Pauline und Mathilde Traub

Sehr wenig bekannt ist über das letzte Geschwisterpaar Pauline und Mathilde Traub, das die ihnen noch verbliebenen gemeinsamen Wochen im Judenhaus in der Alexandrastraße verbrachte. Beide waren erst 1942 aus dem Judenhaus in der Blumenstr. 7, wo sie zuvor seit über einem Jahr zusammen gewohnt hatten, hier einquartiert worden.[1]

Die familiären Wurzeln der beiden führen in das badische Grötzingen, heute ein Stadtteil von Karlsruhe, wo die Familie Traub wohl seit Beginn des 19. Jahrhunderts ansässig war.[2] Salomon David Traub, der Urgroßvater der beiden Schwestern hatte dort das Amt des jüdischen Lehrers und zugleich das des Totengräbers inne. Die acht Kinder des Paares, alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen lebend, übten unterschiedliche, aber für die jüdische Bevölkerung typische Berufe aus. Darunter waren immer Lehrer oder Vorsänger, Kleinhändler, aber auch Handwerker wie Schneider oder Schuhmacher. Das letztere Handwerk betrieben sowohl der Großvater von Mathilde und Pauline, Menke Traub, wie auch dessen Sohn, der Vater der beiden, Gutmann Traub. Gutmann, gebornen am 17. Juni 1842, hatte noch drei Geschwister, die beiden Schwestern Magdalena und Marie, die schon im Kindesalter verstarben, und den Bruder Salomon.[3]

Er selbst heiratete am 22. August 1865 seine ebenfalls aus Grötzingen stammende Base Amalia Traub.[4] Pauline, das erste Kind des Paares, wurde am 18. oder 28 April 1866 in Grötzingen geboren.[5] Ein Jahr später folgte am 25. Mai 1867 der Sohn Max. Mathilde, das letzte Kind des Paares, wurde erst fünf Jahre später, nämlich am 24. Februar 1872 in Karlsruhe geboren.[6] Die Familie war inzwischen möglicherweise in die nahe gelegene Stadt gezogen. Zumindest wurde in Karlsruhe der Vater begraben, der dort am 12. März 1895 im Alter von 53 Jahren verstarb.[7]

1909 wurde die Witwe und „Privatiere“ Amalie Traub erstmals im Wiesbadener Adressbuch gelistet, damals mit der Adresse Nerostr. 46 II. In den folgenden Jahren wechselten die Adressen mehrfach. Ob die Kinder damals schon mitgekommen waren, ist aus dem Eintrag nicht ersichtlich. Der Sohn Max wurde im Jahr 1912 erstmals aufgenommen. Zu dieser Zeit wohnten beide, vielleicht auch alle vier, in der Stiftstr. 33 im Erdgeschoss. Es folgte die Kapellenstr. 6, die Anschrift, mit der Pauline im Jahr 1917 erstmals, aber auch nur einmal mit einem eigenen Eintrag als „Privatiere“ im Adressbuch erscheint. Ab 1920 lebte Amalie Traub bis zu ihrem Tod am 23. Dezember 1928 zumindest mit ihrem Sohn Max, der damals den Tod der Mutter beim Standesamt gemeldet hatte, in der Goethestr. 6 I.[8] 1931 ist neben Max auch die jüngere Schwester Mathilde, ebenfalls „Privatiere“, als Mieterin im Adressbuch vermerkt. Möglicherweise wohnten dann beide Schwestern für kurze Zeit in der Goethestr. 4, bevor sie 1936 erneut einige Häuser weiterzogen. Das Adresse Goethestr. 9 I war ihre letzte frei gewählte Wohnung in Wiesbaden.  Die Einmietung hier zu diesem Zeitpunkt ist insofern interessant, als sie deutlich macht mit welcher Geschwindigkeit von nun an der soziale Abstieg begann. In einer im Juni 1940 auf der Basis der Meldungen der einzelnen Zellenleiter erstellten Liste über die in ihrem Bereich lebenden Juden, sind die beiden Geschwister mit einer 6-Zimmerwohnung plus Küche unter eben dieser Adresse gelistet.[9] Es war also 1936 für zwei ledige jüdische Frauen offensichtlich noch möglich eine solche doch eher luxuriöse Bleibe zu finden.

Über die folgenden Jahre liegen leider keinerlei Dokumente vor und selbst die Devisenakten, die im August 1940 angelegt wurden, bestehen jeweils nur aus wenigen Blättern. [10] Im August 1940 mussten beide im Rahmen der Sicherungsanordnung der Devisenstelle Frankfurt eine Vermögenserklärung abgeben. Beide verfügten zwar über Wertpapiere, Mathilde in der Höhe von 12.750 RM, Pauline im Wert von 11.000 RM, ihr jeweiliges Jahreseinkommen betrug aber nur noch 500 bis 600 RM. Ihren monatlichen Bedarf gaben sie mit jeweils 245 RM an, darunter wiederum jeweils 100 RM monatliche Miete, was nahezu die Hälfte ihres monatlichen Budgets ausmachte. Auch wenn darüber keine Unterlagen mehr vorhanden sind, muss man davon ausgehen, dass beide früher mehr besaßen, weil beide mit großer Sicherheit zumindest zur Judenvermögensabgabe herangezogen worden waren.

Woher das Vermögen der beiden kam, ließ sich nicht mehr ermitteln. Da es sich aber um nahezu die gleiche Summe handelt, liegt es nahe, dass es sich um den elterlichen Erbteil handelt, von dessen Erträgen sie auch früher ihren Lebensunterhalt bestritten hatten.[11] Mit der Sicherungsanordnung und dem ihnen zunächst zugestandenen Freibetrag von jeweils nur 200 RM, der nach Abgabe der Erklärung sogar auf 125 RM abgesenkt wurde, war das nicht mehr lange möglich. Die Miete hätte faktisch das gesamte verfügbare Geld aufgebraucht. Nicht zuletzt deshalb bat Mathilde Traub auch im Namen ihrer Schwester darum, den Betrag wieder auf den ursprünglichen, ohnehin knappen Betrag anzuheben, was die Devisenstelle tatsächlich auch verfügte.

Vor diesem Hintergrund ist es relativ gleichgültig, ob es eine explizite Anweisung des Wohnungsamtes oder der örtlichen Reichsvereinigung zur Übersiedlung in ein Judenhaus gab. Die finanzielle Situation hätte ein Verbleiben in der bisherigen Wohnung ohnehin unmöglich gemacht. Am 21. März 1941 zogen beide in das Judenhaus in der Blumenstr. 7, das bald zum Spielball unterschiedlicher Interessen von Reichsfinanzverwaltung auf der einen und der SS auf der anderen Seite wurde.[12] Für die Bewohner bedeutete das entweder die sofortige Deportation oder – wie für die beiden Schwestern Traub – einen erneuten Umzug.

Am 19. Juni 1942 kamen sie in die Alexandrastr. 6, wo ihnen im ersten Stock ein gemeinsames Zimmer zugewiesen wurde. Ein knappes Vierteljahr durften sie hier noch bleiben. Dann standen ihre Namen auf der Liste des für den 1. September anberaumten Transports nach Theresienstadt. Mathilde, die jüngere der beiden, war bereit die Strapazen auf sich zu nehmen, vielleicht hatte sie sogar noch ein wenig Hoffnung die Deportation zu überleben. Pauline, inzwischen 76 Jahre alt, war dazu nicht mehr bereit und sicher auch ohne jegliche Zuversicht. Am 27. August setzte sie ihrem Leben mit einer Überdosis Schlafmittel selbst ein Ende.[13] Mathilde wurde, nachdem der Zug sein Ziel Theresienstadt erreicht hatte, bald mit einem der sechs Transporte, die allein im September 1942 von Theresienstadt etwa 10.000 Juden nach Treblinka brachten, in die dortige Gaskammer geschickt. Am 29. September wurde sie unmittelbar nach der Ankunft ermordet.

Beide Vermögen gelangten in die Kasse der Reichsfinanzverwaltung, denn der „Vermögensverfall“, wie es im damaligen Amtsdeutsch hieß, betraf nicht nur die Deportierten, sondern auch die Habe derjenigen, die sich der Deportation durch Selbstmord entzogen.

Am 11. September schrieb die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Frankfurt an das Finanzamt Wiesbaden:
„Betrifft: Beschlagnahme des Vermögens derjenigen Juden, die nach Bekanntwerden ihrer für den 1.9.1942 vorgesehenen Evakuierung verstorben sind.
Auf Grund des §1 der VO des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 beschlagnahme ich hiermit mit Wirkung vom 1.8.1942 die gesamten inländischen Vermögenswerte folgender Juden, die nach Eröffnung der Evakuierungsvfg. verstorben sind:
Traub, Pauline Sara geb. 28.4.66 in Grötzingen, zuletzt in Wiesbaden Alexandrastr. 6 wohnhaft, verstorben am 27.8.1942.“

 

Völlig unbekannt ist das Schicksal des Bruders Max. Im Wiesbadener Adressbuch von 1932/33 ist er letztmalig als Bewohner gelistet, danach verlieren sich die Spuren. Weder im Jüdischen Adressbuch von 1935, noch in den Unterlagen der Volkszählung von 1939 ist sein Name aufgeführt. Es ist auch nicht bekannt, welcher kaufmännischen Tätigkeit er nachgegangen ist. Zwischenzeitlich, zu Beginn der zwanziger Jahre hatte er neben seiner Wohnung in der Goethestraße auch eigene Geschäftsräume in der Neugasse 23 Erdg. angemietet. 1917 lautet der Eintrag im Wiesbadener Adressbuch sogar „Max Traub, Fabrikant“.
Er gehört wohl zu den vielen Menschen, deren Leben sich damals einfach im Nichts aufgelöst hatte.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Zur Blumenstr. 7 siehe unten.

[2] Zur Familie Traub, allerdings primär zu einem anderen Zweig als dem, der nach Wiesbaden führte, gibt es eine ausführliche biografische Darstellung im „Gedenkbuch für die Karlsruher Juden“ http://gedenkbuch.informedia.de/index.php/PID/12/name/4438/suche/T.html. (Zugriff: 21.11.2017). Die folgenden biografischen Angaben zu einzelnen Familienmitgliedern entstammen einer Auswertung der Grötzinger Standesregister, die mir vom Karlsruher Stadtarchiv freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde.

[3] Die Identität dieses Bruders ist nicht eindeutig geklärt, da in den Unterlagen offenbar zwei Söhne von Menke und Theresia Traub vorhanden sind, einmal mit Namen Salomon, zum anderen ein Salomon Hirsch, wobei beide  unterschiedliche Lebensdaten und Biographien haben.  Magdalena war am 26.6.1831 geboren worden, verstarb am 4.4.1838, Marie wurde nicht mal ein Jahr alt. Ihr Geburtstag war der 18.5.1834, der Todestag der 9.3.1835.

[4] Amalia Traub, geb. am 31.1.1846, gestorben am 23.12.1928, war die Tochter  von Mair und Minna Traub, geb. Mannheimer. Mair / Meier war der Bruder von Menke Traub, dem Vater von Gutmann Traub.

[5] Das Geburtsdatum 18.4.1866 entspricht dem Eintrag im Standesregister Grötzingen 1866 /22, siehe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1219488-307. (Zugriff: 21.11.2017). Die Angabe des Geburtsdatums 28.4.1866 machte Pauline selbst auf ihrer Vermögenserklärung, siehe HHStAW 519/3 8040 (3). Auch die Gestapo-Karteikarte nennt dieses Geburtsdatum, ebenso der Eintrag im Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1942 / 1817. In einer Auswertung des Karlsruher Stadtarchivs über die Grötzinger Juden, die mir von Herrn Schuhladen-Krämer vom Archiv zur Verfügung gestellt wurde, ist als dritte Variante das Geburtsdatum der 15.5.1866 angegeben. Vermutlich handelt es sich hier um einen Übertragungsfehler, da die Daten selbst den Standesregistern entnommen sein sollen, in denen aber unzweideutig das Datum 18.4.1866 steht.

[6] Vermutlich ist sie aus diesem Grund auch nicht in der Liste des Karlsruher Archivs vorhanden.

[7] Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Dokumentation der jüdischen Grabsteine in Baden-Württemberg EL 228 b II Nr. 18963.

[8] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1928 / 1584.

[9] HHStAW 483 10127 (77)

[10] HHStAW 519/3 8039 und 519/3 8040. Sie beinhalten ausschließlich die Vermögenserklärung, die Sicherungsanordnung  und die Festlegung der Freibeträge.

[11] Auf den jeweiligen Gestapo-Karteikarten ist „ohne Beruf“ eingetragen. Im Jüdischen Adressbuch ist bei Mathilde Traub als Beruf allerdings „Gesellschafterin“ angegeben.

[12] Zum Zeitpunkt der Volkszählung 1939 schein er nicht mehr in Deutschland gelebt zu habe, möglicherweise war er inzwischen auch verstorben.

[13] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1942 / 1817