Isidor Ganz

Der Witwer Isidor Ganz verbrachte das letzte dreiviertel Jahr seines Lebens im Haus in der Albrechtstr. 13. Geboren worden war er am 25. Juli 1875 auf der anderen Rheinseite in Mainz Weisenau als Sohn von Jakob und Anna Ganz, geb. Löwenstein.

Am 14. Januar 1905 hatte Isidor Ganz Berta Elise Bender geheiratet. Sie war eine Tochter des Wiesbadener Metzgers und / oder Kaufmanns Isaak Bender und seiner Frau Regine, geb. Jakob.[1] Berta Elise war am 1. Januar 1878 in Oberstein geboren worden, wo die Eltern ursprünglich gewohnt hatten und auch die beiden anderen Kinder Johanna und Max zur Welt gekommen waren.[2] Zum Zeitpunkt der Hochzeit ihrer Tochter lebten die Benders aber schon in der Wiesbadener Moritzstraße 37.

Die junge Familie Ganz blieb aber zunächst in Mainz, wo am 18. Januar 1905 auch ihre Tochter Marie Margarete geboren wurde.[3]

Im Wiesbadener Adressbuch von 1908 ist Isidor Ganz erstmals als Einwohner Wiesbadens vermerkt.[4] Er wohnte damals mit seiner Familie im Haus Kaiser-Friedrich-Ring 57 II. Während in den folgenden Jahren mit dieser Adresse immer eine normale Weinhandlung verbunden war, wurde ab dem folgenden Jahr 1909 in der Kirchgasse 29 eine Weingroßhandlung etabliert, die unter „Ganz & Cie“ firmierte. Inhaber dieses Unternehmens war ebenfalls Isidor Ganz.
Wie alle Geschäfte so hatten auch die Weinhandlungen von Isidor ganz erheblich unter der Weltwirtschaftskrise zu leiden. Immer wieder musste er in den frühen dreißiger Jahren beim Finanzamt Wiesbaden um Steuerstundungen bitten, die man in den ersten Jahren im Allgemeinen auch immer gewährte. Erst ab 1938 wurden solche Anträge abgelehnt. Die erwirtschafteten Gewinne schwankten in all den Jahren erheblich, sie lagen z.B. im schlechtesten Jahr 1933 bei nur 315 RM, im folgenden aber dann bei etwa 2.800 RM und sogar im Jahr 1937, als die Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte wieder intensiviert wurden, bei immer noch etwas mehr als 2.000 RM. Ein Grund dafür werden die Geschäftsverbindungen ins Ausland gewesen sein. Mehrfach sind in den Akten Anträge auf die Ausstellung von Reisebescheinigungen ins Ausland gestellt und genehmigt, u.a. nach Holland, wohin es offensichtlich gute Geschäftsbeziehungen gab.[5] Die dafür notwendigen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen wurden gewährt, obwohl der Antragsteller „weil er Jude ist“ als steuerlich unzuverlässig galt. Bei seinem Antrag im September 1938 ordnete man sogar eine „eingehende Prüfung an“, weil man zunächst den Verdacht hegte, dass Isidor Ganz auswandern wolle. Aber auch dieser Antrag, der über die IHK Wiesbaden eingegangen war, wurde letztlich genehmigt.[6]

Dennoch halbierten sich die Umsätze des Geschäfts zwischen 1931 und 1937.[7] Im Jahr 1938 waren Verluste in Höhe von 1.366 RM aufgelaufen und unabhängig davon zwangen die Arisierungsgesetze Isidor Ganz ohnehin zur Geschäftsaufgabe. Zum 31. Dezember 1938 stellte die Weinhandlung Ganz & Cie ihre Geschäftstätigkeit ein.[8]

Auch das Ehepaar Ganz hatte das Problem, dass ihr Vermögen, das sie 1928 mit insgesamt etwa 18.000 RM angegeben hatten, weitgehend gebunden war, zum einen in einem Weinberg in Laubenheim und zum anderen in dem Betriebsvermögen der Weinhandlung. Darüber hinaus besaß Isidor Ganz noch ein Anteil an einem Grundstück in Mainz, das er sich mit seinem Bruder Ludwig teilte.[9]

Das Vermögen, dass der Berechnung der Judenvermögensabgabe 1939 zugrunde gelegt worden war, betrug jetzt noch 8.000 RM, woraus eine Abgabeverpflichtung in Höhe von zunächst 1.600 RM, zahlbar in vier Raten, resultierte.[10]

Mit dem Verkauf des Weinbergs in Laubenheim im November 1938 für 300 RM sollten vermutlich auch die nötigen liquiden Mittel zur Zahlung der ersten Rate der „Sühneleistung“ beschafft werden.[11] Im gleichen Monat ließ Isidor Ganz sich seine Lebensversicherung auszahlen – sofort wurde der Devisenstelle Frankfurt der Hinweis auf eine mögliche Steuerflucht gegeben – und zuletzt, im Dezember 1940, wurde auch das Mainzer Grundstück verkauft.[12] Inzwischen war im Januar 1940 auch eine Sicherungsanordnung ergangen, die ihm einen Freibetrag von 300 RM gewährte.

In der damit verbundenen Vermögenserklärung konnte er im Januar nur noch ein Vermögen von knapp 5.000 RM angeben. Seinen Lebensbedarf bezifferte er auf 262 RM, was zu Folge hatte, dass der zuvor gewährte Betrag entsprechend angepasst wurde.[13] Die im Formular gemachte lapidare Angabe, dass sein Haushalt inzwischen nur noch aus einer Person bestehe, lässt nicht erkennen, welche Schicksalsschläge damit verbunden waren.

Die Tochter Marie Margarete hatte am 20. Mai 1924 den aus Wetzlar stammenden Juristen Dr. Robert Rosenthal geheiratet.[14] Das Paar war danach in die Parkstr. 43 III gezogen, eine der bevorzugten Wiesbadener Adressen oberhalb des Kurparks. Hier war dem Paar am 3. August 1925 die Tochter Renate Mirjam geboren worden.[15]

Nach einem zunächst „recht wechselvollen beruflichen Werdegang“ – wie Rönsch schreibt -, der ihn nach seinem Examen nach Halle, Eltville und erneut nach Halle führte, erhielt er 1923 sowohl für das Amts- wie auch das Landgericht Wiesbaden seine Zulassung. Mit dem Rechtsanwalt Dr. Seligsohn betrieb er in den ersten Jahren in der Gerichtsstraße, ab 1929 mit dem bekannten jüdischen Anwalt Arnold Kahn in der Kirchgasse eine gemeinsame Praxis. Aber schon zu Beginn der 30er Jahre muss sein zunächst recht gutes Einkommen – es soll in den späten 20er Jahren um die 20.000 RM im Jahr gelegen haben[16] – deutlich zurückgegangen sein. Es häufen sich Bitten um Steuerstundungen beim Finanzamt Wiesbaden und im März 1932 teilte er der Behörde mit: „Ich bin völlig vermögenslos und habe zur Beleihung meiner Lebensversicherung schreiten müssen, die ich längst nicht mehr bezahlen kann.“ Um die einfachsten Lebensbedürfnisse befriedigen zu können, habe er schon Schulden aufnehmen müssen. [17]

War die finanzielle Situation also schon vor dem Machtantritt der Nazis recht prekär, so wurde sie danach völlig desolat. Am 11. September 1933 schrieb er erneut um Steuerstundung bittend an das Finanzamt: „Auf Grund behördlicher Maßnahmen ist, der ich Nichtarier bin und auch nicht Kriegsteilnehmer war, meine Zulassung zur Rechtsanwaltschaft rückgängig gemacht und mir das Amt als Notar genommen worden. Dies ist im Mai dieses Jahres geschehen. Einen anderen Beruf oder eine andere Tätigkeit habe ich bisher nicht finden können, sodass ich zur Zeit keinerlei Einkommen habe.“[18]

Zwei Monate später verließ die Familie Deutschland mit dem Ziel Paris.[19] Wovon, wo und wie sie hier lebten, ist nicht bekannt. Ein Jahr später zogen sie weiter nach Holland, wohin möglicherweise Isidor Ganz durch seine Geschäftsverbindungen die nötigen Kontakte hergestellt hatte.

Bis zum Frühjahr 1941 habe es noch einen regelmäßige Briefkontakt zwischen der Tochter und Isidor Ganz gegeben, danach sei eine Korrespondenz trotz aller Bemührungen nicht mehr möglich gewesen, bezeugte später Paula Bender, die Schwägerin von Berta Elisa Ganz, im Entschädigungsverfahren.[20]
Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Tochter, der Enkelin und des Schwiegersohns war das eine, hinzu kam, dass am 15 Oktober 1938 seine Frau Berta Elisa im Alter von 60 Jahren verstorben war und er nun weitgehend auf sich gestellt diese schwierige Zeit bewältigen musste.

Zuvor waren das Ehepaar am 1. Februar 1937 noch in die Adolfsalle 26 I gezogen. Nach dem Tod seiner Frau wechselte Isidor erneut die Wohnung. Am 1. Februar 1939 mietete er sich in der Bertramstr. 25, einem Haus, das nicht in jüdischem Besitz war, im ersten Stock ein. Sein letzter Umzug am 18. Dezember 1941 in das Judenhaus Albrechtstr. 13 wird aller Wahrscheinlichkeit nach erzwungen worden sein. Seine Schwägerin, Paula Bender, hatte ihn dort im Winter 1941/42 noch besucht und später berichtet, dass er dort in sehr beengten Verhältnissen hat leben müssen.[21]

Im März 1942 kontaktierte ihn noch einmal die Devisenstelle Frankfurt und forderte eine aktuelle Aufstellung seiner Lebenshaltungskosten. Obwohl er 225 RM angab, wurden ihm nur 200 RM bewilligt.[22] Über das letzte halbe Jahr seines Lebens liegen keine Informationen mehr vor.

Am 1. September 1942 wurde er zusammen mit Johanna Windmüller – Liebmanns hatten sich wenige Tage zuvor das Leben genommen – aus der Albrechtstraße nach Theresienstadt deportiert. Knapp vier Monate hat er das Lager überlebt. Am 24. Januar 1943 verstarb er dort laut Eintrag in der Todesfallanzeige an Blutvergiftung.[23]

 

Das Schicksal der Familie seiner Tochter Margarete hat er nicht mehr erfahren. Alle drei fielen trotz der zunächst gelungen Flucht in die Hände der Nazi-Schergen. Zuletzt hatten sie in Amsterdam eine Bleibe gefunden, wo Robert Rosenthal die Familie nur notdürftig mit Aushilfstätigkeiten ernähren konnte – u.a. arbeitete er aber auch als Lektor bei einer Filmgesellschaft.[24] Spätestens seit dem Einmarsch der deutschen Truppen trat neben die finanzielle Unsicherheit die Angst um Leib und Leben. Seit dieser Zeit mussten sie im Untergrund leben. Genaueres darüber ist aber nicht bekannt.

Laut Unterlagen des Niederländischen Roten Kreuzes wurden alle drei 1943 in Amsterdam gefunden, inhaftiert und in das Durchgangslager Westerbork verbracht. Zumindest für Mirjam ist das Einlieferungsdatum in das Lager bekannt. Es soll der 24.Juli 1943 gewesen sein.[25] Demnach war die Familie zu diesem Zeitpunkt schon getrennt, oder aber Mirjam hatte zunächst Glück und konnte der Gestapo entkommen, denn am Tag ihrer Gefangennahme waren die Eltern bereits ermordet worden. Auf der Transportliste des Zuges, der drei Wochen zuvor am 6. Juli 1943 mit 2417 Gefangenen und dem Ziel Sobibor Westerbork verlassen hatte, standen die Namen von Margarete und Robert Rosenthal.[26] Alle Deportierten, so die Auskunft des IRK, seien unmittelbar nach der Ankunft „vergast und kremiert“ worden, sodass man den 9. Juli 1943 als vermutlichen Todestag annehmen müsse.

Mirjam, inzwischen knapp achtzehn Jahre alt, wurde fünf Wochen nach ihrer Gefangennahme am 31. August 1943 von Westerbork aus mit 1003 anderen Opfern direkt nach Auschwitz deportiert und unmittelbar nach Ankunft am 3. September umgebracht.[27]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 469-33 2855 (15) Heiraturkunde.

[2] In der Geburtsurkunde von Max Bender, HHStAW 469-33 2855 (4) wird sein Beruf mit Metzger angegeben, in der Heiratsurkunde von Berta Elisa und Isidor Ganz dagegen, ebd. (15) wird er als Kaufmann bezeichnet.
Johanna Bender wurde am 13.11.1874 geboren. Sie blieb ledig und verstarb am 9.9.1942 im Jüdischen Krankenhaus in der Gagernstr. 36 in Frankfurt, hatte die letzten Wochen ihres Lebens aber in Wiesbaden in der Geisbergstr 24 verbracht, siehe  HHStAW 69-33 2855 (10) – Sterbeurkunde. Der Bruder Max Bender wurde am 29.1.1882 geboren. Er verstarb am 23.4.1946 in Berlin. Siehe 469-33 2855 (5). Seine Frau Paula, geb. Gathermann, die Schwägerin von Isidor Ganz betrieb nach dem Krieg das Entschädigungsverfahren für die ermordeten Familienmitglieder.

[3] HHStAW 469-33 2855 (12).

[4] Eigenartigerweise meldet die Devisenstelle Darmstadt den Frankfurter Kollegen erst am 29. 12.1939 diesen Umzug, siehe 519/3 1878 (1).

[5] HHStAW 685 185b (15), auch besaß Isidor Ganz schon 1933 neben 5.000 Schweizer Franken auch 1.000 holländische Gulden, ebd. (10). Siehe generell zum Einkommen die Steuerakten HHStAW 685 185 passim.

[6] HHStAW 685 185b (16, 18, 20, 22).

[7] HHStAW 685 185 c (passim) Interessant im Hinblick auf die steuerliche Diskriminierung ist in diesem Zusammenhang, dass die fällige Umsatzsteuer über all die Jahre in Etwa gleich blieb.

[8] HHStAW 685 185a (o.P.). Die im Briefkopf verwendete Abkürzung ‚Cie’ entspricht unserem heutigen ‘Co.’.

[9] HHStAW 685 185b (1, 13).

[10] HHStAW 685 185b (40).

[11] HHStAW 685 185a (72).

[12] HHStAW 685 185b (23, 48).

[13] HHStAW 519/3 1878 (4).

[14] Siehe zu seiner Biographie Karin Rönsch, Dr. Robert Rosenthal, Rechtsanwalt und Notar, in: Faber, Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, a.a.O. S.159-161. Seine Eltern, der Kaufmann Julius und Mathilde Rosenthal, geb. Levy, hatten neben Robert noch die Kinder Max, ebenfalls später Jurist in Wiesbaden, Siegfried, Bernhard und Mathilde. Siehe zu Max Rosenthal ebd. S. 158.

[15] HHStAW 469-33 2855 (6).

[16] HHStAW 518 38260 (23).

[17] HHStAW 685 677 (102 ff, 108).

[18] HHStAW 685 677 (140), dazu auch die Bestätigung des Landgerichtspräsidenten, dass Robert Rosenthal am 22. bzw. 26.6.1933 aus der Anwaltsliste gestrichen und auch als Notar entlassen wurde, siehe HHStAW 518 38259 (6).

[19] HHStAW 685 677 (o.P.) polizeiliche Abmeldung, datiert 7.11.1933.

[20] HHStAW 469-33 2855(3).

[21] HHStAW 469-33 2855 (3), auch HHStAW 519/3 1878 (21).

[22] HHStAW 519/3 1878 (23, 24, 25).

[23] http://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/93220-ganz-isidor-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 15.11.2017). In der Sterbeurkunde des Sonderstandesamts Arolsen vom 13.12.1957 ist der Todestag von Isidor Ganz allerdings mit dem 26.1.1943 angegeben, siehe HHStAW 469/33 2855 (30). Bereits am 6.10.1942 hatte man sein Vermögen eingezogen, siehe HHStAW 519/3 1878 (26).

[24] HHStAW 518 38260 (114).

[25] HHStAW 518 38259 (11).

[26] HHStAW 518 38260 (24).

[27] 518 38259 (10). Zum Transport vom 31.8.43 https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html?page=4.
Mirjams Tante Nora Rosenthal hat in Yad Vashem eine ‚Page of Testimony’ hinterlassen, in der sie folgende Angabe macht. „Deported to Sobibor & then separatetd from her parents & sent to a German labour camp.“ http://yvng.yadvashem.org/remote/namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/08031124_339_3271/222.jpg?width=700 Eingereicht wurde das Dokument am 22.Oktober 1977 in London. Über die Quelle ihres Wissens ist aber nichts bekannt. Nicht nur die Unterlagen des holländischen Roten Kreuzes widersprechen dieser Annahme, sondern auch das Schicksal der Transporte, die nach Sobibor gingen. Keiner von den Ankommenden hatte die Chance noch in ein anderes Lager zu kommen. Dass die Angaben der Tante bzw. Schwägerin nur auf sehr vagen Kenntnissen beruhen, ist schon daran zu erkennen, dass auch das Geburtsdatum ihrer Nichte nicht richtig angegeben ist und auch in dem Testimony für ihren Schwager Robert als Geburtsort fälschlicherweise Gießen statt Wetzlar eingetragen ist. Siehe die Page of Testimony für Mirjam: und für Robert Rosenthal:

http://yvng.yadvashem.org/remote/namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/08031132_341_3272/175.jpg?width=700 . Auch für Maria Margarethe hat sie ein solches, von den Fakten her allerdings richtiges Erinnerungsblatt in Yad Vashem eingereicht:

http://yvng.yadvashem.org/remote/namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/08031110_329_3269/47.jpg?width=700.

Laut Beschluss des Amtsgerichts Wiesbaden wurde Maria Margarete, Robert und Mijam Rosenthal am 19.8.1950 für tot erklärt. Als Todesdatum wurde der 8.5.1945 festgelegt, siehe HHStAW 469/33 2855 20a.