Emser Str. 26a


Judenhaus Emser Str. 26a
An der Stel­le des im Krieg zer­stör­ten ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses steht heu­te die­ses Gebäu­de
Eige­ne Aufnahme
Das Juden­haus in der Emser Str. 26a
Juden Wiesbaden Judenhäuser
Bele­gung des Juden­hau­ses Emser Str. 26a

 

 

 

 

 

 


Leo und Dorothea Katzenstein, geborene Pfeiffer

Bei dem Haus in der Emser Str. 26a han­del­te es sich um ein eher unschein­ba­res, zwei­stö­cki­ges Gebäu­de am nörd­li­chen Rand des West­ends, dem tra­di­tio­nel­len Wohn­be­zirk ost­eu­ro­päi­scher Juden. Mit nur drei Woh­nun­gen war es für die Funk­ti­on eines Juden­hau­ses eigent­lich nicht unbe­dingt geeig­net. Es mag auf die Lis­te gekom­men sein, weil es im Besitz einer der eher wohl­ha­ben­den, säku­lar ein­ge­stell­ten jüdi­schen Fami­li­en Wies­ba­dens war, dem Ehe­paar Leo­pold und Doro­thea Kat­zen­stein.[1]

Katzenstein Stammbaum
Stamm­baum der Fami­li­en Kat­zen­stein — Pfeif­fer — Ebstein
GDB

Die Genea­lo­gie der viel­fach ver­zweig­ten Fami­lie Kat­zen­stein ist umfas­send erforscht und auch durch Auf­zeich­nun­gen von Fritz Kat­zen­stein, dem Sohn von Leo­pold und Doro­thea Kat­zen­stein, bis in das 18. Jahr­hun­dert nach­voll­zieh­bar.[2] Auch Ange­li­ka Ell­mann Krü­ger, eben­falls ein Fami­li­en­mit­glied der Kat­zen­steins, hat sich inten­siv mit dem Stamm­baum befasst.[3]

Leo Katzenstein, Dorothea Katzenstein, Judenhaus Wiesbaden, Emserstr. 26a
Stamm­baum der Fami­lie Kat­zen­stein — Pfeif­fer
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein
Judenhaus Wiesbaden, Emser Str. 26a,
Eise­mann Kat­zen­stein
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

 

Leo­pold Kat­zen­stein stamm­te aus Thü­rin­gen, aus dem klei­nen Städt­chen Vacha, mit einer rela­tiv gro­ßen und tra­di­ti­ons­rei­chen jüdi­schen Gemein­de. Hier war er am 23. Janu­ar 1877 gebo­ren wor­den. Wie sehr die jüdi­schen Bewoh­ner vor der Nazi-Zeit in das dor­ti­ge städ­ti­sche Leben inte­griert waren, kann man dar­an sehen, dass der Vater von Leo­pold, Jakob Eise­mann Kat­zen­stein, der Inha­ber eines Geschäfts war und dar­über hin­aus eine staat­li­che Lot­te­rie­agen­tur betrie­ben haben soll, 1896 in den dor­ti­gen Stadt­rat gewählt wor­den war. Sein Vater wie­der­um, Jakob Kat­zen­stein, war mit einer Frau ver­hei­ra­tet, die den schö­nen Namen See­le Blau trug. Die Mut­ter von Leo­pold Kat­zen­stein war Güt­chen, genannt Karo­li­ne, gebo­re­ne Stern, aus Mans­bach in der Rhön. Aus die­ser am 5. oder 6. Juli 1865 geschlos­se­nen Ehe gin­gen ins­ge­samt sechs Kin­der her­vor.[4]

Judenhaus Emser Str. 26a, Leo Katzenstein, Dorothea Katzenstein, Wiesbaden
Der gro­ße Stamm­baum, auf­ge­zeich­net von Fritz Kat­zen­stein, aus dem sich die ent­fern­te Ver­wandt­schaft mit Theo­dor W. Ador­no ergibt.
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Auch wenn die am 2. Sep­tem­ber 1883 gebo­re­ne Ehe­frau von Leo­pold (Leo) Kat­zen­stein, Doro­thea (Dora) Eli­sa­beth, gebo­re­ne Pfeif­fer, einer sehr begü­ter­ten Wies­ba­de­ner Ban­kiers­fa­mi­lie ent­stamm­te,[5] sie wahr­schein­lich eini­gen Besitz mit in die am 18. Juni 1907 geschlos­se­ne Ehe ein­ge­bracht haben wird,[6] so beruh­te das Ver­mö­gen der Ehe­leu­te doch wohl pri­mär auf der erfolg­rei­chen beruf­li­chen Tätig­keit von Leo­pold Kat­zen­stein. Er hat­te in Leip­zig und Mün­chen Medi­zin stu­diert und war in die­ser Zeit Mit­glied einer schla­gen­den Ver­bin­dung gewor­den. Nach dem Ende des Stu­di­ums prak­ti­zier­te er zunächst als Arzt in Eisen­ach, kam dann um 1905 nach Wies­ba­den, wo er mit sei­ner Frau in der Tau­nus­str. 22 wohn­te und sei­ne Pra­xis ein­rich­te­te.[7] Dort kam am 11. Okto­ber 1908 auch ihr Sohn, ihr ein­zi­ges Kind, Fried­rich Carl Juli­us, genannt Fritz, zur Welt.[8]

Cover des Buches von Leo Katzenstein

Sein Renom­mee als Arzt war bald so groß, dass das ers­te Hotel am Platz, der ‘Nas­sau­er Hof‘, ihn als Ruf-Arzt für sei­ne illus­tren und betuch­ten Gäs­te aus aller Welt erwähl­te. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs dien­te er als Arzt in einem Laza­rett. In die­ser Zeit durf­ten sei­ne Frau Dora und der klei­ne Fritz in einem Zim­mer im Nas­sau­er Hof logieren.
Neben sei­ner prak­ti­schen Arbeit mach­te sich Leo Kat­zen­stein auch als Autor eines wis­sen­schaft­li­chen Wer­kes über die „Heil­fak­to­ren“ Wies­ba­dens einen Namen.[9] Spä­ter, als er zuneh­mend Pro­ble­me mit den Augen bekam, bau­te er ab 1932 dane­ben in Wies­ba­den-Erben­heim ein Unter­neh­men auf, die „Phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie Dr. Leo­pold Kat­zen­stein“,[10] die im Beson­de­ren mit den Erkäl­tungs­prä­pa­ra­ten „Risi­net­ten“ und der Sal­be „Risin“ selbst unter den Nazis zunächst noch sehr erfolg­reich war. Ursprüng­lich hat­te man mit der Pro­duk­ti­on der Prä­pa­ra­te in der hei­mi­schen Küche begon­nen, spä­ter aber eine Fabri­ka­ti­ons­an­la­ge in Erben­heim errich­tet. Von 1934 bis zur Ari­sie­rung waren 560.000 RM Rein­ge­winn erwirt­schaf­tet wor­den, für einen mit­tel­stän­di­schen jüdi­schen Betrieb in die­ser Zeit ein außer­ge­wöhn­li­ches Betriebs­er­geb­nis.[11]

Leopold Leo Katzenstein Dorothea Katzenstein Risinetten
Leo und Doro­thea Kat­zen­stein (rechts) mit Mit­ar­bei­te­rin­nen bei der Ver­pa­ckung von Risi­net­ten in ihrer Woh­nung
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Ent­spre­chend war der Lebens­stil der Kat­zen­steins. Vom Schil­ler­platz waren sie 1927 oder 1925 [12] in die 8‑Zimmer „Luxus­woh­nung“ in der Wil­helm­str. 42 gezo­gen, [13] wo Leo auch zwei Pra­xis­räu­me ein­ge­rich­tet hat­te. Einen Ein­druck von dem gedie­ge­nen Wohl­stand der Fami­lie kann man gewin­nen, wenn man die in der Ent­schä­di­gungs­ak­te erhal­te­nen Bil­der aus der Woh­nung betrach­tet.[14] Auch in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung beschreibt die ehe­ma­li­ge Haus­häl­te­rin Frau Busch detail­liert das vor­han­de­ne Mobi­li­ar, die Kunst­ge­gen­stän­de, die umfang­rei­che Biblio­thek, Tep­pi­che, Kris­tal­le und Ser­vice, die den geho­be­nen Lebens­stil in die­sem Hau­se präg­ten.[15] Eine umfang­rei­che Samm­lung Mei­ße­ner Por­zel­lans gehör­te eben­falls zu den vor­han­de­nen Vermögenswerten.

Wie sehr Leo Kat­zen­stein in sei­nen poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen vom natio­na­lis­ti­schen Patrio­tis­mus des Kai­ser­reichs geprägt war, illus­triert eine Anek­do­te, die sei­ne Enke­lin in ihrem Buch über ihn kol­por­tier­te: Ihr Groß­va­ter habe sich nach dem Ende des Ers­ten Welt­krie­ges strikt gewei­gert, sei­ne deut­sche Uni­form abzu­le­gen, bis er von den fran­zö­si­schen Sol­da­ten gewalt­sam dazu gezwun­gen wur­de.[16] Nie habe er sich vor­stel­len kön­nen, dass sich die­ses Land ein­mal gegen ihn wen­den könn­te.[17] Sein Patrio­tis­mus war aber nicht auto­ri­tär ver­engt, wie sein Enga­ge­ment in der Wies­ba­de­ner Frei­mau­rer­lo­ge Pla­to zeigt, denn die­se setz­te sich für Frei­heit des Indi­vi­du­ums und Tole­ranz im Umgang der Men­schen unter­ein­an­der ein.

Ver­wei­ge­rung der Appro­ba­ti­on für Fritz Kat­zen­stein
HHStAW 518 19261 (3)

In die­sem Milieu wuchs der Sohn Fritz auf. 1927 leg­te er an der heu­ti­gen Guten­berg­schu­le sein Abitur ab und begann ein Medi­zin­stu­di­um, sicher mit dem Ziel, spä­ter in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters tre­ten zu kön­nen. 1933 bestand er sein Staats­examen in Mün­chen und absol­vier­te sein Medi­zi­nal­prak­ti­kum in Frank­furt. Sei­ne Pro­mo­ti­on wur­de mit ‚cum lau­de’ bewer­tet, den­noch blieb ihm die Berech­ti­gung, den Dok­tor­ti­tel zu tra­gen, ver­wehrt. Dafür bedurf­te es der Appro­ba­ti­ons­ur­kun­de, die ihm als Jude aber ver­sagt blieb. Das baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Unter­richt und Kul­tus attes­tier­te, „dass der Medi­zi­nal­prak­ti­kant Herr Fried­rich Kat­zen­stein … am 1.2.1934 das Prak­ti­sche Jahr abge­leis­tet hat und die Bedin­gun­gen – mit Aus­nah­me des Arier­nach­wei­ses – für die Ertei­lung der Appro­ba­ti­on als Arzt für das Deut­sche Reichs­ge­biet erfüllt“ habe.[18]

Erst in der Schweiz konn­te er, nach­dem er zuvor in einer Ber­li­ner Pri­vat­kli­nik unent­gelt­lich, nur für Essen und Logis, zwei Jah­re gear­bei­tet hat­te, dann 1936 nach erneu­ter Prü­fung sein Diplom erhal­ten. Ange­sichts der aus­weg­lo­sen Per­spek­ti­ve, in Deutsch­land als Arzt arbei­ten zu kön­nen, ent­schloss sich Fritz im glei­chen Jahr zur Aus­wan­de­rung nach Ame­ri­ka.[19]

Über­fahrt von Fritz Kat­zen­stein im Okto­ber 1936 von Sout­hamp­ton nach New York. Aus sei­nem Geburts­ort Wies­ba­den wur­de Uris­barm!
https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​2​2​9​8​5​6​4​3​:​7​488
Aus­weis von Fritz Kat­zen­stein mit dem “J‑Stempel”, aus­ge­stellt anläss­lich sei­ner Emi­gra­ti­on
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Fritz KatzensteinMit dem Zug ging es zunächst über Lon­don nach Sout­hamp­ton, von dort mit dem Schiff ‚Aqui­ta­nia’ wei­ter nach New York, das er am 27. Okto­ber 1936 erreich­te. Nach einem Zwi­schen­auf­ent­halt bei Ver­wand­ten leg­te er die letz­te Etap­pe nach Chi­ca­go wie­der mit dem Zug zurück. So sah der Weg des damals 28-Jäh­ri­gen in die erhoff­te bes­se­re Zukunft aus. Drei Kis­ten voll mit Büchern, medi­zi­ni­schen Instru­men­ten und ande­ren Uten­si­li­en, sicher auch man­ches Erin­ne­rungs­stück, beglei­te­ten ihn auf die­ser Rei­se. Die Aus­wan­de­rung wur­de erst mög­lich, nach­dem die Reichs­flucht­steu­er in Höhe von 32.000 RM gezahlt wor­den war.[20]

Bruno Netter, Fritz Katzenstein, Dorothea Katzenstein, Judenhaus Emser Str., Wiesbaden
Scha­tul­le des Juwe­liers Net­ter, in dem Fritz Kat­zen­stein den Ring sei­ner Eltern in die USA brach­te
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Fritz hat­te von sei­ner Mut­ter einen Ring erhal­ten, der in dem nur weni­ge Schrit­te von der Woh­nung der Eltern ent­fern­ten Laden des Juwe­liers Net­ter in der Wil­helm­stra­ße erstan­den wor­den war. Damals war es noch mög­lich, sol­che Wert­ge­gen­stän­de offi­zi­ell – selbst­ver­ständ­lich fie­len ent­spre­chen­de Abga­ben an den Fis­kus an – mit ins Aus­land zu neh­men. Vie­le der wohl­ha­ben­den jüdi­schen Fami­li­en mach­ten ihren Kin­dern sol­che Geschen­ke, damit sie im Exil, gege­be­nen­falls auf die­sen Not­gro­schen zurück­grei­fen konn­ten. Fritz muss­te ihn glück­li­cher­wei­se nicht zu Geld machen. Natür­lich hat­te ein sol­cher Ring auch eine sym­bo­li­sche Bedeu­tung, stell­te er sinn­bild­lich doch die unauf­lös­li­che Ver­bin­dung mit den zurück­ge­blie­be­nen Fami­li­en­mit­glie­dern dar. Der Ring befin­det sich noch immer im Fami­li­en­be­sitz und erin­nert an die im Holo­caust ermor­de­ten Groß­el­tern bzw. jetzt schon Urgroß­el­tern. Mit den Wor­ten „Wir wer­den uns wahr­schein­lich nie mehr wie­der sehen“, ver­ab­schie­de­ten ihn sei­ne trau­ri­gen Eltern, ihre Zukunft erah­nend, auf dem Wies­ba­de­ner Bahn­hof. Sie soll­ten damit Recht behalten.

Judenhaus Emser Str 22a Wiesbaden
Leo Kat­zen­stein
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein
Judenhaus Emser Str 22a Wiesbaden
Doro­thea Kat­zen­stein, geb. Pfeif­fer
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zurück­ge­blie­be­nen wur­den in der fol­gen­den Zeit bis zu ihrer Depor­ta­ti­on von den Nazis sys­te­ma­tisch aus­ge­raubt. Wie alle ande­ren Juden hat­ten auch Kat­zen­steins schon im April 1938 eine Ver­mö­gens­auf­stel­lung abge­ben müs­sen. Die Sum­me des Ver­mö­gens ergab ca. 325.000 RM, davon nahe­zu die Hälf­te in Form von Wert­pa­pie­ren im Depot der Com­merz­bank. Auch das Wohn­grund­stück in der Emser Str. 26a ist mit einem Wert von 26.000 RM dar­in ent­hal­ten. Aller­dings müs­sen Ver­bind­lich­kei­ten von etwa 40.000 RM von der Gesamt­ver­mö­gens­sum­me abge­zo­gen wer­den.[21]

Die Zoll­fahn­dung Mainz wur­de ange­sichts die­ser Wer­te aktiv und bean­trag­te mit Hin­weis auf den in den USA leben­den Sohn am 31. August 1938 bei der Devi­sen­stel­le in Frank­furt eine Siche­rungs­an­ord­nung, die dann auch einen Monat spä­ter erfolg­te. Noch blie­ben die Erträ­ge aus dem Depot frei­ge­stellt. [22]

Eine beson­de­re Rol­le soll­te spä­ter noch die wohl im Zusam­men­hang mit der Ver­mö­gens­be­wer­tung ent­stan­de­ne Lis­te der im Lau­fe der Zeit von Leo­pold Kat­zen­stein gesam­mel­ten Kunst­ge­gen­stän­de und Gemäl­de spie­len. In einer hand­schrift­li­chen Auf­lis­tung hat­te er den von ihm jeweils geschätz­ten Wert der Objek­te notiert und kam auf einen Gesamt­be­trag von 43.008 RM.[23] In der Auf­stel­lung der Zoll­fahn­dung wur­de auf die­se Lis­te und die sum­mier­ten Wer­te eigen­ar­ti­ger­wei­se kein Bezug genom­men, es wur­den allein „Gegen­stän­de aus edlem Metall“ im Wert von 36.708 RM auf­ge­führt.[24]

„Pharmazeutische Industrie Dr. Leopold Katzenstein“ Wiesbaden Erbenheim
„Phar­maceu­ti­sche Indus­trie Dr. Leo­pold Kat­zen­stein“ in Wies­ba­den Erben­heim
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein
Risinettenproduktion
Risi­net­ten­pro­duk­ti­on
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

 

 

 

 

 

Bevor man sich all die­ser Schät­ze bemäch­tig­te, wur­de das Pro­duk­tiv­ver­mö­gen der Kat­zen­steins ins Visier genom­men. Aus dem Schrei­ben der Zoll­fahn­dung Mainz an die Devi­sen­stel­le Frank­furt geht her­vor, dass Leo­pold Kat­zen­stein schon zu die­sem Zeit­punkt, also im August 1938, in Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen für sein phar­ma­zeu­ti­sches Unter­neh­men stand. Bei einem Ver­kauf sei der Erlös zu mel­den und eben­falls zu sichern, hieß es in der Anord­nung. Es ist ganz offen­sicht­lich, dass im Zusam­men­hang mit dem Novem­ber­po­grom von 1938 die­se Ver­hand­lun­gen auf bru­ta­le Wei­se zu einem Ende geführt wur­den. Am Tag nach der Reichs­po­grom­nacht war Leo Kat­zen­stein zur DAF bestellt und sofort fest­ge­nom­men und, wie ande­re Wies­ba­de­ner Juden auch, mit dem Ver­merk „Akti­ons-Jude“ in das KZ Buchen­wald über­stellt wor­den. Schon auf dem Weg dort­hin war Leo Kat­zen­stein, wie der Juwe­lier Bru­no Net­ter 1945 auf Anfra­ge von Fritz Kat­zen­stein bezeug­te, ver­mut­lich zur Über­ga­be sei­nes Unter­neh­mens gezwun­gen wor­den. Er schrieb damals über die Ereig­nis­se am 11. Novem­ber: “I am glad­ly giving you the fol­lo­wing state­ment as you reques­ted. On the night of Novem­ber 11th, 1938 all of the Jewish males from Wies­ba­den, among them your father and mys­elf, were brought to the con­cen­tra­ti­on camp of Buchen­wald. Befo­re we board­ed the train to Wei­mar, we were assem­bled in an under­pass bet­ween the ter­mi­nal and the freight yard of Frank­fort. We had to stay the­re for a long while at atten­ti­on… the­re was a table set up and I saw a man, who appeared to be a lawy­er, tal­king with you father… about sel­ling his busi­ness to some Nazi. I was under the impres­si­on that your father was reluc­tant but after­wards he step­ped for­ward to the table and signed the Bill of Sale, pro­ba­b­ly in the hope of esca­ping the con­cen­tra­ti­on camp.” Auch ein ande­rer Zeu­ge, der Tier­arzt Karl Kahn aus Wies­ba­den, bestä­tig­te spä­ter den Vor­gang: “Some Gesta­po men at a table… cal­led for [him], and I saw him tal­king with the­se men and later saw him sign papers, and when [he] came back to our group he said that he was forced to get rid of his fac­to­ry…  [Then], tog­e­ther with all the other men, [he] was sent to a con­cen­tra­ti­on camp.” [25]

Risinetten Pharmazeutische Werke Katzenstein Wiesbaden Erbenheim
Risi­net­ten
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Im spä­te­ren Erstat­tungs- bzw. Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­den die wei­te­ren, wohl typi­schen Abläu­fe einer sol­chen Ari­sie­rung dar­ge­legt: „Zur glei­chen Zeit [als die Ver­haf­tung von Leo Kat­zen­stein statt­fand — K.F.] erschien der Kreis­ob­mann Weh­nert der DAF in der Fabrik und erklär­te, Dr. Leo­pold Kat­zen­stein sei ver­haf­tet; er wer­de den Betrieb nicht mehr betre­ten, das Unter­neh­men sei vor­läu­fig nach Wei­sun­gen der DAF wei­ter­zu­füh­ren. Dr. Kat­zen­stein wur­de nach etwa zwei Wochen aus dem KZ ent­las­sen, hat aber die Geschäfts­räu­me nie mehr betre­ten. Die DAF ließ alle Zugän­ge durch neu anzu­brin­gen­de Vor­rich­tun­gen so ver­schlie­ßen, dass er kei­ne Zugän­ge mehr hatte.
Es mel­de­ten sich nun­mehr ver­schie­de­ne Kauf­lieb­ha­ber für das Unter­neh­men. Unter den Kauf­be­wer­bern tra­ten auch die Kauf­leu­te Otto Krebs und Edgar Man­fred Eber in Wies­ba­den her­vor. Auf die Aus­wahl der Käu­fer hat­te Dr. Kat­zen­stein aber kei­nen Ein­fluß mehr. Die­ser wur­de von dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gau­wirt­schafts­be­ra­ter auto­ri­ta­tiv bestimmt. Am 10.12.1938 teil­te der Gau­wirt­schafts­be­ra­ter Herrn Dr. Kat­zen­stein mit, dass der Betrieb von dem Kauf­mann Otto Krebs und dem Kauf­mann Edgar Man­fred Eber über­nom­men wer­den sol­le und dass er mit ihnen unver­züg­lich einen Kauf­ver­trag abzu­schlie­ßen habe. Am 15.12.1938 ver­kauf­te Dr. Leo­pold Kat­zen­stein durch nota­ri­el­len Ver­trag das Unter­neh­men mit allen Bestand­tei­len mit Wir­kung zum 1.1.39 an Krebs und Eber.“
[26]

Bei­pack­zet­tel der Risi­net­ten
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein
Die Ari­sie­rung der ‘Phar­maceu­ti­schen Indus­trie Kat­zen­stein’
HHStAW 519/​3 3646 (10)

Der ver­ein­bar­te Kauf­preis von 155.000 RM soll­te in drei Raten gezahlt wer­den, die letz­te Zah­lung soll­te am 30. Sep­tem­ber 1940 erfol­gen.[27] Nach dem detail­lier­ten Gut­ach­ten des Wirt­schafts­prü­fers Meis­ner aus dem Jah­re 1960 war das Unter­neh­men mehr als 500.000 RM wert, also mehr als das Drei­fa­che. [28] Mit wel­cher Dreis­tig­keit die Par­tei­obe­ren ihren Schütz­lin­gen die Kapi­ta­li­en zuscho­ben, wird heu­te nicht mehr ver­wun­dern. Leo Kat­zen­stein hät­te auch aus einem halb­wegs gerech­ten Ver­kaufs­preis kei­nen Nut­zen zie­hen kön­nen, denn das Geld wur­de, wie gefor­dert, ohne­hin auf das gesi­cher­te Kon­to bei der Com­merz­bank ein­ge­zahlt.[29] Von die­sem Kon­to „durf­ten“ die Kat­zen­steins dann die ers­te Rate der ihnen auf­er­leg­ten „Süh­ne­leis­tung“ von ins­ge­samt zunächst nahe­zu 20.000 RM zah­len, näm­lich 4.712,09 RM.[30]

Sei­nes Lebens­werks beraubt, gezeich­net von der schreck­li­chen Erfah­rung einer KZ-Inhaf­tie­rung und ohne wirk­li­che Hoff­nung auf eine Ver­än­de­rung, plan­ten Leo und Dora Kat­zen­stein jetzt auch ihre eige­ne Aus­wan­de­rung. Im März wur­de ihnen auf­er­legt, inner­halb von acht Tagen eine Siche­rung für die Reichs­flucht­steu­er in Höhe von 21.000 RM bereit­zu­stel­len.[31] Dodie Kat­zen­stein berich­tet unter Bezug­nah­me auf die Brie­fe ihrer Groß­el­tern an den Sohn Fritz über deren wach­sen­de Ver­zweif­lung nach der Reichs­po­grom­nacht. Am 29. Juni 39 schrieb er an sei­nen Sohn:

 „Mein lie­ber Fritz!
Es tut mir leid, dass wir Dir unan­ge­neh­me Nach­rich­ten geben müs­sen …  Man wird immer ver­zwei­fel­ter, und es wird wohl nicht mehr zu umge­hen sein, dass man sei­ne Hei­mat ver­lässt; viel­leicht geht es schon gar nicht mehr, denn der poli­ti­sche Him­mel ver­düs­tert sich immer mehr. So viel Ent­täu­schun­gen, wie man jetzt in ein paar Mona­ten erlebt, hat man frü­her in Jah­ren nicht erlebt.  Es ist ein sehr trau­ri­ger Zustand. Sei so lieb und schi­cke uns jetzt den Scheck über $ 515. -, damit wir ihn zur Ver­fü­gung haben, wenn es nötig ist. Es tut mir sehr leid, dass Du so tief in die Tasche grei­fen musst. Schi­cke einen Scheck der Bank auf mei­nen Namen. Hof­fent­lich scheint die Son­ne doch noch ein­mal. Wir freu­en uns immer zu hören, dass es Dir wenigs­tens in jeder Bezie­hung gut geht.
Herz­li­che Grü­ße und Küsse.
Dein Papa
[32]

Schon kur­ze Zeit spä­ter, Ende August 1939, teil­te er Fritz mit, dass die Situa­ti­on sich immer wei­ter ver­schlech­te­re. Aus den Brie­fen lässt sich erken­nen, dass ihr Sohn sich inten­siv dar­um bemüh­te, die not­wen­di­gen Affi­da­vits für die Eltern zu bekom­men, denn sie bedank­ten sich in den Brie­fen für die Über­mitt­lung all der von den Ame­ri­ka­nern gefor­der­ten Papie­re. Dane­ben hat­ten sie sich – wenn auch ver­geb­lich – um Visa nach Por­tu­gal, Sibi­ri­en, Ecua­dor, Puer­to Rico, den Phil­ip­pi­nen und Kuba bemüht.[33]

Im Mai 1939 wur­den Kat­zen­steins zur Abga­be ihrer Schmuck­sa­chen, ihres Tafel­sil­bers und ande­rer Edel­me­tal­le ver­pflich­tet.[34] Beson­ders per­fi­de war, dass man ihnen in Aus­sicht stell­te, sie wür­den bei einer Aus­rei­se den Schmuck und das Tafel­sil­ber, das sicher ein wert­vol­les Erbe und damit pri­mär einen ideel­len Wert dar­stell­te, mit­neh­men kön­nen, sofern sie eine ent­spre­chen­de Sum­me in Form von Devi­sen zurück­las­sen wür­den. Auf Bit­ten der Eltern hat­te Fritz die im Brief erwähn­ten 515 $ nach Wies­ba­den über­mit­telt, die per Scheck an den Fis­kus wei­ter­ge­reicht wor­den waren. Das Tafel­sil­ber blieb aber mit dem Argu­ment beschlag­nahmt, die Rege­lung sei aus­drück­lich für den Fall der Aus­wan­de­rung getrof­fen wor­den. Da die­se aber nicht statt­ge­fun­den habe, wer­de auch das Sil­ber nicht frei­ge­ge­ben – die ame­ri­ka­ni­schen Devi­sen wur­den selbst­ver­ständ­lich auch nicht zurück­er­stat­tet.[35]

Die wert­vol­le Ein­rich­tung der Kat­zen­steins mit einem der Gemäl­de, das spä­ter resti­tu­iert wer­den konn­te
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Im Rah­men die­ser Vor­be­rei­tun­gen kommt jetzt eine für Wies­ba­den höchst inter­es­san­te Per­son ins Spiel, näm­lich Hein­rich Voss, der ab 1943 von Hit­ler zum „Son­der­be­auf­trag­ten des Füh­rers“ zum Auf­bau einer natio­na­len Kunst­samm­lung in Linz ernannt wor­den war.[36] Voss hat­te seit 1935 die Lei­tung des Nas­saui­schen Lan­des­mu­se­ums in Wies­ba­den inne und war ab Juli 1938 vom Poli­zei­prä­si­di­um Wies­ba­den zum Sach­ver­stän­di­gen zur „Begut­ach­tung von Kunst­ge­gen­stän­den, die der Aus­fuhr­be­schrän­kung unter­lie­gen,“ ernannt wor­den.[37] In die­ser Funk­ti­on hat­te Voss auch die Kunst­samm­lung der Kat­zen­steins begut­ach­te­tet. Ob dies in der Woh­nung geschah, wie Iselt meint,[38] oder aber im Depot der Fir­ma Ret­te­mey­er, wo für die Aus­wan­de­rung schon ein Teil des Mobi­li­ars und auch die Kunst­ge­gen­stän­de ein­ge­la­gert wor­den waren,[39] wird sich nicht mehr klä­ren las­sen. Soll­te die zeit­li­che Ein­ord­nung der Begut­ach­tung in das Jahr 1941 durch Iselt rich­tig sein, dann spricht vie­les dafür, dass die­se nicht zu Hau­se statt­fand, denn bereits im Herbst 1939, laut Gesta­po-Kar­tei­kar­te am 25. Sep­tem­ber 1939, muss­ten Leo und Dora Kat­zen­steins auf Druck der NSDAP-Behör­den aus ihrer schö­nen, gro­ßen Woh­nung in der Wil­helm­stra­ße aus­zie­hen und die­se für den Arbeits­dienst freimachen.

Der Ver­mie­ter Sahl bestä­tigt die Kün­di­gung der Kat­zen­stein­woh­nung auf DRuck der NSDAP
HHStAW 519/​3 22797 (5)

Schon im Juni hat­ten sie die ent­spre­chen­de Kün­di­gung erhal­ten. In dem glei­chen Brief vom Juni 1939, in dem Leo über die sich ver­schlim­mern­de Lage in Deutsch­land berich­te­te, klag­te Dora, dass sie gezwun­gen wür­den, ihre Woh­nung zu ver­las­sen: „Wir wis­sen wirk­lich nicht mehr wei­ter … Wahr­schein­lich müs­sen wir uns erst mal eine Woh­nung neh­men, viel­leicht bekommt man etwas in einem jüd. Haus. … Das ein­zi­ge, was wir noch hat­ten, das war unser Heim, und das ist jetzt auch vor­bei.“ [40]

Aus­zug aus einer von Leo Kat­zen­stein 1938 erstell­ten Bewer­tungs­lis­te sei­ner Kunst­samm­lung
HHStAW 518 785 (23)

Wie in vie­len ande­ren Fäl­len waren Kat­zen­steins von ihrem ari­schen Ver­mie­ter – in die­sem Fall aber nicht aus eige­ner Initia­ti­ve, son­dern auf Druck der Par­tei – „auf die Stra­ße gesetzt“ wor­den und muss­ten sich dann selbst um eine neue Woh­nung küm­mern. Oft blieb dann nur ein Juden­haus. Kat­zen­steins fan­den aller­dings die­ses Mal noch eine neue Unter­kunft in der Röss­ler­str. 7, einem Haus, das nicht in jüdi­schem Besitz war. Nach Aus­sa­ge der Haus­häl­te­rin Frau Busch hat­te die­ser Umzug in eine klei­ne­re Woh­nung zur Fol­ge, dass wei­te­re Möbel und Gegen­stän­de aus Platz­man­gel in den Lift der Spe­di­ti­on gebracht wer­den muss­ten. Sicher wer­den sie sich auch von man­chen Möbel­stü­cken getrennt haben. Leo Kat­zen­stein mel­de­te am 31. August 1940 der Devi­sen­stel­le, dass er aus der Ver­stei­ge­rung eines Möbel­stücks durch den auf die­sem Gebiet sehr akti­ven Auk­tio­na­tor Jäger 7,75 RM auf das Siche­rungs­kon­to über­wie­sen habe.[41] Führt man sich die Bil­der der Ein­rich­tung vor Augen, dann hat hier jemand ganz sicher ein ordent­li­ches „Schnäpp­chen“ gemacht oder – anders for­mu­liert – sich auf übels­te Wei­se an der Not sei­ner jüdi­schen Mit­bür­ger berei­chert. Und er war ganz sicher nicht der einzige.

Ver­mö­gens­er­klä­rung von Leo Kat­zen­stein aus dem Jahr 1940
HHStAW 519/​3 3646 (33)

Trotz allem gehör­te auch im Som­mer 1940 das Ehe­paar Kat­zen­stein nomi­nal noch zu den begü­ter­ten Wies­ba­de­ner Fami­li­en. In der Ver­mö­gens­auf­stel­lung von 1940 wur­den noch ca. 200.000 RM Rein­ver­mö­gen und ein Jah­res­ein­kom­men von 7.650 RM ange­ge­ben. Aber einen frei­en Zugriff auf die­se Res­sour­cen hat­te man selbst­ver­ständ­lich nicht. Den­noch konn­te man sich noch eine Haus­an­ge­stell­te leis­ten und auch Ver­wand­te, wie Julie Strauss in der Emser Stra­ße und sei­nen Bru­der Arnold Kat­zen­stein in Her­le­shau­sen, mit monat­li­chen Zuwen­dun­gen beden­ken.[42] Der Frei­be­trag aus Kapi­tal­erträ­gen und den Miet­ein­nah­men, die inzwi­schen auch auf das Sicher­heits­kon­to gezahlt wer­den muss­ten, betrug monat­lich 1.170 RM, wovon aller­dings die lau­fen­den Kos­ten, die Leo­pold Kat­zen­stein angab, nicht gedeckt wer­den konn­ten. Den­noch betrug ihr Ein­kom­men ein Viel­fa­ches von dem, was ande­ren Glau­bens­ge­nos­sen monat­lich zur Ver­fü­gung stand.

Dodie Kat­zen­stein bemerkt in ihrem Arti­kel, dass der ers­te Brief der Groß­el­tern an den Sohn, der nur noch von der Mut­ter unter­zeich­net war, mit Sep­tem­ber 1941 datiert war.[43] Kurz zuvor muss­te Leo erneut ver­haf­tet und in das KZ Sach­sen­hau­sen über­führt wor­den sein. Nach den Ein­tra­gun­gen in der Gesta­po-Datei zog Dora Kat­zen­stein dar­auf­hin am 2. Sep­tem­ber, ihrem Geburts­tag, ob frei­wil­lig oder gezwun­gen, ist nicht fest­stell­bar, in ihr eige­nes Haus, das „Juden­haus“ Emser­str. 26a, und leb­te dort für kur­ze Zeit zusam­men mit ihrer Schwä­ge­rin Julie Strauss im ers­ten Stock. Sie blieb hier nur einen Monat. Anfang Okto­ber 1941 mel­de­te sie der Devi­sen­stel­le auch im Namen ihres inhaf­tier­ten Man­nes, dass sie zum 1. Okto­ber in die Rhein­str. 103 II zu dem jüdi­schen Ehe­paar Leo und Hele­ne Schwarz gezo­gen sei­en.[44] Leo Schwarz, frü­her Vieh­händ­ler und Metz­ger, besaß dort eine Art klei­ne Pen­si­on, bestehend aus drei Zim­mern, die auch mit Voll­pen­si­on an Unter­mie­ter abge­ge­ben wur­den. Am 29. Sep­tem­ber schrieb Dora Kat­zen­stein ihrem Sohn Fritz: „Ich muß mich sehr zusam­men­rei­ßen, denn wie ich Dir schon schrieb, füh­le ich mich gar nicht wohl, ich bin sehr mit den Ner­ven run­ter. Vor­erst woh­ne ich noch bei Jula [Julie Strauss], Ende der Woche zie­he ich in eine Pen­si­on.“[45] Der Wort­laut legt nahe, dass sie dort nicht zwangs­wei­se ein­ge­wie­sen wur­de, sie die neue Unter­kunft viel­mehr selbst gewählt hat­te. Auch in die­sem Fall han­del­te es sich um einen zumin­dest für Wies­ba­den nicht unty­pi­schen Woh­nungs­wech­sel, der aus einem Juden­haus in ein Nicht-Juden­haus führte.

Für Dora Kat­zen­stein wur­den die Lebens­um­stän­de jetzt zuneh­mend schwie­rig. In der von ihr im Mai 1942 gefor­der­ten Auf­stel­lung der der­zei­ti­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten, ins­ge­samt 602,50 RM, waren u.a. auf­ge­führt die Mie­te in Höhe von 170 RM, Lager­kos­ten für das ein­ge­la­ger­te Mobi­li­ar von 32,50 RM, außer­dem „lau­fen­de Über­wei­sun­gen an mei­nen zur Zeit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger befind­li­chen Ehe­mann – 60 RM“.[46] Ihr Frei­be­trag wur­de dar­auf­hin auf 350 RM beschränkt. Aller­dings erlaubt man ihr nach einem geson­der­ten Antrag die monat­li­che Unter­stüt­zung für Leo und Julie sowie die Lager­kos­ten auf drei Mona­te befris­tet zusätz­lich in der Höhe von knapp 200 RM über das Siche­rungs­kon­to zu zah­len.[47]

Leo Kat­zen­steins letz­ter Brief aus dem KZ Sach­sen­hau­sen an sei­ne Frau Doro­thea
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

In der Woh­nung in der Rhein­stra­ße wird sie auch der letz­te Brief von Leo aus dem KZ Sach­sen­hau­sen erreicht haben. Er bedank­te sich dar­in für ihre Zei­len, die ihn vor etwa einer Woche erreicht hat­ten. „Alle guten Wün­sche, die man für ein gelieb­tes Herz kennt, flat­tern an dei­nem Geburts­tag zu dir … Mögen die Engel dich immer behü­ten“, schrieb er am 16. August 1942 auf dem vor­ge­ge­be­nen Brief­pa­pier des KZs [48] und bat sie, sich in ihrem Alter bei der Arbeit – mög­li­cher­wei­se war sie inzwi­schen zu Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet wor­den — nicht mehr zu sehr anzu­stren­gen. Ver­mut­lich soll­te die Mit­tei­lung, es gehe ihm selbst gesund­heit­lich gut, nur ihrer Beru­hi­gung die­nen, denn schon einen Tag spä­ter, am 17. August 1942, war er laut Ein­trag des Stan­des­amts Ora­ni­en­burg um 19.05 Uhr ver­stor­ben. Die Todes­ur­sa­che sei Herz- und Kreis­lauf­schwä­che gewe­sen, bedingt durch eine Ruhr­er­kran­kung .[49] Aber auch ein irgend­wie her­bei­ge­führ­ter Tod, durch wen auch immer, könn­te die­sen plötz­li­chen Tod erklären.

Judenhaus Emser Str. 26a
Das Grab von Leo und Doro­thea Kat­zen­stein auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Wies­ba­den, Plat­ter Stra­ße (mit fal­schem Geburts­jahr 1884 statt 1883)
Eige­ne Aufnahme

Dora Kat­zen­stein konn­te sich noch dar­um küm­mern, dass die Urne mit der Asche ihres Man­nes auf eige­ne Kos­ten nach Wies­ba­den gelang­te. Auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße wur­de er in einer wür­di­gen Umge­bung bei­gesetzt. Um 1955 – so die Erin­ne­rung von Dodie Kat­zen­stein – ließ ihr Vater Fritz nach dem Ende des Kriegs bei einem Besuch in Wies­ba­den dort für sei­ne Eltern einen Grab­stein errich­ten, obgleich sei­ne Mut­ter dort nicht begra­ben wer­den konnte.

Zwei Wochen nach dem Tod ihres Man­nes hat­te sich auch Doro­thea Kat­zen­stein zunächst in der Syn­ago­ge in der Fried­rich­stra­ße, die zur Sam­mel­stel­le umfunk­tio­niert wor­den war, ein­zu­fin­den. Am 1. Sep­tem­ber muss­te sie mit den ande­ren zumeist älte­ren Jüdin­nen und Juden an der Vieh­ver­la­de­sta­ti­on des Bahn­hofs den Zug nach The­re­si­en­stadt bestei­gen. Am Mor­gen des 2. Sep­tem­ber fuhr er von Frank­furt aus wei­ter sei­nem eigent­li­chen Ziel ent­ge­gen.[50]

Deportation Wiesbaden 1.9.1942, Synagoge Friedrichstraße
Sam­mel­stel­le in der Syn­ago­ge Fried­rich­stra­ße am Vor­abend der Depor­ta­ti­on
HHStAW 3008/​2 16554

Dass sie die unmensch­li­chen Ver­hält­nis­se im dor­ti­gen Ghet­to fast ein hal­bes Jahr ertrug und über­leb­te, ist gera­de­zu ein Wun­der. Am 23. Janu­ar 1943 brach­te sie der Trans­port mit der Bezeich­nung ‚Cr’ und mehr als 2 000 wei­te­ren Gefan­ge­nen, dar­un­ter 1258 Frau­en und Mäd­chen, nach Ausch­witz. Nach einer Selek­ti­on auf der dor­ti­gen Ram­pe wur­den 147 Män­ner und 80 Frau­en als Häft­lin­ge ins Lager ein­ge­wie­sen, alle Übri­gen wur­den unmit­tel­bar danach in den Gas­kam­mern von Bir­ken­au ermor­det. Man kann mit Sicher­heit davon aus­ge­hen, dass auch Doro­thea zu den Getö­te­ten die­ses Tages gehör­te.[51]

 

Der wei­te­re Raub­zug an den schon Toten voll­zog sich nach dem übli­chen büro­kra­ti­schen Ver­fah­ren und zog sich dem­entspre­chend lan­ge hin. Der Voll­zug der Ver­mö­gens­ein­zie­hung wur­de erst am 28. Mai 1943 vom Regie­rungs­prä­si­den­ten Wies­ba­den mit der übli­chen For­mel ange­ord­net: „Auf Grund des Erlas­ses des Reichs­mi­nis­ters des Innern vom 4.Juli.1942-Pol.S.II A 5 Nr. 521/42–212- und auf Grund des Geset­zes über die Ein­zie­hung volks- und staats­feind­li­chen Ver­mö­gens vom 14. Juli 1933- RGBl.I S.479- in Ver­bin­dung mit dem Gesetz vom 26. Mai 1933- RGBl.I S 293- sowie auf Grund des Erlas­ses des Füh­rers und Reichs­kanz­lers vom 29. Mai 1941 – RGBl.I S. 303- wird das gesam­te Ver­mö­gen des Leo­pold Isra­el Kat­zen­stein … hier­mit zu Guns­ten des Deut­schen Rei­ches ein­ge­zo­gen.“ Auch auf die vor­ge­schrie­be­ne Ver­öf­fent­li­chung der Ein­zie­hung, näm­lich per Aus­hang im Regie­rungs­ge­bäu­de in Wies­ba­den, Lui­sen­str. 13, wäh­rend der Zeit vom 14. Mai 1943 bis zum 28. Mai 1943, wur­de ord­nungs­ge­mäß ver­wie­sen.[52]

Anord­nung zum Ver­mö­gens­ein­zug durch die Gesta­po
HHStAW 519/​3 3646 (61)

Dar­auf­hin bat die Gesta­po Frank­furt das Finanz­amt Wies­ba­den im Juli 1943 um Über­nah­me der Ver­mö­gens­wer­te. Die­ses war aller­dings schon von sich aus aktiv gewor­den und ver­lang­te vom Amts­ge­richt die Umschrei­bung des Haus­grund­stücks Emser Stra­ße, das man schon längst ver­wal­te­te und ver­wer­te­te, auf das Deut­sche Reich.[53] Hier geriet man aber wie­der an den Ober­amts­rich­ter Schmidt von Rhein, der den wei­te­ren Fort­gang nicht ver­hin­dern, aber wie­der ver­zö­gern konn­te. Er monier­te, dass der Umschrei­bungs­an­for­de­rung ein Nach­weis dar­über feh­le, „dass und wann die Ein­zie­hungs­ver­fü­gung den Juden bekannt gemacht wur­de“. Außer­dem woll­te er wis­sen, „wer das hie­si­ge Ver­mö­gen der Juden an sich nahm.“ Man teil­te ihm mit, dass die ent­spre­chen­de Ver­fü­gung des Regie­rungs­prä­si­den­ten vom 27. August 1942 der Jüdin Kat­zen­stein am fol­gen­den Tag zuge­stellt wor­den und das beweg­li­che Ver­mö­gen von Beam­ten des Finanz­amts über­nom­men wor­den sei.[54] Am 8. Febru­ar erfolg­te dann die Umschrei­bung im Grund­buch zuguns­ten des Deut­schen Rei­ches.[55]
Das „Juden­haus“ in der Emser Str. 26.a war inzwi­schen juden­frei. In den drei Woh­nun­gen hat­ten zuletzt ver­mut­lich etwa 10 Per­so­nen gewohnt. Sie­ben von ihnen wur­den von hier aus depor­tiert. Zwei davon waren Ver­wand­te von Katzensteins.

 

Lan­ge bevor die­se Ent­eig­nung Kat­zen­steins for­mal­ju­ris­tisch abge­schlos­sen war, bevor auch Dora Kat­zen­stein depor­tiert und ermor­det wur­de, waren die ers­ten auf den Plan getre­ten, die Nutz­nie­ßer die­ses Rau­bes sein woll­ten. Ein Volks­ge­nos­se, Niko­las Berg, mel­de­te sich schon im Juli 1942 beim Finanz­amt Wies­ba­den mit der Bit­te, falls das Haus Emser Str. 26a ver­kauft wer­den sol­le, so möge man ihn – Par­tei­mit­glied und der­zeit bei der Wehr­macht – auf jeden Fall berück­sich­ti­gen.[56]

Das Haus stand aber vor­läu­fig nicht zum Ver­kauf, denn der Ober­fi­nanz­prä­si­dent Kas­sel hat­te bereits im Janu­ar 1942 im Hin­blick auf die „Grund­stü­cke von Juden, die ins Aus­land abge­scho­ben wor­den sind oder noch wer­den“ ver­fügt, dass „die Woh­nun­gen sobald als mög­lich bewohn­bar gemacht wer­den sol­len und vor­zugs­wei­se an Tren­nungs­ent­schä­di­gung bezie­hen­de Reichs­be­diens­te­te (aus­drück­lich nicht nur die der Finanz­ver­wal­tung !) zum orts­üb­li­chen Miet­preis zu ver­mie­ten“ sei­en. Die Instand­set­zungs­ar­bei­ten sei­en auf das Nötigs­te zu begren­zen.[57] Der geklam­mer­te Ein­schub lässt ver­mu­ten, dass offen­sicht­lich die an der Quel­le sit­zen­den Finanz­be­am­ten ihre Posi­ti­on häu­fig dazu genutzt hat­ten, sich güns­tig in sol­chen schö­nen Woh­nun­gen ein­zu­mie­ten, sie viel­leicht sogar zu erwerben.

Der Bewer­ber, Regie­rungs­bau­rat Dr. Ing. Iwa­now­ski vom Luft­gau­kom­man­do, ent­sprach dage­gen bes­tens den gefor­der­ten Kri­te­ri­en und erhielt auch den Zuschlag. Da er sei­ne Bres­lau­er „100% gepfleg­te Kom­fort-Woh­nung“ einer kin­der­rei­chen deut­schen Fami­lie über­las­sen habe, die ohne wei­te­re Repa­ra­tu­ren sofort dort habe ein­zie­hen kön­nen, bat er ange­sichts des angeb­lich schlech­ten Zustands der hie­si­gen Woh­nung um eine grund­le­gen­de Reno­vie­rung. Er mach­te dies­be­züg­lich auch detail­lier­te Vor­ga­ben, wie Türen und Fens­ter zu strei­chen, die Küche und das Trep­pen­haus neu zu gestal­ten seien.
Er habe im Übri­gen in Erfah­rung gebracht, dass alle jüdi­schen Woh­nun­gen vor ihrer Neu­ver­mie­tung reno­viert wür­den und auch ent­spre­chen­des Mate­ri­al, wie Tape­ten, und die not­wen­di­gen Arbei­ter zur Ver­fü­gung stün­den. [58]

Der Miet­ver­trag kam zustan­de und auch die Reno­vie­rungs­ar­bei­ten wur­den nach dem Pla­zet des dafür zustän­di­gen Arbeits­amts Wies­ba­den durch­ge­führt, wenn­gleich nicht zur Zufrie­den­heit des Regie­rungs­bau­rats, wes­halb es im Nach­hin­ein noch zu eini­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Haus­ver­wal­ter Heinz­mann bzw. dem Finanz­amt kam.

Auch bei der Finan­zie­rung der Reno­vie­rungs­ar­bei­ten gab es Pro­ble­me. Die dem Finanz­amt Wies­ba­den vor­ge­setz­te Behör­de in Kas­sel wies dar­auf hin, dass der Mie­ter Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ger sei und damit nicht der Woh­nungs­für­sor­ge der Reichs­fi­nanz­ver­wal­tung unter­lie­ge, wes­halb die Kos­ten aus der Ver­wer­tung des Hau­ses, sprich: den Miet­ein­nah­men, auf­zu­brin­gen sei­en.[59]

Am 24. Novem­ber 1942 war ein wei­te­rer Miet­ver­trag mit dem Bann­füh­rer Eisen­reich abge­schlos­sen wor­den.[60] Wäh­rend Iwa­now­ski den ers­ten Stock erhal­ten hat­te, zog Eisen­reich mit Frau in den zwei­ten, in die güns­ti­ge­re Dach­ge­schoss­woh­nung. Zudem soll­te er – die Qua­li­fi­ka­ti­on brach­te er sicher als Bann­füh­rer mit – laut einem Schrei­ben des Haus­ver­wal­ters Heinz­mann „die Für­sor­ge für das dor­ti­ge Haus … im Inter­es­se der Ord­nung und der Sau­ber­keit“ über­neh­men.[61]

Die Madon­na mit dem Kind, das wert­volls­te Stück der Samm­lung, heu­te im Muse­um St. Louis
Die Zoll­fahn­dung ver­wei­gert die Mit­nah­me von ver­schie­de­nen Stü­cken der Samm­laung ins Aus­land
HHStAW 519/​3 22797 (13)

1943 küm­mer­te sich auch der rege Lei­ter der Wies­ba­de­ner Gemäl­de­ga­le­rie Voss erneut um einen Teil des ein­ge­zo­ge­nen Ver­mö­gens der Kat­zen­steins, näm­lich um die Kunst­samm­lung, die er schon zwei Jah­re zuvor im Hin­blick auf ihre künst­le­ri­sche Wer­tig­keit begut­ach­tet hat­te. Im März, kurz vor sei­nem Weg­gang nach Dres­den, wur­den die Bil­der jetzt von ihm preis­lich taxiert. Drei Bil­der, die er ins­ge­samt auf 8.000 RM geschätzt hat­te, wur­den von ihm aus­ge­sucht, um sie der Wies­ba­de­ner Samm­lung ein­zu­ver­lei­ben. An den Lan­des­kul­tur­lei­ter ging die Instruk­ti­on, „dass für die Erwer­bung der Bil­der Inter­es­se von Sei­ten der Gemäl­de­ga­le­rie bestehe, und zwar zu den ange­setz­ten und bis heu­te bei­be­hal­te­nen Prei­sen“.[62] Voss setz­te also die Prei­se genau der Bil­der fest, die er anschlie­ßend als Lei­ter der Gale­rie zu kau­fen gedach­te. Aller­dings reich­te der vor­han­de­ne Etat für den Ankauf die­ser Gemäl­de – trotz der wenig markt­kon­for­men Preis­ge­stal­tung – nicht aus, was aber dank sei­ner außer­ge­wöhn­lich guten Bezie­hun­gen zu Ober­bür­ger­meis­ter und Kul­tur­de­zer­nat kein wirk­li­ches Pro­blem dar­stell­te. Der Etat wur­de im Okto­ber 1943 ein­fach auf 50.000 RM ange­ho­ben [63] und die Gemäl­de­ga­le­rie konn­te die ihr von der Voll­stre­ckungs­stel­le des Finanz­amts ange­bo­te­nen Wer­ke zur Freu­de der Wies­ba­de­ner Bür­ger ankau­fen.[64]

Immer­hin kann man inso­fern von einer glück­li­chen Fügung spre­chen, als die­se drei Bil­der nach dem Krieg dem Sohn Fritz wie­der zurück­ge­ge­ben wer­den konn­ten. Die meis­ten der übri­gen Kunst­wer­ke wur­den ver­mut­lich ver­stei­gert und erfreu­en wohl noch immer Men­schen, denen sie nie wirk­lich gehört haben. Eine höl­zer­ne Mari­en­sta­tue aus dem 15. Jahr­hun­dert hat aller­dings spä­ter noch ihren Weg zu Fritz Kat­zen­stein gefun­den, ver­mut­lich das wert­volls­te Stück aus der Samm­lung. Es gehört durch die Dona­ti­on der Enkel heu­te zur Samm­lung des Kunst­mu­se­ums in St. Lou­is.[65]

Es ist wohl eine zufäl­li­ge Koin­zi­denz, dass genau an dem Tag, an dem Dora Kat­zen­stein in Ausch­witz ermor­det wur­de, am 23. Janu­ar 1943, die Ver­si­che­rungs­agen­tur Braidt beim Finanz­amt Wies­ba­den in gestelz­ter Spra­che anfragt, wer denn nun die Haft­pflicht­ver­si­che­rung für das Grund­stück des Juden Kat­zen­stein zah­le: „Wir haben den fäl­li­gen Bei­trag bei Frau Kat­zen­stein ein­ge­for­dert, haben aber kei­ne Zah­lung und auch kei­ne Nach­richt bis­lang erhal­ten. Daher neh­men wir an, dass auch die­ses Grund­stück von (! sic) Staa­te einst­wei­len in Ver­wal­tung genom­men wor­den ist.“ [66] Man ging davon aus, dass nun der Fis­kus die fäl­li­ge Prä­mie zah­len wür­de. Dem war aber nicht so. Die schrof­fe Ant­wort kam prompt: „Das Reich ver­si­chert sich gegen Schä­den jeg­li­cher Art selbst. Die von Juden geschlos­se­nen Ver­trä­ge wer­den daher nicht fort­ge­setzt.“ Welch ein Irr­tum. Eine Ver­si­che­rung für all die ange­rich­te­ten Schä­den des Reichs gab es nicht!

 

Leo Katzenstein, Dorothea Katzenstein
Die Rui­ne des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses an der Ecke Emser Stra­ße und Wal­ram­stra­ße
Foto W. Rudolph — Mit Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Wiesbaden

Am 22. Febru­ar 1945 mel­de­te der Haus­ver­wal­ter Heinz­mann dem Finanz­amt, dass das ehe­ma­li­ge Juden­haus bei dem „Ter­ror­an­griff“ vom 2. Febru­ar durch einen Voll­tref­fer voll­stän­dig zer­stört wor­den sei und wei­te­re Miet­zah­lun­gen nicht zu erwar­ten sei­en. 459 Bom­ber der Roy­al Air Force hat­ten in die­ser Nacht einen schwe­ren Angriff auf die Stadt geflo­gen, bei dem nicht nur vie­le der his­to­ri­schen Gebäu­de wie das Lyze­um, das Mäd­chen­gym­na­si­um im Stadt­zen­trum, das soge­nann­te Pau­li­nen­schlöss­chen oder die Rat­haus­fas­sa­de zer­stört wur­den, son­dern auch etwa 600 Men­schen zu Tode kamen.[67]

Katzenstein Haus Wilhelmstr.
Das zer­stör­te Haus in der Wil­helm­str. 42, auf­ge­nom­men von Fritz Kat­zen­stein
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Das Nazi­re­gime war durch die Trup­pen der Alli­ier­ten fast nie­der­ge­run­gen und Fritz Kat­zen­stein war als Sol­dat des US Army Medi­cal Corps mit dabei.

Nach sei­ner Ankunft in den USA vor neun Jah­ren war auch für ihn der Neu­an­fang mit vie­len Hür­den ver­bun­den. So wur­de sein Diplom nicht sofort aner­kannt und er muss­te auch dort wie­der unbe­zahl­te Prak­ti­ka absol­vie­ren und erneut eine Prü­fung able­gen, bevor er sei­ne ers­te Pra­xis eröff­nen konn­te. In die­ser Zeit leb­te er bei Ver­wand­ten, dem Rechts­an­walt Sid­ney Mey­er und sei­ner Fami­lie in Wil­met­te bei Chi­ca­go. Die­se hat­ten Fritz auch das für sei­ne Ein­rei­se not­wen­di­ge Affi­da­vit, eine eides­statt­li­che Erklä­rung, im Not­fall finan­zi­ell für den Immi­gran­ten ein­zu­ste­hen, bereit­ge­stellt, aber auch vie­len ande­ren jüdi­schen Flücht­lin­gen geholfen.
1938 konn­te er in der klei­nen Ort­schaft Salem, Illi­nois, etwa 500 km süd­lich von Chi­ca­go, mit sei­nen etwa 6.000 Ein­woh­nern eine eige­ne Pra­xis eröffnen.

Regis­trie­rungs­kar­te von Fritz Kat­zen­stein für die US-Army
https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​3​0​0​1​4​9​0​7​3​:​2​238

1942 bean­trag­te er die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft und trat dann als Bür­ger der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auch in das Army Medi­cal Corps ein. Wäh­rend sei­ner Sta­tio­nie­rung in Mil­wau­kee lern­te er sei­ne zukünf­ti­ge Frau, die Leh­re­rin Mary Sweed, ken­nen, die mit ihren Eltern und zwei Brü­dern nach der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on 1923 in die USA emi­griert war. Ihr Vater stamm­te aus einem Ort bei Minsk, in dem heu­ti­gen Bela­rus, wo er 1887 gebo­ren wor­den war, ihre Mut­ter, ein Jahr spä­ter als der Vater gebo­ren, kam aus einer Gemein­de bei Mos­kau. Ihre Flucht aus der Sowjet­uni­on war kei­nes­wegs begrün­det durch eine kon­ser­va­tiv, mon­ar­chis­ti­sche poli­ti­sche Ein­stel­lung, im Gegen­teil: Die Mut­ter gehör­te zu den Revo­lu­tio­nä­rin­nen der frü­hen Pha­se, war sogar wegen ihres revo­lu­tio­nä­ren Enga­ge­ments inhaf­tiert wor­den und erzähl­te immer gern, dass sie mit Lenin, der bei ihr zu Hau­se ver­kehr­te, Tee getrun­ken habe. Die Grün­de für die Emi­gra­ti­on lagen in der zuneh­men­den Ent­ar­tung der Revo­lu­ti­on hin zu einer sta­li­nis­ti­schen Dik­ta­tur, die auch schon vor Lenins Tod vie­le Oppo­si­tio­nel­le aus dem Land getrie­ben hat­te. Beglei­tet wur­de die­se Ver­här­tung der Macht­struk­tu­ren von einem wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus, der vie­le einst­mals enga­gier­te Revo­lu­tio­nä­re – und vie­le von ihnen hat­ten einen jüdi­schen Hin­ter­grund – ver­an­lass­te, das Land zu ver­las­sen. Auch wenn die Fami­lie ihre Vor- und auch Nach­na­men bei ihrer Ankunft in den USA angli­sie­ren ließ, hielt die Mut­ter, die 94 Jah­re alt wur­de, an vie­len rus­si­schen Tra­di­tio­nen fest. Sie, die flie­ßend Rus­sisch und Jid­disch sprach, konn­te bis ins hohe Alter Gedich­te ihrer Hei­mat pro­blem­los rezi­tie­ren – und Eng­lisch beherrsch­te sie bis zu ihrem Lebens­en­de nur unzureichend.

Fritz Katzenstein und Mary Sweed
Fritz und Mary Kat­zen­stein, geb. Sweed 1944
Mit Geneh­mi­gung von Dodie Katzenstein

Am 14. Okto­ber 1944 haben Fritz Kat­zen­stein und Mary Sweed in Mil­wau­kee gehei­ra­tet. Anschlie­ßend muss­te er wie­der sei­nen Dienst in der Army antre­ten, jetzt sogar für sie­ben Mona­te nach Euro­pa gehen. Unmit­tel­bar nach dem Waf­fen­still­stand im Mai 1945 nutz­te er die Mög­lich­keit, nach sei­nen Eltern bzw. sei­ner Mut­ter zu for­schen. Dass sein Vater in Sach­sen­hau­sen ermor­det wor­den war, hat­te er durch eine Nach­richt des Inter­na­tio­na­len Roten Kreu­zes bereits 1942 erfah­ren, aber über das Schick­sal sei­ner Mut­ter wuss­te er nichts. Schon das Grau­en, mit dem er dort kon­fron­tiert wur­de, nahm ihm alle Hoff­nung, sei­ne Mut­ter noch lebend anzu­tref­fen. Eine Frau aus Wies­ba­den – mög­li­cher­wei­se Clai­re Gut­h­mann –, die Doro Kat­zen­stein aus Wies­ba­den kann­te, konn­te ihm immer­hin mit­tei­len, dass sei­ne Mut­ter nach Ausch­witz gebracht wor­den sei.

Den­noch war sei­ne Rei­se nicht ver­ge­bens. In einem 1945 erschie­ne­nen Zeit­schrif­ten­ar­ti­kel wird von dem Autor ein Brief erwähnt, den Fritz Kat­zen­stein nach sei­nem Besuch in The­re­si­en­stadt an das ‚Natio­nal Coun­cil of Jewish Women’ in den USA geschrie­ben hat­te. Offen­bar ver­ban­den vie­le der Über­le­ben­den mit ihm die Hoff­nung auf ein neu­es Leben:
“Mes­da­mes: Yes­ter­day I visi­ted The­re­si­en­stadt, loo­king for traces of my fami­ly who were depor­ted the­re in 1942. I did not suceed, but am sen­ding by sepa­ra­te mail about 100 let­ters which were han­ded to me or my dri­ver when word pas­sed around that an Ame­ri­can was in town. The let­ters are addres­sed to the Ame­ri­can rela­ti­ves of the­se peo­p­le. Plea­se for­ward them.” [68]

Ver­mut­lich besuch­te er damals schon sei­ne Hei­mat­stadt Wies­ba­den und mach­te eini­ge Fotos von der zer­stör­ten Stadt und von den Rui­nen der bei­den Häu­ser, die ihn im Beson­de­ren mit sei­ner Hei­mat­stadt und sei­nen Eltern ver­ban­den: Das zer­stör­te Haus in der Wil­helm­str. 42, in dem die­se vie­le Jah­re gewohnt hat­ten, und das in der Emser Str. 26a, das die Nazis zum Juden­haus erklärt hat­ten.[69]

Das zer­stör­te ehe­ma­li­ge Juden­haus in der Emser Stra­ße, foto­gra­fiert von Fritz Kat­zen­stein 1945
Mit Dank an Dodie Katzenstein

Mit der trau­ri­gen Nach­richt, dass die Häu­ser zer­stört und die Mut­ter eben­falls dem Holo­caust zum Opfer gefal­len war, kehr­te Fritz Kat­zen­stein zu sei­ner Frau in die USA zurück. In den fol­gen­den Jah­ren wur­den ihnen in Salem zwei Kin­der gebo­ren. Am 18. Novem­ber 1947 kam der Sohn Law­rence Paul, genannt Lar­ry, und am 5. Juli 1949 die Toch­ter Doro­thea Eli­sa­beth zur Welt, benannt nach ihrer im KZ ermor­de­ten Großmutter.

Fritz Kat­zen­stein war in sei­ner Hei­mat­stadt ein sehr belieb­ter und hoch ange­se­he­ner Arzt, der sich nicht nur mit aller Kraft sei­nen Pati­en­ten wid­me­te, son­dern in Salem auch wich­ti­ge sozia­le Ein­rich­tun­gen, wie etwa ein loka­les Kran­ken­haus auf­bau­te, eine klei­ne Stif­tung für Hight-School-Absol­ven­ten begrün­de­te, die Pfle­ge­be­ru­fe ergrei­fen woll­ten, und ein Heim für Pfle­ge­be­dürf­ti­ge mitinitiierte.

Viel Kraft kos­te­te ihn der Kampf mit dem deut­schen Staat um ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gun­gen für sich selbst und sei­ne Eltern. Auch ver­such­te er mit viel Enga­ge­ment die Kunst­samm­lung, im Beson­de­ren die Por­zel­lan­samm­lung, der Eltern wie­der auf­zu­bau­en, aller­dings ohne gro­ßen Erfolg. Fast alles war unauf­find­bar ver­lo­ren, aber zumin­dest konn­te er eini­ge ande­re, ähn­li­che Stü­cke neu erwerben.

Das Grund­stück in der Emser Stra­ße wur­de nach dem Krieg von der ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­be­hör­de zunächst beschlag­nahmt. Am 14. Janu­ar 1950 wur­de es dann dem Allein­er­ben Dr. Fried­rich Karl Kat­zen­stein, wohn­haft in Salem, Illi­nois, USA, per Amts­ge­richts­be­schluss zurück­ge­ge­ben und ein ent­spre­chen­der Ein­trag im Grund­buch vor­ge­nom­men.[70] Auch die Fir­ma „Phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie Dr. Leo­pold Kat­zen­stein“ und die ansons­ten ent­zo­ge­nen Ver­mö­gens­wer­te wur­den nach den Vor­ga­ben der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de wie­der zurück­er­stat­tet oder ent­schä­digt. Auch wenn die geleis­te­ten Zah­lun­gen den wirk­li­chen Scha­den nie auch nur ansatz­wei­se behe­ben konn­ten, so ist es umso erstaun­li­cher, dass der Sohn und auch die Enkel von Dora und Leo Kat­zen­stein sich deren Hei­mat­stadt wie­der zuwandten.

Fritz Kat­zen­stein, der schon in den 60er Jah­ren mit der Fami­lie nach Wies­ba­den gereist war, um ihr sei­ne Hei­mat und die sei­ner Eltern zu zei­gen, habe – so Dodie Kat­zen­stein – nie Zorn, Bit­ter­keit oder Gram gezeigt. Er habe es zumin­dest ober­fläch­lich geschafft, die Ver­gan­gen­heit hin­ter sich zu las­sen, aber in vie­len klei­nen All­täg­lich­kei­ten habe sich gezeigt, wel­che tie­fen Spu­ren die Zeit der Ver­fol­gung in sei­nem Inners­ten hin­ter­las­sen habe. Sei­ne Mut­ter­spra­che hat er sei­nen Kin­dern nicht ver­mit­telt, auch Autos deut­scher Fabri­ka­te sei­en nie gekauft wor­den. In jedem Früh­jahr habe er aber lan­ge Auto­fahr­ten auf sich genom­men, um Spar­gel kau­fen zu kön­nen. Die­ses „ari­sche“ Gemü­se war in der Nazi­zeit Juden zu kau­fen nicht gestat­tet. Dazu genoss er dann ger­ne einen küh­len Ries­ling oder sogar eine Fla­sche ‚Hen­kell Tro­cken’. Er lieb­te die Musik von Richard Wag­ner und aß mit gro­ßer Freu­de einen ech­ten Sau­er­bra­ten. Frü­her – so Dodie Kat­zen­stein — habe sie nie ver­stan­den, wie­so es in ihrer Fami­lie immer nur Spa­ni­els als Fami­li­en­hun­de gab, bis sie eines Tages ein Foto von Dora, Leo und Fritz zusam­men mit einem Hund genau die­ser Ras­se gese­hen habe. Der Hund muss­te abge­ge­ben wor­den sein, als es Juden per Dekret ver­bo­ten wur­de, Haus­tie­re zu hal­ten.[71]

Obwohl bereits 1982 bei Fritz Kat­zen­stein Krebs dia­gnos­ti­ziert wur­de, übte er wei­ter bis ins hohe Alter von 81 Jah­ren sei­nen Beruf als Arzt aus. 1990 zog er mit sei­ner Frau nach Clay­ton bei St. Lou­is in die Nähe sei­nes Soh­nes Lar­ry und genoss in den letz­ten Lebens­jah­ren dort noch das kul­tu­rel­le Ange­bot der Stadt. Mit 84 Jah­ren erlag er am 13. Febru­ar 1993 sei­nem Krebs­lei­den.[72] Sei­ne Frau Mary starb am 26. August 2013. Sie war 93 Jah­re alt gewor­den.[73]

Grab von Fritz Kat­zen­stein
https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​3​7​3​6​9​3​6​3​/​f​r​i​e​d​r​i​c​h​-​c​-​k​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​#​v​i​e​w​-​p​h​o​t​o​=​1​2​4​3​5​9​548
Grab von Mary Sweed Kat­zen­stein
https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​1​1​6​2​6​7​7​7​4​/​m​a​r​y​-​k​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​#​v​i​e​w​-​p​h​o​t​o​=​1​2​4​3​5​9​530

 

 

 

 

 

 

 

Die bei­den Kin­der, Lar­ry und Dodie, waren in ihrem Geburts­ort Salem auf­ge­wach­sen, hat­ten das Col­lege und spä­ter die Uni­ver­si­tät besucht. Lar­ry wur­de Rechts­an­walt und lebt mit sei­ner Fami­lie heu­te in St. Lou­is, Doro­thea wur­de freie Jour­na­lis­tin, u.a. beim Wall Street Jour­nal, und zog spä­ter mit ihrem Ehe­mann Mar­tin Puter­man, einem Pro­fes­sor für Sta­tis­tik an der Uni­ver­si­tät Van­cou­ver, nach Kana­da. Bei­de haben Kin­der und inzwi­schen auch eine gro­ße Zahl an Enkeln.

Dodie Kat­zen­stein selbst enga­giert sich heu­te im „Van­cou­ver Holo­caust Edu­ca­ti­on Cen­ter“, um die Erin­ne­rung an das dama­li­ge Gesche­hen wach­zu­hal­ten. Im Jahr 2009 war sie zuletzt in Wies­ba­den, um an der Ver­le­gung der Stol­per­stei­ne vor der ehe­ma­li­gen Woh­nung ihrer Groß­el­tern in der Wil­helm­str. 42 teil­zu­neh­men.[74] Ihr Bru­der Lar­ry besuch­te mit sei­ner Frau und Toch­ter Wies­ba­den zuletzt im Jahr 2017.

 

Ver­öf­fent­licht: 24. 11. 2017

Letz­te Revi­si­on: 30. 01.2024

 

 

wei­ter »


 

Anmer­kun­gen:

[1] Die Cha­rak­te­ri­sie­rung „säku­lar“ stammt von Dodie Kat­zen­stein, der Enke­lin von Leo und Dora Kat­zen­stein. Sie ist einem beein­dru­cken­den Arti­kel ent­nom­men, in dem sie ihre spä­te Annä­he­rung an ihre Groß­el­tern beschreibt, nach­dem ihr der Brief­wech­sel zwi­schen ihrem Vater und sei­nen Eltern in die Hän­de gefal­len war, sie­he Dodie Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, in: Zachor – Remem­ber, Van­cou­ver Holo­caust Edu­ca­ti­on Cen­ter News­let­ter, 4, Novem­ber 2006, S. 4. 2023 hat Dodie Kat­zen­stein noch ein umfas­sen­de­res Buch mit dem Titel ‚The moves they made, the lives they led’ über ihre Eltern und Groß­el­tern für ihre eige­nen Kin­der und Enkel ver­fasst, dem vie­le Infor­ma­tio­nen, beson­ders die über die Fami­lie von Fritz Kat­zen­stein, dem Sohn von Leo und Doro­thea Kat­zen­stein, ent­nom­men sind. Der frü­he­re Arti­kel über das Ehe­paar Kat­zen­stein wur­de auf die­ser neu­en Mate­ri­al­grund­la­ge über­ar­bei­tet und ergänzt. Das Buch ist im Han­del nicht erhältlich.

[2] Dodie Kat­zen­stein hat mir freund­li­cher­wei­se die hand­schrift­li­chen Auf­zeich­nun­gen ihres Vaters bei einem Besuch zur Ver­fü­gung gestellt, sodass ich eine Kopie anfer­ti­gen konn­te. Sie wuss­te damals nicht, wel­che bedeu­ten­de Per­sön­lich­keit durch Hei­rat in ihre Fami­lie auf­ge­nom­men wor­den war. Die Ur-Urgroß­el­tern müt­ter­li­cher­seits von Doro­thea Kat­zen­stein, der Ehe­frau von Leo Kat­zen­stein, waren die Urgroß­el­tern von Mar­ga­re­te Kar­plus der Ehe­frau von Theo­dor W. Ador­no. Auch für Fritz Kat­zen­stein scheint es sich um einen Unbe­kann­ten gehan­delt zu haben, denn er hat­te auf sei­ner Zeich­nung bei dem Namen nicht ein­mal das Geburts­da­tum ein­ge­tra­gen. Sie­he den Ein­trag D15/​1041.

[3] Frau Ell­mann-Krü­ger, die sich auch fach­wis­sen­schaft­lich mit der genea­lo­gi­schen Erfor­schung des Juden­tums befasst hat – sie­he ihr Werk ‚Aus­wahl­bi­blio­gra­phie zur jüdi­schen Fami­li­en­for­schung vom Anfang des 19. Jahr­hun­derts bis zur Gegen­wart’ aus dem Jahr 1992 – hat die Fami­li­en­ge­schich­te der Kat­zen­steins, beson­ders die, die aus der zwei­ten Ehe von Jakob Eise­mann Kat­zen­stein mit Johan­na Rosen­baum resul­tier­te, inten­siv erforscht. Sie selbst ist eine Uren­ke­lin von Jakob Eise­mann Kat­zen­stein und Johan­na Rosen­baum. Ihr Groß­va­ter, der Arzt Dr. Erich Ebstein, ein Sozia­list und enga­gier­ter Kämp­fer für die Frei­ga­be der Abtrei­bung in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik, wur­de des­halb mehr­fach ver­haf­tet und zu Gefäng­nis­stra­fen ver­ur­teilt. Er war mit Sel­ma Kat­zen­stein ver­hei­ra­tet, der Stief­schwes­ter von Leo Kat­zen­stein. Deren Toch­ter, Ger­trud /​ Tru­de Kat­zen­stein wie­der­um hat­te 1932 den Buch­händ­ler und Nicht­ju­den Hans Link gehei­ra­tet. In Kai­sers­lau­tern, ihrem dama­li­gen Wohn­sitz, wur­de ihr Geschäft in der Reichs­po­grom­nacht zer­stört. In Ber­lin kamen sie bei Ger­truds Mut­ter, Sel­ma Ebstein unter, die dort ein jüdi­sches Alters­heim lei­te­te. Obwohl in einer soge­nann­ten „pri­vi­le­gier­ten Misch­ehe“ lebend, wur­de Ger­trud ver­haf­tet. Sie gehör­te zu den weni­gen Frau­en, die im Win­ter 1943 in Ber­lin in der Rosen­stra­ße inhaf­tiert wur­den, was damals die muti­gen Pro­tes­te der nicht­jü­di­schen, zumeist weib­li­chen Ehe­part­ner aus­lös­te. Ger­trud Link kam frei, aber sie und ihr Ehe­mann muss­ten bis zum Kriegs­en­de Zwangs­ar­beit ver­rich­ten. Ihre Mut­ter, Sel­ma Ebstein, wur­de am 19.4.43 von Ber­lin aus nach Ausch­witz depor­tiert und unmit­tel­bar nach Ankunft des Zuges in die Gas­kam­mer geschickt. Die bei­den Kin­der des Ehe­paars Link, Ange­li­ka und Rei­ner, erfuh­ren erst 1945, dass auch sie jüdi­sche Wur­zeln haben.

[4] Neben Leo­pold waren das nach Anga­ben von Ell­mann-Krü­ger Ber­tha, Jet­t­chen (Hen­ri­et­te), Jacob, Julie und Arnold. Zumin­dest von Julie, gebo­ren am 2.4.1875, und dem jün­ge­ren, am 15.2.1878 gebo­re­nen Bru­der Arnold weiß man, dass sie Opfer des Holo­caust wur­den. In einer zwei­ten Ehe, die Eise­mann Kat­zen­stein am 17.4.1879 mit der am 29.3.1855 in Theil­heim gebo­re­nen Hann­chen Rosen­baum in Neu­stadt an der Saa­le schloss, kamen noch ein­mal zwei Töch­ter, Sel­ma am 15. 2.1880 und Ger­da am 17.7.1887, zur Welt. Sel­ma Kat­zen­stein war die Groß­mutter von Ange­li­ka Ellmann-Krüger.

[5] Ihre Eltern waren der Ban­kier Gus­tav und Johan­na Pfeif­fer, geb. Car­le­bach. Er war am 15.2.1855 in Wöll­rie­ten­hof in Mit­tel­fran­ken, sie am 1.7.1859 in Mainz gebo­ren wor­den. Gus­tav Pfeif­fer hat­te spä­ter in Ger­mers­heim und in Mün­chen gelebt und gear­bei­tet. Erst nach sei­nem Ein­tritt in den Ruhe­stand war er wie­der nach Wies­ba­den zurück­ge­kehrt. Anga­ben nach den Auf­zeich­nun­gen von Fritz Kat­zen­stein. Zu sei­nem Sohn Wil­helm Pfeif­fer, dem Bru­der von Doro­thea Pfeif­fer, sie­he unten in die­sem Kapi­tel zum Juden­haus Emser Str. 26a.

[6] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 430 /​ 1907. So bewun­der­te Hed­wig Busch, die lang­jäh­ri­ge Haus­häl­te­rin, in ihrer eides­statt­li­chen Erklä­rung zu den Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen der Kat­zen­steins die „beson­ders reich­hal­ti­gen Wäsche­aus­steu­er und Aus­stat­tung an Klei­dern“. Sie­he HHStAW 518 785 (21).

[7] Den ers­ten Ein­trag im Wies­ba­de­ner Adress­buch fin­det man in der Aus­ga­be 1905/​06.

[8] HHStAW 518 785 (8) in der Geburts­ur­kun­de wur­de Karl mit „K“ geschrie­ben, in den Doku­men­ten ist aber durch­weg die Vari­an­te „Carl“ zu lesen.

[9] Dr. med. Leo Kat­zen­stein, Wies­ba­den und sei­ne Heil­fak­to­ren, Wies­ba­den 1908. Das Werk, erschie­nen im „Selbst­ver­lag der Kur­ver­wal­tung“ war mit dem „Ers­ten Preis der Stadt Wies­ba­den“ aus­ge­zeich­net wor­den. Hin­ter­grund der Ver­öf­fent­li­chung war eine bereits 1904 vom Kur­ver­ein ange­reg­te Kam­pa­gne zur För­de­rung des Kur­we­sens in Wies­ba­den. Die Dis­kus­si­on bzw. sogar Aus­ein­an­der­set­zun­gen  um Inhalt, Gestal­tung, Finan­zie­rung und Autoren­schaft der zu erstel­len­den Pro­pa­gan­da­schrift zogen sich über Jah­re hin, bis man zuletzt ein Preis­aus­schrei­ben initi­ier­te, das von Dr. Kat­zen­stein gewon­nen wur­de. Das Buch ent­hält neben all­ge­mei­nen Aus­füh­run­gen zur geo­gra­phi­schen Lage, zu tou­ris­ti­schen High­lights auch vie­le sta­tis­ti­sche Anga­ben zur medi­zi­ni­schen und hygie­ni­schen Ver­sor­gung der Stadt. Der Haupt­teil ist der Zusam­men­set­zung und der Wir­kung der ver­schie­de­nen Quel­len gewidmet.

[10] Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​II 898. Die Fir­ma war am 21.4.1932 in das Gewer­be-Anmel­de-Ver­zeich­nis auf­ge­nom­men worden.

[11] HHStAW 518 785 (257–266) Gut­ach­ten des Wirt­schafts­prü­fers Meis­ner über das Unter­neh­men aus dem Jahr 1949. Heu­te beher­bergt das Fabrik­ge­bäu­de in Erben­heim den Cam­pus der pri­va­ten Ober­mayr-Schu­le, die auf ihrer Home­page einst erfreu­li­cher­wei­se auf die­sen his­to­ri­schen Hin­ter­grund ver­wies, sie­he http://​eduak​tiv​.de/​h​p​4​7​6​/​W​o​-​G​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​z​u​r​-​V​e​r​p​f​l​i​c​h​t​u​n​g​-​w​i​r​d​.​htm. (Zugriff: 21.11.2017). Die­ser Ver­gan­gen­heit fühlt man sich offen­bar inzwi­schen nicht mehr ver­pflich­tet, denn der Link läuft inzwi­schen ins Lee­re! Der heu­ti­ge Lei­ter der ver­schie­de­nen Ober­mayr-Schu­len, Dr. Ger­hard Ober­mayr, Mit­glied der CDU und als Vor­sit­zen­der der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung Wies­ba­dens auch Reprä­sen­tant der Stadt und ihrer Bür­ger, ver­säumt kei­ne Gele­gen­heit, um bei ent­spre­chen­den Anläs­sen mit erns­ter Betrof­fen­heits­mie­ne zu mah­nen, dass das in der NS-Zeit Gesche­he­ne nie ver­ges­sen wer­den dür­fe. Wie ernst er es damit meint und wie leicht ihm selbst das Ver­ges­sen fällt, kann man dar­an erken­nen, dass er der seit Som­mer 2022 mehr­fach über­mit­tel­ten Bit­te von Dodie Kat­zen­stein, ihr eine Foto­gra­fie des Schul­ge­bäu­des mit der Pro­duk­ti­ons­stät­te ihrer Groß­el­tern zu schi­cken, bis heu­te (sie­he Stand der Bear­bei­tung) nicht nach­ge­kom­men ist. Das Foto soll­te in dem Buch ‚The Moves’ erschei­nen, das inzwi­schen erschie­nen ist und statt­des­sen ein Bild aus dem Inter­net enthält.

[12] Im Erin­ne­rungs­blatt des AMS ist als Umzugs­da­tum 1927 genannt, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​K​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​.​pdf, (Zugriff: 21.11.2017). Erkun­di­gun­gen der Poli­zei im Auf­trag der ‚Betreu­ungs­stel­le Ent­schä­di­gun­gen’ erga­ben das Jahr 1925, sie­he HHStAW 518 785 (12).

[13] So die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Haus­an­ge­stell­ten Frau Busch, sie­he HHStAW 518 785 (21).

[14] HHStAW 518 19261

[15] HHStAW 518 785 (21).

[16] Kat­zen­stein, The Moves, 2004, S. 8.

[17] Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, S. 4.

[18] HHStAW 518 19261 (3).

[19] HHStAW 518 785 (16–20) In der poli­zei­li­chen Abmel­dung heißt es „F.C.Katzenstein am 18.10.36 nach USA, stu­di­en­hal­ber für 2 Jah­re“. Ebd. (217) Tat­säch­lich hat­te Fritz auch ein Rück­fahrts­bil­let erwor­ben, für den Fall, dass er in den USA nicht wür­de Fuß fas­sen kön­nen. Ebd. (77).

[20] HHStAW 518 19261 (56).

[21] HHStAW 519/​3 3646 (1).

[22] HHStAW 519/​3 3646 (3).

[23] Eine Kopie der Lis­te fin­det sich in HHStAW 518 785 (23–26). Der im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren von F. C. Kat­zen­stein beauf­trag­te Rechts­an­walt hat­te zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der wirk­li­che Wert wohl deut­lich über die­ser Sum­me lag, weil man als jüdi­scher Eigen­tü­mer damit rech­nen muss­te, dass die­se Anmel­dung Grund­la­ge für eine wei­te­re Besteue­rung sein wür­de, wes­halb man vor­sichts­hal­ber den Wert der Gegen­stän­de eher minderte.

[24] HHStAW 519/​3 3646 (1).

[25] Der Inhalt der Brie­fe von Bru­no Net­ter und Karl Kahn wur­de dem Ver­fas­ser von Dodie Kat­zen­stein mit­ge­teilt. Über die Ver­haf­tung von Leo Kat­zen­stein sie­he HHStAW 518 785 (228). Sei­ne Häft­lings­num­mer war 25006.

[26] HHStAW 518 785 (245 f.) Laut Mel­dung des IRK war das Ent­las­sungs­da­tum der 24. 11.1938. „Krebs und Eber“ waren auch an der Ari­sie­rung des fran­zö­sisch-jüdi­schen Unter­neh­mens „Urpha­co­lor“ betei­ligt. Laut Ver­trag hat­ten sie am 11.12.1941 93 % des Akti­en­ka­pi­tals im Wert von 9 Mio. Bel­gi­sche Franc für 5.602.500 Bel­gi­sche Franc an sich gebracht. Sie dazu https://​www​.fol​d3​.com/​i​m​a​g​e​/​2​8​7​2​1​7​5​41/ (Zugriff: 21.11.2017).  und https://​www​.fol​d3​.com/​i​m​a​g​e​/​2​8​7​2​1​7​5​25/. (Zugriff: 21.11.2017).

[27] Ob dies wirk­lich genau so geschah, ist frag­lich. Belegt sind die ers­te Zah­lung von 100.000 RM im April 1939 und die der „Rest­kauf­sum­me“ von 43.077,35 RM im Juni des glei­chen Jah­res. HHStAW 519/​3 3646 (13 u.14) In der 1940 von der Devi­sen­stel­le in Frank­furt erneut gefor­der­ten Ver­mö­gens­auf­stel­lung nennt L. Kat­zen­stein u.a. eine Betei­li­gung an der sich in Liqui­da­ti­on befind­li­chen Fir­ma „Phar­maceu­ti­sche Indus­trie“ in Höhe von 17.558 RM, davon „RM 15.000 unsi­che­re bestrit­te­ne For­de­run­gen an die Käu­fer obi­ger Fir­ma“. Ebd. (33). Aller­dings erfolgt dann im Okto­ber 1940 doch noch ein­mal eine Nach­zah­lung in Höhe von 12.000 RM auf das Siche­rungs­kon­to, sodass ver­mut­lich letzt­lich doch die ver­ein­bar­te Sum­me gezahlt wor­den war. Ebd. (45).

[28] HHStAW 518 785 (257–266).

[29] Ebd. Inter­es­sant ist aller­dings, dass der Sohn Fritz Kat­zen­stein spä­ter wohl den Kon­takt zu den Erwer­bern gesucht hat­te, wie Dodie Kat­zen­stein berich­tet: „He main­tai­ned some con­nec­tions with the com­pa­ny for Years; all my child­hood colds were trea­ted with Risi­net­ten cough drops and a pun­gent decon­ge­s­tant oint­ment mai­led from the fac­to­ry.” Dodie Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, in:  Zachor – Remem­ber, Van­cou­ver Holo­caust Edu­ca­ti­on Cen­ter News­let­ter, 4, Novem­ber 2006, S .4. Ein Blan­ko-Rech­nungs­for­mu­lar der Fir­ma “Krebs & Eber” mit den ver­schie­de­nen Risin-Prä­pa­ra­ten ist zu fin­den unter https://​www​.fol​d3​.com/​i​m​a​g​e​/​2​8​7​2​1​7​5​45/. (Zugriff: 21.11.2017).

[30] HHStAW 519/​3 3646 (9).

[31] HHStAW 519/​3 3646 (12).

[32] Brief aus dem Pri­vat­ar­chiv von Dodie Katzenstein.

[33] Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, S. 5.

[34] HHStAW 518 785. Zumin­dest für einen Teil der abge­lie­fer­ten Wert­ge­gen­stän­de exis­tiert ein Ablie­fe­rungs­schein des Wies­ba­de­ner Rechts­amts vom 3. Mai 1939 in Höhe von 1.016 RM, im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­de das Tafel­sil­ber mit 2.500 RM taxiert. Ebd. (16 ff.).

[35] HHStAW 518 19261 (2) und HHStAW 518 785 (248) Nach einem Gut­ach­ten des Juwe­liers Röhl vom 3.4.1939 hat­ten die Gegen­stän­de einen Wert von 1.900 RM.

[36] Zu Voss sie­he die umfas­sen­de Mono­gra­phie von Iselt, Her­mann Voss.

[37] Archiv Muse­um Wies­ba­den, Akte „Ent­ar­te­te Kunst“, Poli­zei­prä­si­dent Wies­ba­den  an Voss, 16.Juli 1938, zit. nach Kath­rin Iselt, „Son­der­be­auf­trag­ter des Füh­rers“. Der Kunst­his­to­ri­ker und Muse­ums­mann Her­mann Voss (1884–1969), Köln 2010, S. 117.

[38] Iselt, Her­mann Voss, S. 122, die Jah­res­an­ga­be 1941 nennt Iselt ohne Nachweis.

[39] HHStAW 518 785 (21).

[40] Dodie Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, in:  Zachor – Remem­ber, Van­cou­ver Holo­caust Edu­ca­ti­on Cen­ter News­let­ter, 4, Novem­ber 2006, S .5. Anfra­gen bei den Bewoh­nern durch die Poli­zei im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens nach dem Krieg erga­ben das Jahr 1940 als Umzugs­jahr, sie­he HHStAW 518 785 (12). Gegen die­se Datie­rung spre­chen aber auch die Anga­ben der Haus­häl­te­rin Busch, die in ihrer eides­statt­li­chen Erklä­rung als Zeit­punkt den Herbst 39 nennt. (21).

[41] HHStAW 519/​3 3646 (43) Sie­he zum Auk­ti­ons­haus Jäger die vie­len Anzei­gen im „Nas­sau­er Volks­blatt“ aus den Jah­ren 1939 – 1942, z.B. Nas­sau­er Volks­blatt vom 17.10.1941, vom 21.4.1940, vom 6.3.1940 oder vom 21.2.1940.

[42] HHStAW 519/​3 3646 (33). Arnold Kat­zen­stein wur­de am 9.12.1941 von Kas­sel aus in das Ghet­to Riga depor­tiert, sie­he https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​8​9​4​866. (Zugriff: 20.11.2023). Zu Julie Strauss sie­he unten https://​moe​bus​-flick​.de/​j​u​l​i​e​-​u​n​d​-​m​a​r​g​a​r​e​t​e​-​s​t​r​a​u​ss/.

[43] Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, S .5.

[44] HHStAW 519/​3 3646 (51).

[45] Pri­vat­ar­chiv von Dodie Kat­zen­stein. Leo und Hele­ne Schwarz wur­de am 1.9.1942 nach The­re­si­en­stadt deportiert.

[46] HHStAW 519/​3 3646 (53).

[47] HHStAW 519/​3 3646 (55).

[48] Auf die­sem Brief­pa­pier war oben der fol­gen­de Text auf­ge­druckt: „Der Tag der Ent­las­sung kann jetzt noch nicht ange­ge­ben wer­den. Besu­che im Lager sind ver­bo­ten. Anfra­gen sind zweck­los.“ Des Wei­te­ren ein Aus­zug aus der Lage­r­ord­nung: „Jeder Häft­ling darf im Monat 2 Brie­fe oder Post­kar­ten emp­fan­gen und absen­den. Ein­ge­hen­de Brie­fe dür­fen nicht mehr als 4 Sei­ten á 15 Zei­len ent­hal­ten und müs­sen über­sicht­lich und gut les­bar sein. Pake­te jeg­li­chen Inhalts sind ver­bo­ten. Geld­sen­dun­gen sind nur durch Post­an­wei­sun­gen zuläs­sig, deren Abschnitt nur Vor‑, Zuna­me, Geburts­tag, Häft­lings­num­mer trägt, jedoch kei­ner­lei Mit­tei­lun­gen. Geld, Fotos und Bild­ein­la­gen in Brie­fen sind ver­bo­ten. Die Annah­me von Post­sen­dun­gen, die dn (sic !) gestell­ten Anfor­de­run­gen nicht ent­spre­chen, wird ver­wei­gert. Unüber­sicht­li­che, schlecht les­ba­re Brie­fe wer­den ver­nich­tet. Im Lager kann alles gekauft wer­den. Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Zei­tun­gen sind zuge­las­sen, müs­sen aber vom Häft­ling selbst im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bestellt wer­den. Der Lagerkommandant.“

[49] HHStAW 518 785 (229) und HHStAW 519/​2 2221 Bd. 3 die Sterbeurkunde

[50] Zu dem Trans­port sie­he aus­führ­lich, King­reen, Depor­ta­ti­on der Juden aus Hes­sen, S. 132–169.

[51] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 402. Zum Geden­ken an Dora Kat­zen­s­te hat Ange­li­ka Ell­man-Krü­ger in Yad Vas­hem eine „Page of Tes­tim­o­ny“ hin­ter­legt, sie­he https://​names​fs​.yad​vas​hem​.org/​Y​A​D​V​A​S​H​E​M​/​n​e​w​_​a​p​p​/​2​0​0​5​0​3​3​1​1​5​4​4​_​2​9​4​_​7​8​9​0​/​4​.​jpg. (Zugriff: 21.11.2017).

[52] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 3.

[53] Die Devi­sen­stel­le hat­te bereits im Okto­ber 1942 der Com­merz­bank die Ein­zie­hung des Ver­mö­gens mit­ge­teilt. In dem Depot waren im Juli 1943 noch 172.000 RM, sie­he HHStAW 519/​3 3646 (58) und HHStAW 519/​2 2221 Bd. 3.

[54] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 3 Die Mit­tei­lung an das Amts­ge­richt ist hand­schrift­lich auf der Rück­sei­te des Briefs vom Amts­ge­richt notiert.

[55] Ebd.

[56] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1 (1) Er wur­de auch in die Lis­te aller Inter­es­sen­ten an jüdi­schen Grund­stü­cken vom 20. Okto­ber 1942 auf­ge­nom­men, sie­he HHStAW 519/​2 3149.

[57] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1 (35).

[58] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1 (2) „Die hie­si­ge mir zuge­wie­se­ne Woh­nung wur­de von 3 bzw. 4 jüdi­schen Par­tei­en bewohnt und befin­det sich daher auch in einem dem­entspre­chen­den Zustande.“

[59] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 2 (40).

[60] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 2 (9), auch hier gab es spä­ter Streit um die Miethöhe.

[61] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1. (Schrei­ben vom 8.1.1943).

[62] Archiv Muse­um Wies­ba­den , Akte „Anträ­ge auf Ankäu­fe 1934–1944“, zit. nach Iselt, Her­mann Voss, S. 122.

[63] Ebd. S. 122 Anm. 176.

[64] Zu den Details des gesam­ten Vor­gangs Iselt, Her­mann Voss,  S. 121 f. Zurecht weist die Autorin dar­auf hin, dass die wah­ren Eigen­tü­mer zu die­sem Zeit­punkt bereits tot waren. Lei­der gibt sie aber fälsch­li­cher­wei­se für Doro­thea Kat­zen­stein den Depor­ta­ti­ons­tag 1.9.1942 als deren Todes­tag und das Depor­ta­ti­ons­ziel The­re­si­en­stadt als Ster­be­ort an. Rich­tig wären der 21.3.1943 als Todes­da­tum und Ausch­witz als Ster­be­ort gewe­sen. Lei­der sind auch die Geburts­or­te von Leo und Doro­thea Kat­zen­stein ver­tauscht. Leo wur­de in Vacha und Doro­thea in Wies­ba­den gebo­ren, nicht umge­kehrt. Die Geburts­ta­ge als sol­che sind aber rich­tig angegeben.

[65] Die Abbil­dung der Madon­na ist unter dem Link http://​www​.stih​-schnock​.de/​S​L​A​M​-​K​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​-​M​a​d​o​n​n​a​_​.​jpg (Zugriff: 10.8.2018) zu fin­den. Von beson­de­rem Inter­es­se ist auch ein zwei­tes hier abge­bil­de­tes Werk von Rena­ta Stih mit dem Titel „The Voya­ge of the Kat­zen­stein Madon­na“, das den Weg der Madon­na von Frank­furt über Wies­ba­den, Salem in Illi­nois, nach St. Lou­is nach­zeich­net. Sie­he auch http://​emu​se​um​.slam​.org/​o​b​j​e​c​t​s​/​5​7​1​1​1​/​t​h​e​-​v​o​y​a​g​e​-​o​f​-​t​h​e​-​k​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​-​m​a​d​o​n​n​a​?​c​t​x​=​a​d​a​b​c​c​d​7​-​e​7​7​0​-​4​d​4​f​-​9​a​4​e​-​2​e​a​a​f​7​6​a​f​7​9​f​&​i​d​x=0. (Zugriff: 10.8.2018). Sie­he zu die­sem Werk auch den Arti­kel in der taz vom 28.11.2013, http://www.stih-schnock.de/Hans-Dickel_TAZ_2013-11–28_.pdf. (Zugriff: 10.8.2018). Nach Anga­ben von Dodie Kat­zen­stein erhiel­ten die Enkel auch einen Ser­vice­teil aus der gro­ßen Samm­lung mit Mei­ße­ner Por­zel­lan zurück. Ihr Vater ver­such­te, die­se Samm­lung anhand von alten Fotos durch Ankäu­fe wie­der zu vervollständigen.

[66] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1.

[67] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1. HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1. Zu dem Angriff auf Wies­ba­den in der Nacht zum 3. Febru­ar 1945 sie­he Wies­ba­de­ner Kurier vom 1.2.2020 und Wei­chel, Tho­mas, Wies­ba­den im Bom­ben­krieg 1941–1945, Wies­ba­den 2016, S. 69–79.

[68] Der Arti­kel von F.R. Adler­stein, How Europe’s Lost Are Found, erschien im Okto­ber 1945 in der Zeit­schrift The Ame­ri­can Mer­cu­ry. Der Autor war lan­ge Jah­re Direk­tor des ‚Joint Dis­tri­bu­ti­on Com­mit­tee’, einer nach dem Ers­ten Welt­krieg gegrün­de­ten Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für jüdi­sche Sol­da­ten aus den USA. Wäh­rend der NS-Zeit war die Orga­ni­sa­ti­on wesent­lich damit beschäf­tigt, emi­gra­ti­ons­wil­li­gen Juden den Weg nach Ame­ri­ka zu ebnen. Die glei­che Auf­ga­be stell­te sich für sie nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs mit der gro­ßen Zahl der DPs, den Dis­pla­ced Per­sons, die die Lager über­lebt hat­ten und auf eine Aus­wan­de­rung in die USA hoff­ten. In sei­nem Arti­kel beschreibt der Autor detail­liert, mit wel­chen Pro­ble­men man damals kon­fron­tiert war, um Ver­wand­te der Geret­te­ten zu fin­den und einen Kon­takt zu ihnen herzustellen. .

[69] Die Fotos sind nicht datiert, aber ange­sichts der noch nicht besei­tig­ten Zer­stö­run­gen müs­sen sie unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de ent­stan­den sein.

[70] HHStAW 519/​2 2221 Bd. 1.

[71] Kat­zen­stein, My Grand­par­ents’ Let­ters, S. 6.

[72] https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​3​7​3​6​9​3​6​3​/​f​r​i​e​d​r​i​c​h​-​c​-​k​a​t​z​e​n​s​t​e​i​n​#​v​i​e​w​-​p​h​o​t​o​=​1​2​4​3​5​9​548. (Zugriff: 20.1.2024).

[73] https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​1​1​6​2​6​7​7​7​4​/​m​a​r​y​-​k​a​t​z​e​n​s​t​ein. (Zugriff: 20.1.2024).

[74] Dodie Kat­zen­stein, Stol­per­stei­ne: Paving A Path to Remem­brance, in: Zachor 2010/​3 Juli, S. 4f.