Lina Neu

Das Leben der jüdischen Witwe Lina Neu, geborene Weißenfeld, die am 18. März 1942 in die Adolfsallee 30 einzog, ist, wie in zu vielen anderen Fällen, heute kaum mehr zu rekonstruieren. Aus dem Eintrag im amtlichen Sterberegister Wiesbadens von 1942 kennt man zumindest die Namen ihrer Eltern, den Vater Philipp Weißenfeld und die Mutter Doris, geborene Lehmann. Ihnen war Lina am 11. November 1867 in Nürnberg geboren worden.[1]

Sie hatte auch den Kontakt nach Nürnberg bis zuletzt aufrechterhalten, hatte vermutlich sogar vor ihrem Einzug in das Judenhaus im März 1942 vom 8. Juli 1940 an für ungefähr eineinhalb Jahre wieder in Nürnberg gelebt.[2]
Wahrscheinlich gab es auch noch verwandtschaftliche Beziehungen in den fränkischen Raum, vielleicht lebte ursprünglich auch ihr Sohn dort, der in der Devisenakte am Rande einmal erwähnt wird. Um ihre Forderung nach einer Sicherungsanordnung für das Vermögen von Lina Neu zu begründen, verwies die Zollfahndungsstelle Mainz im August 1938 darauf, dass dieser Sohn, der namentlich nicht genannt wurde, nach Luxemburg ausgewandert sei.[3] Ansonsten kann man aus den vorliegenden amtlichen Dokumenten weder über ihn, noch über seinen Vater etwas in Erfahrung bringen. Es liegen allerdings Hinweise vor, dass der 1861 geborene und 1926 verstorbene Ludwig Neu der Ehemann von Lina Neu und auch der Vater des Sohnes namens Hans gewesen sein könnte.[4] Dieser Angabe zufolge hatte Hans später eine Beziehung mit einer Ann Margarete Mackh, aus der zwei Töchter hervorgegangen sein sollen. Die ältere Inge wird auch in der Korrespondenz von Lina Neu mit der Devisenstelle erwähnt, denn um sie hatte sich die Großmutter besonders gekümmert. Inge sei mittellos und seit 15 Jahren von ihr unterstützt worden, schrieb sie an die Devisenstelle im Zusammenhang mit dem Erlass der Sicherungsanordnung im September 1938. Diese Anordnung bezog sich auf ihr Vermögen von knapp 60.000 RM, das in einem Wertpapierdepot bei der Dresdner Bank in Nürnberg eingelagert war.[5] Man hatte ihr zwar die Erträge freigestellt, da diese aber nur etwa 2.500 RM pro Jahr erbrachten, bat sie darum, jährlich Papiere aus ihrem Depot in der Höhe von 4.500 RM verkaufen zu dürfen, um ihren eigenen Lebensbedarf und ihre Verpflichtungen gegenüber der Familie finanzieren zu können.[6] Explizit verwies sie in diesem Zusammenhang auf die Enkelin Inge, die damals in München einen Sprachkurs absolvierte. Auch in den folgenden Jahren 1940 und 1941 bat sie um die Freigabe zusätzlicher Mittel zu deren Unterstützung. In diesen Schreiben wird die Enkelin allerdings weder mit dem Namen des mutmaßlichen Vaters Hans, also als Inge Neu, noch mit dem Nachnamen der angeblichen Mutter, nämlich Mackh,[7] angegeben. Die Großmutter nennt sie stattdessen Inge von Kunitzki, sie sei zudem „Mischling 1. Grades. [8] In einem weiteren Schreiben vom Juni 1942, in dem Lina Neu erneut der Devisenstelle ihre Lebenshaltungskosten mitteilen musste, gab sie jetzt an, dass sie, abgesehen von den 190 RM, die sie für sich selbst benötigte, monatlich 125 RM an festen Ausgaben zur Unterstützung ihrer Enkel habe. Hier ist zunächst wieder Inge erwähnt, die wegen ihrer Ausbildung zur Sprachlehrerin noch immer in München weilte. Zum anderen sind jetzt weitere drei minderjährige Enkelkinder, ebenfalls „Mischlinge ersten Grades“ erwähnt, die bei der „deutschblütigen Mutter, Frau Fricka von Kunitzky in Luxemburg“ leben würden.[9]
Da Lina Neu von ihren Enkelkindern schrieb, ist eigentlich davon auszugehen, dass Hans der Vater der namentlich wieder nicht genannten Kinder war und diese nicht aus einer vorherigen Beziehung stammten. Dass sie nicht den Namen des Vaters trugen rührt möglicherweise daher, dass die Eltern nicht verheiratet waren, oder sich scheiden ließen, um durch die Annahme des mütterlichen, zudem adeligen Namens die Kinder besser schützen zu können. In jedem Fall wurden die Bitten der Großmutter von der Devisenstelle immer erfüllt.[10]
Wann die Mutter mit ihren Kindern nach Luxemburg gezogen war, ist nicht bekannt, ebenfalls nicht, ob auch der Vater noch dort war und sie in ihrem Exil ein gemeinsames Leben führen konnten.[11] Kontakt zur Mutter bzw. Großmutter scheint es zumindest bis in den Sommer 1942 noch gegeben zu haben.[12]

Die Korrespondenz mit den Ämtern ermöglicht ansatzweise eine Rekonstruktion der Wohnhistorie von Lina Neu in Wiesbaden. Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist sie noch mit Rheinstr. 4 verzeichnet. Der Brief der Mainzer Zollfahndung im August 1938 war an die Adresse Taunusstr. 51 gerichtet. Wann sie dann in die Parkstr. 4 umzog, ist nicht genau bekannt, aber am 1. November 1938 hatte sie erneut ein Brief der Zollfahndung unter dieser neuen Adresse erreicht. Die Frankfurter Devisenstelle war darüber aber nicht informiert, fragte deshalb am 13. Februar 1940 beim Wiesbadener Meldeamt nach, ob Frau Neu inzwischen in der Parkstr. 4 wohne. Aus der Antwort geht hervor, dass sie inzwischen erneut verzogen war, nämlich am 16. November 1939 in die Bertramstr. 10, wo sie bei der jüdischen Witwe Bella Schestowitz und deren Tochter Margarete eine Unterkunft gefunden hatte. [13] Hier erreichte sie dann am 19. Februar 1940 auch die Aufforderung der Devisenstelle eine Vermögens- und Bedarfsaufstellung zu übermitteln. Ebenfalls wurde ihr mitgeteilt, dass die bisher eher lockere Regelung bezüglich der Freigaben geändert werde, sie zukünftig nur noch mit 300 RM rechnen könne.

Ihr Vermögen hatte sich innerhalb der letzten eineinhalb Jahre nahezu halbiert, zudem waren davon etwa 14.000 RM als Reichsfluchtsteuersicherung dem Zugriff gänzlich entzogen, sodass formal noch knapp 19.000 RM geblieben waren. Auch die Erträge aus den Papieren reduzierten sich und sollten im Steuerjahr1940 vermutlich bei rund 2.000 RM liegen.

Die zunächst letzten Spuren von Lina Neu in Wiesbaden betreffen den Raub ihrer Wertgegenstände, ihres Schmucks und ihrer Edelmetalle. Wie alle anderen Juden war auch sie durch ein Gesetz vom 21. Februar 1939 verpflichtet, nach Aufforderung innerhalb von 14 Tagen diese Wertsachen bei den dafür speziell eingerichteten städtischen Pfandleihanstalten gegen eine „Entschädigung“ abzuliefern.[14] Der wahre Wert der abgelieferten Gegenstände ist nicht bekannt, aber die Pfandleihanstalt teilte ihr Ende März 1940 mit, dass sie „in Kürze“ eine Entschädigung in Höhe von knapp 1.400 RM zu erwarten habe.[15] Ob sie diese tatsächlich jemals erhalten hat, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Zwischen diesem und dem nächsten Schreiben klafft in der Akte die bereits erwähnte Lücke von gut eineinhalb Jahren. Der Brief, in dem der Devisenstelle Frankfurt von der Dresdner Bank mitgeteilt wurde, dass Lina Neu ab dem 28. März 1942 in Wiesbaden im Judenhaus in der Adolfsallee 30 im Parterre wohne, wurde genau an diesem Unzugdatum abgeschickt.[16]

Durch ihre Rückkehr nach Wiesbaden war sie jetzt in ein Judenhaus gekommen, zwar nicht unbedingt zwangsweise eingewiesen worden, aber vermutlich gab es jetzt für eine Jüdin sonst keine andere Möglichkeit des Unterkommens mehr. Wie die anderen ebenfalls alleinstehenden Personen hatte auch sie ein Zimmer in der Wohnung der jüdischen Eigentümer Kaufmann oder zumindest in der gleichen Etage erhalten. Für Miete „einschließlich Bedienung“ – was immer das heißen mag – zahlte sie monatlich 45 RM. Diese Angabe machte sie in der Aufstellung der Lebenshaltungskosten, die die Devisenstelle unmittelbar nach ihrer Rückkehr angefordert hatte.[17]

Wenige Tage vor dem 1. September, an dem auch Lina Neu den Zug nach Theresienstadt besteigen sollte, nahm sie sich am Nachmittag des 26. Augusts 1942 in ihrem Zimmer in der Adolfsallee das Leben. Sie hatte sich vergiftet.

Der Oberfinanzpräsident in Kassel war auch auf einen solchen Fall rechtlich vorbereitet:
„Auf Grund des §1 der VO des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 beschlagnahme ich hiermit mit Wirkung vom 1.8.1942 die gesamten inländischen Vermögenswerte folgender Juden, die nach Eröffnung der Evakuierungsvfg. verstorben sind: Neu, geb. Weisenfeld, Lina Sara, geb. 11.1.67, zuletzt in Wiesbaden Adolfsallee 30 wohnhaft, verstorben am 26.8.1942.“[18]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Sterberegister Wiesbaden 1942 / 1815.

[2] Zumindest legt das der Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte „8.7.40 Nürnberg“ nahe. Auch in der Devisenakte sind für diesen Zeitraum keine Korrespondenzen mit der hier zuständigen Devisenstelle Frankfurt enthalten, was ebenfalls für eine dauerhafte Abwesenheit spricht.

[3] HHStAW 519/3 5698 (1).

[4] Siehe dazu die Angaben bei GENI, https://www.geni.com/family-tree/index/6000000028444542990, (Zugriff: 11.12.2017),  wo auch die weiteren Familienmitglieder verzeichnet sind. In ihrem Sterbeeintrag heißt es nur: „Die Verstorbene war Witwe von unbekannt.“

[5] HHStAW 519/3 5698 (6).

[6] HHStAW 519/3 5698 (3). Der Bitte wurde von der Devisenstelle Frankfurt stattgegeben.

[7] Der Name ist eher im süddeutschen Raum und auch unter Juden verbreitet.

[8] HHStAW 519/3 (20, 22, 28)

[9] HHStAW 519/3 5698 (32). In GENI ist der Vorname mit der Schreibweise „Frigga“ angegeben.

[10] HHStAW 519/3 5698 (32) Die Großmutter hatte auf den „Mischlingsstatus“ der Enkel sicher in der Hoffnung verwiesen, dadurch ihren Wunsch eher genehmigt zu bekommen, was tatsächlich auch geschah. Im Februar 1939 hatte sie zudem um die Freigabe von zusätzlichen 500 RM gebeten, um damit die Auswanderung einer namentlich nicht genannten Nichte zu ermöglichen; auch dieser Betrag wurde ihr zugestanden. Siehe HHStAW 519/3 5698 (12).

[11] Laut GENI war Inge 1912, ihre Schwester Herta am 16.6.1914 geboren worden. Die 3 Halbgeschwister Luitgard Mary am 26.4.1929, Norbert am 2.5.1934 und zuletzt Isolde, von der das Geburtsdatum nicht bekannt ist. Bei Norbert handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um den luxemburgischen Ökonom, Wissenschaftler und Manager des ehemals bedeutenden Stahlkonzern Arbed, der 2005 bei einer Bergtour ums Leben kam. Anlässlich dieses Todes erschien im flämischen „De Standaard“ ein Artikel über ihn, in dem es heißt, dass sein Vater im KZ Dachau ums Leben gekommen sei. Siehe http://www.standaard.be/cnt/g2nktdbn. Allerdings ist Hans Neu als Opfer des Holocaust im Gedenkbuch nicht verzeichnet. Die beschriebenen angeblichen familiären Zusammenhänge sind insgesamt mit sehr viel Vorsicht zu betrachten.

[12] Der letzte Antrag auf Freigabe von Mitteln für die Enkel ist datiert mit 6.7.1942, siehe HHStAW 519/3 5698 (36).

[13] HHStAW 519/3 5698 (5, 13). Auf der Gestapo-Karteikarte sind diese beiden Adressen verzeichnet, aber nur bei der Bertramstr. 10 sind das Einzugsdatum und der Name der Vermieter angegeben. Bella Schestowitz gelang 1939 die Flucht in die USA, während ihre Tochter Margarete am 10.6.42 nach Lublin deportiert und in Sobibor ermordet wurde.

[14] Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden, RGBl 1 vom 21.2.1939 S: 282.

[15] HHStAW 519/3 5698 (25, 27) Unter den Wertsachen war vermutlich auch eine Münzsammlung im Wert von alleine 3.000 RM. Diese hatte sie 1934 laut eines Schreibens der Reichsbankhauptstelle Nürnberg damals in ihrem Besitz behalten dürfen, siehe ebd. (1).

[16] HHStAW 519/3 5698 (29) Das gleiche Einzugsdatum ist auch auf der Gestapo-Karteikarte festgehalten.

[17] HHStAW 519/3 5698 (32).

[18] HHStAW 519/2 1381.