Herrngartenstr. 11


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Juden­haus heu­te
Eige­ne Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Herrn­gar­ten­str. 11

 

 

 

 

 


Regina Beck, geborene Sichel, und ihre Geschwister

Das Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11 war in der frü­he­ren Süd­stadt Wies­ba­dens gele­gen, einem Are­al, das heu­te im Nor­den von der Rhein­stra­ße, im Süden vom Kurt-Stre­se­mann-Ring, im Osten von der Bahn­hof­stra­ße und im Wes­ten von der Adolfs­al­lee begrenzt wird. Obgleich der ehe­ma­li­ge Herrn­gar­ten ursprüng­lich wei­ter im Nor­den, unmit­tel­bar an der Fried­rich­stra­ße gele­gen war, erhielt die Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den letzt­ge­nann­ten Stra­ßen­zü­gen den Namen Herrn­gar­ten­stra­ße. In der Zeit zwi­schen 1866 und 1880 hat­te sich die Wies­ba­de­ner Bevöl­ke­rung auf etwa 52.000 Bewoh­ner ver­dop­pelt. Der dar­aus resul­tie­ren­de Bedarf an Woh­nun­gen hat­te beson­ders in den Sieb­zi­ger­jah­ren des 19. Jahr­hun­derts einen regel­rech­ten Bau­boom aus­ge­löst und zur Aus­deh­nung der Stadt in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen geführt. Wie in den Par­al­lel­stra­ßen, Albrecht‑, Schlich­ter- und Goe­the­stra­ße, hat­te man sich auch in der Herrn­gar­ten­stra­ße für eine geschlos­se­ne Bau­wei­se ent­schie­den, bei der zumeist ein­fach gestal­te­te Gebäu­de mit klei­nem Hof und Hin­ter­haus ohne Vor­gär­ten anein­an­der­ge­reiht wur­den. Das Haus mit der Num­mer 11 war 1870, das Hin­ter­haus 1887 errich­tet wor­den.[1] Im All­ge­mei­nen han­del­te es sich um Ein­hei­ten mit zwei oder drei Stock­wer­ken über dem Erd­ge­schoss und meh­re­ren Man­sar­den­räu­men unter dem Dach. Das Haus mit der Num­mer 11 war nur zwei­ge­schos­sig und wirkt noch heu­te zwi­schen den bei­den höhe­ren Nach­bar­ge­bäu­den gera­de­zu ein wenig ein­ge­klemmt. Die­ses eigent­lich eher unschein­ba­re Haus soll­te in der Zeit der NS-Herr­schaft zum bedeu­tends­ten Juden­haus Wies­ba­dens wer­den. Ins­ge­samt etwa 50 jüdi­sche Bewoh­ner, mehr als in jedem ande­ren der offi­zi­el­len Juden­häu­ser, hat­ten hier wäh­rend der Zeit der ärgs­ten Bedro­hung zeit­wei­se eine Unter­kunft gefun­den oder waren zwangs­wei­se dort ein­quar­tiert wor­den. Am 31. Janu­ar 1920 war das 1919 erwor­be­ne Haus­grund­stück im Grund­buch der Stadt Wies­ba­den auf das Ehe­paar Juli­us und Regi­na Beck je zur Hälf­te ein­ge­tra­gen wor­den.[2]

 

Judenhaus Herrngasse 11 Wiesbaden, Regina Beck Sichel, Julius Beck,

519-2 2099 I 9 519-2 2099 I 9Judenhaus Herrngasse 11 Wiesbaden, Regina Beck Sichel, Julius Beck,

 

Grund­ris­se des Juden­hau­ses (HHStAW 519/​2 2099 I)


Der fami­liä­re Hin­ter­grund von Juli­us Beck liegt weit­ge­hend im Dun­keln, wenn­gleich sicher ist, dass er dem ost­eu­ro­päi­schen Juden­tum ent­stamm­te. Er war am 26. April 1857 im dama­li­gen preu­ßi­schen Brom­berg, dem heu­te pol­ni­schen Bydg­oszcz, gebo­ren wor­den. Sei­ne Eltern waren der Kauf­mann Lewin und Augus­ta Beck, gebo­re­ne Fordans­ka /​ Fordan­ski. Lewin Beck war im stark jüdisch gepräg­ten Städt­chen Muro­wa­na-Gor­lin /​ Goslin, etwa 30 km nörd­lich von Posen gele­gen, zur Welt gekom­men. Die dor­ti­ge Bevöl­ke­rung bestand um 1800 zu etwa einem Vier­tel aus Juden. Spä­ter leb­te er mit sei­ner Frau in Ber­lin, wo er am 17. Janu­ar 1899 ver­starb. Juli­us Beck selbst hat­te dem Stan­des­amt in Char­lot­ten­burg den Tod des Vaters gemel­det, konn­te aber zu des­sen Vor­fah­ren kei­ne nähe­ren Anga­ben machen. Sie sei­en in Russ­land ums Leben gekom­men, ist im Ster­be­ein­trag fest­ge­hal­ten.[3] Ob Juli­us Beck wei­te­re Geschwis­ter hat­te, ist nicht bekannt.

Regina Beck - Sichel, Bertrand Sichel, Rosa Sichel, Bertha Sichel, Julie Sichel, Henriette Sichel, Thekla Sichel, Joseph Sichel, Johanna Sichel, Mainz Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Stamm­baum der Fami­lie Sichel aus Mainz
Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Juden Wiesbadens

Beim Tod sei­nes Vaters leb­te Juli­us Beck, von Beruf Han­dels­rei­sen­der, in Mainz, wo er am 4. März 1893 Regi­na Sichel gehei­ra­tet hat­te.[4] Über deren fami­liä­ren Hin­ter­grund lie­gen dage­gen sehr viel mehr Infor­ma­tio­nen vor, da ihre Vor­fah­ren seit lan­ger Zeit im rhein­hes­si­schen Raum ansäs­sig waren. Regi­na war das sieb­te von ins­ge­samt drei­zehn Kin­dern – sechs Söh­ne und sie­ben Töch­ter – des Main­zer Schrei­ner­meis­ters Aron Moses /​ Moi­se Sichel und sei­ner Frau Fan­ny, gebo­re­ne Bis­sin­ger.[5] Wäh­rend der Ehe­mann am 21. Sep­tem­ber 1826 in der Dom­stadt am Rhein gebo­ren wor­den war, stamm­te sei­ne etwa zehn Jah­re jün­ge­re Frau aus dem schwä­bi­schen Ichen­hau­sen, wo sie am 9. August 1837 zur Welt gekom­men war. Am 23. Novem­ber 1859 war in Mainz die Ehe geschlos­sen wor­den.[6]

Regina Beck, Regina Sichel, Rhekla Sichel, Wilhelm Heinrich Hölzer, Oberamtsrichter von Rhein,Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Syn­ago­gen­gas­se im ehe­ma­li­gen Juden­vier­tel von Mainz
Mit Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Mainz

Ihr Haus lag in der Mar­ga­re­t­hen­gas­se, der frü­he­ren Juden­gas­se, und damit im tra­di­tio­nel­len Main­zer Juden­vier­tel, dem alten Ghet­to. In die­ser Stra­ße war 1684 auch die ers­te Syn­ago­ge inner­halb der Ghet­tom­au­ern mit Gemein­schafts­räu­men, Woh­nun­gen und einer Mik­we errich­tet wor­den. 1846 war sie wegen bau­li­cher Män­gel abge­ris­sen und durch die ‚Neue Syn­ago­ge’ ersetzt wor­den, der ers­ten in Deutsch­land, die, wie spä­ter auch die Wies­ba­de­ner Syn­ago­ge am Michels­berg, eine Orgel besaß. Obwohl die Ghet­tom­au­ern längst abge­ris­sen waren, herrsch­ten in die­sem Vier­tel auch im 19. Jahr­hun­dert noch sehr beeng­te und eher dürf­ti­ge hygie­ni­sche Wohn­ver­hält­nis­se. Wie beengt wird es im Haus der Sichels mit all den vie­len Kin­dern zuge­gan­gen sein, zumal auch die Schrei­ne­rei bzw. Kis­ten­fa­brik ver­mut­lich eben­falls dort ange­sie­delt war? Daher ist es nicht ver­wun­der­lich, dass eini­ge der Kin­der schon früh das Eltern­haus und ihre Hei­mat­stadt verließen.

Obwohl die Fami­lie ihren All­tag in die­sem durch und durch jüdi­schen Milieu zubrach­te, scheint es irgend­wann um das Jahr 1880 einen Bruch mit der Gemein­de oder auch nur Tei­len davon gege­ben zu haben. Inner­halb der Main­zer Gemein­de war es bereits in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts zur Spal­tung zwi­schen libe­ral und ortho­dox aus­ge­rich­te­ten Strö­mun­gen gekom­men. Letz­te­re hat­ten nicht nur ihre eige­ne Syn­ago­ge, son­dern auch eine eige­ne Schu­le, die „Unter­richts­an­stalt der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­sell­schaft zu Mainz“, auch „Bon­di-Schu­le“ genannt, die sich eben­falls im Syn­ago­gen­ge­bäu­de befand. Der Besuch die­ser Schu­le war für die Kin­der der ortho­do­xen jüdi­schen Fami­li­en zumin­dest bis zum Wech­sel auf eine höhe­re Bil­dungs­an­stalt eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Auch die ers­ten acht Kin­der der Sichels besuch­ten alle die­se Schu­le, aber nach der 1873 gebo­re­nen Julie ist kei­nes der fol­gen­den Kin­der mehr in den Schü­ler­lis­ten auf­ge­führt.[7] Es scheint als habe sich die Fami­lie um 1880 zumin­dest vom ortho­do­xen Juden­tum los­ge­sagt. Auf­fäl­lig ist aber zudem, dass meh­re­re der Kin­der spä­ter nicht­jü­di­sche Part­ner aus unter­schied­li­chen christ­li­chen Kon­fes­sio­nen hei­ra­te­ten — Katho­li­ken, Pro­tes­tan­ten und auch Anglikaner.

 

Die Eltern der Kin­der­schar erleb­ten die Nazi-Zeit selbst nicht mehr. Sie ver­star­ben bei­de noch vor der Jahr­hun­dert­wen­de in Mainz, zunächst Fan­ny Sichel am 3. Dezem­ber 1890, fünf Jah­re spä­ter ihr Mann Aron Moses Sichel am 19. Mai 1895.[8] Von den Kin­dern ver­star­ben auch zwei bevor die Nazis zur Macht kamen oder bevor die Depor­ta­tio­nen began­nen, ande­re waren schon früh aus­ge­wan­dert oder ihnen war mit Beginn der Ver­fol­gung noch die recht­zei­ti­ge Flucht gelun­gen. Wie­der­um ande­re fie­len dem Holo­caust zum Opfer, auf jeweils unter­schied­li­che Wei­se. Und es gab unter den Töch­tern sogar eine, die die Depor­ta­ti­on und den KZ-Auf­ent­halt über­leb­te. Auch wenn im gege­be­nen Rah­men das Schick­sal aller Kin­der von Aron Moses und Fan­ny Sichel nicht umfas­send recher­chiert und dar­ge­stellt wer­den kann, so sol­len aber zumin­dest die ver­schie­de­nen Lebens­we­ge skiz­zen­haft nach­ge­zeich­net wer­den,[9] steht doch das Schick­sal die­ser Fami­lie gera­de­zu exem­pla­risch für das des gan­zen jüdi­schen Vol­kes, für das erfah­re­ne Unheil in all sei­nen Facet­ten, aber auch für die Kunst des Überlebens.

 

Fast genau ein Jahr nach der Ehe­schlie­ßung war am 20. Novem­ber 1860 zunächst der Sohn Maxi­mi­li­an gebo­ren wor­den. Noch in der Zeit des Kai­ser­reichs war er aus Deutsch­land nach Groß­bri­tan­ni­en aus­ge­wan­dert, wo er sich mit viel Erfolg ein neu­es Leben auf­bau­en konn­te. Im Alter von 32 Jah­ren hat­te er, in Glen­hol­me als Wein­händ­ler lebend, die Ein­bür­ge­rung bean­tragt und auch erhal­ten.[10] Die­ses Ansin­nen war offen­sicht­lich ver­bun­den mit sei­ner geplan­ten Ver­ehe­li­chung. Kurz nach der Ein­bür­ge­rung, hei­ra­te­te er im Juli 1893 Mary Hes­ter Stroud, die im Okto­ber 1863 im Bezirk Car­diff gebo­ren wor­den war. Max war inner­halb der Fami­lie Sichel einer den­je­ni­gen, die sich zumin­dest der reli­giö­sen Tra­di­ti­on des Juden­tums ent­frem­det hat­ten, denn nicht nur sei­ne Frau war christ­lich getauft, auch sei­ne bei­den Töch­ter wur­den christ­lich erzo­gen. Zumin­dest exis­tiert für die am 13. Juni 1897 in North Ken­sing­ton gebo­re­ne Toch­ter Elsa Mary ein Doku­ment, das ihre Tau­fe am 13. Juni 1897 belegt.[11] Man wird sicher dar­aus schlie­ßen kön­nen, dass auch die zuvor am 27. Sep­tem­ber 1894 gebo­re­ne Schwes­ter Bren­da eine christ­li­che Erzie­hung erhielt. Wirt­schaft­lich scheint es der Fami­lie in Eng­land recht gut gegan­gen zu sein. Bei der Volks­zäh­lung von 1901, hat­te Max Sichel ange­ge­ben wei­ter­hin als Wein­händ­ler tätig zu sein. Neben den vier Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen gehör­te auch ein Koch zum Haus­halt der Fami­lie.[12] Noch bevor Mary Hes­ter Sichel 1936 ver­starb, hat­te sich das Paar getrennt. 1909 war Maxi­mi­li­an Sichel in die USA aus­ge­wan­dert wo er eine zeit­lang bei sei­ner ver­wit­we­ten Schwes­ter Julie in Den­ver /​ Colo­ra­do wohn­te.[13] Wann er dann nach Kali­for­ni­en ver­zog, wo er ver­mut­lich am 2. Febru­ar 1944 in San Fran­cis­co ver­starb, ist nicht bekannt.[14] Ob es wäh­rend all der Zeit Kon­takt zu den in Deutsch­land geblie­be­nen Geschwis­tern gege­ben hat, ist nicht bekannt. Aber sicher wird er aus der Fer­ne das Lei­den sei­ner Ver­wand­ten ver­folgt haben und soweit es in sei­nen Kräf­ten stand, ande­ren zur Aus­rei­se in die USA ver­hol­fen haben. Er war nicht der ein­zi­ge der Fami­lie Sichel, die dort Schutz fand.

 

Am 30. Dezem­ber 1861 war Bert­rand als zwei­ter Sohn von Moses und Fan­ny Sichel gebo­ren wor­den.[15] Er hat­te eine aka­de­mi­sche Aus­bil­dung absol­viert, war pro­mo­viert und hat­te sich nach sei­nem Stu­di­um als Rechts­an­walt in Mainz nie­der­ge­las­sen. Sei­ne Pra­xis betrieb er dort mit unter­schied­li­chen Kol­le­gen in der Bau­hof- und der Lud­wig­stra­ße. Er habe – so die Aus­kunf­tei Blum – gera­de bei der Indus­trie und in Unter­neh­mer­krei­sen einen sehr guten Ruf genos­sen und des­halb auch bei der Dresd­ner Bank als Jus­ti­zi­ar fun­giert.[16] In die­ser Zeit wohn­te er in Gon­sen­heim in der Lenn­berg­str. 24. Am 17. Mai 1930 hei­ra­te­te er – wie zuvor sein Bru­der — eine nicht­jü­di­sche Frau. Johan­na Mül­ler, gebo­ren am 3. März 1884, war katho­lisch und stamm­te eben­falls aus Mainz.[17] Sie brach­te den Sohn August Johann, gebo­ren am 15. Novem­ber 1905, mit in die Ehe.[18] Zunächst wohn­te die Fami­lie noch wei­ter­hin in Mainz. Sie muss aber dann Mit­te der drei­ßi­ger Jah­re nach Wies­ba­den umge­zo­gen sein, denn im Adress­buch von 1936/​37 ist sie erst­mals mit der Adres­se Wil­helm­str. 58 III verzeichnet.
Hat­te das Ein­kom­men vor der Ver­fol­gung jähr­lich etwa 1.200 RM betra­gen, so nahm das ab 1933 deut­lich ab. Am 31. Okto­ber 1938 wur­de Bert­rand Sichel mit­ge­teilt, dass sei­ne Zulas­sung beim Land­ge­richt Mainz und beim Ober­lan­des­ge­richt Darm­stadt zum 30. Novem­ber 1938 zurück­ge­nom­men wer­de.[19] Noch konn­te die Fami­lie auf Rück­la­gen zurück­grei­fen, die in den frü­he­ren Jah­ren ange­spart wor­den waren. Aber die­se wur­den durch die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be in Höhe von mehr als 10.000 RM erheb­lich dezi­miert. Die fünf­te Rate, zur der Bert­rand Sichel 1939 auch noch her­an­ge­zo­gen wur­de, konn­te nur noch in klei­nen Raten á 150 RM abge­zahlt wer­den.[20] Neben die­sem Ver­mö­gens­raub muss­ten — wie üblich — auch Wert­ge­gen­stän­de wie Rin­ge, Uhren oder ande­rer Schmuck abge­ge­ben wer­de. Auch eine moder­ne Musik­an­la­ge gehör­te zu den Ver­lus­ten, die sich ins­ge­samt auf etwa 3.000 RM sum­mier­ten.[21]

Sicher nicht zuletzt aus finan­zi­el­len Grün­den war das Paar 1938/​39 in die Lanz­str. 2 gezo­gen. Dort ver­starb Bert­rand Sichel am 27. Sep­tem­ber 1940 in Fol­ge eines Hirn­schlags und somit offi­zi­ell eines „natür­li­chen“ Todes,[22] kurz bevor der Ter­ror der Nazis gegen­über der jüdi­schen Bevöl­ke­rung sei­ne letz­te Pha­se erreich­te. Begra­ben wur­de er in Wies­ba­den nicht auf dem Jüdi­schen Fried­hof, son­dern auf dem städ­ti­schen Südfriedhof.

Auch der drit­te Sohn, der am 24. August 1863 gebo­re­ne Juli­us, war noch in der Kai­ser­zeit aus Deutsch­land aus­ge­wan­dert und blieb somit von der ras­si­schen Ver­fol­gung durch die Nazis ver­schont. Den ame­ri­ka­ni­schen Zen­sus-Daten von 1910 kann man ent­neh­men, dass er bereits 1884 das Land betre­ten und bald auch die Staats­bür­ger­schaft erhal­ten hat­te. Um 1902 grün­de­te der Zim­mer­mann in den USA auch eine Fami­lie. Sei­ne 1872 gebo­re­ne Frau, von der nur der Vor­na­me Rachel bekannt ist, war im Jahr 1900 ein­ge­wan­dert. Zur Zeit der Daten­er­he­bung waren dem Paar drei Töch­ter gebo­ren wor­den, zunächst Miri­am, die damals sechs Jah­re alt war, Fan­ny, fünf Jah­re alt, und die drei­jäh­ri­ge Rosa.[23] Allein die Namen der Kin­der las­sen dar­auf schlie­ßen, dass die Fami­lie, die in San Fran­cis­co leb­te, sich der jüdi­schen Tra­di­ti­on wei­ter­hin ver­pflich­tet fühl­te. Unmit­tel­bar nach­dem in Euro­pa Hit­ler den Zwei­ten Welt­krieg vom Zaun gebro­chen hat­te, ver­starb Juli­us Sichel am 4. Sep­tem­ber 1933 in Clay­ton in Kali­for­ni­en, einer Klein­stadt öst­lich von San Fran­cis­co.[24]

 

Am 27. Dezem­ber 1864 wur­den Moses und Fan­ny Sichel erst­mals eine Toch­ter gebo­ren. Rosa wur­de jedoch nicht ein­mal ein hal­bes Jahr alt und ver­starb bereits am 29. Mai des fol­gen­den Jah­res.[25]

 

Ein Jahr nach dem Tod von Rosa kam mit Robert wie­der ein Sohn zur Welt. Der am 28. Mai 1866 gebo­re­ne Robert, spä­ter von Beruf Kauf­mann, hat­te — wie auch ande­re sei­ner Geschwis­ter – offen­sicht­lich die Bin­dung an das Juden­tum ver­lo­ren. Als der Wein­händ­ler am 12. April 1903 die katho­li­sche Anna Katha­ri­na Reit­may­er aus Mainz hei­ra­te­te, bekann­te auch er sich zum Katho­li­zis­mus.[26] Am 2. Febru­ar 1894 kam in Mainz die Toch­ter Eleo­no­ra Fan­ny Maria und am 4. Mai 1895 mit Fran­zis­ka Jose­pha ein wei­te­res Mäd­chen zur Welt.[27] Bei­de waren eigent­lich nach den NS-Ras­se­ge­set­zen Halb­ju­den. Da aber die NS-Gesetz­ge­bung ihre eige­ne Ras­sen­ideo­lo­gie mit reli­giö­sen Bestim­mun­gen ver­misch­te, die bei­den katho­lisch erzo­ge­nen Töch­ter somit auch als Halb­jü­din­nen nicht in die Misch­ka­the­go­rie „Gel­tungs­ju­de“ fie­len, blie­ben ihnen die schlimms­ten Ver­fol­gun­gen erspart. Da ihr „voll­jü­di­scher“ Vater bereits am 2. März 1930, somit vor der Macht­über­nah­me der Nazis ver­stor­ben war,[28] wer­den vie­le nicht ein­mal gewusst haben, dass die bei­den eigent­lich kei­ne voll­wer­ti­gen Mit­glie­der der ari­schen Volks­ge­mein­schaft waren. Die Mut­ter, wie auch die bei­den Töch­ter über­leb­ten die Zeit der NS-Herr­schaft und des Welt­kriegs zum größ­ten Teil in Mainz. Als Anna Katha­ri­na Sichel am 20. April 1948 im Kran­ken­haus in Hof­heim /​ Tau­nus ver­starb,[29] war ihre Wohn­an­schrift die Kapu­zi­ner­str. 23 in Mainz. Auch Eleo­no­ra Fan­ny Maria ver­starb in Mainz, Fran­zis­ka Jose­pha hin­ge­gen in Alzey.[30]

 

Nur weni­ge Infor­ma­tio­nen gibt es über den jün­ge­ren Bru­der von Regi­na Sichel /​ Beck, über den am 1. Juli 1870 gebo­re­nen Karl.[31] In wel­cher Bran­che er als Kauf­mann tätig war, die­ser Beruf ist auf sei­ner Ster­be­ur­kun­de ein­ge­tra­gen, ist nicht bekannt. Nur weni­ge Tage, nach­dem Hit­ler in Ber­lin sei­ne „Macht­er­grei­fung“ zele­briert hat­te, ver­starb der ledig geblie­be­ne Karl Sichel am 8. Febru­ar 1933 im Alter von 62 Jah­ren im Jüdi­schen Kran­ken­haus von Mainz. Es war die jüngs­te Schwes­ter Johan­na, die, wie auch bei Juli­us Beck, dem Stan­des­amt die Todes­nach­richt über­brach­te.[32]

 

Die Schwes­ter Ber­tha, gebo­ren am 22. Okto­ber 1871,[33] konn­te die NS-Zeit über­le­ben, da auch sie, wie ihre älte­ren Brü­der, schon sehr früh, näm­lich bald nach der Jahr­hun­dert­wen­de Deutsch­land ver­ließ. Aber bereits zuvor war sie durch ihre Hei­rat von Mainz nach Mün­chen gezo­gen, wo sie mit dem aus Ungarn stam­men­den Moses Eisen­dör­fer eine Fami­lie gegrün­det hat­te. Er war in der süd­deut­schen Metro­po­le am 6. April 1873 gebo­ren wor­den und hat­te dort zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt ein Juwe­lier­ge­schäft eröff­net.[34] In Mün­chen waren auch noch die bei­den Söh­ne des Paa­res zur Welt gekom­men. Der älte­re Arnold wur­de am 25. Okto­ber 1902 und der jün­ge­re Mar­tin am 16. Janu­ar 1905 gebo­ren.[35]

Am 13. Sep­tem­ber 1906 bestieg Ber­tha Eisen­dör­fer in Cux­ha­ven das Schiff ‚Ame­ri­ka’ mit dem Ziel New York. Mit ihr fuh­ren die bei­den Söh­ne, gera­de ein­mal ein und drei Jah­re alt. Nicht auf der Pas­sa­gier­lis­te stand der Vater. Er hat­te schon am 14. Okto­ber 1905 von Ham­burg aus die Rei­se nach New York ange­tre­ten.[36] Ver­mut­lich war er vor­aus­ge­fah­ren, um für die übri­ge Fami­lie, beson­ders die klei­nen Kin­der, eine Woh­nung zu besor­gen, viel­leicht auch einen Laden, um als Juwe­lier für den Unter­halt sor­gen zu kön­nen. Ber­tha Eisen­dör­fer hat­te bei ihrem Rei­se­an­tritt ange­ge­ben, es hand­le sich um ihre ers­te Rei­se nach Ame­ri­ka und sie habe das Ziel, in New York ihren Mann zu tref­fen.[37]

Die Fami­lie ist aber nicht sehr lan­ge in New York geblie­ben, denn beim Zen­sus im Jahr 1910 wohn­ten sie in Den­ver, Colo­ra­do, wo sie, wie auch ihre Söh­ne unter einer jeweils eige­nen Adres­se, auch in den fol­gen­den Jahr­zehn­te leb­ten. 1910 war in ihrem Haus auch der Cou­sin David Zank, ein Heu- und Samen­händ­ler, und die Cou­si­ne Flo­rence Straus gemel­det.[38]
Wie ihrem 1913 gestell­ten Antrag auf die Ertei­lung der ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger­schaft zu ent­neh­men ist, hat­ten sich Eisen­dör­fers im Dezem­ber 1907 in Colo­ra­do nie­der­ge­las­sen.[39] Moses bzw. Moritz Eisen­dör­fer hat­te inzwi­schen den Namen Mor­ris ange­nom­men und auch der Umlaut wur­de jetzt meist durch ein „o“ ersetzt. Als ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger trat Mor­ris Eisen­dör­fer 1918 in die Armee ein, um als Sol­dat gegen sein ehe­ma­li­ges Hei­mat­land Öster­reich-Ungarn zu kämpfen.
Nach dem Ende des Welt­kriegs und nur weni­ge Jah­re vor dem Ende der Wei­ma­rer Repu­blik war Ber­tha Eisen­dör­fer mit dem inzwi­schen erwach­se­nen Sohn Arnold noch ein­mal nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt. Auch wenn es dafür kei­ne Bele­ge gibt, so liegt den­noch die Ver­mu­tung nahe, dass damals auch die Eltern und die noch in Deutsch­land leben­den Geschwis­ter besucht wur­den. Im Dezem­ber 1929 waren die bei­den von Bre­men aus per Schiff zurück in die USA gefah­ren.[40]
Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg, in dem Arnold in der ame­ri­ka­ni­schen Armee gedient hat­te,[41] trat Arnold Eisen­dör­fer erneut die­se Rei­se an, dies­mal mit sei­ner Frau Bea­tri­ce, eine in New York gebo­re­ne Leh­re­rin. Im Juli 1949 fuh­ren die bei­den mit dem Schiff ‚Ame­ri­ca’ von New York aus nach Le Har­ve in Frank­reich.[42] 1951 reis­ten sie erneut im Juli nach Euro­pa, aber dies­mal per Flug­zeug. [43] Eine wei­te­re Euro­pa­rei­se folg­te 1953, jetzt wie­der mit dem Schiff. Der Hafen von Ply­mouth in Eng­land war dies­mal das ers­te Ziel.[44] Nicht bekannt ist aller­dings, ob sie bei die­sen Fahr­ten auch nach Deutsch­land kamen. Mög­li­cher­wei­se war gera­de die letz­te Rei­se im Zusam­men­hang mit dem 1951 begin­nen­den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren in Deutsch­land geplant worden.
Arnold Eisen­dör­fer und sei­ne Frau zogen spä­ter nach New York, wo er als Psych­ia­ter noch eine bedeu­ten­de Kar­rie­re mach­te. Am 26. Juni 1993 ver­starb er dort im Alter von 90 Jah­ren,[45] sei­ne Frau zwei Jah­re spä­ter in gleich hohem Alter.

Sein Bru­der Mar­tin war zunächst auch in Den­ver zur Schu­le gegan­gen, hat­te den Beruf eines tech­ni­schen Zeich­ners erlernt und in Colo­ra­do die von dort stam­men­de Rose Bel­le Mar­mor geehe­licht. Zwi­schen­zeit­lich hat­te das Paar in den 60er Jah­ren auch auf Hawaii gelebt, war aber spä­ter dann nach Los Ange­les ver­zo­gen, wo Mar­tin Eisen­dor­fer am 22. Mai 1986, sei­ne Frau am 8. Okto­ber 1992 ver­star­ben.[46]
Ihre Eltern – Ber­tha und Mor­ris Eisen­dör­fer – waren zu die­ser Zeit schon lan­ge tot. Den Abschluss des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens im Jahr 1955 für ihre Schwes­ter Regi­na erleb­te Ber­tha Eisen­dör­fer nicht mehr. Sie war am 21. April 1952, ihr Mann Mor­ris am 2. Novem­ber 1960 in Den­ver verstorben.

 

Julie Sichel, gebo­ren am 11. April 1873, war eben­falls schon früh in die USA aus­ge­wan­dert und leb­te 1930 in Den­ver, damals zusam­men mit ihrem aus Eng­land in die USA aus­ge­wan­der­ten Bru­der Max. Laut Zen­sus von 1930 war sie bereits im Jahr 1902 nach Ame­ri­ka gekom­men, ob allei­ne oder bereits mit ihrem zukünf­ti­gen Ehe­mann, ist nicht bekannt.[47] Bei der dama­li­gen Volks­zäh­lung war sie bereits eine ver­wit­we­te Feud­ner.[48] Über ihre im drei­ßigs­ten Lebens­jahr, also um 1903 geschlos­se­ne Ehe ist aber nichts Genau­es bekannt. Allein im Adress­buch von Den­ver /​ Colo­ra­do aus dem Jahr 1945 wird der knap­pe Hin­weis „wido­wed Jacob“ gege­ben. Aus die­ser Ehe stamm­te auch die Toch­ter Flo­rence, die ver­mut­lich 1907 in New York zur Welt gekom­men war.[49] Sie hat­te spä­ter den zwei Jah­re älte­ren New Yor­ker Anwalt Max Glen­stone gehei­ra­tet. Bei­de leb­ten zumin­dest 1940 zusam­men mit der Mut­ter in deren Haus in Den­ver. Über den wei­te­ren Lebens­weg der Fami­li­en­mit­glie­der konn­ten kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen gefun­den werden.

 

Das Schick­sal der am 22. März 1875 gebo­re­nen Hen­ri­et­te, genannt Hen­ny, ist inso­fern außer­ge­wöhn­lich, als sie zu den weni­gen gehör­te, die ihre Depor­ta­ti­on und einen fast drei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in einem KZ über­leb­ten.[50] Sie habe – so ist bei Leder zu lesen – nach dem Tod des Vaters mit ihrer Schwes­ter Thek­la den väter­li­chen Betrieb bis etwa 1923 geführt.[51] Zu beden­ken ist aller­dings, dass Hen­ri­et­te beim Tod des Vaters erst 15 Jah­re alt, ihre Schwes­ter sogar noch ein Jahr jün­ger war, sodass sie die­se Auf­ga­be kaum hat­ten allei­ne bewäl­ti­gen kön­nen. 1917 sei sie aus dem Eltern­haus aus­ge­zo­gen und habe seit­dem in einer Miet­woh­nung in Mainz-Gon­sen­heim in der Jahn­str. 36 gelebt. Die Woh­nung – so heißt es wei­ter – „teil­te sie (…) mit der elf Jah­re jün­ge­ren Ella Boh­ne, die ihr glei­cher­ma­ßen Haus­ge­hil­fin, Gesell­schaf­te­rin und gute Freun­din war.“ Ange­sichts die­ser sehr engen und auch dau­er­haf­ten Bin­dung liegt es nahe, dass es sich um eine damals tabui­sier­te gleich­ge­schlecht­li­che Bezie­hung zwi­schen den bei­den gehan­delt haben wird.
Wie bei allen ande­ren jüdi­schen Bür­gern wur­den auch die Finan­zen von Hen­ri­et­te Sichel vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat streng über­wacht. Im Zusam­men­hang mit einer Siche­rungs­an­ord­nung hat­te auch sie ihr Ver­mö­gen offen zu legen und nur ein gerin­ger dis­po­nibler Betrag stand ihr zur all­täg­li­chen Lebens­füh­rung zur Ver­fü­gung. Nach dem Novem­ber­po­grom hat­te sie für die soge­nann­te Süh­ne­leis­tung 7.700 RM auf­zu­brin­gen. Im fol­gen­den Jahr 1939 wur­de die Schlin­ge noch enger zusam­men­ge­zo­gen. Die bei­den Freun­din­nen ver­lo­ren ihre Gon­sen­hei­mer Woh­nung und muss­ten zurück in die Mar­ga­re­t­hen­gas­se. 28, in Hen­ri­et­tes Geburts­haus zie­hen, das inzwi­schen zum Juden­haus erklärt wor­den war.[52] Ella Boh­ne, obgleich kei­ne Jüdin, beglei­te­te ihre Freun­din bei die­sem erzwun­ge­nen Umzug in die durch ange­ord­ne­te Umbau­ten sehr beeng­te Wohnung.
1942, als die Mas­sen­de­por­ta­tio­nen auch aus dem Deut­schen Reich began­nen, erhielt auch Hen­ri­et­te Sichel im Sep­tem­ber die Auf­for­de­rung, sich für eine „Wohn­sitz­ver­la­ge­rung nach The­re­si­en­stadt“, wie es offi­zi­ell hieß, bereitzumachen.
Anders als sonst üblich, viel­leicht auch durch ein Ver­se­hen, war der Depor­ta­ti­ons­ter­min in Mainz schon früh­zei­tig bekannt gewor­den. Bereits am 18. August 1942 war im Tage­buch der Main­zer Jüdi­schen Gemein­de notiert wor­den, wel­che Kate­go­rien von Per­so­nen bis zum15. Sep­tem­ber aus­ge­sucht und per Lis­te der Gesta­po über­mit­telt wer­den soll­ten: Es waren die Alten und Gebrech­li­chen, Kriegs­be­schä­dig­te und allein ste­hen­de Misch­lin­ge, die für die­sen Trans­port aus­zu­wäh­len waren.[53] Gera­de weil die Pla­nung so früh bekannt gewor­den war, tra­ten vie­le der­je­ni­gen, die die­se Rei­se nicht mehr antre­ten woll­ten, die Flucht in den Tod an.[54] Die übri­gen wur­den vor dem Abtrans­port in der Turn­hal­le der Goe­the­schu­le ver­sam­melt, wo die letz­ten for­ma­len Akte der Depor­ta­ti­on voll­zo­gen wur­den. Wie den ande­ren, die noch über Rest­ver­mö­gen ver­füg­ten, wur­de auch der 67jährigen Hen­ri­et­te Sichel mit dem lee­ren Ver­spre­chen, ihre Ver­sor­gung sei auf die­se Wei­se bis zu ihrem Lebens­en­de umfas­send gesi­chert, noch ein soge­nann­ter „Heimein­kaufs­ver­trag“ auf­ge­zwun­gen – ein Instru­ment, mit dem die Gesta­po sich die letz­te Habe ihrer Opfer aneig­ne­te, noch bevor die Finanz­ver­wal­tung durch Ver­mö­gens­ein­zug dar­auf zugrei­fen konn­te. Aber auch die Beam­ten des Fis­kus hol­ten sich ihren Anteil der Beu­te. Ihnen muss­te vor dem Ver­las­sen der Woh­nung die Schlüs­sel über­ge­ben wer­den, zudem kas­sier­ten sie die zurück­ge­las­se­ne Ein­rich­tung samt Inhalt — alles büro­kra­tisch auf­ge­lis­tet in einem For­mu­lar, das von den Ver­trie­be­nen noch unter­zeich­net wer­den muss­te, um dem Raub­zug einen schein­leg­a­len Anstrich zu ver­lei­hen. Auf die­se Wei­se trug auch das Mobi­li­ar von Hen­ri­et­te Sichel dazu bei, dass deut­sche Volks­ge­nos­sen trotz der vie­len Ein­schrän­kun­gen durch die Kriegs­wirt­schaft sich als Gewin­ner der Dik­ta­tur füh­len konn­ten. Bei einer der vie­len Auk­tio­nen wird man zuge­grif­fen haben, wenn wie­der ein­mal Mobi­li­ar, Bil­der oder Küchen­ge­rä­te „aus jüdi­schem Besitz“ – wie frei­mü­tig zuge­ge­ben wur­de – zur Ver­stei­ge­rung anstanden.
Eigent­lich hat­te Hen­ny Sichel ihr gesam­tes Ver­mö­gen bereits 1934 tes­ta­men­ta­risch ihrer Freun­din ver­macht. Da aber mit der Depor­ta­ti­on der Todes- und damit auch der Tes­ta­ments­fall nicht ein­ge­tre­ten war, das Deut­sche Reich viel­mehr auf die „Elf­te Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz“ vom Novem­ber 1941 rekur­rier­te und den Ver­mö­gens­ver­fall anord­ne­te, ging die Freun­din leer aus. Auch das Eltern­haus von Hen­ri­et­te, das im Krieg völ­lig zer­stört wur­de, unter­lag die­ser Ver­ord­nung.[55]

Am 27. Sep­tem­ber 1942 ver­ließ der Trans­port ‚XVII/​1’ — die Num­mer wur­de ihm in The­re­si­en­stadt zuge­teilt — und der Zug­num­mer ‚Da 520’ mit 1287 oder 1288 Men­schen den Haupt­bahn­hof von Darm­stadt. Waren die Main­zer Juden zuvor in der Goe­the­schu­le ver­sam­melt wor­den, so nutz­te man in Darm­stadt die dor­ti­ge Lie­big­schu­le zu die­sem Zweck. Die Juden aus Darm­stadt und dem ehe­ma­li­gen Volks­staat Hes­sen wur­den noch in den bereits über­füll­ten, aus zwan­zig Per­so­nen­wa­gen bestehen­den Zug mit Juden aus den ver­schie­dens­ten Orten und Städ­ten Rhein­hes­sens gepfercht.[56]
Über die Zeit von Hen­ri­et­te Sichel in The­re­si­en­stadt lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Wenn man bedenkt, unter wel­chen Bedin­gun­gen die zumeist alten Men­schen dort hau­sen muss­ten, wenn man die ver­schie­de­nen Trans­por­te bedenkt, die das Lager Rich­tung Ausch­witz ver­lie­ßen, dann grenzt es an ein Wun­der, dass Hen­ri­et­te zu den 89 Men­schen die­ses Trans­ports ‚XVII/​1’ gehör­te, die The­re­si­en­stadt über­leb­ten.[57]
Im Juni 1945 ver­an­lass­ten die ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­be­hör­den, die Über­le­ben­den des KZs The­re­si­en­stadt mit einem Bus in ihre Hei­mat­stadt Mainz zurück­zu­ho­len. Hen­ri­et­te Sichel war von dem KZ-Auf­ent­halt schwer gezeich­net. Über ein Jahr muss­te sie im Städ­ti­schen Kran­ken­haus um ihr Über­le­ben kämp­fen. Es war nicht der ein­zi­ge Kampf, den sie nach ihrer Rück­kehr füh­ren muss­te. Aller Habe beraubt, ohne eige­nes Ein­kom­men und 70 Jahr alt muss­te sie über vier Jah­re sich mit den Behör­den um die ihr zuste­hen­den Miet­ein­nah­men aus dem ihr ent­zo­ge­nen Haus strei­ten, bis sie wenigs­tens einen Teil erhielt. Ihren Lebens­un­ter­halt bestritt sie mit Gel­dern der Für­sor­ge, die ihr über die „Orga­ni­sa­ti­on Inter­na­tio­na­le les Refu­giés“ bewil­ligt wur­den. Im Begleit­brief zum ent­spre­chen­den Antrag beschrieb sie knapp ihr Schick­sal, brach­te aber auch zum Aus­druck, wie sehr sie sich in die­sem Land immer noch als Frem­de fühl­te bzw. behan­delt würde:
“I. Ich bin jüdi­scher Abstammung.
II. Ich habe nicht die Absicht auszuwandern.
III. Bin Main­ze­rin, habe stets in Mainz gewohnt, bis ich nach The­re­si­en­stadt 1942 ver­schleppt wur­de bis 11.7.45
Die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­ze ich, mei­ne Ahnen haben die­sel­be beses­sen, nie in einem ande­ren Staat gelebt.
Wol­len Sie bit­te gütigst dies zur Kennt­nis neh­men.“
[58]
Die Rück­keh­rer aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern waren zu Hau­se oft nicht sehr will­kom­men, waren sie doch die per­ma­nen­te Kon­fron­ta­ti­on mit dem eige­nen Ver­sa­gen, mit der eige­nen Schuld. Aber sie fand in Mainz wenigs­tens ihre alte Freun­din Eli­sa­beth Boh­ne wie­der und bei­de zogen auch wie­der gemein­sam nach Gon­sen­heim in die Ernst-Lud­wigstr. 55, der heu­ti­gen Ger­hart-Haupt­mann-Stra­ße.[59] Hen­ri­et­te Sichel ver­starb am 28. Juni 1961 in Mainz.[60] Im Okto­ber 2018 wur­de zu ihrem Geden­ken in Mainz-Gon­sen­heim in der Jahn­str. 36, wo sie zusam­men mit ihrer Freun­din gelebt hat­te, ein Stol­per­stein ver­legt.[61]

Auch ihre am 21. Okto­ber 1876 gebo­re­ne Schwes­ter Thek­la Sichel gehör­te zu den Über­le­ben­den des Holo­caust,[62] aber den­noch fiel sie ihm zum Opfer. Sie ist auch in kei­ner der gän­gi­gen Opfer­lis­ten auf­ge­führt, weder in Yad Vas­hem, noch im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz. Sie wur­de zum Opfer, nach­dem nahe­zu alles vor­bei war – scheinbar.
Anders als ihre Schwes­ter Hen­ri­et­te, mit der sie das väter­li­che Geschäft bis in die drei­ßi­ger Jah­re geführt hat­te, wur­de sie nie depor­tiert. Ob sie in der Zeit der NS-Herr­schaft inhaf­tiert, beläs­tigt oder auch nur dis­kri­mi­niert wur­de, ist nicht bekannt. Sie hat­te am 23. Dezem­ber 1922 in Mainz den evan­ge­li­schen Arzt Dr. Georg David Wil­helm Hein­rich Höl­zer gehei­ra­tet [63] und stand wäh­rend der NS-Zeit damit unter dem „Schutz“ soge­nann­ter „pri­vi­le­gier­ter Misch­ehen“.[64] Den­noch wird ange­sichts der Bekannt­heit der Fami­lie Sichel nicht nur den Behör­den, son­dern auch den Men­schen vor Ort in der Main­zer Stift­stra­ße bekannt gewe­sen sein, dass des­sen Frau Thek­la Jüdin war. Ver­mut­lich arbei­te­te sie in der Pra­xis ihres Ehe­manns mit, denn ihr Beruf ist in einem von ihrer Schwes­ter Julie Feud­ner aus­ge­füll­ten Such­for­mu­lar als Rönt­gen-Tech­ni­ke­rin ange­ge­ben.[65] Wie lan­ge das mög­lich war, ist aller­dings nicht bekannt. Über­haupt weiß man bis­her wenig über ihr Leben wäh­rend der NS-Dik­ta­tur. Des­we­gen kann man auch nur mut­ma­ßen, was Thek­la Höl­zer ver­an­lass­te, nur weni­ge Tage vor der Befrei­ung von Mainz durch die ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen sich noch das Leben zu neh­men. Am 7. März 1945 ver­starb sie in Stadt­kran­ken­haus in Mainz, nach­dem sie zuvor eine Über­do­sis Vero­nal ein­ge­nom­men hat­te.[66] Die letz­ten Wochen vor der Befrei­ung müs­sen schreck­lich gewe­sen sein, die Bom­bar­die­rung von Mainz durch die bri­ti­sche Luft­waf­fe Ende Febru­ar, durch die die Stadt in ein ein­zi­ges Rui­nen­feld ver­wan­delt wur­de, die Ermor­dung sowje­ti­scher Fremd­ar­bei­ter im Mom­ba­cher Sand, aus Volks­sturm­ein­hei­ten gebil­de­te Erschie­ßungs­kom­man­dos, die die­je­ni­gen liqui­dier­ten, die die anrü­cken­den ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen mit wei­ßen Fah­nen emp­fan­gen woll­ten. Und auch die letz­ten 50 Main­zer Juden, die als Part­ner in Misch­ehen bis­her über­lebt hat­te, waren selbst jetzt nicht mehr ihres Lebens sicher. Eigent­lich hat­ten sie noch in letz­ter Minu­te depor­tiert wer­den sol­len. Nur die Luft­an­grif­fe der Bri­ten hat­ten das glück­li­cher­wei­se dadurch ver­hin­dert, dass die vor­be­rei­te­ten Depor­ta­ti­ons­lis­ten in dem Flam­men­meer ver­brann­ten. Die Gefahr blieb wohl den­noch all­zeit gegenwärtig.
Wahr­schein­lich hat­te sich inzwi­schen auch in Mainz her­um­ge­spro­chen, was mit den depor­tier­ten Juden gesche­hen war, dass sie nicht zu einem Arbeits­ein­satz, son­dern zur Ver­nich­tung „eva­ku­iert“ wor­den waren. Und drei ihrer Schwes­tern waren in die Züge gestie­gen und sie hat­te nichts mehr von ihnen gehört. Wel­che gro­ße Belas­tung es für die Über­le­ben­den bedeu­te­te, nicht selbst auch zu den Opfern zu gehö­ren, ist aus vie­len Bio­gra­phien bekannt und vie­le haben noch Jah­re spä­ter den Sui­zid als ein­zi­gen Aus­weg aus die­ser unver­schul­de­ten „Schuld“ gesehen.
Hin­zu kam wohl auch die schwe­re Erkran­kung ihres Man­nes, der an einer Herz­kranz­ver­kal­kung litt und am 23. März nur weni­ge Tage nach ihrem Tod selbst starb. Ver­mut­lich war der 64jährige außer­dem gestürzt und in das Städ­ti­sche Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wor­den, denn im Todes­ein­trag sind auch Kno­chen­brü­che als Todes­ur­sa­che ver­merkt, wenn­gleich er dar­an sicher nicht ver­stor­ben wäre.[67]
Was letzt­lich aus­schlag­ge­bend für ihre Ent­schei­dung war, muss unge­wiss blei­ben. Unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de ver­such­te ihre Schwes­ter Julie Feud­ner von Den­ver aus Klar­heit über das Schick­sal ihrer Schwes­ter zu erlan­gen. Über das ‚Natio­nal Coun­cil of Jewish Women’ such­te sie nach Thek­la und Wil­helm Höl­zer.[68] Im Febru­ar 1946 erhielt sie die Nach­richt, dass ihre Schwes­ter Thek­la auf einer in den USA ver­öf­fent­lich­ten Lis­te der Über­le­ben­den geführt wür­de,[69] erst 1948 erhielt sie die Nach­richt über ihr wah­res Schick­sal.[70]

 

Von Joseph Sichel, dem Zweit­jüngs­ten Kind, gebo­ren am 5. Febru­ar 1878, ist nur bekannt, dass er als Sechs­und­drei­ßig­jäh­ri­ger, ledig, am 1. Juli 1914 im Israe­li­ti­schen Kran­ken­haus von Mainz ver­starb.[71] Aus der in der Ster­be­ur­kun­de ent­hal­te­nen Berufs­an­ga­be „Kis­ten­fa­bri­kant“ ist zu schlie­ßen, dass er – viel­leicht mit sei­nen bei­den Schwes­tern — den väter­li­chen Betrieb über­nom­men hat­te. Mög­li­cher­wei­se waren die Schwes­tern aber auch erst nach sei­nem Tod aktiv in die Füh­rung der Schrei­ne­rei eingetreten.

 

Die jüngs­te Toch­ter von Moses und Fan­ny Sichel, Johan­na, ist die ein­zi­ge der vie­len Kin­der, die ihr Leben in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­lor. Gebo­ren am 5. April 1879,[72] hat­te sie nach ihrer Schul­zeit eine aka­de­mi­sche Bil­dung erlangt und war Leh­re­rin gewor­den. Seit 1906 war sie an der Höhe­ren Mäd­chen­schu­le in Mainz ange­stellt, wo sie die Fächer Eng­lisch, Deutsch und Fran­zö­sisch unter­rich­te­te. Wie eini­ge ihrer Geschwis­ter wand­te auch sie sich im Lau­fe ihres Lebens von ihrer reli­giö­sen jüdi­schen Tra­di­ti­on ab, kon­ver­tier­te zu Chris­ten­tum und trat 1919 in die katho­li­sche Kir­che ein. Bis dahin hat­te sie an ihrer Schu­le auch Unter­richt in jüdi­scher Reli­gi­on erteilt. Trotz die­ses Über­tritts wur­de sie am 1. Juli 1933 von den Ras­seideo­lo­gen aus dem Schul­dienst ent­fernt, zunächst vor­läu­fig, aber am 5. Febru­ar 1934 ver­setz­te die Behör­de sie dann in den end­gül­ti­gen Ruhe­stand.[73]
Bereits für die ers­te gro­ße Depor­ta­ti­on aus Mainz, die um den 25. März 1942[74] von Darm­stadt aus etwa 1000 Men­schen, dar­un­ter knapp 470 aus Mainz, in das Ghet­to Pia­ski brach­te, war sie aus­ge­wählt wor­den. Die Turn­hal­le der Feld­berg­schu­le dien­te dies­mal als ers­te Sam­mel­un­ter­kunft. Mit einem Kof­fer, in dem die weni­gen Hab­se­lig­kei­ten und ein paar Erin­ne­run­gen ver­bor­gen waren, 50 RM und dem Schild mit ihrem Namen und ihrer Kenn­num­mer bestie­gen die Men­schen am Mom­ba­cher Güter­bahn­hof den Zug mit der Num­mer ‚Da 14’, der sie zunächst nach Worms brach­te, wo wei­te­re 90 Juden zustie­gen. Anschlie­ßend wur­den die in Darm­stadt gesam­mel­ten Juden aus der Stadt bzw. der Umge­bung auf­ge­nom­men, um die vom RSHA vor­ge­ge­be­ne Soll­stär­ke von 1000 Men­schen zu errei­chen. Als der Zug end­lich sein Ziel, das Ghet­to von Pia­ski, öst­lich von Lub­lin gele­gen, erreich­te, muss­te schon eine gro­ße Zahl tot aus den Wag­gons her­aus­ge­holt wer­den. Pia­ski war ein Ort des Todes. Nicht nur waren vor Ankunft der Trans­por­te aus dem „Alt­reich“ etwa 3000 der dort ursprüng­lich leben­den pol­ni­schen Juden in die nahe gele­ge­nen Ver­nich­tungs­la­ger gebracht wor­den, auch die Neu­an­kömm­lin­ge vege­tier­ten hier unter den schlimms­ten Ver­hält­nis­sen, gepei­nigt von Hun­ger und Käl­te. Im Früh­jahr 1943 wur­de das Ghet­to auf­ge­löst und die­je­ni­gen, die das ver­gan­ge­ne Jahr über­lebt hat­ten, wur­den jetzt eben­falls zur Ver­nich­tung nach Maj­da­nek, Sobi­bor oder Belcec gebracht.

Synagogengasse Mainz
Die Leh­re­rin Johan­na Sichel im Hin­ter­grund ste­hend
Mit Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Mainz

Wo Johan­na Sichel starb, ist nicht bekannt. Sie blieb ver­schol­len, wäre viel­leicht sogar ver­ges­sen wor­den, hät­te nicht Anna Seg­hers, Jahr­zehn­te bevor man über­all in Deutsch­land begann, nach den Namen und dem Schick­sal der ehe­ma­li­gen jüdi­schen Mit­bür­ger zu for­schen, bevor Stol­per­stei­ne in die Bür­ger­stei­ge vor ihren Woh­nun­gen ein­ge­las­sen wur­den, ihr ein Denk­mal ganz ande­rer Qua­li­tät errich­tet, näm­lich ein lite­ra­ri­sches. In ihrer wohl berühm­tes­ten, sehr kom­plex kon­stru­ier­ten Erzäh­lung ‚Der Aus­flug der toten Mäd­chen’ spielt die Leh­re­rin Johan­na Sichel eine zen­tra­le Rol­le. Sie ist eine der bei­den Leh­re­rin­nen, die eine Grup­pe von Schü­le­rin­nen aus Mainz bei einem Aus­flug an den Rhein beglei­te­te. Die unter­schied­li­chen Schick­sa­le die­ser Mäd­chen und ihrer Leh­re­rin­nen, wer­den in einer Art Traum­re­por­ta­ge erzählt, in der die ver­schie­dens­ten zeit­li­chen Ebe­nen – Exil in Mexi­ko, Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg und NS-Zeit – asso­zia­tiv mit­ein­an­der ver­wo­ben wer­den. Die Erzäh­le­rin weiß um das, was den ein­zel­nen pas­sie­ren wird, wel­chen Ver­rat sie bege­hen, wel­chen Tod sie ster­ben wer­den. Aber es bleibt das Erstau­nen dar­über, wie all das gesche­hen konn­te, waren sie damals bei die­sem Aus­flug doch die bes­ten Freun­din­nen, war Frau Sichel doch ihre liebs­te Lehrerin:

„Ich hör­te eine Wei­le das Gestrei­te, wo die jün­ge­re Leh­re­rin, Fräu­lein Sichel, die gera­de aus dem Gast­haus trat, sich am bes­ten set­zen könn­te. Die Dunst­wol­ke ver­schweb­te von mei­nen Augen, sodass ich Fräu­lein Sichel genau erkann­te, die frisch und hell geklei­det ein­her­kam wie ihre Schü­le­rin­nen. Sie setz­te sich dicht neben mich, die hur­ti­ge Nora schenk­te ihr, der Lieb­lings­leh­re­rin, Kaf­fee ein: In ihrer Gefäl­lig­keit und Bereit­schaft hat­te sie Fräu­lein Sichels Platz sogar geschwind mit ein paar Jas­min­zwei­gen umwunden.

Regina Beck, Regina Sichel, Rhekla Sichel, Wilhelm Heinrich Hölzer, Oberamtsrichter von Rhein,Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Cover der aktu­el­len TB-Aus­ga­be von Anna Seg­hers Erzähl­band “Der Aus­flug der toten Mäd­chen” im Athenäum-Verlag

Das hät­te die Nora sicher, wäre ihr Gedächt­nis nicht eben­so dünn gewe­sen wie ihre Stim­me, spä­ter bereut, als Lei­te­rin der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Frau­en­schaft unse­rer Stadt. Jetzt sah sie mit Stolz und bei­na­he sogar mit Ver­liebt­heit zu, wie Fräu­lein Sichel einen von die­sen Jas­min­zwei­gen in das Knopf­loch ihrer Jacke steck­te. Im ers­ten Welt­krieg wür­de sie sich noch immer freu­en, dass sie in einer Abtei­lung des Frau­en­diens­tes, der durch­fah­ren­de Sol­da­ten tränk­te und speis­te, die glei­che Dienst­zeit wie Fräu­lein Sichel hat­te. Doch spä­ter soll­te sie die­sel­be Leh­re­rin, die dann schon grei­sen­haft zitt­rig gewor­den war, mit gro­ben Wor­ten von einer Bank am Rhein her unter jagen, weil sie auf einer juden­frei­en Bank sit­zen woll­te. Mich selbst durch­fuhr plötz­lich, da ich dicht neben ihr saß, wie ein schwe­res Ver­säum­nis in mei­nem Gedächt­nis, als ob ich die höhe­re Pflicht hät­te, mir auch die win­zigs­ten Ein­zel­hei­ten für immer zu mer­ken, dass das Haar von Fräu­lein Sichel kei­nes­wegs von jeher schnee­weiß war, wie ich es in Erin­ne­rung hat­te, son­dern in der Zeit unse­res Schul­aus­flu­ges duf­tig braun, bis auf ein paar wei­ße Sträh­nen an ihren Schlä­fen. Es waren ihrer jetzt noch so wenig wei­ße, dass man sie zäh­len konn­te, doch mich bestürz­ten sie, als sei ich zum ers­ten Mal heu­te und hier auf eine Spur des Alters gesto­ßen. Alle übri­gen Mäd­chen an unse­rem Tisch freu­ten sich mit Nora über die Nähe der jun­gen Leh­re­rin, ohne zu ahnen, dass sie spä­ter das Fräu­lein Sichel bespu­cken und Juden­sau ver­höh­nen wür­den.“[75]

Am Ende des Aus­flugs wand­te – so erzählt Anna Seg­hers — Johan­na Sichel sich an sie und gab ihr „mit blan­ken grau­en Augen“ den Auf­trag für die nächs­te Deutsch­stun­de eine Beschrei­bung des Schul­aus­flugs zu machen. Der Weg zurück vom Anle­ger zum Haus ihrer Eltern, wo die Mut­ter bereits auf sie war­te­te, durch die Stra­ßen, von denen sie wuss­te, dass sie nur noch Rui­nen waren, die aber doch noch genau so stan­den, als habe es den Krieg nie gege­ben – ein Weg, auf dem alle ihre Schul­ka­me­ra­din­nen noch ein­mal nebel­haft auf­tauch­ten, so wenig wirk­lich wie die Gebäu­de, die die Stra­ßen der zer­bomb­ten Stadt säumten.

„Ich war durch und durch müde, sodass ich froh war, end­lich vor dem Haus zu ste­hen. Nur kam es mir uner­träg­lich schwer vor, die Trep­pe hin­auf­zu­stei­gen. Ich sah bis zum zwei­ten Stock hin­auf, in dem unse­re Woh­nung lag. Mei­ne Mut­ter stand schon auf der klei­nen, mit Gera­ni­en­käs­ten ver­zier­ten Veran­da über der Stra­ße. Sie war­te­te schon auf mich. Wie jung sie doch aus­sah, die Mut­ter, viel jün­ger als ich. Wie dun­kel ihr glat­tes Haar war, mit mei­nem ver­gli­chen. Meins wur­de ja schon bald grau, wäh­rend durch ihres noch kei­ne sicht­ba­ren grau­en Sträh­nen lie­fen. Sie stand ver­gnügt und auf­recht da, bestimmt zu arbeits­rei­chem Fami­li­en­le­ben, mit den gewöhn­li­chen Freu­den und Las­ten des All­tags, nicht zu einem qual­vol­len, grau­sa­men Ende in einem abge­le­ge­nen Dorf, wohin sie von Hit­ler ver­bannt wor­den war.“

Im glei­chen Zug nach Pia­ski, in dem Johan­na Sichel in den Tod fuhr, saß auch die Mut­ter von Anna Seg­hers, Hed­wig Rei­ling.[76]

Wie­der zurück in die Zeit des mexi­ka­ni­schen Exils, wo die Geschich­te nie­der­ge­schrie­ben wur­de, erin­nert sie sich ihrer Auf­ga­be: „Plötz­lich fiel mir der Auf­trag mei­ner Leh­re­rin wie­der ein, den Schul­aus­flug sorg­fäl­tig zu beschrei­ben. Ich woll­te gleich mor­gen oder noch heu­te Abend, wenn mei­ne Müdig­keit ver­gan­gen war, die befoh­le­ne Auf­ga­be machen.“[77] Für Anna Seg­hers wur­de die­ser Auf­trag, der weit mehr umfass­te als die­sen Tag am Rhein, zu ihrer Lebensaufgabe.

 

Den schwe­ren Gang in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, den ihre jün­ge­re Schwes­ter Johan­na gegan­gen war, woll­te Regi­na Sichel, die Eigen­tü­me­rin des Juden­hau­ses in Wies­ba­den, nicht mehr auf sich neh­men. Als Ende August 1942 dort die Depor­ta­ti­ons­lis­ten für den letz­ten gro­ßen Trans­port bekannt wur­den, beschloss sie aus einem Leben zu schei­den, das ihr schon in den letz­ten Jah­ren nur noch eine ein­zi­ge Drang­sal war.
Regi­na Beck war am 21. Mai 1868 als sechs­tes Kind von Moses und Fan­ny Sichel gebo­ren wor­den. Auch sie hat­te zunächst, wie alle ihre älte­ren Geschwis­ter, die „Bon­di-Schu­le“ in Mainz besucht, ob sie anschlie­ßend noch einen Beruf erlern­te, ist nicht bekannt. Auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te steht „ohne Beruf“, aber das heißt nur wenig. Als sie am 4. März 1893 ihren Ehe­mann Juli­us Beck in Mainz hei­ra­te­te, war sie 24 Jah­re alt. In der Urkun­de wird er als „Geschäfts­rei­sen­der“ bezeich­net.[78] Damals lebt er in der Par­cus­str. 9, sie noch in der Mar­ga­re­t­hen­gas­se 10. Auch die nächs­ten Jah­re ver­brach­ten sie gemein­sam in Mainz. Nach ihrem Umzug nach Wies­ba­den im Jahr 1911 erschei­nen sie erst­mals im dor­ti­gen Adress­buch des Jah­res 1912[79] für zwei Jah­re mit der Adres­se Moritz­str. 28 III. Stand hier bei Juli­us Beck noch die all­ge­mei­ne Berufs­be­zeich­nung Kauf­mann, so erfährt man nach dem erneu­ten Umzug in Jahr 1914 aus dem Ein­trag, wel­che Pro­fes­si­on er genau aus­üb­te. Zwar blie­ben sie in der­sel­ben Stra­ße, mie­te­ten hier aber in der Nr. 43 eine Woh­nung im zwei­ten Stock­werk und dazu eine Flä­che im Hin­ter­haus, wo offen­sicht­lich die Geschäfts­räu­me ihrer Schuh­wa­ren­groß­hand­lung ange­sie­delt waren.  Im Adress­buch des Jah­res 1924 sind sie erst­mals als Bewoh­ner ihres 1920 erwor­be­nen Hau­ses in der Herrn­gar­ten­stra­ße ein­ge­tra­gen.[80]

Die Steu­er­ak­ten des Paa­res bzw. der Fir­ma sind nur mehr zum Teil erhal­ten und ent­hal­ten nur weni­ge Daten aus den frü­hen drei­ßi­ger Jah­ren. So wur­de für das Jahr 1931 ein Gesamtroh­ver­mö­gen von 35.866 RM fest­ge­stellt, wovon aber 33.500 RM den Wert des Haus­grund­stücks aus­mach­ten und nur 2.366 RM auf das Betriebs­ver­mö­gen ent­fie­len. Juli­us Beck selbst wur­de dar­in auch nicht mehr als Schuh­groß­händ­ler, son­dern als Leder­ab­fall­händ­ler bezeich­net.[81] Offen­sicht­lich hat­te die Welt­wirt­schafts­kri­se auch das Geschäft der Becks mit in ihren Stru­del geris­sen. Spä­tes­tens nach­dem Juli­us Beck am 20. Juli 1935 ver­starb,[82] wird das Geschäft auf­ge­ge­ben wor­den sein. Die Wit­we hat­te in den fol­gen­den Jah­ren nur noch Ein­nah­men aus der Ver­mie­tung ihres Hau­ses, das ihr inzwi­schen voll­stän­dig über­tra­gen wor­den war.[83] 1937 belie­fen sich die­se auf rund 4.800 RM, aller­dings fie­len auch Kos­ten für Steu­ern und Unter­hal­tung des Hau­ses an, sodass ihr zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men in die­sem Jahr nur 1.171 RM, also weni­ger als 100 RM pro Monat betrug.[84] Sie leb­te schon damals, obwohl Haus­ei­gen­tü­me­rin, unzwei­fel­haft in sehr ärm­li­chen Verhältnissen.

Ende 1938 wur­de mit der Ein­for­de­rung der soge­nann­ten Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be die Situa­ti­on noch pre­kä­rer. Laut dem Berech­nungs­bo­gen zu die­ser Son­der­steu­er, in dem nach mög­li­chen Abzü­gen ein Rest­ver­mö­gen von 26.000 RM zugrun­de gelegt wor­den war, wur­de von ihr die Zah­lung von ins­ge­samt 5.200 RM in vier Raten ver­langt.[85] Wie sie das Geld für die ers­ten Raten auf­ge­bracht hat­te, ist den Unter­la­gen nicht zu ent­neh­men,[86] spä­tes­tens bei der vier­ten Rate über 1.300 RM wuss­te sie sich kei­nen Rat mehr und bat das Finanz­amt um Stun­dung der Forderung:
“Ich kann mei­ne letz­te Ver­mö­gens­ab­ga­be mit RM 1277,82 nicht sofort in ihrer vol­len Höhe ent­rich­ten, son­dern nur RM 677,82,welchen Betrag ich bei der Reichs­bank hier gleich­zei­tig ein­ge­zahlt habe. Durch die bis­he­ri­gen Zah­lun­gen sind alle mei­ne mir zu Gebo­te ste­hen­den Mit­tel völ­lig erschöpft, zumal mei­ne Ein­nah­men aus mei­nem Hau­se Herrn­gar­ten­stra­ße 11 ganz außer­or­dent­lich zurück­ge­gan­gen sind, wie aus mei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung ersicht­lich ist. Ich ste­he im 72. Lebens­jahr und habe mei­ne Steu­ern seit­her auf das pünkt­lichs­te ent­rich­tet.“[87] Sie war sogar bereit, den gestun­de­ten Betrag im Grund­buch abzu­si­chern. Der Ver­merk des Sach­be­ar­bei­ters, „Ist erle­digt durch Zah­lung der Miet­ein­zie­hung“ ist lei­der unda­tiert, aber es scheint so, als habe man Regi­na Beck ein­fach die Miet­ein­nah­men gepfän­det und damit ihrem Lebens­un­ter­halt noch wei­ter ein­ge­schränkt. In einem wei­te­ren Ver­such vom Novem­ber 1939, ihr die nächs­te fäl­li­ge Zah­lung zu stun­den, wies sie dar­auf hin, dass ihr „zum Lebens­un­ter­halt nicht genug ver­bleibt“, sie des­halb „gezwun­gen war einen Teil (ihrer) Woh­nung abzu­ge­ben“. Auch sei sie wegen des gerin­gen Ein­kom­mens von der Ein­kom­men­steu­er befreit. In Anbe­tracht ihres hoben Alters sei es ihr auch unmög­lich, einer Erwerbs­ar­beit nach­zu­ge­hen.[88] Auch die­sem Gesuch wur­de nicht statt­ge­ge­ben. Als im nächs­ten Jahr die zusätz­li­che fünf­te Rate ein­ge­for­dert wur­de, hat­te man Regi­na Beck beim Finanz­amt vor­ge­la­den und ihr ein Ulti­ma­tum unter­brei­tet, wie sie die­se wei­te­re For­de­rung beglei­chen könne:
“Es ist mir eröff­net wor­den, daß die Juden­verm. Abga­be 5. Rate gezahlt wer­den muß. Ich bin damit ein­ver­stan­den, daß bis zur end­gül­ti­gen Til­gung die Ein­künf­te aus dem Grund­stück Herrn­gar­ten­str. 11 nach Abzug der Steu­ern u. Hypo­the­ken­zin­sen dem Finanz­amt zur Ver­fü­gung ste­hen. Repa­ra­tur­kos­ten müs­sen zurück­ge­stellt wer­den, aus­ge­nom­men Was­ser­schä­den.“ Dar­un­ter ihre Unter­schrift und die des Steu­er-Inspek­tors Engel­hard.[89]

Bereits vor der Finanz­kon­trol­le, die hier vom Finanz­amt bezüg­lich der Miet­ein­nah­men ver­fügt wor­den war, hat­te schon im Febru­ar 1940 die Devi­sen­stel­le in Frank­furt eine Siche­rungs­an­ord­nung erlas­sen, durch die Regi­na Beck die Ver­fü­gung über ihre Finan­zen gene­rell ent­zo­gen wor­den waren. Alle Aus­ga­ben und Ein­nah­men, auch die Mie­te, muss­ten über die­ses gesi­cher­te Kon­to abge­wi­ckelt wer­den.[90] In der damit ver­bun­de­nen Ver­mö­gens­er­klä­rung gab sie an, nach Abzug der auf dem Haus lie­gen­den Hypo­the­ken ein Ver­mö­gen von 21.500 RM zu besit­zen. Ihr Jah­res­ein­kom­men bezif­fer­te sie nun auf 550 RM, ihren monat­li­chen Bedarf auf 140 RM. Wie sie die Dif­fe­renz zwi­schen Ein­kom­men und Lebens­hal­tungs­kos­ten aus­glich, blieb offen. Sie ver­wies nur dar­auf, dass sie mit­tags unent­gelt­lich bei ihrem Bru­der essen kön­ne.[91] Es muss sich dabei um Bert­rand Sichel gehan­delt haben, der aber ein hal­bes Jahr, nach­dem sie das For­mu­lar aus­ge­füllt hat­te, ver­starb. Ihr Frei­be­trag wur­de vor dem Hin­ter­grund ihrer Aus­ga­ben am 14. Febru­ar 1940 von den zunächst gewähr­ten 300 RM auf 150 RM redu­ziert.[92]

Die­ser Brief an Regi­na Beck ist das letz­te Lebens­zei­chen, das sich von ihr in den Akten befin­det. Auch zur Umge­stal­tung des Hau­ses in ein Juden­haus, womit genau zu die­sem Zeit­punkt begon­nen wur­de, lie­gen kei­ne Brie­fe, Noti­zen oder ande­re Doku­men­te der Haus­ei­gen­tü­me­rin selbst vor. Seit Mit­te der 30er Jah­re hat­te es unter den Mie­tern bis 1938 kei­ne Ver­än­de­rung mehr gege­ben. Die klei­ne­re Erd­ge­schoss­woh­nung im Vor­der­haus war an einen Ange­stell­ten namens Baum­gar­ten ver­mie­tet, im ers­ten Stock wohn­te neben Regi­na Beck noch der jüdi­sche Tex­til­ver­tre­ter Juli­us Hom­ber­ger und in der dar­über lie­gen­den Eta­ge der Wit­wer Theo­dor Vau­pel. Das Hin­ter- bzw. Gar­ten­haus war von eben­falls vier Miet­par­tei­en belegt, ein­fa­chen Arbei­tern, einem Rent­ner und der jüdi­schen Ver­käu­fe­rin Augus­te Stein. Auch im Jahr 1939 schei­nen sich noch kei­ne wesent­li­chen Ver­än­de­run­gen erge­ben zu haben. Aber ab 1940 wur­de das Haus gefüllt. Min­des­tens 16 Per­so­nen zogen ein, im fol­gen­den Jahr dann nur noch 5, aber dann 1942 wie­der 14. Bei wei­te­ren 14 Per­so­nen sind die Ein- bzw. Aus­zugs­da­ten nicht klar, bei man­chen ist sogar unklar, ob sie über­haupt in die­sem Juden­haus gewohnt hat­te. Ihr Name erscheint dann ein­mal auf einer Lis­te oder Notiz eines Block­warts mit die­ser Adres­se, aber ande­re Bele­ge feh­len. Natür­lich haben nicht alle Per­so­nen zur glei­chen Zeit im Haus gewohnt, man­che zogen um, eini­ge ver­star­ben, aber kei­nem gelang es noch, aus die­sem Haus sein Leben zu ret­ten. In der Zeit zwi­schen Ende 1939 und Herbst1942, in der das Haus als Juden­haus fun­gier­te, wohn­ten aber nicht aus­schließ­lich Juden dort. In den Miet­un­ter­la­gen aus der Zeit nach den Depor­ta­tio­nen sind zumin­dest zwei Miet­par­tei­en auf­ge­führt, die bereits vor 1939 dort wohn­ten, die all die Mona­te das Leid ihrer Mit­be­woh­ner und auch deren Abtrans­port unmit­tel­bar wahr­ge­nom­men haben müs­sen. Selbst die Herrn­gar­ten­str. 11 mit all den vie­len hier zusam­men­ge­pferch­ten Juden war also nie ein rei­nes Juden­haus.
Die meis­ten jüdi­schen Bewoh­ner wur­den 1942 in die Ver­nich­tungs­la­ger depor­tiert, 14 am 10. Juni nach Lub­lin /​ Sobi­bor, 22 am 1. Sep­tem­ber nach The­re­si­en­stadt. Nicht bei allen konn­te das Schick­sal mit Sicher­heit geklärt wer­den. Regi­na Beck gehör­te zu den­je­ni­gen, die mit dem gro­ßen Trans­port Anfang Sep­tem­ber nach The­re­si­en­stadt ver­bracht wer­den soll­te. Am 28. August, ein Tag bevor sich die gelis­te­ten Juden in der Sam­mel­stel­le Fried­richstr. 33, der ortho­do­xen Syn­ago­ge, ein­fin­den soll­ten, wur­de sie am Mor­gen um 6.00 Uhr tot in ihrer Woh­nung auf­ge­fun­den. Sie hat­te, wie vie­le ande­re in die­sen Tagen auch, mit Gift ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt.[93]

Nicht erst mit ihrem Tod began­nen die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die hin­ter­las­se­nen Ver­mö­gens­wer­te, d.h. im Wesent­li­chen dar­um, wer das ehe­ma­li­ge Juden­haus erhal­ten und nut­zen durf­te. Im All­ge­mei­nen war das bei Depor­tier­ten kein gro­ßes recht­li­ches Pro­blem, hat­te sich der Staat am 25. Novem­ber 1941 mit der ‚Elf­ten Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz’ doch ein Instru­ment geschaf­fen, mit dem er sich pro­blem­los solch einen Besitz aneig­nen konn­te. Jedem Juden, der „sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Aus­land“ genom­men hat­te, konn­te die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen wer­den, womit zugleich die hin­ter­las­se­nen Ver­mö­gens­wer­te dem Deut­schen Reich ver­fie­len. Ob die­ser „gewöhn­li­che Auf­ent­halt“ frei­wil­lig, durch Flucht oder aber durch Depor­ta­ti­on erzwun­gen war, spiel­te in der Ver­ord­nung kei­ne Rol­le. Somit war eine bestä­tig­te „Eva­ku­ie­rung in den Osten“ hin­rei­chend für einen sol­chen Ver­mö­gens­ver­fall. Als aber immer öfter die Juden sich der Depor­ta­ti­on durch die Flucht in den Tod ent­zo­gen, muss­te eine Rege­lung geschaf­fen wer­den, die die Aneig­nung auch deren Habe ermög­li­chen wür­de. Eine sol­che Anwei­sung erhielt die zustän­di­ge Lie­gen­schafts­stel­le des Wies­ba­de­ner Finanz­amts am 11. Sep­tem­ber 1942 von der Frank­fur­ter Gesta­po­leit­stel­le unter dem Betreff:
„Beschlag­nah­me des Ver­mö­gens der­je­ni­gen Juden, die nach der Bekannt­ga­be ihrer für den 1.9.1942 vor­ge­se­he­nen Eva­ku­ie­rung ver­stor­ben sind.
Auf Grund des § 1 der VO [Ver­ord­nung] des Herrn Reichs­prä­si­den­ten zum Schutz von Volk und Staat vom 25.2.1933 beschlag­nah­me ich hier­mit mit Wir­kung vom 1.8.1942 die gesam­ten inlän­di­schen Ver­mö­gens­wer­te fol­gen­der Juden, die nach Eröff­nung der Eva­ku­ie­rungs­vfg. ver­stor­ben sind:“

Es fol­gen in alpha­be­ti­scher Rei­hen­fol­ge die 35 Namen der­je­ni­gen, die sich allein in Wies­ba­den das Leben nah­men, bevor sie am 1. Sep­tem­ber zum Bestei­gen des Zuges gezwun­gen wer­den konn­ten, dar­un­ter Regi­na Beck mit der Num­mer 7.[94]
Am 1. Sep­tem­ber teil­te die Ver­wal­te­rin des Hau­ses, eine Frau Küch­le, dem Finanz­amt Wies­ba­den den Tod der Eigen­tü­me­rin mit. Sie wis­se aber nicht, ob Erben vor­han­den sei­en.[95] Am 23. Sep­tem­ber 1942 wur­de die­se Infor­ma­ti­on von der Lie­gen­schafts­ab­tei­lung im Finanz­amt an die Devi­sen­stel­le nach Frank­furt wei­ter­ge­lei­tet.[96] Zu die­sem Zeit­punkt wuss­te man aller­dings bereits, dass es einen sol­chen Erben gab. Wie sich aus einer Akten­no­tiz beim Finanz­amt Wies­ba­den ergibt, hat­te sich dort bald nach dem Tod von Regi­na Beck Dr. Hein­rich Wil­helm Höl­zer, der nicht­jü­di­sche Schwa­ger von Regi­na Beck, gemeldet:

Regina Beck, REgina Sichel, Rhekla Sichel, Wilhelm Heinrich Hölzer, Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Notiz des Finanz­amts Wies­ba­den über das Tes­ta­ment von Regi­na Beck
HHStAW 519–2 2099 I 14

“Unauf­ge­for­dert erscheint der Dr. med. Hein­rich Höl­zer, Mainz, Stift­str. 7 und legt ein Tes­ta­ment sei­ner Schwä­ge­rin Regi­na Sara Beck vor. Das Tes­ta­ment lautet:
Wiesbaden
Den zwan­zigs­ten Juli Eintausendneunhundertsechsundreißig
Mein letz­ter Wille.
Durch die­ses, mein eigen­hän­dig geschrie­be­nes Tes­ta­ment set­ze ich mei­nen Schwa­ger Dok­tor Hein­rich Höl­zer, Mainz, als Uni­ver­sal­er­ben ein.
gez. Frau Regi­na Beck, gebo­re­ne Sichel“
Die Akten­no­tiz selbst war ange­fer­tigt am 18. Sep­tem­ber 1942.[97]

Über die­ses Tes­ta­ment hat­te man sich behörd­li­cher­seits ein­fach hin­weg­ge­setzt und die Aneig­nung der Immo­bi­lie zuguns­ten des Staa­tes in die Wege gelei­tet. Aller­dings war die in dem Rund­schrei­ben der Gesta­po genann­te Vari­an­te der Ent­eig­nung die umständ­li­che­re Form, näm­lich die­je­ni­ge, die vor den Depor­ta­tio­nen ange­wen­det wor­den war und einen grö­ße­ren Ver­wal­tungs­auf­wand erfor­der­te. Der Ver­mö­gens­ein­zug des „volks- und staats­feind­li­chen Ver­mö­gens“ muss­te zwei Wochen öffent­lich aus­ge­hängt wer­den, um Rechts­kraft zu erlan­gen. Am 26. Okto­ber 1942 bestä­tig­te der Regie­rungs­prä­si­dent Wies­ba­den, dass dies gesche­hen und der Ver­mö­gens­ein­zug damit gül­tig sei.[98] Offen­sicht­lich hat­te sich Dr. Höl­zer inzwi­schen an das Nach­lass­ge­richt gewen­det, aber von die­sem nur erfah­ren, dass „das Ver­mö­gen der Erb­las­se­rin von der Gehei­men Staats­po­li­zei beschlag­nahmt“ wor­den sei und end­gül­tig dem Deut­schen Reich ver­blei­be.[99] Dem war aber nicht so. Die gan­ze Ange­le­gen­heit blieb über Mona­te in der Schwe­be. Ende Sep­tem­ber 1943 wand­te sich der Ober­fi­nanz­prä­si­dent Kas­sel an die Wies­ba­de­ner Lie­gen­schafts­stel­le und stell­te fest, dass allein mit dem Tod von Frau Beck die Lie­gen­schaft noch nicht dem Reich ver­fal­len sei. Das Ver­mö­gen müs­se als „volks- und staats­feind­li­ches Ver­mö­gen … ein­ge­zo­gen wer­den. Eine Ein­zie­hung ist nicht erfor­der­lich, wenn nach dem Tod noch erb­be­rech­tig­te Per­so­nen im Inland waren und das Ver­mö­gen die­ser Per­so­nen auf­grund der elf­ten Ver­ord­nung dem Reich ver­fal­len oder durch Ein­zie­hungs­ver­fü­gung zu sei­nen Guns­ten ein­ge­zo­gen wor­den ist.“ [100] Das Finanz­amt Wies­ba­den sol­le über­prü­fen, ob dies der Fall sei und gege­be­nen­falls einen sol­chen Antrag auf Ein­zie­hung beim Regie­rungs­prä­si­den­ten stel­len. Man hat­te ver­mut­lich gehofft, dass der Erbe ein inzwi­schen abge­scho­be­ner Jude war, womit sich das Pro­blem erle­digt hät­te. Dies war aber nicht der Fall, denn Dr. Höl­zer war – um im Sprach­ge­brauch der Nazis zu blei­ben – zwar jüdisch ver­sippt, aber den­noch arisch. Genau des­we­gen hat­te Regi­na Beck den Mann ihrer Schwes­ter Thek­la zum Allein­er­ben gemacht. Im Dezem­ber 1943 bat der Vor­ste­her des Finanz­amts Trom­mers­hau­sen das Nach­lass­ge­richt zur Klä­rung der Ange­le­gen­heit, ihm die ent­spre­chen­den Tes­ta­ments­ak­ten zukom­men zu las­sen.[101] Wie wenig man sich um das in der Akte sicher ent­hal­te­ne Tes­ta­ment scher­te, zeigt der Ver­merk vom 27. Dezem­ber 1943. Es heißt dar­in, dass aus der Tes­ta­ments­ak­te nichts zu ent­neh­men sei, außer dass das Ver­mö­gen der Erb­las­se­rin von der Gesta­po zuguns­ten des Reichs beschlag­nahmt wor­den sei. Zugleich wur­de die Lie­gen­schafts­stel­le beauf­tragt, die Umschrei­bung des Haus­grund­stücks auf das Deut­sche Reich zu bean­tra­gen, was am 10. Janu­ar 1944 auch geschah. [102]

Beim Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten in Kas­sel war man sich der Beu­te schon sicher und hat­te bereits die Wies­ba­de­ner Lie­gen­schafts­stel­le beauf­tragt, genaue Berech­nun­gen der Woh­nun­gen und deren Wert anzu­fer­ti­gen und die­se in vier­fa­cher Aus­fer­ti­gung nach Kas­sel zu über­mit­teln. Meh­re­re Sei­ten mit genau­en Anga­ben zu den Woh­nun­gen und auch die ent­spre­chen­den Plan­zeich­nun­gen sind in der Akte erhal­ten geblie­ben.[103]

Regina Beck, Regina Sichel, Rhekla Sichel, Wilhelm Heinrich Hölzer, Oberamtsrichter von Rhein,Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Inter­ven­ti­on des Ober­amts­rich­ters Dr. Schmidt-von Rhein
HHStAW 519/​2 2099 I (18)

Bei dem Umschrei­bungs­be­geh­ren für das Grund­buch geriet das Finanz­amt wie­der an den Ober­amts­rich­ter Dr. Schmidt-von Rhein, der auch in ande­ren Fäl­len sich als Sand im Getrie­be der NS-Staats­bü­ro­kra­tie erwie­sen hat­te.[104] Auch dies­mal hat­te er recht­li­che Ein­wän­de gegen die Umschreibung:

„Die Jüdin Regi­na Sara Beck ist bereits am 28.8.1942 ver­stor­ben. Die Ein­zie­hung erfolg­te am 9.10.1942, konn­te sich also nicht mehr gegen die Ver­stor­be­ne rich­ten, son­dern muss­te sich gegen deren Erben rich­ten. Eben­so muss die Zustel­lung bezw. Bekannt­ma­chung dem­entspre­chend auch gegen die Erben erfol­gen. Das ist aber nicht gesche­hen, dem­zu­fol­ge ent­behrt die Ein­zie­hung vom 9.10.1942 der Rechts­grund­la­ge. Dar­an ändert auch die Beschlag­nah­me durch die Gesta­po vom 11.9.1942 nichts, da sie nur eine Ver­fü­gungs­be­schrän­kung, aber kei­ne Ein­zie­hung bedeu­tet.“[105]
Nach die­sem Ein­wand war das Finanz­amt gezwun­gen, beim Regie­rungs­prä­si­den­ten die Ein­zugs­ver­fü­gung am 4. April 1944 auch auf die Erben aus­zu­deh­nen zu las­sen. Der Regie­rungs­prä­si­dent war dazu aber nicht bereit, weil nach sei­ner Ansicht die „Ein­zie­hung des gesam­ten Ver­mö­gens der Wit­we Beck, das ihr zur Zeit ihres Todes gehör­te“ auch ihr „gesam­tes Nach­lass­ver­mö­gen bzw. auf das aus dem Nach­lass stam­men­de Ver­mö­gen ihrer Erben“ bei der Ver­fü­gung ein­be­zo­gen gewe­sen sei.[106] Die Ant­wort des Ober­amts­rich­ters erfolg­te am 5. Mai zwar in gedrech­sel­tem Amts­deutsch, inhalt­lich aber den­noch klar: „Der dor­ti­gen Ansicht kann hier nicht bei­getre­ten wer­den. (…) Falls die Ergän­zung nicht erfolgt, muß ich den Antrag des Finanz­amts zurück­wei­sen.“[107] Der Regie­rungs­prä­si­dent gab nach, eine neue Ein­zugs­ver­fü­gung wur­de aus­ge­stellt und vom 10. bis zum 24. Mai 1944 im Regie­rungs­ge­bäu­de in Wies­ba­den in der Lui­sen­str. 13 aus­ge­hängt. Am 6. Juni 1944, fast zwei Jah­re nach dem Tod von Regi­na Beck und nur weni­ge Mona­te vor der Kapi­tu­la­ti­on Deutsch­lands erfolg­te dann tat­säch­lich die Umschrei­bung des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses auf das Deut­sche Reich.[108]

 

Unab­hän­gig von der offe­nen Eigen­tums­fra­ge hat­te das Finanz­amt Wies­ba­den über den gesam­ten Zeit­raum den­noch bereits die Ver­wer­tung der Immo­bi­lie über­nom­men und die Ver­wal­te­rin mit der Her­rich­tung der ehe­ma­li­gen „Juden­woh­nun­gen“ und mit der Akqui­si­ti­on neu­er Mie­ter beauf­tragt. Zunächst hat­te die aber vom Finanz­amt eine Beglei­chung des drei­mo­na­ti­gen Miet­aus­falls für die depor­tier­ten Juden ange­mahnt, da die Woh­nun­gen nicht geräumt und somit auch nicht hät­ten ver­mie­tet wer­den kön­nen.[109] Natür­lich flos­sen die­se so ver­buch­ten Miet­ein­nah­men – nach Zah­lung ande­rer Kos­ten wie Steu­ern, Was­ser usw. — wie­der an die Ver­wer­tungs­stel­le im Finanz­amt zurück.
Die Rech­nun­gen über die durch­ge­führ­ten Reno­vie­rungs­ar­bei­ten las­sen erken­nen, wie weit die anti­se­mi­ti­schen Vor­ur­tei­le und Ste­reo­ty­pen im Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung inzwi­schen ver­an­kert waren. So heißt es etwa in einer Rech­nung des Anstrei­chers Nico­lai , um deren Höhe zu legi­ti­mie­ren, dass „die Juden­woh­nun­gen der­ma­ßen ver­wahr­lost (waren), dass die Leim­far­ben­an­stri­che von Decken und Wän­den mehr­mals wie­der­holt“ wer­den muss­ten und eine „voll­stän­di­ge Über­ho­lung des ver­schmutz­ten und ver­brauch­ten Holz­werk­an­strichs von Türen, Fens­tern und Fuß­bö­den“ not­wen­dig gewe­sen sei. Man habe „den gesam­ten Juden­schutt, Stei­ne und Gerüm­pel im Hofe und vom Kel­ler auf­ge­la­den und fort­ge­fah­ren“, um einer Ver­schlep­pung von Unge­zie­fer in die neu her­ge­rich­te­ten Woh­nun­gen vor­zu­beu­gen.[110] Am 29. Dezem­ber 1942 das Finanz­amt, „nach­dem in dem ehe­ma­li­gen Juden­haus, das dem Reich ver­fällt, Herrn­gar­ten­str. 11 I. Stock, das Vor­han­den­sein von Wan­zen fest­ge­stellt wor­den ist“, schon einem Kam­mer­jä­ger den Auf­trag erteilt „die Ent­we­sung der gan­zen Woh­nung“ vor­zu­neh­men.[111] Die Fra­ge, wie­so Men­schen, die zuvor immer in wohl­ge­ord­ne­ten Ver­hält­nis­sen gelebt hat­ten, auf ein­mal in sol­chen Woh­nun­gen, in Schmutz und mit Unge­zie­fer haus­ten, wur­de selbst­ver­ständ­lich nicht gestellt.

Was die Ver­wer­tung des Haus­grund­stücks anbe­langt, so gab es grund­sätz­lich zwei Mög­lich­kei­ten: den Ver­kauf oder die wei­te­re Ver­mie­tung, wobei letz­te­re wie­der­um ver­schie­de­ne Optio­nen beinhaltete.
Im Hin­blick auf einen mög­li­chen Ver­kauf hat­te sich bereits am 14. April 1942 — also mehr als vier Wochen vor der ers­ten grö­ße­ren und fast ein hal­bes Jahr vor der Depor­ta­ti­on, bei der die Eigen­tü­me­rin „eva­ku­iert“ wer­den soll­te — ein Anton Rie­gel, Nach­bar und Besit­zer einer ‚Kon­di­to­rei-Bedarfs­ar­ti­kel-Groß­hand­lung’, bzw. sei­ne Frau beim Finanz­amt gemel­det und ihr Inter­es­se an dem Haus bekundet:
“Wie ich hör­te soll dem­nächst das Haus­grund­stück, Wies­ba­den, Herrn­gar­ten­str. 11, wel­ches heu­te noch im jüdi­schen Besitz ist zum Ver­kauf kom­men. Ich bit­te höfl. um Mit­tei­lung, ob die­se Anga­ben der Rich­tig­keit ent­spre­chen und bit­te gege­be­nen­falls mir evtl. die dem Kauf­ver­trag, der durch das Finanz­amt getä­tigt wer­den soll, unter­lie­gen­den Bedin­gun­gen bekannt zu geben.“ Ihr Mann sei seit drei Jah­ren an der Front, man habe gro­ße Tei­le des eige­nen Hau­ses für Luft­schutz­zwe­cke frei­ge­ben müs­sen und des­halb nicht nur einen beson­de­ren Bedarf, son­dern wohl auch eine gewis­se Berech­ti­gung zum Erwerb des Hau­ses. Ganz offen­sicht­lich war es ein offe­nes Geheim­nis, was dem­nächst mit jüdi­schem Besitz, was viel­leicht auch mit den Juden selbst gesche­hen wür­de. Das Finanz­amt schreib zurück, sobald das Haus dem Reich ver­fal­len und zum Ver­kauf gestellt sei, wer­de man ihr Gele­gen­heit zu wei­te­ren Kauf­ver­hand­lun­gen geben.[112]
Dazu kam es nicht mehr. Zum einen sicher des­we­gen, weil die Eigen­tums­fra­ge über die gan­zen Jah­re in der Schwe­be blieb, zum ande­ren aber auch, weil am 24. April 1942 die Ver­kaufs­sper­re für die dem Reich ver­fal­le­nen jüdi­schen Immo­bi­li­en ange­ord­net wur­de.[113] Statt­des­sen soll­ten die frei gewor­de­nen Woh­nun­gen wie­der ver­mie­tet wer­den. Aber nicht nor­ma­le volks­deut­sche Woh­nungs­su­chen­de, son­dern aus­schließ­lich Staats­be­diens­te­te soll­ten in deren Genuss kom­men. Selbst städ­ti­schen Beam­ten wur­de ein Miet­ver­trag vom Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten ver­wehrt, allein Reichs­be­diens­te­te soll­ten nach des­sen Wil­len die Berech­ti­gung dazu erhal­ten.[114] Sehr strikt scheint man sich aber an die­se Anwei­sung nicht gehal­ten zu haben, denn es wur­den in der Fol­ge­zeit offen­sicht­lich auch Miet­ver­trä­ge abge­schlos­sen, die der Haus­ver­wal­te­rin eini­ge Pro­ble­me berei­te­ten. Zum einen hat­te man wohl ver­se­hent­lich eine soge­nann­te „Zigeu­ner­fa­mi­lie“ auf­ge­nom­men – ein Pro­blem, das man aber durch „Eva­ku­ie­rung“ schnell zu lösen wuss­te -,[115] zum ande­ren wohn­te zuletzt eine Wit­we dort, die durch „Rede­rei­en (…) die Ord­nung und den Frie­den des Hau­ses in erheb­li­chem Mas­se gefähr­det“ habe, so die übri­gen Mie­ter in einem von allen unter­zeich­ne­ten Schrei­ben an die Haus­ver­wal­te­rin.[116] Auch sie durf­te die Woh­nung nicht behal­ten. Ob die­se „Rede­rei­en“ womög­lich auch poli­ti­schen Cha­rak­ter gehabt hat­ten, ist dem Schrei­ben nicht zu entnehmen.

Abge­se­hen von die­sen Strei­tig­kei­ten leb­ten die die neu­en Mie­ter mit den bei­den nicht­jü­di­schen Vor­mie­tern wohl bis zum Ende des Krie­ges in dem ehe­ma­li­gen Juden­haus, das inzwi­schen Eigen­tum des Deut­schen Reichs war. Mit dem Ein­zug der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen ver­lor die bis­he­ri­ge Ver­wal­te­rin, Frau Küch­le, ihr Man­dat, das dem Steu­er­be­ra­ter August Heinz­mann über­tra­gen wur­de.[117]
Am 20. Okto­ber 1950 wur­de das Haus auf Antrag von Hen­ri­et­te Sichel an die Erben ihrer Schwes­ter zurück­er­stat­tet. Das waren damals die noch lebenden
Ber­ta Eisen­dör­fer, wohn­haft in Den­ver USA,
Julie Feud­ner, wohn­haft eben­falls in Den­ver USA,
Fan­ny Sichel-Becker und Miri­am Koschmie­der, die bei­den Töch­ter von Juli­us Sichel, wohn­haft in San Fran­cis­co USA,
Eleo­no­re und Fran­zis­ka Sichel, Töch­ter von Robert Sichel, bei­de wohn­haft in Mainz
und Hen­ri­et­te Sichel, wohn­haft in Mainz-Gon­sen­heim.[118]

Ent­schä­di­gun­gen und Rück­erstat­tung waren ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Fami­lie in alle Win­de ver­streut war, eine recht kom­pli­zier­te und lang­wie­ri­ge Ange­le­gen­heit. 1963 trenn­te sich die Fami­lie von dem Haus in der Herrn­gar­ten­str. 11, das für so vie­le Wies­ba­de­ner Juden die letz­te Sta­ti­on vor ihrer Depor­ta­ti­on war.

 

Ver­öf­fent­licht: 13. 05. 2020

Letz­te Ände­rung: 16. 07. 2020

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] HHStAW 519/​2 2099 (2).

[2] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 91 Bl. 1374 Innen.

[3] Ster­be­re­gis­ter Ber­lin Char­lot­ten­burg I 45 /​ 1899.

[4] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 21 /​ 1893.

[5] In dem 2013 erschie­ne­nen Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Regi­na Beck ist fälsch­li­cher­wei­se von nur sie­ben Kin­dern die Rede, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​e​c​k​-​R​e​g​i​n​a​.​pdf. (Zugriff: 2.5.2020). In Leder, u.a., Aus­ge­plün­dert und ver­wal­tet, S. 436, ist immer­hin von zwölf Kin­dern die Rede. Aber auch die­se Anga­be ist nicht korrekt.

[6] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 289 /​ 1859. Auch die Eltern von Aron Moses Sichel, Moses Michel und sei­ne Frau Caro­li­ne, gebor­ne Ben­der, leb­ten in Mainz. Zumin­dest ist der 1768 gebo­re­ne Aron Moses Sichel dort am 16.4.1829 auch ver­stor­ben. Sei­ne Frau leb­te von 1799 bis 1884. Nach dem Tod ihres wesent­lich älte­ren Ehe­manns war sie eine wei­te­re Ehe mit einem Joseph Hirsch II ein­ge­gan­gen. Auch die Eltern von Moses Sichel dem älte­ren sind bekannt. Es waren Rapha­el Sichel, gebo­ren 1740, und Kie­fer Taub, gebo­ren 1745. https://​www​.ancestry​.de/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​p​e​r​s​o​n​/​t​r​e​e​/​6​4​2​8​3​1​9​/​p​e​r​s​o​n​/​1​7​2​1​4​2​8​1​1​5​7​3​/​f​a​c​t​s​?​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​7​4​4​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020).

[7] Zur Geschich­te der Unter­richts­an­stalt der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­sell­schaft zu Mainz, hg. von der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­sell­schaft Mainz, Frank­furt 1934, passim.

[8] Ster­be­re­gis­ter Mainz 1596 /​ 1890 für Fan­ny Sichel. Bei­de Todes­da­ten sind auch auf dem Grab­stein auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Mainz ein­gra­viert, sie­he https://​www​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​1​7​6​1​7​7​1​2​1​/​a​a​r​o​n​-​m​o​s​e​s​-​s​i​c​h​e​l​#​v​i​e​w​-​p​h​o​t​o​=​1​5​1​9​6​8​621 und https://www.findagrave.com/memorial/176177098/fann%C3%BF-sichel. (Zugriff: 2.5.2020).

[9] Die bio­gra­phi­schen Aus­füh­run­gen zu den Kin­dern sind nach der Rei­hen­fol­ge ihrer Gebur­ten geord­net, nur Regi­na ist an das Ende gestellt wor­den, weil sie die Eigen­tü­me­rin und Bewoh­ne­rin des Juden­hau­ses war, das anschlie­ßend betrach­tet wer­den soll.

[10] https://www.ancestry.de/interactive/7814/WORRG13_2807_2808-0085/15326439?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75708683/person/36479280902/facts. (Zugriff: 2.5.2020).

[11] https://www.ancestry.de/interactive/1558/31280_197650-00557/3607934?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75708683/person/36479260864/facts. (Zugriff: 2.5.2020).

[12] https://www.ancestry.de/interactive/7814/WORRG13_2807_2808-0085/15326439?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75708683/person/36479280902/facts. (Zugriff: 2.5.2020).

[13] Im Cen­sus von 1930 ist er mit die­ser Adres­se dort auf­ge­führt. Sie­he https://​www​.ancestry​.de/​i​n​t​e​r​a​c​t​i​v​e​/​6​2​2​4​/​4​5​3​2​3​8​3​_​0​0​4​8​8​?​p​i​d​=​1​0​1​4​3​2​4​5​4​&​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​r​c​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​6​6​9​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020).

[14] Anga­be nach Ancestry, aller­dings ohne Quel­len­be­leg. Die Toch­ter Bren­da starb am 2.3.1995 in Nor­wich, nach­dem ihr ers­ter Mann 1918 im Ers­ten Welt­krieg gefal­len war. Ihr zwei­ter Ehe­mann Dud­ley Richard Hubert Brennan war eben­falls vor ihr im Jahr 1980 ver­stor­ben. Ihre Schwes­ter blieb ver­mut­lich ledig und starb am 3.1.1974 in Lam­beth bei Lon­don. Anga­ben eben­falls nach Ancestry.

[15] Geburts­re­gis­ter Mainz 1509 /​ 1861.

[16] HHStAW 518 6665 (64).

[17] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 265 /​ 1930. Die Eltern der Braut waren Johann Bap­tist und Ger­tru­de Mül­ler, gebo­re­ne Rehard, sie­he Ster­be­re­gis­ter Nie­der­ro­den­bach 1 /​ 1957.

[18] HHStAW 518 6665 (57).

[19] Ebd. (17).

[20] Die Anga­ben zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be sind nicht ganz ein­deu­tig, da die 5. Rate sich ins­ge­samt auf 1.500 RM belief, so die Aus­kunft der Dresd­ner Bank, sie­he ebd. (92), was eigent­lich bedeu­ten wür­de, dass die ers­te vier Raten ins­ge­samt 6.000 RM betra­gen haben müss­ten. Dem gegen­über steht die Aus­kunft der Rhein-Main-Bank vom 7.3.195, in der es heißt, dass für die ers­ten vier Raten mehr als 10.000 RM zum Teil in bar, zum Teil durch Über­ga­be von Wert­pa­pie­ren gezahlt wor­den sei­en, sie­he ebd. (16).

[21] Ebd. (5).

[22] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1796 /​ 1940. Der ihn damals behan­deln­de Arzt hat­te in einem Schrei­ben im Zusam­men­hang mit dem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ange­ge­ben, dass der Hirn­schlag „wahr­schein­lich durch Auf­re­gung infol­ge ras­si­scher Ver­fol­gung ein­ge­tre­ten“ sei. Dies ließ die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de nicht gel­ten. In einem Bescheid vom März 1951 zur Ent­schä­di­gung von Leib und Leben heißt es: „Abge­se­hen davon, daß ’Wahr­schein­lich­keit’ zum Nach­wei­se eines ursäch­li­chen Zusam­men­han­ges zwi­schen Ver­fol­gung und Tod nicht aus­reicht, kann auch der Tod nicht als eine Fol­ge unmit­tel­ba­rer Ver­fol­gung ange­se­hen wer­den. Der Ver­folg­te ist nicht in den Tod getrie­ben wor­den, son­dern an Gehirn­schlag im Alter von 78 Jah­ren gestorben.
Damit ent­fal­len die von der Antrag­stel­le­rin ange­mel­de­ten Ansprü­che aus dem von dem Ver­folg­ten erlit­te­nen Scha­den am Leben man­gels der Vor­aus­set­zung des § 13 ES.“
Ebd. (38).
Sei­ne Frau über­leb­te die NS-Zeit und starb am 8. Janu­ar 1957 in Nie­der­ro­den­bach im Alter von 72 Jah­ren, Ster­be­re­gis­ter Nie­der­ro­den­bach 1 /​ 1957. Die Todes­nach­richt über­brach­te Johann, genannt Hans Mül­ler, der Sohn der Verstorbenen.

[23] https://www.ancestry.de/interactive/7884/31111_4327304-00194?pid=187100338&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7884%26h%3D187100338%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV304%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV304&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020).

[24] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​5​1​8​7​&​h​=​1​0​3​5​3​9​3​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​4​8​7​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020). Auch https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​2​1​1​8​/​i​m​a​g​e​s​/​B​0​2​0​0​9​6​-​0​0​4​4​9​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​f​b​4​d​2​4​2​2​3​a​4​2​a​2​8​d​2​f​2​0​3​2​c​b​1​0​8​3​9​7​1​7​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​2​3​6​6​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​r​c​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​4​3​7​022. (Zugriff 9.11.2020).

[25] Geburts­re­gis­ter Mainz 674 /​ 1864. Das Ster­be­da­tum ist von GENI über­nom­men, sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​c​a​n​v​a​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​5​0​8​4​7​9​3​3​522. (Zugriff: 2.5.2020).

[26] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 141 /​ 1903. Die am 27.8.1868 gebo­re­ne Ehe­frau war die Toch­ter des Main­zer Speng­ler­meis­ters Josef Edu­ard Reit­may­er und des­sen Frau Eleo­no­re, gebo­re­ne Volkert.

[27] Geburts­re­gis­ter Mainz 196 /​ 1894.

[28] Ster­be­re­gis­ter Mainz 245 /​ 1930.

[29] Ster­be­re­gis­ter Hof­heim 52 /​ 1948.

[30] Für Eleo­no­re Fan­ny Maria, die am 4.3.1967 ver­starb, sie­he Ster­be­re­gis­ter Mainz 391 /​ 1967 und für Fran­zis­ka Jose­pha, ver­stor­ben am 9.12.1965, sie­he Ster­be­re­gis­ter Alzey 322 /​ 1965.

[31] Geburts­re­gis­ter Mainz 1078 /​ 1870.

[32] Ster­be­re­gis­ter Mainz 164 /​ 1933.

[33] Geburts­re­gis­ter Mainz 1469 /​ 1871.

[34] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 562 /​ 1901. Trau­zeu­ge bei der Hei­rat war Juli­us Beck, der spä­te­re Ehe­mann von Regi­na Sichel.

[35] Die Geburts­da­ten der Kin­der sind dem Ein­bür­ge­rungs­an­trag der Eltern ent­nom­men, sie­he unten Anm. 27.

[36] https://www.ancestry.de/interactive/1068/K_1791_080550-0577?pid=1399842&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D1068%26h%3D1399842%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV573%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV573&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020).

[37] https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_770-0353?pid=4013507846&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7488%26h%3D4013507846%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV543%26_phstart%3Dsucc. (Zugriff: 2.5.2020). Zuletzt hat­te die Frau mit den Kin­dern wohl im bay­ri­schen Obing im Chiem­gau gewohnt. Durch die Hei­rat hat­ten sie alle offen­sicht­lich die unga­ri­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit erwor­ben, wie den Rei­se­pa­pie­ren zu ent­neh­men ist.

[38] In wel­chem genau­en ver­wandt­schaft­li­chen Ver­hält­nis die bei­den zuein­an­der und zur Fami­lie Eisen­dör­fer stan­den, ist nicht bekannt.

[39] https://www.ancestry.de/interactive/61194/100587133_00092?pid=208229&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D61194%26h%3D208229%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV546%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV546&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020). Auch beim Cen­sus im Jahr 1930 leb­ten sie noch dort.

[40]  https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​5​7​2​3​7​5​:​9​7​3​4​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​1​b​4​f​6​3​7​9​5​0​2​0​a​7​4​f​e​4​3​e​6​8​2​a​f​9​9​e​f​4​8​a​&​_​p​h​s​r​c​=​E​k​t​2​3​0​0​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020). Die eigent­li­che Pas­sa­gier­lis­te unter http://212.227.236.244/passagierlisten/listen.php?ArchivIdent=AIII15-04.12.1929_N&pass=Eisend%F6rfer&ID=331051&ankunftshafen=New%20York&lang=en kann zur Zeit nicht auf­ge­ru­fen werden.
.

[41] https://www.ancestry.de/interactive/2238/44027_13_00038-01534?pid=195064654&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D2238%26h%3D195064654%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV588%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV588&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020). In wel­cher Funk­ti­on er die­sen Dienst absol­vier­te, als Arzt oder Sol­dat, ist nicht bekannt.

[42] https://www.ancestry.de/interactive/60882/42155_332619-01425?pid=5090305&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D60882%26h%3D5090305%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV582%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV582&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020).

[43] https://www.ancestry.de/interactive/60882/42155_333307-01607?pid=2202575&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D60882%26h%3D2202575%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV580%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV580&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020). Der Flug ging damals nur bis Lis­sa­bon, ver­mut­lich wird er aber nach Deutsch­land wei­ter­ge­reist sein.

[44] https://www.ancestry.de/interactive/60882/42155_333404-00131?pid=6886231&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D60882%26h%3D6886231%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV581%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV581&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020).

[45] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​3​6​9​3​&​h​=​1​7​5​4​4​5​9​7​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​5​8​5​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020).

[46] Die Daten sind ver­schie­de­nen Ein­tra­gun­gen von Ancestry ent­nom­men, kön­nen aber als gesi­chert ange­se­hen werden.

[47] https://​www​.ancestry​.de/​i​n​t​e​r​a​c​t​i​v​e​/​6​2​2​4​/​4​5​3​2​3​8​3​_​0​0​4​8​8​?​p​i​d​=​1​0​1​4​3​2​4​5​4​&​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​r​c​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​6​6​9​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 2.5.2020).

 

[48] Mit die­sem Namen erscheint sie auch in den Ent­schä­di­gungs­ak­ten ihrer Schwes­ter Regi­ne, sie­he HHStAW 518 712 (1).

[49] Ihr Alter ist beim Cen­sus 1940 mit 33 Jah­ren ange­ge­ben. Sie­he https://www.ancestry.de/interactive/2442/m‑t0627-00488–00246?pid=40348764&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D2442%26h%3D40348764%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV632%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV632&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 2.5.2020).

[50] Geburts­re­gis­ter Mainz 513 /​ 1875. Sie­he zu ihrer Bio­gra­phie Leder, u.a., Aus­ge­plün­dert und ver­wal­tet, S. 436–438, wo Hen­ri­et­te Sichel ein eige­nes knap­pes Kapi­tel gewid­met ist. Die fol­gen­de Dar­stel­lung ori­en­tiert sich an den dort vor­ge­tra­ge­nen Recherchen.

[51] Ebd. S. 436.

[52] Um 1935 war die Num­me­rie­rung in der Stra­ße geän­dert wor­den. Die ursprüng­li­che Num­mer 10 war damals zur Num­mer 28 gewor­den. Neben dem Eltern­haus von Hen­ri­et­te waren auch die bei­den Häu­ser Mar­ga­re­t­hen­gas­se 19 und 21 zu Juden­häu­sern gewor­den. Allein aus die­sen drei Häu­sern wur­den bei den ver­schie­de­nen Depor­ta­tio­nen etwa 90 Per­so­nen in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­bracht. Sie­he http://​www​.main​z1933​-1945​.de/​r​u​n​d​g​a​n​g​/​t​e​i​l​-​i​-​i​n​n​e​n​s​t​a​d​t​/​j​u​d​e​n​h​a​u​s​.​h​tml. (Zugriff: 2.5.2020).

[53] Tage­buch einer jüdi­schen Gemein­de, S. 82.

[54] Brü­chert, Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ras­sen­wahn, S. 85.

[55] Sie­he zu den recht­li­chen Bestim­mun­gen oben das Kapi­tel Aus­wan­de­rung, Depor­ta­ti­on und die Rol­le der Finanz­ver­wal­tung, dazu The­re­si­en­stadt betref­fen die Anm. 25. In ‚Aus­ge­plün­dert und ver­wal­tet’ wird auf S. 438 gesagt, dass die Finanz­be­hör­den das Tes­ta­ment über­gan­gen hät­ten, weil eine sol­che tes­ta­men­ta­ri­sche Eigen­tums­über­tra­gung 1942 nicht mehr zuge­las­sen gewe­sen sei. Die­se Aus­sa­ge erscheint vor dem Hin­ter­grund, dass Hen­ri­et­te Sichel 1942 nicht zu Tode gekom­men war, es somit auch kei­ne Ster­be­ur­kun­de gab, eher fragwürdig.

[56] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S.334. Dazu Arol­sen Archiv https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/​G​/​S​I​M​S​/​0​1​0​1​4​2​0​2​/​0​1​2​2​/​1​3​2​6​3​5​9​2​6​/​0​0​1​.​jpg. (Zugriff: 2.5.2020).

[57] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S.334.

[58] Arol­sen Archiv https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/​r​e​m​o​t​e​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​.​a​r​o​l​s​e​n​-​a​r​c​h​i​v​e​s​.​o​r​g​/​H​/​C​M​1​/​P​o​s​t​_​W​a​r​/​0​3​0​2​0​1​0​1​/​0​7​5​0​/​1​5​8​4​2​7​1​3​2​/​0​0​1​.​j​p​g​?​w​i​d​t​h​=​700. (Zugriff: 2.5.2020).

[59] Gon­sen­hei­mer Erin­ne­run­gen, Kata­log zur Aus­stel­lung. Jüdi­sche Nach­ba­rin­nen und Nach­barn zwi­schen Inte­gra­ti­on und Aus­gren­zung, hg. Insti­tut für Geschicht­li­che Lan­des­kun­de an der Uni­ver­si­tät Mainz e.V., Mainz 2019, S. 90.

[60] Ster­be­re­gis­ter Mainz 1012 /​ 1961.

[61] https://​www​.all​ge​mei​ne​-zei​tung​.de/​l​o​k​a​l​e​s​/​m​a​i​n​z​/​s​t​a​d​t​t​e​i​l​e​-​m​a​i​n​z​/​g​o​n​s​e​n​h​e​i​m​/​s​i​e​b​e​n​-​s​t​o​l​p​e​r​s​t​e​i​n​e​-​z​u​m​-​g​e​d​e​n​k​e​n​-​a​n​-​n​s​-​o​p​f​e​r​-​v​e​r​l​e​g​t​_​1​9​1​4​5​239. (Zugriff: 2.5.2020).

[62] Geburts­re­gis­ter Mainz 1747 /​ 1876. Thek­la war das ers­te der Kin­der, das wäh­rend der Grund­schul­zeit nicht mehr die jüdi­sche „Bon­di-Schu­le“ besucht hatte.

[63] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 955 /​ 1922. Wil­helm, wie er mit Ruf­na­me genannt wur­de, war das zwei­te von ins­ge­samt vier Kin­dern des Ehe­paars Georg David Höl­zer, gebo­ren am 12.5.1844 in Arhei­li­gen bei Darm­stadt, und sei­ner Frau Sophie Eva Eichel, gebo­ren am 26.10.1850 in Bacha­rach. Sei­ne Geschwis­ter waren Sophia Eli­sa­beth, gebo­ren am 18.1.1880, Karo­li­ne Marie Sophie, gebo­ren am 21.1.1883, und Georg David Karl Her­bert, gebo­ren am 7.3.1886. Die Kin­der wur­den alle in Mainz gebo­ren, auch der Vater ver­starb dort am 25.3.1896. Sie­he https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​d​b​i​d​=​8​9​5​8​&​h​=​2​1​1​9​1​&​i​n​d​i​v​=​t​r​y​&​o​_​v​c​=​R​e​c​o​r​d​:​O​t​h​e​r​R​e​c​o​r​d​&​r​h​S​o​u​r​c​e​=​6​0​541. (Zugriff: 2.5.2020).

[64] In der Lis­te der Gel­tungs­ju­den ist sie auf­ge­führt, sie­he https://​zen​tral​ar​chiv​-juden​.de/​b​e​s​t​a​e​n​d​e​/​p​e​r​s​o​n​e​n​s​t​a​n​d​s​r​e​g​i​s​t​e​r​/​a​r​c​h​i​v​a​l​i​e​n​s​a​m​m​l​u​n​g​-​j​u​e​d​-​g​e​m​e​i​n​d​e​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​/​v​e​r​z​e​i​c​h​n​i​s​/​1​0​-​f​r​a​g​e​b​o​e​g​e​n​-​p​e​r​s​o​n​e​n​s​t​a​n​d​s​r​e​g​i​s​t​er/. (Zugriff: 2.5.2020).

[65] https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/6–3‑1–1%20/%20H_6311043267/?p=1&doc_id=86227975. (Zugriff: 2.5.2020).

[66] Ster­be­re­gis­ter Mainz 1747 /​ 1945.

[67] Ster­be­re­gis­ter Mainz 1497 /​ 1945.

[68] https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/6–3‑1–1%20/%20H_6311043267/?p=1&doc_id=86227975. (Zugriff: 2.5.2020).

[69] https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/6–3‑1–1%20/%20H_6311043267/?p=1&doc_id=86227974. (Zugriff: 2.5.2020).

[70] https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/6–3‑1–1%20/%20H_6311043267/?p=1&doc_id=86227969. (Zugriff: 2.5.2020).

[71] Geburts­re­gis­ter Mainz 229 /​ 1878 und Ster­be­re­gis­ter Mainz 786 /​1914.

[72] Geburts­re­gis­ter Mainz 593 /​ 1879.

[73] Zur dienst­li­chen Bio­gra­phie sie­he https://​arcin​sys​.hes​sen​.de/​a​r​c​i​n​s​y​s​/​d​e​t​a​i​l​A​c​t​i​o​n​.​a​c​t​i​o​n​?​d​e​t​a​i​l​i​d​=​v​5​4​6​5​8​3​5​&​i​c​o​m​e​f​r​o​m​=​s​e​a​rch. (Zugriff: 2.5.2020). In Frau­en­le­ben in Magen­za, hg. Frau­en­bü­ro der Lan­des­haupt­stadt Mainz, Mainz 2015, S. 24 heißt es dage­gen, dass sie bereits 1902 in den Schul­dienst ein­ge­tre­ten sei. 1938 habe sie noch ein­mal den erfolg­lo­sen Ver­such unter­nom­men, eine Wie­der­ein­stel­lung zu erreichen.

[74] Die genaue Datie­rung des Trans­ports ist umstrit­ten, aber er fand im Zeit­raum zwi­schen dem 20. und 25. März statt. Sie­he dazu Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­ne­nen, S. 186 f. und https://​depor​ta​ti​on​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​5​6​0​4​9​1​7​&​i​n​d=0. (Zugriff: 2.5.2020).

[75] Seg­hers, Anna, Der Aus­flug der toten Mäd­chen, Ber­lin 2018, S.14 f.

[76] Anna Seg­hers hieß eigent­lich Net­ty Rei­ling. Zu ihrer Mut­ter sie­he Frau­en­le­ben in Magen­za, S. 26. In die­sem Trans­port waren auch Sabi­ne Hirsch­ber­ger und Sel­ma Zipo­rah Trepp, gebo­re­ne Hirsch­ber­ger, bei­des Schwes­tern des im Wies­ba­de­ner Juden­haus Her­mann­str. 17 leben­den Hugo Hirsch­ber­ger. Sel­ma Zipo­rah Trepp war die Mut­ter des bekann­ten Main­zer Rab­bi Leo Trepp.
Sicher nicht zufäl­lig ist in dem Band, der 1946 erst­mals erschien, eine wei­te­re Erzäh­lung mit dem Titel ‚Das Ende’ ent­hal­ten, in der ein ehe­ma­li­ger Ober­auf­se­her von Pia­ski die zen­tra­le Figur spielt. Nicht Schuld­ge­füh­le, son­dern die Angst ent­deckt und zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen zu wer­den, machen ihn unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de zu einem Getrie­be­nen, der rast­los durch das Land streift. Am Ende tritt auch er – wie zuvor so vie­le sei­ner Opfer und zur Freu­de sei­nes geschun­de­nen Soh­nes — die Flucht in den Tod an.

[77] Seg­hers, Aus­flug der toten Mäd­chen, S. 39.

[78] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 81 /​ 1893.

[79] Dass der Umzug 1911 statt­ge­fun­den hat­te, schrieb Regi­na Beck in einem Brief an das Finanz­amt Wies­ba­den vom 10.11.1939, sie­he HHStAW 685 47 (19). Vermögensteuer.

[80] Mög­li­cher­wei­se waren sie aber bereits frü­her dort­hin ver­zo­gen. Im Infla­ti­ons­jahr 1923 war kein Adress­buch in Wies­ba­den erschienen.

[81] HHStAW 685 47 (3) Vermögensteuer.

[82] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1132 /​ 1935. Die Todes­nach­richt wur­de auch in die­sem Fall dem Stan­des­amt von Regi­nas jüngs­ter Schwes­ter Johan­na Sichel überbracht.

[83] HHStAW 685 47 (12) Vermögensteuer

[84] Ebd. (8) Einkommensteuer.

[85] Ebd. (4) Vermögensteuer.

[86] In der Berech­nung für die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be sind neben dem Haus noch rund 4.700 RM an wei­te­ren Ver­mö­gens­wer­ten auf­ge­führt, dar­un­ter noch 3.300 RM an Betriebs­ver­mö­gen und wei­te­re 1.400 RM an sons­ti­gem Ver­mö­gen, viel­leicht ein Spar­kon­to und ein wenig Schmuck aus bes­se­ren Zei­ten. Ver­mut­lich konn­te sie dar­aus liqui­de Mit­tel beschaffen.

[87] Ebd. (16) Vermögensteuer.

[88] Ebd. (19 f.)

[89] Ebd. (18). Sie hat­te einen Antrag gestellt, von die­ser Zah­lung befreit zu wer­den, sie­he HHStAW 519/​3 2381 (6)

[90] HHStAW 519/​3 2381 (1, 3).

[91] Ebd. (5). Wer die Haus­an­ge­stell­te war, die monat­lich 20 RM erhielt, ist nicht bekannt.

[92] Ebd. (7).

[93] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1832 /​ 1942.

[94] HHStAW 519/​2 1381 (o.P.). Eine glei­che Mel­dung erfolg­te auch für jede Per­son auf der Lis­te noch ein­mal indi­vi­du­ell, für Regi­na Beck sie­he 519/​2 2099 I (7).

[95] Ebd. (2).

[96] Ebd. (o.P.).

[97] Ebd. (14).

[98] Ebd. (5).

[99] Ebd. (57, 58).

[100] Ebd. (63).

[101] Ebd. (64).

[102] Ebd. (o.P.).

[103] Ebd. (o.P.)

[104] Sie­he dazu bei­spiels­wei­se oben die Kapi­tel über Mat­hil­de und Ali­ce Straus und Juden­haus Grill­par­zer­str. 9 Sebald und Hed­wig Strauss im Juden­haus Bahn­hofstr. 46 und Leo­pold und Doro­thea Kat­zen­stein mit ihrem Haus in der Emser Str. 26a.

[105] 519/​2 2099 I (o.P.), Schrei­ben vom 17.1.1944.

[106] Ebd. (o.P.) Schrei­ben vom 30.4.1944.

[107] Ebd.

[108] Ebd., sie­he auch Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 91 Bl. 1374 Innen.

[109] HHStAW 519 2099 II (53, 56).

[110] HHStAW 519/​2 2099 III (o.P.).

[111] HHStAW 519/​2 2099 II. (37).

[112] HHStAW 519/​2 2099 I (12).

[113] Sie­he dazu oben den ent­spre­chen­den Abschnitt in „Raub und Ver­wer­tung der jüdi­schen Immobilien“.

[114] HHStAW 519/​2 2099 II (22, 44).

[115] In dem Brief von Frau Küch­le an die Finanz­ver­wal­tung heißt es:
„Auf Ver­an­las­sung des städt. Woh­nungs­am­tes und des Wehr­machts­of­fi­ziers wur­de am 1. Okto­ber 42 die Woh­nung Herrn­gar­ten­str. 11 Vrdh. Erd­gesch. An die Fami­lie Ströh­mann ver­mie­tet. Es wur­de sei­ner­zeit gesagt: Herr Ströh­mann steht als Ober­ge­frei­ter im Feld, die Fami­lie hät­te 6 Kin­der, die in Pfle­ge sei­en, weil Frau Ströh­mann kei­ne Woh­nung hät­te. Es müss­te der Frau Ströh­mann unbe­dingt eine Woh­nung zuge­wie­sen wer­den, dass sie die Kin­der wie­der zu sich neh­men könnte.
Etwa drei Wochen nach dem Ein­zu­ge von Frau Ströh­mann wur­de ich von der Kri­mi­nal­po­li­zei ange­ru­fen, ob ich nicht wüss­te, was in der Woh­nung Herrn­gar­ten­str. 11 vor sich gehen wür­de. Ich habe dar­auf hin sofort Räu­mungs­kla­ge eingereicht.
Frau Ströh­mann ist inzwi­schen ins Lager gekommen.
Die Kin­der hat sie nie in der Woh­nung gehabt. Die sol­len ihr übri­gens schon vor­her ent­zo­gen wor­den sein.
Am 16. März 43 ist Ströh­mann zur Räu­mung ver­ur­teilt wor­den. Am 2. April 43 schreibt mir mein Rechts­bei­stand Dr. Schrö­der folgendermaßen:
‚In Sachen  Ströh­mann schreibt mir der Poli­zei­prä­si­dent wie folgt:
’Der Zigeu­ner Her­mann Klein, hier, Wageman­str. 14, wur­de am 9.3.43 evakuiert.’’
Gehen Sie doch mit dem zustän­di­gen Poli­zei­be­am­ten und eini­gen Leu­ten in die Woh­nung und räu­men. Stel­len Sie die noch vor­han­de­nen Sachen zusam­men, oder sonst in einen Unterstellraum.’
Ich möch­te dazu erklä­ren, dass der Zigeu­ner Klein der Vater von Frau Ströh­mann ist.
Inzwi­schen hat sich aber die Mut­ter von Herrn Ströh­mann, eine gewis­se Frau Ries mit Anhang in die Woh­nung gesetzt. Sie woll­te vor meh­re­ren Tagen die poli­zei­li­che Anmel­dung von mir unter­schrie­ben haben. Die Unter­schrift habe ich ver­wei­gert und Frau Ries an Sie ver­wie­sen. Sie scheint aber nicht bei Ihnen gewe­sen zu sein.
Heu­te war nun Herr Ströh­mann mit sei­ner Mut­ter in mei­nem Büro, um die Mie­te zu beglei­chen. Die Zah­lung habe ich vor­läu­fig nicht angenommen.
Ströh­mann erklär­te, für das Ver­hal­ten sei­ner Frau könn­te er nicht ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Sie wür­de auch nie mehr in sein Haus kom­men. Sei­ne Mut­ter hät­te sich in die Woh­nung gesetzt, um sei­nen Haus­stand zu betreuen.
Mei­ner Mei­nung nach sind es kei­ne Mie­ter für eine Woh­nung in der Herrngartenstrasse.
Ich bit­te um Ihre gefl. Stel­lung­nah­me.“
Ebd. (57).

[116] Ebd. (o.P.).

[117] Ebd. (o.P.). Zu August Heinz­mann sie­he oben.

[118] Ebd. (o.P.).