Grillparzerstr. 9

Steinberg Judenhaus Wiesbaden Jude
Grillparzerstr. 9
Eigene Aufnahme

Das Judenhaus Grillparzerstr. 9 lag nicht weit entfernt vom Judenhaus Alexandrastr. 6, ein wenig außerhalb der eigentlichen Innenstadt in einem Villengebiet seitlich der Biebricher Allee, das wenig ‚protzig’, aber dafür auch heute noch umso ruhiger ist. Eine Gegend mit wenig Verkehr, großen Gärten und Häusern, die sich eher ein wenig verstecken, eher Orte des Rückzugs als der Repräsentation. Und doch birgt das Haus mit der Nummer 9 ein überaus trauriges Schicksal. In der Zeit der Naziherrschaft sollte es zu einer Art „Totenhaus“[1] werden.

Moses und Elfriede Steinberg

Im Januar 1919 hatte Moses bzw. Moritz Steinberg das Haus, das 1908 von dem damals sehr umtriebigen Bauunternehmen Bilse & Böhlmann OHG errichtet worden war, vom Vorbesitzer, dem Augenarzt Dr. Alexander Quirin, für 48.000 RM erworben. Im April 1920 waren Moritz Steinberg und seine Frau Elfriede auch dort eingezogen.[2]

Moritz Steinberg stammte aus dem kleinen, zwischen Paderborn und Kassel gelegenen Ort Großeneder, wo er am 23. Dezember 1870 als Sohn von Feist bzw. Philipp Steinberg und seiner Frau Helene, geborene Löwenstein, zur Welt gekommen war.[3]

Seine Frau Elfriede, geborene Kaufmann, kam aus Mülheim an der Ruhr. Geboren am 13. Januar 1876, war sie das älteste Kind des Zigarrenhändlers und Kommissionärs Gottschalk Kaufmann und dessen Frau Emma, geborene Meyer. Die beiden waren am 30. März 1875 in Mülheim an der Ruhr getraut worden.[4]

Elfriede Steinberg Juden Judenhaus Wiesbaden Grillparzerstr. 9
Heiratsurkunde der Eltern von Elfriede Steinberg
Heiratskarte 25059, Stadtarchiv Mülheim / Ruhr
Elfriede Steinberg Juden Judenhaus Wiesbaden Grillparzerstr. 9
Geburtseinträge für die Kinder der Kaufmanns
Heiratskarte 25059, Stadtarchiv Mülheim / Ruhr

Die große jüdische Familie Kaufmann – Elfriedes Vater hatte mit seiner Frau sechs Kinder und ihr Großvater, ebenfalls ein Gottschalk Kaufmann, hatte mit seiner Frau Jette Meyer sogar 11 Nachkommen – lässt sich nicht nur bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen, sie hat auch prägende Spuren im wirtschaftlichen, aber noch mehr im kulturellen Leben der Stadt hinterlassen.[5] Der wohl bedeutendste Spross der Familie war der Maler Arthur Kaufmann, der jüngste Bruder von Elfriede.

Stammbaum der Familien Steinberg / Kaufmann
(GDB-PLS)

Seinen in Auszügen 1963 publizierten Erinnerungen verdanken wir auch einen Einblick in die familiäre Lebenswelt der Kaufmanns.[6] Es sind zunächst Bilder von einem bescheidenen Wohlstand, von liebevoller Zuneigung untereinander und von kindlicher Geborgenheit, die Sätze wie die folgenden hervorgerufen: „My mother’s first name was Emma; my father called her either Mama or Emmeken. She was about five feet tall, and she seemed even smaller because she was rather stout, espaecially when you saw her next to my father who was a tall man of about six feet. My mother always blamed her ‘Goch’ (his first name was Gottschalk) for her being so fat. He never came home from his afternoon sessions of cards at the coffeehouse without bringing Mama a large piece or two of cake with whipped cream or suggared fruits.”[7] Unter der Leitung des musikalischen Großvaters, der auch den örtlichen Gesangverein leitete und sich sogar als Komponist kleinerer Stücke einen Namen gemacht hatte, wurde Hausmusik betrieben und natürlich stand auch eine Hausmädchen zur Verfügung, das die Hausarbeiten übernahm.

Es sind aber auch die Erinnerungen an die Zeit des Kaiserreichs, in der bereits antisemitische Hetze auch zu den alltäglichen Erfahrungen der Kinder gehörten, die von den ersten Lebensjahren an mit „Jude – Hep, Hep“ – Rufen gepiesackt und Heranwachsende mit Schildern „Für Hunde und Juden kein Zutritt“ zum Beispiel an örtlichen Bierkneipen konfrontiert wurden. Das Gefühl der Ausgrenzung, des Andersseins, muss auch für die Kinder der Kaufmanns eine fundamentale Erfahrung gewesen sein.

Aber auch in den privaten Verhältnissen kam es um 1900 für die Familie zu einer krisenhaften Entwicklung, durch die das bisherige Leben in vielfacher Weise in Frage gestellt wurde: Der Bankrott des Vaters.[8] Er sei nie ein guter Geschäftsmann gewesen, notierte der Sohn, aber immer hilfsbereit. Er habe einem Bruder von Emma Kaufmann mit Blankoschecks unter die Arme greifen wollen, als dieser mit seinem Laden in Schwierigkeiten geraten war. Der scheint die Hilfe weidlich ausgenutzt und den Schwager in den finanziellen Ruin getrieben zu haben – so zumindest die kolportierte Version.

„Until that catastrophic day our house had been full of friends and relatives. Now they stopped coming. Mama cried a lot. I stayed away from school and contemplated running away for good. (…) Thanks to my two sisters Frieda and Claire and their husbands, plus my three older brothers Hermann, Leo and Martin, my parents never suffered any real hardships. They did not have to worry about food, nor rent. My mother never had to scrub the floors. Maria, our faithful old maid, came with us when we had to give up the big house and garden. We moved into a groundfloor apartment.”[9]

Ungeachtet dieser finanziellen Einschränkungen zu Hause, gelang es Arthur in den folgenden Jahren, aufbauend auf seinem zeichnerischen Talent, gegen diverse Widerstände [10] eine Karriere als Künstler zu starten. Schon in jungen Jahren bereiste er verschiedene Länder Europas und kam so mit den verschiedenen neuen Ausdrucksformen der Kunst dieser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Berührung, die dann auch sein späteres Werk prägten.

Arthur Kaufmann, Elfriede Kaufmann Steinberg Judenhaus Wiesbaden
Arthur Kaufmann (rechts) vor seinem 1954 entstandenen „Bildnis von Otto Pankok“ zusammen mit Museumsleiter Dr. Werner Möhring –
Stadtarchiv Mülheim, Fotobestand, 1510/90.00/8)

Er war maßgeblich an dem Erfolg der Düsseldorfer Künstlergruppen „Das junge Rheinland“ und „Rheinische Sezession“ beteiligt, zu der auch so bedeutende Künstler wie Otto Dix, Max Ernst, Oskar Kokoschka, Wassily Kandinsky oder Paul Klee zeitweise gehörten. Sein bedeutendstes Werk, das großformatige Triptychon „Die geistige Emigration 1938“, das im amerikanischen Exil entstand, reflektiert den Exodus vieler bedeutender Kulturschaffender und Wissenschaftler aus Nazi-Deutschland, ein Schicksal, das er damals mit ihnen teilte. Anders als seine Schwester war es ihm gelungen, dem Holocaust zu entkommen. Schon 1933, nach einer Hetzkampagne des „Völkischen Beobachter“ – in Düsseldorf leite ein Jude eine Künstlerklasse, in der junge arische Männer und Frauen weibliche Akte malen, das müsse sofort gestoppt werden -, wurde er suspendiert. Unmittelbar danach wurde er von einem Freund, der durch ein Missverständnis bei der Gestapo davon erfahren hatte, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe, gewarnt. Hals über Kopf verließ er Deutschland, und ging nach Holland. Einige Monate später hatte er die finanziellen Mittel, um seine Frau und die beiden Kinder nachzuholen zu können, die er zunächst zurückgelassen hatte. Bis 1936 lebte die Familie in Rotterdam und Den Haag. Dann erhielten Kaufmanns von George Gershwin, den Arthur Kaufmann zuvor bei einem Aufenthalt in den USA portraitiert hatte, das für eine dauernde Einreise geforderte Affidavit.

In den USA kam es zu einer denkwürdigen „Begegnung“ mit seinem Vater, einem Ereignis, dem Arthur Kaufmann en eigenes Kapitel ‚Completing the circle’ gewidmet hat. 1963 wollte ein Kunsthändler ein von ihm 1916 signiertes Portrait eines unbekannten Mannes authentifiziert haben, das dieser in einem New Yorker Trödelmarkt erworben hatte. „What an exciting and joyous surprise when out came the portrait of my beloved father. (…) But here was my father, very real, as I remembered him: an old gentleman 69 years old in 1916, 6 years younger than I am now. As long as I live he will look at me with his observant eyes and I will look back at him. (…) I had seen this painting in 1928 in the house of my oldest sister, Frieda, who together with her husband Moritz Steinberg died in Wiesbaden in 1942. They committed suicide the night before they were ordered to the railroad station for their transportation to the East and the gas chambers with all the other Jews of that city.”[11]

Nach zehn Jahren verließ er mit seiner Familie allerdings die USA zeitweise wieder und lebte in Brasilien bei seiner Tochter Miriam, wo er 1971 auch verstarb.[12]

Das Schicksal der übrigen vier Geschwister ist nicht bekannt, aber es gibt  – abgesehen von Martin Kaufmann – keine Einträge im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz oder Yad Vashem, sodass man davon ausgehen kann, dass zumindest Leo, Clara und Hermann die Zeit lebend überstanden haben oder eines natürlichen Todes gestorben sind. Für Martin wurden zwar solche Einträge in Yad Vashek und auch im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz vorgenommen, aber sie enthalten keine konkreten und verifizierbaren Belege. Ein Nebeneintrag in seiner Geburtsurkunde aus Mülheim enthält vielmehr den Hinweis, dass er am 5. November 1881 in Bonn verstorben ist.[13] Somit ist offensichtlich Elfriede die einzige der Geschwister, die Opfer des Holocaust wurde.

Moritz Steinberg Grillparzerstr. 9 Judenhaus Wiesbaden
Die Firma Steinberg & Vorsanger in der Nähe des Schlachthofs mit ihrer Belegschaft im Jubiläumsjahr 1928
AMS-Archiv

Und zunächst schien die Ehe mit dem erfolgreichen Unternehmer Moritz Steinberg und der Umzug nach Wiesbaden auch ein Schritt in eine glückliche Zukunft zu sein. Etwa ein Jahr nachdem Elfriede Kaufmann und Moritz Steinberg im Jahr 1898 geheiratet hatten, kam am 21. Mai 1899 ihr erstes Kind zur Welt, der Sohn Hans. Er verstarb allerdings bevor er das zweite Lebensjahr vollenden konnte am 1. April 1902 in Wiesbaden.[14] Aber noch vor Jahresende wurde am 15. November 1902 der zweite Sohn Heinrich, genannt Heinz, geboren.[15] Am 5. Mai 1904 kam das letzte Kind, wiederum ein Sohn, Erich zur Welt.[16] Beide Söhne bereiteten sich auf die spätere Übernahme der väterlichen Firma vor. Während Heinz sich als Ingenieur qualifizierte, absolvierte Erich eine kaufmännische Ausbildung.

Steinberg Moritz Elfriede Judenhaus Wiesbaden Grillparzerstr. 9
Briefkopf der Steinberg & Vorsanger AG aus dem Jahr 1923 –
HHStAW 685 771

Das Unternehmen, das Moritz Steinberg mit seinem Kompagnon August Vorsanger aufgebaut hatte, war die bereits 1893 ursprünglich als OHG gegründete, 1922 in eine AG umgewandelte Firma „Steinberg & Vorsanger AG“,[17] die damals eine der führenden Wiesbadener Unternehmen mit deutschlandweiten Geschäftsbeziehungen war. Jeweils die Hälfte des Aktienkapitals war im Besitz der beiden Familien, intern waren die Anteile noch einmal unterschiedlich verteilt.[18] August Vorsanger und Moritz Steinberg fungierten als gleichberechtigte Generaldirektoren und die Söhne Fritz Vorsanger und Erich Steinberg waren als Geschäftsführer eingestellt.
Groß geworden war die Firma mit der Fabrikation und dem Handel von Ladeneinrichtungen für Metzgereien und ähnliche Geschäfte, etwa Fischläden.[19] Das Unternehmen firmierte später unter dem Namen „Wiesbadener Laden-Einrichtung – AG“, kurz „WILAG“, und war passend am Schlachthof 1 gelegen. Die Finanzakten enthalten umfangreiche Daten über die Entwicklung der Firma in den Jahren vor und nach dem Machtantritt der NSDAP.

Moritz Steinberger Grillparzereg Judenhaus
Belegschaft der Firma Steinberg & Vorsanger 1928
AMS-Archiv

Trotz der verschiedenen Krisen der Weimarer Republik waren nach 1923 die Umsätze stetig gestiegen, wobei das Jahr 1927 mit monatlichen Umsätzen von 300.000 RM nach Aussage des damaligen Buchhalters das umsatzstärkste gewesen sein soll. Die Direktoren bezogen ein monatliches Gehalt von jeweils 4.500 RM, die angestellten Söhne weitere 1.000 RM.[20] Die Weltwirtschaftskrise brachte die Wende, aber anders als die arische Konkurrenz, gelang es der „Steinberg & Vorsanger AG“ nicht, sich danach wieder zu erholen. Zwar konnten die Umsätze bis 1935 noch relativ stabil gehalten, aber Gewinne nicht mehr erwirtschaftet werden, weshalb in dieser Zeit auch etwa ein Drittel der ursprünglich etwa 100 Arbeitskräfte entlassen wurden. 1936 war ein noch desaströseres Jahr. 1938 kam es zu einer kurzzeitigen Stabilisierung, aber schon im folgenden Jahr wurden die Gewinne schon wieder mehr als halbiert. In diesen Krisenjahren hatten die Eigentümer auf Gewinnausschüttungen verzichtet und auch die Gehälter von Moses Steinberg und seinem Kompagnon Vorsanger wurden der Gewinnentwicklung angepasst. Laut Einkommensteuerakten lag das jährliche zu versteuernde Einkommen der Eheleute Steinberg im gesamten Zeitraum zwischen 10.000 und 15.000 RM, bis es dann ab 1938 dramatisch absank.[21] Dass besonders die „Steinberg & Vorsanger AG“ durch den aufkommenden Antisemitismus betroffen wurde, war der spezifischen Struktur des Metzgerhandwerks geschuldet. Weil gerade hier Juden dominierend waren, war das Unternehmen nicht nur unmittelbar, sondern noch mehr mittelbar betroffen. Jüdische Metzger, denen die Kunden fernblieben, tätigten keine Investitionen mehr, viele überlegten sich stattdessen das Geschäft aufzugeben und Deutschland zu verlassen. Mehr als der unmittelbare Boykott „deutscher“ Metzgereibetriebe, war dieser Nachfragerückgang ihrer jüdischen Kunden die Ursache des Niedergangs.

Werbeaufkleber der Steinberg & Vorsanger AG Wiesbaden
AMS-Archiv

Die Söhne hatten als erste aus der Entwicklung Konsequenzen gezogen. Beide waren inzwischen verheiratet und beide entschieden rechtzeitig, Deutschland zu verlassen.

Heinrich Heinz Steinberg Jude Judenhaus Wiesbaden Maria Batkin
US-Census von 1940 <br />Quelle siehe Anm. 22

Über die Ehe von Heinz Steinberg mit Maria Balkin ist wenig bekannt, nicht einmal, wann und wo die beiden heirateten. Sie wohnten aber 1935 noch zusammen bei den Eltern in der Grillparzerstr. 9. Es ist auch nicht bekannt, wann sie in die USA auswanderten. Allerdings gibt es einen Eintrag des amerikanischen Census vom April 1940, in dem Heinz, jetzt Henry, Steinberg und seine Familie aufgeführt sind.[22] Demnach lebten er und seine Frau zu diesem Zeitpunkt in Forest Hill in Virginia. Beide hatten sogar Arbeit gefunden, die ihnen ein gemeinsames jährliches Einkommen von knapp 3.000 Dollar einbrachte und es ihnen sogar ermöglichte, eine Haushaltshilfe einzustellen.[23] Zudem wohnte auch Anna Batkin, die 66jährige Mutter von Maria, mit im Haus. Aus dem Eintrag geht auch hervor, dass Mutter und Tochter in Russland geboren worden waren. Henry und Maria Steinberg hatten inzwischen auch ein Kind namens Elaine bekommen. Da Elaine zum Zeitpunkt der Erhebung eineinhalb Jahre alt und in New York geboren worden war, kann man davon ausgehen, dass die Ausreise aus Deutschland vermutlich spätestens 1938, eher aber früher, stattgefunden haben wird.[24]

 

Steinberg Meta Marta Martha, Erich, Judenhaus Wiesbaden
Einreise von Erich und Marta Steinberg in die USA
Quelle siehe Anm. 29

Genauer lässt sich die Auswanderung von Erich Steinberg in die USA bestimmen, ein Land, in das er schon einmal als 18jähriger alleine gereist war.[25] Bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland muss er Hedwig Kern geheiratet haben, aus dieser Ehe ging am 26. März 1928 der Sohn Ronald Philip hervor.[26] Kurz nach der Geburt trennte sich das Paar und Hedwig Kern zog zu ihren Eltern Leo und Beatrice Kern nach Mainz. Sie schaffte für ihre Flucht illegal Geld in die Schweiz und konnte so 1937 mit ihrem Sohn Ronald Philip in die USA entkommen, wo sie sich in New York niederließen. Ein Jahr später folgte ihre Mutter, der Vater war noch in Deutschland verstorben. Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen gelang dem Sohn, der später seinen Nachnamen Steinberg in Stanton änderte, eine unglaubliche Karriere als Unternehmer in der Chemie- und Düngemittelbranche. Wegen seiner großen Spendenbereitschaft, es sollen etwa 300 Mio. Dollar gewesen sein, die er anonym für wissenschaftliche und kulturelle Projekte zur Verfügung gestellt hatte, wurde ein Platz in New York in der Nähe des Lincoln Centers nach ihm benannt. Ronald Philip Stanton verstarb im September 2016 in New York im Alter von 88 Jahren.[27]

1935 war Erich Steinberg, der Vater von Ronald Philip, laut Jüdischem Adressbuch bereits mit Martha / Meta Löwenstein verheiratet. Beide lebten zu diesem Zeitpunkt zusammen in der Adolfsallee 26, unmittelbar neben dem späteren Judenhaus mit der Nummer 24. Sie, von Beruf Verkäuferin und die Tochter von Isidor / Isaak Löwenstein und seiner Frau Theodora, geborene Katz, war am 19. Mai 1910 in Schierstein, dem heute zu Wiesbaden gehörenden Vorort geboren worden.

Eine Aktennotiz der Entschädigungsbehörde vom August 1962 gibt einen Hinweis auf die genaueren Umstände der Ausreise des Ehepaares. Es heißt darin, dass Erich Steinberg im Oktober 1935 emigrierte, allerdings bis Ende März 1936 bei der elterlichen Firma offiziell angestellt gewesen sei. Erst am 8. April 1936 habe er sich dann auch polizeilich in Wiesbaden abgemeldet.[28] Seine Reisepapiere wurden ihm von der Schifffahrtsgesellschaft am 17. April 1936 übergeben und eine Woche später, am 25. April sind er und seine Frau von Rotterdam aus mit dem Schiff „SS Veendam“ nach New York abgefahren. Nach zehn Tagen erreichten sie ihr Ziel, sicher in der Hoffnung auf einen guten neuen Start.[29]

Erich Eric Steinberg Jude Judenhaus Wiesbaden Grillparzewrstr. 9
Einbürgerungseintrag für Eric Steinberg
Quelle Siehe Anm. 30

Aber anders als dem Bruder scheint es ihm nicht gelungen zu sein, in seiner neuen Heimat Kalifornien Fuß zu fassen. Die Ehe mit seiner zweiten Frau muss ebenfalls bald wieder aufgelöst worden sein, denn im Jahr 1940 ging Erich, der sich spätestens seit seiner Einbürgerung am 24. Oktober 1941 Eric nannte,[30] eine dritte Ehe mit einer Adelaide, später wiederverheiratete Pollok, ein. Wie auch die vorherige Ehe, blieb auch diese kinderlos.[31]

Auch finanziell bedeutete die Auswanderung für Eric Steinberg eine völlige Umkehrung seiner früheren Lebensverhältnisse, da er nahezu das gesamte Vermögen in Deutschland hatte zurücklassen müssen.[32] So besaß er zwar ein Aktienpaket an der WILAG im Nennwert von 50.000 RM. Dieses Paket veräußerte er 1938, der Erlös wurde ihm auf einem Auswanderersperrguthaben gutgeschrieben. Um das Kapital in den USA nutzen zu können, tauschte er 45.000 RM im August 1938 bei der Deutsche Golddiskontbank. Er erhielt dafür einen Betrag von 1.465,39 Dollar auf sein Konto in den USA überwiesen,[33] was bei dem damaligen Dollarkurs von 2,49 RM einem Gegenwert von 3.650 RM entsprach, also deutlich weniger als 10 Prozent der ursprünglichen Summe.[34] Vermutlich hatte er, wie auch sein Bruder, zudem eine nicht unerhebliche Reichsfluchtsteuer zu zahlen, aber dazu liegen keine Unterlagen mehr vor. Neben dem Vermögen, das Erich unter hohen Verlusten in die USA transferiert hatte, blieb auf seinem Auswanderersperrkonto aber noch ein beträchtlicher Betrag in Deutschland stehen. Ende 1938 waren das noch immer mehr als 20.000 RM, auf die er aber nicht mehr zugreifen konnte.[35]

Zu den privaten und vermutlich auch finanziellen Problemen kamen noch die beruflichen Misserfolge. Er habe anfangs meist mit niederen Arbeiten, etwa als Schweißer in einer Werft, aber auch als Hilfsarbeiter, das notwendige Einkommen verdienen müssen. Erst zu Beginn der 50er Jahre fand er eine Stellung als Geschäftsführer einer Fabrik in Los Angeles, die er wegen der allgemeinen Geschäftslage aber bald wieder verlor. Am 3. Mai 1953 kam er durch einen von ihm bewusst herbeigeführten Autounfall ums Leben.
„Es ist meine Überzeugung, dass Mr. Eric Steinbergs Karriere durch den Nationalsozialismus  in Deutschland in einer entscheidenden und ausserordentlich nachteiligen Weise beeinflusst wurde. Wenn er weiterhin in der Firma seines Vaters als Geschäftsführer hätte bleiben können, so würde er normal und glücklich gelebt haben“, schrieb seine Frau im Januar 1960 an die Entschädigungsbehörde.[36]

Eric Steinberg war damit eines der Todesopfer der NS-Gewaltherrschaft, die nirgendwo in den Statistiken über die Mordmaschinerie des Systems erscheinen. Und doch gehört auch er dazu. Mehr noch, sein Tod reiht sich ein in die Zahl der Selbsttötungen, die die besondere Tragik des Hauses im Cheruskerweg auszumachen scheint.

Kontakt hatten die beiden Brüder zuvor in den USA offenbar nicht mehr. Noch 1953 war in dem von Adelheide Pollak beantragten Entschädigungsverfahren der Aufenthalt von Heinrich / Henry Steinberg, der zuletzt in New York lebte, nicht bekannt.[37]

Mit der Auswanderung von Heinz und Erich war auch für Moritz Steinberger klar, dass sein Lebenswerk zerstört war. Keiner der Söhne würde das Unternehmen einmal übernehmen können. Er selbst war inzwischen nahezu 70 Jahre alt. Da auch keine Verbesserung der wirtschaftlichen, geschweige denn der politischen Situation zu erwarten war, sah er zurecht keine Zukunft mehr für sein Unternehmen. Im April 1938 wurden zudem die Arisierungsgesetze verabschiedet, durch die die Juden völlig aus dem wirtschaftlichen Leben verbannt wurden. Am 7. März 1938 zog sich Moritz Steinberg als Generaldirektor aus dem Unternehmen zurück. Seinen Aktienanteil verkaufte er für165.000 RM.[38]. Das Unternehmen, hatte, bevor es durch die Boykottaktionen entwertet wurde, nach Aussagen eines langjährigen leitenden Angestellten nach seiner Ertragsfähigkeit einen Substanzwert von mehr als 1 Mio. RM gehabt.[39] Der Aktienverkauf kaschiert nur unzureichend die durch den Transfer faktisch vollzogene Arisierung des Unternehmens. Im folgenden Jahr 1939 gab Moritz Steinberg in seiner Einkommensteuerklärung als Beruf „Rentner“ an.[40]

Offensichtlich hatte er aber den Erlös aus dem Verkauf der WILAG-Aktien noch in anderen Wertpapieren anlegen können.[41] Bereits im Oktober 1938 wandte sich die Zollfahndungsstelle Mainz an die Devisenstelle Frankfurt mit der Aufforderung, das Vermögen der Steinbergs, das laut Zollfahndung aus Wertpapieren in Höhe von etwa 160.000 RM und einem Bankguthaben mit 15.000 RM bestand, durch eine Sicherungsanordnung der freien Nutzung des Eigentümers zu entziehen. Frei sollten nur die Erträgnisse der Wertpapiere bleiben.[42] Als Begründung für diese Maßnahme wurde die Auswanderung der beiden Söhne der Steinbergs angeführt, die den Eltern leicht den Weg aus Deutschland heraus hätten ebnen können. Auch das Finanzamt Wiesbaden war informiert worden und füllte das dafür vorgesehene Formular aus, in dem eine Zeile lautet: Der Steinberg ist insofern als steuerlich zuverlässig – unzuverlässig – zu betrachten, als er Nichtarier ist. Eine eingehende Prüfung ist notwendig, weil Verdachtsgründe vorliegen, u. zwar der ungesetzlichen Auswanderung.“[43] Die alleinige Tatsache, Nichtarier zu sein, war hinreichend Anlass für eine solche negative persönliche Charakterisierung, die sich allein schon deshalb als völlig aberwitzig entlarvt, als zwei Zeilen weiter unten im Formular zu lesen ist, dass keine Steuerrückstände bestehen würden.

Moritz Moses Steinberg Elfriede Steinberg Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden
Moritz und Elfriede planten 1938 ihre Auswanderung –
HHStAW 685 770 (77)

Dass Steinbergs jetzt auch auszuwandern gedachten – welcher Jude tat das nicht? – war schon richtig, aber von einer nach Nazigesetzen illegalen Ausreise konnte keine Rede sein. Im Dezember 1938 hatte der Vertreter der Steinbergs, der Steuerberater Hegglin-Hornbach, dem Finanzamt Wiesbaden mitgeteilt, dass sein Mandant die Commerzbank beauftragt habe, Wertpapier in Höhe von 21.800 RM – mit Bleistift auf 31.800 RM korrigiert – an die Preußische Staatsbank abzutreten, um die gesamten vier Raten der Judenvermögensabgabe mit einem Schlag zu begleichen. Da Steinbergs „sobald als möglich“ auszuwandern gedächten, übersandte er die notwendige Unbedenklichkeitsbescheinigung des Polizeipräsidiums, die wiederum notwendig für eine entsprechende Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts war. Diese war dann die Voraussetzung dafür, dass die Pässe ausgestellt wurden. Auch bat er das Amt zum einen um die Unterlagen für die Freigabe des Umzugsguts und zum anderen darum, die Höhe der anfallenden Reichsfluchtsteuer zu berechnen.[44] Die Vermögensbasis für diese Berechnung war inzwischen, im Besonderen durch die Judenvermögensabgabe, die JUVA, um nahezu ein Drittel dezimiert worden.[45] Dass auch die Speditionskosten der Firma Rettenmayer in der Höhe von 3.170 RM sehr präzise in die Berechnungen eingingen, zeigt wie weit die Umsetzung der Ausreisepläne Anfang 1939 offenbar bereits gediehen waren.[46]

Im März wurden auch Steinbergs noch verpflichtet, ihre Edelmetalle bei der städtischen Pfandleihstelle abzugeben. Für knapp 22 kg. Silber wurden gerade mal 390 RM ausgezahlt.[47] Welche Kunst-, Gebrauchs- oder Erinnerungswerte mit den Stücken verbunden waren, lässt sich nicht abschätzen.

Einen entscheidenden Schritt zur Umsetzung ihrer Auswanderungspläne hatten die Steinbergs aber schon gut ein Jahr zuvor unternommen, indem sie ihr Haus in der Grillparzerstraße verkauften. Laut notariellem Kaufvertrag war das Wohngrundstück am 28. Dezember 1937, mehr als ein Jahr bevor es zum Judenhaus werden sollte, an die beiden Schwestern Mathilde und Alice Strauss[48] zu einem Preis von 28.500 RM veräußert worden. Der Kaufvertrag war zugleich mit einem Mietvertrag verknüpft worden, wonach die Steinbergs im ersten Stock drei Zimmer, Küche, Bad und in der zweiten Etage weitere zwei Zimmer mieteten. Auch die Mitbenutzung der Waschküche, der Kelleräume war geregelt worden. Sie gingen offensichtlich davon aus, dass sie in absehbarer Zeit Deutschland würden verlassen und bis zu diesem Zeitpunkt mit dieser Regelung noch in ihrem alten Haus würden bleiben können.[49]

Die konkreten Ursachen, die verhinderten, dass Steinbergs die Ausreise zu ihren Söhnen in die USA misslang, ließen sich nicht mehr ermitteln. Aber Kontakt, zumindest mit Erich, scheint man bis 1940 noch gehabt zu haben. Von seinem Auswanderungssperrkonto durften sie 1938 mit Genehmigung der Devisenstelle 4.000 RM abheben. Auch weiterhin erhielten sie monatlich 500 RM von diesem Konto, 1939 und 1940 jeweils insgesamt 6.000 RM.[50] Vermutlich ging man davon aus, dass dieses Geld ohnehin verloren sein würde, sodass man den Verkauf von Wertpapieren zur Finanzierung des Lebensunterhalts zunächst zurückgestellt hatte.

Auch wenn sie auf diese Weise im Vergleich zu vielen anderen finanziell relativ gut abgesichert waren, auf dem gesicherten Konto stand 1942 noch ein Betrag von 66.000 RM, so war das dennoch kein Schutz gegen die Zermürbungen des Alltags, gegen die aufkommenden Depressionen angesichts einer einstmals so erfolgreichen, nun aber zerstörten Biographie. Nach dem Scheitern der Auswanderungspläne muss auch die letzte Hoffnung verloren gegangen sein. Als dann im Mai die erste größere Gruppe von Juden Wiesbaden mit dem Ziel Osten verlassen musste, wird allmählich die Entscheidung herangereift sein. Am Morgen des 2. Juli 1942 wurde Moses Steinberg tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich vergiftet und war damit als erster Bertha Blüthenthal gefolgt, die knapp drei Wochen zuvor sich in der Grillparzerstr. 9 ebenfalls mit Gift das Leben genommen hatte, bevor sie den Nazimördern in die Hände fallen konnte.[51]. Elfriede Steinberg folge ihrem Mann am 7. Juli nur wenige Tage später.

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] So bezeichnet im Artikel über die Stolpersteinverlegung für das Ehepaar Steinberg, die ehemaligen Besitzern des Hauses, im Wiesbadener Tagblatt vom 8.4.2012.

[2] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 283 Bl. 4207 Innen (28 f.). Zuvor hatten Steinbergs in der Moritzstraße gewohnt.

[3] Von Phillip Steinberg sind genauere Lebensdaten nicht bekannt. Da Helene Steinberg zuletzt, zumindest ab 1935, in Wiesbaden im Haus ihres Sohnes in der Grillparzerstr. 9 wohnte und dort auch am 7.1.1936 verstarb, weiß man, dass sie aus Horingshausen im Kreis Waldeck kam, wo sie am 1.1.1850 geboren wurde. Siehe Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1936 / 50 und den Eintrag im Jüdischen Adressbuch 1935.

[4] HHStAW 685 770 (154).Gottschalk Kaufmann war am 6.10.1848 und Emma Meyer am 20.9.1852 in Mülheim / Ruhr geboren worden.

[5] Die umfassenden Informationen zur Familie Kaufmann verdanke ich Frau Fercho vom Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr. Auch der Urgroßvater von Elfriede Kaufmann war ein Gottschalk Kaufmann, der wie einer seiner Söhne und Enkel gleichen Namens auch mit einer Frau mit dem Nachnamen Meyer, nämlich mit Friederike Meyer, verheiratet war. Inwieweit auch diese drei Generationen der Meyer-Frauen miteinander verwandt waren, ist nicht bekannt. Meyers gehörten wie Kaufmanns zu den großen alteingesessenen Familien von Mülheim. Siehe Kaufhold, Barbara, Jüdisches Leben in Mülheim an der Ruhr, Essen 2004, S. 175.

[6] Auszüge aus diesen Erinnerungen wurden 1963 als Excerpts from Arthur Kaufmann’s memories: OLD CANVAS, NEW VARNISH: Reproductions of paintings and drawings in Den Haag veröffentlicht.

[7] Ebd. S. 5.

[8] Die Datierung ergibt sich aus dem Hinweis von Arthur Kaufmann, dass dies im Jahr der Silberhochzeit seiner Eltern geschehen sein soll. Geheiratet hatten sie am 30.3.1875.

[9] Ebd. 7.

[10] Zu diesen Widerständen gehörte neben Problemen mit seinen Ausbildern auch die Haltung der Eltern seiner zukünftigen Frau Elisabeth Musset, die ihn – so muss man sagen – trotz aller Widerstände ihrer Eltern im Jahr 1913 heiratete. In einem Brief der Eltern an ihre Tochter, der nach Ankündigung der Eheschließung geschrieben wurde, heißt es: „I can hardly believe what you told me in your letter. It must be a mistake. My pretentious and aesthetic daughter, to whom once a district judge seemed insignificant, should seriously consider the union with a man of obscure family, who is a nobody and who owns nothing. Of course we say ‘poverty is no disgrace’ and we do not blame him for being poor nor for being born a Jew; but we hold it against him that he does  not observe his religion. The worst seems to me that as a consequence of his uncontrolled conduct of life he has ruined his body. [Kaufmann war zuvor an TBC erkrankt – K.F.] Could I trust my child into hands of such a wreck? I doubt that he can earn a living with his art or that he can offer you any kind of security for the future.” Ebd. 17. Ein Maler, krank, arm, Jude – und nicht mal das richtig, ein wahrlich vernichtendes Urteil über ihren zukünftigen Schwiegersohn. Der Brief war sicher ursprünglich in Deutsch geschrieben, liegt aber nur in dieser Fassung noch vor..

[11] Ebd. S. 46. Über die genauen Umstände beim Tod seiner Schwester und seines Schwagers war Arthur Kaufmann offensichtlich nur unzureichend informiert, denn der Selbstmord stand in keinen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zu einer Deportation, zudem wurden die Wiesbaden Juden auch nicht in einem einzigen, sondern neben vielen kleinen in drei großen Transporten deportiert. Das Portrait von Gottschalk Kaufmann gehört heute zum Bestand der Gemäldesammlung des Kunstmuseums Mülheim an der Ruhr, Inventarnummer 2650.Das Bild des Vaters Gottschalk Kaufmann ist enthalten in der unter dem Link http://www.atelier-zur-muehle.de/images/referenz-14.jpg. (Zugriff: 30.04.2018) veröffentlichten Zusammenstellung einiger Portraits von Kaufmann. Es ist das zweite von rechts in der unteren Reihe. In der oberen Reihe sind Emmy Bessel, Emil Adleer, Kaufmanns Tochter Miriam und Otto Klemperer dargestellt, in der unteren Reihe Arnold Zweig, eine Schwester von Sigmund Freud und neben Gottschalk Kaufmann George Gershwin. Welchen Weg das Gemälde von Gottschalk Kaufmann in die USA genommen hatte, ist nicht bekannt. Man kann aber vermuten, dass es mit einem der beiden Söhne von Moritz und Elfriede Steinberg nach Amerika gekommen war..

[12] Siehe zu seinem Werk und seinem Leben Kaufhold, Jüdisches Leben, S. 175-181 und die umfassende
Broschüre von Ribbrock, Gerhard, Arthur Kaufmann: Exil – ein zweites Leben? Sonderdruck aus dem Mülheimer Jahrbuch 2014. Sein bedeutendstes Werk ist zu finden unter http://www.atelier-zur-muehle.de/images/referenz-13.jpg. (Zugriff: 30.04.2018). Die dargestellten Personen, die von Arthur Kaufmann zunächst in vielen Sitzungen einzeln portraitiert wurden, zu denen Persönlichkeiten wie Einstein oder Thomas und Klaus Mann gehören, sind in der genannten Literatur aufgeschlüsselt. Kaufmann hatte das Werk 1938 begonnen und arbeitete zunächst bis 1940 daran. Völlig deprimiert durch den Einmarsch der Deutschen in Frankreich, den Niederlanden und Belgien, konnte er über viele Jahre nicht mehr daran weiterarbeiten. Erst in den Jahren 1964-1965 wurde es von ihm vollendet. In dem Sonderdruck des Mühlheimer Jahrbuchs sind viele Gemälde des Künstlers abgedruckt. Darunter befindet sich auch das Portrait von Gottschalk Kaufmann. Es gehört heute zum Bestand der Gemäldesammlung des Kunstmuseums Mülheim an der Ruhr, Inventarnummer 2650. Welchen Weg das Gemälde in die USA genommen hatte, ist nicht bekannt. Man kann aber vermuten, dass es mit einem der beiden Söhne von Moritz und Elfriede Steinberg nach Amerika gekommen war.

[13] Da Hermann wurde am 22.7.1877, seine Schwester Klara am 1.7.1879 und sein Bruder Leo am 5.1.1881geboren. Der zweitjüngste Bruder Martin, zu dem die sich widersprechenden Angaben vorliegen, war am 15.2.1885 geboren worden. Die Bonner Sterbeurkunde hat im dortigen Sterberegister nach Auskunft des Stadtarchivs Mülheim die Nummer 2486/1966. Zu den anderen Angaben siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/200006041512_249_7544/153.jpg. (Zugriff: 20.04.2018). und https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1189833. (Zugriff: 20.04.2018).

[14] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1902 / 403. Der Sterbefall wurde vom Geschäftspartner des Moritz Steinberg, von August Vorsanger angezeigt.

[15] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 1902 / 2049.

[16] HHStAW 518 9177 (5). Auch Geburtsregister der Stadt Mülheim an der Ruhr 1876 / 32 und Heiratsregister 1875 / 46. Ihre Mutter war die Tochter des jüdischen Metzgers Martin Meyer und seiner Frau, einer geborenen Heymann.

[17] HHStAW 518 9177 (28) und 685 771 (3 ff).

[18] So besaßen im Jahr 1927 vom Anteil der Steinbergs Moritz 89 %, seine Frau Elfriede 1 % und der Sohn Erich 10 %, siehe HHStAW 685 771 (84).

[19] Zur Bedeutung der früheren Firma siehe z.B. den Artikel über eine Geschäftseröffnung in Traben-Trarbach im Trier’schen Volksfreund vom 11.8.2015: „Wenn die weißen, blauen und grünen Wandfliesen flüstern könnten, hätten sie einiges über den kleinen Geschäftsraum zu berichten. Der dort seit 1906 ansässigen Metzgerei Karbachs Eck folgte von 1939 bis 1989 das Fischgeschäft von Röschen Imig. Später wurden dort Delikatessen verkauft, es gab ein Weinkontor, Backwaren gingen über die Theke, und es wurde wieder Fisch verkauft. (…).Eine Augenweide ist der kleine Jugendstilladen in der Trarbacher Brückenstraße. Die Wiesbadener Firma Steinberg & Vorsanger stattete den Verkaufsraum einst mit glasierten und ornamentierten Fliesen aus. Hauseigentümer Konrad Weinzheimer investierte gemeinsam mit dem Frankfurter Geschäftsmann Michael Baldauf und dem Landesamt für Denkmalpflege in den 1980er Jahren 120 000 Mark in den Laden. Die Plättchen an der Wand mussten nachgemacht werden, und die Einzelanfertigungen kosteten bis zu 200 Mark pro Stück.“ Siehe https://www.volksfreund.de/region/mosel/seltenes-handwerk-im-jugendstil-laden-traben-trarbacher-produziert-taschen-zwischen-wertvollen-fliesen_aid-5893064.

[20] HHStAW 518 9177 (28 ff.).

[21] HHStAW 685 770 (153 – 181).

[22] https://www.ancestry.com/interactive/2442/m-t0627-02752-00854?pid=7406791&backurl=https://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?dbid%3D2442%26h%3D7406791%26indiv%3Dtry%26o_cvc%3DImage:OtherRecord%26geo_a%3Dr%26geo_s%3Dus%26geo_t%3Dus%26geo_v%3D2.0.0%26o_xid%3D62916%26o_lid%3D62916%26o_sch%3DPartners&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true. (Zugriff: 6.5.2018).

[23] Ob diese zweiunddreißigjährige Angestellte namens Anna Koch ebenfalls aus Deutschland stammte und mit Steinbergs in die USA gekommen war, muss offen bleiben.

[24] Die Zollfahndungsstelle Mainz schrieb am 19.10.1938 an die Devisenstelle Frankfurt, dass die zwei Söhne der Eheleute Steinberg „vor etwa 3 Jahren nach USA ausgewandert“ seien. Demnach hätten beide 1935 / 1936 Deutschland verlassen, siehe HHStAW 685 770 (o.P.).

[25] Er war seinerzeit am 2.11.1922 von Antwerpen aus mit dem Schiff „Finland“ nach einer rund dreiwöchigen Fahrt über Ellis Island nach New York gekommen, siehe die Passagierliste der „Finland“: New York Passenger Arrival Lists (Ellis Island), 1892-1924, https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:3Q9M-C95R-ZYWH?cc=1368704&wc=4XCB-J3T%3A1600392320. (Zugriff: 6.5.2018 – für den Zugriff ist die Registrierung bei familysearch.org notwendig). Als Ziel der Reise hatte er, der als Berufsbezeichnung Kaufmann angegeben hatte, den Besuch eines Freundes namens Fred J. Schmidt in Petoskey in Michigan eingetragen. Wie lange er damals in Amerika blieb, ist nicht bekannt.

[26] HHStAW 518 9177 (28).

[27] Ronald P. Stanton hinterließ einen Sohn Oliver aus erster Ehe mit Ruth Schloss, eine Tochter Hedi und einen Sohn Philip aus seiner zweiten Ehe mit Mei Wu und drei Enkelkinder. Wie sein Großonkel war auch er sehr kunstinteressiert und sicher nicht nur zu Anlagezwecken Sammler bedeutender Gemälde, so etwa von Renoir, Matisse und Picasso. Die Informationen sind einem Artikel der New York Times entnommen, der am 30.9.2016 anlässlich seines Todes dort erschienen war. Siehe https://www.nytimes.com/2016/09/29/business/ronald-p-stanton-trammo-founder-who-shared-his-fortune-dies-at-88.html?_r=0. Den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich Herrn Justus Cohen.

[28] HHStAW 518 9177 (59).

[29] Die Hinweise auf die amerikanischen Quellen in WikiTree wurden mir freundlicherweise von Justus Cohen gegeben, siehe https://www.wikitree.com/wiki/Steinberg-231. Als Reiseziel hatten Steinbergs Omaha, Nebraska, angegeben, wo Jakob Walter Löwenberg, der Bruder von Meta wohnte. https://www.wikitree.com/photo.php/3/3e/HolocaustSourceDocuments-246.jpg.  (Zugriff: 6.5.2018). Er muss kurz zuvor ausgewandert sein, denn laut der Datenbank ‚Jüdische Bürger des Stadtarchivs Wiesbaden’ ist auch er 1938 in die USA gegangen. 1938 lebte er dann in Kalifornien, wo im gleichen Jahr auch die Eltern der beiden Geschwister ankamen. Meta Löwenberg heiratete in einer zweiten Ehe am 26.12.1940 den Österreicher John I. Klarreich https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-L93H-S236?i=2032&cc=1804002. (Zugriff: 6.5.2012018 – für den Zugriff ist die Registrierung bei familysearch.org notwendig).

[30] Einbürgerungseintrag Nr. 5257346, https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:939N-F7SS-PQ?cc=1849628&wc=M6YF-QNG%3A666521001. (Zugriff: 30.04.2018 – für den Zugriff ist die Registrierung bei familysearch.org notwendig).

[31] HHStAW 518 9177 (19).

[32] Die in den Akten enthaltenen Zahlen sind leider nicht eindeutig und würden einer umfassenden Recherche bedürfen, die aber wegen fehlender Dokumente kaum mehr möglich sein dürfte.

[33] HHStAW 518 770 (13, 14).

[34] Zum damaligen Dollarkurs siehe http://www.history.ucsb.edu/faculty/marcuse/projects/currency.htm#tables. (Zugriff: 20.04.2018). Solche Berechnungen beruhen immer nur auf vagen Annahmen.

[35] HHStAW 518 9177 (15).

[36] Ebd. (34) und HHStAW 518 9176 (9).

[37] Im Erbschein von Elfriede Steinberg, die die beiden Söhne beerbte, ausgestellt am 14.7.1953, heißt es bezüglich Heinz Steinberg, „z. Zt. unbekannten Aufenthalts“, siehe HHStAW 518 9176 (37).

[38] HHStAW 685 770 (172). Auch sein Kompagnon August Vorsanger stieg im gleichen Jahr aus dem Unternehmen aus.

[39] HHStAW 518 9177 (30).

[40] HHStAW 685 770 (184).

[41] HHStAW Eine Aufstellung seines Aktienpakets bei der Commerzbank Stand 31.12.1938 umfasst einen Gesamtwert von 120.000 RM, siehe 685 770 (o.P.)

[42] HHStAW 685 770 vom 19.10.38. Inzwischen hatte sich die interne Verteilung der Unternehmensanteile gegenüber 1927 etwas verändert. Von der Hälfte der Aktien des Unternehmens, die Steinbergs gehörten, ein Aktienpaket im Nennwert von 200.000 RM, entfielen zu diesem Zeitpunkt 38 3/4 % auf Moritz Steinberg, 1/8 % auf seine Frau Elfriede und 11 1/8 % auf den Sohn Erich. Siehe HHStAW 518 9176 (39).

[43] HHStAW 685 770 vom 30.11.38. Die unterstrichenen Worte und die Streichungen im Formular wurden handschriftlich getätigt.

[44] HHStAW 685 770 vom 14.12.38.

[45] Nach HHStAW 518 9176 (13, 18) betrug sie in etwa 40.000 RM.

[46] HHStAW 685 770 vom 12.1.39.

[47] HHStAW 518 9176 (19).

[48] Zum Schicksal der beiden Schwestern siehe unten.

[49] HHStAW 685 804 Vermögensteuerakte (8) Der Einheitswert von 1935 betrug 24.200 RM, vgl. HHStAW 519/2 2160 Bd. 1. (o.P.).

[50] HHStAW 685 770 (179, 190) Das Finanzamt Wiesbaden wurde darüber von der Devisenstelle Frankfurt unterrichtet, damit diese nicht vergaß, die fällige Schenkungssteuer einzutreiben.

[51] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1942 / 1441 und 1942 / 1475. Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden hat fälschlicher Weise 1951 testiert, dass das Ehepaar Steinberg am 2.7.1942 gemeinsam aus dem Leben geschieden sei, siehe HHStAW 518 9176 (4).
Es soll an dieser Stelle nur darauf hingewiesen werden, dass die Eheleute Steinberg in ihrem Testament eine ganze Reihe ihrer in Deutschland noch lebenden Verwandten bedacht hatten Als Alleinerbin nach dem Tod beider Erblasser war allerdings die seit 1927 angestellte Haushälterin Katharina Greiner eingesetzt worden. Nach dem Krieg fochten die Kinder wegen dieser Festlegung das Testament an. Im folgenden Prozess stellte sich die – letztlich nicht zu klärende Frage, ob die Einsetzung der Haushälterin als Zeichen des Dankes für deren Arbeit in den oft schwierigen Jahren angesehen werden müsse, oder aber der Ausschluss der Kinder dem Ziel diente, das Vermögen nicht in die Hände des Staates fallen zu lassen. Letztlich wurde in dieser Frage ein für alle tragbarer Vergleich gefunden, siehe HHStAW 518 9176 (16). Die rüde Formulierung des Anwalts in dem Verfahren, „Sie [Moses und Elfriede Steinberg] mussten insbesondere ihrer Haushälterin aus verschiedenen Verfolgungsgründen Zusagen machen, welche ihren Nachlass derart belastete, dass dieser Dame [Hervorhebung – K.F.] auf dem Vergleichswege DM 15.000 …. konzediert werden mussten …“,HHStAW 518 9176 (10), wird aber ganz sicher nicht den Intentionen der Erblasser entsprochen haben.
Der Vergleich wurde am 18.10.1955 noch einmal geändert., siehe 518 9176 (66).