Aurelie Kahn

Auch Aurelie Kahn, die im Dezember 1938 ein Zimmer im Parterre des Judenhauses Adolfsallee 30 erhielt, gehörte zu den sehr begüterten Bewohnern. Aus der Formulierung ihrer Mitteilung an die Devisenstelle Frankfurt – „dass ich meine Wohnung gewechselt habe & jetzt Adolfsallee 30 part. wohne“ – geht nicht hervor, wodurch dieser Wohnungswechsel herbeigeführt worden war.[1] Der Zeitpunkt 27. Dezember 1938 spricht eher gegen eine offizielle Einweisung, wahrscheinlicher ist, dass sie sich durch die Einschränkungen ihrer finanziellen Spielräume zu diesem Schritt gezwungen sah. Zuvor hatte sie sich nämlich im „Palasthotel“ am Kochbrunnenplatz eingemietet, eine auf Dauer sicher eher kostenträchtige Wohnform. Seit wann sie dort wohnte ist nicht bekannt.

1881 war die am 4. April 1860 im unterfränkischen Hassfurt geborene Tochter von Josef Lichtenstetter und seiner Frau Nanny, geb. Müller, nach Wiesbaden gekommen.[2] Ob sie zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet war oder ihren Mann erst hier kennen lernte, ist nicht bekannt. Aus ihrer Ehe mit Julius Kahn sind drei Töchter hervorgegangen, wobei die erste, Erna, am 20. Juli 1885 geboren wurde.[3] Dies sprich also eher dafür, dass die Ehe erst hier in Wiesbaden geschlossen wurde. Die beiden folgenden Kinder, Ilse und Minna Laura wurden ebenfalls in Wiesbaden am 28. Februar 1889 bzw. am 16. August 1893 geboren.

Neun Mal war Julius Kahn mit seiner Frau in Wiesbaden umgezogen und wie kein anderes Indiz spiegeln die unterschiedlichen Wohnadressen den gesellschaftlichen Aufstieg des Paares wieder. Hatte die Familie, die erstmals 1882 im Wiesbadener Adressbuch vermerkt ist, zunächst noch in der sicher schon recht guten, aber keineswegs sehr guten Wohnlage zwischen Ring und Innenstadt gewohnt – von der Adelheidstr. 46, zog man in die Oranienstr. 24, dann in die Adolfstr. 10, weiter in die Nicolasstraße -, so lebte sie in den frühen 30er Jahren im östlichen Villenviertel zwischen der alten Kaiserstraße und der Frankfurter Straße. Von 1907 bis 1917 bewohnten sie zwei unterschiedliche Domizile in der Wilhelmstraße, dann für nahezu weitere 10 Jahre ein Haus in der Martinstraße. Diese Wohnung lag schon ganz in der Nähe ihrer letzten selbst gewählten Unterkunft in der Victoriastr. 10, wo sie sich ab 1931 in bester Lage eingemietet hatte. Vor dieser letzten Adresse gab es 1930 noch für ein Jahr einen kurzen Zwischenaufenthalt in der Parkstr. 7 – ganz sicher schon eine gleichrangige Adresse.[4] Wer hier wohnte, verfügte über die entsprechenden finanziellen Mittel.

Als die Zollfahndungsstelle Mainz im Juli 1938 eine Sicherungsanordnung für das Vermögen der Aurelie Kahn erwirkte, betrug dieses fast eine halbe Millionen Reichsmark, wovon allein die Wertpapierdepots bei der Deutschen und der Dresdner Bank sich auf nahezu 300.000 RM summierten.[5] Neben Hypothekenforderungen und normalen Bankguthaben war noch ein Produktivkapital von etwa 30.000 RM aufgeführt. Es handelte sich dabei um den halben Anteil an der „Ziegelei Eichbaum“ in Dotzheim. Ob diese Ziegelei die Quelle des Reichtums war, lies sich nicht sicher ermitteln. Unwahrscheinlich ist aber, dass Julius Kahn, der eigentlich von Beruf Weinhändler war, mit diesem Gewerbe so viel Geld hatte verdienen können. Wenn man sich die Bedeutung vergegenwärtigt, die Backsteine und dementsprechend Ziegeleien für die Baugeschichte Wiesbadens im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten,[6] dann spricht einiges dafür, dass der Reichtum der Kahns auf dieser Ziegelei gründete.

Dieser Betrieb ist auch deshalb von besonderem Interesse, weil sich in seinen Besitzstrukturen zugleich die familiären Beziehungen der Kahns untereinander widerspiegeln. Gegründet wurde die „Ziegelei Eichbaum“ am 24. Januar 1901 als GmbH. von Sigmund Kahn aus Wiesbaden und Samuel Eichbaum aus Mainz mit einem Stammkapital von 100.000 RM, von dem beide jeweils die Hälfte einbrachten.[7] Die Höhe des eingebrachten Kapitals zeigt, dass die in Partenheim weitverzweigte Familie Kahn auch dort schon zu größerem Wohlstand gekommen sein musste.

Schon ein Jahr später übernahm Julius Kahn die Geschäftsführung. Wiederum ein Jahr später änderte sich auch die Zusammensetzung der GmbH. Samuel Kahn stieg aus dem Unternehmen aus und im Weiteren wurde das Stammkapital von den drei Brüdern Siegmund, Albert und Julius Kahn gemeinsam gehalten,[8] wobei Julius zusammen mit August die Geschäftsführung innehatten, jeweils aber nur ein Viertel des Stammkapitals besaßen. Zwar blieben die beiden auch weiterhin die Geschäftsführer, aber 1909 übernahm Julius die Hälfte des Stammkapitals und die beiden anderen Brüder teilten sich die andere Hälfte.[9]

Am 16. April 1918 starb Albert Kahn. An seine Stelle trat die Witwe Ida Kahn, geb. Gottschalk, die den Gesellschafteranteil geerbt hatte.[10] Die am 12. Dezember 1864 geborene Ida war die zweite Frau von Albert Kahn. In erster Ehe war Sigmund Kahn mit Laura Lichtenstetter, der Schwester seiner Schwägerin Aurelie, verheiratet gewesen. Die am 2. Juni 1859 in Hassfurt geborene Laura Lichtenstetter war bereits am 2. Mai 1886 im Alter von nur 26 Jahren verstorben. Die Familien waren also nicht nur durch die Kapitalgesellschaft, sondern auch durch die wechselseitige Geschwisterehe eng miteinander verbunden. Aus der ersten Ehe war 1881 der Sohn Oskar hervorgegangen. Auch die zweite Ehe mit Ida Gott Schulz hatte einen Sohn hervorgebracht, den am 1. März 1891 in Wiesbaden geborenen Erich. Ida hatte mit ihrem Mann Sigmund ebenfalls in dem östlichen Villenviertel, nämlich in der Humboldstr. 9 gewohnt

Als am 3. Juni 1921 auch Sigmund Kahn starb, wurden die Gesellschafteranteile wieder halbiert, sodass Ida und Julius Kahn jeweils die Hälfte des Unternehmens besaßen.

Als Geschäftsführer trat nun an die Stelle von Sigmund Kahn der Schwiegersohn von Julius Kahn, der aus Frankfurt stammende Diplom-Ingenieur, Architekt und Regierungsbaumeister a.D. Albert Heinrich Hess.[11] Am 28. Februar 1907 hatte er die älteste Tochter von Julius und Aurelie Kahn, Erna Kahn, geheiratet.[12]

Das war sicher aus Sicht des Unternehmens eine durchaus gute Wahl, denn Albert Heinrich Hess verfügte durch seinen Beruf und als ehemaliger Regierungsbaumeister sicher über viele Beziehungen, die dem Unternehmens förderlich sein konnten. Er war zum Zeitpunkt als er die Geschäftsführung der Ziegelei übernahm ein sehr beschäftigter Architekt, der vielfache Spuren auch im Stadtbild von Wiesbaden hinterlassen hat.[13] Aber schon ab 1933 gingen die Aufträge deutlich zurück, eine eigenständige Ausführung von Bauaufträgen konnte er schon von diesem Zeitpunkt an nicht mehr übernehmen. Am 29. April 1935 wurde ihm dann die Mitgliedschaft in der „Reichskammer der bildenden Künste – Fachverband Baukunst“ mit der Begründung verweigert, dass er „als Nichtarier … die für die Erzeugung deutschen Kulturgutes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitze(n),“[14] was ein faktisches und endgültiges Berufsverbot bedeutete.

Am 4. Februar 1935 starb dann auch Julius Kahn,[15] der letzte aus der Gründergeneration des Unternehmens, und dies in einer Zeit, in der jüdische Betriebe mit allen Mitteln aus dem Wirtschaftsleben herausgedrängt wurden. Möglicherweise war Aurelie Kahn kurz danach aus ihrer bisherigen Wohnung in der Victoriastraße  in das gegenüberliegende Haus in der Frankfurter Straße 17 umgezogen.[16] Vermutlich stand ihr hier nur eine kleinere Wohnung zur Verfügung, denn im Entschädigungsverfahren gab die Tochter Hildegard an, dass sie nach dem Tod des Vaters gezwungen war „den vorhandenen Hausrat durch Auktionäre verschleudern zu müssen. … Der Erlös war außerordentlich gering. Es handelte sich um eine erstklassige Hauseinrichtung, die einen hohen Wert hatte.[17] Damit begann nun die schrittweise Enteignung ihrer Habe.

Am 1. Oktober 1936 wurde die GmbH. aufgelöst und das Unternehmen liquidiert bzw. verkauft. Die Verkaufsabwicklung konnte der Geschäftsführer Albert Heinrich Hess nicht mehr bis zum Ende begleiten. Er verstarb bereits am 13. November 1937,[18] nur ein halbes Jahr nachdem auch seine Frau Erna verstorben war.[19]

Käufer der Ziegelei war ein arischer Konkurrent, nämlich die ebenfalls in Dotzheim ansässige Ziegelei Adam u. Leonhard Weckwert. Auf welche Weise der Verkauf zustande kam, ob ein angemessener Preis dafür gezahlt wurde, ist nicht bekannt, darf aber bezweifelt werden. In einer Wertermittlung der Zollfahndungsstelle Mainz vom April 1938 wurde der Wert der Firma auf insgesamt 61.500 RM geschätzt, wobei hierin auch Konten und zwei wohl auf dem Grundstück stehende Häuser einbezogen wurden. Die Ziegelei selbst, vermutlich der Anlagewert, wurde mit 25.000 veranschlagt.[20]

Ob den beiden noch lebenden Eigentümerinnen, die Schwägerinnen Ida und Aurelie Kahn, der vereinbarte Kaufpreis noch ausgezahlt wurde, ist nicht sicher. Im Dezember 1938 war diese Summe noch nicht gezahlt. Der als Liquidator eingesetzte Wirtschaftsprüfer Meisner teilte der Devisenstelle Frankfurt den Grund für die Verzögerung mit: „Die Liquidation ist beendet. In dem Anteil der Frau Aurelie Kahn an den vorgenannten Vermögenswerten der Gesellschaft befindet sich eine Forderung gegen die Herren A. und L. Weckert mit …12.746, 72 RM, die ich nicht einziehen kann, da die forderungsberechtigte Frau Aurelie Kahn Jüdin ist.[21] Es ist anzunehmen, dass auch Ida Kahn die Auszahlung ihres Anteils verweigert wurde.

Auch dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – „Liquidator“ war ein gut geschmiertes Rädchen im Getriebe der staatlichen Enteignung, denn er übermittelte mit der gleichen Post die Abtretungserklärung für die nicht geleistete Forderung an den Oberfinanzpräsidenten Kassel, sodass dieser anstelle von Aurelia Kahn Einzugsberechtigter wurde.[22]

Letztlich war es auch ohne Bedeutung, ob das Geld überwiesen wurde oder nicht, denn im Oktober hatte die Devisenstelle Frankfurt bereits die Sicherung des Vermögens von Aurelie Kahn angeordnet und nur die Erträge freigestellt.[23]

Genau in diese Zeit fällt ihr Umzug aus dem „Palast Hotel“ in die Adolfsallee 30.[24] Der monatliche Freibetrag, der im Dezember auf Antrag von Aurelie Kahn auf 1.500 RM festgelegt worden war, dann im Mai 1940 zwar auf 600 RM abgesenkt wurde, hatte aber  zunächst das zehnfache von dem betragen, was die Nazis den ärmeren Juden zur Verfügung stellten. Durch die gemeinsame Not der Verfolgung wurden die traditionellen sozialen Unterschiede also keineswegs überdeckt oder gar aufgehoben. In der Aufstellung vom Juni 1940 bezifferte sie ihr Vermögen auf 215.000 RM, aus dem sie jährliche Erträge von etwa 17.000 RM erziele.[25] Zu diesem Zeitpunkt war das ursprüngliche Vermögen durch den Zugriff des Staates schon erheblich dezimiert worden. 109.000 RM hatte Aurelie Kahn insgesamt als Judenvermögensabgabe aufzubringen, aber auch weitere Zahlungen, etwa an die Reichsvereinigung, sind hier dokumentiert. [26]

Ihren eigenen Bedarf bezifferte sie in dem Schreiben an die Devisenstelle auf monatlich etwa 820 RM. Als Ausgaben benannte sie Posten wie Friseur, Zeitung, Trinkgelder, Friedhofspflege, Fußpflege, Telefon und Geschenke. [27]–Auch in diesen Angaben spiegelt sich die soziale Kluft innerhalb der Verfolgten wider.

Dass sie aber auch andere mit ihrem Geld unterstützte, ist zumindest durch einen Antrag über die Freigabe von zusätzlichen 1.900 RM aus dem gesicherten Guthaben bei der Deutschen Bank belegt, die sie fünf verschiedenen Personen zukommen lassen wollte.[28].

Der Antrag wurde zunächst abgelehnt, weil eine Begründung und eine genaue Adresse der Empfänger fehlen würde. Nur von Thea Lilienstein ist eine solche Begründung für ihre Bedürftigkeit in den Akten erhalten geblieben. Sie schrieb, dass sie bisher von Verwandten unterstützt worden sei, die aber inzwischen nach Litzmannstadt umgesiedelt wurden. Sie selbst verdiene als Hilfsarbeiterin – eigentlich Zwangsarbeiterin – bei der Firma Söhngen & Co. 42 RM im Monat und sei daher auf Hilfe dringend angewiesen.[29] Weder für sie, noch für die anderen genannten Personen ist verbürgt, dass sie jemals die Ihnen zugedachten Zuwendungen empfingen.

Aber nicht nur durch die Judenvermögensabgabe hat der Staat sich am Vermögen der Aurelie Kahn bereichert. Angesichts der für die Aufrüstung unbedingt erforderlichen Devisen, wurde auch sie schon im Sommer 1938 gezwungen, ihre ausländischen Wertpapiere innerhalb einer Woche der Reichsbank zum Verkauf anzubieten.[30] Auch hatte sie Wertgegenstände wie Pelze, Schmuck und andere Edelmetalle, deren Gesamtwert im Entschädigungsverfahren mit etwa 18.000 RM angegeben wurde, abzuliefern.[31]

Ein besonders dreister Griff in den Besitzstand erlaubte sich die „Reichsvereinigung der Juden“ noch kurz vor ihrem Tod. Aurelie Kahn hatte zuvor bereits Zahlungen von mehr als 20.000 RM an die Organisation geleistet. In den letzten Tagen ihres Lebens wurde sie dann durch ihren Vermögensverwalter aber noch zu einer Änderung des ursprünglich mit ihrem Mann Julius verfassten Testaments und einem Legat über 30.000 RM zugunsten der Reichsvereinigung veranlasst.

Wenn die Darstellung der Vorgänge, die im Entschädigungsverfahren vom Rechtsanwalt der leiblichen Erben vorgetragen wurde, richtig ist, dann handelt es sich um einen unglaublichen Vorgang, in den auch der renommierte jüdische Anwalt und Notar Buttersack eine sehr fragwürdige Rolle gespielt zu haben scheint:

„Am 29.1,1942, vierzehn Tage vor ihrem Tod, muss die Erblasserin, 82-jährig und so todsterbenskrank, dass sie – wie das notarielle Protokoll ausweist – durch Krankheit am Sprechen verhindert ist, vor dem Notar Dr. Buttersack erscheinen, wo in Anwesenheit von zwei herbeigerufenen jüdischen Zeugen auf der Schreibmaschine des Notars ein weiteres Testament der Erblasserin errichtet wird, dessen einziger Inhalt und Zweck es ist, der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Wiesbaden , eine größere Summe zu vermachen. Die Aussetzung eines solchen Vermächtnisses erscheint um so verdächtiger, als zunächst nur die Summe von 10.000,- vorgesehen war; die offensichtlich von der Hand des Notars vorgenommene Verbesserung auf Reichsmark 30.000,- lässt auf ein Verhandeln oder besser Handeln bei Errichtung dieses dubiosen Testaments (wenn nicht auf Schlimmeres) schließen. Wie allerdings mit der im wahrsten Sinne des Wortes sprachlosen Erblasserin verhandelt oder gehandelt worden sein soll, ist unvorstellbar! Eine höchst makabre Szene!. Offenbar ist hier die Erblasserin mit den ‚wohltätigen Zwecken’, denen das Vermächtnis zufließen sollte, hinter das Licht geführt worden. Denn im Jahre 1942, als die Deportation der Juden in die Vernichtungslager ihren Höhepunkt erreicht hatte, konnte der Notar wohl kaum mehr an die Wohltätigkeit der Zwecke glauben. Es spricht vielmehr die Vermutung dafür, dass gerade ihm als Notar bekannt war, welchen Zwecken die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland dient, nämlich vor allem der, den Juden ihr Vermögen zu entziehen. Offenbar hat sich der Notar hier zum Handlanger dafür hergegeben. Er hat die Erblasserin, die ja schon Tausende und Abertausende an Sonderabgaben geleistet hatte, also diese ihre Verpflichtungen in vollem Umfange erfüllt hatte, genötigt, eine letzte Sonderabgabe in Form eines Vermächtnisses zu Gunsten der Reichsvereinigung der Juden zu leisten.“[32]

Initiativ bei diesem Vorgang war der Testamentsvollstrecker des gemeinsam von Julius und Aurelia Kahn bereits im Jahr 1924 errichteten Testaments, der Buchrevisor Emil Thumann. Er war ursprünglich vom Gau Rechtsamt der NSDAP in Frankfurt beauftragt worden, die Vermögensverhältnisse von Aurelie Kahn zu verwalten und dadurch bestens über die finanzielle Lage der Erblasserin informiert.[33]

Im ursprünglichen Testament waren eigentlich die drei Töchter als gleichberechtigte Erben vorgesehen gewesen. Ihnen, bzw. deren Kindern, war mit dem nachträglichen Legat ein beträchtlicher Teil ihres Erbteils entzogen worden. Aber nicht nur ihnen.

Nach dem Tod von Aurelie Kahn am 15. Februar 1942 – es handelte sich nach amtlichem Sprachgebrauch um einen „natürlichen“ Tod – erfolge ein Jahr später am 8. Mai 1943 der Vermögenseinzug.[34] Damit wäre selbstverständlich auch der „verschenkte“ Teil ohnehin in staatliche Hände gelangt. Hier ging es aber um die Beuteanteile. Kam der eingezogene Teil dem Fiskus zugute, so konnte die SS bzw. das RSHA, unter dessen Ägide die Reichsvereinigung operierte, auf solche Legate zugreifen und sie für ihre eigenen Zwecke nutzen.

Obwohl Aurelie Kahn mehr als drei Jahre im Judenhaus in der Adolfsallee 30 verbrachte, gibt es keine Zeugnisse über ihr dortiges Alltagsleben, über die Kontakte, die sie pflegte, über ihr Empfinden, ihre Sorgen und Ängste. Es ist auch nicht bekannt, ob die familiären Kontakte aufrechterhalten werden konnten.

Aus der Ehe von Erna und Albert Heinrich Hess waren, die beiden Töchter Edith Maria, geb. am 27. März 1908 in Wiesbaden, und fast zehn Jahre später Hildegard Charlotte, geb. am 14. Mai 1917 in München, hervorgegangen. Ob die Familie längere Zeit in München wohnte, ist nicht bekannt. Nach der Heirat hatten sie zunächst kurze Zeit in der Luisenstr. 7, danach An der Ringkirche 7 und zuletzt am Luisenplatz 2 gewohnt. Den beiden Töchtern, die Enkelinnen von Aurelie Kahn, war rechtzeitig die Flucht nach Palästina gelungen, was aber auch bedeutet, dass sie in den letzten Lebensjahren der Großmutter nicht mehr bei ihr sein konnten. Beide sind in Israel, in Tel Aviv, im hohen Alter von 96 bzw. 84 Jahren verstorben.[35]

Die zweite Tochter Ilse hatte am 26. Dezember 1909 in Wiesbaden den Rechtsanwalt Wiliam / Wilhelm Neuburger geheiratet, der, wie auch die Mutter von Ilse, aus der Gegend um Haßfurt stammte. Das Paar lebte aber wohl nur sehr kurz hier in Wiesbaden in der Wilhelmstr. 10a. Wie Ilse Kahn im Entschädigungsverfahren angab wohnten sie ab 1910 bis zu ihrer Flucht im Jahr 1939 in München. Wo der Sohn Michael Georg und die Tochter Ellen geboren wurden, ist nicht bekannt. Sie reisten zusammen mit den Eltern aus, zunächst nach Brasilien, dann 1950 in die USA, nachdem sie die entsprechende Einreisegenehmigung erhalten hatten.[36]

Minna Laura, die jüngste Tochter der Kahns, hatte am 14. März 1913 den promovierten Juristen Julius Schülein geheiratet.[37] Auch dieses Paar zog vermutlich im Jahr 1913nach München. Schon ein Jahr vor der Schwester emigrierten auch sie in die USA, wo sie zunächst im Raum New York eine Bleibe fanden. Zwar blieb die Tochter Marian wohl kinderlos, der Sohn John aber hat eine ganze Reihe von Nachkommen, sodass auch diese Familie den Plan der Nazis, die Juden gänzlich auszulöschen, erfolgreich vereiteln konnte.[38]

Auch Ida Kahn, der Witwe von Albert Kahn, gelang im Februar 1939 noch die Flucht nach Bombay. Ihr weiteres Schicksal ist aber nicht bekannt.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 519/3 3649 (16).

[2] HHStAW 518 21339 (1) Angabe der Töchter Ilse Neuburger, geb. Kahn, und Minna Laura Schülein, geb. Kahn, im Entschädigungsantrag.

[3] HHStAW 518 15240 (15). Im gleichen Jahr kamen die Eltern von Aurelie Kahn nach Wiesbaden. Joseph Lichtenstetter verstarb hier schon bald danach im Jahr 1886, seine Frau Nanny erst 1904.

[4] Die Angaben beruhen auf den WAB der Jahre 1882 bis 191939.

[5] HHStAW 519/3 3649 (1) .

[6] Siehe dazu den Artikel „Ziegeleien“ von Michael Knoll im Stadtlexikon der Stadt Wiesbaden. Seinen Angaben nach gab es um 1900 im Stadtgebiet von Wiesbaden 22 Ziegeleien. Wiesbaden – Stadtlexikon, Wiesbaden 2017 S. 1016.

[7] HHStAW 469/33 1098 (6).

[8] HHStAW 469/33 1098 (19, 29) Die Eltern der drei Brüder waren Josef (II) Kahn und seine Frau Johanna  geborene Blatt, die aber mindestens noch 4 weitere Kinder hatte. In den Urkunden wird Joseph Kahn immer als „der Zweite“ bezeichnet, es gab in Partenheim einen weiten Joseph, genannt „der Dritte“, der vermutlich mit der jüngeren Schwester von Johanna, nämlich Wilhelmine Blatt verheiratet war. Die Beziehungen untereinander werden sehr eng gewesen sein, denn sie treten in den Geburtsregistern mehrfach wechselseitig als Zeugen auf.

Albert war am 10.3.1851, Sigmund am 18.3.1853 und Julius 23.2.1855 geboren worden. Geburtsregister der Gemeinde Partenheim 1851/Nr. 5, 1853/Nr. 9 und 1855/Nr. 7. Alle drei gaben als Berufsbezeichnung Weinhändler an.

[9] HHStAW 469/33 1098 (43).

[10] HHStAW 469/33 1098 (57).

[11] HHStAW 469/33 1098 (61, 70, 72) Die Eltern von Albert Heinrich Hess waren Moritz Salomon Hess und seine Frau Karoline, geb. Landauer.

[12] HHStAW 518 15240 (15) Albert Heinrich Hess war am 20.9.1875 geboren worden.

[13] Eine Aufstellung wichtiger Bauaufträge befindet sich in HHStAW 518 15240 (27). Zur Ausschaltung aus der Berufstätigkeit siehe ebd. (29).

[14] HHStAW 518 15240 (18).

[15] HHStAW 469 /33 1098 (112).

[16] Dies würde die Doppelnennung von Aurelie bzw. Amalie Kahn im Jüdischen Adressbuch von 1935 erklären. Dass es sich hier um die identische Person handelt, ist sehr wahrscheinlich, denn in beiden Fällen wird ihr Mädchenname mit Lichtenstetter angegeben. Die Amalie Kahn in der Frankfurter Str. 17 wird als Witwe, die Aurelie Kahn in der Victoriastr. 9 als Frau von Julius Kahn bezeichnet.

[17] HHStAW 518 15240 (8).

[18] Abweichend von der ‚DB Jüdische Bürger des Stadtarchivs Wiesbaden’ ist in HHStAW 518 15240 (8) sein Todestag mit dem 14.11.1937 angegeben.

[19] Todestag von Erna Hess, geb. Kahn, war der 5.2.1937.

[20] HHStAW 519/3 3649 (3).

[21] HHStAW 519/3 3649 (13) Im Mai 1939 meldete Meisner dem Wiesbadener Amtsgericht, dass die Liquidation noch immer nicht beendet sei, da noch ein „Abzahlungsvertrag mit dem Käufer des Ziegeleigrundstücks, der Firma Weckwert“  noch nicht erledigt sei., HHStAW 469/33 1098 (132).
Die Firma Ziegelei Weckwert gehörte auch zu denjenigen, die sich intensiv um Kriegsgefangene als Arbeitskräfte bemühte. Nach einer Aufstellung des Wiesbadener Oberbürgermeisters vom November 1940 arbeiten zu dieser Zeit 10 der insgesamt 507 zum Arbeitseinsatz gezwungenen französischen Gefangenen in der Ziegelei von Weckwert. Im Sommer 1941 waren es sogar 30, die auch im eigens dafür eingerichteten Lager der Firma untergebracht worden waren. Siehe Brüchert, Zwangsarbeit in Wiesbaden, a.a.O. S. 49 und 54.

[22] HHStAW 519/3 3649 (13).

[23] HHStAW 519/3 3649 (4, 6), Wann sie aus der Frankfurter Str. in das Palast Hotel gezogen war, konnte nicht ermittelt werden.

[24] HHStAW ebd. Der Brief mit der Umzugsmeldung ist mit 27.12.1938 datiert.

[25] HHStAW 519/3 3649 (30).

[26] HHStAW 518 21339 (140) der Betrag war nur zu Hälfte mit Barmittel, der Rest durch die Abgabe von Wertpapieren beglichen worden, was im Entschädigungsverfahren zu erheblichen Verzögerungen durch Einsprüche der Entschädigungsbehörden führte. Die Summe als solche wurde jedoch anerkannt, zumal in der Devisenakte ein Brief der Commerzbank an die Devisenstelle Frankfurt erhalten geblieben ist, in dem die Zahlung von 20.258 RM für die zweite Rate aus dem gesicherten Konto mitgeteilt wird. Siehe auch HHStAW 519/3 3649 (18, 20)

[27] HHStAW 519/3 3649 (30) Ihre Bitte den im Monat zuvor auf 600 RM abgesenkten Freibetrag wieder auf 840 RM zu erhöhen, wurde stattgegeben.

[28] Es handelte sich um die folgenden Personen, wovon die ersten drei 500, die letzten beiden 200 RM erhalten sollten: Thea Hess, Wwe Wiesbaden, Frl. Emmy Vogel, Wiesbaden , Hr. Matthias Bernady, Wiesbaden , Frl. Thea Lilienstein, Wiesbaden und Benny Schönfeld, Nordenstadt. Siehe HHStAW 519/3 3649 (35). Ob und wiefern die genannten Personen in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihr standen, konnte nicht geklärt werden.

[29] HHStAW 519/3 3649 (35) Die Wiesbadener Firma Söhngen, heute in Taunusstein ansässig, lieferte damals Verbandsmaterialien an die Deutsche Wehrmacht, u.a. den Verbandskasten „Wiesbasan“, ein noch immer beliebter Artikel bei Militariasammlern.

[30] HHStAW 518 21339 (28).

[31] HHStAW 518 21339 (141)

[32] HHStAW 518 2139 (165 f.)

[33] Ebd. (165) Ob die hier geschilderten Vorgänge tatsächlich so abgelaufen sind, ließ sich nicht überprüfen. Aber im Prozess, in dem es darum ging, ob dieses „Vermächtnis“ tatsächlich ein solches war, wie das Land Hessen behauptet und eine entsprechende Entschädigung zunächst verweigert hatte, wurde durch ein Urteil vom 23.11.1960 des Landgerichts Wiesbaden beschieden, dass es sich hier um eine Sonderabgabe handelte, die auch zu entschädigen sei. Ebd. (173 ff)

[34] HHStAW 518 21339 (38) Der Vermögensverwalter Thumann erhielt am 25.10.1943 die Anweisung vom Finanzamt Wiesbaden die Vermögenswerte zu überweisen und „Kleider, Koffer und sonstige Gegenstände dem Vollzugsbeamten (…) zu übergeben“.

[35] Edith Maria verstarb am 28.11.2004 und Hildegard Charlotte am 11.5.2002. Edith Maria hatte einen Theo Engel geheiratet. Aus dieser Ehe sind inzwischen wiederum Kinder und Enkel hervorgegangen. Hildegard Charlotte Kahn, geschiedene Mayer, hatte Sally Strauss geheiratet, auch in dieser Ehe wurde eine Tochter geboren, Nurit, die Menachem Blustein heiratete und ebenfalls inzwischen mehrer Enkel hat. Nurit Blustein, die Urenkelin von Aurelie Kahn lebt wie ihre Eltern noch immer in Israel. Siehe dazu den Eintrag für Albert Heinrich Hess im Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden, auch HHStAW 518 21339 (14).

[36] Geboren wurde William am 20.1.1878 in Wonfurt, seine Eltern waren Michael Neuburger und Regine, geb. Fleischmann. Siehe den Eintrag für Ilse Kahn in der Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden. Die Angaben über die Ausreise und die Kinder Michael George und Ellen, später verheiratete Hoslosky, beruhen auf einer Mitteilung des in den USA lebenden Verwandten Simon Goodmann.

[37] HHStAW 365 917 – Heiratsurkunden der Stadt München, Jahrgang 1913 Reg. Nr. 107.

[38] Siehe GENI Eintrag zu Julius Kahn, https://www.geni.com/family-tree/index/6000000060777187108 (Zugriff: 24.11.2017).