Metha Horn, geborene Steinberg

Judenhaus Grillparzerstr 9 Steinberg Kaufmann Horn Holländer
Stammbaum der Familien Steinberg und Kaufmann
(GDB-PLS)

Mete / Metha Horn, geborene Steinberg, zählt eigentlich nicht zu den Bewohnern des Judenhauses, sie war vielmehr am 27 September 1940 nach Wiesbaden gekommen, um ihren Bruder, den Hausbesitzer Moritz Steinberg, zu besuchen.[1] Nach den Eintragungen in ihrer Gestapo-Karteikarte, die eigens für diesen Besuch angelegt wurde, war sie bis zum 5. November, also fast sechs Wochen geblieben.

Metha Horn war am 23. Januar 1886 im westfälischen Warburg geboren worden, wo ihr Vater Feist / Philipp Steinberg als Kaufmanns lebte und arbeitete.[2] Ihre Mutter Helene, geborene Löwenstern, war später zu ihrem Sohn Moritz nach Wiesbaden gezogen, wo sie am 7. Januar 1936 verstarb. Metha selbst hatte nach ihrer Volksschulzeit noch eine Höhere Töchterschule besucht, einen Beruf scheint sie aber nicht erlernt zu haben.

Mete Metha Horn Steinberg Judenhaus Wiesbaden
Judenkennkarte von Metha Horn
StA BNAW Bestand N Nr. 596

Am 3. Mai 1912 heiratete sie in ihrer Heimatstadt den am 18. November 1863 in Geisa in der Rhön geborene Kaufmann Isaak Horn, Sohn des „Handelsmanns“ Hirsch Horn und seiner Frau Sara, geborene Stern.[3] Die Ehe blieb kinderlos.

Der Anlass für ihren Besuch in Wiesbaden könnte der Tod ihres Ehemanns gewesen sein, der kurz zuvor am 4. Juli 1940 in Bad Neuenahr an einer Diabeteserkrankung verstorben war.[4] Diese Erkrankung wird auch der Grund gewesen sein, weshalb sich das Paar zuletzt in dem auf dieses Leiden spezialisierten Kurort niedergelassen hatte. Im Sommer 1938 waren Metha und Isaak Horn aus Erfurt, der Stadt, in der sie wohl den größten Teil ihres Lebens verbrachten, weggezogen.[5] Das Klima in der thüringischen Metropole war für Juden, die dort immer nur eine kleine Minderheit von weniger als einem Prozent der Bevölkerung gestellt hatten, inzwischen unerträglich geworden. Über viele Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte hatten sie zuvor als Geschäftsleute und Freiberufler dennoch dort wichtige Funktionen im städtischen Wirtschaftsleben, das stark von der Lederindustrie und vom Schuhhandel geprägt war,[6] erfüllt. Auch Isaak Horn besaß in Erfurt in der Marktstr. 26 ein Schuhgeschäft in zentraler Lage. Aber nicht nur in dieser Sparte, auch im Textilgewerbe und Einzelhandel spielten jüdische Kaufleute eine bedeutende Rolle. So wurde auch das größte Warenhaus, der „Römische Kaiser“, von einer jüdischen Familie betrieben.

Metha Mete Horn Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden
Hetze auch gegen das Schuhgeschäft von Isaak und Mete Horn
Echo Germania Nr 42 – 1927

Dass die antisemitische Hetze in dieser Stadt stärker als in vielen anderen Orten bereits lange vor 1933 einsetzte, lag nicht zuletzt daran, dass sich hier der „alter Kämpfer“ Adolf Schmalix, Teilnehmer des NSDAP-Putschversuchs von 1923, niedergelassen hatte und mit seinem Pamphlet „Echo Germania“ die propagandistischen Feldzüge gegen die jüdischen Geschäftsleute anführte. Schon 1927 stand auch das Schuhhaus Horn auf seiner Liste der zu boykottierenden Geschäfte und Firmen. Immer wieder kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen, Fenster wurden eingeschlagen und Kunden bedroht. Nach 1933 verschärfte sich das Klima weiter und der Druck von unten auf die zunächst noch zögerlichen Behörden nahm weiter zu. Bis 1936 konnten sich zumindest noch einige der jüdischen Geschäftsleute in dem immer feindlicheren Umfeld behaupten. „Danach scheint das jüdische Geschäftsleben nachgerade implodiert zu sei.“[7] Viele gaben auf und versuchten die Stadt und das Land zu verlassen. Horns gehörten noch zu den wenigen, die geblieben waren. Während des Pogroms im November 1938 war dann auch ihr Laden wieder Ziel des geschürten „Volkszorns“ und wurde verwüstet.[8] Jetzt blieb auch Isaak und Meta Horn keine Wahl mehr. Sie gaben ihr Geschäft auf[9] und verließen die thüringische Metropole. Über die wenigen Jahre, die sie danach in Bad Neuenahr verbrachten, ist bisher nur wenig bekannt.

Metha Meta Horn Steinberg Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden
Meldung der Polizei über den Selbstmord von Metha Horn
StA BNAW Bestand N Nr. 596

Zuletzt hatte Metha Horn dort nach dem Tod ihres Mannes in der von dem Juden Albert Elkan geführten Pension gelebt. Dort setzte sie am 20. April 1942 im Alter von 56 Jahren ihrem Leben selbst ein Ende. Der nüchterne Polizeibericht über das Ereignis offenbarte den Grund für diesen Suizid:
„Betrifft: Selbsmord der Jüdin Meta.
Heute gegen 15 Uhr wurde durch den Juden Albert Israel Elkan mitgeteilt, dass die Vorgenannte sich durch Einnehmen von 20-30 Veronaltabletten vergiftet habe. Der Tod wurde durch den Arzt Dr. Haffner festgestellt. Vermutlich hat die H. sich das Leben genommen, weil sie für den Abtransport in den nächsten Tagen bestimmt war.“
[10]

Mete Metha Horn Steinberg Judenhaus Wiesbaden
Pension Elkan in Bad Neuenahr
StA BNAW Bestand N Nr. 596.

Auch wenn Metha Horn keine wirkliche Bewohnerin des Judenhauses in der Grillparzertraße war, so reiht sich ihr Ende doch ein in das furchtbare Schicksal dieses Hauses und seiner Bewohner. Sie war, wenn man so will, sogar die erste, die diesen Weg ging, etwa sechs Wochen vor ihrem Bruder.

Am 30. Juni 1944 wurde auf Veranlassung des Regierungspräsidenten Koblenz das Vermögen von Metha Horn eingezogen. Es waren 55 RM, die sie diesem Staat, der sie in den Tod getrieben hatte, unfreiwillig hinterließ.[11]

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Zum Schicksal ihres Bruders und seiner Familie siehe oben das Kapitel zu Moses und Elfriede Steinberg.

[2] Geburtsregister Warburg 1886 / 3. Wichtige Informationen und Dokumente zu Metha Horn, besonders die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Abbildungen, verdanken wir dem Stadtarchiv Bad Neuenahr. StA BNAW Bestand N Nr. 596.

[3] Geburtsregister Warburg 1886 / 3.

[4] Sterberegister Warburg 1940 / 67.

[5] Laut Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte von Koblenz hatten sich Horns am 30.12. 1938 in Bad Neuenahr angemeldet und waren hier in die Kreuzstr. 38 gezogen.

[6] Kreuzmüller, Christoph, Schörle, Eckart, Stadtluft macht frei? – Jüdische Gewerbebetriebe in Erfurt 1919 bis 1939, Berlin 2013, S. 14.

[7] Ebd. S. 68.

[8] Ebd. S. 43.

[9] Vermutlich wurde es nicht arisiert, denn wie auch anderswo, waren die örtlichen arischen Konkurrenten eher an einer Marktbereinigung zu ihren Gunsten, als einer „Entjudung“ interessiert, siehe ebd. S. 45.

[10] Stadtarchiv Bad Neuenahr StA BNAW Bestand N Nr. 596.

[11] Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte von Koblenz