Kaiser-Friedrich-Ring 64


Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64 heute
Eigene Aufnahme
Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Lage des ehemaligen Judenhauses
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 64

 

 

 

 

 

 

 


Die Familie Heymann aus Dotzheim

Die lokalgeschichtliche Forschung ist sich einig, dass es bis Mitte des 18. Jahrhunderts in dem damals noch selbständigen Wiesbadener Stadtteil Dotzheim keine jüdische Bevölkerung gab. Darauf lassen Einwohnerlisten aus dem 17. und dem frühen 18. Jahrhundert schließen.[1] Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Familien dort an. So auch Isaak Seligmann, der Vater des bedeutenden Rabbiners Salomon Herxheimer, der aus dem pfälzischen Herxheim stammte und seinen Herkunftsort zum Familiennamen erkor, als die Juden im 19. Jahrhundert dazu gezwungen wurden, von ihrem traditionellen patronymen Namensrecht Abstand zu nehmen.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Stammbaum der Familie Heymann aus
Dotzheim
GDB

Aber auch die Vorfahren der späteren Familie Heymann gehörten zu den ersten jüdischen Bewohnern des Ortes. So war am 15. Februar 1842 in Dotzheim der Handelsmann Isaak Heymann verstorben, der – so ist dem Eintrag zu entnehmen – dort schon vor 59 Jahren als Sohn von Heyum Isaac geboren worden war.[2] Dieser muss demnach in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Juden in Nassau noch eine in allen Lebensbereichen diskriminierte Minderheit bildeten, dort ansässig gewesen sein. In der Regel durfte nur ein Sohn jüdischer Eltern in seinem angestammten Ort bleiben, um dort eine Familie zu gründen, die übrigen waren meist gezwungen, sich eine neue Bleibe im Territorium zu suchen oder auf die Gründung einer Familie zu verzichten. Die Gemeinden, die sich bereit erklärten, Juden überhaupt aufzunehmen, taten dies nur nach Abgabe einer entsprechenden Sondersteuer und damals auch nur mit sehr restriktiven Auflagen, wodurch deren berufliche Möglichkeiten weitgehend reglementiert blieben. Wann und von wo Heyum Isaak nach Dotzheim gekommen war, ist allerdings nicht bekannt. Vermutlich war er schon, wie dann auch sein Sohn Isaac, im Handel, vermutlich im Klein- und Hausierhandel, dem sogenannten „Nothandel“ tätig.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Hermann Maimanns Gesuch zur Namensänderung
HHStAW 469/33 181 (8)

Etwa 150 Jahre später stellte dessen Enkel Hermann beim Preußischen Justizminister einen Antrag auf Namensänderung. Sein offizieller im Geburtseintrag festgeschriebener Nachname lautete nämlich Haimann, und nicht Heymann, wie der der übrigen Familienmitglieder. In diesem Antrag legte er genauer dar, wie der Name entstand und welche Variationen davon im Laufe der Zeit in Gebrauch waren:
“Die männlichen Vorfahren sind bereits circa zwei Jahrhunderte in meinem Geburtsort Dotzheim ansässig, und wohnen auch heute noch Geschwister von mir dort.
Die Juden haben erst seit dem Jahr 1848 in Nassau Familiennamen zu führen. Vorher nannten sie sich nur mit ihrem Vornamen und fügten nach jüdischem Herkommen den Vornamen ihres Vaters bei. Nach diesem Herkommen hat im Jahr 1848 mein Großvater, dessen Vater Hajum hiess, als Familiennamen sich ‚Heymann’ genannt.
Über die Schreibweise des Namens scheint aber im Kirchenregister nichts Bestimmtes festgelegt worden zu sein. Denn aus den beiliegenden beiden Erklärungen des jetzigen Pfarrers in Dotzheim, Herrn Dekan Balzer, ergibt sich, dass der Name verschieden geschrieben wurde, und zwar ‚Haimann’, ‚Heimann’ und ‚Heymann’. Es ist vielleicht erklärlich, weil damals bei Geburten die Hebamme verpflichtet war, beim Pfarrer die Anmeldung zu machen und sich die Hebamme über die Schreibweise des Namens wohl nicht immer klar war, zumal die Familie noch heute im Volksmund nach dem Urgroßvater ‚Hajums’ genannt wird.“

Hermann Haimann / Heymann wies darauf hin, dass nur bei der Erstellung seiner Geburtsurkunde aus dem kirchlichen Registereintrag sein Name fälschlicherweise mit ‚ai’ geschrieben worden sei, er aber sowohl bei seiner polizeilichen Meldung als auch in allen geschäftlichen Angelegenheiten immer die Schreibweise mit ey verwendet habe.

Die Angelegenheit war allerdings komplizierter, wie aus detaillierten Stellungnahmen des damaligen Dotzheimer Pfarrers Balzer hervorgeht, die hier ausführlich wiedergegeben werden sollen, weil sie exemplarisch die Problematik jüdischer Namensgebung für die genealogische Forschung offenbart.

In einem ersten Schreiben hatte dieser schon darauf hingewiesen, dass bereits der Name des ersten Dotzheimer Bewohners mit diesem Namen nicht immer gleich geschrieben worden sei. Zwar sei Hajum die häufigste Form gewesen, der damalige Pfarrer habe 1825 auch einmal die Version Hajum Gumpel verwendet, was möglicherweise auf den entsprechenden Vaternamen des ersten Hajum verweist. Als 1826 Isaak Hajums Sohn Jakob geboren wurde, nahm man diesen damals noch gemäß der alten Tradition als Jakob Isaak in das Geburtsregister auf, allerdings war später von einem anderen Pfarrer „modo Haimann“ hinzugefügt worden. Und dies scheint tatsächlich der ursprünglich 1848 angenommene feste Nachname der Familie gewesen zu sein, wie auch aus einem weiteren Schreiben des Pfarrers Balzer vom August 1925 hervorgeht, in dem er zunächst die Geburtsurkunde des Antragstellers Hermann Haimann im Wortlaut wiedergibt und diese dann ausführlich erläutert:

https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1177/133381552/001.jpg
Geburtsurkunde von Hermann Haimann und erste Seite der Stellungnahme des Pfarrers Balzer
HHStAW 469-33 181 (12)

Geburtsurkunde
Hermann Haimann, Sohn und viertes Kind des Handelsmanns Jakob Haimann und seiner Ehefrau Gütchen, geb. Simon, wohnhaft zu Dotzheim, jüdischer Religion, ist zu Dotzheim am 11. November 1868 geboren.
Solches wird auf Grund des Geburtsregisters 1864 (!) Nr. 65 hierdurch bescheinigt.[3]
Dotzheim, den 24. August 1925
Evang. Pfarramt
Balzer

Nachtrag
Bezüglich der Namensschreibung geht aus Bemerkungen des Geburtsregisters folgendes hervor:
1. Bei dem ältesten Bruder des oben Genannten, Julius, geb. 9. 3. 60, hat Pfarrer Usener unterm 24. 12.1884 vermerkt, „die Familie Haimann hier schreibt schon seit Jahren ihren Namen ‚Heymann’.“
2. Bei dem Eintrag des Eduard Haimann, Sohn von Hajum Haimann, eines Bruders des Jakob Haimann, ist nachträglich von Pfarrer Usener vermerkt: ‚Der Familienname wird ‚Heymann’ geschrieben.’
3. Bei dem Eintrag des Joseph Haimann, Sohn des vorgenannten Hajum Haimann, geb. 4. 10. 1862 hat Pfarrer Usener unterm 1. 1. 1887 vermerkt, ‚dieser Zweig der Familie schreibt ihren Namen nach Angabe des Vaters ‚Heymann’.
4. Bei dem Eintrag von Julius Haimann, Sohn von Liebmann Haimann, geboren am 13. Juli 1854, hat Pfarrer Usener vermerkt: ‚wird gewöhnlich Heymann geschrieben.’
Hieraus geht hervor:

In alten Geburtseinträgen der 3 Familien
Jakob Haimann
Hajum Haimann
Liebmann Haimann
ist der Name bei der Beurkundung übereinstimmend Haimann geschrieben.

Bei der durch Pfarrer Usener in späteren Jahren gefertigten Auszügen stellte sich heraus, dass die Familien statt der ursprünglichen Schreibweise ‚Haimann’ schon seit Jahren den Namen ‚Heymann’ schrieben.
Der Pfarrer
Balzer[4]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Briefkopf der Firma Heymann & Levitta mit Zustimmung der Familie zur Namensänderung
HHStAW 469/33 181 (18)

Nach dieser Klarstellung wurde Hermann Haimann / Heymann im November 1925 die Erlaubnis zur Namensänderung erteilt, nachdem sowohl seine Kinder, seine Geschwister und auch die Gemeinde Dotzheim ihre Einwilligung erteilt hatten.[5] Die Kinder von Isaak Hajum, dem Großvater des Antragstellers, hatten also zunächst den Nachnamen Haimann angenommen, der dann im Laufe der Zeit in der Schreibweise mit ‚ey’ zu Heymann wurde.

Soweit bekannt waren in der Ehe von Isaak Hajum mit Besje / Betty Schott, die 1791 in Rüsselsheim zur Welt gekommen war,[6] fünf Kinder geboren worden. Jakob / Jacob, der Vater der Heymann-Generation, die zumindest die Anfänge der nationalsozialistischen Diktatur noch erleben musste, war der mittlere dieser Nachkommen. Wie man der Altersangabe in der Sterbeurkunde bei seinem Tod am 17. März 1903 entnehmen kann, muss er um 1826 in Dotzheim geboren worden sein.[7]

Seine älteren Brüder waren der am 27. Februar 1817 geborene Hajum und der am 8. April 1821 geborene Liebmann. Hayum Heymann, in erster Ehe verheiratet mit Ida Schlesinger aus Oppenheim, hatte mit ihr fünf Kinder, die alle in Dotzheim bzw. Wiesbaden blieben. Nach dem Tod seiner Frau 1858 heiratete er Adelheid Elise Iffelsheimer, mit der er noch zwei weitere Kinder hatte. Das letzte der beiden, Josef Heymann sowie dessen Frau Katharina Laser, wurden als einzige aus diesem Familienzweig Opfer des Holocaust. Josef Heymann wurde am 16. September 1942 in Theresienstadt vermutlich erschlagen, seine Frau nahm sich – ebenfalls vermutlich – zwei Tage später das Leben.[8] Josefs Vater Hayum Heymann verstarb am 8. Juli 1905 in Wiesbaden, der Sterbeeintrag seiner Mutter datiert auf den 9. Juni 1892.[9]

Der zweite ältere Bruder von Jakob, Liebmann Heymann, geboren am 8. April 1821, war mit Sybille Mayer aus Eltville verheiratet. Mit ihr hatte er die beiden Kinder Julius und Eva.
Am 27. April 1828 war Jakobs erste jüngere Schwester Sara zur Welt gekommen. Während ihr Ehemann, der aus Groß Karben stammende Gottschalk Gutmann, 1911 im Alter von 81 Jahren verstarb, wurde sie selbst sogar 91 Jahre alt. Beide lebten zuletzt in dem Wiesbadener Vorort Sonnenberg und wurden auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße beerdigt. Kinder der beiden sind nicht bekannt.
Das letzte Geschwisterkind von Jakob war Abraham, geboren am 1. März 1834. Der Frucht- und Landesproduktenhändlers war verheiratet mit Eva Kahn aus Montabaur. Von den sechs Kindern des Paares ist bei zweien das Schicksal unbekannt, ein Sohn verstarb namenlos am Tag der Geburt, ein Mädchen im Alter von etwa 15 Jahren. Gustav, das zweitletzte Kind, war mit Johanna Dahlberg verheiratet. Beide starben in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Diktatur, er im Februar 1936, sie ein viertel Jahr zuvor. Auch sie fanden in Wiesbaden auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße ihre letzte Ruhestätte. Bertha, die älteste Tochter von Abraham und Eva Heymann, geboren am 3. April 1866, hatte zunächst mit ihrem Ehemann Isaak Levita ebenfalls am Kaiser-Friedrich-Ring in Wiesbaden gewohnt, im Haus mit der Nummer 16, war aber dann 1939 nach Mainz verzogen. Er war bereits verstorben als Bertha Levita am 27. September 1942 von Mainz aus über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert wurde. Am 11. November des gleichen Jahres bescheinigte der Lagerarzt Dr. Gottlieb, dass das Herz der 76jährigen zu schlagen aufgehört hatte.[10]

 

Jakob Heymann

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Alte Ansicht der Römergasse, hier fälschlicherweise als Römerstaße ausgegeben

Im Sterbeeintrag von Jakob Heymann ist zu lesen, dass sein Vater Isaak in Dotzheim noch den Beruf eines Handelsmanns ausgeübt hatte, während er selbst das Metzgerhandwerk erlernt hatte, was aber nicht ausschließt, dass auch er noch im Viehhandel aktiv war. Im Geburtseintrag seines ersten Sohnes Julius wird Jakob wie sein Vater noch allgemein als Handelsmann geführt. Nicht mehr zu klären war, seit wann die Familie das Haus in der Römergasse 19, im alten Ortskern von Dotzheim gelegen, zu ihrem Wohn- und Geschäftshaus gemacht hatte. Zumindest bis 1880, dem Geburtsjahr ihres jüngsten Sohnes Emil, bewohnten sie das Haus mit der Nummer 69 in der gleichen Straße. Auch als der älteste Sohn Julius im Jahr 1889 heiratete und einer seiner Brüder als Trauzeuge fungierte, gab dieser als seine Adresse noch die Römergasse 69 an.[11] Dort hatten wohl die meisten der bekannten fünf Kinder, die in der Ehe mit der aus Wehen stammenden Gütchen Simon geboren wurden, ihre Kindheits- und Jugendjahre verbracht. Gütchen Simon war am 6. Oktober 1832 in der Taunusgemeinde als Tochter von Levy und Rößchen Simon, geborene Herz, zur Welt gekommen.[12] Wann die Ehe zwischen Jakob und Gütchen geschlossen wurde, ist nicht bekannt, aber vermutlich nicht allzu lange vor der Geburt des ersten Kindes. Der bereits in Zusammenhang mit seiner Namensänderung erwähnte Julius war am 9. März 1860 als erster Nachkomme geboren worden. Ihm folgte zwei Jahre später am 18. Mai 1962 Moritz. Danach dauerte es sechs Jahre, bis am 11. November 1868 Hermann zur Welt kam. Rosa, die einzige Tochter des Paares, wurde am 16. November 1874, also wiederum sechs Jahre später geboren. Bis zur Geburt des letzten Kindes Emil am 23. August 1880, waren erneut etwa sechs Jahre vergangen.[13]

Während die beiden Brüder Julius und Hermann sich dem vielleicht lukrativen Weinhandel zuwandten, blieben die drei übrigen Geschwister der Familientradition treu und handelten weiterhin mit Vieh und Fleischprodukten. Kriegseinsatz Emil 685 282d 23

Leider liegen nur sehr spärliche biographische Angaben über die beiden Weinhändler vor und wegen der fehlenden Steuerakten ist es auch nicht ersichtlich, ob sie in ihrer neuen Branche tatsächlich sehr erfolgreich waren. Nur der älteste der beiden, Julius, war in Wiesbaden geblieben, während Hermann sein Handelsgeschäft im benachbarten Mainz betrieb.

 

Julius Heymann / Heuer

Den bereits oben aufgeführten Namensvarianten hatte Julius Heymann noch eine weitere hinzugefügt. Der Enkel von Isaak Hajum und Sohn von Jakob Heymann, ließ im Jahr 1885 im Alter von 25 Jahren seinen inzwischen gängigen Namen Heymann in Heuer umwandeln.[14] Ob in dieser Namensänderung eine wachsende Entfremdung von seiner jüdischen Herkunft zu sehen ist oder ob sie nur dazu diente, den auch im Kaiserreich immer wieder aufwallenden antisemitischen Ressentiments zu entgehen, ist nicht zu sagen. Immerhin ist er in der vier Jahre später erfolgten Eheschließung weiterhin als Angehöriger der „israelitischen“ Religionsgemeinschaft ausgewiesen und auch seine Frau entstammte einer jüdischen Familie. Emma Culp, geboren am 15. Oktober 1862 in Unna in Westfalen, war die Tochter von Jacob und Jeanette Culp, geborene Falkenstein.[15] Sie wohnte zum Zeitpunkt der Eheschließung in der Adolfsallee 23, ihr Ehemann in der Adelheidstr. 2, wo dann auch die gemeinsame Wohnung eingerichtet wurde. Dort kam am 16. August 1890 dann ihr einziges Kind, die Tochter Elsa zur Welt.[16] Als Elsa mit 23 Jahren am 14. Mai 1914 heiratete, war die Familie schon in die Rheinstraße 103 umgezogen, wo die Eltern bis zu ihrem Lebensende blieben.

wo Julius Hirsch Mitinhaber der recht bedeutenden Chemnitzer Strumpf- und Handschuhfabrik 'Louis Lewy & Co.' war
Strumpffabrik Lewy & Co. https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Chem_480164991/Chem_480164991_tif/jpegs/Chem_480164991.pdf

Der Ehemann von Elsa war ein Kaufmann aus Chemnitz namens Julius Hirsch. Eigentlich stammte er aber aus Tübingen, wo er am 28. April 1878 als Sohn von Hermann und Amalie Hirsch, geborene Weil, zur Welt gekommen war.[17] Das junge Paar wählte die traditionsreiche sächsische Industriestadt zu ihrem Lebensmittelpunkt, wo Julius Hirsch Mitinhaber der recht bedeutenden Chemnitzer Strumpf- und Handschuhfabrik ‚Louis Lewy & Co.‘ war, die ihre Produkte national wie international vertrieb. Die Firma, die 1882 gegründet worden war, wurde 1923 mit ihren zwei Fabrikationsstätten von Julius Hirsch und seinem Kompagnon Ernst Schwab geführt.[18]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Überfahrt von Julius und Elsa Hirsch 1933 in die USA
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5403-0115?treeid=&personid=&hintid=&queryId=4e0c55ed4f57fbf34c43d63c53126cf4&usePUB=true&_phsrc=Ekt3027&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=2016582289&lang=de-DE

Nicht mehr nachzuvollziehen ist der Grund für die Reise, die Elsa und Julius Hirsch im Oktober 1933 nach Amerika unternahmen. Vielleicht gehörten auch sie zu denjenigen, die schon früh erkannten, dass die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten kein kurzes Intermezzo sein würde, sondern zumindest für Juden und Jüdinnen das Ende jeglicher Freiheit bedeutete. Von Bremen aus fuhren sie auf dem Schiff „Europa“ in die USA, wo Julius Hirschs etwa fünf Jahre älterer Bruder Louis bereits lebte.[19] Vielleicht ging es damals darum, die Möglichkeit einer späteren Auswanderung zu eruieren, vielleicht war es aber auch nur eine Besuchsreise. Unklar ist dennoch, wieso Elsa Hirsch mit dem gleichen Schiff sofort wieder die Rückreise antrat, dann aber in England blieb, nachdem sie am 21. Dezember 1933 im Hafen von Southampton wieder angelandet war.[20] Aus der Tatsache, dass sie für die Überfahrt die „First Class“ gebucht und sich anschließend in London im ‚Strand Palace Hotel’ eingemietet hatte, wird man schließen können, dass das Paar finanziell recht gut gestellt gewesen sein muss.

Offenbar waren aber beide dann wieder nach Deutschland zurückgekehrt, denn als Elsas Mutter Emma Heuer am 11. Februar 1936 etwa ein Jahr nach ihrem Mann in Wiesbaden verstarb – Julius Heuer war am 4. April 1935 gestorben –[21], war es ihr Schwiegersohn Julius Hirsch, der die Todesmeldung dem Standesamt überbrachte. Seine Adresse ist in dieser Urkunde mit Agricola-Str. 15 in Chemnitz angegeben,[22] der gleichen Adresse, mit der er auch im folgenden Jahr 1937 im Chemnitzer Adressbuch aufgeführt ist.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Internierung von Julius Hirsch in England
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Wann Elsa und Julius Hirsch Deutschland endgültig verließen, ist nicht bekannt. Bei Kriegsausbruch im Jahr 1939 lebten sie aber bereits im englischen Wembley im Bezirk Middlesex. Zwar waren zunächst beide durch Beschluss vom 24. November 1939 von einer Internierung als Bürger eines Feindstaates verschont worden, am 21. Juni 1940 wurde diese Entscheidung aus nicht bekannten Gründen für Julius Hirsch aber wieder aufgehoben. Nach einer etwa zwei monatigen Internierung, wurde er dann am 25. August jedoch wieder entlassen.[23] Das weitere Schicksal des Paares ist nicht bekannt, auch nicht, ob ihnen in England noch Kinder geboren wurden. Aber offensichtlich gehören sie zu Mitgliedern der Familie, die dem Holocaust entkommen waren.

Hermann Heymann

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Antrag von Hermann Heymann zur Aufnahme in den Hessischen Volksstaat
Stadtarchiv Mainz 70/1296

Hermann Heymann, der andere Sohn von Jakob und Gütchen Heymann, der Weinhändler geworden war, hatte die oben beschriebene Untersuchung über die unterschiedlichen Namen der Familie ausgelöst, als er im Februar 1925 einen Antrag auf „Aufnahme in den hessischen Staatsverband“ stellte.[24] Hierbei war aufgefallen, dass auf seiner Heiratsurkunde, die er damals vorlegte, ein anderer Familienname stand – nämlich Haimann -, als derjenige, den er tatsächlich führte und auf den auch die Kinder im Geburtsregister eingetragen waren.

In seinem Antrag gab er an, seit dem 9. Juni 1899 in Mainz wohnhaft zu sein. Wenige Tage vor der Übersiedlung, am 28. Mai 1899, hatte er unter dem Namen Haimann die aus Rüdesheim stammende Johanna Levitta in ihrem Heimatort geehelicht.[25] Sie war am 14. Januar 1873 dort als eine von vier Töchtern des Weinhändlers Isaac Levitta und seiner Frau Jakobine, geborene Wolff, zur Welt gekommen. Die gleiche Bedeutung, die der Viehhandel in der Heymann-Familie traditionell besaß, hatte bei den Levittas der Handel mit Wein. Schon der Vater von Isaac, Feist Levitta, war als „Weinkommissionär“ in Rüdesheim tätig gewesen, wie man der Sterbeurkunde seines Sohnes Isaac entnehmen kann. Letzterer war als 74jähriger am 14. Dezember 1910 in seinem Heimatort verstorben.[26]

Möglicherweise war sein Schwiegersohn Hermann Heymann sogar erst durch die Einheiratung in eine Weinhändlerfamilie zu diesem Beruf gekommen, denn die Firma in Mainz lief unter dem Namen „Hermann Heymann – Levitta, Wein-Einkaufsgeschäft“ und war in der Kaiserstr. 29 angesiedelt, vermutlich als Dependance des Hauses in Rüdesheim. Eine solche Niederlassung machte in jedem Fall Sinn, denn Mainz war eines der bedeutendsten Zentren des deutschen Weinhandels und Juden spielten darin traditionell eine hervorragende Rolle. 1935 gab es in der alten Domstadt 186 Weinhandlungen, von denen immerhin nach zwei Jahren Nazi-Herrschaft noch immer etwa ein Drittel in jüdischer Hand waren.[27]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Familienregistereintrag für Hermann Heymann in Mainz
Stadtarchiv Mainz Familienregister 48594

In Mainz wurden auch die vier Kinder des Paares geboren. Zunächst kamen die beiden Söhne Franz Joseph am 7. März 1900 und Fritz Karl am 1. März 1901 zur Welt.[28] Ihnen folgten noch die beiden Töchter Jakoba Rosa Hildegard, genannt Sally, am 7. Mai 1904 und Sophie Eva Anneliese am 8. Februar 1906.[29] Über das Leben der Familie, über die geschäftliche Entwicklung und die Ausbildung der Kinder liegen keine näheren Informationen vor. Daher ist auch nicht bekannt, inwieweit die Familie und die Firma gegen Ende der Republik und in den ersten Jahren der NS-Zeit von den gerade auch in Mainz und Rheinhessen starken antisemitischen Strömungen betroffen war, die sich im Besonderen gegen die jüdischen Weinhändler richtete.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Illustration im ‚Stürmer‘-Hetzartikel vom Mai 1936 über die jüdischen Weinhändler

Ideologisch befrachtet mit dem Begriff der Reinheit, wurde der deutsche Wein zu einem Symbol im Rassekampf stilisiert und der Handel damit zum Kriegsschauplatz erhoben: „Es gibt wohl wenige Geschäftszweige, bei denen so viele Möglichkeiten zum Betruge vorhanden sind wie beim Handel mit Wein. Wein und Wein ist nicht das Gleiche. (…) Deutsche Weinhändler betrachten sich als Treuhänder ihrer Abnehmer. Sie liefern gute und reine Ware zu einem angemessenen Preis. Ganz anders aber handelt der Jude! Er denkt nur an den Rebbach, an den Profit. Er kennt keine anständigen Geschäftsgrundsätze. Er übervorteilt seine nichtjüdischen Kunden, wann und wo er nur kann. Seine Betrugsmethoden sind unerschöpflich. Seine Gerissenheit macht ihm keiner nach.“[30]

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Die ‚Stürmer‘-Ausgabe über den jüdischen Weinhandel

Als diese Zeilen, prall gefüllt mit den klassischen Stereotypen über Juden, im „Stürmer“ erschienen, erreichte die antisemitische Hetze gegen die jüdischen Weinhändler in Mainz im Zusammenhang mit einem Prozess gegen drei von ihnen ihren vorläufigen Höhepunkt. An diesen drei wurde vom „Stürmer“ deutschlandweit exemplifiziert, worin das „Wesen der Juden und des Judentums“ angeblich bestehe. Eine der drei angeklagten Familien hieß auch Heymann, war aber, wenn überhaupt, mit den aus Dotzheim stammenden Heymanns höchstens sehr weitläufig verwandt. Dass diese Skandalisierung ohne Wirkung auf Hermann Heymann und seine Familie blieb, ist mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht ist es daher auch kein Zufall, dass er kurz nach dem Erscheinen des „Stürmer“-Artikels am 16. Juni 1936 im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt verstarb. Ein halbes Jahr zuvor war bereits seine Frau Johanna im Mainz gestorben.[31] Schon lange bevor der Stürmer-Artikel erschienen war hatte die lokale Presse, besonders der Mainzer Anzeiger, immer wieder über angebliche Betrügereien der als „Talmudjuden“ verunglimpften Händler hergezogen.[32] In all den Jahren gab es Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns, ohne dass konkrete Täter dafür habhaft gemacht werden konnten.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Grabstein von Hermann und Johanna Heymann auf dem Jüdischen Friedhof in Mainz

Zwar ist nicht bekannt, ob Hermann Heymann in den Jahren zuvor bereits durch Boykott oder andere Angriffe geschädigt worden war, nicht einmal, ob er ein Ladengeschäft betrieb oder den Handel weitgehend ohne Publikumsverkehr abwickeln konnte, was einen gewissen Schutz gegen Angriffe geboten hätte, aber Beeinträchtigungen im geschäftlichen Leben waren schon früh spürbar. Schon 1934 verschwanden z. Bsp. Anzeigen jüdischer Weinhändler aus den gängigen Fachzeitschriften und den regionalen Tageszeitungen.[33] Die eigentlichen Angriffe und die Arisierung des Weinhandels begannen aber erst, nachdem Hermann Heymann und seine Frau verstorben waren. Wann das Geschäft aufgegeben werden musste, ist nicht bekannt. In jedem Fall gab es für deren Kinder keine Möglichkeit mehr, beruflich an die Tradition der Eltern anzuknüpfen.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Adressbuch Mainz 1940

Das weitere Schicksal der Kinder wirft einige Fragen auf. Wann sie jeweils ihre Heimatstadt verließen, ist weitgehend unbekannt. Im Mainzer Adressbuch von 1940 ist nur noch Hildegard mit der alten Adresse Kaiserstr. 29 aufgeführt, der gleichen Anschrift, die ihr Vater angegeben hatte, als er Ende des vorausgegangenen Jahrhunderts auf die andere Rheinseite gezogen war.

Franz Josef Heymann taucht allerdings auf der Passagierliste des Schiffs „Manhattan“ auf, das am 15. April 1940 von Genua kommend im Hafen von New York einlief. Mit ihm reiste damals seine Frau Hildegard, deren Mädchenname nicht sicher geklärt werden konnte. Wann und wo die Hochzeit mit der am 29. Juni 1903 im sächsischen Ottendorf bei Pirna stattfand, ist nicht bekannt, aber im Mai 1939 waren sie noch beide in Mainz in der Bahnhofstr. 13 gemeldet.[34]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Auswanderung von Franz und Hildegard Heymann im April 1940
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6458-0556?treeid=&personid=&hintid=&queryId=f9c2815c4fa5e1f0f90975fe21f8b584&usePUB=true&_phsrc=Ekt3215&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006781162

Als Kontaktperson in den USA war sein Cousin Karl Bruck oder Brück angegeben, der damals im New Yorker Stadtteil Elmhurst wohnte.[35] Möglicherweise handelt es sich auch um einen Verwandten seiner Frau. Er hatte für beide die geforderte Einzahlung auf das Konto des ‚Jewish Transmigration Bureaus’ geleistet und ihnen damit unzweifelhaft das Leben gerettet.[36] Franz Josef Heymann wurde 1942 unter dem amerikanisierten Namen Frank Joseph Heyman für die amerikanische Armee registriert. Über das weitere Schicksal des Paares liegen keine Informationen vor.

Auch Fritz Karl Heymann hat mit großer Wahrscheinlichkeit die Jahre der Verfolgung im Exil überlebt. In dem Familienregister ist zunächst nur der Eintrag vorhanden, dass er seit 1930 „Lippischer Staatsangeh.[öriger]“ geworden sei, demnach schon vor der „Machtergreifung“ Mainz verlassen hatte. Hinter seinem Namen ist mit Bleistift dünn noch „Dr.“ hinzugefügt worden, woraus zu schließen ist, dass er eine akademische Bildung genossen haben muss. Nach dem Krieg, so ist den Entschädigungsakten zu entnehmen, lebte er in Basel. Wann und auf welchem Weg er in die Schweiz gelangt war, konnte nicht ermittelt werden.[37]

Noch weniger weiß man über die jüngste Tochter Sophie Anneliese. Aus den wenigen Angaben im Familienregister der Stadt Mainz geht hervor, dass sie ledig geblieben war und am 16. März 1934 im Alter von 28 Jahren in Paris verstarb. Es ist nicht bekannt, wann und aus welchen Gründen sie Deutschland damals verlassen hatte. Über ihre Todesursache liegen ebenfalls leider keine weiteren Informationen vor. Anders als ihre ältere Schwester Hildegard, wird sie nicht als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geführt.

Hildegard blieb, nachdem ihr Bruder Franz mit seiner Frau Anfang April 1940 ausgewandert war, alleine in Mainz zurück. Über ihre Lebensumstände und ihre finanzielle Situation in den letzten beiden Jahren bis zu ihrer Deportation liegen keine Quellen vor.
Zynischweise trug der Zug mit der Nr. ‚DA 14’, der am 25. März 1942 von Mainz über Darmstadt etwa 1000 Jüdinnen und Juden, darunter viele Kinder, aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen in den Osten brachte, den Namen „Gesellschaftssonderzug zur Beförderung von Arbeitern“.[38] An seinem Zielort, dem polnischen Durchgangslager Piaski, mussten die Deportierten tatsächlich auch arbeiten, aber viel schlimmer waren die übrigen Lebensbedingungen in dem geschlossenen Ghetto. Nur wenige Tage vor Ankunft des Zuges hatte man dort Platz für die Neuankömmlinge geschaffen, indem man die etwa 3600 dort bisher hausenden Juden in das nahe gelegenen Vernichtungslager Belzec gebracht und ermordet hatte. Nach Einlaufen des Zuges mit den Juden aus Hessen am 27. März in der östlich von Lublin gelegenen Bahnstation Trawniki mussten diese die letzten 15 Kilometer bis Piaski zu Fuß zurücklegen.

Straße im Ghetto von Piaski
https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/photo/deserted-street-in-sighet-marmatiei

Das dortige Ghetto bestand aus zwei Teilen, die jeweils durch hohe Bretterzäune mit Stacheldraht bewehrt von der übrigen Ortschaft abgetrennt waren. Darin befanden sich kleine ein- oder zweistöckige Häuschen, ohne Wasser und Kanalisation. Die Straßen vom tauenden Frost aufgeweicht, waren ein einziger Morast. Zu Essen gab es 20 Gramm Brot, dünnen Kaffee und dünne Suppe. Die neu angekommenen Juden aus Hessen hatten insofern noch Glück, als sie ihr mitgeführtes Gepäck tatsächlich behalten und in das Ghetto mitnehmen durften. Das bot denjenigen, die die damit verbundene Gefahr in Kauf nahmen, die Möglichkeit, illegal mit den polnischen Bewohnern am Ghettozaun Handel zu treiben und so ihre täglichen Lebensmittelrationen aufzubessern. Manche legten sogar kleine Gemüsebeete an, in der irrigen Hoffnung, noch solange zu leben, bis die mickerige Ernte eingebracht werden konnte. Mit der wachsenden Zahl der dort Eingesperrten wuchs auch die Not und das Elend. Angesichts der kargen Kost und der täglichen, schweren Zwangsarbeit im Lager selbst – es wurden Straßen gebaut und Gräben zur Entwässerung gezogen -, starben schon in den ersten drei Monaten viele an Hunger und Erschöpfung. Wer diese Zeit durchgehalten hatte, der wurde am 22. Juni 1942 bei der Evakuierung des Ghettos in das nahe gelegene Vernichtungslager Sobibor gebracht.[39] Nur wenige vom Transport aus Mainz wurden dort erneut für Zwangsarbeiten selektiert, die übrigen schickte man sofort in die bereitstehenden Gaskammern. Aber auch die zunächst noch einmal Verschonten überlebten Sobibor nicht. Keinem der 1000 Deportierten vom 25. März 1942 gelang es, der Vernichtung zu entkommen.
Ob Hildegard Heymann noch in Piaski oder erst in Sobibor ermordet wurde, wissen wir nicht. Per Gerichtsbeschluss des Amtsgerichts Mainz vom 1. Mai 1950 wurde sie amtlich für tot erklärt. Ihr Sterbedatum wurde damals auf den 31. Dezember 1942, 24 Uhr festgelegt.[40]

 

Das Schicksal der drei weiteren Kinder von Jakob und Gütchen Heymann ist unmittelbar mit dem Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64 verbunden. Dort verbrachten sie die letzten Jahre oder auch nur Monate, bevor sie alle Opfer des nationalsozialistischen Massenmords wurden.

Emil und Rosa Heymann

Unter den beiden Brüdern, Moritz und Emil sowie ihrer Schwester Rosa Heymann, die in Wiesbaden und auch im Viehgeschäft geblieben waren, scheint es nach dem Tod des Vaters eine Aufgabenteilung und Spezialisierung gegeben zu haben, denn der ältere Moritz übernahm den Viehhandel, während Rosa und der jüngste Bruder Emil, der seinen Meistertitel als Metzger erworben hatte, gemeinsam die väterliche Schlachterei und auch das Ladengeschäft führten. Ihr Vater Jakob Heymann war bereits am 17. März 1903 verstorben, seine Frau allerdings erst am 24. Dezember 1917.[41] Bis zu ihrem Tod hatte sie zusammen mit den beiden ledig geblieben Kindern Rosa und Emil in der Römergasse 19 gewohnt. Wie die erbrechtlichen Bestimmungen im Detail ausgesehen hatten, konnte nicht mehr ermittelt werden, aber Rosa und Emil Heymann waren auch gemeinsam Eigentümer des väterlichen Hauses in Dotzheim geworden, das im Jahr 1924 mit einem Wert von insgesamt 18.000 RM taxiert worden war. Das Betriebsvermögen war damals mit 6.000 RM bewertet worden.[42] Daneben waren auch zahlreiche Ackergrundstücke in Dotzheim an die beiden übergegangen, die zumeist allerdings von nur geringem Wert waren, da sie kaum Erträge einbrachten und vermutlich primär als Futterquelle für das Vieh genutzt wurden. Die sogar noch 1935 im Grundbuch auf den Namen des Vaters eingetragenen Grundstücke, waren nur mündlich von den anderen Geschwistern an Rosa und Emil abgetreten worden. Bewirtschaftet wurden sie je nach Arbeitsanfall von Tagelöhnern.[43]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das Elternhaus der Geschwister Heymann in der Römergasse 19 in Dotzheim heute
Eigene Aufnahme

Die überlieferten Steuerakten geben kaum Auskunft über die wirtschaftliche Lage des Geschäfts der Geschwister in den 20er Jahren. Auch liegen keine Informationen darüber vor, wie die beiden Geschäftsleute in Dotzheim angesehen waren. Obwohl sie zu den alteingesessenen Familie gehörten, werden sie in seinem Buch über die Dotzheimer Juden von Schwalbach nur am Rande erwähnt.[44] Aber man wird davon ausgehen können, dass zu ihrem Kundenkreis nicht nur die wenigen jüdischen Familien, sondern auch die nichtjüdischen zählten. Anders wäre es nicht zu erklären, dass Rosa und Emil Heymann zu den doch eher wohlhabenden Dotzheimern zählten. Im Zusammenhang mit einem Antrag auf eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung hatten beide im Jahr 1937 Daten über ihr Einkommen vom Jahr 1931 bis 1936 abzugeben.[45] Die Angaben der beiden sind zwar im Detail etwas unterschiedlich, entsprechen aber vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise dem allgemeinen Verlauf der damaligen Einkommensentwicklung. Wenngleich die Zahl der Arbeitslosen im Ausgangsjahr 1931 noch nicht den Höchststand erreicht hatte, so muss man dennoch sehen, dass in diesem Jahr die Zahl der Konkurse bereits den Zenit erreicht und damit die Krise ihren Höhepunkt überschritten hatte. Über die Einkommen der beiden aus den vorherigen Jahren, besonders aus dem Jahr 1928, dem wirtschaftlich besten Jahr der republikanischen Zeit, liegen leider keine Informationen vor.
Bei Emil Heymann ging das Einkommen von 3.371 RM im Jahr 1931 zunächst bis zum Jahr 1933 zurück auf rund 2.200, um dann noch einmal ein wenig auf 2.400 RM anzusteigen. Im folgenden Jahr waren es dann nur noch etwas mehr als 2.000 RM, die er zu versteuern hatte. Bei seiner Schwester war der Einkommensrückgang von 1931 bis 1933 noch größer. Ihr Einkommen ging von 4.131 RM auf 1.567 RM zurück. Im folgenden Jahr war es allerdings wieder auf den doppelten Betrag angestiegen und selbst im Jahr 1935 versteuerte sie noch 2.718 RM.

Auch wenn der wachsende Antisemitismus in den frühen 30er Jahren sich in diesen Zahlen schon niedergeschlagen haben kann, so sind dennoch eher die globalen Rahmenbedingungen für den Einkommensrückgang verantwortlich zu machen.[46] Ansonsten wäre auch der allmähliche Konjunkturanstieg nach 1933, hervorgerufen auch durch die staatliche Interventionspolitik der NS-Regierung, wesentlich stärker an den jüdischen Geschäftsleuten vorbeigegangen. Aber selbst die Stagnation im folgenden Jahr spiegelt zunächst ebenfalls nur die allgemeine Einkommensentwicklung in der damaligen Zeit in Deutschland wider.[47]

Aus heutiger Sicht muss es völlig unverständlich erscheinen, das in diesem Krisenjahr 1933 Emil und Rosa Heymann in der Stadt Wiesbaden das Haus Kaiser-Friedrich-Ring 64, das spätere Judenhaus, erwarben. Das Haus, erbaut um die Jahrhundertwende – der Bauantrag war 1899 gestellt worden – hatte bereits drei Vorbesitzer gehabt. Der letzte Eigentümer war der schwedische Bauingenieur Arthur Wilhelm Ekström und dessen Frau. Sein Tod war vermutlich der Anlass, dass die Immobilie damals von seiner Witwe und den Kindern auf dem Wohnungsmarkt angeboten wurde. Es scheint sich sogar um ein regelrechtes Schnäppchen gehandelt zu haben, denn aus einer Notiz des Finanzamts geht hervor, dass die Geschwister das Haus, dessen Einheitswert 31.200 RM betrug, für nur 25.000 RM erwerben konnten.[48] Am 15. August 1933 wurde der Vertrag abgeschlossen und am 9. November des gleichen Jahres wurde der Eigentumswechsel im Grundbuch der Stadt Wiesbaden eingetragen.[49] Die Geschwister Heymann hatten damit ein städtebauliches Juwel erworben, das heute als „Kulturdenkmal aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen“ gilt und sich als solches einfügt in historistisch gestaltete Bebauung des ersten Rings, die angesichts der wachsenden Bevölkerungszahlen am Ende des 19. Jahrhunderts notwendig geworden war.[50]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das spätere Judenhaus (Mitte mit Erkern) in einer Ansicht aus den 20er Jahren
HHStAW 3008 28204

Dennoch stellt sich die Frage, welche Motive die Heymann-Geschwister in dieser Zeit zu diesem Kauf bewogen hatten. Möglicherweise waren eher wirtschaftliche Gründe dafür maßgebend gewesen. In der damals herrschenden Deflationsphase konnte man Kapital günstig anlegen und es zugleich in der Form als Immobilie vor der anderen Form der Krise, der Inflation, retten. Für nahezu alle Menschen blieben die Nachkriegsjahre mit der Hyperinflation unvergessen, ein Trauma, dass ökonomisches Handeln auch in den folgenden Jahren wesentlich bestimmte.
Vielleicht spielten aber auch damals schon politische Gründe für die Entscheidung eine Rolle. Wir wissen nicht, welches Ausmaß antisemitische Anfeindungen in diesen Krisenjahren in Dotzheim angenommen hatten, ob es bereits damals für die Heymanns Anlass gab, eine mögliche „kleine Flucht“ aus dem dörflichen Vorort in die eher anonymere Stadt vorzubereiten. Dass dies aber keine realistische Perspektive sein würde, zeigte sich spätestens im folgenden Jahr, denn gerade die jüdischen Metzger waren auch in Wiesbaden von Beginn an von der NS-Bewegung zu Hauptfeinden auserkoren worden und einige in der Partei organisierte arische Metzger betrieben diese Agitation mit besonderem Engagement. Und es blieb nicht nur bei der Agitation. 1934 wurden die etwa 80 jüdischen Metzger aus dem Schlachthof geworfen und öffentlich – unter den Augen schweigender Passanten – in einem demütigenden Zug quer durch Wiesbaden zum Luisenplatz getrieben. Das Betreten des Schlachthofs zum Einkauf von Fleisch war ihnen seit diesem Tag verwehrt.[51] Auch in Dotzheim sind Aktionen gegen die ortsansässigen Metzgereien belegt. Hier waren die jüdische Metzgereien Stein und Barmann nachweislich Opfer solcher Attacken geworden, was nicht ausschließt, dass nicht auch andere, etwa Heymanns, betroffen waren. Nur weil darüber keine schriftlichen Berichte und Zeugenaussagen erhalten geblieben sind, konnten diese womöglich leicht aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden.[52]

Dennoch blieben Rosa und Emil Heymann zunächst noch in Dotzheim wohnen. Ihr Umzug in das Haus am Ring lässt sich nicht genau datieren, weil Umzugsmeldungen nicht mehr vorliegen und auch auf ihren Gestapokarteikarten entsprechende Angaben fehlen. Der Umzug muss sich aber vermutlich im Laufe des Jahres 1936 zugetragen haben, wie man aus der Korrespondenz mit dem Finanzamt ableiten kann. Das letzte Schreiben aus der Römergasse 19 war mit April 1936 und das erste mit der Adresse Kaiser-Friedrich-Ring mit dem 15. Februar 1937 datiert. Erstmals sind sie mit der neuen Adresse im Wiesbadener Adressbuch des Jahres 1936/37 eingetragen.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Emil Heymann gibt 1938 Auskunft über sein Einkommen und Vermögen
HHStAW 685 282d (9)

Auch die Schließung der Metzgerei in Dotzheim kann zeitlich nicht exakt festgelegt werden. Aber man kann vermuten, dass dies ungefähr zum Zeitpunkt des Wohnungswechsels geschah. Bei den beiden Formularen über ihr Einkommen der vergangenen Jahre, die sie im Jahr 1938 dem Finanzamt vorlegten, hatten sowohl Rosa als auch Emil Heymann letztmalig im Jahr 1935 entsprechende Beträge angegeben. Während Rosa das Feld für das folgende Jahr freiließ, trug Emil hier statt einer Zahl das Wort „Privatier“ ein. Zwar reichte er im folgenden Jahr das gleiche Formular noch einmal mit anderen Zahlen für die früheren Jahre und diesmal auch mit Beträgen für die Jahre 1936 und 1937 ein. Bei den jeweils etwa 1.000 RM handelte es sich vermutlich aber um Mieteinnahmen aus der Immobilie Kaiser-Friedrich-Ring und um Einkünfte, die aus alten Außenständen, vielleicht auch aus dem Verkauf von Maschinen resultierten.[53] Möglicherweise sind darin auch die Pachteinnahmen verbucht, die die Geschwister für das Geschäftshaus in Dotzheim erhielten, denn die Metzgerei war offensichtlich nicht gänzlich arisiert, sondern nur verpachtet worden.[54] Wer der Pächter war, ist nicht bekannt, aber man wird mit Sicherheit davon ausgehen können, dass es sich um einen nichtjüdischen Metzger handelte.

Auch wenn die berufliche Laufbahn der Geschwister zwangsweise beendet worden war, so waren sie im Unterschied zu vielen anderen ihrer Glaubensbrüder dadurch nicht gänzlich mittellos geworden. Neben den Einkünften aus der Vermietung und Verpachtung besaßen sie ein gemeinsames Wertpapierdepot, das 1935 mit etwa 9.000 RM bewertet wurde und auch zumindest noch kleine Zinserträge abwarf. Dass es sich dabei fast ausschließlich um Papiere der IG-Farben handelte, hat geradezu tragische Züge, wenn man bedenkt, dass das Gift Zyklon-B von diesem Konzern produziert wurde.[55]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Geldverwaltungskarte von Emil Heymann aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1177/133381552/001.jpg

Mit der zumindest relativen finanziellen Sicherheit war es aber endgültig vorbei, als die Nazis nach der Reichspogromnacht die nächste Phase der Verfolgung eröffneten. Auch Emil Heymann gehörte zunächst zu denjenigen, die man unmittelbar nach dem 10. November verhaftet und nach Buchenwald verfrachtet hatte. Der Gefangene mit der Häftlingsnummer 24918 musste vermutlich bis Mitte Dezember dort bleiben. Seine Schwester ließ ihm in diesem Zeitraum drei Mal jeweils 20 RM zukommen, die er aber offenbar nicht ausgegeben hatte. Der letzte Eingang fiel auf den 9. Dezember. Am folgenden Tag, dem möglichen Entlassungstag, wurde dann eine Art Endabrechnung auf der Geldkarte gemacht. Allerdings existiert auch ein Schreiben von Rosa Heymann an den Regierungspräsidenten vom 12. Dezember 1938, in dem sie Angaben über das Vermögen ihres „z. Zt. inhaftierten Bruders Emil“ machte.[56] Möglicherweise hatte man ihn aber zu diesem Zeitpunkt bereits entlassen und er befand sich auf dem Weg nach Hause.

Wie viele andere war auch er vermutlich nur unter der Bedingung frei gekommen, dass er Deutschland sobald als möglich verlassen würde. Seine Schwester hatte schon in den vorausgegangen Wochen die erforderlichen Schritte für seine Auswanderung in die Wege geleitet. So bat sie am 27. November das Finanzamt Wiesbaden um die Ausstellung einer steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung für Emil, „zum Zwecke der Ausstellung eines Reisepasses und der Auswanderung.“ Weiterhin verpflichtete sie sich „die Abwicklung der Steuerangelegenheiten und die Entrichtung der gesamten Forderungen des Finanzamts“ für ihren Bruder zu übernehmen. „Ebenso“, ergänzte sie, „soll das Vermögen meines Bruders bis zur Regelung der gesetzlichen Anforderungen unter meiner Verwaltung in Deutschland verbleiben“.[57] Sie selbst hatte demnach damals nicht die Absicht, Deutschland zu verlassen.

Woran die Emigration von Emil Heymann scheiterte, ist nicht bekannt. Offensichtlich hatte er solche Pläne nach seiner Freilassung auch nicht mehr ernsthaft verfolgt, denn eine entsprechende Akte, in der Listen des Umzugsguts, das mögliche Ziel und ein Termin der Auswanderung festgehalten wurden, ist bei der Devisenstelle nicht angelegt worden. Entscheidend war sicher, dass er seine Schwester, mit der er sein ganzes bisheriges Leben gemeinsam verbracht hatte, nicht alleine zurücklassen wollte, zumal diese im Sommer 1938 auch ernsthaft erkrankte, wie aus einem Schreiben von Emil Heymann an die Devisenstelle vom 15. September 1938 hervorgeht. Darin bat er um die Freigabe von 700 RM zur Begleichung von Arztrechnungen, die auf Grund einer Operation seiner Schwester im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt angefallen waren.[58]

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Zollfahndungsstelle Mainz beantragt eine Sicherungsanordnung gegen Emil Heymann
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HHStAW 519/3 662 (5, 6)

Dass Emil Heymann überhaupt die Devisenstelle um Erlaubnis fragen musste, hatte seinen Grund darin, dass die Zollfahndungsstelle Mainz bereits Ende Juli 1938 bei der Frankfurter Behörde eine Sicherungsanordnung beantragt hatte, um die Finanzen der Geschwister Heymann kontrollieren zu können. In der Weimarer Republik ursprünglich dazu gedacht, den uneingeschränkten Kapitalexport zu verhindern, dienten diese Anordnungen unter den Nazis generell dazu, die Verfügung der jüdischen Eigentümer über ihre Finanzen zu reglementieren. In Bezug auf Rosa und Emil Heymann wurde die Maßnahme damit begründet, dass beide ledig seien, keine Kinder hätten und eine Nichte der beiden bereits in Holland leben würde.[59] Daher bestehe der Verdacht, dass Emil Heymann plötzlich unangemeldet auswandern und Vermögenswerte entgegen den Devisenbestimmungen ins Ausland verbringen würde.[60] Die Anordnung, die wohl versehentlich sich zunächst ausschließlich gegen Emil Heymann gerichtet war, wurde von der Devisenstelle erst im November offiziell erlassen, dann im Dezember auch auf die Schwester Rosa ausgedehnt.[61] Aber schon der Antrag vom Juli hatte offensichtlich bewirkt, dass Emil Heymann im September 1938 nicht mehr frei über seine Konten verfügen konnte. Wenn man ihm damals einen Freibetrag von 500 RM einräumte, seiner Schwester, der im Prinzip die Hälfte des Vermögens gehörte, dagegen nur 200 RM, dann wird an diesem kleinen Vorgang offenbar, welches chauvinistische Denken in den damaligen NS-Behörden gang und gäbe war.[62]

Die Zollfahndungsstelle hatte in ihrem Antrag die gemeinsamen Vermögenswerte der Geschwister Heymann nach Stand 27. April 1938 aufgeführt.[63] Insgesamt kam sie auf eine Summe von 84.755 RM, wobei die beiden Häuser zusammen mit 55.000 RM angesetzt waren. Weitere größere Beträge stellten das Wertpapierdepot von etwa 15.00 RM und Spareinlagen sowie Hypothekenforderungen von insgesamt etwa 10.000 RM dar.[64]

Diese nicht unerheblichen Werte spielten sicher für Emil Heymann auch eine Rolle bei der Entscheidung, nach seiner Freilassung aus Buchenwald in Deutschland zu bleiben, denn der NS-Staat hätte ihn nicht ziehen lassen, ohne ihm erhebliche Eigentumsteile zu überlassen. Für einen Neuanfang in einem fremden Land waren beide zu alt, hier besaßen sie immerhin die beiden Häuser, die ihnen zunächst noch eine gewisse Sicherheit zu bieten schienen.

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Rosa und Emil Heymann zahlen die 4. Rate der Judenvermögensabgabe mit Wertpapieren
HHStAW 519/3 662 (14)

Etwa zeitgleich mit dem endgültigen Erlass der Sicherungsanordnung fand mit der Einforderung der sogenannten Sühneleistung für die in der Reichspogromnacht entstandenen Schäden auch der unmittelbare Zugriff des Staates auf ihr Vermögen statt.

Laut einer erneuten Vermögenserklärung, die insofern von den im Sommer angegebenen Werten abweichen, als die Einheitswerte der Immobilien nach unten korrigiert worden waren, besaß Rosa Heymann Ende 1938 ein Vermögen von 35.000 RM, von dem sie zunächst 7.000 RM in vier vierteljährigen Raten von je 1.750 RM abgeben musste.[65] Der gleiche Betrag war auch für ihren Bruder festgelegt worden,[66] sodass sie zunächst insgesamt mit 14.000 RM zu dieser Sondersteuer herangezogen wurden.

Die „Helfer“ beim Raub jüdischer Vermögen
HHStAW 519/3 366 (4)

Um dieses Geld aufbringen und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, waren sie in den folgenden Monaten mehrfach gezwungen, Ackergrundstücke zu verkaufen und der Reichsbank Teile ihrer Wertpapiere anzubieten. Bei den Ackergrundstücken scheint es sich zum Teil um inzwischen wertvoller gewordenes Bauerwartungsland gehandelt zu haben, denn aus dem Genehmigungsbescheid für den Kauf geht hervor, dass das Gelände von rund 14 a an drei Käufer aus Dotzheim ging, deren jeweiliger Anteil noch zu vermessen war. Außerdem war bestimmt worden, dass die Erwerber eine sogenannte Ausgleichszahlung an die Regierungshauptkasse zu leisten hatten. Normalerweise sollten sich Immobilien- und Grundstückspreise aus jüdischem Besitz am Verkehrswert orientieren, keinesfalls aber unter dem Einheitswert liegen. Allerdings hatte man bei Bauland eine Ausnahmeregelung festgeschrieben, um arischen Familien den Erwerb von Hauseigentum zu erleichtern. Dann hatte der Käufer aber die sogenannte Ausgleichsleistung zu erbringen, die etwa 70 Prozent der Differenz zwischen „gemäßigtem Verkehrswert“ und tatsächlich gezahltem Preis ausmachen sollte.[67] Damit also der Kauf für Interessenten unter dieser Voraussetzung tatsächlich interessant war, musste der Preis der Grundstücke erheblich unter ihrem eigentlichen Wert liegen. „Volksgenossen“ und völkischer Staat teilten somit den verhandelten „Entjudungsgewinn“ untereinander auf.[68] Die jüdischen Verkäufer hatten in der gegebenen Drucksituation kaum eine Möglichkeit, ihre Interessen wahrzunehmen. Zwar waren in den hier vorliegenden Fällen diese Ausgleichsabgaben meist relativ gering, aber bei einem etwas größeren Grundstück, für das die Dotzheimer Käufer 671 RM zahlen sollten, hatten sie 280 RM an das Finanzamt abzutreten, sodass Heymanns nur noch 391 RM davon erhielten und selbst dieser Betrag musste selbstverständlich auf das gesicherte Konto eingezahlt werden, stand ihnen somit nicht wirklich zur Verfügung.[69]

Als die Finanzbehörden ein Jahr nach dem Pogrom eine fünfte Rate der Sühneleistung forderten, versuchten Rosa und Emil Heymann mit Verweis auf ihr geschwundenes Vermögen vergeblich, dies abzuwenden. Zusammen hatten sie noch einmal 3.500 RM aufzu bringen.[70]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Vermögenserklärung von Rosa Heymann aus dem Jahr 1940
HHStAW 519/3 366 (9)

1940 mussten die Geschwister der Devisenstelle erneut eine Vermögenserklärung übermitteln. Rosa Heymann war schon im März dazu aufgefordert worden. Sie bezifferte damals ihr Vermögen auf etwas mehr als 21.000 RM, ihre monatlichen Ausgaben auf 270 RM. Ihr Bruder, der die Aufforderung erst im Juli erhielt, waren nach seiner Berechnung noch knapp 20.000 RM geblieben.[71] Ihr jährliches Einkommen für 1940 und 1941 veranschlagten sie damals auf jeweils etwa 1.300 bis 1.200 RM. Da Emil Heymann seine monatlichen Ausgaben mit 425 RM bezifferte, benötigten sie zusammen monatlich etwa 700 RM, was deutlich über ihrem Jahreseinkommen lag und sie immer wieder dazu zwang, wie auch bereits in der Vergangenheit geschehen, weitere Vermögenswerte zu veräußern. 1941 erwarb auch die Gemeinde Dotzheim ein Grundstück für Straßenbauzwecke von Heymanns. Die Devisenstelle passte im Sommer 1940 die Freibeträge dem jeweils angegebenen Bedarf an.[72] Letztmalig wurde dieser Betrag für Rosa Heymann am 7. Februar 1942 neu festgelegt. In den letzten Monaten ihres Lebens sollte sie mit 175 RM im Monat zurecht kommen, beschied man ihr in der Mitteilung.[73]

 

Seit Januar 1940 war das Haus Kaiser-Friedrich-Ring 64 in die offizielle Liste der Wiesbadener Judenhäuser aufgenommen worden, aber andere jüdische Bewohner als die Eigentümer selbst, waren bisher nicht eingezogen und auch nicht eingewiesen worden. Das änderte sich erst Ende des Jahres als auch Emils Bruder Moritz mit seiner Frau Elisa und Margarethe, einer seiner drei Töchter, dort unterkamen. Zu diesem Zeitpunkt waren das Erdgeschoss, die erste, die dritte und vierte Etage des Hauses an nichtjüdische Parteien vermietet, die auch nach den Deportationen im Jahr 1942 dort noch wohnten. Es war also in der gesamten Zeit nur die zweite Etage, in der auch Emil Heymann und seine Schwester bisher gewohnt hatten, für das Judenhaus-Konzept herangezogen worden. Das bedeutete aber auch, dass mit dem Einzug der Verwandten die räumlichen Verhältnisse wesentlich beengter wurden.

 

Die Familie von Moritz Heymann

Moritz Heymann, geboren am 18. Mai 1862, war das zweitälteste Kind von Jakob und Gütchen Heymann und derjenige, der das eigentliche Geschäft des Vaters, den Viehhandel, übernommen hatte. Nach Abschluss der damals 8jährigen Volksschulzeit war er als etwa 14jähriger in den väterlichen Betrieb eingetreten, den er 1880 im Alter von 18 Jahren dann übernahm.[74] Am 23. Juni 1892 heiratete er in Königstein im Taunus Elisa Cahn. Die Tochter des Handelsmanns Seligmann Löb Cahn und seiner Frau Röschen war am 15. Juni 1862 in der Taunusstadt geboren worden.[75] Am 13. April 1895 kam noch in Dotzheim, wo das Paar vom Elternhaus aus zunächst weiterhin den Viehhandel betrieb, die erste Tochter zur Welt, die den Namen Betti erhielt.[76] Auch Moritz Heymann besaß in der Gemarkung eine größere Zahl landwirtschaftlicher Flächen, auf denen die Tiere weiden und untergestellt werden konnten.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das Haus in der Moritzstr. 15 heute
Eigene Aufnahme

Bereits 1898 erwarb das Ehepaar dann in der Stadt Wiesbaden ein großes Wohngrundstück mit Stallungen für 30 Kühe sowie anderen Nebengebäuden wie einen kleinen Stall für Kälber, eine Milchküche, Futterspeicher und eine kleine Wohnung für einen Angestellten in der damals offenbar noch wenig urban geprägten Moritzstraße. In diesem Haus mit der Nummer 15 bewohnte die Familie nach Aussage ihrer Tochter Betti im ersten Stockwerk eine „gutbürgerlich eingerichtete 6-Zimmerwohnung“.[77] Dort wurden dann am 16. Juli 1902 auch die beiden weiteren Töchter geboren, die Zwillinge Rosi Ruth und Margarethe.[78]

Zumindest nach Angaben des Wiesbadener Adressbuchs handelte Moritz Heymann nicht nur mit Vieh, sondern vertrieb auch Futtermittel und Getreide. Den Steuerakten ist zu entnehmen, dass damals auch Frischmilch an Endverbraucher verkauft wurde. Über die Geschäftsentwicklung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg liegen keine Daten vor, aber in den Nachkriegsjahren geriet auch sein Handelsbetrieb in den Strudel der Inflation. In seiner Vermögensteuererklärung aus dem Jahr 1922, die damals unter der Bezeichnung „Wehrbeitragsakten“ geführt wurde, kam er auf ein inflationär aufgeblähtes Vermögen von mehr als einer Millionen RM. Neben dem Hausgrundstück in Wiesbaden, das alleine mit mehr als 600.000 RM bewertet wurde, gehörten zum Landbesitz noch drei Grundstücke in Dotzheim und eines in Königstein, das sicher aus dem Erbe seiner Frau stammte.[79]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Brief von Moritz Heymann an das Finanzamt aus dem Januar 1925
HHStAW 685 284a (35)

Hinter diesen Zahlen blieb aber die real schwierige Lage in den ersten Jahren der Republik nicht verborgen. Schon im Dezember 1924 schrieb Moritz Heymann an das Finanzamt, dass es ihm „im Augenblick nicht möglich (sei), die angeforderte Vermögenssteuer zu begleichen“, weshalb er „höflichst“ um Stundung des fälligen Betrags um ein Vierteljahr bat. Die gleiche Bitte erging „wegen nur geringer Einnahmen“ für die Einkommensteuervorauszahlung.[80] Im Januar 1925 erläuterte er bei der Abgabe seiner Bilanz – vermutlich für das Jahr 1923 – die Misere seines Unternehmens, dabei mit 16stelligen Zahlen operierend:
“Durch den passiven Widerstand [gemeint ist der sogenannte „Ruhrkampf“ – K.F.] und die fürchterliche Geldentwertung habe ich im Jahre 1923 mein gesamtes Betriebsvermögen verloren. Mein Geschäft hat vom Beginn des passiven Widerstands an vollkommen brach gelegen. Nennenswerte Warenbestände hatte ich nicht, sondern fast nur Außenstände, die sich vollkommen entwerteten, sodaß mir am Ende des Jahres 1923 nur ein verschwindender Bruchteil meines ehemaligen Vermögens verblieben war.
Um, bei der eingetretenen Stabilisierung mein Geschäft überhaupt weiterführen zu können, war ich gezwungen im Januar 1924 bei der Nass. Landesbank gegen hohe Zinsen ein Darlehen von M 2500 aufzunehmen
.“[81]

Die Probleme, die Moritz Heymann hatte, waren ganz sicher Probleme, mit denen sich nahezu alle Geschäftsleute, jüdische wie nichtjüdische, in dieser Zeit auseinandersetzen mussten. Und wie man den weiteren Steuerakten entnehmen kann, ging es in den folgenden Jahren bis zur nächsten großen globalen Krise mit seinem Betrieb auch wieder bergauf. 1930 wurden Umsätze von mehr als 135.000 RM getätigt, die sich dann allerdings in den folgenden Jahren der Weltwirtschaftskrise mehr als halbierten.[82] Über das Einkommen der Familie in den späten Jahren der Weimarer Zeit liegen keine Angaben vor. Erst für das Jahr 1935, also bereits unter Nazi-Herrschaft, gibt es entsprechende Daten. Laut seiner Einkommensteuererklärung betrug es damals rund 6.300 RM, konnte im Jahr 1937 sogar auf 7.400 RM gesteigert werden,[83] obwohl die jüdischen Viehhändler inzwischen schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt waren.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Der Viehwirtschaftsverband geht gegen ihre jüdischen Mitglieder vor
HHStAW 685 284d (97)

Am 28. Oktober 1937 hatte der ‚Viehwirtschaftsverband Hessen-Nassau’ in der Absicht, Moritz Heymann die Zulassung  als Viehhändler zu entziehen, beim Wiesbadener Finanzamt angefragt, ob „dort Tatsachen bekannt sind, aus denen sich ein Schluß auf die Unzuverlässigkeit dieses Viehhändlers ziehen lässt.“ Gemeint waren die wirtschaftliche Lage, die Ordnungsmäßigkeit der Buchführung und Steuerrückstände.[84] Seit 1935 versuchten lokale Bauernführer gemeinsam mit kommunalen Behörden sogar gegen den erklärten Willen überregionaler Parteistellen, jüdische Händler, besonders die Viehhändler, aus dem Wirtschaftleben zu drängen, letztere durch die dem Verband angegliederten Viehverwertungsgenossenschaften zu ersetzen, was zunächst kaum erfolgreich war.[85] Die Maßnahmen des Verbandes, auf der auch die Anfrage an das Finanzamt bezüglich Moritz Heymann gründete, beruhte auf einer am 25. Januar 1937 erlassenen Verordnung, laut der die Zulassung eines Viehhändlers bis zum 31. Dezember 1937 widerrufen werden konnte, „wenn ein Betriebsinhaber oder ein Betriebsleiter beim Inkrafttreten dieser Verordnung nicht die erforderliche persönliche und sachliche Eignung hat.“[86]
Gerade im Jahr zuvor war allerdings eine Betriebsprüfung bei Moritz Heymann für die Jahre 1933 und 1934 zu dem Ergebnis gekommen, dass es weder an der Führung der Vieheinkaufs- oder der –verkaufsbücher, noch an der des Kassenbuchs irgendwelche Beanstandungen gäbe,[87] sodass auch das Finanzamt auf die Anfrage des Verbandes nur entgegnen konnte, es sei nichts bekannt, was auf die „steuerliche Unzuverlässigkeit“ und eine mangelhafte Buchführung schließen lasse. Auch die wirtschaftliche Lage des Betriebs gebe zu keinerlei Bedenken Anlass.[88] Diese Rückmeldung ist insofern außergewöhnlich, als bei ähnlichen Anfragen von Behörden bei der Finanzverwaltung allein die Tatsache, dass es sich um einen jüdischen Steuerpflichtigen handelte, oft ausreichte, um diesem aufgrund der angeblichen „Rassezugehörigkeit“ die steuerliche Unzuverlässigkeit zu unterstellen. Wenn Moritz Heymann damals nicht so sehr von den allgemeinen Boykottaktionen betroffen war, so lag das möglicherweise daran, dass er nicht allein vom regionalen Handel abhängig war. In einem Schreiben an das Finanzamt aus dem Dezember 1936 gab er Auskunft über seine geschäftlichen Beziehungen: „Mein Geschäftsbetrieb bringt es mit sich, dass nur und ausschließlich Lieferungen im Großhandel erfolgen. Mein Gewerbe besteht darin, Zuchtvieh aus den Hauptzuchtgebieten wie Ostpreussen und Hannover einzukaufen und es für landwirtschaftliche Betriebe weiterzuverkaufen.“[89]

Dennoch war der politisch bedingte Einbruch der Geschäfte ab Mitte der 30er Jahre nicht mehr aufzuhalten. Hatten die Umsätze 1936 noch nahezu 60.000 RM erreicht, so waren es 1937 nur noch 23.000 RM, im folgenden Jahr sogar nur noch rund 7.000 RM.[90] Und es war nicht nur der Rückgang des Geschäftsumfangs, der besorgniserregend war, immer mehr Handelspartner glaubten offensichtlich, dass man die Warenlieferung eines Juden in dieser Zeit nicht mehr zu bezahlen bräuchte. Noch 1940 meldete Moritz Heymann dem Finanzamt Außenstände in der Höhe von mehr als 7.000 RM, viele Forderungen hatte er inzwischen abschreiben müssen.[91]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Der Viehhandel von Moritz Heymann wurde zum 31. 12. 1937 eingestellt
HHStAW 685 284c (137)

Zu diesem Zeitpunkt war der Betrieb längst erloschen, denn Moritz Heymann hatte ihn bereits zum 31. Dezember 1937 abgemeldet. Ob die Aufgabe durch die wirtschaftliche Entwicklung begründet war oder doch durch den Verband herbeigeführt worden war, ist der Meldung des kommunalen Steueramts nicht zu entnehmen.[92] Aber allein das Datum der Schließung legt die Vermutung nahe, dass der Viehhandelsverband Moritz Heymann die Zulassung entzogen hatte.

Was auch immer der Grund war, eine wirtschaftliche Perspektive gab es ohnehin nicht mehr. Heymanns lebten in der folgenden Zeit von den wenigen Außenständen, die noch einliefen, von den Mieteinnahmen ihres Hauses, von der Verzinsung ihrer Wertpapiere und vom sukzessiven Verkauf ihres Grundvermögens. Das zu versteuernde Einkommen, das 1937 noch bei 7.400 RM gelegen hatte, betrug im folgenden Jahr nur noch knapp 5.500 und 1939 gerade noch 1.000 RM.[93]

Zu diesem Zeitpunkt war auch Moritz Heymann das Verfügungsrecht über seine Finanzen vom NS-Staat ohnehin bereits entzogen worden. Schon im August 1938 hatte die Zollfahndungsstelle Mainz bei der Devisenstelle in Frankfurt eine Sicherungsanordnung beantragt. Man müsse davon ausgehen, dass er sein Vermögen, das auf insgesamt mehr als 100.000 RM beziffert wurde, darunter der Immobilienbesitz in Höhe von allein 80.000 RM, illegal ins Ausland transferieren wolle, zumal mehrere Verwandte bereits außerhalb Deutschland leben würden. Noch galt die Anordnung nur für die Wertpapiere in Höhe von etwa 10.000 RM. Über deren Erträge solle er bis auf weiteres noch frei verfügen können.[94] Mitte Oktober erließ dann die Devisenstelle die entsprechende Anordnung. Falls Heymanns sich von Teilen ihres Immobilienbesitzes trennen würden, waren die Einnahmen auf ein Sicherungskonto einzuzahlen.[95] Diese Situation ergab sich bald, nachdem im Gefolge der Reichspogromnacht auch Moritz Heymann zur Zahlung der „Sühneleistung“ verpflichtet wurde. Er und seine Frau sollten insgesamt zunächst 7.600 RM in vier Raten bezahlen.[96] Vermutlich war das der Grund, weshalb sie sich zum Verkauf ihrer Immobilien entschlossen. Anders wäre ihr gesamtes liquides Vermögen diesem Raubzug zum Opfer gefallen. In diesen Monaten hatten zudem die Eltern für die geplante Auswanderung ihrer Tochter Margarethe 2.000 RM zusätzlich aufbringen müssen.[97]

Schon im März 1939 hatten sie sich von einem Grundstück in Dotzheim getrennt und dafür 1.170 RM erhalten.[98] Käufer war der Landwirt Wintermeyer, der auch einige Flächen von Emil und Rosa Heymann erworben hatte. Am 3. Juli 1939 war dann auch ein Kaufvertrag zwischen den Eheleuten Heymann und dem Wiesbadener Schreinermeister Fetz zustande gekommen, laut dem das Wohngrundstück in der Moritzstr. 15 für 70.000 RM verkauft werden solle, sofern die entsprechenden Genehmigungsbescheide erteilt würden.[99] Erst danach sollte auch die Besitzübergabe erfolgen. Nach Tilgung der alten, vermutlich bei Kauf des Hauses eingetragenen Hypothek von 25.000 RM und der übrigen angefallenen Kosten sollte der Restbetrag auf das gesicherte Konto der Heymanns eingezahlt werden.[100] Am 24. August war die Genehmigung des Regierungspräsidenten eingegangen. Erst jetzt wurde vom Maklerbüro darauf hingewiesen, dass eine weitere Eintragung auf dem Haus lastete, nämlich die Sicherung der Reichsfluchtsteuer in Höhe von weiteren 17.000 RM, sodass der an die Verkäufer zu überweisende Betrag sich letztlich auf nur noch 28.500 RM reduzierte.[101]

Damit hatten Heymanns nun auch ihr Heim verloren. Wieso es ihnen möglich war, noch bis zum Dezember 1940 in dem Haus wohnen zu bleiben, ist nicht bekannt. Vermutlich war aber ein Mietvertrag abgeschlossen worden, denn anders als in den Jahren zuvor, bewohnten sie nun eine Wohnung im zweiten Stock, wie sich aus einer Adressangabe in einem Brief ihrer Tochter Margarethe vom 5. Februar 1940 ergibt.[102]

 

Dass es in Deutschland für Juden bald keinen Platz zum Leben mehr geben würde, hatten die drei Töchter von Moritz und Elisa Heymann schon früh, spätestens mit der „Machtübernahme“ Hitlers 1933 begriffen. Ganz anders als die Generation der Mütter, in deren Heiratsurkunden meist „ohne Beruf“ oder „ohne eigenes Gewerbe“ zu lesen ist, waren sie geprägt von den Umwälzungen der Moderne, gehörten zu der neuen Generation emanzipierter Frauen, die einen Beruf erlernten, sich in der Welt umsahen und sich sozial engagierten.

Betti, die Älteste, hatte eine Ausbildung als Bibliothekarin absolviert und war seit dem 1. April 1925 in der Stadt Frankfurt als Bibliothekssekretärin angestellt. Am 9. Februar 1931 hatte sie die Stadt als Beamtin auf Lebenszeit übernommen. Wahrscheinlich war das der Anlass dafür, dass sie sich statt eines Zimmers zur Untermiete nun eine eigene Wohnung in Frankfurt leisten konnte, denn 1931 ist sie erstmals im dortigen Adressbuch mit der Adresse Wittelsbacher Alleee 152 II eingetragen. Aber schon zweieinhalb Jahre später wurde sie auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums durch den NS-Staat wieder entlassen, womit sie auch ihren Beamtenstatus verlor.[103]

Es ist nicht bekannt, wann und wo sie ihren am 12. November 1888 in Frankfurt geborenen jüdischen Ehemann Ernst Friedrich Frank heiratete,[104] mit dem sie noch 1933 gemeinsam Deutschland verließ.[105] Ernst Friedrich Frank muss ein vielseitig begabter Mann gewesen sein, der vor seiner Ehe schon weit in der Welt herumgekommen war.[106] Laut seinen biographischen Angaben, die er anlässlich des späteren Entschädigungsverfahrens einreichte, hatte er 1907 in seiner Heimatstadt zunächst das Abitur abgelegt. Anschließend, unterbrochen von einem einjährigen Militärsdienst, studierte er in München und Darmstadt Bauingenieurwesen. Da er schon 1914 beabsichtigte, nach Palästina auszuwandern, liegt die Vermutung nahe, dass er damals der zionistischen Bewegung nahe stand. Der Plan wurde jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dem er über die gesamte Zeit in der deutsch-türkischen Armee diente, zunächst vereitelt. Auf Grund seiner beruflichen Qualifikation setzte man ihn damals bei Befestigungs- und Straßenbauarbeiten am Bosporus und den Dardanellen ein. Zuletzt fungierte er in Palästina als Dolmetscher für die türkische Sprache. Darüber, weshalb er nach dem Ende des Krieges nicht in Palästina blieb, gab er keine Auskunft.
Stattdessen kam er zurück nach Deutschland und arbeitete mit Prokura ausgestattet bei der ‚Bahnbedarf AG’, Darmstadt, wo er mit Projekten beim Ausbau von Gleisanlagen für die Industrie beauftragt war. Von 1927 bis 1929 stand er in Diensten der afghanischen Regierung, wo er zunächst wesentlich am Bau einer zentralen Autostraße von Peshawar nach Kabul, dann mit dem Bau einer Eisenbahnlinie von Russisch-Turkestan nach Britisch-Indien befasst war. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftkrise kam er wieder zurück nach Deutschland. Nach einer eher kurzen Anstellung bei den ‚Motorenwerken Mannheim’, wurde er trotz aller Kenntnisse und Erfahrungen arbeitslos. Auch die Zusatzqualifikation, die er 1932 als geprüfter Dolmetscher für die französische Sprache erwarb, nutze ihm nichts mehr. Alle Versuche eine neue Anstellung zu finden, scheiterten zunächst an der wirtschaftlichen Situation und ab 1933 an der veränderten politischen Lage. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, wenn Betti und Ernst Friedrich Frank sich schon 1933 entschlossen, nach Palästina auszuwandern und ihre jüngste Heimstatt in Frankfurt nach nur wenigen Monaten wieder zu verlassen. Laut Frankfurter Adressbuch hatten sie in diesem letzten Jahr in Deutschland in der Karl Albert Str. 43, vermutlich nach ihrer Eheschließung, ein Haus in der von dem bekannten Stadtplaner und Bauhausarchitekten Ernst May in den zwanziger Jahren errichteten modernen Wohnanlage am Bornheimer Hang angemietet.[107]

Von Frankfurt aus fuhren sie zunächst mit dem Zug nach Marseilles, wo sie dann auf dem Dampfer ‚Champollion’ Europa verließen und sich nach Palästina ausschifften. Ihr Ziel Haifa erreichten sie am 15. September 1933. Aber der Neubeginn in Eretz Israel verlief nicht problemlos. Zunächst dauerte es fast ein halbes Jahr, bis sie eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in Tel Aviv fanden. Als sie dann ihr in Haifa eingelagertes Umzugsgut holen wollten, mussten sie feststellen, dass ein Großteil des Hausrats und der Bücher zerstört war. Zwar konnte Ernst Friedrich Frank von 1933 bis 1937 beim Ausbau des Hafens von Jaffa als Vermesser eine Anstellung finden, aber nach Abschluss der Arbeiten gab es für ihn keine neue Tätigkeit in diesem Bereich.[108] Der Versuch, einen kleinen Exporthandel mit Schmuck aufzubauen, scheiterte. Das Ehepaar, dem am 31. Januar 1936 eine Tochter geboren worden war, zog aufs Land, aber auch die kleine Reparaturwerkstatt, die man dort betrieb, brachte nur wenig ein.[109] Betti Frank war in der Zeit gezwungen, als Haushaltshilfe zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Wie schwierig die finanzielle Situation für die Familie war, zeigt sich daran, dass sie damals sogar auf Pakete von Verwandten in den USA mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken angewiesen waren.[110]
Im Januar 1955 erlitt Ernst Friedrich Frank einen schweren Herzinfarkt, sodass er gänzlich arbeitsunfähig wurde.[111] Fünf Jahre später, am 5. April 1960, verstarb er in Tel Aviv.[112] Über das weitere Schicksal von Betti Frank und ihrer Tochter ist nichts Sicheres bekannt. In der Zeit, als in Deutschland ihr Entschädigungsverfahren lief, lebte sie im israelischen Ramatayim nordöstlich von Tel Aviv.[113]

 

Auch Bettis sieben Jahre jüngere Schwester Rosi Ruth war rechtzeitig die Emigration nach Palästina gelungen, wo die Unverheiratete in den 50er Jahren bei ihrer Schwester in Ramatayim wohnte.[114] Im Zusammenhang mit dem Entschädigungsverfahren gab sie damals in einem schriftlichen Lebenslauf detailliert Auskunft über ihren bisherigen Lebensweg.[115]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Zeugnis der Gartenbauschule Berlin Dahlem für Ruth Heymann
HHStAW 518 15736 (11)

Nachdem sie 1921 an der am Schlossplatz gelegenen Städtischen Studienanstalt für Mädchen, dem Lyzeum, ihr Abitur abgelegt hatte, half sie zunächst im elterlichen Betrieb, bis sie dann von 1923 bis 1925 in der Wiesbadener Gärtnerei Engelmann eine Gärtnerlehre absolvierte. Für ein Jahr war sie in Frankfurt an der Johann Wolfgang Goethe Universität eingeschrieben, hatte aber das Studium abgebrochen.[116] Um sich praktisch weiterzubilden, arbeitete sie in den folgenden Jahren in verschiedenen Städten Deutschlands, so auch in der Geisenheimer Lehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau. An der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem erwarb sie nach einer weiteren zweijährigen Ausbildung 1929 den Abschluss als „Staatlich geprüfte Gartenbautechnikerin“. Dreimal war sie zwischen April 1930 und November 1933 jeweils über mehrere Monate für das Baltische Rote Kreuz im damals bekannten Osteseebad Mistroy tätig. Wenn auch nicht ganz klar ist, mit welchen Aufgaben sie dort konkret betraut war, so geht aus dem Zeugnis, das ihr nach ihrer letzten Anstellung Ende 1933 ausgestellt wurde, hervor, dass sie auch hier mit Gartenarbeiten befasst war, aber auch Leitungsfunktionen über das ihr unterstellte Personal hatte.[117]
Dazwischen absolvierte sie in verschiedenen Betrieben Praktika, u. a. im Frankfurter Palmengarten, um sich auf eine Prüfung als Gartenbauinspektorin vorzubereiten. Neben der Überwachung von Aufzuchten in Versuchskulturen, war sie dort auch mit der Führung von Gästegruppen betraut. Aber im Herbst 1931 wurde ihre Stelle wegen der krisenbedingten Einsparungen im öffentlichen Dienst abgebaut. Anschließend fand sie noch einmal für ein halbes Jahr eine Anstellung in einem Gartenbaubetrieb in Bremen. Die angestrebte Inspektorenprüfung konnte sie nicht mehr ablegen, da inzwischen die Nazis an die Macht gekommen waren und Juden schon die Meldung zu einer solchen Prüfung versagt blieb.
Nach ihrem letzten Aufenthalt in Mistroy kehrte sie nach Wiesbaden in ihr Elternhaus zurück. Vermutlich war es ihre Schwester Betti, die sie dazu motivierte, im Mai 1935 nach Palästina zu kommen, wo ihre beruflichen Qualifikationen beim Aufbau des Landes dringen gebraucht wurden. Dennoch war auch sie in der neuen Heimat zunächst mit vielen Schwierigkeiten und Entbehrungen konfrontiert.

Ihre erste Zeit verbrachte sie in der nur wenige Jahre zuvor aufgebauten Ortschaft Ayanot, südlich von Tel Aviv. Der Ort bestand im Wesentlichen aus einer landwirtschaftlichen Bildungsstätte für junge Flüchtlinge, wo Ruth vermutlich einen Lehrauftrag hatte. Danach lebte sie in dem Kibbuz Givat Brenner, dem wohl heute größten Kibbuz in Israel, das ebenfalls erst Ende der zwanziger Jahre gegründet worden war und mit seinem großen Anteil an Jugendlichen eine stark sozialistische Prägung hatte. Mit seinen Obstplantagen, einer Konservenfabrik und einer Fabrik für Bewässerungstechnik war Ruth mit Sicherheit ein willkommenes Mitglied der dortigen Lebensgemeinschaft. Ob sie hier primär als landwirtschaftliche Arbeiterin oder als Lehrerin tätig war, ist nicht bekannt. Weder dort, noch in der vorherigen Anstellung erhielt sie ein eigenes Gehalt, sie wurde vielmehr für ihre Mitarbeit entsprechend den Lebensvorstellungen der Kibbuzim mit kostenlosem Essen und freier Unterkunft versorgt. In gleicher Weise wurde auch ihre Lehrtätigkeit an der landwirtschaftlichen Schule von Nahalal vergütet, an der sie von 1948 bis 1951 unterrichtete. Wie schlecht es ihr damals finanziell ging, zeigt sich auch daran, dass die Ende der 30er Jahre in Wiesbaden ebenfalls arbeitslose Schwester Grete ihr von ihrem kleinen Sparkonto 1937 monatlich 10 RM schicken wollte.[118] Erst in den 50er Jahren erhielt Rosi Ruth Heymann eine feste Anstellung als Instruktorin im israelischen Landwirtschaftsministerium.[119] 1961 bei Abschluss des Entschädigungsverfahrens lebte sie noch in Ramatayim. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

Ayanot 1934
https://en.wikipedia.org/wiki/Ayanot#/media/File:%D7%9E%D7%A9%D7%A7_%D7%94%D7%A4%D7%95%D7%A2%D7%9C%D7%95%D7%AA_%D7%91%D7%A2%D7%99%D7%A0%D7%95%D7%AA_%D7%91%D7%97%D7%95%D7%A3_%D7%99%D7%94%D7%95%D7%93%D7%94-JNF003046.jpeg
Ramatayim
Kibbuz Givat Brenner
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e2/VIEW_OF_KIBBUTZ_GIVAT_BRENER._%D7%A7%D7%99%D7%91%D7%95%D7%A5_%D7%92%D7%91%D7%A2%D7%AA_%D7%91%D7%A8%D7%A0%D7%A8.D16-022.jpg/1280px-VIEW_OF_KIBBUTZ_GIVAT_BRENER._%D7%A7%D7%99%D7%91%D7%95%D7%A5_%D7%92%D7%91%D7%A2%D7%AA_%D7%91%D7%A8%D7%A0%D7%A8.D16-022.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch Rosi Ruths Zwillingsschwester Margarethe, genannt Grete, war ursprünglich Schülerin am Lyzeum, war aber dann in der achten Klasse auf das angegliederte Realgymnasium gewechselt, das sie 1920 mit dem Erhalt der Primarreife abschloss.[120] Ihre berufliche Zukunft sah sie im pädagogischen Bereich. Im September 1921 erwarb sie in der Frauenarbeitsschule in Mainz zunächst einen Abschluss als staatlich examinierte Kindergärtnerin. In verschiedenen danach folgenden Praktika in Mainz und Wiesbaden engagierte sie sich unter anderem in einer Montessori-Gruppe, was deutlich macht, wie sehr sie neuen erzieherischen Konzepten zugewandt war. Später arbeitete sie in Wiesbaden in der Jugendfürsorge. In der ersten Krise der Republik waren gerade die jüngeren kommunalen Angestellten von der Ausdünnung des Personals betroffen, sodass Grete sich im privaten Bereich nach einer Arbeitsstelle umsehen musste. Eine russische Familie mit zwei Kindern nahm sie als Betreuerin für etwa ein Jahr mit nach Italien, wo sie in Neapel nebenbei die Möglichkeit hatte, in einem von Maria Montessori noch selbst eingerichteten Kinderheim zu hospitieren.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Ausschnitt aus dem handschriftlichen Lebenslauf von Grete Heymann
HHStAW 518 73886 (43)

Zurück in Deutschland bestand sie 1925 erneut an der Frauenarbeitsschule in Mainz ein weiteres Examen als Jugendleiterin. Ausgestattet mit dieser Qualifikation erhielt sie eine Anstellung in der Frankfurter ‚Kinderschutz und Jugendhilfe’, einer Abteilung der ‚Zentrale für private Fürsorge’. Diese Organisation war zu Beginn des Jahrhunderts mit großem ehrenamtlichen Engagement verschiedener Frauen aus unterschiedlichsten politischen Richtungen, aber einig in der Notwendigkeit, etwas gegen das um sich greifende soziale Elend zu unternehmen, entstanden. Die Wiesbadener Sozialdemokratin Toni Senders gehörte genauso dazu, wie die der DVP angehörige Anna Landsberg, die die Namensgeberin für ein Heim wurde, in dessen Kindergarten Grete Heymann vertretungsweise für ein halbes Jahr mit der Leitung betraut wurde.

Die letzte in ihrem Lebenslauf erwähnte Anstellung hatte sie in einer anderen, nicht weniger bedeutsamen sozialen Einrichtung Frankfurts, in dem von der Jüdin Bertha von Pappenheim gegründeten Heim für Kinder und Jugendliche, das der Jüdische Frauenbund in Neu Isenburg unterhielt.[121]
Der Lebenslauf, dem die bisher vorgetragenen Informationen zu Grunde liegen, war vermutlich im Zusammenhang mit einer Bewerbung beim Kinderheim Hilda Cahn in Königstein i.T. verfasst worden. Dieses Heim war 1929 von der Namensgeberin, Tochter von Hermann und Helene Cahn, nach dem Tod ihres Vaters gegründet worden.[122] In dem Haus, das auch vielen Frankfurter Kindern als Erholungsheim in den Sommermonaten diente, befanden sich zeitweise etwa 25 Kinder, die von zwei Pflegerinnen betreut wurden, von Oktober 1929 bis zum April 1931 auch von Grete Heymann. Unter dem wachsen Druck der Nazis, im Besonderen des dortigen Kreisarztes, musste das Heim 1937 geschlossen werden. Zeitlich nicht mehr genau einzuordnen ist ihre Tätigkeit als Jugendleiterin im Kindertagesheim der Israelitischen Kultusgemeinde Wiesbadens in der Faulbrunnenstraße. Während eine ehemalige Kollegin im Entschädigungsverfahren meinte, sie sei dort in den frühen dreißiger Jahren tätig gewesen, erinnerte ihre Schwester Betti, dass dies erst in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre gewesen sei.[123] Grete Heymann selbst gab in einem Schreiben aus dem Jahr 1939 an, seit 1934 keine Anstellung mehr gehabt zu haben, was allerdings nicht ausschließt, dass sie dort unentgeltlich tätig war.[124]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
HHStAW 685e (12)
Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Auch Grete Heymann plante eine Ausreise nach Palästina

Auch Margarethe Heymann hatte spätesten seit 1937 die feste Absicht ihren beiden Schwestern nach Palästina zu folgen, wie einem Schreiben an das Finanzamt Wiesbaden vom 23. April zu entnehmen ist.
Im Monat zuvor hatte sie schon die Ausstellungen eines Passes mit dem Argument beantragt, dass sie ihre Schwestern in Palästina besuchen wolle. Es sei ihr erlaubt worden, ihre bedürftige Schwester Ruth, die dort als Gärtnerin arbeite, monatlich mit 10 RM von ihrem kleinen Sparkonto zu unterstützen. Möglicherweise sei dazu aber ein Besuch dort notwendig.[125] Vermutlich war aber eine solche Besuchsreise von den NS-Behörden als Versuch einer illegalen Ausreise gewertet und nicht genehmigt worden, weshalb Margarethe dann den Weg einer offiziellen Ausreise zu beschreiten versuchte.

Wie auch immer der Plan war, für eine offizielle Auswanderung verlangte die Auswanderer-Beratungsstelle die Aufstellung ihres eigenen Vermögens und das ihrer Eltern.[126] Weshalb die Emigration damals dennoch scheiterte, obwohl ihre Eltern bei der Reichsbank bereits einen Betrag von 2.000 RM eingezahlt hatten, [127] ist den Akten nicht zu entnehmen.

Möglicherweise hatte sie gerade in dieser Zeit ihren zukünftigen Ehemann kennen gelernt und mit ihm zusammen einen neuen, gemeinsamen Zukunftsplan entworfen. Am 21. Februar 1939 heiratete sie in Wiesbaden den Darmstädter Kaufmann Theodor David, Sohn von Nathan und Martha David, geborene Löwenthal, die in Darmstadt eine Eisenwarenhandlung betrieben.[128] Die Ehe sollte aber nicht einmal zwei Jahre dauern, denn Theo David verstarb schon am 11. Februar 1941 kurz vor seinem 37sten Geburtstag an einer Lungenentzündung, die als Komplikation bei einer Grippeerkrankung aufgetreten war.[129]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Todeseintrag auf Theodor Davids Karteikarte bei der Jüdischen Gemeinde Darmstadt
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020401/0003/114634449/001.jpg

Ein solcher Tod eines Juden im Jahr 1941 wirft natürlich die Frage auf, ob ihm damals die mögliche medizinische Hilfe zuteil geworden war, zumal dann, wenn er zum Zeitpunkt des Todes als Schutzhäftling im Darmstädter Gefängnis inhaftiert war.[130] Die Gründe für die Festnahme konnten bisher nicht ermittelt werden. Außergewöhnlich war, dass er erst am 21. Februar 1941, also 10 Tage nach seinem Tod, auf dem Jüdischen Friedhof in Darmstadt beigesetzt wurde.[131] Möglicherweise hatte es eine Untersuchung der näheren Umstände seines Todesfalls gegeben.
Aber es war im Übrigen nicht das erste Mal, dass er in die Fänge des NS-Staates geraten war. Wie viele Tausend andere jüdische Männer war auch er nach der Reichspogromnacht nach Buchenwald verbracht worden. Seiner Geldverwaltungskarte ist zu entnehmen, dass der Gefangene mit der Häftlingsnummer 21303 mindestens bis Mitte Dezember 1938 dort festgehalten wurde.[132] Dass auch seine Freilassung vermutlich mit der Verpflichtung zur Auswanderung aus Deutschland verknüpft worden war, entsprach wohl ohnehin der Absicht von Theo und Grete David. Das Ehepaar hatte nach ihrer Hochzeit nicht einmal mehr einen gemeinsamen Hausstand gegründet, wie Grete David im Februar 1939 in Erwartung ihrer baldigen Ausreise an das Finanzamt in Wiesbaden schrieb. Weil sie getrennt lebten, musste jeder bei dem für ihn zuständigen Amt die notwendigen Bescheinigungen besorgen. Als Kontaktanschrift zur Erledigung der unzähligen Formalitäten, die im Vorfeld der Emigration zu bewältigen waren, hatte sie die Adresse der Eltern angegeben, die damals noch in der Moritzstr. 15 lebten und bei denen sie damals auch wieder wohnte.[133]

Von dort schickte sie am 20. November 1939 auch den ‚Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut’ an die Devisenstelle nach Frankfurt. Unter den verschiedene Listen, auf denen die üblichen Kleidungsstücke, Kleingeräte und Kleinmöbel aufgeführt waren, gibt es auch eine interessante Liste mit der Literatur, die sie nach Palästina mitzunehmen gedachte. Neben Werken der klassischen Literatur und Philosophie findet man dort auch eine Reihe von Kunstbüchern, Märchenbücher für Kinder und pädagogische Fachbücher, natürlich auch Montessoris Werk ‚Selbstständige Erziehung’. Das ‚Handbuch des Baumschulebetriebs’ war sicher für ihre Schwester Rosi Ruth gedacht.

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Zwangsabgabe an die Jüdische Gemeinde vor der Ausreise
HHStAW 519/3 23317 (21)

Als Ziel der Ausreise gab sie auch diesmal wieder Palästina an.[134] Am 16. November hatte das Ehepaar vom Palästina-Amt in Berlin die Bestätigung erhalten, dass sie beide für einen zukünftigen Auswanderungstransport, dessen genauer Termin noch nicht feststehe, vorgesehen seien. Bis zum 28. November, also innerhalb von zwei Wochen, hätten sie aber völlig ausreisefähig sein müssen, d.h. über eine genehmigte Liste des mitgeführten Handgepäcks und auch über einen gültigen Reisepass verfügen müssen.[135] Für neuwertige Güter, die sie ins Ausland transferieren wollten, mussten sie der ‚Deutschen Golddiskontbank’ 250 RM als sogenannte DEGO-Abgabe leisten. Das gelang noch mittels eines Eilboten.[136] Auch die ‚Jüdische Kultusvereinigung’ erhielt gemäß den Vorschriften ihren Anteil am zurückgelassenen Eigentum. Mehrere Kleidungsstücke gelangten so hoffentlich in die Hände bedürftiger Gemeindemitglieder.[137]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Nachricht des Palästina-Amtes zur geplanten Auswanderung
HHStAW 519/3 23217 (o.P.)

Die für die Pässe notwendigen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen hielten sie bereits in ihren Händen. Die waren bereits im Februar 1939 beantragt worden und sollten bis Ende Dezember 1939 gültig sein. Am 16. November 1939 erhielt Grete David dann von der Devisenstelle die Mitteilung, dass alle vor dem Oktober 1939 ausgestellten Unbedenklichkeitsbescheinigungen ihre Gültigkeit verloren hätten, weshalb sie kurz vor dem vom Palästina-Amt angesetzten Termin erneut um diese Bescheinigung bitten musste, um noch rechtzeitig wenigstens das Ausstellungsdatum und die Nummern der Pässe zu erfahren.[138] Die Unbedenklichkeitsbescheinigungen hatte zumindest Margarethe David noch erhalten und am 24. November der Devisenstelle übermitteln können,[139] ob das auch ihrem Mann gelang, ist nicht bekannt. Möglicherweise waren die fehlenden Formulare bzw. Pässe, der Grund weshalb auch dieser, für Margarethe zweite Versuch aus Deutschland herauszukommen, doch noch scheiterte. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die Pläne vieler Ausreisewilliger zunichte gemacht. Nur das Umzugsgut war noch bis Triest gelangt, von wo die Überfahrt nach Palästina hätte erfolgen sollen. Dort war es dann festgehalten und eingezogen worden.[140]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Identitätskarte für Nathan David

Während Grete und Theo David so in Deutschland bleiben mussten, war es Theos Bruder Bernhard gelungen, im Februar 1939 von Hamburg aus mit dem Schiff ‚Hansa’ in die USA auszureisen, wo ihn seine Frau Julie David in New York erwartete.[141] Nach dem Tod von Theodor und der Emigration von Bernhard war deren Vater Nathan David, seit 1909 Witwer,[142] alleine in Darmstadt zurückgeblieben. Im Frühjahr 1942 begannen auch hier die Deportationen, zunächst die der jüngeren und arbeitsfähigen Jüdinnen und Juden. Für Ende September waren zwei weitere Transporte mit insgesamt etwa 2000 Menschen geplant und auch durchgeführt worden. Der erste vom 27. / 28./ ging nach Theresienstadt, der zweite vom 30. September vermutlich nach Auschwitz.[143] Nathan David ahnte trotz der geheim gehaltenen Pläne der Gestapo, was ihn erwarten würde. Am 5. September 1942 verabschiedete er sich von seinem Sohn im sicheren amerikanischen Exil in einem Telegramm mit den Worten:
“Mein Wunsch war bei Euch zu sein. Lebensabend geht zu Ende. Lebet wohl. Bin allein, ohne Adresse von Grete und Eltern. Grüsse herzlich, besonders Susi.
Vater“
[144] Am 16. September nahm sich Nathan David in seiner Wohnung selbst das Leben, vermutlich mit dem Schlafmittel Phanodorm.[145]

Wie dem Telegramm zu entnehmen ist, war der Kontakt zwischen Nathan David und seiner Schwiegertochter Grete offenbar inzwischen verloren gegangen, nachdem diese in Wiesbaden längst in das Judenhaus ihres Onkels umgezogen war. Nach der gescheiterten Flucht und dem Tod ihres Mannes im Januar 1940 war sie bei ihren Eltern in der Moritzstr. 15 geblieben. Unter dieser Adresse wurde bei der Devisenstelle damals eine neue Devisenakte für sie unter dem Namen Grete David angelegt. Als man ihr Anfang 1940 eine Sicherungsanordnung zusandte, schrieb sie zurück, dass sie im Haushalt ihrer 78jährigen Eltern lebe und diesen führe. Sie besitze weder ein Vermögen, noch habe sie ein eigenes Einkommen, weshalb sie von ihren Eltern unterhalten werden müsse. Die Devisenstelle verzichtete daraufhin auf die Kontrolle ihrer Finanzen, solange ihr Einkommen den festgelegten Freibetrag von 300 RM nicht übersteigen würde.[146]

 

Im Juli 1940 fragte die Devisenstelle beim Einwohnermeldeamt in Wiesbaden an, ob das Ehepaar Heymann noch unter seiner alten Adresse in der Moritzstr. 15 gemeldet sei, was damals noch bejaht werden konnte. Daraufhin wurden diese aufgefordert eine aktuelle Vermögens- und Einkommensaufstellung mit Angaben zu ihren laufenden Kosten zu übermitteln. Moritz Heymann gab damals an, etwa 41.000 RM zu besitzen. Das Geld aus dem Hausverkauf war offensichtlich in Papieren angelegt worden, deren Wert er auf etwa 30.000 RM bezifferte. Weitere 4.600 RM lagen auf einem Bankkonto. Das übrige Vermögen war faktisch nicht verwertbar, da es aus nicht realisierbaren Außenständen, aus einem Grundstück und der verpfändeten Reichsfluchtsteuer bestand. Aber immerhin warfen die Wertpapiere noch etwa 1.500 RM im Jahr ab, von denen der dreiköpfige Haushalt leben musste. Die Miete im Haus, das ihm einst gehörte, betrug 120 RM im Monat. Mit den übrigen Kosten – noch konnte man sich eine Putz- und Waschfrau für 35 RM im Monat leisten – wurde der Bedarf mit 555 RM angeben.[147] Am 27. August 1940 wurde tatsächlich ein Freibetrag in dieser Höhe bewilligt.[148]

Das war das letzte Schreiben, das Heymanns in der Moritzstraße von der Finanzverwaltung erhielten. Am 6. Dezember 1940 waren sie, sicher auch um Kosten zu sparen, in das Haus Kaiser-Friedrich-Ring 64 zu Moritz’ Bruder Emil gezogen, das damals schon den Status eines Judenhauses hatte. Das Datum ist auf der Gestapokarteikarte der Familie notiert, auf der es auch heißt, dass der inzwischen 78jährige Moritz Heymann im Unterschied zu seiner Frau arbeitsfähig sei.

Die Deportationen der Judenhausbewohner

Über die folgenden gemeinsamen Monate im Judenhaus gibt es nahezu keine Informationen, außer der knappen Nachricht in einem Brief, den Hedwig Strauss, Ehefrau des Eigentümers des Judenhauses Bahnhofstr. 46, am 17. Dezember 1940 an ihren im südamerikanischen Exil lebenden Sohn Alfred schrieb. Es heißt darin:
“Vater [Sebald Strauss – K.F.] ist auf Beas [Tochter von Sebald und Hedwig Strauss – K.F.] Wunsch einmal zu Grete Heymanns Vater, welchen Vater ohnehin in sein Herz geschlossen hat. Die alten Leute gehen stark in das 79te Lebensjahr. Sind vorige Woche zu dem Bruder aus Dotzheim in den Kaiser Friedrich Ring 64 gezogen.“[149]
Wenn der Besuch auf Wunsch der Tochter Bea zustande gekommen war, kann man vermuten, dass Grete und Bea miteinander befreundet waren. Bea erlitt das gleiche Schicksal, wie auch Grete. Beide hatten sich bis zuletzt um ihre Eltern gekümmert und waren mit ihnen dem Holocaust zum Opfer gefallen.

Aber nicht Grete, sondern ihr Onkel Emil Heymann, der Miteigentümer des Hauses, war der erste der Familie, der die Aufforderung zur „Evakuierung nach dem Osten“ erhielt. Bei dem Transport, dem er zugeteilt worden war, handelte es sich eigentlich um den fünften großen Transport mit Frankfurter Juden, in dessen Vorfeld es aber zu einigen Konflikten zwischen der Gestapo und Unternehmern aus der in Frankfurt ansässigen Kriegsindustrie gekommen war. Jüdische Arbeiter in kriegswichtigen Unternehmen sollten eigentlich zunächst verschont bleiben, weshalb zuletzt noch etwa 200 Juden „gebraucht“ wurden, um den Zug auf die Sollzahl von 930 Personen aufzufüllen.[150] Im letzten Moment kam man dann wohl auf die Idee, die letzte Lücke mit Wiesbadener Juden zu schließen. 27 von ihnen wurden aus den verschiedenen Judenhäusern geholt.[151] Sie, darunter auch das Wiesbadener Rabbinerehepaar Hanff, waren vermutlich sehr kurzfristig über ihr Schicksal informiert worden. Nach welchen Kriterien die Auswahl stattgefunden hatte, ist völlig unklar. Es scheint fast so, als seien die Personen völlig willkürlich ausgesucht worden. Unter ihnen befanden sich einige im Alter von etwa 65 Jahren, aber auch die Kinder, wie die gerade erst 10jährigen Lore Baum. Demnach kann auch die Arbeitsfähigkeit damals kein Kriterium gewesen sein. Nur einige Tage zuvor hatte man Emil Heymann noch in den „Idsteiner Lederwerken Landauer & Donner AG“ als Zwangsarbeiter eingesetzt, allerdings nur vom 21. bis zum 22. Mai.[152] Möglicherweise war er dort in irgendeiner Weise aufgefallen und deshalb auf die Liste geraten.

Deportationsliste vom 23. Mai 1932, auf der Emil Heymann und Melanie Weyl noch nicht als Ehepaar geführt werden
HHStAW 519/2 1381 (1)

Neben Emil Heymann befand sich auf der Deportationsliste noch eine weitere Bewohnerin des Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64: die Witwe Melanie Weyl. Die 51jährige war laut Eintrag auf ihrer Gestapokarteikarte erst am 10. April 1942 dort eingezogen. Als die beiden am 23. Mai den Zug bestiegen, taten sie das als Ehepaar Emil und Melanie Heymann, denn unmittelbar am Tag vor der Deportation, dem 22. Mai, hatten sie noch ganz offiziell standesamtlich geheiratet.[153] Es ist nicht bekannt, ob die beiden schon länger in einer engeren Beziehung zueinander standen, aber mit der Eheschließung war – so realistisch werden sie gewesen sein – ohnehin wohl kaum eine gemeinsame langfristige Lebensperspektive ins Auge gefasst worden. Vermutlich handelte es sich um einen eher spontanen Beistandspakt für die kommende ungewisse Zeit.

Wohin genau der Transport am anderen Morgen gehen sollte, wusste keiner. Dass es Izbica im Bezirk Lublin sein würde, erfuhren die Insassen erst bei Ankunft. Die Postkarte eines damals Deportierten, die im Juli 1942 seinen Adressaten in der Heimat fand, gab den Angehörigen überhaupt nur Auskunft darüber, dass der Transport dorthin gegangen war. Auf seinem Weg machte der Zug zunächst Halt in Lublin, wo arbeitsfähige Männer aus dem Zug herausgeholt wurden, die beim Aufbau des Lagers Majdanek zum Einsatz kamen. Da ihm Totenbuch von Majdanek der Name von Emil Heymann nicht aufgeführt ist, wurde er folglich dort nicht selektiert – keiner der Selektierten hat Majdanek überlebt -, sondern mit den übrigen in das offene Ghetto von Izbica verbracht worden. Eine Flucht von dort verhinderten nicht nur die Androhung der Todesstrafe, sondern noch mehr die hohen Prämien, die der polnischen Bevölkerung des Umlandes bei Verrat von Flüchtigen gezahlt wurde. Die Zustände in Izbica entsprachen weitgehend denen im Lager Piaski, wo es ebenfalls an einer auch nur halbwegs menschenwürdigen Unterbringung mangelte. Diejenigen, die nicht schon im Lager verendeten, wurden im Laufe der folgenden Zeit in das Vernichtungslager Sobibor überstellt und in den dortigen Gaskammern umgebracht.

Da für beide Ehepartner keine genauen Todesangaben vorliegen, wurden sie mit dem Todestag 8. Mai 1945 nach dem Krieg amtlich für tot erklärt.[154]

Grete war die nächste aus der Familie Heymann, die in den Weg in den Tod antreten musste. Sie gehörte zu dem Transport, mit dem am 10. Juni 1942 die eher jungen und arbeitsfähigen etwa 370 Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden mit dem Zug ‚Da 18’ nach Lublin gebracht wurden. Etwa 900 kamen in Frankfurt noch dazu, Juden aus den verschiedenen Städten und Gemeinden des Regierungsbezirks Wiesbaden. Die Zahl derjenigen die in Lublin zur Arbeit nach Majdanek abgestellt wurden, lag nach groben Schätzungen zwischen 190 und 250 Menschen, Margarethe gehörte nicht zu dieser Gruppe, von denen aber auch bei dieser Selektion nicht einer überlebte.[155] Sie selbst wurde mit den übrigen weiter in das Vernichtungslager Sobibor transportiert, wo sie mit großer Wahrscheinlichkeit unmittelbar nach der Ankunft im Gas ermordet wurde.

Den übrigen Bewohnern, alle in fortgeschrittenem Alter, gewährte man eine Schonfrist bis zum 1. September. Für diesen Zeitraum lässt sich anhand einer Liste, die nach der Deportation vom Juni entstanden sein muss, und mit Hilfe der Eintragungen auf den jeweiligen Gestapokarteikarten rekonstruieren, wie die die Wohnverhältnisse in dem Haus gewesen sein müssen, in dem die Juden ausschließlich das zweite Stockwerk mit seinen vermutlich fünf Zimmern bewohnten. Laut der Liste verfügten Moritz und Elise Heymann über zwei Zimmer, ebenso Rosa Heymann, die zuvor mit ihrem Bruder Emil und ihrer zukünftigen Schwägerin sich vermutlich die drei übrigen Zimmer geteilt hatte. Max und Martha Bacharach, die zwei Tage nach der Deportation von Grete David am 12. Juni eingezogen waren, erhielten dagegen nur ein gemeinsames Zimmer, vermutlich eines, das zuvor von Emil und Melanie Heymann bzw. dann kurzfristig vielleicht noch von Grete bewohnt worden war. Auf deren Gestapokarteikarte war nur allgemein vermerkt, dass sie „bei Heymann“ wohne. Ein eigenes Zimmer hatte sie vermutlich ursprünglich beim Einzug der Familie Ende 1940 nicht.

Endgültig wurde das Judenhaus von seinen jüdischen Bewohnern am 1. September geräumt, genauer eigentlich schon am 29. August. An diesem Tag, einem Schabbat, hatten sich die letzten Jüdinnen und Juden der Stadt, die nicht in einer Mischehe lebten oder durch eine Funktion in der Jüdischen Gemeinde ausgenommen waren, in der kaum zerstörten Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden, um die letzten Formalitäten wie Registrierung oder den Abschluss eines sogenannten „Heimeinkaufsvertrags“ für die „Gemeinschaftsunterbringung außerhalb des Altreichs“ abzuschließen. Gemeint war damit das Ghetto Theresienstadt, wohin der Zug die etwa 370 Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden bringen sollte. In Frankfurt waren zuvor weitere aus der Stadt selbst und aus verschiedenen Orten des Regierungsbezirks im jüdischen Altersheim am Rechneigraben gesammelt worden, sodass der Transport XII/2 insgesamt etwa 1110 Menschen umfasste. Am 2. September erreichte er seinen Zielort Theresienstadt.

Am 29. September 1942, knapp vier Wochen nach ihrer Ankunft im Ghetto, wurden Rosa Heymann, ihr Bruder Moritz und dessen Frau Elise gemeinsam von dort mit dem Transport ‚Bs’ in das Vernichtungslager Treblinka überstellt und ermordet.[156]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus FlickAm 11. März 2021 wurden in Dotzheim in der Römergasse 19 vor dem Elternhaus Stolpersteine für die Geschwister Heymann verlegt. Bei dieser Standortwahl blieben die Ehefrauen von Emil und Moritz Heymann, Melanie und Elisa Heyman, sowei die Tochter Grete David leider ausgeschlossen.
Eigene Aufnahme

Begehrlichkeiten und Verwertung des Hauses

Noch bevor die Bewohner des Judenhauses alle deportiert worden waren, versuchten die „volksdeutschen“ Mitbürger sich den Zugriff auf die zu erwartende Beute zu sichern. So wandte sich schon am 14. Juli 1942 der SS-Oberschar- und Jugendnachwuchsführer der NSDAP Adolf Conradi an das Finanzamt Wiesbaden mit der Bitte, ihm die Wohnung in dem Haus „des Juden Emil Heymann … zu reservieren.“ Nicht nur habe er, der derzeit bei der Waffen-SS diene, als Frontsoldat auf dem Balkan und an der Ostfront gestanden und sei für seinen Einsatz mit dem EK II und dem Verwundetenabzeichen geehrt worden, er sei auch früher schon ein „Kämpfer für die nationale Erhebung“ gewesen, was wohl heißen soll, dass er sich zu den sogenannten „alten Kämpfern“ zählte, die bereits vor 1933 der NSDAP angehörten und sich demnach nicht aus Opportunitätsgründen, sondern aus Überzeugung der NS-Bewegung angeschlossen hatten.
Nur eine Woche später wandte er sich mit der gleichen Bitte direkt an den Oberfinanzpräsidenten in Kassel. Auch hier schilderte er seinen Einsatz für „Volk und Führer“, ergänzte diese aber noch im Hinblick auf seinen gegenwärtigen und zukünftigen Auftrag. Er sei – so schrieb er – „zur Verwendung im Rahmen der Zivilverwaltung im Reichsministerium Ost vorgesehen und hierfür langjährig notdienstverpflichtet“. Welche Rolle die sogenannte Zivilverwaltung durch die SS in diesen Gebieten beim Massenmord an der dortigen jüdischen Bevölkerung spielte, ist inzwischen hinlänglich bekannt. „Bevor ich, sehr wahrscheinlich in diesem Jahr noch, meinen Dienst im Osten antrete, möchte ich vor allen Dingen meine Familie im eigenen Heim untergebracht wissen und den Kauf des Hausgrundstücks abgeschlossen haben.“
Aus diesem Grund möge man ihm „den Vorkauf auf dieses Grundstück einräumen“, auch wenn es bisher noch nicht dem Reich verfallen sei. Es stände aber bevor – so seine sichere Vermutung -, „dass der derzeitige Eigentümer, der Jude Emil Heymann und Frau Rosa, evakuiert werden“. Das war nur insofern falsch, als die „Evakuierung“ der beiden zu diesem Zeitpunkt bereits vollzogen worden war. Zwar sei ihm bekannt, so schrieb er weiter, dass laut Erlass des Reichsfinanzministers dem Reich verfallener jüdischer Grundbesitz nicht vor Ende des Krieges privatisiert werden solle, aber er wusste auch um die Ausnahmebestimmungen, die nach seiner Meinung für ihn in Frage kommen würden.[157] Nicht nur seinen Einsatz im Krieg und für die NS-Bewegung führte er an, sondern auch seine private Lebenssituation:
„Ich bin seit Anfang 1939 verheiratet. Bedingt durch die schlechten Wohnungsverhältnisse habe ich noch keine Möglichkeit gehabt einen eigenen Hausstand zu gründen und wohne in sehr beengten Verhältnissen mit meinen Schwiegereltern zusammen. Die Tatsache, dass meine Frau in Kürze das 2. Kind entbinden wird, macht die Beschaffung einer eigenen Wohnung noch dringlicher. Durch die bevorstehende Ausweisung der genannten jüdischen Familie ist erstens die Möglichkeit zur Beschaffung einer Wohnung vorhanden und zweitens der Erwerb des betr. Grundstücks möglich.“

Außerdem habe er bereits vor Erlass der Verordnung mit der NSDAP-Kreisleitung Wiesbaden, die bei jedem Eigentumswechsel von Grund und Boden ihre Einwilligung geben müsse, in Verhandlungen gestanden. „Es ist mir von dort versichert worden, dass ich in erster Linie mit einer Zusage zu dem geplanten Kauf rechnen könnte.“[158]Falls Verhandlungen über einen Kaufvertrag bereits vor Erlass der Bestimmung stattgefunden hatten, konnte tatsächlich ebenfalls eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Aus den Akten geht nicht hervor, ob die angeschriebenen Stellen damals irgendeine Reaktion auf die Schreiben zeigten.
Allerdings findet sich in den Akten ein Brief, den Milly Conradi, die Frau des SS-Manns, am 29. Januar 1943 an den Leiter des Liegenschaftsamts Emil Josef Schreck richtete. Sie beklagte sich darin, dass die Wohnung, die ihr von amtlicher Stelle schon fest zugesagt wurde, „blitzschnell“ anderweitig vermietet worden sei: „Während mein Mann im Osten als Offizier in vorderster Linie kämpft, vermietet man diese Wohnung, um welche er sich monatelang bemühte, an eine Familie, welche doch eine Wohnung besaß, was ja bei uns nicht der Fall ist.“[159]

Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Umschreibung des Wohngrundstücks Kaiser-Friedrich-Str. 64 im Grundbuch auf das Deutsche Reich
HHStAW 519/3 2177

Bereits am 13. Juni 1942 war das gesamte Vermögen von Emil Heymann durch den Oberfinanzpräsidenten eingezogen worden, für Rosa Heymann erfolgte dieser Akt einige Wochen später am 27. August.[160] Ein Jahr danach beantragte das Finanzamt Wiesbaden die Umschreibung des Hausgrundstücks Kaiser-Friedrich-Ring 64 auf das Deutsche Reich.[161] In der Anlage befand sich auch eine umfassende Liste der Grundstücke, die damals zumindest noch im Besitz von Rosa Heymann gewesen sein müssten. Abgesehen von dem ehemaligen Judenhaus handelte es sich um sechs weitere landwirtschaftliche Flächen im Bezirk Dotzheim, auf die das Reich jedoch keinen Anspruch erhob.[162]

Anders als in manchen anderen Fällen, in denen Richter am Amtsgericht solche Enteignungen zumindest zu verzögern versuchten,[163] ging das diesmal außergewöhnlich schnell. Am 11. Juni 1943 war der Antrag gestellt worden und schon am 26. Juni 1943 war das Deutsche Reich als neuer Eigentümer im Grundbuch der Stadt Wiesbaden eingetragen.[164]

Das gleiche geschah mit dem Haus in der Römergasse 19 in Dotzheim, das ebenfalls zunächst „als dem Reich verfallen“ erklärt, dann am 6. Juli 1943 im Grundbuch auf das Deutsche Reich übertragen wurde.[165]

Verwaltet wurde das neue Eigentum des Staates wie üblich vom Liegenschaftsamt des Wiesbadener Finanzamts, dem Finanzbeamten Schreck, der wiederum einen Hausverwalter mit den konkreten Vermietungen beauftragte und von ihm regelmäßig Abrechnungen und die Übertragung der Überschüsse verlangte. Während das Haus in Dotzheim August Beckhaus zur Verwaltung übergeben wurde, war für den Kaiser-Friedrich-Ring 64 die Hausverwaltung Mertmann zuständig. Solche Abrechnungsbögen sind für das ehemalige Judenhaus vom April bis zum Ende der NS-Zeit erhalten geblieben. Obwohl bis Ende August 1942 noch jüdische Bewohner in dem Haus lebten, sind sie hier nicht aufgeführt, vermutlich deshalb, weil sie in der Wohnung der noch nicht enteigneten Hausbesitzers Heymann wohnten und somit keine Miete zahlen mussten. Aber die meisten der eingetragenen Mieter hatten bereits all die Jahre zuvor dort gewohnt, hatten erlebt, wie das Haus zum Ghettohaus wurde und haben auch den sukzessiven Abtransport ihrer jüdischen Mitbewohner mit angesehen. Dafür, dass es irgendwelche Zeichen oder sogar Handlungen der Solidarität gab oder wenigstens so etwas wie Mitgefühl oder Trauer gezeigt wurde, gibt es keine Hinweise. Vielleicht hat so mancher die „Evakuierung“ auch mit heimlicher oder sogar unverhohlener Freude goutiert.
Im Schnitt konnte der Fiskus nach Abzug der laufenden Kosten in den folgenden Jahren etwa 600 RM im Quartal an Mietüberschüssen verbuchen. Allerdings kamen auch Sonderausgaben auf ihn zu, da im August 1942 der Luftschutzrevierführer erhebliche Mängel bei der Ausstattung der Luftschutzräume festgestellt hatte, die auch im Oktober noch nicht beseitigt waren und er deshalb dem Finanzamt sogar mit Zwangsmaßnahmen drohte.
Ende des Krieges wurde das Haus durch „Feindeinwirkung“ erheblich zerstört, besonders durch die Angriffe am 11., 12. und 13. Oktober 1944,[166] sodass es danach partiell nicht mehr bewohnbar war. Die verbliebenen Mieter stellten daraufhin teilweise oder auch gänzlich die Zahlung der Miete ein, was prinzipiell vom Liegenschaftsamt auch akzeptiert wurde.[167]

Nach dem Ende der NS-Dikatur und dem Krieg übernahm zunächst die Militärregierung die Kontrolle über das Hausgrundstück, am 8. Juli 1950 stellten dann die überlebenden Erben einen Antrag auf Rückerstattung. Am 27. April 1953 wurde der Raub durch das Amtsgericht Frankfurt am Main rückgängig gemacht. Dass die Erben damals kein Interesse daran hatten, irgendwelche Brücken zu dem Land und der Stadt, deren Bewohner für die Verfolgung und den Tod vieler ihrer Familienmitglieder verantwortlich waren, aufrecht zu erhalten und aus diesem Grund das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64 im folgenden Jahr verkauften, ist nur zu verständlich.[168]

 

 

Veröffentlicht: 31. 08. 2021

 

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Anmerkungen:

 

[1] Schwalbach, Dotzheimer Juden, S. 8 f.

[2] HHStAW 365 915, Verzeichnis der Gestorbenen im Synagogenbezirk Wiesbaden, 1832-1876.
Sein Grabstein trägt die Inschrift:
“Hier ruht
der ehrenwerte Mann, Isaak, Sohn des Chajim
aus Dotzheim, welcher verstarb in gutem
Ruf am Dienstag, den 5. Adar und begraben wurde am
Donnerstag, den 7. Adar des Jahres 602 n.d.k.Z.
Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens. Er möge teilhaben an der Auferstehung der Toten
mit allen Verstorbenen des Volkes Israel. Amen.“

https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/current/188/sn/juf?q=YToxOntzOjI6InhzIjthOjI1OntzOjY6InBlcnNvbiI7czowOiIiO3M6NToiemVpdDEiO3M6MDoiIjtzOjU6InplaXQyIjtzOjA6IiI7czo1OiJhbHRlciI7czowOiIiO3M6MTA6Imdlc2NobGVjaHQiO047czo1OiJiZXJ1ZiI7czowOiIiO3M6ODoiZnVua3Rpb24iO3M6MDoiIjtzOjg6ImZyaWVkaG9mIjtzOjM2OiJXaWVzYmFkZW4sIEFsdGVyIErDvGRpc2NoZXIgRnJpZWRob2YiO3M6Mzoib3J0IjtzOjA6IiI7czo1OiJzYWNoZSI7czowOiIiO3M6ODoibWF0ZXJpYWwiO047czoxMDoic3ByYWNoZV92cyI7TjtzOjEwOiJzcHJhY2hlX3JzIjtOO3M6MTQ6InNwcmFjaGVfc29ja2VsIjtOO3M6NjoiYnJlaXRlIjtOO3M6NToiaG9laGUiO047czo1OiJ0aWVmZSI7TjtzOjExOiJwbGF0emllcnVuZyI7TjtzOjc6Inp1c3RhbmQiO047czoxMDoiZ3JhYm51bW1lciI7TjtzOjM6Im9reiI7TjtzOjI6ImlkIjtOO3M6OToiYmlsZGRhdGVpIjtzOjE6IjAiO3M6MTA6InRydW5raWVyZW4iO3M6MToiMCI7czo1OiJvcmRlciI7czo2OiJwZXJzb24iO319.(Zugriff: 6.8.2021)

[3] Nach den bekannten Geburten des Ehepaars Jakob und Gütchen Heymann war Hermann das dritte Kind. Welches weitere Kind außer seinen beiden älteren Geschwistern Julius und Moritz noch vor ihm geboren wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise handelt es sich aber auch um einen Irrtum des Pfarrers, denn auch der Verweis auf das Geburtsregister 1864 ist falsch. Es müsste 1868 heißen.

[4] HHStAW 469/33 181 (12).

[5] Ebd. (24).

[6] Auf ihrem Grabstein auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Wiesbaden ist über sie zu lesen:
Hier ruht
“die vielgepriesene, vornehme Frau, eine tüchtige Frau,
der Glanz ihres Mannes und Zier ihrer Kinder.
Dies ist die gottesfürchtige Frau,
die ihr Leben lang Gutes tat,
die achtbare Frau Bet, Tochter des Löser
Schott aus Rü(sse)lsheim,
Ehefrau des ehrwürdigen Jizchak Heymann
aus Dotzheim. Sie starb hochbetagt und satt
an Jahren am Vortage des heiligen Schabbat, am 12.
Schewat, und sie wurde begraben am Sonntag, den 14.
Schewat [5]617 n.d.k.Z. Ihre Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens.“
https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/current/148/sn/juf?q=YToxOntzOjI6InhzIjthOjI1OntzOjY6InBlcnNvbiI7czowOiIiO3M6NToiemVpdDEiO3M6MDoiIjtzOjU6InplaXQyIjtzOjA6IiI7czo1OiJhbHRlciI7czowOiIiO3M6MTA6Imdlc2NobGVjaHQiO047czo1OiJiZXJ1ZiI7czowOiIiO3M6ODoiZnVua3Rpb24iO3M6MDoiIjtzOjg6ImZyaWVkaG9mIjtzOjM2OiJXaWVzYmFkZW4sIEFsdGVyIErDvGRpc2NoZXIgRnJpZWRob2YiO3M6Mzoib3J0IjtzOjA6IiI7czo1OiJzYWNoZSI7czowOiIiO3M6ODoibWF0ZXJpYWwiO047czoxMDoic3ByYWNoZV92cyI7TjtzOjEwOiJzcHJhY2hlX3JzIjtOO3M6MTQ6InNwcmFjaGVfc29ja2VsIjtOO3M6NjoiYnJlaXRlIjtOO3M6NToiaG9laGUiO047czo1OiJ0aWVmZSI7TjtzOjExOiJwbGF0emllcnVuZyI7TjtzOjc6Inp1c3RhbmQiO047czoxMDoiZ3JhYm51bW1lciI7TjtzOjM6Im9reiI7TjtzOjI6ImlkIjtOO3M6OToiYmlsZGRhdGVpIjtzOjE6IjAiO3M6MTA6InRydW5raWVyZW4iO3M6MToiMCI7czo1OiJvcmRlciI7czo2OiJwZXJzb24iO319. (Zugriff: 6.8.2021). In der Sterbeurkunde von Jakob Heymann, Sterberegister Dotzheim 20 / 1903, wird der Mädchenname seiner Mutter mit Liebmann angegeben, Das resultiert aus dem verdeutschten Namen ihres Vaters Löser Schott zu Liebmann Schott. Ihre Mutter hieß Elkele Schott.

[7] Sterberegister Dotzheim 20 /1903.

[8] Zu ihrem Schicksal hat das Aktive Museum Spiegelgasse ein Erinnerungsblatt veröffentlicht, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Josef%20und%20Kaethe%20Heymann.pdf. (Zugriff: 6.8.2021).

[9] Sterberegister Wiesbaden 666 / 1892.

[10] https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/3/6/6/79791_ca_object_representations_media_36656_large.jpg. (Zugriff: 6.8.2021).

[11] Heiratsregister Wiesbaden 443 / 1889.

[12] Sterberegister Dotzheim 76 / 1917.

[13] Alle Geburtsangaben laut Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden.

[14] Heiratsregister Wiesbaden 443 / 1889.

[15] Ebd.

[16] Geburtsregister Wiesbaden 1075 / 1890.

[17] Heiratsregister Wiesbaden 281 / 1914.

[18] Deutschlands Städtebau – Chemnitz, Berlin 1923, S. 108, digital https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Chem_480164991/Chem_480164991_tif/jpegs/Chem_480164991.pdf. (Zugriff: 6.8.2021).

[19] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5403-0115?treeid=&personid=&hintid=&queryId=4e0c55ed4f57fbf34c43d63c53126cf4&usePUB=true&_phsrc=Ekt3027&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=2016582289. (Zugriff: 6.8.2021).

[20] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1518/images/30807_A001031-00230?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=7402036. (Zugriff: 6.8.2021).

[21].

[22] Sterberegister Wiesbaden 324 / 1936 und Sterberegister Wiesbaden 600 / 1935. Die Todesmeldung von Julius Heuer wurde dem Standesamt von der Verwaltung des St.-Josephs-Hospitals mitgeteilt.

[23] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b428994-00285?treeid=&personid=&hintid=&queryId=3d8b7185f5b57c5806572e73f1b3b2af&usePUB=true&_phsrc=Ekt3035&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=124887. und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b428912-00427?treeid=&personid=&hintid=&queryId=972fe401945fd0e457e301891f6c292c&usePUB=true&_phsrc=Ekt3030&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=77234. (Zugriff: 6.8.2021).

[24] Stadtarchiv Mainz 70/1296 Heymann, Hermann. Gemeint war damit die Aufnahme in ein unseren heutigen Bundesländern entsprechendes Territorium, hier in den Volksstaat Hessen. Während nach dem Ende des Kaiserreichs Wiesbaden in der Provinz Hessen-Nassau gelegen weiterhin zu Preußen gehörte, war das Großherzogtum Hessen mit seinen beiden Provinzen Oberhessen und Starkenburg mit dem linksrheinischen Rheinhessen zum Volksstaat Hessen zusammengeschlossen worden.

[25] Heiratsregister Rüdesheim 22 / 1899.

[26] Sterberegister Rüdesheim 89 / 1910. Isaac Heymanns Mutter war eine geborene Hennite Isaak.

[27] Kreuzberg, Arisierung des Weinhandels, S. 21. Exemplarisch hat Kreuzberg ausgehend von einem Prozess gegen drei jüdische Mainzer Weinhändler deren Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben untersucht und dabei nicht nur die einzelnen Maßnahmen dargestellt, die bei der „Entjudung“ der Wirtschaft generell und der des Weinhandels im Besonderen von staatlichen Stellen oder auf Verbandsebene ergriffen wurden, sie hat darüber hinaus untersucht, welche mediale Wirkung erzielt und welche Attributierung vom „Juden an sich“ mit den Berichten über die Prozesse damals transportiert werden sollten und wurden. Wesentliche Ergebnisse der unveröffentlichten Hausarbeit sind inzwischen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in zwei Zeitschriftenaufsätzen veröffentlicht: Kreuzburg, Julia, Die „Weinbetrüger“-Prozesse in Rheinhessen, in: Jahrbuch der Hambach-Gesellschaft, 2018, Bd. 25, S. 165-191 und, Kreuzburg, Julia, Jüdische Weinhändler im Spiegel nationalsozialistischer Medien, in: Ztschr. für die Geschichte Rheinhessens, 2021, S. 169-195.

[28] Geburtsregister Mainz 519 / 1900 und 468 / 1901.

[29] Geburtsregister Mainz 930 / 1904 und 322 / 1906.

[30] Der Stürmer, Nr. 19. Mai 1936, S. 1 f.

[31] Sterberegister Mainz 1518 / 1935 und Sterberegister Frankfurt a. M. 696 / 1936.

[32] Kreuzburg, Jüdische Weinhändler im Spiegel nationalsozialistischer Medien, passim.

[33] Ebd. S. 40.

[34] https://www.mappingthelives.org/bio/9cb2b743-32e8-4589-8bbd-0048b22944d6. und https://www.mappingthelives.org/bio/1f5a6e3c-9903-4ead-b110-b246327e9820. (Zugriff: 6.8.2021). Der Beitrag zu Hildegard Heymann in ‚Mapping the Past’ enthält eine Anmerkung zum Geburtsnamen von Hermann Heymanns Frau. Es heißt dort: „Geburtsname Jützsche in der VZ39 [Volkszählung 1939 – K.F.] weicht von anderen Quellen ab: [Fritzsche]. Bei der VZ39 gibt es keine oder widersprüchliche Angaben zur Herkunft aber diese Person [Jützsche – K.F.] ist einbezogen in einer Bundesarchiv-Datenbank von Personen jüdischer Herkunft in Deutschland 1933-1945.“

[35] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6458-0556?treeid=&personid=&hintid=&queryId=a857043ae1a21dc7737eca2c224db512&usePUB=true&_phsrc=Ekt3169&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006781161. (Zugriff: 6.8.2021).

[36] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1355/images/31156_176202-03163?treeid=&personid=&hintid=&queryId=485bd6080b668ddff5c20bc7d350ee59&usePUB=true&_phsrc=Ekt3179&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=31694. (Zugriff: 6.8.2021)

[37] Laut GENI soll er am 1. Januar 1975 in Basel in der Schweiz verstorben sein, siehe https://www.geni.com/people/Fritz-Heymann/6000000048205761147. (Zugriff: 6.8.2021). In Basel hatte noch in der Nachkriegszeit ein Psychologe namens Dr. Fritz Karl Heymann verschiedene Bücher über die kindliche Entwicklung publiziert – nicht ausgeschlossen, dass es sich bei dem Wissenschaftler um den in Mainz geborenen Sohn von Hermann und Johanna Heymann handelte.

[38] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 186. Zur folgenden Schilderung der Zustände in Piaski siehe Kingreen, „Wir werden darüber hinwegkommen“, S. 99-101. Die Angaben beruhen auf Briefen bzw. Postkarten, die noch aus dem Lager herauskamen und sogar ihre Adressaten in Mainz noch erreichten.

[39] Kingreen gibt an, das Lager sei im Juni 1942 geräumt worden, Gottwaldt / Schulle hingegen schreiben, dass dies erst im Februar 1943 der Fall gewesen sei, siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S.S. 187. Möglicherweise war an dem Tag, den Kingreen nennt, das Lager nur für Neuankömmlinge frei gemacht worden.

[40] Geburtsregister Mainz 930 / 1904, Beischreibung.

[41] Sterberegister Dotzheim 20 / 1903 und 76 / 1917.

[42] HHStAW 685 282a (25) und HHStAW 685 285a (7). Der gleiche Wert wurde es auch noch 1938 angesetzt, siehe HHStAW 685 282d (1).

[43] HHStAW 685 285a (21). 1939 war der Wert der Ackergrundstücke mit einem Wert von rund 1.000 RM steuerlich veranschlagt worden, siehe ebd. (32).

[44] Schwalbach, Dotzheimer Juden, passim. Eine historische Aufarbeitung der Dotzheimer Sozialgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Einwohner in der Zeit der Weimarer Republik und der NS-Zeit fehlt leider bisher. Auch die schmale Broschüre von Schwalbach kann trotz des Titels „Die Dotzheimer Juden“ diese Lehrstelle nicht füllen, bleibt sie doch sehr vage und kann den Anspruch an eine wissenschaftliche Recherche nicht erfüllen.

[45] HHStAW 685 285a (29) für Rosa Heymann und HHStAW 685 282d (9) für Emil Heymann. Laut Vorgabe war der Betrag nach Abzug der Werbungskosten und Sonderausgaben, jedoch vor Abzug des steuerfreien Teils einzutragen, d.h. es handelte sich vermutlich um das noch nicht versteuerte Einkommen.

[46] Wie sehr auch Heymanns von der Krise betroffen wurden, zeigt ein Brief an das Finanzamt Wiesbaden, in dem sie einen zunächst für uneinbringlich gehaltenen Verlust von 3.500 RM korrigierten. Eine Frau Christians, die eine Speisegaststätte betrieb und seit vielen Jahren zum festen Kundenstamm der Heymanns gehörte, konnte wegen der Krise eine Rechnung über 3.500 RM nicht mehr begleichen. Sie hatte allerdings inzwischen die Schuld in eine Hypothek auf ihr Haus in der Rheinstr. 62 umgewandelt, wodurch die frühere Abschreibung hinfällig geworden war. Siehe HHStAW 685 282a (o.P.). Möglicherweise trugen solche nichtjüdische Großkunden ansonsten auch zu dem insgesamt relativ stabilen Einkommen der Geschwister bei.

[47] Siehe dazu Aly, Volksstaat, S. 49 ff.

[48] HHStAW 685 282a (44). 1935 war der Einheitswert allerdings auf 22.200 RM herabgesetzt worden, siehe HHStAW 685 285a (25).

[49] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 20 Bl. 294 Innen (76). Eine Art Vorvertrag muss aber bereits am 30.5.1933 zustande gekommen sein, siehe HHStAW 685 282a (44).

[50] Im Band zu Wiesbaden über die Kulturdenkmäler Hessens heißt es zu dem vom Architekten Ludwig Euler geplante Haus: „Mietshaus mit renaissanceistischem Fassadenetwurf als Variation des symmetrischen dreizonigen Typus, wie er in der spätklassizistischen Wiesbadener Bauszene seine Ausprägung fand. Besondere räumliche Wirkung beruht auf Überhöhung eines breiten, rechteckigen Doppelerkers durch ein Polygonalgeschoss mit darüberliegendem Zwerchhaus. Der reich dekorierte steile Zwerchhausgiebel gibt dem gesamten Mittelmotiv einen risalitartigen Anschein. Die Seitachsen treten nur wenig in den Hintergrund, da selbst plastisch gebildet durch gequaderte Lisenen, Fensterrahmungen und Balkone. Entsprechend kräftig erscheint dazu die Rustika des Sockelgeschosses über hochliegendem Keller (mit niedriger Torfahrt in der rechten Seitachse). Der in der linken Seitachse situierte Hauseingang bewahrt die originale schwere Füllungstür. Der Windfang mit Mamorstufen und geprägten Mosaikbodenplatten ist mit üppigem plastischem Dekor erhalten, wobei in der Deckengestaltung Renaissance und Jugendstil eine Symbiose eingehen. Die obligate Schwingtür trennt vom Treppenhaus. Die Eisentreppe mit Holzstufen ist mit einem ornamentierten Stabgeländer ausgestattet. Repräsentativ sind die Wohnungstüren gestaltet.“ Kulturdenkmäler in Hessen, Bd. I.2, S. 437.

[51] Siehe dazu Bembenek / Dickel, Kein deutscher Patriot mehr, S. 31-34, 99 f.

[52] Zum Schicksal der Dotzheimer Metzgerfamilie Stein siehe im Kapitel über das Judenhaus Herrngartenstr. 11.

[53] HHStAW 685 285a (29), HHStAW 685 282d (9, 15).

[54] Ebd. (1).

[55] HHStAW 685 285a (21)

[56] HHStAW 685 282d (19).

[57] Ebd. (14).

[58] HHStAW 519/3 662 (1, 2).

[59] Welche Nichte damit gemeint war, ist unklar.

[60] HHStAW 519/3 662 (4).

[61] Ebd. (10, 11).

[62] Ebd. (7) und HHStAW 519/3 366 (6).

[63] Göring als Beauftragter des Vierjahresplans hatte zu diesem Datum eine Verordnung über die Anmeldung des Vermögens aller Juden erlassen, um, wie es darin unverblümt hieß, dieses „im Interesse der deutschen Wirtschaft sicherzustellen“. Zit. nach Barkai, „Entjudung“, S. 129 f.

[64] HHStAW 519/3 662. (4).

[65] HHStAW 685 285c (1,4, 6).

[66] HHStAW 685 282d (20).

[67] HHStAW 483 10127 (1), siehe dazu auch oben die Ausführungen im Kapitel „Raub und Verwertung der jüdischen Immobilien“.

[68] Zu den damaligen Nutznießern gehörte auch die alteingesessene Dotzheimer Familie Wintermeyer, siehe HHStAW 519/3 366 (1 f.).

[69] Ebd. (20). Das Schreiben enthält allerdings eine sinnentstellende Formulierung, nach der es so klingt, als hätten Heymanns einen überhöhten Preis erhalten. Zu den übrigen Verkäufen siehe ebd. (1 f., 3 f., 15 ff., 21, 22, 23, 24) und 685 c (7, 8, 9).

[70] HHStAW 685 282 d (23) und HHStAW 685 285c (12).

[71] HHStAW 519/3 662 (26)

[72] HHStAW 519/3 662 (27) und HHStAW 519/3 366 (13).

[73] HHStAW 519/3 366 (25).

[74] HHStAW 518 15729 (87).

[75] Heiratsregister Königstein 6 1892.

[76] Geburtsregister Dotzheim 42 / 1895.

[77] HHStAW 518 15729 (87). Heute steht an dieser Stelle, an der die Moritzstraße auf die Adelheidstraße trifft, eine Zweigstelle der Wiesbadener Volksbank. Im Wiesbadener Adressbuch ist er erstmal im Jahrgang 1898/99 dort als Eigentümer und Bewohner eingetragen.

[78] Geburtsregister Wiesbaden 1314 /1902 und 1315 / 1902.

[79] HHStAW 685 284a (22-25).

[80] Ebd. (32, 33). Die Stundungen wurden gewährt.

[81] Ebd. (35).

[82] HHStAW 685 284c (Umsatzsteuerakten), passim.

[83] HHStAW 685 284d (95, 132).

[84] Ebd. (97).

[85] Siehe dazu Kropat, Hessische Juden im Alltag, S. 420 f. 1935 gab es in Altenburg bei Heftrich den ersten „judenfreien“ Viehmarkt und an anderen Orten kam es sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, um Juden von den Märkten fernzuhalten.

[86] Zit. nach ebd, S. 421.

[87] HHStAW 685 284e (2).

[88] HHStAW 685 284d (97).

[89] HHStAW 685 284c (105).

[90] Ebd. passim.

[91] HHStAW 685 284d (147).

[92] HHStAW 685 284c (137).

[93] Ebd. (132, 139, 145).

[94] HHStAW 519/3 665 (2). Auf das Haus in der Moritzstraße war allerdings eine Hypothek in Höhe von rund 25.000 RM eingetragen, um die sich das Vermögen verminderte.

[95] Ebd. (5).

[96] HHStAW 685 284f (12).

[97] Siehe dazu unten.

[98] HHStAW 685 284a (80). Eigentlich hatte der Kaufpreis 1.500 RM betragen, 300 RM waren aber als Ausgleichsabgabe an den Fiskus zu entrichten gewesen, siehe 519/3 665 (14).

[99] HHStAW 519/3 665 (17-18). Der Preis entsprach im Wesentlichen dem Einheitswert, der 1935 mit 69.500 RM festgelegt worden war. Eine erneute Taxierung 1939 hatte dann einen Wert von 75.000 RM ergeben, siehe Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983, allerdings war der Preis laut Vertrag wegen eines Schwammbefalls entsprechend gemindert worden.

[100] Ebd. (14).

[101] HHStAW 519/3 665 (12). Die 17.000 RM waren bei einer Devisenbank zu hinterlegen und galten dem Finanzamt als Pfand bei einer möglichen Ausreise der Heymanns.

[102] 519/3 2394 (3).

[103] HHStAW 518 11346 (17).

[104] Geburtsregister Frankfurt 3922 / 1888. Seine Eltern waren Baruch und Natalie Frank, geborene Mainhardt.. Ernst Friedrich hatte noch eine ältere Schwester, die am 11.8.1886 geborene Maria Bertha Natalie, Geburtsregister Frankfurt 2681 / 1886.

[105] Im Frankfurt Adressbuch von 1932 ist sie noch unter dem Namen Betty Heymann eingetragen, ihr späterer Ehemann ist in diesem Band nicht vermerkt.

[106] Siehe zu den folgenden Ausführungen HHStAW 518 75474 I (21). Für die einzelnen Tätigkeiten und Prüfungen konnte Ernst Friedrich Kahn entsprechende Dokumente vorlegen, die in seiner Entschädigungsakte enthalten sind.

[107] Betti Frank hatte in der Entschädigungsakte diese Adresse, allerdings ohne Hausnummer, als ihre letzte Anschrift vor der Auswanderung angegeben, siehe HHStAW 518 11346 (5). Zur Karl-Albert-Straße siehe https://www.wikiwand.com/de/Siedlung_Bornheimer_Hang#/overview. (Zugriff: 6.8.2021)

[108] Ebd. (9).

[109] Siehe dazu insgesamt ebd. (27, 71).

[110] Ebd. (22). Wer diese Verwandten waren, konnte bisher nicht geklärt werden. Es sollen Verwandte von Betti Frank gewesen sein. Möglicherweise handelte es sich dabei um den Cousin Franz Josef / Frank Joseph Heymann, der 1940 in die USA gekommen war, vielleicht aber auch um Verwandte, die aus der mütterlichen Linie der Cahns stammten.

[111] Ebd. (7).

[112] Ebd. (88).

[113] Möglicherweise handelt es sich bei der am 5. Mai 1974 auf dem jüdischen Friedhof Chevra Kadisha in Johannesburg, bestatteten Betty Frank, die ebenfalls 1895 geboren wurde, um die Tochter von Moritz und Elise Heymann, siehe https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=1411&h=620310&tid=&pid=&queryId=deeea82e01dd3a7a44e3a96e8aa7197b&usePUB=true&_phsrc=Ekt3136&_phstart=successSource. (Zugriff: 6.8.2021). Vielleicht war ihre eigene Tochter von Israel nach Südafrika ausgewandert und ihre Mutter war ihr nach dem Tod ihres Mannes dorthin gefolgt. Aber das müssen Mutmaßungen bleiben.

[114] HHStAW 518 15736 (1).

[115] Ebd. (8).

[116] Ebd. (45).

[117] Ebd. (15 f.)

[118] HHStAW 685 284e (12).

[119] HHStAW 518 15736 (3, 21, 36, 67). Im Entschädigungsverfahren wollte man Ruth Heymann zunächst nur eine Entschädigung entsprechend einer Tätigkeit im Mittleren Dienst zugestehen, erst nach einer Klage vor dem Landgericht wurden ihr weitere Gelder zuerkannt, ebd. (78-80, 92).

[120] Die Angaben zu ihrer Biografie sind ihrem am 1.10.1929 verfassten Lebenslauf entnommen, siehe HHStAW 518 73886 (43 f.).

[121] In diesem Heim war auch die entfernte Verwandte von Grete Heymann und Bewohnerin des Judenhauses in der Hallgarter Str. 6, Johanna Wolf, zeitweise untergebracht.

[122] Hilda Cahn war ausgebildete Krankenschwester, die lange Zeit auch in Wiesbaden gearbeitet hatte. Nach der Schließung des Heims gelang ihr die Flucht nach Amerika, wo sie wieder als Krankenschwester tätig war. 1974 verstarb sie in den USA. Zur Familie Cahn siehe http://www.stolpersteine-koenigstein.de/index.php/cahn-maier. (Zugriff: 6.8.2021). Nicht unwahrscheinlich ist, dass es auch eine verwandtschaftliche Verbindung der Familie Cahn zur Mutter von Margarethe, Elise Cahn, gab, die ebenfalls aus Königstein stammte. Dies konnte im gegebenen Rahmen aber nicht weiter recherchiert werden.

[123] HHStAW 519 73886 (73, 54).

[124] HHStAW 685 284a (87). In einem Formular im Rahmen ihres Auswanderungsplans hatte sie im März 1939 angegeben sogar seit 1931 kein eigenes Einkommen mehr zu haben, siehe ebd. (79c).

[125] HHStAW 685 284e (12).

[126] HHStAW 685 284a (74).

[127] Ebd. (87). Aus dem diesbezüglichen Schreiben von Grete Heymann an das Friedrich Wilhelm Wiesbaden geht nicht hervor, für welchen Zweck diese Zahlung geleistet worden war. Sie war auch nicht zurückerstattet worden, nachdem die Auswanderung nicht zustande gekommen war.

[128] Heiratsregister Wiesbaden 129 /1939.

[129] Sterberegister Darmstadt 253 / 1941. Der Todeserklärung ist auch das Datum der Eheschließung entnommen.

[130] https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020401/0003/114634449/001.jpg. (Zugriff: 6.8.2021), dazu HHStAW 518 73886 (27).

[131] https://collections.arolsen-archives.org/G/wartime/02010102/0010/149711381/001.jpg. (Zugriff: 6.8.2021) Die Gräberliste mit der die Nummer des Grabs von Theo David enthält auch die Nummer des Grabes seines Vaters Nathan David.

[132] https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1173/133365636/001.jpg. (Zugriff: 6.8.2021).

[133] Auf ihrer Gestapokarteikarte ist der Vermerk „Nur zur Eheschließung hier“ zu lesen, der aber dann wieder gestrichen wurde, nachdem sich Grete David entschlossen hatte, bis zur Ausreise dort wohnen zu bleiben.

[134] HHStAW 519/3 2317 (2).

[135] Ebd. (o.P.).

[136] Ebd. (19, 19a, 20). Ausdrücklich heißt es, dass die Zahlung unwiderruflich sei, also auch bei einem Scheitern der Auswanderung nicht erstattet werden könne.

[137] Ebd. (20, 21).

[138] HHStAW 685 284a (89).

[139] HHStAW 519/3 23317 (o.P.).

[140] HHStAW 518 73886 (54).im Januar 1940 beantragte Moritz Heymann die Freigabe von 800 RM zur Bezahlung der Rechnung für die Transportkosten des Auswanderungsguts für seine Tochter bei der Frankfurt Firma Danzas, siehe HHStAW 519/3 665 (16).

[141] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6285-0285?treeid=&personid=&hintid=&queryId=9768c8fb02758aafd23063294a15db89&usePUB=true&_phsrc=Ekt3211&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1005307719. (Zugriff: 6.8.2021). Wann und wo die beiden geheiratet hatten, ist nicht bekannt.

[142] Seine Frau Martha, geborene Löwenthal, war bereits im Alter von nur 28 Jahren am 17.5.1909 in Darmstadt verstorben, siehe Sterberegister Darmstadt 471 / 1909.

[143] Bei Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 228 ist als Zielort Treblinka, allerdings mit einem Fragezeichen angegeben. Eckhart, u.a., Hakenkreuz und Judenstern, S. 174 nennen dagegen Auschwitz als Ziel.

[144] Ebd. S. 175. Das Telegramm ist dort als Faksimile abgedruckt.

[145] Sterberegister Darmstadt 1764 / 1942.

[146] HHStAW 519/3 2394 (1, 3, 4).

[147] HHStAW 519/3 665 (31).

[148] Ebd. (32).

[149] HHStAW 1183-1.

[150] Siehe zu den im Mai 1942 von Frankfurt ausgehenden Transporten Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 369-373.

[151] Unklar ist, wer oder was unter Punkt 1 der Liste mit „Christliche Wissenschaft, Luisenstr.“ gemeint ist. Die einzige Person, die nicht aus einem Judenhaus kam, war Clothilde Adler aus der Ellbogengasse 11.

[152] https://collections.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0684/1228776/001.jpg. (Zugriff: 6.8.2021).

[153] Heiratsregister Wiesbaden 480 / 1942. Da das Leben von Melanie Heymann weitgehend außerhalb des Familienverbands der Heymanns stattgefunden hatte, ist ihr ein eigenes Kapitel gewidmet, siehe unten.

[154] Für Emil Heymann HHStAW 469/33 2700 (14) und für Melanie Heymann, verwitwete Weyl HHStAW 469/33 1962 (17).

[155] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 214.

[156] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/15426-rosa-heymann/, https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/15413-moritz-heymann/  und https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/15346-elise-heymann/. (Zugriff: 6.8.2021)

[157] Siehe dazu oben Ankerlink setzen

[158] HHStAW 519/2 2177 (o.P.).

[159] Ebd. (o.P.) Auf der Rückseite des Briefes hatte Schreck zwei Vermerke gemacht. Zum einen war Wohnung durch die Hausverwaltung neu vermietet worden, zum anderen war Conradi inzwischen laut einer Anzeige des Nassauischen Volksblatts an den Folgen einer schweren Verletzung verstorben.

[160] HHStAW 519/3 662 (31) und HHStAW 519/2 2177(o.P.).

[161] HHStAW 519/2 2177 (o.P.).

[162] Ebd. (o.P.). Die Verwaltung der landwirtschaftlichen Grundstücke wurde vermutlich vom Domänenrentamt übernommen, das auch die Pachteinnahmen einzog. Beim Finanzamt sind solche Zahlungen zumindest nicht eingegangen.

[163] Siehe z.B. den Fall des Judenhauses Blumenstr. 7.

[164] HHStAW 519/2 2177 (o.P.)

[165] Ebd. (o.P.).

[166] Siehe zu den damaligen Zerstörungen Weichel, Wiesbaden im Bombenkrieg, S. 56 ff. Auf S. 61 befindet sich auch ein Bild des zerstörten Gebäudes Kaiser-Friedrich-Ring 68, das nur wenige Meter vom ehemaligen Judenhaus entfernt stand. Bei dem damaligen Angriff hatte es zuvor keine Warnung gegeben, sodass die meisten Menschen keinen Luftschutzkeller mehr erreichen konnten.

[167] HHStAW 519/2 2177 (o.P.).

[168] Ebd. (o.P.). Kaufvertrag vom 5.10.1954.