Bertha Blütenthal, geborene Scheidt


Steinberg Judenhaus Wiesbaden Jude
Das Juden­haus Grill­par­zer­str. 9 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden
Das Haus Grill­par­zer­str. 9 seit­lich der Bie­bri­cher Allee
Judenhaus Grillparzerstr. 9, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Grill­par­zer­str. 9

 

 

 

 

 

 


Beim ers­ten grö­ße­ren Trans­port aus Wies­ba­den im Mai 1942 blie­ben die Bewoh­ner der Grill­par­zer­stra­ße noch ver­schont, aber beim nächs­ten, dem für den 10. Juni anbe­raum­ten Ter­min, stan­den Sophie Kar­le­bach, Elsa Mer­ten und Ber­tha Blü­ten­thal auf der Liste.

Ber­tha Blü­ten­thal war die ers­te, die sich in die­sem Haus das Leben nahm, als ihr die Auf­for­de­rung, sich für die­sen Trans­port bereit­zu­hal­ten, über­ge­ben wur­de. Am 8. Juni, also zwei Tage vor dem Ter­min, hat­te man sie mor­gens in ihrer Woh­nung tot auf­ge­fun­den. Mit einem Schlaf­mit­tel hat­te sie ihren Frei­tod her­bei­ge­führt und war so dem erwar­te­ten Grau­en ent­kom­men. Nicht ein­mal drei Wochen hat­te sie in die­sem Juden­haus ver­bracht, in das sie erst am 19. Mai zwangs­wei­se ein­ge­lie­fert wor­den war.

Stamm­bäu­me der Fami­li­en Kauf­mann — Frank — Scheid — Moh­ren­witz
(GDB-PLS)

Ber­tha Blü­ten­thal war eines von neun Kin­dern des Ehe­paars Bern­hard und Rosa Scheidt, gebo­re­ne Fech­hei­mer, aus dem frän­ki­schen Kit­zin­gen, einer Fami­lie, die dort ursprüng­lich im Tuch­han­del, spä­ter auch im Bank­ge­wer­be enga­giert war.[1] Am 23. März 1877 war sie dort zur Welt gekom­men. Wann sie den am 21. Juni 1867 in Münch­wei­ler /​ Pfalz gebo­re­nen David Blü­ten­thal hei­ra­te­te, ist nicht bekannt. Aber Frank­furt war inzwi­schen zum neu­en Lebens­mit­tel­punkt der bei­den Fami­li­en Blü­ten­thal und Scheidt gewor­den. Schon in den 70er Jah­ren war Bert­has Onkel Lou­is nach Frank­furt gegan­gen und vie­le Mit­glie­der der Fami­lie waren ihm im Lau­fe der Zeit gefolgt, so auch die Eltern von Ber­tha im Jahr 1901. Mög­li­cher­wei­se hat­ten sich David Blü­ten­thal und Ber­tha Scheidt in Frank­furt ken­nen­ge­lernt, denn auch die Eltern von David, Aaron und Fan­ny Blü­ten­thal, gebo­re­ne Rhein­stein, waren von Mönchs­wei­ler in der Pfalz nach Frank­furt gezo­gen, der genaue Zeit­punkt ist aber nicht bekannt.[2] David Blü­ten­thal, das vier­te von ins­ge­samt sechs Kin­dern des Paa­res, kam wie sei­ne Frau aus einer viel­köp­fi­gen Fami­lie mit einer Ahnen­rei­he, die eben­falls über vie­le Gene­ra­tio­nen rekon­stru­ier­bar ist.[3]

In der Ehe von Ber­tha und David Blü­ten­thal wur­den zwei Söh­ne gebo­ren. Am 26. August 1897 kam Paul und drei Jah­re spä­ter, am 24. Janu­ar 1900, kam Ernst zur Welt.

Nach sei­ner Ehe­schlie­ßung betrie­ben er und sein älte­rer Bru­der Simon in Frank­furt in der Kai­ser­str. 40 eine Tex­til­groß­hand­lung bzw. „Manu­fak­tur­wa­ren en gros“, wie es in den Steu­er­erklä­run­gen der frü­hen 30er Jah­re heißt.[4] Im Jüdi­schen Adress­buch der Stadt Frank­furt von 1935 ist die Wohn­an­schrift des Ehe­paars noch unter dem Namen David Blü­ten­thal mit Sand­weg 11 ange­ge­ben, aber zu die­sem Zeit­punkt war David bereits im Alter von 66 Jah­ren ver­stor­ben.[5] Nicht erst sein Tod, son­dern wahr­schein­lich schon die Welt­wirt­schafts­kri­se, hat­te den Nie­der­gang des Geschäfts her­bei­ge­führt. Im April 1934 bat man das Finanz­amt Frank­furt um eine Neu­fest­set­zung der Ver­mö­gen­steu­er, „da nen­nens­wer­tes Ver­mö­gen seit 1932 nicht mehr vor­han­den“ sei.[6]

Über den beruf­li­chen Wer­de­gang von Ernst Blü­ten­thal, dem jün­ge­ren Sohn, ist nichts bekannt. Paul dage­gen hat­te nach sei­nem 1916 am Kai­ser-Fried­rich-Gym­na­si­um abge­leg­ten Abitur ein Jura­stu­di­um auf­ge­nom­men, das er 1924 mit einer Pro­mo­ti­on abschloss. Nicht ein­mal zehn Jah­re konn­te er als hoch­an­ge­se­he­ner Anwalt eine Kanz­lei in Frank­furt füh­ren. [7] In der am 27. Sep­tem­ber 1929 in Ber­lin geschlos­se­nen Ehe mit Else Johan­na Grü­ne­wald, die aus Ber­lin-Char­lot­ten­burg kam, wur­de am 24. März 1932 die Toch­ter Hel­ga Ines gebo­ren. Schon bald dar­auf, am 11. Juli 1934, ver­starb sei­ne Frau. In einer zwei­ten Ehe, die Paul am 8. Sep­tem­ber 1936 in Frank­furt mit Ger­trud /​ Ger­di Wey­rauch, gebo­re­ne Geis, ein­ging, wur­de am 6. Febru­ar 1938 eine zwei­te Toch­ter namens Ire­ne gebo­ren.[8]

Paul Blü­ten­thal enga­gier­te sich außer­halb sei­nes Berufs haupt­säch­lich für die Ein­tracht Frank­furt, in die er schon als Kind ein­ge­tre­ten war. Er lei­te­te spä­ter die Leicht­ath­le­tik­ab­tei­lung und — durch sei­ne juris­ti­sche Aus­bil­dung ent­spre­chend qua­li­fi­ziert — erar­bei­te­te er 1928 eine neue Sat­zung für den gesam­ten Ver­ein, in der die Ein­tracht zu poli­ti­scher und kon­fes­sio­nel­ler Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet wur­de. Selbst­ver­ständ­lich letzt­lich ver­ge­bens, denn ab 1933 began­nen auch hier, wie in allen Ver­ei­nen, die ras­sis­ti­schen Säu­be­rungs­ak­tio­nen,[9] was der noch kurz zuvor hoch­ge­ehr­te Dr. Paul Blü­ten­thal zum Anlass nahm, noch selbst aus der Ein­tracht aus­zu­tre­ten. 1929 hat­te man ihm und sei­nem Bru­der Ernst noch die Ehren­na­del des Ver­eins an die Brust geheftet.

Auch beruf­lich bedeu­te­te die Macht­über­nah­me der Nazis für ihn das Ende sei­ner Kar­rie­re. Im Früh­jahr 1933 wur­de auch ihm die Zulas­sung als Rechts­an­walt ent­zo­gen. Bis zum Ende des Jah­res arbei­te­te er noch als Ange­stell­ter in einer Schuh­fa­brik, aber schon im Janu­ar 1939 wan­der­te die Fami­lie nach Chi­le aus, wo sei­ne Frau Ver­wand­te hat­te. Auf die­ser Über­fahrt fei­er­te sei­ne Toch­ter Ire­ne ihren ers­ten Geburts­tag. Zwar in Sicher­heit, aber mit vie­len Ein­schrän­kun­gen und Schwie­rig­kei­ten kon­fron­tiert, gelang es der Fami­lie nur all­mäh­lich dort Fuß zu fas­sen. Den­noch bemüh­te Paul Blü­ten­thal sich von Anbe­ginn an, auch die Aus­wan­de­rung sei­ner Mut­ter so schnell wie mög­lich in die Wege zu leiten.

Geplant war die­se offen­sicht­lich schon seit län­ge­rer Zeit. Bereits im März 1937 hat­te Ber­tha Blü­ten­thal das Frank­fur­ter Haus im Sand­weg ver­kauft. Den Erlös ver­ein­nahm­te nach ihrer Aus­sa­ge das dor­ti­ge Bank­haus Gold­schmidt.[10] Im glei­chen Monat hat­te das Frank­fur­ter Finanz­amt ihr eine „Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung zur Erlan­gung eines Rei­se­pas­ses für die Aus­wan­de­rung“ aus­ge­stellt.[11] Sie selbst war nach dem Ver­kauf des Hau­ses über­gangs­wei­se – so war ver­mut­lich die Pla­nung – zu ihrem Sohn Paul gezo­gen. Wie­so sie nicht mit ihm und sei­ner Fami­lie aus­rei­sen konn­te, ist nicht bekannt. Nach des­sen Abrei­se zog sie am 1. März 1939 nach Wies­ba­den.[12] Ber­tha Blü­ten­thal selbst, wie auch ihr Sohn, waren auch wei­ter­hin bemüht, die gefor­der­ten Papie­re zu beschaf­fen. In der für die Aus­rei­se not­wen­di­gen steu­er­li­chen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung vom 24. Juli 1939 ist ver­merkt, dass sie ohne Ein­kom­men und Ver­mö­gen sei und von der Unter­stüt­zung von Ver­wand­ten lebe. Ohne Ver­mö­gen soll­te sie auch von der Reichs­flucht­steu­er befreit sein.[13] Ver­mut­lich hat­te ihr Sohn Paul sogar bereits 1939 ein Visum für sie vom chi­le­ni­schen Staat erlangt, das nur durch ein Miss­ge­schick der Bot­schaft in Frank­furt nicht in die Hän­de der Mut­ter gelangt war[14] – welch tra­gi­scher Feh­ler. Drei lan­ge Jah­re spä­ter, im Juni 1942, notier­te die Devi­sen­stel­le Frank­furt, da „eine Aus­wan­de­rung in abseh­ba­rer Zeit nicht mög­lich“ sei, habe man die ein­ge­reich­ten Umzugs­lis­ten wie­der zurück­ge­ge­ben.[15]

In die­sen Zei­ten allei­ne in Frank­furt blei­ben, woll­te Ber­tha Blü­ten­thal sicher nicht. Und es boten sich für sie auch rela­tiv gute Alter­na­ti­ven, denn in Wies­ba­den wohn­ten zu die­ser Zeit nahe Ver­wand­te von ihr. In der Pen­si­on ‚Haus Dam­bach­tal’ am Neu­berg 4, die von der Jüdin Ste­pha­nie Rabi­no­wicz geführt wur­de, leb­te der Wit­wer August Moh­ren­witz, der Ehe­mann von Bert­has bereits 1935 ver­stor­be­nen Schwes­ter Jen­ny. Auch ihre jün­ge­re Schwes­ter Anna leb­te in der nahe gele­ge­nen Kur­stadt. Mit ihrem Mann Otto Frank, einem einst­mals bedeu­ten­den Wein­händ­ler, besaß sie das Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 65, das aller­dings bald zum Juden­haus erklärt wur­de. Auch deren bei­de Kin­der hat­ten inzwi­schen Deutsch­land ver­las­sen und waren nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. Auch deren bei­de Kin­der hat­ten inzwi­schen Deutsch­land ver­las­sen und waren nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. In jedem Fall bot es sich an, dass Anna und Otto Frank die allein geblie­ben Schwes­ter bzw. Schwä­ge­rin in ihrer gro­ßen Woh­nung aufnahmen.

Über die­se gemein­sa­me Zeit lie­gen kei­ne wesent­li­chen Doku­men­te vor, aller­dings trägt die JS-Map­pe mit der Num­mer 1544, die damals zur Kon­trol­le von Ber­tha Blü­tenthals Finan­zen ange­legt wur­de, die­se Adres­se. Trotz der völ­li­gen Ver­ar­mung hat­te die Devi­sen­stel­le die Kon­trol­le ver­fügt und ihr die übli­chen 300 RM als vor­läu­fi­gen Frei­be­trag gewährt. Was an dem For­mu­lar aller­dings unüb­lich und des­halb auf­fäl­lig ist: Der Sach­be­ar­bei­ter hat­te das Schrei­ben an „Frau Ber­ta Blü­ten­thal, Wwe“ adres­siert und dabei sträf­lich den vor­ge­schrie­be­nen Namens­zu­satz „Sara“ vergessen.

In der Grill­par­zer­str. 9, ihrer nächs­ten Unter­kunft, war sie in die Woh­nung der Geschwis­ter Strauss ein­quar­tiert wor­den. Der Umzug war wohl dadurch not­wen­dig gewor­den, weil ihre Schwes­ter Anna mit ihrem Mann Otto Frank sich inzwi­schen doch noch ent­schlos­sen hat­ten und durch viel Glück auch noch die Mög­lich­keit für eine Schiffs­pas­sa­ge in die USA erhal­ten hat­ten. Wie­so aber auch sie damals ihr eige­nes Haus ver­lie­ßen und mit Ber­tha Blü­ten­thal in das Juden­haus in der Grill­par­zer­stra­ße umzo­gen, ist nicht bekannt. Am 16. August 1941 ver­lie­ßen sie Wies­ba­den, um von Lis­sa­bon aus das Schiff nach New York zu nehmen.
Laut Gesta­po-Kar­tei­kar­ten fand der Umzug der Franks am 16. Mai bzw. der von Ber­tha Blü­ten­thal am 19. Mai 1941 statt, gemel­det hat sie ihn der Devi­sen­stel­le aber erst am 8. Febru­ar 1942, als sie zur Abga­be einer Ver­mö­gens­er­klä­rung auf­ge­for­dert wur­de.[16]

Da sie nur ein Spar­kon­to mit 1.000 RM und Bar­mit­tel von etwa 300 RM besä­ße, wür­de sich ihrer Mei­nung nach die Ein­rich­tung eines Siche­rungs­kon­tos wohl erüb­ri­gen. Sie sei bis­her auf Unter­stüt­zung aus dem Aus­land ange­wie­sen gewe­sen, die sie aber wegen des Geset­zes vom 27. Novem­ber 1941[17] nicht mehr errei­chen wür­de, teil­te sie der Devi­sen­stel­le mit.[18] Viel­leicht hat­ten die Söh­ne, die ver­mut­lich gemeint waren, ver­sucht, über ihren Cou­sin Otto Essin­ger,[19] der in Luzern und damit in der neu­tra­len Schweiz leb­te und auch die dor­ti­ge Staats­bür­ger­schaft ange­nom­men hat­te, der Mut­ter wei­ter­hin Geld zukom­men zu las­sen. In einem hand­schrift­li­chen Zusatz zur Ver­mö­gens­er­klä­rung schrieb sie an die Devi­sen­stel­le, dass das ihr aus der Schweiz avi­sier­te Geld des Nef­fen noch nicht ein­ge­gan­gen sei. Ihren monat­li­chen Bedarf gab sie in der Auf­stel­lung mit 150 RM an. [20]

Trotz der mehr als beschei­de­nen Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se wur­de sie zur Errich­tung des Siche­rungs­kon­tos bei der Com­merz­bank ver­pflich­tet, wie aus einer Bestä­ti­gung die­ser Bank gegen­über der Devi­sen­stel­le Frank­furt vom 28. Febru­ar 1942 her­vor­geht.[21]

Eine Anfra­ge der Behör­de bei Ber­tha Blü­ten­thal Anfang Juni 1942, ob „in ihren per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen eine Ände­rung ein­ge­tre­ten“ sei, blieb unbe­ant­wor­tet. Dar­auf­hin wur­den wei­te­re Nach­for­schun­gen bei den Mel­de­be­hör­den ange­stellt. Am 8. Juni infor­mier­te das Wies­ba­de­ner Ein­woh­ner­mel­de­amt die Devi­sen­stel­le in Frank­furt über ihren am sel­ben Tag ein­ge­tre­te­nen Tod. Im Ster­be­buch wur­de „Schlaf­mit­tel­ver­gif­tung (Selbst­mord)“ ein­ge­tra­gen.[22] Den Weg, den sie zwei Tage spä­ter hät­te beschrei­ten sol­len, woll­te sie nicht mehr gehen.

Der Rest war amt­li­che Rou­ti­ne, zog sich aber den­noch bis 1943 hin. Die Devi­sen­stel­le Frank­furt frag­te bei der Com­merz­bank an, ob noch Ver­mö­gens­wer­te vor­han­den sei­en – das Spar­buch mit den 1.000 RM war noch vor­han­den –, dann wur­de die Gesta­po um Aus­kunft gebe­ten, ob die Jüdin Blü­ten­thal für die „Eva­ku­ie­rung“ am 10.6. vor­ge­se­hen gewe­sen sei, was die­se bejah­te. Die Anfra­ge war inso­fern berech­tigt, als auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te für den 10. Juni ihr Name nicht erscheint. Da die­se Lis­te aber mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit vor dem 8. Juni erstellt wor­den war, muss man dar­aus eigent­lich den Schluss zie­hen, dass sie ursprüng­lich tat­säch­lich erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt hät­te depor­tiert wer­den sol­len. Mit ihrem selbst her­bei­ge­führ­ten Tod konn­te es nun u. U. zu Kom­pli­ka­tio­nen bei der Beschlag­nah­me der noch vor­han­de­nen Ver­mö­gens­wer­te kom­men, da zunächst Erb­schafts­rech­te hät­ten abge­klärt wer­den müs­sen. Bei Juden, die sich nach Über­ga­be ihrer Depor­ta­ti­ons­auf­for­de­rung selbst umbrach­ten, stell­te sich die­ses Pro­blem für die NS-Büro­kra­tie nicht, denn die­se wur­den recht­lich so behan­delt, als sei­en sie „abge­scho­ben“ wor­den.[23] Dem­entspre­chend konn­te die Devi­sen­stel­le nun pro­blem­los im Auf­trag des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel die Beschlag­nah­me des Ver­mö­gens von Ber­tha Blü­ten­thal anord­nen. Anschlie­ßend wur­de wie­der­um die Com­merz­bank über den Ver­mö­gens­ver­fall und die vor­läu­fi­ge Beschlag­nah­mung unter­rich­tet. Sogar die Bank wur­de über die genaue­ren Umstän­de des Todes von Ber­tha Blü­ten­thal ins Bild gesetzt, näm­lich dass sie, nach­dem ihr die Eva­ku­ie­rungs­auf­for­de­rung zuge­stellt wor­den sei, Selbst­mord began­gen habe.[24] Ganz offen­sicht­lich sah man kei­nen Anlass, irgend­et­was geheim zu halten.

Wenig bekannt ist über das Schick­sal des jün­ge­ren Soh­nes der Blü­tenthals, Ernst Blü­ten­thal. Er, der ledig geblie­ben war, soll ver­sucht haben, über Frank­reich oder Bel­gi­en in die USA zu kom­men.[25] Die Erin­ne­rungs­sei­te der Ein­tracht Frank­furt für ihr ehe­ma­li­ges Mit­glied hegt Zwei­fel, ob die­se Flucht tat­säch­lich gelang. Über sei­nen Weg in das Exil, auch über sein Leben in den USA, ist tat­säch­lich so gut wie nichts bekannt. Sicher ist aber, dass er zuletzt als Kauf­mann in New York leb­te, wo er am 10. Juli 1978 im Alter von 78 Jah­ren ver­starb. Sein Bru­der Paul war nur 50 Jah­re alt gewor­den, als er am 27. Sep­tem­ber 1947 in Sant­ia­go, sei­nem chi­le­ni­schen Exil, zu Gra­be getra­gen wur­de. Er war dort bei einem Auto­un­fall ums Leben gekom­men.[26]

 

Ver­öf­fent­licht: 28. 04. 2018

Letz­te Revi­si­on: 10. 12. 2021

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Bern­hard Scheidt war am 27.1.1838 in Main­stock­heim, sei­ne Frau am 10.11.1843 in Bay­reuth gebo­ren wor­den. Vie­le Mit­glie­der der Fami­lie Scheidt zogen spä­ter in die auf­stre­ben­de Main­me­tro­po­le Frank­furt, wo die Eltern von Ber­tha auch star­ben, Bern­hard Scheidt 1912, Rosa Scheidt 1925. Zu den bei­den Fami­li­en Scheidt und Fech­hei­mer lie­gen bei GENI umfas­sen­de Stamm­bäu­me vor, die zum Teil vier Gene­ra­tio­nen zurück­rei­chen. Sie­he eben­falls die Geschich­te der Fami­lie Scheidt, ver­öf­fent­licht von Heinz und Ruth Sky­te unter http://www.rijo.homepage.t‑online.de/pdf/en_de_ju_sky10104.pdf.. Hier heißt es zu Ber­tha Scheidts Vater: „Bern­hard Scheidt, second son and fourth child of Salo­mon and Jea­nette Scheidt was born in Main­stock­heim on 27 Janu­ary 1838. On 24 March 1862 he was gran­ted per­mis­si­on to sett­le and trade as a dra­per in Kit­zin­gen, being the first Jew to recei­ve this per­mis­si­on after the edict of 1861, which allo­wed Jews to live any­whe­re within the King­dom of Bava­ria. In 1865, tog­e­ther with his brot­her Lou­is, he was one of the ten to make up the first Min­yan in Kitzingen.
In the Kit­zin­ger Anzei­ger of May 1867 Bern­hard Scheidt adver­ti­ses Silk Mate­ri­als in gre­at varie­ties for sale oppo­si­te the Catho­lic Church. He adver­ti­ses fre­quent­ly among­st other things a gre­at varie­ty of new­ly arri­ved inex­pen­si­ve goods from the Leip­zig Mes­se­as well as the buy­ing and sel­ling of secu­ri­ties. The fol­lo­wing adver­ti­se­ments appeared in Novem­ber 1871 in the non offi­ci­al sec­tion of an offi­ci­al Kit­zin­gen paper:
‘I beg to announ­ce that I have han­ded my Cloth, Tex­ti­le and Rea­dy-made Clot­hing Busi­ness over to my brot­her Mr. Wolf Scheidt to enable me to spe­cia­li­se in ban­king in the future. I would like to take the oppor­tu­ni­ty to express my gra­ti­tu­de for the con­fi­dence shown to me from many sides and beg that this shall be trans­fer­red to my successor.
I remain faithful­ly Bern­hard Scheidt’.“ (S. 5)
Sie­he zu den fami­liä­ren Ver­bin­dun­gen auch den Abschnitt über August Moh­ren­witz im Kapi­tel über das Juden­haus Adolfs­al­lee 30, der eben­falls mit Scheids ver­wandt war.

[2] Die Eltern von David Blü­ten­thal ver­star­ben in Frank­furt, Aaron Blü­ten­thal am 20.8.1908, Fan­ny ein Jahr frü­her am 21.9.1907.

[3] Sie­he zum Fami­li­en­stamm­baum bei GENI https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​3​6​1​2​9​2​7​408. (Zugriff: 30.04.2018). Noch umfas­sen­der und mit wei­te­ren Infor­ma­tio­nen ver­se­hen ist der von Bill Fires­tone 1992 erstell­te und beim Leo Baeck Insti­tut hin­ter­leg­te Stamm­bau der Fami­lie Blü­ten­thal, sie­he http://digital.cjh.org//exlibris/dtl/d3_1/apache_media/L2V4bGlicmlzL2R0bC9kM18xL2FwYWNoZV9tZWRpYS8xNjIzNzMw.pdf. (Zugriff: 30.04.2018). Vie­le Fami­li­en­mit­glie­der der Blü­tenthals hat­ten schon in der Zeit vor dem Natio­nal­so­zia­lis­mus den Weg nach Ame­ri­ka gefunden.
Der Vater Aaron Blü­ten­thal war am 17.7.1834, sei­ne Frau Fan­ny am 8.12.1836 in Münch­wei­ler gebo­ren wor­den. Das war auch der Geburts­ort aller Kin­der: Julia­na, geb. 25.2.1858, Leo­pold, geb. 5.9.1860, Simon, geb. 14.7.1863, dann David. Ihm folg­ten noch Ama­lia am 13.12.1869 und Adolph am 28.4.1865.

[4] HHStAW 685 75.

[5] Der Todes­tag von David Blü­ten­thal war der 10.2.1934.

[6] HHStAW 685 75 (87) In der Steu­er­erklä­rung für das Jahr 1935 schreibt Ber­tha Blü­ten­thal dass sie von ihrem Sohn, dem Rechts­an­walt Dr. Paul Blü­ten­thal, schon im Jahr 1931 ein Dar­le­hen über 20.900 RM erhal­ten habe, das schon zu die­sem Zeit­punkt „als unein­bring­lich ange­se­hen wer­den muss­te.“ Ebd. (89)

[7] Zur Bio­gra­phie von Paul Blü­ten­thal sie­he Tho­mas, Mat­thi­as, „Wir waren die Juden­bu­be“ – Ein­tracht Frank­furt in der NS-Zeit, Göt­tin­gen, 2007, S. 43 ff., S. 143 und S. 196.

[8] Die bio­gra­phi­schen Anga­ben sind dem oben zitier­ten Stamm­baum von Fires­tone ent­nom­men. Auf einer Erin­ne­rungs­sei­te der Ein­tracht Frank­furt für Dr. Paul Blü­ten­thal wird ein wei­te­res Kind mit dem Namen Micha­el erwähnt, sie­he http://​www​.ein​tracht​-frank​furt​-muse​um​.de/​c​m​s​/​p​a​g​e​s​/​p​o​s​t​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​t​a​g​-​i​m​-​d​e​u​t​s​c​h​e​n​-​f​u​s​s​b​a​l​l​-​f​u​e​h​r​u​n​g​-​s​c​h​i​c​k​s​a​l​e​-​j​u​e​d​i​s​c​h​e​r​-​e​i​n​t​r​a​c​h​t​l​e​r​-​i​m​-​v​o​r​f​e​l​d​-​d​e​r​-​p​a​r​t​i​e​-​g​e​g​e​n​-​g​l​a​d​b​a​c​h​3​3​6​.​php. Die­ser Micha­el ist in den sons­ti­gen Quel­len nicht belegt. Lei­der ist die Sei­te inzwi­schen vom Netz genom­men worden.

[9] In einer soge­nann­ten „Stutt­gar­ter Erklä­rung“ hat­ten ver­schie­de­ne süd­deut­sche Fuß­ball­ver­ei­ne ihre Bereit­schaft bekun­det, den Arier­pa­ra­gra­phen auch in ihrem Ver­ein durch­zu­set­zen. Die Ein­tracht Frank­furt gehör­te wie auch der 1. FC Nürn­berg, 1. FC Kai­sers­lau­tern, 1860 und Bay­ern Mün­chen  zu den Unterzeichnern.

[10] HHStAW 685 75 Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung 1937.

[11] HHStAW 685 75 (95) Vermögensteuerakte.

[12] So der Ein­trag auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te. Obwohl bereits 62 Jah­re alt, wur­de auf der Kar­tei­kar­te unter Ver­mer­ke „arbeits­fä­hig“ notiert.

[13] HHStAW 685 75 Einkommensteuerakte.

[14] Die­se Ver­mu­tung wird von den Autoren der Fami­li­en­ge­schich­te der Scheidts auf­ge­stellt, sie­he Sky­te, Heinz und Thea Ruth, Our Fami­ly, S.8, auch http://www.rijo.homepage.t‑online.de/pdf/en_de_ju_sky10104.pdf. Zugriff: (4.10.2017).

[15] Tho­mas, Juden­bu­be, S. 170.

[16] HHStAW 519/​3 2373 (4). Obwohl bereits 64 Jah­re alt, wur­de auf der Kar­tei­kar­te unter Ver­mer­ke „Arbeits­fä­hig“ eingetragen.

[17] Erlass der Ver­ord­nung, durch die den sich im Aus­land befind­li­chen Juden die Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen und deren Ver­mö­gen beschlag­nahmt wurde.

[18] HHStAW 519/​3 2373 (8).

[19] Otto Essin­ger – im Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se fälsch­li­cher­wei­se als Otto Eisin­ger bezeich­net – war der zwei­te Sohn von Bert­has Schwes­ter Emma, die mit Juli­us Essin­ger ver­hei­ra­tet war. Sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​l​u​e​t​h​e​n​t​h​a​l​.​pdf. (Zugriff: 20.04.2018).

[20] HHStAW 519/​3 2373 (8).

[21] HHStAW 519/​3 2373 (7).

[22] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den  1942 /​ 1258.

[23] HHStAW 519/​2 1381.

[24] HHStAW 519/​3 2373 (18).

[25] http://​www​.ein​tracht​-frank​furt​-muse​um​.de/​c​m​s​/​p​a​g​e​s​/​p​o​s​t​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​t​a​g​-​i​m​-​d​e​u​t​s​c​h​e​n​-​f​u​s​s​b​a​l​l​-​f​u​e​h​r​u​n​g​-​s​c​h​i​c​k​s​a​l​e​-​j​u​e​d​i​s​c​h​e​r​-​e​i​n​t​r​a​c​h​t​l​e​r​-​i​m​-​v​o​r​f​e​l​d​-​d​e​r​-​p​a​r​t​i​e​-​g​e​g​e​n​-​g​l​a​d​b​a​c​h​3​3​6​.​php.

[26] Sie­he die über­ein­stim­men­den Anga­ben bei Phil Fires­tone und Heinz u. Ruth Sky­te. Auch Tho­mas, Juden­bu­be, S. 196.