Isak / Isaak und Hilde Teutsch


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Herrngartenstr. 11

 

 

 

 

 

 


Wie Alma Rubinstein oder das Ehepaar Hirsch mussten auch Isak und Hilde Teutsch sowie ihre Tochter Emilie mit ihrem Mann Otto Kahn und dem gemeinsamen Sohn Walter noch im Spätsommer 1942 und damit kurz vor der Deportation in das Judenhaus in der Herrngartenstr. 11 einziehen. Sowohl die Familie Teutsch als auch die der Kahns stammten aus Orten mit einem traditionsreichen jüdischen Leben und auch die Familien selbst lassen sich zumindest zum Teil bis in das frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Möglicherweise kamen beide Familien ursprünglich aus dem böhmischen Raum.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch
Stammbaum der Familie Teutsch
GDB

Gerade die Wurzeln der Familie Teutsch sind außerordentlich gut dokumentiert. Zum einen liegt die Monographie von Albert Teutsch über die Geschichte der Juden der Gemeinde Venningen vor, in der die Geschichte seiner Familie im Zeitraum von 1590 bis 1936 eine besondere Beachtung gefunden hat,[1] zum anderen ist im Leo Baeck Institut eine weitere Familiengeschichte mit dem Titel „Angaben bezüglich des Stammbaums der Familie Teutsch“ hinterlegt, die von Johanna Wolff, geborene Teutsch, im Jahre 1899 verfasst wurde und von ihrem Neffen Albert Teutsch 1932 ergänzt und im Hinblick auf manche ungenauen genealogischen Angaben korrigiert bzw. ergänzt wurde.[2]

Vermutlich gab es in Venningen zu Beginn des 18. Jahrhunderts die ersten jüdischen Ansiedlungen. Ein Isak Jakob, der 1725 in Mußbach geboren wurde, war als Witwer um 1770 nach Venningen gekommen und hatte dort die ebenfalls verwitwete Johanna Kuhn, geborene Aron, geheiratet.[3] Diese beiden sind die Stammeltern aller aus Venningen kommenden Mitglieder der Familie Teutsch. In der für beide Partner zweiten Ehe waren noch einmal drei Söhne geboren worden, wobei der am 30. November 1777 geborene Gershom Jacob I der Stammvater des nach Wiesbaden reichenden Familienzweigs ist. Er hatte 1808 den Familienname Teutsch angenommen. Mit seiner Frau Sara, geborene Feibelmann, die am 14. September 1781 in Rülzheim zur Welt gekommen war, hatte er sieben Kinder, wobei das letzte Kind, der Sohn Lazarus, geboren am 18. November 1818 in Venningen, der Großvater von Emilie Teutsch, der Ehefrau Otto Kahns, war. Im Haus von Gershom Jakob I befand sich auch die Synagoge der Gemeinde und auch der Lehrer, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte, war in seinem Haus untergebracht. In dem Gebäude mit der Nummer 133 befand sich auch über längere Zeit die Mikwe der Gemeinde. All das macht deutlich, welche herausragende Stellung die Familie Teutsch in der Venninger Gemeinde innehatte. Seit 1887 besaßen die Venninger Juden zudem einen eigenen Friedhof. Das Gelände dafür war von Aron Teutsch, dem Bruder von Gershom Jakob I, damals Vorsitzender der Gemeinde, in deren Namen erworben worden.[4]

Albert Teutsch betonte in seiner Geschichte der jüdischen Gemeinde von Venningen das gute Verhältnis, das zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen im Ort geherrscht habe. Man habe wechselseitig an besonderen Ereignissen und Feiern teilgenommen und gerade Mitglieder der Familie Teutsch hätten sich auch aktiv im örtlichen Gemeinderat engagiert.[5] Immerhin war im Laufe des 19. Jahrhunderts die Zahl der jüdischen Bewohner beträchtlich angestiegen, war von einem Bevölkerungsanteil von 2.5 Prozent auf 8,5 Prozent angewachsen,[6] was sich aber offensichtlich nicht negativ auf deren Akzeptanz ausgewirkte. Ob die Assimilation in Venningen aber soweit wie in der Nachbargemeinde Edenkoben fortgeschritten war, wo man sich schon früh vom orthodoxen Ritus entfernt hatte und wo dann auch das Judentum im Sinne eines gelebten Glaubens im Alltag immer mehr verschwand, ist aber eher unwahrscheinlich.[7] Immerhin notierte Gershom Jakobs Enkelin Johanna aber in ihren Erinnerungen ebenfalls, dass ihr Großvater sehr bildungsbeflissen gewesen sei und von seinen Kindern besonders das Erlernen der deutschen Sprache und die Orientierung an der deutschen Kultur erwartet habe. Allein aus wirtschaftlichen Gründen war man auf gute Beziehungen mit seinen Nachbarn angewiesen. „Der Großvater war Viehhändler, kaufte viel Feld, und betrieb selbst mit seinen Kindern und einer alten Magd die Oekonomie. Die Großmutter war eine feine brave Frau, die sich recht herumzureisen hatte, weil ihre Schwägerin die Esther meistens die Kippe-Milchkühe und deren Nutzen hatte und sie ihren großen Haushalt meistens mit wenig Kleingeld und mit abgemelktem Vieh zu führen hatte.“[8] Trotz der eher bescheidenen Verhältnisse wurde ein offenes und gastfreundliches Haus geführt, in dem die durchreisenden Handelsleute ein und ausgingen und „sich an Brot und Käs satt [essen – K.F.] und an Wein für einen Batzen (ungefähr zwanzig Pfennig) was meistenteils zu bezahlen vergessen wurde“, den Durst löschen konnten. Als seine Frau Sara bereits am 17. September 1825 im Alter von 44 Jahren verstarb, musste Gershom Jakob die Erziehung der insgesamt acht Kinder alleine übernehmen. Er habe dabei nach Johannas Urteil „nachgewiesener Massen“ auch „seine Töchter in allen erforderlichen Hausfrauenarbeiten“ unterwiesen. Beim Tod der Mutter war der am 18. November 1818 geborene Lazarus Teutsch, der Vater von Johanna und Isak, gerade mal sechs Jahre alt. Liebevoll beschreibt die Tochter Johanna in ihren Erinnerungen ihre Eltern, wie auch ihre acht Geschwister. Weil es sich um ein sehr außergewöhnliches Dokument handelt, soll dieser Abschnitt hier umfassend zitiert werden:
“Am 12. März 1845 war die Hochzeit meiner l. [=lieben – K.F.] Eltern, nach 2jähriger Verlobungszeit, bei Maas in Neustadt. Unser Vater war also das zweitjüngste Kind und hat sich zu 24 Jahren verlobt. Soweit ich mich zurückerinnern kann, sind seine Haare grau meliert, also früh gealtert, aber frisch am Aussehen und von der Last der Jahre nicht gebeugt, munter und freundlich in der Rede gegen jedermann und ehrerbietig und herzlich gut gegen unsere liebe Mutter, nachgiebig gegen uns Kinder war er stets bemüht, uns Freuden zu machen. In jüngeren Jahren war er eifrig im Viehhandel und Metzgerei, verstand selbst Ackerbau, hatte sich jederzeit recht zu plagen, denn das Geschäft war damals so erschwert, weil sie zu viert eine Kuh wöchentlich schlachteten. Der Absatz war sehr klein, und blieb gar wenig übrig. Im Sommer wurde gar nicht geschlachtet, an der Kirchweih wurde erst wieder angefangen.
Unsere l. Mutter war das zweitjüngste Kind von Isak Herz aus Rucheim, verlobte sich zu 22 Jahren. Ihren Kleidern nach zu urteilen, muss sie ein schlankes Mädchen gewesen sein. Sie hat ihre schwerkranke Mutter Jahre gepflegt und von ihr speziell ihren grosswertigen Schmuck versprochen bekommen, aber in ihrer Gutheit nicht angenommen. Sie waren 2 Jahre verlobt. Sie hatte, wie sie erzählt, einen schönen Brautstand gehabt, trotzdem sie allein den großen Haushalt zu führen hatte. Mein Vater hat ihr dann einen sehr schönen Schmuck gebracht, einen wertvollen gewirkten Schal und neben vielen Kleinigkeiten auch ein silbernes Kästchen in der Grösse von einem 2 Markstück mit Dukaten gefüllt. Meine Mutter hat aber das Geld nicht für sich verwendet, sondern mit nach Venningen gebracht und einen Wiesentermin damit bezahlt.
Unsere l. Eltern hatten von beiden Seiten ein schönes Vermögen zusammengebracht. Der l. Vater unser Haus und Ackerland und die l. Mutter wie üblich bares Geld, beide von den Eltern das nötige Möbel. Sie waren gesund und sehr fleissig und sparsam und dies war nötig. Der Viehhandel war nicht besonders einträglich.“

Das änderte sich allmählich mit dem Bau der Eisenbahn, wodurch die Nachfrage nach Fleisch durch die Ausweitung des Marktes allmählich anstieg. Ein Zusatzgeschäft war wohl auch der Anbau von Tabak, der – so Johanna -, „viel Mühe und Arbeit, aber reichlich Gewinn (brachte). Wir Kinder wurden zum Fleiss, zur Ordnung und zur Sparsamkeit erzogen. Es herrschte in unserem Haus Disziplin und Freude zur Arbeit und drückte sich niemals jemand davon. Wir hatten uns gegenseitig recht gern und fühlten jeder Zeit die Pflicht, unsere Eltern und uns gegenseitig in den verschiedenen Wechselfällen des Lebens zu unterstützen. Es herrschte religiöser Sinn und das allgemeine Bestreben friedlich beieinander zu sein.“

Auch die Eltern ihrer Mutter werden von ihr kurz erwähnt. Der Großvater mütterlicherseits sei ebenfalls Handelsmann, Bauer und Metzger gewesen. Die Großmutter Babette Bräunle Maas aus Bockenheim sei aus einer sehr reichen Familie gekommen, aber dennoch eine herzensgute Frau gewesen .
Ihre eigenen Geschwister – insgesamt hatten Lazarus und Rosina Teutsch neun Kinder – charakterisierte sie jeweils nur knapp mit einem Satz:

„Unser ältester Bruder Jakob war ein braver Sohn und treuer Bruder, stark und kräftig, schwarze Haare.
Unsere Schwester Babette (Breinle) war fleissig und arbeitsam, stark und kräftig, schwarze Haare.
Unsere Schwester Sara war still und zufrieden, fein, mittlere Grösse, schwarze Haare.
Unsere Schwester Theresa war immer tätig, von unermüdlichem Fleiss und großer Exaktheit, braune Haare.
Ich selbst bemühe mich auch, meine Pflichten zu erfüllen.
Bruder Isak, der jüngste, war auch immer fleissig und brav, schlank, schwarzes Haar.“[9]
Wahrscheinlich eine verklärende Kindheitserinnerung, in der Konflikte und innerfamiliäre Spannungen, die es ganz sicher auch gegeben hat, vergessen, verdrängt oder auch nur verschwiegen werden, aber dennoch bewahrt diese Replik das auf, was Johanna Teutsch am Ende ihres Lebens erinnerungswürdig erschien: Das Gefühl der Geborgenheit in einer grundsätzlich intakten Familie. Ob es dieses Gefühl der Sicherheit auch im weiteren sozialen Umfeld der Gemeinde gab, zumal während der Krisenjahre in der Mitte des 19. Jahrhunderts und später wieder in der Kaiserzeit, in der antisemitische Wellen gerade ländliche Gebiete erfassten, wird von ihr leider nicht angesprochen.

Isak hatte ganz in der Tradition der Familie das Metzgerhandwerk erlernt, betrieb aber nebenbei auch Landwirtschaft und besaß offensichtlich auch einen wohl eher kleinen Weinberg. Zumindest bezeichnete ihn sein Enkel Hans Josef später im Entschädigungsverfahren auch als Winzer.[10] Am 22. Juli 1896 gründete er durch die Eheschließung mit Hilde Rauh eine eigene Familie. Seine Frau kam aus dem nur 6 km entfernten Essingen an der Queich, wo sie 25. Januar 1875 als Tochter von Joseph und Barbara Rauh, geborene Buchbinder, geboren worden war.[11] Ihre Eltern waren Handelsleute, vermutlich Schuhhändler, denn die Ehefrau von Isak Teutsch brachte laut den Angaben von Oskar Teutsch, einem Neffen des Paares, einen Schuhladen quasi mit in die Ehe, der ebenfalls in Venningen angesiedelt war. In jedem Fall war das für die Familie ein weiteres wichtiges wirtschaftliches Standbein, sogar das einträglichere, wie Oskar angab.[12]

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Emilie Teutsch (rechts) mit ihren Schwestern Elisabeth (links) und Thekla (Mitte) um 1918
Archiv Aktives Museum Spiegelgasse

Anders als in den vorherigen Generationen war diese Ehe nicht mit einer gleich großen Kinderzahl gesegnet, aber immerhin wurden in ihr auch drei Töchter geboren. Elisabeth Babette war die erste. Sie kam am 5. August 1898 zur Welt, Thekla am 27. Juni 1902 und zuletzt am 26. März 1905 Emilie Babette.[13]

Der zuvor genannte Oskar Teutsch war der Sohn von Jakob Teutsch, dem ältesten Bruder von Isak, und dessen Frau Johanna, geborene Salomon. Vermutlich hatte Isak die Metzgerei früher mit seinem Bruder gemeinsam betrieben,[14] und sein Sohn Oskar war später in die Stellung seines Vaters eingetreten. Er gab im Entschädigungsverfahren an, dass er am 1. Januar 1924 mit seinem Onkel Isak eine OHG gegründet hätte, an der sie jeweils zur Hälfte beteiligt gewesen seien. Ohne den Grundbesitz habe das Geschäftsvermögen damals, kurz nach der Währungsreform 2.500 RM betragen. Das gemeinsame Unternehmen sei in den Folgejahren richtiggehend aufgeblüht. Man habe sehr sparsam gelebt, jeder habe jährlich nur etwa 2.000 RM aus dem Gewinn entnommen und den Rest investiert. So seien innerhalb weniger Jahre zunächst ein Motorrad, dann Autos angeschafft worden, danach hätten sie zusammen das Geschäft und die Metzgerei mit modernstem Inventar und Geräten ausgestattet und die Wände des Ladens und des Kühlraums neu gefliest.[15]

Oskar Teutsch hatte am 20. Dezember 1920 die am 9. März 1892 in Rockenhausen geborene Thekla Berg geheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder. Ziemlich genau ein Jahr nach der Hochzeit war am 19. Dezember 1921 zunächst die Tochter Ilse Rose geboren worden, am 4. April 1928 folgte dann noch der Sohn Werner. Zwar war er in Landau zur Welt gekommen, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Familie inzwischen Venningen verlassen hatte.[16]

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann TeutschJakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann TeutschJakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch

 

 

 

 

 

Passbilder von Oskar, Ilse und Thekla Teutsch in ihren Einbürgerungsanträgen für die USA
Quelle siehe Anm. 16


Dass das Ehepaar Isak und Hilde Teutsch in Venningen zu den sehr begüterten Familien gehört haben muss, lässt sich auch anhand der Entschädigungsakte nachvollziehen. Bevor im Jahr 1938 die NS-Behörden und die arischen Mitbürger über das Eigentum der früher so hoch geachteten Familie Teutsch herfielen, besaßen Isak und seine Frau ein Vermögen von mehr als 75.000 RM, einen Großteil in Form von Immobilien, aber auch in Wertpapieren, Hypothekenbriefen oder anderen Anlageformen. Hinzu kamen Wert- und Einrichtungsgegenstände, Schmuck und wertvolles Geschirr.[17]

Wie in vielen anderen Landgemeinden schlug die Stimmung gegenüber den Juden, besonders gegenüber den Viehhändlern mit dem Jahr 1933 sehr schnell in offene Feindschaft um. Alle früheren Assimilierungsanstrengungen erwiesen sich bald als obsolet, angesichts des Hasses, den man sie seit diesem Zeitpunkt spüren ließ. Schon Mitte der zwanziger Jahre hatten immer mehr Juden ihre Heimat verlassen, waren in größere Städte verzogen oder sogar ausgewandert. 1924 bestand die Gemeinde nur noch aus 36 Personen, den Vorsitz übten aber noch immer drei Mitglieder der Familie Teutsch aus. Auch in den dreißiger Jahren blieb die Zahl der Gemeindemitglieder relativ konstant im Bereich um 30 Personen.

Ob es, wie in der Nachbargemeinde Edenkoben, auch schon 1933 zu Gewaltaktionen gegen Juden kam, ist nicht überliefert, aber der wirtschaftliche Boykotte gegen jüdische Geschäfte wurde auch in Venningen ausgerufen. Zwar sind keine weit zurückreichenden Einkommensdaten der Familie Isak Teutsch überliefert, aber immerhin gibt es noch Angaben über die Gewinne, die in der gemeinsam mit Oskar Teutsch betriebenen Metzgerei während der Jahren 1931 bis 1938 erwirtschaftet werden konnten. Die lassen zumindest eine Tendenz erkennen. So lagen die jeweiligen Gewinne der beiden Teilhaber in den Krisenjahren 1931/32 immerhin noch über 5.000 bzw. sogar 6.000 RM. Im ersten Jahr der NS-Zeit erreichten sie nicht einmal mehr 4.000 RM. Sie stiegen zwar in den beiden Folgejahren noch einmal über die viertausender Marke, aber 1936 betrug der jeweilige Gewinn nur noch 3800 RM und 1937 noch 2.700 RM. Am 16. Mai 1938 wurde dann der Gewerbebetrieb eingestellt.[18] Inwieweit auch der Schuhladen von diesen Boykottmaßnahmen betroffen war, lässt sich den Akten nicht entnehmen, aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass auch das der Fall war.

Als im November 1938 in ganz Deutschland die Synagogen brannten, blieb die in Venningen nur deshalb verschont, weil man die angrenzenden Gebäude nicht gefährden wollte, das Innere des Gebäudes wurde aber verwüstet und geschändet. Auch die noch verbliebenen jüdischen Bewohner wurden Opfer der Gewaltattacken, so auch die Familie Teutsch. Oskar Teutsch, der im Nachbarhaus wohnende Neffe und Mitinhaber des Geschäfts bezeugte in einer eidesstattlichen Erklärung, dass in dieser Nacht die Fenster und die Läden eingeschlagen und mit einer langen Stange auch die Einrichtung in den zur Straße gelegenen Zimmern schwer beschädigt wurden. „Beide Eheleute waren durch den wohl begreiflichen Schrecken geistig so furchtbar erregt und verängstigt, dass sie von Neustadt ein Automobil bestellten, um nach Schierstein zu fahren. In Mutterstadt wurden sie aber von einer Bande angehalten und aus dem Auto heraus geholt. Bei Verwandten fanden sie in einer halb zerstörten Wohnung über Nacht einen Unterschlupf.“[19] Von einer anderen nichtjüdischen Familie wurde ihnen dann für die folgende Zeit wenigstens ein Bett zur Verfügung gestellt.[20] Vermutlich sind sie dann aber erst einmal wieder in ihre zerstörte Wohnung in der Hindenburgstr. 176 eingezogen, um dort die Zeit bis zu ihrer Auswanderung zu überbrücken.[21]

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Venninger Amnesie
HHStAW 518 57666 (97)

Sowohl Oskar Teutsch, der in dieser Nacht noch verhaftet wurde, als auch ein anderer Zeuge konnten konkrete Täter, ein Gebrüderpaar Jung, benennen, die maskiert eine führende Rolle bei dieser Aktion gespielt haben sollen. Später, im Entschädigungsverfahren 1961, konnte sich aber keiner der Bewohner Venningens, auch nicht der Bürgermeister, an irgendwelche Ausschreitungen, geschweige denn Zerstörungen in dieser Nacht erinnern.[22] Venningen war wie ganz Deutschland von einer kollektiven Amnesie befallen. Vermutlich wollten sich die Bewohner auch nicht mehr der Geschäfte auf Kosten ihrer jüdischen Mitbürger erinnern, die sie im Gefolge dieser Ereignisse getätigt hatten.

Oskar Teutsch und seine Familie gelang es unmittelbar nach der Reichspogromnacht auszureisen. Sie verließen noch im Dezember 1938 Deutschland mit dem Schiff ‚Manhattan’ von Hamburg aus und erreichten den rettenden Hafen New York am 22. Dezember.[23] Sie ließen sich in Philadelphia nieder, wo Oskar Teutsch eine Metzgerei eröffnete und – laut Zensus von 1940 – um die 300 Dollar monatlich verdiente. Seine Tochter trug als Sekretärin damals weitere 210 Dollar zum Familieneinkommen bei.[24]

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann TeutschJakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch

 

 

 

 

 


Einbürgerungsunterlagen der Familie von Oskar und Thekla Teutsch
Für den Sohn Werner wurde kein eigener Antrag erstellt

Quelle siehe Anm. 16


Wie allen Juden mit einem Vermögen von mehr als 5.000 RM war auch Isak und Hilde Teutsch die „Sühneleistung“ als Sondersteuer auferlegt worden, womit die Opfer selbst für die in dieser Nacht angerichteten Schäden am angeblich deutschen Volksvermögen aufkommen sollten. Zwar liegen keine Unterlagen über die Berechnung dieser Judenvermögensabgabe in den Wiesbadener Akten mehr vor, aber beim Finanzamt Landau sind zumindest 11.000 RM für die ersten vier Raten verbucht, die fünfte Rate mit weiteren 2.750 RM wurde vermutlich ebenfalls beglichen.[25] Fraglich ist aber, ob der Betrag tatsächlich die gesamte Summe dieser Sondersteuer ausmachte. Denn den Unterlagen ist zu entnehmen, dass 5.350 RM an das Finanzamt Edenkoben und weitere rund 1.000 RM an das Finanzamt Wiesbaden geflossen waren. Der Bevollmächtigte der Eheleute Teutsch war zudem verpflichtet worden, Außenstände, die er bei Kunden noch eintreiben konnte, ebenfalls für diesen Zweck an die genannten Finanzämter abzuführen.[26] Die Forderungen ließen sich nur erfüllen, indem sich das Ehepaar Teutsch von ihrem Immobilienbesitz trennte. Allerdings war das Wohnhaus in der Bildgasse 157 mit Scheune, Stallungen und Kelterhaus bereits im Januar 1938, also noch vor der Pogromnacht verkauft worden. Aus einem Schreiben der Bayrischen Bauernsiedlung, des Käufers der Immobile, vom 4. Oktober 1940 geht aber hervor, dass vom Verkauf des Hauses zum Preis von insgesamt 8.700 RM nur ein Betrag von 482 RM auf das gesicherte Konto von Isak Teutsch überwiesen wurde, 8.700 RM wurden direkt an das Finanzamt Edenkoben für die Judenvermögensabgabe abgetreten.[27] Nicht klar ist aber, ob dieser Betrag in den oben genannten 11.000 RM enthalten ist.
Aus diesem Verkauf kann man schließen, dass Isak und Hilde Teutsch schon vor den Novemberereignissen planten, den Ort, den die Familie seit Generationen als ihre Heimat angesehen hatte, zu verlassen. Die übrigen Verkäufe fanden dann im Juni und Juli des folgenden Jahres statt. Insgesamt waren 8 Verkaufsverträge abgeschlossen worden, in denen drei Wiesen, sieben Grundstücke, drei Äcker, zwei Gärten und ein weiteres Wohnhaus mit Scheune und Stallungen den Eigentümer wechselten. Die Käufer waren fast ausschließlich Venninger Bürger, die allerdings nicht unmittelbar als solche auftraten, sondern die Flächen zumeist über die „Bauernsiedlung GmbH.“ in München erwarben, an die Isak und Hilde Teutsch die Grundstücke und Gebäude zunächst verkauft hatten, vielleicht auch verkaufen mussten.[28]

Die letzten beiden Jahre vor der Deportation verbrachten Teutschs in Wiesbaden, genauer in Schierstein, dem seit 1926 eingemeindeten Vorort von Wiesbaden. Über den Zeitpunkt des Umzugs gibt es in den Quellen zwei unterschiedliche Angaben. Auf eine Anfrage der Devisenstelle Ludwigshafen vom 16. Juli 1941 beim Bürgermeister von Venningen, wo denn die Familie Teutsch jetzt wohne, gab dieser die Auskunft, sie sei am 7. März 1940 nach Wiesbaden-Schierstein verzogen.[29] Die Gestapokarteikarte aus Wiesbaden nennt demgegenüber als Datum des Zugangs den 5. September 1939, also einen rund sechs Monate früheren Termin. Aus einem Hinweis des Rechtsanwalts der Antragsteller im Entschädigungsverfahren kann man schließen, dass die Angabe auf der Gestapokarteikarte wohl den tatsächlichen Ablauf wiedergibt, während die Information des Bürgermeisters wohl den Tag der förmlichen Ummeldung benennt.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Anfrage der Devisenstelle Ludwigshafen nach dem Verbleiben von Isak Teutsch
Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Neue Adresse in der Wilhelmstr 44 in Schierstein
HHStAW 518/3 7654 (14)
Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Gestapokarteikarte von Isak / Isaak Teutsch
Stadtarchiv Wiesbaden

 

 

 

 

 

Die euphemistische Formulierung „ist verzogen“ spiegelt natürlich nicht wider, was damals wirklich geschah. Nach Angaben des Rechtsanwalts wurden Isak und Hilde Teutsch nämlich in der Nacht vom 6. auf den 7. März 1940 unter Zurücklassung ihrer gesamte Habe aus ihrer Wohnung in Venningen vertrieben.[30] Wiesbaden wählten sie als Fluchtort, weil dort die Familie ihrer Tochter Emilie lebte. Sie hatte zum Jahresbeginn 1936 noch in Venningen den Schiersteiner Kaufmann Otto Kahn geheiratet.[31] Geboren am 24. Dezember 1891, war er das zweite Kind von Daniel David Kahn und seiner Frau Emilie, geborene Feibelmann.[32]

Aber auch Emilie und Otto Kahn hatten inzwischen das Elternhaus in der Dotzheimer Str. 6 verlassen, weil es im Zuge ihrer eigenen Vorbereitung auf die Auswanderung bereits verkauft worden war. In der Schiersteiner Wilhelmstr. 44, einem Haus, das dem jüdischen Händler Artur Katz gehörte, hatte die Familie, zu der auch der damals etwa dreijährige Sohn Walter gehörte, eine Unterkunft gefunden. Zwar ist das genaue Einzugsdatum auf der Gestapokarteikarte von Otto Kahn nicht vermerkt, aber auf der Karte seines Bruders Robert, der ebenfalls umziehen musste, ist der Umzug aus der Dotzheimer Straße in die Wilhelmstr. 44 mit dem 6. Februar 1939 datiert.

Nun mussten in ihrer Notsituation auch noch die Eltern bzw. Schwiegereltern Isak und Hilde Teutsch im zweiten Stock der Wohnung in der Wilhelmstraße aufgenommen werden, wo den beiden ein Zimmer zur Verfügung stand. Der 75 jährige Isak Teutsch scheint zu diesem Zeitpunkt schon sehr geschwächt gewesen zu sein, denn auf seiner Karte kann man unter Vermerke „arbeitsunfähig in Folge hohen Alters (Altersschwäche)“ lesen.
Erst im März des folgenden Jahres nahm die Devisenstelle Frankfurt das Ehepaar Teutsch ins Visier und legte eine JS-Mappe, eine „Judensicherungsmappe“, unter der Nummer 9372 für die beiden an. Verbunden damit war eine vorläufige Sicherung ihrer Konten. Sie durften zunächst nur noch über einen vorläufigen Freibetrag von 300 RM verfügen. Zudem hatten sie der Behörde eine Vermögenserklärung zu übermitteln.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Vermögenserklärung von Isa / Isaak Teutsch
HHStAW 519/3 7654 (3)

Dies geschah am 7. April 1940. Danach besaßen Teutschs insgesamt ein nominales Vermögen von rund 25.000 RM, darunter ein Sparkassenkonto über etwa 4.000 RM und Wertpapiere von knapp 8.000 RM. Der größere Rest bestand aus eher unsicheren Ansprüchen, so fast 10.000 RM Außenstände, die ohnehin, wie oben erwähnt, das Finanzamt beanspruchte, sofern diese tatsächlich noch einzutreiben waren. Über die Summe von etwa 4.000 RM bestimmte ein Treuhänder, dessen Hand auf dem Betriebsvermögen der ehemaligen Firma Teutsch lag und eine gewährte Hypothek in dieser Höhe implizierte.[33] Da Isak Teutsch seine monatlichen Kosten mit knapp 300 RM veranschlagt hatte, 50 RM für Miete, 230 RM für den übrigen Lebensunterhalt, wurde der zunächst nur vorläufige Freibetrag am 15. April 1940 bestätigt.[34]
Ein Jahr später, am 4. März 1942, wurde er dann auf 240 RM herabgesetzt, nachdem er zuvor erneut eine Lebenshaltungskostenaufstellung abgegeben hatte. Der Brief mit den entsprechenden Angaben, ist das letzte Lebenszeichen, dass Isak und Hilde Teutsch hinterlassen haben.[35]

Ein halbes Jahr später mussten sie am 1. September 1942 an der Viehverladestation am Wiesbadener Güterbahnhof den Zug nach Theresienstadt besteigen. In der Woche zuvor waren sowohl das Ehepaar Teutsch, wie auch die Familie ihrer Tochter noch aus ihrer Wohnung in der Wilhelmstr. 44 vertrieben und in Judenhäuser in der Wiesbadener Innenstadt eingewiesen worden. Der gesamte Vorgang ist erstaunlich und nicht mehr nachvollziehbar, aber vielleicht dennoch so geschehen. Nach dem Eintrag auf ihrer Gestapokarteikarte wurden sie am 25. August zunächst in das Judenhaus Adelheidstr. 94 eingewiesen, dann drei Tage später am 28. August in das in der Herrngartenstr. 11. Der 28. August war aber ein Freitag, also der Beginn des Schabbat. Schon am Morgen des folgenden Tages, einem Samstag, mussten sich alle Juden, die mit diesem letzten großen Transport aus Wiesbaden verschleppt werden sollten, in der Synagoge in der Friedrichstraße einfinden. Teutschs und auch Kahns hätten somit eigentlich nur einen einzigen Tag im Judenhaus Herrngartenstr. 11 zugebracht – wenn überhaupt. Das eigenartige ist dabei, dass nicht nur auf der Deportationsliste, sondern auch in allen anderen Akten diese Adresse als die letzte in Wiesbaden angegeben ist. So ist z. Bsp. auf der Devisenakte nach der durchgestrichenen Adresse Wilhelmstraße nur die Herrengasse, nicht aber die Adelheidstraße ergänzt. Auch auf dem letzten Dokument dieser Akte ist die Herrngartenstraße als Anschrift aufgeführt, obgleich die Devisenstelle oft über die aktuellen Anschriften ihrer „Klienten“ nicht verfügte. Es ist umso erstaunlicher, dass sie aber in diesem Fall – und auch bei Kahns – eine Adresse in ihren Akten hatte, die nur ein Tag gültig war. Für die nahe liegende Vermutung, dass die beiden Familien doch einen etwas längeren Zeitraum in diesem Judenhaus verbrachten, gibt es allerdings kein Indiz. Vielleicht beruht aber zumindest der Eintrag der Adelheidstr. 94 auf der Gestapokarteikarte auf einem Irrtum. Selbst dann hätten sie nur knapp eine Woche in der Herrngartenstr. 11 zugebracht, von wohnen kann ohnehin keine Rede sein.

Am Morgen des 1. September 1942 verließen die Waggons den Bahnhof und wurden vermutlich in Frankfurt an den bereitstehenden Zug mit der Nummer ‚Da 509’ nur noch angekoppelt. Bis zum Abend des 29. August, so die Vorgabe der Staatspolizei Frankfurt, waren aus dem gesamten Regierungsbezirk Wiesbaden Züge mit Juden eingetroffen, die die Nächte vor der Deportation im provisorischen Sammellager, dem Jüdischen Altersheim im Rechneigraben 18-20, zubringen mussten. Zu den 350 Juden und Jüdinnen aus Wiesbaden kamen noch einmal etwa 750 hinzu.[36] Am folgenden Tag, dem 2. September, erreichte der Transport sein Ziel, das so genannte Altersghetto Theresienstadt.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Karteikarte von Hilde Teutsch aus Theresienstadt
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01014202/0162/132757743/001.jpg

Was die Deportierten in Theresienstadt erwartete, fasste Kingreen knapp zusammen: „Die im Ghetto vorgefundenen Zustände überstiegen alle Befürchtungen – selbst die der Pessimisten. Theresienstadt, wo früher 7.000 Menschen gelebt hatten, war im Juli 1942 auf 21.000 Zwangsbewohner angewachsen. Mit dem Eintreffen der Transporte älterer deutscher Juden verdoppelte sich bis August die Zahl der Einwohner. Die Neuankömmlinge wurden auf bis dahin als unbewohnbar geltenden Dachböden notdürftig untergebracht, die gehunfähige kranke Menschen nicht verlassen konnten. Sanitäre Anlagen fehlten, die hygienischen Verhältnisse waren unzureichend, die Versorgung mit Essen bereitete große Probleme, Krankheiten grassierten und Läuse waren eine Plage. Im September 1942 stieg mit der Belegungs- auch die Sterberate auf den Höchststand. ‚Der Sommer 1942 gehört tatsächlich zu den grausamsten Kapiteln der Theresienstädter Geschichte’, urteilte der ehemalige Häftling und Historiker Miroslav Karny.“[37]

Dass der ohnehin geschwächte Isak Teutsch unter diesen Bedingungen noch etwa ein halbes Jahr überleben konnte, grenzt an ein Wunder. Am 31. Mai 1943 kam er dort ums Leben, sprich: wurde er dort umgebracht.[38]
Für seine Frau Hilde war die Reise in den Tod in Theresienstadt noch nicht zu Ende. Mit dem Transport ‚Dz’ wurde sie am 15. Mai 1944 mit etwa 2500 anderen, zu Zweidritteln weiblichen Ghettobewohnern, nach Auschwitz verbracht.[39] Theresienstadt sollte zumindest teilweise geräumt werden, weil man dort im Juni eine der Internationalen Kommissionen des Roten Kreuzes erwartete, die dem faktischen Konzentrationslager das Zeugnis einer humanen Sammelunterkunft ausstellen sollte.[40] Auschwitz hatte gerade in diesen Tagen den Höhepunkt des industriellen Massenmords erreicht. Kurz zuvor waren die Gleise fertig gestellt worden, die unmittelbar vor den Gaskammern und Krematorien II und III endeten. Ab dem 16. Mai trafen dort täglich vier Güterzüge mit 45 Wagen ein, vollbesetzt mit ungarischen Juden, die ohne zeitaufwendige Registrierung sofort ins Gas geschickt wurden. Die drei Züge aus Theresienstadt mit insgesamt etwa 7500 Juden wurden noch registriert, etwa ein Drittel der Insassen wurde sogar noch zu Arbeitseinsätzen abkommandiert.[41] Hilde Teutsch wird mit großer Sicherheit nicht zu dieser Gruppe gehört haben. Wann sie in Auschwitz ermordet wurde, ist mit Bestimmtheit nicht zu sagen. Auf der Opferliste Wiesbadens, wie auch an der Gedenkstätte am Michelsberg ist der 15. Juli 1944, also der Tag des Transports von Theresienstadt in das Vernichtungslager als Todestag angegeben. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nennt wie auch Yad Vashem mit Bezug auf das Gedenkbuch stattdessen den 4. Oktober 1944.[42] Die Quellenbasis für diese Angabe ist nicht nachvollziehbar. Laut dem Kalendarium von Auschwitz wurden die Eingelieferten, nachdem man ihnen freie Häftlingsnummern zugewiesen hatte, alle im Familienlager BIIb in Birkenau untergebracht. Erst am 11 Juli wurde dort – so Czech – „eine Lagersperre“ angeordnet, in deren Verlauf alle noch am Leben gebliebenen Insassen dieses Lagers, ungefähr 4000 jüdische Frauen und Männer, in die Gaskammern geführt wurden.[43] Natürlich ist nicht sicher, ob Hilde Teutsch bis zu diesem Termin Auschwitz überlebt hatte, aber der 11. Juli 1942 war mit größter Sicherheit ihr letzter möglicher Lebenstag.
Behördlicherseits wurde das Leben von Isak und Hilde Teutsch am 2. Oktober 1942 mit dem Einzug des noch verbliebenen Vermögens zugunsten der Staatskasse abgeschlossen. Nachdem die Verfügung in die Mappe eingeordnet worden war, galt die Sicherungsanordnung als erledigt und die Mappe konnte geschlossen werden.[44]

Alle drei Töchter mussten mit ihren jeweiligen Ehemännern das gleiche Schicksal erleiden wie die Eltern. Emilie und Otto Kahn, die mit den Eltern bzw. Schwiegereltern im gleichen Zug saßen, wurden mit ihrem Sohn Walter in Auschwitz ermordet. Ebenso Elisabeth Babette mit ihrem Mann Friedrich Wilhelm Teutsch. Thekla und Marius Siegfried Eisemann endeten in Treblinka.

 

Thekla, die mittlere der drei Töchter, hatte 1927 in eine alte Ober-Ingelheimer Familie eingeheiratet, die zumindest in der mütterlichen Linie auf eine etwa gleich lange Tradition zurückblicken konnte, wie auch die Familie Teutsch.[45] Theklas Ehemann war der am 1. Dezember 1890 geborene Siegfried Marius Eisemann. Er war der älteste von insgesamt vier Kindern von Josef Löb Eisemann und seiner Frau Emma Mayer, eine Familie, die mindestens in der dritten Generation in Ober-Ingelheim als Händler eine zentrale Rolle im dörflichen Leben spielten. Sie trug mit ihrem kleinen Laden, in dem es so ziemlich alles gab, was man im alltäglichen Leben, aber auch für besondere Feiertage brauchte, ganz wesentlich für die Grundversorgung der dortigen Menschen bei.[46] Obwohl Siegfried Marius wie seine Brüder Ernst Simon und Rudolf eine Höhere Schule besuchten, übernahm er mit seiner Frau das elterliche Geschäft. Wenngleich die Juden sehr gut in das Gemeindeleben integriert waren, machte die Rassenhetze auch vor Ingelheim nicht halt. Auch dort zog die marodierende Meute am 10. November 1938 durch die Straßen und suchte sich ihre Opfer,[47] darunter auch den Laden und die Wohnung der Familie Eisemann in der Stiegelgasse 9. Die Familie Eisemann war auch deshalb ein bevorzugtes Ziel des Mobs, weil sich der Vater wie auch die vier Söhne in den Jahren der Republik in der örtlichen Demokratischen Partei, einer der eher fortschrittlichen Gruppierungen des Liberalismus, engagiert hatten.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Geldverwaltungskarte für Siegfried Marius Eisemann aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1174/133367826/001.jpg

Wie die anderen männlichen Juden des Ortes wurde auch Siegfried Marius Eisemann verhaftet und nach Buchenwald eingeliefert. Erst am 6. Januar 1939 entließ man ihn von dort.[48] Zunächst verloren Eisemanns durch Arisierung nur ihren Laden und das Wohnhaus, zuletzt verloren sie auch ihr Leben. Am 21. September 1942 erstellte der Bürgermeister von Ingelheim eine Liste mit Juden, die für den nächsten Transport vorgesehen waren. Auf der Liste mit 17 Namen standen an erster Stelle Siegfried Marius und Thekla Eisemann. Der Transport, der zuletzt insgesamt fast 900 Personen umfasste, startete allerdings erst am 30. September von Darmstadt aus. Sein Ziel war nach Kingreen das Vernichtungslager Treblinka, das er am 2. Oktober 1942 erreichte.[49] Dort erwartete die Angekommenen keine Arbeit, sondern nur der Tod, Tod durch die Zuführung von Motorenabgasen aus einem alten russischen Panzer oder Tod durch Erschießung. Neben den beiden Gaskammern, in denen zwischen 600 und 1000 Menschen zur gleichen Zeit ermordet werden konnten, befand sich eine Grube für die Leichen. Nicht klar ist, ob der Transport das Lager erreichte, nachdem die Umbauarbeiten dort abgeschlossen worden waren oder ob noch das Chaos herrschte, das durch die Liquidierung des Warschauer Ghettos seit Juli 1942 dort entstanden war. 70.000 Menschen hatte man innerhalb nur einer Woche dort ermordet, 2800000 in nur fünf Wochen – eine Überforderung selbst für die professionellen Massenmörder: „Überall im Lager lagen Leichen, Gepäckstücke, Wertsachen und Müll; die Baracken waren überfüllt mit der Kleidung der Opfer, und inmitten des Chaos harrten Menschen aus, die getötet werden sollten.“[50] Im Laufe des Oktobers 1942 waren die Umbauarbeiten abgeschlossen. Ein neues durchrationalisiertes „Abfertigungssystem“ führte die Opfer den ebenfalls neu errichteten Gaskammern zu, die in diesem Monat mit 210000 Opfern ihr Leistungszenit erreichten. Für die Registrierung der Toten blieb da keine Zeit mehr, weshalb auch nicht bekannt ist, wann Siegfried Marius und Thekla Eisemann tatsächlich ermordet wurden.[51]

Auch der ältesten Tochter von Isak und Hilde Teutsch gelang es nicht, ihr Leben vor den Nazis zu retten. Dies glückte aber wenigstens den beiden Söhnen, die Elisabeth Babette Teutsch noch in den Jahren der Weimarer Republik zur Welt gebracht hatte.[52]
Verheiratet war sie seit dem 26. Mai 1920 mit dem ebenfalls aus Venningen und auch aus der Großfamilie Teutsch stammenden Friedrich Wilhelm Teutsch, der am 21. Oktober 1882 geboren worden war. Die Eltern des etwa sechzehn Jahre älteren Ehemanns waren Josef und Friedericka Teutsch, geborene Blüm. Die mütterliche Linie von Josef Teutsch führt zu dessen Großeltern Gershom Jakob und Sara Teutsch, die auch die Urgroßeltern von Elisabeth Babette Teutsch waren.[53]
Schon vor der Heirat hatte Friedrich Wilhelm die Pfalz verlassen und in Leipzig eine Textilgroßhandlung eröffnet. Hier wurden in der Eutritzscher Str. 45 auch die beiden Söhne geboren. Kurt kam am 6. Februar 1921 und Hans Josef am 4. Mai 1923 zur Welt. Beide müssen begeisterte Fußballer gewesen sein, die zunächst bei ‚Olympia Germania Leipzig’ spielten, dann, als Juden dort ausgeschlossen wurden, sich im jüdischen Sportclub ‚Schild’ engagierten.[54] Auch ihre Bildungsbiographien wurden durch die Nazis unterbrochen. Kurt konnte aber nach einer Schmelzer-Lehre in der damals noch freien Tschechoslowakei ein Studium aufnehmen, musste aber nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 nach Prag fliehen. Von dort aus gelangte er kurz vor der Zerschlagung des gesamten Staates im März 1939 noch nach England. Später lebte er in den USA, wo er viele Jahre als Psychiater tätig war und 2005 verstarb.

Auch sein Bruder Hans Josef musste 1938 die Schule ohne Abschluss verlassen. Sein Vater, der eigens in die USA gereist war, um Visa für seine Familie zu besorgen, erreichte nur, dass sie auf die Anwärterliste gesetzt wurden. Als im November der Pogrom das ganze Land erschütterte, war Friedrich Wilhelm Teutsch noch nicht nach Deutschland zurückgekehrt, sodass er auch nicht verhaftet werden konnte. Da er aber auf der Liste stand, war man sich der Gefahr bewusst, in der die ganze Familie fortan schwebte. Während der Vater deswegen in Rotterdam blieb, gelang es der Mutter den jüngeren Sohn Hans am 17. Mai 1939 mit einem Kindertransport nach England zu bringen. Er nannte sich dort John Toyne und betrieb von dort aus nach dem Krieg das Entschädigungsverfahren für seine Eltern, die sich selbst nicht retten konnten. In Yad Vashem hat er zu ihrer Erinnerung ‚Pages of Testimony’ hinterlegt.

Die allein zurückgebliebene Elisabeth Teutsch besuchte in der folgenden Zeit mehrfach ihre Mutter und Schwester in Wiesbaden, die damals noch in der Wilhelmstraße in Schierstein lebten. Der erste Besuch fand vom 5. bis zum 19. September 1939 statt. Als Leipziger Adresse ist hier noch die Eutritzscher Str. 45 angegeben. Der folgende Besuch ist ohne Ankunftsdatum vermerkt. Aber in Leipzig hatten sich für sie inzwischen offensichtlich grundlegende Veränderungen ergeben. Die Adresse, die sie bei ihrer Rückfahrt am 4. Februar 1940 bei der Gestapo in Wiesbaden angab, war nicht mehr ihre bisherige, sondern eine Wohnung in der Funkenburgstraße 13, einem von mehreren Judenhäusern in dieser Straße. Ihr nächster Besuch in Wiesbaden dauerte vom 22. April bis zum 26. Mai 1940. Adressen sind diesmal auf der Karteikarte nicht eingetragen. Aber zwei Monate später, am 24. Juli  kam sie erneut zu ihren Verwandten. Auch diesmal blieb sie recht lange. Es war wohl ihre letzte Begegnung mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Emilie. Erst am 10. August kehrte sie nach Leipzig zurück, jetzt in die Funkenburgstr. 25, einem weiteren Judenhaus. Im Dezember 1940 verließ sie Deutschland und gelangte auf nicht bekannten Wegen nach Assen in den Niederlanden zu ihrem Mann.[55] Knapp zwei gemeinsame Jahre blieben ihnen dort.

Seit Sommer 1942 begann in Holland unter der Ägide der für die Deportationen zuständigen „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ die systematische Verfolgung der einheimischen, aber in erster Linie der dorthin emigrierten Juden und Jüdinnen. Nachdem sich diese nicht mehr freiwillig zu angeblichen Arbeitseinsätzen meldeten, holte die Sicherheitspolizei sie abends zu den Sperrstunden aus ihren Wohnungen. Die Häscher konnten bei diesen Aktionen auf die Listen des Judenrats zurückgreifen. Ende September konnten auf diese Weise etwa 20000 Juden und Jüdinnen nach Mauthausen oder Auschwitz deportiert werden. Am 1. Oktober erging die Anweisung, dass alle bisher in irgendwelchen Arbeitslagern inhaftierten männlichen Juden nach Westerbork und ihre jeweiligen Familienangehörigen zu verbringen seien.

Jakob Teutsch, Sara Feibelmann Teutsch, Lazarus Teutsch, Rosina Herz Teutsch, Johanna Teutsch, Isak Isaak Teutsch, Hilde Rau Teutsch, Eliabeth Babette Teutsch, Friedrich Wilhelm Teutsch, Thekla Teutsch Eisemann, Marius Siegfried Eisemann, Emilie Kahn Teutsch, Otto Kahn, Walter Kahn, Hans Josef John Teutsch Toyne, Kurt Teutsch, Oskar Teutsch, Thekla Berg Teutsch, Ilse Teutsch, Hermann Teutsch
Karteikarte aus Westerbork für Elisabeth Teutsch
https://collections.arolsen-archives.org/archive/130385453/?p=1&s=Teutsch,%20Elisabeth&doc_id=130385453

Auch Elisabeth und Friedrich Wilhelm Teutsch gehörten zu den damals Internierten, nicht aber zu den 12000 die unmittelbar nach dieser Sammelaktion direkt nach Auschwitz transportiert wurden. Sie verblieben wohl noch fast ein ganzes Jahr in Westerbork. Ihr Transport – es handelte sich um den 71sten aus diesem Sammellager – verließ das Lager am 31. August 1943 mit 1004 Insassen, darunter 160 Kinder. Zeugenaussagen gaben später Auskunft über die genaueren Umstände dieser Fahrt quer durch Deutschland, die am 2. September ihren Zielort erreichte.[56] Nach der Selektion auf der berühmt berüchtigten Rampe von Auschwitz wurden 259 Männer und 247 Frauen in das Arbeitslager eingewiesen. Die nicht mehr verwertbaren 498 Zuginsassen führte die SS unmittelbar den Gaskammern zu.[57] Am 3. September 1943 wurden Elisabeth Babette und Friedrich Wilhelm Teutsch in Birkenau ermordet.[58]

 

 

Veröffentlicht: 18. 03. 2021

 

 

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Anmerkungen:

[1] Teutsch, Albert, Geschichte der Juden der Gemeinde Venningen. Familie Teutsch von 1590 – 1936, Karlsruhe, o.J.

[2] Angaben zum Stammbaum der Familie Teutsch, online unter https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8482444. (Zugriff: 3.1.2021).

[3] Im Anhang des Buches von Albert Teutsch sind weitere Stammbäume der Familie abgebildet, worin auch die drei Generationen vor Jacob Isak dargestellt sind. Danach geht die Familie zurück auf einen Gerson Aschkenasy (Reb Gerschon), geboren am 15.10.1590 in Debrzyn (um welchen der verschiedenen Orte in Polen mit diesem Namen es sich dabei handelt, ist nicht klar), gestorben am 17.10.1660 in Nikolsburg, dem heutigen Mikoluv in Südmähren. Sein Sohn Abraham Teutsch zog dann in die Pfalz und wurde 1703 auf dem jüdischen Friedhof in Wachenheim begraben.

[4] Teutsch, Venningen, S. 30 ff. Ab S. 35 sind die Gräber mit detaillierten Angaben zu den Toten aufgeführt.

[5] Ebd. 57.

[6] http://www.alemannia-judaica.de/venningen_synagoge.htm. (Zugriff: 3.1.2021).

[7] https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/e-g/532-edenkoben-rheinland-pfalz. (Zugriff: 3.1.2021).

[8] Teutsch Family Collection, S. 3

[9] Ebd. S. 10 f. Wie Albert Teutsch schon anmerkte, konnte seine Tante nicht alle Daten ihrer Geschwister erinnern, gerade auch die Geschwister nicht, die schon sehr früh verstorben waren. Während sie nur auf acht Kinder von Lazarus und Rosina kam, waren es in Wirklichkeit neun. Die erste Tochter Sara, geboren am 10.1.1846 wurde nur einen Tag alt. Es folgten Jakob, geboren am 4.8.1847, gestorben am 4.7.1933; Babette, geboren am 2.6.1850, gestorben am 26.1.1928; Sara, geboren 2.7.1853, gestorben 9.6.1901; Therese, geboren 21.12.1856, gestorben 5.3.1902, Ludwig, geboren 28.4.1859, gestorben 1.5.1859; Gustav, geboren 23.4.1860, gestorben 4.5.1860; Johanna 21.5.1861, gestorben 4.5.1902. Von Isak ist nur das Geburtsdatum, der 20.12.1863, angegeben, da er zum Zeitpunkt der Niederschrift noch am Leben war. Eigenartig ist allerdings, dass Albert Teutsch das Dokument mit dem Datum 13. Oktober 1932 unterzeichnete, aber darin bereits den Todestag von Jakob im Jahr 1933 eingetragen hatte. Es muss also tatsächlich später als zu dem angegebenen Termin entstanden oder später noch einmal überarbeitet worden sein.

[10] HHStAW 518 57666 (39).

[11] Geburtsregister Essingen / Pfalz 5 / 1875. Auf der Gestapokarteikarte ihres Ehemanns ist ihr Mädchenname fälschlicherweise mit Rauch angegeben.

[12] HHStAW 518 57666 (100).

[13] Für Elisabeth Babette https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de981936, für Thekla https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de856786, für Emilie Geburtsregister Venningen 7 / 1905.

[14] Die anderen beiden Brüder Ludwig und Gustav waren beide schon wenige Tage nach ihrer Geburt verstorben.

[15] HHStAW 518 57666 (99).

[16] Siehe die Einbürgerungsunterlagen aus den USA https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2717/images/47295_302022005448_1483-00629?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=802201&lang=de-DE, https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2717/images/47295_302022005448_1483-00633?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=802201&lang=de-DE und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2717/images/47295_302022005448_1483-00637?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=802201&lang=de-DE. (Zugriff: 3.3.2021).

[17] Ebd. (2-4, 13).

[18] Ebd. (13).

[19] Ebd. (101).

[20] Ebd. (97 b)

[21] Diese Adresse gibt Mapping the Lives für den Mai 1939 noch an, siehe https://www.mappingthelives.org/bio/71f94f70-b160-448f-907d-f1c70cba6720. (Zugriff: 3.3.2021).

[22] HHStAW 518 57666 (97).

[23] Siehe die Quellenangaben unter Anm. 16.

[24] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2442/images/M-T0627-03732-00816?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=25494250. (Zugriff: 3.3.2021)

[25] Ebd. (24).

[26] Ebd. (2).

[27] HHStAW 519/3 7654 (12).

[28] Die Verkäufe sind in einer Aufstellung des Rechtsanwaltbüros Stuckensen & Wetzel, Frankenthal, 1961 für das Entschädigungsverfahren sorgfältig mit genauen Grundbuchangaben bezüglich der Lage und der Größe dokumentiert. Allerdings sind hier keine Angaben über die jeweiligen Preise gemacht, siehe HHStAW 518 57666 (2 f.). Siehe zur Bayrischen Bauernsiedlung GmbH https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerische_Landessiedlung_GmbH. (Zugriff: 3.1.2021).

[29] HHStAW 519/3 7654 (14).

[30] HHStAW 518 57666 (2). Fälschlicherweise ging der Rechtsanwalt allerdings damals davon aus, dass Teutschs nach der Vertreibung direkt in ein Konzentrationslager eingeliefert wurden.

[31] Heiratsregister Venningen 1 / 1936. Die Ehe wurde am 30. Januar 1936 geschlossen.

[32] Geburtsregister Schierstein 91 / 1891. Siehe zum Schicksal der Schiersteiner Familie Kahn ausführlich das vorherige Kapitel.

[33] HHStAW 519/3 7654 (3, 4).

[34] Ebd. (9).

[35] Ebd. (18).

[36] Zu diesem Transport siehe auch Kingreen, Großmarkthalle, S. 174 ff.

[37] Ebd. S. 180.

[38] HHStAW 518 57666 (12).

[39] Ebd., dazu https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/34952-hilde-teutsch/. (Zugriff: 3.3.2021).

[40] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 431.

[41] Ebd. 430 f.

[42] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de891888. (Zugriff: 3.3.2021).

[43] Czech, Kalendarium Auschwitz, S. 776 und 820. Der am 31.12.1953 in Edenkoben ausgestellte Erbschein, HHStAW 518 57666 (43), nennt noch eine weitere Variante, nämlich den 31.12.1945, der aber nur die damalige Unkenntnis der Behörden über die wirklichen Vorgänge widerspiegelt.

[44] Ebd. (o.p.).

[45] Das Schicksal von Thekla Eisemann, geborene Teutsch, und das der Familie ihres Mannes Siegfried Marius Eisemann wurde von Initiativen aufgearbeitet, die die Erinnerung an die früheren jüdischen Mitbürger aus Ober-Ingelheim seit Jahren pflegen. Es sei an dieser Stelle auf zwei Internetseiten aufmerksam gemacht, denen ich wesentliche Informationen  zu diesem Abschnitt verdanke:
https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/592/familie-eisemann und http://dif-ingelheim.de/geschichte/familie-eisemann/. (Zugriff: 3.3.2021). Zudem ist das Schicksal der Familie thematisiert in Meyer / Mentgen, Sie sind mitten unter uns, S. 256-258.

[46] In einem Ingelheimer Lesebuch hat ein Heinrich Herbert diesem Laden seiner Kindheit eine liebevolle Hommage gewidmet, die auf der Seite http://dif-ingelheim.de/geschichte/familie-eisemann/. zu finden ist. Es heißt da:
“Da war z.B. unten an der Ecke Uffhubstraße / Stiegelgasse das Lebensmittelgeschäft Eisemann, ein kleiner jüdischer Laden nur, vielleicht 30 Quadratmeter. Man ging ein paar Stufen hoch und beim Öffnen der Tür klingelte es. Hinten an der Rückwand waren vom Boden bis zur Decke Regale. Im mittleren Drittel mit Schubladen drin. Alles aus Holz. Und vorne in der Mitte jeder Schublade befand sich ein weißes, ovales Emailschildchen, auf dem in schwarzer Schrift der Inhalt angegeben war. Auf einem Sockel standen immer zwei oder drei an den Rändern aufgerollte Jute- oder Leinwandsäcke. Da war Kristallzucker drin, und Graupen und Viehsalz. Auch ein hölzernes Heringsfaß stand auf dem Sockel mit einer hölzernen Greifzange drin.
Auf einer fast die ganze Breite des Ladens einnehmenden Holztheke stand rechts eine alte Balken-Teller-Waage aus Messing mit einem Zeiger in der Mitte. Darauf wurde alles abgewogen und in spitze, graue Tüten gefüllt. Alles mit Ausnahme von Margarine, Kunsthonig, Butter und Waschmitteln. Es war die Zeit so um 1927 herum, als die Fertigpackungen für diese Artikel aufkamen.
Auf der linken Seite der Theke standen in einer Halterung ein paar große Bonbongläser. Ganz oben in den obersten Regalen lagen Piassava- und Haarbesen, Wurzelbürsten, Faß-, Schuh- und Haarbürsten. Tabak, Kautabak, Zigarren, Zigarillos und Zigaretten beanspruchten mehrere Regalfächer. Von jeder Zigarettensorte gab es auch Zehnpfennig-Packungen mit 3 bis 4 Zigaretten Inhalt. Das war die Tagesration vieler Arbeiter und vor allem der Arbeitslosen. Eckstein, Greiling, Salem und Senussi waren die bekanntesten Marken.
In anderen Fächern lagen Schuhwichse, Zahnpasta, blanke lange Kernseifenriegel, Putzlumpen, Wurstkordel und viele Dinge des täglichen Bedarfs. Auch ein etwa 10 Liter fassendes Steingut-Senffaß mit Holzdeckel stand auf der Theke. Wenn man Senf haben wollte, mußte man stets ein Glas oder eine Tasse dabei haben. Auch Heringe und Rollmöpse gab es lose. Man mußte dafür einen Teller oder eine Schüssel mitbringen. An der linken Ladenseite hingen an Haken Zöpfe mit Lederschuhriemen, Bast und Kälber-und Erntestricke.“

[47] Über die Reichspogromnacht in Ingelheim siehe https://dif-ingelheim.de/geschichte/novemberpogrom-1938-in-ingelheim/. Enthalten ist darin ein akustischer Zeitzeugenbericht von Hans Neumann über seine Erinnerungen an diesen Tag.

[48] https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1174/133367826/001.jpg. (Zugriff: 3.3.2021).

[49] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 228. Anders als die meisten Konzentrationslager unterstanden die Vernichtungslager Trbelinka, Belzec und Sobibor nicht der SS, sondern unmittelbar der Kanzlei des „Führers“. Siehe zu Treblinka Im Schatten von Auschwitz, S.  99-115.

[50] Ebd. S. 105.

[51] Auch Ernst Simon, der jüngere Bruder von Siegfried Marius fiel dem Holocaust zum Opfer. Er wurde am 28.1.1943 in Auschwitz ermordet, während seine zweite Frau Lola, geborene Offenbacher, mit den drei Kindern 1939 in die USA flüchten konnte. Richard Eisemann, ein in Frankfurt promovierter Soziologe, war schon 1920 nach Amerika ausgewandert, sein Bruder Rudolf fand in Argentinien eine neue Heimat. Siehe  http://dif-ingelheim.de/geschichte/familie-eisemann/. (Zugriff: 3.3.2021).

[52] Das Schicksal der Familie von Friedrich Wilhelm Teutsch wurde von Cordula Schröder recherchiert und auf der Seite https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/1490/familie-teutsch veröffentlicht. (Zugriff: 3.3.2021). Die folgende Darstellung orientiert sich an dieser Recherche.

[53] Siehe Teutsch, Venningen, passim.

[54] Ein altes Foto von Hans Teutsch im Dress der Fußballmannschaft ‚Schild’ vom 26.12.1935 ist zu finden in einem Artikel der Leipziger Zeitung anlässlich der Stolpersteinverlegung für die Familie Teutsch vor dem Haus in der Eutritzscher Straße 45, siehe https://www.l-iz.de/bildung/zeitreise/2015/03/stolpersteine-fuer-familie-teutsch-81695. (Zugriff: 3.3.2021).

[55] Cordula Schröder gibt an, sie sei abgeschoben worden.

[56] http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/transportliste-der-deportierten-1943/transport-31081943-westerbork.html. (Zugriff: 3.3.2021) Auf dieser Seite ist auch die bereits zitierte Recherche von Cordula Schröder abgedruckt, allerdings ohne Quellenangabe.

[57] Czech, Kalendarium Auschwitz, S. 593.

[58] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de981936 und https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de981944. (Zugriff: 3.3.2021).