Helene Schiffer


Juden Wiesbaden Judenhaus Judenhäuser Wiesbaden Blumenstr. 7
Das Juden­haus in der Blu­men­str. 7 heute
Eigene Auf­nahme
Judenhaus Blumenstr 7
Lage des Juden­haus­es
Judenhaus Blumenstr 7
Bele­gung des Juden­haus­es  Blu­men­str. 7

 

 

 

 

 

 

 


Helene Schiffer Judenhaus Blumenstra. 7 Wiesbaden Juden
Ver­mö­genserk­lärung von Helene Schif­fer — August 1940
HHStAW 519/3 7992 (3)

Als die Devisen­stelle in Frank­furt im August 1940 gegen Helene Schif­fer eine Sicherungsanord­nung erließ und ihr in diesem Zusam­men­hang das übliche For­mu­lar zur Ver­mö­genserk­lärung zuschick­te, sandte sie dieses wenige Tage später wieder zurück an die Behörde. Sie hat­te alle Fra­gen ein­fach mit einem Strich beant­wortet: Es gab für sie dort nichts einzu­tra­gen, kein Ver­mö­gen, keine Kon­ten, kein Einkom­men. Sie hat­te nicht ein­mal etwas bei den Fra­gen zu ihrem Leben­sun­ter­halt einge­tra­gen.[1] Es will fast scheinen, als stünde dieses For­mu­lar für ihr ganzes Leben, so, als existiere sie schon gar nicht mehr, so, als habe sie nie existiert.

Diese schmale Akte, beste­hend aus nur vier Seit­en, ist neben der Gestapo-Karteikarte das einzige, was von ihr erhal­ten geblieben ist. Das ist umso erstaunlich­er, als sie ein­er großen ostjüdis­chen Fam­i­lie entstammte, über die anson­sten recht umfassende Akten vor­liegen. Aber in kein­er dieser Akten, ob Entschädi­gungs- oder Devise­nak­ten der Geschwis­ter, ist sie auch nur erwäh­nt.[2]

Schiffer Judenhaus Wiesbaden Blumenstr. 7 Juden
Stamm­baum der Fam­i­lie Schif­fer (GDB-PLS)

Helene war das vierte von ins­ge­samt sechs Kindern des Ehep­aars Nathan Nachum Schif­fer und sein­er Frau Sara Rosa Fried­mann. Bei­de – der Vater war um 1859, die Mut­ter um 1856 geboren wor­den – stammten aus dem west­gal­izis­chen Bochnia, etwa 50 Kilo­me­ter südöstlich von Krakau gele­gen, das wegen sein­er bedeu­ten­den Salzvorkom­men früher den deutschen Namen Salzberg trug. Dieses Gebi­et, das vor dem Ersten Weltkrieg zu Öster­re­ich-Ungarn gehörte, war nach dem Krieg Polen zugeschla­gen wor­den, sodass alle Fam­i­lien­mit­glieder – die Kinder wur­den noch alle in Bochnia geboren – die pol­nis­che Staat­sange­hörigkeit besaßen, auch Helene. Wann die Fam­i­lie nach Wies­baden kam, lässt sich nicht mehr genau bes­tim­men. Sohn Leo gab später an, dass er, geboren Ende 1881, als Sech­sjähriger, also etwa 1887, mit seinen Eltern nach Wies­baden über­ge­siedelt sei.[3] Aber erst zehn Jahre später, näm­lich 1896, wurde Nathan Schif­fer erst­mals in das Wies­baden­er Adress­buch aufgenom­men. Die erste Woh­nung der Fam­i­lie in Wies­baden lag danach im ersten Stock des Haus­es Met­zger­gasse 26, der heuti­gen Wage­mannstraße.[4] Er scheint damals eine Beschäf­ti­gung als Syn­a­gogen­di­ener gefun­den zu haben, wom­it sich­er nur ein sehr beschei­denes Einkom­men zu erzie­len war. Um die Jahrhun­der­twende muss die Fam­i­lie in der­sel­ben Straße in die Num­mer 14 umge­zo­gen sein, wo sie eine Woh­nung im zweit­en Stock hat­te. Wiederum fünf Jahre später ste­ht neben der Berufs­beze­ich­nung ‚Syn­a­gogen­di­ener’ auch ‚Alt­waren­händler’. Im fol­gen­den Jahr ist Nathan Schif­fer nur noch mit diesem Beruf einge­tra­gen. Ver­mut­lich hat­te sich inzwis­chen das Geschäft aus­gedehnt, denn im fol­gen­den Jahr kam es erneut zu einem Umzug. Aber auch dies­mal blieb die Fam­i­lie in der Met­zger­gasse. Zunächst wur­den nur die Geschäft­sräume in das Haus mit der Num­mer 21 ver­legt. Im fol­gen­den Jahr 1907 zog dann auch die Fam­i­lie in den ersten Stock des Haus­es, während das Ladengeschäft im Parterre ein­gerichtet war. Am 4. August 1911 ver­starb Nathan Nachum Schif­fer in diesem Haus.

Die älteste Tochter Tille bzw. Hilde, geboren am 8. Okto­ber 1880, hat­te 1912, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, den eben­falls aus West­gal­izien stam­menden Kauf­mann Fei­wel Ehren­berg geheiratet.[5] Ein Jahr später, am 10. April 1913, wurde ihr Sohn Niko­laus in Wies­baden geboren. Die Fam­i­lie lebte in dieser Zeit eben­falls im Haus der Mut­ter, ver­mut­lich auch in der gle­ichen Woh­nung.[6] Ihr weit­eres Schick­sal ist nicht bekan­nt.[7]

Auch über den ältesten Sohn der Schif­fers weiß man nur wenig. Adolf, geboren am 6. Sep­tem­ber 1982, hat­te nach dem Tod des Vaters zunächst den Laden in der Met­zger­gasse mit seinen Brüdern weit­erge­führt, bis er am 4. Feb­ru­ar 1919 die in Fürth behei­matete Pelzwaren­händ­lerin Helene Bichel­er, geschiedene Stern heiratete.[8] Das Paar hat­te eine Woh­nung am Michels­berg 28, für ihr Geschäft, eine Kürschnerei, in die wohl auch Adolf Schif­fer eingestiegen war, sind sog­ar zwei Adressen angegeben, ein­mal in der Lang­gasse 1, zum anderen die Kirch­gasse 43. 1931 war der let­zt­ge­nan­nte Laden wohl aufgegeben wor­den und Adolf und Helene Schif­fer wohn­ten inzwis­chen in der Friedrich­str. 9 im zweit­en Stock. Danach ver­lieren sich ihre Spuren. Möglicher­weise kon­nten sie der Ver­nich­tung ent­ge­hen, aber gewiss ist das nicht, auch wenn sich ihre Namen nicht im Gedenkbuch des Bun­de­sarchivs befind­en.[9]

Auch der zweite Sohn der Schif­fers, der am 15. März 1884 geborene Fer­di­nand Felix, war zunächst im väter­lichen Geschäft geblieben. Nach dem Ausstieg des älteren Brud­ers führte Fer­di­nand nun den Laden mit sein­er Mut­ter und sein­er Frau Ros­alie, genan­nt Rosa, weit­er. Rosa Schnür­ma­ch­er, die er am 6. Juni 1908 geheiratet hat­te, war 1903 von Wilna nach Wies­baden zu Ver­wandten gekom­men und hat­te hier ihren zukün­fti­gen Mann ken­nen­gel­ernt.[10] Nach der Heirat wohn­ten sie etwa zehn Jahre in der Well­ritzstr. 20, wo in den fol­gen­den Jahren auch ihre drei Söhne geboren wur­den: Nico Nachum, der später die Düs­sel­dor­ferin Shavah Fass heiratete, Leonard Seew und zulet­zt Karl Amos.[11] Nach Zeu­ge­naus­sagen sollen die Geschäfte eher beschei­den gewe­sen sein, dem Paar und den später gebore­nen drei Kindern aber ein aus­re­ichen­des Auskom­men ver­schafft haben.[12] Um 1918 zogen sie in die Wage­mannstr. 13 in unmit­tel­bar­erer Nähe ihres Ladens.

Man kann sich gut vorstellen, das eine ostjüdis­che Fam­i­lie, die, auch wenn sie äußer­lich nicht durch die tra­di­tionelle Klei­dung auffiel, allein durch den typ­is­chen Beruf des Trödlers die Vorurteile und Aggres­sio­nen der „deutschen Volksgenossen“ her­vor­rief. „Die Fam­i­lie Schif­fer“, so eine ehe­ma­lige Nach­barin aus der Wage­mannstraße, sei „zu Naz­izeit­en sehr viel belästigt wor­den“.[13] Das Geschäft musste nach Darstel­lung von Rosa Schif­fer 1935 geschlossen wer­den. Ihr Schwa­ger, Leo Schif­fer, kon­nte später im Entschädi­gungsver­fahren genauere Angaben zu den dama­li­gen Vorgän­gen machen. Sein Brud­er habe eine Ver­fü­gung vom dama­li­gen Gauleit­er Habicht erhal­ten, nach der es Juden nicht mehr ges­tat­tet sei, mit deutschem Kul­turgut Han­del zu betreiben. Das gesamte Lager sei damals beschlagnahmt und öffentlich ver­steigert wor­den.[14]

Anstelle des Trödel­ladens habe man damals einen Lebens­mit­tel­laden ein­gerichtet, der, da jüdis­che Kund­schaft treu geblieben sei, noch immer ein hin­re­ichen­des Einkom­men gesichert habe. 1937 habe das Ladengeschäft wiederum auf Ini­tia­tive eines NSDAP-Funk­tionärs aufgegeben wer­den müssen und sei in die Woh­nung in der Wage­mannstr. 13 ver­legt wor­den. Hier habe man den Han­del als Bestel­lungs­geschäft weit­erge­führt.[15] Rosa Schif­fer hielt den Geschäfts­be­trieb auch noch gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes aufrecht. Dieser war am 4. Novem­ber 1937 im Alter von 53 Jahren einem Herzan­fall erlegen.[16] Ob der Herzan­fall bei dem chro­nisch Erkrank­ten durch eine anti­semi­tis­che Attacke während eines Kinobe­suchs wenige Tage zuvor aus­gelöst wor­den war, ist umstrit­ten,[17] nicht zu bezweifeln ist aber, dass die per­ma­nen­ten Anfein­dun­gen einem ohne­hin kranker Mann auch kör­per­lich zuset­zen mussten.

Die Lei­dens­geschichte der Fam­i­lie von Fer­di­nand und Rosa Schif­fer war damit noch nicht zu Ende. Während der „Pole­nak­tion“ 1938 wurde auch die Witwe ver­haftet und abgeschoben. Man habe sie aber wieder nach Wies­baden zurück­kehren lassen, um ihren Haushalt und das Geschäft aufzulösen. Die erst wenige Jahre alte Woh­nung­sein­rich­tung im unge­fähren Wert von 3.000 RM musste sie an Händler und Pri­vat­per­so­n­en weit unter ihrem Wert verkaufen. Am 20 Feb­ru­ar 1939 kon­nte sie dann nach Palästi­na auswan­dern.[18]

Hier ver­starb sie am 17. Jan­u­ar 1957 in großer Armut, nach­dem sie sich — chro­nisch erkrankt — die Jahre zuvor nur mit Hil­f­sar­beit­en als Büg­lerin, Näherin oder Hau­sangestellte am Leben erhal­ten hat­te.

Leo, der jün­gere Brud­er von Helene Schif­fer, war am 19.Dezember 1881 geborene wor­den und nach der Über­sied­lung der Fam­i­lie in Wies­baden in die Volkss­chule eingeschult wor­den. Nach deren Abschluss wird der Vierzehn­jährige ver­mut­lich im elter­lichen Geschäft mit­gear­beit­et haben, das er nach eige­nen Angaben, nach dem Tod der Mut­ter, alleine über­nom­men haben will.[19] Man muss aber davon aus­ge­hen, dass es sich hier um einen Fam­i­lien­be­trieb han­delte, an dem immer auch die Brüder in irgen­dein­er Weise beteiligt waren. Zudem wurde Leo 1915 in die öster­re­ichis­che Armee einge­zo­gen und musste spätestens dann auf die Geschäfts­führung verzicht­en. Nach Kriegsende sei er nach Wies­baden zurück­gekehrt und habe das Geschäft als Eta­gengeschäft in der Kirch­gasse 50, wo er auch seine Woh­nung hat­te, mit sein­er Frau, die die Buch­hal­tung geführt habe, neu aufge­baut. Seine Frau, die am 10. Juli 1890 in Mensfelden bei Lim­burg geborene Bet­ty Besmann,[20] war auch die Mut­ter der drei Kinder des Paares. Als erste war Alice 1914, dann Nor­bert 1916 und zulet­zt Hein­rich 1919 geboren wor­den.[21]

Bei den ange­bote­nen Waren hat­te man sich offen­sichtlich auf Edel­met­alle, haupt­säch­lich Alt- und Bruch­gold, spezial­isiert, das zumeist über Zeitungsan­non­cen akquiri­ert und an andere Händler weit­er­verkauft wurde. Auch die Frank­furter Degus­sa gehörte zu seinem Kun­den­stamm. Neben Edel­met­allen han­delte er aber auch mit Bril­lanten und anderen Min­er­alien. Die Geschäfte hät­ten ihm, so seine Angaben im Entschädi­gungsver­fahren, monatlich immer­hin etwa 400 RM einge­bracht, bevor er durch die Nazis in seinen Aktiv­itäten eingeschränkt wor­den sei. 1937 habe er den Han­del aufgeben müssen, weil ihm das Inserieren in den lokalen Zeitun­gen von der NSDAP unter­sagt wor­den sei.[22]

Zu dieser Zeit war sein Sohn Nor­bert bere­its nach Palästi­na aus­ge­wan­dert. Er hat­te Deutsch­land im Juli 1936 ver­lassen, die Eltern und ver­mut­lich auch die übri­gen Kinder fol­gten im Sep­tem­ber 1937 über Bel­gien und Frankre­ich. Die zum Teil noch recht neue Ein­rich­tung der 4‑Z­im­mer-Woh­nung habe damals zu Schleud­er­preise verkauft wer­den müssen. Immer­hin habe er aber noch elf Kisten mit Umzugsgut durch die Wies­baden­er Spedi­tions­fir­ma Wald­mann zum Ver­sand nach Palästi­na gebracht.[23] Die Weit­er­reise von Paris nach Mar­seille verzögerte sich um zwei Wochen wegen eines Ner­ven­zusam­men­bruchs von Bet­ty Schif­fer in Paris. Mit der „Prov­i­dence“ gelangten sie von da aus nach Palästi­na. [24]

Eine der Ursachen für den Zusam­men­bruch von Bet­ty Schif­fer sei ein Ereig­nis unmit­tel­bar vor der Aus­reise gewe­sen. Nach der Schilderung von Leo Schif­fer seien ihm von einem SS-Mann in sein­er Woh­nung Schmuck­stücke — Bril­lanten, Arm­bän­der und Ringe — im Wert von mehr als 40.000 RM abgenom­men wor­den. Eine Quit­tung für diese Kon­fiszierung bzw. für diesen Raub habe ihm sowohl der SS-Mann selb­st, wie auch die Gestapo und die NSDAP-Stelle ver­weigert.[25] Nicht nur wegen der fehlen­den Belege wur­den im späteren Entschädi­gungsver­fahren die Angaben beson­ders bezüglich der Höhe des Schadens bezweifelt. Es erschien wenig glaub­haft, dass Leo Schif­fer bei dem rel­a­tiv gerin­gen Einkom­men solche Ver­mö­genswerte habe ans­paren kön­nen.[26] Auch waren weit­ere Angaben zu den dama­li­gen Ereignis­sen wider­sprüch­lich. So bezeugte der Neffe Niko­laus Ehren­berg, der Raub sei der let­zte Anlass für die Flucht der Fam­i­lie seines Onkels gewe­sen. Dieser selb­st wiederum gab an, der SS-Mann habe im Wis­sen um die angemeldete Aus­reise der Fam­i­lie den Raub began­gen. Er habe sich­er sein kön­nen, dass er, Leo, keine Strafanzeige mehr würde stellen wer­den, um die Aus­reise nicht zu gefährden. Durch den Ver­lust des Schmucks, der die Basis für einen geschäftlichen Neuan­fang im Exil sein sollte, sei es ihm in Palästi­na nie mehr gelun­gen, wirtschaftlich auf die Beine zu kom­men. Zulet­zt habe er sich sog­ar von seinem Sohn unter­stützen lassen müssen. Auch Leo und seine Frau ver­bracht­en die Jahre im palästi­nen­sis­chen bzw. israelis­chen Exil in großer Armut. Wann sie dort ver­star­ben, ist nicht bekan­nt.[27]

Trotz aller Ver­luste und allem ertra­ge­nen Leid hat­ten Leo Schif­fer und seine Fam­i­lie ihr Leben ret­ten kön­nen. Dem jüng­sten Brud­er Josef Ush­er blieb das ver­wehrt. Er, seine Frau und sein Sohn star­ben in den Gaskam­mern von Auschwitz, ihre Leich­nahme wur­den in den Kre­ma­to­rien ver­bran­nt, ihre Asche ver­streut.

Schon lange vor diesem schreck­lichen Ende hat­te die Fam­i­lie viel Leid erfahren müssen. Josef Ush­er, das jüng­ste Kind von Nathan und Rosa Schif­fer, war am 8. Juni 1889 geboren wor­den. Im Unter­schied zu seinen Geschwis­tern hat­te er ver­sucht, einen anderen, wie er sich­er dachte, zukun­ft­strächtigeren Beruf als den eines Alt­waren­händlers zu ergreifen. Für ein Studi­um hat­te das Geld der Fam­i­lie nicht gere­icht, auch hat­te er wohl nicht das dafür notwendi­ge Abitur able­gen kön­nen. Aber immer­hin hat­te er in Frank­furt ein Diplom als Den­tist erwor­ben, mit dem er als Zah­n­tech­niker arbeit­en kon­nte, aber auch Behand­lun­gen in begren­ztem Umfang ausüben durfte.

Helene Schiffer
Kaufhaus Fried in Nor­den­stadt

Am 12. Juni 1919 hat­te er Martha Fried aus der östlich von Wies­baden gele­ge­nen Gemeinde Nor­den­stadt geheiratet. Martha, geboren am 2. Juni 1994, war die jüng­ste Tochter von Isaak Fried und sein­er Frau Fan­ni, geb. Nach­mann, ein­er streng­gläu­bi­gen jüdis­chen Fam­i­lie, wie später ihre Enke­lin Ani­ta Lip­pert angab.[28] In der Kauf­manns­fam­i­lie, die in Nor­den­stadt in ihrem Haus einen ein­träglichen Gemis­cht­waren­han­del betrieb, waren zuvor die ältere Schwest­er Sel­ma und der eben­falls ältere Brud­er Lud­wig geboren wor­den.[29]

Nach der Heirat hat­te Josef Schif­fer um 1920 in Wies­baden in der Bahn­hof­str. 20, wo die Fam­i­lie auch wohnte, seine Prax­is eröffnet. Aber wie den Steuer­ak­ten zu ent­nehmen ist, lief diese von Anbe­ginn an schlecht, die Ein­nah­men gin­gen sog­ar im Laufe der Zwanziger Jahre immer weit­er zurück. Zwei Zim­mer musste man unter­ver­mi­eten, um so wenig­stens etwas  Geld für den Leben­sun­ter­halt zu erwirtschaften, den­noch war man auf die Unter­stützung von Ver­wandten angewiesen, die mit Lebens­mit­telgeschenken aushalfen. Er sehe, so schrieb er am 29. August 1926 dem Finan­zamt „tage­lang keinen Patien­ten“.[30] Zwar kon­nten in diesen ersten Jahren immer­hin noch etwa 1.000 RM monatlich als Einkom­men ver­bucht wer­den, aber diese durch die Infla­tion aufge­blähte Zahl, sagt nur wenig über die realen Einkom­mensver­hält­nisse aus. Nach der Sta­bil­isierung der Währung ab 1923 gin­gen die Zahlen deut­lich zurück. Gegen Ende des Jahrzehnts ver­fügte die Fam­i­lie nur noch über ein Jahre­seinkom­men von 400 RM. Immer wieder ver­suchte das Amt verge­blich beste­hende Steuer­rück­stände einzutreiben und immer wieder musste Josef Schif­fer um Stun­dung oder Erlass bit­ten. Auch der im April 1929 ver­mut­lich aus Kosten­grün­den vol­l­zo­gene Umzug von Wies­baden nach Igstadt in die Kleine Straße 3 kon­nte die Prob­leme nicht lösen, denn die Umsätze brachen dort weit­er drama­tisch ein.[31] Um der Fam­i­lie ein weit­eres finanzielles Stand­bein zu ver­schaf­fen, über­nah­men Martha Schif­fer zusam­men mit ihrem Brud­er Lud­wig im Feb­ru­ar 1929 das in Igstadt alteinge­führte Stoff- und Wäschegeschäft der ver­witweten Jüdin Her­mine Löwens­berg.[32] Aber angesichts der her­aufziehen­den Weltwirtschaft­skrise und des ver­stärkt aufkeimenden Anti­semitismus erwies sich auch das als Sack­gasse. Im Jahr 1932 waren es nur noch 150 RM, die Josef Schif­fer als zu ver­s­teuern­des Einkom­men dem Finan­zamt meldete.[33] Im Okto­ber 1934 zog die Fam­i­lie mit dem Laden erneut um, allerd­ings nur inner­halb von Igstadt in die Mainz­er Str. 6.[34]. Aber auch hier blieben sie nicht lange. Im April 1936 wurde der Laden aufgegeben und die Fam­i­lie zog wieder in das Wies­baden­er Stadt­ge­bi­et, in die Kirch­gasse 50, wo sie im zweit­en Stock eine 4‑Zimmerwohnung bewohnte. Josef Schif­fer soll hier auch wieder prak­tiziert haben.[35]

Helene Schiffer Judenhaus
Mit Genehmi­gung von Ani­ta Lip­pert

In dieser schwieri­gen Zeit war am 19. Juli 1928 neun Jahre nach der Eheschließung der Sohn Julius Her­bert geboren wor­den.[36] Nur wenige Jahre durfte er trotz aller Armut in Igstadt eine rel­a­tiv nor­male Kind­heit ver­brin­gen. 1936 musste er als Jude aber dann die örtliche Volkss­chule ver­lassen. Er wurde stattdessen in der Jüdis­chen Schule in der Mainz­er Straße aufgenom­men. Ver­mut­lich war der erzwun­gene Schul­wech­sel auch ein Grund, weshalb die Eltern wieder zurück in die Stadt zogen.

Angesichts der ins­ge­samt sich immer mehr ver­schlechtern­den Leben­sum­stände gab es für die Fam­i­lie Schif­fer nur wenig, was sie noch an ihre Wies­baden­er Heimat band. Am 15 Juli 1939 ver­ließ sie laut Ein­trag in der Gestapo-Karteikarte Deutsch­land und reiste legal nach Bel­gien aus, wo sie in Antwer­pen eine Unterkun­ft fand. Da kein Ver­mö­gen vorhan­den war, wird auch keine Reichs­flucht­s­teuer ange­fall­en sein. Das Umzugsgut, beste­hend aus alltäglichen Gebraus­ge­gen­stän­den, Klei­dung und der Praxi­sein­rich­tung, für die keine Dego-Abgabe erhoben wor­den war,[37] brachte eine Spedi­tion über die Gren­ze.

Aber auch diese Flucht erwies sich let­ztlich als eine weit­ere Sack­gasse. Nach dem Über­fall Bel­giens durch die deutschen Trup­pen im Mai 1940 wur­den sie zwei Jahre später ver­haftet, als die Nazis beschlossen, die vie­len Tausend Juden, die aus den ver­schieden­sten Län­dern dor­thin geflo­hen waren, der Ver­nich­tung preiszugeben.[38] Die Kaserne in Meche­len diente als Sam­mel­lager. Etwa ab Juni 1942 roll­ten von hier aus die Züge nach Auschwitz.

Beim sech­sten Trans­port vom 29. August 1942 wur­den auch Josef Schif­fer, seine Frau Martha und der vierzehn­jährige Her­bert mit weit­eren etwa 1.000 Opfern in einen Viehwa­gen gezwängt und den Gaskam­mern zuge­führt.[39] Aber noch immer ließ sich das Grauen steigern. Im Außen­lager von Auschwitz, Blech­ham­mer / Cosel, wurde Her­bert noch von seinen Eltern getren­nt und zu einem Arbeit­sein­satz unter dem Kom­man­do Schmelt gezwun­gen,[40] während die Eltern sofort nach Birke­nau gebracht wur­den.[41]

Am 10. Dezem­ber 1949 wurde vom Amts­gericht Wies­baden der offizielle Todestag der Fam­i­lien­mit­glieder auf den 31. Dezem­ber 1942 fest­gelegt.[42]

 

Bei Helene Fis­ch­er, der Bewohner­in des Juden­haus­es in der Blu­men­straße, bleibt eine große Leer­stelle. Es gibt fast nichts, was über das Leben der ledig gebliebe­nen Auskun­ft geben kön­nte. Geboren wurde sie am 6. Feb­ru­ar 1886 wie ihre Geschwis­ter in Bochnia in West­gal­izien. Als Beruf ist auf ihrer Gestapo-Karteikarte „Stütze“, also Haus­ge­hil­fin, einge­tra­gen, was wahrschein­lich auch die häu­fi­gen Woh­nungswech­sel erk­lärt. Im Jüdis­chen Adress­buch von 1935 ist ihre Adresse mit Hell­mund­str. 24 angegeben. In diesem Haus wohnte zu dieser Zeit auch die ostjüdis­che Fam­i­lie Pews­ner. Abra­ham Pews­ner war Tabak­meis­ter gewe­sen und ver­fügte sich­er zu dieser Zeit noch über die finanziellen Mit­tel, sich eine Hau­sangestellte leis­ten zu kön­nen.

Die erste auf der Gestapo-Karteikarte einge­tra­gene Adresse ist die in der Seer­oben­str. 9. Hier lebte die alle­in­ste­hende geschiedene Jüdin Johan­na Kramer, geb. Glücks­mann. Ver­mut­lich hat­te Helene Schif­fer auch hier eine Stel­lung, für die sie aber wohl kaum mehr als Kost und Logis erhal­ten haben dürfte. Bei der Volk­szäh­lung im Mai 1939 gab sie als ihren Wohn­sitz die Wage­mannstr. 13II an. Das war eigentlich die Adresse ihres Brud­ers Fer­di­nand bzw. nach dessen Tod im Jahr 1937 die der Schwägerin Rosa Schif­fer. Vielle­icht hat­te sie zum Zeit­punkt der Zen­suser­he­bung tat­säch­lich da gewohnt, vielle­icht war es aber auch die offizielle Adresse, da sich ihre wirk­liche berufs­be­d­ingt ständig änderte. Schon ab dem 16. Juni 1939 wohnte sie laut Gestapo-Karteikarte in der Rhein­gaus­tr. 6. Hier erre­ichte sie im August 1940 auch der bere­its erwäh­nte Brief der Devisen­stelle Frank­furt. Den durchgestrich­enen Angaben zu Einkom­men und Ver­brauch hat­te sie einen erläutern­den Satz hinzuge­fügt: „Da ich wed­er Einkom­men noch Ver­mö­gen besitze u. seit Jahren von der öffentlichen Für­sorge unter­stützt werde, brauche ich kein beschränkt ver­füg­bares Sicherungskon­to zu führen.“[43] Das sah die Devisen­stelle genau­so und ent­band sie von dieser Pflicht. Sie dürfe das Geld von der jüdis­chen Für­sorge in bar ent­ge­gen­nehmen, ges­tat­tete man ihr. Zynis­cher­weise räumte man ihr sog­ar einen Frei­be­trag von 300 RM ein.[44]

HHStAW 519/3 7992 (3)

Am 13. März 1941 musste sie laut Ein­trag auf ihrer Gestapo-Karteikarte in das Juden­haus ziehen, wo ihr eines der Mansar­den­z­im­mer zugewiesen wurde.[45] Ver­mut­lich war sie so ver­armt, dass sie für das Zim­mer keine Miete zu bezahlen brauchte. In den erhal­te­nen Abrech­nun­gen des Hausver­wal­ters für die Monate Sep­tem­ber 1941 bis Mai 1942 taucht ihr Name unter den etwa sieben jüdis­chen Miet­parteien nicht auf, obgle­ich sie unzweifel­haft in dieser Zeit dort wohnte. Ob sie die Miete durch Hil­f­stätigkeit­en abge­golten hat­te, ist insofern unwahrschein­lich, als auf ihrer Karte auch der Ver­merk „arbeit­sun­fähig, krank“ einge­tra­gen ist. Bei der Räu­mung des Haus­es im Juni 1942 gehörte sie zu den­jeni­gen, die zu keinen weit­eren Umzü­gen in Wies­baden gezwun­gen wur­den. Stattdessen bestieg sie am 10. Juni am Bahn­hof in Wies­baden den Zug, der in Frank­furt die Num­mer Da 18 erhal­ten sollte und etwa 1350 Juden nach Lublin brachte. An welchem der fol­gen­den Tage sie in Sobi­bor ermordet wurde, ist nicht bekan­nt. Auch für Helene Schif­fer hat ihr Brud­er Leo in Yad Vashem eine ‚Page of Tes­ti­mo­ny’ zu ihrem Gedenken hin­ter­legt.[46]

 

 

 

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Anmerkun­gen:

 

[1] HHStAW 519/3 7992 (1).

[2] Einzig der Recht­san­walt Reich­mann, Anwalt von Leo Schif­fer, fragte am 14.2.1963 bei der Entschädi­gungs­be­hörde an, ob „entschädi­gungsrechtliche Ansprüche der Erben nach Helene Schif­fer angemeldet wor­den“ seien, HHStAW 588 888 (151), woraufhin die Behörte antwortete: „Auf ihr Schreiben vom 24.2.1963 teile ich Ihnen mit, dass ein Entschädi­gungsantrag nach Helene Schif­fer bei mein­er Behörde nicht anhängig ist. Auch aus den Akten Leo Schif­fer kann ein Anspruch nach Helene Schif­fer nicht hergeleit­et wer­den. Ich habe die Akte genauestens durchgeprüft, jedoch an kein­er Stelle eine Anmel­dung oder Erwäh­nung der Helene Schif­fer gefun­den.“ Ebd. (154)

[3] HHStAW 518 888 I (12).

[4] Die Gasse lag ursprünglich außer­halb, aber unmit­tel­bar am Rande des mit­te­lal­ter­lichen Stadtk­erns, in dem früher auch das jüdis­che Vier­tel ange­siedelt war. Beze­ich­nen­der­weise trug die Met­zger­gasse früher auch ein­mal den Namen ‚Juden­gasse’. Hier stand früher auch die Syn­a­goge, bevor sie in die Spiegel­gasse ver­legt wurde. Mit dem Neuauf­bau der Stadt nach dem 30-jähri­gen Krieg wurde die Met­zger­gasse in den Stadtk­ern aufgenom­men. Noch heute ste­hen hier die ältesten Wohn­häuser der Stadt. Um 1915 erhielt die Gasse ihren heuti­gen Namen ‚Wage­mannstraße’.

[5] Die Eltern von Fei­wel Ehren­berg waren Mar­cus Ehren­berg und seine Frau Reizel, geb. Fer­tig, siehe ‚DB Jüdis­che Bürg­er Wies­badens des Stadtarchivs Wies­baden’.

[6] Ein eigen­er Ein­trag im Wies­baden­er Adress­buch ist nicht vorhan­den.

[7] Ver­mut­lich war die Fam­i­lie bere­its vor 1935 von Wies­baden ver­zo­gen, denn schon im JAB 35 ist sie nicht mehr erwäh­nt. Auch gehörte sie nicht zu den­jeni­gen, die im Okto­ber 1938 bei der soge­nan­nten „Pole­nak­tion“ von Wies­baden aus über die Gren­ze nach Polen abgeschoben wor­den waren. Ein Ein­trag im Gedenkbuch des Bun­de­sarchivs Koblenz ist für alle drei nicht vorhan­den. Aus den Akten des Entschädi­gungsver­fahrens für Josef Schif­fer ergibt sich allerd­ings, dass das Paar noch weit­ere Kinder hat­te, die den Holo­caust auch über­lebt haben müssen. Sie wer­den neben anderen Nachkom­men aus anderen Fam­i­lien­zweigen nach Ehren­berg, Nach­mann (Niko­laus) mit den jew­eili­gen Geburts­dat­en aufge­führt. Es han­delt sich um Ehren­berg, Heinz, geb. 23.7.1914, Ehren­berg, Fer­di­nand, geb. 8.12.1917, und Ehren­berg, Max, geb. 24.11.1924. Die Eltern sind in dem Schreiben vom 25.6.1962 nicht mehr aufge­führt, siehe HHStAW 518 887 (75).

[8] Heirat­sreg­is­ter der Stadt Wies­baden 1919/58.

[9] Hier gibt es zwar einen Ein­trag für eine Helene Schif­fer aus Fürth, es scheint sich aber hier um den Mäd­chen­na­men der Frau zu han­deln, zudem hat­te sie ein anderes Geburts­da­tum als das in der Heirat­surkunde einge­tra­gene.

[10] HHStAW 518 899 (9). Rosa Schnür­ma­ch­er (auch Schnir­ma­ch­er geschrieben) war am 23.8.1886 in Wilna als Tochter von Max Schnür­ma­ch­er und sein­er Frau Lea, geb. Wit­ten­berg, geboren wor­den.

[11] Nico Nachum, geb. am 15.5.1912, Leonard Seew, geb. am 4.3.1917, und Karl Amos, geb. 1.2.1918, siehe Geneal­o­gis­che Daten­bank der Paul-Lazarus-Stiftung Wies­baden.

[12] Ebd. (26) Sein Brud­er Leo gab im späteren Entschädi­gungsver­fahren andere Adressen als Rosa Schif­fer an, näm­lich zunächst die Marxs­traße und später die Taunusstr. 5, sagte aber auch aus, dass die Fam­i­lie sich „aus diesem Unternehmen gut ernährt“ habe. Dass der Laden­be­trieb zwis­chen­zeitlich in die Taunusstraße ver­legt wor­den war, wird auch von anderen Zeu­gen bestätigt, siehe ebd. S. 40.

[13] HHStAW 518 889 (40).

[14] Ebd. (26). Ob die Darstel­lung so ganz zutr­e­f­fend ist, muss allerd­ings infrage gestellt wer­den, denn Habicht war zwar eine führende NSDAP-Fig­ur ger­ade in der Wies­baden­er Kom­mu­nalpoli­tik, er war Reich­stagsab­ge­ord­neter der NSDAP, aber kein Gauleit­er, und in der infrage ste­hen­den Zeit war er primär in Öster­re­ich bei der Desta­bil­isierung des Doll­fußregimes aktiv. Da er aber aus Wies­baden stammte, ver­mut­lich auch öfter zu Hause war und hier seine alten Verbindun­gen hat­te, kann nicht aus­geschlossen wer­den, dass er mit der Schließung des Ladens etwas zu tun hat­te.

[15] Ebd. (9, 26). Die Angaben der kom­mu­nalen Behör­den zu den Geschäften sind wider­sprüch­lich. So gab das Finan­zamt Wies­baden später an, die Geschäfte seien jew­eils auf den Namen von Fer­di­nand Schif­fer angemeldet gewe­sen, beim städtis­chen Gewerbesteuer­amt war hinge­gen auss­chließlich Rosa Schif­fer als Inhab­erin der Geschäfte einge­tra­gen, siehe ebd. (16, 23).

[16] Ster­bereg­is­ter der Stadt Wies­baden 1937 / 1664.

[17] Dazu HHStAW 518 889 (9, 40, 41).

[18] Ebd. (58, 9). Im Entschädi­gungsver­fahren war bezüglich der Auswan­derung nur von ihr selb­st die Rede, nicht von den Kindern. Auch diese lebten später in Israel. Von dem ältesten Sohn Nico Nachum, der im Rah­men der Wies­baden­er Besuch­spro­gramme für ehe­ma­lige jüdis­che Mit­bürg­er noch ein­mal seine Heimat­stadt besuchte, weiß man, dass er bere­its 1934 aus­ge­wan­dert war.

[19] HHStAW 518 888 I (12). Leo Schif­fer gibt hier als Todes­jahr der Mut­ter fälschlicher­weise das Jahr 1914 an, der Ein­trag im Ster­bereg­is­ter der Stadt Wies­baden belegt aber, dass diese am 31.12.1918 ver­stor­ben ist, siehe Ster­bereg­is­ter der Stadt Wies­baden 1918/2449.

[20] HHStAW 518 888 (373).

[21] Die genauen biographis­chen Dat­en der Kinder: Alice geb. am 27.9.1914. Sie ver­starb schon nach zwei Monat­en am 20.11.1914. Nor­bert, geb. am 11.1.1916, heiratete im März 1944 in Palästi­na Bertha Atlas. Hein­rich wurde am 25.11.1919 geboren.

[22] Ebd. Bei seinem Antrag auf Entschädi­gung gab Leo Schif­fer als Beruf „Juwe­li­er“ an, ebd. (21).

[23] Leo Schif­fer kon­nte in vie­len Fällen detail­liert nach­weisen, zu welchen Preisen er die Ein­rich­tung wann und wo gekauft hat­te und wer die Aufkäufer des Mobil­iars waren, siehe HHStAW 518 888 (84 f.).

[24] HHStAW 518 888 I (84, 169). Die Aus­sagen der Fam­i­lien­mit­glieder zur Aus­reise sind nicht wider­spruchs­frei. Während der Sohn Nor­bert in ein­er eidesstat­tlichen Erk­lärung angab, bere­its im Juli 1936 aus­gereist zu sein, gab der Vater in sein­er Darstel­lung zu Pro­tokoll, dass er 1937 Tick­ets für seine Frau und seine zwei erwach­se­nen Söhne gekauft habe, sie also alle gemein­sam aus­gereist seien.

[25] HHStAW 518 888 (143 f., 171).

[26] Siehe zu dem Vor­gang die diversen Eingaben und Schrift­sätze in HHStAW 518 888 I pas­sim. Lange vor dieser Auseinan­der­set­zung mit der Entschädi­gungs­be­hörde um die Juwe­len hat­te diese bere­its am 8.2.1951 in ihren Akten, einen Ver­merk angelegt, der auch der Betreu­ungsstelle über­mit­tel wor­den war. Unter dem Punkt „ras­sisch Ver­fol­gter“ heißt es dort: „nicht anerkan­nt“ und unter „Zuläs­sigkeit“ des Antrags auf Entschädi­gung: „zweifel­haft“. Ganz offen­sichtlich begeg­nete man dem Antrag­steller, noch bevor entsprechende Belege und Zeu­ge­naus­sagen in Augen­schein genom­men wor­den waren, mit ein­er völ­lig unbe­grün­de­ten Skep­sis. Daran, dass er und seine Fam­i­lie als Juden ras­sis­tis­ch­er Ver­fol­gung aus­ge­set­zt waren, kon­nte ern­sthaft kein Zweifel beste­hen. Siehe ebd. (4).

[27] Ob sich die Ereignisse tat­säch­lich in der von Leo Schif­fer dargestell­ten Weise zuge­tra­gen haben, ließ sich nicht mehr klären. Unklar ist zudem, ob die Entschädi­gungs­be­hörde den Schaden reg­ulierte. Laut einem Bescheid vom 12.5.1964 wurde der Plün­derungss­chaden durch Bescheid vom 15.2.1963 (147) „erset­zt“. In diesem Bescheid ste­ht aber aus­drück­lich: „Unter Würdi­gung all dieser Umstände kon­nte die Behörde nicht die Überzeu­gung gewin­nen, dass der Antrag­steller einen Schaden der behaupteten Art erlit­ten hat. Der Antrag war deshalb abzulehnen.“ Ebd. (149).

[28] Lip­pert, Ani­ta, Nor­den­stadt – Wies­baden – There­sien­stadt (Tsche­choslowakei) – Wies­baden – Philadel­phia, New York (SA) – Wies­baden, in: Zurück in das Land, das uns töten wollte, Treuen­feld, Andrea (Hg.), München 2015, S. 29 f.

[29] Die am 10.1.1889 geborene Sel­ma Fried wurde am 10.6.1942 von Wies­baden aus deportiert und ver­mut­lich in Sobi­bor umge­bracht. Lud­wig Fried, geboren am 20.8.1890, war mit der aus Mainz stam­menden Ari­erin Elis­a­beth Salzinger ver­heiratet, die als evan­ge­lisch Getaufte sehr bewusst zum jüdis­chen Glauben kon­vertiert war. Da sie aber den­noch in der Rassenide­olo­gie als Ari­erin galt, ret­tete sie durch das Mis­chehen­priv­i­leg das Leben ihres Mannes und das der gemein­samen Tochter Ani­ta Rosel. Vater und Tochter waren aber zulet­zt noch nach There­sien­stadt deportiert wor­den, wur­den 1945 aber von den sow­jetis­chen Trup­pen befre­it. Zum Schick­sal der Fam­i­lie siehe Lip­pert, Nor­den­stadt.

[30] HHStAW 685 754 (2).

[31] Die Recherchen des Heimat- und Geschichtsvere­ins Igstadt e.V. kon­nten nicht sich­er nach­weisen, dass Josef Schif­fer dort über­haupt noch eine Prax­is angemeldet hat­te, siehe ‘Sie waren unsere Nach­barn’. Geschichte und Schick­sale jüdis­ch­er Fam­i­lien aus Igstadt, Wies­baden 2014, S. 99.

[32] Zur Fam­i­lie Löwens­berg siehe umfassend ‘Sie waren unsere Nach­barn’.

[33] HHStAW 685 754 pas­sim. In ein­er Auf­stel­lung des Finan­zamts Wies­baden vom Mai 1939 wur­den von 1931 bis 1938 fol­gende Einkom­men nach Abzug von Wer­bungskosten und Son­der­aus­gaben gemeldet: 1931 = 608 RM, 1932 und 1933 kein Einkom­men, 1934 = 403 RM, 1935 kein Einkom­men, 1936 nicht ver­an­lagt, 1937 = 1023 RM, siehe ebd. (101). Siehe dazu auch 518 887 (20).

[34] HHStAW Ebd. (86). Eige­nar­tiger­weise find­et sich im Wies­baden­er Adress­buch 1934/35 ein Ein­trag von Josef Schif­fer, Den­tist, mit der Adresse Neu­gasse 3 II.

[35] Sie waren unsere Nach­barn, S. 100.

[36] HHStAW 469/33 2612 (4).

[37] HHStAW 518 887 (28).

[38] Sie zur „Juden­poli­tik“ im beset­zten Bel­gien Reitlinger, Endlö­sung, S. 388 ff.

[39] http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=7859304&ind=11.

[40] Unter der Macht­befug­nis des ehe­ma­li­gen Polizeipräsi­den­ten von Bres­lau, dem SS-Ober­führer Albrecht Schmelt, der ver­mut­lich Himm­ler unmit­tel­bar unter­stellt war, war seit 1940 in Ober­schle­sien „poly­par­tig“ – wie Stein­bach­er schreibt – ein weit­ge­hend unbekan­ntes Sys­tem von etwa 160 Arbeit­slagern ent­standen, in denen jew­eils meist 100 bis 400 jüdis­che Arbeit­skräfte zusam­menge­fasst waren. In diesem Lager­sys­tem hat­ten, anders als son­st, ökonomis­che Pri­or­itäten Vor­rang vor dem Ziel der Ver­nich­tung. Mith­il­fe der Juden­räte wur­den zunächst die ober­schle­sis­chen Juden rekru­tiert, die dann gegen entsprechende „Lei­hge­bühren“ zugun­sten der SS an Fir­men wie die I.G.-Farben oder andere kriegswichtige Unternehmen der Region, aber auch an die Reich­sauto­bahn­bauleitung ver­liehen wur­den. Später wur­den auch Züge, die auf ihrem Weg nach Auschwitz waren, vom Kom­man­do Schmelt ein­er ersten Selek­tion unter­zo­gen, bis Eich­mann und Höss diese Maß­nah­men unter­ban­den. Aber erst 1943 wur­den die Arbeit­slager in das KZ-Sys­tem als Außen­lager von Groß-Rosen und Auschwitz einge­bun­den. Das größte Lager, Blechkam­mer (Bla­chow­ina), in dem 3000 Häftlinge im dor­ti­gen Hydri­er­w­erk daran arbeit­eten, Kohle in flüs­sige Brennstoffe zu ver­wan­deln, kam sog­ar erst im April 1944 zu Auschwitz, siehe Wachs­mann, Niko­laus, KL – Die Geschichte der nation­al­sozial­is­tis­chen Konzen­tra­tionslager, München 2016, S. 384. Zum Kom­man­do Schmelt siehe umfassend Stein­bach­er, Sybille, „Muster­stadt“ Auschwitz. Ger­man­isierungspoli­tik und Juden­mord in Ober­schle­sien, München 2000, S. 138–152, eine knappe Zusam­men­fas­sung ist zu find­en unter http://www.yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%205806.pdf.

[41] Siehe Ein­trag im Gedenkbuch des Bun­de­sarchivs Koblenz für Her­bert Schif­fer.

[42] HHStAW 469/33 2612 (17). Für die Ermorde­ten sind in Yad Vashem ver­schiedene ‚Pages of Tes­ti­mo­ny’ hin­ter­legt, für Martha  Schif­fer, geb. Fried http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Schiffer&s_firstName=&s_place=Wiesbaden, für ihren Mann Josef, http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Schiffer&s_firstName=&s_place=Wiesbaden und für den Sohn Her­bert http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Schiffer&s_firstName=&s_place=Wiesbaden. Auf dem Grab­stein von Lud­wig und Elis­a­beth Fried auf dem Jüdis­chen Fried­hof an der Plat­ter Straße wird eben­falls an die ermorde­ten Geschwis­ter von Lud­wig Fried, an Sel­ma Fried und Martha Schif­fer erin­nert.

[43] HHStAW 519/3 7992 (3).

[44] Ebd. (4).

[45] Unbekan­nte Liste X3.

[46] http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Schiffer&s_firstName=Helene&s_place=Wiesbaden.