Aurelie Kahn


Felix Kaufmann, Jenny Kaufmann, Juden Wiesbaden
Das ehemalige Judenhaus Adolfsallee 30 heute
Eigene Aufnahme
Adolfsallee 30 Judenhaus
Lage des ehemaligen Judenhauses
Felix Kaufmann, Jude, Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Adolfsallee 30

 

 

 

 

 


Auch Aurelie Kahn, die im Dezember 1938 ein Zimmer im Parterre des Judenhauses Adolfsallee 30 erhielt, gehörte zu den sehr begüterten Bewohnern. Aus der Formulierung ihrer Mitteilung an die Devisenstelle Frankfurt – „dass ich meine Wohnung gewechselt habe & jetzt Adolfsallee 30 part. wohne“ – geht nicht hervor, wodurch dieser Wohnungswechsel herbeigeführt worden war.[1] Der Zeitpunkt 27. Dezember 1938 spricht eher gegen eine offizielle Einweisung, wahrscheinlicher ist, dass sie sich durch die Einschränkungen ihrer finanziellen Spielräume zu diesem Schritt gezwungen sah. Zuvor hatte sie sich nämlich im „Palasthotel“ am Kochbrunnenplatz eingemietet, eine auf Dauer sicher eher kostenträchtige Wohnform. Seit wann sie dort wohnte, ist nicht bekannt.

Stammbaum Aurelie Kahn
Stammbaum der Familie Kahn aus Schierstein
GDB

1881 war die am 4. September 1860 im unterfränkischen Haßfurt geborene Tochter des Weinhändlers Josef Lichtenstetter und seiner Frau Nanny, geborene Müller, nach Wiesbaden gekommen.[2] Die Lichtenstetters, auch Lichtenstädter, gehörten zu den alteingesessenen Familien der jüdischen Gemeinde von Kleinsteinach, zu der auch die Haßfurter Juden zählten. Die ersten Spuren jüdischen Lebens reichen in diesem Raum bis ins 15. Jahrhundert zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Kleinsteinach fast die Hälfte der Einwohnerschaft aus, ging aber dann zu Begin des 20sten Jahrhunderts allmählich auf etwa ein Viertel zurück. Ein Tuchhändler Hajum Jakob Lichtenstädter und auch ein Warenhändler Salomon Hajum Lichtenstetter tauchen im ersten 1817 erstellten Matrikel der Gemeinde auf.[3] Nicht ausgeschlossen ist, dass dieser Salomon Hajum der Großvater von Aurelie Lichtenstetter war. Im Sterbeeintrag ihres Vaters Josef Lichtenstetter, der später auch nach Wiesbaden gezogen war und hier am 8. Mai 1886 verstarb, ist zu lesen, dass dessen Vater ein Salomon Lichtenstetter gewesen sei, verheiratet mit Jette, geborene Sturm.[4]

Wie es kam, dass dessen Enkelin Aurelie am 5. Oktober 1881 ihren Ehemann Julius Kahn aus Wiesbaden in Darmstadt heiratete, obgleich die Wohnanschrift der Einundzwanzigjährigen zu diesem Zeitpunkt in Würzburg war, ist wohl nicht mehr zu klären.[5] Aus der Ehe von Julius und Aurelie Kahn gingen drei Töchter hervor, die alle in Wiesbaden zur Welt kamen. Nach Erna, geboren am 20. Juli 1885,[6] folgten noch Ilse und Minna Laura, am 28. Februar 1889 bzw. am 16. August 1893.[7]
Auch wenn Aurelie Lichtenstetter selbst keineswegs aus ärmlichen Verhältnissen kam, so bedeutete die Ehe mit dem Wiesbadener Fell- und Lederhändler Julius Kahn ganz sicher einen sozialen Aufstieg. Das Handelsgeschäft, an dem der Ehemann beteiligt war, hatten ursprünglich sein Vater Josef II und dessen Bruder Jakob Kahn gegründet, Söhne von Jonathan und Sarah Kahn, geborene Gallinger, aus Partenheim in Rheinhessen. Während die Nachkommen von Jakob Kahn und seiner Frau Johanna ihrem tradierten Gewerbe treu blieben,[8] stiegen mehrere Kinder von Josef Kahn als Eigentümer einer Ziegelei in Wiesbaden-Dotzheim zu sehr erfolgreichen Unternehmern in der Baubranche auf.

Wann und wo deren Eltern, Josef Kahn seine Frau Johanna, geborene Blatt, geheiratet hatten, ist nicht bekannt, aber beide stammten aus zwei unmittelbar benachbarten Gemeinden in Rheinhessen, er aus Partenheim, sie aus Jugenheim.

Heiratsurkunde Eduard Kahn und Sophie HirschHeiratsregister Usingen
Heiratsurkunde Eduard Kahn und Sophie Hirsch Heiratsregister Usingen 5 / 1878

Ihr erstes Kind war der am 11. August 1847 geborene Eduard, der in anderen Dokumenten, selbst in seinem Heiratseintrag, als Geburtstag immer den 12. August angab.[9] Schon früh, d.h. mit 18 Jahren hatte er sich offenbar zur Auswanderung in die Neue Welt entschlossen. Zumindest ist er in einem in Mainz erstellten Auswandererregister des Jahres 1866 registriert worden.[10] Wie lange er, sofern er die Reise damals angetreten hatte, in den USA blieb, ist nicht bekannt. Gut ein Jahrzehnt später war er auf jeden Fall wieder zurück, wohnte in Kaiserslautern und war, wie seine Eltern und Brüder, im Fell- und Häutehandel tätig. Das ergibt sich aus seiner Heiratsurkunde, die am 18. März 1878 in Usingen, der Heimatstadt seiner Braut Sophie Hirsch ausgestellt wurde. Sie, geboren am 13. Januar 1854 in Anspach im Taunus, war die Tochter des Handelsmanns Emanuel Hirsch und seiner Frau Liebeth, geborene Löb. Während die Tochter bei ihrer Mutter in Usingen in der Obergasse wohnte, lebte der Vater offenbar getrennt von den beiden in Anspach.[11] Wohin das neu vermählte Paar zog, ob ihm Kinder geboren wurden und wie sich ihr weiteres Leben gestaltete, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

Auch das achte Kind von Josef und Johanna Kahn, der am 23. September 1860 geborene Jacob,[12] hat noch im Kindesalter Deutschland verlassen und ist nach Amerika ausgewandert. Dies erfährt man aus einem Antrag zur Ausstellung eines Reisepasses, den der Kaufmann 1893 in Chicago stellte. Er sei, so erklärt er darin, am 5. Oktober 1876 von Liverpool aus in die USA eingewandert und lebe inzwischen als eingebürgerter Amerikaner seit 17 Jahren ununterbrochen in diesem Land. Den Pass benötigte er für eine längere Reise, von der er aber nach wenigen Monaten wieder in die USA zurückkehren werde. Ob er die Fahrt alleine oder mit seiner Familie antreten wollte, geht aus dem Antrag nicht hervor, auch nicht der Zweck und das Ziele der Reise. Seine Familie bestand damals aus seiner Frau Minnie, die im November 1866 in St. Joseph in Missouri geboren worden war und den beiden Kindern Don und Reta. Im Februar 1886 war zunächst der Sohn, dann im November 1889 die Tochter in der Heimatstadt der Mutter zur Welt gekommen. Es ist daher davon auszugehen, dass Jacob Kahn nach seiner Ankunft in den USA zunächst in den Südstaaten, vielleicht sogar bei Verwandten untergekommen war.[13]

Bertha, geboren am 19. April 1849 in Partenheim,[14] war das zweite Kind von Joseph und Johanna Kahn. Sie heiratete den Weinhändler Leopold Vogel aus der Heimatgemeinde der Mutter und zog mit ihm auch nach Wiesbaden, wo ihre acht Kinder geboren wurden. Deren Eltern erlebten die Zeit der NS-Diktatur nicht mehr, soweit bekannt waren auch die meisten Kinder bereits verstorben oder konnten, wie etwa der 1870 geborene Moritz Vogel, fliehen. Nur von Hugo Vogel, geboren am 6. November 1877, ist bekannt, dass er von den Nazis ermordet wurde. Es scheint sogar so zu sein, dass er eines der ganz wenigen Opfer der großen Familie Kahn war. Vermutlich kam er im Ghetto von Riga, in das er am 19. Januar 1942 von Berlin aus deportiert wurde, ums Leben.[15]
Die zweite Tochter, die am 13. Juni 1857 geborene Florentina, [16] wurde nur ein knappes halbes Jahr alt. Sie verstarb bereits am 31. Dezember 1957 in Partenheim. Möglicherweise trifft das auch für den zehn Jahre später, am 3. August 1867, geborenen Sohn Salomon zu. In den Unterlagen der Volkszählung aus dem Mai 1939 ist er nicht mehr aufgeführt, sodass man davon ausgehen muss, dass auch er damals bereits verstorben oder ausgewandert war.

 

 

 

 

Geburtseinträge der drei Brüder Albert, Sigismund und Julius Kahn in Partenheim

Die übrigen Brüder waren später alle nach Wiesbaden gezogen, so auch der am 7. Oktober 1858 geborene August Kahn. [17] Er war aber anders als die anderen nicht in das väterliche Geschäft eingestiegen, sondern war Weinhändler geworden.[18] Am 29. Mai 1884 heiratete er in Offenbach am Main Hedwig Levy. Sie war dort am 12. Februar 1869 als Tochter des Bäckers Arnold Levy und dessen Frau Bertha Babette zur Welt gekommen.[19] Allerdings verstarb August Kahn laut einer Meldung des St. Josephs Hospital in Wiesbaden schon am 28. Oktober 1895 im Alter von nur 37 Jahren.[20] Ob der frühe Tod durch Krankheit oder einen Unfall verursacht wurde, ist nicht bekannt. Zuvor waren dem Paar noch zwei Kinder geboren worden: Arnold am1. Juni 1890 und Anna am 26. Juli 1893.[21] Die beiden Kinder, die so früh ihren Vater verloren hatten, wuchsen allein bei der Mutter auf. Trotz dieser schwierigen Ausgangssituation heirateten beide später in bedeutende jüdische Familien ein, deren jeweiliges Schicksal auch mit den in Wiesbaden errichteten Judenhäusern verbunden war. Arnold Kahn heiratete Dorothea Kaufmann, die Tochter von Felix und Jenny Kaufmann, den Eigentümern des Judenhauses Adolfsallee 30. Ursprünglich hatte Arnold Kahn sogar selbst das Haus erworben, es aber vor seiner Emigration an seine Schwiegereltern verkauft. Seine Schwester Anna ehelichte Abraham Arthur Hamburger, den Cousin von Adolf Weyl, dem das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64 gehörte. Arnold und Anna Kahn gelang mit ihren jeweiligen Familien und auch mit ihrer Mutter Hedwig über den Umweg Kuba die Flucht in die Vereinigten Staaten.

Aurelie Kahn, Julius Kahn
Julius Eichbaum wird Geschäftsführer der Ziegelei Eichbaum – Rheinischer Kurier vom 24.1.1902
HHStAW 469/33 1098

Die übrigen Kinder von Josef und Johanna Kahn waren alle an der Firma beteiligt, die die Grundlage für deren gesellschaftlichen Aufstieg und ihr später sehr beträchtliches Vermögen bildete. Dieser Betrieb ist auch deshalb von besonderem Interesse, weil sich in seinen Besitzstrukturen zugleich die familiären Beziehungen der Kahns untereinander widerspiegeln. Gegründet wurde die „Ziegelei Eichbaum“ am 24. Januar 1901 als GmbH. von Sigismund Kahn, dem am 18. März 1853 [22] geborenen älteren Bruder von Julius, und von Samuel Eichbaum aus Mainz mit einem Stammkapital von 100.000 RM, von dem beide jeweils die Hälfte bereitstellten.[23] Dass es zu dieser geschäftlichen Verbindung zwischen den Familien Kahn und Eichbaum kam, hatte vermutlich seinen Grund darin, dass Samuel Eichbaum der Ehemann von Helena Kahn war, der am 7. Dezember 1867 geborenen jüngeren Schwester von Sigismund, genannt Siegmund, Julius und Albert. Die beiden waren fünf Jahre vor der Firmengründung am 19. Mai 1886 in Mainz die Ehe eingegangen.[24]

Eichbaum Ziegelei, Julius Kahn, Aurelie Kahn, Aurelie Lichtenstetter
Der Gesellschaftsvertrag von 1903
HHStAW 468/33 1098 (29)

Schon ein Jahr später war auch Julius Kahn in die Firma eingestiegen, zwar zunächst wohl ohne eigenes Kapital, dennoch war damals sogar mit der Geschäftsführung betraut worden. Wiederum ein Jahr später änderte sich dann auch die Zusammensetzung der GmbH. Samuel Eichbaum stieg aus nicht bekannten Gründen aus dem Unternehmen aus. Er verstarb im Alter von 66 Jahren am 8. März 1916 in Mainz und wurde auf dem dortigen Jüdischen Friedhof begraben.[25] Er hinterließ nicht nur seine Frau, sondern auch eine Tochter namens Ida, die am 27. April 1887 geboren worden war.[26] Ob die beiden finanzielle Ansprüche an ihre Brüder bzw. Onkel aus dem früheren Mitbesitz an der Ziegelei hatten, ist nicht bekannt. Unabhängig davon war Ida vermutlich durch ihre Heirat mit Heinrich Jacobi im Jahr 1907 finanziell unabhängig, denn ihr Ehemann war ein Zigarrenfabrikant aus Mannheim. Die Firma gehörte damals aber wohl noch seinen Eltern Markus und Amalie Jacobi, geborene Neckarsulmer.[27]

Im Januar 1936 werden die beiden Witwen Ida und Aurelie Kahn gemeinsam Gesellschafter der Ziegelei
HHStAW 469/33 1098 (115)

Seit dem Ausstieg von Salomon Eichbaum wurde das Stammkapital nun von den drei Brüdern Siegmund, Albert und Julius Kahn gemeinsam gehalten, wobei Julius zusammen mit Albert die Geschäftsführung innehatte, beide aber jeweils nur ein Viertel des Stammkapitals besaßen. Zwar blieben die beiden auch weiterhin die Geschäftsführer, aber 1909 übernahm Julius die Hälfte des Stammkapitals und die beiden anderen Brüder teilten sich die andere Hälfte.[28]

Am 16. April 1918 starb Albert Kahn.[29] An seine Stelle trat die Witwe Ida Kahn, geborene Gottschalk, die den Gesellschafteranteil geerbt hatte.[30] Die im Dezember 1864 geborene Ida war die zweite Frau von Albert Kahn.[31] In erster Ehe war Albert Kahn mit Laura Lichtenstetter, der Schwester seiner Schwägerin Aurelie, verheiratet gewesen. Die am 2. Juni 1859 in Haßfurt geborene Laura war bereits am 2. Mai 1886 im Alter von nur 26 Jahren verstorben.[32] Die Familien waren also nicht nur durch die Kapitalgesellschaft, sondern auch durch die wechselseitige Geschwisterehe eng miteinander verbunden. Aus der ersten Ehe war 1881 der Sohn Oskar hervorgegangen.[33] Auch die zweite Ehe mit Ida Gottschalk hatte einen Sohn hervorgebracht, den am 1. März 1891 in Wiesbaden geborenen Erich, der sich später Eric nannte.[34] Am 9. Juni 1894 kam dann noch die Tochter Elisabeth ebenfalls in Wiesbaden zur Welt.[35]

Julius Kahn, Aurelie Kahn, Salomon Kahn, Albert Heinrich Hess
Briefkopf der Ziegelei Eichbaum aus dem Jahr 1919
HHStAW 469/33 1098 (57)

Als am 3. Juni 1921 auch der ledig gebliebene Sigmund Kahn starb,[36] wurden die Gesellschafteranteile wieder halbiert, sodass Ida und Julius Kahn jeweils die Hälfte des Unternehmens besaßen.

Als Geschäftsführer trat nun an die Stelle von Sigmund Kahn der 31jährige Schwiegersohn von Julius Kahn, der aus Frankfurt stammende Diplom-Ingenieur, Architekt und Regierungsbaumeister a.D. Albert Heinrich Hess.[37] Am 28. Februar 1907 hatte er die älteste Tochter von Julius und Aurelie Kahn, Erna Kahn, geheiratet.[38]

Erna Hess, geb. Kahn
PLS-Archiv

Das war sicher aus Sicht des Unternehmens eine durchaus gute Wahl, denn Albert Heinrich Hess verfügte durch seinen Beruf und als ehemaliger Regierungsbaumeister sicher über viele Kontakte, die dem Unternehmens förderlich sein konnten. Er war zum Zeitpunkt, als er die Geschäftsführung der ‚Ziegelei Eichbaum’ übernahm, ein sehr beschäftigter Architekt, der vielfache Spuren auch im Stadtbild von Wiesbaden hinterlassen hat.[39] Wenn man sich zudem die Bedeutung vergegenwärtigt, die Backsteine und dementsprechend Ziegeleien für die Baugeschichte Wiesbadens im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten,[40] dann wird klar, woher das Vermögen der Kahns stammte.

Wie kein anderes Indiz spiegeln die unterschiedlichen Wohnadressen von Julius Kahn den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie wider. Neun Mal war er mit seiner Frau in Wiesbaden umgezogen. Hatte die Familie, die erstmals 1882 im Wiesbadener Adressbuch vermerkt ist, zunächst noch in der sicher schon recht guten, aber keineswegs sehr guten Wohnlage zwischen Ring und Innenstadt gewohnt – von der Adelheidstr. 46, zog man in die Oranienstr. 24, dann in die Adolfstr. 10, weiter in die Nicolasstraße -, so lebte sie in den frühen 30er Jahren im östlichen Villenviertel zwischen der alten Kaiserstraße und der Frankfurter Straße. Von 1907 bis 1917 bewohnte sie zwei unterschiedliche Domizile in der Wilhelmstraße, dann für nahezu weitere 10 Jahre ein Haus in der Martinstraße. Diese Wohnung lag schon ganz in der Nähe ihrer letzten selbst gewählten Unterkunft in der Victoriastr. 10, wo sie sich ab 1931 in bester Lage eingemietet hatte. Vor dieser letzten Adresse gab es 1930 noch für ein Jahr einen kurzen Zwischenaufenthalt in der Parkstr. 7 – ganz sicher schon eine gleichrangige Adresse.[41] Wer hier wohnte, verfügte über die entsprechenden finanziellen Mittel.

Als die Zollfahndungsstelle Mainz im Juli 1938 eine Sicherungsanordnung für das Vermögen der Aurelie Kahn erwirkte, betrug dieses fast eine halbe Millionen Reichsmark, wovon allein die Wertpapierdepots bei der Deutschen und der Dresdner Bank sich auf nahezu 300.000 RM summierten.[42] Neben Hypothekenforderungen und normalen Bankguthaben war noch ein Produktivkapital von etwa 30.000 RM aufgeführt, wobei es sich dabei um den halben Anteil an der Ziegelei handelte.

Albert und Tochter Hildegard Hess
PLS-Archiv

Aber schon ab 1933 waren die Aufträge deutlich zurückgegangen, eine eigenständige Ausführung von Bauaufträgen konnte der Jude Albert Hess schon von diesem Zeitpunkt an nicht mehr übernehmen. Am 29. April 1935 wurde ihm dann die Mitgliedschaft in der „Reichskammer der bildenden Künste – Fachverband Baukunst“ mit der Begründung verweigert, dass er „als Nichtarier … die für die Erzeugung deutschen Kulturgutes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitze(n)“, was ein faktisches und endgültiges Berufsverbot bedeutete.[43]

Am 4. Februar 1935 starb dann auch Julius Kahn im Alter von 79 Jahren,[44] der letzte aus der Gründergeneration des Unternehmens, und dies in einer Zeit, in der jüdische Betriebe mit allen Mitteln aus dem Wirtschaftsleben herausgedrängt wurden.
Möglicherweise war Aurelie Kahn kurz danach aus ihrer bisherigen Wohnung in der Victoriastraße in das gegenüberliegende Haus in der Frankfurter Straße 17 umgezogen.[45] Vermutlich stand ihr hier nur eine kleinere Wohnung zur Verfügung, denn im Entschädigungsverfahren gab die Tochter Hildegard an, dass sie nach dem Tod des Vaters gezwungen war „den vorhandenen Hausrat durch Auktionäre verschleudern zu müssen. … Der Erlös war außerordentlich gering. Es handelte sich um eine erstklassige Hauseinrichtung, die einen hohen Wert hatte.[46] Damit begann nun die schrittweise Enteignung ihrer gesamten Habe.

Am 1. Oktober 1936 wurde die GmbH. aufgelöst und das Unternehmen liquidiert bzw. verkauft. Die Verkaufsabwicklung konnte der Geschäftsführer Albert Heinrich Hess nicht mehr bis zum Ende begleiten. Er verstarb bereits am 13. November 1937,[47] nur ein halbes Jahr nachdem auch seine Frau Erna verstorben war.[48]

Käufer der Ziegelei war ein arischer Konkurrent, nämlich die ebenfalls in Dotzheim ansässige Ziegelei Adam u. Leonhard Weckwert. Auf welche Weise der Verkauf zustande kam, ob ein angemessener Preis dafür gezahlt wurde, ist nicht bekannt, darf aber bezweifelt werden. In einer Wertermittlung der Zollfahndungsstelle Mainz vom April 1938 wurde der Wert der Firma auf insgesamt 61.500 RM geschätzt, wobei hierin auch Konten und zwei wohl auf dem Grundstück stehende Häuser einbezogen wurden. Die Ziegelei selbst, vermutlich der Anlagewert, wurde mit 25.000 veranschlagt.[49]

Anzeige über die Liquidation der Ziegelei Eichbaum und des sich bisher in jüdischer Hand befindlichen Palast-Hotels, in dem Aurelie Kahn bis Dezember 1938 wohnte
Reichs- und Staatsanzeiger 299 vom 28.12.1937

Ob den beiden noch lebenden Eigentümerinnen, die Schwägerinnen Ida und Aurelie Kahn, der vereinbarte Kaufpreis noch ausgezahlt wurde, ist nicht sicher. Im Dezember 1938 war diese Summe noch nicht gezahlt. Der als Liquidator eingesetzte Wirtschaftsprüfer Meisner teilte der Devisenstelle Frankfurt den Grund für die Verzögerung mit: „Die Liquidation ist beendet. In dem Anteil der Frau Aurelie Kahn an den vorgenannten Vermögenswerten der Gesellschaft befindet sich eine Forderung gegen die Herren A. und L. Weckert mit …12.746, 72 RM, die ich nicht einziehen kann, da die forderungsberechtigte Frau Aurelie Kahn Jüdin ist.[50] Es ist anzunehmen, dass auch Ida Kahn die Auszahlung ihres Anteils verweigert wurde.

Auch dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – „Liquidator“ war ein gut geschmiertes Rädchen im Getriebe der staatlichen Enteignung, denn er übermittelte mit der gleichen Post die Abtretungserklärung für die nicht geleistete Forderung an den Oberfinanzpräsidenten Kassel, sodass dieser anstelle von Aurelia Kahn Einzugsberechtigter wurde.[51]

Das Palast-Hotel in früheren Jahren

Letztlich war es auch ohne Bedeutung, ob das Geld überwiesen wurde oder nicht, denn im Oktober hatte die Devisenstelle Frankfurt bereits die Sicherung des Vermögens von Aurelie Kahn angeordnet und nur die Erträge freigestellt.[52] Genau in diese Zeit fällt ihr Umzug aus dem „Palast Hotel“ in das Judenhaus Adolfsallee 30.[53] Der monatliche Freibetrag, der im Dezember auf Antrag von Aurelie Kahn auf 1.500 RM festgelegt worden war, dann im Mai 1940 zwar auf 600 RM abgesenkt wurde, hatte aber zunächst das zehnfache von dem betragen, was die Nazis den ärmeren Juden zur Verfügung stellten. Durch die gemeinsame Not der Verfolgung wurden die traditionellen sozialen Unterschiede also keineswegs überdeckt oder gar aufgehoben.

Vermögenserklärung von Aurelie Kahn aus dem Dezember 1940
HHStAW 519/3 3649 (30)

In der Aufstellung vom Juni 1940 bezifferte sie ihr Vermögen auf 215.000 RM, aus dem sie jährliche Erträge von etwa 17.000 RM erziele.[54] Zu diesem Zeitpunkt war das ursprüngliche Vermögen durch den Zugriff des Staates schon erheblich dezimiert worden. 109.000 RM hatte Aurelie Kahn insgesamt als Judenvermögensabgabe aufzubringen, aber auch weitere Zahlungen, etwa an die Reichsvereinigung von mehr als 40.000 RM, sind hier dokumentiert. Auch ist hier die Zahlung der Reichsfluchtsteuer in einer Gesamthöhe von 112.000 RM aufgeführt Zwar ist hier nicht angegeben, für wessen Ausreise diese zu zahlen war, aber eigentlich kann es sich nur um die der Töchter mit ihren jeweiligen Ehemännern gehandelt haben. [55]

Ihren eigenen Bedarf bezifferte sie in dem Schreiben an die Devisenstelle auf monatlich etwa 820 RM. Als Ausgaben benannte sie Posten wie Friseur, Zeitung, Trinkgelder, Friedhofspflege, Fußpflege, Telefon und Geschenke. [56] Auch in dieser Aufstellung spiegelt sich die soziale Kluft innerhalb der Verfolgten wider.

Antrag von Aurelie Kahn, Unterstützungsgelder für Verwandte und Bekannte freizugeben
HHStAW 519/3 3649 (34)

Dass sie aber auch andere mit ihrem Geld unterstützte, ist zumindest durch einen Antrag über die Freigabe von zusätzlichen 1.900 RM aus dem gesicherten Guthaben bei der Deutschen Bank belegt, die sie fünf verschiedenen Personen zukommen lassen wollte.[57].

Der Antrag wurde zunächst abgelehnt, weil eine Begründung und eine genaue Adresse der Empfänger fehlen würde. Nur von Thea Lilienstein ist eine solche Begründung für ihre Bedürftigkeit in den Akten erhalten geblieben. Sie schrieb, dass sie bisher von Verwandten unterstützt worden sei, die aber inzwischen nach Litzmannstadt umgesiedelt wurden. Sie selbst verdiene als Hilfsarbeiterin – eigentlich Zwangsarbeiterin – bei der Firma Söhngen & Co. 42 RM im Monat und sei daher auf Hilfe dringend angewiesen.[58] Weder für sie, noch für die anderen genannten Personen ist verbürgt, dass sie jemals die Ihnen zugedachten Zuwendungen empfingen.

Aber nicht nur durch die Judenvermögensabgabe hat der Staat sich am Vermögen der Aurelie Kahn bereichert. Angesichts der für die Aufrüstung unbedingt erforderlichen Devisen, wurde auch sie schon im Sommer 1938 gezwungen, ihre ausländischen Wertpapiere innerhalb einer Woche der Reichsbank zum Verkauf anzubieten.[59] Auch hatte sie Wertgegenstände wie Pelze, Schmuck und andere Edelmetalle, deren Gesamtwert im Entschädigungsverfahren mit etwa 18.000 RM angegeben wurde, abzuliefern.[60]

Ein besonders dreister Griff in den Besitzstand erlaubte sich die „Reichsvereinigung der Juden“ noch kurz vor ihrem Tod. Aurelie Kahn hatte zuvor bereits Zahlungen von mehr als 20.000 RM an die Organisation geleistet. In den letzten Tagen ihres Lebens wurde sie dann durch ihren Vermögensverwalter aber noch zu einer Änderung des ursprünglich mit ihrem Mann Julius verfassten Testaments und einem Legat über 30.000 RM zugunsten der Reichsvereinigung veranlasst.

Rechtsanwalt Hans Buttersack
Stadtarchiv Wiesbaden

Wenn die Darstellung der Vorgänge, die im Entschädigungsverfahren vom Rechtsanwalt der leiblichen Erben vorgetragen wurde, richtig ist, dann handelt es sich um einen unglaublichen Vorgang, in den auch der renommierte Anwalt und Notar Buttersack eine sehr fragwürdige Rolle gespielt zu haben scheint:

„Am 29.1,1942, vierzehn Tage vor ihrem Tod, muss die Erblasserin, 82-jährig und so todsterbenskrank, dass sie – wie das notarielle Protokoll ausweist – durch Krankheit am Sprechen verhindert ist, vor dem Notar Dr. Buttersack erscheinen, wo in Anwesenheit von zwei herbeigerufenen jüdischen Zeugen auf der Schreibmaschine des Notars ein weiteres Testament der Erblasserin errichtet wird, dessen einziger Inhalt und Zweck es ist, der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Wiesbaden , eine größere Summe zu vermachen. Die Aussetzung eines solchen Vermächtnisses erscheint um so verdächtiger, als zunächst nur die Summe von 10.000,- vorgesehen war; die offensichtlich von der Hand des Notars vorgenommene Verbesserung auf Reichsmark 30.000,- lässt auf ein Verhandeln oder besser Handeln bei Errichtung dieses dubiosen Testaments (wenn nicht auf Schlimmeres) schließen. Wie allerdings mit der im wahrsten Sinne des Wortes sprachlosen Erblasserin verhandelt oder gehandelt worden sein soll, ist unvorstellbar! Eine höchst makabre Szene!. Offenbar ist hier die Erblasserin mit den ‚wohltätigen Zwecken’, denen das Vermächtnis zufließen sollte, hinter das Licht geführt worden. Denn im Jahre 1942, als die Deportation der Juden in die Vernichtungslager ihren Höhepunkt erreicht hatte, konnte der Notar wohl kaum mehr an die Wohltätigkeit der Zwecke glauben. Es spricht vielmehr die Vermutung dafür, dass gerade ihm als Notar bekannt war, welchen Zwecken die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland dient, nämlich vor allem der, den Juden ihr Vermögen zu entziehen. Offenbar hat sich der Notar hier zum Handlanger dafür hergegeben. Er hat die Erblasserin, die ja schon Tausende und Abertausende an Sonderabgaben geleistet hatte, also diese ihre Verpflichtungen in vollem Umfange erfüllt hatte, genötigt, eine letzte Sonderabgabe in Form eines Vermächtnisses zu Gunsten der Reichsvereinigung der Juden zu leisten.“[61]

Initiativ bei diesem Vorgang war der Testamentsvollstrecker des gemeinsam von Julius und Aurelia Kahn bereits im Jahr 1924 errichteten Testaments, der Buchrevisor Emil Thumann. Er war ursprünglich vom Gau-Rechtsamt der NSDAP in Frankfurt beauftragt worden, die Vermögensverhältnisse von Aurelie Kahn zu verwalten und dadurch bestens über die finanzielle Lage der Erblasserin informiert.[62]

Im ursprünglichen Testament waren eigentlich die drei Töchter als gleichberechtigte Erben vorgesehen gewesen. Ihnen, bzw. deren Kindern, war mit dem nachträglichen Legat ein beträchtlicher Teil ihres Erbteils entzogen worden. Aber nicht nur ihnen.

Erna Hess, Aurelia Lichtenstetter
Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Staße für Julius und Aurelie Kahn sowie für die Tochter Erna und deren Mann Albert Heinrich Hess
Eigene Aufnahme

Nach dem Tod von Aurelie Kahn am 15. Februar 1942 – es handelte sich nach amtlichem Sprachgebrauch um einen „natürlichen“ Tod -,[63] erfolge ein Jahr später am 8. Mai 1943 der Vermögenseinzug.[64] Damit wäre selbstverständlich auch der „verschenkte“ Teil ohnehin in staatliche Hände gelangt. Hier ging es aber um die Beuteanteile. Kam der eingezogene Teil dem Fiskus zugute, so konnte die SS bzw. das RSHA, unter dessen Ägide die Reichsvereinigung operierte, auf solche Legate zugreifen und sie für ihre eigenen Zwecke nutzen.

Obwohl Aurelie Kahn mehr als drei Jahre im Judenhaus in der Adolfsallee 30 verbrachte, gibt es keine Zeugnisse über ihr dortiges Alltagsleben, über die Kontakte, die sie pflegte, über ihr Empfinden, ihre Sorgen und Ängste. Es ist auch nicht bekannt, ob die familiären Kontakte aufrechterhalten werden konnten. Vielen ihrer Nachkommen und näheren Verwandten war die Flucht gelungen, aber ganz sicher wussten viele bis lange nach dem Ende des Krieges nicht, welches Schicksal sie jeweils getroffen hatte, nicht einmal ob sie überlebt oder der Mordmaschinerie zum Opfer gefallen waren.

Edith und Hildegard Hess
PLS-Archiv

Aus der Ehe von Erna und Albert Heinrich Hess waren die beiden Töchter Edith Marie, geboren am 27. März 1908 in Wiesbaden, und fast zehn Jahre später Hildegard Charlotte, geboren am 14. Mai 1917 in München, hervorgegangen.[65] Ob die Familie längere Zeit in München wohnte, ist nicht bekannt. Vielleicht hielt sie sich damals auch nur bei ihrer Schwester Ilse auf, die in dieser Zeit in München wohnte, und das Kind war früher als erwartet zur Welt gekommen. Nach der Heirat hatten die Eltern in Wiesbaden zunächst kurze Zeit in der Luisenstr. 7, danach An der Ringkirche 7 und zuletzt am Luisenplatz 2 gewohnt, als sie 1937 nur wenige Wochen nacheinander verstarben. Den beiden Töchtern, den Enkelinnen von Aurelie Kahn, war rechtzeitig die Flucht nach Palästina gelungen, was aber auch bedeutete, dass sie in den letzten Lebensjahren der Großmutter nicht mehr zur Seite stehen konnten.

Theodor Engel und Edith Engel, geb. Hess
PLS-Archiv

Edith Marie hatte am 31. Mai 1928 noch in Wiesbaden den Biebricher Arzt Dr. Theodor Engel geehelicht, der am 25. Februar 1898 geborene Sohn des dort ansässigen Metzgers Rudolf Engel und seiner Frau Johanna, geborene Blatt.[66] Bereits am Ende des Jahres 1934 waren sie nach Palästina ausgewandert, wo beide in Tel Aviv im hohen Alter verstarben, Edith Maria am 28. November 2004 im Alter von 96 Jahren, ihr Mann am 2. Mai 1990 im Alter von 92 Jahren.[67]

Sally und Hildegart Straus, geb. Hess
PLS-Archiv

Auch ihre Schwester Hildegard Charlotte Hess, geschiedene Mayer,[68] wanderte nach Palästina aus. Spätestens 1949 – ein genaueres Datum liegt bisher nicht vor – war sie mit Sally Strauss verheiratet. Das Paar wohnte damals in Tel Aviv zusammen mit Engels in der Hamanstr. 40.[69] Auch in dieser Ehe wurde am 18. Juni 1947eine Tochter geboren, die den Namen Nurit, erhielt und später Menachem Blustein. Nurit Blustein, die Urenkelin von Aurelie Kahn, hat inzwischen selbst eine Reihe Enkel und lebt noch immer in Israel. Sally Strauss verstarb dort am 10. Mai 1964 im Alter von 49 Jahren, seine Frau Hildegard erst viele Jahre später am 11. Mai 2002.[70]

 

Die zweite Tochter von Julius und Aurelie Kahn, Ilse, hatte am 26. Dezember 1909 in Wiesbaden den Rechtsanwalt William / Wilhelm Neuburger geheiratet, der, wie auch die Mutter von Ilse, aus der Gegend um Haßfurt stammte.[71] Das Paar lebte aber wohl nur sehr kurz hier in Wiesbaden in der Wilhelmstr. 10a. Wie Ilse Kahn im Entschädigungsverfahren angab, wohnten sie ab 1910 bis zu ihrer Flucht im Jahr 1939 in München. Als Freiwilliger war er schon 1896 in das bayrische Heer eingetreten und hatte dann während des Ersten Weltkriegs als Feldwebel an verschiedenen Schlachten an den verschiedensten Fronten teilgenommen. Dafür hatte man ihn mit dem Eisernen Kreuz, II. Klasse und einem bayrischen Orden, dem König-Ludwig-Kreuz, ausgezeichnet.[72] Angesichts dieser Militärbiographie wird man davon ausgehen können, dass es sich bei ihm um einen sehr national eingestellten Menschen gehandelt haben wird.

Kriegsranglisteneintrag für Wilhelm Neuburger
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1631/images/31010_174536-00101?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=17910

Noch bevor der Erste Weltkrieg begann, waren dem Paar der Sohn Michael Georg geboren worden. Michael kam am 7. Oktober 1914 in München zur Welt. Die Tochter Ellen wurde vermutlich erst im amerikanischen Exil geboren.[73] 1939 wurden die Eltern, allerdings ohne ihre Kinder, als Flüchtlinge in Großbritannien registriert.[74] Im folgenden Jahr, nachdem sie im November als Bürger des Feindstaats Deutschland von einer Internierung befreit wurden,[75] konnten sie am 12. April 1940 von Liverpool in die USA ausreisen.[76] Ihr Sohn Michael Georg war bereits im Jahr zuvor dorthin emigriert. Er war ebenfalls zunächst nach England gegangen, dann aber von Southampton auf der ‚Manhattan’ über Lissabon am 17. August 1939 in New York eingelaufen.[77] Von Oktober 1942 bis zum September 1945 diente er in der amerikanischen Armee. Das ermöglichte ihm im Juni 1943 in Florida, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er, der in den USA auch unter dem Namen Newburgh geführt wurde, bereits seine Frau Else geheiratete.[78] Ob das Paar Kinder hatte, ist nicht bekannt. Michael George hatte sich mit seiner Frau in Wichita in Kansas niedergelassen, hatte aber, wie diversen Passagierlisten zu entnehmen ist, vielfache Reisen, auch nach Europa, unternommen. Er verstarb am 31. Mai 1997 in den USA.[79]

Einbürgerungsantrag von Minni Schülein geb. Kahn
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0584-00650?treeid=&personid=&hintid=&queryId=9166206262e87c825ff172b708c129f7&usePUB=true&_phsrc=Ekt4215&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6690986

Minna Laura, die jüngste Tochter von Julius und Aurelie Kahn, hatte am 14. März 1913 in Wiesbaden den promovierten Juristen Julius Schülein geheiratet. Er war der Sohn von Josef und Ida Schülein, geborene Bär.[80] Auch dieses Paar zog vermutlich im Jahr 1913 nach München. Schon ein Jahr vor der Schwester emigrierten auch sie in die USA, wo sie zunächst im Raum New York eine Bleibe fanden. Zwar blieb die Tochter Marian wohl kinderlos, der Sohn John aber hat eine ganze Reihe von Nachkommen, sodass auch diese Familie den Plan der Nazis, die Juden gänzlich auszulöschen, erfolgreich vereiteln konnte.[81]

Auch Ida Kahn, geborene Gottschalk, die Witwe des Weinhändlers Albert Kahn, gelang im Februar 1939 noch die Flucht nach Bombay. Hier traf sie auf ihren Sohn Erich, der Deutschland schon im August 1933 alleine ohne seine Familie verlassen hatte. Dr. med. Erich Kahn hatte zuvor Medizin studiert und besaß eine Praxis in Dresden, als er am 24. März 1921 die Berliner Arzttochter Marie Neumann, geboren am 11. Februar 1898, dort heiratete.[82] Während in Dresden zunächst am 12. April 1922 die Tochter Lieselotte zur Welt kam, wurde ihr Bruder Peter Albert am 25. August 1927 in Wiesbaden geboren.[83] Nach seiner frühen Flucht konnte Dr. Erich Kahn noch im selben Jahr in Bombay eine neue Praxis eröffnen. Im Februar des folgenden Jahres kam seine Frau mit dem 7jährigen Sohn Peter Albert nach, während die Tochter möglicherweise mit einem Kindertransport in England in Sicherheit gebracht wurde.[84]

Elisabeth Kahn Flörsheim
Einbürgerungsantrag von Elisabeth Flörsheim, geb. Kahn
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/3998/images/40735_1220706418_0045-00858?usePUB=true&_phsrc=Ekt4576&usePUBJs=true&pId=901763268

Bombay war für Ida Kahn nur eine relativ kurze Zwischenstation. Von dort gelangte sie im November 1939 über Manila noch vor dem Eintritt der Amerikaner in den Weltkrieg in die USA,[85] wo sie im März 1940 einen Antrag auf Einbürgerung stellte. Ihr Sohn Eric war, so ist diesem Antrag zu entnehmen, mit seiner Familie in Bombay geblieben,[86] aber Ida Kahns Tochter Elisabeth, jetzt Elizabeth, lebte damals schon in Kalifornien.[87] Sie hatte am 1. Januar 1920 in Wiesbaden den dort geborenen, aber inzwischen in Hamburg lebenden Kaufmann Adolf Floersheim geheiratet.[88] Offensichtlich hatten sie sich nach ihrer Hochzeit auch in der norddeutschen Hafenstadt niedergelassen, denn dort wurden auch ihre beiden Söhne geboren, Heinz Albert am 19. Oktober 1920, Hanns am 11. Dezember 1922.[89] Sie waren bereits im Oktober 1937 von Southampton auf dem Schiff ‚Aquitania’ nach New York gekommen, dann aber an die Westküste weitergezogen.[90]

Adolf Flörsheim
Einbürgerungsantrag von Adolf Flörsheim für die USA
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/3998/images/40735_1220706418_0045-00852?pId=1763266

Auf dem Schiff befand sich auch der Bruder von Adolf Flörsheim, Julius Flörsheim, mit seiner Frau Ella und der Tochter Marion.[91] Der Bruder hatte als Kontakt in New York einen Cousin Benjamin Rosenthal angegeben, Adolf Flörsheim mit seiner Familie eine Mrs. Spier in Los Angeles. Man kann mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich hierbei um die dort lebende Elisabeth Frank, verheiratete Spier handelte, die wie die Familie Flörsheim vor ihrer Emigration in Hamburg gelebt hatte. Lizzy Spier, wie sie sich in den USA nannte, stammte ursprünglich auch aus Wiesbaden, war die Tochter von Albert Frank und zumindest formal sogar die Eigentümerin des Judenhauses Alexandrastr. 6. Im Jahr 1940, als in den USA ein Zensus durchgeführt wurde, lebte auch die Familie Flörsheim in Los Angeles. Die beiden Söhne von Adolf und Elizabeth Flörsheim waren jetzt 19 und 17 Jahre alt und nannten sich jetzt Henry und Warner.[92]
Elisabeth Flörsheim verstarb im Mai 1971 in Los Angeles, ihr Mann war damals schon seit zwanzig Jahren tot. Er war am 26. Juli 1951 ebenfalls in der Kalifornischen Metropole verstorben. [93]

 

Todesfallanzeige Helene Kahn Eichbaum
Todesfallanzeige für Helene Eichbaum,geb. Kahn aus Theresienstadt
https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/9377-helene-eichbaum/

Es ist bei einer so großen und weitverzweigten jüdischen Familie schon außergewöhnlich, dass selbst im weiteren Familienkreis fast keine Opfer des Holocaust zu betrauern waren. Neben Hugo Vogel, dem Sohn von Leopold und Bertha Vogel, geborene Kahn, gehörte aber auch Helene Eichbaum, geborene Kahn und die Witwe von Salomon Eichbaum, dem Mitbegründers der Ziegelei, zu dem Ermordeten. Sie war als Nummer 437 mit dem Transport XVII/1 am 27. / 28. September 1942 mit fast 1300 weiteren fast ausschließlich älteren Opfern aus verschiedenen Gemeinden des ehemaligen Volksstaats Hessen über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert worden.[94]

Traueranzeige für Jenny Eichbaum im Aufbau am 10. 8. 1945

Am 10. August 1945, nachdem die Tochter Ida in ihrem amerikanischen Exil vom Schicksal ihrer zurückgebliebenen Mutter erfahren hatte, schaltete sie in der Zeitung ‚Aufbau’ eine Todesanzeige zum Gedenken an sie.[95] Ida selbst war erst am 18. Februar 1942 von Marseilles kommend über Lissabon in die USA eingereist. Wie lange Sie sich schon in Frankreich aufgehalten hatte, ist nicht bekannt. Aber Idas Ehemann Heinrich Jacobi war im Oktober 1940 dort inhaftiert und in das berüchtigte Lager Gurs überstellt worden. Am 22. Oktober 1940 sollte er deportiert werden – wohin ist nicht bekannt. An den Folgen von Misshandlungen vermutlich während des Transports verstarb er zwei Tage später am 24. in etwa 150 Kilometer südwestlich gelegenen Montrejeau in der Provinz Haute Garonne.[96]

Kennkarte Heinrich Jacobi

Auf der Todesanzeige sind auch Idas Tochter Marianne und deren Kinder erwähnt. Bei ihnen wohnte die Mutter 1942, als sie in Kalifornien ihren Antrag auf Einbürgerung stellte. Marianne Jacobi war am 27. November 1908 in Mannheim geboren worden, hatte am 2. Dezember 1930 in Mannheim Jakob Wolff geheiratet und war mit ihm zusammen nach Hamburg gezogen. Dort waren ihre beiden Kinder Robert Michael und Ruth Dorothea zur Welt gekommen, er am13.Oktober 1931, sie am 9. August 1934. Die erfolgreiche Flucht der Familie in die USA startete am 11. Mai 1938 in Rotterdam. Nach etwa sechs Wochen betraten sie am 24. Juni 1938 in San Francisco amerikanischen Boden.[97] Jakob, amerikanisiert Jack Wolff verstarb im Raum Oakland am 9.Juli 1950, seine Frau Marianne am 28. Juni 2007. Sie hatte sogar die beiden Kinder überlebt, denn Ruth verstarb bereits am 27.Mai  1996, ihr Bruder am 15. November 2004.[98]

 

Veröffentlicht: 30. 11. 2017
Letzte Revision: 12. 01 2022

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 519/3 3649 (16).

[2] HHStAW 518 21339 (1) Angabe der Töchter Ilse Neuburger, geborene Kahn, und Minna Laura Schülein, geborene Kahn, im Entschädigungsantrag. Das Geburtsdatum ist mehrfach verbürgt, siehe z.B. Heiratsregister Darmstadt 200 / 1881.

[3] https://www.alemannia-judaica.de/kleinsteinach_synagoge.htm. (Zugriff: 27.12.2021). Zum jüdischen Leben in Kleinsteinach siehe auch https://www.museum-kleinsteinach.de/index.html. (Zugriff: 27.12.2021).

[4] Sterberegister Wiesbaden 383 / 1886.

[5] Heiratsregister Darmstadt 200 / 1881. Wieso die Ehe in Darmstadt geschlossen worden war, ist nicht klar, denn laut der Heiratsurkunde wohnte zum Zeitpunkt der Eheschließung Julius Kahn in Wiesbaden, Aurelie in Würzburg.

[6] Geburtsregister Wiesbaden 800 / 1885 Im gleichen Jahr kamen die Eltern von Aurelie Kahn nach Wiesbaden. Joseph Lichtenstetter verstarb hier schon bald danach im Jahr 1886, seine Frau Nanny erst 1904, siehe Sterberegister Wiesbaden 383 / 1886 und 1503 / 1904.

[7] Geburtsregister Wiesbaden 256 / 1889 und 1210 / 1893. Am 12.10.1891 war noch ein Junge geboren worden, der aber nach 6 Stunden namenlos verstarb, siehe Sterberegister Wiesbaden 1013 / 1891.

[8] Siehe zu diesem Familienzweig ausführlich das Kapitel über die Gebrüder Kahn in der Bearbeitung des Judenhauses Adolfsallee 24.

[9] Geburtsregister Partenheim 29 / 1847, dazu Heiratsregister 29 / 1847, dazu Heiratsregister Usingen 5 / 1858.

[10] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7507/images/41521_ausw1865186902-00143?treeid=&personid=&hintid=&queryId=1e72ac8ef647c186134264ba932619ff&usePUB=true&_phsrc=Ekt4127&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=4222. (Zugriff: 27.12.2021).

[11] Heiratsregister Usingen 5 / 1878. Trauzeuge war der damals in Wiesbaden lebende Leopold Hirsch, ein Bruder von Sophie.

[12] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1242980:1174?tid=&pid=&queryId=ee727ca41f5856c8a4f04fa9a7726405&_phsrc=Ekt4217&_phstart=successSource. (Zugriff: 27.12.2021).

[13] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1242980:1174?tid=&pid=&queryId=9c061271fa5370a51a696038cb9a773c&_phsrc=Ekt4144&_phstart=successSource. (Zugriff: 27.12.2021). In seinem Antrag hatte Jacob Kahn angegeben, dass er früher auch in St. Louis gelebt habe. In den Unterlagen der US-Volkszählung von 1880 findet man einen Jacob Kahn im entsprechenden Alter, der damals bei einer Familie von Siegmund Platt in St. Louis wohnte. Es liegt nahe, das der Junge, der bei seiner Auswanderung gerade mal 16 Jahre alt war, bei Verwandten der Mutter – Johanna, geborene Blatt – untergekommen war. Die Familie von Jacob Kahn findet sich auch in den Unterlagen der Volkszählung von 1900. Siehe https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/45277630:7602?tid=&pid=&queryId=1471e7056ae74d6cf47a2a084c71cff7&_phsrc=Ekt4186&_phstart=successSource. (Zugriff: 27.12.2021). Damals lebte sie in New York. Zwar ist hier das Geburtsjahr von Jacob mit 1862 statt 1860 angegeben, aber es muss sich dabei um einen Übertragungsfehler handeln, denn alle übrigen Angaben stimmen mit denen im Reisepassantrag überein. Dieser enthält auch das Geburtsdatum, das in der Urkunde aus Partenheim eingetragen ist, nämlich der 23.9.1860.

[14] Geburtsregister Partenheim 12 / 1849.

[15] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11648702&ind=1. (Zugriff: 27.12.2021).

[16] Geburtsregister Partenheim 16 / 1857.

[17] Geburtsregister Partenheim 34 / 1858.

[18] Die Weinhandlung lag im Haus in der Adelheidstr. 16, in der später auch Ida Kahn, die Witwe von Albert Kahn und Sigmund Kahn wohnten.

[19] Heiratsregister Offenbach / Main 105 / 1884.

[20] Sterberegister Wiesbaden 1187 / 1895.

[21] Für Arnold Kahn sie Geburtsregister Wiesbaden 722 / 1890, für Anna Kahn Geburtsregister Wiesbaden 1120 / 1893.

[22] Geburtsregister Partenheim 9 / 1853.

[23] HHStAW 469/33 1098 (6).

[24] Heiratsregister Mainz 207 / 1886. Seine Eltern waren Mendel und Jeanette Eichbaum, geborene Heymann, die zuletzt in Gunzenhausen gelebt hatten, wo auch ihr Sohn am 25.7.1849 geboren worden war. Siehe auch https://jl-gunzenhausen.de/de/eichbaum-leopold.html, (Zugriff: 27.12.2021), zu den Geschwistern von Samuel Eichbaum.

[25] https://de.findagrave.com/memorial/179271093/samuel-eichbaum. (Zugriff: 27.12.2021).

[26] Geburtsregister Mainz 672 / 1887. Im Geburtseintrag ist der Beruf des Vaters jetzt als Schuhfabrikant angegeben. Möglicherweise war der Umstieg in diese Sparte auch der Grund dafür, dass Samuel Eichbaum sich aus der Ziegelei zurückgezogen hatte.

[27] Heiratsregister Mainz 710 / 1907. Die Ehe war am 14.11.1907 in Mainz geschlossen worden.

[28] HHStAW 469/33 1098 (43).

[29] Sterberegister Wiesbaden 553 / 1918.

[30] HHStAW 469/33 1098 (57).

[31] In der Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden ist ihr Geburtstag mit dem 12.12.1864 angegeben, in ihrem Antrag zur Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft gab sie den 21.12.1864 an, der Geburtsort war aber in jedem Fall Essen, wo nach ihren Angaben am 12.3.1809 (!) auch die Hochzeit stattfand. Vermutlich handelt es sich um einen Schreibfehler und soll 1890 heißen, denn ein Jahr später wurde ihr Sohn Erich in Wiesbaden geboren.

[32] Sterberegister Wiesbaden 369 / 1886.

[33] Geburtsregister Wiesbaden 927 / 1881. Sein weiteres Schicksal konnte nicht geklärt werden.

[34] Geburtsregister Wiesbaden 330 /1891.

[35] Geburtsregister Wiesbaden 907 / 1894.

[36] Sterberegister Wiesbaden 1067 / 1921

[37] Alfred Hess war am 20.9.1875 in Frankfurt geboren worden. Seine Eltern waren Moritz Salomon und Karoline Hess, geborene Landauer. Heiratsregister Wiesbaden 107 / 1907. Dazu HHStAW 469/33 1098 (61, 70, 72)

[38] Heiratsregister Wiesbaden 104 / 1907, dazu HHStAW 518 15240 (15).

[39] Eine Aufstellung wichtiger Bauaufträge befindet sich in HHStAW 518 15240 (27). Zur Ausschaltung aus der Berufstätigkeit siehe ebd. (29).

[40] Siehe dazu den Artikel „Ziegeleien“ von Michael Knoll im Stadtlexikon der Stadt Wiesbaden. Seinen Angaben nach gab es um 1900 im Stadtgebiet von Wiesbaden 22 Ziegeleien. Wiesbaden – Stadtlexikon, Wiesbaden 2017 S. 1016.

[41] Die Angaben beruhen auf den Wiesbadener Adressbüchern der Jahre 1882 bis 1939.

[42] HHStAW 519/3 3649 (1).

[43] HHStAW 518 15240 (18).

[44]Sterberegister Wiesbaden 191 / 1935.

[45] Dies würde die Doppelnennung von Aurelie bzw. Amalie Kahn im Jüdischen Adressbuch von 1935 erklären. Dass es sich hier um die identische Person handelt, ist sehr wahrscheinlich, denn in beiden Fällen wird ihr Mädchenname mit Lichtenstetter angegeben. Die Amalie Kahn in der Frankfurter Str. 17 wird als Witwe, die Aurelie Kahn in der Victoriastr. 9 als Frau von Julius Kahn bezeichnet.

[46] HHStAW 518 15240 (8).

[47] Sterberegister Wiesbaden 1722 / 1937. Abweichend davon ist in HHStAW 518 15240 (8) sein Todestag mit dem 14.11.1937 angegeben.

[48] Todestag von Erna Hess, geborene Kahn, war der 5.2.1937, siehe Begräbnisliste des Jüdischen Friedhofs Platter Straße, HHStAW 365 916.

[49] HHStAW 519/3 3649 (3).

[50] HHStAW 519/3 3649 (13) Im Mai 1939 meldete Meisner dem Wiesbadener Amtsgericht, dass die Liquidation noch immer nicht beendet sei, da noch ein „Abzahlungsvertrag mit dem Käufer des Ziegeleigrundstücks, der Firma Weckwert“  noch nicht erledigt sei., HHStAW 469/33 1098 (132).
Die Firma Ziegelei Weckwert gehörte auch zu denjenigen, die sich intensiv um Kriegsgefangene als Arbeitskräfte bemühte. Nach einer Aufstellung des Wiesbadener Oberbürgermeisters vom November 1940 arbeiten zu dieser Zeit 10 der insgesamt 507 zum Arbeitseinsatz gezwungenen französischen Gefangenen in der Ziegelei von Weckwert. Im Sommer 1941 waren es sogar 30, die auch im eigens dafür eingerichteten Lager der Firma untergebracht worden waren. Siehe Brüchert, Zwangsarbeit in Wiesbaden, S. 49 und 54.

[51] HHStAW 519/3 3649 (13).

[52] HHStAW 519/3 3649 (4, 6), Wann sie aus der Frankfurter Str. in das Palast Hotel gezogen war, konnte nicht ermittelt werden.

[53] HHStAW ebd. Der Brief mit der Umzugsmeldung ist mit 27.12.1938 datiert.

[54] HHStAW 519/3 3649 (30).

[55] HHStAW 518 21339 (140 ff.) der Betrag war nur zu Hälfte mit Barmittel, der Rest durch die Abgabe von Wertpapieren beglichen worden, was im Entschädigungsverfahren zu erheblichen Verzögerungen durch Einsprüche der Entschädigungsbehörden führte. Die Summe als solche wurde jedoch nicht bestritten, zumal in der Devisenakte ein Brief der Commerzbank an die Devisenstelle Frankfurt erhalten geblieben ist, in dem die Zahlung von 20.258 RM für die zweite Rate aus dem gesicherten Konto mitgeteilt wird. Siehe auch HHStAW 519/3 3649 (18, 20). Hinterfragt wurde aber die Höhe der Reichsfluchtsteuer, die nicht für Aurelie Kahn selbst fällig geworden sein kann. Auch sie muss, sollte sie gezahlt worden sein, in der Form von Wertpapierabtretungen beglichen worden sein.

[56] HHStAW 519/3 3649 (30) Ihre Bitte den im Monat zuvor auf 600 RM abgesenkten Freibetrag wieder auf 840 RM zu erhöhen, wurde stattgegeben.

[57] Siehe HHStAW 519/3 3649 (35). Es handelte sich um die folgenden Personen, wovon die ersten drei 500, die letzten beiden 200 RM erhalten sollten: Als erste ist „Thea Hess, Wwe Wiesbaden“ genannt. Vermutlich handelt es sich hierbei um Thekla Hess, die Schwester von Felix Kaufmann, dem Eigentümer des Judenhauses Adolfsallee 30, deren Nichte Dorothea mit ihrem Neffen Arnold Kahn verheiratet war. „Frl. Emmy Vogel“ war wie Thekla Hess Bewohnerin des Judenhauses Bahnhofstr. 25.Wer Matthias Bernady war, konnte nicht ermittelt werden. Die beiden letztgenannten, „Frl. Thea Lilienstein, Wiesbaden“ und „Benny Schönfeld, Nordenstadt“, standen, soweit erkennbar, in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Aurelie Kahn. Benny Schönfeld wurde in Majdanek ermordet, Thea Lilienstein in Auschwitz, Emmy Vogel vermutlich in Sobibor und Thekla Hess in Theresienstadt.

[58] HHStAW 519/3 3649 (35) Die Wiesbadener Firma Söhngen, heute in Taunusstein ansässig, lieferte damals Verbandsmaterialien an die Deutsche Wehrmacht, u.a. den Verbandskasten „Wiesbasan“, ein noch immer beliebter Artikel bei Militariasammlern.

[59] HHStAW 518 21339 (28).

[60] HHStAW 518 21339 (141)

[61] HHStAW 518 2139 (165 f.)

[62] Ebd. (165) Ob die hier geschilderten Vorgänge tatsächlich so abgelaufen sind, ließ sich nicht überprüfen. Aber im Prozess, in dem es darum ging, ob dieses „Vermächtnis“ tatsächlich ein solches war, wie das Land Hessen behauptet und eine entsprechende Entschädigung zunächst verweigert hatte, wurde durch ein Urteil vom 23.11.1960 des Landgerichts Wiesbaden beschieden, dass es sich hier um eine Sonderabgabe handelte, die auch zu entschädigen sei. Ebd. (173 ff)

[63] Sterberegister Wiesbaden 365 / 1942. In Yad Vashem ist Aurelie Kahn als Opfer des Holocaust aufgeführt. Sie sei, so die Angabe unter https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=7983895&ind=1 (Zugriff: 27.12.2021) am 1.9.1942 von Wiesbaden aus nach Theresienstadt deportiert worden. Das ist definitiv falsch. Aber sie ist tatsächlich auf der entsprechenden Deportationsliste unter der Nummer 839 aufgeführt, obwohl sie schon länger als ein halbes Jahr tot war. Yad Vashem zeigt auch das Bild von dieser Liste, sagt aber dann – ein weiterer Fehler -, dass es sich um die Liste der Deportation vom 10.6.1942 handeln würde.

[64] HHStAW 518 21339 (38) Der Vermögensverwalter Thumann erhielt am 25.10.1943 die Anweisung vom Finanzamt Wiesbaden die Vermögenswerte zu überweisen und „Kleider, Koffer und sonstige Gegenstände dem Vollzugsbeamten (…) zu übergeben“.

[65] Geburtsregister Wiesbaden 636 / 1908 und Heiratsregister Wiesbaden 104 / 1907.

[66] Heiratsregister Wiesbaden 420 / 1928. Johanna Blatt, die Ehefrau von Rudolf Engel und Mutter von Theodor Engel war die Tochter von Ferdinand und Rosina Blatt, geborene Wolf. Ferdinand Blatt wiederum war der Sohn aus der zweiten Ehe von Salomon Blatt und Christina / Jettle Feibel. In dessen erster Ehe mit Ester Teutsch war am 20.1.1826 die Johanna Blatt geboren worden, die die Ehefrau von Joseph Kahn II wurde.

[67] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden. In der Ehe wurde ein Sohn geboren, der eine eigene Familie gründete.

[68] Wer der erste Ehemann war, ist nicht bekannt. Die Abgabe entstammt dem Entschädigungsbescheid HHStAW 518 21339 (14). Hildegard Hess war am 14.5.1917 in München geboren worden, siehe Heiratsregister Wiesbaden 104 / 1907.

[69] Ebd.

[70] Bisher konnte nicht ermittelt werden, wann und wo die Ehe geschlossen wurde. Sally Strauss war am 16.5.1914 geboren worden. Die Auskunft beruht auf Mitteilungen der Tochter Nurit.

[71] Heiratsregister Wiesbaden 851 / 1909. Geboren wurde William am 20.1.1878 in Wonfurt, seine Eltern waren Michael Neuburger und Regine, geborene Fleischmann.

[72] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1631/images/31433_BH04214-00114?treeid=&personid=&hintid=&queryId=4806cfce76e08738f09ee3b264a23e82&usePUB=true&_phsrc=Ekt4212&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=5328993 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1631/images/31010_174536-00101?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=17910. (Zugriff: 27.12.2021).

[73] Erwähnung findet sie aber nur in GENI, https://www.geni.com/people/Ellen-Hoslosky/6000000060777660913?through=6000000047246622845#/tab/source (Zugriff: 27.12.2021). Eine amtliche Quelle für sie konnte nicht gefunden werden. Daher ist dieser Information mit Vorsicht zu begegenenm.

[74] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/10593669:61596. (Zugriff: 27.12.2021).

[75] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b429057-00751?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=99583, (Zugriff: 27.12.2021).

[76] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001554-00136?treeid=&personid=&hintid=&queryId=de9190299a3f9e2b302a6ec5f97ad1df&usePUB=true&_phsrc=Ekt4247&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=143139499. (Zugriff: 27.12.2021)

[77] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0598-00041?treeid=&personid=&hintid=&queryId=c400c0c0b62e159bdb2e9dc50bc7e675&usePUB=true&_phsrc=Ekt4257&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6717100. (Zugriff: 27.12.2021).

[78] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/735694:1850. (Zugriff: 27.12.2021)

[79] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?dbid=3693&h=45158765&indiv=try&o_vc=Record:OtherRecord&rhSource=2280. (Zugriff: 27.12.2021).

[80] Heiratsregister Wiesbaden 107 / 1913. Der Vater des Bräutigams wird in der Heiratsurkunde als Brauereidirektor bezeichnet, wohnhaft in München.

[81] Siehe GENI Eintrag zu Julius Kahn, https://www.geni.com/family-tree/index/6000000060777187108 (Zugriff: 24.11.2017).

[82] Heiratsregister Berlin-Schönefeld 239 / 1921. Zeuge auf dem Standesamt war u.a. Erichs Halbbruder Oskar Kahn.

[83] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden.

[84] Siehe zum Schicksal der Familie HHStAW 518 18663.

[85] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7949/images/cam1764_99-0322?pId=2936626. (Zugriff: 27.12.2021)

[86] Peter Albert muss aber später in die USA ausgewandert sein, denn er heiratete 1948 in Boston Sylvia Siegel, geboren am 19.7.1928. Das Paar hatte die beiden Kinder Merle Sandra und Eric David. Die Eltern verstarben in Virginia, Peter Albert Kahn am 29.1.1999, seine Frau am 29.1.2020.
Peter Alberts Schwester Liselotte, die sich später mit Vornamen Lilo nannte, hatte vermutlich in England ebenfalls eine Familie gegründet. 1949 reiste eine Familie Gareh, Lilo 27 Jahre alt, ihr Mann Marquis Fortune Gareh, 35 Jahre alt und die beiden Kinder Sonja Ruth und Michael David, 6 und 3 Jahre alt, von Southampton nach Bombay, vermutlich um den Bruder zu besuchen. https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001648-00511?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=144938383&lang=de-DE. (Zugriff: 27.12.2021) Auf einer Passagierliste des Jahres 1953 des Schiffes ‚Cilicia’, das die Route von Bombay nach Liverpool gefahren war, findet man erneut die Familie Gareh, allerdings ohne Marquis Fortune Gareh. https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1518/images/30807_A001301-00181?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=6403414. (Zugriff: 27.12.2021). Unklar ist, ob die Familie drei Jahre in Bombay geblieben war oder es sich hierbei um eine erneute Reise gehandelt hatte.

[87] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/3998/images/40735_1220701439_0080-01345?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=902422593&lang=de-DE. (Zugriff: 27.12.2021)

[88] Heiratsregister Wiesbaden 1 / 1920. Er war der Sohn des Kaufmanns Samuel Floersheim und seiner Frau Amalie, geborene Kahn, die zum Zeitpunkt der Eheschließung beide verstorben waren, aber zuletzt in Wiesbaden gelebt hatten.

[89] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/3998/images/40735_1220706418_0045-00860?treeid=&personid=&hintid=&queryId=90918135569992e46445cea13161d754&usePUB=true&_phsrc=Ekt4269&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1763274. (Zugriff: 27.12.2021)

[90] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/3998/images/40735_1220706418_0045-00860?treeid=&personid=&hintid=&queryId=90918135569992e46445cea13161d754&usePUB=true&_phsrc=Ekt4269&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1763274. (Zugriff: 27.12.2021)

[91] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6061-0377?treeid=&personid=&hintid=&queryId=90918135569992e46445cea13161d754&usePUB=true&_phsrc=Ekt4270&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=23390496. (Zugriff: 27.12.2021).

[92] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/73417688:2442&nreg=1. (Zugriff: 27.12.2021).

[93] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=3693&h=19713636&tid=&pid=&queryId=90918135569992e46445cea13161d754&usePUB=true&_phsrc=Ekt4272&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/2369630:5180?tid=&pid=&queryId=f441e5aef15e95b2856401387da7c9bb&_phsrc=Ekt4275&_phstart=successSource. (Zugriff: 27.12.2021).

[94] Zu diesem Transport siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 333 f.

[95] http://freepages.rootsweb.com/~alcalz/genealogy/aufbau/1945/1945pdf/j11a32s19.pdf. (Zugriff: 27.12.2021).

[96] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11529250&ind=1. (Zugriff: 27.12.2021).

[97] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1386452:7949. (Zugriff: 27.12.2021).

[98] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/119380228/person/162042427895/facts. (Zugriff: 27.12.2021).