Frieda Kahn

Frieda Kahn, die wie Bernhard Bodenheimer am 23. Mai 1942 dazu ausgewählt worden war, den Transport von Frankfurt nach Izbica aufzufüllen, war eine von drei Frauen, die im September 1941 in das Judenhaus einzogen. Zwei Tage vor ihr waren bereits ihre Tante Lina Strauss und Adele Bonne dort einquartiert worden.

Frieda Kahn entstammte einer sehr alten jüdischen Familie, die, soweit verfolgbar, seit dem 18. Jahrhundert in der Rhein-Main-Region ansässig war. Ihr Großvater, ursprünglich Heyum mit dem Vatername Berle, geboren am 1. Januar 1805 in Weilbach, hatte 1841 den Nachnamen Kahn angenommen. Nach der Heirat im Jahr 1834 mit der aus Mainstockheim stammenden Magd Breindel / Babette Fisch zog das Paar in das benachbarte Wallau.[1] Hier wurden auch die sieben Kinder, darunter auch Friedas Vater Löb / Leopold Kahn geboren.[2] Möglicherweise war bereits Heyum Kahn, der in den Urkunden als „Handelsmann“ bezeichnet wird, im Viehhandel tätig. Löb selbst erlernte den Metzgerberuf und spätestens er legte den Grundstein für diese handwerkliche Tradition der Familie. Sein Bruder Bernhard Berle heiratete am 20. April 1876 Regina Baum und schuf damit die Verbindung zu einer anderen sehr erfolgreichen jüdischen Metzgerdynastie Wiesbadens, die schon im 18. Jahrhundert von Maier Abraham in Schierstein begründet worden war.[3]

Auch Löb Kahn blieb bei der Wahl seiner Ehefrau der Branche treu. Marianne Strauss, geboren um 1864, war die Tochter des Viehhändlers Amsel Strauss aus Wackenbuchen bei Hanau. der mit seiner Frau Regina, geb. Heilmann, später auch nach Wiesbaden zog.

Zwei Jahre nach Marianne war deren Schwester Lina geboren worden, die zuletzt das Schicksal von Frieda Kahn teilte und mit ihr zusammen im Judenhaus in der Bahnhofstraße ein Zimmer bewohnte.

Zwei der drei Kinder des Ehepaars Löb / Leopold und Marianne Kahn blieben wiederum dem Handwerk des Vaters verbunden. Adolf Kahn, der am 20. Januar 1893 geborene jüngere Bruder von Frieda, wurde ebenfalls Metzger und betrieb in der Blücherstr. 3 sein Ladengeschäft. Der zuletzt am 16. Juni 1900 geborene Karl Kahn wich allerdings von der Familientradition ab und wurde Kaufmann.

Die älteste der drei Geschwister, Frieda, die spätere Bewohnerin des Judenhauses, heiratete am 21. Oktober 1909 den Metzger Gustav Kahn, dessen Eltern, Simon Alexander Kahn und Henriette, geb. Strauß, aus Bonbaden bei Wetzlar nicht nur dieselben Namen wie die Vorfahren von Frieda trugen, sondern als Viehhändler ebenfalls in der gleichen Branche aktiv waren.[4] Von diesem kooperativen Netzwerk jüdischer Metzger und Viehhändler profitierten nicht nur sie selbst, etwa durch günstigere gemeinsame Einkäufe,[5] sondern auch die Kunden, zu denen schon immer auch eine große Zahl von Nichtjuden gehörten.

Wie gut die Geschäfte früher auch für die Metzgerei von Gustav und Frieda Kahn liefen, die in der Wellritzstr. 45/47 gelegen war, zeigen die Steuerunterlagen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Sie zeigen aber auch die rückläufige Tendenz, die sicher in dieser Zeit zum einen durch die allgemeine wirtschaftliche Krise, aber auch durch deren politische Verarbeitung ausgelöst worden war. Die jüdischen Metzger gehörten zu den ersten kollektiven Opfern antisemitischer Aktionen von arischen Geschäftsleuten und Handwerkern in Wiesbaden.[6]
1927 bezifferte Gustav Kahn sein Betriebsvermögen auf etwa 22.000 RM.[7] Eingeschlossen war dabei der Gebäudeanteil des Hauses in der Wellritzstraße, das im Besitz der Kahns war. Im dortigen Laden wurden die Waren zumeist von Frieda Kahn selbst zum Verkauf angeboten.

Eine Betriebsprüfung, die im Jahr 1929 durchgeführt wurde, listet die Zahl der Schlachtungen und die Summe der Schlachtvieheinkäufe detailliert auf. Sie gewährt somit einen umfassenden Einblick in die bedeutende Rolle, die die jüdischer Metzger selbst in diesen Krisenjahren in Wiesbaden einnahmen. Die gesamten Vieheinkäufe in dem besagten Jahr beliefen sich auf rund 130.000 RM, die Zahl des geschlachteten Viehs auf mehr als 600 Stück. Da nahezu ein Drittel des Schlachtviehs Schweine waren, ist davon auszugehen, dass auch eine große Zahl von Nichtjuden zum Kundenkreis der Kahns zählte.[8] Selbst in den Krisenjahren 1929 und 1930 konnten bei Umsätzen um die 150.000 RM Bruttogewinne von etwa 30.000 RM erwirtschaftet werden, von denen nach Abzug der Unkosten noch immer monatlich etwa 1.000 RM als zu versteuerndes Einkommen übrig blieben.[9] Ab 1932 nahmen aber die Umsätze und damit auch das Einkommen der Kahns kontinuierlich ab. Betrugen die Einnahmen 1932 zunächst noch knapp 100.000 RM, so schrumpften sie bis 1934 auf 76.000 RM, was gegenüber dem Jahr 1930 eine Halbierung bedeutete. Durch das bereits 1933 erlassene Schächtungsverbot fielen zum einen strenggläubige Juden als Kunden aus, die antisemitische Hetze gegen jüdische Metzgereien verunsicherte zum anderen zunehmend auch die bisherigen nichtjüdische Käufer, zumal die jüdischen Schlachter dadurch an Attraktivität verloren, dass sie ab 1934 am Betreten des Schlachthofs gehindert wurden, und sie deshalb nicht mehr in der Lage waren, wie bisher günstige und zugleich hochwertige Ware anzubieten.

Angesichts dieser Verbote, die die arische Konkurrenz mit Hilfe der NSDAP-Führung in Wiesbaden erwirkt hatte, war es für jüdische Metzger nicht mehr möglich, ihre Betriebe weiter aufrechtzuerhalten. Mit einem knappen Satz an die „sehr verehrten Herren“ im Finanzamt, teilte auch Gustav Kahn am 15. April 1935 der Behörde mit, dass er seinen Betrieb zum 1. April eingestellt habe.[10] Damit war, wie es scheint, mehr als nur ein Geschäft aufgegeben worden, er selbst starb nur wenige Monate später am 9. November des gleichen Jahres. Auch Frieda hatte – wie ein ärztliches Attest aus dem Jahr 1939 belegt – „durch die Aufregung der letzten Jahre“ eine dauernde Herzschädigung erworben.[11]

Der Niedergang des Geschäfts und die inzwischen alltäglichen Anfeindungen waren nicht das einzige Leid, das Gustav Kahn und seine Frau zu verarbeiten hatten. Ihre beiden Kinder waren bereits im Kindesalter verstorben. Kurt, geboren am 15. Dezember 1910, war nur vier Jahre, seine Schwester, 1919 geboren, sogar nur eine Woche alt geworden.[12]

Frieda Kahn war nach dem Tod ihres Mannes und ohne Kinder dennoch nicht auf sich allein gestellt. Es muss weiterhin einen sehr engen Kontakt zur Familie ihres Bruders Gustav Kahn und besonders zur Tante Lina Strauss bestanden haben. Letztere wohnte zusammen mit Frieda Kahn in der Wellritzstraße und wurde dadurch für sie sicher zu einer wichtigen Stütze in dieser schwierigen Zeit.

 

Die Geschwister von Frieda Kahn blieben mit ihren Familien von der Verfolgung ebenfalls nicht verschont. Adolf Kahn hatte nach seiner Ausbildung als Metzger am 26. März 1929 in Wiesbaden die Modistin Hedwig Sofie Breuer geheiratet.[13] Da Hedwig Breuer keine Jüdin war, galt die Ehe später als „Mischehe“ und die am 4. Juli 1930 geborene Tochter Marianne als „Halbjüdin“ – ein Status, der keineswegs vor Verfolgung schützte. So wurde Marianne gar nicht erst in die staatliche, sondern 1936 sofort in die jüdische Schule in der Mainzer Straße eingeschult.
Auch die Metzgerei von Adolf Kahn, mit der er in den Jahren vor 1933 sogar ein Einkommen von durchschnittlich etwa 2.000 RM erzielt hatte,[14] war von den Boykottaktionen betroffen und musste im September 1935 geschlossen werden.[15] Die Ladeneinrichtungen und die Maschinen mussten zu einem völlig unangemessenen Preis an einem Altwarenhändler abgegeben werden, weil kein nichtjüdischer Metzger diese ankaufen wollte. Seiner wirtschaftlichen Grundlage beraubt, lebte Adolf Kahn, seine Frau und die Tochter Marianne in den folgenden Jahren von einer Wohlfahrtsunterstützung – ca. 15 RM die Woche – und von schlecht bezahlten Hilfsarbeiten bzw. – besser – von Zwangsarbeit, die nicht viel mehr als die Unterstützung einbrachte.[16] Aber das war erst der Anfang. Im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht war auch Adolf Kahn verhaftet und nach Dachau verbracht worden.[17] Obwohl bzw. weil er durch die Ehe mit Hedwig, einer Christin, die aber mit der Eheschließung der jüdischen Glaubensgemeinschaft beigetreten war, in einer „Mischehe“ lebte, allerdings in einer „nichtprivilegierten“, blieb er von der Aktion nicht verschont. Bis Anfang April 1939 hielt man ihn im KZ Dachau bei München fest, während seine Frau Hedwig verzweifelt nach Wegen suchte, um gemeinsam aus Deutschland herauszukommen. Zwar ließ man ihn, von Kälte, Schwerstarbeit und Schlägen für immer gezeichnet,[18] wieder nach Hause, ein Weg in die Freiheit, in ein Exilland, blieb aber aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen den Kahns verschlossen.

Stattdessen waren auch sie in der Folgezeit, wie alle anderen Juden auch, Verfolgung und Raub ausgesetzt. Alle elektrischen Geräte im Haus, darunter ein Radioapparat, mussten abgegeben werden, desgleichen die Pelze von Hedwig Kahn und viele andere Kleidungsstücke.[19]

Auch weiterhin lebte die Familie von der Fürsorge und von dem kargen Lohn der Zwangsarbeit. 1940 wurde auch Adolf Kahn von der Devisenstelle aufgefordert seine Vermögensverhältnisse offenzulegen. Er schickte das unausgefüllte Formular zurück, gab an, kein Vermögen zu besitzen, stattdessen z. Zt. als Straßenbauarbeiter bei der Limburger Firma W. und I. Schmidt für einen Wochenlohn von 30 RM beschäftigt zu sein. Daraufhin verzichtete die Behörde auf eine Sicherungsanordnung, setzte aber den Freibetrag statt der bisher vorläufigen 300 RM auf 150 RM herab.[20]

Trotz aller Verfolgung, Demütigung und Gewalt war Adolf Kahn und auch seiner Tochter Marianne, das schlimmste Schicksal seiner jüdischen Glaubensbrüder erspart geblieben: die Deportation. Der mehr als unsichere Status der „Mischehe“ bzw. der des „Mischlings ersten Grades“ hatte beide bisher davor bewahrt. Doch nachdem die meisten deutschen Juden bis zum Mai 1943 deportiert worden waren – Deutschland galt ab diesem Zeitpunkt offiziell als „judenfrei“ – planten die Nazis sich auch der aus unterschiedlichen Gründen hier noch lebenden ca. 40.000 Juden zu entledigen.[21] Besonders gefährdet waren die bisher verschonten jüdischen Partner in „nichtprivilegierten Mischehen“. Kurz vor Kriegsende, am 13. Februar 1945 wurden Adolf Kahn und auch seine Tochter Marianne noch nach Theresienstadt verbracht, von wo sie erst im Sommer nach Wiesbaden zurückkehrten.[22]

 

Dem Bruder Karl Kahn mit seiner Familie gelang hingegen die Flucht. Sie überlebten das NS-Regime in ihrem lateinamerikanischen Exil in Uruguay.

Karl Kahn hatte früher, zusammen mit der Familie seiner Schwester im Haus in der Wellritzstr. 45 gewohnt. Unter dieser Adresse war auch sein Geschäft angemeldet, das den etwas großspurigen Namen „Kaufhaus des Westens“ führte und Haus- und Küchengeräte anbot.
Sein Geschäftspartner war Siegfried Kahn, der Bruder seines mit Frieda verheirateten Schwagers Gustav. Vermutlich hat die Firma die Weltwirtschaftskrise nicht überstanden, denn ab dem 1. Mai 1930 lebte Karl Kahn für eine längere Zeit in Würzburg, wo er ein Geschäft für Porzellan, Glas, Haus- und Küchengeräten von einer Berta Löb übernommen hatte und es unter dem Namen „Würzburger Kaufhaus“ als alleiniger Inhaber betrieb. Sein Schwager Gustav, der damals noch lebte, hatte ihm „zur Selbstständigmachung“ ein Darlehen von ungefähr 18.000 RM gewährt.[23] Ob er dort seine Frau erst kennenlernte oder ob er ihretwegen nach Franken gezogen war, ist heute nicht mehr auszumachen. Am 31. Januar 1933, einen Tag nach Hitlers „Machtergreifung“, heiratete er in Würzburg Johanna Weikersheimer, die aus ihrer vorherigen Ehe eine fünfeinhalbjährige Tochter mit in die Ehe brachte.[24]
Vermutlich waren es zumindest nicht nur wirtschaftliche Schwierigkeiten,[25] die Karl Kahn im Jahr 1936 zur Aufgabe des Geschäfts zwangen. Es scheint sich vielmehr um eine „Arisierungsaktion“ gehandelt haben, denn der Laden wurde von einem nichtjüdischen Kaufmann übernommen und unter einem neuen Namen weiter betrieben.[26]

Am 14. Februar 1936 kehrte Karl Kahn nach Wiesbaden zurück und zog wieder in das Haus der inzwischen verwitweten Schwester, allerdings nach Angaben des Meldescheins ohne seine Frau und seine Stieftochter.[27] Von hier aus betrieb er nun die Auswanderung für sich und seine Familie. Die alte Darlehensschuld von inzwischen nur noch etwa 4.500 RM war ihm von seiner Schwester und der daran auch beteiligten Tante Lina diesmal „zur Ermöglichung einer Existenzgründung im Ausland  … schenkungsweise erlassen“ worden. Sein eigenes Vermögen belief sich Ende 1936 auf ungefähr 5.000 RM. [28]

Von den Behörden erhielt er im November 1936 die notwendigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die er allerdings noch einmal erneuern lassen musste, da sich die Ausreise verzögerte. Am 6. Juni 1937 konnte sich die Familie dann von Genua aus nach Montevideo ausschiffen. In Uruguay lebte sie in den folgenden Jahren sehr bescheiden von den Erträgen eines kleinen Lebensmittelgeschäfts.[29]

 

Karl war durch seine rechtzeitige Flucht vor dem Novemberpogrom das Schicksal seines Bruders erspart geblieben. Aber auch Frieda bekam die Folgen dieser Ereignisse zu spüren. Zwar ist nicht klar, ob sie schon zuvor entsprechende Überlegungen angestellt hatte, aber mit der Auferlegung der am Vermögen orientierten „Sühneleistung“, blieb Frieda Kahn keine andere Möglichkeit mehr, als sich von ihrem Hausbesitz in der Wellritzstraße zu trennen. Ursprünglich war das 3 ½ a große Areal 1935 mit einem Einheitswert von 70.000 RM bewertet worden, unmittelbar vor dem Verkauf wurde dieser Wert auf 51.000 RM herabgesetzt.[30] Am 17. Dezember 1938 war ein Vertrag aufgesetzt worden, nach dem der Wiesbadener Elektromeister Stahl und seine Frau das Haus zum Preis von 50.000 RM erwerben sollten. Etwa die Hälfte des Preises sollte bar ausgezahlt werden, mit der anderen Hälfte sollten die auf dem Grundstück liegenden Hypotheken abgegolten werden. Die Übergabe des Hauses war schon auf den 1. Januar 1939 festgelegt worden,[31] allerdings bedurfte der Kaufvertrag wie üblich der Zustimmung des Regierungspräsidenten. Diese wurde aber erst im April erteilt, selbstverständlich mit der Auflage, das Geld auf ein gesichertes Konto einzuzahlen.[32] Da Frieda Kahn bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Geld erhalten hatte, ihr aber dennoch Zwangsmaßnahmen zur Eintreibung der Judenvermögensabgabe angedroht worden waren, musste sie zwei Mal um einen entsprechenden Aufschub bitten.

Die ursprüngliche Vermögenserklärung, in der das Haus noch mit 70.000 RM eingestellt war, musste ebenfalls revidiert werden. Ursprünglich sollte sie eine Judenvermögensabgabe von 9.800 RM zahlen, diese wurde dann im April bei einem jetzt vorhandenen Vermögen von 27.000 RM auf 5.400 RM herabgesetzt, zahlbar in vier Raten mit jeweils 1.350 RM.[33]

Angesichts der Tatsache, dass ihr Mann gestorben war, sie ihr Haus verloren hatte, ein naher Verwandter bereits im Ausland lebte, der andere verzweifelt versuchte, ebenfalls aus Deutschland herauszukommen, geriet selbstverständlich auch Frieda Kahn in den Verdacht das Land verlassen zu wollen. Ob sie tatsächlich solche Überlegungen jetzt noch ernsthaft anstellte, ist nicht bekannt. Weil man aber – wie das übliche Formular der Reichsfluchtsteuerstelle zu Recht formulierte – bei Juden generell und jederzeit mit einer Auswanderung rechnen musste, wurden vom Restvermögen Frieda Kahns 10.000 RM für die gegebenenfalls fällige Reichsfluchtsteuer gesondert gesichert. Zur Berechnung der fälligen 20 Prozent des Vermögens war nicht das aktuelle, sondern – wie allerdings üblich – das Vermögen am Stichtag 1. Januar 1931 herangezogen worden.[34]
Der Raubzug war damit keineswegs beendet. Im März 1939 musste auch sie ihren Schmuck und anderes Edelmetall beim Leihamt abliefern. 160 RM gab man ihr dafür, ganz sicher kein angemessener Preis.[35]

Immerhin hatte man sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus ihrem ehemaligen Haus vertrieben, bis zum 19. September 1941 durfte sie mit ihrer Tante noch in der alten 5-Zimmerwohnung bleiben. Dies bestätigte später nicht nur ihre Schwägerin Hedwig Kahn,[36] sondern lässt sich auch an den Quittungen nachvollziehen, durch die die sukzessiven Verkäufe ihres Mobiliars im Laufe des Jahres 1941 belegt werden. Sie verkaufte damals über den stadtbekannten Auktionator Hecker diverse Möbel- und Einrichtungsstücke wie Tischdecken, Teppiche, Gemälde, Tische und Kommoden für Spottpreise, abzüglich der 15 %, die Hecker als Provision für die „Mithilfe“ bei diesen „Arisierungen“ selbst einstrich.[37] Sie musste sich von den Möbeln trennen, für die in der nun beengteren Wohnsituation kein Platz mehr war. Bis Juni ist als Adresse von Frieda Kahn die Wellritzstraße, beim nächsten Verkauf, der im Oktober getätigt wurde, bereits die Bahnhofstr. 46 angegeben. Auf ihrer Gestapo-Karteikarte ist als Umzugsdatum der 19. September 1941, auf der ihrer Tante schon der 17. September festgehalten.[38] Wie viel Raum ihnen hier zur Verfügung stand, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Aber auch Adele Bonna war mit ihnen in das Judenhaus eingezogen und mit ihr mussten sie sich die ihnen zugewiesenen Räume teilen.

Wie in vielen anderen Fällen ist auch hier nur schwer zu sagen, ob der Umzug unmittelbar angeordnet war, ob der neue Eigentümer sie aus ihrer Wohnung gekündigt hatte, wozu er nach dem neuen Mietgesetz das Recht hatte, oder ob die finanzielle Situation den Umzug erzwungen hatte. Freiwillig ist er aber ganz sicher nicht geschehen.

Aus der Zeit im Judenhaus gibt es nur noch ein Lebenszeichen der drei Frauen, das in den Akten seinen Niederschlag gefunden hat. Noch im September – möglicherweise waren die Vorräte aufgebraucht – hatten sie ein Gesuch an eine der NSDAP-Stellen gerichtet, man möge sie doch bitte mit dem notwendigen Hausbrand für den Winter versorgen. Diese kleine Bitte löste wiederum verschiedene Aktivitäten aus, die typisch für dieses Regime mit seiner überbordenden Bürokratie auf der einen und einer spontanen, von Emotionen gesteuerten Willkür auf der anderen Seite war. Die Anfrage war zum Kreiswirtschaftsberater der NSDAP gelangt, der sie mittels eines Formular, mit dem die Bedeutung der Angelegenheit durch Vermerke wie „Eilt sehr“ und „Streng vertraulich“ völlig überhöht wurde, an den Ortsgruppenleiter Weilerswist weitergeleitet bzw. wieder auf die untere Ebene zurückverwiesen wurde. Er bat darin um eine Stellungnahme und auch um den Namen des Kohlehändlers, der bisher für die Lieferungen zuständig war. Noch am gleichen Tag war der entsprechende Zellenwart von Weilerswist instruiert worden, entsprechende Nachforschungen anzustellen. Dieser konnte drei Tage später Bericht erstatten. Wohl im sicher nicht unberechtigten Glauben, die Kohlelieferung sei abhängig vom politischen Wohlverhalten der Antragsteller, meldete er: „Frau Kahn ist Witwe des verstorbenen Unternehmers Kahn. Die Eheleute Kahn, die ich persönlich, allerdings nur oberflächlich in geschäftlichen Sachen kennenlernte, sind politisch nicht hervorgetreten. Frau Kahn wohnt mit ihrer Tante, einem Frl. Strauß, die jetzt 71 Jahre alt ist, zusammen.“ Auch den Namen des Kohlehändlers hatte er inzwischen in Erfahrung gebracht.[39] Wiederum drei Tage später wurde die Meldung nach oben an den Kreiswirtschaftsberater zurückgeleitet, allerdings vom Ortsgruppenleiter mit dem Zusatz versehen, dass „über den Gesundheitszustand … Ungünstiges … nichts bekannt“ sei, weshalb eine Belieferung nach seiner Meinung auch nicht in Betracht komme.[40] Man muss davon ausgehen, dass daraufhin kein Brennmaterial geliefert wurde.

Das sind die letzten Informationen, die es über Frieda Kahn gibt. Am 23 Mai des folgenden Jahres 1942 musste sie den Transport nach Izbica besteigen. Von da ab verlieren sich ihre Spuren, aber vermutlich wurde sie unmittelbar nachdem der Zug sein Ziel erreicht hatte, weiter nach Sobibor verbracht und dort ermordet. Am 7. Juni 1949 erging beim Amtsgericht Wiesbaden der Beschluss den Zeitpunkt ihres Todes auf den 8. Mai 1945 festzulegen.[41]
Ihre beiden älteren Mitbewohnerinnen, die Tante Lina Strauss und Frau Bonne wurden, bevor auch sie den Zug in den Osten besteigen mussten, noch in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 43 verlegt.

[1] Breindel Fisch war am 10.10.1810 geboren worden. Woher die Eltern von Hayum Kahn, Berle Nathan und Nente stammten, ist nicht bekannt. Siehe dazu und zu den im Weiteren angegebenen Daten die Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[2] Es waren Rahel Regine, geb. 24.6.1834, Bette Amalie, geb. 15.6.1836, Moses, geb. 21.7.1841, Bernhard / Berle, geb. 1.10.1843, Mamle / Malchen, geb. 27.2.1846, Caroline, geb. 27.9.1848.

[3] Der Bruder von Regina Baum, Joseph Baum, ebenfalls Metzger, war wiederum der Vater des Metzgers Moritz Baum, der mit Betty Katzenstein verheiratet war. Betty und ihre Kinder Trude Josef und Lore waren später Bewohner des Judenhauses Adelheidstr. 94. Siehe oben.

[4] Der jüngere Bruder von Gustav Kahn, Leopold Kahn, geboren am 14.4.1892 in Bonbaden verstarb am 1.10.1919 in Wiesbaden. Zur Familie des älteren Bruders, Siegfried Samuel Kahn, seiner Frau Isabella Berg und den beiden Kindern Leo und Lotte siehe das Kapitel über das Judenhaus Mainzer Str. 60, wo sie zuletzt vor ihrer Deportation einquartiert worden waren.  Sie wurden alle in Auschwitz ermordet.

[5] In einem Prüfbericht des Finanzamts aus dem Jahr 1931 heißt es: „Der Ankauf und die Schlachtung von Großvieh wie Ochsen, Bullen, Rindern und Kühen nimmt der Stpfl. grösstenteils gemeinsam mit anderen bekannten bezw. Verwandten Metzgern war.“ HHStAW 685 347 e (2).

[6] Siehe dazu Bembeneck, Bickel, Kein deutscher Patriot mehr, a.a.O. S. 31-34. Im Jüdischen Adressbuch 1935 sind für Wiesbaden und seine Vororte noch etwa 35 jüdische Metzgereien eingetragen, von denen einige in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen waren.

[7] HHStAW 685 347 g (6).

[8] Ebd. (6).

[9] Ebd. (4).

[10] HHStAW 685 347 d (57). Es gibt allerdings in den Akten von Gustav und Frieda Strauss keinen Hinweis darauf, dass das Geschäft von einem arische Metzger übernommen wurde, wie von der Metzgerinnung 1957 mit Hinweis auf die Unterlagen der Kreishandwerkerkammer bescheinigt wurde, ohne jedoch einen Namen zu nennen. Siehe den Abdruck des Schreibens auf dem Erinnerungsblatt für Frieda Kahn http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-KahnF-StraussL.pdf. Möglich wäre auch, dass sich die nichtjüdischen Metzger mit dieser Marktbereinigung zufrieden gaben, da diese für sie insgesamt auch wesentlich vorteilhafter war. Siehe dazu Bembeneck, Bickel, Kein deutscher Patriot mehr, a.a.O. S. 32 f.

[11] HHStAW 685 347 c (71).

[12] Kurt verstarb am 9.7.1915, Margot geb. 6.8.1919, verstarb am 14.8.1919

[13] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 1929 / 186. Hedwig Breuer war am 21.9.1899 in Wiesbaden geboren worden.

[14] HHStAW 518 778 (21).

[15] HHStAW 518 778 (42). Hier ist als Standort der Metzgerei die Dotzheimer Str. 61 genannt, wo offensichtlich neben der eigentlichen Metzgerei in der Blücherstraße ein weiteres Ladengeschäft angemietet war. Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist die Metzgerei in der Blücherstr. 3 noch eingetragen, aber auch diese muss ungefähr zu diesem Zeitpunkt auch geschlossen worden sein.
In einem am 27.3.1952 ergangenen Bescheid der Entschädigungsbehörde wurde die Zahlung einer Entschädigung für den wirtschaftlichen Schaden, der ab diesem Zeitpunkt bis zum November 1938 eingetreten war, mit der folgenden hanebüchenen Begründung verweigert: „Der Antragsteller macht zwar geltend, dass er bereits 1935 gezwungen gewesen sei, seinen Betrieb zu schließen, doch hat er nicht nachgewiesen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits individuelle, persönlich gegen ihn gerichtete nat. soz. Verfolgungsmaßnahmen die Ursache der Schließung des Geschäftes gewesen seien. … Es genügt nicht, wenn die Schädigung infolge der allgemeinen, von den Nationalsozialisten gegen die Juden betriebenen Verhetzung eingetreten ist. Als einwandfrei durch unmittelbare na. .soz. Verfolgungsmaßnahmen aus seinem Beruf verdrängt, kann der Antragsteller jedoch mit Wirksamwerden der na. .soz. Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12.11.1838 angesehen werden.“ Auch für die durch die Verschleuderung entstandenen Schäden wollte man nicht aufkommen: „Der Schaden, der durch Verschleuderung von Vermögenswerten entstanden ist, beruht nicht auf einer unmittelbar gegen den Antragsteller gerichteten Verfolgungsmaßnahme, sondern ist höchstens anlässlich einer solchen eingetreten.“ Ebd.

[16] Akribisch hat Adolf Kahn die Nachweise über diese Zwangsarbeit aufgehoben und konnte sie daher im späteren Entschädigungsverfahren vorlegen. Die Namen der Firmen, die damals von solchen Zwangsarbeiten profitierten, können problemlos identifiziert werden, siehe die Zusammenstellung von Adolf Kahn in HHStAW 518 778 (21) und die im Folgenden in der Akte enthaltenen Belege der Firmen selbst.

[17] Er selbst wie auch der damalige Polizeimeister Nitschke gaben an, dass die Verhaftung bereits am 7.11.1938, stattgefunden habe, also noch am Tag des Anschlags auf Von Rat in Paris und nicht erst bei der konzertierten Aktion vom 9. bzw. 10.  November

[18] HHStAW 518 778 (40). Laut diesem amtsärztlichen Gutachten betrug die durch die Inhaftierung verursachte Erwerbsminderung 80 %.

[19] Ebd. (42).

[20] HHStAW 519/3 3284 (1, 2, 3, 4, 5).

[21] Die Zahlen nach Reitlinger, Endlösung, a.a.O. S. 173.

[22] Dass der Nachlass der Familie Kahn, der eine Reihe von Briefen von Vater und Tochter aus dem KZ enthält, für eine wissenschaftliche Auswertung nicht zur Verfügung steht, ist einem nicht nachvollziehbaren, vor Gericht geführten Streit um die Eigentumsrechte (!!!) an diesem Nachlass zu verdanken, an dem die Nachkommen der Familie selbst aber in keiner Weise beteiligt sind.

[23] HHStAW 685 357 f (10) und g (0.P.). Gustav Kahn hatte dafür selbst ein Darlehen aufnehmen müssen. 13.000 RM zahlte Karl nach Verkauf des Geschäfts 1936 wieder zurück.

[24] Ebd. (31).

[25] Im ersten Geschäftsjahr hatte Karl Kahn einen Gewinn von 1.000 RM erzielt und im folgenden Jahr in seiner Steuererklärung immerhin ein Einkommen von knapp 5.000 RM angegeben. Auf diesem Niveau blieb der Geschäftsumfang dann auch bis 1934. Ebd. (14, 18, 61).. In einem Brief des beauftragten Steuerbüros vom 1.6.1934 an das Finanzamt wird allerdings um eine Steuerermäßigung der Vorauszahlungen gebeten, da „das Geschäft auf billige und billigste Waren eingestellt“ sei. Ebd. (30).

[26] Ebd. (45).

[27] HHStAW 685 357 c (o.P.).

[28] HHStAW 685 357 f (58, 59).

[29] HHStAW 518 18628. Karl Kahn starb am 30.7.1981 in Montevideo, seine Frau Johanna im Jahr 1987.

[30] Stadtarchiv Wiesbaden WI / 3 983 und HHStAW 685 347 b (4).

[31] HHStAW 685 347 c (62).

[32] HHStAW 685 347 b (21). Noch bevor das Geld für den Hausverkauf auf ihrem Konto eingegangen war, hatte im Januar 1939 die Zollfahndungsstelle Mainz eine Sicherungsanordnung bei der Devisenstelle Frankfurt beantragt, die auch sofort erteilt wurde. HHStAW 685 347 c (63, 66). Man gewährte ihr einen Freibetrag von 500 RM monatlich, eine Summe, die wegen des relativ frühen Zeitpunkts der Anordnung im Vergleich zu den späteren Verfügungen noch relativ „großzügig“ war.

[33] Ebd. (14, 21).

[34] Ebd. (64).Frieda hat zumindest für die Hälfte der Summe bei der Preussischen Staatsbank Wertpapiere hinterlegt, siehe HHStAW 518 18011 (26).

[35] Ebd. (14).

[36] Ebd. (71).

[37] Ebd. (16,17,18,19,20).

[38] Auf einem Schreiben des zuständigen Zellenwarts ist als Auszugsdatum aus der Wellritzstraße allerdings der 11.8.1941 und als Einzugsdatum in das Judenhaus den 1.9.1941 angegeben, siehe 483 10127 (22).

[39] Ebd. (22).

[40] Ebd. (23 Rückseite).

[41] HHStAW 469/33 2515 (13).