Helene Schreiber, geb. Blumberg

Wie Bernhard Bodenheimer gehörte auch Helene Schreiber zu denjenigen, die mit dem ersten größeren Transport im Mai 1942 aus Wiesbaden deportiert wurden.

Schreiber Blumberg Wiesbaden Judenhaus Bahnhofstr. 46
Stammbaum der Familien Schreiber und Blumberg – GDB-PLS

Sie war am 7. Oktober 1883 in Kassel geboren worden, aber die Eltern, der Kaufmann Fritz Blumberg und seine Frau Jette bzw. Henriette, geb. Flatow, lebten eigentlich in Dresden. In der Geburtsurkunde von Helene steht ausdrücklich, dass die Eltern in Dresden wohnhaft, aber „zur Zeit“, also nur vorübergehend, in Kassel ansässig seien.[1] Insgesamt hatten Blumbergs sechs Kinder, von deren Geburtsdaten allerdings die von Else und Martin nicht ermittelt werden konnten. Drei weitere Kinder wurden in Breslau geboren, Eugen am 8. März 1887, Ida am 32. Januar 1892 und Sidonie 21. April 1896. Sehr wahrscheinlich zogen Blumbergs bald nach der Geburt von Helene in die schlesische Metropole, die nicht nur eine blühende jüdische Kultur besaß, sondern im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch als industrielles und wirtschaftliches Zentrum Südostdeutschlands galt.[2]

Blumberg
Eintrag der Blumbergs im Adressbuch von Breslau 1923

Vermutlich hatte Helene hier auch ihren Mann, den am 2. September 1863 geborenen Karl Schreiber kennengelernt. Seine Eltern, Albert und Jenny Schreiber, geb. Lipmann, waren Bürger dieser Stadt. Am 18. Juli 1918 heiratete sie den um zwanzig Jahre älteren Mann, der in der Heiratsurkunde bereits als „Rentner“ bezeichnet wird.[3] Möglicherweise ist der Begriff aber auch eher im Sinne von „Rentier“ zu verstehen, denn Karl Schreiber war beruflich eine recht bedeutende Karriere gelungen. Er war über lange Jahre Direktor der „Hydrometer-AG“, einem damals sehr bekannten und über die deutschen Grenzen hinaus aktiven Breslauer Unternehmen für Messtechnik.[4]

Als Trauzeugen waren bei der Zeremonie der fünf Jahre jüngere Bruder von Karl Schreiber, Dr. phil. Rudolf Schreiber, und dessen Frau Katharina Schreiber, geb. Woller, zugegen, die damals ebenfalls in Breslau, in einem der besten Viertel der Stadt, in der Lindenallee 12, wohnten.[5]

Nach der Hochzeit blieben Karl und Helene Schreiber nicht in Breslau, sondern zogen in den nicht weit entfernten und schon damals sehr beliebten Urlaubsort Oberschreiberhau im Riesengebirge. Es waren sicher eher sorgenfreie 16 Jahre, die sie dort verlebten. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten und dem Tod von Karl Schreiber im Jahr 1934, er war kaum älter als 60 Jahre geworden, nahm diese Zeit ein jähes Ende.[6]

Die verwitwete Helene Schreiber ging zunächst für drei Jahre zurück nach Breslau, zog 1938 dann nach Wiesbaden, wo sie eine Wohnung in der Sonnenberger Str. 46 fand.[7] Möglicherweise hatte ihr Schwager Rudolf Schreiber, der spätestens seit Oktober 1936 in Wiesbaden ansässig war, sie zu diesem Schritt veranlasst.[8]

Finanziell schien sie durch das in der Vergangenheit erworbene Vermögen eigentlich abgesichert zu sein. Nach Angaben des Finanzamts Wiesbaden besaß sie Anfang des Jahres 1935 etwa 85.000 RM, darunter Wertpapiere im Nennwert von 52.500 RM. [9] Nicht nur die Erträge der Papiere, sondern auch eine Pension, die ihr ursprünglich in der Höhe von monatlich 250 RM von der Firma Hydrometer gezahlt wurde, garantierten ihr eigentlich einen auskömmlichen Lebensabend. Die Reduzierung der Pension auf etwa ein Drittel in den folgenden Jahren, war im Vergleich zu dem, was der NS-Staat an Forderungen stellte, relativ unerheblich.

Nachdem am 21. August 1938, wohl unmittelbar nach ihrer Ankunft in Wiesbaden die Zollfahndungsstelle Mainz die Sicherung ihrer Konten beantragte, wurde drei Wochen später von der Devisenstelle Frankfurt die entsprechende Anordnung erlassen. Man befürchtete dort, dass Helene Schreiber Deutschland „illegal“ verlassen könnte und begründete die Vermutung damit, dass zum einen ein Sohn ihres verstorbenen Mannes in die USA, zum anderen einer ihrer Brüder bereits in die Tschechoslowakei ausgewandert sei.[10] Über die Erträgnisse der Papiere, die in den Jahren 1936 bis 1938 jährlich etwa 5.000 RM betragen hatten, sollte sie aber zunächst noch verfügen können.[11] Wiederum zwei Wochen später wurde ein Betrag von 21.200 RM als Reichsfluchtsteuer festgesetzt und als Anspruch des Finanzamts eigens gesichert.[12]

Nach der Reichspogromnacht fiel dann die erste Rate der Judenvermögensabgabe an. Man hatte ihr zunächst insgesamt 15.200 RM aufgebürdet, zahlbar in Raten von jeweils 3.800 RM. Die zusätzliche Rate in gleicher Höhe war ein Jahr später fällig. Bezahlen konnte sie diese Summen nur, indem sie Wertpapiere aus ihrem Depot ablieferte.[13]

Damit schwanden auch die Erträge, weshalb sie schon im Laufe des Jahres 1938 mehrfach über ihre Bank bei der Devisenstelle um die Freigabe zusätzlicher Mittel, i. A. jeweils 1.000 RM, bat, was erstaunlicherweise auch immer genehmigt wurde.[14]

Auch ihrem Schwager Rudolf Schreiber, der mit seiner Tochter in der Mainzer Str. 19 wohnte, gewährte man mehrfach solche zusätzlichen Freigaben. Auch seine Konten waren gesichert worden, auch ihm war die Judenvermögensabgabe auferlegt worden und auch die Reichsfluchtsteuer war vorab in Beschlag genommen worden. Allerdings summierten sich die Abgaben bei ihm auf wesentlich höhere Beträge, da sein Vermögen am Stichtag fast 270.000 RM betragen hatte, woraus im Falle einer Ausreise sich eine Steuerlast von fast 70.000 RM errechnete.[15] Hinzu wären die entsprechenden Zahlungen von Jenny Schreiber gekommen, die über nicht unbeträchtliche eigene Vermögenswerte verfügte.[16]

Dennoch hatten spätestens im Laufe des Jahres 1938 Rudolf Schreiber, seine Tochter und Helene Schreiber beschlossen, Deutschland zu verlassen. Rudolf Schreiber gab als Ziel in seinem Antrag die USA an, wo sein Neffe bereits lebte. Im Januar 1939 bat er die Devisenstelle in Frankfurt um die Freigabe von knapp 1.000 RM zur Bestreitung der anfallenden Kosten für die Auswanderung. Der Betrag wurde freigegeben.[17]

Dass Helene Schreiber die gleiche Absicht hatte, wurde erstmals am 27. Mai 1939 aktenkundig, als sie den Antrag auf Mitnahme des Umzugsguts einreichte. Auch sie gab als Ziel die USA, genauer: New York, an.[18] Detailliert ist auf sechs Seiten der Inhalt der wohl bereits gepackten Koffer, auf zwei weiteren der des Handgepäcks aufgeführt. Auch die notwendigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen des Polizeipräsidenten, des Oberbürgermeisters und des Finanzamts Wiesbaden waren bereits ausgestellt und konnten der Devisenstelle vorgelegt werden.[19]

Nur eine Woche später zog sie den Antrag zur Überprüfung des Gepäcks zurück:
„Da sich meiner Einwanderung in die U.S.A. unvorhergesehene Schwierigkeiten entgegengestellt haben, bin ich gezwungen noch hierzubleiben und da ich die Wohnung räumen muss, meine Sachen auf das Möbellager der Firma J. u. G. Adrian in Wiesbaden zu geben. Ich bitte deshalb ergebenst meinen Antrag vorläufig zurückstellen zu wollen und werde denselben sobald es mir möglich ist, erneuern.“[20]

Welches konkrete Problem vorlag, ist nicht bekannt, aber vermutlich waren inzwischen die Kontingente erschöpft. Ob sie noch einen weiteren Versuch machte, ist nicht bekannt. Ihr Schwager stellte im Mai 1941 zwar noch einmal einen Antrag auf Freigabe zusätzlicher Mittel für diesen Zweck – 650 RM sollten es sein, 300 RM wurden jetzt nur noch genehmigt -, aber weder er, noch seine Tochter Jenny fanden einen letzten Weg in die Freiheit.

Im Februar 1940 wurde sowohl für Rudolf als auch für Helene Schreiber die bisherige freie Verfügung über die Gewinne aus den Wertpapieren gestrichen und jeweils eine fixe Freigrenze von 500 RM festgelegt.[21] Im Zusammenhang damit war an die beiden die übliche Aufforderung der Devisenstelle ergangen, den gegenwärtigen Vermögensstand und die aktuellen Lebenshaltungskosten offenzulegen. Inzwischen waren die Vermögen zusammengeschmolzen, wenngleich noch immer erheblich größer als bei vielen anderen Leidensgenossen. Helene Schreiber gab an, nominell noch knapp 40.000 RM zu besitzen, wovon allerdings die Reichsfluchtsteuer in der Höhe von rund 13.000 RM abzuziehen sei. Aber als Ertrag ihrer Wertpapiere erwartete sie im laufenden Jahr noch immer etwa 4.000 RM. Ihre monatlichen Ausgaben bezifferte sie auf insgesamt 630 RM, für sich selbst beanspruchte sie davon nur etwa die Hälfte. Sie gab an, ihre Mutter und ihren Bruder Eugen in Breslau mit 80 RM bzw. 100 RM und ihre Schwester Ida, inzwischen in Berlin lebend, mit 150 RM zu unterstützen.[22]

An Rudolf Schreiber war die gleiche Aufforderung ergangen. Sein Vermögen belief sich im Februar 1940 noch auf rund 185.000 RM, davon etwa 170.000 RM in Wertpapieren angelegt. Zieht man die verpfändete Reichsfluchtsteuer von 46.000 RM ab, so blieben noch knapp 140.00 RM, auf die er aber selbstverständlich keinen Zugriff hatte. Auch die Erträge der Papiere, die im Jahr 1939 noch fast 20.000 RM an Zinsgewinnen erbracht hatten – für das laufende Jahr erwartete er nur noch 7.000 -, blieben ihm bis auf den gewährten Freibetrag von 500 RM entzogen. Für Wohnung, Kleidung und sonstigen Lebensunterhalt meldete er einen Bedarf von 750 RM an.[23]

Das Vermögen von Jenny, die jetzt eine eigene Vermögenserklärung abgeben musste, hatte sich inzwischen auf etwa 25.000 RM halbiert. Ihr gewährte die Devisenstelle nur noch einen Freibetrag von 250 RM.[24]

Schreiber Bahnhofstr. 46 Wiesbaden Judenhaus
Umzug in das Judenhaus Bahnhofstr. 46 – HHStAW

In seiner Vermögenserklärung gab Rudolf Schreiber auch an, dass in seinem Haushalt in der Mainzer Str. 19 neben seiner Tochter Jenny auch seine verwitwete Schwägerin wohne. Er hatte Helene Schreiber bei sich aufgenommen, nachdem sie – wohl im irrigen Glauben an eine bereits sichere Auswanderung – ihre Wohnung in der Sonnenberger Straße aufgegeben hatte, vielleicht auch aufgeben musste.[25]  In jedem Fall hätte sie auf der Straße gestanden, wenn ihr Schwager ihr in dieser Situation nicht geholfen hätte. Laut Eintrag in der Gestapo-Karteikarte erfolgte ihr Einzug in die Mainzer Straße am 20. Juni 1939, also tatsächlich unmittelbar nach dem Scheitern der Emigrationspläne.

Trotz dieser Zuflucht wurde die Situation immer bedrohlicher. Als die NSDAP-Ortsgruppenleitung Anfang 1941 die Zellenleiter im Vorgriff auf zukünftige „Evakuierungen“ aufforderte, in ihrem Bezirk zu überprüfen, welche Juden für Arbeitseinsätze in Frage kommen würden, schrieb der für die Mainzer Straße zuständige Leiter der Zelle 12:

„Schreiber, Rudolf Israel Dr. phil., geb. 18.10.68 in Breslau, verh. [war bereits verwitwet – K. F.] ist meines Erachtens verbraucht.
Schreiber, Fanny Sarah, Tochter, geb. 2.12.97 in Breslau, ledig und ohne Beruf, könnte noch etwas tun.
Schreiber, Helene Wwe. Geb. 7.10.83 in Kassel, ohne Beruf, Schwägerin des Rudolf Schreiber,
diese drei Schreibers bewohnen eine tadellos eingerichtete Wohnung zum Mietpreis von RM 300,- je Monat.“[26]

Für Jenny – vom Zellenwart fälschlicherweise als Fanny bezeichnet – hatte diese Meldung dann tatsächlich die Folge der Dienstverpflichtung, d.h. der Zwangsarbeit. Ende Oktober 1941 meldete sie der Devisenstelle Frankfurt, dass sie seit dem 30. September bei der Deutschen Reichsbahn als Wagenreinigerin dienstverpflichtet sei.[27]

Unmittelbar war mit dieser Mitteilung und dem Verweis auf die für Juden unangemessen schöne Wohnung die Ortsgruppenleitung aber auch implizit aufgefordert, die Schreibers zwangsweise daraus zu entfernen und sie in ein Judenhaus einzuweisen. Die Verbringung in eine kleine Wohnung hätte nicht nur Wohnraum für die arischen Volksgenossen geschaffen, man hätte sich auch an der wohl verschleuderten „tadellosen“ Einrichtung bedienen können. Aber es geschah nichts dergleichen. Alle drei konnten weiterhin in der Wohnung bleiben.

Aber die Befürchtung, dass sich ihre Verfolger einmal ihre gesamte Habe an sich reißen könnten, hatten bei den Schreibers weitere Überlegungen veranlasst. Noch hatten sie die Hoffnung auf eine Auswanderung nicht völlig aufgegeben, aber sie rechneten offensichtlich auch mit dem Schlimmsten, der Deportation. Das ergibt sich aus einer Schenkungsurkunde, abgeschlossen am 21. Oktober 1941 im Büro des Notars Buttersack, in der Rudolf und Jenny Schreiber ihrer ehemaligen Hausangestellten Anneliese Müller ihr gesamtes Vermögen schenkten, sofern ihnen die Ausreise noch gelingen sollte, oder sie „gezwungen sein sollten das Alt-Reich zu verlassen“.[28] Frau Müller habe – so die Begründung ihm und seiner verstorbenen Frau „durch beinahe zwei Jahrzehnte so viel Liebe und Treue entgegengebracht, war mit unserer Familie eng befreundet und hat viele Jahre mit uns zusammen gelebt, ist auch der Erschienenen zu 2 [Jenny – K.F.] eine fürsorgende Freundin gewesen, dass wir … uns entschlossen haben unsere Dankbarkeit ihr auch durch die Tat Ausdruck zu geben.“[29]
So glaubten sie, sollte es soweit kommen, die Einrichtung, die sicher mit vielen Erinnerungen verknüpft war, und allen anderen Besitz in würdige Hände übergeben zu können – zumindest zunächst eine Illusion.

Judenhaus Wi8esbaden Bahnhofstr. 46 Dchreiber Helene
Umzug in das Judenhaus Bahnhofstr. 46 – HHStAW 519/3 7532 (20)

Am 16. Februar 1942 teilte Helene Schreiber der Devisenstelle Frankfurt auf einer Postkarte mit, dass sie in die Bahnhofstr. 46 gezogen sei.[30] Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Dass es sich um einen erzwungenen, von einer Behörde oder der NSDAP angeordneten Umzug handelte, ist zwar möglich, erscheint aber aus zwei Gründen eher unwahrscheinlich. Zum einen gibt es keinen entsprechenden Vermerk in der Gestapo-Kartei, wo der Umzug gar nicht erfasst wurden, zum anderen durfte Rudolf Schreiber in seiner Wohnung in der Mainzer Straße wohnen bleiben. Diese wurde nun in der folgenden Zeit nicht mehr von drei, sondern nur noch von zwei Personen bewohnt. Angesichts der Knappheit „jüdischen Wohnraums“ hätte eine solche Maßnahme absolut keinen Sinn ergeben.

Helene Schreiber blieb noch ein Vierteljahr im Judenhaus. Mit wem sie dort zusammen wohnte, ist nicht bekannt. Auch gibt es keine Informationen über sie in den Briefen der Hausbesitzer, denn der Kontakt zu dem im südamerikanischen Exil lebenden Sohn Alfred Strauss war zu dieser Zeit bereits abgebrochen.

Zusammen mit Bernhard Bodenheimer, Frieda Kahn und Suse Vyth gehörte Helene Schreiber zu denjenigen, die am 23. Mai 1942 als erste die gemeinsame Fahrt in den Tod antreten mussten. Das, was nach ihrer Ankunft in Izbica geschah, bleibt weitgehend im Dunkeln. Es ist davon auszugehen, dass Helene Schreiber irgendwann im nicht weit entfernt gelegenen  Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Im Verfahren zur amtlichen Feststellung des Todes legte man nach dem Krieg den 30. Juni 1943 als ihren Todestag fest.[31]

Als auch Rudolf und Jenny Schreiber im Juni 1942 auf die Deportationslisten gesetzt wurden, wollten sie diesen Weg nicht mehr gehen. Drei Tage vor dem anberaumten Termin setzten sie am 7. Juni 1942 in der Wohnung in der Mainzer Str. 19 ihrem Leben selbst ein Ende. Nach dem Tod der beiden Erblasser und der Eröffnung der Testamente wurde die ehemalige Hausangestellte Frau Müller am 20. Juni 1942 von der Gestapo verhaftet. Ihr wurde angedroht, dass sie wegen ihrer „Beziehungen zu den jüdischen Testatoren lebenslänglich in ein KZ überführt“ werde, sollte sie nicht bereit sein, die Erbschaft auszuschlagen. Rechtsanwalt Buttersack nahm ihr die unter massivem Druck erpresste Ausschlagserklärung, die auch für das bereits zuvor übereignete Mobiliar galt, im Auftrag der Gestapo ab. Den größten Teil der Mobilien musste sie der NSV „schenkungsweise“ übereignen, das Übrige wurde auch vom Finanzamt Wiesbaden verwertet.[32]

Von den fünf Geschwistern von Helene Schreiber haben nur zwei den Holocaust überlebt. Sidonie von Wallenberg, die später das Entschädigungsverfahren in die Wege leitete und ihr Bruder Martin Blumberg, der über die Tschechoslowakei rechtzeitig in die USA gelangt war. Wo und wie Sidonie Wallenberg die Zeit überlebte, ist nicht bekannt.
Eugen Blumenberg schaffte es nicht mehr aus Breslau herauszukommen. Wenige Wochen vor seiner Schwester Helene wurde er am 13. April 1942 genau wie sie nach Izbica gebracht. Wann er dort ums Leben kam, ist nicht bekannt.
Von der Schwester Ida, die zweimal verheiratet war und auch zweimal geschieden wurde, ist bekannt, dass sie noch in den letzten Tagen der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer wurde. Mit dem allerletzten Transport von Berlin aus wurde sie am 5. Januar 1945 nach Ravensbrück deportiert. Die kleine Gruppe, bestehend aus nur 30 Personen, sollte eigentlich nach Auschwitz gebracht werden, musste aber wegen der herannahenden Front umgeleitet werden. 18 wurden in das KZ Oranienburg eingeliefert, die übrigen 12 nach Ravensbrück verbracht.[33] Ida war eine geschiedene Studt und eine geschiedene Bohne. Es spricht einiges dafür, dass sie bis zuletzt den Schutz einer Mischehe genoss, dann aber, als dieses „Privileg“, zumal für geschiedene Mischehen, ab Ende 1943 aufgeweicht bzw. hinfällig wurde, doch noch in die Fänge der NS-Mörderbande geriet.
Unbekannt ist auch das Schicksal der Schwester Else, die mit einem Eisenbahner namens Johannes Franzke verheiratet war. Auch hier sprechen Name und Beruf eher dafür, dass er kein Jude war. In den Erbscheinen ist der Todestag von Else Franzke mit dem 31. August 1945 angegeben.[34] Ob diese Angabe auf einem natürlichen Tod beruht oder aber gerichtlich festgesetzt wurde, ist den Unterlagen nicht zu entnehmen. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist sie nicht als Opfer des NS-Diktatur eingetragen.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Geburtsregister Kassel 1883 / 1285, auch HHStAW 469/33 2537 (2).

[2] In verschiedenen Adressbüchern der Stadt Breslau ist ein Fritz Blumberg eingetragen, z.B. 1918 als Kaufmann, wohnhaft in der Freiburger Str. 38, oder auch in dem von 1923 und 1931, hier als „Akquisiteur“ bezeichnet. Ab 1934 fehlt ein entsprechender Eintrag sodass man davon ausgehen kann, dass er in diesem Zeitraum verstorben sein wird. In den Büchern von 1923 sind auch die Söhne Martin und Eugen als Kaufleute vermerkt, 1934 ist nur noch Martin aufgeführt, 1935 gibt es keinen Eintrag mehr für die Familie. Siehe zu den Online-Ausgaben der Adressbücher  https://www.breslau-wroclaw.de/pages/adressbuecher.php.

[3] HHStAW 469/33 2537 (6). Da in einem Schreiben der Zollfahndungsstelle Mainz aus dem Jahr 1938 ein Sohn von Karl Schreiber erwähnt wurde, die jetzt geschlossene Ehe mit Helene Blumberg aber kinderlos blieb, muss man davon ausgehen, dass er bereits zuvor eine Partnerschaft eingegangen war, siehe HHStAW 519/3 7532 (1). Wer dieser Sohn war, konnte nicht ermittelt werden.

[4] HHStAW 518 38340 (151). Zum Unternehmen siehe http://www.diehl.com/de/diehl-metall/unternehmen/standorte/details/CDB/Company/show/hydrometer-gmbh.html. Dort heißt es zu der Firma, die noch immer existiert, inzwischen aber Teil der Firma Diel Metering ist:
„Diehl Metering das 150-jährige Betriebsjubiläum – die Wurzeln reichen zurück in die Anfangsjahre der Industrialisierung: 1862 wird das Unternehmen in Breslau gegründet, 1895 fertigt man den weltweit ersten Woltman-Zähler. Die Umbenennung in „Hydrometer Breslauer Wassermessfabrik“ geschieht 1912. Seit 1951 ist Hydrometer, jetzt Diehl Metering GmbH, in Ansbach – von hier aus werden die internationalen Aktivitäten kontinuierlich ausgebaut. Heute zählt Diehl Metering weltweit zu den Marktführern im Bereich Wassermesstechnik. Eine Vielzahl technischer Neuerungen und höchste Standards in der Qualität und Präzision von Messinstrumenten und Komponenten, machen den Standort Ansbach der Diehl Metering GmbH zu einem maßgebenden Innovations- und Produktionszentrum innerhalb der Diehl Metering.“
Antiquarische Aktien der Firma werden noch heute in den entsprechenden Verkaufsbörsen angeboten.

[5] Zwar ist Katharina Schreiber in dem Eintrag nicht explizit als dessen Frau aufgeführt, aber nicht nur wohnten sie beide in der Lindenallee 12 in Breslau, auch lässt die Formulierung in der Heiratsurkunde diesen Schluss zu. Nach der Nennung von Rudolf Schreiber wird in einem etwas unverständlichen Amtsdeutsch als zweite Trauzeugin „die verehelichte Fabrikbesitzer Katharina Schreiber, geborene Woller“ aufgeführt. HHStAW 469/33 2537 (6). Aus einer Mitteilung des Zellenwarts der Zelle 12 an die Ortsgruppenleitung ergibt sich, dass Rudolf der Bruder von Karl Schreiber war, da Helene Schreiber als seine Schwägerin bezeichnet wird, siehe HHStAW 483 10127 (138). Im Judenhaus in der Bahnhofstr. 46 lebte zeitweise eine Hedwig Woller. Nicht auszuschließen ist, dass es eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen Rudolfs Frau Katharina Woller und Hedwig Woller gab. Zu Rudolf Schreiber siehe auch das Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Schreiber.pdf. Hier ist allerdings gesagt, dass über seine Frau nichts bekannt sei.
Zwischen 1918 und 1923 ist Rudolf Schreiber aus der Lindenallee, vermutlich sogar aus Breslau weggezogen, wie sich aus der Durchsicht der entsprechenden Breslauer Adressbücher ergibt. Siehe dazu https://www.breslau-wroclaw.de/pages/adressbuecher.php. Möglicherweise stand dieser Umzug im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau. Zumindest war er bereits Witwer, als er in den dreißiger Jahren nach Wiesbaden kam.
In dem Haus in der Lindenstraße wohnte später der Fabrikant und bedeutende jüdische Kunstsammler Leo Smoschewer, siehe dazu http://www.schlesischesammlungen.eu/Kolekcje/Smoschewer-Leo-1875-1938-Breslau.

[6] HHStAW 469/33 2537 (1) und HHStAW 519/3 12386 (4).

[7] In der Gestapo-Karteikarte ist als Einzugsdatum der 2.7.1938 eingetragen.

[8] Er ist erstmals im Wiesbadener Adressbuch 1936/37 vermerkt, zunächst mit der Adresse Parkstr. 37 I, im folgenden Adressbuch von 1938/39 mit seiner für die folgenden Jahre gültigen Adresse Mainzer Str. 19 Erdg.

[9] HHStAW 519/3 12386 (1) und 518 38340 (7). Darunter befanden sich auch Aktien der Firma „Hydrometer“, in deren Vorstand Karl Schreiber tätig war.

[10] HHStAW 519/3 7532 (1, 2). Es muss sich bei dem Bruder um Martin gehandelt haben, da Eugen zu dieser Zeit noch in Breslau lebte, s.u.

[11] HHStAW 519/3 12386 (4).

[12] HHStAW 519/3 12386 (1), dazu 519/3 7532 (8).

[13] HHStAW 518 38340 (95).

[14] Siehe z.B. HHStAW 519/3 7532 (6, 7, 9, 10).

[15] HHStAW 519/3 7529 (14, 20).

[16] Ebd. (8). Laut Angabe der Zollfahndungsstelle Mainz hatte dies im Oktober 1938 einen Umfang von ca. 50.000 RM, siehe ebd. (12).

[17] HHStAW ebd. (27) und HHStAW 519/3 7613 (5).

[18] HHStAW 519/3 12386 (4).

[19] Ebd. (o.P.).

[20] Ebd. (6).

[21] HHStAW 519/3 7529 (35) und 519/3 7532 (11).

[22] HHStAW 519/3 7532 (13).

[23] HHStAW 519/3 7529 (37). Sein Freibetrag wurde daraufhin von den bisherigen 650 RM auf 400 RM abgesenkt. Der Bitte, dies wieder zurückzunehmen, wurde nicht entsprochen, siehe ebd. (47).

[24] HHStAW 519/3 7613 (3, 4).

[25] Im Antrag der Spedition Adrian an die Devisenstelle Frankfurt vom 26.5.39, die Verschiffung zu genehmigen heißt es: „Da sie [Frau Schreiber – K.F.] ihre hiesige Wohnung, die weiter vermietet ist, räumen muss, bitten wir um baldgefl. Bearbeitung des Antrags und um Genehmigung desselben.“ HHStAW 519/3 12386 (o.P.). Am 22.10.41, also etwa eineinhalb Jahre später fragte das „Weltreisebüreau Rettenmayer G.m.b.h.“ bei der Devisenstelle Frankfurt an, ob man den Betrag von 895 RM für die nicht gebrauchten Tickets auf das Sicherungskonto zurückzahlen dürfe. Man durfte. Ebd. (17).

[26] HHStAW 483 10127 (138).

[27] HHStAW 519/3 7613 (7). Siehe den Abdruck des Briefes auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für Rudolf und Jenny Schreiber. Man erlaubte ihr den ganz sicher kargen Lohn in bar in Empfang nehmen zu dürfen, d.h. er lief nicht über ihr gesichertes Konto. Ebd. (9).

[28] HHStAW 519/3 7529 (45).

[29] Ebd. (45). Nach Angaben des Erinnerungsblatts des Aktiven Museums Spiegelgasse wurde Anneliese Müller von der Gestapo mit Gewalt gezwungen, auf den Erhalt der Schenkung zu verzichten. Eine Quelle für diese Aussage ist allerdings nicht angegeben.

[30] HHStAW 519/3 7532 (20).

[31] HHStAW 469/33 2537 (16). Dieses Datum ist auch im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz übernommen worden.

[32] Siehe zum gesamten Vorgang HHStAW 519/2 2204 passim. Zwar geht aus den Akten nicht hervor, ob Frau Müller nach dem Ende der NS-Herrschaft noch in den Genuss dieses Erbes gelangte, da sie aber über die entsprechenden Urkunden verfügte, um ihren rechtmäßigen Besitz an diesem Vermögen nachzuweisen, wird ihr das vermutlich gelungen sein.

[33] Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, a.a.O. S. 441.

[34] HHStAW 518 38340 (45).