erwähnte noch, dass sie „seine Ansprüche“, gemeint sind die finanziellen Forderungen, „selbst erledigen“ könne.[8] Es war jedoch zu spät. Mit der vollständigen Schließung der Grenzen für jüdische Emigranten zum 1. Oktober 1941 gab es für Betty Mosbacher kein Entrinnen mehr.

Mit der ersten Massendeportation aus Frankfurt wurde sie am 20 Oktober 1941 aus ihrer letzten Unterkunft in der Lindenstr. 3 mit dem gleichen Transport wie Emma Ehrenfeld in das Ghetto Litzmannstadt / Lodz verbracht.[9] Nur zwei haben diesen Transport überlebt. Betty Mosbacher war keine der beiden. Sie starb dort nach nur wenigen Wochen am 13. Dezember 1941.[10]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] http://www.stadtarchivweb.aschaffenburg.de/Program%20Files/showimg/showimg.php?bild=ssaa~2~regh$140$$1. (Zugriff: 18.10.2017).

[2] Der Eintrag der Ehe in das Heiratsregister Aschaffenburg enthält leider keine Datierung, siehe http://www.stadtarchivweb.aschaffenburg.de/Program%20Files/showimg/showimg.php?bild=ssaa~2~regh$162$$1. (Zugriff: 18.10.2017). Die Namen der Kinder und auch ein umfassender Stammbaum von Betty Katzensteins vorfahren sind in GENI einsehbar: https://www.geni.com/family-tree/index/6000000029749859523. (Zugriff: 18.10.2017).

[3] Die Angaben sind den jeweiligen Wiesbadener Adressbüchern entnommen. In dem von 1938 gibt es für sie keinen Eintrag mehr.

[4] HHStAW 518 37766 (49, 83).

[5] HHStAW 518 37766 (58).

[6] HHStAW 518 37766 (50). Die Tochter Lotte Ander ging davon aus, dass das wertvolle Mobiliar in Frankfurt verschleudert wurde. In dem Zimmer, in dem ihre Mutter Anfang 1941 lebte, es handelt sich wahrscheinlich um ein Zimmer in der Schumannstr. Wird sie kaum mehr das gesamte Mobiliar gehabt haben, aber immerhin vermutlich noch einen kleinen Rest, wie sich aus dem folgenden Briefauszug ergibt.

[7] HHStAW 518 37766 (53), Hervorhebungen im Original.

[8] HHStAW 518 37766 (51).

[9] http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411019-38.jpg. Die Deportationsliste mit ihrem Namen.

[10] Eintrag im Gedenkbuch Bundesarchiv Koblenz