Adolf und Margarethe Levy, geborene Rappaport


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Herrngartenstr. 11

 

 

 

 

 

 


Auch Adolf Levy und seine Frau lebten nur noch wenige Wochen vor ihrer Deportation im Judenhaus in der Herrngartenstr. 11. Allerdings hatten sie bereits fast das ganze Jahr zuvor in dem in der Mainzer Str. 2 zugebracht. Zunächst ist aber auch nicht bekannt, was das Ehepaar überhaupt dazu veranlasst hatte noch in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre von Berlin nach Wiesbaden zu übersiedeln. Da die Meldeunterlagen in Wiesbaden durch Kriegseinwirkungen zerstört wurden, weiß man auch nicht genau, wann dieser Umzug vollzogen wurde, aber im Jüdischen Adressbuch von 1935 sind die beiden noch nicht verzeichnet. Im offiziellen Adressbuch der Stadt findet man nur einen Eintrag in dem Band von 1938.

Stammbaum der Familien Levy und Rappaport
GDB

Die vorausgegangenen Jahre war die Reichshauptstadt ihr Lebensmittelpunkt gewesen, wo auch die Familie von Margarethe, die meist nur Grethe genannt wurde, lebte. Sie war dort am 16. Juni 1881 als letzte von drei Kindern des Ehepaars Edmund und Adele Rappaport, geborene Isaac, zur Welt gekommen.[1] Ihre ältere Schwester Alice war am 21. Februar 1876 und ihr Bruder Erich, der wie sein Vater später Kaufmann wurde, am 4. Juli 1877 in Berlin geboren worden.[2] Ursprünglich stammte die Familie allerdings aus Schlesien. In Breslau, dem heutigen polnischen Wroclaw, hatte Edmund Rappaport noch seine Kindheit verbracht.

Wann Margarethes Ehemann Adolf Levy nach Berlin kam, ist nicht bekannt, aber seine Eltern stammten aus dem saarländischen Dudweiler, wo es eine Reihe von jüdischen Familien mit diesem Namen gab. Sie spielten im Geschäftsleben der Gemeinde eine wichtige Rolle, aber ob auch Adolfs Eltern Jakob Levy und seine Frau Karoline, geborene Coblenz, daran Anteil hatten, ist nicht bekannt.[3] Auf dem Grabstein seiner Eltern, die auf dem alten jüdischen Friedhof in Saarbrücken begraben wurden, sind nicht nur deren Lebensdaten festgehalten, sondern auch die Herkunft von Jakob Levy, der als Sohn von Isaak Levy und dessen Frau Brünette, geborene Stern, aus der württembergischen Gemeinde Aach im Hegau stammte. Hier war er am 6. August 1831 zur Welt gekommen. Jakobs Frau; Karoline Coblenz war allerdings Saarländerin. Marum Coblenz und Rebekka Regina, geborene Strauss, wohnten bei der Geburt von Karoline am 14. März 1831 in Illingen.[4]

Adolf Levy hatte eine neun Jahre ältere Schwester namens Friedericke, die am 19. September 1860 ebenfalls in Dudweiler geboren worden war. Sie blieb über lange Zeit ihrer saarländischen Heimat verbunden, auch nachdem sie am 21. Februar 1879 in Dudweiler den aus dem Eifelörtchen Wawern stammenden Kaufmann Marx Bernhard Wolf geheiratet hatte.[5] Sie betrieben in der damaligen Provinzialstr. 194 ein Geschäft für Herren- und Damenkonfektion.[6]

Während die Ehe ihres Bruders Adolf kinderlos blieb, wurden in ihrer insgesamt vier Kinder geboren. Der einzige Sohn, Leonard verstarb allerdings ein halbes Jahr nach seiner Geburt im Jahr 1881.[7] Auch die älteste Tochter, die am 10. Mai 1879 geborene Hedwig verstarb schon im Alter von nur 28 Jahren in Dudweiler.[8] Drei Jahre vor ihrem Tod hatte sie am 25. Februar 1904 den auch aus Dudweiler stammenden Gemeindebaumeister Karl August Liebig geheiratet, der ebenfalls der dortigen jüdischen Gemeinde angehörte.[9] Das Paar lebte in den wenigen Jahren ihrer Ehe im Elternhaus in der Provinzialstraße. Da die am 26. Dezember 1885 geborene Betty dem Holocaust zum Opfer fiel, war die am 11. Juli 1882 geborene Enkelin Sophie letztlich die einzige der Nachkommen von Jakob und Karoline Levy, die nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft noch am Leben war.[10]

Als Adolf Levy und seine Frau nach Wiesbaden kamen, waren sie noch ein recht begütertes Paar. Welche berufliche Laufbahn dies ermöglicht hatte, ist nicht ganz klar. In den Unterlagen zum Entschädigungsverfahren wird der Onkel von Sophie Braun als Börsenkaufmann an der Frankfurter Börse und als Verlagsdirektor bezeichnet. Im Verlagswesen hatte Adolf Levy auch eine Berufsausbildung absolviert und auch seine letzte Tätigkeit, bevor er in den Ruhestand ging, lag in diesem Metier. Die Antragsteller gaben an, er habe eine Direktorenstelle bei der ‚Telegrafen-Union’ innegehabt.[11] Bei diesem Unternehmen handelte es sich allerdings nicht um einen klassischen Verlag, sondern um eine Presseagentur, die während des Ersten Weltkriegs gegründet worden war, um unabhängig von englischen und amerikanischen Agenturen zu sein. Da auch die ‚Telegrafen-Union’ ursprünglich nur Wirtschafts- und Börsennachrichten an ihre Kunden übermittelte, scheint Adolf Levy hier eine berufliche Tätigkeit gefunden zu haben, in der er beide Qualifikationen sehr gut miteinander kombinieren konnte. Die Telegrafen-Union war eine sehr erfolgreiche Agentur, die sogar ihre zunächst bekanntere und bedeutendere Konkurrenz, ‚Wolffs Telegraphische Bureau’, zunehmend zu überflügeln begann. Immer mehr kleinere Agenturen wurden unter der Führung des Pressemoguls der Weimarer Zeit, des DNVP-Vorsitzenden Hugenberg, unter dem Dach der Telegrafen-Union zusammengeführt. Spätestens mit der Machtübernahme der NSDAP und der Kontrolle des gesamten Nachrichtenwesens durch das Reichspropagandaministerium unter Goebbels muss Levy in dem Konzern seine Stelle verloren haben.[12]

Wie lange er im Dienste des Unternehmens gestanden hatte, ist nicht sicher zu sagen. In den Berliner Adressbüchern ist seit 1910 ein A. Levy, Agent, wohnhaft An der Spandauer Brücke 1b III verzeichnet. 1919 ist diese Agentur nach Charlottenburg in die Sybelstr. 18 verzogen. Von 1920 bis 1937 wohnt ein Adolf Levy in Charlottenburg in der Wilmersdorfer Str. 83. Es ist nicht sicher, dass es sich bei dem dort Verzeichneten tatsächlich um den Adolf Levy handelt, der danach nach Wiesbaden zog, aber doch eher wahrscheinlich.[13]

Vermutlich war das Ausscheiden aus dem Unternehmen der Grund für das Ehepaar Levy nach Wiesbaden zu ziehen, dass trotz des verlorenen Rufes als Weltkurstadt, noch immer eine gewisse Attraktivität für solvente Rentiers bot. Und solvent musste man sein, wenn man dann eine Wohnung in dem 1907 gegründeten ‚Sendig’s Eden-Hotel’ in der Sonnenberger Str. 22 bezog. Es handelte sich hier nicht nur um ein Hotel im klassischen Sinne, sondern um ein Quartier höchsten Komforts mit 120 Zimmern und 25 Luxusappartements mit eigenem Bad und Toilette. Unmittelbar am Kurpark gelegen, konnte es zudem mit eigenen Thermalbädern im Haus aufwarten.[14]

Ganz sicher werden Levys in einem der Appartements gewohnt haben, denn sie hatten auch ihre eigenen Möbel mit nach Wiesbaden gebracht und damit ihr neues Zuhause bestückt. Eine sehr detaillierte Liste der Einrichtungsgegenstände, die Adolf Levy unmittelbar vor seiner Deportation erstellt und seiner Nichte Sophie übermittel hatte, gibt Auskunft über das Interieur.[15] Wenn sie in dem Schreiben darauf hinweist, dass der bekannte Wiesbadener Notar und Rechtsanwalt Hans Buttersack den Wert der Einrichtung hätte bezeugen können, wenn er nicht unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung verstorben wäre, dann zeigt das auch, dass Levys in kürzester Zeit Anschluss an bedeutende Kreise der Wiesbadener Stadtgesellschaft gefunden hatten. Es lässt zudem auch Rückschlüsse auf die politische Haltung von Adolf Levy zu, der in Berlin selbst im Hugenberg-Imperium gearbeitet hatte. Zwar kann man daraus noch nicht auf eine entsprechende deutschnationale Gesinnung schließen, aber auch der Freund Buttersack war von seiner politischen Einstellung eher rechtskonservativ geprägt, war zunächst Gauführer der DNVP und auch Stahlhelmführer. Sein christlicher Glaube ließ ihn dann aber bald auf Distanz zum NS-Regime treten, dessen Machtübernahme er noch mit einem Aufmarsch der nationalen Bewegung in Wiesbaden begeistert begrüßt hatte. Seine berufliche Qualifikation als Anwalt stellte er schon bald in den Dienst der Bekennenden Kirche und auch in den der verfolgten jüdischen Bevölkerung. Levy wie Buttersack waren gewiss beide erschrocken darüber, welche Ausgeburt der nationalistische Konservatismus in Gestalt von Hitler und seiner NSDAP hervorgebracht hatte. Wie so viele andere werden sie vielleicht gehofft haben, dass dieser Spuk von alleine vorübergehen würde.

Ob Adolf Levy und seine Frau in diesen ersten Jahren in Wiesbaden den wachsenden Antisemitismus unmittelbar zu spüren bekamen, ist nicht bekannt. Erst im Oktober 1938 hatte die Zollfahndungsstelle Mainz ein Auge auf das vermögende Ehepaar geworfen und bei der Devisenstelle in Frankfurt eine Sicherungsanordnung erwirkt. Nach ihren Angaben besaßen Levys ein Vermögen von mehr als 100.000 RM, 93.000 RM in Form von Wertpapieren und einer Leibrente, aus der sie jährlich bis zum Tod 1.200 RM beziehen sollten. Ihr Kapitalwert wurde auf 10.000 RM beziffert.[16] Vermutlich wegen des großen Arbeitsanfalls im Gefolge der Novemberpogrome wurde die Sicherungsanordnung erst am 17. Januar des folgenden Jahres erlassen, versehen mit einem rot geschriebenen „Eilt!“-Vermerk. Wie in dieser frühen Phase der Kontrolle von jüdischen Vermögen üblich, blieben die Erträgnisse der Wertpapiere noch zur freien Verfügung.[17] Als Adolf Levy im Februar dann die Devisenstelle bat, ihm den Verkauf von Wertpapieren in Höhe von 1.000 RM zu gestatten, um den laufenden Lebensunterhalt zu bestreiten und Rechnungen zu begleichen, wurde auch das noch genehmigt.[18] Erst im Mai 1940 wurden die Kontrollen dann restriktiver. Nicht nur wurde von ihm eine genaue Aufstellung seiner derzeitigen Vermögenswerte verlangt, auch wurde ihm jetzt, wie nahezu allen Juden, zunächst nur noch ein vorläufiger Freibetrag von 300 RM monatlich bewilligt. Aus der Vermögenserklärung geht hervor, dass sich dieses innerhalb eines Jahres mehr als halbiert hatte. Statt 100.000 RM besaßen Levys nur noch knapp 45.000 RM.[19] Von der eigentlichen Summe hatte Adolf Levy bereits 22.600 RM abgezogen, die als Reichsfluchtsteuer hinterlegt werden mussten und dem eigenen Zugriff entzogen blieben. Eine ähnlich große Summe hatte sich der Staat als „Sühneleistung“ für die während der Pogrome entstandenen Schäden am Volksvermögen angeeignet. Zwar ist die offizielle Berechung dieser Sondersteuer für Juden nicht mehr in den Akten enthalten, aber es liegen Verkaufsquittungen von Wertpapieren der Dresdner Bank für die zweite, dritte, vierte und fünfte Rate vor.[20] Die jeweiligen Beträge liegen zwischen 4.500 und 5.500 RM, sodass man vermuten kann, dass die Gesamtsumme dieser Judenvermögensabgabe bei etwa 25.000 RM gelegen haben wird.[21] Wenn man dann noch bedenkt, dass die Lebenshaltungskosten des Paares in dem exklusiven Haus am Kurpark ebenfalls recht beträchtlich gewesen sein müssen, dann ist klar, wie es zum diesem Kapitalschwund gekommen war. In der Aufstellung seiner monatlichen Kosten bezifferte Adolf Levy im Juni 1940 diese auf etwa 480 RM, davon 160 RM für die Miete. Er gab damals allerdings auch an, ein Jahreseinkommen zwischen 4.500 und 4.000 RM zu beziehen [22] – Einkommen, das sich aus der Leibrente und der Verzinsung der allerdings inzwischen erheblich verringerten Wertpapiere ergab.

Selbstverständlich war auch Adolf Levy gezwungen worden, seine Edelmetalle, in welcher Form auch immer, bei der städtischen Ankaufstelle abzugeben. Eine Quittung vom 22. März 1939 über einen Betrag von 126,13 RM belegt die Abgabe von Silberbesteck, kleineren Schmuckstücken und weiteren edlen Haushaltsgegenständen.[23] Das waren sicher erhebliche Verluste, zumal an solche Stücke immer auch persönliche Erinnerungen geknüpft sind.

Die entscheidende Veränderung im Leben der Levys trat dann am 26. November 1941 ein, denn da mussten sie die Wohnung, ihr Appartement in der Sonnenberger Straße, verlassen und in ein Judenhaus einziehen: „Die Eheleute Levy mussten auf staatlichen bezw. städtischen Befehl dieses Wohnung (das alte Astoria Luxushotel) ganz kurzfristig räumen und konnten in die ihnen zugewiesene Wohnung in der Herrngartenstr. 11 (damals einem Juden gehörend), die wesentlich kleiner war, also nur einen Teil ihrer Einrichtung mitnehmen, mussten das andere unter der bisherigen Hausverwaltung Claire und Ernst Schmalhaus (…) zurücklassen, die natürlich bei den Kriegsverhältnissen auch nur teilweise helfen konnten.“[24]

An dieser Aussage der Nichte Sophie Braun, ist einiges falsch bzw. ungewiss, manches aber sicher auch zutreffen. So ist zunächst die Angabe, Levys seien aus der Sonnenberger Str. 22 unmittelbar in das Judenhaus Herrngartenstr. 11 gezogen, falsch. Das erste Judenhaus, in das sie ziehen mussten, war das in der Mainzer Str. 2. Dass der Umzug aber erzwungen war, ist deshalb glaubhaft, weil es keinen Grund für Levys gab, freiwillig die bisherige Wohnung zu verlassen und auch zu den Betreibern des Hotels, dem Ehepaar Schmalhaus,[25] offenbar ein gutes, gar freundschaftliches Verhältnis bestand. Ansonsten wäre es kaum möglich gewesen, dort Möbel und anderes unterzustellen. Mehrere zurückgelassene Koffer konnten den Nachkommen nach dem Krieg wieder übergeben werden. Es könnte aber auch sein, dass ein Großteil der Möbel damals noch mit in die Mainzer Straße genommen werden konnten. Immerhin liegt die an die Devisenstelle gerichtete Bitte von Adolf Levy vom 10. Dezember 1941 vor, in der er um die Freigabe von 133,75 RM bat, um die Rechnung der Firma Rettenmayer für die Umzugskosten begleichen zu können.[26] Nach den Eintragungen in einer der Gestapo-Listen konnten Levys in dem Judenhaus Mainzer Str. 2 zwei Räume im Erdgeschoss bewohnen,[27] waren daher zunächst einmal räumlich nicht so viel mehr beengt, wie zuvor in dem Appartement des Hotels.

Über das knappe Dreivierteljahr, das sie in dem Judenhaus in der Mainzer Straße verbrachten liegen kaum Informationen vor. In einem Brief, den Adolf Levy unmittelbar vor der Deportation an seine Verwandten schrieb, erwähnte er, dass Emma Löwenstein, die damals zusammen mit ihrem Vater dort bei ihnen wohnte, einen Selbstmordversuch unternommen habe.[28] Ob die beiden nur im Haus oder mit ihnen zusammen in ihren zwei Zimmern untergebracht waren, lässt sich aus der knappen Erwähnung nicht entnehmen.

Ende April wurde Adolf Levy noch einmal aufgefordert, seine Lebenshaltungskosten gegenüber der Devisenstelle offen zu legen. Der Aufstellung sind wenige Sätze beigefügt, in denen er die schwierige finanzielle und gesundheitliche Situation zusammenfasst, in der er und seine Frau sich damals befanden:
“Zu der nachstehenden Aufstellung gestatte ich mir zu bemerken, dass ich fast 1 ½ Jahre infolge Erkrankung an schwerem Gelenkrheumatismus ans Zimmer gefesselt bin, und dass auch meine Frau durch zahlreiche Operationen sowie durch die Anstrengungen bei der Pflege meiner Person stark geschwächt ist. Dadurch sind wir auf häufige Hilfskräfte angewiesen und haben fortlaufend große Ausgaben für gesundheitliche Zwecke.“ [29]

Obwohl man einen Bedarf von insgesamt 402 RM angemeldet hatte, wurde der Freibetrag am 28. April 1942 auf 350 RM reduziert.[30] Im Mai musste er noch einmal um eine zusätzliche Freigabe von Mitteln in Höhe von etwa 150 RM für die Reparatur der Strom- und Gasinstallation in der Wohnung in der Mainzer Straße bitten.[31]

Am 31. Juli 1942 unterrichtete Adolf Levy die Devisenstelle von einem erneuten Umzug, diesmal in das Judenhaus Herrngartenstr. 11, wo das Paar noch knapp einen Monat blieb. Laut Eintrag auf der Gestapokarteikarte hatte der Umzug bereits wenige Tage zuvor am 25. Juli stattgefunden. Auch in der neuen Wohnung, vielleicht war es auch nur noch ein Zimmer, mussten wieder erst einmal Instandsetzungsarbeiten verrichtet werden, für die Adolf Levy erneut einen Betrag von etwa 33 RM erbitten musste.[32] Schon am 23. August ging erneut bei der Devisenstelle ein Antrag für die Freigabe eines Betrages von 98,50 RM für Umzugskosten ein, der ebenfalls bewilligte wurden.[33] Vermutlich waren das die Kosten, die für den Umzug in die Herrngartenstr. 11 angefallen waren, wenngleich man davon ausgehen muss, dass spätestens jetzt der Großteil der Möbel nicht mehr mit in die neue Unterkunft genommen werden konnten. Aus dem bereits zitierten Brief vom Vorabend der Deportation geht hervor, dass ein Teil im bekannten Wiesbadener Auktionshaus Jäger untergestellt worden waren.

Was letztlich mit ihnen geschah, konnte auch im Entschädigungsverfahren nicht geklärt werden. Vermutlich wurden sie von der Finanzkasse bei einer der vielen Auktionen versteigert und zierten in den folgenden Jahren die Räume arischer Volksgenossen. Über die wenigen Wochen, die das Paar dann in der Herrngartenstr. 11 verbringen mussten, wo und mit wem sie dort zusammen lebten, fehlen jegliche Informationen.

Aber auch dieser Umzug blieb nicht der letzte. Bereits am 14. August 1942 waren noch verbliebenen Juden Wiesbadens – es waren fast nur noch die im Alter über 65 Jahren -, von der Bezirksstelle der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ von dem anstehenden Transport unterrichtet worden, mit dem sie – so die damalige, auch richtige Vermutung – wohl nach Theresienstadt gebracht werden sollten. Die Betroffenen wurden davon unterrichtet, dass damit die Einziehung ihres gesamten noch vorhandenen Vermögens einhergehen würde. Als „Gegenleistung“ würden so genannte Heimeinkaufsverträge angeboten, zu deren Abschluss die Reichsvereinigung ausdrücklich riet: „Durch diese Verträge verpflichtet sich die RJD zur lebenslänglichen Gewährung von Heimunterkunft und Verpflegung. Als Gegenleistung haben die Abwandernden der RJD ihr bewegliches Vermögen ganz oder teilweise, entsprechend ihrem Alter, zu übertragen.“[34] Auch Adolf Levy ist wie viele andere diesem Ratschlag gefolgt und hat einen solchen Vertrag abgeschlossen. Am 1. April 1946 bestätigte die Dresdner Bank, dass am 16. Oktober 1942 ein Betrag von 34.719, 69 vom Konto von Adolf Levy an das ‚Bankhaus Heinz von Tecklenburg’ in Berlin geflossen sei. Dafür waren die Wertpapiere, die noch im Besitz von Adolf Levy waren, über die Dresdner Bank dort in Zahlung gegeben worden.[35] Dieses Bankhaus war quasi die Vermittlungsstelle über die das Geld zunächst auf das Konto der Reichsvereinigung floss, die aber inzwischen faktisch zur nachgeordneten Einrichtung des Reichssicherheitshauptamts mutiert war, sodass die SS auf diese Weise den ausschließlichen Zugriff auf diese Vermögen erlangte, noch bevor der Reichsfiskus seine Hand darauf legen konnte.[36]

Abgeschlossen wurden diese Verträge in der Sammelstelle in der Friedrichstr. 33, der ehemaligen Synagoge der altjüdischen Gemeinde, die bei dem Novemberpogrom zumindest äußerlich weitgehend unzerstört geblieben war. Aus einem letzten Brief, den Adolf Levy am 26. August 1942 dort verfasste, geht hervor, dass er zumindest schon einige Tage dort ohne seine Frau untergebracht worden war, er sogar befürchtete, dass sie nicht gemeinsam in einem Wagen die Reise in das Ghetto würden antreten können. Auch gab er dem Adressaten Gusti genauer Auskunft über den geplanten Ablauf der Deportation, ebenso instruierte er ihn, welche Schritte er in der folgenden Zeit nach ihrer „Abwanderung“ unternehmen solle. Dieser Brief, in dem die Sorgen, aber auch die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen zum Ausdruck gebracht wurde, soll als wichtiges Dokument aus dieser Zeit der Verzweiflung vollständig wiedergegeben werden:[37]

„Wiesbaden, 26.8.42

Meine Lieben !
Im Anschluß an mein Schreiben vom 22/8 teile ich Euch mit, dass wir, nach einer uns gestern abend offiziell zugegangenen Benachrichtigung, ‚zur Gemeinschaftsunterbringung außerhalb des Altreichs bestimmt sind’ und wir uns am Samstag den 29. d. Mts. bis 13 Uhr in dem Synagogengebäude Friedrichstr. mit unserem Gepäck einzufinden haben. Ich bin ja schon in diesem Hause untergebracht, aber Grethe darf sich nicht in meinen Zimmern nach dieser Zeit aufhalten. Außer mir liegen erst 2 Herren dort, indessen soll der Raum mit insgesamt 8 Personen belegt werden. Abtransportiert werden wir (ca. 500 Personen), zu denen sich in Fft. [Frankfurt] noch solche von anderen Plätzen der Gegend – Fft. selbst nicht – gesellen werden, wahrscheinlich erst in der Nacht zum Mittwoch (2/9), Position[?] ist bisher nicht bekannt. Von Samstag ab werden wir in der Synagoge verpflegt und dürfen
[S. 2]
diese vor der Abreise nicht mehr verlassen. Mitnehmen darf jede Person 50 M., kleinen Koffer oder Rucksack, Brotbeutel, Kopfkissen, wollene Decke und Bettzeug. Mehrere Kleider übereinander anzuziehen, ist erlaubt. Kochgeschirr, Porzellan und sonstige Küchengeräte, Eimer etc. werden im Gepäckwagen mitgenommen. Grethe kann wahrscheinlich nicht mit mir (mit gleichen Wagen) [Einfügung vom Seitenende] zusammen fahren. Heimeinkaufsverträge sind jetzt obligatorisch. Die Hinterlassenschaft besteht aus der Leibrente, dem Mobiliar in der Wohnung und dem bei Jäger,
[38] was ich dir, l. Gusti, wegen des Schenkungsversprechens mitteile. In der verlangten Vermögenserklärung habe ich angegeben, daß du berechtigt bist, uns zu vertreten. Die am 1./9.fällige Rente kann nicht mehr zur Auszahlung kommen, weil es mir an der Möglichkeit fehlt, noch die Lebensbescheinigung vollziehen zu lassen bezw. zu befördern [?].Du wirst wohl so gut sein und die erforderlichen Schritte betr. Leibrente und Schenkung zu unternehmen. Der Vorsitzende
[S. 3]
der hiesigen jüd. Gemeinde, Sitz Bahnhofstr. 25 (amtlich ‚Bezirksstelle der Reichsvereinigung d. Jud. in D.’), Rechtskonsulent (früher Anwalt) Berthold Isr. Guthmann hat Grethe mitgeteilt, daß wir – vielleicht als letzter Transport – nach Theresienstadt kommen, das mit 50000 J[uden]. bevölkert wird. Nach Abschluß des Transports würden Aufenthaltslisten eingerichtet und auch Schreiberlaubnis nach Deutschland genehmigt werden. Die Unterkunft sei beengt, aber in Steinhäusern mit Wasser[?], Seife und sonstigen Vorzügen gegenüber Polen. Seine Angaben sind hoffentlich zuverlässig und nicht zu optimistisch. Gestern wurden hier 7 Todesfälle bekannt. Außer einem Ehepaar u. A. Emma Löwenstein und der alte 84 jähr. Vater[?], der bei uns in der Mainzerstr. wohnte. E.[mma] L.[öwenstein] hatte uns wiederholt – auch zuletzt vor ca. 14 Tagen -, dass sie nicht fortginge, so daß ihr plötzlicher Tod für uns keine Überraschung war. Immerhin bedauern wir ihr Hinscheiden sehr. Nachträglich höre ich, dass sie noch lebt, ob sie mitfährt, bezweifle ich.
[S. 4]
So weit hatte ich geschrieben, als mir Frl. Wolff mit Mittagessen und Nachmittagskaffee Emmas Brief brachte.
[39] Frl. W.[olff], eine Schwester von Theodor W. (früher .[?]. des „Berl.[iner] Tagebl.[atts]“), wohnte in unserem Hause und ist sehr hilfreich.[40] Trotz ihrer 71 Jahre nimmt sie Grethe manchen Gang ab. Wenn wir die [?] kriegen – herzlichen Dank im Voraus, werden sie uns gute Dienste leisten. Vorletzte Nacht war hier ein neuer schwerer Angriff, der M.[ainz] wieder sehr mitgenommen haben soll. Es ist doch besser, l. Sätchen, du kommst nicht mehr zu uns. Abgesehen von den Reisestrapazen für dich wäre es eine unbeschreibliche Aufregung, die meine Nerven kaum ertragen würden. Neben großen Schmerzen bin ich auch durch die Trennung von Grethe in äußerst schlechter Verfassung. Anbei noch eine Liste von Claires Sachen,[41] die Ihr s. Zt. ihr geliehen habt. Es bleibt mir nur noch übrig, von Euch Abschied zu nehmen, dir l. Gusti, gleichzeitig zum Geburtstag zu gratulieren und Euch für Euer weiteres Leben beste Gesundheit und wieder glückliche Tage zu wünschen. Ob wir uns jemals wieder sehen werden, bleibt abzuwarten. Zunächst ist die Hauptsache, daß wir die großen und bevorstehenden Anstrengungen überstehen. Mit meinen herzlichen Grüßen und Küssen bin ich Euer Adolf“[42]

Am Morgen des 1. September zog die Kolonne mit den „Abwandernden“ im Nieselregen durch die weitgehend leeren Straßen der Stadt zur Viehladestation am Güterbahnhof, wo die etwa 350 Menschen den Zug nach Frankfurt bestiegen. Noch am selben Tag verließ der nun mit 1100 Personen gefüllte Transport die Ladestation an der Großmarkthalle, um am folgenden Tag sein Ziel Theresienstadt zu erreichen.

Die 34.000 RM für den Heimeinkaufsvertrag waren, so muss man mit einem gewissen Zynismus sagen, eine äußert schlecht angelegte Investition auf die Zukunft. Adolf Levy verstarb am 14. September 1942, also nur zwei Wochen nach seiner Ankunft in dem Ghetto von Theresienstadt an Altersschwäche. Den Totenschein hatte zwar ein Dr. Albert Singer ausgestellt, als behandelnder Arzt ist aber auf der Todesfallanzeige von Theresienstadt Dr. Moritz Hirsch festgehalten. Der Kinderarzt Moritz Hirsch war Eigentümer des Judenhauses Mainzer Str. 2 und war wie sein ehemaliger Mieter am 1. September in die frühere böhmische Garnisonsstadt deportiert worden.[43]
Margarethe Levy überlebte das Ghetto Theresienstadt. Am 16. Mai 1944 wurde sie mit dem Transport ‚Ea’, der etwa 2500 Menschen umfasste, nach Auschwitz gebracht. Die Ankömmlinge wurden noch alle mit Nummern versehen und anschließend in das Familienlager BIIb in Birkennau eingewiesen.[44] Laut dem Institut der Theresienstadt-Initiative, gelang es 40 von ihnen zu überleben, Grethe Levy gehörte jedoch zu den Opfern. Wann sie in Auschwitz umgebracht wurde, ist allerdings nicht bekannt.[45] Im Todeserklärungsverfahren wurde ihr Todestag nach Beschluss vom 10. Dezember 1946 vom Amtsgericht Wiesbaden auf den 8. Mai 1945 festgelegt.[46]

Wenige Wochen bevor der Transport in den Tod Wiesbaden verlassen hatte, war Adolf Levys Schwester Fredericke mit ihrer unverheirateten Tochter Betty von Köln aus ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden. Bisher ist nicht bekannt, seit wann die beiden in Köln wohnten und welches Schicksal ihr Mann bzw. Vater Marx Bernhard Wolf widerfahren war. Im Testament von Adolf Levy und seiner Frau aus dem Jahr 1936 sind Friedericke und deren potentielle Nacherbin Betty, beide wohnhaft in Köln, aufgeführt. Damals lebten sie in der Jülicher Str. 11.[47] Möglicherweise war er, der damals schon über achtzig Jahre hätte sein müssen, bereits verstorben. Er war auf jeden Fall nicht dabei als am 15. Juni 1942 der Transport mit seine Frau und Tochter den Kölner Bahnhof verließ.[48] Nach einem massiven Bombenangriff auf Köln hatte der Gauleiter Josef Grohé auf eine schnelle Abschiebung der Juden aus der Stadt gedrungen, um Wohnraum für die Bombengeschädigten bereitstellen zu können.

Friedericke Wolf kam am 28. Dezember 1943 in Theresienstadt ums Leben.[49] Vielleicht hatte sie dort ihren Bruder und ihre Schwägerin noch angetroffen. Betty wurde am 15. Juni 1944 und damit genau einen Tag vor ihrer Tante Grethe von Theresienstadt nach Auschwitz gebracht. Beide Transporte, die jeweils etwa 2500 Personen umfassten, dienten dem Zweck, das Ghetto vor dem Eintreffen einer Delegation des Roten-Kreuzes in einen „ansehnlicheren“ Zustand zu versetzen.[50] Auch Bettys Todestag ist nicht bekannt. Deshalb wurde sie nach dem Krieg amtlich für tot erklärt.[51]

Die einzig Überlebenden der Familie waren Sophie und August Braun, die nach dem Krieg auch das Entschädigungsverfahren in Wiesbaden für ihren Onkel und ihre Tante anstrengten. Zwar ist nicht bekannt, wann die beiden heirateten und welchen familiären Hintergrund August Braun hatte. Aber offensichtlich war er nicht jüdischen Glaubens, denn beim Zensus des Jahres 1939 ist nur seine Frau als Jüdin aufgeführt, er selbst galt wegen seiner Ehe mit einer Jüdin als „kollektiv“ Verfolgter.[52] Damals wohnte das Paar in Berlin Schöneberg in der Hauptstr. 155, die gleiche Adresse, mit der sie bereits im Testament von Adolf und Margarethe Levy aus dem Jahr 1936 und dann auch noch im letzten Berliner Adressbuch der Kriegsjahre aus dem Jahr 1943 verzeichnet ist.[53] Auch als sie 1950 das Entschädigungsverfahren beantragten, wohnten sie noch immer in der gleichen Wohnung.

Als Beruf gab Sophie Braun in den Antragsformularen an, sie sei in der Putzbranche tätig,[54] Damit war allerdings keine Tätigkeit als Reinigungskraft gemeint, sondern eine Modistin oder auch Hutmacherin, also ein Beruf, der an den Geschäftsbereich ihrer Eltern anknüpfte. Ihr Mann wird in den Akten als gelernter Bürokaufmann bezeichnet, im Adressbuch von 1943 ist hinter seinem Namen „Betr Organisat“, was wohl Betriebsorganisator heißen soll, eingetragen. Zur Zeit des Verfahrens war er selbstverständlich inzwischen verrentet. Offensichtlich hatte Sophie Braun die Ehe mit einem arischen Mann ihr Leben gerettet, was keineswegs die Regel war.

In Berlin, ihrer Heimatstadt, lebten auch Alice und Erich, die Geschwister von Margarethe Levy, mit ihren Familien, bis sie Deutschland auf der Flucht vor dem Nazi-Terror verließen. Alice Rappaport, die etwa fünf Jahre ältere Schwester von Margarethe, hatte am 1. September 1897 den promovierten Arzt und Sanitätsrat Arthur Victor Schwab geheiratet. Er war am 11. Dezember 1865 in Mannheim als Sohn des jüdischen Ehepaars Julius und Isabella Schwab, geborene Levy, zur Welt gekommen.[55] In der Ehe wurden die beiden Söhne Hans Julius und Fritz Ewald geboren, Hans am 27. Oktober 1901 und Fritz am 9. Juni 1905.[56] Während der ältere der beiden Brüder offensichtlich in die Fußstapfen seines Vater getreten und Apotheker geworden war, hatte der jüngere eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Die beiden Berufe sind in der Heiratsurkunde von Fritz angegeben, der am 25. September 1932 in Berlin die dort am 24. Juli 1903 geborene Kontoristin Margarete Agnes Brigitta Krahmann ehelichte.[57] An dieser Feier am Vorabend der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ konnte der Vater des Bräutigams nicht mehr teilnehmen. Er war bereits zu Beginn der Weimarer Republik am 29. Oktober 1919 in Berlin verstorben.[58] Möglicherweise war das auch der Grund, weshalb Fritz, der damals noch Schüler gewesen sein muss, kein teures Studium mehr aufnehmen konnte. Zum Zeitpunkt der Eheschließung lebte Fritz in Mannheim, der Heimatstadt seines verstorbenen Vaters. Hans, von dem nicht bekannt ist, ob er später auch noch eine Familie gründete, war in Berlin bei seiner verwitweten Mutter geblieben. Laut dem Jüdischen Adressbuch von Groß-Berlin, wohnte er 1931/32 mit ihr zusammen in der Dresdner Str. 20. Unter dieser Adresse war sein Vater mit seiner Arztpraxis seit 1895, also noch vor seiner Eheschließung mit Alice Rappaport, in den Berliner Adressbüchern verzeichnet. Wann Hans mit seiner Mutter Berlin und Deutschland verließ, ist nicht bekannt. Im Berliner Adressbuch von 1933 ist nur noch die Mutter, allerdings jetzt mit einer anderen Adresse – Freisinger Str. 8 – zu finden. Als Adolf und Margarethe Levy 1936 ihr Testament machten, gaben sie an, ihre Schwägerin und bzw. Schwester befände sich inzwischen mit ihrem Sohn Fritz – vermutlich auch dessen Frau Margarete – in Basel. Zwar liegen keine genaueren Informationen über deren Leben im Exil vor, aber allem Anschein nach ist es der Familie irgendwie gelungen, ihr Leben zu retten. Am 11. August 1942, also kurz vor ihrer Deportation, änderten Adolf und Margarethe Levy angesichts der Tatsache, dass der Aufenthalt der früher eingetragenen Erben inzwischen völlig unklar war, vielleicht auch nicht verraten werden sollte, ihr Testament noch einmal. August und Sophie Braun, die noch immer in Berlin wohnten, wurden darin beauftragt, den Anteil für Alice Schwab, die zu diesem Zeitpunkt in Basel – Arlesheim im Nullenweg 28 lebte, solange zu verwalten, bis die Möglichkeit bestehen würde, ihr ihren Anteil zu übergeben.[59] Ob sie ihren Erbteil bei den schleppenden Entschädigungsverfahren in Deutschland tatsächlich noch erhielt, ist ungewiss.[60]
Aber überlebt haben Alice Schwab und auch ihr Sohn Fritz, vermutlich auch dessen Frau Margarete, die Zeit der Verfolgung mit Sicherheit. In den Akten der Schweizer Polizeibehörden Bern befinden sich zwei Dokumente aus dem Jahr 1948, mit denen die Kantonale Fremdenpolizei von Basel-Land beauftragt wurde, Fritz und Alice Schwab jeweils einen Reisepass für Auslandsreisen auszuhändigen.[61] Von Fritz ist zudem bekannt, dass er im Jahr 1953 mit dem Schiff ‚United States’ von Le Harve aus eine Reise nach New York unternahm.[62]

Zu den Opfern der Shoa gehörte mit Sicherheit sein Bruder Hans. Bei der ersten Testamentsfassung seines Onkels und seiner Tante im Jahr 1936 lebte er in Brüssel. Wo er sich 1942 aufhielt, war ihnen dann nicht mehr bekannt. Vermutlich hatte er sich mit Kriegsbeginn von dort nach Frankreich abgesetzt und versucht im unbesetzten Süden zu überleben. Bevor italienische Truppen Monaco im Juni 1940 besetzten, war das Fürstentum, obwohl als Finanzplatz eng mit Deutschland verbunden, offiziell neutral und damit ein Zufluchtsort für viele Flüchtlinge. Im Juli 1941 zwang das Deutsche Reich den dortigen Regenten Prinz Louis alle Juden zu registrieren. Seit wann sich Hans Schwab dort aufgehalten hatte, ist nicht bekannt. Nach den Angaben von Yad Vashem wurde er aber am 11. September 1942 in Monaco aufgegriffen, nach Frankreich gebracht und anschließend von Drancy aus nach Auschwitz deportiert und ermordet.[63]

Die Familie von Margarethes und Alices Bruder Erich hatte dagegen rechtzeitig den Weg auf die sichere britische Insel gefunden. Als ‚Jewish Refugees“ waren er und seine Frau Käthe 1939 in England registriert worden.[64] Zuvor hatte Erich Rappaport in Berlin gelebt, wo der Kaufmann am 22. Februar 1908 Käthe Marcuse geheiratet hatte.[65] Die am 21. Juli 1885 geborene Ehefrau, die mit vollem Namen Käthe Mila Gertrud hieß, stammte ebenfalls aus einer Berliner Kaufmannsfamilie. Ihre Eltern waren Bendix und Helene Marcuse, geborene Kirchberger.[66] Laut dem Jüdischen Adressbuch von 1931/32 wohnten sie vor der nationalsozialistischen Machtübernahme dort in der Derfflinger Str. 2.

Im Jahr nach der Hochzeit war ihnen am 14. November 1909 die Tochter Edith geboren worden, die, abweichend vom Berufsfeld der Eltern und Großeltern, sich zur Bibliothekarin hatte ausbilden lassen. Aber der Ehemann, den sie am 20. November 1934 in Berlin heiratete, stammte dann doch wieder aus der großen jüdischen Kaufmannschaft Berlins. Als Buchhändler stand Hans Salo Graetzer, geboren am 7. November 1896 in Berlin als Sohn von Emanuel und Auguste Graetzer, geborene Hirschfeldt, dennoch dem Berufsfeld seiner Frau sehr nahe.[67] Aber eine berufliche Perspektive gab es im Nazi-Deutschland für die beiden ohnehin nicht mehr. Sie scheinen das Land bereits vor der Volkszählung im Mai 1939 verlassen zu haben, da ihre Namen, anders als der der Eltern von Edith, in den überlieferten Unterlagen nicht mehr gelistet sind. Nach ihrer Übersiedlung lebten Edith und Hans Grätzer zunächst in Stoke Newington, einem nordöstlichen Stadtteil von London. Während Edith dort bleiben durfte, war ihr Mann zumindest zeitweise in das berühmten Kitchener Camp in Richborough in der Grafschaft Kent eingewiesen worden. Dieses Camp, von englischen Juden 1939 eingerichtet, diente als ein Transitcamp für etwa 4000 männliche jüdische Flüchtlinge auf ihrem Weg in ein anderes sicheres Exilland, zumeist in Nord- oder Südamerika.[68] Anders als die meisten blieben Graetzers aber auch in England, nachdem eine weitere Internierung in zwei getrennten Verfahren abgelehnt worden war.[69] Ihren Beruf hatte Edith in dem Verfahren sehr vage mit „Beauty Culturist“ bezeichnet. Über das weitere Leben des Paares, wie auch das der Eltern von Edith in Großbritannien, liegen keine Informationen vor. Vermutlich war aber die Mila Rappaport, deren Namen man im Sterbeindex von England aus dem ersten Quartal des Jahres 1965 findet, Ediths Mutter.[70] Adolf und Margarethe Levy, ehemalie Bürger von Wiesbaden, waren wie viele ihrer Angehörigen in der Shoa umgebracht worden, aber die Familie gänzlich auszulöschen, ist den Nazi-Schergen nicht gelungen.

 

Veröffentlicht: 03. 05. 2021

 

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Anmerkungen:

 

[1] Geburtsregister Berlin 727 / 1881.

[2] Geburtsregister Berlin IVa 408 / 1876 und Heiratsregister Berlin III 87 / 1908.

[3] Peter Jurecka, Zeugnisse jüdischer Menschen in Dudweiler, S. 91, hat schon darauf aufmerksam gemacht, dass die verwandtschaftlichen Beziehungen der Levys in Dudweiler ungeklärt sind.

[4] http://www.steinheim-institut.de:50580/sbs_all.html. (Zugriff: 28.4.2021).

[5] Heiratsregister Dudweiler 11 / 1879. Marx Bernhard Wolf war am 30.6.1854 in Wawern als Sohn von Leonard und Eva Wolf, geborene Wolf, geboren worden. Jurecke gibt den Vornamen zwar mit Max an, in der Heiratsurkunde ist er aber unzweideutig mit Marx Bernhard benannt.

[6] Jurecka, Jüdische Menschen in Dudweiler, S. 92.

[7] Sterberegister Dudweiler 165 / 1881. Der am 17.8.1881 Geborene war genau 6 Monate und drei Tage alt geworden.

[8] Geburtsregister Dudweiler 161 / 1879 und Sterberegister Dudweiler 338 / 1907.

[9] Heiratsregister Dudweiler 26 / 1904. Karl August Liebig war am 24.3.1872 als Sohn von Emil und Ida Liebig, geborene Erdmenger, zur Welt gekommen.

[10] Für Betty Wolf, Geburtsregister Dudweiler 534 / 1885, für Sophie HHStAW 518 4166 (2, 6).

[11] HHStAW 518 4166 I (46, 67).

[12] Zur ‚Telegrafen-Union’ siehe https://www.archivportal-d.de/item/CRJBOH2SS3GGI4OUJRWYT7DKHNCSETQW. (Zugriff: 28.4.2021).

[13] Adolf Levy war auch Trauzeuge bei der Hochzeit seiner Nichte Edith im Jahr 1934. Laut diesem Eintrag wohnte er damals in der Wilmersdorfer Straße, allerdings ist hier die Hausnummer mit 24 angegeben.

[14] So eine Werbebroschüre aus dem Eröffnungsjahr 1907.

[15] HHStAW 518 4166 I (17).

[16] HHStAW 519/3 3659 (1).

[17] Ebd. (2, 3, 4).

[18] Ebd. (5).

[19] Ebd. (9).

[20] HHStAW 518 4166 I (26, 27, 28, 29).

[21] In ihrem Entschädigungsantrag hatte die Nichte Sophie Braun einen Betrag von 23.419 RM in Rechnung gestellt, ebd. (16).

[22] HHStAW 519/3 3659 (9).

[23] 518 4166 (18, 19).

[24] Ebd. (55).

[25] Ein Hotel ‚Astoria’ gab es allerdings in all den Jahren in Wiesbaden nicht, Sophia Braun meinte sicher das ‚Eden-Hotel’..

[26] HHStAW 519/3 3659 (13).

[27] Unbekannte Liste X 1.

[28] HHStAW 469/33 1912 (4 f.). Siehe den gesamten Brief unten.

[29] HHStAW 519/3 3659 (15). Bei der Aufstellung, die neben den Kosten für Miete und Verpflegung auch diverse Posten für Ärzte und Medizin enthält, fällt ein Betrag auf, der allerdings wieder gestrichen wurde: „Partei 25,-“ Was damit gemeint sein könnte, ist völlig unklar.

[30] Ebd. (16).

[31] Ebd. (17).

[32] Ebd. (20).

[33] Ebd. (21). Den Betrag erhielt ein Philip Blum in der Wiesbadener Aarstr. 27. Zwar ist der Name Blum ein geläufiger jüdischer Name, aber ein Philipp Blum ist in Wiesbaden einschlägigen Verzeichnissen über die jüdischen Bevölkerung nicht auffindbar. Im letzten Wiesbadener Adressbuch von 1938 war unter dieser Adresse eine Witwe Wilhelmine Blum gemeldet. Aber auch eine Jüdin mit diesem Namen ist bisher nicht bekannt. Möglicherweise handelte es sich somit – erstaunlicherweise – bei Philipp um einen arischen Helfer, vielleicht um den Sohn dieser Wilhelmine, der sich etwas Geld verdienen wollte.

[34] HHStAW 469/33 1912 (2).

[35] HHStAW 518 4166 I (20, 22).

[36] Meinl / Zwilling, Legalisierter Raub, S. 465 f.

[37] Da der Umschlag des Briefes nicht erhalten ist, die Adressaten darin auch nicht explizit benannt werden, ist auch nicht klar, an wen er gerichtet war. Da darin mehrfach ein oder eine Gusti direkt angesprochen ist, in der unmittelbaren Verwandtschaft weder ein Gustav oder eine Auguste bekannt sind, wird es sich vermutlich um August Braun, den Ehemann von Sophie Braun, also den angeheirateten Neffen der Levys handeln. Dafür spricht auch, dass dem Adressaten in dem Brief schon zum Geburtstag gratuliert wird. August Braun feierte am 6. September, also in der auf die Deportation folgenden Woche seinen 64sten Geburtstag. Nicht in jedem Fall konnte die Schrift unzweifelhaft entziffert werden. Unleserliche Stellen bzw. vermutete Lesarten sind mit Pünktchen bzw. Fragezeichen markiert.

[38] Bekannter Wiesbadener Auktionator.

[39] Unklar, ob hier Emma Löwenstein gemeint ist, von der zuvor die Rede war.

[40] Gemeint ist Martha Wolff, siehe oben. Dort sind auch umfassende Ausführungen zu ihrem Bruder Theodor Wolf zu finden, der Chefredakteur des ‚Berliner Tageblatts’ war. Das Wort, das seine Stellung bei der Zeitung bezeichnet, ist allerdings unleserlich.

[41] Vermutlich ist hier Claire Schmalhaus, die Betreiberin des Hotels in der Sonnenberger Str. 22 gemeint.

[42] 469/33 1912 (4-5).

[43] Moritz Hirsch verstarb ebenfalls in Theresienstadt am 15.10.1943, für ihn hat das Aktive Museum Spiegelgasse eine ebl vorgelegt, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Dr.%20Moritz%20Hirsch%20und%20Alma%20Hirsch.pdf. (Zugriff: 28.4.2021).

[44] Czech, Kalendarium Auschwitz, S. 776.

[45] In der Opferliste der Stadt Wiesbaden wird ihr Todesdatum mit dem des Transports nach Auschwitz, also dem 15.5.1944 angegeben. Das ist aber auf Basis der Recherchen von Czech nicht richtig.

[46] HHStAW 469/33 1912 (18). Damals hatte man noch ohne Wissen des tatsächlichen Todestags auch den ihres Mannes auf das Kriegsende festgelegt.

[47] Ebd. (13).

[48] Er ist auch im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht als Opfer des Holocausts verzeichnet.

[49] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11656596&ind=1. (Zugriff: 28.4.2021).

[50] Siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 431.

[51] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de993474. (Zugriff: 28.4.2021). Auf ihrem Geburtseintrag in Dudweiler ist auch der offizielle Todestag mit dem 31.12.1945 angegeben, siehe Geburtsregister Dudweiler 534 / 1885.

[52] https://www.mappingthelives.org/bio/9f698ccd-28c0-4e67-bf57-f2510743f45b und https://www.mappingthelives.org/bio/9f698ccd-28c0-4e67-bf57-f2510743f45b. (Zugriff: 28.4.2021).

[53] Erstmals ist ein August Braun mit dieser Adresse 1937 verzeichnet, was aber nicht bedeuten muss, dass Brauns erst in diesem Jahr nach Berlin kamen. Es gibt auch in den Jahren zuvor verschiedene August Brauns mit allerdings anderen Adressen.

[54] HHStAW 518 4166 I (12).

[55] Heiratsregister Berlin IVa 374 / 1897.

[56] Geburtsregister Berlin Va 2179 / 1901 und 1003 / 1905.

[57] Heiratsregister Berlin Vb 399 / 1932.

[58] Sterberegister Berlin Va 1414 / 1919.

[59] HHStAW 469/33 1912 (14). Im Adressbuch von Basel aus dem Jahr 1964/65 ist zwar eine Alice Schwab eingetragen, ob es sich dabei um die aus Berlin geflohene Alice Schwab handelt, ist aber völlig ungewiss.

[60] Obwohl in dem Testament von Adolf und Margarete Levy auch deren Familie bedacht worden war, bleiben sie im Entschädigungsverfahren unberücksichtigt. Es heißt in den Bescheiden explizit, dass August und Sophie Braun Alleinerben seien, z.B. HHStAW 518 4166 I (159).

[61] https://collections.arolsen-archives.org/archive/3-2-1-4_1718000/?p=1&s=Fritz%20Schwab&doc_id=81172469 und https://collections.arolsen-archives.org/archive/3-2-1-4_1718000/?p=1&s=Fritz%20Schwab&doc_id=81172472. (Zugriff: 28.4.2021).

[62] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/007264591-01302?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=4042425903&lang=de-DE. (Zugriff: 28.4.2021). Möglicherweise kann das fehlen des Namens seiner Frau Margarete in diesen Reiseunterlagen als Indiz dafür gewertet werden, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. In einem weiteren Entschädigungsverfahren, das ebenfalls die Familie Rappaport betraf, wird in einem Schreiben einer Bank an das Wiesbadener Amtsgericht auf eine Marianne Ritter-Schwab, wohnhaft in Hamburg verwiesen. Sie müsste mit großer Wahrscheinlichkeit Nachkomme aus der Ehe von Fritz Schwab sein, siehe HHStAW 469/33 1912 (22).

[63] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11630017&ind=1. (Zugriff: 28.4.2021). In Yad Vashem sind verschiedene Angaben zu seinem Schicksal hinterlegt, u.a. auch von einem Henry William Schwab, ganz sicher einem Nachkommen der Familie: https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=7632668&ind=1. (Zugriff: 28.4.2021).

[64] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61596/images/tna_r39_0565_0565g_011?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=8951630&lang=de-DE. (Zugriff: 28.4.2021).

[65] Heiratsregister Berlin III 87 / 1908.

[66] Geburtsregister Berlin VI 1762 / 1885.

[67] Geburtsregister Berlin XIII 3705 / 1896.

[68] Zu dem Camp siehe http://www.kitchenercamp.co.uk/. (Zugriff: 28.4.2021).

[69] Für Hans Salo Graetzer schon am 16.10.1939, für Edith am 12.1.1940, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b428908-00685?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=70310 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b428908-00681?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=70310. (Zugriff: 28.4.2021).

[70] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7579/images/ons_d19651az-0807?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=40191155. (Zugriff: 28.4.2021).