Bahnhofstr. 25


Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Juden­haus in der Bahn­hofstr. 25 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Wiesbaden Guthmann Jakob Berthold Claire Paul Charlotte Opfermann Michel
Lage des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25
Judenhaus Wiesbaden Juden
Bele­gung des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25

 

 

 

 

 

 

 


Familie Guthmann

 

Das Haus in der Bahn­hofstr. 25, sei­ner­zeit noch Niko­las­str. 1, wur­de erst­mals im April 1903 in das Grund­buch der Stadt Wies­ba­den auf­ge­nom­men. Es war damals im Besitz des Rechts­an­walts Dr. jur. Oskar Ges­sert, der dort auch sei­ne Kanz­lei betrieb. Auf wel­chem Weg die Wie­ner Lebens­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ‚Phö­nix’ im März 1936 in den Besitz des Hau­ses gelang­te, ist im Detail nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen. Nach dem Zusam­men­bruch des Unter­neh­mens wur­de mit staat­li­cher Unter­stüt­zung für den deut­schen Unter­neh­mens­teil mit der ‚Isar Lebens­ver­si­che­rung’ ein Nach­fol­ge­insti­tut geschaf­fen, das die Bestän­de des ‚Phö­nix’ und auch deren Immo­bi­li­en­be­sitz über­nahm.[1]

Wie­der­um ein Jahr spä­ter, am 5. April 1937, wur­de das Wohn­grund­stück dann je zur Hälf­te von Jakob und Bert­hold Gut­h­mann zu einem Kauf­preis von 33.000 RM von der ‚Isar’ erwor­ben.[2]
Dies ist inso­fern ver­wun­der­lich, als zu die­sem Zeit­punkt die Juden in Deutsch­land eher dar­über nach­dach­ten, wie sie ihr Ver­mö­gen liqui­de machen könn­ten, um es mög­lichst vor­teil­haft aus dem Land her­aus­zu­brin­gen. War es Nai­vi­tät, Blau­äu­gig­keit, Trotz oder der bewuss­te Ver­such, sich dem Macht­an­spruch der Nazis ent­ge­gen­zu­stel­len? Eine Ant­wort dar­auf wird sich nicht mehr fin­den lassen.

Stamm­baum der Fami­li­en Gut­h­mann — Michel
(GDB-PLS)

Sicher ist aller­dings, dass sowohl die  Fami­lie Gut­h­mann, als auch die Fami­lie Michel, die Fami­lie von Bert­hold Gut­h­manns Frau Clara/​ Clai­re Michel, zu die­sem Zeit­punkt bereits hin­rei­chend Erfah­run­gen mit anti­se­mi­ti­schen Anfein­dun­gen gemacht hat­ten. Alle Lini­en der Gut­h­mann-Fami­lie waren ursprüng­lich aus dem Land­ju­den­tum her­vor­ge­gan­gen, aus dem Raum um Worms, Groß-Gerau und aus Gla­den­bach im soge­nann­ten Hin­ter­land zwi­schen Her­born und Mar­burg. Bei­de Fami­li­en­zwei­ge waren in Deutsch­land tief ver­wur­zelt, waren sich ihrer jüdi­schen Her­kunft bewusst, aber kei­nes­wegs streng­gläu­big.[3] Wie die meis­ten Land­ju­den leb­ten auch sie vom Han­del. Mit der wach­sen­den Dif­fe­ren­zie­rung des Wirt­schafts­le­bens ver­trie­ben eini­ge auch Güter aus den Kolo­nien oder indus­tri­el­le Pro­duk­te wie Schu­he, Klei­der und Fahr­rä­der, die meis­ten aber leb­ten vom Han­del mit den typi­schen länd­li­chen Pro­duk­ten wie Getrei­de, Vieh und der­glei­chen. Und gera­de die Juden die­ser tra­di­tio­nel­len Bran­che hat­ten auf dem Land in allen Kri­sen­zei­ten als Sün­den­bö­cke für jedes Unge­mach her­hal­ten müs­sen. Aber sol­che Pha­sen wech­sel­ten auch mit Zei­ten, in denen sie in ihren Hei­mat­or­ten geach­tet und weit­ge­hend in die Mehr­heits­ge­mein­de inte­griert waren.

In Gla­den­bach, wo es seit dem 17. eine jüdi­sche Gemein­de gab, deren Mit­glie­der in der Hoch­zeit wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts durch­gän­gig mehr als 10 Pro­zent der Ein­woh­ner stell­ten, wur­den sogar noch im März 1933 zwei jüdi­sche Bür­ger in den Gemein­de­rat gewählt.[4] Einer der bei­den war Max Schiff, Mit­glied einer alt­ein­ge­ses­se­nen und weit­läu­fi­gen Kauf­manns­fa­mi­lie, der auch die Mut­ter von Clai­re Gut­h­mann, Fran­zis­ka Michel, gebo­re­ne Schiff, ent­stamm­te. Aber auch das Hin­ter­land blieb von den anti­se­mi­ti­schen Strö­mun­gen in der Kai­ser­zeit und der Wei­ma­rer Repu­blik nicht unbe­rührt.[5] In den klei­ne­ren Orten der Umge­bung erreich­te die NSDAP schon bei den Wah­len von 1932 mit­un­ter etwa 90 Pro­zent Zustim­mung, in Gla­den­bach selbst aller­dings nicht. Hier war man sich wohl über die Bedeu­tung der vie­len jüdi­schen Händ­ler, beson­ders der Vieh­händ­ler, für die wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen inner­halb der Gemein­de – noch! – im Kla­ren. Aber ab Janu­ar 1933 began­nen auch hier die zum Teil gewalt­tä­ti­gen Aktio­nen gegen die orts­an­säs­si­gen Juden, ange­führt von der ört­li­chen HJ und SA. Zwar wur­den sol­che Atta­cken zunächst von dem zustän­di­gen Schöf­fen­ge­richt in der ers­ten Instanz noch geahn­det, die zwei­te Instanz hob die Urtei­le anschlie­ßend, als die NSDAP ihre Macht gefes­tigt hat­te, frei­lich wie­der auf. Nach den Boy­kott­ak­tio­nen im März /​ April 1933 und noch mehr nach Ver­haf­tun­gen und neu­en Gewalt­ak­tio­nen im Som­mer 1935 ver­lie­ßen vie­le Juden ihren Hei­mat­ort. Man­che kehr­ten noch ein­mal zurück, aber immer mehr wan­der­ten end­gül­tig ab. Im Novem­ber 1938 leb­ten von den 1933 mehr als 100 Juden gera­de mal noch drei­zehn in der Gemein­de. Auch sie ver­lie­ßen in den fol­gen­den zwei Jah­ren den Ort, der für vie­le jüdi­sche Fami­li­en seit Gene­ra­tio­nen ihre Hei­mat gewe­sen war. Als am 17. Juni 1940 auch das letz­te jüdi­sche Ehe­paar weg­zog, war Gla­den­bach „juden­frei“: „Eine 330jährige Geschich­te der Juden war zu Ende gegan­gen.“[6]

Ein Teil der Michel-Fami­lie, zu der auch Clai­re Michels Eltern und Groß­el­tern gehör­ten, erleb­te die­se letz­ten Jah­re nicht mehr bzw. nicht mehr in Gla­den­bach. Die Groß­el­tern Salo­mon und Bet­ty Michel, die in Gla­den­bach einen Pfer­de­han­del betrie­ben hat­ten, waren bei­de bereits vor dem Ers­ten Welt­krieg ver­stor­ben.[7] Bald nach dem Tod sei­ner Frau hat­te Salo­mon Michel im Jahr 1896 das Geschäft auf die bei­den Söh­ne Mei­er und Her­mann, dem Vater von Clai­re, über­tra­gen.[8] Mei­er Michel war bereits seit 1887 nach Gie­ßen ver­zo­gen und hat­te hier in der Bleichstr. 24 eine gut gehen­de Depen­dance des väter­li­chen Unter­neh­mens auf­ge­baut. Im Jahr sei­nes Weg­zugs aus Gla­den­bach hat­te er am 19. Juni 1887 Rosa­lie Schiff gehei­ra­tet.[9] Sie, gebo­ren am 22. Juli 1865, eben­falls in Gla­den­bach, war die Toch­ter von Moses und Johan­na Schiff, eine gebo­re­ne Stern, die noch min­des­tens fünf wei­te­re Söh­ne hat­ten. Da Wil­ly Schiff, eines die­ser Kin­der, wie­der­um Michels und Her­manns Schwes­ter Fan­ny Michel geehe­licht hat­te, waren die­se bei­den für die Regi­on des Hin­ter­lan­des wich­ti­gen Kauf­manns­fa­mi­li­en wech­sel­sei­tig mit­ein­an­der ver­schwä­gert und arbei­te­ten ver­mut­lich auch wirt­schaft­lich eng zusam­men.[10] Aus der Ehe von Rosa­lie und Mei­er Michel gin­gen zwei Kin­der her­vor. Zunächst wur­de am 9. Mai 1888 der Sohn Bert­hold gebo­ren,[11] am 15. März 1890 folg­te die Toch­ter Joh­an­nah.[12]

Der zwei­te Sohn der Michels, Her­mann Michel, hei­ra­te­te am 12. Okto­ber 1893 in Gla­den­bach eben­falls eine Frau aus der Fami­lie Schiff. Fran­zis­ka, gebo­ren am 23. März 1873, war die Toch­ter des Han­dels­manns Wolf Schiff und sei­ner Frau Sara, gebo­re­ne Mai.[13] In der Ehe von Her­mann und Fran­zis­ka Schiff wur­de nur ein Kind gebo­ren. Kla­ra, für die sich der Ruf­na­me Clai­re durch­setz­te, kam am 1. Sep­tem­ber 1894 zur Welt. Wahr­schein­lich führ­te das Paar bis zum Tod von Samu­el Michel zunächst die Gla­den­ba­cher Filia­le des väter­li­chen Geschäfts wei­ter. Nach des­sen Tod zog auch Her­mann Michel mit sei­ner Fami­lie im Mai 1908 nach Gie­ßen, [14] wo die bei­den Brü­der den lukra­ti­ven Pfer­de­han­del nun gemein­sam betrie­ben. Sie bewohn­ten auch zusam­men das wohl recht gro­ße Anwe­sen, eine Hof­rei­te, in der Bleich­stra­ße 24. Ein Geschäft für Pfer­de­zu­be­hör war im Haupt­haus ein­ge­rich­tet und die Stäl­le für den Han­del mit Pfer­den lagen im Hin­ter­haus. Wei­te­re Woh­nun­gen in dem Gebäu­de­kom­plex waren an ande­re Fami­li­en ver­mie­tet oder von Ver­wand­ten belegt. Nach dem Tod von Mei­er Michel am 25. Sep­tem­ber 1919 betrieb Her­mann Michel nun das Geschäft allei­ne. Fran­zis­ka Michel war eben­falls geschäft­lich aktiv, aller­dings in einer gänz­lich ande­ren Bran­che: 1931 eröff­ne­te sie in ihrem Haus eine Buch­ver­leih und einen Han­del mit Büchern in Kom­mis­si­on.[15] Das Ehe­paar scheint zudem die Toch­ter des ver­stor­be­nen Mei­er Michel, Johan­na, in die Fami­lie auf­ge­nom­men und betreut zu haben. Char­lot­te Opfer­mann bezeich­ne­te sie spä­ter in ihren Erin­ne­run­gen als „mother’s almost half­sis­ter, cou­sin Han­nah“.[16]

 

Ähn­lich wie im Hes­si­schen Hin­ter­land änder­ten sich auch die Bezie­hun­gen zwi­schen Juden und Nicht­ju­den im Rhein­hes­si­schen inner­halb kür­zes­ter Zeit. Unbe­greif­lich für die­je­ni­gen, denen man kurz zuvor noch alle Ehre, etwa bei Beer­di­gun­gen, erwie­sen hat­te, denen man öffent­li­che Ämter über­tra­gen hat­te, in der Gewiss­heit, sie wür­den für die gemein­sa­men Inter­es­sen ein­ste­hen, und mit denen man Geschäf­te abge­schlos­sen hat­te, ein­fach weil sie sich über vie­le Jah­re als ver­trau­ens­wür­di­ge Part­ner erwie­sen hat­ten. Durch­weg patrio­tisch ein­ge­stellt, gab es vie­le, die in den Krie­gen gegen Napo­le­on, im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg oder auch im Ers­ten Welt­krieg ihr Leben für die deut­sche Nati­on geop­fert hat­ten. Natür­lich war es auch hier immer wie­der mal zu den übli­chen Anfein­dun­gen gekom­men, sogar zu Gewalt­ak­ten, aber aus dem Alt­rhein­ge­biet sind – abge­se­hen von Vor­fäl­len in Als­heim – sol­che Über­grif­fe nicht über­lie­fert. Grund­le­gend ver­än­der­ten sich auch hier die Ver­hält­nis­se erst mit dem Jahr 1933.[17]

Juda Guthmann, Berthold Guthmann
Todes­an­zei­ge Juda Gut­h­mann in Eich
http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​e​i​c​h​_​s​y​n​a​g​o​g​e​.​htm.

Die Fami­lie Gut­h­mann stamm­te aus dem rhein­hes­si­schen Hamm und lässt sich auf den dort ansäs­si­gen Schutz­ju­den Mend­le zurück­füh­ren, der im Gefol­ge der napo­leo­ni­schen Namens­re­form von 1808 den Namen Gut­h­mann ange­nom­men hat­te.[18] 1857 waren des­sen Nach­kom­men in den Nach­bar­ort Eich gezo­gen, wo Juda Gut­h­mann den von sei­nem Vater Jakob Gut­h­mann, ursprüng­lich ein Metz­ger und Vieh­händ­ler, noch in Hamm auf­ge­bau­ten Han­del mit Kurz­wa­ren und allen mög­li­chen Land­pro­duk­ten wei­ter­führ­te.[19] Es muss ein recht ein­träg­li­ches Geschäft gewe­sen sein, denn als 1890 in Eich eine eige­ne Syn­ago­ge geweiht wur­de, stif­te­te er aus die­sem Anlass zwei Tho­ra-Rol­len, die spä­ter durch sei­nen Sohn Jakob nach Wies­ba­den gelang­ten.[20] Da das ers­te Kind aus der Ehe mit Anna Kirch­baum, Johan­na /​ Jea­nette, 1875 bereits mit 14 Jah­ren ver­starb, war der am 3. April 1868 gebo­re­ne Jakob das ein­zi­ge Kind von Juda und Anna Gut­h­mann, wel­ches das Geschäft des Vaters über­neh­men konn­te, als auch die­ser 1909 im Alter von 82 Jah­ren ent­schlief.[21] Das Anse­hen, das der Sohn Jakob Gut­h­mann nicht nur unter sei­nen Glau­bens­brü­dern genoss, zeigt sich dar­in, dass er sowohl in den Vor­stand der jüdi­schen Gemein­de, als auch in den ört­li­chen Gemein­de­rat gewählt wur­de. Aktiv war er zudem in der ört­li­chen frei­wil­li­gen Feu­er­wehr und auch im Sol­da­ten­ver­ein.[22] Über drei Gene­ra­tio­nen hin­weg hat­ten sich die Gut­h­manns als Händ­ler für Land­pro­duk­te wie Mehl, Feld­früch­te, aber auch Salz und ande­re „Spe­ze­rei­en“, aber auch als enga­gier­te Bür­ger in der Alt­rhein­ge­gend einen Namen gemacht.[23]

Die enge Bin­dung der Land­ju­den unter­ein­an­der wur­de immer wie­der auch dadurch gefes­tigt, dass man unter­ein­an­der, auch inner­halb des Fami­li­en­ver­ban­des, hei­ra­te­te. So nahm sich Jakob Gut­h­mann Lina Gut­h­mann aus Groß-Gerau zur Frau. Bei­de hat­ten die glei­chen Urgroß­el­tern, näm­lich Eli­as Mend­le Gut­h­mann und Güt­chen, gebo­re­ne Eise­mann.[24]

Aus der Ehe von Jakob und Lina Gut­h­mann gin­gen vier Kin­der her­vor. Der ältes­te war der am 13. April 1893 gebo­re­ne Bert­hold. Ihm folg­te am 20. August 1894 mit Salo­mon, genannt Sal­ly, ein wei­te­rer Sohn. Genau zwei Jah­re spä­ter, am 20. August 1896, wur­de noch die Toch­ter Anna gebo­ren und zuletzt, am 6. Febru­ar 1898, Edu­ard.[25]

Gut­h­manns besa­ßen ver­kehrs­güns­tig gele­gen ein Haus in der Bahn­hof­stra­ße, das sie auf­grund der pro­spe­rie­ren­den Geschäfts­ent­wick­lung im Lau­fe der Jah­re durch zusätz­li­che Neben­ge­bäu­de erwei­tern konn­ten. Ein Tele­fon für den Geschäfts­ge­brauch und sogar ein Auto kenn­zeich­ne­ten den für länd­li­che Ver­hält­nis­se geho­be­nen Lebens­stan­dard der Fami­lie.[26] Unter Jakob Gut­h­manns Füh­rung wur­de das Geschäft erheb­lich erwei­tert. Es gab fast nichts, was bei ihm nicht zu erhal­ten war. Fahr­rä­der wur­den genau­so ange­bo­ten wie Back­stei­ne. Feld­früch­te lagen neben Tuchen und Schreib­wa­ren. Dün­ge­mit­tel, Wein und Brenn­stof­fe konn­te man hier genau­so erwer­ben wie Mehl und Salz. Und zuletzt betä­tig­te sich Jakob Gut­h­mann auch noch als Geld- und Immo­bi­li­en­mak­ler.[27]

Bert­hold Gut­h­mann, der ältes­te Sohn, soll­te den gesell­schaft­li­chen Auf­stieg der Fami­lie fort­set­zen. Er begann, nach­dem er im benach­bar­ten Worms an einem huma­nis­ti­schen Gym­na­si­um 1912 sein Abitur abge­legt hat­te, ein Jura­stu­di­um in Hei­del­berg.[28] Im Wei­te­ren besuch­te er die Uni­ver­si­tä­ten in Frei­burg, Leip­zig und zuletzt Gie­ßen, wo er sei­ne spä­te­re Frau Clai­re ken­nen­lern­te. An der dor­ti­gen Jus­tus-Lie­big-Uni­ver­si­tät leg­te er 1919 sein Ers­tes Staats­examen ab.

Berthold Guthmann, Eduard Guthmann, Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 25
Bert­hold (l) und Edu­ard Gut­h­mann ® als Sol­da­ten im Ers­ten Welt­krieg.
(Archiv AMS)

Zwi­schen­zeit­lich war die Aus­bil­dung durch den Ers­ten Welt­krieg, an dem Bert­hold als Frei­wil­li­ger in einer Staf­fel der deut­schen Luft­waf­fe teil­nahm, unter­bro­chen wor­den. Für die schwe­ren Ver­let­zun­gen, die er bei einem Absturz mit sei­nem Flug­zeug erlitt, wur­de er mit dem Eiser­nen Kreuz und dem Ver­wun­de­ten­ab­zei­chen geehrt. Bei der Ordens­ver­lei­hung ver­stieg sich der Vor­ge­setz­te in sei­ner Lau­da­tio zu dem für die Zeit so cha­rak­te­ris­ti­schen anti­se­mi­ti­schen Topos: Bert­hold Gut­h­mann sei „zwar Jude“, aber den­noch „ein aus­ge­zeich­ne­tes Vor­bild für alle“.[29] Auch die Mut­ter und die Schwes­ter setz­ten sich durch ihre Mit­ar­beit im Roten Kreuz und durch Spen­den­samm­lun­gen für die Sol­da­ten an der Front für einen deut­schen Sieg ein. Das größ­te Opfer aber war der Ver­lust von Salo­mon /​ Sal­ly Gut­h­mann, der am 27. August 1917, weni­ge Tage nach sei­nem 23. Geburts­tag, in den Schüt­zen­grä­ben von Ver­dun sein Leben verlor.

Noch bevor Bert­hold im April 1922 auch das Zwei­te juris­ti­sche Examen ableg­te, hei­ra­te­te er am 12. Mai 1920 Clai­re Michel.[30] Kurz vor Abschluss sei­ner juris­ti­schen Aus­bil­dung kam am 22. März 1922 Paul, das ers­te Kind des Ehe­paars, in Wies­ba­den zur Welt. Bevor am 1. April 1925 die Toch­ter Char­lot­te gebo­ren wur­de, war Bert­hold Gut­h­mann im Sep­tem­ber 1923 auf eige­nen Antrag aus dem Staats­dienst aus­ge­tre­ten und hat­te sich in Wies­ba­den als Rechts­an­walt nie­der­ge­las­sen. Sei­ne Zulas­sun­gen zu dem dor­ti­gen Amts- und Land­ge­richt erhielt er am 19. Janu­ar 1927.[31] Damit war der Grund­stein für eine außer­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re gelegt, bei der Bert­hold Gut­h­mann gera­de wegen sei­nes Enga­ge­ments für sei­ne jüdi­schen Mit­bür­ger unwei­ger­lich, aber auch unfrei­wil­lig in den Macht­ap­pa­rat des NS-Staa­tes ein­ge­bun­den wur­de. Die Gewis­sens­kon­flik­te, die aus die­ser pre­kä­ren Stel­lung resul­tie­ren muss­ten, sind nur zu erahnen.

Sowohl sei­ne ers­te Kanz­lei in der Lang­gas­se 30, als auch die zwei­te in der Kirch­gas­se 7, waren im Zen­trum Wies­ba­dens gele­gen. In die Kirch­gas­se 7, in der auch sei­ne Pri­vat­woh­nung lag, war er mit der Kanz­lei 1930 umge­zo­gen. Sei­ne Kli­en­tel bestand etwa zur Hälf­te aus Juden bzw. Nicht­ju­den.[32]

Guthmann Berthold, Blaire Michel, Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 25
Fami­lie Gut­h­mann um 1928
(Archiv AMS)

Aber Bert­hold Gut­h­mann setz­te sich nicht nur beruf­lich als Jurist für sei­ne jüdi­schen Mit­bür­ger ein, wie unzäh­li­ge Akten bele­gen, die Fami­lie Gut­h­mann enga­gier­te sich ins­ge­samt auch im Ver­eins­le­ben der jüdi­schen Gemein­de auf viel­fäl­ti­ge Wei­se. Im Vor­der­grund stan­den dabei die Ver­ei­ne, die sich um sozia­le Belan­ge küm­mer­ten. So waren Gut­h­manns Mit­glied in der „Wies­ba­de­ner Feri­en­ko­lo­nie für israe­li­sche Kin­der“, die sich der Für­sor­ge erho­lungs­be­dürf­ti­ger Kin­der annahm. Auch der „Ver­ein jüdi­scher Frau­en“, in dem Clai­re Gut­h­mann Mit­glied war, ver­folg­te ähn­li­che Zie­le für bedürf­ti­ge Frau­en, und die „Ritu­el­le Küche“ hat­te es sich zur Auf­ga­be gemacht, Kran­ke und Arme mit Nah­rungs­mit­teln zu ver­sor­gen. Auch der „Israe­li­sche Wai­sen­un­ter­stüt­zungs­ver­ein“ konn­te auf die finan­zi­el­le und wohl auch täti­ge Hil­fe der Gut­h­manns bau­en. Die Pfle­ge jüdi­scher Kul­tur, Geschich­te und Lite­ra­tur wur­de durch ihr Enga­ge­ment im „Jüdi­schen Lehr­haus“ geför­dert. Die bei­den Kin­der waren Mit­glied in der „Sport­grup­pe im Reichs­bund jüdi­scher Front­sol­da­ten“. Ver­wun­der­lich ist aller­dings, dass Bert­hold Gut­h­mann, der hoch­de­ko­rier­te Sol­dat des Ers­ten Welt­kriegs, 1935 kein Mit­glied des „Reichs­bunds jüdi­scher Front­sol­da­ten“ („RjF“) mehr war.[33] Offen­sicht­lich war er dort inzwi­schen aus­ge­tre­ten, denn Fritz Beck­hardt, der wie Bert­hold Gut­h­mann Flie­ger im Ers­ten Welt­krieg gewe­sen war, berich­te­te, dass er ihn, den „Vor­sit­zen­den der Orts­grup­pe des RjF“, 1927 im Café Mald­aner ken­nen­ge­lernt habe, als die­ser dort „mit gro­ßen Detail­kennt­nis­se“ Vor­trä­ge über den „’Stand der völ­ki­schen Bewe­gung in Wies­ba­den und im Rhein­gau’ und ‚die ‚gegen­wär­ti­ge Lage unse­rer Abwehr­tä­tig­keit’“ gehal­ten habe.[34]

Judenhaus Bahnhofstr. 25 Wiesbaden , Claire Michel, Jakob Guthmann
Bert­hold Gut­h­mann
(Archiv AMS)

Neben die­sem Enga­ge­ment in der Jüdi­schen Gemein­de, war er als Spre­cher der ört­li­chen Sozi­al­de­mo­kra­ten auch poli­tisch aktiv.[35] Zudem gehör­te er der Loge B’nai B’rith an, einer Ver­ei­ni­gung, die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in New York von deut­schen Juden gegrün­det wor­den war und den Zie­len einer huma­nen, tole­ran­ten und sozia­len Welt ver­pflich­tet war. Die „Söh­ne des Bun­des“ – wie die deut­sche Über­set­zung des hebräi­schen Namens der Loge lau­tet – betrach­te­ten sich auch als ein Forum zur Refle­xi­on über die Rol­le des Juden­tums in der kon­kre­ten Welt. Leo Baeck war seit 1925 Prä­si­dent des deut­schen Able­gers der Loge, die 1937 von den Nazis zwangs­wei­se auf­ge­löst wur­de.[36] Das wich­tigs­te Enga­ge­ment von Bert­hold Gut­h­mann war aber sein Vor­sitz im „Cen­tral-Ver­ein deut­scher Staats­bür­ger jüdi­schen Glau­bens“, der nicht nur poli­tisch gegen den wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus ein­zu­schrei­ten ver­such­te, son­dern auch durch kon­kre­te Rechts­hil­fe den jüdi­schen Glau­bens­brü­dern und –schwes­tern in Kon­flikt­si­tua­tio­nen bei­stand. [37]

Auch in sei­ner Rol­le als Rechts­an­walt konn­te er die­se Auf­ga­be, anders als vie­le sei­ner jüdi­schen Kol­le­gen, dank sei­ner Kriegs­aus­zeich­nun­gen auch nach 1933 wei­ter­hin erfül­len. Vie­le Akten, etwa Urkun­den von Haus­ver­käu­fen aus­wan­de­rungs­wil­li­ger Juden oder Ein­sprü­che gegen Steu­er­be­schei­de, tra­gen sei­ne Unterschrift.

Die Gut­h­manns – so die Toch­ter Char­lot­te Opfer­mann – waren eine der für die Zwi­schen­kriegs­zeit so typi­schen, völ­lig assi­mi­lier­ten jüdi­schen Fami­li­en der obe­ren Mit­tel­klas­se.[38] Doch mit dem 30. Janu­ar 1933 änder­te sich alles, das beruf­li­che, wie auch das pri­va­te Leben. Und die­se Ver­än­de­run­gen waren auch für die Kin­der unmit­tel­bar erfahr­bar. So berich­te­te Char­lot­te in ihren bio­gra­phi­schen Noti­zen, dass sie bis dahin vie­le Wochenend‑, Feri­en- und Fei­er­ta­ge in Gie­ßen bei den Groß­el­tern ver­bracht und dort unbe­küm­mert mit den nicht­jü­di­schen Nach­bars­kin­dern gespielt hat­te. Ab 1933 sei ihr von den Eltern die­ser Kin­der mit­ge­teilt wor­den, dass das „nicht mehr erwünscht“ sei.[39]

Charlotte Guthmann, Opfermann, Judenhaus Wiesbaden
Char­lot­te Gut­h­mann
(Archiv AMS)

Bald began­nen auch die Dis­kri­mi­nie­run­gen und Demü­ti­gun­gen in der Schu­le. Char­lot­te war in der Heb­bel­schu­le für Mäd­chen und Paul in die gegen­über­lie­gen­de Heb­bel­schu­le für Jun­gen ein­ge­schult wor­den. Anhand der Bio­gra­phie Hit­lers habe sie damals Lesen und Schrei­ben gelernt – so berich­te­te Char­lot­te Opfer­mann 2004 bei einem ihrer spä­te­ren Besu­che in Wies­ba­den.[40] Über­all in ihrem All­tag begeg­ne­te ihnen jetzt der Juden­hass, ein Phä­no­men, für Kin­der noch weni­ger begreif­lich als für Erwach­se­ne. Zwar hat­ten bei­de Geschwis­ter wie­der­um wegen der Kriegs­aus­zeich­nun­gen des Vaters auch nach 1935 noch eine Höhe­re Schu­le besu­chen zu dür­fen, aber dort waren die all­täg­li­chen Anfein­dun­gen und Benach­tei­li­gun­gen noch umfas­sen­der und auch per­sön­li­cher. Es wur­de nicht mehr nur all­ge­mein gegen Juden gehetzt, son­dern man wur­de im Unter­richt miss­ach­tet, in die letz­te Rei­he gesetzt oder mit schlech­te­ren Zen­su­ren für glei­che Leis­tun­gen bedacht.

Guthmann Judenhaus Wiesbaden
Paul Gut­h­mann (2. von rechts) mit sei­nem Leh­rer Edmund Isaak Capell auf dem Hof der Guten­berg­schu­le
(Archiv AMS)

Dass von jüdi­schen Kin­dern auch mehr Schul­geld als von nicht­jü­di­schen gefor­dert wur­de, war gegen­über der per­ma­nen­ten psy­chi­schen Belas­tung noch eher leicht zu ver­schmer­zen.[41] Wäh­rend Char­lot­te das Lyze­um am Adolf-Hit­ler-Platz, ehe­dem Schloss­platz, besuch­te, ging Paul seit dem Früh­jahr 1932 an die Guten­berg­schu­le. So wie Char­lot­te in ihrer Klas­se noch die jüdi­schen Mit­schü­le­rin­nen Han­ni Neu­mann und Ellen Kahn hat­te, teil­te Paul sein Schick­sal mit Her­bert Koch und Erich Facken­heim.[42] Wie damals in vie­len ande­ren Schu­len in Deutsch­land, wur­de auch hier von einem Leh­rer, dem Pauls „min­der­wer­ti­ge Ras­seh­erkunft“ nicht bekannt war, des­sen „urari­sche“ Kopf­form mit den „wis­sen­schaft­li­chen Metho­den“ natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ras­sen­bio­lo­gie unzwei­fel­haft nachgewiesen.

Noch schlim­me­re Kon­se­quen­zen hat­te der Macht­wech­sel für die Groß­el­tern. In Gie­ßen sorg­te die ört­li­che NSDAP dafür, dass jüdi­sche Vieh­händ­ler vom Markt aus­ge­schlos­sen wur­den, noch bevor ent­spre­chen­de Direk­ti­ven von der Reichs­re­gie­rung erlas­sen wur­den. Zunächst hat­te man sie auf Vor­markt­ta­ge ver­wie­sen, dann, ab Okto­ber 1935, gal­ten die ober­hes­si­schen Märk­te als „juden­frei“. Im Zusam­men­hang mit die­ser Ver­trei­bung soll Her­mann Michel ein­mal so ver­prü­gelt wor­den sein, dass er seit­dem nicht mehr voll arbeits­fä­hig war. 1936 wur­de die Pfer­de­zu­be­hör­hand­lung auf­ge­ge­ben, der Kom­mis­si­ons­han­del mit Pfer­den wur­de aber noch bis 1937 betrie­ben. Gro­ßen Umfang wird er aber nicht mehr gehabt haben. Inzwi­schen waren Mie­ter in das Haus auf­ge­nom­men wor­den, die – neben dem Buch­ver­leih von Fran­zis­ka Michel und Erspar­tem – durch die Miet­ein­nah­men den Lebens­un­ter­halt wenigs­tens eini­ger­ma­ßen sicher­ten.[43]

Nicht min­der betrof­fen waren die Groß­el­tern Lina und Jakob Gut­h­mann in Eich. Ein Zeit­zeu­ge, Ernst Jakob Kahn, berich­te­te, wie in dem klei­nen Ort die Juden Zug um Zug aus­ge­grenzt und ver­trie­ben wur­den. 1935 wur­de durch einen Gemein­de­rats­be­schluss der wei­te­re Zuzug von Juden ver­bo­ten, weil die „Anzahl der Juden für die Eicher Gemein­de schon lan­ge eine unzu­mut­ba­re Last“ sei. Die bis­he­ri­gen Rech­te, wie Nut­zung der All­men­de oder der Erwerb von Grund­ei­gen­tum, wur­den ihnen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne suk­zes­si­ve ent­zo­gen. Nicht­jü­di­sche Fir­men, die mit ihnen wei­ter­hin Geschäfts­be­zie­hun­gen unter­hiel­ten, wur­den von öffent­li­chen Auf­trä­gen aus­ge­schlos­sen.[44] Im Beson­de­ren hat­te die Nazi­meu­te Jakob Gut­h­mann, die her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­keit der jüdi­schen Gemein­schaft, im Visier. Unmit­tel­bar nach der „Macht­er­grei­fung“ ver­schlepp­ten sie ihn in das nahe­ge­le­ge­ne pro­vi­so­ri­sche KZ Ost­ho­fen. Nicht nur die Tat als sol­che, son­dern die Bru­ta­li­tät, mit der sie durch­ge­führt wur­de, lässt einen noch heu­te erschau­dern. Man hat­te ihn so auf ein Auto gebun­den, dass sei­ne Füße die gesam­te Stre­cke auf dem Boden schleif­ten, sodass am Ende die­ser Tor­tur die Schu­he zer­fetzt und das „rohe Fleisch zu sehen“ war.[45] Es war nur der Beginn per­ma­nen­ter Atta­cken und Demü­ti­gun­gen, die die Fami­lie, aber natür­lich nicht nur sie, seit die­sem Zeit­punkt zu ertra­gen hat­te. Nicht nur gin­gen durch die Boy­kott­ak­tio­nen die Umsät­ze sei­ner bis­her so erfolg­rei­chen Fir­ma deut­lich zurück,[46] die SA erpress­te auch Geld von ihm, zwang Gut­h­mann, sein Auto für ihre Aktio­nen zur Ver­fü­gung zu stel­len, und beschmier­te sein Haus mit Haken­kreu­zen. Mit einem Rasier­mes­ser muss­te Jakob Gut­h­mann auf demü­ti­gen­de Wei­se am nächs­ten Tag sein Haus selbst wie­der rei­ni­gen. Ernst Jakob Kahn und auch die damals 11-jäh­ri­ge Enke­lin Mar­got[47] erin­ner­ten sich spä­ter an eine ande­re Gewalt­ak­ti­on, die sich 1935 zuge­tra­gen haben muss. Es begann mit einem Über­fall, bei dem die Woh­nung völ­lig zer­stört wur­de, aller Schmuck und auch vor­han­de­nes Bar­geld geraubt wur­den. Wie­der spiel­te das Auto, das offen­sicht­lich den Neid der ört­li­chen SA-Män­ner erreg­te, auch bei die­ser „Straf­ak­ti­on“ eine wesent­li­che Rol­le. Unter Füh­rung des Bür­ger­meis­ters Wid­der wur­de er wie­der dar­an fest­ge­bun­den und durch den Ort geschleift. Anschlie­ßend häng­te man ihn kopf­über an den Bei­nen zwi­schen zwei Bäu­men an der Stra­ße zum Nach­bar­ort auf. Ernst Jakob Kahn notier­te in sei­nen Erin­ne­run­gen, dass Jakob Gut­h­mann nach die­sem Ereig­nis sei­nen Hei­mat­ort ver­las­sen habe und nie mehr nach Eich zurück­ge­kehrt sei. [48] Unter Zwang habe er sein Geschäft auf­ge­ben und sein Haus ver­kau­fen müs­sen. „Bald dar­auf erschien an der Haupt­stra­ße am Ein­gang zur Stadt das Schild ‚juden­rein’. Gegen­über von die­sem Schild stand das übli­che Kru­zi­fix. Nie­mand sah die Iro­nie die­ser Bezeich­nun­gen.“[49]

Sei­ne Frau Lina hat­te nur noch die ers­te Pha­se die­ser schreck­li­chen Jah­re erle­ben müs­sen. Sie war bereits am 18. Okto­ber 1934 in Eich ver­stor­ben. Daher muss­te sie auch nicht mehr mit­er­le­ben, wie ihr Eltern­haus das glei­che Schick­sal erlitt, wie das ihres Man­nes. Sie war zusam­men mit ver­mut­lich neun Geschwis­tern in Groß-Gerau auf­ge­wach­sen, wo ihre Eltern, Leh­mann und Babet­te Gut­h­mann, gebo­re­ne Gut­h­mann, ein Schuh­ge­schäft in der Darm­städ­ter Str. 1 betrie­ben.[50] Nach ihrem Tod im Jahr 1919 bzw. 1926 hat­te die jün­ge­re, bereits ver­wit­we­te Schwes­ter Min­na mit ihren bei­den Töch­tern das Laden­ge­schäft über­nom­men und dort mit dem Ver­kauf von Kurz­wa­ren ihre klei­ne Fami­lie unter­hal­ten. Ihr Mann Wolf Kahn war mit 37 Jah­ren am 21. Juli 1918 im Ers­ten Welt­krieg gefal­len. 1935 wur­de das Haus an einen orts­an­säs­si­gen Opti­ker und sei­ne Frau ver­kauft. Min­na Kahn muss­te nach Frank­furt zie­hen, wo auch ihr Bru­der Jakob seit 1939 zu leben gezwun­gen war. Bei­de fie­len dem Ras­sen­wahn der Nazis zum Opfer.[51]

 

Wäh­rend des letz­ten Über­falls auf Jakob Gut­h­mann hat­ten Nach­barn den Sohn in Wies­ba­den von der Akti­on unter­rich­tet, ihn aber zugleich gewarnt, selbst nach Eich zu fah­ren. Statt sei­ner war dann der Bru­der Edu­ard, der in Köln leb­te, gekom­men und hat­te Jakob Gut­h­mann abge­holt. Ob er mit ihm zunächst nach Köln oder gleich nach Wies­ba­den zu Bert­hold Gut­h­mann ging, ließ sich nicht mehr fest­stel­len. Am 27. März 1936 mel­de­te er sich offi­zi­ell von Eich ab[52] und ließ sich in Wies­ba­den nie­der, wo er zunächst eine Woh­nung in der Les­sing­str. 3 bezog.[53]

Am 5. April 1937 schlos­sen er und sein Sohn Bert­hold in Wies­ba­den den Kauf­ver­trag über das Haus in der Bahn­hofstr. 25 ab. Für 33.000 RM, 22.000 RM wur­den sofort in bar gezahlt, erwar­ben sie je zur Hälf­te die gro­ße Stadt­vil­la in einer der Pracht­stra­ßen der Kur­stadt. Am 27. Mai wur­de der Besitz­wech­sel im Grund­buch der Stadt ein­ge­tra­gen, nach­dem der Ober­bür­ger­meis­ter die not­wen­di­ge Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung aus­ge­stellt hat­te und die fäl­li­ge Grund­er­werbs­steu­er von etwa 1.700 RM gezahlt wor­den war.[54]

Jakob Guthmann, Berthold Guthmann, Claire Guthmann, Charlotte Guthmann, Paul Guthmann
Fami­lie Gut­h­mann
(Archiv AMS)

Nach einer auf­wen­di­gen Reno­vie­rung zogen Jakob Gut­h­mann mit sei­ner Haus­ge­hil­fin und Sohn Bert­hold mit sei­ner vier­köp­fi­gen Fami­lie dort ein. Auch die Pra­xis wur­de aus der Kirch­gas­se dort­hin ver­legt und im Erd­ge­schoss ein­ge­rich­tet. Im ers­ten Stock leb­te die Fami­lie von Bert­hold, die dar­über­lie­gen­de Eta­ge wur­de geteilt, und zur Hälf­te ver­mie­tet. Jakob Gut­h­mann bewohn­te mit der Haus­an­ge­stell­ten die ande­re Hälf­te. Die obers­te Eta­ge wur­de eben­falls ver­mie­tet. Char­lot­te Opfer­mann ver­such­te spä­ter die­sen zu die­ser Zeit gera­de­zu aber­wit­zi­gen Haus­kauf zu erklä­ren: “The prin­ci­pal resi­dence was light, spa­cious and beau­tiful­ly deco­ra­ted. Jacob and Bert­hold had not stin­ted on the reno­va­tions. He and his fami­ly may have been run out of their ances­tral home, but he and his eldest son respon­ded in kind, acqui­ring an even more lavish resi­dence, not com­pro­mi­sing their stan­dard of living, not cowe­ring befo­re the approa­ching ons­laught, let alo­ne fle­e­ing to safer ground. It show­ed cou­ra­ge and pri­de, but also a reck­less dis­re­gard or fatal misun­derstan­ding of the dan­ger they faced. It was hub­ris that would cost most of the fami­ly their lives.”[55]

Trotz aller Ein­schrän­kun­gen und Zumu­tun­gen im all­täg­li­chen Leben, ver­lief die Zeit bis zur „Reichs­kris­tall­nacht“ für Gut­h­manns rela­tiv ruhig, so Char­lot­te Opfer­mann. Aber auch sie regis­trier­te damals, dass immer mehr ihrer ehe­ma­li­gen Schul- und Spiel­ka­me­ra­din­nen von heu­te auf mor­gen ver­schwun­den waren, Deutsch­land ver­las­sen hat­ten.[56] Mit dem 10. Novem­ber 1938 wur­de die künst­li­che Nor­ma­li­tät, die die Eltern den bei­den Kin­dern gegen­über auf­recht­zu­er­hal­ten ver­such­ten, end­gül­tig zer­stört. In zwei Doku­men­ten beschrieb Char­lot­te Opfer­mann spä­ter umfas­send und sehr ein­dring­lich die Ereig­nis­se die­ses Tages aus der Sicht einer damals 13-jäh­ri­gen Schü­le­rin.[57]

Ihr Vater war an die­sem Mor­gen auf dem Weg nach Oppen­heim zu einer Gerichts­ver­hand­lung. Sie war mit ihrem Bru­der wie gewöhn­lich zur Schu­le gegan­gen, wenn­gleich auch sie bei­de von der Depor­ta­ti­on der Ost­ju­den in den ver­gan­ge­nen Tagen geschockt und tief berührt waren. Es waren auch Kin­der dar­un­ter gewe­sen, die sie aus ihrer Sport­grup­pe ‚Schild’ kann­ten. Nach der zwei­ten Unter­richts­stun­de kam ein älte­res Mäd­chen in Char­lot­tes Klas­se und flüs­ter­te ihnen die Nach­richt von der bren­nen­den Syn­ago­ge am Michels­berg zu, die man aus dem dar­über­lie­gen­den Stock sehen konn­te. Char­lot­te und ihre Mit­schü­le­rin Ellen Kahn[58] wur­den auf Anwei­sung des Schul­lei­ters nach Hau­se geschickt, eben­so Paul in der Gutenbergschule.
„Paul and I both rea­ched home around ele­ven. Mother and Gross­va­ter were agi­ta­ted. We gathe­red at the kit­chen table – Gross­va­ter, his Jewish house­kee­per, Sen­ny, Mother, Paul and me. Mother had heard that homes were being rai­ded, Jewish men arres­ted, pro­per­ty des­troy­ed. Gross­va­ter hea­ded for the rail­road sta­ti­on to inter­cept Father, to warn him that he was in dan­ger. Mother took char­ge at home. I went to my room and star­ted some home­work, not kno­wing what else to do, wis­hing that Father were the­re. He would know what to do.“[59]

Etwa um Mit­tags­zeit erreich­te der Mob die Bahn­hof­stra­ße; zunächst wur­de dort die Wein­hand­lung Simon ange­grif­fen, die Schei­ben zer­schla­gen und der Wein getrun­ken oder auf der Stra­ße ver­gos­sen. Wei­ter ging es stark alko­ho­li­siert zur Haus­num­mer 25. Clai­re Gut­h­mann und die Kin­der flo­hen in den vier­ten Stock, in dem die Woh­nung an ein nicht­jü­di­sches, est­ni­sches Ehe­paar ver­mie­tet war.
„We hid in her bath­room, four of us, per­ched on the bath­tub, on the com­mo­de, lea­ning against the sink, hus­hed, lis­tening. The­re was ban­ging on the apart­ment door, fol­lo­wed by loud, drun­ken voices spea­king the local dialect, cur­sing, deman­ding to know the whe­re­a­bouts of the Jews Gut­h­mann. The woman did not give us away. A few minu­tes after the mob stumb­led down­s­tairs, she ope­ned the door and told us we must lea­ve. In bro­ken Ger­man, she explai­ned that her hus­band would not appro­ve of her giving shel­ter to his Jew land­lords.”[60]
In einem win­zi­gen Ver­schlag in der glei­chen Eta­ge ver­brach­ten sie die fol­gen­de Zeit und hör­ten von dort, wie ihre Woh­nung und die Kanz­lei des Vaters zer­trüm­mert wur­den. Der Anblick, der sich ihnen bot, nach­dem sie es wag­ten, aus ihrem Ver­steck her­aus­zu­tre­ten, war erschütternd:

„Mother had recent­ly pick­led beets. I last saw the jars lined up in the kit­chen, the vege­ta­bles mari­na­ting in vin­egar. They had been thrown against the walls in seve­ral rooms. A han­ging tapestry, cris­scrossed with a dozen cuts from a sharp kit­chen kni­fe, bled beet juice. Each win­dow and light fix­tu­re, every bit of glass in the apart­ment was shat­te­red. Books were ever­y­whe­re, litt­le car­cas­ses, gut­ted, open pages sme­ared with food and beet juice. I had always been cau­tio­ned to open books careful­ly, lest their spi­nes suf­fer. Not a con­cern now. Handfuls of pages were rip­ped out, stuf­fed into vases with fresh cut flowers, then thrown onto the par­quet flo­ors. Our beds were slas­hed, down fea­thers flut­te­ring ever­y­whe­re. The lar­ge framed print of Rembrandt’s Man with a Gol­den Hel­met in the Her­ren­zim­mer was beet red. Its orna­te frame lay in pie­ces, sur­roun­ded by bro­ken glass. The lea­ther sofa and two matching club chairs were muti­la­ted, spil­ling out stuf­fing, oozing pun­gent red liquid.
The tele­pho­ne was rip­ped from the wall. My upright pia­no was trans­for­med into a pile of splin­te­red wood, bro­ken ivo­ry, twis­ted wires. The inlaid par­quet flo­or was scrat­ched and gouged. Cup­boards and book cases were split open, their con­tents thrown out vacant win­dows. Our clo­thes had been yan­ked from their clo­sets and tos­sed out­side, some of them han­ging in the lil­ac trees out back, others dang­ling from the ever­greens in front, like bizar­re holi­day ornaments.
In my litt­le bed­room, five or six of my child­hood dolls lay on the flo­or, their heads and arms rip­ped off. Shel­ves were torn from the walls. The clo­set door hung by a sin­gle hin­ge. My clo­thes were ravis­hed, a thick win­ter coat split down the back, my under­wear lewd­ly shred­ded. The­re had been two lar­ge armoi­res stuf­fed into my small room, fil­led with Mother’s for­mal par­ty dres­ses from her finis­hing school days. The chests and their con­tents lay amid the debris in the back yard. Rem­nants of my clot­hing were scat­te­red on the ground with my books and toys, games and puz­zles. Dis­mem­be­red ted­dy bears and legless dolls lay the­re too, dead sol­diers on a deser­ted battlefield.
My litt­le wash-up sink in the cor­ner was gone, water dribb­ling from the dama­ged pipes. Next door, Mother’s pri­de and joy, the cus­tom-made marb­le dou­ble sink, was split into lar­ge pie­ces, water gus­hing out, slow­ly working its way through the cei­ling, lea­king into Father’s office below.
Our big sil­ver tray, the polished tea and cof­fee pots, crea­mer and sugar bowl, were gone. None of the kit­chen appli­ances or plum­bing sur­vi­ved. The lar­ge oak buf­fet with its imi­ta­ti­on Renais­sance car­ving was over­tur­ned on an ori­en­tal car­pet. It lay in a pool of red liquid, woo­den car­ri­on left behind after a bloo­dy sacri­fice. The sto­rage clo­sets were emp­ty. The matching linens, neat­ly tied tog­e­ther with bright­ly colo­red satin rib­bons to iden­ti­fy various sets of damask pat­terns, were gone. So were seve­ral coll­ec­tions of crys­tal glas­ses: a spe­ci­al­ly car­ved type for Mosel wine, ano­ther pat­tern with lar­ger bowls for the reds, stur­dy Römers for Rhi­ne wine, always stan­ding neat­ly on their shel­ves – stem­wa­re regi­ments, routed.
Seve­ral of our Vene­ti­an lace Klap­per­deck­chen were impa­led on the edges of bro­ken glass in the emp­ty win­dows. The­se litt­le doi­lies were used when set­ting the table with bone chi­na pla­tes, so that the ser­ving dis­hes would make no sound when repla­ced during each din­ner cour­se. The­re were no pla­tes left. The hea­vy oak table was frac­tu­red. I had dus­ted it only a few days ear­lier, cur­sing the tri­cky car­ved legs. Now it was topp­led on its side like a tro­phy ani­mal, two legs missing.
The mob had uri­na­ted on the walls and flo­ors. In the midd­le of the kit­chen was a pile of human excre­ment. The apart­ment wept beet juice. The com­fort­ing smells of fresh flowers, coo­king odors, a hint of tob­ac­co, the tang of lea­ther fur­ni­tu­re had all dis­ap­peared, per­ma­nent­ly dis­pla­ced by the stench of vin­egar, feces, and the sweat and alco­hol breath stink of drun­ken men.
We now inha­bi­ted a public toi­let.“[61]

Nicht viel anders sah es im Büro des Vaters aus. Auch hier waren die Möbel zer­schla­gen, Lei­tun­gen aus der Wand geris­sen, die Schreib­ma­schi­nen mit Häm­mern bear­bei­tet und alles nur Mög­li­che über Boden und Wän­de geschüt­tet worden.

Auch im Hin­blick auf die irri­ge Erwar­tung, die Ver­si­che­rung wür­de für den ent­stan­de­nen Scha­den auf­kom­men, hat­te man weni­ge Tage nach dem Über­fall die Scha­dens­sum­me im Bei­sein eines Ver­tre­ters der Gesell­schaft bilan­ziert. Im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren kamen unter­schied­li­che Zah­len zur Spra­che. Clai­re Gut­h­mann bezif­fer­te den Scha­den nach dama­li­gen Wer­ten auf etwa 40.000 RM. Ver­mut­lich war der tat­säch­li­che Scha­den noch höher, zumal die Hor­de es nicht bei ihrem Van­da­lis­mus belas­sen hat­te, son­dern auch ver­schie­de­ne wert­vol­le Gegen­stän­de, dar­un­ter eine Kas­set­te mit 51 Gold­mün­zen, raub­te.[62] Die frü­he­ren Aus­stat­ter der Büro­räu­me von Bert­hold Gut­h­mann kal­ku­lier­ten 1950 für die weit­ge­hen­de Instand­set­zung des frü­he­ren Zustan­des eine Sum­me von 16.000 DM, ohne dabei „sämt­li­che Büro­ma­te­ria­li­en“ oder „die gesam­te Biblio­thek“ erfasst zu haben“.[63]

Aber es ging nicht nur um die Zer­stö­rung von Sachen, eine ganz ande­re Dimen­si­on hat­te die Zer­stö­rung von Ver­trau­lich­keit und Inti­mi­tät. Will­kür­lich waren die Akten aus dem Büro auf die Stra­ße gewor­fen wor­den, für jeden Pas­san­ten ein­seh­bar. Es waren Doku­men­te aus Schei­dungs­pro­zes­sen oder über Geschäfts­vor­gän­ge, Steu­er­un­ter­la­gen und ande­re pri­va­te Schrei­ben — nicht nur von jüdi­schen Kli­en­ten. Auch die pri­va­ten Brie­fe, die ursprüng­lich gebün­delt im Schlaf­zim­mer­schrank der Eltern auch vor den Augen der Kin­der ver­bor­gen waren, lagen jetzt offen auf dem Geh­weg.[64]

Unter Trä­nen begann die Mut­ter unmit­tel­bar nach dem Anschlag mit den Auf­räum­ar­bei­ten, eine trot­zi­ge, wenn auch gegen­über den Kin­dern ver­geb­li­che Ges­te, dass man sich nicht wür­de unter­krie­gen las­sen – für Char­lot­te unbe­greif­lich. Bert­hold Gut­h­mann, nach­dem er mit sei­nem Vater unver­letzt in der Bahn­hof­stra­ße ange­kom­men war, blieb auch jetzt bei sei­ner Hal­tung: Man habe als Jude in Deutsch­land ein „Daseins­recht“, nicht nur ein gesetz­mä­ßi­ges, son­dern auch ein mora­li­sches Recht, gera­de­zu eine mora­li­sche Pflicht, zu blei­ben.[65] Aber Zwei­fel schei­nen auch ihm ange­sichts des Gesche­he­nen gekom­men zu sein:
“Father could not look Paul or me in the eye as he reassu­red us that all this could be explai­ned, that ever­y­thing would be all right. He beha­ved as though we had just sur­vi­ved a natu­ral dis­as­ter, a tor­na­do or ear­th­qua­ke, not a raging mob of neigh­bours bent on mur­de­ring us. It was the most unna­tu­ral thing that had ever hap­pen­ed to me.”[66]

Wie wenig „all right” alles war, zeig­te sich schon weni­ge Stun­den spä­ter. Bert­hold Gut­h­mann konn­te gera­de noch sei­ne Anwei­sung für den Fall sei­ner Ver­haf­tung schrift­lich nie­der­le­gen, als die Gesta­po-Beam­ten in Zivil erschie­nen und ihn mit­nah­men. Wohin er gebracht wur­de, erfuhr zunächst weder er noch sei­ne Fami­lie. Da Buchen­wald zu die­ser Zeit in Wies­ba­den noch unbe­kannt war, mut­maß­te man bei die­ser Orts­an­ga­be, dass er und die ande­ren Ver­haf­te­ten in dem nahen Hohen­buch­au, einem alten Schloss in der Nähe von Schlan­gen­bad, inter­niert sei­en. Ver­ge­bens ver­such­ten die Frau­en dort Kon­takt mit ihren Ehe­män­nern auf­zu­neh­men. Erst all­mäh­lich sprach sich her­um, wohin die Ver­haf­te­ten in Wirk­lich­keit ver­schleppt wor­den waren. Auch sein Schwie­ger­va­ter Her­mann Michel aus Gie­ßen gehör­te zu den dort Inhaf­tier­ten. Da Bert­hold Gut­h­mann aus sei­ner Mili­tär­zeit Erfah­run­gen in Ers­ter Hil­fe hat­te, fand er dort eine Stel­le auf der Krankenstation.

Rechtskonsulent Berthold Guthmann Wiesbaden, Judenhaus, Bahnhofstr. 25

 

 

 

 

Hand­schrift­li­cher Lebens­lauf von Bert­hold Gut­h­mann anläss­lich sei­ner Bewer­bung zum ‘Kon­su­len­ten’
(HHStAW 458 793)

Im Dezem­ber 1938 wur­den bei­de wie­der ent­las­sen. „Father loo­ked not­hing like hims­elf when he arri­ved: tired, dis­he­ve­led, shorn hair, filt­hy clo­thes. Like most of the inma­tes, he suf­fe­r­ed from dys­en­tery. He had metho­di­cal­ly torn out the lining of his coat to use as toi­let paper. He wal­ked through the front door at twi­light, a ghost.”[67]
Die Frei­las­sung geschah wahr­schein­lich auf Initia­ti­ve des Wies­ba­de­ner Ober­staats­an­walts Hans Quam­busch, der auch Vor­sit­zen­der der dor­ti­gen Anwalts­kam­mer war. Er hat­te wohl erreicht, dass Bert­hold Gut­h­mann die Funk­ti­on eines soge­nann­ten Rechts­kon­su­len­ten erhielt, durch die er zustän­dig für alle Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten der Wies­ba­de­ner Juden und damit auch für die NS-Büro­kra­tie unab­kömm­lich wur­de. [68] Rück­wir­kend zum 28. Novem­ber 1938 wur­de er vier Wochen vor sei­ner tat­säch­li­chen Ent­las­sung aus Buchen­wald in das „Amt“ beru­fen und wur­de zustän­dig für den gesam­ten Bezirk des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt.[69] Die Beru­fung galt zunächst für einen Monat, wur­de dann aber immer wie­der jeweils um den glei­chen Zeit­raum verlängert.

Rosenthal Michel Guthmann
Johan­na Rosen­thal, gebo­re­ne Michel
(anchestry​.com)

Die so erwirk­te Frei­las­sung hat­te aber einen ent­schei­den­den Nach­teil: Aus Ver­ant­wor­tung gegen­über sei­nen Kli­en­ten, die auf sei­ne Unter­stüt­zung bei ihren Ange­le­gen­hei­ten ver­trau­ten, so auch bei der Über­win­dung der vie­len büro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se bei der Aus­wan­de­rung, fühl­te er sich nicht mehr frei, selbst die­sen Schritt zu voll­zie­hen. Ein Ange­bot einer Ver­wand­ten, Joh­an­nah Rosen­thal, mit der gan­zen Fami­lie nach Bra­si­li­en zu gehen, wo deren ältes­ter Sohn schon Jah­re zuvor eine gro­ße Kaf­fee­plan­ta­ge auf­ge­baut hat­te, lehn­te er ab.[70] Bert­holds Schwes­ter Anna war eben­falls bereits aus­ge­reist und auch sein Bru­der Edu­ard konn­te mit Bert­holds Hil­fe mit sei­ner Fami­lie und sei­nen Schwie­ger­el­tern in die USA emi­grie­ren. Unter Miss­ach­tung aller Fak­ten – so Char­lot­te Gut­h­mann – hät­ten ihre Eltern damals nicht erken­nen wol­len, dass es sich bei die­ser Ableh­nung um eine „life-or-death decis­i­on“ han­del­te. The pro­vin­cial charm of Wies­ba­den still held sway. No, we could not go to the theat­re, or con­certs, or move about as we wis­hed. But in Bra­zil we pro­ba­b­ly would not indul­ge in much theat­re or con­cert going eit­her. Far out in the back coun­try, the­re would be no Kul­tur. We did not speak the lan­guage. Father would no lon­ger be a lawy­er. We would be as out of place the­re as were the Ost­ju­den were in Ger­ma­ny. So we stay­ed.“[71] Es waren die Über­le­gun­gen und Ängs­te, mit denen alle Aus­wan­de­rer kon­fron­tiert waren, aber bei Bert­hold Gut­h­mann waren sie oben­drein ver­knüpft mit der Ver­ant­wor­tung, nach Char­lot­te Gut­h­mann „eine über­trie­be­ne Ein­lö­sung der ihm auf­er­leg­ten Ver­ant­wor­tung“, die man den Zurück­ge­blie­be­nen gegen­über schul­dig war. Er fand, so Char­lot­te Gut­h­mann, „dass in die­ser Situa­ti­on, mit die­ser Aus­bil­dung, mit die­sem Ver­trau­en und mit die­ser Kennt­nis der Sach­la­ge man die Ver­ant­wor­tung hät­te dazu­blei­ben.“[72] Sicher spiel­te dabei auch eine Rol­le, dass er nur durch die Über­nah­me der Funk­ti­on als Kon­su­lent aus Buchen­wald vor­zei­tig ent­las­sen wor­den war, wäh­rend ande­re noch Wochen, gar Mona­te dort ver­blei­ben muss­ten. Den­noch: „He regu­lar­ly pla­ced their inte­rests befo­re tho­se of his fami­ly. I may judge him, even con­demn him, but kno­wing what came after, how can I not for­gi­ve him? In the Gut­h­mann tra­di­ti­on, howe­ver, for­gi­ve­ness is a very pri­va­te mat­ter.”[73]

Statt aus­zu­wan­dern, wur­de die zer­stör­te Woh­nung auf eige­ne Kos­ten repa­riert, aber sie wur­de nie mehr der Ort, der Sicher­heit und Gebor­gen­heit ver­kör­pert. Char­lot­te Gut­h­mann fühl­te sich, so schrieb sie, seit den Ereig­nis­sen im Novem­ber 1938 in der Frem­de, im Exil – aller­dings ohne das Sicher­heits­ver­spre­chen, das die­sem Wort gemein­hin auch anhaf­tet. Nach Char­lot­tes Erin­ne­rung dau­er­te es eine Woche, bis die Pogrom­stim­mung sich all­mäh­lich leg­te. Zwar gab es kei­ne Schlä­ge, kei­ne Brand­stif­tun­gen und Zer­trüm­me­run­gen mehr, aber täg­lich kamen Leu­te vor das Haus und tuschel­ten: „’Die Juden sind unser Unglück’. It see­med that ever­yo­ne had a per­so­nal sto­ry to jus­ti­fy reven­ge against the Jews, all lea­ding to the same con­clu­si­on: we deser­ved what we got.“[74]

Auch aus ihrer bis­he­ri­gen Schu­le, dem Lyze­um, die sie etwa eine Woche nach dem Pogrom wie­der zu betre­ten ver­such­te, wur­de sie sofort wie­der ver­wie­sen, sodass sie ab die­ser Zeit nun die Jüdi­sche Schu­le in der Main­zer Stra­ße besu­chen muss­te.[75] Damit zer­bra­chen all die Zukunfts­plä­ne, die sich Char­lot­te gemacht hat­te, Abitur, Stu­di­um – all das, was bis­her so selbst­ver­ständ­lich für ein Mäd­chen ihrer Her­kunft zu sein schien, war mit einem Mal verloren.

Die ari­schen Mie­ter zogen sich eben­falls zurück und such­ten sich so schnell wie mög­lich eine ande­re Unter­kunft, wohl nicht, weil sie selbst die Juden hass­ten, aber sie woll­ten auch nicht in den Ver­dacht gera­ten, „Juden­freun­de“ zu sein. Die Aus­gren­zung hat­te eine neue Stu­fe erricht. Es gab aller­dings auch viel Soli­da­ri­tät von jüdi­schen Mit­bür­gern, oft ehe­ma­li­ge Kli­en­ten von Bert­hold Gut­h­mann, die so ihre Dank­bar­keit für sei­ne Hil­fe zum Aus­druck brin­gen konn­ten. Man brach­te ihnen Möbel, Geschirr Wäsche und sogar Bücher.[76]

Genau ein Jahr spä­ter ereig­ne­te sich ein zwei­ter Anschlag auf Gut­h­manns. Mit­ten in der Nacht ver­schaff­ten sich drei uni­for­mier­te SA-Leu­te, die alle­samt auch städ­ti­sche Ange­stell­te waren, Zugang zur Woh­nung, um die­se unter dem Vor­wand, Bert­hold Gut­h­mann und sein Sohn Paul sei­en Spio­ne, zu durch­su­chen bzw. erneut zu ver­wüs­ten. Man hat­te sich aber schon zuvor in dem SA-Sturm­lo­kal „Zu den drei Hasen“ auf den eigent­li­chen Zweck der Akti­on, die Juden „abzu­schmie­ren“, geei­nigt. Angeb­lich hat­ten sie laut der spä­te­ren Aus­sa­ge von Franz­reb, einem der Täter, vom Wies­ba­de­ner Gesta­po-Beam­ten Bode­wig anläss­lich des Atten­tats auf Hit­ler im Münch­ner Bür­ger­bräu­kel­ler den ent­spre­chen­den Befehl erhal­ten. Bert­hold und Paul Gut­h­mann wur­den in eine Schre­ber­gar­ten­an­la­ge seit­lich der Bie­bri­cher Allee ver­schleppt und dort auf bes­tia­lischs­te Wei­se mit Fäus­ten, Trit­ten und mit den Dol­chen trak­tiert. Nur weil einer der Mit­tä­ter nicht bereit war, dem Anfüh­rer der Meu­te sei­ne Pis­to­le zu geben, kam es nicht zur Erschie­ßung der bei­den.[77] Im Glau­ben, sie sei­en durch die Schlä­ge und Mes­ser­sti­che bereits töd­lich ver­letzt, wur­den sie von den Tätern auf dem Feld­weg zurück­ge­las­sen. Bei­de konn­ten sich aber zu einem jüdi­schen Arzt am nahe­ge­le­ge­nen Kai­ser-Fried­rich-Ring schlep­pen, der die lebens­ret­ten­de Ers­te Hil­fe leis­te­te und sie anschlie­ßend in die Städ­ti­schen Kli­ni­ken brach­te.[78] Sechs Wochen muss­te zumin­dest Bert­hold Gut­h­mann dort blei­ben, aber auch danach war er ein Vier­tel­jahr nur beschränkt arbeits­fä­hig.[79]

Trotz die­ser bei­den Über­fäl­le, hielt sich bis in die Nach­kriegs­zeit in Wies­ba­den das Gerücht, Gut­h­manns hät­ten damals unter dem beson­de­ren Schutz der NSDAP gestan­den. Gera­de der letz­te Anschlag nähr­te die­se Ver­mu­tung, denn immer­hin kam es zu einer Ver­ur­tei­lung der Täter durch die Gerich­te. Dass sich die NS-Jus­tiz schein­bar schüt­zend vor Juden und gegen SA-Leu­te stell­te, war nur schwer zu ver­ste­hen.[80] Hin­zu kam, dass Bert­hold Gut­h­mann durch sei­ne Funk­ti­on in stän­di­gem Kon­takt zu allen mög­li­chen Par­tei- und Staats­stel­len stand, u.a. zu Wal­ter Bode­wig,[81] dem Lei­ter des „Juden­re­fe­rats“ in Wies­ba­den, wodurch es ihm immer wie­der gelang, sei­nen jüdi­schen Kli­en­ten Vor­tei­le zu ver­schaf­fen. Einer der spek­ta­ku­lärs­ten Fäl­le war in die­sem Zusam­men­hang das Ver­fah­ren gegen Fritz Beck­hardt, der ange­klagt war, wegen einer Bezie­hung zur ari­schen Haus­häl­te­rin gegen das „Blut­schutz­ge­setz“ ver­sto­ßen zu haben. Bert­hold Gut­h­mann hat­te die Ver­tei­di­gung für sei­nen ehe­ma­li­gen „Flie­ger­ka­me­ra­den“ aus dem Ers­ten Welt­krieg über­nom­men, konn­te aber des­sen Ver­ur­tei­lung nicht ver­hin­dern. Nach Ablauf sei­ner Gefäng­nis­stra­fe wur­de er in das KZ Buchen­wald über­führt, dann aber im Febru­ar 1940 „auf Grund sei­ner Ver­diens­te im Welt­krieg“ uner­war­tet aus der Straf­kom­pa­nie ent­las­sen. Unzwei­fel­haft hat­te Bert­hold Gut­h­mann ihm durch eine Inter­ven­ti­on bei Göring, eben­falls ehe­ma­li­ger „Flie­ger­ka­me­rad“ im Ers­ten Welt­krieg, das Leben geret­tet, wenn­gleich die genau­en Umstän­de nicht bekannt sind.[82] Wer sol­che Ver­bin­dun­gen in die höchs­ten Par­tei­krei­se hat­te, erschien irgend­wie ver­däch­tig, auch wenn er sich seit Jah­ren mit allen Kräf­ten für sei­ne jüdi­schen Mit­bür­ger ein­ge­setzt hat­te, sogar bereit war, sei­ne eigen Fami­lie zu opfern.[83] Nicht immer haben die Geret­te­ten im die­sen Ein­satz gedankt und man­cher hat nach gelun­ge­ner Aus­rei­se ver­säumt, die fäl­li­ge Rech­nung zu beglei­chen.[84]

Unge­ach­tet des­sen hat­te Bert­hold Gut­h­mann auch in der Zeit als Kon­su­lent vom Dezem­ber 1938 bis Mai 1943 recht beträcht­li­che Ein­künf­te. Die Ein­nah­men, die monat­lich auf­ge­führt sind, sum­mie­ren sich ins­ge­samt auf rund 100.000 RM, d.h. monat­lich im Schnitt 1.820 RM.[85] Davon sind aller­dings die hier nicht ange­ge­be­nen Kos­ten abzu­zie­hen, zudem war das Ein­kom­men noch auf der Basis einer dis­kri­mi­nie­ren­den Gesetz­ge­bung zu ver­steu­ern. Ent­schei­dend aber ist, dass er nur die Hälf­te die­ser Ein­nah­men selbst behal­ten durf­te. Die ande­re Hälf­te war als „Aus­gleichs­zah­lung“ an die Rechts­an­walts­kam­mer „Son­der­kon­to Aus­gleichs­stel­le, Ber­lin“ zu über­wei­sen. An wen die­ser Betrag von 50.000 RM letzt­lich ging, ist den Unter­la­gen nicht zu ent­neh­men. Auch ist nicht aus­ge­führt, auf wel­cher recht­li­chen Grund­la­ge die­se Abga­be beruh­te, aber man kann ver­mu­ten, dass sich damit der Fis­kus oder die SS das gewähr­te „Pri­vi­leg“, über­haupt noch in die­sem Bereich tätig sein zu dür­fen, teu­er bezah­len ließ.[86] Aber auch die Rest­sum­me, die er als „Eigen­tum“ behal­ten durf­te, ging auf das gesi­cher­te Kon­to, auf das er kei­nen frei­en Zugriff hatte.

Hat­te sei­ne Auf­ga­be als Kon­su­lent bis­her weit­ge­hend dar­in bestan­den, Aus­wan­de­rungs­wil­li­gen trotz der dis­kri­mi­nie­ren­den Geset­ze dabei behilf­lich zu sein, ihre Habe noch mög­lichst vor­teil­haft über die Gren­ze zu schaf­fen oder zu ver­kau­fen und den schier undurch­schau­ba­ren Dschun­gel not­wen­di­ger Beschei­ni­gun­gen und Stem­pel zu durch­drin­gen, so ver­än­der­te sich seit dem Beginn der Depor­ta­tio­nen sei­ne Funk­ti­on grundlegend.
„Schon wäh­rend des Krie­ges, als mein Vater zum ers­ten Vor­sit­zen­den der jüdi­schen Gemein­de gewählt wur­de, gab es inter­ne Span­nun­gen [in der jüdi­schen Gemein­de – K.F]. Da auch die Zei­ten für Juden in Deutsch­land inzwi­schen sehr kri­tisch waren und die schlech­ten Nach­rich­ten zunah­men, die mein Vater als Rechts­kon­su­lent den betrof­fe­nen Men­schen über­brin­gen muss­te, ent­stand der Ein­druck, dass die Lei­tung der jüdi­schen Gemein­de (also mein Vater) an die­ser Ver­schlech­te­rung der Situa­ti­on schuld sei. Die Men­schen nah­men dem Über­brin­ger die schlech­te Nach­richt und die Fol­gen dar­aus übel, obwohl er doch auf die Ent­schei­dun­gen selbst über­haupt kei­nen Ein­fluss hat­te. Die jüdi­schen Gemein­den muss­ten ihre Depor­ta­tio­nen qua­si selbst orga­ni­sie­ren.“[87]

Die Lis­ten für die Depor­ta­tio­nen waren zwar von der Gesta­po, zum Teil, räum­te Char­lot­te Opfer­mann ein, aber auch im Gemein­de­bü­ro auf­ge­stellt wor­den, die jewei­li­gen per­sön­li­chen Auf­for­de­run­gen, sich am Sam­mel­platz ein­zu­fin­den, sei­en dann aber auch durch die Gemein­de über­ge­ben wor­den, „Und das war wahr­schein­lich das ‚Mensch­li­che­re’. Denn, man kann es eher ertra­gen, wenn jemand kommt, den man kennt und der sagt: ‚Also, nächs­te Woche bist du dran’, — als wenn ein Poli­zist kommt und sich häss­lich benimmt.“[88]
Das ist sicher rich­tig, den­noch trug die­se ambi­va­len­te Rol­le wesent­lich zu den Gerüch­ten über Bert­hold Gut­h­mann bei, zumal bei den ers­ten Depor­ta­tio­nen kein Fami­li­en­mit­glied betrof­fen war.

Dass aber auch Gut­h­manns in die­ser Zeit von den Nazis wie alle ande­ren Juden behan­delt wur­den, lässt sich an vie­len Doku­men­ten nach­wei­sen. Eine Mit­tei­lung des zustän­di­gen Zel­len­lei­ters an den Orts­grup­pen­lei­ter Leut­haus vom Juni 1941, in dem eine stren­ge­re Über­wa­chung des inzwi­schen zum Juden­haus gewor­de­nen Wohn­kom­plex gefor­dert wird, zeigt zudem die gro­ße Bereit­wil­lig­keit der Volks­ge­nos­sen, sich an der Denun­zia­ti­on und Hatz der Natio­nal­so­zia­lis­ten zu beteiligen.

Schon im Jahr zuvor war auch Jakob Gut­h­mann mit den Behör­den in Kon­flikt gera­ten, wegen – so die wört­li­che Ankla­ge – „Verstoß(es) gegen die zwei­te Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des Geset­zes über die Ände­rung von Fami­li­en­na­men und Vor­na­men vom 17.5.1938“. Er hat­te es ver­säumt, bei der Unter­schrift sei­ner „Reichs­fett- und Reichs­fleisch­kar­te“ den Zwangs­na­men Isra­el aus­zu­schrei­ben. Statt mit „Isra­el“ hat­te er nur „Isr.“ unter­schrie­ben. Die fäl­li­ge Stra­fe – 25 RM plus 2,50 RM Kos­ten — war inner­halb einer Woche zu zah­len, andern­falls hät­te er eine Haft­stra­fe von 5 Tagen antre­ten müs­sen.[89]

Auch in finan­zi­el­ler Hin­sicht unter­la­gen Gut­h­manns den glei­chen dis­kri­mi­nie­ren­den Geset­zen wie alle ande­ren Juden. Die Ver­lus­te an Eigen­tum, abge­se­hen von den Zer­stö­run­gen wäh­rend der Pogro­me, erga­ben sich aus der Ver­pflich­tung, Klei­dung, Schmuck und Edel­me­tal­le abzu­ge­ben. So sind in den Ent­schä­di­gungs­ak­ten drei Lis­ten erhal­ten geblie­ben, laut derer am 16. Janu­ar 1942, am 3. Juni 1942 und noch ein­mal am 23. Juni 1942 gan­ze Ber­ge an Klei­dung bei der Sam­mel­stel­le der Reichs­ver­ei­ni­gung abge­ge­ben wor­den waren, dar­un­ter auch eini­ge wohl recht wert­vol­len Pel­ze.[90] Wel­chen wirk­li­chen Wert, wel­che ideel­le Bedeu­tung das Schmuck­stück für Jakob Gut­h­mann hat­te, das er am 22. April 1939 abge­ben muss­te, lässt sich nicht mehr sagen, die städ­ti­sche Pfand­lei­he, die ein­zig den Roh­wert des Metalls wog, gab für die 350 Gramm Sil­ber etwa 6 RM, für ein paar wei­te­re Gramm Bruch­gold noch ein­mal 9 RM.[91]

In einer Ver­mö­gens­auf­stel­lung von 1938 war der Wert der Schmuck­sa­chen, die Jakob Gut­h­mann abge­ge­ben hat­te, noch mit 1.000 RM taxiert wor­den,[92] den­noch sicher ein mate­ri­el­ler Ver­lust, der zu ver­schmer­zen war. Aus einem spä­te­ren Ver­merk der Ent­schä­di­gungs­stel­le geht her­vor, dass er im April 1940 noch ein Ver­mö­gen von 64.000 RM, aller­dings abzüg­lich Schul­den in Höhe von fast 55.000 RM, also rund 9.000 RM besaß. Der größ­te Teil des Ver­mö­gens bestand aller­dings in Immo­bi­li­en­be­sitz. Neben dem Anteil an der Bahn­hofstr. 25 besaß er noch ein Haus in Mainz, in der Neckar­str. 10, das mit nahe­zu dem glei­chen Wert ange­setzt war. Über die­ses Ver­mö­gen war am 12. April 1940 eine Siche­rungs­an­ord­nung ergan­gen, die ihm einen Frei­be­trag von 200 RM gewähr­te. Im fol­gen­den Monat hat­te man den Betrag auf 350 RM erhöht. 1938 betrug sein Ein­kom­men 2.770 RM, für das fol­gen­de Jahr erwar­te­te er noch 1.700 RM.[93]

Die hohen Schul­den erga­ben sich zum einen aus Hypo­the­ken auf die Immo­bi­li­en, zum ande­ren war zu die­sem Zeit­punkt die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be zwar berech­net, aber noch nicht bezahlt wor­den. Sie soll­te ins­ge­samt 16.250 RM betra­gen. Um sie beglei­chen zu kön­nen, muss­te Jakob Gut­h­mann das Haus in Mainz ver­kau­fen.[94]

Am Bei­spiel von Jakob Gut­h­mann konn­te Meinl auch nach­wei­sen, wel­che Wir­kung die dis­kri­mi­nie­ren­de Steu­er­ge­setz­ge­bung der Nazis für Juden hat­te. Für die Jah­re 1940 und 1941 war er mit einer Ver­mö­gen­steu­er von 165 RM, für 1942 mit 123,75 RM ver­an­lagt wor­den. Ein Ari­er wäre dage­gen auf­grund der für sie gel­ten­den Frei­be­trä­ge nur auf jähr­lich 15 RM Ver­mö­gen­steu­er gekom­men. „Die zuviel gezahl­ten Steu­ern mach­ten für die Jah­re 1939 bis 1942 über 550 RM aus. Sicher­lich auf den ers­ten Blick kei­ne gro­ße Sum­me, bedenkt man jedoch die durch­schnitt­li­chen Lebens­hal­tungs­kos­ten jener Jah­re und den schlei­chen­den Ver­ar­mungs­pro­zess der in Deutsch­land ver­blie­be­nen jüdi­schen Bevöl­ke­rung, wird deut­lich, wie der Staat den Juden bei jeder Gele­gen­heit unge­niert in die immer lee­rer wer­den­de Tasche griff.“[95] Noch ekla­tan­ter wirk­te sich die­se steu­er­li­che Dis­kri­mi­nie­rung aller­dings bei Bert­hold Gut­h­mann aus. Nach Mit­tei­lung des Finanz­amts Wies­ba­den vom 23. März 1950 hat­te er im Ver­gleich zu einem nicht­jü­di­schen Steu­er­zah­ler mit glei­chem Ein­kom­men in den Jah­ren zwi­schen 1937 und 1943 allein bei der Ein­kom­men­steu­er 18.194 RM mehr ent­rich­ten müs­sen.[96]

Auch das Ver­mö­gen von Bert­hold Gut­h­mann unter­lag einer Siche­rungs­an­ord­nung, die am 11. Juli 1939 ergan­gen war.[97] Aber auch schon zuvor hat­te er nicht mehr frei über sei­ne Finan­zen bestim­men kön­nen. Die Bit­te, den Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren zur Deckung sei­ner lau­fen­den Ver­bind­lich­kei­ten zu erlau­ben, die von der Deut­schen Bank an die Devi­sen­stel­le wei­ter­ge­lei­tet wur­de, lös­te dann die offi­zi­el­le Siche­rungs­an­ord­nung – mit einem Eil-Ver­merk ver­se­hen – aus. In der damit ver­bun­de­nen Ver­mö­gens­er­klä­rung gab Bert­hold Gut­h­mann an, über ein Aktiv­ver­mö­gen von 47.000 RM zu ver­fü­gen, davon waren aller­dings 30.000 RM im Haus fest­ge­legt. 24.800 RM waren fak­tisch als Pfand für die Reichs­flucht­steu­er ent­zo­gen, sodass nur ein Rein­ver­mö­gen von etwa 22.000 RM übrig blieb. Sein Jah­res­ein­kom­men für 1938 gab er mit 4.800 RM, das für das kom­men­de Jahr erwar­te­te mit etwa 15.000 RM an. Der monat­li­che Bedarf für den vier­köp­fi­gen Haus­halt belief sich damals auf 1.250 RM, wobei 175 RM zur Unter­stüt­zung der Schwie­ger­el­tern in Gie­ßen ange­setzt waren.[98] Als Her­mann Michel am 2. Dezem­ber 1940 ver­starb, muss­te Bert­hold Gut­h­mann die Devi­sen­stel­le um die Frei­ga­be von ins­ge­samt 350 RM zur Finan­zie­rung der Beer­di­gungs­kos­ten bit­ten, die dann auch frei­ge­ge­ben wur­den.[99] Nach sei­ner Frei­las­sung aus dem KZ-Buchen­wald war der einst­mals so tat­kräf­ti­ge Mann nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst, so sei­ne Enke­lin. Das Eltern­haus in Gie­ßen in der Bleichstr. 28 wur­de am 7. Novem­ber 1941 zwangs­wei­se an ein nicht­jü­di­sches Ehe­paar für 32.000 RM ver­kauft.[100] Der Erlös muss­te selbst­ver­ständ­lich auf ein gesi­cher­tes Kon­to flie­ßen.[101] Nach dem Ver­kauf wur­de Fran­zis­ka Michel gezwun­gen, in das Gie­ße­ner Juden­haus im Wetz­la­rer Weg 17 zu zie­hen. Über die kur­ze Zeit, die sie dort ver­brach­te, ist nichts bekannt. Ver­mut­lich war sie für die Depor­ta­ti­on vor­ge­se­hen, die am 22. Novem­ber 1941 von Frank­furt aus fast 1 000 Men­schen in das Ghet­to Kow­no brach­te. Am Tag zuvor setz­te sie ihrem Leben selbst ein Ende.[102]

Nach dem Ver­lust der von Char­lot­te so gelieb­ten Groß­el­tern in Gie­ßen, war ihr Opa in Wies­ba­den der nächs­te, den die Nazis hol­ten. Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass er noch 1941 ver­such­te, aus Deutsch­land her­aus­zu­kom­men. Dar­über, wie weit er mit sei­nen Plä­nen kam, geben die Akten kei­ne Aus­kunft. Da die Bit­te an die Devi­sen­stel­le um Frei­ga­be von 200 RM „für beson­de­re Auf­wen­dun­gen anläss­lich der Vor­be­rei­tung mei­ner Aus­wan­de­rung, ins­be­son­de­re Tele­gramm- und Rei­se­kos­ten“ dort erst am 5. März 1941 ein­ging,[103] im fol­gen­den Juli aber der gene­rel­le Aus­rei­se­stopp für Juden ver­fügt wur­de, wird die Zeit wohl zu knapp gewe­sen sein, um das Vor­ha­ben noch zu rea­li­sie­ren. Die Anga­ben in dem Schrei­ben deu­ten auch dar­auf hin, dass er erst am Anfang der Vor­be­rei­tun­gen stand.

Als Jakob Gut­h­mann im fol­gen­den Jahr, im August 1942, auf der Lis­te der zu Depor­tie­ren­den für den 1. Sep­tem­ber stand – ein wei­te­rer Beleg dafür, dass Bert­hold Gut­h­mann es nicht ver­moch­te, sei­ne eige­nen engs­ten Ver­wand­ten zu schüt­zen -, muss­te auch er einen Ver­trag unter­schrei­ben, der nur schein­bar dazu dien­te, ihm einen siche­ren Lebens­abend in The­re­si­en­stadt zu garan­tie­ren. Medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, Ver­pfle­gung auf Lebens­zeit und eine siche­re Unter­kunft wur­den ver­spro­chen und ver­trag­lich durch einen soge­nann­ten Heimein­kaufs­ver­trag zuge­si­chert. Aller­dings ent­hielt der Kon­trakt auch einen Pas­sus, nach dem die Unter­brin­gung auch in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft außer­halb des Alt­rei­ches mög­lich sein könn­te. Um in den „Genuss“ die­ser Unter­brin­gung zu kom­men, muss­ten die zumeist älte­ren Juden fak­tisch ihr gan­zes ver­blie­be­nes Ver­mö­gen über das Bank­haus Teck­len­burg & Co. in Ber­lin der Reichs­ver­ei­ni­gung über­tra­gen. Bei Jakob Gut­h­mann betrug die Sum­me 8.000 RM.[104] Das Geld gelang auf die­sem Weg in die Hän­de der Gesta­po, die Wei­sungs- und Auf­sichts­be­hör­de der Reichs­ver­ei­ni­gung war, und nicht in die der Finanz­be­hör­den, die sich mit dem ver­blie­be­nen Rest und den zurück­ge­las­se­nen Mobi­li­en zufrie­den geben muss­ten. Jakob Gut­h­manns Möbel im drit­ten Stock des Hau­ses waren bei dem Pogrom 1938 nicht zer­stört wor­den, sie eig­ne­te sich das Finanz­amt Wies­ba­den erst nach der Depor­ta­ti­on an.[105]

Jakob Guthmann Theresienstadt Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 25
Regis­trie­rung vor der Depor­ta­ti­on am 1.9.1942 im Hof der Syn­ago­ge in der Fried­rich­stra­ße. Fünf­ter von vorn in der Rei­he ist Jakob Gut­h­mann (ohne Jackett)
(Samm­lung Rudolph, HHStAW 3008/​2 16557)

Der ver­mut­lich Foto­graf  Rudolph hat in einem Bild vom Hof der Syn­ago­ge in der Fried­rich­stra­ße, wo sich alle gelis­te­te Juden vor der Depor­ta­ti­on ein­zu­fin­den hat­ten, zufäl­lig Jakob Gut­h­mann ein­ge­fan­gen, als er, wie alle ande­ren durch ein umge­häng­tes Namens­schild ent­wür­digt, in einer Rei­he vor zwei SS-Leu­ten anzu­tre­ten hat­te.[106] Am 1. Sep­tem­ber 1942 ver­ließ der Trans­port Wies­ba­den — Jakob Gut­h­mann war die Trans­port­num­mer XII/2–667 zuge­teilt wor­den — und gelang­te über Frank­furt am 2. Sep­tem­ber an sein Ziel Theresienstadt.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 25
Sali Oppen­hei­mer bezeugt den Tod von Jakob Gut­h­mann in The­re­si­en­stadt
(HHStAW 469/​33 2882 (7))

Es waren nur noch weni­ge Tage, die er in die­sem Lager, einem „Elends­quar­tier“, wie Sali Oppen­hei­mer schreibt, über­leb­te. Auch er war die­sem Trans­port zuge­teilt wor­den und war Jakob Gut­h­mann in The­re­si­en­stadt bis zu sei­nem Tod, bei dem er per­sön­lich anwe­send war, noch täg­lich begeg­net.[107] Da aber auch er kein genau­es Todes­da­tum nen­nen konn­te, wur­de am 10. Okto­ber 1950 sein Todes­tag zunächst gericht­lich auf den 31. Dezem­ber 1942 fest­ge­legt.[108] Anhand des Toten­be­schauscheins aus The­re­si­en­stadt konn­te spä­ter das genaue Datum rekon­stru­iert wer­den. Er ver­starb bereits zwei Wochen nach sei­ner Ankunft im dor­ti­gen Lager am 18. Sep­tem­ber 1942.[109]

Mit der letz­ten gro­ßen Depor­ta­ti­on vom 1. Sep­tem­ber war Wies­ba­den eben­falls nahe­zu „juden­frei“. Neben den­je­ni­gen, die noch durch ihre Misch­ehe geschützt waren, durf­ten nur noch drei wei­te­re Fami­li­en für weni­ge Wochen blei­ben. Nach Char­lot­te Opfer­mann waren das Dr. Georg und Mar­ga­re­te Gold­stein, Arthur und Anna Straus und Bert­hold Gut­h­mann mit sei­ner Frau Clai­re und den bei­den Kin­dern.[110] Am 20. Novem­ber 1942 wur­den alle drei Fami­li­en gezwun­gen, ihre Wies­ba­de­ner Woh­nung auf­zu­ge­ben und statt­des­sen „auf staats­po­li­zei­li­che Anord­nung“ nach Frank­furt in den Her­mes­weg 5–7 zu zie­hen.[111] Seit dem 1. Novem­ber war die­ses Haus, in dem die Jüdi­sche Gemein­de Frank­furts ihr Büro hat­te, zur „Gemein­schafts­un­ter­kunft für Juden“, zu einem Juden­haus, gewor­den. Ursprüng­lich stand hier die Syn­ago­ge, dann war der Kom­plex zu einer Aus­bil­dungs­an­stalt für jüdi­sche Kin­der gewor­den. Bevor es als Juden­haus zu einem Durch­gangs­la­ger für die Depor­ta­tio­nen wur­de, hat­te es noch eine Zeit lang als jüdi­sches Alters­heim gedient. In dem Juden­haus leb­ten anfangs etwa 50 Men­schen zusam­men unter einem Dach. Eini­ge Fami­li­en hat­ten eine klei­ne Woh­nung für sich, die meis­ten schlie­fen in Gemein­schafts­schlaf­sä­len, die nur nach Geschlech­tern getrennt waren. Bald nach Ankunft der Wies­ba­de­ner Juden wur­den vie­le der dort bis­her Unter­ge­brach­ten in die Todes­la­ger deportiert.

Die Büro­räu­me befan­den sich im Par­terre des Gebäu­des. Unmit­tel­bar neben dem Ein­gang hat­te der Bewa­cher und Kon­trol­leur im Auf­trag der Gesta­po Ernst Hol­land, „Hol­land der Höl­len­hund“ – wie Char­lot­te Opfer­mann ihn bezeich­ne­te –, sei­ne Räu­me.[112] Von hier aus kon­trol­lier­te er alles, was im Hau­se vor­ging, erschien jeder­zeit in den „Pri­vat­räu­men“ oder Büros, um die die Anwe­sen­den aus nich­tigs­ten Grün­den nie­der­zu­schrei­en. Stän­dig wur­den Juden — auch in Frank­furt waren nur noch die übrig, die in einer Misch­ehe leb­ten – vor­ge­la­den und von den zustän­di­gen Gesta­po­be­am­ten ver­hört.[113] Die wich­tigs­te Auf­ga­be, die Bert­hold Gut­h­mann im Her­mes­weg zu erfül­len hat­te, war die Abwick­lung des Ver­kaufs von meh­re­ren hun­dert jüdi­schen Fried­hö­fen im Bezirk Hes­sen-Nas­sau. Das waren nicht nur schwie­ri­ge Ver­hand­lun­gen mit einer Viel­zahl von Bau­ern und Kom­mu­nal­be­am­ten, die mög­lichst güns­tig an die Flä­chen kom­men woll­ten, wenn man weiß, wel­che Bedeu­tung ein Fried­hof, ein Grab im Juden­tum hat, dann kann man sich vor­stel­len, wie tief jeder die­ser Ver­käu­fe, jede Umwid­mung und Ent­wei­hung ihn per­sön­lich getrof­fen haben muss.
Neben die­sem Büro unter­hielt er ein wei­te­res in der Unter­lin­dau 23, in dem er eben­falls Kli­en­ten emp­fan­gen konn­te. Hier ver­brach­te er die meis­te Zeit, denn auf die­se Wei­se konn­te er der „bedrü­cken­den Atmo­sphä­re des Her­mes­weg­la­gers“ ent­kom­men.[114] Dar­über hin­aus muss­te er auch sein Büro in Wies­ba­den auf­recht­erhal­ten, damit die dor­ti­gen Gemein­de­mit­glie­der aus den Misch­ehen bei ihren stän­di­gen Kon­flik­ten und schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen mit Arbeits‑, Woh­nungs- oder Finanz­amt einen Ansprech­part­ner hat­ten. Das Büro, das er in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den besuch­te, lag wei­ter­hin im Haus in der Bahn­hofstr. 25. „Es war [die] aus­nahms­los depri­mie­rends­te Tätig­keit. Und letz­ten Endes aus­sichts­los. Er konn­te den Kli­en­ten und Freun­den Trost zuspre­chen. Aber hel­fen konn­te er nie­man­dem mehr.“[115]

Wäh­rend Clai­re Gut­h­mann im Her­mes­weg weit­ge­hend in der Haus­wirt­schaft beschäf­tigt war, unter­stütz­ten die bei­den Kin­der durch Sekre­ta­ri­ats­tä­tig­kei­ten den Vater bei der ihm auf­ge­tra­ge­nen Arbeit, leg­ten Lis­ten an oder tipp­ten Briefe.

Die Zeit im Her­mes­weg war für Gut­h­manns eine Vor­stu­fe, eine Art Ein­ge­wöh­nungs­pha­se in die Höl­le, die auch sie zu betre­ten bald gezwun­gen waren. Die beschränk­te Frei­zü­gig­keit im Wies­ba­de­ner Juden­haus war jetzt wei­ter limi­tiert, die Über­wa­chung war durch die per­ma­nen­te Anwe­sen­heit der Gesta­po viel strik­ter und unmit­tel­ba­rer und auch bei der Auf­he­bung der per­sön­li­chen Intim­sphä­re wur­de hier eine neue Stu­fe erreicht. Nur durch auf­ge­häng­te Decken konn­ten die zwei bis drei Fami­li­en in den klei­nen Zim­mern einen win­zi­gen Bereich für sich selbst abtren­nen. Und auch das Essen bestand fast nur noch aus einer dün­nen Sup­pe und Brot.[116] Aber all das war Luxus im Ver­gleich zu dem, was kom­men sollte.

Guthmann Hewrmesweg Frankfurt Judenhaus Wiesbaden
Ein­zug des Ver­mö­gens der Gut­h­manns nach ihrer Depor­ta­ti­on
(HHStAW 519/​3 1932 (49))

Nach­dem alles soweit abge­wi­ckelt war, die noch uner­le­dig­ten Ange­le­gen­hei­ten im Ver­wal­tungs­be­reich der Bezirks­stel­le Hes­sen-Nas­sau an den letz­ten ver­blei­ben­den Kon­su­len­ten Max L. Cahn über­ge­ben wor­den waren, muss­ten sich auch Gut­h­manns für die „Eva­ku­ie­rung“ nach The­re­si­en­stadt bereit machen. Auch sie wur­den auf Ver­an­las­sung der Gesta­po gezwun­gen, unmit­tel­bar vor ihrer Abfahrt noch einen „Heimein­kaufs­ver­trag“ über 30.000 RM abzu­schlie­ßen. Da die zur Ver­fü­gung ste­hen­de Sum­me auf den Kon­ten nicht aus­reich­te, muss­te auf Anord­nung der Gesta­po und unter deren Auf­sicht das in Wies­ba­den zurück­ge­las­se­ne Mobi­li­ar und der Haus­rat ver­stei­gert wer­den. Der Erlös ging auf das bekann­te Kon­to der Reichs­ver­ei­ni­gung beim Bank­haus Teck­len­burg & Co. in Ber­lin. Einen Teil des Haus­rats hat­te aller­dings bereits zuvor ein Gesta­po-Beam­ter in Kis­ten ver­packt in die Dienst­stel­le in der Pau­li­nen­stra­ße brin­gen und ver­stei­gern las­sen. Char­lot­te Opfer­mann erin­ner­te sich, schon frü­her Schmuck abge­ge­ben zu haben, dane­ben aber auch alle elek­tri­schen Gerä­te, meh­re­re fast neue Fahr­rä­der und auch eine seit drei Gene­ra­tio­nen ergänz­te Brief­mar­ken­samm­lung von beträcht­li­chem Wert.[117] Des­glei­chen wur­de die Pra­xis­ein­rich­tung, die zum Teil in Wies­ba­den geblie­ben war, ver­wer­tet. Auk­tio­na­tor war hier die in die­sen Ange­le­gen­hei­ten über­aus akti­ve Fir­ma Hecker. Die weni­gen Möbel, die Gut­h­manns mit nach Frank­furt gebracht hat­ten, wur­den zu einer Sam­mel­stel­le bei einer nahe­ge­le­ge­nen Schu­le gebracht und eben­falls preis­güns­tig den klei­nen Pro­fi­teu­ren des Mord­sys­tems über­las­sen. Ihr letz­tes Ver­mö­gen, aus dem sie ohne­hin kei­nen Nut­zen mehr zie­hen konn­ten, ging damit voll­stän­dig in die Hän­de der SS oder des Reichs­fis­kus über.[118]

Es war eine klei­ne Grup­pe von etwa 15 Per­so­nen, die am frü­hen Mor­gen des 10. Juni 1943 unter Auf­sicht von fünf Gesta­po-Beam­ten und einer glei­chen Zahl von Wacht­pos­ten des SD, anders als bei frü­he­ren Depor­ta­tio­nen, den Bahn­hof nicht in Güter­wa­gen, son­dern in einem nor­ma­len Per­so­nen­zug ver­ließ. Aber das Ziel, The­re­si­en­stadt, war das glei­che. Mit im Zug saßen der Vor­sit­zen­de der Jüdi­schen Gemein­de von Frank­furt, Herr Ler­ner, Arthur Cahn, sei­ne Frau und deren taub­stum­me Toch­ter. Char­lot­te Gut­h­mann erhielt die Trans­port­num­mer XII/5–11. Die­se Num­mer – XII stand für den Her­kunfts­ort, die 5 bezeich­ne­te den fünf­ten Trans­port aus die­sem Ort und die letz­te Zif­fer war ihre per­sön­li­che Num­mer – ver­kör­per­te, wie sie spä­ter erläu­ter­te, in den kom­men­den Mona­ten den letz­ten Rest von dem, was ein­mal Iden­ti­tät im eigent­li­chen Sinn gewe­sen war.[119]

Als die SS- und Gesta­po­leu­te, die die klei­ne Grup­pe beglei­tet hat­ten, bei Ankunft in The­re­si­en­stadt bei der Lei­tung anfrag­ten, ob sie das Lager, über das ja über­all gere­det wur­de, ein­mal per­sön­lich besich­ti­gen dürf­ten, wur­de ihnen das strikt ver­bo­ten. Wie­so nichts aus die­ser „Stadt“, die der „Füh­rer“ angeb­lich für die Juden gebaut hat­te, nach außen drin­gen soll­te, wur­de den Ankom­men­den sehr bald klar. In Anleh­nung an die grie­chi­sche Mytho­lo­gie ver­gleicht Char­lot­te Opfer­mann den Ein­tritt in das Lager mit einer Über­que­rung des Flus­ses Styx, dem Über­gang vom Reich der Leben­den in das der Toten. In zwei Schrif­ten hat sie ihre sehr bewe­gen­den und zugleich sehr detail­lier­ten Erin­ne­run­gen an die­se Mona­te, in denen der Tod ein stän­di­ger Beglei­ter war, fest­ge­hal­ten.[120]

Judenhaus Wiesbaden Theresienstadt Guthmann
Kenn­kar­te von Kla­ra /​ Clai­re Gut­h­mann
(HHStAW 518 6784 (36))

Unmit­tel­bar nach Ankunft wur­den den neu Ein­ge­lie­fer­ten auch die letz­te per­sön­li­che Habe genom­men und die männ­li­chen von den weib­li­chen Fami­li­en­mit­glie­dern getrennt. Ihr Vater und ihr Bru­der kamen in die Han­no­ver-Kaser­ne, sie selbst mit ihrer Mut­ter in die Ham­burg-Kaser­ne, jeweils gro­ße, völ­lig ver­dreck­te Gebäu­de, in denen die Gefan­ge­nen ihr dün­nes Stroh­la­ger auf dem Boden aus­ge­brei­tet hat­ten. 3.000 Frau­en, zusam­men­ge­pfercht auf einem Dach­bo­den, ohne jeg­li­che Inti­mi­tät, auch beim Gang zur Toi­let­te nicht. Ster­ben über­all. Gleich am ers­ten Mor­gen wach­te Char­lot­te neben der Lei­che einer Frau auf, die sich in der Nacht das Leben genom­men hat­te. Und den­noch kei­ne Ein­heit, kei­ne Gemein­schaft der Frau­en gegen­über den NS-Scher­gen, statt­des­sen der Kampf jedes bzw. jeder ein­zel­nen ums Über­le­ben. Viel­leicht noch Soli­da­ri­tät unter den jewei­li­gen Natio­nen. Hier auf die­sem Dach­bo­den gab es eine Gemein­schaft tsche­chi­scher Frau­en. Die Neu­an­kömm­lin­ge gehör­ten nicht dazu. Auch deut­sche Juden spra­chen die Spra­che der Mör­der: „The­re was no soli­da­ri­ty here, at least none that included me. Even though we were all pri­soners, I remain­ed an out­si­der.”[121] Das blieb nicht so. Auch Char­lot­te Gut­h­mann lern­te im Lau­fe der Zeit die offe­nen und gehei­men Regel­wer­ke ken­nen, die das Über­le­ben nicht sicher­ten, aber immer­hin von Tag zu Tag erleich­ter­ten: Wie man an Essen her­an­kom­men konn­te – der Hun­ger war neben der Angst vor dem Wei­ter­trans­port in eines der Ver­nich­tungs­la­ger die größ­te all­täg­li­che Sor­ge -, wel­che Arbei­ten gewis­se klei­ne Vor­tei­le brin­gen konn­ten oder auf wel­che Wei­se man sich ein wenig vor den über­all gras­sie­ren­den Krank­hei­ten schüt­zen konn­te, die täg­lich Hun­der­te dahin­raff­ten. Wich­ti­ge Hin­wei­se erhiel­ten die bei­den Frau­en gleich am Mor­gen nach ihrem Ein­tref­fen von einer ehe­ma­li­gen Ange­stell­ten von Bert­hold Gut­h­mann, Euge­nie Löwen­stein bzw. Vic­tor,[122] die – das inter­ne münd­li­che Infor­ma­ti­ons­sys­tem unter den Gefan­ge­nen funk­tio­nier­te immer sehr gut – sofort erfah­ren hat­te, dass ein neu­er Trans­port mit Juden aus Wies­ba­den ange­kom­men sei. Sie konn­te die bei­den auch über den Tod von Jakob Gut­h­mann unter­rich­ten. Wich­tig war es, mög­lichst bald aus dem Dach­bo­den her­aus­zu­kom­men und eine bes­se­re Unter­kunft zu fin­den. Dies gelang bei­den auch dadurch, dass sie Arbei­ten fan­den, die in ande­ren Gebäu­den aus­ge­führt wer­den muss­ten. Es war eine schwe­re Diph­the­rie­er­kran­kung, derent­we­gen Char­lot­te zunächst in das Kran­ken­la­ger ver­legt wur­de und anschlie­ßend durch die Ver­mitt­lung einer Freun­din als Betreue­rin in der Jugend­ka­ser­ne, im Gebäu­de L414, eine Stel­lung fand.[123] Trotz allen Grau­ens gab es hier auch so etwas wie Gelöst­heit, wie Freu­de und fast auch nor­ma­le Bezie­hun­gen unter­ein­an­der. Hier war man soli­da­risch unter­ein­an­der, man half sich gegen­sei­tig und über­nahm auch frei­wil­lig die Pflich­ten der ande­ren, wenn die nicht mehr konn­ten. Es waren gera­de die tsche­chi­schen Mäd­chen, mit denen Char­lot­te Freund­schaf­ten schloss, mit denen bei eigent­lich ver­bo­te­nen Shabath-Fei­ern frei­tag­abends sogar reli­giö­se Tra­di­tio­nen gepflegt wer­den konn­ten. Auch Unter­richt und kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen wie Thea­ter­auf­füh­run­gen oder Kon­zer­te wur­den orga­ni­siert. Ein sol­ches klei­nes „pri­va­tes“ Kon­zert wur­de für Char­lot­te im April 1944 zu ihrem 19. Geburts­tag an ihrem Bett im Kran­ken­la­ger aus­ge­rich­tet. Bezahlt wur­den die Musi­ker mit Brot­schei­ben, die ihre 38 Mit­be­woh­ne­rin­nen sich zuvor vom Mun­de abge­spart hat­ten. Zuge­gen waren auch ihre Eltern und ihr Bru­der. Eine völ­li­ge Tren­nung der Fami­lie hat­te nicht statt­ge­fun­den, mehr­mals, so Char­lot­te, habe man sich in der Woche getrof­fen.[124]

Auch Clai­re Gut­h­mann konn­te nach einer gewis­sen Zeit den Dach­bo­den ver­las­sen. Sie hat­te eine Arbeit in einer der Ver­wal­tungs­stel­len des Lagers erhal­ten. Bert­hold Gut­h­mann war „Boden­äl­tes­ter“ in den Han­no­ver-Kaser­nen gewor­den, aber auch die­se Stel­lung gewähr­te ihm kei­nen grö­ße­ren Schutz. Er hat­te viel­mehr, wie schon in Wies­ba­den, die unan­ge­neh­me Auf­ga­be, sei­nen Mit­be­woh­nern die Mit­tei­lung über deren anste­hen­den Abtrans­port in ein ande­res Lager, sprich: in den Tod, zu übergeben.

Ende Sep­tem­ber 1944 stan­den wie­der drei Züge bereit, um Platz für neue Ankömm­lin­ge in The­re­si­en­stadt zu schaf­fen. Am 28. brach­te der ers­te etwa 2.500 Insas­sen nach Ausch­witz, am fol­gen­den Tag waren es 1.500 und am 1. Okto­ber noch ein­mal die glei­che Anzahl.[125] In dem drit­ten Zug saßen nach Anga­ben von Char­lot­te Opfer­mann Bert­hold Gut­h­mann und sein Sohn Paul. Sie hat­ten ihre Auf­for­de­rung ein oder zwei Tage zuvor erhal­ten. Zwei Gepäck­stü­cke soll­ten ihnen mit­zu­neh­men erlaubt sein. Char­lot­te Opfer­mann erin­ner­te die letz­ten Stun­den, die die Fami­lie zusam­men ver­brin­gen durfte:

“Father, a lawy­er to the last, took the pre­cau­ti­on of wri­ting and sig­ning ano­ther gene­ral power of att­or­ney in favor of my mother, one which would play a lar­ge role after the war in fur­ther­ance of her relent­less efforts to obtain the return of or resti­tu­ti­on for our lost pro­per­ty. Rea­ding it today, its lega­li­stic terms encap­su­la­te the despe­ra­ti­on of the moment, the reco­gni­ti­on that this was likely the for­mal memo­ri­a­liza­ti­on of Father’s final fare­well to my mother. Alt­hough not sty­led as a Last Will and Tes­ta­ment, I belie­ve that its sub­s­tance, when con­side­red within the con­text of the moment, achie­ves the same end. Writ­ten in Ger­man, its Eng­lish trans­la­ti­on reads:
I here­wi­th issue a gene­ral power of att­or­ney to my wife Cla­ra Gut­h­mann, nee Michel, XII/5–9 [her offi­ci­al Ghet­to iden­ti­fi­ca­ti­on num­ber], to take my place in all mat­ters with full legal aut­ho­ri­ty, befo­re offi­ci­al insti­tu­ti­ons insi­de and out­side this coun­try, as well as with pri­va­te indi­vi­du­als, whe­re­ver such repre­sen­ta­ti­on is legal­ly permitted.
Ever­y­thing she nego­tia­tes agrees to on my be- half and in my name, appli­es for and decla­res, shall be con­side­red as having been done by me personally.
The­re­si­en­stadt, Sep­tem­ber 28, 1944
(…)
The evening befo­re their depar­tu­re, my mother and I visi­ted with Father and my brot­her. When I retur­ned to L4141 at lights out, my mother remain­ed behind to spend the night with them. Alt­hough such an action was enti­re­ly against regu­la­ti­ons and sub­ject to seve­re pen­al­ties, it wasn’t uncom­mon in such wren­ching situations. (…)
I don’t know what Father and Mother did that evening. While it is pos­si­ble that they had a last night of pas­si­on – the attic was no lon­ger crow­ded, my brot­her was in and out spend- ing his last night with fri­ends, and Father’s litt­le Kum­bal pro­vi­ded at least a modi­cum of pri­va­cy – I very much doubt it. I suspect that they just sat the­re tog­e­ther all night long, not say­ing much, each allo­wing his or her thoughts to wan­der, going back over 24 years of mar­ria­ge, being as much tog­e­ther and apart as they al- ways had been. Their unhap­py past could not be undo­ne, rema­de, or patched-up. Time had run out. Even to my naï­ve eyes, they remain­ed stran­gers to each other at this junc­tu­re in their jour­ney tog­e­ther. I ima­gi­ne a long, quiet night of mutu­al reg­ret. They may have dis­cus­sed what use my mother might make of the Power of Att­or­ney after the war, but I doubt that eit­her of them belie­ved that she would live to see that day. That docu­ment was litt­le more than a gentleman’s fare­well, a for­mal expres­si­on of Father’s affec­tion for her at the moment of his departure. (…)
Ear­ly the next mor­ning, Octo­ber 1, 1944,
[126], my mother and I accom­pa­nied Father and Paul to their desi­gna­ted train. Both were sub­dued, see­mingly detached from what was going on around them. I sup­po­se they were in a sta­te of shock, as were my mother and I. They remain­ed by the train with us for as long as pos­si­ble, for­go­ing any attempt to obtain space on the few available seats in their com­part­ment. We kissed them good-bye, hug­ged them, and wat­ched as they clam­be­red aboard. Our last sight was of them stan­ding in the ais­le of the third class pas­sen­ger car – at least they were spared the dis­com­fort and humi­lia­ti­on of the end­less catt­le cars that even­tual­ly made their way to the rail-side ramp at Ausch­witz-Bir­ken­au – as the train pul­led out of the sta­ti­on. We never saw or heard from them again.”[127]

Bei allen drei Zügen nach Ausch­witz gab es eine grö­ße­re Zahl von Über­le­ben­den, da bei der Selek­ti­on auf der Ram­pe die noch Arbeits­fä­hi­gen in ande­re Lager wei­ter­ge­schickt wur­den.[128] Bert­hold Gut­h­mann, der durch die Gefan­gen­schaft in The­re­si­en­stadt sehr schnell geal­tert war und an Hun­ge­röde­men litt,[129] gehör­te mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht zu den Aus­er­wähl­ten, denen man noch ein­mal eine klei­ne Chan­ce zum Über­le­ben gab. Er wur­de, sofern er über­haupt das Ziel lebend erreicht hat­te, an einem unbe­kann­ten Tag in den Gas­kam­mern von Bir­ken­au ermor­det.[130]

Häft­lings­kar­te von Paul Gut­h­mann aus Mauthausen

Der zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Paul hin­ge­gen wur­de als noch „ver­wert­bar“ ange­se­hen. Er durch­lief in den weni­gen Mona­ten, die ihm noch blie­ben, mög­li­cher­wei­se drei wei­te­re Lager. Eine frü­he­re Freun­din erzähl­te sei­ner Schwes­ter spä­ter, sie sei ihm in Buchen­wald begeg­net.[131] In der Gefan­ge­nen­kar­tei­kar­te von Maut­hau­sen, wo er letzt­lich starb, ist die­ser Auf­ent­halt in Buchen­wald nicht ver­merkt. Die Ein­tra­gun­gen in Maut­hau­sen wer­fen zudem wei­te­re Fra­gen auf. Nach sei­ner „Häft­lings-Per­so­nal-Kar­te“ war er erst am 12. Okto­ber 1944 in Ausch­witz regis­triert wor­den, also fast zwei Wochen nach Ankunft des Trans­ports aus The­re­si­en­stadt! Von dort sei er am 18. Janu­ar 1945 in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen bei Ber­lin über­stellt und dann am 16. Febru­ar 1945 wei­ter nach Maut­hau­sen ver­bracht wor­den sein. Auf wel­chem Weg er dort­hin gelang­te, ob viel­leicht auf einem Todes­marsch,[132] ist nicht bekannt. Nach den Auf­zeich­nun­gen von Maut­hau­sen soll Paul Gut­h­mann, ver­se­hen mit der Häft­lings­num­mer 130908, am 12. März 1945 an Kreis­lauf­schwä­che und einem Darm­ka­tarrh ver­stor­ben sein.[133]

Unter wel­chen unmensch­li­chen Umstän­den Kran­ke in Maut­hau­sen damals vege­tie­ren muss­ten, kann man grob ermes­sen, wenn man die Beschrei­bung des Kran­ken­la­gers von Maut­hau­sen im Früh­jahr 1945 liest:
„In der Nacht durf­ten die Bara­cken von Häft­lin­gen nicht ver­las­sen wer­den und des­halb stand in jeder Bara­cke ein gro­ßes Faß mit einem Brett als not­dürf­ti­ge Latri­ne. Da wegen der Ver­dun­ke­lungs­an­ord­nung die Bara­cken wäh­rend der Nacht nicht beleuch­tet wer­den durf­ten, bestrahl­te eine blaue Glüh­bir­ne die unmit­tel­ba­re Umge­bung des Fas­ses. Selbst­ver­ständ­lich gab es immer bei einem Belag von 500, 600, ja sogar 800 bis 1200 kran­ken Häft­lin­gen beim Latri­nen­faß ein Gedrän­ge. Die hin- und her­schwan­ken­den Kran­ken tapp­ten im Dun­keln von Bett zu Bett, sie stie­ßen zusam­men, fie­len auf den Boden; es wur­de geschimpft, gerauft. Man­che fan­den nicht ins Bett zurück, weck­ten ande­re auf, wur­den aus frem­den Bet­ten raus­ge­wor­fen. So man­cher Kran­ke ver­rich­te­te dann sei­ne Not­durft irgend­wo im Block.

Judenhaus Wiesbaden Guthmann Paul
Ster­be­ein­trag von Paul Gut­h­mann im Toten­buch von Mauthausen.

Die Bett­ge­stel­le waren aus wei­chem rohen Holz, nicht ange­stri­chen. Eine Schmutz­schicht bedeck­te die Holz­bret­ter, so daß alle Bet­ten grau-braun wirk­ten. Aus den durch­näß­ten und zer­ris­se­nen Papier­stroh­sä­cken fie­len Holz­wol­le und Staub auf den unten lie­gen­den Kran­ken. Sel­ten kam es vor, daß die Stroh­sä­cke aus­ge­tauscht wer­den konn­ten. Die Bet­ten waren ca. 75 cm breit, ca. 190 cm lang und die Höhe des jewei­li­gen Zwi­schen­rau­mes inner­halb der Bet­ten betrug ca. 80cm. Stets schlie­fen in einem Bett min­des­tens zwei Kran­ke. Nur ein­zel­ne, bevor­zug­te Kran­ke erhiel­ten ein Bett für sich allein. Die abso­lu­te Mehr­zahl der Bet­ten war in den Jah­ren 1944 und 1945 mit meh­re­ren Kran­ken belegt. So ist es immer wie­der vor­ge­kom­men, daß schwa­che Häft­lin­ge von den noch etwas stär­ke­ren Häft­lin­gen, vor allem in der Nacht, aus dem Bett hin­aus­ge­wor­fen wur­den; man­ches­mal bewußt, man­ches­mal unbe­wußt. Bis unge­fähr Ende 1944 lagen die Kran­ken mit Unter­wä­sche beklei­det im Bett. Dann hat­ten vie­le ent­we­der nur ein Hemd oder nur eine Unter­ho­se, größ­ten­teils eine lan­ge, man­ches­mal aber auch nur eine kur­ze an. Schließ­lich erhiel­ten die Kran­ken Papier­hem­den und in den letz­ten Mona­ten gab es hun­der­te kran­ke Häft­lin­ge im Sani­täts­la­ger, die weder Papier- noch Stoff­wä­sche besa­ßen. Es gab Kran­ke, die nur einen Hemd­är­mel, die Hälf­te einer Unter­ho­se oder irgend­ei­nen Rest einer Unter­wä­sche ihr eigen nann­ten.“[134]

Paul Guthmann, Mauthausen
Ein­trä­ge im Ster­be­re­gis­ter von Maut­hau­sen.
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Aber Paul starb nicht in die­sem Kran­ken­la­ger, in dem es nach Aus­kunft der Gedenk­stät­te Maut­hau­sen noch „eine rudi­men­tä­re medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung gege­ben“ haben soll. Paul Gut­h­mann wur­de im „Sani­täts­la­ger“ ermor­det, wie dem Kür­zel „SV“ im Ein­trag zu ent­neh­men ist. Wel­che Funk­ti­on die­ses „Sani­täts­la­ger“ hat­te, erschließt sich, wenn man sich die Ein­tra­gun­gen des Toten­buchs von Maut­hau­sen vor Augen führt. Es ent­hält meh­re­re Sei­ten mit Todes­ein­trä­gen allein vom 12. März 1945. Gera­de­zu im Minu­ten­takt star­ben dort die Men­schen, jeweils gan­ze Rei­hen auch zur exakt glei­chen Todes­zeit, nur die Todes­ur­sa­chen – offen­sicht­lich aber nach einer vor­ge­ge­be­nen Lis­te ent­nom­men – vari­ie­ren leicht. Mal ist es ein „Magen­ka­tarrh“, dann der „allg. Kör­per­ver­fall“ oder eine „Herz­mus­kel­ent­zün­dung“, die den Tod her­bei­ge­führt haben soll.[135] Allem Anschein nach spie­geln die­se Ein­trä­ge nicht die wirk­li­chen Todes­ur­sa­chen wider. „Beim ‚Sani­täts­la­ger‘ han­del­te es sich um einen Lager­teil außer­halb der Lager­mau­ern zur Unter­brin­gung von kran­ken Häft­lin­gen. (…) (Es) han­del­te sich beim Sani­täts­la­ger um kaum mehr als eine Ein­rich­tung zur Aus­la­ge­rung des Ster­bens. Es gab kaum medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, was zu einer immens hohen Todes­ra­te im Sani­täts­la­ger führ­te. Neben der nicht vor­han­de­nen Ver­sor­gung wur­den die Häft­lin­ge des Sani­täts­la­gers auch immer wie­der Opfer von ‚Selek­tio­nen’. Die Schwächs­ten wur­den zu Beginn etwa durch Herz­in­jek­tio­nen, spä­ter durch Ver­ga­sung ent­we­der in der Gas­kam­mer des KZ Maut­hau­sen oder in der Tötungs­an­stalt Schloss Hart­heim ermor­det.“[136]

Clai­re Gut­h­mann und ihre Toch­ter Char­lot­te blie­ben bis zum Ende in The­re­si­en­stadt und über­leb­ten. Aber anders als in vie­len sons­ti­gen Fami­li­en brach­ten die Ver­fol­gung und der Ter­ror sie nicht näher zusam­men. In ihren Erin­ne­run­gen kon­sta­tier­te Char­lot­te eine zuneh­men­de Distanz zu ihrer Mut­ter, die sie, wie auch den Vater, dafür ver­ant­wort­lich mach­te, dass sie, statt zu emi­grie­ren, in die­se Lage gera­ten waren. Zu ihrer „neu­en Fami­lie“, die ihr Kraft und ein klei­nes Stück Gebor­gen­heit gege­ben habe, sei­en viel­mehr die Kin­der und die ande­ren Betreu­er in L414 gewor­den.[137]

Im Früh­jahr 1945, als die mili­tä­ri­sche Lage des Regimes immer bedroh­li­cher wur­de, über­schlu­gen sich auch in The­re­si­en­stadt die Ereig­nis­se.[138] Zunächst schien es so, als woll­te die SS noch im letz­ten Moment mit der Errich­tung von Gas­kam­mern das Lager liqui­die­ren. Sogar Eich­mann und Kal­ten­brun­ner waren im März und April 1945 noch zu jeweils kur­zen Visi­ten erschie­nen. Dann durf­te eine Dele­ga­ti­on des Inter­na­tio­na­len Roten Kreu­zes erneut The­re­si­en­stadt inspi­zie­ren – sie pries in ihrem Bericht die sozia­len Errun­gen­schaf­ten in dem „klei­nen jüdi­schen Staat“ – und über­nahm nach Ver­hand­lun­gen mit der SS am 5. Mai die Lei­tung des Lagers. Noch am sel­ben Tag setz­te sich die SS mit dem Lager­lei­ter Rahm von dort ab. Die Zustän­de waren schon zuvor völ­lig chao­tisch, allein dadurch, dass in die­sen letz­ten Wochen noch ein­mal etwa 15 000 KZ-Häft­lin­ge aus den ver­schie­dens­ten Lagern nach The­re­si­en­stadt getrie­ben wor­den waren, völ­lig geschwächt, halb ver­hun­gert und krank. Char­lot­te und ihre Freun­din­nen hal­fen, die Toten und Kran­ken aus den Vieh­wa­gen aus­zu­la­den und die Neu­an­kömm­lin­ge, die „Musel­män­ner“, so gut es irgend ging, zu ver­sor­gen. Aber weder gab es genü­gend Essen, noch Bet­ten und schon gar nicht die Medi­ka­men­te, die drin­gend benö­tigt wur­den. Als am 8. Mai die Rote Armee das Lager erreich­te, bedurf­te es kei­ner Befrei­ung mehr, die Trup­pen waren viel­mehr nötig, um das dor­ti­ge Cha­os zu über­win­den und eine gere­gel­te Auf­lö­sung des Lagers zu orga­ni­sie­ren. Die größ­te Gefahr ging dabei von einer Typhus­epi­de­mie aus, die ver­mut­lich eine Grup­pe jun­ger pol­ni­scher Juden zuletzt in das Lager ein­ge­schleppt hat­te. Die Ham­bur­ger-Kaser­ne, in die Char­lot­te und Clai­re Gut­h­mann bei ihrer Ankunft ein­ge­wie­sen wor­den waren, wur­de zur Qua­ran­tä­ne­sta­ti­on umfunk­tio­niert, bewacht von der jüdi­schen Ghettopolizei.

Der äuße­ren Lage ent­sprach die inne­re Ver­fas­sung von vie­len. Natür­lich war die Nach­richt vom Kriegs­en­de, von der Befrei­ung, mit gro­ßem Jubel auf­ge­nom­men wor­den. Sie hat­te aber auch Ver­un­si­che­rung aus­ge­löst: „Wir wuss­ten gar nicht, wie das Leben wei­ter­ge­hen soll­te, wer für uns ver­ant­wort­lich war, ob man ‚nach Hau­se’ gehen konn­te und wie. Damit hat­ten wir ein­fach nie gerech­net, und nie­mand hat­te Plä­ne gemacht.“[139] Zunächst ging Char­lot­te Gut­h­mann, nach­dem sie die Mut­ter und die Lager­lei­tung knapp schrift­lich unter­rich­tet hat­te, mit einer tsche­chi­schen Freun­din, die sich dem dor­ti­gen Frei­heits­kampf ange­schlos­sen hat­te, nach Prag, wo noch die Bar­ri­ka­den stan­den, mit denen die deut­schen Sol­da­ten bis zum Ein­tref­fen der rus­si­schen Trup­pen von tsche­chi­schen Frei­heits­kämp­fern fest­ge­hal­ten wor­den waren. „Ohne dass wir es rich­tig wuss­ten oder ohne dass wir es rich­tig erfass­ten, erleb­ten wir jetzt Welt­ge­schich­te. Es war traum­haft.“[140].

Das Gefühl währ­te nur einen Abend. Am nächs­ten Mor­gen muss­te sie mit einer Schar­lach­in­fek­ti­on, unter den dama­li­gen Umstän­den eine lebens­be­droh­li­che Erkran­kung, ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den. Erst nach acht Wochen konn­te sie die Kli­nik ver­las­sen. Clai­re Gut­h­mann war inzwi­schen, nach einem kur­zen Besuch der Toch­ter im Pra­ger Kran­ken­haus, nach Wies­ba­den zurück­ge­kehrt. Die neue Stadt­ver­wal­tung in Frank­furt hat­te Bus­se nach The­re­si­en­stadt geschickt, um die weni­gen Über­le­ben­den in ihre Hei­mat­stadt zurück­zu­ho­len. Clai­re Gut­h­mann wur­de einem die­ser Bus­se zugeteilt.

Char­lot­te hat­te noch von Prag aus über einen fran­zö­si­schen Mit­pa­ti­en­ten, der vor ihr die Heim­rei­se antre­ten durf­te, Kon­takt mit einem fer­ne­ren Ver­wand­ten, Sol Kahn, auf­ge­nom­men, des­sen Adres­se in Salt Lake City sie über die gan­zen Jah­re nicht ver­ges­sen hat­te.[141] Ihn bat sie um Hil­fe für sich und ihre Fami­lie, noch immer in der Hoff­nung, dass auch ihr Vater und Bru­der über­lebt hät­ten. Mit einem hol­län­di­schen Pass, den ihr der hol­län­di­sche Kon­sul aus­ge­stellt hat­te – wie bei der Ankunft in The­re­si­en­stadt war es selbst für Juden jetzt nicht unge­fähr­lich, als Deut­scher erkannt zu wer­den – gelang­te sie Anfang August zunächst wie­der in das Lager The­re­si­en­stadt. Hier konn­te sie dann von ihrer Mut­ter und einem Bekann­ten, der über ein Auto ver­füg­te – die Stadt Wies­ba­den kam nur für die Ben­zin­kos­ten auf – abge­holt wer­den. Im ehe­ma­li­gen jüdi­schen Alters­heim in der Geis­berg­stra­ße wur­de ihnen jeweils ein Bett zur Ver­fü­gung gestellt. Mehr – so könn­te man zynisch sagen – benö­tig­ten sie nicht, denn sie hat­ten nicht mehr, als sie auf dem Leib trugen.

Das Haus in der Bahn­hofstr. 25 gehör­te ihnen nicht mehr. In zwei getrenn­ten „Rechts­ak­ten“ war es auf das Deut­sche Reich über­schrie­ben wor­den. Zunächst hat­te man am 27 August 1942 das gesam­te Ver­mö­gen von Jakob Gut­h­mann ein­ge­zo­gen,[142] d.h. auch sei­ne Hälf­te des Wohn­grund­stücks, dann, nach­dem auch Bert­hold Gut­h­mann und sei­ne Fami­lie depor­tiert wor­den waren, erfolg­te der zwei­te Akt. Am 11. Juli 1943 wur­de auch des­sen Anteil als „volk- und staats­feind­li­ches Ver­mö­gen“ zuguns­ten des Rei­ches ein­ge­zo­gen.[143] Am 8. Dezem­ber des glei­chen Jah­res stell­te das Finanz­amt Wies­ba­den die not­wen­di­ge Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für den Ein­trag des Eigen­tums­wech­sels im Grund­buch aus. Am 15. Dezem­ber 1943 war der Raub auch for­mal­ju­ris­tisch abge­schlos­sen. Nach dem Krieg hat­te zunächst die Besat­zungs­macht die Kon­trol­le über die Immo­bi­lie über­nom­men. Am 22.September 1948 wur­de dem Antrag von Clai­re Gut­h­mann, das Haus in der Bahn­hofstr. 25 wie­der auf die Namen der recht­mä­ßi­gen Eigen­tü­mer zu über­tra­gen, statt­ge­ge­ben. Es war zwar durch die letz­ten Luft­an­grif­fe beschä­digt, aber nicht zer­stört wor­den, und konn­te bald wie­der her­ge­rich­tet werden.

Clai­re und Char­lot­te Gut­h­mann waren zwei von ins­ge­samt nur fünf Wies­ba­de­ner Juden, die – abge­se­hen von eini­gen ande­ren, die als Misch­lin­ge oder durch ihre Misch­ehe geschützt nicht depor­tiert wor­den waren – nach der Befrei­ung im Mai 1945 lebend in ihre Hei­mat­stadt zurückkehrten.

Aber: “Even as this is writ­ten, I have never com­ple­te­ly escaped from KZ-Ghet­to The­re­si­en­stadt, which has beco­me the home­town of my memo­ry and my emo­ti­ons. I left far too much behind the­re to think that I ever escaped, that I was tru­ly libe­ra­ted. It isn’t exact­ly a pri­son that I’ve car­ri­ed with me for the rema­in­der of my long life, but rather a frame of refe­rence against which ever­y­thing else, good or bad, hap­py or sad, safe or peri­lous is mea­su­red. The­re­si­en­stadt beca­me my meta­phy­si­cal rule of thumb, against which all else is cal­cu­la­ted.”[144]

Was die Mona­te in The­re­si­en­stadt tat­säch­lich für ihr zwei­tes Leben bedeu­te­ten, ist nach­zu­le­sen im Nach­wort zu ihren Erin­ne­run­gen. Die Ängs­te, die Unsi­cher­hei­ten, das Gefühl, nir­gend­wo mehr dazu gehö­ren zu kön­nen und zu wol­len, kein Deut­scher, kein Ame­ri­ka­ner, aber auch kein Jude mehr sein zu wol­len, all die ver­stö­ren­den Wahr­neh­mun­gen einer Welt, die nicht mehr die ihre war, wer­den hier erschüt­ternd offen beschrie­ben und reflek­tiert. Es geht dar­in um eine Art Arka­num, das nur die­je­ni­gen ken­nen kön­nen, die Ausch­witz, The­re­si­en­stadt oder Buchen­wald über­lebt haben. Das meint nicht nur die Lei­dens­er­fah­rung, die nicht, schon gar nicht in Wor­ten, ver­mit­tel­bar war und ist, die alles neue Erle­ben ver­düs­tern muss­te, son­dern zugleich um die Inten­si­tät eines Lebens im Ange­sicht des Todes.
“What is writ­ten here then, explains why, when I look back across my time to what hap­pen­ed to me during the Third Reich in that ter­ri­ble place known as KZ-Ghet­to The­re­si­en­stadt, I can say, tru­ly and wit­hout ran­cor or reg­ret: ‘It was the defi­ning moment of my life; I wouldn’t trade it with anyo­ne for any­thing.’ Such is the cru­cial rea­li­ty of sur­vi­vor­ship. Tho­se of us who have not expe­ri­en­ced it can never hope to under­stand the den­se­ly cohe­si­ve inten­si­ty of that sen­ti­ment.”[145]

 

Im Wei­te­ren soll der Lebens­weg von Clai­re und Char­lot­te Gut­h­mann nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs nur noch in gro­ben Zügen skiz­ziert werden.

Char­lot­te hat­te zunächst eine Anstel­lung bei der Städ­ti­schen Betreu­ungs­stel­le für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus, dann bei den ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­trup­pen gefun­den. Mit dem zwei­ten Schiff, das Deutsch­land mit emi­gra­ti­ons­wil­li­gen Flücht­lin­gen ver­ließ, gelang­te sie mit Hil­fe des Cou­sins, den sie bereits in Prag kon­tak­tiert hat­te, am 6.Juni 1946 von Bre­men aus in die USA.[146] Auf­ge­nom­men gefühlt hat sie sich aber auch hier nicht, auch nicht bei den Ver­wand­ten, Tan­te und Onkel, denen die Flucht recht­zei­tig gelun­gen war. 1951 hei­ra­te­te sie in Luxem­burg Heinz Opfer­mann, einen Jugend­freund aus Wies­ba­den, der als Halb­ju­de eben­falls aus Deutsch­land geflo­hen war und in den USA den Namen Wil­liam Hen­ry Opfer­mann ange­nom­men hat­te.[147] Er, der nichts mehr mit der Ver­gan­gen­heit kon­fron­tiert wer­den woll­te, hat­te sei­ner Frau sogar ver­bo­ten, mit ihm über die Zeit der Ver­fol­gung zu spre­chen. [148] Er hat­te sich ein erfolg­rei­ches Leben neu auf­ge­baut und eine recht bedeu­ten­de Stel­lung im Mar­ke­ting der ame­ri­ka­ni­schen Auto­in­dus­trie gefun­den, die nach dem Krieg Euro­pa als neu­en Markt ent­deck­te. Vie­le Jah­re ver­brach­te die Fami­lie des­halb in Euro­pa, in der Schweiz, Frank­reich und – die wohl schlimms­te Zeit – in Deutsch­land. Die Ehe, aus der die bei­den Kin­der Clau­dia, gebo­ren 1956, und Dia­ne, gebo­ren 1958, her­vor­ge­gan­gen sind, schei­ter­te, nicht zuletzt des­halb, weil die­ses gemein­sa­me Leben von Anbe­ginn auf einer Lebens­lü­ge bzw. einem Ver­schwei­gen auf­ge­baut war. Nicht ein­mal den Kin­dern hat­te Char­lot­te Opfer­mann ihre zumin­dest frü­he­re jüdi­sche Iden­ti­tät offen­bart, geschwei­ge denn mit ihnen über die Zeit in The­re­si­en­stadt gesprochen.

Nach der Schei­dung zog Char­lot­te Opfer­mann nach Hous­ton in Texas zu ihrer Toch­ter Dia­ne, inzwi­schen ver­hei­ra­te­te Por­ter, und ver­dien­te sich ihren Lebens­un­ter­halt zunächst als Ver­käu­fe­rin in einem Tex­til­ge­schäft. Erst spä­ter erhielt sie, die nie einen for­ma­len aka­de­mi­schen Abschluss gemacht, bedingt durch ihren Aus­schluss aus der Schu­le, nicht ein­mal das Abitur erwor­ben hat­te, einen Lehr­auf­trag als Deutsch­leh­re­rin an einem texa­ni­schen Col­lege. Nach der Schei­dung war es ihr auch mög­lich, das selbst­zer­stö­re­ri­sche Schwei­gen zu bre­chen, mehr noch: Sie wur­de zu einer Zeit­zeu­gin, die, wie wenig ande­re, in ame­ri­ka­ni­schen, aber immer wie­der auch in deut­schen Schu­len authen­tisch über den Holo­caust berich­ten und ihre beson­de­re Geschich­te erzäh­len konn­te. Der Fern­seh­film „Holo­caust“ und eine Ein­la­dung des Wies­ba­de­ner Magis­trats soll sie zudem ani­miert haben, die wich­ti­ge Rol­le einer Zeit­zeu­gin anzu­neh­men.[149] In vie­len der Wies­ba­de­ner Gym­na­si­en, aber auch der ande­rer Städ­te hat sie seit­dem vor Schü­le­rin­nen und Schü­lern gestan­den, die gebannt und tief betrof­fen ihren Erzäh­lun­gen lausch­ten. Sie beließ es dabei nicht bei dem Blick in die Ver­gan­gen­heit, son­dern kri­ti­sier­te in der Zeit der ers­ten gro­ßen öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung um die Asyl­po­li­tik in Deutsch­land bei ihrem Besuch im Jahr 1993 deren immer restrik­ti­ve­re Hand­ha­bung. „Hät­ten damals die ande­ren Län­der ihre Tore nicht so fest ver­schlos­sen, hät­te das alles nicht pas­sie­ren kön­nen.“ Das Gefühl „in der Fal­le zu sit­zen und nicht mehr raus zu kom­men“, war ihr aus eige­ner Erfah­rung sehr ver­traut. Der damals schon wie­der auf­le­ben­de Frem­den­hass in Deutsch­land, die bren­nen­den Asyl­hei­me, wie das in Lich­ten­ha­gen, und der mör­de­ri­sche Brand­an­schlag in Solin­gen im Jahr ihres Besuchs hat­ten sie zutiefst erschreckt.[150] Aber nicht nur Wies­ba­den, ihre Hei­mat­stadt, son­dern auch die ihrer Eltern, Gie­ßen[151] und Eich, besuch­te sie mehr­fach. Ein Besuch in Wies­ba­den im Jahr 1995 war anläss­lich der Befrei­ung vor 50 Jah­ren ver­bun­den mit der Pro­duk­ti­on eines Films über ihre Zeit in The­re­si­en­stadt durch den Süd­west­funk. Die Rück­kehr an die­sen Ort des Grau­ens, die für eine ehe­ma­li­ge Insas­sin mit­un­ter nur schwer erträg­li­chen offi­zi­el­len Fei­er­ri­tua­le hat sie damals in einem sehr per­sön­li­chen Tage­buch fest­ge­hal­ten.[152] Auch in Gla­den­bach,[153] woher ihre Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits ursprüng­lich kamen, ist sie 1997 noch ein­mal zusam­men mit ihrem Co-Autor Robert War­ren gewe­sen. Ein letz­tes Mal kam sie zur Eröff­nung der Aus­stel­lung „Lega­li­sier­ter Raub“, in der u. a. an der Fami­lie Gut­h­mann exem­pla­risch die Aus­plün­de­rung der Juden durch die Finanz­be­hör­den des Reichs auf­ge­zeigt wird, im Novem­ber 2004 nach Deutsch­land. Nur drei Tage nach ihrer Rück­kehr in die USA ver­starb sie am 22. Novem­ber 2004 in Hous­ton im Alter von 79 Jah­ren. Am 5. Mai 2006 wur­de ihre Urne im Fami­li­en­grab ihrer frü­he­ren Schwie­ger­el­tern Opfer­mann auf dem Haupt­fried­hof in Mainz bei­gesetzt.[154]

 

Ihre Mut­ter Clai­re war nach der Rück­kehr aus The­re­si­en­stadt in Wies­ba­den geblie­ben. Anfangs hoff­te sie noch, dass ihr Mann und Paul auch über­lebt hät­ten und eines Tages wie­der zurück­keh­ren wür­den. Viel­leicht lag in dem Fest­hal­ten an die­ser Hoff­nung und auch in dem Ver­such, alles ver­lo­re­ne Gut wie­der­zu­er­lan­gen, auch der illu­sio­nä­re Wunsch, das Gesche­he­ne irgend­wie unge­sche­hen machen zu kön­nen. Die Mut­ter sei in der Zeit, die ihr noch blieb, von einer uner­bitt­li­chen For­de­rung nach Ver­gel­tung bis auf den letz­ten Pfen­nig getrie­ben wor­den, notier­te Char­lot­te Opfer­mann in ihren Erin­ne­run­gen, einen Hass, den sie selbst nicht tei­len konn­te.[155] Wie so vie­le ande­re muss­te Clai­re Gut­h­mann meh­re­re Pro­zes­se füh­ren, um – nach­dem ihr das Haus am 22. Sep­tem­ber 1948 zurück­er­stat­tet wor­den war[156] — wenigs­tens einen Teil des übri­gen geraub­ten Gutes wie­der­zu­er­lan­gen. Die Ver­bit­te­rung ent­stand nicht nur durch das Ver­hal­ten der Behör­den,[157] son­dern auch durch das der Men­schen, denen sie ein­mal ver­traut, denen sie in der Zeit der Ver­fol­gung Wert­sa­chen anver­traut hat­te. Sie sei­en durch Bom­ben­an­grif­fe zer­stört wor­den, nicht mehr vor­han­den, wur­de ihr ohne jeg­li­che Scham ins Gesicht gesagt, obwohl sie für alle sicht­bar in der Woh­nung dra­piert waren.

Claire Guthmann
Das Grab von Clai­re Gut­h­mann auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße
Eige­ne Aufname

Clai­re Gut­h­mann, die sich auch dem Wie­der­auf­bau der Jüdi­schen Gemein­de in Wies­ba­den wid­me­te, besuch­te 1950 noch ein­mal ihre Toch­ter in den USA, bevor sie am 26. Juni 1957 im Alter von 62 Jah­ren ver­starb.[158]

 

 

 

 

Die bei­den jün­ge­ren Geschwis­ter von Bert­hold, Edu­ard und Anna, denen er mit sei­nen Rechts­kennt­nis­sen gehol­fen hat­te, den Weg in das siche­re Aus­land zu fin­den, über­leb­ten bei­de den Holocaust.

Anna hat­te nach Abschluss ihrer Schul­aus­bil­dung an der Höhe­ren Töch­ter­schu­le und dem anschlie­ßen­den Besuch einer Han­dels­schu­le in Worms am 1. Novem­ber 1920 den Köl­ner Alt­wa­ren­händ­ler Jakob Nathan gehei­ra­tet.[159] In sei­ner Hei­mat­stadt leb­te das Paar und bekam dort zwei Kin­der, den am 4. Sep­tem­ber 1921 gebo­re­nen Hans und die am 24. Juli 1924 gebo­re­ne Mar­got. Als Jakob Nathan im Jahr 1930 ver­starb,[160] zog Anna Nathan mit den Kin­dern zurück nach Eich zu ihren Eltern. Wäh­rend die Mut­ter im väter­li­chen Geschäft und im Haus­halt half, ver­leb­ten die Kin­der dort, so Mar­gots Erin­ne­rung, eine weit­ge­hend nor­ma­le und glück­li­che Kind­heit. Vie­le wech­sel­sei­ti­ge Besu­che der Ver­wand­ten in Groß-Gerau, Wies­ba­den und Köln hiel­ten die Fami­lie zusam­men. Von dem Ter­ror, von dem die Juden in Eich nach der „Macht­er­grei­fung“ eben­falls betrof­fen waren, blie­ben aber auch Anna und die Kin­der nicht ver­schont. Mar­got wur­de aus der Schu­le aus­ge­schlos­sen und von ehe­ma­li­gen Schul­ka­me­ra­den geschla­gen und bespuckt.[161] Als Jakob Gut­h­mann sich nach den bru­ta­len Angrif­fen gegen sei­ne Per­son ent­schloss, Eich zu ver­las­sen und nach Wies­ba­den zu zie­hen, gin­gen auch Anna und ihre bei­den Kin­der mit.[162] Zuvor hat­te sie sich noch mit dem am 19. Febru­ar 1893 in Dien­heim gebo­re­nen Wein­händ­ler Sieg­fried Hirsch ver­lobt.[163] Aber noch bevor die Ehe geschlos­sen wur­de, erhielt Anna die Mög­lich­keit mit den bei­den Kin­dern in die USA aus­zu­rei­sen. David Kirsch­baum, ein Ver­wand­ter von Bert­hold Gut­h­manns Groß­mutter Anna, die eine gebo­re­ne Kirsch­baum war, bürg­te mit 1.500 Dol­lar für Anna Nathan und ihre bei­den Kin­der, sodass sie im Okto­ber 1936 über Le Hav­re per Schiff nach New York und von da nach Phil­adel­phia, ihrem neu­en Wohn­sitz, gelang­ten.[164] Ihr Ver­lob­ter Sieg­fried Hirsch kam im Früh­jahr 1937 nach. Ihm hat­te sein Bru­der Hein­rich, der bereits in den Zwan­zi­ger­jah­ren in die USA aus­ge­wan­dert war, das erfor­der­li­che Affi­da­vit für die Immi­gra­ti­on gestellt. Nach sei­ner Ankunft hei­ra­te­ten Anna und Sieg­fried und kauf­ten in Phil­adel­phia ein Haus für die neu gegrün­de­te Fami­lie. Nur mit Mühe konn­ten sie die Kre­di­te abzah­len, denn Sieg­fried Hirsch hat­te eine nur schlecht bezahl­te Anstel­lung in einer Klei­der­fa­brik gefun­den. Sie hät­ten damals „in der Emi­gra­ti­on“ – so gab sie spä­ter an – „unter den dürf­tigs­ten Ver­hält­nis­sen leben müs­sen“.[165]

Mit dem Kriegs­ein­tritt der USA brach der bis­her noch not­dürf­tig auf­recht­erhal­te­ne Kon­takt nach Deutsch­land ab. Was mit dem Vater und der Fami­lie ihres Bru­ders gesche­hen war, erfuhr Anna Nathan erst nach dem Ende des Krie­ges. Sieg­fried Hirsch ver­starb im August 1963 70-jäh­rig in Phil­adel­phia, sei­ne Frau Anna im Okto­ber 1992.[166] Obwohl sie zeit­le­bens unter dem Schick­sal ihrer Fami­lie nerv­lich gelit­ten hat­te, war sie 96 Jah­re alt geworden.

Annas und Bert­holds Bru­der Edward hat­te zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt die am 29. Janu­ar 1901 gebo­re­ne Emma Hof­mann aus Muß­bach an der Wein­stra­ße gehei­ra­tet. Das Paar hat­te eine Toch­ter, die am 4. Mai 1929 gebo­re­ne Edith Inge. Auch Edu­ard Gut­h­mann leb­te mit sei­ner Fami­lie vor sei­ner Aus­wan­de­rung in Köln, wo er eine Zucker­wa­ren­fa­brik besaß.[167]

Nach eige­nen Anga­ben muss­te er „am 26. Sep­tem­ber 1938 aus Ver­fol­gungs­grün­den flucht­ar­tig zusam­men mit sei­ner Fami­lie Köln ver­las­sen.“ Etwa 15 Mona­te hiel­ten sie sich noch in Hol­land auf, bevor ihnen dann die Aus­rei­se in die USA gelang.[168] Auch ihnen hat­ten Ver­wand­te der Fami­lie Kirsch­baum die not­wen­di­ge Bürg­schaft gestellt. 1939 erhiel­ten Edu­ard und sei­ne Fami­lie die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, aber es habe noch bis 1945 gedau­ert, bis er sich dort wie­der eine eige­ne Exis­tenz als Kauf­mann auf­bau­en konn­te. Edu­ard, der in den USA den Namen Edward Gut­h­man ange­nom­men hat­te, ver­starb im Alter von 88 Jah­ren im Staat New York.[169]

Bevor die bei­den Kin­der Jakob Gut­h­manns, Edu­ard und Anna, ver­star­ben, hat­ten sie 1954 ihren Anteil am Erbe ihres Vaters, jeweils ein Drit­tel des hal­ben Haus­an­teils der Bahn­hofstr. 25, ihrer Schwä­ge­rin Clai­re Gut­h­mann gegen eine rela­tiv gerin­ge Sum­me über­las­sen,[170] sodass Char­lot­te Opfer­mann nach dem Tod ihrer Mut­ter allei­ni­ge Eigen­tü­me­rin des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses wur­de. Am 17. August 1960 ver­kauf­te sie das Haus und trenn­te sich damit von die­sem mit vie­len schlim­men Erin­ne­run­gen belas­te­ten Besitz.[171]

Ver­öf­fent­licht: 08.02.2019

Letz­te Revi­si­on: 30. 07. 2025

 

 

 

                               wei­ter »


 

Anmer­kun­gen:

 

[1] Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ‚Phö­nix’ spiel­te seit den zwan­zi­ger und beson­ders seit Anfang der Drei­ßi­ger­jah­re beim Trans­fer jüdi­scher Ver­mö­gen ins Aus­land eine ganz wesent­li­che Rol­le. Ihr Direk­tor Dr. Wil­helm Ber­li­ner, selbst Mit­glied der jüdi­schen Gemein­de in Wien und in ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten des Ver­si­che­rungs- und Bank­ge­wer­bes tätig, hat­te die 1860 gegrün­de­te Gesell­schaft zu einer der bedeu­tends­ten euro­päi­schen Lebens­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten auf­ge­baut, die auf ihrem Expan­si­ons­kurs mit immer neu­en Pro­duk­ten aller­dings auch eini­ge Risi­ken ein­ge­gan­gen war und auch wei­ter­hin ein­ging. Als 1933 der NSDAP in Deutsch­land die Macht in die Hän­de gelegt wur­de und die Juden zu Recht um ihre Zukunft in ihrer bis­he­ri­gen Hei­mat fürch­ten muss­ten, ergab sich für den Kon­zern die Mög­lich­keit, sei­ne pre­kär gewor­de­ne finan­zi­el­le Situa­ti­on mit­hil­fe sei­nes Enga­ge­ments für die bedroh­te jüdi­sche Bevöl­ke­rung zu über­win­den bzw. zumin­dest zu lin­dern. Der zwei­te Aspekt spiel­te dabei aber kei­nes­wegs eine sekun­dä­re Rol­le. Es wur­den Pro­duk­te ent­wi­ckelt, die in ihrer Kom­ple­xi­tät hier nicht dar­ge­stellt wer­den kön­nen, mit deren Hil­fe es aber aus­rei­se­wil­li­gen Juden mög­lich wur­de, wenigs­tens einen grö­ße­ren Teil ihres Ver­mö­gens außer Lan­des zu brin­gen. Zumin­dest für ver­mö­gen­de Juden – und an die rich­te­te man sich zunächst – bestand das Pro­blem dar­in, ihre Immo­bi­li­en in liqui­des Kapi­tal zu ver­wan­deln, um es anschlie­ßend ins Aus­land trans­fe­rie­ren zu kön­nen. Mit­tels einer Ein­mal­prä­mie, ein­ge­bracht in Form der Immo­bi­lie, erwarb der Ver­si­che­rungs­neh­mer eine Lebens­ver­si­che­rungs­po­li­ce, mit einem bestimm­ten Rück­kauf­wert, der durch geschick­te ver­trag­li­che Rege­lun­gen auch im Aus­land in Form von Devi­sen wie­der aus­ge­zahlt wer­den konn­te. Bedeu­ten­der als sol­che „Trick­se­rei­en“ war aber die Zusam­men­ar­beit der „Phö­nix“ mit ver­schie­de­nen jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen, beson­ders aus dem zio­nis­ti­schen Umfeld. Eine wich­ti­ge Rol­le über­nahm dabei der 1901 gegrün­de­te ‚Jüdi­sche Natio­nal­fonds‘, der Geld zum Ankauf von Land in Paläs­ti­na ein­sam­mel­te und auch per­so­nell mit dem ‚Phö­nix’ ver­bun­den war. Beson­ders nach Abschluss des von den Nazis mit­ge­tra­ge­nen Haa­va­ra-Abkom­mens 1933 ergab sich nun für die ‚Phönix’-Versicherten die Mög­lich­keit, mit ihrer Poli­ce Land in Paläs­ti­na zu erwer­ben – für sich selbst, für Erben oder auch für Orga­ni­sa­tio­nen. Auf Basis der Haa­va­ra –Ver­ein­bah­run­gen wur­den dem NS-Staat ent­spre­chen­de Export­mög­lich­kei­ten eröff­net, die wie­der­um die Devi­sen­knapp­heit des NS-Staats redu­zier­ten. Der „Phö­nix“ hat­te sei­ner­seits den Nut­zen, dass durch den Erwerb der jüdi­schen Immo­bi­li­en die Anfor­de­rung, min­des­tens ein Vier­tel des Siche­rungs­ver­mö­gens durch Grund­be­sitz abge­deckt sein müs­se, ten­den­zi­ell ent­spro­chen wer­den konn­te. Gera­de in Ber­lin, dem Zen­trum jüdi­schen Lebens in Deutsch­land, stieg die Gesell­schaft inner­halb weni­ger Jah­re zu einem bedeu­ten­den Grund­ei­gen­tü­mer auf. Besaß sie 1932 neben ihrem eige­nen Büro­haus nur ein ein­zi­ges Miets­haus, so waren es 1935 schon 25 Gebäu­de mit fast 1.000 Woh­nun­gen. Sie­he Lembke, Phö­nix, Wie­ner und Ber­li­ner, S. 123. Aber nicht nur Miets­ka­ser­nen, son­dern auch Vil­len, wie die in der Wies­ba­de­ner Bahn­hofstr. 25 und die in der Son­nen­ber­ger Str. 15, wur­den offen­bar als sinn­vol­le Anla­ge­ob­jek­te ange­se­hen. Bei­de sind im Geschäfts­be­richt der Isar im Jahr 1936 als Immo­bi­li­en­be­sitz auf­ge­führt, in dem von 1937 ist nur noch die Son­nen­ber­ger­str. 15 genannt, die aber min­des­tens bis 1940 gehal­ten wur­de. Sie­he https://pm20.zbw.eu/mirador/?manifestId=https://pm20.zbw.eu/iiif/folder/co/013529/manifest.json. (Zugriff: 15.7.2025).
Nach dem Tod des Direk­tors Dr. Ber­li­ner brach der Ver­si­che­rungs­kon­zern zusam­men. An sei­ne Stel­le trat für den deut­schen Fir­men­teil, sowohl im Hin­blick auf die Ver­trä­ge als auch bezüg­lich der Ver­mö­gens­wer­te wie Immo­bi­li­en, die ‚Isar Lebens­ver­si­che­rungs AG’, die – wie es im Bericht des Vor­stan­des vom Juni 1936 heißt – nur „unter der ver­ständ­nis­vol­len Mit­wir­kung von Behör­den und Par­tei­stel­len durch­ge­führt wer­den (konn­te)“, um die „schwe­ren Fol­gen für Ver­si­cher­te und Gefolg­schaft und für den Ver­si­che­rungs­ge­dan­ken im All­ge­mei­nen“ im Fal­le einer Liqui­da­ti­on des ‚Phö­nix’ zu ver­hin­dern. Sie­he ebd. Aller­dings stand die ‚Isar’ jetzt vor dem Pro­blem, wegen der vie­len Rück­käu­fe von Lebens­ver­si­che­run­gen eige­ne Liqui­di­tät auf­bau­en zu müs­sen, sie somit gro­ße Tei­le ihres Grund­be­sit­zes wie­der absto­ßen muss­te. Des­halb war auch die Immo­bi­lie Bahn­hofstr. 25 nach nur drei Jah­ren wie­der auf dem Markt und Vater und Sohn Gut­h­mann konn­ten sie 1937 erwer­ben. Ein groß­flä­chi­ger Ver­kauf von Immo­bi­li­en durch Isar Lebens­ver­si­che­rungs-AG konn­te wohl auch infol­ge eines Ein­bruchs der Immo­bi­li­en­prei­se nicht mehr rea­li­siert werden.
Mei­ne bis­he­ri­ge Ver­mu­tung, es habe sich bei der Immo­bi­lie um ein rei­nes Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt gehan­delt, war somit unge­nau, bzw. ohne Bezug auf den kon­kre­ten his­to­ri­schen Kon­text, sogar falsch. Den ent­schei­den­den Hin­weis auf die Rol­le des ‚Phö­nix-Kon­zerns’ ver­dan­ke ich P. Schramm, dem ich an die­ser Stel­le aus­drück­lich für sei­ne fach­li­chen Infor­ma­tio­nen sowie sei­ne Quel­len­hin­wei­se dan­ken möch­te. Er hat mich auch auf das Buch von Lembke, Hans. H., Phö­nix, Wie­ner und Ber­li­ner. Auf­stieg und Sturz eines euro­päi­schen Ver­si­che­rungs­kon­zerns, Wies­ba­den 2016, auf­merk­sam gemacht, in dem die Geschich­te des Unter­neh­mens und sei­ne Rol­le bei der jüdi­schen Emi­gra­ti­on umfas­send ana­ly­siert ist.

[2] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (59). Auf­ge­las­sen wur­de es am 5.4.1937, ein­ge­tra­gen wur­den die neu­en Eigen­tü­mer am 27.5.1937.

[3] Char­lot­te Opfer­mann schreibt in ihren Erin­ne­run­gen: “Both fami­lies were Jews, alt­hough not par­ti­cu­lar­ly obser­vant. The Gut­h­manns and Michels had long, deep roots in Gema­ny. Like so many of the assi­mi­la­ted Jewish com­mu­ni­ty, they instinc­tively con­side­red them­sel­ves Ger­mans first, Jews second.”  Opfer­mann, Char­lot­te, Char­lot­te – A Holo­caust Memoir: Remem­be­ring The­re­si­en­stadt. As shared with Robert A. War­ren, San­ta Fe USA, 2006, S. 9. Char­lot­te Gut­h­mann hat durch ihre Hei­rat im Jahr 1951 den Nach­na­men Opfer­mann erhal­ten. Wenn sie im Fol­gen­den mit die­sem Namen ange­spro­chen wird, dann ist die Autorin gemeint. Ist von ihr als einer an den dama­li­gen Ereig­nis­sen betei­lig­ten Per­son die Rede, dann wird sie mit Char­lot­te Gut­h­mann bezeichnet.

[4] Sie­he Runz­hei­mer, Jür­gen, Abge­mel­det zu Aus­wan­de­rung. Geschich­te der Juden im ehe­ma­li­gen Land­kreis Bie­den­kopf, hg. Hin­ter­län­der Geschichts­ver­ein, Mar­burg 1992, Bd. 1, S. 36. Sie hat­ten auf der Lis­te der Bür­ger­li­chen kan­di­diert, zwei Wochen spä­ter wur­den sie ihrer Ämter enthoben.

[5] Sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 1, S. 35 f.

[6] Ebd. Bd. 1, S. 17, 52 und 62. Zur Ver­fol­gung der Juden in Gla­den­bach in der Zeit zwi­schen 1933 und 1940 sie­he umfas­send ebd. S. 31–62.

[7] Salo­mon Michel, gebo­ren am 4.7.1828 in Gla­den­bach, war der Sohn von Baruch Michel und sei­ner Frau Karo­li­ne Cohn. Die­se hat­ten noch einen wei­te­ren Sohn Hirsch, der mit einem Kät­chen Cohn ver­hei­ra­tet war, sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 1, S. 123. Nach Runz­hei­mer, ebd., war die Frau von Salo­mon Michel, Bet­ty, eben­falls eine gebo­re­ne Cohn. Bei Mül­ler, Han­no, Juden in Gie­ßen 1788–1942, Gie­ßen 2012, S. 437 heißt es aller­dings, dass sie laut Ster­be­ein­trag des Soh­nes Her­mann Michel eine gebo­re­ne Bau­er war. Die­sen Namen gab auch Bert­hold Gut­h­mann in sei­ner Per­so­nal­ak­te als Namen der Groß­mutter sei­ner Frau an, sie­he HHStAW 458 793. Nach sei­nen Anga­ben wur­de sie am 12.4.1834 in Gla­den­bach gebo­ren, gestor­ben ist sie am 19.10.1895 in Gie­ßen. Deren Tod in Gie­ßen lässt die Ver­mu­tung zu, dass Salo­mon und Bet­ty Michel zu einem unbe­kann­ten Zeit­punkt von Gla­den­bach nach Gie­ßen ver­zo­gen waren. Zwar wur­de Salo­mon Michel nach sei­nem Tod am 28.2.1907 in Gla­den­bach bei­gesetzt, ob er aber auch dort ver­starb, ist nicht sicher. Zumin­dest erschien am 1.3.1907 im ‚Gie­ße­ner Anzei­ger’ eine Todes­an­zei­ge für ihn. Sie­he Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 437, Ein­trag 259. Eine Per­so­nen­stands­kar­te für Salo­mon Michel liegt aller­dings im Stadt­ar­chiv Gie­ßen nicht vor.

[8] Ebd. Laut einer Anzei­ge im ‚Gie­ße­ner Anzei­ger’ vom 12.6.1896 sei „die Fir­ma ‚Salo­mon Michel Pfer­de­han­del-Geschäft in Gie­ßen’ auf die bei­den Söh­ne Mei­er Michel in Gie­ßen und Her­mann Michel in Gla­den­bach über­ge­gan­gen“. Dass Mei­er Michel und Her­mann Michel Söh­ne von Salo­mon und Bet­ty Michel waren, ist auch durch die Hei­rats­ur­kun­den der bei­den belegt. Hei­rats­re­gis­ter Gla­den­bach 23 /​ 1887 und 30 /​ 1893. Runz­hei­mer kennt die­sen Sohn Mei­er Michel erstaun­li­cher­wei­se nicht. Sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 1, S. 123. Nach sei­nen Anga­ben hat­te Salo­mon Michel neben Her­mann noch einen Sohn namens Wolf Ben­ja­min, gebo­ren am 23.6.1862. Er war ver­hei­ra­tet mit einer Lina aus Hau­sen und hat­te die bei­den Söh­ne Isi­dor, gebo­ren am 4.2.1892, und Leon­hard, gebo­ren am 6.10.1897. Bei­de Söh­ne sol­len 1927 noch das Geschäft des Groß­va­ters wei­ter­ge­führt haben, Isi­dor eine Manu­fak­tur­wa­ren­hand­lung, Leo­nard eine Vieh­wa­ren­hand­lung. Sie­he http://​www​.stol​per​stei​ne​-gies​sen​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​/​s​c​h​i​c​k​s​a​l​e​/​f​a​m​i​l​i​e​_​m​i​c​h​e​l​.​h​tml. (Zugriff: 12.02.2020). Außer der Ehe­frau, die bereits 1923 ver­starb, kam die gesam­te Fami­lie von Wolf Ben­ja­min Michel im Holo­caust ums Leben. Sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 1, S. 123. Mül­ler hin­ge­gen kennt die­sen Sohn Wolf Ben­ja­min nicht, der aller­dings auch nicht nach Gie­ßen zog, son­dern in Gla­den­bach geblie­ben war. Das Pro­blem bei den bei­den Brü­dern Mei­er und Wolf Ben­ja­min Michel besteht dar­in, dass für bei­de das Geburts­jahr 1862 über­lie­fert ist, aller­dings mit ansons­ten völ­lig unter­schied­li­chen Geburts­da­ten, sodass Zwil­lin­ge aus­ge­schlos­sen sind. Wo der Feh­ler in der Über­lie­fe­rung liegt, konn­te bis­her nicht geklärt werden.

[9] Hei­rats­re­gis­ter Gla­den­bach 23 /​ 1887. Rosa­lie Schiff war die Toch­ter von Moses Schiff und sei­ner Frau Hann­chen, gebo­re­ne Stern.

[10] So mach­te Sieg­fried Schiff, ein Sohn von Fan­ny und Wil­ly Schiff, bei Mei­er Michel in Gie­ßen eine kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung. Die Hin­wei­se auf die fami­liä­ren Ver­bin­dun­gen ver­dan­ke ich Frau Han­nah, Mit­au­torin des Buches ‚Die Juden vom Alt­rhein’. Fan­ny Schiff, gebo­re­ne Michel, ist aller­dings weder bei Runz­hei­mer noch bei Mül­ler als eine Toch­ter von Salo­mon und Bet­ty Michel aus­ge­wie­sen. Sie­he Runz­hei­mer Bd. 1, S. 125 und Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 563, Ein­trag 103.

[11] Er zog im April 1915 nach Frank­furt, kam aber als Kauf­mann wie­der zurück nach Gie­ßen. 1911 zog er nach Mainz. Sie­he Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 483, Ein­trag 261. Er scheint dem Holo­caust ent­kom­men zu sein, laut GENI war er spä­ter  mit einer Car­ry Salm ver­hei­ra­tet. Sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​0​6​7​7​2​0​5​309.

[12] Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 483, Ein­trag 261.

[13] Wäh­rend die meis­ten jüdi­schen Händ­ler mit tra­di­tio­nel­len Waren der länd­li­chen Regi­on oder mit Vieh han­del­ten, hat­te sich Wolf Schiff auf die Ver­mitt­lung von Schiffs­rei­sen für Aus­wan­de­rer spe­zia­li­siert. Wolf Schiff war am 8.2.1845 in Gla­den­bach, sei­ne Frau am 18.7.1847 in frän­ki­schen Mömm­lin­gen gebo­ren wor­den. Nach ihrem Tod am 20.7.1929 in Gla­den­bach, war auch Wolf Schiff  nach Gie­ßen in die Bleich­stra­ße zu sei­ner Toch­ter gezo­gen, wo er am 14.2.1935 neun­zig­jäh­rig ver­starb. Im sel­ben Jahr kam dann Fran­zis­kas Schwes­ter Lina, die seit August 1930 mit Lieb­mann Levi, dem letz­ten Vor­ste­her der jüdi­schen Gemein­de Gla­den­bachs, ver­hei­ra­tet war. Sie ver­zo­gen aber bald nach Frank­furt. Lina und Lieb­mann Levi und zwei ihrer Kin­der fie­len dem Holo­caust zum Opfer. Sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 1, S. 126 und Bd. 2, S. 109 f., auch Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 563, Ein­trag 106. Dazu die Bear­bei­tung der  Stol­per­stein­grup­pe Gie­ßen https://www.giessen.de/Erleben/%C3%9Cber-Gie%C3%9Fen/Stolpersteine/Bleichstra%C3%9Fe-28.php?object=tx,2874.1320.1&ModID=7&FID=2874.1207.1&NavID=2874.396&La=1.  (Zugriff: 12.02.2020).

[14] Das elter­li­che Haus in Gla­den­bach wur­de im Jahr 1911 ver­kauft, sie­he Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 2 S. 115. Nach sei­nen Anga­ben ver­zog die Fami­lie Her­mann Michel erst danach, also nicht vor 1911, nach Gie­ßen. Hier ist aber den sehr prä­zi­sen Anga­ben von Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 438 Ein­trag 262 mehr Glau­ben zu schenken.

[15] Mül­ler, Juden in Gie­ßen, S. 438. Sie­he dazu auch die Recher­chen der Stol­per­stein­grup­pe aus Gie­ßen; die Bele­ge für die Aus­füh­run­gen sind in einer beson­de­ren Quel­len­samm­lung auf­ge­führt. Sie­he http://​www​.stol​per​stei​ne​-gies​sen​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​/​s​c​h​i​c​k​s​a​l​e​/​f​a​m​i​l​i​e​_​m​i​c​h​e​l​.​h​tml. (Zugriff: 17.6.2018).

[16] Opfer­mann, Char­lot­te, Char­lot­te — A Holo­caust Memoir: Remem­be­ring The­re­si­en­stadt. As shared with Robert A. War­ren, San­ta Fe USA, 2006, S. 32.

[17] Sie­he zur Geschich­te der Juden in die­sem Gebiet umfas­send das jüngst erschie­ne­ne Werk von Han­nah, Gabrie­le, Graf, Mar­ti­na, Graf, Hans-Die­ter, Die Juden vom Alt­rhein: bio­gra­fi­sche Doku­men­ta­ti­on von den Anfän­gen bis zum Holo­caust und dem Wei­ter­le­ben in der Emi­gra­ti­on, hg. von den evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­den und den katho­li­schen Pfarr­ge­mein­den Hamm, Eich und Gim­b­s­heim, Mainz 2018; zur Geschich­te im 19. Jh. beson­ders S. 27 f., auch ., Graf, Hans-Die­ter, Juden­feind­lich­keit in Rhein­hes­sen im 19. Jahr­hun­dert, in: Hei­mat­jahr­buch des Land­krei­ses Bin­gen, hg. Ver­ei­ni­gung der Hei­mat­freun­de am Mit­tel­rhein e.V., 2017, S. 166–169.

[18] Anga­ben zum Namen sie­he Juden vom Alt­rhein, S. 30 ff.

[19] Juda Gut­h­mann, gebo­ren am 22.10.1826 in Hamm, starb am 20.1.1909 in Eich. Sei­ne Frau Anna Kirch­baum war am 6.7.1833 in Eich gebo­ren wor­den, wo sie am 2.1.1890 auch ver­starb, sie­he HHStAW 458 793.

[20] Eine der Tho­ra­rol­len gelang­te in die USA, die ande­re blieb verschollen.

[21] Sei­ne Frau Anna, gebo­ren am 23.7.1833, war bereits am 2.1.1888 verstorben.

[22] Juden vom Alt­rhein, S. 35.

[23] Juden vom Alt­rhein, S. 88, 105–107.

[24] Die Ehe wur­den am 25.5.1892 in Eich geschlos­sen, HHStAW 469/​33 28882 (19). Die Eltern von Lina, Leh­mann /​ Lieb­che Gut­h­mann und sei­ne Frau Babet­te, eine eben­falls gebo­re­ne Gut­h­mann, leb­ten in Groß-Gerau. Einen umfas­sen­den Über­blick über die sehr kom­ple­xen Bezie­hun­gen inner­halb der Fami­lie Gut­h­mann kann man anhand der ver­schie­de­nen Stamm­bäu­me im Buch Juden vom Alt­rhein, S. 429–445 gewin­nen. Sie­he auch den von Her­bert Gut­h­mann nach dem Krieg ange­fer­tig­ten Stamm­baum der Fami­lie Gut­h­mann http://​www​.erin​ne​rung​.org/​g​g​/​h​i​s​t​f​o​t​o​g​a​l​/​g​u​t​h​m​a​n​n​/​s​t​a​m​m​b​a​u​m​_​g​u​t​h​m​a​n​n​.​jpg. Es heißt dar­in, dass Jakob und Lena über die müt­ter­li­che Linie mit­ein­an­der ver­wandt waren: „Lena m[arried]. Jacob Gut­h­mann, her cou­sin on her mothers side in Eich.“

[25] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (118).

[26] Aller­dings waren die Lebens­ver­hält­nis­se im Ver­gleich zum Stadt­le­ben eher beschei­den. In den Memoi­ren von Mar­got Nathan, der Toch­ter von Bert­hold Gut­h­manns Schwes­ter Anna, die zuvor in Köln gewohnt hat­te und nach dem Tod ihres Man­nes mit den Kin­dern wie­der nach Eich gezo­gen war, wird aller­dings ein völ­lig ande­res Bild vom Leben gezeich­net: „Wir hat­ten ein Tele­fon, das nur zu Geschäfts­zwe­cken mei­nes Groß­va­ters benutzt wer­den durf­te. Wir hat­ten eine Außen­toi­let­te, obwohl mein Groß­va­ter eine pri­mi­ti­ve Innen­toi­let­te instal­liert hat­te, die aber nicht funk­tio­nier­te, wenn im Win­ter die Roh­re zufro­ren. Elek­tri­zi­tät [gab es] aus einer Glüh­bir­ne, die von der Decke des Zim­mers her­ab­hing. Wir hat­ten kei­ne Zen­tral­hei­zung. Ein Ofen im Wohn­zim­mer und der Küchen­herd waren die ein­zi­gen Heiz­quel­len.“ Zit. nach Juden vom Alt­rhein, S. 106.

[27] Juden vom Alt­rhein, S. 106 f.

[28] Zum Wer­de­gang von Bert­hold Gut­h­mann sie­he aus­führ­lich sei­ne Per­so­nal­ak­te HHStAW 458 793. Neben der Abschrift des Sold­buchs ent­hält sie auch einen hand­schrift­li­chen Lebens­lauf, den Bert­hold Gut­h­mann 1938 im Zusam­men­hang mit sei­ner Bewer­bung für das Amt eines Kon­su­len­ten ver­fasst hat­te. Aus­führ­lich geht er dar­in auf sei­ne Kriegs­teil­nah­me, sei­ne Ver­let­zun­gen und Aus­zeich­nun­gen ein.

[29] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 114. Zu sei­ner Mili­tär­zeit sie­he auch „Jewish knights on the air“, http://​day​ton​ho​lo​caust​.org/​r​e​s​o​u​r​c​e​s​e​x​h​i​b​i​t​s​/​j​e​w​i​s​h​-​k​n​i​g​h​t​s​-​o​f​-​t​h​e​-​a​ir/. (Zugriff: 17.6.2018).

[30] HHStAW 518 759 (14). Aus der Hei­rats­ur­kun­de geht her­vor, dass Bert­hold Gut­h­mann zu die­ser Zeit in Oppen­heim wohn­te, wo er eine Stel­le als Gerichts­re­fe­ren­dar inne hat­te. Die Ehe wur­de in Gie­ßen geschlos­sen, sie­he Hei­rats­re­gis­ter Gie­ßen 1920 /​ 176.

[31] HHStAW 458 793. Sein Ein­trag in die ent­spre­chen­den Anwalts­lis­ten erfolg­te am 2. und 7. 2.1927.

[32] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 10.

[33] Sie­he zu den Mit­glied­schaf­ten das Jüdi­sche Adress­buch von 1935, S. 215–264.

[34] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 100 f. Er führt wei­ter aus: „Fritz und Bert­hold wur­den Freun­de. Bei­de stamm­ten aus Rhein­hes­sen, und sie teil­ten ähn­li­che Kriegs­er­leb­nis­se, denn Bert­hold hat­te als Beob­ach­ter bei der Flie­ger­trup­pe gekämpft. 1927 war die Stim­mung unter den jüdi­schen Front­sol­da­ten noch opti­mis­tisch. Zufrie­den schrieb Bert­hold Gut­h­mann an die Mit­glie­der: ‚Die völ­ki­schen Vor­gän­ge in Wies­ba­den ende­ten dank der inten­si­ven Arbeit sämt­li­cher Kame­ra­den mit einer völ­li­gen Nie­der­la­ge der Natio­nal­so­zia­lis­ten, die bei den Stadt­ver­ord­ne­ten­wah­len kei­nen Sitz erhielten’.”

[35] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 10. Dem wider­spricht aller­dings sei­ne eige­ne Aus­sa­ge im Fra­ge­bo­gen zu sei­ner Bewer­bung als Kon­su­lent, wo er angab, nie Mit­glied einer Par­tei gewe­sen zu sein. Sie­he HHStAW 458 793.Möglich, dass er sei­ne ehe­ma­li­ge Mit­glied­schaft aus tak­ti­schen Grün­den ver­schwieg, was aller­dings mit einem recht hohen Risi­ko behaf­tet gewe­sen wäre.

[36] Sie­he die wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur zu B’nai B’rith unter https://de.wikipedia.org/wiki/B%E2%80%99nai_B%E2%80%99rith. (Zugriff: 17.6.2018).

[37] Ziel­set­zung des 1893 gegrün­de­ten Ver­eins war die völ­li­ge Gleich­be­rech­ti­gung der jüdi­schen Staats­bür­ger im Deut­schen Reich bzw. dann in der Wei­ma­rer Repu­blik. Um dem All­tags­an­ti­se­mi­tis­mus zu begeg­nen, hat­te man im CV auch eine Rechts­schutz­ab­tei­lung eta­bliert, die Juden in ihrem Kampf gegen Dis­kri­mi­nie­rung recht­li­chen Bei­stand geben soll­te. Anders als die zio­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen stell­te der CV die Zuge­hö­rig­keit der Juden zum deut­schen Staat nicht in Fra­ge und betrach­te­te die Grün­dung eines Staa­tes der Juden mit viel Skep­sis. 1938 wur­de der CV von den Nazis aufgelöst.

[38] Opfer­mann, Char­lot­te, A Holo­caust Memoir: Remem­be­ring The­re­si­en­stadt. As shared with Robert A. War­ren, San­ta Fe 2006 S. 10.

[39] Opfer­mann, Char­lot­te, Auto­bio­gra­fi­sche Noti­zen, Ein Dop­pel­blatt, her­aus­ge­ge­ben von Ernst-Lud­wig-Cham­bré-Stif­tung Lich, anläss­lich des Besuchs von Char­lot­te Opfer­mann in Gie­ßen 2002/​2003.

[40] Wies­ba­de­ner Kurier vom 15.11.2004.

[41] Zu den schu­li­schen Erfah­run­gen von Char­lot­te Opfer­mann sie­he Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 10–18.

[42] Han­ni Neu­mann wur­de nach ihrer Emi­gra­ti­on nach Hol­land dort auf­ge­grif­fen und mit ihren Eltern in Sobi­bor ermor­det. Ellen Kahn, gelang die Aus­wan­de­rung nach Argen­ti­ni­en. Die bei­den Klas­sen­ka­me­ra­den von Paul über­leb­ten eben­falls. Sie waren nach Shang­hai bzw. Eng­land aus­ge­wan­dert. Kurz­bio­gra­phien zu den jüdi­schen Guten­berg­schü­lern sind ent­hal­ten in: Erzie­hung im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Guten­berg­schu­le und Dil­theyschu­le 1933–1945, hg. Con­rad, Göt­ting, Nau­mann, Wies­ba­den 1992 S. 121–126.

[43] Zu den Ereig­nis­sen in Gie­ßen sie­he https://www.giessen.de/index.php?ModID=7&FID=2874.1207.1&object=tx%7C2874.1207.1.(Zugriff: 17.6.2018). Der Han­del mit Büchern wur­de im Okto­ber 1934, der Ver­leih dage­gen erst im Novem­ber 1941 von Amts wegen ein­ge­stellt. (Zugriff: 11.7.2018).

[44] http://​pro​jek​tost​ho​fen​-gedenk​staet​te​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​p​a​g​e​=​1​6​5​&​p​a​r​e​n​t​=​125, (Zugriff: 17.6.2018).

[45] Juden vom Alt­rhein, S. 109.

[46] Laut einer Betriebs­prü­fung aus dem Jahr 1936 belie­fen sich die Umsät­ze 1933 (fälsch­li­cher­wei­se in der Über­tra­gung mit 1935 ange­ge­ben): 562.454, RM, 1934: 471.851 RM, 1935 344.915 RM und im ers­ten Quar­tal 1936 35.627 RM. HHStAW 518 4229 (93).

[47] Mar­got war die Toch­ter von Anna Gut­h­mann, inzwi­schen ver­wit­we­te Nathan, die seit 1930 mit ihren bei­den Kin­dern wie­der bei den Eltern in Eich leb­te. Sie­he Genaue­res zu deren Schick­sal unten in die­sem Kapitel.

[48] Juden vom Alt­rhein, S. 110.

[49] Opfer­mann, Char­lot­te, Asche zu Was­ser. Unver­öf­fent­lich­te Auf­zeich­nun­gen. Kopie im Archiv des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se. Nicht ein­deu­tig geklärt ist, wann das Geschäft auf­ge­ge­ben wur­de. Char­lot­te Opfer­mann und Ernst Jakob Kahn mei­nen, dass die Schlie­ßung 1935 im Zusam­men­hang mit dem Ver­kauf des Hau­ses voll­zo­gen wur­de, Han­nah u. a. machen bereits die Ereig­nis­se von 1933 für die Geschäfts­auf­ga­be ver­ant­wort­lich, sie­he Juden vom Alt­rhein, S. 109. Für den nota­ri­ell aus­ge­fer­tig­ten Kauf­ver­trag gibt es aller­dings ein ein­deu­ti­ges Datum. Danach wur­de das Grund­stück Flur 1 Nr. 420–514 qm Hof­rei­te, an der Hin­ter­hof­stra­ße im Ort, Bahn­hofstr. 23, zum Preis von 20.000,– RM am 5.3.1936 an einen Herrn Eller ver­kauft. Der Preis betrug 20.000 RM. 3.000 RM wur­den sofort gezahlt, die Rest­sum­me in fünf Jah­res­ra­ten von 3.400 RM, ver­zinst mit 4,5 Pro­zent. Dass es sich dabei um kei­nen rea­lis­ti­schen Preis han­del­te, ergibt sich dar­aus, dass der Käu­fer in einem Ver­gleich nach dem Krieg eine Nach­zah­lung von 5.000 DM zahl­te. In einem Schrei­ben von  Bert­hold Gut­h­mann an das Finanz­amt vom 10.9.1936 heißt es, dass sein Vater „unter dem Zwang der Ver­hält­nis­se sich im Jahr 1936 ent­schlie­ßen muss­te, sein Geschäft auf­zu­ge­ben“. Auch wur­den bis in das ers­te Quar­tal 1936 noch steu­er­pflich­ti­ge Umsät­ze erzielt. Sie­he zu dem gesam­ten Vor­gang HHStAW 518 4229 (93 f.).

[50] Aus diver­sen Anzei­gen im Kreis­blatt kann man erse­hen, dass aber weit mehr als nur Schu­he ver­kauft wur­den. Wie auch bei Gut­h­manns gab es alle mög­li­chen Lan­des­pro­duk­te, Kolo­ni­al­wa­ren, aber auch Klei­dung und Geschirr, sie­he z.B.: http://www.erinnerung.org/gg/histfotogal/guthmann_da1/18720000_cKB_Kreisblatt%20154a.jpg, (Zugriff: 17.6.2018). http://www.erinnerung.org/gg/histfotogal/guthmann_da1/18950000_cKB_Kreisblatt%20099a.jpg, (Zugriff: 17.6.2018). http://www.erinnerung.org/gg/histfotogal/guthmann_da1/19120000_cSM_Adressbuch%20107c.jpg. (Zugriff: 17.6.2018).http://www.erinnerung.org/gg/histfotogal/guthmann_da1/18900000_cKB_Kreisblatt%20337b.jpg (Zugriff: 17.6.2018). Zum Stamm­baum von Leh­mann und Babet­te Kahn sie­he in Juden vom Alt­rhein, S. 430 f. Er ist genau­er und voll­stän­di­ger als der von Her­bert Gut­h­mann nach dem Krieg in Isra­el erstell­te Stamm­baum, der heu­te im Leo-Baeck-Insti­tut ver­wahrt wird. Sie­he http://​www​.erin​ne​rung​.org/​g​g​/​h​i​s​t​f​o​t​o​g​a​l​/​g​u​t​h​m​a​n​n​/​s​t​a​m​m​b​a​u​m​_​g​u​t​h​m​a​n​n​.​jpg.(Zugriff: 17.6.2018).

[51] Min­na wur­de von Frank­furt aus am 2.6.1942 in den Osten ver­schleppt und blieb eben­so wie ihre Toch­ter Ger­tru­de seit­dem ver­schol­len. Der zwei­ten Toch­ter Her­ta gelang 1937 die Flucht in die USA. Jakob Gut­h­mann, Min­nas Bru­der, wur­de mit sei­ner Frau nach Litz­mann­stadt depor­tiert. Dort wur­den bei­de am 15.1.1942 ermor­det. Zwei wei­te­ren Schwes­tern von Min­na, Fan­nie und Sett­chen /​ Sel­ma, konn­ten sich in die USA bzw. Argen­ti­ni­en ret­ten. Sie­he zur Fami­lie von Linas Eltern Leh­mann und Babet­te Gut­h­mann, gebo­re­ne Gut­h­mann http://​www​.erin​ne​rung​.org/ (wei­ter über Bevölkerung/​ihre Namen/​Guthmann/​Lehmann Gut­h­mann). (Zugriff: 17.6.2018).

[52] Juden vom Alt­rhein, S. 110.

[53] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen. Auch die ver­wit­we­te Toch­ter Anna war mit ihren bei­den Kin­dern mit nach Wies­ba­den gezo­gen und hat­te ver­mut­lich bis zu ihrer Aus­wan­de­rung mit dem Vater in der Les­sing­str. 3 gewohnt. Sie­he 518 4229 (26) und 518 15855 (5), auch die Anm. xxx unten.

[54] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen, Kauf­ver­trag (59, 62).

[55] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 12.

[56] Ebd.

[57] Ebd. S. 13–36 und Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 18–24.

[58] Zu Ellen Kahn sie­he unten.

[59] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 19. Bei der hier erwähn­ten Haus­häl­te­rin namens Sen­ny han­delt es sich um die Schwes­ter der spä­te­ren Haus­häl­te­rin Emma Berenz, gebo­re­ne Weis­be­cker, die am 1.9.1942 mit Jakob Gut­h­mann depor­tiert wur­de. Sen­ny hin­ge­gen, die um 1938/​39 hei­ra­te­te, ging danach in die USA, wo bereits eine Schwes­ter ihres Ehe­manns leb­te. Infor­ma­ti­on der Enke­lin von Emma Berenz in einer Mail vom 27.9.2018.

[60] Ebd.

[61] Ebd. S. 20 f. Die lang­jäh­ri­ge Büro­lei­te­rin von Bert­hold Gut­h­mann, Frau Gül­le­ring, gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren eine umfas­sen­de Beschrei­bung der Woh­nung und der Büro­räu­me vor deren Zer­stö­rung ab. Sie schätz­ten den Wert der Ein­rich­tung auf 38.000 bis 45.000 RM, HHStAW 518 759 (75–77). Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren hat Char­lot­te Opfer­mann die Ereig­nis­se noch ein­mal in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung geschil­dert und ergänzt, dass damals auch Schmuck „abhan­den“ gekom­men sei, sie­he HHStAW 518 4229 (56–57).

[62] HHStAW 518 42295 (96, 137) und HHStAW 518 759 (35). Zudem gab sie an, dass bei die­sem Über­fall auch eine Rei­he von Wert­ge­gen­stän­den wie Foto­ap­pa­ra­te, Feld­ste­cher und ande­res abhan­den gekom­men sei­en. Nach Ansicht des Rechts­an­walts im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren sei im Nach­kriegs­jahr 1960 – solan­ge zog sich das Ver­fah­ren hin – das Vier­fa­che des dama­li­gen Wer­tes ein­zu­set­zen, ebd. (75).

[63] HHStAW 518 759 (41).

[64] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 31. Unter die­sen pri­va­ten Brie­fen waren auch sol­che, aus denen her­vor­ging, dass die Ehe­leu­te Gut­h­mann zuvor eine Schei­dung in Erwä­gung gezo­gen hatten.

[65] Ebd. S. 13.

[66] Ebd. S. 23.

[67] Ebd. S. 36. Laut einer Mit­tei­lung der Gedenk­stät­te Buchen­wald vom 5.11.2018 wur­de Her­mann Michel, der mit der Häft­lings­num­mer 30523 erfasst wor­den war, am 10.12.1938 entlassen.

[68] Sie­he dazu auch Faber, Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, S. 73. In die­ser Dar­stel­lung war die Initia­ti­ve dazu von Clai­re Gut­h­mann aus­ge­gan­gen. Auf sei­ne Bit­te hin habe er sich an die Gesta­po in Wei­mar gewandt und um sei­ne Ent­las­sung gebe­ten. Nach den Erin­ne­run­gen von Char­lot­te Gut­h­mann war es der Anwalt selbst, der Clai­re Gut­h­mann die Mög­lich­keit zur Frei­las­sung durch Über­nah­me der Kon­su­len­ten-Funk­ti­on nahe­ge­legt hat­te. Sie­he hier­zu und zu den genaue­ren Umstän­den der Ent­las­sung, Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 20 f. und Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 31 f. In der Per­so­nal­ak­te HHStAW 458 793 sind die Unter­la­gen zur Bewer­bung ent­hal­ten, dar­in ein „Per­so­nal- und Befä­hi­gungs­nach­weis“, Lebens­lauf, Nach­weis über Kriegs­dienst und –aus­zeich­nun­gen und Anga­ben zu den Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen. Dar­in befin­det sich auch das Bewer­bungs­schrei­ben, das Clai­re Gut­h­mann am 14.11.1938, drei Tage vor dem Ende der Bewer­bungs­frist, im Auf­trag ihres Man­nes, der zu die­ser Zeit noch inhaf­tiert war, an den Ober­lan­des­ge­richts­prä­si­den­ten gerich­tet hat­te. „Da gele­gent­lich der unglück­li­chen Ereig­nis­se vom 10. Nov. ds. Jrs. [Her­vor­he­bung – K.F.] die hier­zu benö­tig­ten, bereits vor­be­rei­te­ten und fer­tig­ge­stell­ten Unter­la­gen augen­blick­lich nicht auf­zu­fin­den sind, bit­te ich, die­sel­ben so bald wie mög­lich nach­rei­chen zu dür­fen.“ Ob die Bewer­bung tat­säch­lich bereits vor der Reichs­po­grom­nacht geplant wor­den war, wie die For­mu­lie­rung nahe­legt, ist eher frag­lich. Es scheint eher so, als soll­te durch die­se Dar­stel­lung der Abläu­fe die ver­spä­te­te Abga­be der Unter­la­gen nach außen hin erklärt und ent­schul­digt wer­den. Der dama­li­ge Land­ge­richts­prä­si­dent stell­te ihm ein Zeug­nis mit fol­gen­dem Inhalt aus: „Bei guter Befä­hi­gung hat Gut­h­mann die ihm anver­trau­ten Inter­es­sen stets mit Fleiß, Sorg­falt und Sach­lich­keit ver­tre­ten. Sein Auf­tre­ten vor Gericht war ein­wand­frei. Auch sei­ne Füh­rung hat nie Anlass zu Bean­stan­dun­gen erge­ben. Er hat ein ruhi­ges und zurück­hal­ten­des Wesen und ist poli­tisch nie her­vor­ge­tre­ten, hat ins­be­son­de­re auch nie eine staats­feind­li­che Gesin­nung gezeigt. Er gehört zu den weni­gen jüdi­schen Anwäl­ten, denen nach der Macht­er­grei­fung das wei­te­re Auf­tre­ten vor Gericht gestat­tet wor­den ist.“ Der Ober­lan­des­ge­richts­prä­si­dent Sta­del­mann in Frank­furt und auch der Prä­si­dent der Rechts­an­walts­kam­mer schlos­sen sich die­ser Beur­tei­lung an. Man wird die For­mu­lie­run­gen, die gera­de­zu eine Nähe zum Unrechts­sys­tem sug­ge­rie­ren, sicher als tak­tisch gewählt anse­hen kön­nen und müssen.
Aller­dings gab es mit Dr. Alfred May­er aus Wies­ba­den auch einen Mit­be­wer­ber, der eine nicht ganz so gute Beur­tei­lung erhielt. „Bei guter Befä­hi­gung hat er sei­nen Beruf mit Fleiß und Sorg­falt aus­ge­übt. Vor Gericht hat er sich eines sach­li­chen und kor­rek­ten Auf­tre­tens beflei­ßigt, wenn er auch etwas hit­zig und leicht auf­brau­send war. Als Anwalt des Mie­ter­schutz­ver­eins hat er sich beim hie­si­gen Amts­ge­richt vor der Macht­er­grei­fung durch Rekla­me für sei­ne Tätig­keit und gehäs­si­ger Pro­zess­füh­rung gegen Haus­ei­gen­tü­mer mit­un­ter unan­ge­nehm bemerk­bar gemacht.“ Aller­dings heißt es am Schluss den­noch: „Sei­ne Füh­rung und poli­ti­sche Hal­tung hat zu Bean­stan­dun­gen kei­nen Anlass gege­ben, eine staats­feind­li­che Gesin­nung hat er nicht gezeigt.“
Der Prä­si­dent hat­te dann aber noch wei­ter Erkun­di­gun­gen ein­ge­zo­gen, die zur Ableh­nung des Kon­kur­ren­ten führ­ten: „Der Kreis­grup­pen­füh­rer der NSRB [NS-Rechts­wah­rer­bund – K.F.] hat sich mit Ent­schie­den­heit gegen eine Berück­sich­ti­gung sei­nes [A. May­er – K.F.] Gesuchs aus­ge­spro­chen, da er im Gegen­satz zu Gut­h­mann wegen typisch jüdi­scher Eigen­schaf­ten und Denk­wei­se für die Anwalt­schaft nicht trag­bar sei. Ins­be­son­de­re sei auch sein Auf­tre­ten bis in die letz­te Zeit gele­gent­lich ein recht dreis­tes gewe­sen. Ich ver­mag hier­nach sei­ne Zulas­sung als Kon­su­lent nicht befür­wor­ten.“ HHStAW 480 800 (41, 40).
Sie­he zu Dr. Quam­busch, der auch das Haus Fried­richstr. 8 der Bewoh­ne­rin des Juden­hau­ses in der Adolfs­al­lee 30, Aure­lia Kahn, kauf­te, den dort ent­hal­te­nen Exkurs zu sei­ner Person.

[69] HHStAW 518 759 (19).

[70] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 32 f. Joh­an­nah Rosen­thal, gebo­ren am 15.3.1890, war die Toch­ter von Mei­er Michel, die von Char­lot­te Opfer­mann als eine Art Halb­schwes­ter ihrer Mut­ter bezeich­net wur­de, da sie wohl weit­ge­hend in der Fami­lie von Her­mann Michel auf­ge­wach­sen war. Sie war seit 1912 mit Jakob Rosen­thal ver­hei­ra­tet und leb­te damals in Frankfurt.

[71] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 33.

[72] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 29.

[73] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 36 f.

[74]. Ebd. S. 27.

[75] Sie dazu ihre Aus­füh­run­gen in dem Inter­view mit Lothar Bem­be­nek in Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 30–38.

[76] Ebd. S. 30 f. Nicht ganz so posi­tiv sah Char­lot­te Gut­h­mann in Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 34 f. die­se Soli­da­ri­tät: „Aban­do­ned by our Aryan neigh­bors, many local Jews came to our res­cue, or so it appeared. For a few towels, kit­chen uten­sils or some books, they purcha­sed an admis­si­on ticket to view the ruins for them­sel­ves, com­ple­te with a gui­ded tour by Mother. They were as ghast­ly as the stran­gers out front. I hated it: the com­mo­ti­on, their curio­si­ty, and the sta­res. Within a week, their ‘stuff’ was arri­ving almost as fast as we could throw our things out. Our man-with-a-hor­se brought a full load from Rab­bi Laza­rus who, with uncan­ny timing, was in the midst of immi­gra­ting to Pal­es­ti­ne with his wife and two daughters.”

[77] Die­ser Über­fall ist umfas­send doku­men­tiert in Noam, Ernst; Kro­pat, Wolf-Arno, Juden vor Gericht. 1933–1945. Doku­men­te aus hes­si­schen Jus­tiz­ak­ten. Kom­mis­si­on für die Geschich­te der Juden in Hes­sen, Wies­ba­den 1986 2. Aufl., S. 272–282. Die Rekon­struk­ti­on der Abläu­fe basiert nicht nur auf den Zeu­gen­aus­sa­gen der Opfer, son­dern auch auf Geständ­nis­sen der bei­den Mit­tä­ter. Im Rah­men sei­nes Spruch­kam­mer­ver­fah­rens schil­der­te Franz­reb aller­dings sei­ne eige­ne Ver­si­on des Vorfalls:
„Betr. Gut­h­mann: (…) 1939 beim Atten­tat des Füh­rers kam der ehe­ma­li­ge Gesta­po­be­am­te Bode­wig auf mei­ne Arbeits­stel­le und sag­te: Hast Du heu­te gehört am Radio ? man hat ein Atten­tat auf den Füh­rer ver­übt, man woll­te uns den Füh­rer rau­ben. So einer wie der Gut­h­mann in der Bahn­hofstras­se muss ver­schwin­den. Der Mann ist Vor­sit­zen­der beim Zio­nis­ten­kon­gress. Ich frag­te: Wie meinst Du das: Der muss ver­schwin­den ? Bode­wig sag­te: Du weisst, dass wir Dich in den Hän­den haben. (…). Ich habe also den Auf­trag bekom­men und habe mir 6 Mann mit­ge­nom­men um den Fall nicht so aus­zu­füh­ren wie Bode­wig mich beauf­tragt hat­te. Wenn ich den Juden töten woll­te brauch­te ich kei­ne 6 Mann mit­zu­neh­men. Ich hat­te ja gar kei­ne Waf­fen bei mir, das wer­den Sie aus dem Pro­to­koll von 1940 lesen. Wir wur­den gegen die Juden auf­ge­hetzt und es hieß immer: Die Juden sind an Allem schuld, auch an unse­rem Unglück. Man such­te Leu­te von denen man wuss­te: der kann schlecht nein sagen, ich hat­te mich ver­sto­ßen gegen das Heim­tü­cke­ge­setz und gegen das Gesetz betr. Zer­set­zung der Wehr­kraft. Man fand auch einen gehei­men Plan betr. den West­wall mit Anga­ben über das Mate­ri­al usw. bei mir vor. Ich muss­te näm­lich einen Platz aus­su­chen, wo das Mate­ri­al war, damit hat­te mich der Major Tendren aus Des­sau beauf­tragt. Die­se Plä­ne hat­te ich bei mei­ner Abbe­ru­fung mit nach Hau­se genom­men. Ich soll­te ange­zeigt wer­den wegen Hoch- und Lan­des­ver­rat. Sie woll­ten mich schon 1935 in Gewahr­sam neh­men. Ich habe den Auf­trag von Bode­wig ungern ange­nom­men. Es war 12 Uhr nachts. Ich sag­te zu den Leu­ten: Wir gehen zu dem Gut­h­mann, geben ihm eine gehö­ri­ge Tracht Prü­gel und gehen wie­der. Wir schell­ten, der Gut­h­mann kam oben ans Fens­ter und dann her­un­ter und öff­ne­te. Ich frag­te ihn ob er wis­se was vor­ge­fal­len sei. Er sagt: Nein, woher, ich habe kein Radio. Ich sag­te: Man woll­te uns den Füh­rer rau­ben. Ich sag­te: Sie haben doch einen Sohn und eine Toch­ter, die im Aus­land leben, könn­ten wir die Post von denen sehen? um fest­zu­stel­len wie weit Sie mit dem Atten­tat zu tun haben. Nach lan­gem Hin und Her brach­te G. ver­schie­de­ne Schrift­stü­cke. Dar­in stand: Wir selbst kön­nen ja nicht anders han­deln weil wir Juden sind, wie die Rede von C beher­zi­gen. Ich frag­te die Kame­ra­den was das wäre. Sie sag­ten: Die Rede Cham­ber­lains — Ich wer­de noch den Tag erle­ben wo man Hit­ler besei­tigt ! Dar­über gerie­ten wir aus­ser uns und haben ihm eine hin­ge­hau­en, d.h. einen Kinn­ha­ken gege­ben und sag­ten er soll sich anzie­hen wir gin­gen zur Poli­zei. Wir gin­gen bis zur Fischer­stras­se, dort woll­ten wir ihm eine gehö­ri­ge Tracht Prü­gel geben, den Sohn nah­men wir auch mit. Gut­h­mann nahm eine Stel­lung an als ob er boxen woll­te. In die­sem Moment gerie­ten wir aus­ser uns und setz­ten uns zur Wehr. Für die­sen Fall Gut­h­mann habe ich bereits 10 Jah­re erhal­ten, denn es war Notwehr.
Vor­sit­zen­der- Es war doch stock­fins­ter in der Nacht, schon 11 oder 12 Uhr.
Betrof­fe­ner: Wir hat­ten Taschen­lam­pen bei uns und es war nicht finster.
Vor­sit­zen­der: Sie haben die bei­den Her­ren, mit dem Rücken an einen Bret­ter­zaun gestellt und mit einem Dolch gestossen.
Betrof­fe­ner: Nein. Die Sti­che waren 10–15 cm lang, das waren Abwehr­sti­che. Wenn man mit einem Dolch sticht und nur ein klein wenig drückt, hat man schon 3 — 4 cm. Wenn die Sti­che kräf­ti­ger gewe­sen wären, so wäre G. nicht schon nach 5 — 4 Wochen aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen wor­den. Ich habe mit dem Dolch um mich schla­gen, weil er gegen mich Stel­lung nahm. Wir sind dann weg­ge­gan­gen zu den „Drei Hasen”, die bei­den G. sind zusam­men­ge­bro­chen. Der Auf­trag war nicht so aus­ge­führt wie Bode­wig es haben woll­te. Klä­ger: Sie woll­ten ihn nicht gleich tot machen, son­dern lang­sam ver­blu­ten lassen.
Betrof­fe­ner: Sie haben kein Recht mehr, nach­dem ich mit 10 Jah­ren bestraft wor­den bin, mir heu­te noch Vor­hal­tun­gen zu machen. Es ist unver­schämt, dass man mir heu­te vor­hal­ten will wir hät­ten den Mann wie eine Kat­ze töten wol­len“. Spruch­kam­mer­ver­fah­ren Franz­reb HHStAW BW 2084 (37 ff.). Auch Clai­re Gut­h­mann war als Zeu­gin in dem Spruch­kam­mer­ver­fah­ren gela­den. Zu ihrer Aus­sa­ge, die weit­ge­hend mit der dem Urteil zugrun­de geleg­ten Ver­si­on über­ein­stimmt, sie­he ebd. (39).
Alle drei Ange­klag­ten waren bereits an dem Über­fall im Jahr zuvor betei­ligt gewe­sen, der Anfüh­rer Franz­reb war zudem der­je­ni­ge, der bei der Ermor­dung von Max Kas­sel im April 1933 eine zen­tra­le Rol­le gespielt hat­te. Sie­he auch die Dar­stel­lung der Ereig­nis­se vom 10.11.1939 von Char­lot­te Opfer­mann in HHStAW 518 759 (158–160), zu der Ermor­dung von Max Kas­sel sie­he umfas­send unten den Bei­trag im Kapi­tel zum Juden­haus Fran­ken­str. 15.

[78] Zu der Rol­le, die bei der Über­füh­rung der Täter erneut Dr. Quam­busch spiel­te, sie­he Opfer­mann, Sta­tio­nen S. 38 ff. Bem­be­nek hat in die­sem Zusam­men­hang auch den Selbst­mord des jüdi­schen Apo­the­kers Josef May­er, der Bert­hold Gut­h­mann damals gehol­fen hat­te, recher­chiert und ist zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass die­ser sich aus Angst vor sei­ner eige­nen Ver­haf­tung weni­ge Tage nach dem Anschlag auf Gut­h­manns das Leben nahm. Sie­he ebd. S. 42 ff.

[79] HHStAW 518 759 (173).

[80] Im Urteil des Son­der­ge­richts im OLG-Bezirk Frank­furt vom 6.9.1940 wur­de der Haupt­an­ge­klag­te Ernst Lud­wig Franz­reb zu 10 Jah­ren Zucht­haus, die Mit­an­ge­klag­ten Wil­li Hein­rich Berg­häu­ser und Georg Lang­man zu 2 Jah­ren bzw. 2 Jah­ren und 2 Mona­ten Gefäng­nis ver­ur­teilt. In der aus­führ­li­chen Urteils­be­grün­dung ging das Gericht auch auf die Per­sön­lich­kei­ten und die jewei­li­gen Beweg­grün­de der Ver­ur­teil­ten ein. So wur­den im Hin­blick auf die Mit­tä­ter deren „Gewis­sen­haf­tig­keit“ und „Pflicht­ei­fer“ her­vor­ge­ho­ben, Tugen­den, denen sie nach „zer­mür­ben­der Arbeits­lo­sig­keit“ ihre Anstel­lung bei der Stadt Wies­ba­den zu ver­dan­ken hät­ten. Das zeu­ge von dem „Wert ihrer Per­sön­lich­keit. Schon das ver­bie­tet es, die Ange­klag­ten (…) als Volks­schäd­lin­ge zu bewer­ten. Es kommt hin­zu, dass ihre Tat, mag sie auch noch so ver­werf­lich sein, ihrer begreif­li­chen Erre­gung über das Münch­ner Atten­tat auf den Füh­rer [gemeint ist das Atten­tat von Georg Elser im Bür­ger­bräu­kel­ler am 9.11.1939 – K.F.], und somit kei­nes­wegs uneh­ren­haf­ten Beweg­grün­den ent­sprang. Es wür­de dem gesun­den Volks­emp­fin­den wider­spre­chen, woll­te man die bei­den Ange­klag­ten, die sonst ein tadel­frei­es Leben geführt haben, für eine sol­che Tat als Volks­schäd­lin­ge bestrafen.
Dage­gen muss die Bestra­fung des Ange­klag­ten Franz­reb
[dem Haupt­tä­ter und Anfüh­rer der Meu­te – K.F.](…) gemäß § 2 der Volks­schäd­lings­ver­ord­nung erfol­gen. Es mag sein, dass auch der Ange­klag­te Franz­reb nicht uner­heb­li­che Ver­diens­te um die Bewe­gung hat. Dies kann jedoch nichts dar­an ändern, dass Franz­reb eine aus­ge­spro­chen kri­mi­nel­le Per­sön­lich­keit ist. (…) Die schon damals [bei den Strei­k­un­ru­hen 1924 in Düs­sel­dorf – K.F.] in Erschei­nung tre­ten­de Beden­ken­lo­sig­keit in der Miss­ach­tung frem­der Men­schen­le­ben ist ein gera­de­zu typi­scher Wesens­zug des Ange­klag­ten Franz­reb. Ohne auch nur eine Spur mensch­li­chen Emp­fin­dens zu zei­gen, hat der Ange­klag­te Franz­reb auch hier einen Angriff auf das Leben zwei­er Men­schen unter­nom­men. Es ist der Ein­druck des Gerichts, dass bei der Tat des Ange­klag­ten Franz­reb weni­ger die Erre­gung über das Münch­ner Atten­tat auf den Füh­rer als viel­mehr die Freu­de am Quä­len von Men­schen über­haupt im Vor­der­grund stand. Dies cha­rak­te­ri­siert die Tat des Ange­klag­ten Franz­reb als die Tat eines Volks­schäd­lings.“ Noam, Kro­pat, Juden vor Gericht, S. 279 f. Auch wenn die­ses Urteil auf den ers­ten Blick erstau­nen lässt, weil doch zur glei­chen Zeit aller­or­ten der Angriff auf das Leben von Men­schen straf­frei blieb, wo doch bereits auf der Wann­see­kon­fe­renz die völ­li­ge Ver­nich­tung von zig Mil­lio­nen Men­schen­le­ben beschlos­sen war, so war es den­noch in völ­li­ger Über­ein­stim­mung mit den NS-Rechts­vor­stel­lun­gen. In dem Urteil ging es letzt­lich nicht um das Lebens­recht der bei­den jüdi­schen Opfer, son­dern um die Auf­recht­erhal­tung der Ord­nung im Unrechts­staat selbst. Die bei­den Mit­tä­ter wur­den bereits im Mai 1941 auf Bewäh­rung ent­las­sen, Franz­reb erließ man den Rest der Stra­fe, die man eben­falls zu einer sie­ben­jäh­ri­gen Gefäng­nis­stra­fe umge­wan­delt hat­te, als er sich 1945 frei­wil­lig zur Wehr­macht mel­de­te. Ebd. S. 282.

[81] Zu die­sem beson­de­ren Kon­takt sie­he Char­lot­te Opfer­mann, Wal­ter Bode­wig, unver­öf­fent­lich­tes Doku­ment, Akti­ven Muse­um Spie­gel­gas­se.

[82] „Bert­hold Gut­h­mann hat­te einen letz­ten Ver­such unter­nom­men, Fritz’ Leben zu ret­ten, und war nach Ber­lin gefah­ren, um Göring im Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­ri­um auf­zu­su­chen. Ob er ihn per­sön­lich sprach oder einen indi­rek­ten Zugang zu ihm fand, ist nicht über­lie­fert. (…) Gut mög­lich ist, dass Gut­h­mann Görings Staat­s­e­kre­tär Milch traf, der nach den Nürn­ber­ger Geset­zen ein Misch­ling ers­ten Gra­des war, aber von Göring ‚ari­siert’ wor­den war.“ Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 284 f. Die­se Anga­ben wer­den weit­ge­hend von Char­lot­te Opfer­mann bestä­tigt, die aller­dings als Mit­tels­mann einen Herrn Malz­ben­der benennt, mit dem ihr Vater des Öfte­ren bei Aus­rei­se­an­ge­le­gen­hei­ten in Kon­takt stand. Sie­he Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 26 f. Bald dar­auf konn­te Fritz Beck­hard mit sei­ner Fami­lie nach Por­tu­gal ausreisen.

[83] Char­lot­te Opfer­mann ver­mu­te­te in dem Gespräch mit Bem­be­nek, dass sogar nach dem Krieg noch die Initia­ti­ve, ihren Vater durch die Benen­nung einer Stra­ße nach sei­nem Namen zu ehren, an die­sem Mythos schei­ter­te, sie­he ebd. S. 45. In abge­wan­del­ter Form hat auch Die­ter Kühn in sei­nem im Unter­ti­tel als Fik­tio­nen bezeich­ne­ten, aber auch auf Fak­ten gestütz­ten Roman, Ich war Hit­lers Schutz­en­gel, die­sen Ver­dacht kol­por­tiert. Dem­nach war Göring eine angeb­lich von Bert­hold Gut­h­mann ver­fass­te Schrift über das „jüdi­sche Drei­ge­stirn“ der Flie­ger­staf­fel, Fritz Beck­hardt, Wil­helm Frankl und Gut­h­mann selbst, über­ge­ben wor­den, die mit den Wor­ten „Wir flo­gen mit Göring“ begon­nen haben soll. Die Über­ga­be der Schrift soll an zwei Bedin­gun­gen geknüpft gewe­sen sein: Zum einen die Frei­las­sung Fritz Beck­hardts – „Den Fritz paukt ich da raus“, kur­zes Tele­fon­ge­spräch in schnei­den­dem Ton, „Na also. Schon erle­digt. Beck­hardt kommt heu­te Abend frei“ – zum ande­ren die Erlaub­nis für Bert­hold Gut­h­mann das Buch zu ver­öf­fent­li­chen. Er – so wird Göring in den Mund gelegt – habe einen guten Gesamt­ein­druck gewon­nen und wol­le selbst das Vor­wort ver­fas­sen und Gut­h­mann die Rech­te an dem Buch zu einem erhöh­ten Betrag abkau­fen. Eine Publi­ka­ti­on sei aber dann von Göring ver­hin­dert wor­den. Sie­he Kühn, Die­ter, Ich war Hit­lers Schutz­en­gel. Fik­tio­nen, Frank­furt a. M. 2010, S. 36–41.

[84] HHStAW 519/​3 23919 (12–16). Die Außen­stän­de bei jüdi­schen Emi­gran­ten belie­fen sich auf etwa 3.000 RM.

[85] HHStAW 518 759 (163, 167 f.).

[86] Selbst nach­dem Bert­hold Gut­h­mann bereits depor­tiert wor­den war, gin­gen noch Kon­su­len­ten­ge­büh­ren auf sei­nem Kon­to ein, das von sei­nem Nach­fol­ger Kahn auf­ge­löst wur­de. Von März 1943 bis Janu­ar 1945 waren das fast 17.000 RM. Alles, was nach Abzug von 2.600 RM Unkos­ten übrig war, zog der Staat bzw. die Reichs­ver­ei­ni­gung ein, sie­he 518 759 (38).

[87] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 55.

[88] Ebd. S. 47. Zunächst hat­te die Gesta­po die Mit­tei­lun­gen überbracht.

[89] HHStAW 469/​33 472 (1, 6) Mit ihm waren acht wei­te­re „Delin­quen­ten“ wegen des glei­chen Ver­ge­hens ange­klagt wor­den. Auch Bert­hold Gut­h­mann muss­te sich wegen die­ser „Straf­tat“ vor Gericht ver­ant­wor­ten. Ein Mit­ar­bei­ter der Devi­sen­stel­le in Frank­furt, die Gut­h­mann im Zusam­men­hang mit sei­ner Kon­su­len­ten­tä­tig­keit im Juni 1939 besucht hat­te, denun­zier­te ihn, weil er beim Betre­ten des Büros sei­nen „jüdi­schen Vor­na­men“ nicht ange­ge­ben hat­te. Der Ein­wand von Bert­hold Gut­h­mann, es sei unüb­lich im Geschäfts­le­ben, sei­nen Vor­na­men zu nen­nen, wur­de vor Gericht nicht akzep­tiert. Auch er wur­de zu einer Geld­stra­fe von 50 RM ver­ur­teilt. Sie­he Leder, Bet­ti­na, Schnei­der, Chris­toph, Sten­gel, Katha­ri­na, Aus­ge­plün­dert und ver­wal­tet. Geschich­ten vom lega­li­sier­ten Raub an Juden in Hes­sen, Ber­lin 2018, S. 390 f.

[90] HHStAW 518 759 (46–48).

[91] HHStAW 518 4229 (12). In dem Doku­ment wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass auch für Bert­hold Gut­h­mann und sei­ne Frau Clai­re Auf­zeich­nun­gen über die Abga­be von Schmuck vor­lie­gen. Sie wur­den in den Akten aber lei­der nicht mehr gefun­den, sodass über den Wert des von ihnen abge­lie­fer­ten Edel­me­talls kei­ne Anga­ben gemacht wer­den können.

[92] HHStAW 518 4229. (15).

[93] Ebd. (14).

[94] Ebd. (84). Der Kauf­preis betrug 43.000 RM. Davon wur­de die Hypo­thek über 15.000 RM getilgt, der Rest erhielt der Notar, der das Geld an das Finanz­amt zur Til­gung diver­ser Steu­er­schul­den, u.a. die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be, wei­ter­lei­te­te. Das Haus wur­de nach dem Krieg an die Erben von Jakob Gut­h­mann zurückerstattet.

[95] Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 129 f.

[96] HHStAW 518 759 (124).

[97] HHStAW 519/​3 1932 (8).

[98] Ebd. (12). Die Ver­mö­gens­er­klä­rung war erst im Febru­ar 1940 abge­ge­ben worden.

[99] Ebd. (30, 31).

[100] HHStAW 518 6784 (34). Noch wäh­rend der Beer­di­gungs­fei­er wur­den Clai­re und Bert­hold Gut­h­mann vom dama­li­gen Haus­ver­wal­ter mit sofor­ti­ger Inhaf­tie­rung gedroht, wenn sie das Haus nicht an den Fah­rer des Gie­ße­ner NSDAP-Kreis­lei­ters ver­kau­fen wür­den, dem aller­dings jeg­li­che Mit­tel fehl­ten, um die Immo­bi­lie zu bezah­len. Obwohl kein Kauf­ver­trag zustan­de kam, stand sein Name bereits als neu­er Eigen­tü­mer im Gie­ße­ner Adress­buch. Die Erben hat­ten den Ver­kauf grund­sätz­lich nicht ver­hin­dern kön­nen, fan­den aber einen ande­ren sol­ven­ten Käu­fer. Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 2 S. 119.

[101] HHStAW 519/​3 1932 (38).

[102] Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 106, dazu die bei­den Stol­per­stei­ne für die Eltern von Clai­re Gut­h­mann, die 2009 in Gie­ßen in der Bleichstr. 28 vor ihrem frü­he­ren Haus ver­legt wur­den. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Gie%C3%9Fen. (Zugriff: 11.7.2018). Falsch ist wohl die Anga­be bei Runz­hei­mer Abge­mel­det, Bd. 2, S. 115, dass Fran­zis­ka Michel nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wer­den soll­te. Alle Trans­por­te aus dem Deut­schen Reich gin­gen im Jahr 1941 nach Litz­mann­stadt /​ Lodz, Minsk, Kow­no oder Riga, sie­he Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 444 f.
Aller­dings mit Bezug auf ein Zitat von Char­lot­te Opfer­mann, sie­he Runz­hei­mer Abge­mel­det, Bd. 2, S. 119, ist auch die Anga­be falsch, Fran­zis­ka Michel hät­te in das Gie­ße­ner Juden­haus in der Wal­po­den­stra­ße zie­hen müs­sen. Eine sol­che Stra­ße gab es in Gie­ßen nicht, gemeint war der Wetz­la­rer Weg 17. Aller­dings gab es in Mainz ein Juden­haus in der dor­ti­gen Wal­po­den­str. 17, in dem vie­le Juden bis zu ihrer Depor­ta­ti­on unter­ge­bracht waren, sie­he https://​www​.main​z1933​-1945​.de/​r​u​n​d​g​a​n​g​/​t​e​i​l​-​i​-​i​n​n​e​n​s​t​a​d​t​/​j​u​d​e​n​h​a​u​s​.​h​tml. (Zugriff: 3.8.2025).
Char­lot­te Opfer­mann, der die Ver­wechs­lung unter­lief, war bei ihren Besu­chen in Deutsch­land nach dem Krieg häu­fig in Mainz, Wies­ba­den und ande­ren Städ­ten bzw. Orten, die im Zusam­men­hang mit ihrer Fami­lie stan­den. In Mainz leb­te ihr spä­te­rer Schwie­ger­va­ter Wil­helm Opfer­mann, Pro­ku­rist der Sekt­kel­le­rei Hen­kell, die wie­der­um frü­her das Haus in der Wal­po­den­stra­ße als Lager­raum genutzt hat­te. Sie­he die Anzei­ge der Sekt­kel­le­rei im Ham­bur­ger Abend­blatt vom 24.9.1907, wo unter den ins­ge­samt 50 Lager­kel­lern auch der in der Wal­po­den­str. 17 auf­ge­führt ist. Vor die­sem Hin­ter­grund ist eine Ver­wechs­lung der Stra­ßen­na­men leicht nach­voll­zieh­bar. Den Hin­weis auf die Main­zer Wal­po­den­str. 17 und die Ver­bin­dung zur Sekt­kel­le­rei Hen­kell ver­dan­ke ich Herrn P. Schramm. Zum Schick­sal der Fami­lie Opfer­mann sie­he unten Anm. 147.

[103] HHStAW 519/​3 2094 (49). Das Geld wur­de mit der Auf­la­ge, „die ent­spre­chen­den Bele­ge der kon­to­füh­ren­den Bank nach­träg­lich zur Geneh­mi­gung vor­zu­le­gen“ am 6.3.1941 freigegeben.

[104] HHStAW 518 4229 (15). Zu den Heimein­kaufs­ver­trä­gen sie­he Meinl, Zwil­ling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 465 f., 478.

[105] HHStAW 518 4229 (16).

[106] HHStAW 3008/​2 16557. Wer tat­säch­lich in der Rei­he Jakob Gut­h­mann ist, konn­te lei­der auch nach meh­re­ren Rück­fra­gen nicht geklärt wer­den. Die Bild­un­ter­schrift zu der Foto­gra­fie in Sta­tio­nen gibt an, dass es sich bei der fünf­ten Per­son in der Rei­he, dem Mann im wei­ßen Hemd ohne Jakett um Jakob Gut­h­mann hand­le, sie­he Opfer­mann, Sta­tio­nen S. 64, auf dem Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Gut­h­manns, auf dem das glei­che Bild abge­druckt ist, wird hin­ge­gen die zwei­te Per­son in der Schlan­ge als Jakob Gut­h­mann iden­ti­fi­ziert, sie­he http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Drei%20Generationen%20Guthmann.pdf.

[107] HHStAW 469/​33 2882 (7). In den Ent­schä­di­gungs­ak­ten nen­nen die bei­den Kin­der von Jakob Gut­h­mann, Edu­ard Gut­h­mann und Anna Hirsch, als Jahr der Depor­ta­ti­on und des Todes fälsch­li­cher­wei­se das Jahr 1941, sie­he 518 4229 (24, 32).

[108] HHStAW 469/​33 2882 (11).

[109] HHStAW 518 4229 (10).

[110] Opfer­mann, Her­mes­weg, S. 403. Zu dem Ehe­paar Gold­stein sie­he das Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Dr.%20Georg%20und%20Margarethe%20Goldstein.pdf. (Zugriff: 17.6.2018), auch http://www.hausaufderalb.de/fileadmin/hausaufderalb/pdf/12–10-12_rede_goldstein.pdf. (Zugriff: 4.10.2018). Arthur Straus(s), gebo­ren am 1.9.1873 in Wies­ba­den, war gelern­ter Juwe­lier, aber zuletzt Rendant und Ver­wal­ter der Jüdi­schen Gemein­de. Er war mit Anna Wal­ler, gebo­ren am 9.3.1881 in Köln, ver­hei­ra­tet. Zum Ehe­paar Strauss, die zuletzt eben­falls im Juden­haus Bahn­hofstr. 25 leb­ten, sie­he unten.

[111] HHStAW 51973 1932 (48). Bert­hold Gut­h­mann teil­te der Devi­sen­stel­le am 15. Dezem­ber 1942 den Woh­nungs­wech­sel mit.

[112] Hol­län­der nutz­te sei­ne Stel­lung auch dazu aus, sich auf dreis­tes­te Wei­se am Eigen­tum der Juden per­sön­lich zu berei­chern. Zwar wur­de er nach dem Krieg in die Kate­go­rie der Haupt­be­las­te­ten ein­ge­ord­net, es gelang ihm aber, unter­zu­tau­chen, sodass er nicht zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den konn­te. Ein umfas­sen­des Por­trait die­ses Men­schen­schin­ders, der ursprüng­lich als „städ­ti­scher Beauf­trag­ter der Jüdi­schen Wohl­fahrts­pfle­ge“ fun­gier­te, ist nach­zu­le­sen bei Becht, Lutz, „Die Wohl­fahrts­ein­rich­tun­gen sind auf­ge­löst wor­den …“. Vom städ­ti­schen Beauf­trag­ten bei der Jüdi­schen Wohl­fahrts­pfle­ge“ zum „Beauf­trag­ten der Gehei­men Staats­po­li­zei …“ 1938 bis 1943, in: „Nach der Kris­tall­nacht“. Jüdi­sches Leben und anti­jü­di­sche Poli­tik in Frank­furt am Main 1938 – 1945, hg. King­reen, Moni­ca, Frank­furt, New York 1999, S. 211–236.

[113] Opfer­mann, Her­mes­weg, S. 407 ff. Nach Anga­ben von Opfer­mann han­del­te es sich neben Hol­land um die Gesta­po-Beam­ten Baab, Gab­busch und Poche.

[114] Ebd. S. 411.

[115] Ebd. Char­lot­te Opfer­mann ergänz­te in ihrem Inter­view mit Bem­be­nek, dass er zudem auch in Gie­ßen, Trier, Koblenz und an wei­te­ren Orten Sprech­stun­den abge­hal­ten hat, sie­he Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 56.

[116] Ebd. S. 56 und Opfer­mann, Her­mes­weg, S. 408.

[117] HHStAW 518 759 (36). Zumin­dest von einem Gemäl­de der Gut­h­manns weiß man, dass es über den Wies­ba­de­ner Auk­tio­na­tor Jäger in den Han­del gekom­men war. Wie es in sei­ne Hän­de gelang­te, ist nicht mehr nach­voll­zieh­bar. Nach dem Krieg äußer­te er sich gene­rell zu sei­ner Tätig­keit bzw. Ver­ant­wor­tung fol­gen­der­ma­ßen: „Um even­tu­el­len Miss­ver­ständ­nis­se vor­zu­beu­gen“, wol­le er bemer­ken, „dass ich kei­nen Han­del mit Kunst­ge­gen­stän­den betrei­be. Ich wer­de als Auk­tio­na­tor aus­schließ­lich in frem­dem Auf­trag und für frem­de Rech­nung wie ein Kom­mis­sio­när tätig; die Gegen­stän­de, die ich anbie­te sind also nicht mein Eigen­tum.“ Die Auf­trag­ge­ber wür­den ihm kei­ne Anga­ben dar­über machen, „wo und wie sie die ange­bo­te­nen Sachen erwor­ben haben. Ich wei­se sie [das Gewer­be­steu­er­amt der Stadt Wies­ba­den – K.F.] aber dar­auf hin, dass jeder Auf­trag­ge­ber in dem von ihm unter­zeich­ne­ten Ver­stei­ge­rungs­auf­trag die Recht­mä­ßig­keit sei­ner Besitz- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis aus­drück­lich ver­si­chern muss und dass jeder Auf­trag zur Ver­stei­ge­rung vor­her der Poli­zei zur Ueber­prü­fung vor­ge­legt wer­den muss.“ Die­se Art der Rein­wa­schung bezieht sich zwar hier kon­kret auf sei­nen Han­del mit aus­län­di­schem Kunst­gut, der Auk­tio­na­tor wird aber beim Ver­kauf von Kunst­ge­gen­stän­den aus jüdi­schem Besitz ähn­lich argu­men­tiert haben. In der umfas­sen­den, ins­ge­samt 78 Sei­ten umfas­sen­den Auf­stel­lung von Kunst­gut aus jüdi­schem Besitz, die dem Schrei­ben bei­gefügt war, ist auf Sei­te 5 auch das Gemäl­de der Gut­h­manns auf­ge­führt, das Ende 1939 für 127,50 RM über Jäger an einen H. Schüt­ten aus Bad Kis­sin­gen ver­kauft wur­de. Sie­he https://​www​.fol​d3​.com/​i​m​a​g​e​/​2​3​2​0​4​0​461. (Zugriff: 11.7.2018 – Zugriff ist nur nach vor­he­ri­ger Regis­trie­rung möglich).

[118] Zu dem gesam­ten Raub­zug an der Fami­lie Gut­h­mann sie­he HHStAW 518 759 (122–128). Zu den Vor­gän­gen unmit­tel­bar vor der Depor­ta­ti­on in Frank­furt, sie­he Opfer­mann, Her­mes­weg, S. 412.

[119] “Alt­hough always cal­led ‘Lot­te’ by other pri­soners and my inma­te super­vi­sors, offi­ci­al­ly I sim­ply became“XII/5–11” for the next 23 months. It made a kind of per­ver­se sen­se. In this sea of women, most of them spea­king an incom­pre­hen­si­ble lan­guage with the occa­sio­nal Ger­man, Hebrew or Yid­dish word or phra­se pop­ping up now and then, num­bers see­med appro­pria­te. Con­ceiv­a­b­ly, the­re could have been ano­ther pri­soner with an iden­ti­cal or very simi­lar name, but the­re could only be one ‘XII/5- 11.’ How else could one safe­guard one’s iden­ti­ty? So, in the topsy­tur­vy world of KZ-Ghet­to The­re­si­en­stadt, exchan­ging one’s name for a num­ber was a stub­born way to remain a distinct per­son.” Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 41 f.

Bert­hold Gut­h­mann hat­te die Num­mer XII/​5, nr. 8, Clai­re die Num­mer XII/​5, nr. 9 und Paul die XII/​5, nr. 10.

[120] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt und The­re­si­en­stadt. Der Tanz mit den Toten, in: Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 62–132. Die knap­pe Zusam­men­fas­sung der Tex­te hier kann die Lek­tü­re die­ser bio­gra­phi­schen Erin­ne­run­gen in kei­ner Wei­se ersetzen.

[121] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 44 f.

[122] Euge­nie Löwen­stein hat­te weni­ge Mona­te vor ihrer Depor­ta­ti­on am 1.9.1942 in Wies­ba­den noch den Musi­ker Sel­mar Vic­tor gehei­ra­tet. Bei­de star­ben in The­re­si­en­stadt, er am 22.4., sie am 18.7.1944.

[123] Die Jugend­ka­ser­nen L 414 stan­den unter der Lei­tung von Leo Baeck, dem ehe­ma­li­gen Lei­ter der Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Deutschland.

[124] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 110. Nor­ma­ler­wei­se tra­fen sich Eltern und Kin­der nicht in der Jugend­ka­ser­ne, son­dern außer­halb, damit die­se nicht stö­rend in das rela­tiv sta­bi­le Eigen­le­ben der Jugend­wohn­grup­pen ein­grei­fen konn­ten, sie­he Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 81.

[125] Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 435–437. Char­lot­te Opfer­mann nennt in Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 98 als Daten der Trans­por­te den 27.9., 28.9. und 1.10.1944.

[126] Die Datums­an­ga­be von Char­lot­te Opfer­mann ist nicht rich­tig. Wahr­schein­lich bezieht sich „Ear­ly next Mor­ning“ auf die Datie­rung des Tes­ta­ments von Bert­hold Gut­h­mann, den 28.9.1944. Somit wäre der nächs­te Tag der 29.9. gewe­sen, der Tag, an dem nach den Unter­la­gen von The­re­si­en­stadt die Depor­ta­ti­on tat­säch­lich statt­ge­fun­den hat. Sie­he https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​1​3​4​9​9​-​b​e​r​t​h​o​l​d​-​g​u​t​h​m​a​nn/. (Zugriff: 11.7.2018).

[127] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 98–101.

[128] Sie­he Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 437.

[129] Opfer­mann, Sta­tio­nen S. 113.

[130] Sie­he auch die ‚Page of Tes­tim­o­ny’, die ein Phil­ip Jazzini aus den USA in Yad Vas­hem hin­ter­legt hat, http://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​s​_​l​a​s​t​N​a​m​e​=​G​u​t​h​m​a​n​n​&​s​_​f​i​r​s​t​N​a​m​e​=​B​e​r​t​h​o​l​d​&​s​_​p​l​a​c​e​=​W​i​e​s​b​a​d​e​n​&​s​_​d​a​t​e​O​f​B​i​r​t​h​=​&​s​_​i​n​T​r​a​n​s​p​ort=. (Zugriff: 11.7.2018).. Am 30.6.1958 wur­de er auf Antrag sei­ner Toch­ter offi­zi­ell für tot erklärt. Damals wur­de als Todes­tag der 8.5.1945 fest­ge­legt, sie­he HHStAW 469/​33 4469 (10).

[131] Opfer­mann, Remem­be­ring Theresienstadt,S. 101

[132] So die Anga­be in der Genea­lo­gi­schen Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wiesbaden.

[133].Ein­trag im Toten­buch des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Mauthausen.

[134] Mar­sa­lek, Hans, Die Geschich­te des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Maut­hau­sen, Wien 1980 (2. Aufl.), S. 177.

[135] Sie­he https://www.fold3.com/image/268306497?terms=Paul%20Guthmann. (Zugriff: 11.7.2018).

[136] Aus­kunft der Gedenk­stät­te Maut­hau­sen vom 26.7.2018. In Yad Vas­hem ist zu sei­ner Erin­ne­rung eine ‚Page of Tes­tim­o­ny’ hin­ter­legt: http://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​s​_​l​a​s​t​N​a​m​e​=​G​u​t​h​m​a​n​n​&​s​_​f​i​r​s​t​N​a​m​e​=​P​a​u​l​&​s​_​p​l​a​c​e​=​W​i​e​s​b​a​d​e​n​&​s​_​d​a​t​e​O​f​B​i​r​t​h​=​&​s​_​i​n​T​r​a​n​s​p​ort=. (Zugriff: 11.7.2018).

[137] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 129 f.

[138] Zu die­ser End­pha­se sie­he Benz, The­re­si­en­stadt, S. 198–206.

[139] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 123.

[140] Ebd. 128.

[141] Zu die­sen Ver­wand­ten in Salt Lake City, die bereits im 19. Jahr­hun­dert aus­ge­wan­dert waren, sie­he Juden vom Alt­rhein S. 90 f.

[142] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (103).

[143] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (104).

[144] Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 144.

[145] Ebd. S. 150.

[146] Ihr Ein­bür­ge­rungs­an­trag von 1947 ist abge­druckt in Juden vom Alt­rhein, S. 116. Sie­he zu ihrer ers­ten Zeit in den USA auch Juden vom Alt­rhein, S. 116 f.

[147] Die Anga­be, dass die Hei­rat in Luxem­burg statt­ge­fun­den hat, ist einem Zei­tungs­ar­ti­kel in der Gies­se­ner All­ge­mei­nen vom 15.2.2003 zu ent­neh­men, in dem über einen ihrer vie­len in Deutsch­land gehal­te­nen Vor­trä­ge berich­tet wird. Es soll an die­ser Stel­le knapp auf das tra­gi­sche Schick­sal der Fami­lie Opfer­mann hin­ge­wie­sen wer­den. Heinz Opfer­mann war einer von zwei Söh­nen, die aus der Misch­ehe von Wil­helm Opfer­mann und sei­ner jüdi­schen Frau Cor­ne­lia Gross stamm­ten. Die bei­den Söh­ne, neben Heinz noch Klaus, waren somit laut NS-Jar­gon Misch­lin­ge ers­ten Gra­des. Der Vater, Wil­helm Opfer­mann, war ver­wandt mit den Eigen­tü­mern der bekann­ten Sekt­kel­le­rei Hen­kell, die ihren Sitz in Wies­ba­den hat­te und bei der er die Stel­lung als Pro­ku­rist und Kel­ler­meis­ter inne hat­te. In die Fami­lie Hen­kells wie­der­um hat­te die NS-Grö­ße, der spä­te­re Außen­mi­nis­ter Rib­ben­trop ein­ge­hei­ra­tet. Er soll angeb­lich spä­ter zunächst sei­ne schüt­zen­de Hand über die Opfer­manns gehal­ten haben. Bewei­se dafür gibt es aller­dings nicht und genutzt hat­te es den Opfer­manns letzt­lich ohne­hin nichts. Wegen der wach­sen­den Bedro­hung ihrer Fami­lie hat­te die Mut­ter von Cor­ne­lia Opfer­mann, Rosa Gross, auf dem Ster­be­bett noch eine nota­ri­el­le Erklä­rung ver­fasst, nach der ihre Toch­ter aus eine außer­ehe­li­chen Bezie­hung mit einem Nicht­ju­den stam­me, die Toch­ter somit Halb- und die bei­den Söh­ne nur Vier­tel­ju­den sei­en. Zwar ist sie im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 noch aus­drück­lich als „Voll­jü­din“ ver­merkt, aber offen­sicht­lich wur­de die Erklä­rung ange­nom­men, denn die Söh­ne wur­den dar­auf­hin in die Wehr­macht ein­ge­zo­gen. Als dann aber gegen Ende der NS-Herr­schaft auch gegen­über den jüdi­schen Part­nern in Misch­ehen immer stär­ke­rer Druck aus­ge­übt wur­de, gerie­ten Opfer­manns in eine ver­zwei­fel­te Lage. Cor­ne­lia Opfer­mann war von der Gesta­po im Haupt­quar­tier in der Pau­li­nen­stra­ße zum Ver­hör abge­holt und anschlie­ßend in das Gefäng­nis in die Albrecht­stra­ße gebracht wor­den. Hier nahm sie sich am 14. Janu­ar 1945 das Leben. Sie hat­te sich mit Hil­fe ihrer Sei­den­strümp­fe in der Zel­le auf­ge­hängt. Ihr nicht­jü­di­scher Mann, der eben­falls abge­holt wer­den soll­te,  nahm sich dar­auf­hin Gift. Zwar wur­de er noch in die städ­ti­schen Kli­ni­ken ein­ge­lie­fert, aber nach fünf Tagen ver­starb auch er am 19.1.1945 unter schlimms­ten Qua­len. Sohn Klaus erlag nach dem Krieg im soge­nann­ten „Hun­ger­win­ter“ 1946/​47 am 29.1.1947 in Wies­ba­den einer Hirn­haut­ent­zün­dung. Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 254 /​ 1947. Sie­he zum Schick­sal der Fami­lie Opfer­mann den Arti­kel von Gün­ther Lei­cher im Wies­ba­de­ner Tag­blatt vom 9.11.2002.

[148] Der Koau­tor von Char­lot­te Opfer­mann, Robert A. War­ren, mut­maß­te sogar, dass jeder der ihr Buch gele­sen hat, mehr über sie und ihre Zeit in The­re­si­en­stadt weiß, als ihr Ehe­mann je gewusst hat, sie­he S. 148.

[149] Gie­ße­ner All­ge­mei­ne vom 15.2.2003.

[150] Frank­fur­ter Rund­schau vom 26.10.1993, S. VI.

[151] Bei einem Besuch in Gie­ßen im Febru­ar 2003 traf sie eine ihrer frü­he­ren Spiel­ka­me­ra­din­nen wie­der, die sie seit mehr als 60 Jah­ren nicht mehr gese­hen hat­te. Deren Eltern waren 1933 in das Haus der Groß­el­tern in der Bleich­stra­ße ein­ge­zo­gen. Als 1933 der Ter­ror gegen­über den Juden begann, hat­ten die Mie­ter den Groß­el­tern in ihrer Woh­nung wohl mehr­fach Schutz gebo­ten. Sie­he Gies­se­ner All­ge­mei­ne vom 20.2.2003.

[152] Tere­zin Dia­ry, unver­öf­fent­lich­tes Manu­skript. Fest­ge­hal­ten sind hier auch die ver­schie­de­nen Besu­che in den Schu­len Wies­ba­dens, alle Tref­fen mit den Bekann­ten und Schul­ka­me­ra­din­nen aus ihrer Kind­heit und Jugend, aber auch die offi­zi­el­len Tref­fen, die von der Stadt damals anbe­raumt wurden.

[153] Sie­he zu die­sem Besuch Runz­hei­mer, Abge­mel­det, Bd. 2 S. 113 ff.

[154] Wies­ba­de­ner Tag­blatt vom 4.5.2006.

[155] “Unli­ke her mother, who was dri­ven by an unre­len­ting demand for retri­bu­ti­on, right down to the last pfen­nig, Char­lot­te lacked the emo­tio­nal armor that such sin­gle-min­ded hat­red pro­vi­ded.” Opfer­mann, Remem­be­ring The­re­si­en­stadt, S. 147.

[156] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (115).

[157] Ein für die unmit­tel­ba­re Nach­kriegs­zeit typi­schen Behör­den­ver­hal­ten soll hier exem­pla­risch ange­führt wer­den. Clai­re Gut­h­mann, die mit nichts aus The­re­si­en­stadt zurück gekom­men war, hat­te man zur Anschaf­fung der drin­gends­ten Güter ein Dar­le­hen von 5.000 RM bzw. 500 DM gewährt. Bereits 1948 ver­lang­te man das Dar­le­hen von der noch immer mit­tel­lo­sen Frau zurück. HHStAW 518 6784 (13).

[158] Juden vom Alt­rhein, S. 116. Wie man auch in Wies­ba­den mit den aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Zurück­ge­kehr­ten umging, wie man sie, leben­de Mahn­ma­le der eige­nen Schuld und des eige­nen Ver­sa­gens, zuneh­mend aggres­siv aus­grenz­te und deren nicht nach­voll­zieh­ba­res Leid in den Lagern durch das eige­ne in den Bom­ben­näch­ten erfah­re­ne Leid zu rela­ti­vie­ren such­te, ist beschrie­ben in der umfas­sen­den lokal­ge­schicht­li­chen Stu­die von Kratz, Phil­ipp, Eine Stadt und die Schuld. Wies­ba­den und die NS-Ver­gan­gen­heit seit 1945, Göt­tin­gen 2019, S. 58–67.

[159] Ebd. (38).

[160] Ebd. (61).

[161] Juden vom Alt­rhein, S. 119.

[162] Wo Anna Nathan mit den Kin­dern wohn­te, ist nicht mehr genau zu rekon­stru­ie­ren, da die Unter­la­gen der Mel­de­be­hör­den im Krieg zer­stört wur­den. Die Anga­ben in der Ent­schä­di­gungs­ak­te sind wider­sprüch­lich. In ihrer Ent­schä­di­gungs­ak­te gab Anna Hirsch an, zuletzt bis zu ihrer Aus­rei­se 1936 in der Bahn­hofstr. 25, dem Haus der Eltern gewohnt zu haben, HHStAW 518 15855 (1). In ihrer eides­statt­li­chen Erklä­rung vom 12.1.1957 hin­ge­gen gab sie als Adres­se bis zur Aus­wan­de­rung die Les­sing­str. 3 an, die auch die ers­te Unter­kunft ihres Vaters Jakob Gut­h­mann in Wies­ba­den war, ebd. (7) und Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen. Char­lot­te Opfer­mann hat­te in einer Befra­gung nach dem Krieg eben­falls ange­ge­ben, dass ihre Tan­te zuletzt in der Les­sing­str. 3 gelebt habe. HHStAW 518 15855 (5). In den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern ist ihr Auf­ent­halt in Wies­ba­den nicht vermerkt.

[163] Juden vom Alt­rhein, S. 120. Sei­ne Eltern waren Nathan Hirsch (1859–1908) und Karo­li­ne, geb. Scheu­er (1864–1930).

[164] HHStAW 518 15855 (5, 10). In einem Schrei­ben des Rechts­an­walts Fuchs im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­de fälsch­li­cher­wei­se das Jahr 1939 als Jahr der Emi­gra­ti­on genannt, sie­he ebd. (6).

[165] HHStAW 518 4229 (24).

[166] Juden vom Alt­rhein, S. 122. Hier ist auch der wei­te­re Lebens­weg der bei­den Kin­der Mar­got und Hans aus­führ­lich dargestellt.

[167] HHStAW 518 4229 (31).

[168] Ebd. In einem Auf­ruf zur Aus­stel­lung „Lega­li­sier­ter Raub“ heißt es ohne Quel­len­an­ga­be, Edu­ard sei 1936 aus­ge­wan­dert, sie­he https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=2ahUKEwjdqO2EocPkAhXBKVAKHeVOD6cQFjAAegQIABAC&url=https%3A%2F%2Fwww.politische-bildung-rlp.de%2Ffileadmin%2Ffiles%2FGedenkarbeit%2FAusstellung_Leg_Raub_2014%2FPM_Aufruf_Jakob_Gutmann.doc&usg=AOvVaw1fCWhTF8-KFyweUlMN0pfo. Die­se Anga­be ist offen­sicht­lich falsch.

[169] Juden vom Alt­rhein, S. 118.

[170] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 216 Bl. 3240 Innen (118).

[171] Ebd. (o.P.)