Julius Löwenthal und seine Familie


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6
Judenhaus Wiesbadaen, Judenäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Hallgarter Str. 6
Das Judenhaus Hallgarter Str. 6 früher
Mit Genehmigung M. Sauber

 

 

 

 

 


Auch der jüdische Metzgermeister Julius Löwenthal lebte zeitweise mit seiner Ehefrau Luise Elisabeth in Judenhaus in der Hallgarter Str. 6. Ursprünglich kamen Löwenthals aus Schierstein, wo sie in der Wilhelmstr. 25 eine koschere Metzgerei besaßen.
Julius Löwenthal war dort am 6. Januar 1895 geboren worden.[1] Seine Vorfahren väterlicherseits kamen aus dem im heutigen Rhein-Lahnkreis gelegenen Marienfels und aus Geisenheim im Rheingau. Der Vater von Julius war Abraham Löwenthal, eines von vermutlich vier Kindern des Handelsmanns Nathan Löwenthal und seiner Frau Eva, geborene Strauß.[2] Abraham war am 15. Dezember 1862, seine beiden Brüder, die Zwillinge Isaak und Hermann, beide am 20. Januar 1867 geboren worden. Ein weiterer Bruder namens Siegmund lebte später in Holzappel bei Limburg. Sein Geburtsdatum ist bisher nicht bekannt.[3]

Nathan Löwenthal, Abraham Löwenthal, Johanna Marx
Stammbaum von Julius Löwenthal
(GDB-PLS)

Bei seiner Hochzeit am 23. Dezember 1888 mit Johanna Marx gab Abraham Löwenthal als Adresse noch die Gauthorkaserne in Mainz an.[4] Seine am 13. Januar 1868 geborene Frau war eine Tochter von Baruch Marx und dessen Frau Sarah, geborene Strauß. Die Kaufmannsfamilie lebte seit langer Zeit in Schierstein und war verwandtschaftlich mit vielen wichtigen jüdischen Familien der Stadt verbunden.[5] In Schierstein lebte auch Abrahams Bruder Isaak Löwenthal, als er am 16. August 1893 die am 20. Januar 1866 in Geisenheim geborene Elisabeth, genannt Lisette, Strauß heiratete.[6] Nach Geisenheim verlegten die beiden nach der Eheschließung auch ihren dauernden Wohnsitz. Die Ehe seines Zwillingsbruders Hermann mit Regina Heyum aus Erbach im Rheingau wurde ein Jahr später im Heimatort der Ehefrau geschlossen. Sie wiederum zogen später nach Camberg, wo sie einen Viehhandel betrieben.

Julius, der spätere Bewohner des Judenhauses, war das letzte Kind von Abraham und Johanna Löwenthal. Sehr bald nach ihrer Hochzeit war am 7. April 1889 die Tochter Selma, danach am 20. Oktober 1890 eine weitere Tochter Bertha und wiederum ein Jahr später am 18. November 1891 noch der Sohn Nathan Sally geboren worden.[7]

Löwenthal, Hallgarter Str. 6. jüdischer Metzger, Wiesbaden, Judenhaus
Heiratsurkunde von Julius Löwenthal und Luise Ruth Gerich
HHStAW 518 25480 (4)

Wie sein Bruder Nathan Sally hatte auch Julius eine nichtjüdische Partnerin geheiratet. Seine Frau Luise Gertrud, geborene Gerich, war am 10. April 1892 in Wiesbaden geboren worden. Auf der Karteikarte der Gestapo war sie zunächst auch als Jüdin eingetragen worden, was aber später mit dem Vermerk „arisch“ korrigiert wurde.[8] Ihre Eltern waren der Buchbinder Carl Gerich und dessen Frau Elisabeth, geborene Hofmann.[9]

Die am 13. Januar 1929 in Schierstein geschlossene Ehe, die kinderlos blieb, war nach jüdischem Ritus vollzogen worden.[10] Luise Gertrud war offensichtlich der jüdischen Kongregation beigetreten, zumindest gab auch sie in den Steuererklärungen als Religion immer „israelitisch“ an.

Welche bedeutende wirtschaftliche Rolle die jüdischen Metzger in Wiesbaden auch für die nichtjüdische Bevölkerung einnahmen, hat Lothar Bembenek beschrieben. Wie schnell sie aber auch zu den ersten Opfern der antisemitischen Hetze werden konnten und welche Rolle dabei wiederum die „arischen“ Metzger spielten, ist seiner Darstellung ebenfalls zu entnehmen.[11] Da sie oft zugleich auch im Viehhandel tätig waren, war es ein Leichtes die bäuerliche Bevölkerung mit diffusen, aber traditionell schon immer wirksamen Anschuldigungen gegen diese aufzuhetzen: Der jüdische Händler würde den christlichen, somit per se anständigen Bauern immer wieder übervorteilen. Auch Löwenthals Metzgerei war sehr schnell Opfer der sofort nach 1933 einsetzenden Boykottaktionen. Lange bevor die jüdischen Metzger das generelle Berufsverbot traf, durften sie den Schlachthof schon nicht mehr betreten und waren deshalb auf den Ankauf von oft minderwertigem Fleisch angewiesen. Ihre Kunden wurden drangsaliert und eingeschüchtert. Bereits 1935 soll es in Wiesbaden keine jüdische Metzgerei mehr gegeben haben.[12]

Julius Löwenthal, Schierstein, Metzgerei, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Julius Löwenthal informierte bereits 1932 das Finanzamt über die schwierige Lage seines Geschäfts
HHStAW 685 509b (37)

Die Umsatzentwicklung der Metzgerei der Löwenthals scheint diese Entwicklung widerzuspiegeln. Julius Löwenthal hatte seinen Betrieb am 1. Mai 1928 noch vor seiner Eheschließung in der Schiersteiner Wilhelmstr. 25 eröffnet.[13] Danach arbeitete das Ehepaar gemeinsam ohne weitere Mitarbeiter in dem Geschäft. Das Fleisch bezogen sie nach Angaben von Julius Löwenthal ausschließlich vom Wiesbadener Schlachthof.[14] Nach seiner Darstellung im Entschädigungsverfahren habe das Einkommen in den Jahren 31 und 32 noch bei nahezu 100.000 RM gelegen, sich dann 1933 schon mehr als halbiert und 1934 habe es nur noch 20.000 RM betragen. In den folgenden Jahren, in denen der Betrieb bereits geschlossen war, soll sein Einkommen bis 1940 zwischen 500 und 1.000 RM gelegen haben.[15]

Man muss allerdings dagegenhalten, dass der Betrieb, in den schlimmsten wirtschaftlichen Krisenjahren gegründet, nach den Angaben der Steuerakten von Anbeginn an in Schwierigkeiten war und das Einkommen der Löwenthals nie die im Entschädigungsverfahren genannten Summen erreichte. In den Jahren bis 1935 wurde das zu versteuernde Einkommen in den Steuererklärungen immer mit weniger als 2.000 RM, oft sogar weniger als 1.000 RM angegeben.[16] Im Jahr 1934 betrug das Jahreseinkommen nach seinen eigenen Angaben gerade mal 250 RM. Immer wieder musste Julius Löwenthal bei der Finanzbehörde um Stundung bitten,[17] sogar Pfändungsverfahren waren bereits 1932 in Gang gekommen.[18]

Julius Löwenthal, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Julius Löwenthal gibt seinen Metzgereibetrieb auf
HHStAW 685 509a

Im Jahr 1935, am 26. Juni, gab Julius Löwenthal seinen Betrieb auf. Im ersten Halbjahr habe er keine Umsätze mehr erzielt, er beziehe jetzt Wohlfahrt, schrieb er dem Finanzamt Wiesbaden.[19] Das Scheitern des Unternehmens war sicher zum einen den allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen während der Weltwirtschaftskrise geschuldet – eine Zeit, in der eine erfolgreiche Unternehmensgründung für jeden so gut wie unmöglich war. War man dann auch noch Jude, gar Metzger, dann war diese Chance gleich Null.

Mit dieser Geschäftsaufgabe war Julius Löwenthal einer kurz darauf, am 20. August 1935, gestarteten Kampagne zuvorgekommen, die alle jüdischen Metzgereien in Wiesbaden traf und die Schließung der Läden mit Gewalt und amtlicher Beihilfe zum Ziel hatte. Manchen wurde der Laden zerstört, andere, wie die von Imko Kessler, wurden „von Amts wegen“ auf Grund angeblicher Hygienemängel geschlossen.[20] Auch Julius Löwenthal war an diesem „Aktionstag“ mit anderen in das Wiesbadener Polizeigefängnis überführt und in „Schutzhaft“ genommen worden. Bis zum 25. November 1935 blieb er inhaftiert,[21] ohne dass er sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hätte.

Sein bereits geschlossener Laden wurde nach seinen Angaben zweckentfremdet und behelfsmäßig in Wohnungen umgewandelt. Nach Maßgabe des Gauwirtschaftsberaters sollten jüdische Metzgereien wegen des angeblichen Überhangs an Metzgereien generell nur in Ausnahmefällen arisiert werden. Der Normalfall sollte die Liquidation sein, womit den althergebrachten arischen Metzgereien wieder größere Überlebenschancen gegeben wurden.[22]

Die Zerstörung seiner Existenzgrundlage genügte dem Nazi-Mob aber noch nicht. In der Pogromstimmung der Novemberereignisse von 1938 traf es Julius und Luise Löwenthal erneut mit aller Härte. Die Ereignisse dieses Tages in Schierstein wurden in einem Verfahren vor dem Landgericht Wiesbaden nach dem Krieg weitgehend aufgeklärt. Von den vier Hauptverdächtigen wurden zwei wegen Brandstiftung in Tateinheit mit schwerem Landfriedensbruch zu zwei bzw. fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, zwei wurden wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Der Truppführer Hans Pickardt, der zunächst zu seiner Arbeitsstelle im Wiesbadener Standesamt gefahren war, dort die bereits laufenden Aktionen gegen jüdische Geschäfte beobachten konnte, war von seinem Sturmführer sofort nach Schierstein zurückbeordert worden, um mit seinem Trupp die dortigen Aktionen zu leiten. Plünderungen und Gewalt gegen Personen sollten angeblich verhindert werden. Der erste Angriff galt der Synagoge in der Kirchstraße, wo andere SA-Leute bereits vor Pickardts Ankunft mit dem Zerstörungswerk begonnen hatten und dabei waren, mit Äxten die Inneneinrichtung und den Altar zu zertrümmern. Da das Holz kein Feuer fangen wollte, wurde ein SA-Mann zur nächsten Tankstelle geschickt, um Benzin zu besorgen. Wenig später stand das Gotteshaus in Flammen. Die herbeigerufene Feuerwehr beschränkte sich wie üblich darauf, die Nachbargebäude zu sichern.[23]

Die Ruine der Schiersteiner Synagoge in der Nachkriegszeit
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Schierstein%20Synagoge%20180.jpg

Anschließend machte sich der Trupp auf, die jüdischen Bürger und ihre Geschäfte oder Betriebe heimzusuchen. Als ersten traf es die Familie des Häutehändlers Otto Kahn, dessen Fettschmelze ebenfalls ein Opfer der Flamen wurde. Weitere Zerstörungen erfolgten im Laufe des Nachmittags.

Erst abends um 21.30 Uhr fiel der aus fünf Männern bestehende Trupp mit den Worten „Spät kommen wir, aber wir kommen!“ in die Wohnung der Löwenthals ein, um dort ihr Zerstörungswerk mit Äxten und Bleirohren fortzusetzen. Frau Löwenthal versuchte mit dem Hinweis, dass sie Christin sei und die Einrichtung als in die Ehe eingebrachtes Gut ihr gehöre, die Zerstörung zu stoppen. Vergebens. Der Truppführer Pickardt entgegnete lakonisch, dass der Haushalt jüdisch sei und begann damit, die Wohnungseinrichtung zu zerschlagen. Es sei von der Einrichtung nichts außer einer Couch erhalten geblieben, die nur deswegen unversehrt blieb, weil ein umgefallener Esstisch sie vor den Augen der Täter verdeckte. Sie demolierten auch Bilder, Teppiche, Porzellan und Kristall. Lebensmittel wurden über dem Boden verstreut. Zuletzt wurde der Küchenherd umgeworfen, sodass der Holzboden Feuer fing. „Um diesen u löschen benutzte ich Wäsche, Kleidung usw., um das Feuer zu ersticken. Eine andere Art der Löschung war nicht gegeben, da kein ganzes Gefäß mehr in der Wohnung war.“[24]

Mit Hilfe von Nachbarn und Luises Schwester Lina Gerich, die aus ihren eigenen Beständen Ersatz für das kaputte Geschirr mitbrachte, wurde am folgenden Tag die Wohnung wieder notdürftig hergerichtet.

Im folgenden Jahr, am 23. November 1939, verstarb Julius’ Mutter Johanna Löwenthal in ihrem Haus in der Schiersteiner Wilhelmstr. 9. Ihr Mann Abraham Löwenthal war bereits am 18. November 1931 verstorben.[25] Beide mussten somit die Zeit der schlimmsten Verfolgung nicht mehr erleben.

Trotz der Ereignisse während der Reichspogromnacht waren Löwenthals in Schierstein geblieben. Erst 1940, vermutlich sogar gezwungenermaßen, verließen sie ihre dortige Unterkunft und zogen am 1. März – so der Eintrag in ihrer Gestapo-Karteikarte – von dort in das im Wiesbadener Rheingauviertel gelegen Judenhaus Hallgarter Str. 6. Abgesehen davon, dass Julius Löwenthal ab Oktober 1941 über zwei Jahre zu Bauhilfsarbeiten herangezogen wurde,[26] ist über die Zeit im Judenhaus nichts bekannt. Von den Deportationen im Jahr 1942 blieb er auf Grund seines Status als Partner in einer Mischehe noch verschont. Er blieb mit seiner Frau sogar, nachdem alle seine jüdischen Mitbewohner verschleppt worden waren, bis in den Spätherbst 1943 in dem ehemaligen Judenhaus wohnen.

Am 20. November 1943 mussten beide dann „auf Anordnung der Gestapo“ ihre Unterkunft in der Hallgarter Str. 6 verlassen. Das Paar wurde „mit anderen Juden im (!sic) Haus Dotzheimerstr. 55 eingewiesen“.[27] Die „anderen Juden“ war die Familie Mannes, Karl Mannes, seine Frau Alida, geborene Döbrich und seine beiden Söhne Josef und Hans aus seiner vorherigen Ehe,[28] die in dem Haus bereits seit mehreren Jahren wohnten. Auch Karl Mannes war bisher nicht deportiert worden, weil er Dank seiner Kinder aus der vorherigen Ehe mit einer Nichtjüdin als Partner in einer „privilegierten Mischehe“ galt.

In einer eidesstattlichen Erklärung gab Karl Mannes im späteren Entschädigungsverfahren Auskunft über das Leben in diesem Haus:
„Am 22.11.1943 wurden wir auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei mit der Jüdischen Familie Julius Löwenthal aus Schierstein, Wilhelmstr. 40 zusammengelegt. Wir waren also somit mit zwei Familien in 2 Zimmern und Küche. Da Herr Löwenthal und auch ich Sternträger waren, wurde dis Wohnung mit dem Judenstern gekennzeichnet, und zwar an der Korridortüre. Es -war somit allen Nichtjuden verboten, die Wohnung zu betreten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, angezeigt und selbst streng bestraft zu werden. Des weiteren unterlagen wir der beschränkten Ausgangszeit, wir durften abends ab 8 Uhr nicht auf die Strasse, mussten in vorgeschriebenen Geschäften einkaufen, indem die Lebensmittelkarten und auch der Haushaltungsausweis mit ‚jüdischer Haushalt’ versehen wurde, wir durften zu keinem Friseur und konnten nur mit Genehmigung der Staatspolizei einen vorgeschrieben Arzt in Anspruch nehmen und das auch nur in schweren Fällen. Ausserdem mussten wir uns jeden Freitag bei der Geheimen Staatspolizei melden. Auch bekamen wir nur einen Teil der Lebensmittelkarten, weder Fleisch noch Weissbrot u.a.m. Somit waren wir nach meiner Meinung einem Jüdischen Ghetto gleichgestellt.
Auch wurde meine Frau, da ich sie 1936 nach Erlass der Rassegesetze als Halbjüdin heiratete, lt. beigefügter Heiratsurkunde zur- Jüdin erklärt und musste sie alle Zwangsmassnahmen mit mir ertragen.“
[29]

Nach den großen Deportationen wurden die wenigen noch verbliebenen Juden in Wiesbaden ganz offensichtlich weiterhin in judenhausähnlichen Quartieren zusammengefasst.[30] Auch wenn es sich bei diesem Haus in der Dotzheimer Straße, das zuvor zwar dem jüdischen Ehepaar Albert und Erna Hess gehört hatte und 1939 aber verkauft worden war, nicht um ein offizielles Judenhaus handelte, hatten Julius Löwenthal wie auch Karl Mannes auf Grund der Tatsache, dass sie dort per Zwangseinweisung untergebracht worden waren, einen Antrag auf Entschädigung für einen ‚Schaden an Freiheit’ gestellt. Sie argumentierten, dass die dortige Unterbringung ihrem Zweck und Charakter nach einem „Ghetto“ gleichzusetzen sei. Schon auf diesem Antrag hat der Sachbearbeiter handschriftlich angemerkt „Keine Haft“., [31] In einer weiteren Aktennotizvom 3. Juli 1950 heißt es:
„In Wiesbaden waren mehrere Häuser z.B. in der Kapellenstrasse und in der Dotzheimerstrasse, in die jüdische Familien zwangsweise, eingewiesen wurden. Dort waren sie beengt, aber doch so untergebracht, dass es ihnen erlaubt war, das Haus zu verlassen. Soweit mir aus anderen Fällen bekannt ist (Ludwig Fried, Wsbd.), wurden diese Häuser wöchentlich ein- oder mehrere Male  von der Gestapo kontrolliert. Ausserdem wurden die Insassen zur Arbeitsleistung herangezogen. Die Unterbringung war also keineswegs so, dass von einer Haft gesprochen werden kann.
Nach telef. Rücksprache mit der jüdischen Gemeinde (Frau Leutner) trifft das Obengesagte  zu. Frau Leutner sagte, dass diese Häuser als freie Ghettos mit Arbeitsverpflichtung anzusehen seien.“
[32]

Nicht nur wird an diesem Fall die unmittelbare Rolle der Gestapo bei den Umsiedlungen deutlich, entlarvend für das Rechtsverständnis des ‚neuen’ Deutschland ist, dass eine durch die Gestapo veranlasste Umsiedlung offenbar nicht als Einschränkung der Freiheit angesehen wurde. Explizit wird das noch einmal in einem Arbeitsblatt zum Antrag formuliert, wo ebenfalls handschriftlich vermerkt ist, dass eine „Wohnung in Wiesbaden kein Ghetto, also kein Freiheitsentzug im Sinne des E[ntschädigungs].G.[esetzes]“ sei.[33] Unverständlich ist, dass diese Sichtweise auch von der Jüdischen Gemeinde unterstützt wurde.

In dem Haus in der Dotzheimer Straße wohnten Löwenthals bis zum 14. Februar 1945. An diesem Tag wurde Julius Löwenthal kurz vor Kriegsende noch einmal verhaftet und in das KZ Theresienstadt überführt, wo er zu Schwerstarbeiten herangezogen wurde und sich nur mangelhaft ernähren konnte.[34] Die Frage, ob und inwieweit die gesundheitlichen Schäden, unter denen Julius Löwenthal nach 1945 ständig zu leiden hatte, Folge der Haftzeit waren, blieb trotz vielfacher Gutachten im späteren Entschädigungsverfahren umstritten.

Der 8. Mai, der Tag der Befreiung, war auch für ihn persönlich ein solcher Tag. Als jüdischer Partner in einer „Mischehe“ war es ihm trotz aller schrecklichen Erfahrungen gelungen die Nazizeit zu überstehen. Der Versuch, sich in der Bundesrepublik erneut eine Existenz im erlernten Beruf aufzubauen, gelang letztendlich nicht. Zwar hatte die alliierte Besatzungsmacht es ihm ermöglicht, wieder eine Metzgerei in der Wilhelmstraße in Schierstein zu übernehmen, aber die deutschen Behörden waren bei der Absicherung von notwendigen Krediten für den Erwerb der Räumlichkeiten und für notwendige Investitionen – vorsichtig formuliert – sehr zurückhaltend. Zwei Jahre nachdem er das Haus kaufen konnte, musste er aus gesundheitlichen Gründen den Betrieb erneut aufgeben und Haus und Geschäft verkaufen.[35] Julius Löwenthal starb am 1. Februar 1963 in seinem Heimatort, seine Frau einige Jahre später, am 3. September 1970, ebenfalls in Schierstein.

 

Auch seinem älteren, ebenfalls in einer „Mischehe“ lebender Bruder Nathan Sally gelang es zu überleben. Die Ehe mit der evangelischen Philippine Louise Breitenbach, geboren am 27. März 1897 in Biebrich, war am 27. Dezember 1928 geschlossen worden. Sie wohnten später zunächst in Mainz, von wo sie im November 1938 in die Schweiz ausreisten. Ihr letzter bekannter Wohnsitz war Basel.[36]

Julius Löwenthal, Wiesbaden, Judenhaus, Hallgarter Str. 6
Kennkarte von Arthur Wildau, dem Ehemann von Selma Löwenthal
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0437.pdf

Selma, die Schwester von Julius Löwenthal, überlebte dagegen nicht. Auch sie hatte sich in Mainz, der Heimatstadt ihres Mannes Arthur Wildau, nach der dort geschlossenen Ehe niedergelassen. In der Großen Bleiche 34-36 besaßen sie ein Möbelgeschäft. Im Jahr 1914 wurde zunächst die Tochter Hildegard geboren, sieben Jahre später am 26. Januar 1921, die zweite Tochter Marianne. Während das Schicksal von Hildegard bisher nicht aufgeklärt werden konnte, soll Marianne sich nach 1939 nach England gerettet haben. Die Eltern waren gezwungen worden, ihre Wohnung in der Umbach zu verlassen und in das Judenhaus in der Frauenlobstr. 4 zu ziehen. Von dort wurden sie am 25 September 1942 über Darmstadt in das Ghetto Piaski deportiert. Sie blieben beide verschollen. Wo sie ermordet wurden, wird wohl kaum noch aufzuklären sein.[37] Kennkarte u Stolperstein.

Das Schicksal der zweiten Schwester Bertha ist völlig unbekannt. Zwar gab Julius Löwenthal 1955 an, er habe im Holocaust zwei Schwestern verloren,[38] aber einen Beleg dafür gibt es bisher nicht. Bertha hatte am 7. Juli 1927 den Kaufmann Willibald Gebhardt aus Hassloch in der Pfalz geheiratet.[39] Sie waren zunächst in Wiesbaden geblieben und wohnten zur Zeit der Eheschließung im Dambachtal 13. Im Jüdischen Adressbuch von 1935 sind sie nicht mehr erfasst. Weder im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz noch in Yad Vashem ist einer der beiden als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eingetragen. Es könnte daher sein, dass sich der Bruder damals irrte und die beiden die Zeit doch überlebt hatten.

 

Nicht nur die unmittelbaren Verwandten von Julius Löwenthal wurden Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns, auch in den Familien seiner Onkel waren solche zu beklagen.

Hermann und Regina Löwenthal

So auch in der von Hermann Löwenthal.[40] Wann er nach Camberg gezogen war, ist nicht bekannt. Er trat erstmals bei der Volkszählung 1890 als Steuerzahler der dortigen Gemeinde in Erscheinung. [41] Gehörte der damals in der Limburger Str. 21 Wohnende noch zu den weniger vermögenden Juden, so änderte sich das in den folgenden Jahren deutlich. Schon bei der Volkszählung im Jahr 1902 – die Zahl der jüdischen Einwohner hatte sich kaum verändert – zählte er zu denen im mittleren Segment.[42] In einer Aufstellung der jüdischen Steuerzahler im Jahr 1918 rangierte er dann schon in der Spitzengruppe, wo er den sechsten Platz einnahm.[43] Das Ehepaar, dem am 19. April 1908 eine Tochter Irma geboren wurde, war mit seinem Viehhandel zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen, sein monatliches Einkommen soll bis zur „Machtergreifung“ etwa 2.500 RM betragen haben. Die Familie konnte somit in Camberg eine größere Immobilie erwerben und auch ein beträchtliches Guthaben bei der Bank hinterlegen.[44]
Wie überall im ländlichen Raum wechselten auch in Camberg die Zeiten, in denen die ansässigen Juden toleriert wurden, mit solchen ab, in denen die christlichen Bürger versuchten, sie aus der Lebensgemeinschaft herauszudrängen.[45] Mit dem Jahr 1933 brachen die latenten antisemitischen Haltungen aber dann offen auf und schon im Mai 1933 zogen die geordneten Trupps der verschiedenen NS-Organisationen unter großem Beifall der Bevölkerung durch Cambergs Straßen. Die jüdischen Geschäfte wurden boykottiert und jüdischen Metzgern wurde das Betreten der Viehmärkte untersagt. Der schon 1933 eingesetzte NSDAP Bürgermeister Lawaczek stellte sich an die Spitze des Mobs, der die jüdischen Mitbürger in der folgenden Zeit immer wieder drangsalierte und demütigte.

Von ihrem Hofgut mit Stallungen und Wohngebäuden hatten sich Löwenthals 1937 trennen müssen, sie durften dort aber zunächst noch wohnen bleiben. Dass die Käufer praktisch immer ein „gutes Verhältnis zu den jüdischen Verkäufern“ gehabt haben sollen – so die durchgängige Bemerkung in der unmittelbar nach dem Krieg entstandenen Liste, in der die verschiedenen Immobilientransfers von Juden festgehalten sind -,[46] erweist sich schon dadurch als Lüge und frühe Verleugnung der Verantwortung für das Geschehene, wenn man liest, was die Neuerwerber 1939 auf die Anfrage der Gemeinde, wieso in ihrem Haus noch Juden leben würden, antworteten: „Wir haben 3 Zimmer, Küche, Bad, Mansarde an Löwenthal (Jude) vermietet. Sind seit dem 15 November vorigen Jahres gekündigt, ziehen nun endlich nächste Woche aus. Heil Hitler.“[47]

Löwenthals mussten umziehen. Als im Sommer 1942 die jüdischen Mitbürger aus Camberg deportiert wurden, wohnten Löwenthals in der Obertorstr. 11.[48] Am 21. August hatte der Landrat die Anordnung der „Stapo“ Frankfurt erhalten, laut der Hermann, Regina und ihre Tochter Irma am 28. August mit dem Personenzug um 11.26 Uhr unter Leitung des Transportführers Gendarmeriemeister Koch nach Frankfurt zu bringen seien. Eine Zeugin aus dem Nachbarhaus sagte nach dem Krieg aus, dass Irma von dem Wachpersonal geschlagen worden sei, weil diese nicht aus dem Haus gehen wollte und sich völlig verängstigt an dem Leiterwagen klammerte, der mit den wenigen Habseligkeiten der Familie beladen war. Ihre letzten Nächte vor der endgültigen Deportation verbrachte die Familie in der Frankfurter Rechneigrabenstr. 11, bevor sie am 2. September 1942 mit dem Transport XII/2 nach Theresienstadt verbracht wurden.[49] Im gleichen Zug saßen etwa 350 Juden aus Wiesbaden.

Weder Eltern noch Tochter haben das Ghetto noch einmal verlassen. Alle drei verstarben dort schon nach wenigen Wochen: Die behinderte Tochter am 24. Oktober, die Mutter Regina am 23. November und Hermann Löwenthal am 24. Dezember 1942.

Judenhaus Hallgarter Str6. Wiesbaden, Julius Löwenthal
Todesfallanzeige aus Theresienstadt für Regine Löwenthal
https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/89163-l-wenthal-regine-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/
Löwenthal, Bad Camberg, Judenhaus Wiesbaden, hallgarter Str. 6
Todesfallanzeige für Irma Löwenthal aus Theresienstadt
https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/87188-l-wenthal-irma-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch in der Familie des Zwillingsbruders Isaak gab es eine große Zahl von Opfern, einigen war es allerdings gelungen, den Verfolgern zu entkommen. Isaak ging in Geisenheim im Rheingau, dem Heimatort seiner Frau Lisette Strauß,[50] wie seine Brüder der Familientradition folgend, dem Beruf eines Viehhändlers und Metzgers nach.[51] Die über viele Jahre gut gehende Metzgerei lag in der Taunusstr. 15.

Isaak Löwenthal, Julius Löwenthal, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Boykottaufruf gegen die Metzgerei Löwenthal in Geisenheim
AKiP

Dem Paar, das 1893 in Geisenheim geheiratet hatte, waren drei Töchter geboren worden, die alle in ihrer Heimatgemeinde die Ehe eingingen. Johanna, geboren 1894, und Fanny, geboren 1896, heirateten die Brüder Alfred und Alex Gustav Salm aus Schweich an der Mosel, Selma den Metzger Felix Neufeld aus Lengerich bei Münster in Westfalen. Mit den Eltern betrieben sie in Geisenheim gemeinsam die  Metzgerei, die sie später auch übernehmen sollten. Ihr am 7. Januar 1929 geborener Sohn Werner bekam schon in der Schule zu spüren, was es in diesen Tagen hieß, Jude zu sein. Im Juli 1936 gaben seine Großeltern auf Grund des wachsenden Boykottdrucks ihren Betrieb auf, und zogen in den Nachbarort Oestrich, wo sie bei Verwandten unterkamen. Später verließen sie den Rheingau ganz und ließen sich in Köln nieder. Der Grund für die Wahl dieses Ortes, ist bisher nicht bekannt. Von dort wurden sie am 15. Juni 1942 ins Ghetto nach Theresienstadt deportiert.[52] Schon im Frühjahr 1942 hatte Eichmann beschlossen, das völlig überfüllte Ghetto zu „entleeren“ und etwa 20.000 Bewohner der Vernichtung zuzuführen. Aber erst im September wurden diese Pläne realisiert. Im ersten dieser insgesamt zehn Transporte mit jeweils etwa 2000 Menschen, der am 19. September 1942 Theresienstadt verließ, waren auch Isaak und Lisette Löwenthal. Sein Ziel war das Vernichtungslager Treblinka, wo die beiden wohl unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden.[53]
Auch die Eltern von Werner, Selma und Felix Neufeld, verließen Geisenheim und zogen nach Lengerich, in die Heimat des Ehemanns, um sich hier als Metzger eine neue Existenz aufzubauen.[54] Während der Reichspogromnacht wurde ihr dortiges Haus und Geschäft zerstört und Felix Neufeld mit anderen Familienmitgliedern verhaftet. Anschließend gelang ihm die Flucht,[55] während seine Frau Selma und sein zwölfjähriger Sohn Werner in Lengerich in einem Judenhaus wohnen mussten. Im Haus in der Bahnhofstr. 17 waren die letzten 17 Juden des Ortes gemeinsam einquartiert worden, bis sie zusammen am 13. Dezember 1941 von Münster aus mit mehr als eintausend anderen Juden aus umliegenden Orten in das Ghetto Riga verbracht wurden.[56] Laut Gedenkbuch sollen sie zusammen am 9. August 1944 im KZ Stutthof bei Danzig überstellt worden sein, Werner wurde am folgenden Tag weiter nach Auschwitz gebracht, wo er am 10. September ermordet wurde. Seine Mutter ist vermutlich in Stutthof ums Leben gekommen.

Isaak Löwenthal, Lisette Löwenthal Strauß, Johanna Löwenthal, Fanny Löwenthal, Selma Löwenthal Neufeld
Stolpersteine für die Familien Löwenthal und Neufeld, verlegt am 9.8.2019 in Geisenheim / Rheingau
Eigene Aufnahme

Ihre beiden Schwestern Johanna und Fanny konnten mit ihren Familien Deutschland rechtzeitig verlassen und in die USA auswandern, wohin später auch ihr Schwager Felix Neufeld gelangte.

Über die Familie des vierten Sohns von Nathan und Eva Löwenthal ist nur wenig bekannt, nicht einmal das Geburtsdatum von Siegmund Löwenthal konnte bisher festgestellt werden. In der kleinen Gemeinde waren aber die jüdischen Mitbewohner offenbar über viele Jahre und Jahrzehnte völlig integriert. Besonders Siegmund war hochgeachtet. Nicht nur war er Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr, besonders gefragt war wegen seiner umfassenden medizinischen Kenntnisse bei der Behandlung von erkranken Vieh. Wie viele aus seiner Familie übte er in der Gegend um Diez als Viehhändler eine wichtige Funktion im ländlichen Raum auch für die nichtjüdischen Bauern aus. In der kleinen Jüdischen Gemeinde saß er mit anderen, u.a. Joseph Rosenthal,[57] im Vorstand.[58] 1933 bestand diese noch aus sieben Familien, aber schon bald verließen die meisten den Ort, in dem sie sich bisher heimisch gefühlt hatten. 1935 emigrierten auch Löwenthals. Die Familie umfasste damals sechs Personen, darunter auch Siegmunds Tochter Hedwig, die am 9. Januar 1899 in Holzappel geboren worden war.[59] Sie war mit Ernst Kann verheiratet, der aus Dörrebach bei Bad Kreuznach stammte, wo das Paar zwischenzeitlich auch gewohnt hatte.[60] Auf welchem Weg sie ihr Exil Uruguay erreichten, ist nicht bekannt. In Montevideo hat die Familie sicher unter schwierigen Bedingungen sich ein neues Leben aufgebaut.

 

Stand: 21. 10. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Geburtsregister Wiesbaden Schierstein 3 / 1895.

[2] Heiratsregister Schierstein 25 / 1888.

[3] Eine Enkelin von Nathan Löwenthal, Hedwig Kann, machte im Entschädigungsverfahren etwas diffuse Angaben zur Familie. In einem Brief vom 15.3.1964 schrieb sie in etwas unbeholfenem Deutsch: „Mein Onkel waren 4 Brüder (…).“ HHStAW 518 25314 (52).

In einem weiteren Brief vom 20.2.68 schrieb sie dann: „Mein Onkel [gemeint ist Hermann Löwenthal – K.F.] hatte 3 Geschwister, eine Schwester, die Erben sind. Die Erben sind aber alle leider verstorben sind, aber auch die Kinder fast alle im Konzentrationslager verstorben sind. Natan Saly Löwenthal lebt Basel Belforder Str. 117. Berta Gebhardt geb. Löwenthal mit Familie umgekommen. Julius Löwenthal Schierstein Kinder sind keine vorhanden. Ich bin bei dieser Sache die einzige Erbin da zu der Sache alle zu meiner Gunsten verzichtet haben“. Ebd. (71). Bei den genannten Personen handelt es sich nicht um weitere Onkel, wie man meinen könnte, sondern um die Kinder von Abraham und Johanna Löwenthal.

[4] Heiratsregister Wiesbaden-Schierstein 25 / 1888. Die Eltern von Abraham Löwenthal waren der Handelsmann Nathan Löwenthal  und seine Frau Eva Löwenthal.  Beide waren zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits verstorben.

[5] HHStAW 518 6883 I (19).

[6] Heiratsregister Geisenheim 14 / 1893.

[7] Geburtsregister Wiesbaden Schierstein 20 / 1889, 63 / 1890 und 79 / 1891.

[8] Gleichzeitig wurde der Name der Ehefrau durchgestrichen, dennoch ist davon auszugehen, dass auch sie unter den eingetragenen Adressen gemeldet war.

[9] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 540 / 1892.

[10] HHStAW 518 25480 (4).

[11] Bembenek, Bin kein Deutscher mehr S. 31-34.

[12] Ebd. S. 32, Anm. 1.

[13] HHStAW 685 509a (6).

[14] Ebd. (13).

[15] HHStAW 518 6883 I (40).

[16] HHStAW 685 509b (6, 9, 18, 31, 42, 46) Den Bitten zum Steuerstundung entsprach das Finanzamt nicht, forderte zunächst die Zahlung der Steuerschulden aus den voraus liegenden Jahren. Ebd. (29).

[17] HHStAW 685 509b (24a, 24b, 24c) Am 4 7.1931 legte er Widerspruch gegen den Einkommen- und Umsatzsteuerbescheid ein und argumentierte: „Wer mein Geschäft kennt, weiss ganz genau, dass ich keinen größeren Umsatz gehabt habe, als ich angegeben habe. Es wäre ein großes Unrecht, wenn man von mir derartige Steuern verlangen würde, da ich mich mit meinem Geschäft nur gerade so ernähren kann.“ Ebd. (25).

[18] HHStAW 685 509b (37). Diese unglaublich hohe Summe könnte daraus resultieren, dass Julius Löwenthal Einkommen und Umsatz verwechselte, aber selbst dann ist die Angabe außerordentlich hoch.

[19] HHStAW 685 509b (ohne Seitenzahl), Brief vom 2.3.36. Im späteren Entschädigungsverfahren gab Löwenthal den Schließungstermin mit dem 20.8.35 an, an dem die Kampagne gegen die Wiesbadener Metzger gestartet wurde, siehe HHStAW 518 6883 I (40).

[20] HHStAW 483 10247 (168).

[21] HHStAW 518 6883 I (27, 32, 83).

[22] Ebd. (72), dazu Bembenek S. 32 f.

[23] Zu den Ereignissen in Schierstein während der Reichspogromnacht siehe Bembenek, Lothar, Der November 1938, in: Begegnungen 1, hg. Förderkreis Aktives Museum Wiesbaden, 1988, S. 99-102. Die Ruine der ausgebrannten Synagoge blieb bis in die Nachkriegszeit stehen, aber nicht als Mahnmal, sie wurde vielmehr von der Stadtreinigung als Abstellraum genutzt. Erst 1968 wurde an dieser Stelle eine kleine Gedenkstätte eingeweiht, siehe http://www.alemannia-judaica.de/schierstein_synagoge.htm. (Zugriff: 17.10.2019).

[24] HHStAW 518 6883 I (33, 34, 35, 36) Julius Löwenthal hat eine detaillierte Aufstellung des Werts der zerstörten Gegenstände für das Entschädigungsverfahren vorgelegt und den Schaden auf 15.000 RM beziffert, siehe HHStAW 6883 I (72, 73). Nicht nur die Schwägerin Lina Gerich oder andere Bekannte, sondern auch der Polizeimeister a. D. Sottocasa bestätigten in dem späteren Entschädigungsverfahren die Aussagen von Julius Löwenthal und die der gerichtlichen Untersuchung von 1946. Siehe zum Nachkriegsverfahren das Urteil des Landgerichts Wiesbaden, II Kammer, 2 KLs 4/46. Wesentliche Auszüge sind in einer Abschrift enthalten in: Die Jüdische Gemeinde Schierstein, hg. Verein Wiesbadener Museum der Neuzeit, zusammengestellt von Lothar Bembenek, Wiesbaden 1985. Siehe auch HHStAW 468 1205 zu den übrigen an der Aktion Beteiligten.
Auch im Fall Löwenthal kam es im Entschädigungsverfahren zu absurden Vorhaltungen. Der Antragsteller habe nicht hinreichend nachweisen können, welche der zerstörten Gegenstände nach einer Reparatur weiter hätten genutzt werden können und welche völlig zerstört worden waren. Man gewährte dann zwar letztlich doch die geforderte Summe, aber mit dem Gestus des Gnadenakts. Siehe HHStAW 518 6883 (78) Auch beim Antrag  auf Entschädigung der gesundheitlichen Schäden der Haft kam ein Gutachter der Universität Mainz zu dem Schluss, dass die Herzbeschwerden von Julius nicht von seiner Zwangsarbeit und Lagerhaft herrühren könnten, sondern Folge einer „Fettsucht“ seien, weshalb die Ansprüche zurückzuweisen seien. Auch hier einigte man sich letztlich auf einen Vergleich, wieder ein behördlicher Akt der Gnade aus „Mitgefühl“. Wenn es wenigstens das gewesen wäre. Siehe HHStAW 518 6883 (123, 131, 147).

[25] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1341 / 1931 und 2002 / 1939.

[26] HHStAW 518 6883 I (138).

[27] HHStAW 518 6883 I (32) Zwar gab Frau Alida Mannes, geborene Doebrich, im späteren Entschädigungsverfahren an, dass Herr J. Löwenthal dann schließlich infolge Zusammenlegung jüdischer Familien auch in unsere Wohnung (kam). Es war dies im Nov. 1943.“ Siehe HHStAW 518 6883 I (150). (Hervorhebung – K.F.) Auch wenn hier die Frau von Julius Löwenthal nicht ausdrücklich erwähnt ist, so kann man dennoch davon ausgehen, dass beide die Wohnung gemeinsam bezogen. Dies wird auch durch die folgende Aussage ihres Mannes Karl Mannes bestätigt. Siehe Anm. 27.

[28] Die Ehe mit Alida Döbrich war die dritte Ehe von Karl Mannes. Die beiden Söhne entstammten der Ehe mit Lina Schönfeld, die im Jahr 1935 verstorben war. Lina Schönfeld und auch seine erste Frau Ida Hedwig Ruf waren beide keine Jüdinnen. Aufgrund der Tatsache, dass in der vorherigen Ehe Kinder geboren worden waren, genoss er noch den Staus einer privilegierten „Mischehe“, unabhängig davon, ob die Mutter der Kinder noch lebte. Seine dritte Frau war nach Nazi-Jargon ein „Mischling 1. Grades“. Zur Familie Mannes liegt ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse vor: http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Mannes-Heinz.pdf. (Zugriff: 20.6.2019).

[29] HHStAW 518 6938 (33).

[30] Wie einer Aktennotiz vom 3.7.1950 in der Entschädigungsbehörde zu entnehmen ist, gab es mehrere solcher Häuser. Neben dem in der Dotzheimer Strasse ist auch eines in der Kapellenstraße benannt, ohne aber durch Angabe der Hausnummer präzisiert zu sein, HHStAW 518 6938 (58).

[31] HHStAW 518 6883 I (26).

[32] HHStAW 518 6938 (58).

[33] HHStAW 518 6883 I (45) Eine Entschädigung wurde für diese Zeit dementsprechend nicht gezahlt.

[34] Karl Mannes überlebte die letzten Monate der NS-Herrschaft in einem Versteck auf dem Betriebsgelände der Speditionsfirma Ulrich. Die Firma war nach ihrer Arisierung von Robert Ulrich übernommen worden, der zwar NSDAP-Mitglied war, aber auch mit einer „Halbjüdin“ verheiratet war. Weil er Ende 1944 sich in der Öffentlichkeit negativ Hitler über Hitler und den Krieg geäußert hatte, war er denunziert und anschließend ermordet worden. Zuvor hatte er seinem Chauffeur Karl Mannes noch die Möglichkeit gegeben, sich in einer der Lagerhallen auf dem Betriebsgelände zu verstecken. Mittels der dort gelagerten Lebensmittel gelang es ihm die Zeit zu  überleben Wie lange er dort war, ist nicht bekannt. Ursula Ulrich, die Schwägerin des ermordeten Spediteurs gab an, es seien „Monate und Jahre“ gewesen. Vermutlich werden es nur die letzten Monate gewesen sein, in denen man auch die bisher Geschonten, wie Julius Löwenthal, in die KZs verbrachte. Karl Mannes ist 1951 nach Kanada ausgewandert. Siehe Bembenek / Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S.216 f.

[35] HHStAW 518 6883 I (182).

[36] HHStAW 518 25314 (71).

[37] Die Angaben zum Schicksal der Familie Wildau ist der Webseite der Stolpersteingruppe Mainz entnommen, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Mainz. (Zugriff: 20.6.2019).

[38] HHStAW 518 6883 I (123). Auch seine Cousine Hedwig Kann gab an, dass beide dem Holocaust zum Opfer gefallen seien. Aber auch sie nennt keine Belege, siehe HHStAW 518 25314 (71).

[39] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 155 / 1927.

[40] Die folgenden Ausführungen folgen den Recherchen von Schmidt, Peter Karl, Die Judenschaft von Camberg. 300 Jahre jüdisches Landleben, Bad Camberg 2014, und denen der Stolpersteingruppe Bad Camberg, die aber auch wesentlich auf der Arbeit von Schmidt aufbaut, siehe http://www.bad-camberg.info/cms/images/stolpersteine/Loewenthal-Hermann-Regine-Irma-Lebenslauf.pdf. (Zugriff: 20.6.2019).

[41] Schmidt, Judenschaft von Camberg, S. 210. Es gab damals 41 männliche und 59 weibliche Bewohner jüdischen Glaubens in Camberg, die damals etwa 4 Prozent der gesamten Einwohnerschaft  stellten. Eher unwahrscheinlich ist eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen Hirsch Löwenthal und Hermann bzw. Nathan Löwenthal. Hirsch Löwenthal war schon lange in Camberg ansässig. Als Anfang des 19. Jahrhunderts auch die Camberger Juden eigene Familiennamen anmelden mussten, war es Hirsch Löb, der das zunächst verweigerte und erst 1841 den Familienname Löwenthal annahm. Zu dieser Zeit war Hermann Löwenthal noch nicht geboren und seine Eltern wohnten damals noch in Marienfels. Siehe ebd., S. 119 ff.

[42] Ebd. S. 218.

[43] Ebd. S. 228.

[44] https://stolpersteine-guide.de/biografie/1259/familie-lowenthal. (Zugriff: 20.6.2019).

[45] Siehe dazu umfassend Schmidt, Judenschaft von Camberg, besonders die Kapitel zur Kaiserzeit und zur Weimarer Republik, S. 199-242.

[46] Ebd. S. 288 f. Auf einer Liste der damals in Camberg arisierten Immobilienabgedruckt, die unmittelbar nach dem Krieg entstanden war. Demnach war das Areal samt Gebäuden für 12.000 R; an Theodor und Anna Lehmann verkauft worden. Ihre Eingabe im Entschädigungsverfahren von 1964 lässt ein Schuldbewusstsein der Käufer nicht erkennen: „Wir kauften das Haus im Jahr 37 in einem ganz verwahrlosten Zustand von Herrn Löwenthal selbst. Herr Löwenthal nahm selbst das Geld 11000 M in Empfang. Dann ist er in die Obertorstr. gezogen und hat sämtliche Möbel mitgenommen. Wir haben die Quittung über das Geld von Herrn Löwenthal selbst.“ HHStAW 518 25314 (66). Nicht nur wird verschwiegen, dass sie die Bewohner aus ihrem ehemaligen Eigentum auf Druck der NSDAP hinausgeworfen hatten, zugleich wird auch mit dem gängigen Vorurteil vom schmutzigen, unordentlichen  Juden gespielt, um damit den niedrigen Preis zu legitimieren. Wenn das Haus tatsächlich in einem schlechten Zustand gewesen sein sollte, so war das die Folge der Maßnahmen, die Löwenthals in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hatten, aber nicht die individueller oder gar kollektiver Charaktereigenschaften.

[47] Schmidt, Judenschaft von Camberg. S. 291.

[48] In der Obertorstr. 11 wohnte auch noch die Jüdin Recha Oppenheimer, die vermutlich dort ebenfalls zwangsweise einquartiert worden war, sie sollte mit Löwenthals zusammen deportiert werde, war aber zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Frankfurt Krankenhaus eingeliefert worden, siehe Ebd. S. 303.

[49] Ebd. S. 304 f. Hier ist auch als Faksimile sowohl der Transportbefehl wie auch das Verzeichnis der zurückgelassenen und der mitgenommenen Gegenstände der Löwenthals abgebildet.

[50] Die am 16. Januar 1866 Geborene kam aus der dort ansässigen großen Familie Strauß, die hauptsächlich im Weinhandel tätig war. Eine genaue Zuordnung war bisher nicht möglich.

[51] Zur Familie von Isaak Löwenthal recherchiert z. Zt. die Stolpersteingruppe Eltville. Die bisherigen Ergebnisse wurden in einem knappen Artikel veröffentlicht, siehe https://www.rheingau.de/aktuelles/details/12642. (Zugriff: 20.6.2019).

[52] Die NSDAP-Köln hatte nach einem verheerenden Bombenangriff auf die Stadt das RSHA gebeten, die „Evakuierung“ der Kölner Juden vorrangig zu behandeln, um Wohnraum für die „Volksgenossen“ zu schaffen, siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 291 f.

[53] Zu dem Transport siehe ebd. S. 224 f., zum Schicksal des Ehepaares Löwenthal siehe den Eintag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[54] Die Familie Neufeld, die in Lengerich ebenfalls eine Metzgerei betrieb, war nicht nur den Boykottaktionen im April 1933 ausgesetzt. In der Reichspogromnacht wurden ihre Fenster eingeschlagen, das Haus geplündert und Felix und Norbert Neufeld vier Wochen inhaftiert. 1941 lebten noch fünf Juden in Lengerich, darunter vier Mitglieder der Familie Neufeld. Zu ihrem Schicksal siehe https://lengerich.ekvw.de/gottesdienste-kirchen/stadtkirche-3/. (Zugriff: 20.6.2019).

[55] Er soll am 8.8.1939 nach England emigriert sein, möglicherweise mit einem Kindertransport.

[56] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 128 f.

[57] Siehe zur Familie Rosenthal aus Holzappel oben.

[58] http://www.alemannia-judaica.de/holzappel_synagoge.htm. (Zugriff: 20.6.2019).

[59] HHStAW 518 25314 (1).

[60] Ebd. (8), dazu http://www.alemannia-judaica.de/doerrebach_synagoge.htm. (Zugriff: 20.6.2019). Das Paar hatte zwei Kinder, ebd. (25).