Clara und Elsa Merten

Neben Berta Blütenthal gehörte auch Elsa Merten zu denjenigen, die auf der Liste für die Deportation am 10. Juni stand. Sie war am 12. Februar 1942 zusammen mit Clara Merten in das Judenhaus eingezogen.

Am 21. November 1881 war Elsa in Berlin geboren worden, wo ihre verwitwete Mutter, Anna Merten, geborene Haagen, zumindest in den späten zwanziger Jahren noch immer lebte. Sie war wohl völlig verarmt und auf die finanzielle Unterstützung ihrer Tochter Elsa, dem einzigen Kind, angewiesen.[1] Zwar ist nicht bekannt, wer der Vater der Tochter war, aber vermutlich stammte er, wie auch die weiteren, später in Wiesbaden ansässigen Verwandten von Elsa, aus  dem westpreußischen Gebiet um Mewe, dem heute polnischen Gniew. Else hatte am 31. Oktober 1907 den namensgleichen Rechtsanwalt und Notar Alfred Merten geheiratet, der ebenfalls aus Westpreußen kam und dort am 12. Dezember 1875 in Neuenburg im Kreis Schwetz geboren worden war.[2] Unbekannt ist, wo das Paar die Ehe geschlossen hatte, aber im Sommer 1920 waren sie zusammen nach Hildesheim gezogen, wo Alfred Merten in den folgenden Jahren eine Anwaltskanzlei besaß.[3] Schon am 28. August 1928 war er verstorben, sodass Elsa, weil die Ehe kinderlos geblieben war, Alleinerbin des gemeinsamen Vermögens von insgesamt etwa 40.000 RM wurde.[4] Ob noch beide gemeinsam oder aber erst die Witwe dem damals dort amtierenden Rabbi Abraham Lewinsky ein privates Darlehen über 10.000 RM gewährt hatten, ist nicht mehr zu sagen, aber man kann daraus sicher schließen, dass das Ehepaar in der jüdischen Gemeinde von Hildesheim engagiert war und auch eine enge Beziehung zu ihrem Rabbi gehabt haben muss.[5]

Nach dem Tod ihres Mannes zog Elsa Merten nach Bonn. Dies kündigte sie im Februar 1930 dem Finanzamt in Hildesheim an: „Ich verlege am 1. März 1930 meinen Wohnsitz nach Bonn, Ritterhausstr. 31, um mir eine Existenz zu gründen.“ [6] Sie eröffnete hier mit Clara Merten, die von Else immer als „Base“ bezeichnet wird, gemeinsam ein „Fremdenheim Merten“.[7].

Clara Merten war am 15. Februar 1864 im Westpreußischen Mewe / Gniew, geboren worden. Sie war somit fast 17 Jahre älter wie Elsa, dennoch verbrachten die beiden die folgenden noch verbleibenden Jahre ihres Lebens gemeinsam. In der späteren polizeilichen Anmeldung in Wiesbaden ist sie wie Elsa als Witwe und – eine weitere Übereinstimmung – als geborene Merten bezeichnet. Beide hatten somit vermutlich Ehemänner aus dem eigenen Familienverband geheiratet. Wer Claras Mertens Ehemann war, ist aber nicht bekannt, auch nicht, wo sie die vorherigen Jahre verbracht hatte. In der Todesfallanzeige von Theresienstadt werden immerhin ihre Eltern genannt. Es waren Louis Merten und seine Frau Amalia, geborene Mayer.[8] Louis Merten war demnach der Bruder des unbekannten Vaters von Elsa. Die beiden Kusinen waren vermutlich nach Bonn gekommen, weil es hier weitere Verwandte gab. Hier lebte die ebenfalls verwitwete Schwägerin von Elsa Merten, Käthe Schollmeyer, geborene Merten, zusammen mit ihrem Sohn Achim in der Goebenstr. 40.[9]

Wirtschaftlich misslang ihr Versuch, hier in Bonn mit einer Pension eine neue, eigene Existenz zu gründen. Die Erträge aus der Vermietung blieben sehr bescheiden[10] und schon zu Beginn des Jahres 1932 müssen die beiden das Projekt wieder aufgegeben haben. Bereits am 4. Mai 1932 meldeten sie sich beide bei der Wiesbadener Polizeibehörde an.[11] Sie hatten dort zunächst in der „Pension Harald“ in der Geisbergstr. 12 eine Unterkunft gefunden. Wie lange sie dort blieben, ist nicht bekannt.

Noch im gleichen Jahr kam ein weiteres Familienmitglied nach Wiesbaden. Laut Eintrag in ihrer Gestapo-Karteikarte hatte Selma Fiedler, ebenfalls eine geborene Merten, am 20. Dezember 1932 aus Berlin kommend, sich in der Kapellenstr. 2 in unmittelbarerer Nachbarschaft eingemietet. Auch hier sind die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen noch nicht geklärt, aber Selma war, wie auch Clara Merten in Mewe geboren worden, eine enge Verbindung ist daher naheliegend.[12]

Selma Merten hatte Berlin vermutlich deshalb verlassen, weil wenige Monate zuvor ihr nichtjüdischer Mann Kurt Fiedler, den sie am 3. März 1900 in London geheiratet hatte, verstorben war.[13] Selma Fiedler blieb bis zuletzt in der Kapellenstr. 2 wohnen. Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist sie nicht eingetragen, offensichtlich wusste man damals noch nicht, dass sie nach NS-Kategorien Jüdin war. Vermutlich war sie seit der Eheschließung mit ihrem christlichen Ehemann Angehörige einer der beiden christlichen Kirchen. Dass sie Jüdin war, fiel offensichtlich erst auf, als sie am 8. April 1937 einen Pass beantragte, möglicherweise im Zusammenhang mit einer geplanten Ausreise. Über das weitere Verfahren geben die wenigen Notizen auf der Gestapo-Karteikarte nur vage Auskunft. Vermerkt ist allerdings, dass sie „keine Kennkarte für Juden“ besaß und ihren Pass am 18. Juli 1941 in der Abt. II/5 abgegeben habe. Am gleichen Tag hatte man Strafanzeige „wegen Unterlassung des zus. Vornamens Sara“ gestellt und sie in der Abt. II/6 vorgeladen. Am 29. Juli 1941 – so ist auf der Karte zu lesen – „hat sie den zus. Vornamen Sara angenommen.“

Elsa Merten hingegen ist im Jüdischen Adressbuch 1935 mit der Anschrift Dambachtal 19 gelistet, eine Adresse, die unweit der bisherigen Wohnung lag. Auch wenn sie hier nicht erwähnt ist, kann man davon ausgehen, dass auch Clara Merten in dem gemeinsamen Haushalt wohnte. Sie war, wie zuvor die Mutter, auf die finanzielle Unterstützung ihrer Kusine angewiesen.[14]

Von den etwa 40.000 RM, über die Elsa zu Beginn der 30iger Jahre noch verfügte, waren nach der gescheiterten Pensionsgründung in Bonn im Jahr 1936 nur noch 28.000 RM geblieben.[15] Neben einer monatlichen Rente von 479 RM waren es hauptsächlich Erträge aus gewährten Darlehen, mit denen sie das gemeinsame Leben finanzierte. Die im Zusammenhang mit der Judenvermögensabgabe geforderte Vermögensaufstellung im Januar 1939 ergab jetzt nur noch ein Gesamtvermögen von etwa 21.000 RM, woraus sich insgesamt eine Abgabe von 4.200 bzw. inklusive der 5. Rate 5.250 RM ergab. Mangels liquider Mittel musste sie die dritte Rate durch die Abgabe von Wertpapieren begleichen.[16]

Möglichweise waren die schrumpfenden finanziellen Mittel auch der Grund, weshalb die beiden 1938 aus dem Dambachtal, einer gehobenen Villen-Wohnlage, in die Adelheidstr. 31 umzogen.[17] Hier erreichte Clara Merten auch das Schreiben der Devisenstelle Frankfurt vom 8. August 1940, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass für sie eine sogenannte „JS-Mappe“ mit der Nummer 6170 angelegt worden sei und ihr bis zur Übermittlung der Vermögensaufstellung ein vorläufiger Freibetrag von 200 RM gewährt würde. Angesichts der Tatsache, dass sie nur über ein kleines Sparkonto von 1.500 RM verfügte und von der Unterstützung ihrer Kusine lebte, wurde dieser Betrag noch im gleichen Monat auf 100 RM reduziert.[18]

Am 12. Februar 1942 wurden die beiden, diesmal mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Wohnungswechsel gezwungen. Im Judenhaus Grillparzerstr. 9 bezogen sie im ersten Stock, in dem Steinbergs ihre Wohnung hatten, zusammen ein Zimmer. Zusammen blieben sie aber nur bis zum 10. Juni, denn an diesem Tag wurde Elsa „evakuiert“. Der Transport brachte sie mit den anderen jüdischen Mitbürgern aus Wiesbaden zunächst nach Lublin, und wenig später in das Vernichtungslager Sobibor. An welchem Tag sie dort zu Tode kam, ist nicht bekannt.

Die ältere Clara Merten blieb noch bis zum 17. August in der Grillparzerstr. 9 und wurde dann noch einmal für zwei Wochen in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 gezwungen, bevor sie mit den anderen zumeist älteren jüdischen Bürgern der Stadt den Weg nach Theresienstadt antrat. Am 21. Januar 1943 verstarb sie hier angeblich an Altersschwäche.[19]

Auch die 71jährige Selma Fiedler war für diesen Transport vorgesehen. Wie so viele andere verweigerte auch sie sich durch ihre Flucht in den Tod diesem Vorhaben. Am Morgen des 31. August 1942 wurde sie tot in ihrer Wohnung in der Kapellenstr. 2 aufgefunden.[20]

 

 

 

 

<< zurück                              weiter >>


 

Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 685 578d (30). So schrieb sie in der Steuererklärung für das Jahr 1928: „mein Mann sowohl als ich haben im Jahr 1928 meiner in Berlin  (…) wohnenden Mutter, die 69 Jahre alt u. vollständig mittellos ist, unterhalten müssen. Diese Aufwendungen haben für 1928 mindestens 1200 RM betragen. Ich bin als einziges Kind verpflichtet, auch weiterhin für meine Mutter zu sorgen u. bitte, dies bei der Festsetzung der Steuer zu berücksichtigen.“ Die Mutter muss vermutlich im Jahr 1929 verstorben sein, denn in diesem Jahr ist sie letztmalig – als Bewohnerin der Calvinstr. 5 – im Berliner Adressbuch eingetragen.

[2] Information des Stadtarchivs Hildesheim, Eintrag im Sterberegister Nr. 664/1928.

[3] Die Angabe über das Jahr der Eheschließung machte Else Merten in einem Eintrag in die Steuerakte von 1937, siehe HHStAW 685 578d (98). Wie die vermutlichen verwandtschaftlichen Verbindungen zu dem Ehemann gleichen Namens ausgesehen haben, war nicht zu rekonstruieren, da der Name des Vaters von Elsa nicht bekannt ist.

[4] HHStAW 685 578 b (12).

[5] Dieses Darlehen ist dadurch belegt, dass das Finanzamt Wiesbaden 1936 nachfragte, wieso dieses Darlehen, das monatlich mit 83 RM verzinst wurde, in der Vermögenssteuer nicht angegeben worden sei, siehe HHStAW 685 578b (39). Der dem Reformjudentum zugewandte Rabbi, der in Hildesheim von 1982 bis 1935 sein Amt ausübte, zog danach zu Verwandten nach Mainz. Vermutlich hat die Beziehung auch nach seinem Umzug weiterhin bestanden.

[6] HHStAW 685 578d (Steuererklärung 1929). Die Abmeldung in Hildesheim erfolgte laut Angaben des dortigen Archivs am 28.2.1930, Best. 102 Nr. 7427.

[7] Auch wenn im allgemeinen Sprachgebrauch „Base“ sowohl für Kusine, als auch für Tante stehen kann, muss es sich in diesem Fall um zwei Kusinen handeln, denn in einem Schreiben von Clara an die Devisenstelle Frankfurt vom 15.Februar 1942 bezeichnet auch sie Elsa als ihre Base, siehe HHStAW 519/3 5208 (2).

[8] https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/92891-merten-clara-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/.

[9] Die verwandtschaftliche Verbindung erschließt sich daraus, dass Elsa Merten Achim Schollmeyer in einem Brief an das Finanzamt als ihren Neffen bezeichnet und ihn mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragte, siehe HHStAW 685 578b (15). Da Elsa Merten Einzelkind war, kann es sich bei Käthe nur um eine Schwester ihres verstorbenen Mannes gehandelt haben.

[10] In ihrer Einkommensteuererklärung von 1930 gab sie an, dass die Pension im ersten Jahr mit hohen Verlusten gearbeitet habe, da nicht alle Zimmer belegt gewesen seien, im folgenden Jahr gab sie die Einkünfte aus dem gewerblichen Unternehmen mit Null an, einzig Kapitalerträge von 2.000 RM waren zu versteuern, siehe HHStAW 685 578 (56, 64).

[11] HHStAW 685 578 d (69). Hinter der Datumsangabe auf der Anmeldung ist zwar mit anderer Hand ein rotes Fragezeichen hinzugefügt, aber der Umzug fällt unfraglich in diesen Zeitraum. Was aber die beiden veranlasst hatte, gerade Wiesbaden als Wohnort zu wählen, bleibt im Dunkeln. Möglicherweise hatten sie die Verbindung zu dem Mainzer Rabbi Lewinsky bewogen, in den Raum Mainz / Wiesbaden zu übersiedeln.

[12] Selma Fiedler, geboren am 20. Januar 1871, war um sieben Jahre jünger, könnte vielleicht eine Schwester von Clara Merten gewesen sein, aber das ist zunächst nur eine vage Vermutung.

[13] Das Todesdatum ihres Mannes war der 15.8.1932, geboren worden war er  laut Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte von Selma Fiedler am 14.3.1869.

[14] HHStAW 685 578d (71, 84, 90). Elsa Merten veranschlagte den Betrag auf etwa 300 RM jährlich. In dem bereits zitierten Brief von Clara Merten an die Devisenstelle vom Februar 1942 schrieb sie auch, dass sie schon seit zehn Jahren mit ihrer Base Elsa Merten in einem gemeinsamen Haushalt lebe, HHStAW 519/3 5208 (2).

[15] HHStAW 685 578b (35).

[16] HHStAW 685 578d (neue Paginierung: 6, 12, 14).

[17] In ihrer Einkommensteuererklärung von 1939 gab sie an über ein jährliches Einkommen von 1.265 zu verfügen, das sich aus einer Leibrente, Zinserträgen und Rückzahlungen aus gewährten Privatdarlehen ergab, vgl. HHStAW 685 578d (107). Ein Brief an das Finanzamt Wiesbaden vom 14.12.1938 trägt bereits den neuen Absender Adelheidstr. 16. Um einen formal erzwungenen Umzug kann es sich zu diesem Zeitpunkt kaum gehandelt haben.

[18] HHStAW 519/3 5208 (1, 3, 4).

[19] Todesfallanzeige Theresienstadt https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/92891-merten-clara-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/.

[20] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1942 / 1862.

 

 

 

<< zurück                              weiter >>


 

Anmerkungen: