Kaiser-Friedrich-Ring 80


Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 heute Eigene Aufnahme
Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 heute
Eigene Aufnahme
Lage
Lage der beiden Judenhäuser der Brüder Selig am Ring und in der Oranienstraße

 

 

 

 

 

 


Lucian und Erna Selig, geborene Reiß, sowie Otto Selig

Die Vorfahren von Lucian und Otto Selig

ie Gebrüder Lucian und Otto Selig betrieben in Wiesbaden nicht nur zusammen eine Mehlgroßhandlung, sie waren auch gemeinsam Eigentümer sogar zweier Judenhäuser. Sowohl in ihrem Haus Kaiser-Friedrich-Ring 80 als auch in der Oranienstr. 60 waren in der Phase, in der die Jüdinnen und Juden in Wiesbaden in Vorbereitung auf ihre Deportation in solchen Ghettohäusern konzentriert wurden, sehr viele jüdische Mieter einquartiert worden.

Ursprünglich kamen die Vorfahren der Brüder aus Hechtsheim, somit von der anderen Seite des Rheins, wo sich etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde bildete, in der die Seligs neben den Kapps und Weiss von Beginn an eine führende Rolle spielten. In einem Schreiben aus dem Jahr 1880, das von allen Haushaltsvorständen der jüdischen Gemeinde Hechtsheim unterzeichnet war, tragen von den insgesamt 19 Unterzeichnern acht den Namen Selig, darunter auch die Mitglieder des Vorstands Jakob und Siegmund Selig.[1]

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon eine eigenständige jüdische Gemeinde gebildet, die auch über eine – noch – in einem Privathaus gelegene eigene Synagoge verfügte. Belief sich die Zahl der jüdischen Bewohner 1824 noch auf nur 24, so verdoppelte sie sich bis zur Mitte des Jahrhunderts und war an dessen Ende im Zenit auf knapp 100 Personen angewachsen.[2] Die Familien waren weitgehend in das gemeinsame dörfliche Leben integriert und das formal weiter bestehende „Moralitätspatent“, ein eigentlich jährlich zu erneuernder Berechtigungsschein für Juden, überhaupt Handelgeschäfte betreiben zu dürfen, wurde eher lax gehandhabt. Jüdische Kinder besuchten die gleichen Schulen wie die übrigen und Protestanten nahmen in dem katholisch geprägten Mainzer Gebiet im 19. und frühen 20sten Jahrhundert eher als die Juden eine Außenseiterposition ein. „Bis 1933 funktionierten Freundschaften, Nachbarschaften, Vereinsmitgliedschaften, geschäftliche Beziehungen, vor allem zwischen Landwirten und jüdischen Kaufleuten.“ Aber, so räumt Keim auch ein: „Judenfeinde gab es unbestritten im Dorf, auch schon vor 1933.“[3]

Simon Selig, sara Bloch Selig, Benedict Selig, Johanna Michel Selig, Ludwig Selig, Ester Sontheimer Selig, Emma Mayer Selig, Karoline Rosenfeld Selig, Elisabetha Levy Selig, Heinz Levy, Samuel Sußmann, Samuel Süssmann,Johanna Stern Selig, Kaufmann Stern,Siegfried Selig, Antonie Kahn Selig, Jenny Kramer Selig, Albert Kramer, Karl Siegmund Selig, Jenny Scheuer Selig, Otto Selig, Lucian Selig, Erna Reiß Selig, Rudolph Selig, Hildegard Fischer Selig, Rudolf Benedikt Selig, Emma Süssmann Weiss, Emil Weiss,Ernst Stern, Mathilde Bloch Stern, Emma Weis Selig, Siegmund Weis, Cäcilie Weis Selig, Max Weis, Erna Stein Kramer, Otto Stein,Erna Scheuer Grünewald, Alfred Grünewald, Ellen Michel Selig, Lotte Stein Zinner, Julius Zinner, Ruth Ingeborg Weis, Juden, Wiesbaden, Judenhäuser, Kaiser-Friedrich-Ring 80, Klaus Flick
Stammbaum der Familie Selig
GDB

Es würde im gegebenen Rahmen zu weit führen, die genealogischen Stränge aller Mitglieder der weit verzweigten Familie Selig aufzudröseln und zu verfolgen, aber zumindest die Zweige, aus denen eine Verbindung nach Wiesbaden erwuchs, sollen im Folgenden genauer betrachtet werden.

Als ältester, bekannter Ahn der Familie Selig in Hechtsheim gilt Simon Selig I, der 1783 in Wiesenbronn bei Würzburg als Sohn von Simon Weismann und seiner Frau Adelheid Wiliana geboren und 1813 in die Bürgerschaft der Gemeinde Hechtsheim aufgenommen wurde.[4] Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich um den Simon Selig, der im oben erwähnten Brief als Vorstandsmitglied genannt ist und bei dem ebenfalls aufgeführten Jakob könnte es sich um seinen am 15. Januar 1830 geborenen Sohn handeln.[5]

Verheiratet war Simon Selig mit Sara Bloch, über deren Geburtsdaten keine Informationen vorliegen. Es sollen insgesamt fünfzehn Kinder aus dieser Ehe hervorgegangen sein[6] und einige der Unterzeichner des oben erwähnten Briefes gehörten in jeden Fall zu den Nachkommen des Paares.[7] Folgende Familienmitglieder sind dort namentlich aufgeführt: Benedikt (Metzger), Elias (Makler), Jakob (Fruchthändler), Leo (Viehhändler), Ludwig (Fruchthändler), Siegmund (Fruchthändler) und Simon II (Viehhändler).

Bezüglich der Berufe findet man in den Unterlagen auch bei identischen Personen oft unterschiedliche Angaben, aber alle verdienten ihren Lebensunterhalt in den damals für Landjuden typischen Branchen als Frucht- und Getreidehändler oder als Metzger und Viehhändler. Oft findet man in den Quellen auch nur die allgemeine Bezeichnung „Handelsmann“, was aber insofern wahrscheinlich am präzisesten ist, weil die ganze Familie in all diesen Bereichen tätig war und eine Spezialisierung einzelner Familienmitglieder sich erst im folgenden Jahrhundert entwickelte.
Das ursprüngliche Gewerbe, das Simon Selig I und seine Söhne betrieben, war vermutlich das Metzgerhandwerk. Aber auch er wird zum Beispiel in der Heiratsurkunde seines Sohnes Ludwig nur als Handelsmann bezeichnet.[8] Dass Metzger damals auch im Viehhandel aktiv waren, ist allgemein bekannt. So war auch Elias, der drittälteste Sohn, geboren am 8. September 1821, laut seinem Todeseintrag Metzger, ist aber in der Liste auch als Makler verzeichnet. Er verstarb ledig am 25. Februar 1906 im hohen Alter von 85 Jahren.[9] Auf der Heiratsurkunde seines jüngeren Bruders, dem am 27. Dezember 1824 geborenen Nathan Selig, ist als dessen Berufsbezeichnung Handelsmann und Metzger angegeben.[10] Sein ältester Bruder Samson wurde in seinem Sterbeeintrag dagegen nur als Handelsmann geführt.[11]

Für die Geschichte der Wiesbadener Juden sind die beiden Söhne Benedikt und im Besonderen Ludwig von größerer Bedeutung, denn Letzterer war der Vater der späteren Judenhausbesitzer Otto und Lucian Selig. Ludwig, geboren am 21. Februar 1834,[12] war der zwölfte in der großen Kinderschar von Simon I und Sara Selig.

Otto und Lucian hatten aber ebenfalls eine nahezu gleich große Zahl an Geschwistern wie ihr Vater. In zwei Ehen hatte Ludwig Selig im Zeitraum von etwa zwanzig Jahren – soweit bekannt – insgesamt elf Kinder gezeugt. Erstmals heiratete er am 3. Juni 1863 in Hechtsheim Ester / Esther Sondheimer aus Bürstadt bei Lorsch an der Bergstraße. Die damals Einundzwanzigjährige war dort am 29. September 1838 als Tochter von Abraham und Sara Sondheimer, geborene Mannheimer, zur Welt gekommen.[13]

Heiratseintrag von Ludwig Selig und Ester Sondheimer
Heiratseintrag von Ludwig Selig und Ester Sondheimer

Es waren sechs Kinder, die aus dieser ersten Ehe hervorgingen.[14] Als das erste Kind zur Welt kam, lebte das Paar in der Mainzer Straße in einem Haus mit der Nummer 290. Zu Beginn des Kaiserreichs, als die Tochter Amanda geboren wurde, bewohnten sie das Haus Nummer 435 in der Heuerstraße.[15] Ludwig Selig ist in diesem Geburtseintrag allgemein als Handelsmann ausgewiesen, war aber wohl eigentlich – wie in der obigen Liste zu lesen ist – Fruchthändler.

Heiratseintrag Ludwig Selig und Emma Mayer
Heiratseintrag von Ludwig Selig und Emma Mayer

Nachdem Ester Selig 1873 verstorben war,[16] heiratete der Witwer im folgenden Jahr, am 29. Juni, erneut. Seine zweite Frau Emma Mayer kam aus dem rheinhessischen Guntersblum.[17] In dieser Ehe wurden fünf weitere Kinder geboren, darunter die beiden Wiesbadener Judenhausbesitzer Otto und Lucian.

Dem Schicksal dieser elf zwischen 1864 und 1886 geborenen Kinder und dem ihrer Familien und Nachkommen soll im Folgenden zumindest in groben Zügen nachgegangen werden. Nur zwei von ihnen erlebten das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in ihrem amerikanischen Exil. Alle anderen waren zuvor verstorben oder wurden in der Shoa ermordet.

Zwei der in der ersten Ehe geborenen Kinder, Amanda und Arthur, teilten das Schicksal vieler Neugeborenen in den vergangenen Jahrhunderten und wurden nicht einmal ein Jahr alt. Mit großer Wahrscheinlichkeit war auch der Tod ihrer Mutter Ester mit der Geburt ihres letzten Kindes Arthur verbunden, da beide 1873 im Abstand von nur wenigen Tagen verstarben.[18]

 

Otto und Lucian Selig

Der Erste aus der Hechtsheimer Familie Selig, der sich auf der anderen Rheinseite in Wiesbaden niederließ, war Simon Selig, der am 11. September 1865 in Hechtsheim geborene Sohn von Benedict Selig, einem älteren Bruder von Ludwig.[19] Im Wiesbadener Adressbuch von 1897/98 ist Simon Selig erstmals als Bürger der Stadt aufgeführt. Der Weinhandelsreisende wohnte auch in den folgenden Jahren in der Gerichtsstr. 1 im ersten Stock, dann zwei Jahre in der Herderstr. 10, bevor er ab 1907 für die folgenden Jahrzehnte einen festen Wohnsitz in der Moritzstr. 66 bezog. Im folgenden Jahr erhielt sein Weinvertrieb eine neue Rechtsform und wohl auch weitere Kapitalgeber, denn sie firmierte von nun an als ‚Selig & Co. KG’, in der er aber weiterhin die Funktion des persönlich haftenden Gesellschafters ausübte. Verheiratet war er mit Karoline Rosenfeld aus Massenbach bei Heilbronn. Die beiden Kinder des Paares Alice Babette, geboren am 5. Juni 1899, und Rudolf Benedikt, geboren am 16. September 1902, kamen schon in Wiesbaden zur Welt.[20]

Wie gut die Geschäfte des kleinen Unternehmens liefen, ist nicht mehr zu sagen. Die Anzeigen in den Wiesbadener Adressbüchern nahmen zumindest bald einen größeren Raum ein und scheinen zumindest den Cousin Otto Simon Selig davon überzeugt zu haben, dass auch die andere Rheinseite ein attraktiver Wirtschaftsstandort sein könnte.
Otto Simon, der im Allgemeinen nur Otto gerufen wurde, war das dritte Kind aus der zweiten Ehe von Ludwig Selig, geboren am 5. November 1878 in Hechtsheim.[21] 1905 zog auch er nach Wiesbaden und eröffnete in der Friedrichstr. 44 sein Geschäft für ‚Mehl- und Landesprodukte en gros’, seine Wohnung bezog er aber in der Luisenstr. 10. Sein jüngerer Bruder Lucian, geboren am 3. Juni 1881,[22] gab später in einer eidesstattliche Erklärung an, auch er sei, nachdem er an einem Mainzer Gymnasium das Einjährige abgelegt und anschließend eine Ausbildung in einer Malzfabrikation abgeschlossen hatte, bereits 1905 nach Wiesbaden gekommen.[23] Vermutlich wurde er zunächst bei seinem Bruder als Angestellter geführt und erst 1909 in die Firma aufgenommen. Erst ab diesem Zeitpunkt tritt auch er namentlich in den Adressbüchern auf. Die bisherige Firma wurde in eine Personengesellschaft mit Namen ‚Gebr. Selig’ umgewandelt, an der die beiden Brüder in gleichem Umfang und mit gleichen Rechten beteiligt waren.[24] Auch bezog man nach einem kurzen Zwischenaufenthalt im Parterre der Rheinstr. 97 ab 1910 eine neue Lokalität im Haus mit der Nummer 109 in derselben Straße. 1914 trennten die Brüder Wohnung und Geschäft und mieteten in der Dotzheimer Str. 152 eigene Büroräume an. Erstaunlich ist, dass in den folgenden Jahren, in denen man mit dem angeblichen „Erzfeind“ Frankreich sich sogar im Krieg befand, das Geschäft sich nicht mehr als Mehl- und Futtermittel, sondern als Mehl- und Fouragehandlung bezeichnete. Von 1916 an wohnten die beiden noch ledigen Brüder angeblich weiterhin gemeinsam in der Rheinstr. 111. Aber ob diese Angaben der Adressbücher tatsächlich verlässlich sind, sei dahingestellt, denn beide waren während des Ersten Weltkriegs als Soldaten eingezogen worden und das Geschäft blieb in diesen Jahren geschlossen.

Kaiser Friedrich Ring 80
Das Haus Kaiser-Friedrich-Ring 80 in einer zeitgenössischen Fotographie
Mit Genehmigung des Stadtarchivs Wiesbaden

Erst im März 1919 wurde der Betrieb wieder aufgenommen, so die Meldung der Brüder aus dem Januar 1921 an das Finanzamt Wiesbaden.[25] Das Schreiben trägt bereits die neue Geschäftsadresse Nikolasstr. 10, in der heutigen Bahnhofstraße. Allerdings war auch das nur eine kurze Zwischenstation, denn schon im September 1919 erwarben sie gemeinsam das 1901 erbaute, spätere Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80.[26] Noch war die Nachkriegsinflation nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen, aber der Kaufpreis von 182.500 RM spiegelt den Wertverfall der Reichsmark schon deutlich wieder. Andererseits war eine solche Investition für diejenigen, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügten, der sicherste Weg, um der galoppierenden Geldentwertung zu begegnen. In der zweiten Jahreshälfte 1919 hatten die Brüder, wie sie dem Finanzamt im gleichen Brief mitteilten, durch gute Geschäfte einen „außerordentlichen Vermögenszuwachs“ verzeichnen können.

Heiratsurkunde von Lucian Selig und Erna Reiß
Heiratsurkunde von Lucian Selig und Erna Reiß
HHStAW 518 874 II (40)

Aber nicht nur geschäftlich ging es in dieser Zeit voran, auch im privaten Leben von Lucian Selig gab es eine grundlegende Veränderung: Am 15. Juli 1920 heiratete er die aus Osthofen stammende Erna Philippine Reiß.[27] Sie war am 16. November 1892 als Tochter von Sally und Mathilda Reiß, geborene Herz, in der rheinhessischen Ortschaft zur Welt gekommen. Der Kauf des Hauses war vermutlich schon mit Blick auf diese Familiengründung zustande gekommen und am 20. Mai 1922 wurde dem Paar dann auch eine Tochter geschenkt, die den Namen Ellen erhielt.[28] Nicht mehr kennen lernen konnte die Großmutter Emma Selig ihre Enkelin. Sie war zu einem nicht bekannten Zeitpunkt ebenfalls von Hechtsheim nach Wiesbaden gekommen und hatte seitdem mit ihrem Sohn Otto im neu erworbenen Haus gewohnt, wo sie am 25. März 1922 auch verstarb.[29] Vier Jahre nach Ellen wurde am 14. August 1926 der Sohn Karl Ludwig geboren.[30]

Vermutlich hatte aber die Familie von Lucian Selig nicht sofort in das neu erworbene Haus einziehen können und nach der Eheschließung – so die Angaben der Adressbücher – zunächst in der Taunusstr. 16, dann 1922 am Gutenbergplatz 1, schräg gegenüber dem eigenen Haus, Quartier nehmen müssen. In diesem Jahr ist allerdings der Bruder Otto schon als Bewohner des Kaiser-Friedrich-Rings 80 eingetragen Laut dem folgenden Adressbuch aus dem Jahr 1924/25 wohnten dann Otto und Lucian mit seiner inzwischen vierköpfigen Familie für kurze Zeit gemeinsam im Haus am Ring.
Vielleicht war die wachsende Familie von Lucian der Grund, weshalb man im gleichen Jahr wieder gemeinsam eine weitere Immobilie erwarb. In das nicht weit entfernt gelegene Haus Oranienstr. 60 konnte dann Otto Selig einziehen.[31] Auch dieser Kauf ist sicher ein Indiz dafür, dass die Firma nicht gar zu sehr von der Nachkriegskrise betroffen war, obwohl das zu versteuernde Einkommen von Otto Selig, das im Jahr 1920 noch 25.000 RM betragen hatte, zwei Jahre später auf ein Drittel der Summe geschrumpft war. Aber es ist aus heutiger Sicht nicht mehr feststellbar, welche Ursachen diese Differenz hatte, ob eher buchhalterische Maßnahmen dafür verantwortlich waren oder ob sie den tatsächlichen Geschäftsverlauf widerspiegeln.

Eidesstattliche Erklärung von Lucian Selig über seine früheren Einkommensverhältnisse
HHStAW 518 874 I (35)

Einen leicht negativer Trend musste man auch bei einer Betriebsprüfung konstatieren, die das Finanzamt Wiesbaden 1929 mit Bezug auf die Jahre 1926 bis 1928 vornahm. In diesem Zeitraum gingen die jährlichen Umsätze von 1.5 Mio. RM auf 1.35 Mio. RM zurück, lagen aber in der Hochphase der Weltwirtschaftskrise 1932 noch immer knapp über der Millionengrenze. Beide Gesellschafter mussten in diesem Jahr ein gewerbliches Einkommen von jeweils rund 12.000 RM versteuern.[32] In einer eidesstattlichen Erklärung gab Lucian Selig 1950 an, das sein jährliches Einkommen vor 1933 zwischen 10.000 RM und 14.000 RM gelegen habe.[33]

Die Firma verfügte über kein eigenes Lager, sondern vermittelte nur die Lieferung des Mehls von den Mühlen an die jeweiligen Bäcker. Die Beförderung der Ware übernahmen dann ortsansässige Spediteure, sodass es auch im Unternehmen selbst keine Arbeiter oder Fahrer, sondern nur Angestellte gab. Das Absatzgebiet ging aber über Wiesbaden und seine Vororte hinaus und erstreckte sich genauso nach Mainz und die rechtsrheinischen Ortschaften rheinabwärts bis Lahnstein.

Einen gewissen Einbruch im Umsatz gab es wohl ab dem Jahr 1927, als die Innung der Wiesbadener Bäcker eine eigene Einkaufsgenossenschaft gründete, um den freien Handel auszuschalten. Inwieweit dadurch tatsächlich der Umsatzrückgang in den folgenden Jahren verursacht wurde, ist kaum mehr zu beurteilen. Zumindest diente es bei dem Antrag an das Finanzamt 1927, die Einkommensteuervorauszahlungen herabzusetzen, als wichtiges Argument.[34]

Ab dem Jahr 1933 brachen dann die Umsätze und die Einkommen der beiden Brüder deutlich ein. Der Wert der verkauften Waren belief sich schon 1933 nur noch auf 660.000 RM, 1934 auf 450.000 RM.[35] Lag ihr Einkommen 1932 noch jeweils 12.000 RM, so halbierte sich dieses im folgenden Jahr, betrug 1934 und 1935 noch etwa 5.000 RM und 1936 kaum mehr 2.000 RM.[36] Es gab inzwischen auch nur noch zwei Angestellte im Betrieb, die die wenigen Aufträge abwickelten.[37]

Aufgabe Selig
Otto und Lucian Selig sind zur Aufgabe ihrer Firma gezwungen
HHStAW 685 699b (2)
Auflösung der Firma ‚Gebr. Selig‘
HHStAW 518 874 I (42)

Im Jahr 1937 kam das zwangsweise Ende der Firma. Mit Wirkung vom 1. Oktober wurden Otto und Lucian Selig nicht länger als „Mehlverteiler“ zugelassen. Die Lebensmittelverwertungsstelle in Frankfurt hatte – so die Erinnerung von Lucian Selig – die Weiterführung des Betriebs untersagt.[38] Daraufhin wurde das noch vorhandene Kapital der Gesellschaft den Inhabern zurückerstattet und der Betrieb am 31. August 1938 eingestellt.[39] Am 25. November 1938 wurde das Unternehmen aus dem Handelsregister gestrichen.[40]

Auch wenn die Angaben zu den genauen Umsätzen und Gewinnen der Brüder Selig insgesamt vage bleiben und nicht mehr überprüft werden können, war die Entschädigungsstelle später davon überzeugt, dass die Angaben im Wesentlichen die Geschäftsentwicklung und die finanziellen Einbußen richtig widerspiegeln, sie also in den Jahren 1935/36 bis zur Schließung in ihrer Geschäftstätigkeit zunehmend beschränkt waren.[41]

Hatte der Boykott jüdischer Geschäftsleute und die Zurückhaltung ehemaliger Kunden die Mehlhandelsgesellschaft Selig eigentlich schon Mitte der 30er Jahre in den Ruin getrieben, so folgte in den Jahren danach der etappenweise Raub des noch vorhandenen Vermögens durch die nationalsozialistischen Finanzbehörden.

Laut der Zollfahndungsstelle Mainz besaß Otto Selig Ende Dezember 1938 ein Vermögen von etwa 85.000 RM, wovon allerdings der Anteil der Immobilien einen Wert von etwa 50.000 RM hatte.[42] Die Behörde verlangte von der Devisenstelle, dass zumindest die Wertpapierdepots durch eine Sicherungsanordnung dem freien Zugriff des Eigentümers entzogen werden müssten, da damit zu rechnen sei, dass er Kapital außer Landes schaffen könnte. Zwar enthält die Akte keinen direkten Beleg für eine solche Anordnung, aber allein die Tatsache, dass Otto Selig im April anfragte, ob er kleine Eingänge noch bestehender Außenstände in bar entgegennehmen dürfe, beweißt, dass man in Frankfurt der Forderung nachgekommen war. Auch bat Otto Selig darum, dass man ihm einen festen Betrag von 250 RM monatlich zur Deckung der Lebenshaltungskosten freistellen möge. Offensichtlich waren die Erträgnisse der Wertpapiere, die zunächst frei blieben, dafür nicht ausreichend.[43] Ebenso enthält eine Mitteilung, die die Nassauischen Sparkasse im Entschädigungsverfahren seines Bruders Lucian Selig machte, die Information, dass für Otto Selig am 7. Dezember 1939 ein Sicherungskonto angelegt worden sei.[44] Ersetzt wurde diese Sicherungsanordnung erst ein Jahr später am 15. März 1940, durch die sein Freibetrag um 50 RM heraufgesetzt wurde.[45]
Inzwischen war aber einiges passiert, wodurch sein Vermögen erheblich reduziert worden war. Im Gefolge der Reichspogromnacht waren alle Juden zur Zahlung der sogenannten „Sühneleistung“ verpflichtet worden, mit der die Schäden, die der Nazi-Mob angerichtet hatte, beseitigt werden sollten. Alle Juden, die über ein Vermögen von mehr als 5.000 RM verfügten, hatten zunächst ein Fünftel, letztlich sogar ein Viertel ihres Vermögens an den Staat als Sondersteuer abzuliefern.

Berechnung der Judenvermögensabgabe für Otto Selig
HHStAW 685 702d (o.P.)

Bei Otto Selig legte das Finanzamt am 31. Januar 1939 ein Vermögen von 85.000 RM zugrunde, was eine Judenvermögensabgabe – so der offizielle Begriff – von zunächst 17.000 RM bedeutete, die in vier Raten á 4.250 RM zu zahlen waren.[46] Schon zuvor, vermutlich unmittelbar im Gefolge der ersten Sicherungsanordnung, hatte man von ihm die Verpfändung von Wertpapieren für eine gegebenenfalls fällige Reichsfluchtsteuer gefordert. Papiere im Wert von 5.800 RM sind dafür offenbar eingezogen worden.[47] Auf dieses hinterlegte, aber bisher nicht übereignete Kapital, durfte Otto Selig bei der Zahlung der nachträglichen 5. Rate zurückgreifen und dieses Pfand mit der Rate verrechnen.

Vergebliche Bitte von Otto Selig, ihm die 5. Rate der JVA zu entlassen
HHStAW 685 702d (o.P.)

Durch die Zahlung der Judenvermögensabgabe war sein Vermögen so weit geschrumpft, dass auch die Reichsfluchtsteuer neu berechnet werden musste. Vergebens hatte er darum geben, dass ihm die zusätzliche 5. Rate zumindest teilweise erspart bleiben würde. „Ich bin 61 Jahre alt, ledig und habe mir meinen Besitz durch persönliche schwere Arbeit redlich verdient. Ein günstiger Bescheid des Herrn Oberfinanzpräsidenten würde mich von großen Sorgen befreien“, schrieb er am 9, November 1939 an das Finanzamt.[48] Ob er tatsächlich glaubte, dieses Argument würde bei den NS-Finanzbehörden Gehör finden, ist schwer zu sagen. Sollte das der Fall gewesen sein, so belegt das einmal mehr, wie unrealistisch noch am Ende des Jahres 1939 manche ihre eigene Lage in Deutschland beurteilten. Als ob die Nazis je wirklich einen Unterschied zwischen dem anständigen, fleißigen Juden und dem angeblich kleinen „jüdischen Schieber“ gemacht hätten.

Da viele Juden ihr Vermögen in bleibenden Werten wie Immobilien oder Betriebskapital angelegt hatten, waren sie gezwungen, zumindest Teile davon zu veräußern, um die Forderungen des NS-Staates zu begleichen. Die so erzeugte „Arisierungswelle“ lag selbstverständlich gerade in der Absicht des NS-Staates.

Die Familie Selig, und dazu gehörten verschiedene Erben aus der Ehe von Ludwig und Emma Selig, verkauften offensichtlich nach gemeinsamer Absprache – einige waren schon in die USA, Uruguay oder nach Südafrika ausgereist – Ländereien in und um Hechtsheim. Als Käufer traten nicht nur Privatleute auf, sondern auch die Gemeinde Hechtsheim, die im Januar 1940 für etwa 4.000 RM sechs Äcker erwarb. Drei Weinberge gingen für 900 RM an einen Hechtsheimer Landwirt, drei Äcker kaufte ein anderes örtliches Ehepaar für 2.000 RM, ein kleiner Weinberg ging für 340 RM weg, ein anderer Acker für 190 RM und zuletzt noch zwei weitere Äcker für 650 RM. Im Mai 1940 wurden dann noch weitere Äcker für insgesamt 1.000 RM verkauft.[49] Natürlich mussten die Erträge unter den Verkäufern verteilt werden, sodass für die einzelnen nur relativ wenig verblieb.
Alle Käufer waren Hechtsheim Bürger bzw. die Gemeinde selbst. Man kannte die Familie Selig seit ewigen Zeiten, hatte mit ihr immer in geschäftlichen Verbindungen gestanden. Gleichgültig, ob die gezahlten Preise angemessen waren, es blieb ein schmutziges Geschäft. Aber vermutlich konnten die Käufer ihr schlechtes Gewissen – sofern vorhanden – damit beruhigen, dass sie ihren jüdischen Mitbürgern damit ja nur einen Gefallen getan und ihnen aus einer finanziellen Bredouille geholfen hatten.

Im April 1940 musste Otto Selig der Devisenstelle ein Formular über seine derzeitige finanzielle Situation abgeben. Er gab darin ein Aktivvermögen von 60.505 RM an, wovon allerdings Schulden in Höhe von etwa 20.000 RM abzuziehen waren. Worin diese genau bestanden, ist nicht dargelegt. Sein Aktivvermögen bestand aber, neben kleineren Beträgen, aus dem Wert des Grundbesitzes, vermutlich nur noch die beiden ihm zur Hälfte gehörenden Häuser, und einem Wertpapierdepot über 14.000 RM. Da das nach Abzug der Schulden verbliebene Reinvermögen geringer war als der Wert der Immobilien allein, muss man schließen, dass entweder die Zwangsabgaben noch nicht alle geleistet waren oder aber die Häuser mit entsprechenden Hypotheken belastet waren. Vermutlich sogar beides. Immerhin konnte er dank der Mieteinnahmen und der Verzinsung der Wertpapiere mit einem jährlichen Einkommen von etwa 2.700 RM bis 3.000 RM rechnen, wovon er seine monatlichen Ausgaben von etwa 350 RM bestreiten musste. 45 RM erhielt seine schon seit vielen Jahren bei ihm tätige Hausangestellte Frau Frieda Decker.[50]

Die Devisenakte von Lucian Selig ist leider nicht überliefert worden, sodass die finanziellen Einbußen, die er zu erleiden hatte, sich nur aus der Entschädigungsakte rekonstruieren lassen. Ihm waren wohl 26.500 RM als Judenvermögensabgabe auferlegt und eingezogen worden, zumindest lässt das der Bescheid über die 5. Rate vermuten, die in der Entschädigungsakte erhalten blieb. Zur Zahlung von 5.250 RM war er im November 1939 aufgefordert worden.[51] Die ersten Raten waren offensichtlich durch Übereignung von Wertpapieren beglichen worden.[52] Auch er wird auf die Gelder aus den Grundstücksverkäufen angewiesen gewesen sein, musste aber darüber hinaus auch eine Lebensversicherung durch Rückkauf unter erheblichen Verlusten zu Geld machen.[53]

Es liegen keine Informationen darüber vor, wieso Otto Selig, anders als sein Bruder Lucian, nicht den Versuch unternahm, aus Deutschland herauszukommen. Ledig und zudem nicht ganz unvermögend, wäre dies vor 1941, natürlich unter erheblichen Eigentumsverlusten, eigentlich prinzipiell noch möglich gewesen. Er scheint aber keine entsprechenden Vorbereitungen getroffen zu haben, zum Beispiel keinen Antrag auf eine Visumserteilung im amerikanischen Konsulat in Stuttgart gestellt zu haben. Allerdings befindet sich in den Steuerakten ein Formular, das von ihm am 22. März 1939 ausgefüllt worden war. Eigentlich ging es darin um einen Antrag, die fällige Rate der Judenvermögensabgabe durch die Abtretung von Wertpapieren begleichen zu dürfen. In einer Zeile des Formularvordrucks heißt es: „Ich beabsichtige mit den folgenden Personen … am … 1939 auszuwandern und bedarf für die Ausreise eines Betrags von … RM.“ Otto Selig hatte in die Leerstelle per Hand „unbestimmt“ eingetragen.[54]

Lucian Selig hingegen muss spätestens unmittelbar nach der Reichspogromnacht diese Entscheidung für sich und seine Familie getroffen haben. Mit den Vorbereitungen dafür hatte er aber offensichtlich schon viel früher begonnen. Bereits am 31. Dezember 1937 war er damals noch alleine per Schiff über England in die USA gereist und hatte dort seinen Bruder Rudolph besucht, der in New York lebte.[55] Wahrscheinlich wurden damals Informationen über alle notwendigen Formalitäten eingeholt und die Möglichkeiten einer Emigration besprochen. Ende Januar 1938 kehrte er wieder nach Deutschland zurück,[56] wo die Entwicklungen im Laufe des Jahres sicher alle vielleicht noch bestehenden Zweifel über einen so weittragenden Entschluss ganz sicher zunichte gemacht haben. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts Wiesbaden, die die Voraussetzung für die Erteilung eines Reisepasses war, bereits im Februar 1939 vorgelegt werden konnte. In ihr ist sogar vermerkt, dass die Judenvermögensabgabe und die dann fällige Reichsfluchtsteuer bereits vollständig bezahlt seien.

Unbedenklichkeitsbescheinigung für Lucian Selig
HHStAW 518 874 I (4)

Letztere betrug etwas mehr als 17.000 RM.[57] Die „Sühneleistung“ hatte er, so muss man daraus schließen, nicht in vier Raten, sondern mit einer einzigen Abtretung von Vermögenswerten abgegolten, wohl in der Hoffnung, umso schneller das Land verlassen zu können. Vermutlich hatte er die entsprechenden Wertpapiere damals nur verpfändet, denn die Einzahlungen bei der Reichsbank erfolgten zu unterschiedlichen Zeitpunkten.[58] Auch gegen die Überführung von Umzugsgut wurden keine Einwände erhoben.[59] Leider ist die spezielle Devisenakte, die über das Umzugsgut genauer Auskunft geben könnte, nicht mehr vorhanden. Dies wäre von Interesse, weil in der Entschädigungsakte es eine eigenartige Rechnung der Firma Rettenmayer gibt, ausgestellt am 10. Juli 1940 auf Lucian Selig, in der ein Betrag von 1.008,25 RM „für entgangenem Gewinn für nicht ausgeführten Transport“ in Rechnung gestellt wurde.[60] Was mit dem Lift geschah, lässt sich den Unterlagen nicht entnehmen. Kleinere Transporte für etwa 200 RM waren offenbar ausgeführt worden. Mehr als 4.000 RM wurden von dem Staat zuletzt vor der Abreise noch für neuwertige Waren als sogenannte Dego-Abgabe eingezogen.[61]
Im Juli 1939 konnten Lucian Selig mit seiner Frau Erna und den beiden Kindern Ellen und Karl Ludwig Deutschland verlassen. Auf der Gestapokarteikarte ist notiert: „27.7.39 nach Erie, USA“. Das war tatsächlich ihr eigentlicher Zielort, aber zunächst führte sie die Flucht nach England, wo sie vermutlich zunächst als ‚enemy alliens’ festgehalten wurden. Sieben Monate blieben sie dort, ohne die Möglichkeit, sich durch Arbeit ein Einkommen zu verschaffen.[62] Am 2. Dezember erging die Entscheidung, dass Lucian Selig nicht interniert werden müsse,[63] sodass sie dann am 25. Januar 1940 von Southampton aus mit dem Schiff ‚Veendam’ der ‚Holland-American-Line’ nach New York übersetzen konnten.[64] Am 5. Februar 1940 erreichten sie den sicheren Hafen auf der anderen Seite des Ozeans, wo sie zunächst bei Rudolph Selig Aufnahme fanden. Aber schon bei der 1940 abgehaltenen Volkszählung hatten sie sich wie geplant in Erie im Staat Pennsylvania niedergelassen.[65]

Lucian Selig
Überfahrt der Familie Lucian Selig in die Freiheit
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/145798758:2997?lang=de-DE

Der Deportation und dem Tod waren sie somit zwar entkommen, aber die Jahre bis die verschiedenen Entschädigungsverfahren beendet waren und endlich auch Geld in den USA ankam, waren sehr schwer. Am 11. April 1953 schrieb Lucian Selig in einer eidesstattliche Erklärung:
“Ich bin 72 Jahre alt und muss den Lebensunterhalt für mich und meine Frau verdienen. Wir haben zwei Kinder, die uns nicht unterhalten können.
Bisher habe ich durch Viehzüchten und Verkauf monatlich etwa 200 Dollar verdient, das gerade für unseren Lebensunterhalt ausreichte, aber durch zunehmendes Alter, Kräfterückgang und Augenleiden dürfte ich in Zukunft kaum oder nur noch wenig zu verdienen im Stande sein. Meine Ersparnisse sind nur ganz gering. Wir sind im Jahre 1939 ausgewandert und verloren das gesamte Vermögen in Deutschland.“
Er sei, so ergänzte er, auf die Entschädigungen ganz dringend angewiesen.[66] Eine ähnliche eidesstattliche Erklärung gab er erneut im Jahr 1955 ab. Noch immer lebte er von etwa 200 Dollar. Bisher hätten ihm „gute Freunde mit Mitteln ausgeholfen“, aber diese seien inzwischen verstorben. Noch einmal bat er um die dringende Bearbeitung seiner Entschädigungsansprüche.[67] Erste Gelder flossen dann tatsächlich ab 1955, aber nur relativ kleine Beträge. Erst 1958 wurde der Entzug der Wertpapiere mit 66.000 DM entschädigt.[68]

Sterbeeintrag für Lucian Selig
Sterbeeintrag für Lucian Selig

Lucian Selig lebte danach noch zehn Jahre. Er verstarb am 29. April 1968 im Alter von 86 Jahren,[69] seine Frau Erna am 9. Oktober 1989,[70] beide in Erie.

Ellen Selig

Die Tochter Ellen, die in Wiesbaden das Lyzeum besucht hatte, musste ihre Schulausbildung wegen der Flucht unterbrechen. Weder ist bekannt, ob sie diese in den USA abschließen konnte, noch, welche berufliche Laufbahn sie einschlug. In den USA heiratete sie den ebenfalls deutschstämmigen, aber bereits im Jahr 1923 in Erie Pennsylvania geborenen Martin Michel. Seine Eltern Julius und Recha Michel, geborene Kahn, waren bereits Jahre bevor die Nazis die Macht in Deutschland erhielten, nach Amerika ausgewandert. Sie stammten, wie Ellens Mutter, aus dem rheinhessischen Osthofen, wo Martin Michels Großvater mütterlicherseits früher als Metzger tätig war. Nach seinem Tod war seine Frau Augusta Michel, geborene Diehl, mit ihrer Tochter Recha, ihrem Schwiegersohn Julius und zwei weiteren Söhnen ausgewandert. Sie hatten sich damals in Erie niedergelassen. Vielleicht war sogar eine alte Verbindung zwischen den Familien der Grund, weshalb Lucian Selig nach seiner Emigration mit den Seinen ebenfalls in die Stadt am Eriesee gezogen war bzw. dies schon vor seiner Ausreise als Zielort angegeben hatte.

Karen Michel
Karen Michel

Ellen und Martin Michel hatten um 1947 eine Tochter namens Karen bekommen, die in New York zur Welt kam. Aber bald danach muss die Familie auf die andere Seite des Kontinents gezogen sein, wo sie beim Zensus 1950 in Los Angeles registriert wurde.[71] Dort verstarb Ellen Michel am 29. Mai 1998.[72]

Karl Ludwig SElig
Karl Ludwig Selig

Der jüngere Bruder von Ellen, Karl Ludwig, war 1944 mit 18 Jahren noch in die amerikanische Armee einberufen worden, war aber damals schon als Student an der Columbus State University in Ohio eingeschrieben.[73] Ihm gelang in Amerika eine bedeutende akademische Karriere. Der Professor für Romanistik, der sich im Besonderen als Kenner der Literatur von Cervantes einen Namen machte, lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten, darunter die renommierte Columbia University in New York. Nach seiner Emeritierung war er noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt, um eine Honorarprofessur an der Universität in Greifswald anzunehmen. Er verstarb am 1. Dezember 2012 im Alter von 86 Jahren in New York.[74]

Der zurückgebliebene Otto Selig war derjenige, der versuchte in Wiesbaden das gemeinsame Immobilienvermögen zu sichern. Er meldete dem Finanzamt die Mieterträge der ‚Grundstücksgemeinschaft Kaiser-Friedrich-Ring 80 und Oranienstr. 60’. Allerdings wurden die kleinen Gewinne, die in den wenigen Jahren zwischen1935 und 1942 gemacht wurden, durch entsprechende Verluste in den anderen Jahren wieder ausgeglichen.[75]
Er musste erleben, wie die beiden Häuser zu Judenhäusern wurden und spätestens seit 1940 zunehmend mit neuen Mietern vollgestopft wurden. Etwa 25 jüdische Personen wohnten in diesem Zeitraum, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten allein in dem Haus Kaiser-Friedrich-Ring 80. Für 13 war es die letzte Unterkunft vor ihrer Deportation. Die meisten wurden nach Lublin gebracht und in Sobibor ermordet, andere fanden den Tod in Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt oder Majdanek und wiederum bei anderen konnte selbst der Ort ihres Todes nicht mehr ermittelt werden. Ein Bewohner verstarb noch im Haus eines mehr oder weniger natürlichen Todes, bevor man ihn abholen konnte. Allein dem Miteigentümer Lucian Selig und seiner Familie war es gelungen, aus dem Judenhaus in die Freiheit zu entkommen.

Otto Selig
Raub der letzten Vermögenswerte von Otto Selig nach seiner Deportation
HHStAW 519/3 6524 (29)

Otto Selig, der bis zuletzt im Haus in der Oranienstr. 60 lebte, wurde am 10. Juni 1942 mit dem ersten der beiden großen Transporte aus Wiesbaden über Frankfurt nach Lublin und dann weiter nach Sobibor deportiert und dort vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet.[76]

Am 22 Juni 1942 trieb die Reichsfluchtsteuerstelle beim Finanzamt Wiesbaden die mit seinem Übertritt der Grenze des Deutschen Reiches fällig gewordene Reichsfluchtsteuer ein. Sie war auf 12.891 RM festgesetzt worden und wurden ordnungsgemäß verbucht, bevor auch das restliche Vermögen, dem Reich verfiel, d.h. geraubt wurde.[77]

 

Rudolph und Hildegard Selig

Auch der fünf Jahre jüngerer Bruder von Lucian Selig, Rudolph, konnte mit seiner Familie in den USA überleben. Ihn hatte Lucian bereits vor seiner Ausreise kontaktiert und er war derjenige, der seine Familie bei ihrer Ankunft in New York in Empfang nahm. Vermutlich hatte er auch die notwendigen Garantien für ihre Einreise bereitgestellt. Immerhin war er schon drei Jahre zuvor mit seiner Familie dorthin emigriert.

Einbürgerungsantrag Rudolph Selig
Einbürgerungsantrag von Rudolph Selig
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/145798758:2997

Der jüngste Sohn von Ludwig und Emma Selig erhielt das Privileg, eine universitäre Ausbildung genießen zu dürfen. Wo er die absolvierte, konnte nicht ermittelt werden. Aber bevor er in die USA ausreiste, praktizierte er als Arzt in Stettin. Zuvor hatte er am 8. August 1919 in Kiel Hildegard Fischer geheiratet, die dort am 10. August 1891 zur Welt gekommen war.
In Stettin waren dann die beiden Töchter des Paares geboren worden, zunächst Ruth am 3. April 1922, dann Lore am 14. März 1925. Auf welchem Weg sie nach Amerika gelangten ist nicht ganz klar. In ihrem Einbürgerungsantrag hatten sie geschrieben, dass sie im April 1936 von Le Harve aus die Fahrt mit der ‚SS Washington’ nach New York angetreten hätten, laut der Passagierliste hatten sie aber von Hamburg aus die Reise angetreten. Wie dem auch sei, am 30 April 1936 erreichten sie den New Yorker Hafen.[78] Vermutlich musste Rudolph Selig, wie die anderen emigrierten Ärzte aus Europa auch, in den USA noch einmal formal seine medizinischen Kenntnisse nachweisen und entsprechende universitäre Zeugnisse erbringen. Bei der Volkszählung 1940 gehörte er aber schon wieder zu den praktizierenden Medizinern mit einer Praxis in New York, in der ihn seine Frau als Assistentin unterstützte.[79] Er verstarb dort mit 71 Jahren am 5. Juni 1957.[80]

Die Familie von Rudolph Selig in der Volkszählung von 1940
Die Familie von Rudolph Selig in der Volkszählung von 1940
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/8403072:2442

Die Familie von Elisabetha Sußmann, geb. Selig

Elisabetha, genannt Settchen, geboren am 27. Juni 1864, war das erste Kind von Ludwig und Ester Selig.[81] Sie heiratete am 25. August 1886 den Handelsmann Samuel Sußmann aus Alsbach bei Bensheim an der Bergstraße.[82] Dort ließ sich das Paar nach der Eheschließung auch nieder. In Alsbach wurde ein Jahr nach der Hochzeit am 20. November 1887 die Tochter Emma geboren.[83] Es folgten ihr im Wechsel Junge – Mädchen noch weitere fünf Kinder, die alle in dem Ort an der Bergstaße zur Welt kamen. Auf Emma folgte am 9. Mai 1889 Ludwig, darauf kam Ella am 10. Oktober 1890 und nach einer Pause Siegfried am 16. März 1893 zur Welt.[84] Johanna wurde am 11. Januar 1899 und zuletzt Alfred im Jahr 1903 geboren.

Elisabetha und Samuel Sußmann
Samuel und Elisabetha Sußmann, geb. Selig
USC-Shoah-Foundation

Drei der insgesamt sechs Kinder gelang die rechtszeitige Flucht aus Deutschland, die anderen drei wurden in einem der Todeslager im Osten ermordet. Ob es sich um Zufall handelt, dass die drei Töchter Opfer des Holocaust wurden, während die Brüder Wege fanden, um den Tod zu entfliehen, ist schwer zu sagen.

 

Emma, die älteste Tochter von Elisabetha und Samuel Sußmann, heiratete 1910 den Metzger Emil Weiss, der aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Hechtsheim stammte und im Allgemeinen nicht Emil, sondern Eduard gerufen wurde.[85] So kam Emma wieder zurück in den Ort, aus dem ihre Mutter einst weggeheiratet hatte. In der Heuerstr. 7 betrieben Emma und Eduard Sußmann ihre koschere Metzgerei. Aber es müssen sehr ärmliche Verhältnisse gewesen sein, wie ihr Sohn Heinz, der später in den USA lebte und sich dort Harry nannte, in einem Interview berichtete.[86]

Eduard war zwar während des Ersten Weltkriegs eingezogen worden, konnte aber als Metzger in der Truppenversorgung einen weniger gefahrvollen Dienst als seine Kameraden an der Front ausüben. Nach dem Krieg betrieb er ab Anfang der 20er Jahre ein Kommissionsgeschäft, über das er sowohl Immobilien vermittelte als auch die üblichen Landesprodukte und Futtermittel vertrieb.

Familie Weiss
Das Ehepaar Emma und Emil Eduard Weiss mit ihren vier Söhnen
Shoah-Foundation

Emma und Eduard Weiss hatten insgesamt vier Söhne: Otto, Ludwig, Arthur und zuletzt Heinz, die alle in Hechtsheim geboren wurden.[87] Nach dem Besuch der Volksschule in Hechtsheim, Heinz besuchte dort zuletzt noch die Jüdische Schule, fanden alle eine Lehrstelle, aber ab 1935 spätestens nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze, waren die Möglichkeiten für eine freie persönliche Entwicklung oder ein berufliches Weiterkommen nicht mehr gegeben. In diesem Jahr verstarb auch der Vater und die Mutter versuchte daraufhin das Geschäft alleine weiterzuführen. Aber auch das wurde immer schwieriger, obwohl Otto, der eine kaufmännische Lehre bei der Mainzer Lederhandlung Marxsohn absolviert hatte, seit 1933 im elterlichen Geschäft mitarbeitete. Noch 1935 verließen die drei älteren Brüder von Heinz innerhalb eines halben Jahres nacheinander Deutschland, um im südlichen Afrika, im damaligen Rhodesien, neu zu beginnen. Zwar war die Emigration dorthin damals noch relativ einfach, weil man bei der Einreise nur 100 britische Pfund vorlegen musste, aber für die Brüder waren die ersten Jahre ohne Kenntnisse der englischen Sprache nicht einfach.
Nur Heinz blieb zunächst alleine bei der Mutter in Hechtsheim zurück, aber bleiben wollten dort beide auf Dauer nicht mehr. Heinz fand 1937 eine Stelle in einer kleinen Möbelschreinerei in Karlsruhe und seine Mutter Emma ging zurück nach Alsbach, wo ihre inzwischen verwitwete Mutter [88] und noch zwei Schwestern lebten, die ledige Johanna und Ella, die mit dem aus Kaiserslautern stammenden Otto David Sachs verheiratet war.

Bevor sie selbst auch emigrierte, verkaufte Elisabetha Sußmann noch das Haus in Alsbach. Zunächst konnte ihre Tochter Emma, die seit 1935 ebenfalls verwitwet war und bisher ebenfalls in dem Haus gewohnt hatte, noch in einem Mansardenzimmer bleiben. Im September 1939 kam Emma für vier Wochen nach Wiesbadener, um ihre dortigen Verwandten zu besuchen. Auf der Gestapokarteikarte, die damals mit ihrer Heimatadresse Alsbach, Bittenburger Str. 30 eigens für sie in Wiesbaden angelegt worden war, ist als Zugangsdatum der 15. September eingetragen. Sie wohnte damals bei ihrem Onkel Otto Selig in der Oranienstr. 60 im zweiten Stock. Aber ganz sicher besuchte sie damals auch ihren anderen Onkel Lucian und vielleicht auch andere Verwandte, die inzwischen nach Wiesbaden gezogen waren. Wahrscheinlich wurden auch die Möglichkeiten und Gefahren einer Emigration erörtert, aber konkrete Schritte wurden dann doch nicht eingeleitet. Am 9. Oktober 1939 kehrte Emma Sußmann zurück, allerdings ist auf der Karteikarte nicht ihre bisherig Adresse in Alsbach, sondern die Sallbaustr. 10 in Darmstadt angegeben. Ganz offensichtlich wollte sie mit ihrem Besuch auch die kurze wohnungslose Zeit nach dem Verkauf des Elternhauses überbrücken.
Auch ihr Sohn Heinz hatte den Absprung verpasst und wurde im Rahmen der ‚Wagner-Bürckel-Aktion’ mit 6000 Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz im Herbst 1940 ohne Wissen der inzwischen besiegten Franzosen in das Nachbarland deportiert und in dem berüchtigten Lager Gurs am Rande der Pyrenäen interniert. Es muss die Hölle gewesen sein: Einfache Bretter mit Strohlagen, ohne Decken der Kälte ausgesetzt, ohne genügend Lebensmittel; überall grassierten Seuchen und keine ärztliche Hilfe. Auslöser für das damals einsetzende Massensterben war – so Heinz Selig – vermutlich verunreinigtes Wasser, das aus einem großen Tank täglich an die Gefangenen ausgegeben wurde. Gerade die Alten und Schwachen wurden schon in den ersten Wochen dahingerafft. Heinz, der in einer Art Sterbestation arbeitete, musste jeden Tag viele in den Tod begleitet.

Das Lager in Gurs

Über ein Jahr verbrachte er in Gurs, dann überführte man ihn in das Lager Rivesaltes bei Perpignan, eine ehemalige Kaserne, wo die Insassen von Flöhen und Läusen fast aufgefressen wurden. Um der tödlichen Langeweile zu entkommen und in der Hoffnung auf mehr Nahrung meldete er sich für einen Arbeitseinsatz in Brest. Als Zwangsarbeiter musste er täglich zwölf Stunden ohne Pause und bei weiterhin schlechter Versorgung Schwerstarbeit beim Bau von Bunkern für deutsche U-Boote verrichten, dies unter ständigen Schlägen der SS-Wachmannschaften. Nach zwei Monaten wurden diejenigen, die diese Tortur überlebt hatten, wieder zurück nach Rivesaltes geschickt. Nach einigen Monaten verlegte man ihn in das Lager Les Milles in der Nähe von Marseille, wo er erneut als Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einer Kohlemine eingesetzt wurde. Allerdings war dieses Lager nicht sehr streng bewacht und in einer Nacht gelang ihm die Flucht. Er konnte sich bis Marseille durchschlagen, aber der Plan, von dort aus nach Spanien zu gelangen, zerschlug sich bald. Über einen Mittelsmann in Limoges fand er ein Versteck bei einem französischen Bahnhofsvorsteher, der mehrere Juden in einer Dachkammer verbarg. Die Flucht hatte sich im Sommer 1942 abgespielt und noch war nicht abzusehen, wie lange es dauern würde, bis Deutschland tatsächlich besiegt sein würde. Deshalb versuchte Heinz weiterhin, irgendwie außer Landes zu kommen. Seine weitere abenteuerlicher und von vielen glücklichen Zufällen begleitete Flucht führte ihn zunächst wieder nach Marseille, dann nach Grenoble und von dort über die Berge in die Schweiz, wo er zunächst in einem wenig gastlichen Auffanglager festgehalten wurde. Auch hier wartete ein Arbeitslager auf die Flüchtlinge, aber wenigstens gab es dort genügend zu essen. Bis zum Sommer 1943 blieb er in diesem Lager bei Bonstetten. Es folgten noch zwei weitere solcher Arbeitslager in der Nähe von Zürich und zuletzt bis zum Ende des Krieges bei Neuchatel. Mit ein wenig Geld, das er sich in den folgenden Wochen nach der Befreiung verdiente, fuhr er zunächst nach Holland, wo die Cousinen Hannelore und Marianne Sachs lebten, die dort die vergangenen Jahre im Verborgenen überlebt hatten. Geld und das Affidavit eines Onkels aus der Sußmann-Familie ermöglichten ihm im Frühjahr 1946 die Überfahrt in die USA. Er, der sich in den USA Harry nannte, war inzwischen mit Helga Kapauner verheiratet, die er in einem der Lager kennen gelernt hatte. Sie konnte er im Herbst 1946 nachholen, aber die Ehe ging später auseinander. 1967 heiratete er ein zweites Mal. Mit seiner zweiten Frau Bessie wohnte er zuletzt in Tennesee.

Elisabetha Sußmann, geb. Selig
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Johanna Sußmann
Johanna Sußmann
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In der Zeit, in der Heinz seine Odyssee durch die verschiedenen Lager durchlief, emigrierte seine Großmutter Elisabetha Sußmann mit ihrer ledigen Tochter Johanna nach Holland. Am 19. August 1939 standen sie vor der Tür ihrer mit Otto Sachs verheirateten Tochter Ella, die bereits um 1936 dorthin geflohen war. Hier fanden sie einen ersten Unterschlupf. Im Dezember 1940, als die Situation immer gefährlicher wurde, wechselten sie ihr Quartier und zogen in die anonymere Großstadt Rotterdam, zunächst in die Voorstraat, dann im Januar 1943 in die Schietbaanlaan 42.[89]
Seit Januar 1942 markierte ein sichtbares „J“ auch in Holland die Personalausweise der dortigen Juden und drei Monate später mussten auch sie den gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen. Ob sich Elisabetha und Johanna Sußmann dieser Diskriminierung unterwarfen oder sich versteckt hielten, ist nicht zu sagen. Leider sind die genaueren Umstände ihrer Verhaftung, die beide in das Sammellager Westerbork brachte, nicht bekannt. Von dort aus fuhren ab Sommer 1942 die ersten Züge in die Vernichtungslager im polnischen Generalgouvernement. In Frühjahr 1943 gehörten auch Elisabetha und Johanna Sußmann zu den unfreiwilligen Passagieren eines Zuges, der am 10. März das Todeslager Sobibor erreichte, wo man sie nach Ankunft vermutlich sofort umbrachte.[90]

Heinz hatte von der Deportation seiner Großmutter sowie seiner Tante in Frankreich nichts erfahren. Auch das weitere Schicksal seiner Mutter, die er kurz vor seiner eigenen Deportation nach Gurs zuletzt gesehen hatte, wusste er nichts. Von Darmstadt aus, wohin sie von Wiesbaden aus gezogen war, wurde Emma Weiss vermutlich am 30. September 1942 mit dem Transport ‚Da 84’ und mehr als 880 weiteren Opfern, unter denen sich nur 25 Juden aus Darmstadt selbst befunden haben sollen, nach Treblinka verbracht. Man muss davon ausgehen, dass alle unmittelbar nach der Ankunft am 2. Oktober 1942 dort ermordet wurden.[91] Der amtlich festgelegte Todestag von Emma Weiss, geborene Sußmann, ist der 8. Mai 1945.

Die Brüder Weiss 1980 in Kapstadt, links oben Heinz / Harry, rechts Ludwig Louis / Louis und Mitte Otto. Auf dem kleinen Bild der bereits verstorbene Otto WeissArthur.
Die Brüder Weiss 1980 in Kapstadt, links oben Heinz / Harry, rechts Ludwig Louis / Louis und Mitte Otto. Auf dem kleinen Bild der bereits verstorbene Bruder Arthur.
USC-Shoah Foundation

Immerhin waren ihre vier Söhne alle dem Holocaust entronnen, allerdings verstreut auf die verschiedenen Teile dieser Welt. Zwar hatten sich die drei Brüder Heinz / Harry, Otto und Ludwig / Louis – Arthur war bereits 1974 verstorben – bereits zuvor einzeln gesehen, ein gemeinsames Treffen fand aber erst nach mehr als 40 Jahren 1980 in Südafrika statt. 1993 besuchten Harry und Louis im Rahmen der Mainzer Begegnungswochen ihre alte Heimatstadt:[92] Going back to Germany, for the first time on, we went back, I went back as a tourist, not as a person who was born there, come from there. That’s the only way you could go there without hate, you know? (…) You can only go as a tourist, to see places, forget about the people.” Ein ernüchterndes Fazit.

 

Ella Sußmann Sachs
Otto und Ella Sachs, geb. Sußmann
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Wie bereits erwähnt hatte auch Ella, die jüngere Schwester von Emma, gehofft, mit ihrer Familie in den Niederlanden Schutz vor den Verfolgungen zu finden.[93] Sie und ihr aus Kaiserslautern stammender Ehemann, der Kaufmann Otto David Sachs, hatten am 29. November 1920 in Alsbach, dem Heimatort der Braut, die Ehe geschlossen.[94] In der Heiratsurkunde ist vermerkt, dass Ella zum Zeitpunkt der Heirat Geschäftsinhaberin war. Um welche Art von Geschäft es sich handelte, ist aber nicht erwähnt. Bald nach der Hochzeit müssen sie nach Hagen verzogen sein, wo ihre beiden Töchter geboren wurden. Hannelore kam am 23. Januar 1922 und Marianne am 24. November 1924 zur Welt. Die Eltern führten dort in der Elberfelder Str. 30 ein Damenhutgeschäft. Schon bei den ersten Boykottaktionen der Nazis wurde ihnen die Schaufensterscheibe zerschlagen und die SA versuchte Kunden vom Betreten des Geschäfts abzuhalten.

Hannelore Sußmann
Hannelore Sußmann etwa 1937 vor der Synagoge von Schriesheim
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Lange vor der Reichspogromnacht mussten Ella und Otto Sachs ihr Geschäft aufgeben und zusehen, wie es arisiert wurde. Danach verließen auch sie Deutschland in dem Glauben, in Holland ein sicheres Leben führen zu können. Am 16. Oktober 1936 meldeten sie sich in der bei Rotterdam gelegenen kleinen Stadt Dordrecht in der Bleijenburgstraat an und eröffneten dort wieder ein Geschäft mit selbstgenähten Damenhüten. Unter dieser Adresse wohnten nach ihrer Flucht zeitweise auch Elisabetha und Johanna Sußman, nachdem sie 1939 aus Alsbach geflohen waren. Als die deutschen Truppen im Frühsommer 1940 ihre westlichen Nachbarstaaten überfielen und auch Holland besetzten, verließ die Familie von Ella und Otto Sachs im Oktober 1942 Dordrecht, um in Gorkum / Gornichen unterzutauchen. Angeblich wurden sie aber gegen eine Belohnung von 3.000 Gulden von einem Holländer an die Deutschen verraten.[95] Allerdings gerieten nur Ella und Otto Sachs in die Fänge der Verfolger. Beide wurden, wie auch Elisabetha und Johanna Sußmann etwa zwei Monate zuvor, am 18. Mai 1943 nach Sobibor deportiert und ermordet.[96]

Karteikarte mit Deportationsvermerk von Ella Sachs aus Westerbork
Arolsen-Archiv
Ella Sachs, geb. Sußmann
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Die beiden Töchter Hannelore und Marianne, die getrennt von ihren Eltern auf einer Farm strenggläubiger Christen arbeiteten, auf der eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge unerkannt, als Knechte und Mägde getarnt, angestellt waren, überlebten die Verfolgungszeit in Holland. Zu ihren Aufenthaltsorten liegen divergierende Informationen vor, aber in Yad Vashem wurde 1992 ein Mitglied der holländischen Familie Hak stellvertretend mit dem Ehrentitel ‚Gerechter unter den Völkern’ ausgezeichnet, weil die Familie sich bis zum Kriegsende um Hannelore und Marianne gekümmert und sie versteckte hatte. Beide blieben zunächst noch in Holland, wo sie in Utrecht eine Arbeit fanden, gingen aber dann bald gemeinsam in die USA und lebten in New York. Marianne Sachs heiratete dort den 1918 geborenen Carl Greenbloom, mit dem sie die drei Kinder David, Jesse und Ellen bekam.[97]

Hannelore, Marianne, Ella und Otto Sachs in Dordrecht
Mit Dank an David Zinner

Ihre Schwester Hannelore kehrte, nachdem sie für ein Jahr in Cleveland verheiratet war, nach New York zurück, wo sie im April 2013 verstarb. Wann Marianne Greenbloom verstarb, ist nicht bekannt. In Hagen hat man inzwischen für die Eltern der beiden in der Elberfelder Str. 30, wo diese einst ihr Hutgeschäft besaßen, zwei Stolpersteine zu deren Erinnerung verlegt. Während somit alle drei Töchter von Samuel und Elisabetha Sußmann der Shoa zum Opfer fielen, aber wenigstens die Enkel und Enkelinnen überleben konnten, gelang dies allen drei Söhnen des Paares.

 

Siegfried Sußmann war mit seiner Frau Lilli Recha, geborene Hirsch aus Mannheim, ebenfalls nach Amerika entkommen. Die beiden hatten am 4. November 1928 noch in Alsbach geheiratet und am 7. August 1929 einen Sohn bekommen, der den Namen Stefan Michael erhielt. Die Familie lebte bis zu ihrer Flucht in Pforzheim, wo auch der Sohn zur Welt gekommen war. Wann sie aus Deutschland flüchteten ist nicht bekannt, aber 1940 verließen sie kurz bevor die deutschen Truppen den Krieg im Westen begannen von Antwerpen aus mit dem Schiff ‚SS Westernland’ den europäischen Kontinent in Richtung New York, das sie am 12. März erreichten.[98]

Siegfried Sußmann
Einbürgerungsantrag von Siegfried Sußmann in den USA
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/150698:61208

Bei der Volkszählung im Jahr 1940 gaben sowohl Siegfried als auch Lilli Sußmann an, von Beruf Juweliere zu sein.[99] Dass sie aber bereits in Deutschland recht wohlhabend gewesen sein müssen, kann man aus einer Schiffsreise schließen, die Siegfried Sußmann bereits 1923 nach New York unternommen hatte. Er war damals schon in einer Kabine der 1. Klasse gereist.[100] Das Paar blieb auch in den folgenden Jahren in Providence, Rhode Island, wohnen. Das gemeinsame Grab befindet sich auf dem dortigen Friedhof. Siegfried Sußmann war am 21. Februar 1961 verstorben. Seine Frau überlebte ihn um fast vier Jahrzehnte. Sie starb am 19. Februar 1997 in Ayer, Massachusetts.[101]

Durch ein sehr ausführliches Interview, das die Shoah-Foundation mit Lora Tobias, geborene Sußmann, der Tochter von Ludwig und Selma Sußmann, im Jahr 1997 führte, ist über diesen Zweig der Familie Selig wiederum sehr viel bekannt.[102] Ludwig Friedrich, wie er mit vollem Namen hieß, war am 9. Mai 1889 in Alsbach geboren worden.[103] Durch die 1928 geschlossene Ehe mit Selma Oppenheimer aus der Gemeinde Schriesheim an der Bergstraße heiratete Ludwig in eine Familie ein, die hauptsächlich durch den Tabakhandel zu relativ großem Reichtum gekommen war. Selma Oppenheimer, geboren am 8. September 1896, war die Tochter von Simon Hisch Oppenheimer und seiner Frau Bertha, geborene Emrich. Die Familie Oppenheimer, deren Familienhistorie über zwölf Generationen reicht, war die erste jüdische Familie, die Mitte des 18. Jahrhunderts in der Gemeinde aufgenommen wurde und Lora Sußmann, war die letzte Jüdin, die den Ort verließ.[104]

Hochzeit von Ella Sußmann und Otto Sachs

Hochzeit von Selma Oppenheimer und Ludwig Sußmann im Jahr 1928 in Schriesheim
Links Simon Oppenheimer, der Vater von Selma, dann das Brautpaar Selma Oppenheimer und Ludwig Sußmann, rechts daneben Elisabetha Sußmann, geb. Selig, rechts neben ihr Emma Weiss, geb. Sußmann, rechts außen Ludwig Oppenheimer, ein behinderter Bruder von Selma. In der hinteren Reihe von links Hedwig / Hedi Oppenheimer, Johanna Sußmann, Ella Sachs, geb. Sußmann, links hinter ihr ihr Ehemann Otto Sachs, rechts neben ihr Ludwig Sußmann, ein Bruder des Bräutigams.
Vorne in der ersten Reihe von links Marianne und Hannelore Sachs, die Kinder von Ella und Otto Sachs.
USC-Shoah-Foundation

Eindringlich schildert Lora Tobias, geboren am 5. März 1929, in diesem Interview ihre Kindheit in der ländlichen Umgebung, in der ihr Vater und die gesamte Familie hoch geachtet waren. Es waren zunächst glückliche Jahre, in der es keine Diskriminierung und auch keine Anfeindungen gab. Auch nach 1933 vollzog sich der Wandel nur allmählich. Noch durfte Lora den protestantischen Kindergarten und dann auch die Grundschule besuchen. Es waren zu allererst die Kinder, die ehemaligen Spielkameraden, die immer offener und mit immer brutaleren Attacken die bisher heile Welt der kleinen Lora ins Wanken brachten. Bald begann auch die Ausgrenzung in der Schule. Wie auch an anderen Schulen üblich wurde sie, die einzige jüdische Schülerin in der Klasse, in die letzte Reihe gesetzt, von wo aus sie sich am Unterricht nicht mehr beteiligen durfte. Zuletzt war sie gezwungen die Schule zu verlassen. Das Geschäft der Eltern wurde boykottiert, zeitweise wurden die treuen Kunden von SA-Männern fotografiert und ihre Namen auf Listen von ‚Judenfreunden’ öffentlich ausgehängt. 1938 entschied sich die Familie auch auf Drängen von Theo Oppenheimer, ein Bruder der Mutter, der bereits in den USA lebte, Deutschland zu verlassen. Der Entschluss fiel auch deshalb leichter, weil man einen Käufer für das große Haus und das Geschäft gefunden hatte. Bei dem vermeintlichen Käufer, einem Juden, handelte es sich, wie sich später herausstellte, um einen Strohmann, der im Dienste eines örtlichen Konkurrenten Haus und Geschäft erworben hatte.
Ein weiteres Hindernis war der behindert Bruder von Selma Sußmann, Ludwig Oppenheimer. Ihm verweigerte das amerikanische Konsulat die Einreise in die USA. Man entschied sich unter größten Bedenken, ihn zunächst in einem Heim unterzubringen, um ihn dann möglichst bald nachzuholen. Der Ausbruch des Krieges verhinderte die Umsetzung dieses Plans. Ludwig Oppenheimer wurde im Zuge der ‚Wagner-Bürckel-Aktion’ 1940 nach Gurs deportiert, wo er auf seinen Cousin Heinz, den Sohn von Emma Weiss, traf. Ludwig gehörte zu denjenigen, die Heinz in Gurs auf ihrem Weg in den Tod begleitete. Er wurde von ihm auch begraben. Ein Brief, der die Nachricht von seinem Tod an die damals schon in Amerika lebenden Verwandten übermitteln sollte, war vier Jahre unterwegs. Erst 1946 erfuhren Ludwig und Selma Sußmann vom Schicksal ihres Bruders bzw. Schwagers.

Als diese 1938 aufbrachen, war es noch möglich – abgesehen von Geld – nahezu alles mitzunehmen. So wurden für das noch vorhandene Geld so viele Waren wie möglich angeschafft, Haushaltsgegenstände und Kleider, die dann in einem Lift auf die Reise gingen. So war es auch möglich, noch viele wertvolle Erinnerungsstücke, etwa Fotoalben und Kultgegenstände mitzunehmen. Bei einem letzten Besuch bei Elisabetha Sußmann, Ludwigs Mutter, übergab diese ihnen ihre alten jüdischen Gebetbücher. Auf der Fahrt des Zuges von Heidelberg nach Bremen, die über Alsbach führte, stand die Mutter am Bahnhof und winkte ihnen ein letztes Mal zu.

Einen großen Schrecken gab es, als das Schiff, nachdem es den Hafen verlassen hatte, in einem großen Bogen wieder zurückfuhr. Hintergrund dafür war die Münchner Konferenz, auf der zeitgleich um Krieg und Frieden gerungen wurde. Erst als die Alliierten sich den Forderungen Hitlers gebeugt hatten, nahm das Schiff, die ‚Europa’, die unter deutscher Flagge segelte, die Fahrt nach New York auf. Am 6. Oktober 1938 lief sie in den dortigen Hafen ein.[105]
Die ersten Jahre verbrachte die Familie in Lancaster in Pennsylvania, wo Ludwig und Selma Sußmann in Fabriken mit harter Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Einzig Ludwig hatte wenigstens rudimentäre Sprachkenntnisse, weshalb auch Lora in der Schule zunächst erhebliche Schwierigkeiten hatte. Schlimmer als all diese Probleme war aber, dass sie keine Nachrichten von den Verwandten in Holland oder anderswo erhielten. Von der Existenz der Konzentrationslager wussten sie damals noch nichts, so klammerte man sich zunächst an die Hoffnung, dass es nach dem Ende des Krieges ein Wiedersehen geben würde.

1944 fand Ludwig Sußmann eine Anstellung in seinem Beruf als Tabakfachmann in New York und die Familie zog wieder dorthin. Die Tochter Lora erlernte nach ihrem Schulabschluss zunächst den Beruf einer Friseuse. Der Besuch eines Coleges oder der Universität war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Zeitweise übte sie ihren Beruf auf Ozeandampfern aus und nutzte ihn auf diese Weise dazu, die Welt kennen zu lernen. Auf einer dieser Reisen kam sie auch nach Israel, wo sie Verwandte traf, die schon vor Beginn des Krieges nach Palästina ausgewandert waren. Darunter befand sich auch ein Bruder von Ludwig Sußmann, dessen Namen sie in dem Interview allerdings nicht nennt. Vermutlich handelte es sich aber um Alfred Sußmann, der 1903 in Alsbach geboren worden war und als Wissenschaftler schon früh nach Palästina ausgewandert war.[106]
Nach diesen Wanderjahren besuchte Lora Sußmann dann doch noch das College und ließ sich als Lehrerin ausbilden, ein Beruf, den sie ihr weiteres Arbeitsleben ausübte. 1955 heiratete sie Siegmund Tobias, ebenfalls ein deutscher Emigrant, und bekam mit ihm die beiden Töchter Susan und Rochelle, Susan im Jahr 1960, Rochelle 1962.

Gedenktafel am Eingang des Jüdischen Friedhofs Schriesheim
https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2020/Schriesheim%20Synagoge%20151.jpg

Sowohl ihre Mutter Selma alleine als auch sie selbst mit ihrem Mann und ihrer Tochter Rochelle, hatten noch des Öfteren Deutschland und ihre Heimatstadt Schriesheim besucht. Der jüdische Friedhof war nicht zerstört worden und auch ihr Elternhaus hatte sich kaum verändert.
Emotional am berührendsten war für Lora aber die Begegnung mit ihrem früheren Hausmädchen, das sie nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze hatte verlassen müssen. In einem Altersheim saß sie dieser in ihrer Kindheit so wichtigen Vertrauensperson, noch einmal gegenüber. Eine zugleich wehmütige wie freudige Begegnung: Mit „mein Kind, mein Kind“ wurde Lora nach all den Jahren der Trennung von der im Rollstuhl Sitzenden ihrer zweiten Mutter, wie sie sagte, in die Arme geschlossen.

Loras Eltern verstarben in hohem Alter in den USA, Ludwig Sußmann am 9. Februar 1972 im Alter von 82 Jahren, seine Frau Selma im Januar 1989. Sie war sogar 93 Jahre alt geworden[107]

 

Die Familie von Johanna Stern, geborene Selig

Kaufmann Stern
Familienbogen von Kaufmann und Johanna Stern, geb. Selig aus Mannheim

Auch das zweite Kind von Ludwig und Ester Selig war eine Tochter. Johanna wurde am 1. Juli 1866 in Hechtsheim in der Grauelstr 245 geboren.[108] Auch sie heiratete in eine Metzgerfamilie ein. Ihr Ehemann Kaufmann Stern – Kaufmann ist hier keine Berufbezeichnung, sondern der Vorname des Bräutigams – war am 26. November 1860 in Bensheim an der Bergstraße als Sohn des Metzgers Isaak Stern und dessen damals ber

eits verstorbenen Frau Babette, geborene Neugaß, zur Welt gekommen. Die Eheschließung fand am 13. August 1888 in der Heimatgemeinde von Johanna statt. [109]

Das Paar zog anschließen nach Mannheim, wo noch der verwitwete Vater des Ehemanns wohnte. Im Familienbogen von Kaufmann Stern ist zu lesen, dass dieser seit dem 18. April 1885 im Haus E.2.11 ein eigenes Geschäft mit Metzgereiwaren betrieb. Offenbar waren die Sterns noch mehrfach umgezogen, denn ihre beiden Söhne wurden danach in unterschiedlichen Häusern geboren. Am 1. Juni 1889 kam zunächst Ludwig Friedrich im Haus F.2.1 zur Welt, am 3. Januar 1897 noch Ernst im Haus E.3.2.[110]

Ernst und Mathilde Stern, geb. Bloch

Das weitere Schicksal der Familie bleibt weitgehend ungeklärt. In den einschlägigen Opferlisten des Bundesarchivs oder in Yad Vashem tauchen weder die Namen der Eltern, noch die der Kinder auf. Vermutlich war die Familie, zumindest die Mutter und die beiden Söhne, noch rechtzeitig aus Deutschland herausgekommen. Johanna Stern soll 1937 verstorben sein, ihr Mann bereits 1935.[111] Auch der Zeitpunkt und der Ort des Todes von Ludwig Friedrich Selig ist nicht bekannt.[112] Über den jüngeren Sohn Ernst Stern liegen dagegen etwas mehr Informationen vor. Er war in Amerika mit Mathilde Bloch verheiratet und hatte mit ihr zwei Kinder, die inzwischen eigene Familien gegründet haben und auch schon Großeltern geworden sind.[113] Ernst Stern soll am 18. Juli 1975 in New verstorben sein, seine Frau Mathilde, die am 17. März 1910 in Pforzheim geboren wurde, verstarb am 4. September 2009 ebenfalls in New York.[114]

Die Familie von Siegfried und Antonie Selig, geborene Kahn

Wesentlich mehr als über Johanna Stern weiß man über Siegfried, den ersten Sohn von Ludwig und Ester Selig, der zuletzt kurzzeitig auch in Wiesbaden wohnte.[115] Geboren wurde er am 10. Mai 1868 in Hechtsheim.[116] Im Frühjahr 1900 heiratete er Antonie Kahn aus Büdesheim bei Bingen, wo sie am 12. Januar 1874 als Tochter des Handelsmanns Jakob Kahn III und seiner Frau Johanna, geborene Süß, zur Welt gekommen war.[117]

Geburtseintrag von Antonie Kahn
Geburtseintrag von Antonie Kahn

Am 12. Juli 1901 kam die Tochter Emma und am 17. März 1904 ein weiteres Mädchen zur Welt, das den Namen Cäcilia erhielt.[118] Beide waren noch in Hechtsheim geboren worden, wo sie auch die dortige Volksschule besuchten. Später, zwischen 1911 und 1919, gingen beide in die Höhere Mädchenschule der Stadt Mainz. Auch die Eltern waren aus der Vorortgemeinde Hechtsheim in die Stadt gezogen, wo sie ein Haus in der Breite Str, 2, der heutigen Bürgermeister Keim Straße, erworben hatten. Die eigene Firma, ein Großhandel für Landprodukte und Futtermittel, war zuletzt, von 1930 bis 1938, in der Adam-Karrillon-Str. 47 untergebracht.[119]

Diese geschäftliche Tätigkeit war wahrscheinlich auch der Hintergrund für die eheliche Verbindung, die die beiden Töchter mit der Familie Weis aus Nordenstadt, dem damals noch selbstständigen, inzwischen eingemeindeten östlichen Vorort von Wiesbaden eingingen. Die Familie Weis war nämlich in der gleichen Branche tätig, wie Siegfried Selig. Vermutlich hatte schon der Vater von Sandel Weis, Herz Sandel, die Firma gegründet, die in der dritten Generation im Dezember 1925 an drei Söhne von Sandel und Johanna Weis übergeben worden war.[120] In der Ehe von Sandel und Johanna Weis waren insgesamt elf Kinder geboren worden,[121] von denen fünf dem Holocaust zum Opfer fielen. Ein Sohn, Gustav, überlebte die Zwillingsgeburt mit seiner Schwester Mathilde nicht, ein weiterer Sohn, Friedrich, fiel bereits im Ersten Weltkrieg. Dreien gelang die rechtzeitige Emigration aus Deutschland und das Schicksal von einem der Söhne, Benni, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.
Emanuel, Siegmund und Max waren diejenigen, die den väterlichen Betrieb, der auch nach dem Tod von Sandel Weis im Jahr 1917 weiterhin als ‚S. Weis & Co.‘ firmiert,[122] zunächst übernahmen und ihn auch bis in die Mitte der zwanziger Jahre in der Nassauer Str. 35 gemeinsam führten. 1917 war das Geschäft dann nach Wiesbaden verlegt worden, wo man Gelände am Bahnhof von der Reichsbahn als Lagerfläche angemietet hatte. Die Geschäftsräume befanden sich bist 1925 in dem 1921 mit Mitteln der Firma erworbenen Gebäude Gartenfeldstr. 15.[123]

Briefkopf der Firma ‚S. Weis & Co.‘
HHStAW 685 842a (59)

Dann schied Emanuel aus dem Unternehmen aus und Siegmund und Max Weis führten den Betrieb als O.H.G. unter dem Namen ‚Geb. Weis‘ alleine weiter. [124] Um die drei noch nicht volljährigen Kinder Jenny, Benni und Heinrich abzufinden, wurde im Oktober 1923 das Haus Victoriastr. 39 in Wiesbaden an der Einmündung zur Lessingstraße für 45.000 Goldmark gekauft und die drei Geschwister als Eigentümer in das Grundbuch eingetragen.[125]

Anzeige vom 28.6.1924 im ‚Wiesbadener Tageblatt‘
Anzeige im Wiesbadener Tageblatt‘ vom 13. 4.1921

Bis zu dieser Zeit handelte es sich, wie aus den Steuerunterlagen der Brüder hervorgeht, um ein recht gesundes Unternehmen, das auch gut durch die Kriegsjahre gekommen war. Wenn für das Jahr 1921 Umsätze von 350.000 RM zu versteuern waren, dann ist allerdings zu bedenken, dass diese Summe wegen der damaligen hohen Inflationsrate die tatsächliche Lage nur unzureichend widerspiegelt.[126] Mit dem Kauf des Hauses für die Geschwister, geriet aber auch die Firma zusehends in eine Schieflage, denn die Mieteinnahmen deckten weder die Belastungen, die durch die Hypothekenzinsen entstanden, noch die steuerlichen Verpflichtungen, die auf dem Hausbesitz gründeten. Hinzu kamen weitere Belastungen, die die Firma fast in den Ruin getrieben hätten. So hatte man offenbar unvorsichtigerweise eine Bürgschaft übernommen, für die man einstehen musste, und auch insolvent gewordene Geschäftspartner sorgten für beträchtliche Außenstände, die man abschreiben musste.[127] Hätte man sich damals nicht auf einen Hypothekenvertrag mit der Nassauischen Landesbank eingelassen, so wäre der „Konkurs“ der Firma schon damals „unvermeidlich“ gewesen. „Nur durch rastlose Tätigkeit der beiden jetzigen Teilhaber ist es bis jetzt gelungen das Unternehmen über Wasser zu halten“, schrieben die Buchprüfer im Jahr 1927 über die damalige Lage des Unternehmens.[128]
Schon Ende des Geschäftsjahres 1923, also unmittelbar nach der Währungsreform, gaben die Brüder in ihrer Steuererklärung an, ein Vermögen von 240.000 RM zu besitzen, wovon allerdings mehr als die Hälfte der Wert des Warenlagers ausmachte. Etwa zehn Prozent betrugen Außenstände und neben einem Auto im Wert von 7.000 RM war die Immobilie Gartenfeldstr. 15, die sowohl gewerblich als auch als Wohnung genutzt wurde, mit rund 52.000 RM aufgeführt. Liquide Mittel beliefen sich auf nicht einmal 10.000 RM. Dem gegenüber betrugen die Schulden fast 130.000 RM.[129]

Vielleicht erhoffte man sich auch durch die eheliche Verbindung mit dem Handelshaus der Seligs eine enge Kooperation und damit auch eine Entlastung in der damaligen Situation. Emma Selig ging als erste die Ehe mit einem der Söhne der Nordenstadter Familie Weis ein. Sie heiratete am 4. Januar 1923 in Hechtsheim Siegmund Weis.[130] Ihr einziges Kind, die Tochter Ruth Ingeborg, wurde am 3. Juli 1924 in Wiesbaden geboren.[131] Fünf Jahre nach der ersten Hochzeit heiratete Cäcilie Selig am 16. Mai 1928 ebenfalls in Hechtsheim Siegmunds jüngerem Bruder Max.[132] Bis zur Emigration des Paares blieb die Ehe kinderlos.

Aber die wirtschaftliche Situation des Unternehmens der Gebrüder Weis verbesserte sich durch die Heirat auch in den folgenden Jahren nicht grundlegend. Weiterhin mussten die Brüder gegenüber den Finanzbehörden ihre schwierige Lage offenlegen. Im März 1926 war ihnen zugestanden worden, dass „von weiteren Betreibungsmaßnahmen vorläufig abzusehen“ sei. Aber im Februar 1928 baten sie erneut um Stundung der fälligen Steuervorauszahlungen, da sie angesichts eines Gesamtschuldenstandes von rund 75.000 RM vermutlich gar nicht mehr steuerpflichtig sein würden.[133] Und das war noch vor der bald beginnenden Weltwirtschaftskrise und noch vor dem Machtantritt der Nazis. Schon Anfang 1931 gaben die Brüder, wie aus einem Schreiben von Siegmund Weis an das Finanzamt Wiesbaden hervorgeht, die bisherige O.H.G. auf und betrieben ihre Geschäfte von nun an jeweils als Einzelunternehmer.[134]

Max Weiss war im September 1931 mit seiner Frau aus seiner bisherigen Wohnung Kaiser-Friedrich-Ring 86 ausgezogen und lebte von nun an in einer Wohnung in der Dotzheimer Str. 18.[135] Sein Bruder war weiterhin in dem Betriebs- und Wohngebäude in der Gartenfeldstr. 15, das zu einem großen Teil vermietet war, geblieben. Trotz der Mieteinnahmen von mehr als 7.000 RM im Jahr 1932 blieben unterm Strich faktisch keine zu versteuernden Einkünfte übrig: Gerade mal 165 RM meldete jeder der beiden Brüder beim Finanzamt an.[136]

Familie Weis meldet sich 1933 von Wiesbaden nach Rotterdam ab
HHStAW 685 842b (9)

Schon bald nachdem man Hitler und der NSDAP die Macht übertragen hatte, entschloss sich die Familie von Siegmund und Emma Weis Deutschland zu verlassen. Ihr Abmeldebogen aus Wiesbaden nennt das Datum 28. August 1933, wurde aber von seinem Bruder Max erst am 2. September 1933 unterschrieben.[137] Die Familie war nach Holland gezogen, wohin seit längerer Zeit geschäftliche Verbindungen bestanden und wohin auch andere Mitglieder der Familie Selig später flüchteten. In Rotterdam, in der Schepenstraat 82, fand sie eine Unterkunft, die zumindest für die ersten Jahre eine relative Sicherheit bot. Sein Gewerbe in Wiesbaden hatte Siegmund Weis, wie aus einem Brief seines Bruders Max hervorgeht, ordnungsgemäß abgemeldet.[138]

Auch die Eltern von Emma Weis, Siegfried und Antonia Selig, litten in Mainz von Anbeginn der NS-Zeit unter den alltäglichen antisemitischen Anfeindungen. Als sie im Dezember 1933 einen Reisepass für einen Besuch der Familie ihrer Tochter in Rotterdam beantragten, wurde ihnen dies verweigert. Vielleicht lagen die Behörden mit ihrer Vermutung richtig, dass das Ehepaar Selig damals mehr als nur einen Besuch plante. Auch befürchtete man sicher nicht zu Unrecht, „dass der Jude Selig im Ausland entstellte und dem deutschen Ansehen abträgliche Erzählungen verbreiten“ werde. „Selig wird daher keineswegs wieder ins Ausland reisen, sondern in Hechtsheim Muße haben, etwaige kommunale oder private Schulden abzudecken.“[139] Es bedurfte allerdings keineswegs „entstellter Berichte“, um dem Ansehen Deutschlands zu schaden. Kurz zuvor waren vier anderen Hechtsheimer Juden bei einer Attacke die Fensterscheiben eingeworfen worden. Mit der zynischen Begründung, man habe sie „zu ihrer eigenen Sicherheit“ in Schutzhaft genommen, wurde in Hechtsheim schon damals deutlich gemacht, was die Juden von der neuen Staatsmacht zu erwarten hatten. Ganz sicher mussten auch Seligs schon in dieser frühen Zeit der NS-Herrschaft um ihr Leben fürchten.

Brief von Max Weis an das Finanzamt Wiesbaden, in dem er dieses über die Geschäftsaufgabe seines Bruders unterrichtet.
HHStAW 685 842b (10).

Nach der Ausreise von Siegmund Weis und seiner Familie hatte sein Bruder Max für ihn die Vermögensverwaltung übernommen. Er fungierte auch als Kontakt in allen behördlichen Angelegenheiten. Dies war schon deshalb nötig, weil Siegmund Weis auf Grund seiner Miteigentümerschaft am Haus in der Gartenfeldstraße in Deutschland noch immer steuerpflichtig war. Im Jahr 1937 betrug sein Jahreseinkommen auch auf Grund der Mieteinnahmen immerhin 1.200 RM. Zwar gingen diese Einnahmen sofort an die Nassauische Landesbank, die damit ihre Zinsforderungen für die Hypothek abdeckte, aber Steuern mussten dennoch gezahlt werden. Da Siegmund Weis aber keine finanziellen Mittel mehr in Deutschland besaß, musste Max dafür aufkommen. Der wiederum durfte aber nicht zahlen, weil er gemäß den bestehenden devisenrechtlichen Bestimmungen nicht in Vorleistung für im Ausland lebende Personen treten durfte. Er bat also im Namen seines Bruders um Stundung der Zahlungen, was aber verweigert wurde. Auch die Bank hatte Probleme, den Zinsbetrag von Siegmund Weis einzuziehen, da die Devisenstelle zunächst eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamt Wiesbadens benötigte, um Geld von einem nicht in Deutschland Lebenden verbuchen zu können.[140] Wie dieses bürokratische Dilemma letztlich gelöst wurde, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Aber man kann sicher sein, dass der Staat sein Geld auf die eine oder andere Weise erhielt.

Max Weis war, nachdem die Familie seines Bruders ausgewandert war, mit seiner Frau selbst in das noch gemeinsame Haus in der Gartenfeldstraße gezogen. An ihm konnten die Nazis unmittelbar die Maßnahmen exekutieren, mit denen den noch in Deutschland verbliebenen Juden das Leben unerträglich gemacht wurde. Schon bald wurden ihm die notwendigen Warenzuteilungen gesperrt, sodass er sich im Oktober 1935 gezwungen sah, auch sein Geschäft aufzugeben und zu verkaufen.[141] Spätestens von diesem Zeitpunkt an, hatte das Ehepaar Weis, abgesehen von den sofort von der Bank eingezogenen Mieteinnahmen, keine Einnahmen mehr und musste von seinen Ersparnissen leben.
Als dann im November 1938 in ganz Deutschland die Synagogen brannten und die jüdischen Geschäfte demoliert wurden, ergab sich auch für Seligs in Mainz und für das Ehepaar Weis in Wiesbaden eine neue Situation. Das Haus von Siegfried und Antonia Selig in Mainz war in der Pogromnach völlig zerstört worden, sodass sie dort nicht länger wohnen konnten. Der Versuch, jetzt zu ihrer Tochter nach Holland zu gelangen, wurde von den Mainzer Behörden verwehrt, sodass sie am 22. Dezember nach Wiesbaden zu ihrer anderen Tochter Cäcilie und ihrem Mann in die Gartenfeldstraße zogen. Die Gestapo legte für sie damals noch eine Karteikarte an, in zwar das Zuzugsdatum nach Wiesbaden nicht eingetragen wurde, dafür aber das Abreisedatum: Schon am 9. Januar 1939 konnten sie von Wiesbaden nach Rotterdam auswandern. Zwar war die Emigration offensichtlich in Kenntnis der Behörden erfolgt, was sie aber in dieser kurzen Zeit angesichts des sonst üblichen bürokratischen Aufwands noch hatten mitnehmen können, ist ungewiss. Vermutlich fanden sie eine erste Hilfe bei der Familie ihrer Tochter in Rotterdam. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt ließen sie sich dann in Gouda nieder, wo sie zuletzt im dortigen Jüdischen Altersheim, Oosthaven 31, wohnten.

Todeseintrag für Friedrich Selig in Gouda

Siegfried Selig, der bei seiner Ausreise aus Deutschland bereits das 70ste Lebensjahr überschritten hatte, verstarb dort am 30. September 1942.[142] Damals rollten schon seit ein paar Monaten die Züge mit geflüchteten oder auch einheimischen Jüdinnen und Juden aus Holland in die Vernichtungslager im Osten. Wenigstens diese letzte Leidenserfahrung ist Siegfried Selig somit erspart geblieben. Er fand seine letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Gouda.
Auch Siegmund Weis war bereits vor seinem Schwiegervater in der niederländischen Emigration verstorben. Nach seinem Tod im Februar 1940 war seine Witwe Emma Weis von Rotterdam zu ihren Eltern nach Gouda gezogen, hatte aber dort, vermutlich zusammen mit ihrer Tochter Ruth, eine eigene Wohnung. Nach Recherchen der Stolpersteingruppe Hechtsheim lebte sie dort erst in der Wijdstraat 17, zuletzt in der Gouwe 123.[143] Bis 1943 blieben die noch lebenden Mitglieder der Familie Selig / Weis verschont. Antonie Selig, die nach dem Tod ihres Mannes weiterhin im Altersheim in Gouda bleiben konnte, war dann die erste, die einen der Züge besteigen musste, die vom Durchgangslager Westerburg aus in den Osten fuhren. Am 9. April 1943 wurden alle Bewohner des Heims zum Verlassen des Hauses gezwungen und in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Nach zwei Wochen, am 23. April, brachte sie ein Zug in das Todeslager Sobibor im besetzten Polen, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurde.[144]
Das gleiche Schicksal traf ihre Enkelin Ruth Ingeborg. Sie war zuvor zusammen mit ihrer Mutter am 8. Juni 1943 von Gouda nach Westerbork verbracht worden.[145] Ihr Zug verließ das Lager am 25. Mai 1943 und erreichte Sobibor drei Tage später. Auch sie wurde mit großer Wahrscheinlichkeit unmittelbar nach Ankunft in einer der dortigen Gaskammern umgebracht.[146] Sie war nur achtzehn Jahre alt geworden.

Von ihrer Mutter Emma Weis ist eine Postkarte als letztes Lebenszeichen erhalten geblieben, geschrieben im Lager Westerbork am 1. Juni 1943. Anders als ihre Mutter und Tochter führte ihr letzter Weg nicht nach Sobibor, sondern nach Auschwitz, das der Zug am 3. September erreichte. Am 27. September 1949 wurde der Todestag von Mutter und Tochter Weis amtlicherseits auf den 30. Juni 1944 festgelegt.[147]

Entlassungsschein für Max Weis aus Buchenwald
HHStAW 518 40050 I (16)
Max Weis
Häftlingskarte von Max Weis aus Buchenwald
Arolsen Archiv

Es grenzt an ein Wunder, dass es gerade Max und Cäcile Weis gelang, den Holocaust zu überleben, obwohl sie am längsten in Deutschland ausharrten. Als nach der Reichspogromnacht die männlichen Juden auch in Wiesbaden inhaftiert wurden, gehörte auch Max zu denjenigen, die man zunächst in Polizeigewahrsam nahm, um ihn dann am 13. November in das KZ Buchenwald zu überführen.[148] Am 30. des Monats wurde er unter der Auflage, dass er Deutschland umgehend zu verlassen habe, wieder entlassen.
Aber zuvor wurde auch er noch zur „Sühneleistung“ herangezogen. In einer Berechnung des Vermögens am Stichtag 12. November 1938 war man nach Abzug der Schulden auf den gerundeten Betrag von 10.000 RM, was dann eine Sondersteuer von zunächst 2.000 RM bedeutete.[149] Hinzu kam eine sogenannte DEGO-Abgabe für neu erworbene Güter in Höhe von etwas mehr als 1.000 RM.[150] Der Lift, der neben den Möbeln auch diesen neuen Hausrat beinhaltete, gelangte nie in den Besitz der Emigranten. Die Fracht im geschätzten Wert von etwa 8.000 RM war bei der Firma Adrian in Wiesbaden eingelagert worden, hat die Lagerhalle – aus welchen Gründen auch immer – aber nie verlassen.[151] Am 12. November 1941 wurde der gesamte Lift – natürlich ohne Wissen der Eigentümer – im Auftrag der Gestapo Frankfurt versteigert. Die Firma Adrian erzielte einen Erlös von 2.102,40 RM, zog als Provision eine Gebühr von 105,10 RM ein und überwies den übrigen Betrag auf ein Konto der Deutschen Bank, das vermutlich der Gestapo oder auch den deutschen Finanzbehörden gehörte.[152]

Versteigerung des Haushalts der Familie Weiss (Auszug)
HHStAW 518 40050 I (44)

In einer sechsseitigen Liste sind alle Verkaufsvorgänge mit Objekt, Käufername – viele Namen tauchen darin mehrfach auf – und Preis fein säuberlich eingetragen.[153] Ein Käufer Faust hatte für 700 RM ein ganzes Schlafzimmer erworben, ein anderer gab sich mit einem Küchentisch zufrieden, der ihn 1 RM kostete. Drei Spazierstöcke mit zwei Besen gingen für insgesamt 3 RM über den Tresen und vieles mehr. Wieder einmal bot sich den deutschen „Volksgenossen“ eine günstige Gelegenheit, auf Kosten der ehemaligen jüdischen Mitbürger ein Schnäppchen in den ach so harten Kriegszeiten zu machen. Die Frage, was aus den ehemaligen Eigentümern geworden war, stelle man besser nicht. Sie waren irgendwie weg und hatten all ihre Sachen einfach nicht mitgenommen.

Verkauf der Immobilie in der Gartenfeldstr. 15
HHStAW 685 842c (117)

Komplizierter wurde der Verkauf des Hauses in der Gartenfeldstraße. Max Weis wollte es im Januar eigentlich an den Mieter der Geschäftsräume des Gebäudes, die Wormser ‚Eichbaum-Werker-Brauerei-AG‘ verkaufen. Aus welchen Gründen sein in Holland lebender Bruder dem Verkauf widersprach, ist nicht bekannt. Er konnte den Verlust aber nicht verhindern, sondern nur verzögern. Mit der Ausreise von Max und Cäcilie aus Deutschland und dem Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit wurde das Grundstück vom Deutschen Reich eingezogen und dann dem Bewerber über das Finanzamt Wiesbaden für rund 56.000 RM bei Übernahme der Hypothek von 47.000 RM verkauft.[154] Im Grundbuch eingetragen wurde der Verkauf allerdings erst kurz vor Kriegsende am 30. Januar 1945, was aber die Nutzung des Gebäudes durch den neuen Eigentümer in den vergangenen Jahren nicht behinderte.[155]

Wann genau im Jahre 1939 Max und Cäcilie Weis die deutsche Grenze überschritten, ist nicht bekannt, aber ihr Fluchtweg führte sie über Holland, wo sie vermutlich auch noch einmal den Bruder bzw. die Schwester besuchten. Von Rotterdam aus fuhren sie mit dem Postdampfer ‚Watussi’ der ‚Deutschen Afrika-Linie’ im Januar weiter nach Afrika, wo sie von dem damaligen britischen Protektorat Nordrhodesien, dem heutigen Sambia, ein Einreisevisum erhalten hatten. In einem Interview, das Cäcilie Weis im Jahr 1988 gegeben hatte, berichtete sie, dass der Kapitän sie schon am ersten Abend in ihrer Kajüte aufgesucht und sie gefragt habe, ob sie Juden seien. Als sie dies bejahten, warnte er sie vor bestimmten Passagiern. Sie sollten in deren Gegenwart sich nicht über Hitler äußern sonst müsse er sie unter Deck in Gefangenschaft nehmen.[156] Das Schiff legte zunächst in Beira im heutigen Mosambique an, von wo sie mit der Eisenbahn nach Lusaka weiterfuhren. Ihre neue Heimat wurde Ndola, eine Stadt an der Grenze zur Republik Kongo, die schon damals als wichtiges Wirtschaftszentrum fungierte.
Dennoch war für die Neuankömmlinge, die faktisch mit Nichts dort angekommen waren, der Anfang beschwerlich. Cäcilie übernahm zunächst gegen „Essen und Schlafen“ die Pflege einer alten Frau und arbeitete anschließend für ein sehr geringes Gehalt in der Kinderpflege. Bis 1943 erreichten die beiden kein Einkommen, mit dem sie steuerlich veranschlagt wurden. In einer genauen Aufstellung hatte Cäcilie Weis der Entschädigungsbehörde mitgeteilt, mit welchen Aushilfstätigkeiten sie sich in den Jahren bis 1955 über Wasser halten musste. Sicher nicht zuletzt wegen des ungewohnten Klimas litten beide unter erheblichen gesundheitlichen Beschwerden, Cäcile Weis gab an, 17 mal Malaria gehabt zu haben, sodass sie schon in den 50er Jahren nur noch zu 50 Prozent erwerbsfähig war.[157] Am 10. Februar 1958 – die genaueren Umstände sind nicht bekannt – verstarb ihr Ehemann in Kapstadt.[158] Möglicherweise waren sie inzwischen dorthin verzogen. Wann und wo sie selbst verstarb, ist nicht bekannt. Aber es hat nach dem Krieg noch Kontakte zu Menschen in ihrem ehemaligen Wohnort Nordenstadt gegeben, zu Menschen, die versuchten, das Schicksal ihrer ehemaligen Mitbürger zu recherchieren. Cäcilie Weis selbst hatte sich in den 50er Jahren aus gesundheitlichen Gründen und im Zusammenhang mit ihrem Entschädigungsverfahren noch einmal in Wiesbaden aufgehalten.

 

Albert Kramer und Justine (Jenny), geborene Selig

Justine, die ältere Schwester der beiden Judenhausbesitzer, lebte zuletzt mit ihrem Mann auch in Wiesbaden, hatte geglaubt, der Verfolgung der Familie in Rheinhessen entgehen und in der großen Stadt einen sicheren Ort finden zu können.

Jenny Kramer, geb. Selig, 1890 in Mainz aufgenommen
Mit Dank an David Zinner

Jenny, wie Justine später zumeist gerufen wurde, war am 11. Oktober 1869 in Hechtsheim zur Welt gekommen.[159] Mit 26 Jahren heiratete sie am 19. November 1896 in ihrer Heimatgemeinde den am 20. April 1866 in Schwabenheim bei Bingen geborenen Albert Kramer.[160] Er war das dritte Kind aus der ersten Ehe seines Vaters Leopold Kramer, der inzwischen in Nieder-Olm ansässig geworden war. Vor Albert waren zunächst Emma am 11. Mai 1855 und Marx am 15. März 1862 geboren worden.[161]

Nach der Geburt von Albert muss die Mutter Rosina, geborene Lazarus, verstorben sein, denn der Vater ging zu einem nicht bekannten Zeitpunkt eine neue Ehe mit Caroline Baum ein. In dieser Ehe wurden dann noch einmal vier Kinder geboren, die aber keine Verbindung zur Familie Selig und nach Wiesbaden hatten.[162]

Vermutlich war bereits Alberts Vater Leopold als „Handelsjude“ in Nieder-Olm tätig gewesen, da das dortige Geschäft bereits um 1870 gegründet worden war.[163] Wann der Vater verstarb, ist nicht bekannt, aber spätestens danach übernahmen die beiden Söhne aus der ersten Ehe, Marx und Albert, gemeinsam das Manufakturwarengeschäft, das nun als ‚Gebrüder Kramer’ firmierte und in Nieder-Olm in der Pariser Str. 105, die später zeitweise Hindenburgstraße genannt wurde, gelegen war. Aber nicht nur durch das gemeinsame Unternehmen waren die beiden miteinander verbunden. Drei Jahre nach der Eheschließung von Albert und Justine heiratete auch sein älterer Bruder Marx in die Familie Selig ein und ehelichte Justines jüngere, am 2. Mai 1877 geborene Schwester Emilie.[164]

Am 31. August des Jahres 1897 kam in der Ehe von Justine und Albert Kramer deren einziges Kind, die Tochter Erna in Nieder-Olm zur Welt.[165] In der Ehe des Bruders bzw. der Schwester gab es zwei Nachkommen. Zunächst wurde am 19. Mai 1900 ein Sohn geboren, der im Andenken an den Großvater väterlicherseits den Namen Leopold erhielt.[166] Ein Jahr später kam dann am 22. Juni die Tochter Alice zur Welt.[167]

Erst im Oktober 1922 wurde die bisher gemeinsame Firma der Brüder in der bisher bestehenden Form aufgelöst und jeder der beiden betrieb von nun an ein eigenes Geschäft mit dem gleichen Warenangebot. Die vorhandenen Lagerbestände waren damals zwischen ihnen aufgeteilt worden. Darüber hinaus gab es damals noch mindestens ein weiteres Textilgeschäft, allerdings in Ober-Olm, das ebenfalls einen jüdischen Eigentümer hatte.

Nachdem Albert Kramer eigenständig geworden war, oblag im Wesentlichen ihm und einem weiteren Mitarbeiter der Vertrieb der Waren im Umland. Sie besuchten ihre Kunden in den dortigen Gemeinden zu Hause und boten dort die Stoffe, Kleidung und Wäsche an. Daneben gab es aber auch noch ein Ladengeschäft in Nieder-Olm, das von Albert Kramers Frau Jenny geführt wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und zu Zeiten der Republik waren zumeist noch zusätzlich ein oder auch zwei Angestellte, manchmal auch noch ein Lehrling im Geschäft tätig. Ein ehemaliger Mitarbeiter gab im späteren Entschädigungsverfahren an, dass das „Platzgeschäft“ im Vergleich zum Reisegeschäft schon immer eher bescheiden gewesen sei.[168] Ab 1932, der Zeit der Weltwirtschaftskrise, habe daher Erna Kramer nur noch alleine im Laden gestanden.
Auf Steuerunterlagen aus der Zeit vor 1933 konnte schon in den Entschädigungsverfahren nicht mehr zurückgegriffen werden, weil sie im Krieg vernichtet wurden. Nur die Gemeinde konnte noch angeben, dass das Gewerbekapital sogar um die Mitte der dreißiger Jahre noch etwa 10.000 RM betragen haben soll und das Geschäft ganz offiziell im Handelsregister eingetragen war.[169] Deshalb konnten auch über frühere Umsätze und Erträge nur Mutmaßungen angestellt werden. Diese differierten zwischen Antragstellern und Entschädigungsbehörde erheblich. Während Erna Kramer den jährlichen Umsatz in den Jahren 1926 bis 1933 auf etwa 80.000 bis 90.000 RM, das jährliche Einkommen auf etwa 18.000 RM schätzte, wollte die Entschädigungsbehörde auf Grund von ähnlich gelagerten Fällen höchsten 8.500 RM Einkommen in Ansatz bringen.[170] Einen weiteren Dissens gab es in der Frage, ob die Tätigkeit von Erna Kramer im Geschäft als eigenständige berufliche Tätigkeit zu bewerten und damit auch eigens zu entschädigen sei oder ob sie – gemäß dem traditionellen Frauenbild – als Hilfstätigkeit anzusehen sei, zu der die Ehefrau allein durch ihre Heirat verpflichtet war. Selbstverständlich wurde ihr im damals konservativ geprägten Deutschland die Entschädigung verweigert.

Kein Zweifel bestand aber daran, dass Albert Kramer ein sehr integrer und fleißiger Geschäftsmann war. So charakterisierte ihn in seiner gestelzten Sprache dann auch der ehemalige Bürgermeister in einem Schreiben der Stadtverwaltung vom 18. August 1957:
“Der hierorts gut berufen gewesene Herr Albert Kramer erfreute sich samt seiner Familie allzeit der Wertschätzung der Bürgerschaft von Nieder-Olm. Herr Kramer war ein aufrechtstehender, strebsamer Kaufmann, der hier in Nieder-Olm, in der Pariserstrasse 105 ein Manufakturwarengeschäft betrieb. Über seine Einnahmen können wir nichts verbindliches (sic!) sagen, aber demnach zu urteilen, als er immer ein offenes, bescheidenes u. freundliches Wesen an den Tag legte, musste seine Lebensweise als gut geregelt angesprochen werden.
Das Haus in dem er wohnte, und in dem er, wie schon erwähnt, sein Geschäft betrieb, war sein Eigentum.
Herr Kramer ging immer einer gewinnbringenden Arbeit nach, war allzeit rührig auf den Beinen, und so, hinsichtlich seines Geschäftes zielstrebend.“
[171]
Zwar mag die Charakterisierung von Albert Kramer zutreffend sein, ganz gewiss aber nicht das Urteil, das der Bürgermeister über seine Mitbürger fällte, denn dass Albert Kramer sich deren „Wertschätzung allzeit erfreuen konnte“, stimmte seit 1933 ganz gewiss nicht mehr. Von diesem Zeitpunkt an war es nämlich vorbei mit dieser allseitigen Wertschätzung. Spätestens jetzt gehörte er, der Jude mit seiner Familie, nicht mehr zur Dorfgemeinschaft, wurde gemieden, boykottiert und drangsaliert.

Mit Beginn des Jahres 1933 gingen entsprechend auch die Einnahmen immer stärker zurück. 1935 belief sich das Einkommen der Familie laut der Steuererklärung von Albert Kramer auf rund 5.700 RM, im folgenden Jahr waren es dann nur noch 2.700 RM. 1937 stieg es mit 4.000 RM zwar wieder etwas an, aber der Grund dieses kleinen Aufschwungs scheint die Geschäftsaufgabe des anderen jüdischen Textilhändlers aus Ober-Olm gewesen zu sein.[172] Albert Kramer hatte damals noch einen Teil von dessen Lager übernommen, als dieser, die Zeichen der Zeit richtig deutend, noch im gleichen Jahr aus Deutschland emigrierte.[173] Albert und Erna Kramer mussten erst den Pogrom am 11. November 1938 erleben, um zu beschließen, wenigstens die Stadt zu verlassen, in der die Familie seit Generationen gelebt hatte. „Mit Mühe und Not“ hätten sie „das nackte Leben retten“ können als sie „förmlich aus dem Haus vertrieben“ worden seien, bezeugte ihre Tochter.[174]
Was den finanziellen Schaden anbelangt, so bestand der hauptsächlich in der Zerstörung und Plünderung des Lagers. Tochter Erna bezifferte später den Schaden auf etwa 20.000 RM. Geringer war zwar der finanzielle Schaden, der in den Wohnräumen angerichtet wurde – nach Angaben der Tochter etwa 5.500 RM -, entscheidend war aber, dass die gesamte Einrichtung völlig demoliert und das große Hauses mit seinen neun Zimmern von dem Mob unbewohnbar zurückgelassen wurde.[175]

Unabhängig davon, ob Albert und Justine Kramer nach diesem Ereignis noch in der Stadt hätten bleiben wollen, sie hatten angesichts dieser Zerstörungen gar nicht mehr die Möglichkeit dazu. Unmittelbar nach dem Pogrom verließen sie Nieder-Olm und zogen zu Otto Selig, dem Bruder von Justine, in das große Haus in Wiesbaden in der Oranienstr. 60, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Judenhaus erklärt worden war. Aber natürlich gab es dort nicht die Möglichkeit, eine eigene Wohnung zu beziehen. Im zweiten Stock, in dem Otto Selig bisher mit seiner Haushälterin alleine gelebt hatte, musste Platz für zwei zusätzliche Bewohner geschaffen werden.

Erna Stein, geb. Kramer
Mit Dank an David Zinner

Ihre Tochter Erna hatte den Terror in Nieder-Olm nicht mehr selbst erlebt. Nachdem sie zunächst in ihrem Heimatort die Volksschule und anschließend von 1908 bis 1913 eine höhere Mädchenschule, das heutige Frauenlobgymnasium, in Mainz besucht hatte, ehelichte sie am 14. April 1921 den Kaufmann Otto Stein aus Neustadt an der Haardt.[176] Wieso die Ehe damals angeblich in Wiesbaden geschlossen wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise hatten die recht vermögenden Verwandten, die Onkel Otto und Lucian Selig, die Feier in einem der dortigen attraktiven Hotels ausgerichtet. Wahrscheinlich ist sogar nur die Feier in Wiesbaden ausgerichtet worden, denn in den Unterlagen des Stadtarchivs findet sich kein entsprechender Registereintrag.[177]

Otto Stein hatte zuvor im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient, war zuletzt zum Unteroffizier befördert worden, aber dann bei der ersten Panzerschlacht des Krieges, bei der die Deutschen dieser neuen Waffe nichts entgegensetzen konnten, in britische Kriegsgefangenschaft geraten. Erst am 10. April 1919 wurde er wieder entlassen.[178]
Nach der Eheschließung ließ sich das Paar dann in der Heimatstadt des Ehemanns nieder. Wie Ernas Vater, betrieb auch Ottos Vater Karl Stein eine Manufakturwarenhandlung, aber vermutlich war er zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits verstorben und sein Sohn hatte das Geschäft inzwischen übernommen. Anders als sein Schwiegervater, der noch zu Fuß unterwegs war, fuhr Otto Stein mit einem Fahrrad über Land und bot seine Waren den Bauern der Umgebung an. Es muss ein recht einträgliches Geschäft gewesen sein, denn es gab Angestellte, die den Haushalt führten und auch für die Betreuung des einzigen Kindes verantwortlich waren. Die Tochter Lotte war am 16. Mai 1924 in Neustadt geboren worden.[179] Neben dem Personal lebte im Haushalt auch noch Ottos Mutter Klementine Stein, geborene Bach.[180] Sie, wie auch Otto und Erna Stein selbst führten ein reges soziales Leben, empfingen oft Besuch, gingen ins Theater oder in Konzerte, aber auch im jüdischen Gemeindeleben war man aktiv. Die hohen religiösen Feste wurden gefeiert und die traditionellen Riten beachtet.
Die jüdische Gemeinde in Neustadt konnte auf eine lange Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückblicken, die aber, wie überall, immer wieder durch Phasen der Verfolgung und Entrechtung gekennzeichnet war. Um 1900 lag die Zahl der dort ansässigen Juden über dem regionalen aber auch reichsweiten Mittel, ging aber dann sukzessive zurück.[181] Etwa 350 Personen und somit etwa 1,75 Prozent der Bürger gehörten der Gemeinde in der Zeit der Weimarer Republik an.[182] Hatte man im 19. Jahrhundert und auch in den zwanziger Jahren ein weitgehend gemeinschaftliches Leben zwischen den verschiedenen Konfessionen gepflegt, so änderte sich das mit dem Aufkommen der NSDAP sehr schnell. Vorträge mit dem Titel „Warum sind wir Antisemiten?“ und ersten Anzeigen, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, gab es schon bevor die Macht den Nazis zugefallen war, wurden aber danach mit noch mehr Nachdruck durchgesetzt. Bereits Mitte März 1933, also noch bevor die reichsweite Aktion gegen die sogenannte „Greuelpropaganda“ des Auslandes stattfand, wurde in Neustadt zu „Schutzmaßnahmen“ gegen Juden aufgerufen und besonders städtische Angestellte und Beamte zur Teilnahme aufgefordert. In den örtlichen Vereinen begannen die Säuberungen und 1935 „zierten“ Schilder mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht“ die Einfallsstraßen der Stadt.[183]
Auch die Familie Stein war von diesen antisemitischen Aktionen unmittelbar betroffen. Im April waren SA-Leute auch vor ihr Geschäft gezogen und hatten Kunden am Betreten des Ladens gehindert. 1935 war Otto Stein verhaftet worden – wie lange und aus welchem Anlass hatte seine Tochter nicht mehr sagen können. Sie vermutete, der Grund könnte seine Mitgliedschaft in einer jüdischen Loge gewesen sein. Lotte selbst musste in der höheren Schule, eine Mädchenschule, die sie nach ihrer Volksschulzeit besuchte, die Demütigungen ihrer Mitschülerinnen ertragen. Diese scheuten sich nicht, Lotte sogar mit Steinen zu attackieren. Aber auch manche Lehrer, die zumindest zum Teil in SA- oder anderen angesagten Uniformen unterrichteten, ließen sie spüren, dass sie bestenfalls noch geduldet war. 1937 konnte sie das alles nicht mehr ertragen und verließ die Schule. Erstaunlich ist, dass sie trotz aller Anfeindungen ein Abgangszeugnis erhielt, das fast ausschließlich aus allerbesten Noten bestand. Sie ging dann noch für kurze Zeit in eine jüdische Schule, in der aber Schüler von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam unterrichtet wurden, weshalb es da für die nun Dreizehnjährige nichts mehr zu lernen gab. Aber eine andere Perspektive bot sich für ein so kluges jüdisches Mädchen in Deutschland unter den Nazis nicht mehr. Die Eltern überlegten daher, ihre Tochter mit einem der damals von den Quäkern organisierten Kindertransporte ins Ausland zu bringen, damit sie sich gemäß ihren Fähigkeiten in Freiheit würde entwickeln können. Und tatsächlich erhielt sie eine Zusage. Als aber der Tag der Trennung immer näher kam, konnte die Mutter es nicht über sich bringen, ihr Kind alleine wegziehen zu lassen, nicht wissend, ob es je ein Wiedersehen geben würde. Deshalb entschied sich die Familie damals gemeinsam Deutschland zu verlassen, was aber bedeutete, auch die Eltern bzw. die alte und kranke Mutter zurückzulassen.

Unabhängig von solchen Überlegungen benötigte man die entsprechenden Verbindungen für eine Einreise in die USA, ein Affidavit, mit dem ein Bürger der USA eine Bürgschaft für die Emigranten übernahm. Zwar gab es einen fernen Verwandten, einen Bruder der Großmutter von Otto Stein, der vor vielen Jahren ausgewandert war, zu dem aber kein Kontakt mehr bestand. Dem ‚Jewish Family and Children Service’, an den man sich gewandt hatte, gelang es dann tatsächlich, diese Verwandten ausfindig zu machen und über sie erhielten sie dann auch die notwendige Bescheinigung. Vor der Reichspogromnacht war der Andrang beim amerikanischen Konsulat für eine Visumserteilung noch nicht so groß, wie später. Am 3. Januar 1938 empfingen Kramers von dort die Nachricht, dass sie ihre Visa abholen könnten.

Es begannen nun die konkreten Vorbereitungen, der Verkauf des Hauses, das Packen des Hausrats und der Möbel. Und es gelang ihnen sogar einige Goldstücke und andere Wertgegenstände außer Landes zu schmuggeln. Einer der Zollbeamten, offensichtlich kein Nazi-Anhänger, hatte ihnen den Tipp gegeben, sie in einer Dose mit Tee zu verstecken. Insgesamt konnten sie die nötigsten Sachen, die sie für einen Neueinfang in Amerika benötigten, mitnehmen. Das war damals noch relativ leicht möglich.

Lotte Stein
Kinderausweis von Lotte Stein
USC-Shoah-Foundation

Ottos Mutter konnten sie damals in dem auch unter Nichtjuden früher sehr renommierten jüdischen Altersheim in Neustadt unterbringen. Dann verabschiedete man sich von Freunden und Verwandten. Die Eltern von Erna Stein, die zu dieser Zeit noch in Hechtsheim lebten, besuchten sie im April 1939 ein letztes Mal auf ihrer Zugfahrt nach Rotterdam oder Antwerpen, dem Hafen, in dem das Schiff ankerte, das sie über den Atlantik in die Freiheit bringen sollte.[184] Sie versuchten bei diesem letzten Besuch die Eltern davon zu überzeugen, ebenfalls Visa für die USA zu beantragen, was damals von diesen noch brüsk zurückgewiesen wurde. Man habe seit Generationen hier gelebt, werde geachtet und es werde ihnen ganz sicher nicht ein Haar gekrümmt werden – so die sichere Überzeugung von Albert Kramer. Nur Wenige Monate später hatten sie die Flucht ergriffen, ohne aber in Sicherheit zu sein.

Der Beförerungsvertrag in die Freiheit
Mit Dank an David Zinner

Am 23. April 1939 bestiegen Otto, Erna und Lotte Stein den Dampfer „Königstein“ der ‚Red Star Line’ für die Überfahr nach New York. 300 Dollar kostete die Passage damals für alle drei zusammen. Die meisten Passagiere, auch Steins, wurden unterwegs seekrank, aber als die Statue of Liberty in der Hafeneinfahrt von New York auftauchte, waren alle an Deck in der Hoffnung, das symbolische Versprechen des Monuments würde auch für sie Realität werden.
Aber es folgten, wie bei fast allen Emigranten, zunächst schwierige Zeiten, zumal in den USA noch immer die Wirtschaftskrise mit vielen Arbeitslosen wütete. Ein Herr Marx, dem sie ihr Affidavit zu verdanken hatten, hatte sie vor der Abfahrt noch einmal beschworen, angesichts der wirtschaftlichen Situation die Überfahrt noch einmal zu verschieben. Wie ernst die Lage für Juden in Deutschland inzwischen geworden war, scheint in den USA damals nicht überall bekannt gewesen zu sein.

Erna, Lotte und Otto Stein
Erna, Lotte und Otto Stein nach ihrer Ankunft in Amerika
Mit Dank an David Zinner

Die erste Zeit verbrachten Steins bei Bekannten aus Neustadt in Chicago. Sie entschlossen sich aber bald nach St. Louis in Missouri weiter zu ziehen, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden. Hier lebte ein entfernter Verwandter, der aber selbst zu arm war, um ihnen eine Hilfe sein zu können. Wieder war es der ‚Jewish Family and Children Service’, der ihnen half, ihnen einen kleinen Kredit gewährte, der es ihnen ermöglichte, eine kleine Wohnung zu mieten. Erna Stein fand als versierte Näherin sehr schnell einen Job und ihr Mann Albert verdiente bald als Nachtwächter soviel Geld, dass sie bald ein größeres Appartement anmieten konnten. Aus der Zeit der englischen Gefangenschaft war er der einzige, der wenigstens über rudimentäre englische Sprachkenntnisse verfügte. Lotte hatte aufgrund der sprachlichen Defizite zunächst erhebliche Schwierigkeiten in der Schule, aber in einem der typischen amerikanischen Summer-Camps, für das der ‚Jewish Family-Service’ ebenfalls die nötigen finanziellen Mittel bereitgestellt hatte, gelang es auch ihr Kontakte zu finden und die Kommunikation mit Gleichaltrigen aufzubauen.

Noch gab es damals einen kontinuierlichen Kontakt mit den in Deutschland Zurückgebliebenen. So erfuhren sie auch von den Ereignissen, die sich dort im November 1938 zutrugen, ohne aber helfen zu können. Dringend baten jetzt die Eltern von Erna, die inzwischen in Wiesbaden bei Otto Selig wohnten, alles nur möglich zu tun, um sie aus Deutschland herauszuholen. Wieso das nicht mehr gelang, ist nicht mehr zu sagen. Wahrscheinlich hatten sie zu spät Visen in Stuttgart beantragt, denn Lotte versicherte, dass ihr Vater für viele andere Emigranten Affidavite ausgestellt habe. Allerdings sind auch in den Devisenakten der Eltern keine Hinweise auf eine geplante Ausreise zu finden.
Schlimmer noch als in Nieder-Olm wüteten die Nazi Horden im November 1938 in Neustadt.[185]

Das ehemalige Jüdische Altenheim in Neustadt

Hier wurde nicht nur die Synagoge abgebrannt, sondern auch das jüdische Altersheim. Eine kleine Gruppe war nachts um 3 Uhr mit Beilen und Prügeln dorthin gezogen, hatte die 83 greisen Insassen, zum Teil um die 90 Jahre alt, aus dem Schlaf gerissen und sie nur mit Nachthemden oder Morgenrock bekleidet gewaltsam aus dem Heim gejagt, um es anschließend anzuzünden. Einige wurden durch Schläge schwer verletzt und nicht allen gelang es, das brennende Gebäude rechtzeitig zu verlassen. Sie kamen elendiglich darin um.

Telegramm mit der Nachricht vom Tod von Otto Steins Mutter
Mit Dank an Davis Zinner

Ottos Mutter war noch lebend herausgekommen. Sie wurde danach in einem Altersheim in Mannheim untergebracht, wo bereits eine Schwägerin von ihr ein Zimmer bewohnte, das sie nun für wenige Monate mit ihr teilte. Am 29. Oktober 1939 verstarb sie dort an Darmkrebs.[186]

Wohl weniger in der Hoffnung, dass auch sie noch aus Deutschland herauskommen würden, sondern wohl primär, weil sie auf das Geld angewiesen waren, trennten sich Justine und Albert Kramer im Dezember 1938 von ihrem Haus in Nieder-Olm. Laut Kaufvertrag, den sie am 12. des Monats mit einem Nieder-Olmer Ehepaar abgeschlossen hatten, zahlten diese insgesamt 15.500 RM für die Immobilie,[187] die laut Einheitswertfestlegung von 1935 auf 11.500 RM veranlagt war.[188] Allerdings war das Haus mit einer Hypothek von 8.000 RM belastet, sodass nach Abzug der Nebenkosten Kramers formal noch 7.410 RM erhielten. Aber auch die standen ihnen nicht zur freien Verfügung, sondern mussten auf ein gesichertes Konto eingezahlt werden. 300 RM durften die Eigentümer davon monatlich für ihren Lebensunterhalt abheben.[189]

Vermögenserklärung von Albert Kramer 1940
HHStAW 519/3 3497 (16)

Im Mai 1940 mussten Kramers gegenüber der Devisenstelle ihre finanziellen Verhältnisse darlegen. Sie hatten damals knapp 4.000 RM auf ihrem gesicherten Konto bei der Dresdner Bank, dazu noch etwas Bargeld und „zweifelhafte Außenstände“ von etwa 650 RM. Ihr Jahreseinkommen bezifferten sie auf 50 RM, die monatlichen Ausgaben auf 300 RM.[190] Die Wohnungsmiete samt Nebenkosten war mit 35 RM angesetzt, faktisch konnten sie also mietfrei bei dem Bruder bzw. Schwager wohnen.[191] Dennoch kann man sich leicht ausrechnen, wie lange es gedauert hätte, bis das kleine Vermögen von 4.000 RM durch die monatlichen Ausgaben aufgezehrt worden wäre.

Bis in das Jahr 1941 konnte der Briefkontakt zwischen Erna Kramer und ihren Eltern in Wiesbaden noch aufrechterhalten werden. Der brach dann mit dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg ab und man versuchte über das Internationale Rote Kreuz eine Verbindung wieder herzustellen. Das gelang tatsächlich noch einmal im Spätsommer 1942 kurz vor der für September anberaumten zweiten großen Deportation. Der wenige Worte umfassende Brief auf dem vorgefertigten Formular war allerdings schon am 31. Januar 1942 in St. Louis losgeschickt worden:
“Hoffen Euch Drei gesund beisammen wie auch wir. Arbeiten wie bisher. Geburtstagswünsche Dir lieber Vater. Erwarten Eure Rückantwort. Grüsse und Küsse
Eure Erna – Otto Lotte.“

Die Rückantwort aus Wiesbaden muss in der zweiten Augusthälfte 1942 abgefasst worden sein:
“Wir Beide gesund. Otto im Juni abgereist. Wir folgen bald nach. Freuen uns Eures Wohles und danken für Briefliche Geburtstagswünsche.
Euch Dreien Grüsse – Küsse
Eltern“

 

 

 

 

Das letzte Lebenzeichen, das Erna Stein von ihren Eltern aus Wiesbaden erreichte
Mit Dank an David Zinner

Justine Jenny Selig
Stolperstein für Justine Kramer, geb. Selig, in Hechtsheim

Es war das letzte Lebenszeichen, das Erna Stein und ihre Familie in Amerika von ihren Eltern erhielt. Nach dem Krieg, im Februar 1947, erreichte sie die Nachricht und damit die Gewissheit, dass beide ermordet worden waren. Ein überlebender Rabbi aus Theresienstadt namens Neuman teilte ihnen mit, dass beide an Ernährungsmangel und Entkräftung im Lager verstorben seinen. Die Leichen seien auf dem dortigen Friedhof bestattet worden und er selbst habe die traditionellen Trauergebete gesprochen.[192] Albert Kramer war am 13. Dezember 1942, seine Frau Justine vier Wochen später am 18. Januar 1943 zu Tode gekommen.

Erna und Otto Stein blieben mit ihrer Tochter Lotte in St. Louis wohnen. Erna Stein verstarb dort am 13. November 1967 im Alter von 70 Jahren. Ihr Ehemann Otto Stein erreichte sogar das 90ste Lebensjahr. Er verstarb am 13. September 1980.[193]

Lotte Stein mit ihren Eltern Erna und Otto Stein
Lotte Stein mit ihren Eltern Erna und Otto Stein
Mit Dank an Davis Zinner

Ihre Tochter Lotte hatte am 30 Juni 1947 in St. Louis Julius Zinner geheiratet, der als Emigrant aus Hamburg in die USA gekommen war. Er war dort am 22. November 1911 als Sohn von Wilhelm und Eva Zinner, geborene Cohn, geboren worden.[194] Ihnen wurden die beiden Kinder Jane und David geboren,[195] die inzwischen selbst schon Großeltern sind und in Maryland bzw. Kalifornien leben.

1974 waren Lotte und ihr Mann Julius Zinner noch einmal nach Deutschland gereist, um die Orte ihrer ermordeten Vorfahren zu besuchen. Sie besuchten zunächst emotional noch relativ distanziert Hamburg, die Stadt, in der Julius Zinner aufgewachsen war. Anschließend fuhren sie nach Neustadt, um das Elternhaus von Lotte noch einmal zu sehen und auf dem jüdischen Friedhof die Gräber der verstorbenen Verwandten zu besuchen. Den Schlüssel mussten sie in dem Altersheim abholen, in dem die Großmutter fast verbrannt wäre. Auf dem Friedhof fanden sie nichts, kein Grab war mehr vorhanden, das an ihre Vorfahren erinnert hätte. Panikartig trat Lotte Zinner damals mit ihrem Mann die Flucht aus dem Ort an, der für sie mit so vielen grauenhaften Erinnerungen verbunden blieb, die sich jetzt mit aller Macht wieder ins Bewusstsein drängten. Wieder in den USA angekommen, habe sie in Dankbarkeit, dort ein sicheres Leben gefunden zu haben, den Boden geküsst. „I couldn’t wait to get back.“

Julius Zinner verstarb am 21. Januar 1997 in St. Louis, Lotte Zinner am 13. Februar 2017 etwa zehn Jahre, nachdem sie das Interview über das Schicksal ihrer Familie gegeben hatte.[196]

Marx und Emilie Kramer, geborene Selig

Wie bereits angemerkt kam es zwischen den beiden Familien Selig und Kramer zu gleich zwei ehelichen Verbindungen. Marx, der älteste Sohn von Leopold Kramer aus der ersten Ehe mit Rosina Lazarus, geboren am 15. März 1862, heiratete am 19. Juli 1899 in Hechtsheim Justinas älteste Halbschwester Emilie, genannt Milli, aus der ersten Ehe von Ludwig Selig.[197]

Heirat von Emilie Selig und Marx Kramer
Heiratsregister Hechtsheim 24 /1899

Nachdem die jeweiligen Geschwisterpaare das ursprünglich gemeinsam geführte Manufakturwarengeschäft getrennt hatten, blieb Marx mit seiner Frau aber weiterhin in unmittelbarer Nähe zum Bruder in der Pariser Str. 98 wohnen. Auch der Laden, sofern es einen solchen überhaupt gab, wird dort angesiedelt gewesen sein. Welchen Erfolg er mit seinem Geschäft hatte, konnte wegen fehlender Unterlagen nicht ermittelt werden. Anders als die jeweiligen Geschwister erlebten Emilie und Marx die Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr bzw. nur noch in seinen Anfängen. Milli Kramer verstarb am 19. Dezember 1931 in Nieder-Olm, ihr Ehemann drei Jahre später am 23. Dezember 1934.[198]

Dem Ehepaar waren aber zuvor zwei Kinder geschenkt worden, denen es gelang, im Exil zu überleben. Schon bald nach der Heirat war am 19. Mai 1900 der Sohn Leopold II zur Welt gekommen. Der Kaufmann heiratete am 28. November 1938 wenige Monate vor der Auswanderung die dreißigjährige Betty Strauß aus dem bei Bad Kreuznach gelegenen Norheim.[199]
Vor ihrer Emigration müssen sie noch eine kurze Zeit in Wiesbaden bei ihrem Onkel Otto Selig in der Oranienstr. 60 verbracht haben, zumindest hat die Gestapo in Wiesbaden noch eine Karteikarte für sie angelegt, in der aber das Einzugsdatum nicht eingetragen wurde. Vermutlich diente der Aufenthalt auch nur zur Überbrückung der kurzen Zeit, bis sie ihr Schiff besteigen konnten. Da die Ehe Ende November geschlossen worden war, Betty auf der Karteikarte schon als Ehefrau von Leopold Kramer bezeichnet wird und beide – auch das ist dort vermerkt – am 6. April 1939 die Ausreise nach Uruguay antraten, kann der Aufenthalt in Wiesbaden kaum länger als ein Vierteljahr gedauert haben. Über ihre Zeit in Wiesbaden ist so wenig bekannt, wie über ihr Leben im südamerikanischen Exil. Leopold soll dort in Montevideo am 14. Oktober 1960 verstorben sein, seine Frau im Mai 1983.[200]

Nicht viel mehr weiß man über Leopolds Schwester Alice, die am 22. Juni 1901 ebenfalls in Nieder-Olm geboren wurde. Sie heiratete am 16. Juli 1935 den Expedienten Hermann Seligmann, geboren am 12. Juni 1898 in Rohrbach.[201] Schon am 27. Januar 1937 verließen sie Deutschland mit dem Schiff ‚SS Washington’ von Hamburg aus, um in Amerika eine neue Heimat zu finden.[202] Auf dem Schiff befanden sich noch weitere Passagiere aus Sinsheim bzw. dem Heidelberger und Mannheimer Raum. Offensichtlich waren damals mehrere Familien oder Freunde gemeinsam aufgebrochen. Alice und Hermann Seligmann blieben den Rest ihres Lebens in New York wohnen, wo sie auch bei der Volkszählung im Jahr 1940 registriert wurden.[203] Im Juli 1943 erhielten sie die Einbürgerungsurkunde, die sie im Februar 1938 beantragt hatten.[204] Beide verstarben – vermutlich kinderlos – in New York, Alice im Mai 1984, Hermann Seligmann am 9. August 1988.[205]

Karl Siegmund und Jenny Selig, geborene Scheuer

 Am 6. Mai 1875 wurde in Hechtsheim das erste Kind in der zweiten Ehe von Ludwig Selig geboren. Der Sohn, von dem seine Frau Emma entbunden wurde, erhielt den Namen Karl Siegmund.[206] Er übte später in seiner Heimatgemeinde den Beruf eines Viehhändlers aus und muss darin auch recht erfolgreich gewesen sein, wie man den späteren Steuerunterlagen entnehmen kann.[207]

Am 20. Oktober 1907 heiratete er die aus dem badischen Michelfeld stammende Jenny Scheuer, Tochter von Gerson und Friedericke / Rifka Scheuer, geborene Ries. Der im Register eingetragene Vorname, der am 11. Dezember 1885 Geborenen, lautete eigentlich Jeäni, in den späteren Dokumenten wird sie aber immer nur als Jenny bezeichnet.[208]

Ihre Wohnung hatte das Paar im Elternhaus Grauelstr. 6 in Hechtsheim, das von der damals noch lebenden, aber schon nach Wiesbaden verzogenen Mutter Emma Selig gepachtet worden war.[209]
Am 16. September des folgenden Jahres wurde ihre Tochter Erna und am 18. Juni 1913 eine weitere Tochter namens Liselotte, genannt Lotte, geboren.[210] Der Sohn Karl Ludwig, der im Jahr 1910 zwischen den beiden Töchtern zur Welt kam, wurde nur sieben Jahre alt.[211] Ob der Vater beim Tod seines Sohnes zugegen war, ist eher unwahrscheinlich. Das muss man aus einem kurzen Brief seiner Frau aus dem Februar des Jahres 1917 schließen, in dem sie das Finanzamt Mainz darum bat, ihr die Frist zur Abgabe der fälligen Steuererklärung zu verlängern, da ihr Mann sich zur Zeit in Russland befände, mit großer Sicherheit irgendwo an einer der Fronten des Ersten Weltkriegs.[212]
Er kehrte von dort zwar zurück, aber die Zeit, die ihm noch vergönnt war, betrug nur wenige Jahre. Er verstarb schon am 9. Juni 1926 im Alter von nur 51 Jahren in Hechtsheim.[213] Die Witwe scheint den Betrieb zunächst noch alleine weiter geführt zu haben. Das kann man einer Einheitswertberechnung des Mainzer Finanzamts aus dem Jahr 1928 schließen, in dem der Wert der Viehhandlung mit 9.100 RM beziffert wurde. Das Grundvermögen belief sich auf mehr als 28.000 RM.[214]

Etwa Ende der Zwanziger Jahre muss Jenny Selig den Handelsbetrieb aufgegeben und Hechtsheim verlassen haben, um nach Wiesbaden zu ziehen. Zwar liegt kein Ummeldeformular vor, aber auf der Vermögenserklärung des Jahres 1931, die in Wiesbaden abgegeben wurde, ist vermerkt, dass die vorherige noch in Mainz vorgelegt wurde.[215] Unbekannt ist, ob auch die beiden Töchter damals mit in die Wohnung im ersten Stock der Philippsbergstr 38 gezogen waren. Als ihren Beruf hatte Jenny Selig in den Unterlagen Rentnerin angegeben, im Adressbuch ist sie etwas vornehmer als Privatiere geführt. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie in den folgenden Jahren vermutlich weitgehend aus Zinserträgen und der Verpachtung von Äckern sowie einem Weinberg in Hechtsheim. Auch das Elternhaus, an dem sie einen Anteil von einem Fünftel hatte, war vermutlich nach ihrem Auszug vermietet worden. Ihre jährlichen Einkünfte beliefen sich nach ihren eigenen Angaben in den Jahren 1931 bis 1937 zumeist zwischen 2.000 und 3.000 RM. Ihr Vermögen von etwa 50.000 RM setzte sich 1935 weitgehend aus Wertpapieren und Immobilien zusammen.[216] Es war immerhin so groß, dass sie im Februar 1936 der Firma ‚M. & L. Scheuer’ in Frankfurt, Darmstädter Landstr. 220, ein Darlehen über 15.000 RM, verzinst mit 5 Prozent, gewähren konnte.[217] Bei der dort angesiedelten Firma handelte es sich um eine Plakatfabrik, die von Max und Leo Scheuer geführt wurde, vermutlich Brüder von ihr. Zumindest wird in einem späteren Brief ein Bruder Leo Scheuer erwähnt.[218]

Bis etwa 1933 hatte Jenny Selig in der Philippsbergstraße gewohnt, dann war sie in die Klopstockstr. 5 IV verzogen. Unter dieser Adresse ist sie mit ihrer jüngeren Tochter Lotte im Jüdischen Adressbuch von 1935 eingetragen, nicht aber in den allgemeinen Wiesbadener Adressbüchern.

Ob die Angabe im Jüdischen Adressbuch aber bezüglich ihrer Tochter Lotte richtig ist, muss zumindest in Frage gestellt werden, denn in einer Sicherungsanordnung gegen Jenny Selig vom Juli 1938 heißt es zu Begründung, dass eine der beiden Töchter bereits 1933 nach England ausgewandert sei.[219] Es kann sich eigentlich nur um Lieselotte gehandelt haben, da deren ältere Schwester Erna am 25. Juli 1935 in Wiesbaden den aus Kassel stammenden Alfred Grünewald heiratete. Er war dort am 16. September 1908 als Sohn von Siegmund und Emilie Grünewald, geborene Wolf, zur Welt gekommen.[220] Wo sich die beiden nach der Eheschließung niederließen, ist nicht bekannt. In den Wiesbaden Adressbüchern sind sie nicht mehr genannt. Vermutlich waren sie bald nach Essen gezogen. Zumindest ist die Stadt als ihr letzter deutscher Wohnsitz auf der Passagierliste der ‚Statendam’ angegeben, mit der sie am 1. Oktober 1938 von Rotterdam aus Europa verließen, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen.[221]

Ausreise von Alfred und Erna Grünewald sowie von Jenny Selig
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6231-0585?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=24035392

Ebenfalls an Bord war Ernas Mutter Jenny Selig. Auch sie hatte Essen als ihren letzten Wohnsitz in Deutschland angegeben. Von ihrem Wegzug aus Wiesbaden und auch vom Termin ihrer Ausreise hatten zumindest die Finanzbehörden offenbar keine Kenntnis erhalten bzw. diese Informationen nicht zur Kenntnis genommen. Sie wähnten sie damals weiterhin als Bewohnerin Wiesbadens. Erst in einem Brief der Zollfahndungsstelle Mainz vom 29 Dezember 1938 an die Devisenstelle Frankfurt, in dem die Sicherung des Erlöses aus einem Hausverkauf beantragt wurde, heißt es: „Sicherungsanordnung (…) gegen die Jüdin Jenny Selig, geb. Scheuer, früher Wiesbaden, Schenkendorfstr. 3, jetzt Essen /Ruhr, Rollinghauserstr. 112.“ Zu diesem Zeitpunkt befand sich Jenny Selig allerdings auch schon lange nicht mehr in Essen, sondern war längst in den USA angekommen.

Bitte um eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für Jenny Selig
HHStAW 685 700 (o.P.)

Eigentlich waren die Behörden aber rechtzeitig von ihren Absichten unterrichtet worden. So hatte der ehemalige Landgerichtsrat Dr. Joseph Cahn, „zugelassener Devisenberater“, wie es in seinem Briefkopf heißt, bereits am 31. August 1938 beim Finanzamt Wiesbaden eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für Jenny Selig beantragt und darin angegeben, dass seine Mandantin die Absicht habe, spätestens Ende Oktober in die USA auszureisen. Er erbat zudem die Berechnung der dann fälligen Reichsfluchtsteuer. Eine gesonderte Verpfändung für diese Abgabe sei schon deshalb unnötig, weil die Konten seiner Mandantin ohnehin gesichert seien.[222] Die erbetene Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde dann vom Finanzamt Wiesbaden noch am selben Tag erteilt.[223] Man war also behördlicherseits prinzipiell über ihre Pläne, wenn auch nicht über die einzelnen konkreten Schritte unterrichtet.
Die in dem Schreiben genannte Adresse in der Schenkendorfstraße, wo sie bei der jüdischen Familie Trief ein Zimmer angemietet hatte, war wohl tatsächlich die letzte, die sie in Wiesbaden hatte. Nach den Recherchen der Zollfahndung wohnte sie dort vom 15. Oktober 1936 bis zum 3. September 1938. Dann hatte sie sich nach Essen abgemeldet, um dort bei ihrer Tochter auf die Abfahrt des Schiffes zu warten.[224] Bevor sie in Wiesbaden in die Schenkendorfstraße gezogen war, wohnte sie allerdings noch ein halbes Jahr, vom 8. April bis zum 15. Oktober 1938, in der Oranienstr. 60 bei ihrem Schwager Otto Selig, dessen Haus zu diesem Zeitpunkt noch kein Judenhaus war.

Antrag auf Erlass einer Sicherungsanordnung gegen Jenny Selig
HHStAW 519/3 12465 (1)

Mit dieser Adresse war der Brief versehen, mit der die Zollfahndungsstelle Mainz im Juli 1938 bei der Devisenstelle in Frankfurt die erste Sicherungsanordnung beantragt hatte. Darin waren auch die damaligen Vermögenswerte von Jenny Selig aufgelistet, immerhin insgesamt rund 55.000 RM.[225] Sie hatten sich gegenüber der Berechnung von 1935 inzwischen sogar vergrößert. In der Auflistung findet man auch ein Haus in der Emmeranstr. 4 in Mainz im Wert von 23.000 RM und andere Grundstücke.[226] Haus und Äcker durften nur verkauft werden, wenn der Erlös auf ein gesichertes Konto fließen würde, so die Anordnung, die die Behörde in Frankfurt dann am 19. Oktober 1938 erließ.[227] Selbstverständlich erreichte Jenny Selig diese Anordnung nicht mehr. Der Brief ging zurück an den Absender mit der Bemerkung „Empfängerin ins Ausland verzogen.“[228]

Verkauf des Hauses in der Emmeranstraße in Mainz
HHStAW 685 700 (97)

Das Wertpapierdepot, nach dem die Devisenstelle dann fahndete, war, so teilte die Frankfurter Bank am 25. Oktober 1938 mit, zuvor bereits aufgelöst worden.[229] Mit den fälligen Ermittlungen wurde die Zollfahndungsstelle Düsseldorf, zuständig für Jenny Seligs letzten Aufenthaltsort Essen, beauftragt.[230] Im Januar 1939 meldete diese die Ergebnisse ihrer Nachforschungen an die Devisenstelle in Frankfurt. Demnach hatte die Düsseldorfer Stelle sofort nach dem Umzug noch im September selbst eine Sicherungsanordnung erlassen, durch die auch der beim Verkauf der Wertpapiere erzielte Erlös dem Zugriff der Eigentümerin entzogen wurde. Das Haus in der Mainzer Emmeranstraße hatte sie zuvor, am 23. August 1938, für 19.000 RM verkaufen können, allerdings war die damals noch zuständige Frankfurter Devisenstelle erst am 26. April 1939 vom Mainzer Rathaus darüber in Kenntnis gesetzt worden.[231] Aber auch das ihr daraus zugeflossene Geld konnte sie nur zu einem kleinen Teil für sich nutzen.

Rund 13.000 RM hatte sie von dem Erlös für die Zahlung der Reichsfluchtsteuer verwenden müssen,[232] mehr als 800 RM für weitere Steuern, 2.000 RM waren auf das gesicherte Konto eingezahlt worden und für 3.000 RM hatte sie Waren für die Auswanderung angeschafft. „Soweit hier festgestellt werden konnte, ist Frau Wwe. Selig, die bereits ausgewandert ist, ein Verstoss gegen §37a Devisengesetz nicht nachzuweisen“, schlussfolgerte die Zollfahndungsstelle Essen abschließend am 27. Januar 1939.[233]

Die genannten Steuern waren aber nicht die einzigen finanziellen Forderungen, die sie vor und sogar noch nach ihrer Ausreise erfüllen musste. Die DEGO-Abgabe für neu erworbene Güter belief sich auf mindestens 1.000 RM.[234]

Aus einem Brief, den Rudolph Selig,[235] den sie als ihren Bevollmächtigten eingesetzt hatte, ergibt sich, dass auch die ihr, noch auferlegte Judenvermögensabgabe in Höhe von 6.400 RM gezahlt worden war, obwohl sie zum Zeitpunkt des Pogroms gar nicht mehr in Deutschland lebte.[236] Er hatte, so schreibt er in seinem Brief vom 29. Januar 1939, zumindest die erste Rate noch überwiesen. In einem weiteren Brief vom 29. Januar 1940 versichert er ihr, dass er auch die 5. Rate hatte überweisen können.[237] Ende 1938 und auch 1939 war es ihr noch gelungen, Geld von ihrem Konto in Devisen umzutauschen und nach Amerika zu transferieren. Für 2.510 RM erhielt sie gerade mal 60 Dollar, später für weitere 4.800 RM noch einmal 115 Dollar. Zwischenzeitlich hatte man als Pfand einen weiteren Transfer verweigert, bis auch die 5. Rate der „Sühneleistung“ bezahlt war. Auch die Auswandererabgabe, die die ‚Reichsvereinigung der Juden’ im Auftrag des RSHA von den auswanderungswilligen Juden verlangte, musste Jenny Selig noch zahlen, obwohl sie bereits vor dem Erlass der Anordnung Deutschland verlassen hatte. Ihr Konto wurde bis zur Zahlung einfach gesperrt. Als sie dann Ende 1939 erneut den Versuch machte, Geld zu transferieren, riet ihr Rudolph Selig davon ab. Für 100 RM würde sie nur noch 4 Dollar bekommen. Es sei besser, das Geld im Inland zu verwenden, etwa zur Unterstützung hier noch lebender Verwandter, wie etwa ihr bedürftiger Bruder Leo, was die Schwester dann auch beherzigte.
Eine Hypothek, die zu ihren Gunsten auf einem Hausgrundstück in Hechtsheim in der Höhe von 7.500 RM eingetragen worden war, zog der deutsche Fiskus 1944 samt Zinsen einfach ein.[238]

Leider sind in den Entschädigungsakten nur solche Ausschnitte der Briefe zwischen den zurückgebliebenen Verwandten in Deutschland und den Emigranten erhalten geblieben, die die finanziellen Angelegenheiten betreffen. Andere Aspekte sind hier nur am Rande erwähnt. Aber aus solchen Sätzen geht hervor, welche Probleme es beim Informationsaustausch gab. Es scheint sogar zumindest teilweise so gewesen zu sein, dass diejenigen, die entkommen waren, den Kontakt mit den Zurückgebliebenen – möglicherweise aus Schuldgefühlen – mieden. So beklagt sich Rudolph Selig bei Jenny Selig, dass er von Erna und Alfred Grünewald nichts hören würde. „Soll ich Ernas absolute Schweigsamkeit als gutes oder als schlechtes Zeichen deuten“, fragt er deren Mutter. „So fern und getrennt man auch heute ist, umso näher fühlt man sich in Gedanken verbunden und freut sich über jedes noch so magere Lebenszeichen, gerne hätten wir alle, auch Otto, mehr von Luzian gehört, und wir hoffen, dass er nun auch bald alle Hindernisse der Reise bezwungen hat, er hätte ruhig weniger einsilbig sein können,“ heißt es in einem anderen Brief vom 29. Januar 1940. Im diesem schreibt er auch, dass er seit etwa einem Vierteljahr nichts von seiner Auftraggeberin. Von Jenny Selig, gehört, habe, weshalb er dann nach Frankfurt gefahren sei, um ihre Brüder zu treffen. Bei diesem Besuch, bei dem er diese zum ersten Mal kennen lernte, erfuhr er dann, dass es ihr relativ gut gehen würde. Wie sich später herausstellte, war die an ihn gerichtete Post aus Amerika zunächst in der Zensur hängen geblieben und deshalb erst verspätet in Wiesbaden angekommen.[239] Es ging Jenny Selig nur insoweit gut, als sie nicht das Leid ertragen musste, das die Jüdinnen und Juden in Deutschland zu erleiden hatten. Aber auch sie musste sich, wie die meisten anderen Emigranten, in Amerika mehr oder weniger durchschlagen, musste mit einfachsten Näharbeiten notdürftig ihren Lebensunterhalt verdienen. Erst im November 1955 erhielt sie eine erste kleine Entschädigungszahlung von 3.800 DM und dann im Mai 1956 eine weitere Zahlung über 3.400 DM.[240] Jenny Selig verstarb im Februar 1969 in den USA .[241]

Anders als Erna hatte Jennys Tochter Lieselotte den Kontakt nach Deutschland stärker gepflegt. So heißt es einem der Briefe: „Von Zeit zu Zeit schreibt uns Lotte, sehr lieb, wir freuen uns immer über die Fortschritte des kleinen Peter unterrichtet zu sein.[242] Leider liegen keine weiteren gesicherten Angaben über das weitere Schicksal von Lotte Selig nach ihrer Emigration nach England vor. Vermutlich hatte sie noch in Europa geheiratet und hatte mit ihrem Mann und dem Sohn Peter später die Überfahr nach Amerika angetreten. Möglicherweise war die Familie dann in Kanada ansässig geworden.[243]

Auch über das Schicksal der älteren Schwester Erna ist wenig bekannt. Am 19. Januar 1939 hatten Erna und ihr Ehemann Alfred Grünewald in New York einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. [244] 1941 war er in die Armee eingezogen worden. Eigenartigerweise ist als Kontakt auf der Registrierungskarte nicht seine Frau, sondern der Cousin angegeben, der schon auf den Einreisepapieren genannt wurde.[245] Alfred Grünewald verstarb bereits am 12. Januar 1956 in New York,[246] Erna mehr als 30 Jahre später im Jahr 1983.[247]

 

Das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 nach den Deportationen

Aufriss des 3. Stockwerks des Judenhauses
HHStAW 519/2 2173

Wie in fast allen Wiesbadener Judenhäusern wohnten im Haus am Kaiser-Friedrich-Ring 80 auch in den Jahren zwischen 1939 und 1942 nie ausschließlich Juden. Der größere Teil der nichtjüdischen Mieter war aber ausgezogen. Allerdings ist nicht mehr festzustellen, wann die im Wiesbadener Adressbuch von 1938, dem letzten vor Kriegsbeginn veröffentlichten Adressbuch, noch genannte nichtjüdischen Bewohner das Haus verließen. Neben dem in Mischehe lebenden Arzt Alfred Goldschmidt, der bis zu seiner Auswanderung 1943 mit seiner Frau dort wohnte, blieb auch der arische Fabrikant Pareras dort wohnen, als aus dem Haus ein Ghettohaus wurde.[248] 1938 gab es aber vermutlich noch zwei weitere nichtjüdische Mieter in dem Haus, die aber in der Folgezeit sich eine andere Unterkunft suchten. Neben der Eigentümerfamilie wohnten aber 1938 immerhin schon drei weitere jüdische Mietparteien in dem Haus, das sich dann in den folgenden Jahren zusehends mit jüdischen Bewohnern füllte, zum Teil Verwandte der Eigentümer, zum Teil vermutlich zwangseingewiesene Familien. Insgesamt waren es vermutlich 24 jüdische Personen, die zwischen 1939 und 1942 im Haus Kaiser-Friedrich-Ring 80 allerdings nicht alle zur gleichen Zeit untergebracht waren.

Nachdem alle – von Adolf Goldschmidt abgesehen – das Haus verlassen hatten, emigriert, ausgezogen oder deportiert worden waren, begann das Geschachere um die Immobilie. Im November 1942 hatte die Gestapo Frankfurt beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin den Vermögensverfall des ausgewanderten Lucian Selig beantragt. Neben einem Auswanderersperrguthaben in Höhe von etwa 1.300 RM bei der Commerzbank, beanspruchte der Reichsfiskus auch dessen Anteil am Grundvermögen Kaiser-Friedrich-Ring 80.[249] Der Anteil seines Bruders war bereits unmittelbar nach dessen Deportation dem Reich verfallen.
Schon am 10. Juli 1942, da war das Haus noch nicht einmal „judenfrei“, meldete sich der erste Interessent, der beim Finanzamt vorstellig wurde und um Vormerkung für den Erwerb des Hauses bat. Er sei, so schrieb er, „alter Parteigenosse der NSDAP“ und „Weltkriegsteilnehmer 1914/18“.[250] Eine Witwe aus Asbach im Westerwald hatte wenigstens noch abgewartet, bis mit der letzten großen Deportation auch die noch vorhandenen jüdischen Bewohner das Haus zwangsweise verlassen mussten. Auch sie hatte ähnlich gute Argumente für ihre Anwartschaft vorzubringen.[251] Das Finanzamt lehnte aber alle Bewerbungen mit der Begründung ab, dass das Gebäude bis auf weiteres für Bedienstete der Reichsfinanzverwaltung zur Verfügung stehen solle und daher nicht verkauft werden dürfe.[252] Erst im Juni 1943 beantragte das Finanzamt Wiesbaden die Eintragung der Immobilie im Grundbuch auf den Namen des Deutschen Reiches.[253] Schon am 7. Juli wurde dann die Umschreibung vollzogen.[254]
Die Verwaltung des Hauses wurde, wie in vielen anderen Fällen auch, der dem Regime nahestehenden Haus- und Vermögensverwaltung von Briel in der Yorckstr. 10 übertragen. Sie hatte gegenüber der Liegenschaftsstelle im Finanzamt die Abrechnungen vorzulegen und auch die neuen Mietverträge anzuberaumen. So wurden z. B. am 8. November 1943 von dem Verwalter, allerdings ohne Angabe über den Berechnungszeitraum, 3.500 RM auf das Konto der Finanzbehörde überwiesen.[255] Um der wachsenden Wohnungsnot Herr zu werden, war schon im Frühjahr 1943 die ehemalige 7-Zimmerwohnung von Lucian Selig durch entsprechende Baumaßnahmen geteilt worden, sodass noch mehr Personen in das Haus einziehen konnten.

Aber die Vorstellung, dass nach der Abschiebung der Juden sich in dem Wohnkomplex eine, entsprechend der Ideologie der „Volksgemeinschaft“, wahre „Hausgemeinschaft“ ausbilden könnte,[256] erwies sich als Trugschluss. Schon bald kam es zu verschiedenen Streitigkeiten zwischen den Bewohnern, die sogar vor Gericht ausgetragen werden mussten. Eine Familie, die bereits im Mai 1941, also noch vor der Räumung des Hauses von seinen jüdischen Mietern, von der NSDAP Ortsgruppe Südend in die Wohnung des jüdischen Ehepaars Rosenau eingewiesen worden war, weigerte sich, als man ihr eine andere Unterkunft zuwies, die quasi besetzte Wohnung zu verlassen. Auch war sie nicht bereit, die Miete, die für sie bisher das Ehepaar Rosenau bezahlt hatte, nach deren Deportation, selbst zu zahlen.[257]
Es muss in dem Haus auch mehrfach zu unwürdigen Szenen gekommen sein, in denen im Besonderen die Frauen sich mit diversen Beschimpfungen gegenseitig beleidigten. Nächtliche Gelage mit fremden Männern, bei denen Unmengen Alkohol konsumiert wurden und Kleinkinder unbeaufsichtigt blieben, scheinen den Hausfrieden erheblich gestört zu haben und sogar die Sittenpolizei auf den Plan gerufen zu haben. Auch wegen verschiedener Einbrüche in die Kellerräume und Verschlägen musste mehrfach die Polizei kontaktiert werden. Sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, in denen sich Hausbewohner gegenseitig mit einem Beil bedrohten, scheint es gekommen zu sein. All das ist in mehreren Briefen und Eingaben der Bewohner und des Hausmeisters an die Hausverwaltung festgehalten worden.[258]
Zu den Opfern von Diebstählen zählte auch Frau Dax, die ehemalige Hausangestellte von Lucian Selig, der ihr Gasofen von einer Mitbewohnerin gestohlen wurde. Ihr war, was sie durch entsprechende Schenkungsurkunden auch nachweisen konnte, von Lucian Selig versprochen worden, dass sie neben den zurückgelassenen Möbeln auch 2.000 RM aus dem Verkaufserlös des Hauses erhalten sollte. Es sei, so schrieb sie am 29. Mai 1945 – also nach der Befreiung – an das Finanzamt, aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als Hausgehilfin bei der Familie des Hauseigentümers zwischen ihnen ein freundschaftliches Verhältnis entstanden und sie habe der Familie Selig viel Gutes zu verdanken. So sei vereinbart worden, dass sie im Haus verbleiben solle, um die Interessen der Seligs bis zu ihrer Rückkehr wahrzunehmen. Da dieser Verkauf aber bisher nicht zustande gekommen war, erklärte sie sich bereit, auf das Geld zu verzichten, sofern sie wenigstens die Möbel behalten dürfe. Das wurde ihr zugestanden, allerdings hatte sie die Zimmer freizuräumen, in denen diese bisher noch standen.[259] Sie selbst bewohnte damals zwei Mansardenräume unterm Dach des Hauses.

Zerstörungen nach dem Luftangriff am Kaiser-Friedrich-Ring in der Nähe des Bahnhofs (links oben, Kaiser-Friedrich-Ring 80 = roter Pfeil)
Mit Genehmigung des Stadtarchivs Wiesbaden

Die Wohnsituation im Haus verschlechterte sich gravierend, nachdem das Gebäude bei zwei Fliegerangriffen am 28. Juli und am 11. Oktober 1944 erheblich beschädigt worden war.[260] Von Briel bat die Verwertungsstelle beim Finanzamt um eine Neuberechnung der fälligen Mieten. Auch die Wohnräume von Frau Dax waren im Februar 1945 völlig ausgebrannt, sodass sie zunächst im Keller, dann außer Haus bei einer Freundin unterkommen musste.

Am 9. Juni 1945 wurde die Verwaltung des Hauses von Briel entzogen und dem, dem Widerstand nahestehenden Hausverwalter Heinzmann zugeteilt. Durch Beschluss des Amtes für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung wurde das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 am 3. Juni 1950 wieder auf den Namen der rechtmäßigen Eigentümer bzw. deren Erben im Grundbuch eingetragen.[261]

 

Veröffentlicht: 23. 12. 2022

 

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Anmerkungen:

[1] Keim, Hechtsheimer israelitischer Friedhof, S. 128.

[2] Keim, Hechtsheimer Juden, S. 9.

[3] Ebd. S. 31.

[4] Die Angabe über die Eltern findet sich in seinem Todeseintrag, siehe Sterberegister Hechtsheim 45 / 1857. Die Hechtsheimer Stolpersteininitiative hat zu einzelnen Familienmitgliedern wichtige Recherchen durchgeführt, auf die im Folgenden auch zurückgegriffen wird. Siehe dazu https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022). Leider fehlen in den kurzen Artikeln die Quellenangaben.

[5] Heiratsregister Hechtsheim 12 / 1859.

[6] Diese Angabe ist unter https://www.geni.com/family-tree/index/6000000021302717241 zu finden, (Zugriff: 30.10.2022). Ob die dortigen Angaben alle richtig sind, konnte im gegebenen Rahmen nicht verifiziert werden. Die Angaben stimmen aber auch weitgehend mit denen überein, die David Zinner, ein Nachkomme der Familie in den USA, bei seinen Recherchen gefunden hat. Siehe David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum. Allerdings hat sich im Verlaufe der eigenen Nachforschungen gezeigt, das Davis Zinner gerade bei den konkreten Lebensdaten einige Fehler unterlaufen sind. Dennoch waren seine Recherchen eine wichtige Hilfe bei der vorliegenden Darstellung über das Schicksal der großen Familie Selig, für die der Autor hiermit seinen Dank zum Ausdruck bringen möchte. Siehe zu den Namen im Einzelnen den eingefügten Stammbaum.

[7] Keim, Hechtsheimer israelitischer Friedhof, S. 128.

[8] Heiratsregister Hechtsheim 8 / 1863

[9] Geburtsregister Hechtsheim, 26 / 1821 und Sterberegister Hechtsheim, 11 / 1906.

[10] Heiratsregister Weisenau 1 / 1852. Die Heirat fand am 21.1.1852 in Weisenau statt. Seine 29jähreige Braut Ester Kahn, stammte von dort, wo ihre Eltern ebenfalls eine Metzgerei betrieben. Die Familie ließ sich nach der Heirat in Weisenau nieder.

[11] Sterberegister Hechtsheim 30 / 1872.

[12] Geburtsregister Hechtsheim 16 / 1834. Im Heiratseintrag, Heiratsregister Hechtsheim 13 / 1874, ist fälschlicherweise der 22.2.1834, der Tag des Geburtseintrags, als sein Geburtsdatum angegeben.

[13] Heiratsregister Hechtsheim 8 /1863.

[14] Ein Sterbeeintrag für Ester Selig konnte allerdings nicht gefunden werden.

[15] So im Geburtseintrag der Tochter Amanda Geburtsregister Hechtsheim 94 / 1871.

[16] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[17] Heiratsregister Hechtsheim 13 / 1874. Ihre Eltern waren Alexander Mayer, geboren 1816 in Guntersblum und seine zwei Jahre jüngere Frau Johanette, geboren Vogel.

[18] Athur verstarb am 1.4.1873, seine Mutter am 6.4.1873, siehe David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum und Sterberegister Hechtsheim 14 / 1873.

[19] Geburtsregister Hechtsheim 56 / 1865.

[20] Geburtsregister Wiesbaden 878 / 1899 und 1689 / 1902.

[21] Geburtsregister Hechtsheim 93 / 1878.

[22] Geburtsregister Hechtsheim 53 / 1881.

[23] HHStAW 518 874 I ((46).

[24] Ebd. (42) Handelsregisterauszug.

[25] HHStAW 685 702c (31).

[26] Ebd. (30), dazu HHStAW 685 702d (37).

[27] Heiratsregister Osthofen 31 / 1920, auch https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/16278063:60901. (Zugriff: 30.10.2022).

[28] Geburtsregister Wiesbaden 732 / 1922.

[29] Sterberegister Wiesbaden 509 / 1922.

[30] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/7996772:2238. (Zugriff: 30.10.2022).

[31] HHStAW 685 702a (24). Interessant ist, dass der Kaufpreis in französischen Franc abgeschlossen wurde. 100.000 Franc hatten die Brüder zu zahlen. Der Vertrag war am 14.2.1924 abgeschlossen worden und der Eintrag im Grundbuch erfolgte am 13.3.1924.

[32] HHStAW 685 699a (4).

[33] HHStAW 518 874 I (35).

[34] HHStAW 685 702 (59).

[35] HHStAW 685 699a (o.P.).

[36] HHStAW 685 699c (6-38 passim). Allerdings bezogen sie auch Mieteinnahmen aus den beiden Wohngrundstücken, die zwischen 1.000 und 4.000 RM lagen, z.T. aber schon in den angegebenen Einkommen beinhaltet waren, siehe HHStAW 685 702b (67).

[37] Die Angaben über Gewinne und Verluste des Unternehmens sind insgesamt wenig tragfähig. Im Entschädigungsverfahren wurden Zahlen vom Finanzamt Wiesbaden vorgelegt, die deutlich von den Angaben in den früheren Steuerakten abweichen und auf späteren Steuerprüfungen basieren. So wurden danach 1931 in der Weltwirtschaftskrise Verluste von mehr als 3.000 RM erwirtschaftet, Von 1932 bis 1934 sogar erhebliche Gewinne zum Teil über 10.000 RM. Erst ab 1935 und noch mehr in den beiden folgenden Jahren gehen sie dann deutlich zurück. 1937 sollen sogar Verluste von mehr als 700 RM gemacht worden sein. 1938, als wohl keine Kosten mehr entstanden und nur noch Außenstände eingezogen wurden schrieb man noch einmal schwarze Zahlen in Höhe von 5.500 RM. Siehe HHStAW 518 874 I (40).
Für Otto Selig wurden 1959 vom Finanzamt Wiesbaden genaue Einkommenszahlen vorgelegt, in denen auch die Mieteinnahmen und die Verzinsung der Wertpapiere steuerlich berücksichtigt wurden. Nach dem Verlustjahr 1931 wurde er in den folgenden Jahren mit folgenden gerundeten Einkommen steuerlich veranlagt (1932) 11.000 RM, (1933) 4.500 RM, (1934) 4.700 RM, (1935) 5.300 RM, (1936) 3.600 RM, (1937) 5.200 RM, (1938) 7.400 RM, (1939) 2.700 RM, 1940 (2.600 RM, (1941) 2.500 RM. Siehe HHStAW 518 875 (68).

[38] HHStAW 518 874 I (51).

[39] HHStAW 685 699b (2, o.P.), (2) und HHStAW 685 699d (o.P.).

[40] HHStAW 685 699c (55) und HHStAW 518 874 I (42) Handelsregisterauszug.

[41] Ebd. (85 ff.).

[42] HHStAW 519/3 6524 (2).

[43] HHStAW 519/3 6524. (8).

[44] HHStAW 518 874 I (37).

[45] Ebd. (16).

[46] HHStAW 685 702d (o.P.). Interessanterweise ist im Entschädigungsverfahren für die Judenvermögensabgabe nur ein Betrag von 9.250,43 RM entschädigt worden. Allein dieser unglatte Betrag wäre ein hinreichendes Indiz gewesen, dass das nicht der gesamte Betrag gewesen sein konnte. Man war auf diese Summe auf der Basis von Kontenauszügen gekommen. Es heißt in dem entsprechenden Bescheid: „Dieser Sachverhalt ist für erwiesen anzusehen auf Grund einer glaubwürdigen Auskunft der Nassauischen Sparkasse in Wiesbaden vom 4.4.1955.“ HHStAW 518 875 (51). Möglichweise hatten Zahlungen aber auch auf anderem Weg stattgefunden. Vermutlich hatte man damals auch nicht die Finanzakten herangezogen, in denen die Berechnung der Judenvermögensabgabe als Dokument enthalten ist. Es hätte also vermutlich eine Summe von insgesamt 21.250 RM entschädigt werden müssen.

[47] HHStAW 518 875 (18).

[48] HHStAW 685 702d (o.P.).

[49] HHStAW 519/3 6524. (10-15, 26). Als Verkäufer sind vermerkt Jenny Selig, geborene Scheuer, die bereits in die US emigrierte Witwe von Karl Siegmund Selig, Richard Leopold Kramer war mit seiner Frau Jenny, geborene Selig, im April 1939 nach Uruguay ausgewandert, Otto Selig, Lucian Selig und Rudolph Selig.

[50] Ebd. (23). Zu Frieda Decker siehe das Kapitel im Judenhaus Oranienstr. 60.

[51] HHStAW 518 874 I (14).

[52] Ebd. (23).

[53] Ebd. (47). Den Schaden schätzte er auf ca. 5.000 RM ein. Im Entschädigungsverfahren wurden aufgrund genauer Berechnungen des Schadens dann mit rund 4.000 DM entschädigt, siehe ebd. (164 ff.).

[54] HHStAW 685 702d (o.P.).

[55] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=7488&h=25604620&tid=&pid=&queryId=88aa3de1c8fcc95447bd1c39f91d3111&usePUB=true&_phsrc=svo448&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.10.2022).

[56] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/9260247:1518?lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[57] HHStAW 518 874 I (69).

[58] Ebd. (37).

[59] Ebd. (4).

[60] Ebd. (17).

[61] Ebd. (69, 181). Hier als Umzugsabgabe deklariert.

[62] Ebd. (46).

[63] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=7488&h=25604620&tid=&pid=&queryId=88aa3de1c8fcc95447bd1c39f91d3111&usePUB=true&_phsrc=svo448&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.10.2022).

[64] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6440-0236?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1006676544. (Zugriff: 30.10.2022).

[65] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/9260247:1518?lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[66] HHStAW 518 874 I (44).

[67] Ebd. (46 f.).

[68] Ebd.(164 ff.).

[69] Ebd. II (36).

[70] Ebd. II (140).

[71] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/266552532:62308. (Zugriff: 30.10.2022).

[72] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?dbid=3693&h=42081119&indiv=try&o_vc=Record:OtherRecord&rhSource=2717&requr=2550866976735232&ur=0&lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[73] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/7996772:2238. (Zugriff: 30.10.2022).

[74] Über seine akademische Laufbahn siehe https://peoplepill.com/people/karl-ludwig-selig. (Zugriff: 30.10.2022), auch http://mesa-revuelta.blogspot.com/2013/05/karl-ludwig-selig.html. (Zugriff: 30.10.2022) und https://www.columbiaspectator.com/2012/12/05/alums-remember-karl-ludwig-selig-inspiring-professor-mentor/. (Zugriff: 30.10.2022).

[75] Siehe HHStAW 685 702d (21-52 passim).

[76] Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz. Im dortigen Eintrag ist auch Majdanek als möglicher Todesort angegeben. Tatsächlich wurden etwa 190 bis 250 Männer in Lublin zum Aufbau des Lagers Majdanek abkommandiert. Dass Otto Selig dazu gehörte ist unwahrscheinlich. Nicht nur lag er mit seinem Alter über der Grenze der damals Selektierten, auch ist sein Name im Totenbuch von Majdanek nicht verzeichnet. Siehe zu diesem Transport mit der Zugnummer „DA 18“ auch Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 214.

[77] HHStAW 519/3 6524 (29).

[78] Zu den Angaben siehe den Einbürgerungsantrag für die USA https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/6649304:2280. (Zugriff: 30.10.2022). Dazu https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5796-0178?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=25678756. (Zugriff: 30.10.2022).

[79] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/8403072:2442. (Zugriff: 30.10.2022).

[80] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1357527:61461?lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[81] Heiratsregister Hechtsheim 18 / 1886.

[82] Ebd. Samuel Sußmann war am 26.1.1857 in Alsbach geboren worden. Seine Eltern waren Lazarus und Mina Sußmann, geborene Oppenheimer, aus Alsheim. Mitunter ist der Name auch als Süßmann, oft statt mit einem ‚ß’ auch mit ‚ss’ geschrieben.

[83] Geburtsregister Alsbach 25 / 1887.

[84] Geburtsregister Alsbach 5 / 1893.

[85] Emil wurde am 18.12.1882 geboren, siehe Heiratsregister Alsbach 7 / 1910.

[86] Dieses Interview ist im Folgenden, wenn nicht anders angemerkt, als Quelle der weiteren Ausführungen über das Schicksal der Familie Sußmann herangezogen worden. Er berichtet darin: „The house was very old, I imagine. It was built around the 1800s, maybe 1870 or before. And they kept on adding to the house. And the walls were like, like that stone, you know?
We had no plumbing except for cold water in the house. There was no bathroom, no comforts like we have today. And especially in the winter time, my, my mother used to take a pitcher of water up to bed every night, put it on the night table.
And then the– in the– in the wintertime in the morning, it was solid ice. That’s where we slept. And we had to go get up, make a – start a fire, first a coal fire– there’s a stove in the kitchen– to heat a little water to brush our teeth. This was as, as much as we could take, take care of ourselves in a sanitary way or what you call it, you know.
And then we had a metal box with tooth powder. And everybody dipped his toothbrush in there and brushed their teeth, you know. And at that time, we didn’t know anything about flossing your teeth or anything like that.
And that was– it was work, you know? And you had– we were four boys. I had to help my mother, you know, making beds and washing dishes and do that. Naturally, as a– as a– as a male, you– I was always mad about this, angry about it. Because that time you wouldn’t see a man pushing a baby carriage or do anything what a woman would do, you know? It’s all changed nowadays
. https://vha-1usc-1edu-1vd5a2vqq0665.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage?testimonyID=50281&returnIndex=0#. (Zugriff: 30.10.2022). Es bedarf einer besonderen Lizenz, um das Interview zu hören.

[87] Otto wurde am 27.7.1911, Ludwig Louis im Jahr 1912, Arthur im Jahr 1914 und Heinz am 7. 3.1921 geboren.

[88] Samuel Sußmann war am 1.10.1924 verstorben, siehe Sterberegister Alsbach 10 / 1924.

[89] Siehe dazu die Recherchen der Stolpersteingruppe von Dortrecht https://www.stolpersteine-dordrecht.nl/het_voorbije_joodse_dordrecht_twee_kinderen_van_het_Duits-joodse_gezin_Sachs_uit_Dordrecht_wisten_de_oorlog_te_overleven.html. (Zugriff: 30.10.2022).

[90] https://www.mappingthelives.org/bio/ac3eb51b-0eb5-4115-b60b-615ce49c3bc8 und https://www.mappingthelives.org/bio/a4c65c78-1f2c-41fb-92d8-fd100643c414. (Zugriff: 30.10.2022).

[91] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 228.

[92] Hartwig-Thürmer, Rückkehr auf Zeit, S. 185.

[93] Zu den folgenden Ausführungen sie die Recherche der Stolpersteingruppe Dordrecht, wo auch verschiede Bilder der Familie eingestellt sind, https://www.stolpersteine-dordrecht.nl/het_voorbije_joodse_dordrecht_twee_kinderen_van_het_Duits-joodse_gezin_Sachs_uit_Dordrecht_wisten_de_oorlog_te_overleven.html. (Zugriff: 30.10.2022).

[94] Heiratsregister Alsbach 19 / 1920. Otto Sachs war am 21.5.1884 geboren worden, sie Geburtsregister Kaiserslautern 813 / 1884.

[95] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Hagen,_Stolperstein_Sachs_Otto.jpg. (Zugriff: 30.10.2022).

[96] https://www.mappingthelives.org/bio/bbe3670a-8955-41fd-b4e0-f0fa158284fd und https://www.mappingthelives.org/bio/9d2f56fd-f2f6-4a6e-9da3-64fd27984c7a. (Zugriff: 30.10.2022).

[97] David wurde 1950, Jesse 1952 und Ellen 1957 geboren, siehe https://www.stolpersteine-dordrecht.nl/het_voorbije_joodse_dordrecht_twee_kinderen_van_het_Duits-joodse_gezin_Sachs_uit_Dordrecht_wisten_de_oorlog_te_overleven.html. (Zugriff: 30.10.2022).

[98] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/150698:61208. (Zugriff: 30.10.2022).

[99] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/13849379:62308. (Zugriff: 30.10.2022).

[100] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_3334-0012?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=4027787967. (Zugriff: 30.10.2022). Vermutlich war Siegfried Sußmann in Pforzheim Prokurist der Firma ‚L. S. Mayer & Co.’, die neben den Zweigniederlassungen in Pforzheim und Berlin ihre Hauptgeschäft in Frankfurt hatte und Luxus- und Galanteriewaren herstellte und vertrieb, siehe http://www.zinnfiguren-bleifiguren.com/Firmengeschichten/Mayer_L_%20S_Berlin/Mayer_L_S_Berlin.html. (Zugriff: 30.10.2022).

[101] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/59067335:60525 und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/59067352:60525. (Zugriff: 30.10.2022).

[102] https://vha-1usc-1edu-1vd5a2vos026a.proxy.fid-lizenzen.de/testimony/35117?from=search. (Zugriff: 30.10.2022).

[103] Geburtsregister Alsbach 10 / 1889.

[104] Siehe zum Stammbaum der Familie Oppenheimer https://gw.geneanet.org/alanguggenheim?n=oppenheimer&oc=&p=selma. (Zugriff: 30.10.2022).

[105] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6229-0591?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=25583819. (Zugriff: 30.10.2022).

[106] Laut den Angaben im Stammbaum von David Zinner lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1970 in Israel.

[107] https://gw.geneanet.org/alanguggenheim?lang=de&p=ludwig&n=sussman. (Zugriff: 30.10.2022).

[108] Geburtsregister Hechtsheim 43 / 1866.

[109] Heiratsregister Hechtsheim 12 / 1888. Fälschlicherweise ist in dem Eintrag ihr Nachname mit Doppel-E geschrieben, also Seelig, statt Selig. Verwunderlich ist, dass als Trauzeugen, anders als sonst üblich, keine Verwandten auftraten, sondern der örtliche Oberlehrer und ein Polizeidiener.

[110] Geburtsregister Mannheim 1146 / 1889 und 35 / 1897, dazu https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7575/images/41680_b157566-00662?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=412003. (Zugriff: 30.10.2022).

[111] Laut Die folgenden Angaben beruhen ausschließlich auf den Angaben bei GENI, siehe.GENI https://www.geni.com/family-tree/index/6000000022522281433. (Zugriff: 30.10.2022) in New York, David Zinner gibt in seinem Stammbaum hingegen als ihren Sterbeort Meran in Italien an, nach seinen Angaben verstarb ihr Ehemann im spanischen Barcelona.

[112] Unwahrscheinlich ist die Angabe von David Zinner in seinem Stammbaum. Demnach wäre Ludwig Friedrich im Alter von nur einem Jahr 1899 in Barcelona verstorben. Es ist kaum wahrscheinlich, dass die Eltern damals unmittelbar nach der Geburt des ersten Sohnes nach Spanien ausreisten, dort ihren Sohn verloren und dann wieder zurück nach Mannheim gingen, wo dann ihr zweiter Sohn geboren wurde. Siehe David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[113] Es handelt sich um Carlos Stern, geboren am 30. Juni 1935 in Barcelona, und Barabara Stern, geboren 1941. Beide Angaben nach David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[114] David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum. Es existiert allerdings auch ein Flugschein aus dem Jahr 1961 für Ernst Stern, geboren am 3.1.1897 in Mannheim, mit großer Sicherheit also der Sohn von Johanna Selig, der damals Bürger der Republik Südafrika war, und nach New York flog, um dort eine S.M. Oppenheimer zu besuchen. Siehe https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/12322246:1277. (Zugriff: 15.1.2022). Sein Cousin Ludwig Sußmann war mit einer Selma Oppenheimer verheiratet, s.o.

[115] Die Stolpersteininitiative Hechtsheim hat das Leben von Siegfried Selig im Rahmen einer Stolpersteinverlegung in Hechtsheim recherchiert. Auf diese Recherche wird hier im Wesentlichen zurückgegriffen, siehe https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[116] Geburtsregister Hechtsheim 28 / 1868.

[117] Geburtsregister Büdesheim 5 / 1874. Zum Zeitpunkt der Geburt war der Vater 32, seine Frau 28 Jahre alt.
In den bisher veröffentlichten Dokumenten zu Familie Selig gibt es mehrfach Fehler in Bezug auf Antonia Selig, geborene Kahn. So bestand bisher Unklarheit darüber, aus welchem Büdesheim sie stammte. Die Hechtsheimer Stolpersteininitiative gibt Büdesheim im heutigen Main-Kinzig-Kreis an, die Wiesbadener Gestapokarteikarte, die für ihren Mann ausgestellt wurde, nennt richtigerweise Büdesheim bei Bingen. Diese Angabe findet sich auch in einem Eintrag in Yad Vashem. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist dagegen fälschlicherweise das mittelhessische Büdesheim angegeben. Mapping the Lives und holländische Opferlisten nennen sogar Hechtsheim als ihren Geburtsort. Auch das Geburtsjahr ist nicht immer richtig übermittelt. Die zuletzt genannten Listen geben als Geburtsjahr 1874 an, die Gestapokarteikarte, die Stolpersteininitiative Hechtsheim und auch die Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden nennen das falsche Geburtsjahr 1873. Einig ist man sich aber, dass sie an einem 12. Januar geboren wurde.

[118] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden

[119] https://api.deutsche-digitale-bibliothek.de/binary/72594753-b3d8-46b0-8b34-300dd8c44f0e.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[120] HHStAW 685 841 (41). In einer Betriebsprüfung im Jahr 1927 wurde notiert, dass die Firma seit 70 Jahren existiere und immer im Familienbesitz gewesen sei.

[121] Es handelt sich um Friederike, geboren am 21.9.1859, Geburtsregister Nordenstadt 23 / 1884; Emanuel, geboren am 25.10.1885, Geburtsregister Nordenstadt 23 /1885; Hedwig, geboren 11.6.1887, Geburtsregister Nordenstadt 15 / 1887; Friedrich, geboren 15.9.1888, Geburtsregister Nordenstadt15 /1888;Siegmund, geboren 3.4.1890, Geburtsregister Nordenstadt 10 /1890; die Zwillinge Mathilde und Gustav, geboren 19.1.1892, Geburtsregister Nordenstadt 3 und 4 / 1892; Max, geboren 15.9.1893, Geburtsregister Nordenstadt 28 / 1893; Jenny, geboren 22.11.1895, Geburtsregister Nordenstadt 22 / 1895; Benni, geboren 10.12.1903, Geburtsregister Nordenstadt 24 / 1903; Heinrich (Heini), geboren 19.2.1905, Geburtsregister Nordenstadt 3 / 1905.

[122] Sandel Weis, geboren am 25.12.1852 verstarb am 1.1.1917 in Nordenstadt, Sterberegister Nordenstadt 1 / 1917, seine Frau Johanna, geboren am 8.6.1859 verstarb ebenfalls in Nordenstadt am 9.12.1924, Sterberegister Wiesbaden 1414 / 1924.

[123] HHStAW 685 841 (42).

[124] Im genannten Prüfbericht ist als Datum der Trennung der 13.12.1925 genannt, In den Steuerunterlagen von Siegmund Weis hingegen ist der 5.7.1922 als Datum der Umstrukturierung genannt, siehe HHStAW 685 842 Einkommensteuer (16 f.). Emanuel Weis war später ein kurzzeitiger Bewohner des Judenhauses Adelheidstr. 94 in Wiesbaden, bevor er nach Holland emigriert, wo er unter nicht völlig geklärten Umständen ums Leben kam.

[125] HHStAW 685 841 (44).

[126] HHStAW 685 842 Einkommensteuer  (14). Im folgenden Jahr beliefen sie sich sogar auf nahezu 14 Mio. RM. Ebd. (31).

[127] HHStAW 685 842a (59).

[128] HHStAW 685 841 (42, 45).

[129] HHStAW 685 842c (19).

[130] Heiratsregister Hechtsheim 1 / 1923.

[131] Geburtsregister Wiesbaden 789 / 1924.

[132] Heiratsregister Hechtsheim 10 / 1928.

[133] HHStAW 685 842a (107).

[134] HHStAW 685 842c (89), dazu HHStAW 518 40050 I (18).

[135] HHStAW 685 841 (138).

[136] HHStAW 685 842a (156).

[137] HHStAW 685 842b (9).

[138] Ebd. (10).

[139] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 15.1.2022)

[140] Zu den Vorgängen siehe ebd. (41-47).

[141] HHStAW 518 40050 I (6, 18). 1936 wurde zwar noch einmal ein Gewerbeertrag von 16.000 RM versteuert, aber dabei handelte es sich nach Angaben des Steueramts Wiesbaden vermutlich um den Veräußerungsgewinn aus dem Verkauf des Unternehmens. Beim Käufer handelte es sich um die Firma Wenz, mit der nach dem Krieg ein Vergleich geschlossen wurde, wonach der Käufer dem jüdischen Veräußerer einen Betrag von 13.000 DM nachträglich zu zahlen hatte, ebd. (52, 54 ff.).

[142] https://images.memorix.nl/sahm/thumb/640×480/0ad7eb7e-cd8e-672e-74be-d189da082134.jpg. (Zugriff: 15.11.2022)

[143] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 15.1.2022)

[144] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de959636. (Zugriff: 15.11.2022).

[145] HHStAW 469/33 2584 (1).

[146] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de989658. (Zugriff: 15.11.2022).

[147] HHStAW 469/33 2584 (10).

[148] Er erhielt dort vermutlich die Häftlingsnummer 10198. Allerdings ist diese Nummer, die auch auf den anderen Karteikarten eingetragen ist, auf der Geldverwaltungskarte durchgestrichen und durch die Nummer 29986 ersetzt worden. https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/7393127?s=Max%20Weis&t=0&p=0. (Zugriff: 30.10.2022)

[149] HHStAW 518 40050 (52, 53). Die Summe war aus Barmitteln entrichtet worden.

[150] Ebd. (90 f.).

[151] Ebd. (10 f.).

[152] Ebd. (7 f.).

[153] Ebd. (44-46).

[154] Ebd. (20, 23).

[155] Ebd. (94). Die Immobilie wurde nach dem Krieg zurückerstattet bzw. in einem Vergleich den Erwerbern überlassen, wobei es allerdings zu erheblichen Problemen kam, die aber hier nicht detailliert dargestellt werden sollen, ebd. (175 ff.).

[156] https://www.auswanderung-rlp.de/emigration-in-der-ns-zeit/mainzer-juden-in-der-emigration.html#a26. (Zugriff: 30.10.2022).

[157] HHStAW 518 57153 I (5, 13).

[158] HHStAW 518 40050 (Deckblatt).

[159] Heiratsregister Hechtsheim 23 / 1896.

[160] Ebd. In HHStAW 518 72443 (27) gibt die Tochter Erna fälschlicherweise an, die Hochzeit habe am 26.11.1896 stattgefunden.

[161] Information von Wolfhard Klein auf der Grundlage der ausgewerteten Standesregister von Nieder-Olm. Ihm verdanke ich auch die weiteren Angaben zur Familie Kramer.

[162] Es handelt sich um Klara, geboren am 2.12.1870, Frieda, geboren 15.5.1873, Thekla, geboren 7.1.1875 und Emilie, geboren 23.7.1876.

[163] Mainzer Frauengeschichte, S. 56. Falsch ist allerdings die Angabe, Albert Kramer sei seit 1870 Inhaber des Geschäfts gewesen. Da war er gerade mal 4 Jahre alt. Gemeint ist sicher sein Vater Leopold.

[164] Die Ehe wurde am 19.7.1899 in Hechtsheim geschlossen, siehe Heiratsregister Hechtsheim 24 / 1899.

[165] Geburtsregister Nieder-Olm 30 / 1897.

[166] Information von Wolfhard Klein.

[167] Ebd.

[168] HHStAW 467 2579 (44).

[169] HHStAW 518 72443 (46).

[170] Ebd. (6, 103), siehe auch das Urteil im Verfahren über den Verlust des ‚good will‘, HHStAW 467 2579 (15).

[171] HHStAW 518 72443 (9).

[172] HHStAW 685 414 (24-52 passim).

[173] HHStAW 518 72443 (48).

[174] HHStAW 518 72444 (5).

[175] Ebd. (8, 31 f.). Hier genaue Aufstellung des Inventars.

[176] HHStAW 518 72444 (5). Die Heimatstadt von Otto Stein trägt heute den Beiname „an der Weinstraße“.

[177] Information des Stadtarchivs Wiesbaden vom 7.11.2022. Die Angabe, dass die Hochzeit in Wiesbaden stattgefunden habe, hatte Lotte Zinner-Stein in ihrem Interview gemacht, auch ist sie im Buch Mainzer Frauengeschichte, S. 56 zu finden, desgleichen im Stammbaum der Familie Selig von David Zinner. Erna Stein selbst hatte in den Angaben zu ihrem Lebenslauf nur das Datum, nicht aber den Ort der Eheschließung angegeben, siehe HHStAW 518 72444 (5).

[178] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1965180:1631?tid=&pid=&queryId=3f9fba611737504867d6dfb0d7f32ec1&_phsrc=svo864&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.10.2022).

[179] Geburtsregister Neustadt a.d. Haardt / Weinstraße 170 / 1924.Lotte Stein hat in einem langen Interview mit der USC-Shoah-Foundation ein ausführliches Interview über das Schicksal ihrer Familie gegeben. Sofern nicht anders angegeben beruhen die folgenden Ausführungen auf diesem Interview. Siehe https://vha-1usc-1edu-1vd5a2vxi0790.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage?testimonyID=20953&returnIndex=0. (Zugriff: 30.10.2022). Um das Interview zu sehen, bedarf es einer gesonderten Lizenz.

[180] Klementine Stein, geborene Bach, war die am 24.1.1861 in Zeltingen bei Trier geborene Tochter von Hermann und Amalie Bach, geborene Marx. Die Ehe mit Karl Stein war am 26.8.1888 in Zeltingen geschlossen worden. https://de.findagrave.com/memorial/139083061/klementine-stein#clipboard. (Zugriff: 30.10.2022).

[181] Leydecker, Juden in der Gauhauptstadt Neustadt, S. 538. Siehe auch im Folgenden zu den antisemitischen Ausschreitungen in Neustadt ihren Aufsatz.

[182] https://www.alemannia-judaica.de/neustadt_synagoge.htm. (Zugriff: 30.10.2022).

[183] Leydecker, Juden in der Gauhauptstadt Neustadt, S. 534.

[184] Lotte Zinner nennt in ihrem Interview Rotterdam als Abfahrtshafen, die Schiffskarten, die im Nachlass erhalten blieben, geben allerdings Antwerpen als Hafen an.

[185] Zu den Vorgängen dort siehe im Detail Leydecker, Juden in der Gauhauptstadt Neustadt, S. 546-551.

[186] https://de.findagrave.com/memorial/139083061/klementine-stein#clipboard. (Zugriff: 30.10.2022).

[187] HHStAW 685 414 Umsatzsteuer (39).

[188] HHStAW 685 414 Vermögensteuer (4).

[189] HHStAW 685 414 Umsatzsteuer (39), dazu HHStAW 519/3 3497 (2, 14).

[190] HHStAW 519/3 3497 (16).

[191] Laut einer Liste aus dem Jahr 1942, die allerdings nach der Deportation von 10. Juni erstellt worden war, bei der auch Otto Selig abtransportiert wurde, standen Kramers damals zwei Zimmer im zweiten Stock zur Verfügung, siehe unbekannte Liste X1.

[192] USC-Shoah-Foundation, Interview mit Lotte Zinner. Fälschlicherweise ist in dem Brief allerdings das Datum der Deportation mit dem 18.9.1942 angegeben.

[193] David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[194].Ebd.

[195] David Zinner verdanke ich wichtige Informationen zur Genealogie der Familie seiner Vorfahren.

[196] Ebd.

[197] Heiratsregister Hechtsheim  24 / 1899.

[198] Informationen von Wolfhard Klein, Auswertung der Standesregister Nieder-Olm. Er war demnach nicht, wie fälschlicherweise in der Broschüre zur Stolpersteinverlegung in Hechtsheim vom 24.6.2013 geschrieben, noch ausgewandert. Siehe https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[199] Betty Strauß war am 29.1.1908 geboren worden, Informationen von Wolfhard Klein, Auswertung der Standesregister Nieder-Olm. Das Paar hatte eine Tochter namens Miriam, später verheiratete Hirsch. Über sie liegen aber keine weiteren Informationen vor.

[200] David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum. Die Angabe zu Betty Kramer stimmt überein mit denen von Wolfhard Klein.

[201] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0560-00228?pId=51681380. (Zugriff: 30.10.2022). Da die Ehe damals in Heidelberg geschlossen wurde, stammte er vermutlich aus Rohrbach bei Heidelberg und nicht aus dem bekannteren saarländischen Rohrbach.

[202] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5932-0807?pId=24717826. (Zugriff: 30.10.2022).

[203] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2442/images/m-t0627-02670-00959?pId=15839953. (Zugriff: 30.10.2022).

[204] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7733/images/imusany1824_1359-00201?pId=2460118. (Zugriff: 30.10.2022).

[205] David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[206] Geburtsregister Hechtsheim  41 / 1875.

[207] Siehe HHStAW 685 700 (passim).

[208] Geburtsregister Michelfeld 56 / 1885.

[209] HHStAW 685 700 (8, 39).

[210] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/6715008:2280. (Zugriff: 30.10.2022).

[211] David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[212] HHStAW 685 700 (21).

[213] Sterberegister Hechtsheim  19 / 1926.

[214] HHStAW 685 700 (55, 58).

[215] Ebd. (61).

[216] Ebd. (89, 90).

[217] Ebd. (o.P.).

[218] HHStAW 518 59722 (8).

[219] HHStAW 519/3 12465 (1).

[220] Geburtsregister Kassel 1235 / 1894.

[221] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6231-0585?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=24035392. (Zugriff: 30.10.2022). Als Kontakt in Ney York hatten sie einen Cousin von Alfred Grünewald namens L. Barth angegeben.

[222] HHStAW 685 700 (90).

[223] Ebd. (92).

[224] HHStAW 519/3 12465 (9).

[225] Ebd. (1).

[226] Die Immobile in der Emmeranstraße war vermutlich in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg erworben worden. Sie ist erstmal in der Vermögenserklärung des Jahres 1924 angegeben. Der Einheitswert war 1926 auf knapp 17.000 RM festgesetzt worden, war aber dann zu Beginn der dreißiger Jahre auf knapp 27.000 RM heraufgesetzt worden, siehe HHStAW 685 700 (31, 41, 63).

[227] HHStAW 519/3 12465 (6)

[228] Ebd. (o.P.).

[229] Ebd. (7).

[230] Ebd. (8, 9).

[231] Ebd. und HHStAW 519/3 11842 (3). Der Einheitswert, der für das Haus in der Vermögensaufstellung 1938 aufgeführt war, betrug allerdings 23.000 RM, siehe 519/3 12465 (1, 11).

[232] HHStAW 685 700 (96).

[233] HHStAW 51973 12465 (10). Zur Reichsfluchtsteuer siehe auch die Zahlungsbestätigung des Finanzamt Wiesbaden vom 2.5.1954, HHStAW 518 59722 (5).

[234] HHStAW 518 59722 (3).

[235] Es handelt sich hierbei mit größter Wahrscheinlichkeit um Rudolph Benedikt Selig, den Sohn von Simon und Karoline Selig, die in Wiesbaden eine Weinhandlung besaßen. Der Zusammenhang ergibt sich aus dem Briefkopf eines Schreibens, das Rudolph Selig an Jenny Selig in den USA richtete. Rudolph Selig selbst, geboren am 16.9.1902 in Wiesbaden, war Jurist und vereidigter Notar, dessen Karriere mit dem Machtantritt der Nazis zu Ende gegangen war. Am 7.6.1933 verlor er seine Zulassung und wurde aus der amtsgerichtlichen Rechtsanwaltsliste gestrichen. Mit seinem fachlichen Wissen konnte er aber informell den verfolgten Verwandten Hilfe leisten, so auch Jenny Selig. Rudolph nennt sie zwar in seinen Briefen immer Tante, in Wirklichkeit war sie aber die angeheiratete Cousine seines Vaters Simon Selig. Rudolph Selig wurde mit der Deportation vom 10.6.1942 von Wiesbaden nach Lublin gebracht und dort nach Ankunft in das sich im Aufbau befindliche KZ Majdanek abkommandiert, wo er am 25. Juli 1942 ermordet wurde. Seine Schwester Alice Babette wurde in Raasiku in Estland umgebracht, Rudolphs Frau Martha, geborene Nussbaum, überlebte die NS-Zeit in den Niederlanden. Zu Rudolph Selig siehe die Personalakte HHStAW 467 1617 (passim).

[236] Ebd. (3, 6).

[237] Ebd. (8).

[238] Ebd. (8b). Die materiellen Verluste, die Jenny Selig erlitten hatte, wurden in den Entschädigungsverfahren insgesamt akzeptiert und gemäß den Vorschriften entschädigt.

[239] Ebd. (8).

[240] Ebd. (25-28, 37-39).

[241]  https://www.calzareth.com/tree/p1.htm#c8.2 (Zugriff: 30.10.2022).

[242] Ebd. (6).

[243] Laut dem Stammbaum von David Zinner heiratete sie einen Max Daniel, über den von David Zinner aber keine weiteren Angaben gemacht werden konnten. Das Paar soll vier Kinder bekommen haben, die alle in Kanada geboren worden sein sollen. Als Geburtsjahr des ersten Sohns Peter ist hier das Geburtsjahr 1941 angegeben. Das kann aber nicht stimmen, da der Brief, in dem ein Peter als Sohn von Lotte erwähnt ist, bereits am 29. 1. 1939 geschrieben wurde. Daher sind auch die weiteren Angaben des Stammbaums – die Töchter Eva, geboren 1943, Judith, geboren 1948, und ein Sohn David, geboren 1951 –  nur mit Vorbehalt zu betrachten. Siehe David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum.

[244] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/6703073:2280?lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[245] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/588146:1002?lang=de-DE. (Zugriff: 30.10.2022). Alfred Grünewald verstarb bereits am 12. Januar 1956 in New York

[246] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/1629405:61461. (Zugriff: 30.10.2022). David Zinner, Descendants of Simon Selig, privater Stammbaum, nennt fälschlicherweise das Jahr 1957. In diesem Stammbaum ist auch angegeben, dass Erna nach dem Tod von Alfred Grünewald eine zweite Ehe mit dem 1899 in Salzburg geborenen Franz Bernheim eingegangen sein soll. Quellenbelege für diese Information sind nicht angegeben. Ebenfalls gibt David Zinner an, aus der ersten Ehe von Erna Selig sei im September 1944 die Tochter Marian hervorgegangen, die am 20.6.1965 den 1941 in Boston geborenen Eric Rothstein geheiratet haben soll. Aber auch hierfür sind keine amtlichen Quellen angeben.

[247] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden.

[248] Um wen es sich bei der im Adressbuch von 1938 genannten Person P. Pareras genau handelte, konnte nicht ermittelt werden. In den Standesregistern des Stadtarchivs ist nur eine Maria Pareras zu finden, die am 9.5.1943 im Kaiser-Friedrich-Ring 80 verstarb, siehe Sterberegister Wiesbaden 1085 / 1943.

[249] HHStAW 519/2 2173 (o.P.).

[250] Ebd. (2).

[251] Ebd. (3).

[252] Ebd.(o.P.). Schreiben vom 30.11.1943.

[253] Ebd. (29).

[254] Ebd. (o.P.). Grundbuchauszug.

[255] Ebd. (o.P.). Insgesamt wurden 12.400 RM überwiesen, neben anderen ehemals jüdischen Immobilien auch Beträge für die Judenhäuser Bahnhofstr. 25 und Wallufer Str. 13.

[256] Siehe dazu das Kapitel „Die antijüdische Wohnungspolitik des NS-Staates“ oben.

[257] Ebd. (42).

[258] Ebd. (1, 2, 3, 4, 5, 6)

[259] Ebd. (17).

[260] Ebd. (o.P.). Schreiben der Hausverwaltung vom 8.11.1944. Ein Bericht über die damals entstanden Schäden wurde nach Kriegsende am 9.6.1945 verfasst und die monatlichen Mieten für die noch vorhandenen Bewohner entsprechend herabgesetzt.

[261] Ebd. (o.P.). Urkunde des Amtsgerichts Wiesbaden datiert mit dem 25.7.1950.