Amalie Katz und ihre Geschwister


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6

 

 

 

 

 


Von der Untermieterin der Kahns, von Amalie Katz, sind nur eine kleine Devisen- und eine Entschädigungsakte erhalten geblieben, aus denen sich das Leben dieser unverheirateten Frau nicht einmal ansatzweise rekonstruieren lässt. 1935 hatte sie laut dem Jüdischen Adressbuch noch in der Yorkstr. 4 gewohnt, wann sie in die Hallgarter Str. 6 gezogen ist, lässt sich nicht mehr feststellen. In den Adressbüchern der Stadt Wiesbaden ist sie nicht erwähnt und auf ihrer Gestapo-Karteikarte ist die Adresse ohne Einzugsdatum eingetragen. Im Unterschied zu den meisten Bewohnern der Wiesbadener Judenhäuser hat sie den Holocaust überlebt, musste sich aber dann in den wenigen Jahren, die ihr noch bis zu ihrem Tod am 28. Mai 1952 blieben, mit einer absolut inhumanen Entschädigungsbürokratie herumschlagen.

Amalie Katz, Emma Katz, Simon Katz, Seligmann Katz, Malchen Katz, Mathilde Katz, Kathinka Katz, Sally Katz, Manfred Katz, Elise Katz, Gerty Weichsel, Samy Katz, Louis Nachmann, Salomon Hofmann, Irma Nachmann, Paul Hofmann, Ernst Hofmann
Stammbaum der Familie Katz
(GDB-PLS)

Geboren am 18. Januar 1876 in Marköbel bei Hanau, war sie das einzige Kind aus der Ehe von Joseph Katz und seiner damals 34jährigen Frau Malchen, geborene Schiff.

Die Familie Katz war wohl schon länger in dem Ort ansässig. Erste Spuren jüdischen Lebens lassen sich dort schon im frühen 16. Jahrhundert finden, wo mehrere jüdische Geldverleiher als Gläubiger von Bauern der umliegenden Gemeinden nachweisbar sind.[1] Ältester bekannter Vorfahre der Familie Katz war Sußmann Katz, dessen Antrag, als „Schutzjude“ in die Gemeinde aufgenommen zu werden, 1795 bewilligt wurde.[2] Schon damals gab es Proteste der nichtjüdischen Bevölkerung gegen die wachsende Zahl solcher Aufnahmen und auch die weitere Geschichte der Juden in Marköbel war häufig geprägt von Ressentiments und auch immer wieder von Gewaltexzessen, obgleich diese sich, etwa durch Aufstellung einer eigenen jüdischen Feuerwehrrotte, für das Wohl der Gemeinde engagierten. Auch Sußmann Katz war deren Mitglied. Als Gemeindeältester setzte er sich zudem für den Bau einer eigenen jüdischen Schule und einen eigenen Friedhof ein.

Sein Sohn Samuel, geboren um 1802, hatte am 19. Januar 1828 in erster Ehe Metha Löbenstein geheiratet, eine Tochter von Mathias Löbenstein, womit die Verbindung zu einer ebenfalls alteingesessenen und zudem sehr bedeutenden jüdischen Familie in Marköbel hergestellt wurde. Aus dieser und der am 13. März 1837 mit Lisbeth Heß geschlossenen zweiten Ehe gingen zahlreiche Kinder hervor, darunter auch Joseph, der Vater von Amalie Katz, der, geboren am 20. Mai 1839, noch aus der ersten Ehe stammte.

Die Berufe der männlichen Familienmitglieder werden meist mit „Handelsmann“ angeben, mitunter waren aber auch Metzger unter ihnen, weshalb man vermuten kann, dass die Familie sich mit Viehhandel und gelegentlichen Schlachtungen ihr Brot verdiente. Auch Samuel Katz selbst wird bei seiner ersten Heirat als Handelsmann, bei seiner zweiten als Metzger bezeichnet. Die Nachkommen von Sußmann Katz stellten einen ganz beträchtlichen Teil der in Marköbel lebenden Juden, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts mit 78 Personen etwa 6 bis 7 Prozent der Einwohnerschaft ausmachten. Bis 1933 war ihre Zahl aus unterschiedlichen Gründen um ein Drittel geschrumpft und nach dem Novemberpogrom 1938 verließen auch die letzten Juden den Ort, an dem sie seit mehreren Jahrhunderten gelebt hatte.[3]

Der im Geburtsregister von Marköbel eingetragene Name von Amalie Katz war eigentlich der ihrer Mutter, nämlich Malchen. Ihr Vater Joseph Katz hatte ihr den Namen vermutlich deshalb gegeben, weil seine junge Frau zwei Tage nach der Geburt selbst verstarb, weshalb seine Tochter ohne ihre leibliche Mutter aufwachsen musste. Für ihren Vater war die Ehe mit Malchen Schiff bereits die zweite Ehe gewesen, denn auch seine erste Frau Fanny Seliger war nach der Geburt von fünf Kindern am 2. Januar 1874 im Alter von 30 Jahren verstorben.[4] Nach dem Tod seiner zweiten Frau ging Joseph Katz ein Jahr später, am 8. Januar 1877, noch eine dritte Ehe ein, diesmal mit Röschen bzw. Rosa Schott aus Groß Gerau. In dieser Beziehung wurden noch einmal sechs Kinder geboren.[5]

Von den elf Geschwistern, die nicht bereits vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten verstorben waren,[6] überlebten nur wenige die Zeit der Diktatur. In ihrem Entschädigungsantrag, in dem Amalie Katz über ihre gesundheitlichen Schäden Auskunft geben musste, nannte sie den Verlust von fünf Geschwistern, die alle dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen waren, als eine Ursache für ihr chronisches Herz- und Nervenleiden. [7]

 

Die ersten Mitglieder der Familie, die dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen, waren ihr Bruder Sally und dessen Ehefrau Adelhaid / Adelheid Seliger aus Reichelsheim im Odenwald, die damals im Frankfurter Westend, in der Beethovenstr. 64, wohnten. Es waren primär Bewohner dieses eher wohlhabenden Viertels, die man, vermutlich um in Besitz der begehrten Immobilien zu gelangen, für diesen ersten Transport ausgewählt hatte.[8] Wahrscheinlich gehörten Sally und Adelhaid Katz nicht zu den Wohlhabenden, dennoch standen auch sie auf der Deportationsliste für den 19. Oktober 1941. Überfallartig waren insgesamt etwa 1000 Parteigenossen der NSDAP am frühen Sonntagmorgen, unterstützt von bewaffneten SA-Kräften, in die Wohnungen der gelisteten Juden eingedrungen und hatten sie aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden ein paar Habseligkeiten zusammenzuraffen, die Wohnung und eine Vermögenserklärung zu übergeben und mit einem Namensschild um den Hals sich zum gemeinsamen Marsch in die Großmarkthalle einzufinden.

Von dort brachte am folgenden Morgen der Zug seine aus etwa 1200 Menschen bestehende „Fracht“ in das Ghetto Litzmannstadt / Lodz im Warthegau. In Massenunterkünften einquartiert, wurden sie hier zur Zwangsarbeit eingeteilt. Ab 1942 wurden die arbeitsunfähigen Bewohner des Ghettos in mehreren als „Aussiedlung“ getarnten Schüben der Vernichtung zugeführt. Es ist nicht bekannt, wo und wie Sally Katz und seine Frau zu Tode kamen. Nur zwei oder drei der an diesem Sonntag aus Frankfurt  verschleppten Juden, überlebten die Torturen im Ghetto von Lotz.[9]

 

Die nächsten Familienmitglieder, die deportiert wurden, waren Seligmann Katz und dessen Frau Gerty, geborene Weichsel.[10] Das Paar war am 8. Oktober 1938 von Marköbel in die Mainmetropole gezogen, weil die beiden vermutlich gehofft hatten, in dieser Stadt mit der großen jüdischen Gemeinde, unbehelligt von Angriffen zu bleiben. Aber vor den Augen der Gestapo und der NS-Bürokratie gab es auch in Frankfurt kein Entrinnen. Sie lebten dort zu dritt in einer einfachen 2-Zimmerwohnung in der Hebelstr. 13 im dritten Stock – ganz offensichtlich in einem Judenhaus.[11]

Als die Devisenstelle im Januar 1941 eine Sicherungsanordnung gegen sie erwirkte und sie zur Abgabe einer Vermögenserklärung aufforderte, mussten sie das Formular leer lassen. Sie hatten weder Vermögen, noch ein geregeltes Einkommen. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie von 150 RM, die sie über einen Bevollmächtigten von ausgewanderten Verwandten erhielten.[12] Die Devisenstelle erlaubte die Entgegennahme der Zuwendungen in bar und verzichtete auf die Anlage eines Sicherungskontos.[13]

Judenhaus Hallgarter Str. 6, Wiesbaden, Amalie Katz,
Brief von Gerty Katz an die Devisenstelle Frankfurt, in dem sie den Tod ihres Mannes Seligmann Katz mitteilt
HHStAW 519/3 4030 (5)

Von dem Geld mussten, so gab Seligmann Katz an, drei Personen leben. Wer neben seiner Frau noch dort wohnte, schrieb er der Devisenstelle nicht.[14] Es muss sich aber um ihren am 28. August 1908 noch in Marköbel geborenen Sohn Samy / Semy gehandelt haben, der zuvor in der Blumenstr. 4 in Frankfurt gewohnt hatte.[15] Nicht nur wegen der beengten und finanziell sehr beschränkten Verhältnisse, müssen die letzten Jahre für die Familie sehr leidvoll gewesen sein, denn Seligmann Katz war seit sechs Jahren gelähmt, wie er der Devisenstelle mitteilte. Am 16. Januar 1941 verstarb er in dieser Wohnung, kurz bevor die Deportationen in Frankfurt begannen.[16] Genau genommen war er somit eines natürlichen Todes gestorben, aber was war in diesen Tagen schon ein natürlicher Tod.

Ermordet im eigentlichen Sinn wurden seine Frau Gerty Katz und ihr Sohn Samy. Beide gehörten dem zweiten Transport an, mit dem die Frankfurter Juden in den Osten deportiert wurden. Für den Zug vom 11/12 November 1941 mit etwa 1100 Juden aus Frankfurt und anderen Orten der Umgebung hatte die Gestapo das Ghetto Minsk als Zielort gewählt.[17] Dort waren zuvor, um den nötigen Platz für die erwarteten Juden aus dem „Altreich“ zu schaffen, in mehreren Erschießungsaktionen etwa 12000 Bewohner des Ghettos umgebracht worden. Die Neuangekommenen wurden nach Ankunft auf die verschiedenen privaten Betriebe verteilt oder zu Arbeitseinsätzen bei der SS oder der Wehrmacht abkommandiert. Wann und auf welche Weise Samy und Gerty Katz in Minsk ums Leben kamen, ist nicht bekannt.

 

Bei den beiden Schwestern Mathilda und Elise ist nicht nur der Ort ihrer Ermordung nicht bekannt, es gibt auch keine eindeutigen Belege dafür, mit welchem Transport sie von Frankfurt in den Osten verschleppt worden waren. Nachkommen von Mathilda nannten allgemein das Jahr 1942, vermutlich Mai / Juni, die Jüdische Gemeinde Frankfurt bescheinigte hingegen, dass die beiden auf Befehl der Gestapo im Mai 1942 deportiert worden seien.[18] Da aber allein im Mai zwei und im Juni ein weiterer Transport Frankfurt verließen,[19] sind auch das nur vage Anhaltspunkte.[20]

Über den Lebensweg der jüngeren Schwester ist fast nichts bekannt. Ab 1934 lebte sie, inzwischen eine verwitwete Meyer, vermutlich in Frankfurt im Oberweg 45,[21] eine Adresse, die im Laufe der Jahre zum Fluchtpunkt für viele Familienmitglieder werden sollte. Im gleichen Jahr ist in dem Frankfurter Adressbuch auch ihr Bruder Manfred als Bewohner eingetragen. Beide wohnten im Parterre des Hauses, ob es sich um die gleiche Wohnung handelte oder ob sie jeweils eigene Mietverträge abgeschlossen hatten, ist dem Eintrag nicht zu entnehmen.[22] Als Elisa Meyer 1942 deportiert wurde, wohnte nicht nur ihr Bruder Manfred, sondern auch ihr Bruder Simon und ihre inzwischen ebenfalls verwitwete Schwester Mathilda im Parterre des Hauses.[23]

Irma Nachmann Stephan Lewald, Louis Nachmann
Page of Testimony für Mathilde Nachmann, geborene Katz, in Yad Vashem
https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/11081238_269_7119/204.jpg.

Die ältere der beiden, Mathilda, hatte zuvor mit ihrer Familie in Hanau gelebt. Sie war seit 1903 mit Louis Nachmann verheiratet, einem der Söhne von Bernhard und Emma / Esther Nachmann, geborene Dahlerbruch, aus Nordenstadt bei Wiesbaden. [24] Ihre Schwiegereltern waren, wie auch ihre eigenen Eltern, im Viehhandel tätig. In Hanau wurden auch die beiden Kinder von Mathilda und Louis Nachmann geboren, zunächst die Tochter Irma am 23. Dezember 1905, im folgenden Jahr, am 11. November 1906, Berthold. Welchem Erwerb die Eltern nachgingen ist nicht bekannt, auch nicht, wann sie von Hanau nach Frankfurt übersiedelten. Hier soll Louis Nachmann am 18. Januar 1939 im Alter von 68 Jahren verstorben sein.[25] Der Tochter Irma gelang die Ausreise in die Vereinigten Staaten, von wo sie nach dem Krieg das Entschädigungsverfahren in Gang setzte. Aber der Kontakt zwischen Eltern und Tochter muss schon frühzeitig abgebrochen sein, denn sie konnte in diesem Verfahren nur wenig Konkretes über die Leidensgeschichte der Eltern mitteilen.
Sie selbst war mit Stephan Lewald aus Führt verheiratet, der vor seiner Entlassung im Jahr 1933 Geschäftsführer eines großen Schuhhauses in der Frankfurter Kaiserstraße war. Schon bald danach verließen sie – vermutlich zusammen – Deutschland. Welchen Weg sie wählten und wo sie sich aufhielten ist nicht bekannt. Stephan Lewalter wurde entweder 1943 oder 1944 in Marseille verhaftet und über Drancy am 15. Mai 1944 nach Kowno in den Tod geschickt.[26] Es müssen sehr glückliche Umstände gewesen sein, die seine Frau vor diesem Schicksal bewahrten und ihr die Flucht in die USA ermöglichten.

Ihr Bruder Berthold entging diesem Schicksal nicht. Er lebte seit 1910 in Frankfurt, hatte dort das Philanthropin besucht und anschließend eine kaufmännische Ausbildung absolviert. 1935 hatte er laut Jüdischem Adressbuch im Reuterweg 66 gewohnt. Nachdem auch er seine Arbeit als Vertreter wegen seiner jüdischen Herkunft verloren hatte, ging er am 1. Februar 1937 mit seiner Frau Hilde, geborene Löwenstein, ins holländische Exil. Wie sein Schwager wurde auch er gefasst, nachdem die deutschen Truppen den Herrschaftsbereich des NS-Staates über die westlichen Nachbarstaaten ausgedehnt hatten. Am 10. August 1942 wurde er mit seiner Frau aus dem niederländischen Internierungslager Westerbork nach Auschwitz gebracht und ermordet. Sein Todestag wurde später amtlich auf den 30. September 1942 festgesetzt.[27]

 

In Auschwitz war auch die Schwester Kathinka, genannt Clementine, ums Leben gekommen. Sie war seit 1908 mit dem am 28. März 1863 in Frickhofen bei Limburg geborenen Viehhändler Salomon Hofmann verheiratet. Nach ihrer Hochzeit hatte das Paar in Nassau an der Lahn gewohnt, wo seit Beginn der dreißiger Jahre die jüdischen Mitbürger ebenfalls immer häufiger antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren.[28] Noch vor der Reichspogromnacht randalierte ein Nazi-Mob vor dem Haus der Hofmanns. Ein Glaubensbruder, der sich eigentlich wegen seiner bevorstehenden Auswanderung von der befreundeten Familie verabschieden wollte, rief die Polizei, die aber nicht den Bedrängten zu Hilfe kam, sondern stattdessen den Anrufer selbst in Haft nahm. Bald nach diesem Ereignis, noch im Jahr 1938, verzogen Hofmanns nach Frankfurt, wo sie im Sandweg 44 eine Unterkunft, aber keinen sicheren Ort fanden. Am 15. September 1942 wurden beide mit knapp 1400 anderen, zumeist älteren Juden mit dem letzten großen Transport von dort aus nach Theresienstadt deportiert.[29] Salomon Hofmann verstarb dort am 9. Juli 1943.[30] Seine Frau Kathinka wurde am 16. Mai 1944 mit dem Transport „Ea“ und der Transportnummer 151 noch nach Auschwitz überstellt, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet wurde.[31]

 

Mit dem gleichen Transport wurde auch der älteste Bruder von Kathinka und Amalie, der am 30. Mai 1867 geborene Simon, nach Theresienstadt deportiert. Er hatte zuvor in den Zeiten der Weimarer Republik als Kaufmann eine gut dotierte Stellung bei der in Berlin und Köln ansässigen Firma Gebr. Bing inne, wo er als Prokurist und Auslandsvertreter offenbar sehr viel Vertrauen genoss.[32] Das 1838 gegründete Unternehmen, das sich innerhalb der Textilbranche auf die Herstellung und den Vertrieb von Samt- und Seidenprodukte wie Bänder, Schals Tücher und Hüte spezialisiert hatte, wurde im Zuge der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik 1938 arisiert,[33] sodass Simon Katz entlassen wurde und zuletzt auch ohne Arbeitseinkommen war. Aber schon zuvor waren seine Einkünfte erheblich zurückgegangen, weil er weder im Ausland seiner Vertretertätigkeit nachgehen konnte, noch die Geschäfte besuchen konnte, die den antisemitischen Kurs der neuen Regierung bereitwillig unterstützten. Natürlich war auch der Boykott der jüdischen Einzelhandelsgeschäfte für diese Einbußen verantwortlich.

Elise Katz, Elise Meyer, Jüdin Frankfurt, Judenhaus Wiesbaden
Brief von Simon Katz an die Devisenstelle Frankfurt seinen Lebensunterhalt betreffend
HHStAW 519/3 31384 (6)

Hatte er im Krisenjahr 1930 immerhin noch 10.000 RM verdient, die Jahre zuvor sollen es nach Aussage seines Bruders zumeist sogar um die 15.000 RM gewesen sein, so gingen Provisionen und andere Einkommen in den folgenden Jahren bis 1939 kontinuierlich auf etwa 4.000 RM zurück.[34] Da er aber einen Großteil seiner Einkünfte in Wertpapieren angelegt hatte, blieben ihm auch in der Zeit nach seiner Entlassung genügend Mittel, um sein Lebensunterhalt zu decken. Mehr noch: Wie sehr er, der Wohlhabendste, sich auch für seine sehr viel ärmeren Geschwister verantwortlich fühlte, zeigte sich daran, dass er sowohl Amalie, wie auch die inzwischen geschiedene Elise materiell unterstützte. Amalie erhielt von ihm monatlich 200 RM.[35] Für Elise ist kein fester Betrag ausgewiesen, aber in seiner Vermögenserklärung gab er an, dass er mit dem monatlich benötigten Geld auch deren Lebensunterhalt bestreiten würde, wofür sie wiederum den gemeinsamen Haushalt im Oberweg 45 in Frankfurt führe.[36] Als Freibetrag standen den beiden zunächst 250 RM, kurzzeitig 275 RM, dann wieder nur noch 240 RM zur Verfügung.[37]

Als Simon Katz sehr spät am 12. Januar 1942 von der Devisenstelle Frankfurt registriert und zur Abgabe einer Vermögenserklärung aufgefordert wurde, gab er an, ein Vermögen von 36.000 RM, abzüglich 13.500 RM Verbindlichkeiten, zu besitzen.[38] Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits die fünf Raten für die Judenvermögensabgabe gezahlt, die ihm insgesamt in einer Höhe von 11.500 RM auferlegt worden war.[39]

Amalie Katz, Mathilda Katz, Sally Katz, Manfred Katz, Elise Katz Meyer, Emma Katz, Seligmann Katz
Todeseintrag Simon Katz Theresienstadt

Zwar verfügte die Devisenstelle nach seiner Deportation am 16. September 1942, dass sein restliches Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen sei,[40] aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich die SS bereits die zuvor noch formal in seinem Besitz befindlichen Wertpapiere in Form eines sogenannten Heimeinkaufvertrags übereignen lassen. Papiere im Wert von 23.600 RM waren im November auf das Konto der Jüdischen Gemeinde übertragen worden,[41] angeblich um Simon Katz einen ruhigen Lebensabend in Theresienstadt zu ermöglichen. Es waren gerade noch drei Monate, die ihm, identifizierbar unter der Transportnummer XII/3-523, in Theresienstadt blieben. Der Totenbeschauschein 67/16528 besagt, dass er am 9. Januar 1943 dort in der Krankenstube an einem Darmkatarrh verstarb.[42]

 

Angesichts dieser vielen Toten erscheint es geradezu wie ein Wunder, dass es drei Mitglieder des engeren Familienkreises gelang, die Zeit des Mordens zu überstehen. Aber auch das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Die älteste Schwester Emma Katz, verheiratete Rosenberg, war zu einem unbekannten Zeitpunkt ausgewandert und lebte, so vermutete man 1945, in Südafrika. Tatsächlich war sie aber dort bereits am 29. Februar 1942 im Alter von 76 Jahren verstorben.[43] Sie hatte demnach das Ende der Verfolgung nicht mehr erleben können. Über ihre Auswanderung, ihr Leben im Exil und die Ursache ihres Todes ist nichts Näheres bekannt.[44]

 

Tatsächlich haben nur Amalie und ihr Bruder Manfred die Zeit überlebt, was ein umso größeres Wunder ist, als beide ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt wurden. Manfred Katz, der nach dem Krieg die Entschädigungsangelegenheiten seiner Schwester in die Hand nahm, überlebte wohl nur deshalb, weil er durch seine Ehe mit der Nichtjüdin Anna Emma Langer, geboren am 13. Juni 1895 in Breslau, zunächst noch einen gewissen Schutz genoss. Die Ehe war am 18. Juli 1934 in Frankfurt geschlossen worden,[45] also ein Jahr vor der Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“, die eine solche Ehe nicht mehr erlaubt hätten.

Er selbst war am 17. Februar 1888 wie seine Geschwister in Marköbel geboren worden,[46] hatte dort die Volksschule und anschließend zwei Jahr die Handelsschule in Hanau besucht. In Hanau absolvierte er auch seine Lehre als Textilkaufmann in dem am Markplatz gelegenen renommierten jüdischen Geschäft Berlitzheimer, das um die 70 Angestellte beschäftigte.

In den folgenden Jahren, unterbrochen durch seine Militärzeit während des Ersten Weltkriegs, war er bei verschiedenen Unternehmen der Textilbranche im süddeutschen Raum angestellt. Auf seiner Karriereleiter als Kaufmann war ihm bei der Frankfurter Firma „Grünewald & Kaufmann“ Prokura erteilt worden, für die ebenfalls in Frankfurt ansässige Firma Engelbert Haries, Seidenstoffe en Gros, war er als selbstständiger Handelsvertreter tätig, besuchte dabei auch Kunden im Ausland.[47] Sein damaliges Einkommen konnte wegen fehlender Unterlagen nicht mehr endgültig festgestellt werden, belief sich aber auf etwa 10.000 RM bis 12.000 RM pro Jahr. Die letzten Jahre ab 1931 habe er als Vertreter für die jüdische Firma Heinrich Cohen in München auf Provisionsbasis gearbeitet bis diese 1937 arisiert wurde. Die neue Firma, Styler & Co. habe ihn noch bis Ende September 1938 beschäftigt, allerdings nur um seinen Nachfolger einzuarbeiten. Danach sei er als Jude nicht mehr tragbar gewesen und entlassen worden.[48]

Zunächst habe er seinen Lebensunterhalt von den vorhandenen Ersparnissen und auch von Unterstützungszahlungen seiner Verwandten, vermutlich auch hier die seines Bruders Simon, bestritten. Arbeitslosengeld wurde ihm selbstverständlich nicht gezahlt.[49]

Ab 1941 hatte er nur noch die Möglichkeit bzw. die Verpflichtung als Zwangsarbeiter ein Auskommen zu erwerben. Vom 4. April 1941 bis zum 10. Februar 1945 war er bei der Firma Kulzer & Co. GmbH. in Friedrichsdorf angestellt, die chemische Dentalerzeugnisse herstellte. In ihrer Lohnbescheinigung, ausgestellt nach dem Krieg, bestätigt die Firma, dass Manfred Katz als „Hilfsarbeiter“ tätig gewesen sei und „für dieses Arbeitsverhältnis die damals bestehenden Bestimmungen“ angewendet worden seien – will sagen: Man hatte sich damals nichts zu Schulden kommen lassen und der bestätigte Monatslohn von etwa 100 RM sei völlig in Ordnung gewesen.[50]

1935 war das Elternhaus in Marköbel wegen Überschuldung zwangsversteigert worden. Auf den Namen von Manfred Katz war im Grundbuch eine Hypothek eingetragen, deren Zinsen ihm bisher regelmäßig ausgezahlt worden waren. Ihm als Jude wurde es verwehrt, ein Angebot bei der Versteigerung abzugeben, sodass nicht nur das Haus in fremde Hände gelangte, sondern auch er eine weitere Einkommenseinbuße erleiden musste.[51]

Elise Katz, Amalie Katz, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Erster Eintrag von Elise Meyer und Manfred Katz im Frankfurter Adressbuch von 1935

Bald durfte das Paar auch nicht mehr in der Wohnung im Oberweg bleiben, in der es seit etwa zehn Jahren gelebt hatte. Die Gestapo zwang sie am 1. Januar 1943 in ein „Ghettohaus“ in der Gewinnerstraße 32 und anschließend ebenfalls auf Befehl der Gestapo in die Ostendstr. 11 zu ziehen.[52] Da die Deportationen inzwischen aber weitgehend abgeschlossen waren, hatten die Häuser zu diesem Zeitpunkt ihre ursprüngliche Funktion verloren, dienten der Gestapo aber offenbar noch immer zur Zusammenlegung der noch verbliebenen Juden.

Im Jahr 1945 gab es in Frankfurt, der Stadt mit der einmal zweitgrößten Jüdischen Gemeinde Deutschlands, nur noch wenige Juden, nachdem die meisten hauptsächlich in den Jahren 1941/42 deportiert worden waren. Danach begann man auch die bisher verschonten, in Mischehen lebenden Juden meist in kleinen Gruppen zu „evakuieren“. Auch Frankfurt wollte den begehrten Status einer „judenfreien Stadt“ erhalten und schickte noch im Februar 1945 einen letzten größeren Transport mit 191 Juden – viele kamen auch aus anderen hessischen Gemeinden, darunter auch 60 in Mischehe lebende Juden aus Wiesbaden – nach Theresienstadt. Einer der an diesem 14 Februar Deportierten war Manfred Katz. Er, wie auch alle anderen Teilnehmer dieses Transports, überlebte das Lager bis zu seiner Befreiung. Am 15. Juni 1945 kehrte er völlig mittellos nach Frankfurt zurück, wo man ihm ein Überbrückungsgeld von 300 RM gab. Über eine Anstellung bei der amerikanischen Besatzungsbehörde gelang es ihm später in den Dienst der Frankfurter Stadtverwaltung zu treten. Am 25. April 1964 verstarb Manfred Katz,[53] nachdem er einen Großteil seiner letzten Jahre damit verbracht hatte, die berechtigten Entschädigungsansprüche für sich und seine Geschwister bzw. deren Nachkommen gegen eine geschichtsvergessene und weitgehend inhumane Bürokratie durchzusetzen.

 

Gekämpft hatte er auch für seine ältere Schwester Amalie / Malchen, die ebenfalls zu den Überlebenden von Theresienstadt gehörte. Sie war mit ihrem Bruder nach Frankfurt zurückgekehrt und wohnte in den Nachkriegsjahren mit ihm und seiner Frau im Oberweg 33, unweit des Hauses, in dem einige der Geschwister die Zeit vor ihrer Deportation gelebt hatten. Die ledige Frau war allerdings bereits am 1. September 1942, kurz vor ihrem 65sten Geburtstag, mit dem letzten großen Transport XII/2-729 von Wiesbaden aus dorthin verschleppt worden.[54] Darüber, wie sie die Zeit dort erlebt und überlebt hatte, machte sie später keine Angaben. Man hatte sie damals sicher auch nicht danach gefragt.

Judenhaus Wiesbaden, Judenhäuser Wiesbaden,
Repatrierungsausweis von Amalie Katz nach ihrer Befreiung aus dem KZ Theresienstadt
HHStAW 518 18956 (34)

Aber auch die letzten Lebensjahre vor ihrer Deportation waren geprägt durch Mangel und Not. Als die Devisenstelle Frankfurt im Mai 1940 sich nach ihrem Einkommen und ihren Vermögensverhältnissen erkundigte, gab sie an, knapp 44,- RM von der jüdischen Wohlfahrtszentrale zu erhalten.[55] Eine Sicherungsanordnung schien deshalb sogar der Devisenstelle unnötig zu sein, zumal auch Vermögen nicht vorhanden war.

Nach dem Eintrag in der Gestapo-Kartei war sie früher Köchin gewesen, aber inzwischen wegen eines Augenleidens nicht mehr arbeitsfähig. Ihre Habe, der gesamte Hausrat, die Möbel, Kleidung und ein Radio musste sie zurücklassen, als sie am 1. September in das „Protektorat“ abgeschoben wurde. Ihr Bruder Manfred erklärte im späteren Entschädigungsverfahren, dass alle Sachen durch die Gestapo zum Landeshaus gebracht worden seien. Sie habe von all dem nach ihrer Befreiung nie mehr etwas gesehen. Alles sei „durch Parteistellen“ versteigert worden, ergänzte Amalie die Aussage des Bruders.[56] Als Zeugin benannte er eine – im Nazijargon – „arische“ Frau Burckard, die nach dem Ende der Naziherrschaft noch immer in der Hallgarter Str. 6 wohne. Tatsächlich war auch dieses Judenhaus keines der klassischen Ghettohäuser in dem Sinne, dass hier ausschließlich Juden wohnten. Von den im Adressbuch Wiesbaden 1938/39 gemeldeten 22 Mietparteien lebten laut dem ersten Nachkriegsadressbuch noch 9 Bewohner gleichen Namens in dem Haus. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte zumindest der größte Teil wie Frau Burckhard die Zeit zwischen 1939 und 1942 hier verbracht und das Leid ihrer Mitbewohner unmittelbar erfahren können.

Der materielle Verlust des Hausrats und der übrigen geraubten Gegenstände und Kleidungsstücke wurde von Zeugen auf etwa 12.000 RM geschätzt. Das Ersuchen um Entschädigung wurde mit kühlem Bürokratenherz 1952 abgewiesen. Es handle sich hier nicht um einen Entschädigung- sondern um einen Rückerstattungsfall, der an einer anderen Stelle hätte angemeldet werden müssen.[57]Ich als alte Frau von 76 Jahren konnte 1950 nicht wissen, dass man an zwei verschiedenen Stellen den mir zugefügten Schaden geltend machen musste. Für mich gab es nur eine Stelle die man als Wiedergutmachungsamt bezeichnete und das war Wiesbaden“, antwortete sie resigniert vom schon lange andauernden Kampf mit den Behörden. Zwar hatte sie im Juli 45, völlig mittellos aus Theresienstadt nach Wiesbaden zurückgekommen, mit Hilfe der Betreuungsstelle Möbel, sogenannte „Aktivistenmöbel“, erhalten, also Möbel von Nazis, die diese vielleicht zuvor anderen Juden geraubt hatten oder aber den Mief ihrer derzeitigen Nutzer noch immer verströmten.[58] In diesen Möbeln wollte sie nicht länger leben und erhielt als Nothilfe 1950 auch etwa 1000 DM, um sich neu einzurichten. Auch für Kleidung gewährte man ihr 200 DM und für einen Kuraufenthalt 100 DM. Dagegen stehen 2 Jahre und 10 Monate Theresienstadt. Allerdings nicht so für die Sachbearbeiter in der Entschädigungsbehörde des Regierungspräsidenten. Auch wenn Amalie Katz erst im Juli Theresienstadt verließ, so war für die Beamten im Regierungspräsident der Krieg pünktlich am 8. Mai zu Ende gegangen, die für die Endschädigung des Verlusts an Freiheit zugrunde gelegte Haftzeit war demnach nicht 34, sondern nur 32 Monate. 4.800 DM, natürlich abzüglich aller bisher erhaltenen Leistungen, sprich 1.450 DM für nahezu 3 Jahre Lagerhaft wurden ihr ausgezahlt.[59]

Ursprünglich war dem Bescheid sogar eine noch grauenhaftere Rechnung zugrunde gelegt worden: Für die „Ghettohaft“ von 32 Monaten stände ihr eine Entschädigung von 4.800 DM zu, diese sei inzwischen durch die gezahlte Rente von 5.910,60 DM abgegolten

„Ich war 2 Jahre und 10 Monate im Lager Theresienstadt. Bin 72 Jahre alt, krank und arbeitsunfähig und beantrage eine laufende Rente“, schrieb sie daraufhin an die Behörde.[60] Wovon die Frau leben sollte, deren Entschädigungsverfahren mit immer neuen Nachfragen in die Länge gezogen wurde, war dort keine Frage von Interesse. Immer wieder veranlasste die Betreuungsstelle, dass ihr wenigstens eine „widerrufliche“ Rente für jeweils ein paar Monate aus einem Härtefond zugebilligt wurde.[61] Immer wieder mussten die Anträge neu gestellt werden. Eine Überlebende aus einem KZ war in der frühen Bundesrepublik ein „Härtefall“, dem nur auf drängendes Bitten bestenfalls ein Almosen gewährt wurde.

Im April machte die Betreuungsstelle den Regierungspräsidenten darauf aufmerksam, das Amalie Katz sich in einem jüdischen Altersheim in Frankfurt befände und sehr hinfällig sei. Die Auszahlung der ihr zustehenden Entschädigung werde sie vermutlich nicht mehr erleben und die Zahlung der Rente aus dem Härtefond sei jetzt eingestellt worden. Man drängte darauf, dass ihr eine Dauerleistung zugebilligt werde.[62] Was folgte war nur ein weiterer längerer Briefwechsel zwischen den verschiedenen Stellen, Ämtern und Behörden. Am 8. November, also nach 7 Monaten teilte das Regierungspräsidium mit, dass man Frau Katz eine monatliche Rente von 110 DM zahlen werde. Sie benötige mindestens 150 DM, schrieb sie zurück Allein das Altersheim koste 120 DM und ein Pfund Obst stehe ihr in ihrem Alter – von den Torturen des KZs spricht sie gar nicht – ja wohl auch hin und wieder zu.[63] Ein zermürbender, entkräftender Kampf, für den ihr am Schluss die nötigen Kräfte fehlten. Am 12 Mai 1952 verstarb sie in dem jüdischen Altersheim in der Gagernstraße in Frankfurt, in dem sie hoffentlich trotz allem am Ende ihres Lebens noch so etwas wie Geborgenheit hat finden können.[64]

Stand: 26. 04 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe umfassend zu Geschichte der jüdischen Gemeinde in Marköbel, Sirsch, Rudolf W., Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde, in:1150 Jahre Marköbel – 850 Jahre Baiersdorf, Hammersbach 1989, S. 253-280.

[2] Ebd. S. 257.

[3] Zu den Ereignissen an diesem Tag und auch zur juristischen Aufarbeitung siehe ebd. S. 273-279. Wie üblich war auch in Marköbel angeblich keiner der Bewohner an den Ausschreitungen beteiligt, keiner hatte etwas gesehen, keiner konnte einen Täter identifizieren und diejenigen, deren Namen als Parteigenossen oder Amtsträger doch bekannt waren, waren alle nur eingeschritten, um Schlimmeres zu verhindern. Auch in Marköbel blieben die Taten dieser Nacht, in der nicht nur die Synagoge zerstört wurde, ungesühnt.

[4] HHStAW 365 580. Nach dem ersten Kind, Emma, geboren am 3.12.1865, folgte Simon, geboren am 30.5.1867. Das folgende Kind, geboren am 27.4.1869, verstarb namenlos unmittelbar nach der Geburt. Anschließend wurden in dieser ersten Ehe noch Isaak am 11.4.1871 und Seligmann am 16.9.1873 geboren. HHStAW 365 579.

[5] Heiratsregister Standesamt Marköben 2 / 1877. In dieser Ehe wurde zunächst Mathilda / Mathilde am 13.9.1877 geboren, Geburtsregister Standesamt Marköben 27 / 1877, dann Kathinka am 2.11.1878, Geburtsregister Standesamt Marköben 32 / 1878, anschließend der Sohn Salin / Sally, geboren am 26.3.1881, Geburtsregister Standesamt Marköben 6 / 1881. Es folgten die Schwestern Elise am 10.7.1883, Geburtsregister Standesamt Marköben 22 / 1883, und Johanna am 18.5.1886, Geburtsregister Standesamt Marköben 12 / 1886. Am 17.2.1888 kam noch der Sohn Manfred zur Welt, Geburtsregister Standesamt Marköben 7 / 1888.

[6] In einer Auflistung potentieller Erben von Simon Katz wurden am 19.9.1945 die drei Geschwister Isaak, Seligmann und Johanna nicht mehr aufgeführt, während andere, die in der Zeit ermordet wurden, hier noch genannt wurden. Vermutlich waren die drei, wie auch der nur kurze Zeit lebenden Säugling, bereits vor der Zeit der Deportationen verstorben, siehe HHStAW 518 19229 (4). Wenn im Folgenden der Einfachheit wegen von Brüdern bzw. Schwestern die Rede ist, dann handelt es sich in Bezug auf Amalie immer um Halbbrüder bzw. Halbschwestern.

[7] HHStAW 518 18956 (23).

[8] Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 358 ff. Siehe hier auch zum genauen Ablauf der Ereignisse am 19.10.1941.

[9] Kingreen spricht von drei Überlebenden, ebd. S. 362, Gottwald; Schulle dagegen von zwei, siehe Gottwald; Schulle, Judendeportationen, S. 73.

[10] Gerty Weichsel war am 31.12.1880 in Rimbach im Odenwald geboren worden, siehe Datenbank der Gedenkstätte Börneplatz – Frankfurt.

[11] Laut Datenbank der Gedenkstätte Börneplatz – Frankfurt wohnten in diesem Haus in der Zeit der Deportationen etwa 25 Juden. Siehe dazu auch Daub, Frankfurt „judenfrei“, S. 337 f.

[12] HHStAW 519/3 4030 (5). Die Verwandten waren eine Familie Wertheim in Baltimore und ein Martin Weis. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis sie zu dem Ehepaar Katz standen, konnte nicht ermittelt werden.

[13] Ebd. (6).

[14] Ebd. (3).

[15] Er war der erste der Marköbeler Juden gewesen, der nach dem Machtantritt der Nazis seinen Heimatort im Jahr 1934 verlassen hatte und nach Frankfurt gezogen war. Ebd. S. 272. Im Haus, aber wohl nicht in der gleichen Wohnung, lebte auch Nanni Katz, geborene Löwenthal, mit ihrem Vater Leopold Löwenthal. Nanni war mit dem ebenfalls aus Marköbel stammenden Julius Katz verheiratet, der bereits 20.9.1938 verstorben war. Julius Katz war ein entfernter Verwandter von Seligmann Katz.

[16] HHStAW 519/3 4030 (5). Mitteilung seiner Frau an die Devisenstelle.

[17] Zu diesem Transport der eigentlich schon am 3.11.19411 dem ersten folgen sollte, dann vermutlich auf Einspruch der Kriegsindustrie verschoben wurde, siehe Gottwald; Scholle, Judendeportationen, S.93.

[18] HHStAW 518 41280 (1, 9).

[19] Zu den jeweiligen Transporten siehe ausführlich Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 370-374.

[20] In einem Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt vom 20.12.1951, in dem der Zeitpunkt des Todes von Mathilda auf den 31. Dezember 1945 festgelegt wurde, nahm das Gericht Bezug auf eine Nachricht des ‚International Tracing Service’, laut der ihre Deportation am 15. Juni 1942 stattgefunden haben soll, siehe HHStAW 518 41280 (10). Das Original dieser Nachricht ist allerdings in den Akten nicht mehr vorhanden. Es kann sich auch kaum um den tatsächlichen Termin gehandelt haben, da an diesem Tag von Frankfurt keine Transporte abgingen. Vermutlich bezieht sich dieses Datum auf den Vermerk in der Devisenakte von Mathilda Nachmann, in der am 15.6.1942 „evakuiert“ als Vermerk eingetragen wurde. Solche Vermerke wurden jedoch auch noch mehreren Wochen nach der Deportation in die Devisenakten eingetragen, wie sich anhand gesicherter Deportationsdaten nachweisen lässt.

[21] Dies ist insofern nicht sicher, als hier nur eine Meyer, E. eingetragen ist. Da aber ihr Bruder mit vollem Namen im gleichen Jahr vermerkt ist und sie selbst später definitiv dort gewohnt hat, wie sich aus den Entschädigungsakten ergibt, ist diese Vermutung sicher gerechtfertigt.

[22] Im Jüdischen Adressbuch von Frankfurt von 1935 sind beide nicht eingetragen.

[23] Zu Simon Katz siehe HHStAW 518 19229 (16), zu Mathilda Nachmann, geborene Katz siehe HHStAW 518 41280 (8, 9).

[24] Nahezu die Hälfte der insgesamt 13 Kinder von Emma und Bernhard Nachmann wurde Opfer des Holocaust, siehe den Eintrag in der Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[25] Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden. Ob der im Frankfurter Adressbuch von 1939 noch eingetragen Pensionär Louis Nachmann, wohnhaft in der Guilott-Str. 63 mit dem Verstorbenen identisch war, ist nicht sicher. Im Frankfurter Jüdischen Adressbuch von 1935 ist noch kein Louis Nachmann gelistet.

[26] Datenbank der Gedenkstätte Börneplatz – Frankfurt, dazu Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[27] Datenbank der Gedenkstätte Börneplatz – Frankfurt, dazu der Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[28] Schon in den Zwanziger Jahren waren die dort ansässigen jüdischen Viehhändler von nationalistischen Kreisen des ‚jüdischen Landesverrats’ und der Kollaboration mit den französischen Besatzungskräften beschuldigt worden, siehe http://www.alemannia-judaica.de/nassau_synagoge.htm. (Zugriff: 10.04.2019).

[29] HHStAW 518 16735 (12), dazu Gottwaldt; Schulle, Judendeportationen, S. 328.

[30] Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz und Todesfallanzeige aus Theresienstadt https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/97255-hofmann-salomon-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 10.04.2019).

[31] HHStAW 518 16735 (19) und https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/16149-kathinka-hofmann/. (Zugriff: 10.04.2019). Fast alle Kinder des Paares, bzw. die aus einer ersten Ehe von Salomon Hofmann überlebten den Holocaust in Schweden, Argentinien, dem damaligen Rhodesien und Südafrika, siehe 518 16735 (1, 13). Einzig der am 23.1.1909 in Nassau geborene Ernst Hofmann wurde am 11.7.1842 von Hamburg nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, siehe http://stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=4756. (Zugriff: 10.04.2019).

[32] Die 1922 gegründete Firma ist nicht zu verwechseln mit der bedeutenderen Nürnberger Firma für Spielwaren Gebr. Bing, die ebenfalls ursprünglich in jüdischem Besitz war und zur NS-Zeit arisiert wurde.

[33] Zur Firmengeschichte, im Besonderen zum „Arisierungsvorgang“ siehe Deres, Thomas, Das Bing-Haus. Ein Fallbeispiel von „Arisierung“ und „Wiedergutmachung“ durch die Stadt Köln, in: Geschichte in Köln, Bd. 49, Heft 1, 2002, S. 193-204. Die Firma, die zunächst 1881/82 zwischen verschiedenen Brüdern aufgespalten, dann in den zwanziger Jahren in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, lag ursprünglich im Geschäftszentrum von Köln, errichtete dann auch Niederlassungen in Krefeld und Berlin, wo zuletzt auch der Firmensitz war. Dort scheint Simon Katz auch vor seiner Übersiedlung nach Frankfurt gewohnt zu haben. Deres zitiert in seinem Artikel die Kölnische Zeitung, in der das Handelsunternehmen, das hauptsächlich die wachsende Zahl der Kaufhäuser belieferte, als ein „Musterbeispiel eines solchen modernsten Handelshauses, in dem das gesteigerte moderne Kulturbedürfnis zum Ausdruck kommt.“ Ebd. S. 195. Bei der „Entjudung“ des Unternehmens wurden die Aktien von arischen Kapitalgebern, das Gebäude selbst von der Stadt zu einem Preis deutlich unter dem Marktwert übernommen.

[34] HHStAW 518 19229 I (13). Die deutlich geringeren Einkünfte der Jahre 1932 und 1933 waren mit Sicherheit Folge der Weltwirtschaftskrise. Zur Aussage des Bruders siehe ebd. (19).

[35] HHStAW 518 18956 (11)

[36] HHStAW 519/3 31384 (6, 8).

[37] Ebd. (1, 4, 9).

[38] Ebd. (3). Bei dem Schuldenbetrag handelte es sich vermutlich um die beschlagnahmte Summe für die gegebenenfalls fällige Reichsfluchtsteuer. Möglicherweise war Simon Katz erst zu diesem Zeitpunkt von Berlin nach Frankfurt verzogen, denn auf seiner Vermögenserklärung ist von ihm selbst ein Berliner Kennzeichen A 496137 in das Formular eingetragen, Auch das Sicherungskonto war erst im Januar 1942 bei der Deutsche Bank in Frankfurt eingerichtet worden, siehe ebd.

[39] Ebd.(13).

[40] Ebd. (10).

[41] HHStAW 518 19229 (7).

[42] Ebd. (22), dazu https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/91809-katz-simon-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 10.04.2019).

[43] HHStAW 518 19229 (4) und 518 19178 I (217). Das Todesdatum von Emma Rosenberg ist nicht amtlich. Die Angabe stammt aus einer handschriftlichen Notiz auf einer beglaubigten Abschrift eines Beschlusses über ein Rückerstattungsverfahren vom 30.1.1953.

[44] In ihrer Ehe waren vermutlich Kinder geboren worden, denn in einem Bescheid der Entschädigungsbehörde werden als Berechtigte eine Rosa Fromm, geborene Rosenberg, geboren am 24.7.1893 in Lichenroth / Hessen-Nassau, wohnhaft in Haifa, ein Benjamin Rosenberg, wohnhaft in Santiago de Chile und ein Sally Rosenberg geboren am 3.11.1897 ebenfalls in Lichtenroth und wohnhaft in Kapstadt / Südafrika genannt. Siehe HHStAW 518 19229 (29).

[45] HHStAW 518 19178 (12). Heiratsurkunde Standesamt Frankfurt 808 / 1934.

[46] Ebd, (11), Geburtsurkunde Standesamt Marköbel 7 / 1888.

[47] Zu seinem beruflichen Werdegang siehe ausführlich die Angaben unter ebd. (247 ff).

[48] Ebd. (208, 144, auch 28, 29, 37). 1954 wurde sogar eine Entschädigung für den erlittenen Schaden im wirtschaftlichen Fortkommen mit Verweis auf ein geradezu hanebüchenes Urteil in einem ähnlich gelagerten Fall abgesprochen, das selbst dem Sachbearbeiter in der Behörde als nicht nachvollziehbar erschien. In dem von ihm zitierten Urteil heißt es: „Der selbständige Handelsvertreter hat keinen Anspruch auf Wiedergutmachung, wenn er durch Kündigung seiner Verträge mit der Firma verdienstlos wurde. Nach der für diesen Personenkreis in Betracht kommenden Vorschrift des § 26 BEG in Verbindung mit § 1 BEG kann ein Angehöriger eines selbständigen Berufes Entschädigungsansprüche nur dann stellen, wenn er auf Veranlassung oder mit Billigung einer Dienststelle oder eines Amtsträgers des Reiches, eines Landes oder einer sonstigen Körperschaft, Anstalt oder Stiftung des öffentlichen Rechts oder der NSDAP oder ihrer Gliederungen oder angeschlossenen Verbände aus seiner Tätigkeit verdrängt oder in ihrer Ausübung wesentlich beschränkt worden ist. Eine amtliche Verfolgungsmaßnahme dieser Art ist gegen … nicht ergriffen worden. Die Notwendigkeit zur Auflösung der Verträge mit den Firmen … ergab sich aus den wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, in die die genannten Firmen infolge der Beauftragung eines jüdischen Vertreters geraten waren. (…) Bei der Kündigung dieser Verträge handelte es sich jedoch nur um eine Folge des allgemeinen Boykotts, nicht aber um eine gegen … persönlich und unmittelbar gerichtete hoheitliche Maßnahme zur Unterbindung seiner beruflichen Tätigkeit. Ein Berufsverbot ist (…) niemals auferlegt worden. Demgemäß konnte er auch nach Beendigung dieses Vertrages weiterhin als Vertreter für andere Firmen tätig sein.“ Ebd. (173 f.) Später wurde ihm dann doch noch eine Entschädigung wegen „Berufsverdrängung“ gewährt, ebd. (208 ff.) und (221 ff.).

[49] Ebd. (188).

[50] Ebd. (30).

[51] Ebd. 27. Die Hypothek wurde als nachrangig einfach gelöscht.

[52] Ebd. (17, 23). Zu den Frankfurter Judenhäuser bzw. Ghettohäusern siehe Daub, Frankfurt „judenfrei“, S. 337 ff, wo die genannten Straßen ebenfalls aufgeführt sind, allerdings ohne Nennung der Hausnummer.

[53] Ebd. (730).

[54] HHStAW 518 18956 (87).

[55] HHStAW 519/3 3393 (3)

[56] HHStAW 518 18956 (27, 30)

[57] Ebd. (120) Siehe zur folgenden Auseinandersetzung die Akte passim.

[58] Ebd. (7)

[59] Ebd. (56)

[60] Ebd. (4)

[61] Ebd. (38, 41)

[62] Ebd. (67)

[63] Ebd. (105, 106)

[64] Ebd (137).