Emma Ehrenfeld

 

Es soll hier im Zusammenhang mit der Familie Steinberg auch an die Jüdin Emma Ehrenfeld erinnert werden, die bereits wieder ausgezogen war, als das Haus zum Judenhaus wurde. In der Wiesbadener Opferliste ist aber diese Adresse in der Grillparzerstr. 9, mit der sie auch im Jüdischen Adressbuch von 1935 verzeichnet ist, als die letzte frei gewählte angegeben. Emma Ehrenfeld hatte hier aber keine eigene Wohnung, sondern war, wie sich aus der Steuerakte der Eigentümerfamilie Steinberg ergibt, bei Steinbergs zumindest von 1934 bis 1935 als „Stütze“ – so die Berufsbezeichnung im Adressbuch – angestellt.[1] Im offiziellen Wiesbadener Adressbuch ist sie daher auch in keinem der relevanten Jahrgänge eingetragen. Schon bei der Volkszählung im Mai 1939 gab sie eine Frankfurter Adresse an, wo sie spätestens seit 1940 bei einem Professor Salomon in Diensten war.[2] Nach Frankfurt waren viele Laufenseldener Juden nach der Reichspogromnacht geflohen, sodass sie dort vermutlich auch Verwandte, zumindest aber Bekannte vorfinden konnte.

In Laufenselden, das in der Zeit der Weimarer Republik etwa 900 Einwohner hatte, gab es zu dieser Zeit auch eine kleine jüdische Gemeinde mit etwa 50 Mitgliedern, in der die Familie Ehrenfeld eine bedeutende Position einnahm. Emmas Vater, Siegmund Ehrenfeld, war seinerzeit nicht nur Mitglied des jüdischen Gemeindevorstands, sein Name war auch auf dem Denkmal des örtlichen Kriegervereins eingraviert.[3] Offensichtlich war der national gesonnene jüdische „Handelsmann“ vollständig in das dörfliche Leben integriert, wo auch schon die Eltern Jakob und Sara Ehrenfeld, geborene Nathan, gewohnt hatten.[4] Aber mit dem Machtantritt der Nazis zerbrach dieser örtliche Friede. Ab 1936 begann sich die jüdische Gemeinde aufzulösen und Ende 1938 war der Ort „judenfrei“.[5]

Emma Ehrenfeld, geboren am 27. Februar 1895,[6] hatte drei Geschwister, darunter zwei Halbschwestern, denn ihr Vater hatte nach dem frühren Tod seiner ersten Frau, die bereits 1898 im Alter von 29 Jahren verstarb,[7] erneut geheiratet. Aus der ersten Ehe mit Minna Lippmann, gingen zwei Kinder hervor, zunächst Joseph, geboren am 9. Juli 1893, und dann Emma selbst. Die beiden Töchter Selma, geboren am 23. Dezember 1901, und Rosa / Rosel, geboren am 19. Mai 1904, die der zweiten Ehe Siegmund Ehrenfelds mit Joanette / Johanna Katzmann entstammten, ließen sich in Wiesbaden nieder. Sie betrieben in der Adolfstr. 16 gemeinsam eine Schneiderei mit mehreren Angestellten und ein Geschäft für Damenmode. Rosa hatte das Geschäft als ausgebildete Schneiderin 1924 gegründet und Selma, ihre Berufsbezeichnung wird im Jüdischen Adressbuch mit „Modistin“ angegeben, war vier Jahre später mit in die kleine Firma eingestiegen. Etwa 400 RM bis 500 RM sollen nach Angaben der Auskunftei Blum in den angemieteten Räumen als monatlicher Gewinn erwirtschaftet worden sein.[8] Die überlebende Schwester, Rosa Ehrenfeld, später verheiratete Moch, gab hingegen an, dass vor 1933 ihr gemeinsames Jahreseinkommen bei etwa 10.000 RM gelegen habe. Frauen aus dem „feinsten Kundenkreis“, darunter auch viele arische Frauen, hätten bei Ihnen eingekauft.[9]

Diese Adresse in der Adolfstraße wurde später für die Familie der Eltern angesichts der zunehmenden Bedrohungen in ihrem Heimatort zum vermeintlich sicheren Fluchtpunkt. Wann genau sie nach Wiesbaden zu den beiden Töchtern übersiedelten, ist nicht bekannt. Im Wiesbadener Adressbuch ist kein Eintrag für sie vorhanden, aber beim Census von 1939 ist die Adresse in der Adolfstraße sowohl für Siegmund und seine Frau Joanette als auch für dessen Bruder Julius Ehrenfeld und seine Frau Lina angegeben.[10]

Durch die antisemitischen Boykottaktionen war aber auch das Geschäft der Schwestern, in dem früher auch mehrere nichtjüdische Hilfskräfte angestellt waren, inzwischen zum Erliegen gekommen. Schon 1936 konnten sie von den Einnahmen nicht mehr leben, 1938 mussten sie den Betrieb dann ganz einstellen.[11] Noch im gleichen Jahr wanderte Rosa nach Amerika aus.[12] Ihre Schwester Selma heiratete noch im Januar 1940 in Wiesbaden den aus dem Saarland stammenden evangelischen Juristen Dr. Joel Ernst Brach. Bald danach muss das Paar ebenfalls Deutschland mit dem Ziel USA verlassen haben.[13]

Anders verlief das Schicksal von Emma Ehrenfelds älterem Bruders Joseph. Er war in das südhessische Darmstadt gezogen, wo er 1930 die aus Friedberg stammende Buchhalterin Rosel Rosenfeld geheiratet hatte. Hier waren auch deren beide Kinder Jakob und Ruth Minna geboren worden.[14] Keiner aus dieser Familie sollte den Holocaust überleben. Sie wurden am 25. März 1942 gemeinsam von Darmstadt aus in das polnische Getto Piaski im Landkreis Lublin deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren.[15]

Bis zuletzt hatte Emma mit ihrem kleinen Gehalt von 100 RM, das sie als Hausangestellte erhielt, ihren Bruder in Darmstadt, aber auch ihren Vater, der mit seiner Frau Joanette weiterhin in Wiesbaden in der Adolfstr. 16 wohnte, mit jeweils 30 RM unterstützt. [16] Nachdem sie dies bei der Aufstellung ihrer Lebenshaltungskosten vorschriftsmäßig der Devisenstelle im Oktober 1940 meldete, reduzierte diese sofort ihren Freibetrag auf 65 RM, was quasi einer staatlich verordneten Lohnreduzierung gleichkam, denn nur dieser Betrag durfte ihr weiterhin in bar ausgezahlt werden.

Von Frankfurt aus wurde Emma Ehrenfeld schon in der „ersten Deportationswelle“ – so Longerich[17] – am 20 Oktober 1941 mit etwa 1200 weiteren Frankfurter Juden in das Getto Lotz bzw. Litzmannstadt im sogenannten Warthegau verbracht. Dort verlieren sich ihre Spuren.

Ihr Vater und seine Frau wurden am 1. September 1942 von Wiesbaden nach Theresienstadt deportiert. Beide wurden am 29. des Monats in Treblinka umgebracht.[18] Auch ihr Onkel Julius und dessen Frau Lina waren auf diesem Transport. Julius starb in Theresienstadt am 19. November 1942 an „Herzschwäche“, seine Frau kam am 13. April 1943 im Lager zu Tode.[19]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 685 770 (143, 146).

[2] Schon in der Steuerakte der Steinbergs von 1936 ist sie nicht mehr als Angestellte angegeben, siehe 685 770 (154).

[3] http://www.alemannia-judaica.de/laufenselden_synagoge.htm. (Zugriff 28.9.2017).

[4] HHStAW 469-33 3909 (4).

[5] http://www.graf-von-katzenelnbogen.de/katzenelnbogenchronik.html. (Zugriff: 4.10.2017).

[6] Geburtsregister Laufenselden 1895 / 11.

[7] HHStAW 469-33 3909 (6).

[8] HHStAW 518 50671 (48).

[9] HHStAW 518 76784 (14)

[10] Julius Ehrenfeld war am 20.8.1872 in Laufenselden geboren worden, seine Frau Lina Plaut am 26.8.1881 in Rauschenberg. Bis zu ihrem Konkurs 1932 war Julius Ehrenfeld in Laufenselden als Viehhändler tätig. Das Paar hatte auch drei Kinder, die 1932 im Alter von 20, 14 und 8 Jahren waren. Die beiden jüngsten waren nach Angaben des Rechtsbeistands von Julius Ehrenfeld in einem Vergleichsverfahren von 1932 damals schwer erkrankt und lebten zu dieser Zeit in „Krüppelheimen und sonstigen Anstalten“. Allein die Kosten für deren Unterbringung und Behandlungen waren höher als der Wert des Hauses und des Ackers im elterlichen Besitz. Siehe HHStAW 469/27 1254. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

[11] HHStAW 518 76784 (14).

[12] Siehe zum Schicksal von Rosa Ehrenfeld, verheiratete Moch, HHStAW 518 76784. Ob die Ehe mit Siegbert Moch noch hier oder erst im Exil zustande gekommen war, ist nicht bekannt. Die Ehe blieb kinderlos. Siegbert Moch war 1956 bereits verstorben.

[13] Siehe zu Selma Ehrenfeld HHStAW 518 50671. Joel Ernst Brach war am 2.8.1894 in Sankt Johann geboren worden, siehe die Heiratsurkunde HHStAW 518 50671 (18).

[14] http://juden-in-weinheim.de/de/personen/e/ehrenfeld-rosa.html. (Zugriff: 3.10.2017). Jakob war am 28.8.1931 und Ruth Minna am 1.4.1937 geboren worden.

[15] Piaski fungierte ähnlich wie Izbica als Durchgangs- und Sammellager für die bald folgende Vernichtung. Siehe zu dem Transport, der insgesamt aus etwa 1000 Juden hauptsächlich aus Mainz, Darmstadt und Rheinhessen bestand Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, a.a.O. S. 186 f.

[16] HHStAW 519/3 2642 (5).

[17] Longerich, Politik der Vernichtung, S. 448, zit. Nach Gottwaldt, Schulle S. 52. Zu den weiteren Umständen dieses und der anderen Transporte dieser ersten Deportationswelle siehe ebd. S. 52 – 83

[18] Der amtliche Todeszeitpunkt wurde per Gerichtsbeschluss am 8.9.1954 auf den 31.12.1942 festgelegt, siehe HHStAW 469-33 3909 (23).

[19] Für Julius Ehrenfeld liegt aus Theresienstadt eine Todesfallanzeige vor, in der der Name seiner Frau Lina Plaut fälschlicherweise mit Dina Plaut angegeben ist, siehe http://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/88863-ehrenfeld-julius-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff 28.9.2017). Siehe zu Lina Ehrenfeld http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/9300-lina-ehrenfeld/. (Zugriff 28.9.2017). Siegmund Ehrenfeld hatte neben dem Bruder Julius zumindest noch eine Schwester namens Mathilda, geboren am 19.8.1854, die seit 1894 mit dem Frankfurter jüdischen Kaufmann Emil Daniel Ferber verheiratet war. Siehe http://digitalisate.hadis.hessen.de/hstamr/919/2710/max/00008.jpg. Beide sind im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht verzeichnet. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt.