Bernhard und Hertha Eis bzw. Ness

Die einzigen, die noch rechtzeitig aus dem Judenhaus und auch aus Deutschland herauskamen, war das Ehepaar Eis. Der Leidensweg der beiden, der schon vor Jahren begonnen hatte, war mit der Überfahrt in die USA aber keineswegs beendet.

Kaufhaus Max Eis Jude Eltville
Kaufhaus Max Eis in Eltville – mit Genehmigung von Frau Simon – Eltville

Bernhard Eis, geboren am 7. Juni 1894 in Eltville, war der Sohn von Max und Julie Eis, geborene Mannheimer, die in Eltville mit großem Erfolg 1889 ein Kaufhaus für Möbel und Textilwaren gegründet hatten.[1] Zwar gab er noch eine Tochter namens Franziska Frieda, die später den Kaufmann und Juwelier Carl Oppenheim heiratete und mit ihm nach Palästina auswanderte,[2] aber Bernhard war derjenige, der das elterliche Geschäft übernehmen sollte. Bis zum 14. Lebensjahr besuchte er zunächst die höhere Schule seines Heimatortes, absolvierte aber dann eine dreijährige Lehre im Wiesbadener Ausstattungsgeschäft „Hamburger & Weil“. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung fand er zunächst in Weimar eine Anstellung. 1913 kam er zurück und trat in das väterliche Geschäft ein. Nebenbei bildete er sich in Lehrgängen in Frankfurt beruflich weiter. Bald nach dem Ersten Weltkrieg, zu dem auch er eingezogen wurde, verstarb am 4. Mai 1919 der Vater. Kurz zuvor, Anfang 1919, hatte Bernhard bereits die Führung des Geschäfts übernommen.[3] Die Anerkennung, die er über seine berufliche Tätigkeit hinaus genoss – er war auch im Vorstand des Eltviller Ladenbesitzer-Vereins -, zeigt sich darin, dass er am Amtsgericht Eltville und am Landgericht Wiesbaden als Schöffe tätig war. In der jüdischen Gemeinde von Eltville hatte er eine Position im dortigen Vorstand inne.[4]

Am 3. Oktober 1922 heiratete er Hertha Paula Pollak, verwitwete Bücher, aus Wiesbaden. Sie, geboren am 18. Februar 1889, war die Tochter des aus Rotenberg stammenden Ehepaars Richard und Rosa Pollak, geb. Katzenstein, das inzwischen in Biebrich lebte.[5] Am Lehrerinnenseminar in Mainz hatte sie nach ihrer Schulausbildung die Lehrberechtigung für das höhere Lehramt an Mädchenschulen erworben, fand als Preußin dort aber keine staatliche Anstellung. Auf der rechten Rheinseite wurde wiederum ihre Mainzer Zeugnis nicht anerkannt, sodass sie nur an Privatschulen unterrichten konnte. Während ihrer Ausbildung lernte sie ihren ersten Mann, den Bierstadter Philologen Alfred Bücher kennen. Alfred Bücher fiel im Ersten Weltkrieg am 3. Dezember 1914 in Polen, am folgenden Tag erlag auch ihr einziger Bruder Hermann Pollak an der belgischen Front seinen Kriegsverletzungen.

Kaufhaus Max Eis Jude Eltville
Kaufhaus Max Eis – Ausschnitt – mit Genehmigung von Frau Simon – Eltville

Nach ihrer Eheschließung, die Ehe war kinderlos geblieben, arbeitete Martha Eis im Geschäft ihres Mannes, beaufsichtigte die Buchhaltung, vertrat ihn aber auch anderweitig, da dieser sehr oft in geschäftlichen Angelegenheiten auf Reisen war.[6] Der Laden lag in der Schwalbacher Straße, besaß vier große und mehrere kleine Schaufenster und eine große Verkaufsetage. Die Möbel wurden in einem eigenen großen Raum gelagert und verkauft. In dem größten Kaufhaus seiner Art im Rheingau wurden von den etwa 8 bis 10 Angestellten aber hauptsächlich Stoffe und Textilien wie Weiß- und Wollwaren, Bett- und Tischwäsche, Hüte, Textilien und Arbeitskleidung zum Verkauf angeboten.[7] Der durchschnittliche Tagesumsatz habe in der Zeit vor der „Machtergreifung“ bei etwa 3-400 RM gelegen und sein jährliches Einkommen bei etwa 12.000 RM.[8]
Aber schon in den späten Krisenjahren der Republik änderten sich die Bedingungen für die zuletzt noch 60 jüdischen Bürger Eltvilles, die ihren Lebensunterhalt zumeist im Handel und Handwerk verdienten. Angesichts der Tatsache, dass es im Ort eine erhebliche Zahl „Alter Kämpfer“ gab, stellt Hell zu Recht das nach dem Ende der Naziherrschaft allgemein verbreitete Selbstbild der Eltviller Gemeinde in Frage, nach dem den jüdischen Mitbürgern weitgehend „Zuneigung und Freundschaft entgegengebracht“ worden sei.[9] Auch in Eltville war im April 1933 zu den landesweiten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte aufgerufen worden und von da an gingen auch die Umsätze des Kaufhauses deutlich zurück, jährlich um etwa 15.000 RM, wie Bernhard Eis angab. Bis 1937 hatten sie sich gegenüber der frühen 30er Jahren – immerhin härteste Krisenjahre – halbiert, was natürlich nicht ohne Folgen für das Einkommen bleiben konnten.[10]

Schon vor der Zäsur der Reichspogromnacht hatte Eis beschlossen das Geschäft aufzugeben. Ursprünglich plante er das Haus und das Geschäft zusammen zu verkaufen, was ihm aber von der NSDAP nicht genehmigt wurde. Zunächst wurde daher der Verkauf des Hauses in die Wege geleitet. Ein örtlicher Schreinermeister namens Reichert konnte am 3. November, nur wenige Tage vor der Reichspogromnacht das Haus zu einem „Schleuderpreis“ von 26.000 RM erwerben.[11]

Wegen des Geschäfts war Bernhard Eis in Verkaufsverhandlungen mit seinem größten regionalen, arischen Konkurrenten Hatzmann getreten, der – ebenfalls in der Erwartung auf ein „Schnäppchen“ auch gerne bereit war, zumindest Teile des Warenbestandes zu übernehmen. Die entsprechenden Vorbereitungen der Übergabe, Warenbestandsaufnahme und Taxierung, fielen dann genau in die Tage des Novemberpogroms, in denen auch in Eltville der Nazi-Mopp wütete. Angestellte des potentiellen Käufers waren gerade dabei, den Bestand aufzunehmen, als dieser und auch Bernhard Eis aus unterschiedlichen Quellen erfuhren, dass ein „Rollkommando“ auf dem Weg zum Geschäftshaus sei. Der Laden wurde daraufhin verschlossen und die Angestellten weggeschickt. Der Mob, nach Hell wohl 10-15 Eltviller SA-Leute und andere Parteiaktivisten unter ihrem Hauptsturmführer Hief [12]– verschaffte sich, bewaffnet mit Äxten und Beilen, aber Zutritt durch die Hintertür und begann mit seinem Zerstörungswerk. Eis versuchte sie mit dem Hinweis, dass das Geschäft faktisch schon an einen Arier verkauft sei, von ihrem Ansinnen abzubringen. Der potentielle Käufer, der auf einen Anruf des Anführers der Meute herbeigerufen wurde, nutzte die Gelegenheit schamlos aus. Er habe noch keinen Vertrag gemacht, sei aber bereit das gesamte Lager für einen Preis von 5.000 RM zu übernehmen. Da der Wert der Waren aber bei mehr als dem Vierfachen lag, verweigerte Eis diesem „Geschäft“ seine Zustimmung. Dann solle die SA die Waren lieber zerstören und auf die Strasse werfen, so Eis. Daraufhin übernahm der Anführer, wohl Hief, das Kommando und setzte Preise für die Waren, die der Käufer Hatzmann übernehmen wollte, nach Gutdünken fest. Ein großer Teil des Lagers wurde aber mit unbekanntem Ziel weggeschafft, wie auch der Käufer später in einem Protokoll zugab. Ob es zerstört wurde oder auf Umwegen doch noch zu Hatzmann gelangte, ist nicht bekannt. Für 7.000 RM hatte sich der ehemalige Konkurrent aber einen Großteil des Bestandes gesichert. Auch die gesamten Geschäftsunterlagen und Bücher der vergangenen Jahre wurden von der Horde mitgenommen. [13]

Aber nicht nur in den Geschäftsräumen wütete die SA-Truppe. Abends, etwa um 20 Uhr, setzte sich der Trupp wieder in Bewegung um die Wohnungen der Familien Eis und Mannheimer zu überfallen. Es handelte sich bei der Wohnung von dem Ehepaar Eis um eine große 5-Zimmer-Wohnung mit Küche und einer großen Halle, die von einem Wiesbadener Künstler auf besondere Weise ausgestaltet worden war.[14] Die Zeugin Frau Backhaus, geb. Saub, eine arische Hausangestellte von Carl Herzog, dem Onkel von Bernhard Eis,[15] schilderte im späteren Entschädigungsverfahren den Zustand der Wohnung am folgenden Tag:

„In der Nacht vom 9. zum 10.11.1938 war die Wohnung der Eheleute Eis durch das sogenannte Rollkommando fast vollständig zerstört worden. Auf Bitten der Frau Eis fuhr ich mit ihr nach Eltville, um mit ihr in der Wohnung Ordnung zu machen und die Wohnung zu räumen. Als Frau Eis und ich die Wohnung betraten, die von der Gestapo vorher verschlossen worden und später zum Zwecke der Räumung wieder geöffnet worden war, bot sich uns ein Bild völliger Verwüstung. Die Schränke waren umgeworfen, die Wände der Schränke eingeschlagen, die Polster der Sessel zerschnitten, die Beine von den Tischen, Sesseln und Stühlen teilweise abgeschlagen, das Geschirr lag zum großen Teil zerbrochen auf dem Fußboden, die Ölgemälde waren zerschnitten , die Beleuchtungskörper waren heruntergerissen.“[16]
Zuletzt hatte die Horde zusammen mit einer Gruppe von Schaubudenbetreibern der Kapperskerb noch den Weinkeller geplündert. Als die SA-Meute abgezogen war, kamen die Eltviller Bürger, um sich noch schnell selbst etwas von dem anzueignen, was noch zu gebrauchen war.

Nach diesen Ereignissen am Morgen und wohl noch vor dem Überfall am Abend hatte das Ehepaar Eis um 19.00 die Flucht ergriffen, war mit dem Zug nach Oestrich gefahren, in der Hoffnung, hier bei einem befreundeten jüdischen Ehepaar Schutz zu finden. Aber diese Menschen wurden bereits ebenfalls von der SA bedroht.[17] Ob sie noch am gleichen Abend nach Wiesbaden gelangten, ist nicht bekannt. Nach Angabe von Frau Backhaus kam das Ehepaar Eis zunächst für eine Woche bei einem namentlich nicht genannten Rabbiner unter und wohnte anschließend für etwa einen Monat in einem möblierten Zimmer in der Alexandrastraße.[18] Etwas anders schilderte Bernhard Eis selbst die Stationen ihrer Flucht aus Eltville. Er gab an, „ohne Kleider und Habe nach Wiesbaden geflohen“ zu sein und sich dort bei seinem Onkel Carl Herzog in der Langgasse 50 „versteckt“ zu haben. Nach den in den Akten der Steuerbehörden enthaltenen polizeilichen Meldeunterlagen meldeten sich Bernhard und Hertha Eis am 1. Dezember 1938 offiziell zunächst mit der Adresse Webergasse 28 an, dann knapp ein Vierteljahr später, am 21. Februar 1939, zogen sie in das Haus mit der Nummer 31. Da es sich bei Letzterem aber um das Eckhaus Langgasse /  Webergasse handelt, ist davon auszugehen, dass damit die von Bernhard Eis erwähnte Unterkunft gemeint ist.[19] Dass sie danach bei Dr. Brach in der Grillparzerstr. 3 untergekommen seien, wie Bernhard Eis später angab, wird durch die weiteren Meldeunterlagen bestätigt. Denn gut ein Jahr später – laut polizeilicher Ummeldung und Eintrag in der Gestapo-Karteikarte am 6. April 1939 – bezog das Paar von der Grillparzerstr. 3 kommend als Untermieter des Ehepaars Kleeberg die Räume im zweiten Stock des Hauses in der Bahnhofstr. 46.[20]

Bernhard Eis Albert Kleemann Bahnhofstr. 46
Anmeldebescheinigung – Einzug in die Bahnhofstr. 46 mit der Unterschrift von B. Eis und A. Kleemann – HHStAW 685 136a (46)

Auch bei diesem Einzug handelte es sich ganz offensichtlich um keine formale Zwangseinweisung. Die Judenhäuser wurden erst danach eingerichtet und auch keine der ansonsten sehr detaillierten Zeugnisse über die Ereignisse geben einen Hinweis auf eine solche behördliche oder von der NSDAP erwirkte Maßnahme. Es ist vielmehr anzunehmen, dass Sebald Strauss, der ebenfalls aus dem Rheingau stammte, die Familie Eis kannte und sich auf diese Weise das Mietverhältnis ergab. Dass der Umzug aber trotzdem durch die massive Gewalt des Überfalls erzwungen worden war, steht außer Frage.

Weil ihr Mobiliar im Haus in Eltville durch den Pogrom weitgehend zerstört worden war, mussten sich Eis’ nach ihrem Umzug neu einrichten. Frau Backhaus, die den Kontakt zum Ehepaar Eis auch weiterhin aufrecht erhielt, gab im späteren Entschädigungsverfahren eine recht genaue Beschreibung der Wohnung in der Bahnhofstraße:
„Die Wohnung bestand aus 2 Zimmern, Küche und Beigelass. Die Eheleute hatten diese Wohnung vollständig neu eingerichtet. In einem Zimmer befand sich eine Wohnzimmereinrichtung und in dem anderen eine Schlafzimmereinrichtung. Die Wohnungseinrichtung war sehr gediegen und äusserst geschmackvoll. Zum Teil bestand sie aus Kleinmöbeln. Denn die Eheleute Eis hofften, die Wohnungseinrichtung nach USA, wohin sie auszuwandern beabsichtigten, mitzunehmen. Im Schlafzimmer standen 2 Bettcouches, die mir besonders gut gefielen. Die Wohnung war auch mit Teppichen, sehr schönen Beleuchtungskörpern und Fensterbekleidungen ausgestattet. Im Wohnzimmer stand eine neue Nähmaschine. Herr Eis besaß auch eine Schreibmaschine mit Schreibschrank, in dem die Schreibmaschine sich befand.“[21]

Aber nicht nur die Neuanschaffung der Möbel und die mehrfachen Umzüge hatte Geld gekostet, auch für Kleidung waren etwa 1.200 RM ausgegeben worden.[22] Noch mehr als diese Ausgaben hatte allerdings der Zugriff des Staates und der Niedergang des Geschäfts das Vermögen des Paares, das 1931 noch mehr als 60.000 RM betragen hatte, dezimiert.[23] Nach der Aufstellung vom Januar 1939, die zur Berechnung der Judenvermögensabgabe herangezogen wurde, hatte sich das Vermögen non Bernhard Eis mit 32.000 RM inzwischen nahezu halbiert.[24] Das seiner Frau Hertha wurde unabhängig davon mit weiteren etwa 10.000 RM angesetzt.[25] Die auferlegte „Sühneleistung“ betrug für Bernhard Eis 6.400 RM, für Hertha Eis 2.300 RM, zu zahlen in jeweils zunächst vier Raten.
Von den Verkäufen des Hauses und des Warenlagers war nicht viel übrig geblieben bzw. war bisher noch wenig überhaupt in die Hände der Verkäufer gelangt. Die 26.000 RM für das Haus waren zunächst zwischen den Geschwistern aufgeteilt worden. Nach Abzug von Kosten und Hypotheken blieben für Bernhard Eis etwa 7.500 RM übrig, die zunächst beim Notar hinterlegt wurden, deren Auszahlung – selbstverständlich auf ein gesichertes Konto – aber bis zum Eintrag im Grundbuch, der wiederum von diversen Genehmigungen abhängig war, zurückgestellt wurde. Allerdings erlaubte man, die erste im Dezember 1938 und auch die zweite im Februar 1939 fällige Rate der Judenvermögensabgabe in Erwartung des Geldflusses auf diesem Konto zu verbuchen, d.h. vorab zu pfänden.[26] Zum Fälligkeitsdatum der 3. Rate war die Summe noch immer nicht auf das Sicherungskonto von Eis übertragen worden, denn obwohl der Verkauf am 13.4.1939 vom Regierungspräsidenten endgültig genehmigt wurde, war der Eintrag im Grundbuch noch immer nicht vollzogen worden. Die später auferlegte 5. Rate der Judenvermögensabgabe, um deren Erlass die Eheleute vergeblich baten, konnten sie nur noch mit den Rückkauf ihrer Lebensversicherung finanzieren.

Auch vom Verkauf des Warenlagers hatte Bernhard Eis bis Februar 1939 nur etwa die Hälfte des Betrags erhalten, ob die Restsumme noch gezahlt wurde, ist den vorhandenen Unterlagen zwar nicht zu entnehmen, allerdings wahrscheinlich, denn die gesamten Ausgaben, die das Ehepaar Eis bis zum November 1939 getätigt hatte, beliefen sich nach einer von Hertha Eis gemachten Aufstellung auf mehr als 20.000 RM. Darunter waren zwar neben Miete, Lebensunterhalt auch Abgaben an die Finanzbehörden in Höhe von knapp 6.600 RM, Arztrechnungen von mehr als 1.200 RM, aber auch Anschaffungen im Wert von etwa 6.500 RM.[27]

Diese Ausgaben waren schon im Hinblick auf die geplante Auswanderung getätigt worden. Seit wann diese konkreter geplant war, wann der Antrag im amerikanischen Konsulat in Stuttgart gestellt worden war, ist nicht bekannt.

Hertha Eis Ness Zeugnis Kultusgemeinde Wiesbaden
Zeugnis der Kultusgemeinde für Hertha Eis – HHStAW 518 78114

Hertha Eis nutzte als ausgebildete Lehrerin die Wartezeit, um andere, die wie sie die notwendigen Papiere oder den Aufruf aus Stuttgart noch nicht erhalten hatten, mit Englischkursen auf ihr neues Leben vorzubereiten. Die Jüdische Kultusgemeinde bestätigte dankend, dass sie 1940 etwa 50 Personen auf unterschiedlichen sprachlichen Niveaus unterrichtet hatte.[28]

Während dieser Zeit wurden die Eheleute Eis mehrfach in ihrer – inzwischen – Judenhaus-Wohnung von der Gestapo aufgesucht, drangsaliert und bestohlen. Wichtige Geschäftsunterlagen, aber auch ein neu angeschaffter Radioapparat kamen abhanden.[29]

Umzugsliste Bernhard und Hertha Eis Ness
Auszug aus der Umzugsliste des Ehepaars Eis – HHStAW 519/3 27415 (15)

Aber der eigentliche Raub wurde formal völlig legal vollzogen. Am 28. Mai 1941 erging die Festsetzung der fälligen Reichsfluchtsteuer in Höhe von 4.205 RM.[30] Zwei Wochen später reichte das Ehepaar die Umzugslisten bei der Devisenstelle Frankfurt ein, 15 Seiten, eng mit Schreibmaschine ausgefüllt, darunter viele Kleinigkeiten, aber auch 10 Fotografien als letzte Erinnerung an die Familie.[31] Da in der Liste genaue Angaben über den Zeitpunkt des Erwerbs der Güter gemacht werden mussten, dienten diese auch als Berechnungsgrundlage für die DEGO-Abgabe. 700 RM mussten sie für diesen „Entzug deutschen Volksvermögens“ bezahlen.[32]

Einige der aufgeführten Umzugsgüter wurden durchgestrichen. Sie erscheinen wieder auf einer besonderen Liste von Gegenständen, die Bernhard Eis vor seiner Abreise bei der Jüdischen Kultusgemeinde „unentgeltlich“ abzuliefern hatte.[33] Dass der Staat, weder kommunale Behörden, noch der Fiskus, weitere Forderungen hatten, wurde durch die entsprechenden Unbedenklichkeitsbescheinigungen bestätigt.[34]

Unbedenklichkeitsbescheinigung Wiesbaden Eis Ness
Unbedenklichkeitsbescheinigung der Stadt Wiesbaden – HHStAW 519/3 27451 (6)

Weitere Verluste kamen dadurch zustande, dass alte geschäftliche Forderungen nicht mehr einzutreiben waren. Bernhard Eis hatte diese Außenstände in einer Liste zusammengestellt und diese dem jüdischen Ehepaar Hallheimer übergeben. Die Gelder, die das Paar von den insgesamt etwa 2.200 RM noch würde eintreiben können, sollten es für ihre Hilfeleistungen bei der Auswanderung behalten dürfen.[35] Anders als ursprünglich geplant, gelang es auch nicht mehr die neu angeschafften Möbel mit einem Lift nach Amerika zu verschiffen. Auch sie blieben zurück und wurden vermutlich versteigert.

Im letzten Moment hatte die Gestapo die Ausreise noch verzögert, vielleicht sogar gänzlich zu verhindern versucht. Obwohl alle Formalitäten erfüllt und alle Gebühren gezahlt waren, wurden ihnen die Pässe nicht ausgehändigt. Erst über Beziehungen nichtjüdischer Bekannter zur Gestapo gelangten sie dann doch sehr plötzlich in Besitz der Papiere mit dem amerikanischen Visum, sodass mit einem Mal große Eile geboten war.[36] 
Zuletzt waren nur noch die horrenden Kosten von etwa 10.000 RM für einen Flug von Berlin nach Lissabon, die Kosten der Aufenthalte unterwegs und für die Überfahrt nach New York aufzubringen.[37]

Am 18. August 1941 verließen Bernhard und Hertha Eis Wiesbaden und am 26. August verließen sie Deutschland.[38]

Ihr Leben im amerikanischen Exil, in San Francisco, bedeutete für sie aber zunächst viel Verzicht und Entsagung. Wenn auch die Aussage von Hertha Eis, sie seien mit „5 Dollar und einem kleinen Handkoffer“ in den USA angekommen,[39] eher symbolisch gemeint sein wird, so war dennoch alles verloren, was ihren früheren Status ausgemacht hatte. Als Lagerarbeiter und Polsterer mit einem Monatslohn von weniger als 100 Dollar versuchte Bernhard Eis in den ersten Monaten den gemeinsamen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch Phasen der Arbeitslosigkeit und ein Arbeitsunfall, der ihn eine längere Zeit arbeitsunfähig machte, verschärften die soziale Situation der beiden. Erst mit einer weiteren Ausbildung in einem optischen Betrieb konnte er in der zweiten Hälfte der 40er Jahre allmählich ein stabileres Einkommen erzielen. Auch Hertha Eis hatte damals eine Anstellung bei einer staatlichen Behörde gefunden.
In dieser Phase, am 31. März 1947, nahmen die Eheleute auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an, verbunden mit der Änderung ihres Namens. Der bisherige Familienname Eis wurde zugunsten des neuen Namens Ness abgelegt und Bernhard nahm den Vornamen Bernard an.[40]
Nachdem beide zu Beginn des folgenden Jahrzehnts aus Altersgründen entlassen wurden, kam die frühere Unsicherheit mit kleinen, unterbezahlten Jobs zurück. In seinem Antrag auf Entschädigung schrieb Bernhard Eis 1955 verbittert:

„Ich hätte natürlich in Deutschland mein eigenes Geschäft weiter ausbauen können (…) mit dem Resultat, dass mein Jahreseinkommen sicherlich heute mindestens ca. 20.000 Mark betragen würde. An dessen Stelle bin ich heute ein kleiner Verkäufer in einem San Francisco Geschäft, wo ich jeden Tag ohne Warnung auf die Straße gesetzt werden kann, was bei meinem vorgeschrittenen Alter, wie ich leider auf Grund der Erfahrungen von anderen Herren in ähnlicher Situation weiß, wahrscheinlich in nicht allzu weiter Ferne geschehen wird.“[41]

Bernard Ness verstarb am 4. März 1972 in San Francisco, seine Frau Hertha, lebte zuletzt krank, vereinsamt und verarmt in einem Altersheim. Sie schrieb noch mehrere Briefe an die deutschen Behörden, in denen deutlich wird, wie sehr sie auf weitere Hilfe von dort wartete. Wenn sie in all den Briefen immer wieder erwähnt, dass sie eigentlich eine ausgebildete Lehrerin sei, die ihr Examen mit der Note „gut“ abgeschlossen habe, dann kommt in der Erwähnung dieser inzwischen völlig obsoleten biographischen Daten die Trauer um ein verwirktes Leben nur allzu deutlich zum Ausdruck. Hertha Ness verstarb am 21. Oktober 1979 in einem kalifornischen Altersheim.[42]

 

 

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Anmerkungen:

[1] HHStAW 518 78114 I (45) Angabe zur Unternehmensgründung, der Auszug aus dem Eheregister mit dem Geburtsdatum HHStAW 518 78114 II (32). Max Eis war Bingen geboren worden, Julie entstammte einer alten jüdischen Familie aus Eltville.

[2] HHStAW 685 136 c (70).

[3] Zu den biographischen Angaben siehe die eidesstattlichen Erklärung HHStAW 518 78114 II (32). Im Ersten Weltkrieg war Bernhard Eis mit dem Eiserne Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden, siehe Häusser, Harry, Eltville in alten Ansichten, Zaltbommel 1980, Unterschrift Bild Nr. 50. Der Todestag von Max ist seinem Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof Eltville entnommen.

[4] HHStAW 518 78114 (45).

[5] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 1889 / 229. Richard Pollak war um 1868, seine Frau um 1886 geboren worden. Sie verstarb in Wiesbaden am 21.9.1915, er am 22.10.1921.

[6] Siehe zu ihrer Biographie HHStAW 518 78114 III (18).

[7] HHStAW 518 78114 I (129).

[8] HHStAW 518 78114 I (46). Die Steuerakten der Jahre vor 1933 waren bereits vor Kriegsende vernichtet worden.

[9] Hell, Walter K., Der nationalsozialistische Judenpogrom 1938 in Eltville und Umgebung, in: Nassauische Annalen 125, 2014 S. 421. Hell konnte in seinen Untersuchungen zur Geschichte NSDAP im Rheingau aber auch nachweisen, dass die Partei bis 1933 tatsächlich – gerade im Vergleich zu Wiesbaden – auf eine nur geringe Resonanz in der Bevölkerung stieß. Erst ab 1933 änderte sich das deutlich und gerade Eltville avancierte zur Rheingauer NSDAP-Hochburg. Siehe Hell, Walter, Vom „Braunhemd“ zum „Persilschein“. Nationalsozialismus und Entnazifizierung im Rheingau, Erfurt 2005, S. 67-73.

[10] Ebd. und (6).

[11] HHStAW 685 136 c (70). Leider liegt ein Einheitswertbescheid für das Haus nicht vor, aber allein die Tatsache, dass die Käufer am 8.11.1950 bereit waren, eine für diese Zeit ganz beträchtliche Ausgleichszahlung von 18.000 DM zu leisten, um so der Rückerstattung zu umgehen, zeigt, dass sie sich damals ihrer Unverfrorenheit sehr bewusst gewesen sein müssen. Siehe dazu den Vermerk 518 78114 I (33).

[12] Laut Hell war die Truppe von Hief instruiert worden, dass „kein Jude körperlich verletzt und ihr Eigentum nicht Plünderern in die Hände fallen dürfe. Hell, Judenpogrom in Eltville, a.a.O. S. 423. Die konkreten Ereignisse im Haus bzw. Lager des Kaufhauses werden von Hell allerdings anders dargestellt als Eis. Leider hat Hell es versäumt, die relevanten Akten der Entschädigungsverfahren im HHStAW zu sichten, in denen die Sichtweised des Opfers enthalten gewesen wäre. Nach Hells Darstellung spielten sich die Vorgänge am Morgen des 10. Novembers folgendermaßen ab: „Im Tuchgeschäft von des Bernhard Eis tummelten sich den ganzen Tag über verdächtige Personen, die wohl nur darauf warteten, den Laden und die Wohnung des Textilhändlers zu plündern. Die Beute erwies sich aber als unerreichbar für die SA und den Pöbel, da das Geschäft und die Waren bereits kurz zuvor an einen ‚arischen‘ Geschäftsmann aus Wiesbaden verkauft worden waren und sich damit in ,arischem‘ Besitz befanden. Dieser ließ die von ihm erworbene Ware noch schnell ab 17.00 Uhr fortschaffen. Dieser Abtransport währte noch bis etwa 19.00 Uhr. Der Standortälteste der Rheingauer SA, Hauptsturmführer Kurt Walther (* 1898), hatte sich schon bei seiner Fahrt von Rüdesheim nach Eltville zwischen 14.00 und 15.00 Uhr zusammen mit Störmann davon überzeugt, dass die Geschäftsübergabe erfolgt war, und verwies einige Personen, die auf eine Gelegenheit zum Stehlen warteten, aus dem Laden.“ Ebd. S.423 f.

[13] Zu den Ereignissen siehe HHStAW 518 78114 I (129, 27). Später wurde auch hier eine Ausgleichszahlung von 1.800 DM geleistet.

[14] HHStAW 518 78114 I (23).

[15] Karl Nathan Herzog, geb. 13.1.1867 in Mainz, war der Ehemann von Babette Mannheimer, geb. um 1889, der Schwester der Mutter von Bernhard Eis, Julie Mannheimer. Frau Backhaus war seit 1921 Hausangestellte im Haushalt des Onkels, blieb auch nach dem Tod der Ehefrau bis zum Verbot solcher Arbeitsverhältnisse durch die Nürnberger Gesetze von 1935 dort. Aber auch danach durfte sie im Haushalt wohnen bleiben – zwar gegen den Willen der Gestapo, aber vom Magistrat der Stadt erlaubt. Wegen ihrer furchtlosen Treue belohnte Carl Herzog Frau Backhaus, für die er wohl mehr als nur ein Arbeitgeben war, mit der Erbschaft seiner Habe. Wegen ihrer Beziehung zu der jüdischen Familie wurde Frau Backhaus im August 1942 mit Carl Herzog verhaftet. Während er in das KZ Buchenwald überführt wurde und dort am 2.11.1942 ums Leben kam, wurde sie in das Frauenlager Ravensbrück eingeliefert. Nach ihrer Entlassung am 25.3.1943 wurde sie auf Anordnung der Gestapo zur Zwangsarbeit in Munitionsfabriken in Eschenstruth und Lichtenau verpflichtet. Siehe HHStAW 518 78114 I (118), auch das Erinnerungsblatt für Karl Herzog http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Herzog-Carl-N.pdf.

[16] HHStAW 518 78114 I (118). Bei der Datumsangabe irrte Frau Backhaus, denn der Überfall spielte sich nicht am 9., sondern am Abend des 10. 11. ab. Die Entschädigungsakte enthält eine umfassende, auch wertmäßig erfasste Aufstellung der Zerstörungen, siehe ebd. (23).

[17] Hell, Judenpogrom in Eltville, a.a.O. S. 425.

[18] HHStAW 518 78114 I (118). Eine präzisere Angabe machte sie hier nicht.

[19] Ebd. (46) und HHStAW 685 136 a (40, 41). In der Langgase 50 waren die ehemaligen Geschäftsräume des Schuhhauses seines Onkels. Seine Wohnadresse war die Webergasse 31 im gleichen Gebäudekomplex. Diese Adresse ist auch auf der Gestapo-Karteikarte eingetragen. Siehe dazu die Luftaufnahme des Areals auf dem oben angegebenen Erinnerungsblatt zu Carl Herzog..

[20] HHStAW 518 78114 I (46) und HHStAW 685 136 a (46). Dem aus Saarbrücken stammenden Juristen Ernst Brach, bei dem sie zuvor in der Grillparzerstraße gewohnt hatten, gelang im August 1940 die Auswanderung in die USA.

[21] HHStAW 518 78114 I (118). Nach Angabe von Frau Eis konnte aber auch ein Teil des zerstörten Mobiliars repariert werden, siehe 685 136 c (27).

[22] Ebd. (28).

[23] HHStAW 685 136 c (78).

[24] Ebd. (10). Einbezogen waren dabei das Betriebsvermögen mit 16.777 RM und Ansprüche aus einer Lebensversicherung im Wert von 15.333 RM.

[25] Ebd. (15).

[26] Ebd. (16, 18, 20, 21, 22).

[27] Ebd. (30). Diese hohen Ausgaben lassen darauf schließen, dass die Devisenstelle die Konten bisher nicht vollständig gesperrt, sondern nur die zu zahlende Judenvermögensabgabe gesichert hatte. Erst aus dem Jahr 1941 ist in der Devisenakte ein Brief von Bernhard Eis enthalten, der auf eine solche schärfe Sicherung schließen lässt. Er bat in diesem Schreiben vom 21.6.1941 darum, den Freibetrag auf 450 RM anzuheben, zudem ersuchte er um die Freigabe von weiteren 1.000 RM zur Finanzierung der anstehenden Auswanderung. HHStAW 519/3 1917 (29).

[28] HHStAW 518 78114 III (o.P.).

[29] HHStAW 518 78114 I (14, 27).

[30] HHStAW 519/3 1917 (27).

[31] HHStAW 519/3 1917 (7 – 22). Viele der aufgeführten Gegenstände aus Metall wurden mit einem roten Kringel markiert. Es ist allerdings nicht klar, ob diese einer besonderen Wertprüfung unterzogen wurden oder ob deren Mitnahme gänzlich verweigert wurde. Eine Teppich und die Leica-Kamera wurden nachweislich gestrichen und anderweitig „verwertet“, siehe dazu 518 78114 I (14).

[32] Ebd. (24).

[33] Ebd. (23a). Nicht klar ist, ob damit die am 15.6.1941 erhobenen Forderungen der Kultusgemeinde abgegolten wurden oder ob noch weitere geldliche Leistungen zu erbringen waren. In einem Kurzbrief hatte die Gemeinde die Devisenstelle in Frankfurt unterrichtet, dass Bernhard Eis „bis heute seine bestimmungsgemäss zu zahlenden Gemeinde-Abgaben nicht entrichtet“ habe. Ebd. (o.P.).

[34] Ebd. (5, 6).

[35] Ebd. (32). „Nicht einen Pfennig“ der Summe habe sie erhalten, testierte Frau Hallheimer nach dem Krieg, siehe HHStAW 518 78114 I (14).

[36] Ebd. (125).

[37] Die Schiffspassage musste vermutlich in Dollar gezahlt werde. Bernhard Eis gab an, dass ihm von einem Verwandten namens S.K. Herzog aus San Rafael die nötigen 422 Dollar vorgestreckt worden seien. In den folgenden Jahren habe er den Betrag dann zurückgezahlt. HHStAW 518 78114 I 27. Die Kosten, die nach Angaben von Eis 1.166 RM plus 606 $ betrugen, wurden von der Entschädigungsbehörde akzeptiert. Wegen der ständigen Bedrohung der Schiffe durch deutsche U-Boote hatten sich die Ticketpreise seit dem amerikanischen Kriegseintritt erheblich verteuert. Siehe dazu HHStAW 518 78114 I (27, 134).

[38] Eintrag in der Gestapo-Karteikarte und HHStAW 518 78114 I (46).

[39] HHStAW 518 78114 III (18).

[40] HHStAW 518 78114 I (39).

[41] Ebd. (47).

[42] Die Todesdaten der beiden sind auf ihren Entschädigungsakten vermerkt.