Die „Judenhäuser“, ihre Belegung und ihre Bedeutung für die Deportationen

Im Hinblick auf die Bewohnerschaft dieser im Laufe des Jahres 1940 errichteten Judenhäuser muss man zumindest für Wiesbaden sagen, dass diese nicht in jeder Hinsicht den Vorstellungen entsprachen, die man sich gemeinhin von einem Judenhaus macht: Häuser in kontrolliertem jüdischem Besitz, die ausschließlich von Juden bewohnt wurden und als Sammelstelle für die anstehenden Deportationen fungierten.

Bei den im Sommer 1940 eingereichten Meldungen der Zellenleiter hat ein besonders eifriger Parteigänger darauf hingewiesen, dass in dem als Judenhaus deklarierten Haus Albrechtstraße 13 noch die Arier Hacker, Büse und Knapp wohnen würden.[1] Auch wenn solche Hinweise bei den anderen Meldungen eher selten zu finden sind, so wird hier dennoch deutlich, dass ein solches Zusammenleben von Juden und Ariern ganz offensichtlich nicht dem eigentlichen Konzept der Judenhäuser entsprach.[2]

Willy Rink weist in seinen Erinnerungen darauf hin, dass „nur in wenigen“ der geplanten Häuser dieses Konzept realisiert worden sei. Das Haus Ludwigstr. 3, in dem seine Tante Zerline mit ihren Kindern gewohnt habe, sei am Schluss eines dieser wenigen Häuser gewesen [3]. In der Hermannstr. 26 aber sei es zu einer Einweisung von weiteren Juden nicht mehr gekommen, da die verbliebenen arischen Bewohner nicht ausziehen wollten und man ihnen die Wohnungen nicht einfach habe wegnehmen können.

Und tatsächlich: Wenn man das letzte in der NS-Zeit und das erste nach 1945 erschienene Wiesbadener Adressbuch, also das aus den Jahren 1938/39 mit dem von 1948, vergleicht, dann findet man in 26 der ehemaligen Judenhäuser 1948 gleiche Namen wie 1939, was vermuten lässt, dass diese nichtjüdischen Mieter bzw. deren Familienangehörige mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Zeit, in denen die Häuser als „Gettohäuser“ fungierten, darin gelebt hatten. Natürlich ist im Einzelfall nicht auszuschließen, dass manche früheren Bewohner nach dem Krieg in ihre ehemaligen Wohnungen zurückgekehrt waren. Aber in einer nicht geringeren Zahl von Fällen wird es auch so gewesen sein, dass ehemalige arische Mieter in Judenhäusern etwa auf Grund von Bombenschäden erst in den letzten Kriegsjahren oder sogar erst nach dem Krieg in andere Wohnungen umgezogen waren und deswegen nicht mehr in den Nachkriegsadressbüchern mit ihren ehemaligen Judenhausadressen erscheinen.

Weitere Belege für die Kontinuität arischer Mieter liefern die wenigen erhaltenen Mietabrechnungen der Verwalter dieser Häuser So sind zum Beispiel in der Abrechnung für das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 der Hausverwaltung Briel für das Quartal Juli – September 1942, noch im Sommer neben jüdischen Mietern auch weiterhin arische Bewohner verzeichnet. [4]

Gleiches gilt für die Oranienstr. 60, für die die Hausverwaltung Mertmann die Abrechnungen erstellte. Auch hier sind für den Juni 1942 neben jüdischen eine große Zahl arischer Mieter aufgeführt.[5] Die jüdischen Hausbewohner wurden nahezu alle erst am 1. September 1942 aus diesem Haus deportiert. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte man dort ganz offensichtlich Tür an Tür.

Ob dieses gemeinsame Wohnen unter einem Dach als Form der Solidarität anzusehen ist oder aber ein Auszug der Volksgenossen nur aus Bequemlichkeit oder auf Grund mangelnder Alternativen unterblieb, ist sicher von Fall zu Fall unterschiedlich gewesen.

Wenn allerdings Nazis in den Judenhäusern wohnten, dann kann Solidarität bei diesen als Motiv mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Aber auch solche Mitbewohner gab es tatsächlich. So schildert Eva Gerstle-Wertheimer über ihre Zeit im Judenhaus in der Herrngartenstr. 11, als sie 1940 ihre Eltern dort besuchte: „Ein Mann von der Gestapo wohnte im Erdgeschoß und kontrollierte jeden, der reinging oder rausging.“ [6] Auch Willy Rink berichtet in seinen Erinnerungen über das Judenhaus in der Hermannstr. 26, dass dort im zweiten Stock ein Nazi und SS-Mann gewohnt habe, der „in seinen hohen, glänzenden schwarzen Stiefeln und seiner schwarzen Uniform die Treppen herunter oder hinauf (polterte)“.[7]

Ob und inwieweit diese quasi als Wachpersonal offiziell eingesetzt wurden, lässt sich nicht mehr klären, aber die Funktion hatten sie, zumindest in der Wahrnehmung der jüdischen Bewohner und sicher auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis. Auch muss offen bleiben, ob sie – wie in anderen Städten belegt – die Bewohner über die alltägliche Diskriminierung und Einschüchterung hinaus, systematisch terrorisierten.[8]

Vielfach wird berichtet, dass die Häuser nicht abgeschlossen werden durften oder aber die Haus- und Wohnungsschlüssel an einem bestimmten Ort abgelegt sein mussten, damit zu jeder Zeit Inspektionen durch Partei- oder Gestapofunktionäre stattfinden konnten. Für die örtlichen SA-Horden war es ein Leichtes auf diese Weise ebenfalls Zugriff auf die Schlüssel zu bekommen und die Bewohner mit nächtlichen Besuchen zu terrorisieren.

Waren somit die Bewohner der Judenhäuser zumindest in Wiesbaden keineswegs ausschließlich Juden, so gilt die jüdische Eigentümerschaft solcher Häuser i. A. als eines ihrer wesentlichen Merkmale.[9] Aber auch hier machte Wiesbaden, wie oben bereits angemerkt, eine Ausnahme, weil die beiden Häuser Dotzheimer Str. 15 und Rüdesheimer Str. 14 zum Zeitpunkt der Einrichtung der Judenhäuser seit etwa 15 Jahren durch den Tod des Eigentümers formal nicht mehr in jüdischem Besitz waren. Vielfach lebten die Eigentümer, die das Haus früher einmal als Kapitalanlage erworben hatten, oft selbst nicht darin, manche waren bereits ausgewandert und hatten die Mietangelegenheiten einer Hausverwaltung übertragen.

Da die Bewohner der Judenhäuser keineswegs ausschließlich Juden waren, wurde im alltäglichen Gebrauch auch dann von einem Judenhaus gesprochen, wenn nur der Besitzer Jude war oder mehrere jüdische Familien in einem Haus wohnten, ohne dass dieses auf einer der bekannten Listen auftauchen würde. Der Begriff Judenhaus war also, obwohl behördlich genutzt, inhaltlich nicht klar definiert und diente generell zur Herabsetzung der dort lebenden Menschen..

Dementsprechend ist es auch dazu gekommen, dass einige Häuser im Laufe der Zeit die Funktion von Judenhäusern übernahmen, ohne offiziell dazu bestimmt worden zu sein. Zumindest sind schriftliche Vermerke dazu nicht mehr vorhanden. Sie werden im Folgenden deshalb auch in Abgrenzung zu den offiziellen als ‚funktionale Judenhäuser bezeichnet. Auch in solchen Häusern kam es seit 1939 zu einer starken Fluktuation der Bewohner, einem oft nur kurzfristigen Zuzug und viele wurden von hier aus in die Lager im Osten deportiert.[10]

So liegen etwa die Deportationszahlen aus der Kirchgasse 43, der Taunusstr. 19, der Weißenburger Str. 6 oder der Herderstr. 2 weit über denen mancher der offiziellen Judenhäuser. Aus der Adlerstr. 30 oder Luisenstr. 1 in Schierstein, beides offizielle Judenhäuser, wurde niemand deportiert, weil in der entsprechenden Zeit kein einziger Jude wohnte. Aus der Horst-Wessel-Str. 45, auch einem offiziellen Judenhaus, wurde zwar Adelheid Löwensberg am 10. Juni 1942 nach Lublin verbracht, aber sie hatte hier schon lange gewohnt und auch keine anderen Juden waren in dieses Haus zwangsweise untergebracht worden. Auch Aloysia Zimpelmann hatte zumindest seit 1939 im Judenhaus Niederwaldstraße 8 gewohnt, aber sie war offensichtlich die einzige jüdische Bewohnerin und ob ihr Weg 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz von hier begann, ist nicht mehr feststellbar. In der Moritzstr. 25 hat es zwar einige Wohnungswechsel gegeben, aber von hier ist kein einziger Jude deportiert  worden.

Nach den genannten Kriterien kann man auch die Querstr. 6 in Schierstein und die Rüdesheimer Str. 16 nicht wirklich zu den Judenhäuser zählen, auch wenn sie nach der Liste von 1940 diesen Status hatten. Auffällig ist insgesamt, dass mit Ausnahme der Wiesbadener Str. 95 in Biebrich die proklamierten Judenhäuser in den Vororten keine faktische Rolle für die Nazibürokratie spielten.

Im Hinblick auf die Fluktuation in den Wohnungen gibt es noch einen weiteren auffälligen Tatbestand, der nicht so ohne Weiteres mit dem Vorstellungen über die Judenhäuser in Einklang zu bringen ist. Gemeinhin geht man davon aus, dass die Häuser quasi verdichtete Ghettos waren, die als eine Art Sammelstelle für die geplanten Deportationen dienen sollten. Man hätte also auf Seiten des Regimes zufrieden sein müssen, wenn man die Opfer in eines der Häuser gebracht hatte. Nicht untypisch ist aber z. Bsp. der Fall von Clara Rose. Sie lebte nach den Daten der Volkszählung von 1939 und auch nach Eintrag in der Gestapo-Datei 1939 in Wiesbaden in der Victoriastr. 39. Am 1. Juli 1940 zog sie in eine Wohnung am Sedanplatz 5, beide waren keine Judenhäuser. Nur zwei Monate später war sie vermutlich gezwungen erneut umzuziehen, diesmal in das Judenhaus Herrngartenstr. 11. In der Gestapo-Kartei nicht vermerkt, aber auf der Liste der NSDAP-Ortsgruppe Ost ist sie dann im Frühjahr 1941 mit der Judenhausadresse in der Lortzingstr. 7 verzeichnet. Hier blieb sie vermutlich bis zum 25. März 1942, zog dann für knapp drei Monate in das Jüdische Schwesternheim in der Geisbergstr. 24, um von dort wiederum Mitte Juni 1942 in das Judenhaus Hallgartenstr. 6 zu ziehen. Nach Theresienstadt deportiert wurde sie dann am 1. September 1942 wiederum aus dem Judenhaus Herrngartenstr. 11, in dem sie zuvor bereits gewohnt hatte [11]. Nicht die vielen Wohnungswechsel als solche, sondern der Durchlauf durch die verschiedenen Judenhäuser ist das Eigenartige und kaum zu Erklärende. Und es handelt sich hier um keinen Einzelfall. Auch Otilie Herz, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, hatte seit 1941 in mindestens drei unterschiedlichen Judenhäusern gewohnt.

Auffällig ist aber auch, dass es offensichtlich sogar möglich war, aus einem Judenhaus auszuziehen, ohne in ein anderes zu wechseln. So etwa Perlja Hammerman, die im April 1941 in das Judenhaus Stiftstr. 14 gezogen, dann aber knapp drei Monate später als Untermieterin in einer ‚normalen’ Wohnung in der Dotzheimer Str. 31 gemeldet war. Erst die Deportationsadresse ist wieder eine Judenhausadresse. Bei Dorothea Katzenstein war auf ihrer ‚Wanderung’ durch Wiesbaden zwischen 1939 und 1942 nur eine Station ein Judenhaus, nur einen Monat wohnte sie in dem in der Emser Str. 26a, deportiert wurde er aus der Rösslerstr. 7, in der sie bereits vor dem Aufenthalt in der Emserstraße gewohnt hatte. Oder auch Arthur Guttmann, der zunächst in den beiden Judenhäusern Nerotal 43 und Moritzstr. 25 lebte, dann aber am 1. September 1942 für den Transport nach Theresienstadt aus seiner ‚normalen’ Wohnung in der Adelheidstr. 72 geholt wurde, die er bereits im Mai 1941 bezogen hatte.

Es kann sich dabei nicht um ungenehmigte Wohnungswechsel gehandelt haben, denn sonst wären sie nicht auf der jeweiligen Gestapo-Karteikarte vermerkt. Sofern überhaupt angeordnet, müssen diese Umzüge aus heute nicht mehr nachvollziehbaren organisatorischen Gründen – etwa bessere Ausnutzung der Räume – stattgefunden haben, will man sie nicht als reine Willküraktionen ansehen. Möglicherweise war man sich auf Seiten des Regimes im Hinblick auf die Kontrolle auch so sicher, dass man meinte solche ‚Freiheiten’ gewähren zu können.

Betrachtet man die Bedeutung der Judenhäuser hinsichtlich ihrer Rolle bei den Deportationen rein statistisch, so lässt sich feststellen, dass von den in der Wiesbadener Opferliste aufgeführten etwa 1500 Toten etwas mehr als 400 Menschen aus einem der offiziellen Judenhäuser deportiert worden waren. Nimmt man die wichtigsten funktionalen Judenhäuser noch hinzu, so war es ziemlich genau ein Drittel.

Bei der ersten größeren Deportation am 23. Mai 1942 kamen mit einer einzigen Ausnahme alle aus einem der ‚Ghettohäuser’. Bei der großen Deportation im Juni 42, bei der etwa 380 Wiesbadener Juden nach Lublin verbracht wurden, war es knapp die Hälfte und bei dem Transport vom 1. September nach Theresienstadt mit etwa 360 Opfern, hatten 230, also nahezu zwei Drittel zuvor in einem der offiziellen oder funktionalen Judenhäuser gewohnt. Gerade bei diesem letzten Transport stellten diejenige, die in den beiden Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde, der Synagoge in der Friedrichstraße 33 und dem Schwesternheim in der Geisbergstr. 24, zuletzt zusammengeführt worden waren, mit 42 Personen einen ganz erheblichen Anteil.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe HHStAW 483 10127 (69).

[2] Auch Buchholz, Hannoversche Judenhäuser, a.a.O. schreibt auf S. 7, dass es sich bei Judenhäusern um „ausschließlich ihnen (Juden) vorbehaltene Häuser“ handelte.

[3] Rink, Willy, Das Judenhaus S. 7 f.; möglicherweise irrt hier Willy Rink sogar damit, denn aus dem  Adressbuchvergleich (WAB) von 1939 und 1948 ergibt sich, dass 8 Mietparteien namentlich identisch sind, oft stimmen sogar die Vornameninitialen und die Berufsbezeichnungen überein. In anderen Fällen wird es sich vermutlich um den überlebenden Ehepartner oder um deren Kinder handeln. Es kann sich hier nur um arische Mieter gehandelt haben, die über den gesamten Zeitraum das Haus bewohnt hatten.

[4] HHStAW 519/2 2173.

[5] HHStAW 519/2 2116.

[6] Von Eva Gerstle-Wertheimer besprochenes Tonband (Juni 1981) in Yad Vashem Archives, zit. Nach Lothar Bembenek, Horst Dickel “Ich bin kein deutscher Patriot mehr, ich bin jetzt Jude“. Materialien zum Unterricht Sek. I Heft 107, Wiesbaden 1991, S. 72. Der vollständige Text ist abgedruckt in der Peiner Allgemeinen Zeitung vom 6.6.1992.

[7] Rink, Judenhaus, a.a.O. S. 14. Siehe auch Hebauf, Gaußstr. 14, a.a.O. S. 92, wo berichtet wird, dass in diesem Judenhaus ein Blockwart gewohnt habe, bei dem man sich an- und abmelden musste.

[8] Konrad Kwiet, Without Neighbors, a.a.O. S, 128. Ergreifend sind die Berichte und Zeugenaussagen, die Buchholz, Hannoversche Judenhäuser, a.a.O. S. 167 ff. über solche regelmäßig stattgefundenen Terroraktionen der Gestapo in den dortigen Judenhäusern zitiert. Die Bewohner mussten bei sogenannten Appellen sich im Keller versammeln, wo sie dann systematisch mit Stöcken geprügelt wurden, so, dass sie nicht mehr mit eigener Kraft in die Wohnungen zurück konnten, Frauen und Mädchen wurden von den oft angetrunkenen Gestapobeamten vergewaltigt. Auch Victor Klemperer berichtet in seinen Tagebüchern mehrfach über solche Rollkommandos der örtlichen SA, siehe Klemperer, Zeugnis Bd. 2, a.a.O. S. 92 f., S. 119-124 und auch der kurze Abschnitt, in dem er die alltäglichen Ängste vor einem solchen Überfall beschreibt, die die Bewohner hatten, auch wenn „sie“ nicht kamen: „Ich möchte einmal den Stundenplan des Alltags (ohne Außergewöhnliches wie einen Mord oder Selbstmord oder eine Haussuchung) festlegen. Im Aufwachen: Werden »sie« heute kommen? (Es gibt gefährliche und ungefährliche Tage – Freitag z. B. ist sehr gefährlich, da vermuten »sie« schon Sonntagseinkäufe.) Beim Waschen, Brausen, Rasieren: Wohin mit der Seife, wenn »sie« jetzt kommen. Dann Frühstück: alles aus den Verstecken holen, in die Verstecke zurücktragen. Dann die Entbehrung der Zigarre; die Angst beim Teepfeiferauchen, das nicht gerade ins Gefängnis führt, aber doch Prügel einträgt. Die Entbehrung der Zeitung. Dann das Klingeln der Briefträgerin. Ist es die Briefträgerin, oder sind »sie« es? Und was bringt die Briefträgerin? Dann die Arbeitsstunden. Tagebuch ist lebensgefährlich; Buch aus der Leihbibliothek trägt Prügel ein. Manuskripte werden zerrissen. Irgendein Auto rollt alle paar Minuten vorbei. Sind »sie« es? Jedesmal ans Fenster, das Küchenfenster liegt vorn, das Arbeitszimmer hinten. Irgendwer klingelt bestimmt, mindestens einer am Vormittag, einer am Nachmittag. Sind »sie« es? Dann der Einkauf. In jedem Auto, auf jedem Rad, in jedem Fußgänger vermutet man »sie«. (Ich bin oft genug beschimpft worden.) Mir fällt ein, ich habe die Mappe eben unter dem linken Arm getragen – vielleicht war der Stern verdeckt, vielleicht hat mich einer denunziert. … Danach ist ein Besuch zu machen. Frage beim Hinweg: Werde ich dort in eine Haussuchung geraten? Frage beim Rückweg: Sind »sie« inzwischen bei uns gewesen, oder sind »sie« gerade da? Qual, wenn ein Auto in der Nähe hält. Sind »sie« das? Dann wieder die Versteck-Affäre wie morgens und mittags. … Gegen neun Uhr abends ruhiger. Jetzt steht höchstens noch der Kontrollpolizist aus. Der ist höflich, der ist nicht Gestapo. Beim Schlafengehen letzte: Gedanke: Ich schlafe meist traumlos, nun ist wohl Ruhe bis morgen früh. Aber neulich träumte ich doch, ich sollte in einer Gefängniszelle erhängt werden. Hinrichtungsträume habe ich als ganz junger Mensch gehabt. Seitdem nicht mehr. Damals war es wohl die Pubertät; jetzt ist es die Gestapo.“ Ebd. S. 215.

[9] Siehe Anm. 2.

[10] Der Archivar Klaiber vom Stadtarchiv Wiesbaden ist aufgrund einer Analyse nachweisbarer Wohnungswechsel von Juden im Zeitraum von 1939 bis 1942 zum Ergebnis gekommen, dass 53 Häuser in Wiesbaden durch eine solche auffällig  starke Fluktuation gekennzeichnet sind. Alle dieser Häuser hatten somit die Funktion von Judenhäuser.

[11] Stadtarchiv Wiesbaden WI/2


 

Anmerkungen: