Familie Grumbacher / Grünbaum

Auch da, wo die nichtjüdischen Hausbewohner durch ihr Bleiben verhinderten, dass aus einem Haus wie geplant ein Judenhaus werden konnte – so offensichtlich in der Adolfsallee 24 geschehen – blieben die jüdischen Mieter auch hier letztlich ungeschützt. Entsprechend teilte auch die Familie Grünbaum / Grumbacher zuletzt das Schicksal ihrer Wiesbadener Glaubensbrüder und –schwestern, mit denen sie am 10 Juni 1942 nach Lublin deportiert wurde.

Grumbachers waren schon vor 1938 in das Haus eingezogen, wobei unklar ist, weshalb die eigentlich aus dem süddeutschen Raum kommenden Eheleute sich in Wiesbaden niedergelassen hatten. Am 23. März 1905 waren sie hier getraut worden.[1] Heinrich, der am 24. April 1879 geborene Sohn von Samuel und Marie Grumbacher, geborene Weil, stammte aus Freiburg im Breisgau und Emilie kam aus dem unterfränkischen Poppenlauer, einem Ort, mit einer alten jüdische Tradition. Sie war dort am 17. Juli 1877 als Tochter von Emanuel Grünbaum und seiner Frau Theresie, geborene Friedmann, zur Welt gekommen. Laut Heiratsurkunde war er Milchhändler, Emilie von Beruf Köchin.

Als Heinrich Grumbacher am 28. August 1928 starb, blieb Emilie mit den drei, inzwischen aber schon erwachsenen Kindern allein zurück. Die am 16. Juni 1907 in Wiesbaden geborene Rosi hatte nach ihrer Heirat mit dem aus dem bayrischen Gmünden stammenden Heinrich Grünbaum zunächst in dessen Heimatort gewohnt, war aber Ende September 1938 mit ihm nach Wiesbaden zu der Mutter zurückgekommen und beide hatten mit ihr in die Adolfsallee im dritten Stock eine gemeinsame Wohnung gefunden.[2]

Über das Leben der in Wiesbaden gebliebenen Familienmitglieder ist relativ wenig bekannt. Aber an Emilie Grumbacher lässt sich exemplifizieren, aus welchen fadenscheinigen Anlässen die deutschen Volksgenossen ihre jüdischen Mitbürger in die Fänge der Gestapo trieben, wie Denunziation im nationalsozialistischen Alltag aussah und welchen Verdächtigungen und Drangsalen die Juden tagtäglich ausgesetzt waren.

Ein in der Zollfahndungsstelle Mainz erstelltes Protokoll gibt Auskunft über einen Vorgang, der Emilie Grumbacher kurz ins Gefängnis und beinahe sogar in ein KZ gebracht hätte.[3]

Am 21. Juni 1939 war in der Konditorei Kunder von einer unbekannten Frau eine Ananastorte gekauft worden. Beim Kauf „soll die Frau ausdrücklich eine nicht festverschließbare Verpackung verlangt und außerdem um 2 Aufklebeadressen mit dem Absender der Firma gebeten haben. Auch habe sich die Frau in auffälligerweise über die Art der Versendung von Päckchen ins Ausland erkundigt.
Dem aufmerksamen  Konditor schwante Verrat am deutschen Volke und er schickte der Frau einen Angestellten nach, um ihre Anschrift feststellen zu können. Zwar konnte dieser ausfindig machen, dass die Dame in der Adolfsallee 24 I verschwunden sei, aber die dortige Bewohnerin hatte für den entsprechenden Zeitpunkt des Einkaufs jedoch ein Alibi, sodass weitere Nachforschungen notwendig wurden.

„Weitere Ermittlungen ergaben, dass im Hinterhaus Adolfsallee 24 III die Jüdin Emilie Sara Grumbacher wohnt, auf die die Personenbeschreibung der Angestellten der Konditorei Kunder zutreffen könnte.“

Eine Gegenüberstellung mit Angestellten der Konditorei ergab aber, dass auch sie die Käuferin des Kuchens nicht gewesen war. Es konnten auch „keine Anhaltspunkte gefunden werden, dass die Jüdin Grumbacher Ananastorte in das Ausland verschickt hat. Nach dem Ausland steht sie lediglich mit ihrem nach USA ausgewanderten Sohn und einem Enkel, der sich in Schulausbildung in der Schweiz befindet, in Verbindung. Beziehungen zu Juden in England konnten der Jüdin nicht nachgewiesen werden,“ heißt es weiter in dem Protokoll.

„Die Jüdin Grumbacher musste trotzdem am 22.6.1939 von mir in vorläufige Sicherungshaft genommen werden, da sich die in ihrem Haushalt befindlichen Eheleute Grünbaum (die Ehefrau Rosa Grünbaum ist die Tochter der Grumbacher) zu einem Besuch nach Frankfurt begeben hatten und gegebenenfalls von diesen die fraglichen Päckchen in das Ausland versandt wurden.“

Neben der vorläufigen Inhaftierung wurde zugleich eine Wohnungsdurchsuchung angeordnet, vermutlich in der Hoffnung, irgendetwas Verwertbares für die Anschuldigungen finden zu können. Und tatsächlich wurde man auch fündig: In einem kleine Kästchen fand man 5 Schweizer Franken und 1,25 amerikanische Dollar, zudem Schmucksachen, nämlich eine goldene Herrenuhrkette mit einem Altgoldwert von 15,- RM und einem goldenen Trauring mit einem Altgoldwert von 8,- RM. Einen Wiesbadener Juwelier in der Wilhelmstraße hatte man zur Wertbestimmung der Objekte sofort hinzugezogen. „Unechte“ Gegenstände waren Frau Grumbacher wieder ausgehändigt worden, die Wertgegenstände wurden aber einbehalten.[4]

„Die Devisen wurden bei der Reichsbank in Mainz abgeliefert und der Gegenwert in Höhe von RM 5,68 RM, sowie die die goldene Herrenuhrkette bei der Zollkasse des Hauptzollamts in Mainz hinterlegt.
Die Jüdin Grumbacher hat sich durch die Nichtanbietung der Devisen, die sie schon eine Reihe von Jahren in ihrem Besitz hat, ein Vergehen gegen § 35 DeGes. Und § 1 und 2 Ziff. 1 DurchfVO. Zum DevGes. Vom 4.2.1935 schuldig gemacht und ist nach § 42 Abs. 1 Ziff. 6 DevGes. Vom 4.2.1935 straftbar.
Der Gegewert der Devisen wird als Wert, auf den sich die strafbare Handlung bezogen hat, in dem Strafverfahren nach § 45 DevGes. Vom 4.2. 1935 einzuziehen sein.
Wegen Nichtablieferung der goldenen Herrenuhrkette hat die Jüdin Grumbacher der Dritten Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 21.2.1939 zuwidergehandelt und ist nach § 8 der VO. Über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 26.4.1938 zu bestrafen.
Als Reisekosten sind RM 5,45 entstanden, die ich der Beschuldigten zur Last zu legen bitte.“
Am 23.6.1939 gemachte Feststellungen konnten jedoch auch hierfür keine Anhaltspunkte geben. Die Jüdin Grumbacher wurde daraufhin am gleichen Tage aus der vorläufigen Sicherungshaft entlassen.

Nicht allein die Denunziation, sondern auch das durch die Vielzahl an aufgeführten Paragraphen errichtete Bedrohungsszenarium machen deutlich, in welchem undurchschaubaren Minenfeld sich die Juden wegen kleinster „Unkorrektheiten“ täglich bewegten. Frau Grumbacher gab an, von den Devisen, die sicher noch von ihrem verstorbenen Mann stammten, nichts gewusst zu haben und die Uhrkette habe sie schon immer für unecht gehalten.

Zwar wurde Emilie Grumbacher nach zwei Tagen wieder aus der Haft entlassen, weil man sie in keinen Zusammenhang mit dem verdächtigen Kuchenkauf bringen konnte, dennoch entfaltete man in der Devisenstelle die entsprechenden Aktivitäten: Eine Akte mit Kennkarte wurde angelegt und auch, wie von der Zollfahndungsstelle gefordert, ein Ermittelungsverfahren wegen Devisenvergehens wurde eröffnete, das – welch ein Hohn – am 20. September 1939 durch einen „Gnadenerlass des Führers und Reichskanzlers für die Zivilbevölkerung vom 9. September 1939“ wieder eingestellt wurde.[5]

Unzählige Male werden die jüdischen Mitbürger Opfer solcher willkürlichen Verdächtigungen und demütigender Aktionen geworden sein, ohne dass diese noch in den überlieferten Akten gefunden werden können.

Im Februar 1940 wurde Emilie Grumbacher zur Einrichtung eines Sicherungskontos und zur Darlegung ihrer Vermögensverhältnisse aufgefordert. Ihr Vermögen von etwa 3.000 RM hatte sie auf diesem Konto zu deponieren, ein Freibetrag von 100 RM wurde ihr eingeräumt, da sie weder im laufenden, noch im kommenden Jahr über ein eigens Einkommen verfügte.[6]

Zur gleichen Zeit erhielten auch die Tochter bzw. der Schwiegersohn die gleiche Post von der Devisenstelle Frankfurt. Die beiden besaßen nur ein Vermögen von ca. 1.000 RM, ein Einkommen konnten auch sie nicht angeben. Ähnlich wie die Mutter bezifferten sie ihren monatlichen Bedarf auf etwa 160 RM. Trotz dieser mehr als bescheidenen Lebensverhältnisse wurden auch sie zur Anlage eines Sicherungskontos gezwungen, von dem sie den monatlichen Freibetrag von 160 RM abheben durften.[7]

Die Tatsache, dass das wenige noch vorhandene Geld nicht mehr lange reichen würde, mag einer der Gründe gewesen sein, die Heinrich und Rosi Grünbaum zu den Überlegungen veranlasst haben, Deutschland zu verlassen. Im April war ein entsprechender Antrag bei der zuständigen Devisenstelle in Frankfurt eingegangen, wo die üblichen bürokratischen Abläufe in Gang gesetzt wurden.[8]

In ihrem Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut war als Ausreiseziel New York angegeben. Vermutlich versuchte Rosis Bruder Ernst, der bereit seit 1938 dort lebte, ihnen den Weg nach Amerika zu ebnen. Als Mitausreisende war nur Rosi in dem Formular angegeben, nicht Emilie Grumbacher.

Wie es den Vorschriften entsprach, war der Inhalt der sechs Koffer aufgeführt, die mitgenommen werden sollten, genauestens aufgeführt, jeweils unterteilt in Reise- und Handgepäck. Eine besondere „Körperliste“ für das, was man am Leib zu tragen gedachte, war ebenfalls bereits ausgefüllt, obwohl ein konkreter Abreisetermin vermutlich noch nicht einmal feststand.[9]

Auf Basis der eingereichten Listen forderte die Devisenstelle eine Dego-Abgabe von 200 RM. Ob sie nicht mehr in der Lage waren diese Zusatzsteuer zu zahlen, ob die möglicherweise von dem seit 1938 in New York lebende Bruder Ernst Grumbacher eingereichten Affidavite nicht akzeptiert wurden oder welche anderen Gründe die Ausreise verhinderten, ist nicht klar. Allein die kurze Notiz der Devisenstelle vom 26. Juli 1941, dass weder die Dego-Abgabe, noch die verpflichtende Kontribution an die jüdische Gemeinde geleistet worden sei, belegt das Scheitern des wohl von Anbeginn an zum Scheitern verurteilten Unterfangens. Auch sei seit April wegen des Umzugsguts nichts mehr unternommen worden.[10]

Emilie Grumbacher, ihre Tochter Rosi und der Schwiegersohn Heinrich Grünbaum [11] wurden am 10. Juni 1942 nach Lublin verbracht und in Sobibor ermordet. Ihr Vermögen wurde im Juli zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen. In dem 1950 von Heinrich Grünbaums Bruder Sohn Willi Grünbaum gestellten Antrag auf Todeserklärung von Emilie Grumbacher, Rosi und Heinrich Grünbaum wurde das Todesdatum vom Amtsgericht Wiesbaden für alle drei auf den 8. Mai 1945 festgelegt.[12]

 

Das Schicksal der beiden anderen Kinder war durch ihre Verheiratungen auf besondere Weise mit der tragischen Geschichte der jüdischen Gemeinde Hechingens im Hohenzollernkreis verknüpft. Die älteste, am 16. Dezember 1905 geborene Tochter Martha heiratete am 19. Januar 1937 den Kaufmann Otto Hofheimer und verzog danach in dessen Heimatort Hechingen [13] und auch das letzte Kind, der Sohn Ernst, fand 1938 seine Frau in diesem schwäbischen Ort.

Der am 15. März 1909 geborene Ernst Grumbacher hat selbst nicht mehr in der Adolfsallee gewohnt. Laut Gestapo-Karteikarte war er am 31. August 1927 vermutlich aus beruflichen Gründen nach Frankfurt verzogen. Hier arbeite er zumindest eine gewisse Zeit im Kaufhaus Hansa als Verkäufer für Teppiche und Gardinen, bis er dann als Jude seine Stellung verlor.[14] Ob er seine zukünftige Frau Else Weil in Frankfurt kennengelernt hatte, ist nicht bekannt. Am 15 März 1938 heirateten die beiden in Hechingen, dem Geburtsort von Else, und lebten dort bei den Schwiegereltern Isidor und Karoline Weil, geborene Guggenheimer, in der Bahnhofstr. 11.[15]

Es handelt sich um einen historischen Glücksfall, dass bei dieser Hochzeit damals Filmaufnahmen gemacht wurden, die jüngst auf der Plattform „Youtube“ eingestellt wurden.[16] Sie zeigen eine glückliche Familie, natürlich Braut und Bräutigam, lachende Kinder und Frauen, Zigarren rauchende Männer, gratulierende Nachbarn. Man kann das schöne und große Haus in der Bahnhofstraße sehen und auch den sicher teuren Mercedes, der vor der Tür geparkt war. Der Film zeigt eine Welt, die sich so gar nicht in das Bild fügen will, das man sich von einem Deutschland macht, in dem Hitler bereits seit 5 Jahren die Macht innehatte.

Hechingen hatte eine große jüdische Gemeinde mit einer langen Tradition [17] und trotz der auch hier unmittelbar nach der Übernahme der Macht durch die Nazis organisierten Boykottaktionen, konnten nach Angabe von jüdischen Zeitzeugen „im Gegensatz zu anderen Ortschaften die Juden in Hechingen mit ihrer Lage zufrieden sein.“ [18]

Davon konnte aber spätestens nach dem 9. November 1938 keine Rede mehr sein. Auch hier wüteten die örtlichen SA-Horden zusammen mit den aus Reutlingen herbeigerufenen und zerstörten das Innere der dortigen Synagoge. Vom Niederbrennen sah man nur wegen der angrenzenden Gebäude ab. Noch in der Nacht forderte die Gestapo den Landrat auf „sofort 15 tunlichst reiche Juden verhaften zu lassen“.[19] Ernst Grumbacher war einer von Ihnen. Im späteren Entschädigungsverfahren hatte er ohne zeitliche Präzisierung und ohne den konkreten Anlass zu nennen, angegeben in Dachau gewesen zu sein. Diese Angabe wird durch die Meldungen, die der damalige Landrat des Hohenzoller-Alp-Kreises seinerzeit an den Regierungspräsident in Sigmaringen kabelte wie auch durch die Aussage des ehemaligen Kultusbeamten der dortigen jüdischen Gemeinde bestätigt: „Gegen ½ 7 Uhr a[m] M[orgen] wurden fast alle jüdischen Männer verhaftet und ins Gefängnis im Landgericht Hechingen überführt,“ darunter auch Ernst Grumbacher. Während zwei von ihnen „bald wieder entlassen wurden, weil sie über 60 Jahre alt waren, kamen die anderen einige Tage später ins Konzentrationslager: DACHAU.“[20]

Im Entschädigungsverfahren nach dem Krieg beglaubigte der Hechinger Bürgermeister, dass Ernst Grumbacher bis zum 16. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert war. Nach seiner Entlassung war er mit seiner Frau nach eigenen Angaben noch im gleichen Monat aus Deutschland emigriert. Ob die Ausreise nach dieser KZ-Erfahrung eine „eigene“ Entscheidung oder – wie in vielen anderen Fällen – zur Bedingung für die Freilassung gemacht worden war, ist nicht mehr zu klären. Unter Zurücklassung nahezu aller Vermögenswerte verließen sie mit der „SS Washington“ am 24. Dezember 1938 von Hamburg aus ihre Heimat mit dem Ziel USA.[21] Am 28. Dezember kamen sie auf Ellis-Island an. Als Kontaktperson hatten sie den bereits zuvor im März 1938 in die USA ausgewanderten Max Buchdahl angegeben.[22]

Über ihr Leben im amerikanischen Exil ist wenig bekannt. Als Ernst Grumbacher 1955 den Antrag auf Entschädigung stellte, war er in New York als Kellner tätig. Else Weil ist wahrscheinlich im Sommer 1995 in New York verstorben. Wann ihr Mann verstarb, ist nicht bekannt.[23]

 

Noch tragischer verlief das Schicksal seiner älteren Schwester Martha, die schon seit ihrer Heirat 1933 mit Otto Hofheimer in Hechingen lebte. Für beide war es die zweite Ehe. Martha wird von Werner als „geschiedene Heymann“ bezeichnet[24] und Otto Hofheimer war zuvor mit Lily Marx verheiratet, die aber bereits vor 1935 in Stuttgart verstarb.[25] Aus dieser Ehe waren die zwei Kinder Heinz / Henry, geboren am 9.Juni 1926, und Edith, geboren 3.April 1932, hervorgegangen, für die nun Martha die Mutterrolle übernehmen musste. Daneben war sie als Buchhalterin im Geschäft ihres Mannes tätig.

Die Familie Hofheimer betrieb schon in der zweiten Generation in Hechingen ein Einzelhandelsgeschäft für Textilien, Damenkonfektion, Kurz- und Weißwaren. Der Geschäftsgründer Heinrich Hofheimer war bereits 1923 verstorben, aber seine Witwe Melanie Hofheimer, die eine Tochter des Hechinger Manufakturwarenfabrikanten Louis Levi und seiner Frau Ida war, musste diese Zeit noch erleben, konnte jedoch 1939 noch nach England entkommen.[26]

Hofheimers und besonders Otto Hofheimer, der nach dem Tod des Vaters zusammen mit der Mutter das Geschäft in der Synagogenstraße weiterführte, waren bis 1933 nicht nur als Geschäftsleute anerkannt, sondern auch in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert. Aber die Hetze gegen jüdische Geschäfte traf auch sie. Ihr Kaufhaus war das einzige, das während der Ereignisse in der Reichspogromnacht überfallen und demoliert wurde. Und Otto Hofheimer gehörte wie sein Schwager Ernst zu denjenigen die im Anschluss daran verhaftet und nach Dachau verbracht wurden. Vermutlich, weil er sich für das Geschäft verantwortlich fühlte, wagte er nicht, den gleichen Schritt zu tun, wie sein Schwager und seine Mutter. Retten konnte er aber das Geschäft dadurch nicht. 1938 wurde er zur Aufgabe und zum Verkauf des Unternehmens gezwungen. Im folgenden Jahr veräußerte er auch das Geschäfts- und das Wohnhaus, um vom Erlös das Leben der Familie bestreiten zu können.

Während die erst sechsjährige Edith bei dem Vater und der Stiefmutter blieb, gelang es im Jahr 1938 wenigstens den zu dieser Zeit schon zwölfjährigen Sohn Heinz in der Schweiz in Sicherheit zu bringen.[27] Seine weitere Flucht nach Frankreich wurde durch den deutschen Einmarsch gestoppt, sodass er zunächst wieder zurück in die Schweiz musste, wo er diesmal von den dortigen Behörden interniert wurde. Erst nach dem Krieg konnte er in die USA ausreisen und sich in New York niederlassen, wo er den Namen Henry Hofheimer annahm.[28]

Die Gestapo in Wiesbaden hatte für Otto Hofheimer eine eigene Karteikarte angelegt und darauf die Hinweise „bei Grumbacher“ und „Familie in Hechingen“ eingetragen. Als Hechinger Adresse wurden bei Anlage der Karte im November 1939 die Hohenbergerstr. 3, im folgenden Jahr dann die Goldschmiedstr. 18, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Synagoge gelegen war, notiert. Ob es sich dabei um eines der auch in Hechingen eingerichteten Judenhäuser handelte, ist nicht bekannt.

Bei den weiteren Eintragungen auf der Karte wechselt immer die Adresse des Judenhauses in der Adolfsallee 24 mit der der Familie in Hechingen. Einmal, am 7. Dezember 1939 ist das Wort „Vater“ vorangestellt, ansonsten immer „Kind“. Man kann auf Grund der Eintragungen  vermuten, dass die Enkelin Edith vom Dezember 1939 bis zum Juli 1940 und dann nach einem etwa vierwöchigen Aufenthalt in Hechingen, erneut bis zum 30 Oktober 1940 bei der Wiesbadener Großmutter untergebracht war. Werner vermutet, dass man versuchte, sie von Wiesbaden aus mit einem Kindertransport in das sichere Ausland zu schicken.

Ein Jahr später, am 21. November 1941, gab der Landrat die Gestapo-Anweisung zur „Evakuierung“ der jüdischen Bürger von Haigerloch und Hechingen an die dortigen Bürgermeister weiter.[29] Drei Tage später musste das Gepäck im Gemeindehaus abgegeben werden und wiederum drei Tage danach wurden die elf für die Deportation bestimmten Juden unter Bewachung durch die Stadt zum Bahnhof geführt. Eine Zeitzeugin erinnerte sich an den stillen Zug der kleinen Gruppe durch die Straßen von Hechingen, heimlich, vereinzelt auch mitleidig beäugt von ihren bisherigen Mitbürgern, versteckt hinter verschlossenen Läden:

„Als wir Christen hörten, daß Juden abgeführt wurden, verschlossen wir alle die Fensterläden, damit die Armen niemanden sehen sollten. Durch die Ladenlatten sahen wir ungefähr 20 Menschen,  meist Frauen, die die Straße hinuntergeführt wurden. Ich werde es nie vergessen, wie der junge Hochheimer [vermutlich Otto Hofheimer – M. Werner], als sie an unserem Haus vorbeikamen, (vorne u. hinter dem Zug ein Soldat in Rüstung), mit der einen Hand die Tränen abwischte, mit der anderen Hand sein Töchterchen führte, das eine Puppe im Arm trug. … – Man hätte aufschreien können vor weh, beim Anblick dieser armen weinenden Menschen.“[30]

Von Hechingen fuhr der Zug über Haigerloch, wo weitere Juden warteten, nach Stuttgart, wo sie anschließend in ein Sammellager auf dem Killesberg gebracht wurden. Über das weitere Schicksal der Hechinger Juden, unter ihnen die die Tochter, der Schwiegersohn und die Enkelin von Emilie Grumbacher, gibt Walter einen detaillierten Bericht:

„Am 1. Dezember 1941 verließ der Deportationszug Stuttgart in Richtung Riga, Am 4. Dezember kamen die deportierten Juden auf dem Bahnhof Skirotawa in Riga an. Dort wurden sie von SS-Leuten in Empfang genommen, eines Teils ihres Gepäcks beraubt und auch geschlagen. Die meisten der Zwangsverschleppten kamen in das 2-3 km entfernte Lager Jungfernhof und wurden auf die schadhaften Scheunen und Ställe verteilt. Die Männer unter den Neuankömmlingen erhielten ihre Unterkunft in einer großen Wellblechscheune, zu der Regen, Wind und Schnee wegen des fehlenden Daches und der schadhaften Tore fast ungehinderten Zugang hatten. Überlebende berichteten, daß in dieser »Todesbaracke« mitunter eine Kälte von minus 30-40° Celsius geherrscht habe. Viele der Insassen erfroren in dem besonders strengen Winter 1941/42 während der Nächte. Ein besonderes Arbeitskommando mußte täglich die steifgefrorenen Toten aus den Schlafkojen herausziehen und abseits der Scheunen aufstapeln. Die SS-Wachmannschaften leisteten sich zahlreiche Übergriffe. Wegen der geringsten Vergehen wurden Gefangene erschossen. Kranke erlitten das gleiche Schicksal. Die wenigen Überlebenden erinnern sich mit Grauen an die Massenerschießung am 26. März 1942. Die Kinder unter 14 Jahren, alle über Fünfzigjährigen, die Arbeitsunfähigen und Kranken wurden – ob sie gehfähig waren oder nicht – zu den bereitstehenden Autobussen getrieben oder geschleppt und in »Bikemieki« (Birkenwäldchen), den im Hochwald bei Riga gelegenen Hinrichtungsstätten des Rigaer Gettos, erschossen (»Aktion Dünamünder Konservenfabrik«).“[31]

Nach einem Bericht von Augenzeugen waren auch Otto, Marta und Edith Hofheimer unter denjenigen, die bei einer dieser Erschießungskommandos am 26.März 1942 umgebracht wurden.

Henry Hofheimer, der nach seiner Unterbringung in der Schweiz seine Familie nie mehr wiedersehen durfte, hat 1978 für seinen Vater, seine Stiefmutter und seine Schwester in Yad Vashem jeweils eine ‚Page of Testimony’ hinterlegt.[32]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 13105 (29) Dieses Hochzeitsdatum ist in der Gedenkstättenrundschau 7 vom November 2011 S. 19 angegeben. Der Artikel widmet sich ausführlich  der Deportationen aus Württemberg und Hohenzollern.

[2] HHStAW 519/3 (2).

[3] Der in Folgenden wiedergegebene Vorgang ist der Devisenakte von Emilie Grumbach HHStAW 519/3 21333 zu entnehmen, die ansonsten keine weiteren Akten enthält.

[4] Wie aus der Gravur zu entnehmen war, handelte es sich bei dem Ehering um den Ring des Schwiegersohns Otto Hofheimer aus dessen erster Ehe. Er wurde ebenfalls wieder ausgehändigt.

[5] HHStAW 519/3 21333 (3).

[6] HHStAW 519/3 2006 (1, 2).

[7] HHStAW 519/3 2008 (2, 3).

[8] HHStAW 519/3 26341 (1).

[9] HHStAW 519/3 26341 (2, 7).

[10] HHStAW 519/3 26341 24, 25) Zur Dego-Abgabe sie oben das Kapitel  „Auswanderung, Deportation und die Rolle der Finanzverwaltung“. Zum Schicksal des Bruder Ernst und seiner Familie siehe unten. Dass er über hinreichend Vermögen verfügte, um die vom US-Staat geforderte Sicherung leisten zu können, muss bezweifelt werden. Heinrich Grünbaum gab an, selbst nur noch über 378 RM zu verfügen, ebd. (2).

[11] Vor dem Haus in Gmünden, in dem Heinrich Grünbaum zuletzt wohnte, wurde zu seinem Gedenken im September 2009 ein Stolperstein verlegt, siehe http://www.mainpost.de/regional/main-spessart/Sechs-Stolpersteine-in-Gemuenden-verlegt;art768,5307546.

[12] HHStAW 469/33 2752 (9, 23, 24).

[13]Zur Verfolgung der Juden in Hechingen siehe http://www.gedenkstaettenverbund-gna.org/images/downloads/gedenkstaettenrundschau/GR_7_201111.pdf. (Zugriff: 7.6.2018).

Das auf der Gestapo-Karteikarte von Emilie Grumbacher eingetragene Hochzeitsdatum, 29. Dezember 1933, wird sich somit auf die erste Ehe von Martha mit einem Herrn Heymann beziehen.

[14] HHStAW 518 13105 (4) Er gab als Jahresverdienst etwa 6.000 RM. Darüber, wann genau er entlassen wurde, macht er im Entschädigungsverfahren keine Angaben.

[15] HHStAW 518 13105 (4). Für das Geburtsdatum von Else Weil sind im Hechinger Memorbuch 1800-2000, Hg. Verein Alte Synagoge e.K., Hechingen, Hechingen 2000 unter ihrem Eintrag zwei mögliche Geburtsdaten genannt: Zum einen der 22.6.1911 oder aber der 22.6. 1912. Vor ihrer Heirat war sie länger im Westfälischen Raum, ein Jahr in Dortmund, danach ein Monat in Wesel.

[16] https://www.youtube.com/watch?v=yae_CslvAq8&list=FLPgzv565R3t6DTwuw5LuEvw. (Zugriff: 7.6.2018).

[17] Siehe dazu http://www.alemannia-judaica.de/hechingen_synagoge.htm. (Zugriff: 7.6.2018). Eine umfassende Darstellung der Geschichte der dortigen jüdischen Gemeinde hat Manuel Werner in zwei Aufsätzen in der Zeitschrift für Hohenzollern geliefert, Werner, Manuel, Die Juden in Hechingen als religiöse Gemeinde (Teil 2), in: Zeitschrift für Hohenzollersche Geschichte Bd. 20 1984 S. 103 – 213 (Tei 1) und Bd. 21 1985, S. 49 – 169 (Teil 2). Der Abschnitt über die nationalsozialistische Zeit der Verfolgung, auf die im Folgenden auch dann Bezug genommen wird, wenn aus Gründen der Lesbarkeit nicht immer der exakte Quellenverweis angegeben wird, ist im zweiten Teil S. 148 – 169 enthalten.

[18] So Carl Hamburger, zit. nach Werner, M., Juden in Hechingen, S. 160.

[19] Zu den Ereignissen in der Reichspogromnacht in Hechingen siehe Werner, Otto „Damit hörte die Synagoge auf, ein Gotteshaus zu sein“ – Das Novemberpogrom 1938 in Hechingen und seine Täter. In: Gedenkstätten-Rundschau 5, 2010 S. 11-16.

[20] Ebd. S. 158.

[21] HHStAW 518 13105 (4, 14), siehe auch die Einträge zu Ernst und Emilie Grumbacher im Hechinger Memorbuch.

[22] Tessy Buchdahl, geb. Weil, die Frau von Max Buchdahl, war eine Schwester von Else Weil. Siehe Werner, Novemberpogrom 1938, S. 16, Anm. 21.
Siehe die Passagierliste der SS Washington unter http://www.libertyellisfoundation.org/passenger-details/czoxMzoiOTAxMTk4OTQ4NTQ1OSI7/czo5OiJwYXNzZW5nZXIiOw==#passengerListAnchor.  (Zugriff: 7.6.2018 – nur nach Registrierung möglich).

[23] Ebd.

[24] Werner, Juden in Hechingen, S. 163.

[25] Werner, Otto, Deportation und Vernichtung hohenzollerischer Juden. Schriftenreihe des Vereins Alte Synagoge Hechingen e.V., Bd. 4, o.O. 2011, S. 51.

[26] 1948 kehrte sie nach Deutschland zurück und verstarb 1950 im Alter von 80 Jahren in einem jüdischen Altersheim in Würzburg. Siehe Werner, M., Juden in Hechingen, S. 165.

[27] Werner, O. gibt an, dass er am 29.12.1938 nach Genf entkam, Werner, Deportation und Vernichtung, S. 51.

[28] Werner, M., Juden in Hechingen, S. 165, Aus einem Aktenvermerk der Zollfahndungsstelle Mainz vom 26.6.39 ergibt sich zudem, dass seine Großmutter Emilie Grumbacher Kontakt zu dem Enkel in der Schweiz  hatte, der sich dort zur Schulausbildung in einem Internat befand. HHStAW 519/3 21333 darin inliegende Mappe (1).

[29] Sie dazu auch die Darstellung von Werner, O., Deportation und Vernichtung, a.a.O. S. 77-80.

[30] Brief der ehemaligen Lehrerin Maria Beck vom 16.12.1981an Karl Hirt, zit. nach Werner, M., Juden in Hechingen, a.a.O. S. 161.

[31] M. Werner, Juden in Hechingen, a.a.O. S. 161.

[32] Für Otto Hofheimer: https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/21021902_209_1040/91.jpg. (Zugriff: 7.6.2018).
Für Marta Hofheimer https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/21021902_209_1040/93.jpg. (Zugriff: 7.6.2018).
Für Edith Hofheimer: https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/21021902_209_1040/90.jpg. (Zugriff: 7.6.2018).
Die dort eingebundenen Fotografien sind großformatig auch auf den jeweiligen Seiten der Genealogischen Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden zu sehen.

Beeindruckend ist der Bericht über die schwierige Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und über die Vertreibung der Juden aus Hechingen, die im Zusammenhang mit der Wiedererrichtung der alten Synagoge entstanden ist. Siehe Vees, Adolf, Juden und Nichtjuden – der schwierige Weg zur Gedenkstätte Alte Synagoge Hechingen, in: Gedenkstättenrundschau 3, 2009 S. 1-6.