Leo Mayer


Judenhäuser Wiesbaden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Helene Wreschner, Frieda Strauß Goldschidt, Paul Leo Goldschmidt, Charlotte Goldschmidt
Das ehemalige Judenhaus in der Hermannstr. 17
Eigene Aufnahme
Wiesbaden, Juden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Frieda Goldschmidt, Philippsbergstr. 25
Lage des Judenhauses Hermannstr. 17
Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17
Belegung des Judenhauses Hermannstr. 17

 

 

 

 

 

 


Nur wenig erinnert an das Leben des Judenhausbewohners Leo Mayer – ein Mann der nicht in Wiesbaden geboren wurde, unverheiratet blieb und hier offensichtlich auch keine weiteren familiären Bindungen hatte. Nur die wenigen Seiten seiner Devisenakte und Eintragungen auf einigen Adresslisten belegen seine Existenz in der Stadt.

Wann der am 27. Juni 1880 in Wuppertal – Elberfeld geborene Leo Mayer nach Wiesbaden kam, ist nicht mehr exakt nachzuvollziehen. In den Adressbüchern der Stadt taucht er nicht auf. Da er aber auch nicht im Jüdischen Adressbuch von 1935 verzeichnet ist, muss man davon ausgehen, dass er erst nach dessen Erstellung hier eine Wohnung bezog. Auf seiner Gestapokarteikarte ist als erste Adresse die Kleine Webergasse 7 mit dem Einzugsdatum 5. Oktober 1935 eingetragen. Vermutlich ist das auch das Datum, zu dem er sich in Wiesbaden ansiedelte. Leider gibt es keinen Hinweis darauf, wo er sein Leben zuvor verbracht hatte, aber immerhin ist auf der Karte sein Beruf mit „Kaufmann“ angegeben. Ob der damals Fünfundfünfzigjährige in Wiesbaden noch einen Beruf ausübte, ist ebenfalls nicht bekannt. Auch zu seinem familiären Hintergrund liegen keine Informationen vor.[1]

Als die Devisenstelle am 17. Juli 1940 eine JS-Mappe zur Kontrolle seiner Finanzen anlegte, richtete sie das Schreiben noch an die Adresse in der Kleinen Webergasse. Inzwischen hatte Leo Mayer aber ein Zimmer im ersten Stock des Judenhaus Hermannstr 17 bezogen. Das Datum des Wohnungswechsels, der 3. Februar 1940, spricht für einen erzwungenen Umzug.[2] Möglicherweise war aber auch die vergleichsweise geringe Miete von 25 RM dort ausschlaggebend für den Umzug gewesen, denn seine finazielle Situation war mehr als prekär.

Statt das Formular zur Vermögens- und Einkommenssituation ausgefüllt an die Devisenstelle zurückzuschicken, hatte er in einem kurzen Brief mitgeteilt, dass er kein Vermögen besitze und von der Jüdischen Wohlfahrt mit monatlich 43,90 RM unterstützt werde. [3] Damit gab man sich in Frankfurt selbstverständlich nicht zufrieden. Leo Mayer wurde aufgefordert den Bogen auszufüllen, was er dann auch tat. Während er die Felder zu Vermögen und Einkommen jetzt mit Strichen versah, fügte er bei der Angabe zu den Lebenshaltungskosten ein, 25 RM für die Wohnung und 19 RM für Lebensmittel und Bekleidung zu benötigen. Damit war die ihm zur Verfügung stehende Summe ausgeschöpft – ein Leben am Rande des Existenzminimums.[4] War es Großzügigkeit oder purer Zynismus, dass die Devisenstelle Frankfurt ihm seinen monatlichen Freibetrag daraufhin von den zuvor gewährten 300 RM auf nun 250 RM absenkte? Wohl eher Letzteres.

Die einzig weitere Korrespondenz zwischen Leo Mayer und der Devisenstelle lässt darauf schließen, dass ein unbekannter Denunziant ihn dort oder bei der NSDAP in Wiesbaden angeschwärzt hatte. Am 15. Oktober 1941 frage die Behörde an, ob er seine Wohnung gewechselt habe und nun in der Rheingauer Str. 5 wohne. Die Anfrage war verbunden mit dem Hinweis, dass ein Wohnungswechsel unbedingt sofort der Devisenstelle anzuzeigen sei, andernfalls eine Bestrafung drohe. Leo Mayer schrieb unmittelbar danach zurück, dass er nicht umgezogen sei und er weiterhin in der Hermannstraße wohne.[5] Dass es sich dabei nicht um einen einfachen Irrtum handelte, sondern Leo Mayer tatsächlich häufig in der Rheingaustr. 5 anwesend gewesen sein muss, ergibt sich daraus, dass diese Adresse ein halbes Jahr später als seine Deportationsadresse erscheint. Es kann sich dabei wohl kaum um einen Zufall handeln. Zwar ist der Eintrag mit dieser Adresse auf Leo Mayers Gestapokarteikarte wieder gestrichen, man muss aber davon ausgehen, dass er am 10. Juni 1942 tatsächlich in der Rheingauer Straße die Aufforderung erhalten hatte, sich für den Transport bereitzumachen. Möglicherweise hatte er dort eine vertraute Person gefunden, mit der er die ihm noch verbliebene Zeit verbrachte, ohne aber seine offizielle Anschrift verändert zu haben.[6] Dass eine solche Veränderung seiner Lebenssituation aber dann bis nach Frankfurt durchdrang, lässt sich nur mit dem entsprechenden Hinweis eines Denunzianten erklären.

Der Transport vom 10 Juni brachte ihn zunächst nach Lublin. Offensichtlich gehörte er nicht zu denjenigen, die man dort noch einmal zur Zwangsarbeit für Majdanek selektiert hatte, denn sein Name ist im dortigen Häftlingsbuch nicht aufgeführt. Deshalb wird man davon ausgehen müssen, dass auch Leo Mayer unmittelbar nach der Ankunft in Lublin in das Vernichtungslager Sobibor verbracht und ermordet wurde.

Stand: 05. 09. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Im Gedenkbuch von Wuppertal sind zwar einige jüdische Familien mit dem Namen Mayer angeführt, aber eine Verbindung konnte bisher nicht verifiziert werden.

[2] HHStAW 519/3 5103 (1).

[3] Ebd. (3).

[4] Ebd. (4).

[5] Ebd. (7, 8).

[6] Es gab in der Rheingauer Str. 5 zwei Frauen, deren Geburtsname ebenfalls Mayer war. Es spricht aber nichts dafür, dass sie mit Leo Mayer in einer verwandtschaftlichen Beziehung standen. Minna Friedländer, geborene Mayer, stammte aus Biebrich und Lilly Neumann, geborene Mayer, aus Nieder-Ingelheim in Rheinhessen.