Querstr. 6 in Schierstein


Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Heu­ti­ge Bebau­ung der Quer­str. 6
Eige­ne Aufnahme
Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses in Schier­stein in der Quer­str. 6, heu­te Am Grü­nen Baum 6
Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Bele­gung des Juden­hau­ses in der Schier­stei­ner Quer­str. 6

 

 

 

 

 


Die Schwestern Frida Kahn und Ida Wehnert, geborene Kahn

 

Auf der im Janu­ar 1940 erstell­ten Juden­haus-Lis­te fin­det man auch das Haus in der Schier­stei­ner Quer­str. 6, die im alten Orts­kern von Schier­stein gele­gen war. Es han­del­te sich um eine klei­ne, mit nur weni­gen Häu­sern bebau­te Gas­se, die heu­te die Bern­hard-Schwarz-Stra­ße mit der Back­fisch­gas­se ver­bin­det. Laut dem Stra­ßen­le­xi­kon der Stadt Wies­ba­den wur­de sie 1874/​75 erst­mals erwähnt. Da es auch in Bie­brich eine Stra­ße glei­chen Namens gab, erhielt die in Schier­stein im Jahr 1955 die neue Bezeich­nung ‚Am Grü­nen Baum’. Das ehe­ma­li­ge Juden­haus ist heu­te somit unter der Adres­se Am Grü­nen Baum 6 zu fin­den, aller­dings ist das heu­ti­ge Gebäu­de nicht mehr iden­tisch mit dem, das dort von dem Ehe­paar Weh­nert wäh­rend der NS-Zeit bewohnt wurde.

Ver­wun­der­lich ist, dass die­ses Haus über­haupt in die Lis­te der Juden­häu­ser auf­ge­nom­men wur­de, denn es han­del­te sich ursprüng­lich um ein sehr klei­nes Haus mit nur einer ein­zi­gen Woh­nung, also eigent­lich kaum geeig­net, um meh­re­re Fami­li­en hier unter­zu­brin­gen, selbst wenn man beab­sich­tig­te, die­se unter sehr beeng­ten Ver­hält­nis­sen ein­zu­quar­tie­ren. Auch unter einem ande­ren Gesichts­punkt ent­spricht die­se Zuwei­sung nicht den übli­chen Gepflo­gen­hei­ten der NS-Behör­den. Zwar waren die bei­den Eigen­tü­me­rin­nen, die Schwes­tern Fri­da und Ida Kahn, jüdi­schen Glau­bens, aber wäh­rend Fri­da ledig geblie­ben war, hat­te Ida Kahn am 6. März 1933 den Ari­er Karl Weh­nert gehei­ra­tet.[1] Auch wenn er nicht als Mit­ei­gen­tü­mer im Grund­buch der Stadt Wies­ba­den auf­ge­führt war, so war es den­noch eher unüb­lich, dass das gemein­sa­me Wohn­haus von Ehe­part­nern in Misch­ehe, von denen zudem der männ­li­che Part­ner kein Jude war, es sich also um eine „pri­vi­le­gier­te Misch­ehe” han­del­te, als jüdi­sches Ver­mö­gen behan­delt wur­de.[2]

Ande­rer­seits muss man fest­stel­len, dass das Haus zwar auf der Lis­te der Juden­häu­ser stand, aber nie als sol­ches genutzt wur­de. In dem Haus hat­te nach dem Ein­zug von Ida und Karl Weh­nert nie jemand ande­res als das Ehe­paar selbst gewohnt, kei­ne ande­re jüdi­sche und auch kei­ne nicht­jü­di­sche Fami­lie. Erst nach deren Depor­ta­ti­on bzw. Tod wur­de das Haus vermietet.

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Stamm­baum der Fami­lie Kahn aus Schier­stein
GDB

Die bei­den Geschwis­ter Fri­da und Ida Kahn ent­stamm­ten einer alten jüdi­schen Fami­lie aus Schier­stein, einem unmit­tel­bar am Rhein gele­ge­nen ehe­ma­li­gen Vor­ort von Wies­ba­den, der im Jahr 1926 ein­ge­mein­det wur­de und damit sei­ne bis­he­ri­ge Selbst­stän­dig­keit ver­lor. Die Eltern der bei­den Schwes­tern, Dani­el und Emma Kahn, gebo­re­ne Fei­bel­mann, besa­ßen in Schier­stein ein Geschäft, das in der gesam­ten Regi­on einen her­vor­ra­gen­den Ruf in der Spar­te des Häu­te- und Leder­han­dels genoss. Auch mit der Ver­wer­tung ande­rer Metz­ge­rei­ab­fall­pro­duk­te, wie etwa der Fett- oder Darm­ver­ar­bei­tung, hat­te die Fami­lie über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hin­weg ein lukra­ti­ves Geschäft auf­ge­baut. Fri­da Kahn war die ältes­te Toch­ter der ins­ge­samt acht Kin­der von Dani­el und Emma Kahn. Sie war am 6. Juli 1890 in Schier­stein gebo­ren wor­den,[3] ihre Schwes­ter kam dort am 10. April 1895 als vier­tes Kind zur Welt.[4]

Bei dem Haus, das Anfang des 20. Jahr­hun­derts die Num­mer 2 bzw. 2a, spä­ter aber die Num­mer 6 erhielt, han­del­te es sich um das Groß­el­tern­haus der bei­den Schwes­tern und ihrer wei­te­ren Geschwis­ter. Ihr Groß­va­ter Abra­ham Salo­mon Kahn war dort am 7. Febru­ar 1901 ver­stor­ben.[5] Auch in den Jah­ren zuvor muss er dort gewohnt haben, denn als eine sei­ner Töch­ter, Mat­hil­de Kahn, im Jahr 1894 Moritz Her­mann hei­ra­te­te, wohn­te die Fami­lie Kahn bereits in der Quer­stra­ße. Aller­dings ist in der Hei­rats­ur­kun­de das Haus mit der Num­mer 133 ange­ge­ben.[6] Da in der klei­nen Stra­ße aber auch heu­te nicht mehr als etwa zehn Gebäu­de ste­hen, kann man davon aus­ge­hen, dass es sich um das­sel­be Gebäu­de han­del­te und die Haus­num­mer 133 noch aus einer alten Zäh­lung in Schier­stein her­rühr­te, in der die Num­me­rie­rung noch nicht über­all spe­zi­fi­schen Stra­ßen zuge­ord­net war. Aber auch mit der Neu­num­me­rie­rung von 2 auf 6 muss behörd­li­cher­seits eini­ges schief­ge­lau­fen sein, denn als sich das Deut­sche Reich spä­ter einen Anteil des Hau­ses aneig­nen woll­te, war im Grund­buch­amt ein Grund­stück im Band 10, Blatt 299 in der Quer­stra­ße mit der Haus­num­mer 6 nicht auf­find­bar. Bis 1944 war es dort mit der Haus­num­mer 2 ein­ge­tra­gen.[7]

Bei dem Haus han­del­te es sich ursprüng­lich um eine klei­ne Hof­rei­te auf einer Grund­flä­che von etwa drei­ein­halb Ar, bestehend aus einem Wohn­haus, einem Neben­ge­bäu­de, zwei Scheu­nen und einem Kel­ler mit einer Wasch­kü­che.[8] Dem Grund­buch ist zu ent­neh­men, dass beim Tod von Abra­ham und Regi­na Kahn das Haus zunächst in den Besitz von Mat­hil­de Kahn kam, einer Schwes­ter von Dani­el Kahn, die mit dem Kauf­mann Moritz Her­mann ver­hei­ra­tet war.[9] Das Paar, das selbst kei­ne Kin­der hat­te, bewohn­te das Haus zunächst gemein­sam bis zum Able­ben von Mat­hil­de Her­mann im Jahr 1922, danach leb­te der Wit­wer dort allei­ne bis zu sei­nem Tod im Jahr 1932.[10] In ihrem Tes­ta­ment hat­ten die bei­den zunächst fest­ge­legt, dass das Haus dem Längst­le­ben­den als Allein­er­ben über­tra­gen wer­den soll­te. In einem wei­te­ren Tes­ta­ment vom 21. März 1927 hat­te Moritz Her­mann dann die Immo­bi­lie sei­nen bei­den Nich­ten Fri­da und Ida Kahn ver­macht.[11]

Wie­so er das Haus in der Quer­stra­ße aus­schließ­lich sei­nen bei­den Nich­ten ver­erb­te und deren Geschwis­ter – ande­re Nef­fen und Nich­ten gab es nicht – kei­nen Anteil erhiel­ten, muss offen blei­ben. Der Grund mag aber dar­in zu suchen sein, dass die ande­ren Schwes­tern inzwi­schen ver­hei­ra­tet und ver­sorgt waren. Die bei­den Brü­der Otto und Robert waren durch die Nutz­nie­ßung des Geschäfts gesi­chert und Adolph hat­te durch sein Jura­stu­di­um eben­falls eine beruf­li­che Kar­rie­re in Aus­sicht, die ihn vor finan­zi­el­ler Not bewah­ren wür­de. Zwar gehör­ten auch Fri­da und Ida zur Erben­ge­mein­schaft, die die Eigen­tums­rech­te an der Immo­bi­lie der Fami­lie Kahn in der Dotz­hei­mer Str. 6 besaß, wohin Dani­el Kahn mit dem Geschäft ver­zo­gen war, aber ein eige­nes Haus­grund­stück ver­sprach in jedem Fall ein höhe­res Maß an Sicher­heit für die bei­den noch allein­ste­hen­den Frau­en. Lebens­mit­tel­punkt der Fami­lie Kahn blieb jedoch die Dotz­hei­mer Str. 6. Dort wohn­te sie spä­tes­tens seit 1910.[12] Auch Fri­da hat in all den Jah­ren dort gelebt und den Haus­halt geführt. In das Haus in der Quer­str. 6, das ihr zwar zur Hälf­te gehör­te, war sie selbst nie eingezogen.

Frida Kahn

Fri­da hat­te kei­nen Beruf erlernt, war öko­no­misch aber über die Fami­lie abge­si­chert und hat­te  im Lau­fe der Jah­re zudem auch per­sön­lich ein, wenn auch beschei­de­nes Ver­mö­gen ange­spart. Als der NS-Staat in Vor­be­rei­tung auf den gro­ßen Raub­zug an den Juden 1938 von die­sen eine Auf­stel­lung der jeweils vor­han­de­nen Ver­mö­gens­wer­te nach Stand 27. April 1938 ver­lang­te, gab sie dem Finanz­amt umfas­send Aus­kunft. Der größ­te Teil bestand aller­dings in Immo­bi­li­en­wer­ten, die zu glei­chen Tei­len zwi­schen den Geschwis­tern auf­ge­teilt waren.[13] Abge­se­hen von Robert, auf den ein um etwa 50 Pro­zent grö­ße­rer Anteil ent­fiel, betrug der der übri­gen jeweils 2.000 RM. Dar­in ent­hal­ten waren neben dem Anteil am Haus Dotz­hei­mer­str. 6, für das ins­ge­samt ein Wert von 17.000 RM ange­setzt wor­den war, eini­ge Äcker und das Betriebs­ge­län­de in der Bahn­hofstr. 24. Für Fri­da kamen noch eine Dar­le­hens­for­de­rung von 450 RM an die Fir­ma ‚Gebr. Kahn’ und der Anteil am Haus in der Quer­str. 6 in Höhe von 4.000 RM hin­zu. Des Wei­te­ren besaß sie ein Akti­en­pa­ket, des­sen Kurs­wert sei­ner­zeit etwa 5.000 RM betrug.[14] Wie ihre Geschwis­ter gehör­te auch sie zu den Begüns­tig­ten der Erb­schaft des am 15. Sep­tem­ber 1935 in den USA ver­stor­be­nen Juli­us Fei­bel­mann, eines Bru­ders der Mut­ter Emma. Auf Fri­da soll­te von der ins­ge­samt auf 160.000 RM geschätz­ten Erb­mas­se – wie für alle Kahn-Erben – ein 48stel, d.h. etwa 3.000 RM, ent­fal­len.[15] Im Dezem­ber 1938 leg­te Fri­da Kahn dem Finanz­amt aller­dings eine kor­ri­gier­te Wert­schät­zung ihres Ver­mö­gens vor, in der das Haus in der Quer­stra­ße mit nur noch 6.000 RM statt der bis­he­ri­gen 8.000 RM ver­an­schlagt wur­de, in der zudem die Erwar­tung auf das ame­ri­ka­ni­sche Erbe auf 2.000 RM redu­ziert und auch der Akti­en­be­sitz durch Ver­kauf und Kurs­ver­lus­te leicht gemin­dert war.[16] Die auf die­sen Anga­ben beru­hen­de Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be betrug bei dem damals fest­ge­stell­ten Gesamt­ver­mö­gen von rund 14.000 RM ins­ge­samt 2.800 RM. Sie soll­te in vier Raten mit je 700 RM begli­chen wer­den.[17]

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be für Fri­da Kahn
HHStAW 685 346a (12)

Zwi­schen der ers­ten Abga­be des Ver­mö­gens­ver­zeich­nis­ses im Som­mer 1938 und der Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be hat­te sich die Lebens­si­tua­ti­on für Fri­da Kahn und ihre Geschwis­ter grund­le­gend ver­än­dert. Das Geschäft, durch Dro­hun­gen und Boy­kott im Nie­der­gang begrif­fen, war unmit­tel­bar vor dem Novem­ber­po­grom liqui­diert wor­den. Das Haus in der Dotz­hei­mer Str. 6 hat­te man auch in der Hoff­nung, Deutsch­land so bald wie mög­lich ver­las­sen zu kön­nen, für 17.000 RM an Frau Hirth, eine Mie­te­rin, ver­kauft.[18] Und im Gefol­ge des Pogroms sah man sich nicht nur mit den finan­zi­el­len For­de­run­gen der Finanz­be­hör­den kon­fron­tiert, son­dern Fri­das Brü­der Otto und Adolph waren auch ver­haf­tet und in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald bzw. Dach­au ein­ge­lie­fert wor­den. Von den Gewalt- und Zer­stö­rungs­ak­tio­nen war auch das Haus der Kahns und damit auch Fri­da unmit­tel­bar betrof­fen. Man hat­te nicht nur den Betrieb in der Bahn­hof­stra­ße in Brand gesetzt, son­dern auch das Mobi­li­ar und ande­re Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de in der Dotz­hei­mer Str. 6 und in der Wil­helm­str. 44, wo Otto Kahn mit sei­ner Fami­lie inzwi­schen wohn­te, demoliert.

Nur weni­ge Wochen nach dem Pogrom ver­ließ Fri­da Kahn ihren Hei­mat­ort Schier­stein und zog in die Wies­ba­de­ner Innen­stadt. Sicher hat­ten dabei auch die Ereig­nis­se vom Novem­ber eine Rol­le gespielt. Aller­dings waren ihre ande­ren Geschwis­ter trotz des gegen sie gerich­te­ten Ter­rors in Schier­stein geblie­ben. Eine wohl ent­schei­den­de Rol­le spielt die Tat­sa­che, dass der Haus­halt in der Dotz­hei­mer Str. 6 nach dem Ver­kauf des Hau­ses auf­ge­löst wer­den muss­te und Robert mit der Mut­ter eine Woh­nung bei Arthur Katz in der Wil­helm­str. 44 in Schier­stein bezog, wo der Bru­der Otto mit sei­ner Fami­lie bereits wohn­te. Für die Schwes­ter wird es dort ver­mut­lich kei­nen Platz mehr gege­ben haben. Am 30. Janu­ar 1939 mel­de­te sich Fri­da Kahn bei der Poli­zei als Mie­te­rin im Haus des jüdi­schen Arz­tes Dr. Edu­ard Laser in der Lang­gas­se 20 an, wo sie im zwei­ten Stock­werk ein Zim­mer bezog.[19] Auf wel­chem Weg der Miet­ver­trag zustan­de gekom­men war, ob durch eige­ne Initia­ti­ve oder die Ver­mitt­lung des Woh­nungs­amts, ist nicht bekannt, aber eine förm­li­che Ein­wei­sung auf Druck der NSDAP muss zu die­sem Zeit­punkt als eher unwahr­schein­lich ange­se­hen werden.

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Umzug von Fri­da Kahn in die Wies­ba­de­ner Lang­gas­se 20
HHStAW 685 346 (13)

Ver­mut­lich war sie davon aus­ge­gan­gen, dass ihr Auf­ent­halt in der Lang­gas­se nur von kur­zer Dau­er sein wür­de, da sie, wie auch ihre Geschwis­ter, eigent­lich geplant hat­ten, Deutsch­land so bald wie mög­lich zu ver­las­sen. Die bereits erwähn­te ame­ri­ka­ni­sche Erb­schaft schien die nöti­gen finan­zi­el­len Mit­tel für einen sol­chen Schritt bereitzustellen.

In einem Brief vom 3. Mai 1939 an die Devi­sen­stel­le teil­te sie die­ser ihre Aus­wan­de­rungs­ab­sich­ten mit und bat dar­um, ihr die etwa 1.000 Dol­lar aus der Erb­schaft frei­zu­ge­ben, um „im Aus­lan­de, bei mei­ner Not­la­ge, mir eine beschei­de­ne Exis­tenz auf­zu­bau­en“.[20]

Und tat­säch­lich war Fri­da Kahn trotz des nomi­nal rela­tiv gro­ßen Ver­mö­gens inzwi­schen in eine finan­zi­el­le Not­la­ge gera­ten, denn der weit­aus größ­te Teil bestand in nicht liqui­den Antei­len an Häu­sern und Grund­stü­cken. Nach­dem sie die ers­te Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be gezahlt hat­te, wand­te sie sich im Janu­ar 1939, unmit­tel­bar vor ihrem Umzug, an das Finanz­amt Wies­ba­den und bat dar­um, ihr die drei wei­te­ren Raten zu erlas­sen. Sie wäre, „falls mir die Zah­lung nicht erlas­sen wür­de, in abseh­ba­rer Zeit der Wohl­fahrt voll­stän­dig über­las­sen.“ Man hat­te sie dar­auf­hin vor­ge­la­den und nach Dar­le­gung der gül­ti­gen „Rechts­la­ge“ sie dazu ver­an­lasst, ihren Antrag wie­der zurück­zu­zie­hen.[21] Nicht klar ist, ob die „wegen Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be“ vor­ge­nom­me­ne Abtre­tung von Hypo­the­ken­for­de­run­gen der Erben­ge­mein­schaft Kahn in Höhe von etwa 1.500 RM „zum Zwe­cke der Zah­lung“ sich auf ihre eige­nen Ver­pflich­tun­gen oder die der Fami­lie bezog.[22]

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Zah­lung der “Süh­ne­leis­tung“
HHStAW 685 346 a (18)

Ver­mut­lich ist letz­te­res der Fall, denn sie selbst teil­te am 1. März 1939 dem Finanz­amt mit, dass sie über die Nas­saui­sche Lan­des­bank Wert­pa­pie­re ver­kauft habe, womit ein noch offe­ner Betrag von 26,60 RM aus der ers­ten Rate begli­chen, zudem je 700 RM für die zwei­te und drit­te Rate und ein Rest­be­trag für die vier­te Rate zur Ver­fü­gung gestellt wer­de.[23]
Als dann im Novem­ber 1939 eine zusätz­li­che 5. Rate gefor­dert wur­de, bat sie erneut mit einem aus­führ­li­chen Schrei­ben das Amt, von der Mög­lich­keit Gebrauch zu machen, in Här­te­fäl­len auf die­se zusätz­li­che For­de­rung zu ver­zich­ten. Nicht nur sei ihr Ver­mö­gen erheb­lich zusam­men­ge­schrumpft, es betra­ge nur noch 7.700 RM und wür­de damit deut­lich unter der ursprüng­lich fest­ge­leg­ten Besteue­rungs­gren­ze von 10.000 RM lie­gen, son­dern von die­sem Geld sei­en nur 2.200 RM für sie real greif­bar. Nach der Aus­wan­de­rung ihres Bru­ders Robert sei sie zudem völ­lig auf sich allein gestellt und müs­se mit dem noch vor­han­de­nen Geld bis zu ihrer eige­nen Aus­rei­se leben kön­nen. Da sie eine sehr hohe Regis­trie­rungs­num­mer vom ame­ri­ka­ni­schen Kon­su­lat erhal­ten habe – Num­mer 50 224 – kön­ne ihre Emi­gra­ti­on – so ver­mu­te­te sie selbst eher resi­gniert – wohl erst in meh­re­ren Jah­ren erfol­gen.[24] Ver­mut­lich glaub­te sie damals selbst nicht mehr an einen sol­chen Ausweg.

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Fri­da Kahn bit­tet ver­geb­lich um Erlass der 5. Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be
HHStAW 685 346 a (21)

Der Sach­be­ar­bei­ter beim Finanz­amt blieb auch dies­mal hart. Unab­hän­gig davon, ob das ursprüng­li­che Ver­mö­gen sich ver­min­dert habe und für Fri­da Kahn greif­bar sei, bestand er dar­auf, dass die Berech­nungs­grund­la­ge wei­ter­hin 11.600 RM betra­ge. „Den Antrag der Jüdin Fri­da Sara Kahn, Wies­ba­den – Lang­gas­se 20/​22 habe ich nach Prü­fung der Ver­hält­nis­se als unbe­grün­det abge­lehnt“, beschied er knapp auf der Rück­sei­te ihres Antrags.

Aus der Ver­mö­gens­er­klä­rung des Jah­res 1940 geht her­vor, dass sie jetzt tat­säch­lich nur noch ein Ver­mö­gen von weni­ger als 7.000 RM besaß, auch des­halb, weil der Ein­heits­wert des Hau­ses in der Quer­str. 6 inzwi­schen noch wei­ter nach unten kor­ri­giert und von ursprüng­lich 8.000 RM, dann 6.000 RM nun auf 4.720 RM her­un­ter­ge­setzt wor­den war, Fri­da Kahns Anteil somit nur noch 2.360 RM betrug.[25] Unmit­tel­bar ver­füg­ba­res Geld besaß sie eigent­lich nicht. Der völ­lig offe­ne Erb­an­spruch aus dem ame­ri­ka­ni­schen Ver­mächt­nis stell­te in dem Gesamt­be­trag von 6.700 RM mit 2.500 RM noch den größ­ten Teil dar, gefolgt von dem eben­falls nicht nutz­ba­ren Wert des Haus­an­teils. Da auch der Anspruch aus der Hypo­thek von 530 RM nicht ohne wei­te­res in Geld umzu­wan­deln war, blie­ben allein die noch vor­han­de­nen Wert­pa­pie­re von 1.400 RM, die sie hät­te flüs­sig machen kön­nen, um ihre Kos­ten zu decken.[26] Die Auf­stel­lung von Ver­mö­gen und Auf­wen­dun­gen hat­te sie der Devi­sen­stel­le über­mit­teln müs­sen, weil die inzwi­schen eben­falls in die USA aus­ge­reis­te Tan­te Kla­ra Fei­bel­mann, die Wit­we ihres Onkels Albert, ihr 300 RM geschenkt hat­te, um ihre pre­kä­re finan­zi­el­le Lage wenigs­tens ein wenig zu ver­bes­sern. Das Geld durf­te sie aber erst in Emp­fang neh­men, nach­dem sie ein gesi­cher­tes Kon­to ein­ge­rich­tet hat­te.[27] Am 28. Febru­ar 1940 wur­de in die­sem Zusam­men­hang eine soge­nann­te „Juden­si­che­rungs­map­pe“ unter dem Akten­zei­chen JS 4113 ange­legt, und ihr ein Frei­be­trag von 300 RM zuge­stan­den. Soviel durf­te sie ohne wei­te­re Ver­wen­dungs­nach­wei­se von die­sem gesi­cher­ten Kon­to zukünf­tig abhe­ben.[28] Ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten bezif­fer­te sie damals auf 280 RM, wobei allein die Mie­te mit 90 RM zu Buche schlug. Als eige­nes Ein­kom­men hat­te sie für 1940 einen Betrag von ins­ge­samt 345 RM ange­ge­ben, hat­te dann aber die­se Anga­be weni­ge Tage spä­ter auf 545 RM kor­ri­giert. Woher die­se Sum­me kam oder kom­men soll­te, ist nicht klar. Es könn­te sich um die Ver­zin­sung der Wert­pa­pie­re han­deln, viel­leicht konn­te sie aber auch mit Hand­ar­bei­ten, bei denen sie, wie sie in einem Brief erwähn­te,[29] sehr geschickt war, eini­ge klei­ne Ein­künf­te erzie­len. Mög­li­cher­wei­se hat­te sie aber auch im Haus­halt ihres Ver­mie­ters eine Ver­dienst­mög­lich­keit gefunden.

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser21)
Fri­da Kahn mel­det der Devi­sen­stel­le ihre Tätig­keit als Zwangs­ar­bei­te­rin
HHStAW 519/​3 3272 (12)

Erst im fol­gen­den Jahr las­sen sich in den Unter­la­gen der Devi­sen­stel­le Bele­ge für eine Anstel­lung fin­den, der sie seit dem 27. Sep­tem­ber 1941 nach­ging. Aller­dings han­del­te es sich selbst­ver­ständ­lich nicht um eine nor­ma­le Beschäf­ti­gung, son­dern – wie Fri­da Kahn sich aus­drück­te – um einen „Arbeits­ein­satz“, sprich Zwangs­ar­beit. Dies ergibt sich auch aus dem äußerst kar­gen Lohn von 38 Pfg., den ihr die Bie­bri­cher Fir­ma Rasche & Co. pro Stun­de zahl­te.[30] Zwar durf­te sie den wöchent­li­chen Net­to­lohn von etwa 14–15 RM in bar ent­ge­gen­neh­men, dafür wur­de ihr aber sofort der monat­li­che Frei­be­trag auf 240 RM gekürzt.[31]

Im Jahr 1941 hat­te Fri­da Kahn ver­sucht, ihren Haus­an­teil an der Quer­str. 6 zu ver­kau­fen.[32] Dabei wird es ihr aber kaum dar­um gegan­gen sein, ihre liqui­den Mit­tel zu ver­grö­ßern, denn als Käu­fer war ihr Schwa­ger Karl Weh­nert, der Ehe­mann ihrer Schwes­ter Ida, vor­ge­se­hen. Geld war da kaum zu erwar­ten. Auch wer­den die ursprüng­li­chen Aus­wan­de­rungs­ab­sich­ten zu die­sem Zeit­punkt kaum noch eine Rol­le gespielt haben. Ver­mut­lich ging es ihr bei die­sem Ver­kauf noch ein­zig dar­um, das Haus durch die Ver­äu­ße­rung in ari­sche Hän­de vor dem Zugriff des NS-Staa­tes zu bewah­ren. Am 25. April 1941 erhielt sie die Mit­tei­lung, dass der bereits voll­zo­ge­ne Ver­kauf vom Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Wies­ba­den nicht geneh­migt wor­den sei und die bereits gezahl­te Grund­er­werbs­steu­er von 125 RM zurück­er­stat­tet wer­den wür­de.[33] Grün­de wur­den dafür nicht ange­ge­ben, aber man kann sicher davon aus­ge­hen, dass man die Absicht der Kauf­part­ner durch­schau­te und sie durch­kreu­zen wollte.

Am 21. April 1942 ver­lang­te die Devi­sen­stel­le erneut Infor­ma­tio­nen über ihre gegen­wär­ti­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten. Die­se betru­gen jetzt nur noch 125 RM, hat­ten sich also seit der letz­ten Auf­stel­lung mehr als hal­biert. Der Grund ist sicher zum einen dar­in zu suchen, dass sie über mehr Geld nicht ver­füg­te, aller­dings hat­ten sich auch die Miet­kos­ten, die zuvor mit 90 RM ange­ge­ben waren, auf 36 RM redu­ziert. Zwar ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die Mie­te ange­sichts der Lage sei­ner Mit­be­woh­ner von Dr. Laser her­un­ter­ge­setzt wor­den war, der wahr­schein­li­che­re Grund ist aber dar­in zu suchen, dass inzwi­schen wei­te­re Mie­ter hin­zu­ge­kom­men waren, die sich nun die Räu­me und damit auch die Miet­kos­ten tei­len muss­ten bzw. konn­ten. Das Ehe­paar Georg und Mar­ga­re­the Gold­stein war bereits etwa eine Woche vor Fri­da Kahn in die Lang­gas­se gezo­gen, kann also die gesun­ke­ne Mie­te nicht ver­ur­sacht haben. Die wei­te­ren Mit­be­woh­ner Eli­se Baer und Augus­te Herz kamen dage­gen erst im Mai 1941 in die Woh­nung im zwei­ten Stock der Lang­gas­se 20. Min­des­tens mit einer der bei­den allein­ste­hen­den Frau­en wird sich Fri­da Kahn ihr Zim­mer von da an geteilt haben müs­sen.[34]
Aus der Auf­stel­lung geht auch her­vor, dass Fri­da Kahn wei­ter­hin als Zwangs­ar­bei­te­rin tätig gewe­sen zu sein scheint. Ob es sich noch um die glei­che Fir­ma han­del­te, lässt sich dar­aus nicht ent­neh­men. Aber ein Betrag von monat­lich 9 RM war dar­in für Fahrt­kos­ten zur Arbeits­stät­te ange­ge­ben.[35] Auch wur­de ihr in dem dar­auf­fol­gen­den Siche­rungs­be­scheid vom 30. April 1942 erneut die Ent­ge­gen­nah­me des Lohns in bar erlaubt, zugleich aber ihr Frei­be­trag erneut gesenkt, dies­mal auf nur noch 70 RM.[36]

Es blieb ihr ohne­hin nur noch eine knap­pe Lebens­zeit von sechs Wochen. Ihr Name stand auf der Lis­te der­je­ni­gen, die am 10. Juni 1942 depor­tiert wur­den. Etwa 370 Men­schen waren an die­sem Tag nach Frank­furt gebracht wor­den, wo der Zug am 11. Juni sei­ne Fahrt nach Lub­lin auf­nahm. Ein zah­len­mä­ßig nur vage bestimm­ba­rer Teil – etwa 190 bis 250 arbeits­fä­hi­ge Män­ner – wur­de dort zum Auf­bau des Lagers Maj­da­nek abkom­man­diert. Die ver­blie­be­nen Insas­sen brach­te man ver­mut­lich in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor, wo sie unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft ermor­det wur­den.[37]

Wie­der­um vier Wochen spä­ter wur­de ihr rest­li­ches Ver­mö­gen – ver­mut­lich war kaum noch mehr da als ihr Anteil am Haus in der Quer­stra­ße – vom Deut­schen Reich kon­fis­ziert.[38] Auf Anfor­de­rung des Finanz­amts Wies­ba­den vom 24. August 1944 wur­de am 7. Sep­tem­ber 1944 die ent­spre­chen­de Kor­rek­tur im Grund­buch vor­ge­nom­men. Der hal­be Haus­an­teil gelang­te damit in den Besitz des Reichs­fis­kus und wur­de vom Finanz­amt Wies­ba­den ver­wal­tet.[39]

 Ida Wehnert, geborene Kahn

Sehr viel weni­ger als über Fri­da ist über ihre jün­ge­re Schwes­ter Ida bekannt, der Mit­ei­gen­tü­me­rin am Haus in der Quer­stra­ße. Sie war am 10. April 1895 als vier­tes Kind von Dani­el und Emma Kahn in Schier­stein gebo­ren wor­den, hat­te – wie dem Geburts­ein­trag zu ent­neh­men ist – ihren Vor­na­men aber erst knapp zwei Wochen nach der Geburt erhal­ten.[40] Über ihre schu­li­sche und beruf­li­che Aus­bil­dung lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Aller­dings erwähnt ihr Vater in einem Brief aus dem Jahr 1920 an das Wies­ba­de­ner Finanz­amt, dass neben ande­ren sei­ner Kin­der auch Ida, die damals schon 25 Jah­re alt war, in sei­nem Geschäft tätig sei, aber kein eige­nes Ein­kom­men bezö­ge.[41] Mög­li­cher­wei­se blieb sie auch in den fol­gen­den Jah­ren im elter­li­chen Betrieb beschäf­tigt und trat erst aus, nach­dem sie am 6. März 1933 eine Ehe ein­ge­gan­gen war.[42] Ihr Ehe­mann war der am 5. Sep­tem­ber 1892 in Kehl am Rhein gebo­re­ne und evan­ge­lisch getauf­te Karl Kon­rad Weh­nert, von Beruf Dre­her.[43] Er hat­te im Ers­ten Welt­krieg – so sei­ne Frau – „den Krieg in Tsingtau mit­ge­macht und (war) erst spät nach Been­di­gung des­sel­ben in die Hei­mat zurück­ge­kehrt.“[44] Bei den Kämp­fen um die ehe­ma­li­ge deut­sche Kolo­nie hat­ten die dort sta­tio­nier­ten deut­schen Trup­pen ver­geb­lich ver­sucht, die japa­ni­schen Angrif­fe abzu­weh­ren. Nach ihrer Kapi­tu­la­ti­on im Novem­ber 1914 geriet wohl auch Karl Weh­nert in japa­ni­sche Gefan­gen­schaft. Erst 1920 wur­den die letz­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen aus den ver­schie­de­nen Lagern auf japa­ni­schem Boden ent­las­sen. Ver­mut­lich war er schon bei den Kämp­fen selbst  ver­wun­det wor­den und hat­te sein Gehör nach Anga­be von Ida Weh­nert weit­ge­hend verloren.

Seit 1921, so die Aus­sa­ge eines Zeu­gen im spä­te­ren Spruch­kam­mer­ver­fah­ren gegen den Schier­stei­ner Orts­grup­pen­lei­ter Rudolf Daus­ter, habe er mit Karl Weh­nert bei der Fir­ma Kal­le zusam­men­ge­ar­bei­tet.[45] Offen­bar war die­ser bald nach sei­ner Rück­kehr aus der Gefan­gen­schaft nach Schier­stein gekom­men, wo dann aller­dings erst sehr viel spä­ter die Ehe mit Ida Kahn zustan­de kam.

Wann das Paar in die Quer­str. 6 zog, ist nicht genau zu sagen. Erst­mals sind sie im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1936/​37 mit die­ser Adres­se auf­ge­führt, aber im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 ist Ida Weh­nert als jüdi­sche Ehe­frau mit die­ser Adres­se schon zu fin­den. Viel­leicht waren sie aber bereits unmit­tel­bar nach dem Tod von Moritz Her­mann dort eingezogen.

Es lie­gen auch kei­ne Infor­ma­tio­nen dar­über vor, inwie­weit das Haus bei dem Novem­ber­po­grom betrof­fen war. In den Ermitt­lungs­ak­ten gegen die bei­den Haupt­tä­ter ist es nicht erwähnt. Offen­sicht­lich war auch Ida Weh­nert nicht zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be her­an­ge­zo­gen wor­den. Zumin­dest lie­ßen sich im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren kei­ne Bele­ge für eine sol­che steu­er­li­che Son­der­leis­tung fin­den.[46]

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Zunächst plan­te Ida Weh­nert kei­ne Aus­wan­de­rung aus Deutsch­land
HHStAW 519/​3 12272 (34)

Aller­dings hat­ten die Antrag­stel­ler eine sol­che Zah­lung ver­mu­tet, und es ist trotz feh­len­der Bele­ge nicht von der Hand zu wei­sen, dass zumin­dest Ida Kahn über ein ähn­lich gro­ßes Ver­mö­gen ver­fügt haben muss, wie ihre Schwes­ter Fri­da, da auch sie, neben dem Haus in der Quer­stra­ße, der Erben­ge­mein­schaft ange­hör­te, der die übri­gen Gebäu­de und Län­de­rei­en der Fami­lie Kahn gehör­ten. Auch stand ihr der 48ste Teil der ame­ri­ka­ni­schen Fei­bel­mann-Erb­schaft zu. Aller­dings hat­te sie 1939, als die Fra­ge anstand, ob die Geschwis­ter im Hin­blick auf eine geplan­te Aus­wan­de­rung auf den Nach­lass ange­wie­sen sei­en, noch geant­wor­tet, dass sie eine sol­che zur­zeit nicht pla­ne, weil ihr Mann noch in einem fes­ten Arbeits­ver­hält­nis ste­he. Da ein sol­cher Schritt aber zukünf­tig nicht aus­ge­schlos­sen sei und ihr Mann auf­grund sei­ner Kriegs­ver­let­zung im Aus­land nur schwer eine neue Exis­tenz auf­bau­en kön­ne, erhe­be sie eben­falls Anspruch auf ihren Nach­las­s­an­teil.[47] Weder sie, noch ihre Schwes­ter gelang­ten jedoch an die­ses Geld, da die ame­ri­ka­ni­schen Nach­lass­ver­wal­ter nicht bereit waren, den größ­ten Teil der Devi­sen dem deut­schen Staat zu über­las­sen, wie die­ser gefor­dert hat­te.[48]

Ohne die­ses Geld war die Aus­wan­de­rung nicht zu bewerk­stel­li­gen und Ida Kahn, obwohl ver­meint­lich durch ihre Ehe mit einem Ari­er geschützt, letzt­lich auch der Ver­nich­tung preis­ge­ge­ben. Schon lan­ge, aber ver­schärft seit 1938, hat­te zudem der Orts­grup­pen­lei­ter (OGL) von Schier­stein, Rudolf Daus­ter, laut ver­schie­de­ner Zeu­gen­aus­sa­gen in sei­nem spä­te­ren Spruch­kam­mer­ver­fah­ren dem Ehe­paar Weh­nert das Leben „zur Höl­le“ gemacht.[49] Daus­ter saß damals bereits wegen Rädels­füh­rer­schaft bei dem Novem­ber­po­grom in Schier­stein in Haft. In der Kla­ge­schrift heißt es, dass er, NSDAP-Mit­glied seit dem 1. Sep­tem­ber 1930, sich „als über­zeug­ter Anhän­ger der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft, ins­be­son­de­re ihrer Ras­sen­leh­re erwie­sen“ habe: „Durch sein schar­fes Vor­ge­hen wur­de die Bevöl­ke­rung ein­ge­schüch­tert, bes­ser gesagt, mund­tot gemacht und dadurch wie­der­um wur­de die Gewalt­herr­schaft der NSDAP wesent­lich geför­dert.“[50]

Zu den Opfern die­ses stren­gen Regi­ments des OGL gehör­te nicht zuletzt auch das Ehe­paar Weh­nert. Offen­bar hat­te eine Nach­ba­rin in der Quer­stra­ße Daus­ter immer wie­der die not­wen­di­gen denun­zia­to­ri­schen Infor­ma­tio­nen gelie­fert, wobei aller­dings in dem Ver­fah­ren unklar blieb, wel­che Moti­ve sie gehabt haben könn­te. Daus­ter soll Karl Weh­nert in den Jah­ren der NS-Herr­schaft immer wie­der bedrängt haben, sich von sei­ner jüdi­schen Frau schei­den zu las­sen. Wenn er die­ser For­de­rung nicht nach­kä­me, hät­te er die ent­spre­chen­den Fol­gen zu tra­gen. Gemeint war der Ver­lust des Arbeits­plat­zes, den er inzwi­schen seit 25 Jah­ren zur vol­len Zufrie­den­heit sei­nes Arbeit­ge­bers aus­ge­übt hat­te. „Auch hier hat W[ehnert] bei mir als Ver­tre­ter des zustän­di­gen Lei­ters der tech­ni­schen Werk­stät­ten, Herr Ober-Ing. Mül­ler, Schutz gesucht. W[ehnert], der mit trä­nen­den Augen und voll­kom­men erschöpft in der Haupt­werk­statt der Fir­ma Kal­le & Co. vor mir stand, wuß­te nicht mehr, was er noch machen soll­te.“[51]
Ein­mal soll er sogar in die NSDAP-Orts­grup­pe ein­be­stellt wor­den sein, wo man ihn dann vor die Alter­na­ti­ve gestellt habe, „wenn er die Kraft und den Mut nicht fin­den wür­de, sich schei­den zu las­sen, dann sol­le er sich selbst erschie­ßen“.[52] Die Drang­sa­lie­run­gen gin­gen noch wei­ter. Auf Daus­ters Ver­an­las­sung wur­de es loka­len Geschäf­ten, u. a. Bäcke­rei­en, ver­bo­ten, dem „Juden­ge­s­in­del“ wei­ter­hin Lebens­mit­tel zu ver­kau­fen. Die­se muss­te sich Karl Weh­nert, der öfter im Außen­dienst arbei­te­te, dann von aus­wärts besor­gen. In der Dun­kel­heit brach­te er sie dann ins Haus – blieb dabei aller­dings nicht unbe­ob­ach­tet. Es war wohl wie­der die Nach­ba­rin, die den Orts­grup­pen­lei­ter davon unter­rich­te­te und ihn als „Hams­te­rer“ denun­zier­te. Als sich wie­der ein­mal die Gele­gen­heit bot, soll Daus­ter den zustän­di­gen Zel­len­wart beauf­tragt haben, zu Weh­nerts zu gehen, die Lebens­mit­tel zu kon­fis­zie­ren und sie zum Rat­haus zu brin­gen. Damals wur­de Weh­nerts oben­drein eine Stra­fe von 1.000 RM auf­er­legt. [53]

Man kann sich nur vage vor­stel­len, wie sehr Karl und Ida Weh­nert unter die­sen stän­di­gen Repres­sa­li­en und Anfein­dun­gen gelit­ten haben müs­sen. Offen­bar hat­te Ida sich schon längst mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt, wie sie sich die­ser uner­träg­li­chen Situa­ti­on ent­zie­hen kön­ne. Zwar war sie bei allen gro­ßen Depor­ta­tio­nen des Jah­res 1942 ver­schont geblie­ben, aber vie­le ihrer Ver­wand­ten und Bekann­ten waren inzwi­schen „eva­ku­iert“ wor­den. Inzwi­schen, spä­tes­tens seit März 1943, gewähr­te auch ihr recht­li­cher Sta­tus als Part­ne­rin in einer Misch­ehe fak­tisch kei­nen Schutz mehr vor der Depor­ta­ti­on, selbst dann nicht, wenn der ari­sche Part­ner noch am Leben war. Seit dem Früh­jahr waren immer wie­der klei­ne­re Trans­por­te mit sol­chen for­mal noch geschütz­ten Ehe­part­nern von Wies­ba­den aus in ver­schie­de­ne KZs anbe­raumt wor­den. Als Ida Weh­nert im Früh­herbst 1943 auf das Wies­ba­de­ner Poli­zei­prä­si­di­um ein­be­stellt wur­de, wird sie geahnt haben, was das zu bedeu­ten hat­te. Sie fass­te damals den Ent­schluss, der Auf­for­de­rung nicht Fol­ge zu leis­ten, son­dern sich im Rhein das Leben zu neh­men – eine ver­zwei­fel­te, aber zugleich auch letz­te selbst­be­stimm­te Entscheidung.
Der Ver­such schei­ter­te. Ida Weh­nert wur­de in Wal­luf an das Ufer gespült und geret­tet. Ein Cou­sin von Karl Weh­nert gab im Spruch­kam­mer­ver­fah­ren zu Pro­to­koll, dass Daus­ter sich damals mit den Wor­ten „An die­sem Wei­be könn­te ihm nichts mehr lie­gen!“ wei­ger­te, einen Kran­ken­wa­gen für den Trans­port der Geret­te­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len. Ihr Mann muss­te sie mit einem Lei­ter­wa­gen in Wal­lau abho­len und unter dem Gespött der Schier­stei­ner Bür­ger zum Rat­haus brin­gen. Von dort wur­de sie dann in die Städ­ti­schen Kli­ni­ken trans­por­tiert.[54]

Frida Kahn, Daniel Kahn, Ida Kahn, Ida Wehnert, Karl Wehnert, Schierstein, Wiesbaden, Judenhaus, Querstr. 6, Judenhäuser
Depor­ta­ti­ons­buch­hal­tung der Stadt Wies­ba­den
Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI /​ 2 2225

Ihren Hei­mat­ort, in dem man ihr so Schreck­li­ches ange­tan hat­te, sah sie nie mehr wie­der. Am 8. Sep­tem­ber 1943 wur­de sie unmit­tel­bar vom Kran­ken­haus aus in das Frau­en-Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück über­führt.[55]
Am sel­ben Tag depor­tier­te man auch den eben­falls in einer Misch­ehe leben­den Fried­rich Busch­hoff, aller­dings nach Buchen­wald. Am 15. Sep­tem­ber schick­te man Sieg­fried Hirsch­berg, eben­falls mit einer evan­ge­li­schen Part­ne­rin ver­hei­ra­tet, nach Ausch­witz, und am fol­gen­den Tag waren es sogar sechs jüdi­sche Part­ner aus Misch­ehen, die den Weg nach Ausch­witz antre­ten muss­ten.[56]

Sicher lässt sich Ravens­brück nicht mit Ausch­witz Bir­ken­au oder Maut­hau­sen ver­glei­chen, aber ein Ort des Grau­ens war das Lager den­noch unzwei­fel­haft. Über die Tor­tu­ren, die Ida Weh­nert hier zu ertra­gen hat­te, gibt es kei­ne genau­en Infor­ma­tio­nen. Die meis­ten Insas­sen wur­den zu har­ter Arbeit in der Land­wirt­schaft oder beim Auf­bau des Lagers ver­pflich­tet, seit Kriegs­be­ginn im All­ge­mei­nen 11 Stun­den täg­lich. Auf­grund der seit 1943 sprung­haft anstei­gen­den Ein­lie­fe­rungs­zah­len – zumeist aus ost­eu­ro­päi­schen Län­dern — wur­den immer mehr der gefan­ge­nen Frau­en in Außen­la­ger ver­bracht, wo sie in Rüs­tungs­fir­men ein­ge­setzt wur­den.[57] Ida Weh­nert scheint aber in Ravens­brück geblie­ben zu sein, denn von hier schick­te sie noch am 30. Okto­ber 1944 einen Brief an Ver­wand­te bzw. Bekann­te nach Wies­ba­den. Auf einem der für jede Häft­lings­grup­pe eigens geschaf­fe­nen Brief­for­mu­la­re, auf dem seit Kriegs­be­ginn genau 16 Zei­len zur Ver­fü­gung stan­den und des­sen Inhalt selbst­ver­ständ­lich zen­siert wur­de, durf­ten die gefan­ge­nen Frau­en einen Brief im Monat abschi­cken und emp­fan­gen. Wie dem vor­lie­gen­den Brief zu ent­neh­men ist und was auch durch Häft­lings­be­rich­te bestä­tigt wird, durf­ten die Gefan­ge­nen auch Pake­te erhal­ten und ihre Wün­sche in die­sen Brie­fen den Kon­takt­per­so­nen außer­halb mitteilen.
Der Brief lässt nur erah­nen, in wel­cher aus­weg­lo­sen Situa­ti­on sie sich damals befand, zumal ein wei­te­rer Schick­sals­schlag in dem Brief ange­spro­chen wird:

„Lie­be Elisabeth,
als Dein Brief kam war ich schon von ande­ren Leu­ten von dem schwe­ren Schick­sal, was mich betrof­fen hat, unter­rich­tet. Für Dei­ne Teil­nah­me herzl. Dank. Mit Dei­nem Vor­schlag betreff’s Dei­ner Mut­ter bin ein­ver­stan­den. Ich bit­te die Mie­te für mich zu ver­wen­den mir wei­ter Pake­te zu schi­cken. Aus mei­nen Sachen, 1 Hemd, 1 Schlüp­fer 2 p. Strümp­fe, Nacht­hemd u. Strumpf­gür­tel (neu). Gib mir wei­ter Nach­richt. Ich hof­fe Euch alle gesund u. grü­ße Dich u. klein Ger­trud beson­ders, Eure Ida Wehnert.
Für Frau Kla­ra Gresch. Lie­be Kla­ra, hart u. schwer hat mich das Schick­sal getrof­fen. Das Bes­te wur­de mir genom­men. Wie soll ich auch die­ses noch ertra­gen. Ich dan­ke Ihnen für alles, was Sie an mei­nem gelieb­ten Mann getan haben. Pflegt mir das Grab. Ich bit­te Sie herz­lich, mich nicht zu ver­ges­sen u. mir wei­ter zu schi­cken. Als Andenken las­sen Sie sich das Radio im Hau­se geben. Erwar­te Brief. Grü­ße an alle.
Ida“
[58]

Wor­über man sie infor­miert hat­te, war der Tod ihres Man­nes, der am 19. Sep­tem­ber 1944 in Bie­brich ums Leben kam. Zwar sind die genau­en Umstän­de sei­nes Todes nicht bekannt, aber auf­grund der Anga­ben im Lei­chen­schauschein und im Ster­be­re­gis­ter kann man doch begrün­de­te Ver­mu­tun­gen anstel­len: Der Tag sei­nes Todes war einer der­je­ni­gen im Spät­som­mer 1944, an denen Wies­ba­den zum Ziel alli­ier­ter Bom­ben­an­grif­fe wur­de. Wei­chel schreibt über die Ereig­nis­se an die­sem Septembertag:
“Die Angrif­fe gin­gen schon am 19. Sep­tember wei­ter, nur soll­te es dies­mal wie­der Biebrich tref­fen. Die che­mi­sche Indus­trie in die­sem Stadt­teil war nach Ein­schät­zung der Ame­ri­ka­ner und Bri­ten von kei­ner kriegs­ent­schei­den­den Bedeu­tung. Aber sie stan­den auf der Lis­te poten­ti­el­ler Zie­le, die jede Bom­ber­be­sat­zung mit­führ­te. An die­sem Tag konn­te ein geplan­ter Angriff der 8. ame­ri­ka­ni­schen Bom­ber­flot­te auf Zie­le im Mit­tel­rhein­ge­biet wegen schlech­ter Sicht nicht durch­ge­führt wer­den. Die Flugzeu­ge dreh­ten ab und such­ten in ein­zel­nen Pulks nach Gele­gen­heits­zie­len. Die 452. und 96. Bom­bard­group nah­men Kurs auf die Fir­men Kal­le und Albert, die 34. griff den Flug­platz Erben­heim an. 38 „flie­gen­den Fes­tun­gen” war­fen 99 Ton­nen Spreng­bom­ben über den Fabri­ken ab. Trotz des hef­ti­gen Flak­feu­ers — ein Flug­zeug der 96. wur­de dabei abge­schos­sen — schlu­gen etwa 75% der mit­ge­führ­ten Spreng­bom­ben in das Ziel­ge­biet ein.”.[59]

Karl Weh­nert war tra­gi­scher­wei­se Opfer die­ses Angriffs der Befrei­er gewor­den. Beim Ort, an dem er laut Lei­chen­schauschein ver­starb, han­delt es sich um die dama­li­ge Rhein­str. 44 in Bie­brich, dem Sitz der Fir­ma Kal­le & Albert, wo er seit vie­len Jah­ren eine Anstel­lung hat­te. Schon der Arzt hat­te als Todes­ur­sa­che „tota­le Ver­bren­nung“ notiert, im Ster­be­re­gis­ter ist die­se Aus­sa­ge „durch Luft­an­griff“ ergänzt. Die Todes­mel­dung beim Stan­des­amt erfolg­te damals durch die Kri­mi­nal­po­li­zei. In bei­den Doku­men­ten ist dane­ben aber eine wei­te­re, nicht wirk­lich zu deu­ten­de Todes­ur­sa­che fest­ge­hal­ten: „Genick­schuß“. War die­ser Genick­schuss durch den Angriff der Alli­ier­ten erfolgt, oder war er – was aller­dings kaum vor­stell­bar ist – qua­si eine Art „Gna­den­schuss“, mit dem man dem Schwerst­ver­letz­ten wei­te­res Lei­den erspa­ren woll­te, oder hat­te man am Ende sogar die Gele­gen­heit genutzt, um so ganz neben­bei sich eines „jüdisch ver­sipp­ten Volks­feinds“, des­sen Frau im KZ ein­saß, zu ent­le­di­gen ? Offe­ne Fra­gen, die nicht mehr zu klä­ren sind.

 

Mit dem Tod von Karl Weh­nert und der Inhaf­tie­rung von Ida Weh­nert in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger auf dem Boden des „Alt­reichs“ war für die Behör­den, aber auch für den vom Finanz­amt Wies­ba­den ein­ge­setz­ten Haus­ver­wal­ter Spring, eine recht­lich schwie­ri­ge Situa­ti­on ent­stan­den. Der Haus­ver­wal­ter ver­such­te zwar, die ihm über­tra­ge­ne Auf­ga­be mit Ver­weis auf Arbeits­über­las­tung abzu­weh­ren, denn er erkann­te wohl sehr schnell die Kom­ple­xi­tät die­ses Falls. Der Eigen­tums­an­teil von Fri­da Kahn war zwar ein­ge­zo­gen und auch weni­ge Tage vor dem Tod von Karl Weh­nert im Grund­buch auf das Deut­sche Reich über­tra­gen wor­den, aber wem gehör­te die ande­re Hälf­te? Schon der Umgang mit der ver­blie­be­nen Woh­nungs­ein­rich­tung berei­te­te dem Ver­wal­ter Pro­ble­me. Des­halb schrieb er am 19. Okto­ber 1944 an das Finanz­amt Wies­ba­den: „Ob auch der Erb­las­ser Weh­nert (Karl) Mit­ei­gen­tum an dem Grund­stück hat, konn­te ich in Erman­ge­lung dies­sei­ti­ger Unter­la­gen bis­her noch nicht fest­stel­len. Wie dem auch sei, möch­te ich nicht ver­feh­len, wegen der Räu­mung der Woh­nung-Weh­nert mit Ihnen in Ver­bin­dung zu tre­ten. Da mir nicht bekannt ist, was von dem Haus­rat pp. der Woh­nung im Eigen­tum des Erb­las­sers bezw. im Eigen­tum der Ida Weh­nert geb. Kahn steht, bit­te ich den Räu­mungs­ter­min nicht zu früh anset­zen zu wollen.
Ich bit­te um ange­mes­se­ne Vor­schlä­ge. Tei­len Sie mir bei die­ser Gele­gen­heit auch mit, wel­che Grund­stücks­an­tei­le durch das Finanz­amt als ver­tre­ten gel­ten und wie es hin­sicht­lich der nicht ver­tre­te­nen Antei­le gehand­habt wer­den soll.“
[60]
Das Finanz­amt wand­te sich dar­auf­hin an die Insti­tu­ti­on, von der im NS-Staat am ehes­ten Klä­rung zu erwar­ten war: die Gesta­po. Von ihr erfuhr man, dass eine Kon­fis­ka­ti­on des Anteils von Ida Weh­nert weder nach deren Ver­haf­tung vor­ge­nom­men wor­den war, noch nach dem Tod ihres Man­nes beab­sich­tigt sei. Der Grund dafür ist ver­mut­lich dar­in zu suchen, dass Ida Weh­nert nicht ins Aus­land „abge­scho­ben“ wor­den war, son­dern sich wei­ter­hin im Deut­schen Reich auf­hielt, was eine Ent­eig­nung nur im Rah­men eines indi­vi­du­el­len und lang­wie­ri­gen Ver­fah­rens ermög­licht hät­te.[61]

Querstr. 6, Judenhaus Wiesbaden Schierstein
Brief des Haus­ver­wal­ters Spring an das Finanz­amt Wies­ba­den vom 18.11.1944
HHStAW 519/​2 2168

Etwa einen Monat spä­ter teil­te Spier dem Finanz­amt mit, dass Erben gefun­den sei­en – Namen nennt er nicht –, die in abseh­ba­rer Zeit auch einen Erb­schein erlan­gen wür­den.[62] Es kann sich dabei nur noch um Ver­wand­te von Karl Weh­nert gehan­delt haben, die dann – so kann man dem Brief von Ida Weh­nert ent­neh­men – eigen­stän­dig Mie­ter gefun­den hatten.

Mit der Miet­ein­nah­me soll­ten Pake­te, ver­mut­lich haupt­säch­lich Lebens­mit­tel­pa­ke­te, nach Ravens­brück finan­ziert wer­den. Dies war seit Okto­ber 1942 in unbe­grenz­ter Zahl mög­lich, um so die völ­lig unzu­rei­chen­de Ernäh­rungs­la­ge auf­zu­bes­sern. Auch des­halb blieb die Sterb­lich­keits­quo­te in Ravens­brück in den fol­gen­den Mona­ten im Ver­gleich mit ande­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern rela­tiv nied­rig.[63]

 

Mit der sich abzeich­nen­den Nie­der­la­ge des NS-Staa­tes und dem Vor­marsch der sowje­ti­schen Trup­pen wur­de aber die Situa­ti­on in allen im Osten gele­ge­nen Lagern, trotz der nahen­den Befrei­ung, immer deso­la­ter und für die Insas­sen immer lebens­be­droh­li­cher. Immer­hin konn­ten im April noch etwa 7500 Frau­en, im Beson­de­ren durch die Initia­ti­ve des schwe­di­schen und däni­schen Roten Kreu­zes, eva­ku­iert und geret­tet wer­den. Wei­te­re 2500 Frau­en wur­den im März /​ April noch ent­las­sen. Für die übri­gen bedeu­te­te die Räu­mung des Lagers eine letz­te Kraft­an­stren­gung, die vie­le nicht mehr auf­brin­gen konn­ten. Die Kran­ken und geh­un­fä­hi­gen Frau­en, etwa 3500, ließ man ein­fach zurück. Sie hat­ten das Glück, am 29. /​ 30. April 1945 von der Roten Armee befreit zu werden.

Ida Wehnert, Querstr. Schierstein Judenhaus Wiesbaden
Stol­per­stein für Ida Weh­nert vor ihrem Haus, heu­te Am Grü­nen Baum 9 in Wies­ba­den Schier­stein
Eige­ne Aufnahme

Etwa 20.000 wur­den auf Befehl Himm­lers von Ravens­brück aus auf Todes­mär­sche nach Nord­wes­ten getrie­ben, dar­un­ter auch Ida Weh­nert. Sie erreich­te zwar noch das Lager Ber­gen-Bel­sen, aber zum Über­le­ben fehl­te ihr die Kraft, viel­leicht auch der Wil­le. Sie ver­starb noch dort bzw. in dem zum Orts­teil Ber­gen gehö­ren­den Camp Lohei­de am 2. Juni 1945, nur weni­ge Wochen nach der Befrei­ung.[64]

 

Im Grund­buch waren nach dem Krieg als Eigen­tü­mer des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses der „Reichs­mi­nis­ter der Finan­zen (als Rechts­nach­fol­ge­rin der Frie­da Sara Kahn)“ und noch Ida Weh­nert ein­ge­tra­gen.[65] An Stel­le der Letzt­ge­nann­ten waren nach deren Tod ihre recht­zei­tig in die USA aus­ge­wan­der­ten Erben, die Geschwis­ter Else Som­mer, Adolph Kahn und Robert Kahn, getre­ten. Deren Rück­erstat­tungs­an­trag für die vom Reich kon­fis­zier­te Haus­hälf­te von Fri­da Kahn war am 8. Sep­tem­ber 1949 posi­tiv beschie­den wor­den.[66]

Ver­öf­fent­licht: 10. 04. 2021
Letz­te Revi­si­on: 27. 09. 2023

 

« zurück                              weiter »


Anmer­kun­gen:

[1] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 10 /​ 1933.

[2] Das Juden­haus in der Dotz­hei­mer Str. 15 war aller­dings eben­falls ein Haus, das einem Eigen­tü­mer gehör­te, der in einer Misch­ehe leb­te. Gus­tav Abra­ham war mit der christ­lich getauf­ten Anna Mes­ser­schmidt ver­hei­ra­tet. Aller­dings war in die­sem Fall der aller­dings bereits 1925 ver­stor­be­ne, männ­li­che Part­ner Jude und die Wit­we wohn­te selbst nicht in dem Haus. Sie­he dazu das Kapi­tel über die Fami­lie Abraham.

[3] Geburts­re­gis­ter Schier­stein 37 /​ 1890.

[4] Geburts­re­gis­ter Schier­stein 30 /​ 1895. Wesent­li­che Infor­ma­tio­nen zur gesam­ten Fami­lie Kahn, die auch das Schick­sal von Fri­da und Ida betref­fen, sind im Kapi­tel über Otto Kahn und sei­ne Frau Emi­lie, gebo­re­ne Teutsch, zu fin­den. Zur Fami­lie Teutsch sie­he eben­falls oben das Kapi­tel zum Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11. Das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se hat zudem ein Erin­ne­rungs­blatt für Ida Weh­nert, gebo­re­ne Kahn, ver­öf­fent­licht. Sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​W​e​h​n​e​r​t​-​I​d​a​.​pdf. (Zugriff: 8.4.2021).

[5] Ster­be­re­gis­ter Schier­stein 9 /​ 1901. Die Todes­nach­richt hat­te der ältes­te Sohn Dani­el Kahn dem Stan­des­amt über­bracht. Die Ände­rung der Num­me­rie­rung erfolg­te ver­mut­lich, nach­dem der Zwi­schen­raum zwi­schen dem ers­ten und letz­ten Haus in der klei­nen Stra­ße bebaut wor­den war. Im Grund­buch­ein­trag, HHStAW 519A 891 (12), und im Rück­erstat­tungs­an­trag von 1949, ebd. (2), heißt es aus­drück­lich „Quer­stras­se Nr 2 a jetzt 6, Wies­ba­den – Schier­stein.“ Im Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Ida Weh­nert ist ver­se­hent­lich die frü­he­re Num­mer des Hau­ses mit 3 angegeben.

[6] Hei­rats­re­gis­ter Schier­stein 10 /​ 1894.

[7] HHStAW 519/​2 2168 (o.P.) Ver­merk des Finanz­amts Wies­ba­den vom 30.5.1944.

[8] HHStAW 519A 891 (2).

[9] Ebd. (12). Grund­buch Schier­stein Bd. 10 Bl. 299. Moritz Her­mann war bis zu sei­nem Tod auch Anteils­eig­ner an der OHG Kahn gewesen.

[10] HHStAW 519/​2 2168 (o.P.). Mat­hil­de Her­mann, gebo­ren am 26.9.1867 in Schier­stein, ver­starb dort am 8.7.1922, ihr Mann war am 8.3.1864 in Hel­den­ber­gen gebo­ren wor­den. Sein Tod erfolg­te am 2.8.1932 eben­falls in Schierstein.

[11] Ebd.

[12] In die­sem Jahr, in dem erst­mals im Wies­ba­de­ner Adress­buch die Bewoh­ner Schier­steins auf­ge­führt wur­den, ist Dani­el Kahn mit die­ser Adres­se auf­ge­führt. Die Fir­ma ‚Gebr. Kahn’ war damals bis zum Ende des Ers­ten Welt­kriegs aller­dings in der Dotz­hei­mer Str. 2 angesiedelt.

[13] HHStAW 685 346a (1 ff.).

[14] Ebd.

[15] Ebd. (6). Sie­he dazu aus­führ­lich oben im Kapi­tel über Otto Kahn.

[16] Ebd. (15).

[17] Ebd. (12).

[18] HHStAW 519A 892 (10).

[19] HHStAW 685 346a (o.P.). Sie­he dazu auch den Ein­trag in der Lis­te X 3, die die Über­schrift „Frei­ge­wor­de­ner Wohn­raum von eva­ku­ier­ten Juden am 10. 6. 1942“ trägt. Dar­in ist sie unter der Num­mer 67 auf­ge­führt. Es heißt wei­ter, dass sie ein Zim­mer als „Teil­woh­nung b. Laser“ bewohnt habe. Die Lang­gas­se 20 war kein offi­zi­el­les Juden­haus, aber immer­hin waren dort in der Zeit zwi­schen 1939 und 1942 ins­ge­samt 20 jüdi­sche Per­so­nen ein­quar­tiert und immer­hin 6 Per­so­nen waren auch aus die­sem Haus her­aus depor­tiert worden.

[20] HHStAW 519/​3 12272 (37).

[21] HHStAW 685 346a (14).

[22] Ebd. (16).

[23] Ebd. (18).

[24] Ebd. (21).

[25] HHStAW 685 346b (1).

[26] HHStAW 519/​3 3272 (5).

[27] Ebd. (1).

[28] Ebd. (3).

[29] HHStAW 519/​3 12272 (37).

[30] HHStAW 519/​3 3272 (11, 12). Über wel­chen Zeit­raum die Anstel­lung als Hilfs­ar­bei­te­rin lief, ist nicht bekannt.

[31] Ebd. (13).

[32] HHStAW 685 346 b (7).

[33] Ebd. (8).

[34] Eli­se Baer und Augus­te Herz waren für die Depor­ta­ti­on am 1.9.1942 vor­ge­se­hen. Eli­se Baer nahm sich unmit­tel­bar vor dem Ter­min am 25.8.1942 in ihrer Woh­nung in der Lang­gas­se das Leben, Augus­te Herz ging auf den Trans­port und ver­starb am 14.12.1942 in The­re­si­en­stadt. Das Ehe­paar Gold­stein, das zusam­men mit dem Ehe­paar Gut­h­mann die Bezirks­stel­le Hes­sen-Nas­sau der ‚Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Deutsch­land’ zunächst lei­te­te und dann von Frank­furt aus abwi­ckeln muss­te, zog am 22.11.1942 in den dor­ti­gen Her­mes­weg 4. Von dort aus wur­den sie am 18.3.1943 über Ber­lin nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo Georg Gold­stein am 31.8.1943 zu Tode kam, wäh­rend sei­ne Frau noch nach Ausch­witz gebracht wur­de. Sie wur­de dort am 9.10.1944 ermor­det. Zur Fami­lie Gold­stein hat das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se ein Erin­ne­rungs­blatt ver­öf­fent­licht, sie­he http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Dr.%20Georg%20und%20Margarethe%20Goldstein.pdf. (Zugriff: 8.4.2021)

[35] HHStAW 519/​3 3272 (14). Das Schrei­ben ist von ihr ver­se­hent­lich mit 25.4.1925, statt 1942 datiert wor­den, stammt aber aus dem April 1942, wie dem Ein­gangs­stem­pel der Devi­sen­stel­le zu ent­neh­men ist.

[36] Ebd. (16).

[37] Sie­he Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 214, King­reen, Gewalt­sam ver­schleppt, S. 373 f.

[38] HHStAW 519/​3 3272 (17), auch HHStAW 519/​2 2168.

[39] HHStAW 519/​2 2168 Schrei­ben des Amts­ge­richts Wies­ba­den an die Devi­sen­stel­le Frank­furt vom 2.10.1944.

[40] Geburts­re­gis­ter Schier­stein 30 /​ 1895.

[41] HHStAW 685 345 (12).

[42] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 10 /​ 1933. Als einer der Trau­zeu­gen fun­gier­te ein Pen­sio­när Lud­wig Weh­nert. In wel­chem ver­wandt­schaft­li­chen Ver­hält­nis er zu dem Bräu­ti­gam stand, ist nicht bekannt. In Schier­stein war der Name Weh­nert recht häu­fig anzutreffen.

[43] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 283 /​ 1944. In der Ster­be­ur­kun­de ist unter Eltern aus­schließ­lich die Mut­ter Sofie Weh­nert erwähnt, die zuletzt in Schier­stein gewohnt hat­te. Dies könn­te dar­auf hin­deu­ten, dass Karl unehe­lich gebo­ren wor­den war.

[44] HHStAW 519/​3 12272 (34).

[45] HHStAW 529/​38 55674 (23).

[46] HHStAW 518 55234 (6, 17, 25 ff.).

[47] HHStAW 519/​3 12272 (34).

[48] Sie­he dazu im Kapi­tel zur Fami­lie Kahn.

[49] HHStAW 520/​38 55674 (25).

[50] Ebd. (42).

[51] Ebd.

[52] Ebd. (26).

[53] Ebd. (27, 28).

[54] Ebd. (25, 26, 42).

[55] Rudolf Dau­s­er, der anwalt­lich u. a. durch den ehe­ma­li­gen Wies­ba­de­ner NSDAP-Ober­bür­ger­meis­ter Mix ver­tre­ten wur­de, konn­te in sei­nem Spruch­kam­mer­ver­fah­ren wie üblich eine Viel­zahl von „Per­sil­schei­nen“ vor­le­gen, die die all­zeit gerech­te und huma­ne Amts­füh­rung des OGLs bezeug­ten. Dar­un­ter befin­det sich auch die Aus­sa­ge des jüdi­schen Mit­bür­gers Juli­us Löwen­thal, eben­falls in einer Misch­ehe lebend. Daus­ter habe sich stets für alle, auch für Jüdin­nen und Juden, ein­ge­setzt und Schlim­me­res ver­hü­tet. Gleich­wohl wur­de Daus­ter im Ver­fah­ren der Grup­pe 2, somit den Akti­vis­ten, zuge­ord­net und zu vier Jah­ren Arbeits­la­ger ver­ur­teilt. Zudem wur­den ihm die bür­ger­li­chen Ehren­rech­te aberkannt und ihm wur­den wei­te­re Ein­schrän­kun­gen auf­er­legt. In wirt­schaft­li­cher Hin­sicht muss­te er 20 Pro­zent sei­nes Ver­mö­gens abtre­ten und die Kos­ten des Ver­fah­rens über 31.000 DM tra­gen. Die Ver­ur­tei­lung beruh­te aber im Wesent­li­chen auf sei­ner Rol­le wäh­rend der Reichs­po­grom­nacht. Sei­ne Rol­le bei den ande­ren Aktio­nen war nicht immer zwei­fels­frei nach­zu­wei­sen. So heißt es zu den Anschul­di­gun­gen bezüg­lich der Fami­lie Weh­nert in dem Urteil:
“Auf Grund glaub­wür­di­ger Zeu­gen­aus­sa­gen war erwie­sen, dass der Betrof­fe­ne den inzwi­schen ver­stor­be­nen Weh­nert wie­der­holt zu sich bestell­te und ihn zu ver­an­las­sen such­te, sich von sei­ner jüdi­schen Ehe­frau, mit der Weh­nert in bes­ter Har­mo­nie leb­te,  schei­den zu las­sen. Da die Ehe­leu­te Weh­nert in einer ‚pri­vi­le­gier­ten’ Ehe leb­ten, hät­te die­se Ehe­schei­dung bedeu­tet, dass Frau Weh­nert ihren letz­ten Schutz ver­lo­ren hät­te (Art: 7/​I/​3).
Ohne Zwei­fel lag die Mög­lich­keit nahe, dass der Selbst­mord­ver­such der Frau Weh­nert mit den Absich­ten des Betrof­fe­nen in ursäch­li­chem Zusam­men­hang stand. Einen Beweis hier­für glaubt die Kam­mer nicht geführt zu sehen.
Nicht zwei­fels­frei nach­ge­wie­sen erschien, ob der Betrof­fe­ne es war, der den Trans­port auf einem Kran­ken­wa­gen der Lebens­mü­den ver­wei­gert hat­te, sodass die­se in einem men­schen­un­wür­di­gen Kon­dukt von der Stät­te ihres Selbst­mord­ver­su­ches abtrans­por­tiert wer­den musste.
Inwie­weit der Betrof­fe­ne für die Weg­schaf­fung von 21 Juden aus Schier­stein ver­ant­wort­lich war, blieb ungeklärt.
Uner­wie­sen blieb auch, ob auf des Betrof­fe­nen Befehl drei Natio­nal­so­zia­lis­ten 1941/​42 dem Ehe­paar Weh­nert ‚gehams­ter­te’ Lebens­mit­tel rechts­wid­rig weg­ge­nom­men hat­ten. Die hohe Wahr­schein­lich­keit erreich­te nicht den Grad der Gewissheit.
Letz­te­res gilt auch von der Ver­ant­wort­lich­keit des Betrof­fe­nen an der end­li­chen phy­si­schen Ver­nich­tung der Frau Weh­nert im KZ, wohin sie als Part­ne­rin einer pri­vi­le­gier­ten Ehe zu jenem Zeit­punkt nor­ma­ler­wei­se nicht gekom­men wäre.“
Ebd. Urteil (o.P.).

[56] Sie­he ‚Wan­de­rungs­be­we­gung der Juden in der Stadt Wies­ba­den vom 1. Janu­ar 1934 an’, Stadt­ar­chiv Wies­ba­den, WI /​ 2 2225.

[57] Arndt, Ravens­brück, S. 146, nennt 34 sol­cher Außen­kom­man­dos, die haupt­säch­lich in Meck­len­burg oder Bran­den­burg, aber auch in Bay­ern lagen.

[58] Der Brief ist als Fak­si­mi­le auf dem Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Ida Weh­nert abge­druckt, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​W​e​h​n​e​r​t​-​I​d​a​.​pdf. (Zugriff: 8.4.2021)

[59] Wei­chel, Wies­ba­den im Bom­ben­krieg, S. 46 f.

[60] HHStAW 519/​2 2168 (o.P.) vom 19.10.1944,

[61] Sie­he dazu oben

[62] HHStAW 519/​2 2168 (o.P.).

[63] Arndt, Ravens­brück, S. 141 und 149.

[64] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​6​5​1​2​0​2​&​i​n​d=1. (Zugriff: 8.4.2021).
Yad Vas­hem gibt zwar Ber­gen-Bel­sen als Ster­be­ort an, im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ist aller­dings die wohl prä­zi­se­re Anga­be Lohei­de gemacht wor­den, sie­he 518 55234 (35).

[65] HHStAW 519A 891 (12).

[66] Ebd. (19).