Lina Rau und ihre Tochter Ilse Denecke

Wie die Geschwister Traub wurde auch Zerline / Lina Rau Mitte Juni 1942 gezwungen, in ein Judenhaus umzuziehen. In dieser Zeit war durch den großen Transport vom 10. Juni in diesen Häusern Platz für neue Bewohner geschaffen worden. Laut Gestapo-Karteikarte kam Lina Rau allerdings sogar schon am 3. Juni, also eine Woche vor dem Transport, in das Haus in der Alexandrastraße, wo sie in der zweiten Etage, in der auch Clothilde Isar seit März 1942 wohnte, ein Zimmer erhielt.

Zuvor hatte Sie in der Taunusstr. 58 gewohnt, wohin sie mit ihrem Mann, dem Apotheker Isidor Paul Rau, 1936 gezogen war, nachdem sie ihr eigenes Haus in der Rheinstraße 1936 hatten verlassen müssen.[1] Die genauen Umstände, durch die es am 10. Januar 1936 zum Verkauf der Apotheke mitsamt der Einrichtung und des gesamten Hausgrundstücks in der Rheinstr. 45 gekommen war,[2] sind nicht mehr zu rekonstruieren. Dass es sich dabei aber um eine Arisierung handelte, ergibt sich schon daraus, dass der damalige Käufer nach dem Ende der Naziherrschaft bereit war, im Rahmen eines Rückerstattungsverfahrens, einem Vergleich zuzustimmen, durch den er gezwungen war, den Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer eine beträchtliche Ausgleichszahlung zu zahlen.[3]

Auch wenn mit der faktischen Enteignung die Familie Rau ihrer bisherigen Einkommensquelle beraubt wurde, so gehörte sie dennoch zu den eher wohlhabenden jüdischen Bewohnern Wiesbadens. Das Vermögen beruhte zu einem nicht unerheblichen Teil auf dem, was Zerline Rau, geb. Tendlau, als Tochter des Manufakturwarenhändlers Meier / Max, Tendlau und seiner Frau Bertha, geb. Gutenberg, mit in die Ehe gebracht hatte. Der Vater war bereits 1884 verstorben. Ihre Mutter Bertha besaß nach eigenen Angaben im Jahr 1921 ein Vermögen von mehr als 200.000 RM, das sie schon vor ihrem eigenen Ableben weitgehend an die Kinder verteilte.[4]

Über den familiären Hintergrund ihres Mannes Isidor Paul Rau ist weit weniger bekannt. Seine Eltern waren Abraham und Florentine Rau, geb. Beer, die in dem westpreußischen Städtchen Graudenz, dem heutigen polnischen Grudziądz, lebten. Hier war Isidor Paul am 1. Juni 1864 geboren worden.

Etwa 1896 hatte Isidor Rau das Haus in der Rheinstr. 45 mit der darin befindlichen „Victoria-Apotheke“ erworben, in dem das Paar auch eine Wohnung bezog.[5] Als Apotheker wird auch Isidor Paul Rau nicht unerheblich zum Wohlstand der Familie beigetragen haben. Leider sind seine Steuerakten nicht mehr vorhanden, aber die „Victoria-Apotheke“, die, 1886 gegründet, zu den ältesten Wiesbadener Apotheken gehörte, wird mit Sicherheit über die Jahre ein beträchtliches Einkommen abgeworfen haben. Sie lag günstig sowohl zu dem Wohnviertel der südlichen Stadterweiterung, als auch unmittelbar am Rande des Historischen Fünfecks. Die Straßenbahn fuhr direkt vor dem Haus vorbei und auf dem First des Gebäudes war in mannshohen Lettern der weithin sichtbare Hinweis auf die sich hier befindliche Apotheke montiert.[6]

Als im September 1938 Raus von der Reichsfluchtsteuerstelle gezwungen wurden, eine Sicherung für die gegebenenfalls fällige Steuer in Höhe von 23.500 RM zu hinterlegen, wurde dies mit dem am 1. Januar 1935 vorhandenen Vermögen in der Höhe von 93.831 RM begründet.[7] Zu diesem Zeitpunkt war das Haus in der Rheinstraße noch nicht verkauft.

In diesen recht begüterten Verhältnissen wuchsen auch die beiden Töchter auf. Margarete Else war am 3. März 1897 und Ilse Luise ein Jahr später am 11. Juni 1898 geboren worden.

Während Ilse Opfer des NS-Regimes wurde, konnte sich die ältere Schwester Margarete mit ihrer Familie retten. Nach ihrem Abitur hatte sie zunächst Wiesbaden verlassen, kehrte aber dann nach der Auflösung ihrer Ehe in ihre Heimatstadt zurück. Kurz lebte sie bei ihren Eltern in der Taunusstr. 58, bevor sie dann zuletzt in das Judenhaus Mainzer Str. 2 eingewiesen wurde. Von hier aus trat sie mit ihren Kindern und dem geschiedenen Mann die Flucht über China in die USA an, wo es ihnen spät und nur unter größten Schwierigkeiten gelang, wieder Fuß zu fassen.[8]

Die Flucht seiner älteren Tochter hatte Isidor Paul Rau nicht mehr erlebt. Er war am 28. Januar 1940 verstorben. Lina Rau blieb alleine in ihrer Wohnung in der Taunusstraße zurück. Wie sie die letzten beiden Jahre dort verbrachte ist nahezu unbekannt, aber immerhin war ihre jüngere Tochter Ilse noch in ihrer Nähe. Sie bewohnte zu dieser Zeit vermutlich alleine zwei Zimmer in der Frankfurter Str. 24.[9]

Eine nur dünne Devisenakte und die Angaben, die ihre Schwester nach dem Krieg über sie machte, sind die einzigen Quellen, die über Ilses weiteres Leben spärlich Auskunft geben. Immerhin ist ihrer Gestapo-Karteikarte zu entnehmen, dass sie von Beruf Laborantin war. Wo und wie lange sie diesen Beruf ausüben konnte, lies sich nicht mehr ermitteln. Am 30. Juni 1828 hatte sie den am 1. Juni 1890 in Kiel geborenen, inzwischen aber in Mainz lebende ehemaligen Hauptmann Hans Ferdinand Denecke geheiratet, der dort eine Anstellung als Bezirksdirektor inne hatte. Aber auch hier ließ sich nicht in Erfahrung bringen, bei welcher Firma das war. Ihr Mann war evangelisch getauft – auf der Gestapo-Karteikarte von Ilse ist unter Vermerke „Ehemann ist Arier“ zu lesen –  und sie selbst nahm diese Konfession bei der Eheschließung selbst auch an. Eine Bindung an den jüdischen Kultus war offensichtlich nicht mehr vorhanden. Die Ehe blieb kinderlos und hatte auch keinen langen Bestand. In einem Brief von Ilse Denecke an den Oberfinanzpräsidenten in Kassel, der ihren gegenwärtigen Personenstand wissen wollte, teilte sie diesem im Januar 1941 mit, dass sie „den Aufenthalt des Herrn Denecke nicht (wisse)“, sie schon einige Jahre von ihm getrennt lebe und inzwischen auch geschieden sei.[10]

Zwar erhielt sie auch weiterhin 25 RM Unterhalt von ihrem ehemaligen Ehemann,[11] was aber selbstverständlich nicht ausreichte, um davon ein Leben fristen zu können. Ein anderes Einkommen hatte sie nach ihren Angaben nicht. Allerdings ist in der Vermögenserklärung, in der sie diese Auskunft gab, auch ein Vermögen von 10.000 RM; in Form von Wertpapieren angegeben, dessen Erträge sie vermutlich verbrauchen konnte.[12] Im November 1940 hatte ihre Mutter in einem Brief an die Devisenstelle Frankfurt darum gebeten, ihrer vermögenslosen Tochter Vera diesen Betrag aus ihrem gesicherten Konto übertragen zu dürfen. Die Tochter solle schon vor ihrem eigenen Tod über diese Geldmittel verfügen dürfen, die ihr dann ohnehin zufallen würden. Ihr verstorbener Mann habe auch Margarete insgesamt einen Betrag in gleicher Höhe zunächst zur Finanzierung ihres Studiums, später für die Ausreise aus Deutschland zukommen lassen.[13] Die Zahlung wurde behördlicherseits genehmigt und ist entsprechend in Veras Vermögenserklärung aufgeführt.

Eigentlich hätte der Betrag auf ihrem Konto aber höher sein müssen, denn die Schwiegermutter ihrer Schwester, Frau Ida Pribram, die ebenfalls noch im Frühjahr 1940 aus Deutschland ausreisen durfte, hatte sich ihre Rente als einmaligen Abfindungsbetrag auszahlen lassen, um damit ihre Ausreise zu finanzieren. Das Geld wurde dann nicht in Wiesbaden, sondern auf ihrem gesicherten Konto in Wien, wo Pribrams früher gewohnt hatten, gutgeschrieben. Weil die Umbuchung auf das hiesige Konto nicht mehr in der knappen Zeit bis zur Ausreise zu bewerkstelligen war, lies sie über den Rechtsanwalt Guthmann beim Finanzamt anfragen, ob sie den Betrag Ilse Denecke abtreten könne. Sowohl das Finanzamt Wiesbaden als auch die Devisenstelle in Wien bewilligten diese Bitte. Nach den von Ilse Denecke gemachten Angaben in ihrer Vermögenserklärung, scheint das Geld aber nie bei ihr angekommen zu sein.

Ihren monatlichen Bedarf, der dann auch bewilligt wurde, bezifferte sie damals auf 240 RM, darunter, neben Wohnkosten von 95 RM und Ausgaben für Lebensmittel und Bekleidung in der Höhe von 125 RM, auch 20 RM für eine Hausangstellte.[14] Dieser Betrag ist auf den ersten Blick eher erstaunlich. Aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich, dass eine alleinstehende Person im Alter von etwa 40 Jahren, die selbst nicht einmal berufstätig war bzw. sein durfte, angesichts ihrer dramatischen wirtschaftlichen Lage einer Hausangestellten bedurfte. Schwer zu sagen, ob darin ein Versuch persönlicher Identitätswahrung gesehen werden kann oder ob es sich um puren bürgerlichen Standesdünkel handelt, der selbst die Zeiten permanenter Herabsetzung überdauert hatte. Aber in Zeiten, in denen ein Staat sich die Zerstörung jeglicher individueller Identität zum obersten Ziel seines Handelns gemacht hatte, mag sogar Standesdünkel eine sublime Form des Widerstandes gewesen sein. Allerdings könnte der Grund für diese Anstellung auch darin zu finden sein, dass Ilse Rau im laufenden Jahr ernsthaft erkrankte, vielleicht auch schon zuvor wegen dieser Krankheit auf fremde Hilfe angewiesen war. Als ein Jahr später, im Februar 1942, sich die Devisenstelle nämlich erneut an Ilse Denecke wandte und frage, ob sich in ihren Verhältnissen, Adresse oder Lebenshaltungskosten, etwas verändert habe, antwortete sie, dass sie noch immer in der Frankfurter Str. 24 wohne , nur ihr Bedarf sich wegen einer Erkrankung erhöht habe. Seit April 1941 sei sie ans Bett gefesselt, allein 16 Wochen habe sie im Krankenhaus verbracht und im April müsse sie sich erneut einer Operation unterziehen. Sie sei angesichts dieser Situation dringen auf fremde Hilfe angewiesen und bat deshalb darum, ihr die angegebenen 268 RM als Freibetrag zu bewilligen. Die Devisenstelle gewährte aber nur 250 RM.[15]. Wohl in dieser Zeit wurde auf ihrer Karteikarte bei der Gestapo die Notiz „arbeitsfähig – z.Zt. krank“ eingetragen.

Nur noch zwei weitere Blätter enthält die Devisenakte. Am 10. August 1942 beantragt Ilse die Freigabe von 119,75 RM von ihrem gesicherten Konto bei der Dresdner Bank zur Begleichung einer Rechnung der Firma Jakoby. Diese war mit dem Transport des Mobiliars von der Frankfurter Str. 24 in das Judenhaus Alexandrastr. 6 beauftragt worden.[16] Vier Tage zuvor – ihre Deportation war längst beschlossen – hatte sie hier, vermutlich bei ihrer Mutter, die bereits seit Anfang Juni hier wohnte, eine Unterkunft gefunden. Es können nur wenige Tage gewesen sein, die sie hier verbrachte. Wahrscheinlich konnte sie sich nicht einmal mit den wenigen ihr verbliebenen Habseligkeiten einrichten, da musste sie erneut umziehen. Auf ihrer Gestapo-Karteikarte ist dieser letzte Wohnungswechsel in die Geisbergstr. 24 nicht mehr eingetragen. Allerdings steht diese Adresse auf der Deportationsliste für den 1. September 1942 nach Theresienstadt und auch im letzten Dokument der Devisenakte heißt es: „Ilse Sara Denecke, Wsbd. , Alexandrastr. 6, zuletzt Geisbergstr. 24“.

Bei diesem letzten Schreiben, in diesem Fall an die Dresdner Bank gerichtet, handelt es sich um das Formular, mit denen die meisten Devisenakten geschlossen wurden. Per Verfügung wurde das gesamte noch verbliebene Vermögen „der nach dem Osten evakuierten Juden … zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“. Die Bank durfte nur noch mit Genehmigung des zuständigen Finanzamts Zahlungen vornehmen. Mit dieser Verfügung war die „Verwertung“ eines jüdischen Lebens abgeschlossen. Ilse Luise Denecke starb am 16. November 1942 in Theresienstadt.

 

Auch die 71jährige Mutter, Lina Rau, stand auf der Deportationsliste für Theresienstadt. Sie hat dieses Reise in den Tod nicht mehr angetreten, sondern am 29. August 1942 in ihrer Wohnung im Judenhaus Alexandrastr. 6 ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Zumindest war sie an diesem Tag mittags um 14.00 Uhr tot aufgefunden worden. Man hatte sich amtlicherseits beim Eintrag in das Sterbebuch keine Mühe mehr gemacht, weder die Eltern, noch der nur zwei Jahre zuvor verstorbene, ganz sicher nicht unbekannte Ehemann wurden eingetragen. Es heißt stattdessen lapidar: „Witwe von unbekannt.“[17]

Von den acht Bewohnern der Alexandrastr. 6, die auf der Deportationsliste vom 1. September für Theresienstadt standen, entzogen sich drei diesem Transport durch ihre Flucht in den Tod. Pauline Traub war die erste am 27. August, es folgte Zerline Rau am 29. und einen Tag später noch Eduard Heilbron.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Ein Eintrag mit der Adresse Taunusstr. 58 Edg. ist für Paul Rau, Rentner, erstmals im WAB 38/39 vorhanden.

[2] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. Bl. Innen 332 Blatt 4901. Das Haus in der Rheinstr. 45 ist in der Aufstellung des Städtischen Vermessungsamts von 1948 nicht als ehemalige jüdische Besitz verzeichnet, siehe Stadtarchiv Wiesbaden WI / 3 983, ebenfalls nicht in der „Liste III“, HHStAW 519/2 1381 bzw. in der diese Liste vorbereitenden Aufstellung, HHStAW 519/2 3146, und auch nicht im Jüdischen Adressbuch in der Abteilung „Hausbesitzer“. Dennoch handelt es sich hier unzweifelhaft um ehemals jüdischen Besitz.

[3] HHStAW 518 48592 (53, 55).

[4] HHStAW 469/33 6267 (5). Meier Max Tendlau und seine Frau Bertha hatten neben Zerline, der ältesten Tochter, die weiteren Kinder Betty, geb. 23.8.1872, gest. 13.1.1932, Berthold, geb. 26.6.1874, gest. 11.8.1932, Johanna, geb. 15.11.1875, Todesdatum ist unbekannt, Wilhelm, geb. 30.1.1877, gest. 15.8.1934 und zuletzt Auguste, geb. 23.8.81, gest. 8.5.1945. Die Tendlaus waren eine alteingesessene jüdische Familie in Wiesbaden. Der bedeutende Volkskundler, der 1802 hier geborene und 1878 in Frankfurt verstorbene Moses Tendlau, der mit der Sammlung und Verschriftlichung alter jüdische Legenden und Mythen einen wesentlichen Beitrag zur jüdischen Kulturgeschichte erbracht hatte, war der Großonkel von Zerline Tendlau. Bei der oben erwähnten Vermögenssume ist zu bedenken, dass die Inflation zu diesr Zeit schon eine recht hohe Rate erreicht hatte.

[5] Im Wiesbadener Adressbuch von 1896 ist Isidor Rau erstmals als Bürger der Stadt aufgeführt.

[6] Die Ansicht der Rheinstraße mit der Apotheke wurde am 21.11.2017 als Postkarte im Internet angeboten:. https://www.globalpostcards.de/Shop2.4/images/dbimages/artikel_0009780_b_1.Jpeg. (Zugriff: 21.11.2017).

[7] HHStAW 519/3 11804 (o.P.).

[8] Das Schicksal von Margarete Pribram, geb. Rau, und ihrer Familie ist im Kapitel zum Judenhaus Mainzer Str. 2 umfassend dargestellt. Siehe unten.

[9] Unbekannte Liste X1. Die Liste wurde im Jahr 1942 aufgestellt, ob sie 1940 noch eine größere Wohnung hatte, ist nicht bekannt, aber eher unwahrscheinlich.

[10] HHStAW 519/3 29611 (6). Am 24. Juli 1939 wurde die Ehe vor dem Landgericht München geschieden.

[11] Den Betrag zahlte er aber nicht freiwillig, er musste monatlich gepfändet werden, HHStAW 519/3 29611 (14).

[12] HHStAW 519/3 29611 (14).

[13] HHStAW 519/3 29611 (1).

[14] HHStAW 519/3 29611 (14, 12).

[15] HHStAW 519/3 29611 (16-18).

[16] HHStAW 519/3 29611 (22). Die Zahlung wurde genehmigt. Aus dem Antrag ergibt sich, dass ihr Freibetrag inzwischen weiter auf 185 RM abgesenkt worden war, der entsprechende Bescheid ist aber nicht mehr vorhanden.

[17] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1942/1851.