Exkurs: Dr. Hans Quambusch

Der Ehe­mann der Käu­fe­rin des Hau­ses Fried­richstr. 8, Dr. Hans Quam­busch, spiel­te im NS-Staat zumin­dest eine so bedeu­ten­de Rol­le, dass der Autor des Per­so­nen­le­xi­kons zum Drit­ten Reich ihn, wenn auch nur mit einem kur­zen Arti­kel, in sein Stan­dard­werk auf­ge­nom­men hat.[1]
Der am 7. Sep­tem­ber 1886 in Düs­sel­dorf gebo­re­ne Hans Quam­busch hat­te 1913 sein Asses­so­ren­ex­amen bestan­den und war anschlie­ßend an ver­schie­de­nen Gerich­ten im heu­ti­gen Nord­rhein-West­fa­len tätig gewe­sen. Wegen einer Rheu­ma­er­kran­kung ließ er sich bereits 1930 nach Wies­ba­den an das dor­ti­ge Amts­ge­richt ver­set­zen, um in der Kur­stadt neben sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit auch sein chro­ni­sches Lei­den behan­deln zu las­sen. 1934 wur­de er als Ober­staats­an­walt nach Müns­ter beru­fen, kehr­te dann 1937 in der glei­chen Funk­ti­on wie­der nach Wies­ba­den zurück. Er übte die­ses Amt bis zu sei­ner Ent­las­sung durch die ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­be­hör­den im Jahr 1945 aus. Auf Grund sei­ner zen­tra­len Funk­ti­on in der Rechts­spre­chung, die in die­sem Unrechts­staat zwei­fel­los Teil des ver­bre­che­ri­schen Gesamt­sys­tems war, muss­ten die Besat­zungs­be­hör­den davon aus­ge­hen, dass auch er per­sön­lich schul­dig gewor­den war.
Zwar hat­ten ihn die Ame­ri­ka­ner, nach­dem sie die Regie­rungs­ge­walt in ihrer Besat­zungs­zo­ne über­nom­men hat­ten, am 11. Juni 1945 zunächst noch vor­läu­fig in sei­nem Amt belas­sen, dann aber gemäß der Direk­ti­ve, dass alle Amts­trä­ger im Jus­tiz­be­reich mit dem Rang eines Ober­staats­an­walts auto­ma­tisch der Beschul­dig­ten­grup­pe II, den Belas­te­ten, zuzu­ord­nen sei­en, am 8. Okto­ber 1945 vom Dienst sus­pen­diert. Unter die­se Kate­go­rie der Belas­te­ten, wur­den alle Akti­vis­ten, Mili­ta­ris­ten und Nutz­nie­ßer ver­stan­den, ins­ge­samt also die­je­ni­gen, die man als wesent­li­che Stüt­zen des Sys­tems anse­hen muss­te. Nach Quam­buschs Dar­stel­lung han­del­te es sich bei sei­ner Ent­las­sung aber um einen rein for­ma­len Akt, denn die ame­ri­ka­ni­schen Behör­den hät­ten ihm schon damals sei­ne bal­di­ge Wie­der­ein­stel­lung in Aus­sicht gestellt.[2]

Meldebogen von Dr. Hans Quambusch
Mel­de­bo­gen von Dr. Hans Quam­busch
HHStAW W1829 (1)

Auf sei­nem Mel­de­bo­gen, der sei­nem spä­te­ren Spruch­kam­mer­ver­fah­ren zu Grun­de lag, hat­te er jed­we­de Mit­glied­schaft in einer der ver­schie­de­nen Par­tei­glie­de­run­gen bzw. der Par­tei selbst ver­neint. Ein­ge­räumt hat­te er aller­dings die Mit­glied­schaft in der NS-Volks­wohl­fahrt (NSV) und dem NS-Rechts­wah­rer­bund, denen er jeweils von 1935 bis 1945 ange­hör­te,[3] bei­des zwar kei­ne ver­bre­che­ri­schen Orga­ni­sa­tio­nen, den­noch tra­gen­de Säu­len des Gesamt­sys­tems. Wäh­rend die NSV, neben der all­ge­mei­nen Ziel­set­zung, „ras­sisch wert­vol­le erb­ge­sun­de Fami­li­en zu unter­stüt­zen“, nach dem Auf­nah­me­stopp der NSDAP auch die Auf­ga­be hat­te, für die brei­te Bevöl­ke­rung als Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on zu fun­gie­ren, war der Rechts­wah­rer­bund eine Stan­des­or­ga­ni­sa­ti­on, der bei­zu­tre­ten aber kei­nes­wegs ver­pflich­tend war. Wer den­noch in die­sen Bund ein­trat, tat das, um damit ein Zei­chen der Loya­li­tät mit dem Sys­tem zu set­zen. Dr. Quam­busch gab aller­dings an, er sei in die­se „unbe­schol­te­nen“ Orga­ni­sa­tio­nen gegan­gen, um damit der wie­der­hol­ten Auf­for­de­rung sei­ner Vor­ge­setz­ten in Müns­ter, in die NSDAP ein­zu­tre­ten, aus­zu­wei­chen. In Müns­ter habe er sich ohne­hin durch Ankla­ge­er­he­bung gegen füh­ren­de Par­tei­mit­glie­der mehr­fach Ärger ein­ge­han­delt und sei­ne Ver­set­zung nach Wies­ba­den sei eine gegen ihn gerich­te­te Straf­maß­nah­me gewe­sen, die auch finan­zi­el­le Ein­bu­ßen zur Fol­ge gehabt habe. Den damit ver­bun­de­nen Bruch in sei­ner Kar­rie­re, hät­te er aber bewusst in Kauf genom­men, so sei­ne Ein­las­sun­gen im Spruch­kam­mer­ver­fah­ren. Er galt in der städ­ti­schen Öffent­lich­keit Wies­ba­dens wäh­rend und unmit­tel­bar nach der NS-Zeit auch nicht als Anhän­ger der Natio­nal­so­zia­lis­ten, sodass er tat­säch­lich bald mit sei­ner Reha­bi­li­tie­rung rech­nen konnte.

Dann erschien im Zusam­men­hang mit den Pro­zes­sen um die Eutha­na­sie­mor­de in Hada­mar, in denen Quam­busch als Zeu­ge auf­ge­tre­ten war, ein Arti­kel im Wies­ba­de­ner Kurier vom 17. Okto­ber 1945, der des­sen dort gemach­te Aus­sa­ge, „alle Verwaltungs‑, Jus­tiz- und Poli­zei­stel­len, die Bevöl­ke­rung, jeder­mann wuss­te es, dass in Hada­mar Kran­ke getö­tet wur­den“ auf­griff und die Fra­ge auf­warf, ob er in Kennt­nis die­ser Ver­bre­chen sich als Ober­staats­an­walt nicht schul­dig gemacht habe:

Quambusch
Wies­ba­de­ner Kurier vom 17.10.1945

„Im Hada­mar-Pro­zeß wur­de der frü­he­re Staats­an­walt Quam­busch als Zeu­ge ver­nom­men, der — soweit wir wis­sen — kein Nazi war. Sei­ne Aus­sa­ge mach­te den gan­zen Wahn­sinn des Nazis­mus klar, und zugleich zer­stör­te sie die letz­te Illu­si­on über deut­schen Man­nes­mut im Zivil­le­ben. Herr Quam­busch gab zu, er habe von den Ver­bre­chen in Hada­mar gehört, sich dann beim Gene­ral-Staats­an­walt dar­über unter­rich­tet und erfah­ren, daß Unter­su­chun­gen in sol­chen Ange­le­gen­hei­ten nach einem Füh­rer­be­fehl ver­bo­ten sei­en. Heil Hit­ler. Bis­her hat­ten wir die Pflich­ten eines ein­fa­chen Bür­gers dahin ver­stan­den, daß er ver­pflich­tet sei, einen Mord, von dem er erfah­re, der Behör­de zu mel­den; ein Staats­an­walt hat­te die Pflicht, schon dem Ver­dacht eines Mor­des nach­zu­ge­hen. Die­ser Herr Quam­busch aber fragt sei­nen Vor­ge­setz­ten, ob es gera­ten schei­ne, sol­che Unter­su­chun­gen anzu­stel­len, und nach­dem lei­se abge­winkt wird, beru­higt er sich dabei. Wir sag­ten schon, daß uns nicht bekannt ist, daß Herr Quam­busch ein Nazi war, es ist uns aber bekannt, daß er bei jeder Gele­gen­heit erklärt, das Nazi-Sys­tem habe ihn ange­wi­dert, er hät­te sein Amt am liebs­ten weg­ge­wor­fen, er habe immer nur mit­ge­macht, um Schlim­me­res zu ver­hü­ten. Wir fra­gen Herrn Dr. Quam­busch, was er eigent­lich ver­hü­tet hat Viel­leicht gab es in Wies­ba­den ein­mal ein paar Män­ner mit staats­feind­li­chen Bestre­bun­gen. Viel­leicht wären die­se Bestre­bun­gen zur Tat gereift, und viel­leicht — wir wis­sen es nicht — hat Herr Quam­busch die­se Leu­te fest­ge­setzt und auf die­se Wei­se das Schlimms­te ver­hü­tet, das Schlimms­te, daß Deutsch­land Frie­den bekom­men hät­te. Aber daß wäre ja wohl denn alles, was Herr Dr. Quam­busch ver­hin­dert hat.“[4]

Quam­busch wehr­te sich gegen die­sen, sei­ner Ansicht nach ver­leum­de­ri­schen Arti­kel. Es habe damals kei­ne Chan­ce gege­ben, gegen das Mor­den behörd­li­cher­seits vor­zu­ge­hen, allein sei­ne Anfra­ge bei der über­ge­ord­ne­ten Stel­le bezüg­lich der Vor­gän­ge in Hada­mar, sei schon ein Zei­chen für Mut und Risi­ko­be­reit­schaft gewe­sen. Der Wies­ba­de­ner Kurier ent­schul­dig­te sich dann im Janu­ar 1946 für den frü­he­ren Arti­kel mit den Wor­ten „Wir konn­ten uns inzwi­schen über­zeu­gen, daß gera­de die­ser Mann nicht die­sen Vor­wurf ver­dien­te. Er hat im Gegen­teil sein hohes Amt in so ent­schlos­se­ner Ein­stel­lung gegen Hit­ler aus­ge­übt, dass wir heu­te den Ein­druck haben, gera­de Dr. Quam­busch sei der beru­fe­ne Mann, beim Auf­bau der neu­en Rechts­pfle­ge an vor­ders­ter Stel­le zu ste­hen. (..) Wir bedau­ern die­sen Feh­ler, da wir jetzt wis­sen, das die­ser Mann ‚ein Gerech­ter’ war.“[5]

Hin­ter­grund für die­se neue Ein­schät­zung waren die diver­sen Zeug­nis­se von Men­schen, die mit dem Sys­tem in Kon­flikt gera­ten waren und die Dr. Quam­busch offen­bar vor Schlim­me­rem bewahrt hat­te. Eine Rei­he die­ser Zeug­nis­se bleibt sehr all­ge­mein, bezeu­gen, dass der Ober­staats­an­walt schon immer ein Feind des Nazi­re­gimes und ein sehr hilfs­be­rei­ter Mensch gewe­sen sei, der kei­ner Gefahr auch für sein eige­nes Leben aus dem Weg gegan­gen sei, um die Ver­folg­ten zu schüt­zen. Ande­re sind in den For­mu­lie­run­gen so über­trie­ben, dass sie ins­ge­samt als wenig glaub­haft erschei­nen müs­sen.[6] Den­noch wird man die­se Affi­da­vi­te, die er für sei­ne Ent­las­tung gesam­melt hat­te, nicht ein­fach als „Per­sil­schei­ne“ abtun kön­nen, denn es befin­den sich dar­un­ter auch sol­che, die glaub­haft sein Enga­ge­ment in ein­zel­nen Fäl­len bezeu­gen. Zumeist han­delt es sich bei den Autoren um Freun­de aus dem Jus­tiz­sek­tor, aber auch Mit­glie­der aus jüdi­schen Fami­li­en sind dar­un­ter, die ver­folgt wor­den waren.

Eides­statt­li­che Erklä­rung von Clai­re Gut­h­mann für Dr. Hans Quambusch
Hans Quambusch, Claire Guthmann
HHStAW 2010aE2

Ein beson­de­res Gewicht hat sicher die Aus­sa­ge von Clai­re Gut­h­mann, die Wit­we des von den Nazis ermor­de­ten Rechts­an­walts Bert­hold Gut­h­mann, die selbst Über­le­ben­de aus The­re­si­en­stadt und Mit­be­grün­de­rin der neu­en Jüdi­schen Gemein­de in Wies­ba­den war.
Dr. Quam­busch und Bert­hold Gut­h­mann kann­ten sich nach Anga­ben von Clai­re Gut­h­mann bereits aus der Zeit sei­ner ers­ten Anstel­lung in Wies­ba­den und waren seit dem auch freund­schaft­lich mit­ein­an­der ver­bun­den. Als Bert­hold Gut­h­mann nach dem Novem­ber­po­grom ver­haf­tet und in das KZ-Buchen­wald ein­ge­lie­fert wur­de, habe Dr. Quam­busch ihr den Rat gege­ben, ihren Mann bei den zustän­di­gen Behör­den „pro for­ma“ als „Kon­su­lent“, als juris­ti­schen Ver­tre­ter der Wies­ba­de­ner Juden vor­zu­schla­gen. „Nach­dem“, so schreibt sie wei­ter, „mein Mann in Über­ein­stim­mung mit allen zustän­di­gen Behör­den aus den Rei­hen der jüdi­schen Rechts­an­wäl­te in Wies­ba­den zum ‚Kon­su­len­ten’ ernannt wor­den war, ist es wie­der­um Herr OSTA Quam­busch gewe­sen, der bei der SS-Lager­ver­wal­tung durch Ver­mitt­lung der Par­tei­be­hör­den die Ent­las­sung mei­nes Man­nes for­der­te und die­se schließ­lich auch erreich­te.“[7]

Ver­mut­lich hät­te es damals unter der gro­ßen Zahl jüdi­scher Anwäl­te auch ande­re qua­li­fi­zier­te Aspi­ran­ten für die­ses Amt gege­ben, das Bert­hold Gut­h­mann zwar letzt­lich nicht vor dem Tod in Ausch­witz, ihn und sei­ne Fami­lie immer­hin zunächst vor den Depor­ta­tio­nen bewahrt hat­te. Es war also weder die Jüdi­sche Gemein­de, noch waren es die jüdi­schen Anwäl­te, die dar­über ent­schie­den, wer die­ses Amt aus­üben soll­te, die Amts­über­tra­gung beruh­te nicht ein­mal auf einer eigen­stän­di­gen Initia­ti­ve der NSDAP, son­dern sie basier­te auf einer per­sön­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Gut­h­mann und einem Ober­staats­an­walt, der wie­der­um ent­spre­chend gute Bezie­hun­gen zu NSDAP-Ent­schei­dungs­trä­gern haben muss­te, um eine sol­che Beset­zung beein­flus­sen zu kön­nen. Der dama­li­ge Land­ge­richts­prä­si­dent stell­te Gut­h­mann zudem ein Zeug­nis mit fol­gen­dem Inhalt aus: „Bei guter Befä­hi­gung hat Gut­h­mann die ihm anver­trau­ten Inter­es­sen stets mit Fleiß, Sorg­falt und Sach­lich­keit ver­tre­ten. Sein Auf­tre­ten vor Gericht war ein­wand­frei. Auch sei­ne Füh­rung hat nie Anlass zu Bean­stan­dun­gen erge­ben. Er hat ein ruhi­ges und zurück­hal­ten­des Wesen und ist poli­tisch nie her­vor­ge­tre­ten, hat ins­be­son­de­re auch nie eine staats­feind­li­che Gesin­nung gezeigt. Er gehört zu den weni­gen jüdi­schen Anwäl­ten, denen nach der Macht­er­grei­fung das wei­te­re Auf­tre­ten vor Gericht gestat­tet wor­den ist.“[8]
Wenn spä­ter Zwei­fel inner­halb der Wies­ba­de­ner Juden­schaft an der Inte­gri­tät von Gut­h­mann und nach dem Krieg auch an der sei­ner Frau auf­ka­men, so sicher nicht zuletzt wegen die­ser Amts­über­tra­gung und dem ver­gif­te­ten Lob des Landesgerichtspräsidenten.

Nach einem Anschlag von SA-Män­nern auf Gut­h­mann und des­sen Sohn Paul, war es dann Quam­busch gewe­sen, der in sei­ner Funk­ti­on als Ober­staats­an­walt die Atten­tä­ter anklag­te und erreich­te, dass sie ver­ur­teilt wur­den. Auch in Müns­ter hat­te er sol­che Über­grif­fe von SA-Leu­ten zur Ankla­ge gebracht und sich damit nach eige­nen Wor­ten den Unmut der NSDAP-Obe­ren zuge­zo­gen. Eine Rei­he sol­cher Inter­ven­tio­nen gegen Maß­nah­men des NS-Staa­tes lie­ße sich anfüh­ren bzw. wur­den in sei­nem umfas­sen­den Tätig­keits­be­richt von ihm selbst auf­ge­zählt und mit ent­spre­chen­den eides­statt­li­chen Erklä­run­gen der dama­li­gen Opfer belegt.

Den­noch fragt man sich aus heu­ti­ger Sicht, ob das Urteil, das Clai­re Gut­h­mann über Quam­busch abschlie­ßend fäll­te – „Er hat an der­art expo­nier­ter Stel­le – als Ober­staats­an­walt – durch sei­ne Hal­tung und Arbeits­wei­se den Natio­nal­so­zia­lis­mus aktiv bekämpft und Gerech­tig­keit über alle Par­tei­dok­trin gestellt“ – so ste­hen blei­ben kann.[9]
Auf­fäl­lig ist zunächst, dass in sei­nem umfas­sen­den Tätig­keits­be­richt, den er zum Zwe­cke sei­ner Wie­der­ein­stel­lung der Spruch­kam­mer über­gab, nie ein Zwei­fel am eige­nen Tun in die­sem dik­ta­to­ri­schen Staat zu fin­den ist. Im Gegen­teil, die gesam­te Dar­stel­lung gerinnt gera­de­zu zu einem Hel­den­epos: So schreibt er über sei­nen Wech­sel von Müns­ter nach Wies­ba­den: „Nach­dem ich da [in Wies­ba­den- K​.​F.] die Ver­hält­nis­se glaub­te eini­ger­mas­sen erforscht zu haben und nach­dem ich eine Wei­le geschwankt hat­te, ob ich nicht ver­su­chen sol­le, das nicht leich­te Amt des Ober­staats­an­walts nie­der­zu­le­gen und aus­zu­schei­den oder mich wenigs­tens end­lich auf einen ruhi­ge­ren aber gefahr­lo­se­ren Pos­ten in der Jus­tiz zurück­zu­zie­hen, beschloss ich, das Amt bei­zu­be­hal­ten und die auf mir las­ten­de Ver­ant­wor­tung wei­ter zu tra­gen.
Ich ent­schloss mich, den in Müns­ter begon­ne­nen Kampf gegen des Natio­nal­so­zia­lis­mus fort­zu­set­zen, mich jedoch – gewit­zigt und gewarnt durch die bösen und nach­tei­li­gen Erfah­run­gen in Müns­ter – in der Form des Kamp­fes den ver­än­der­ten Ver­hält­nis­sen anzu­pas­sen und weit stär­ker zu tar­nen als in Müns­ter. Eine sol­che Tar­nung war inzwi­schen offen­bar lebens­not­wen­dig gewor­den, denn ein nicht getarn­ter, ein völ­lig offe­ner Kampf gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus, wie ich ihn zuwei­len in Müns­ter geführt hat­te, wäre, wie die Din­ge im Jahr 1937/​38 lagen, selbst­ver­ständ­lich sinn­los gewe­sen, weil er zu mei­ner sofor­ti­gen Besei­ti­gung geführt und mir die Fort­set­zung des Kamp­fes, des­sen End­sta­di­um ja noch nicht begon­nen zu haben schien, unmög­lich gemacht, im Ergeb­nis alle mir und den vie­len Opfern der Staats­po­li­zei, denen es zu hel­fen galt, nur gescha­det, dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Régime jedoch nur genutzt haben wür­de. (…)
Wenn ich rück­schau­end über die­sen Zweig mei­ner Wies­ba­de­ner Amts­tä­tig­keit im Ein­zel­nen berich­ten woll­te, so müss­te ich ein ziem­lich umfang­rei­ches Werk schrei­ben. Zwar gehört das, was ich in jenen har­ten Jah­ren auf die­sem Gebiet getan habe, zu dem Bes­ten, was ich in jahr­zehn­te­lan­ger Berufs­ar­beit im Diens­te des Rechts leis­ten durf­te, aber ich möch­te der Ver­su­chung wider­ste­hen, hier eine ins Ein­zel­ne gehen­de Über­sicht über mei­ne poli­ti­sche Hilfs­tä­tig­keit wäh­rend des Nazi­ter­rors zu geben. Das ver­bie­tet ein­mal die gebo­te­ne Kür­ze und Rück­sicht auf die eng bemes­se­ne Zeit des Lesers. Sodann möch­te ich den schon ohne­hin bei­na­he zwangs­läu­fig auf­kom­men­den Ver­dacht ver­mei­den, als beab­sich­ti­ge ich, mit jener ermü­den­den Über­sicht, die doch nie­mals voll­stän­dig sein könn­te, einen Lob­ge­sang auf mich selbst anzu­stim­men.“
[10] Gegen­über einer solch heroi­schen Gestalt, die sogar in der gezier­ten Beschei­den­heit selbst noch ein­mal einen Lob­ge­sang auf sich selbst anstimmt, ist Skep­sis alle­mal angebracht.

Lis­te von Infor­man­ten des SD der SS (Aus­zug)
HHStAW 2010aE2 (11)

Die­se berech­tig­te Skep­sis wird noch dadurch ver­stärkt, dass unmit­tel­bar nach dem Krieg eine Lis­te soge­nann­ter „Ver­trau­ens­män­ner“ der Staats­po­li­zei, genau­er der Gesta­po Wies­ba­dens, auf­tauch­te, auf der sich neben bekann­ten loka­len NSDAP-Grö­ßen wie Mix, Pie­kars­ky und Bode­wig auch der Name von Hans Quam­busch befand.[11]

Zunächst stell­te Quam­busch die Echt­heit die­ser Lis­te in Fra­ge, d​.​h. ob sie tat­säch­lich aus einer Behör­de stamm­te oder aber erst nach der Befrei­ung in denun­zia­to­ri­scher Absicht erstellt wor­den war. Offen­sicht­lich war letz­te­res aber nicht der Fall. Die Lis­te stamm­te vom SD, dem Sicher­heits­dienst der SS, und war der ‚Betreu­ungs­stel­le für poli­tisch, ras­sisch und reli­gi­ös Ver­folg­te in Wies­ba­den’ über­ge­ben wor­den. Der Über­brin­ger soll ein Herr Wind­gas­se gewe­sen sein, der – so Quam­busch – mehr­fach vor­be­straft sei, u​.​a. wegen „schwe­rer Zuhäl­te­rei an der eige­nen Ehe­frau“. Eine Lis­te, deren Über­brin­ger sich mora­lisch in sol­cher Wei­se selbst dis­ke­di­tiert hat­te, kann – so ist insi­nu­iert – selbst nicht der Wahr­heit ent­spre­chen. Wie sie in die Hän­de von Wind­gas­se gelang­te, konn­te damals nicht geklärt werden.

Gleich­wohl such­te Quam­busch nach Erklä­run­gen dafür, wie sein Name auf die­se Lis­te gera­ten konn­te. Mit dem S​.​D. hät­te er – anders als mit der Staats­po­li­zei — auch beruf­lich nie etwas zu tun gehabt. In sei­nen wei­te­ren Aus­füh­run­gen gibt er dann doch zumin­dest eine indi­rek­te Zusam­men­ar­beit mit dem S​.​D. zu, aller­dings auf eine Wei­se, die die Exis­tenz sei­nes Namens auf der Lis­te erklä­ren könn­te, ihm aber zugleich sei­ne sau­be­re Wes­te nicht beschmutzt: „Mei­ne ein­zi­ge, indi­rekt dem S​.​D. betref­fen­de Tätig­keit hat dar­in bestan­den, dass ich inner­halb der Jah­re 1940 bis 1944 nach mei­ner Erin­ne­rung ein oder auch meh­re­re Male dem mich befra­gen­den Land­ge­richts­prä­si­den­ten Hef­er­mehl in Wies­ba­den über irgend­wel­che mir ent­fal­le­nen Punk­te aus den all­ge­mei­nen Straf­ge­set­zen eine Rechts­aus­kunft, die er von mir erbat, gege­ben habe. Hier­bei erzähl­te mir der Land­ge­richts­prä­si­dent, er sei von irgend einer Dienst­stel­le des auch ihm im übri­gen unbe­kann­ten S​.​D. um die­se Aus­kunft gebe­ten wor­den und wol­le sich der Sicher­heit hal­ber vor­her bei mir über den Inhalt und die Bedeu­tung der betr. Geset­zes­stel­len unter­rich­ten. Es ist mög­lich, dass Herr Hef­er­mehl bei sei­ner Aus­kunft dem S​.​D. mit­ge­teilt hat, die Aus­kunft rüh­re vom Ober­staats­an­walt, also von mir her, und dass aus die­sem Grun­de der S​.​D. mich als ‚Ver­trau­ens­mann’ in irgend eine sei­ner Lis­ten auf­ge­nom­men hat.“[12] Da kom­men schon eini­ge Zwei­fel auf, wenn ein Land­ge­richts­prä­si­dent, der im Übri­gen eben­falls auf die­ser Lis­te erscheint und zudem auch die Beru­fung von Bert­hold Gut­h­mann zum Kon­su­len­ten unter­stützt hat­te,[13] sich bei einem Ober­staats­an­walt Rechts­aus­künf­te ein­holt, völ­lig abs­trakt, ohne einen kon­kre­ten Fall, sprich eine kon­kre­te Per­son, im Auge zu haben. Auch bleibt die Fra­ge, wie oft es sol­che Kon­tak­te gab, mit „ein oder auch meh­re­re Male“ sehr im Vagen. Dass die kon­kre­ten Punk­te, um die es ging, ihm ent­fal­len waren und auch „irgend­ei­ne Dienst­stel­le“ des S​.​D. die Anfra­ge gestellt hat­te, ist ver­wun­der­lich, wenn der Mann sei­ne Hel­den­ta­ten ande­rer­seits noch sehr genau erin­nern konn­te. Aber laut die­ser Aus­sa­ge gab es nur einen sehr indi­rek­ten, über den Gerichts­prä­si­den­ten her­ge­stell­ten Kon­takt zum S​.​D.
Im Juli 1945 gab Quam­busch eine wei­te­re Erklä­rung für sein Erschei­nen auf der besag­ten Lis­te ab, in der er zwar eben­falls der Kon­takt zum S​.​D. leug­ne­te, aber zumin­dest den zu bekann­ten Grö­ßen der Par­tei und der Gesta­po in Wies­ba­den ein­ge­stand:
“Die Beam­ten der Staats­po­li­zei in Wies­ba­den baten häu­fi­ger ent­we­der per­sön­lich oder tele­fo­nisch in poli­ti­schen Straf­sa­chen um mein juris­ti­sches Urteil. Sie hat­ten die­se juris­ti­schen Beleh­run­gen not­wen­dig, denn es waren unter ihnen vie­le, die zwar als Spür­hun­de und Ter­ro­ris­ten für die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Regie­rung brauch­bar waren, in juris­ti­schen Fra­gen jedoch unfä­hig waren. Die meis­ten von ihnen waren näm­lich nicht fähig, einen poli­ti­schen Straf­fall nach der tat­säch­li­chen Sei­te des rich­ti­gen juris­ti­schen Urteils klar zu beur­tei­len. In die­ser Unsi­cher­heit frag­ten sie oft, bevor die ver­folg­te Per­son dem Rich­ter zwecks Erlass des Haft­be­fehls vor­führ­ten, um mei­ne juris­ti­sche Beur­tei­lung des Falls. In sol­chen Fäl­len war es für mich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, die Beam­ten der Staats­po­li­zei so zu beleh­ren und so zu bera­ten, wie es für die unglück­li­chen Opfer am bes­ten war. Auf die­se Wei­se habe ich Jah­re hin­durch vie­len Ver­folg­ten gehol­fen, dar­un­ter sehr oft sol­chen, die es nie erfah­ren haben, wer ihnen gehol­fen und wer ihr schwe­res Schick­sal gemil­dert hat.“ Außer­dem will er durch die­se Kon­tak­te die Absich­ten der Gesta­po aus­ge­horcht, Plä­ne durch­kreuzt und Gefähr­de­te gewarnt haben. Auch dies­mal ver­zich­te­te er dar­auf, kon­kre­te Fäl­le zu benen­nen.
“Wenn es mir bei die­sen gefähr­li­chen Bemü­hun­gen, der Wahr­heit und Gerech­tig­keit zu die­nen, in schwie­rigs­ter Lage gelang, die Gehei­me Staats­po­li­zei Jah­re hin­durch zu täu­schen, so bin ich stolz auf die­ses Ergeb­nis. Wenn die­se Täu­schung eine so voll­stän­di­ge war, dass die gehei­me Staats­po­li­zei, deren Dumm­heit fast eben­so­groß (sic) war wie ihre Schlech­tig­keit, allen Erns­tes mich als ihren Ver­trau­ens­mann ange­se­hen und mich auf die Lis­te ihrer Ver­trau­ens­män­ner — hof­fent­lich an ers­ter Stel­le – gesetzt hat, so besit­ze ich genü­gend Humor, um trotz der Schwe­re der Lage mei­nes Vater­lan­des in die­ser Stun­de herz­lich zu lachen!“[14]

Ein hal­bes Jahr spä­ter nennt er dann auch eine sei­ner Kon­takt­per­so­nen bei der Gesta­po nament­lich: „Unter die­sen ist mir genau in der Erin­ne­rung der wegen sei­ner Bru­ta­li­tät und sei­ner Feind­schaft gegen die Juden weit­hin berüch­tig­te Ange­stell­te Bode­wig, ein Mann von gerin­ger Intel­li­genz, aber ein ehr­gei­zi­ger Beam­ter und aktiv fana­ti­scher Natio­nal­so­zia­list schlimms­ter Art.“ Ohne Zwei­fel eine rich­tig Cha­rak­te­ri­sie­rung von Bode­wig, mit der Quam­busch aber sei­ne eige­ne Per­son in ein umso hel­le­res Licht set­zen möch­te. Abge­se­hen von dem eher pein­li­chen Gesül­ze ist bei die­ser Dar­stel­lung kaum nach­voll­zieh­bar, wie­so die­ser fana­ti­sche Natio­nal­so­zia­list Bode­wig, der sich ansons­ten um gesetz­li­che Bestim­mun­gen wenig scher­te, zu dem zumin­dest für Nazis angeb­lich nicht kosche­ren Quam­busch ging, um sich bei mehr­fa­che Tref­fen recht­lich bera­ten zu las­sen. Immer­hin war aus einer unver­däch­ti­gen, zunächst ein­ma­li­gen, viel­leicht auch mehr­fa­chen Bera­tung des Land­ge­richts­prä­si­den­ten im Lau­fe der Zeit ein doch häu­fi­ge­res Zusam­men­tref­fen mit einem der schlimms­ten Nazis in Wies­ba­den gewor­den. Um die nach dem Krieg zu legi­ti­mie­ren muss­te man schon gute Grün­de vor­brin­gen kön­nen, zumal wenn man das Amt eines Ober­staats­an­walts in dem neu­en deut­schen Rechts­staat über­neh­men woll­te. Und Opfer­schutz mach­te sich da alle­mal gut.

Ober­staats­an­walt Quam­busch ver­hin­dert eine vor­zei­ti­ge Ent­las­sung von Fritz Beck­hardt
HHStAW 409–4 312 (o​.​P.)

Kei­nen Opfer­schutz gewähr­te er aller­dings dem im Ers­ten Welt­krieg hoch deko­rier­ten Kampf­flie­ger Fritz Beck­hardt, einem Wies­ba­de­ner Juden, der es ‚Jude mit dem Haken­kreuz’ zu gro­ßer Bekannt­heit gebracht hat­te.[15] Nach Erlass der Nürn­ber­ger Geset­ze 1935 geriet Beck­hardt mit dem Staat in Kon­flikt, weil er eine Bezie­hung zu einer ari­schen Frau, sei­ner Haus­an­ge­stell­ten, unter­hielt und sogar Vater eines Kin­des aus die­ser Bezie­hung wur­de. Mit den neu­en Ras­se­ge­set­zen galt die­se Bezie­hung als „Ras­sen­schan­de“ und Beck­hardt wur­de auf Grund einer Denun­zia­ti­on zu einem Jahr und acht Mona­ten Gefäng­nis ver­ur­teilt. Nach Ver­bü­ßung der Hälf­te der Stra­fe hät­te es die Mög­lich­keit zur vor­zei­ti­gen Ent­las­sung gege­ben, zumal die Beur­tei­lun­gen über ihn, soweit es das Ver­hal­ten im Gefäng­nis und die Arbeits­leis­tung betra­fen, alle sehr posi­tiv waren. Ein­zig die Tat­sa­che, dass er Jude war, ver­hin­der­te offen­bar die­se Mög­lich­keit: „B. ist Jude u. denkt u. fühlt als sol­che“, so die Aus­sa­ge von einem der Auf­se­her.[16] Vor dem Hin­ter­grund der genann­ten posi­ti­ven Punk­te in den Beur­tei­lun­gen und beson­ders ange­sichts der mili­tä­ri­schen Leis­tun­gen für das „Vater­land“ wäre es sicher nicht unmög­lich und auch sicher kei­ne Gefähr­dung sei­ner eige­nen Per­son gewe­sen, wenn der Ober­staats­an­walt für eine Ver­kür­zung der Straf­zeit plä­diert hät­te. Statt­des­sen for­mu­lier­te er knapp und klar, er habe „kei­ne Ver­an­las­sung gefun­den, einen Gna­dener­weis zu befür­wor­ten“.[17]
Aber nicht nur damals, son­dern nach dem Ende der ver­häng­ten Stra­fe war er es erneut, der eine Frei­las­sung ver­hin­der­te. Zwar über­ließ er es dies­mal sei­nem Ver­tre­ter, das Votum der Gesta­po mit­zu­tei­len, aber der Ers­te Staats­an­walt unter­zeich­ne­te aus­drück­lich „in Ver­tre­tung“, wes­halb man davon aus­ge­hen muss, dass sein Vor­ge­setz­ter die Ent­schei­dung bil­lig­te. Für Fritz Beck­hardt bedeu­te­te das neun wei­te­re Mona­te „Schutz­haft“ in Buchen­wald. Erst danach kam er frei und konn­te mit sei­ner Fami­lie aus­wan­dern.
Die gan­ze Sache hat noch dadurch ein beson­de­res „Geschmäck­le“, weil der Anwalt von Fritz Beck­hardt der Kon­su­lent Bert­hold Gut­h­mann war, der angeb­lich mit Quam­busch in einem beson­de­ren Ver­trau­ens­ver­hält­nis stand. Gut­h­mann war aber auch eng mit Fritz Beck­hardt befreun­det. Bei­de waren akti­ve Mit­glie­der im ‚Kampf­bund jüdi­scher Front​sol​da​ten​’(‚K​jF’), kann­ten sich seit Jah­ren und hat­ten diver­se Kon­fron­ta­tio­nen mit dem Nazi-Mob gemein­sam durch­ge­stan­den. Man muss sich aber fra­gen, ob Beck­hardt etwas von der Bezie­hung zwi­schen sei­nem Ver­tei­di­ger und sei­nem Chef­an­klä­ger wuss­te ? Ob er wuss­te, dass es da logi­scher­wei­se Inter­es­sens­kon­flik­te gab und Gut­h­mann mög­li­cher­wei­se in einem Loya­li­täts­kon­flikt stand? Wie dem auch sei, es war Quam­busch, der nicht ein­mal dem „Freund“ eines „Freun­des“ zu hel­fen bereit war, selbst dann nicht, wenn für ihn per­sön­lich nichts auf dem Spiel stand.

Aber all das tat der wei­te­ren Kar­rie­re von Dr. Quam­busch kei­nen Abbruch. Die Ame­ri­ka­ner, die Quam­busch zunächst ent­las­sen hat­ten, stan­den mit ihrem ein­ge­schla­ge­nen har­ten Kurs bei der Ent­na­zi­fi­zie­rung bald vor einem Dilem­ma. Allein in Wies­ba­den, wo zu Kriegs­be­ginn 14 Staats­an­wäl­te tätig gewe­sen waren, durf­ten ein Jahr nach Kriegs­en­de nur noch fünf ihren Dienst aus­üben, in Frank­furt und Darm­stadt hat­te sich die Zahl sogar hal­biert und bei den Rich­tern sah es noch schlim­mer aus. Deren Zahl war in Wies­ba­den in die­sem Zeit­raum von ein­und­zwan­zig auf sechs geschrumpft.[18] Ersatz für die wegen ihrer Amts­füh­rung im NS-Staat ent­las­se­nen Juris­ten war kaum zu fin­den, statt­des­sen hat­ten die Besat­zungs­be­hör­den eine gro­ße Zahl völ­lig unfä­hi­ger Bewer­ber ein­ge­stellt, wie Raim nach­wei­sen konn­te. So schien ein Staats­an­walt, der nicht ein­mal Mit­glied in der NSDAP war, auch glaub­haf­te Ent­las­tungs­zeu­gen vor­wei­sen konn­te, zumin­dest ein klei­ne­res Übel zu sein. Den­noch waren sie bei Quam­busch ange­sichts der Anschul­di­gun­gen zöger­lich geblie­ben, obwohl ihm anfangs eine schnel­le Wie­der­ein­stel­lung zuge­sagt wor­den war.

Vor dem glei­chen Pro­blem, unbe­schol­te­ne Juris­ten zu fin­den, stan­den die Deut­schen, als mit dem „Gesetz zur Befrei­ung von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Mili­ta­ris­mus“ vom 5. März 1946 die Ent­na­zi­fi­zie­rung in deren Hän­de gelegt wur­de. Am 2. Juli 1946 ersuch­te Quam­busch noch ein­mal bei der ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­re­gie­rung um sei­ne Wie­der­ein­set­zung. Die­se wie­der­um gab den Fall ange­sichts der ver­än­der­ten Zustän­dig­kei­ten an die Deut­schen mit dem Hin­weis wei­ter, dass er mit höchs­ter Prio­ri­tät in den lau­fen­den Spruch­kam­mer­ver­fah­ren zu behan­deln sei.[19] Am 5. August 1946 über­trug der Hes­si­sche Minis­ter für Wie­der­auf­bau und poli­ti­sche Befrei­ung die Ange­le­gen­heit mit dem Ver­merk „Zur sofor­ti­gen vor­dring­li­chen Behand­lung“ an die Spruch­kam­mer Wies­ba­den.[20] In dem mit­ge­lie­fer­ten Arbeits­bo­gen heißt es ergän­zend zu den frü­he­ren, von Quam­busch auf dem Mel­de­bo­gen selbst gemach­ten Anga­ben: „Mit­ar­bei­ter der Orts­grup­pe Süd 1938“, was sich nur auf die NSDAP bezie­hen kann, und „Ver­mut­lich Aus­kunfts­dienst bei dem SD in der SS“.

Quambusch
Ein­stel­lung des Ver­fah­rens gegen Dr. Quam­busch
HHStAW W1829 (22)

Unge­ach­tet des­sen beschei­nig­te der Hes­si­sche Minis­ter der Jus­tiz in einer bei­gefüg­ten Stel­lung­nah­me, „dass Dr. Quam­busch sein Amt als Ober­staats­an­walt in unta­de­li­ger Wei­se geführt und sich als akti­ver Geg­ner des Natio­nal­so­zia­lis­mus und Beschüt­zer der­je­ni­gen erwie­sen hat, die vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­folgt wur­den. Die Rück­kehr des Dr. Quam­busch in sein Amt als Ober­staats­an­walt wür­de einen gro­ßen Gewinn für die Jus­tiz­ver­wal­tung bedeu­ten und ich wäre dank­bar, wenn sie so bald als mög­lich ver­wirk­licht wer­den könn­te.“[21]

Die­sem Wunsch und die­ser Ein­schät­zung ent­sprach die Spruch­kam­mer in ihrem Urteil vom 5. Sep­tem­ber 1946 und schloss die Akte Quam­busch: „Sie [die Spruch­kam­mer – K​.​F.] gibt ihrer Genug­tu­ung Aus­druck durch ihren Spruch, einen auf­rech­ten, muti­gen Mann wie­der reha­bi­li­tie­ren und damit ihm den ihm zukom­men­den Platz im Wie­der­auf­bau unse­rers (sic) armen Vater­lan­des öff­nen zu kön­nen.“[22]

Damit waren alle Hemm­nis­se für die Kar­rie­re von Dr. Quam­busch im Nach­kriegs­deutsch­land besei­tigt. Er stieg auf zum Gene­ral­staats­an­walt am Deut­schen Ober­ge­richt für das Ver­ei­nig­te Wirt­schafts­ge­biet in Köln [23] und wur­de mit der Ober­auf­sicht über alle Spruch­kam­mer­ver­fah­ren in der bri­ti­schen Besat­zungs­zo­ne betraut. Schon 1952 ehr­te man ihn mit dem Gro­ßen Bun­des­ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, aber das hat­te man auch einem „furcht­ba­ren Juris­ten“ wie Hans Fil­bin­ger umgehängt.

In dem gesam­ten Ver­fah­ren um die Wie­der­ein­stel­lung und Reha­bi­li­tie­rung von Hans Quam­busch spiel­te der Kauf des Hau­ses Fried­richstr. 8 in Wies­ba­den von der Jüdin Aure­lie Kahn kei­ne Rol­le, obwohl er damit eben­falls als Nutz­nie­ßer der NS-Herr­schaft zum Kreis der Belas­te­ten gehör­te. Im Gesetz heißt es dies­be­züg­lich unter Arti­kel 9, Absatz I 3: „Nutz­nie­ßer ist, wer auf Kos­ten der poli­tisch, reli­gi­ös oder ras­sisch Ver­folg­ten unmit­tel­bar oder mit­tel­bar, ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit Ent­eig­nun­gen, Zwangs­ver­käu­fen und der­glei­chen, über­mä­ßi­ge Vor­tei­le für sich oder ande­re erlang­te oder erstreb­te.“[24]

Auch wenn sei­ne Frau als Käu­fe­rin auf­trat, so war er zumin­dest mit­tel­ba­rer Nutz­nie­ßer und obwohl der Ver­trag nicht rechts­kräf­tig wur­de, so war allein das Erstre­ben eines sol­chen Nut­zens vom Gesetz als hin­rei­chen­der Grund für eine Ein­stu­fung in die Grup­pe II fest­ge­legt wor­den. Und die­ser Nut­zen war allein schon dadurch gege­ben, dass das Ehe­paar Quam­busch über län­ge­re Zeit, bis Herbst 1944, die Miet­ein­nah­men für das Haus ein­strich.[25] Dass der ver­ein­bar­te Preis deut­lich unter dem Wert der Immo­bi­lie lag, sogar unter dem Ein­heits­wert, ergibt sich aus dem gesam­ten Ver­trags­werk, in dem auch ein recht hoher Abgel­tungs­be­trag fest­ge­schrie­ben war.
Inter­es­sant ist zudem auch hier wie­der die Anwe­sen­heit von Bert­hold Gut­h­mann bei der Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges. Er fun­gier­te ver­mut­lich in sei­ner Rol­le als Kon­su­lent für Aure­lie Kahn als Ver­trau­ens­per­son, war aber ver­mut­lich auch der­je­ni­ge, der als Freund des Ehe­paars Quam­busch das Geschäft ange­bahnt hat­te. Man muss sich unwei­ger­lich fra­gen, ob er in die­ser Inter­es­sens­kon­stel­la­ti­on eine neu­tra­le Posi­ti­on über­haupt hat­te ein­neh­men kön­nen, zumal er Quam­busch sei­ne Ent­las­sung aus dem KZ und auch die Funk­ti­ons­stel­le des Kon­su­len­ten zu ver­dan­ken hatte.

Als spä­ter die Fra­ge strit­tig war, ob der Kauf­ver­trag zwi­schen Aure­lie Kahn und Quam­buschs tat­säch­lich Rechts­kraft erhal­ten hat­te, nahm der dama­li­ge Vor­sit­zen­de des Finanz­amts Wies­ba­den in einem Schrei­ben an das Ehe­paar Quam­busch noch ein­mal Bezug auf Gut­h­mann. Die gesam­te Ver­kaufs­an­ge­le­gen­heit war inzwi­schen höchst kom­pli­ziert gewor­den, weil der Ver­trag noch vor dem Erlass der 11. Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz, aber unter Vor­be­halt irgend­wel­cher Ein­wän­de durch die zustän­di­ge Ent­ju­dungs­stel­le abge­schlos­sen wor­den war. Die genann­te Ver­ord­nung leg­te fest, dass das gesam­te Ver­mö­gen der Flücht­lin­ge, auch das Immo­bi­li­en­ver­mö­gen, dem Reich ver­fal­len wür­de, sobald die Reichs­gren­ze über­schrit­ten war. Die Ent­ju­dungs­stel­le hat­te ihre Ein­wil­li­gung aber erst nach Erlass der Ver­ord­nung gege­ben, jetzt aller­dings unter dem Vor­be­halt der Zustim­mung des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten, der zustän­dig für die dem Reich ver­fal­le­nen Ver­mö­gen war. Dies betraf aber nur den Teil der in die USA aus­ge­wan­der­ten Töch­ter, nicht aber für die nach Paläs­ti­na emi­grier­ten Töch­ter der ver­stor­be­nen Erna Hess, gebo­re­ne Kahn, denn die­se waren – so ist dem Brief zu ent­neh­men – nach Anga­be von Bert­hold Gut­h­mann paläs­ti­nen­si­sche Staats­bür­ger gewor­den. Sie konn­ten – wenn auch nicht völ­lig frei — über ihr Ver­mö­gen und den Ver­kauf bestim­men. Der Vor­sit­zen­de des Finanz­amts deu­tet an, dass man die­ser Anga­be von Gut­h­mann nicht unbe­dingt Glau­ben schen­ken müs­se, was ihm sicher Recht gewe­sen wäre. Denn soll­ten die Enke­li­nen von Aure­lie Kahn bis­her kei­ne frem­de Staats­bür­ger­schaft haben, dann wäre das gesam­te Ver­mö­gen dem Reich ver­fal­len und der Ver­trag dann völ­lig hin­fäl­lig. Wenn aber Gut­h­manns Anga­be den Tat­sa­chen ent­spro­chen hät­te, dann wäre die Ver­wer­tung der Immo­bi­lie für das Reich sehr kom­pli­ziert gewor­den und der Ver­kauf der Immo­bi­le die bes­se­re Lösung gewe­sen, nicht nur für den Fis­kus, son­dern auch für Aure­lie Kahn, die aller­dings kei­nen Zugriff auf das Geld gehabt hät­te. Am bes­ten wäre die­se Lösung aber für das Ehe­paar Quam­busch gewe­sen, das dann güns­tig an die gewünsch­te Immo­bi­lie gekom­men wäre.
Mit einem zyni­schen Unter­ton merkt der Vor­ste­her des Finanz­amts dann noch an, dass „Gut­h­mann nicht näher befragt wer­den (kann), weil er nach The­re­si­en­stadt ver­bracht wor­den“ sei. Dort­hin hat­te man ihn mit sei­ner Frau und den bei­den Kin­dern am 17. Juni 1943 von Frank­furt aus, wo er bis zu die­sem Zeit­punkt für die ‚Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden’ tätig war, depor­tiert. Am 1. Okto­ber 1944 wur­de er mit sei­nem Sohn wei­ter nach Ausch­witz gebracht und ver­mut­lich unmit­tel­bar nach sei­ner Ankunft ermor­det, wäh­rend der Lei­dens­weg für sei­nen Sohn Paul noch immer nicht zu Ende war.[26] Er wur­de in Maut­hau­sen ermor­det.
Als Clai­re Gut­h­mann ihr Affi­da­vit für Hans Quam­busch am 12. Okto­ber 1945 schrieb, wuss­te sie noch nichts über sein Schick­sal, ver­mut­lich auch nichts über das ihres Soh­nes. Ihr Mann sei „seit sei­ner Ver­brin­gung in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger im Jahr 1943 noch nicht wie­der zurück­ge­kehrt“, schrieb sie ein­lei­tend. Und er kehr­te auch nicht mehr zurück.

Dr. Hans Quam­busch hat­te nach Kriegs­en­de noch gut zwan­zig Jah­re Lebens­zeit und eine glän­zen­de Kar­rie­re vor sich. Er ver­starb am 30. Juni 1965 im Alter von fast 79 Jah­ren in Wies­ba­den. Es bedarf sicher einer inten­si­ve­ren Beschäf­ti­gung mit sei­ner Per­son und auch den Urtei­len, an denen er als Ankla­ge­ver­tre­ter mit­ge­wirkt hat­te, um sich ein abschlie­ßen­des Bild über ihn machen zu können.

 

 

Ver­öf­fent­licht: 30. 01. 2023
Letz­te Revi­si­on: 23. 08. 2023

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Klee, Per­so­nen­le­xi­kon zum Drit­ten Reich, S.474.

[2] HHStAW 2010a E2 (51).

[3] HHStAW W1829 (1).

[4] WK vom 7.10.1945.

[5] WK vom 23.1.1946. Her­vor­he­bung im Original.

[6] So heißt es etwa bei einem Regie­rungs­di­rek­tor van Endert: „Wir waren uns alle einig in der Über­zeu­gung, dass der Kampf gegen die Pest des Nazi­tums einer sitt­li­chen Ver­pflich­tung  nicht nur dem eige­nen Vol­ke, son­dern der Mensch­heit gegen­über ent­sprä­che. An Mut und Klug­heit in der kom­pro­miss­lo­sen Durch­füh­rung die­ser Auf­fas­sung hat sich Dr. Quam­busch wohl kaum durch jemand über­tref­fen las­sen.“ HHStAW W1829 (7). Abge­se­hen davon, dass es ganz sicher muti­ge­re Men­schen im Wider­stand gege­ben hat als den Ober­staats­an­walt Quam­busch, wird von ande­ren sei­ne Devi­se gelobt, einen ver­deck­ten Kampf zu füh­ren. „Die Macht­mit­tel die­ses Staa­tes sei­en weit stär­ker als die Abwehr­kräf­te des ein­zel­nen (sic). Des­halb müs­se jeder ein­zel­ne sich tar­nen und den Natio­nal­so­zia­lis­mus mit List bekämp­fen.“ Ebd. (1). Her­vor­he­bung im Original.

[7] Ebd. (8 f.).

[8] HHStAW 458 793. (o​.​P.).

[9] HHStAW W1829 (9).

[10] HHStAW W1829 (9).

[11] HHStAW 2010aE 11 f.

[12] HHStAW 505 393. Her­vor­he­bung im Original.

[13] Sie­he den obi­gen Arti­kel zu Bert­hold Gut­h­mann, beson­ders die Anmer­kung 68, https://​moe​bus​-flick​.de/die-judenhaeuser-wiesbadens​/bahnhofstr-25/​#_ftn68.

[14] Ebd. (23).

[15] Sie­he dazu die Geschich­te der Fami­lie Beck­hardt, ver­fasst von Lorenz Beck­hardt, dem Enkel von Fritz Beck­hardt: Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz. Aller­dings war Beck­hardt alles ande­re als ein Anhän­ger der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung. Das Haken­kreuz, das auf sein Flug­zeug gemalt war, galt für ihn in sei­ner ursprüng­li­chen Bedeu­tung als eine Art Amu­lett, als Glücksbringer.

[16] HHStAW 409/​4 312 (12–17).

[17] Ebd.

[18] Raim, Jus­tiz zwi­schen Dik­ta­tur und Demo­kra­tie, S. 281 f.

[19] Ebd. (48, 50).

[20] HHStAW W1829 (7).

[21] Ebd. (17).

[22] Ebd. (21, 22).

[23] https://​de​.wiki​pe​dia​.org/wiki​/Deutsches_Obergericht_f%C3%BCr_das_Vereinigte_Wirtschaftsgebiet. (Zugriff: 20.01.2023).

[24] Gesetz zur Befrei­ung von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Mili­ta­ris­mus vom 5.3.1946, Art. 9, Abs. 3.

[25] HHStAW 519/​2 2072 (o​.​P.). Schrei­ben der Haus­ver­wal­tung Henn vom 18.9.1944.

[26] Sie­he zum Schick­sal der Fami­lie Gut­h­mann umfas­send https://​moe​bus​-flick​.de/die-judenhaeuser-wiesbadens​/bahnhofstr-25/.

 

 

 

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942