Hermann Köster

Im Sommer 1938 war der Unternehmer Hermann Köster[1] aus Kaiserslautern nach Wiesbaden zugewandert. Er war der Sohn von Salomon Köster, der 1870 erstmals in den Adressbüchern von Kaiserslautern erscheint und zunächst allgemein als „Handelsmann“, 1876 erstmals präzisiert als „Leinwandhändler“, dann 1881 als „Hausierer“ bzw. 1886 als „Reisender“ bezeichnet wird.[2] Sein Sohn hatte sich offensichtlich im Zeitalter imperialer Ambitionen Deutschlands vom traditionellen jüdischen Textilhandel abgewandt und begonnen, einen größeren Erfolg versprechenden Handel mit den jetzt immer begehrten Waren aus den Kolonien aufzubauen. Er erscheint in den Adressbüchern erstmals als Bewohner der Glockengasse 67 im Jahrgang 1884 mit der Berufsbezeichnung „Agent“,[3] dann 1886 als Betreiber eines Kaffeeversandgeschäfts. Im Adressbuch 1888/89 ist er dann als „Köster, jr.“ mit einem Geschäft für „Colonialwaren, Kaffee und Cigarren“ verzeichnet. Nach mehreren Umzügen innerhalb der Stadt bot er ab 1892 auch „Delikatessen“ jeglicher Art an. Mit dem letzten Umzug in die Eisenbahnstr. 55, ab 1934 Adolf-Hitlerstraße, wurde aus dem bisherigen Einzelhandelsgeschäft ein Großhandel für Kolonialwaren, der sich besonders auf Gewürze spezialisiert hatte. Einem Briefkopf von 1935 ist zu entnehmen, dass auch eine eigene Gewürzmühle zum Unternehmen gehörte. War. Zwischenzeitlich war aus dem bisherigen Einzelunternehmen durch den Eintritt von Karl Köster, dem jüngeren Bruder von Hermann, eine Personengesellschaft geworden, die später unter dem Namen „Muscalla – Gebrüder Koester“ und zuletzt als „Gewürz-Industrie – Gebrüder Koester“ firmierte.1935, kurz vor der Liquidation, soll sie einen Gesamtwert von etwa 400.000 RM gehabt haben soll.[4]

Der am 3. November 1865 in Kaiserslautern geborene Hermann Köster hatte am 25. Juli 1888 Regina Stern geheiratet.[5] Sie war die Tochter des in Bensheim lebenden Ehepaars Simon Stern und Hannchen, geborene Simon.[6] In der Ehe von Hermann und Regina Köster wurden zwei Söhne geboren, zunächst Isidor Paul am 6. Mai 1889 und zwei Jahre später, ebenfalls in Kaiserslautern, Wilhelm Eugen am 27. Mai 1891.[7] Beide Söhne stiegen nach dem Tod von Karl Köster in das Unternehmen ein, bereits um 1920 der ältere Paul, um 1930 dann auch Eugen.

Ob das fortgeschrittene Alter von Hermann Köster – er war inzwischen 70 Jahre alt – oder die Anfeindungen, denen jüdische Unternehmer ausgesetzt waren, seinen Ausstieg aus der Firma zum Ende des Jahres 1935 veranlasst hatten, ist heute nicht mehr zu sagen. Vermutlich spielte beides eine Rolle. Die beiden Söhne Paul und Eugen blieben zunächst noch Teilhaber, Prokura besaß nun nur noch Paul Köster.[8] Sein Vater wurde zum Teil mit Wertpapieren, zum Teil mit noch ausstehenden Erlösen aus Verbindlichkeiten und mit der Übereignung des Hauses, das bisher zugleich Wohnhaus, Firmensitz und Firmenbesitz gewesen war, ausgezahlt.[9] Aber unter den gegebenen Bedingungen hatten die Söhne keine Chance das bisher so erfolgreiche Geschäft weiterzuführen. Beide wanderten im Juli 1936 aus Deutschland aus, „nach Luxemburg resp. Amsterdam“.[10]

Im September 1937 hatten auch Hermann und Regina Köster bei der Devisenstelle in Ludwigshafen einen Antrag für eine allerdings nur befristete Ausreise gestellt. Sie seien „beide hochbetagte Leute“, die den Wunsch hätten noch einmal ihre Kinder zu sehen.[11] Sie versicherten, dass ihre gesamten Vermögenswerte in Deutschland verbleiben und sie in jedem Fall nach etwa einem Monat wieder zurückkehren würden, wenngleich sie den Besuch auch nutzen wollten, um sich im Hinblick auf eine mögliche eigene spätere Auswanderung zu orientieren.[12] Im Oktober wurde die Reise tatsächlich genehmigt und vermutlich war es das letzte Mal, dass die Familie noch einmal zusammenkommen konnte. Bald darauf, am 6. März 1938, verstarb die Mutter in Kaiserslautern.[13] Möglicherweise übernahm danach Hedwig Mamsohn, die um 1936 von Wuppertal zu ihrer Schwester in Kaiserslautern gezogen war und dort ebenfalls in der Adolf Hitlerstraße wohnte, die Stelle als Haushälterin bei dem verwitweten Hermann Köster.[14] Vielleicht war durch Vermittlung der Schwester diese Erwerbsmöglichkeit schon früher zustande gekommen und hatten den Umzug von Hedwig Mamsohn in die Pfalz veranlasst. In jedem Fall sorgte Hedwig Mamsohn in den folgenden Jahren bis zu ihrer Deportation für den nun alleinstehenden Witwer.

Im Zusammenhang mit dem befristeten Ausreiseantrag hatten Kösters diverse Dokumente zu beschaffen, Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Pässe und auch eine aktuelle Vermögenserklärung musste abgegeben werden. Der Besitz, inklusive des Hauses, belief sich damals auf knapp 160.000 RM.[15] Wahrscheinlich veranlasst durch den Tod der Ehefrau und wegen der geplanten Auswanderung, verkaufte Hermann Köster am 17. Mai 1938 das Haus in Kaiserslautern zum Preis von 50.000 RM, der auch in der zuvor abgegebenen Vermögenserklärung dafür angesetzt war. Dass es sich bei den Käufern namens Schmidt um keine Juden handelte, kann als gesichert angenommen werden.[16] Auf die Anfrage der Devisenstelle, wie er den Erlös für die Immobilie anzulegen gedächte, teilte er mit, dass er davon Deutsche Reichsanleihen erwerben wolle. Die Bereitschaft, dem NS-Staat zur Finanzierung seiner Kriegsvorbereitung auch noch freiwillig diese Summe zu Verfügung zu stellen, mag daraus resultieren, dass er vielleicht hoffte, so am ehesten sein Eigentum sichern zu können – vergeblich, wie man weiß. Das Schreiben vom 17. Juni 1938 ist aber deshalb interessant, weil es das erste Dokument ist, das seine Übersiedlung nach Wiesbaden belegt. Noch ist der Brief auf dem hoteleigenen Briefpapier des Palast-Hotels am Kochbrunnen geschrieben, in dem er kurzfristig Logis genommen hatte. Im Juli teilte die Deutsche Bank der Devisenstelle in Ludwigshafen mit, dass seine Konten nach Wiesbaden transferiert seien und man sich auch an die Vorgabe halten werde, Beträge vom Konto, die 500 RM überschreiten, nur mit Genehmigung der Behörde auszahlen werde.[17] Im August 1938 ließ Köster über die Deutsche Bank anfragen, ob sein Freibetrag nicht auf 1.000 RM angehoben werden könne, zum einen wegen der Umzugskosten, zum anderen bestünde sein Haushalt jetzt aus zwei Personen, d.h. seine Haushälterin Hedwig Mamsohn war jetzt in Wiesbaden auch bei ihm eingezogen. Noch wohnten beide aber in einer Privatpension in der Bierstadter Str. 1.[18] Das letzte Schreiben, das diese Adresse enthält, stammt vom 14. Februar 1939. Das erste, in dem die neue Adresse Bahnhofstr. 25 erwähnt wird, wurde am 28. August des gleichen Jahres verfasst. Da weder die Gestapo-Karteikarte von Hermann Köster, noch die von Hedwig Mamsohn das Umzugsdatum enthält, liefert diese Spanne zwischen den beiden Schreiben den einzigen Anhaltspunkt für den Umzug in das Judenhaus, das aber im Sommer 1939 diese Funktion noch nicht besaß. Auch in diesem Fall kann es sich daher kaum um eine Zwangseinweisung gehandelt haben.

Schon lange konnte Hermann Köster über sein Eigentum nicht mehr frei verfügen, der eigentliche Raubzug des Staates am jüdischen Vermögen begann aber erst mit den Ereignissen im November 1938. Als nach der Reichspogromnacht alle Juden zur sogenannten „Sühneleistung“ für die von den Nazis zerstörten Vermögenswerte herangezogen wurden, war das Wiesbadener Finanzamt bereits für Hermann Köster verantwortlich. Auf der Basis eines Vermögens von 162.000 RM verlangten die Finanzbehörden insgesamt 32.400 RM in vier Raten zu je 8.100 RM.[19] Um dieses Geld aufbringen zu können, war Hermann Köster genötigt, sich von einem Teil seiner Wertpapiere zu trennen.[20] Wie zu erwarten blieb der Versuch, die zusätzliche 5. Rate erlassen zu bekommen, ohne Erfolg.[21] Insgesamt hatte sich allein durch diese willkürliche Zusatzsteuer für Juden der Reichsfiskus am Vermögen von Hermann Köster um 40.500 RM bereichert.

Allein wegen seiner recht großen finanziellen Ressoucen, aber noch mehr wegen der beiden Söhne, die sich bereits im Ausland befanden, wurde Hermann Köster auch verpflichtet, eine seinem Vermögen entsprechende Summe als Reichsfluchtsteuersicherung zu verpfänden. Auf etwas mehr als 36.000 RM, ein Viertel seines Vermögens von 145.000 RM im Jahr 1935 musste er im Oktober 1938 verzichten, wenngleich er formal weiterhin Eigentümer blieb.[22] 1939 plante er aber dann tatsächlich Deutschland endgültig zu verlassen. Das Finanzamt Wiesbaden hatte ihm am 22. April 1939 eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt und damit eine wesentliche Voraussetzung für die Ausgabe des Reisepasses erfüllt.[23] Auf Grund des Vermögensverlusts in der Folgezeit war die Summe wohl noch einmal reduziert worden, aber am 9. März 1940 waren von ihm rund 28.000 RM an die Reichsfluchtsteuerstelle beim Wiesbadener Finanzamt gezahlt worden. Im Juli wurde ihm die Summe wieder zurücküberwiesen, „da der Pflichtige nicht ausgewandert ist und auch vorläufig nicht auswandern kann“.[24] Über die Gründe, die die Auswanderung scheitern ließen, geben die vorhandenen Akten keine Auskunft.

Trotz allem gehörte Hermann Köster auf Grund seines Vermögens und seines relativ großen Freibetrags noch zu den „privilegierten“ Juden. Auch seiner Wohnsituation im Judenhaus in der Bahnhofstr. 25 war nach Aussage von Claire Guthmann, der Tochter des Hauseigentümers, noch recht komfortabel. Sie gab im späteren Entschädigungsverfahren folgende Beschreibung seiner dortigen Wohnung:
„Herr Koester bewohnte zwei Zimmer, Küche und Bad. Ich war öfters in der Wohnung v. Herrn Koester und soweit ich mich erinnere bestand das Wohn-Herrenzimmer aus Schreibtisch, Bücherschrank, Vitrine, Couch, Sessel, Tisch und Stühle. In der Vitrine befanden sich Kristall- und Porzellan – Aufstellsachen. Der Boden war belegt, ob mit einem Teppich oder Brücken ist mir nicht mehr in Erinnerung.
Zusammengefasst war dieses Zimmer elegant ausgestattet. Das Schlafzimmer war einfacher ältere, aber massive Möbel. Die Küche bestand wie üblich aus Büffet, Tisch und Stühle.“
[25] Natürlich ist zu bedenken, dass diese Beschreibung im Entschädigungsverfahren geliefert wurde, als es also darum ging, die erlittenen Verluste nicht zu minimieren. Dennoch wird man von einer realistischen Darstellung ausgehen können, zumal der Einzug in diese Wohnung noch erfolgt war, als es noch keine Zwangseinweisungen gab.

In einer Aufstellung seiner Lebenshaltungskosten vom 8. Mai 1942 gab er einen monatlichen Geldbedarf von 585 RM an, darunter 110 RM für Miete, 60 RM Gehalt für Frau Mamsohn, die aber offensichtlich nur halbtags tätig war, denn weitere 25 erhielt eine zusätzliche „Zugehfrau“ für notwendige Einkäufe. 50 RM waren für „kleine Wohltätigkeitsspenden u. Sonstiges“ angesetzt.[26]

In der Aufstellung ist zwar von einem Zweipersonenhaushalt die Rede, unklar ist aber, wo im Judenhaus Frau Mamsohn wohnte, ob sie auch in der Zweizimmerwohnung lebte oder aber eigene Räumlichkeiten hatte. Laut der Aufstellung des Blockwarts vom November 1941 wohnten beide im zweiten Stock, wo auch Jakob Guthmann seine Wohnung hatte. Nach der Liste, die nach der Deportation vom 10. Juni 1942 erstellt wurde – die bereits am 23. Mai deportierte Hewig Mamsohn ist hier nicht mehr aufgeführt -, verfügte Hermann Köster jetzt nur noch über ein Zimmer im dritten Stockwerk des Hauses.[27]

Möglicherweise hatte er inzwischen einen Teil seines Mobiliars verkaufen bzw. verschleudern müssen. Nichts davon war nach dem Ende der NS-Herrschaft noch auffindbar. Auch den Schmuck seiner Frau, darunter etliche Brillantringe, wertvolle Ohrringe, Colliers und andere Wertsachen hatte er bereits im April 1939 bei der Städtischen Pfandleihe abgeben müssen. Die lächerliche Summe von etwa 600 RM wurde ihm dafür ausgezahlt.[28]

Auch die Reichsvereinigung der Juden, in Wiesbaden, vertreten durch Georg Goldstein und den Eigentümer des Judenhauses Bahnhofstr. 25, Berthold Guthmann, forderte auch 1942 noch die vorgeschriebenen Beiträge, d.h. ein Prozent des Vermögens, das damals im Februar bei Hermann Köster immerhin noch 107.000 RM betrug.[29] Aber auch das, was zuletzt noch übrig geblieben war, eignete sich der NS-Staat noch an – nur wer konkret davon profitierte, konnte letztlich nicht geklärt werden.

Über diese letzten Tage in Wiesbaden konnte später Gustav Braun, ein arischer Kaufmann aus Heidelberg, der in der gleichen Branche wie die Gebrüder Köster aktiv war, Auskunft geben. Gustav Braun hatte nicht nur die Firma der Kösters übernommen, er war offensichtlich für Hermann Köster auch zu einem Vertrauten und Freund geworden. Ihm hatte er zuletzt noch Briefe geschickt, in denen er das kommende Unheil ankündigte. So schrieb er am 16. August 1942:

„Mein lieber Herr Braun!
Was ich seit Wochen befürchtet habe, ist jetzt zur Wirklichkeit geworden. In den nächsten Tagen werden wir Juden von Wiesbaden abtransportiert, unbekannt wohin, man vermutet nach Theresienstadt . Hoffentlich werde ich die Strapazen überstehen. Wenn irgend möglich werde ich den Contakt mit Ihnen aufrecht erhalten. –
Ich danke Ihnen für alles von Herzen, was Sie für mich getan haben u. drücke Ihnen beide, als Zeichen der Würdigung die Hand. Ich werde Sie u. Ihre liebe Frau nie vergessen u. hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.
Mit allerherzlichsten Abschiedsgrüssen
Ihr dankbarer
HK“[30]

Nach diesem Brief, vielleicht auch erst nach dem nächsten, muss Gustav Braun noch einmal in Wiesbaden bei Hermann Köster gewesen sein, denn er sagte im späteren Entschädigungsverfahren aus, dass er von diesem 600 RM in bar und später weitere 120 RM über Herrn Guthmann erhalten habe. Dieses Geld sollte er gestückelt in 20 RM-Beträgen als eine Art „Taschengeld“ monatlich nach Theresienstadt schicken.[31]

Bei diesem Besuch hatte Hermann Köster seinen Freund auch über den Abschluss eines Heimeinkaufsvertrags unterrichtet, der ihm angeblich in Theresienstadt „Verpflegung 1. Klasse und ein eigenes Zimmer“ sichern sollte. Er habe dafür 25.000 RM an die Reichsvereinigung direkt und noch einmal 76.000 RM für diesen Heimeinkaufsvertrag im Besonderen überwiesen.[32] Demnach wäre das gesamte Vermögen von mehr als 100.000 RM in die Hände der Reichsvereinigung, somit letztlich in die des RSHAs gelangt. Die Deutsche Bank konnte später allerdings nur den Nachweis über die Zahlung der 25.000 RM an die Reichsvereinigung erbringen. Möglich ist daher, dass die 76.000 RM nicht der SS, sondern durch den abschließenden Vermögenseinzug dem Reichsfiskus zufielen.

Aus den beiden weiteren Briefen, die Hermann Köster in diesen letzten Tagen an Gustav Braun schrieb, geht hervor, in welcher Unsicherheit bezüglich des Deportationstermins die Juden – vermutlich mit Absicht – gehalten wurden:

„Wiesbaden 20.8. (42)
Mein lieber Herr Braun!
Ich empfing ihre l. Zeilen u. will Ihnen kurz mitteilen, dass sich der Termin geändert hat u. die Abreise schon am Samstag den 29. Aug. erfolgt.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
KM“
[33]

Der folgende Brief ist leider nicht mehr datiert, muss aber bald danach geschrieben worden sein.
„Mein lieber Herr Braun!
Ich will Ihnen noch kurz mitteilen, dass die Abwanderung auf den 10. oder 15. Sept. verschoben wurde. – Es wäre sehr schön, wenn ich noch ein Stündchen mit Ihnen plaudern könnte, das ist aber jetzt durch die erschwerten Verhältnisse nicht mehr möglich. Ich werde Ihnen vielleicht in den nächsten Tagen noch verschiedenes mitteilen.
Mit den besten Erinnerungen für Sie beide
Ihr
HK“
[34]

Dies war die letzte Nachricht, die Gustav Braun von Hermann Köster erhielt. Der Zug verließ Wiesbaden nicht am 10. und nicht am 15., sondern bereits am 1. September. Am 21. August war der Schellbrief der Geheimen Staatspolizei mit diesem Termin und genauen Anweisungen an die entsprechenden Dienststellen ergangen. An diesem verregneten Morgen bestiegen etwa 350 zumeist ältere Juden am Viehverladeplatz des Güterbahnhofs in Wiesbaden die Waggons. In Frankfurt erhielt Hermann Köster die Transportnummer XII/2 – 756. Mit weiteren etwa 1100 Verschleppten trat er die Fahrt im Sonderzug mit der Nummer „Da 509“ nach Theresienstadt an, das am folgenden Tag erreicht wurde.[35] Weder erhielt er hier eine „Verpflegung 1. Klasse“, noch wurde ihm ein Einzelzimmer zur Verfügung gestellt. Bereits nach vier Wochen, am 29. September, musste er den nächsten Transport besteigen – diesmal erhielt er die Nummer Bs – 1671 -, der ihn in das Vernichtungslager Treblinka brachte. Man muss davon ausgehen, dass er unmittelbar nach Ankunft ermordet wurde.[36]

 

Von den beiden Söhnen gelang es nur Eugen durch die rechtzeitige Überfahrt nach Amerika sich dem Zugriff der Nazischergen zu entziehen. Er lebte zuletzt in New York.
Sein Bruder, der Kaufmann Isidor Paul, dagegen fiel ihnen in Holland mit seiner gesamten Familie in die Hände. Er war mit der ebenfalls aus Kaiserslautern stammenden Margarete Fränkel verheiratet.[37] Am 18. Februar 1928 war ihnen ihr Sohn Stefan geboren worden, der seine Kindheit bis zur Emigration nach Holland im Juni 1936 ebenfalls in Kaiserslautern verleben durfte. Über ihr Leben im Exil ist wenig bekannt, nur, dass sie zuletzt wie die meisten staatenlosen Juden in Amsterdam wohnten, wo sie am 20. April 1943 verhaftet wurden. Margaretes Bruder Karl August Fränkel war ebenfalls schon im 1936 emigriert und in die Niederlande gelangt. Im Februar 1939 kamen auch die Eltern Julius Fränkel und seine Frau Ida, geborene Dalsheimer noch nach Holland. Zuletzt hatten auch sie in Wiesbaden gewohnt.[38] In Amsterdam im Stadionweg 135 II hatten sie 1941, vermutlich bis zu ihrer Verhaftung, eine gemeinsame Bleibe gefunden.[39] Zu dieser Zeit besuchte der dreizehjährige Stefan, Sohn von Paul und Margarete Köster, die Jüdische Schule in der Mauritskade, die 1943 nach den großen Deportationen geschlossen werden musste.[40]

Diese begannen im Sommer 1942. Anfangs schickte der „Joodse Raad“, der Judenrat, noch primär die Arbeitsfähigen zur Zwangsarbeit in die Lager Osteuropas, aber zuletzt wurden auf der Selektionsrampe in Auschwitz mehr als 70 Prozent gleich in die Gaskammern geschickt.[41] Die Ausgewählten waren in Holland zunächst „in dem weltverlassenen Lager Westerbork inmitten der Torfsümpfe“ zusammengeführt worden.[42] Von dort verließen allein in der Zeit zwischen Juni 1942 und Februar 1943 etwa 50 Züge mit jeweils etwa 1000 Insassen – der kleinste umfasste 465, der größte 2012 Personen – das Lager, alle mit dem Ziel Auschwitz, das in einer 40stündigen Fahrt erreicht wurde. In einer dieser Züge im Jahr 1942 – in welchem, ist nicht bekannt – saß Karl Joseph Fränkel, Margaretes Bruder. Bis zum 8. Januar 1944 überlebte Karl Joseph diesen anus mundi; auf welche Weise er dort umkam, ist nicht bekannt.[43] Auch die Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Mit welchem Transport sie dorthin verschleppt wurden, ließ sich nicht mehr ermitteln. Ihr Todestag wurde amtlich auf den 17. September 1943 festgelegt.[44]

Ab März bis August 1943 fuhren die Züge nicht mehr nach Auschwitz, wo es immerhin noch eine sehr kleine Überlebenschance gab, sondern in das Lager Sobibor, dessen einziger Zweck die Vernichtung der Ankommenden war. Dorthin wurden Isidor Paul Köster, seine Frau Margarete und der Sohn Stefan im Mai 1943 verbracht. Am 21. Mai wurden sie in den Gaskammern von Sobibor umgebracht.[45]

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Der Name „Köster“ wird in den Akten meist in der Schreibweise „Koester“ angegeben, da in der Geburtsurkunde seines Sohnes Wilhelm auch der Name des Vaters Hermann Köster aber mit „ö“ geschrieben wurde, siehe HHStAW 469/33 2292 (2), wird hier durchgängig diese Schreibweise verwendet, wenngleich Hermann Köster selbst bei Unterschriften meist die andere Variante verwendete.

[2] Salomon Köster verstarb am 29.8.1891 in Kaiserslautern, seine Frau Babette Allenberg am 6.5.1914 ebenfalls in Kaiserslautern. Neben Hermann hatte das Paar noch drei weitere Söhne. Isidor, geboren am 13.5.1860, wanderte nach Amerika aus, ebenso sein  jüngerer Bruder Leopold, geboren am 19.2.1862. Auch der jüngste Bruder Karl hielt sich im Alter von 18 Jahren zweimal in Amerika auf, kehrte aber dann nach Kaiserslautern zurück und stieg in die Firma seines Bruders ein. Karl verstarb am 13.1.1917 in seiner Heimatstadt. Die Daten zur Familie Köster verdanke ich Frau Wenz vom Stadtarchiv Kaiserslautern.

[3] In späteren Briefköpfen wird allerdings das Jahr 1882 als Gründungsjahr des Unternehmens angegeben, siehe z.B. 685 408a (13). In der Glockengasse 67 wohnten in dieser Zeit auch die Eltern. 1888 hatte der Vater seine eigene Berufstätigkeit aufgegeben.

[4] HHStAW 685 408a (o.P.).

[5] Ein damals bekundeter Ehevertrag trägt das Datum vom 25.7.1888, siehe HHStAW 518 21306 (o.P.). Im Archiv des Leo Baeck Instituts ist in einer Liste der Opfer des Holocaust aus Kaiserslautern fälschlicherweise eine Bertha Koester, geborene Schönberg, geb. am 21.4.1866 in Nürnberg, als dessen Frau angegeben. Bertha Köster kam am  6.12.1942 in Theresienstadt ums Leben. Nach dieser Angabe sollen Hermann Köster und Bertha Schönberg  am 9.6.1889 in Kaiserslautern geheiratet haben. Siehe https://archive.org/details/kaiserlauternjew1383unse. (Zugriff: 7.6..2018). Die Nennung von Regina Stern als seine Ehefrau, die um 1865 geboren worden sein muss, stammt von ihm selbst, nämlich aus seinen Steuerakten, siehe HHStAW 685 408b (97) und aus den Akten des Entschädigungsverfahrens, siehe HHStAW 518 21306 (o.P). Sie verstarb am 6.3.1938 in Kaiserslautern im Alter von 73 Jahren. Ebd.

[6] Regina Stern, geboren am 3.3.1865, hatte zwei Brüder namens Wilhelm und Bernhard, letzterer ist auch nach Amerika ausgewandert, Wilhelm lebte später in Mannheim. Auch diese Angaben verdanke ich dem Stadtarchiv Kaiserslautern.

[7] HHStAW 469/33 2292 (2). Das Geburtsdatum von Isidor Paul Köster ist dem Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz entnommen.

[8] HHStAW 685 408b (101).

[9] Siehe den Auflösungsvertrag in HHStAW 685 408b (100-102). Der Wert des Wohnhauses war mit 40.000 RM, der des Firmengrundstücks mit 15.000 RM, also insgesamt mit 55.000 RM angesetzt worden.

[10] HHStAW 519/3 3529 (1). Die Formulierung von Hermann Köster lässt offen, ob damit der gemeinsame Weg der Brüder oder aber die jeweiligen Ziele benannt wurden.  Aus einem Schreiben an die Deutsche Bank vom 10.12.1937, in dem er um die Überweisung von jeweils 240 RM auf die Sperrkonten der beiden Söhne bat, ergibt sich aber, dass zu diesem Zeitpunkt Paul in Amsterdam und Eugen in Luxemburg lebte, siehe ebd. (13).

[11] Ebd (5).

[12] Ebd.

[13] HHStAW 518 21306 (6).

[14] Zu Hedwig Mahmson siehe oben.

[15] HHStAW 519/3 3529 (6).

[16] Ebd. (16). In den ehemaligen Geschäftsräumen der Gewürzgroßhandlung wurde jetzt eine Radiogroßhandlung eingerichtet.

[17] HHStAW 519/3 3529 (21). Als die Dresdner Bank eine entsprechende Mitteilung macht, wurde ihm hier gestattet, über eine Summe bis 1.000 RM Verfügen zu dürfen, siehe ebd. (23).

[18] Ebd. (24). Der Freibetrag wurde am 17.8.1938 auch bei der Deutsche Bank auf 1.000 RM angehoben, ebd. (25).

[19] HHStAW 685 408c (13). Zunächst war man sogar von einem Vermögen von 170.00 RM ausgegangen, die entsprechende Forderung wurde aber auf Grund eines Einspruchs von Hermann Köster revidiert, siehe ebd. (12, 14).

[20] Siehe z.B. den Beleg für die Zahlung der 2. Rate (vermutlich inklusive der 1. Rate, da insgesamt Papiere im Wert von 16.000 RM an die Preußische Staatsbank übertragen wurden). Für die Übertragung berechnete die Deutsche Bank noch einmal Bearbeitungsgebühren von 240,60 RM, HHStAW 518 21306 (42).

[21] HHStAW 685 408c (22) und 518 21306 (43).

[22] HHStAW 685 408a (22).

[23] HHStAW 518 21306 (o.P.).

[24] HHStAW 685 408a (33). Die zurückgezahlte Summe wurde selbstverständlich wieder als Pfand gesichert.

[25] HHStAW 518 21306 (46).

[26] Ebd. (44).

[27] Siehe unbekannte Liste X 1.

[28] HHStAW 518 21306 (10, 11).

[29] Ebd. (40).

[30] HHStAW 469/33 2292 (4).

[31] Ebd. (3). Allerdings irrt Gustav Brau mit der Terminierung seines Besuchs, den er auf den 5..9.1942 datiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Transport und auch Hermann Köster bereits in Theresienstadt angekommen.

[32] Ebd. (100).

[33] Ebd. (5).

[34] Ebd. (6). Der Empfänger meinte, dass der Brief Anfang September geschrieben wurde. Das muss vor dem Hintergrund der Ereignisse allerdings der Zeitpunkt gewesen sein, an dem er den Brief damals erhielt.

[35] 518 21306 (4a) und Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, S. 317 f.

[36] Der ursprünglich gerichtlich festgelegte Todestag vom 31.12.1942 – HHStAW 469/33 2292 (8) – ist inzwischen auf den 29.9.1942 abgeändert worden.

[37] Margarete Fränkel war am 15.5.1901 in Kaiserslautern geboren worden., ihr Vater Julius Fränkel war am 27.12.1873 in Meisenheim, ihre Mutter Ida, eine Geborene Dalsheimer, am 3.5.1875 in Niederkirchen geboren worden. Namentlich bekannt sind deren Eltern Salomon Dalsheimer (1838-1926) und Adelheid, geborene Löb (1844-1920). Siehe https://archive.org/stream/kaiserlauternjew1383unse#page/n17/mode/2up  (Zugriff: 7.6.2018).

[38] Ihre letzte Adresse in Wiesbaden war Neuberg 4, die gleiche Adressen, die auch Hedwig Mamsohn zunächst in Wiesbaden hatte. Wann Fränkels nach Wiesbaden kamen, ist nicht bekannt. Im letzten Adressbuch von 1938/1939 sind sie noch nicht erwähnt.

[39] https://www.joodsmonument.nl/nl/page/76428/stadionweg-135-ii-amsterdam. (Zugriff: 7.6.2018).

[40] https://www.joodsmonument.nl/en/page/444204/joodsche-5-jarige-hbs-oorspronkelijk-mauritskade-amsterdam. (Zugriff: 7.6..2018).

[41] Reitlinger, Endlösung, S. 377, siehe hier zusammenfassend zur Judenverfolgung in den Niederlanden S. 372-388, ausführlicher in Benz, Wolfgang, Die Dimension des Völkermords, München 1991 S. 137-166.

[42] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html?page=4

[43] In Yad Vashem hat sein Cousin, der Rabbi Maurice Raynor ein ‚Page of Testimony’ für ihn hinterlegt. Der ist zu entnehmen, dass Karl Joseph mit Marie Pam verheiratet war, zudem auch in Bergen-Belsen inhaftiert war, siehe http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Fr%C3%A4nkel&s_firstName=Karl&s_place=Kaiserslautern&s_dateOfBirth=&s_inTransport=. (Zugriff: 7.6.2018).

[44] Siehe die Einträge im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz. Eine Schwester von Ida Fränkel, Karoline Dalsheimer, geb. am 25.10.1870 ebenfalls in Niederkirchen, fand im Vernichtungslager Treblinka den Tod. Sie war mit Theodor Fränkel verheiratet, der allerdings nicht im Verzeichnis des Gedenkbuchs eingetragen ist. Ob und wenn, wie er mit ihrem Schwager Julius Fränkel verwandt war, wurde nicht recherchiert.

[45] Siehe die Einträge im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.