Jakob Fink

Jakob Fink kann erst sehr spät in die Adelheidstr. 94. eingezogen sein. Auf der Gestapo-Karteikarte ist der Umzug nicht mehr eingetragen worden, allein auf der Deportationsliste für den 1. September 1942 ist sein Name mit diesem Judenhaus verknüpft. Auch in der im Sommer 1942 erstellten Liste, die nach den Junideportationen entstanden sein muss, fehlt sein Name. Von daher ist anzunehmen, dass die Einweisung erst danach erfolgte.

Nach Wiesbaden bzw. genauer nach Biebrich war der am 23. Januar 1863 im unterfränkischen Lauringen[1] geborene Jakob Fink wohl 1895 gekommen, um Fanny Katz zu heiraten. Abgesehen vom Namen der Eltern, Nathan und Fanny Fink, geb. Brückner, ist von den Eltern von Jakob, vom sozialen Hintergrund der Familie nichts Näheres bekannt. Mehr dagegen weiß man über die Familie Katz, in die Fanny als viertes der insgesamt sieben Kinder am 30. November 1871 hineingeboren worden war.[2] Die Eltern Moses und Bettchen Katz, wie auch die Großeltern väterlicherseits Gumbel und Güdel Katz, waren schon seit Langem Bewohner Wiesbadens bzw. seiner Vororte.
Sie betrieben in Biebrich in der Wiesbadener Straße einen Kleinverkauf für Manufakturwaren. Als Moses am 17. März 1906 starb, Bettchen fast genau drei Jahre später am 16. März 1909, übernahmen Jakob und Fanny das Geschäft. Ob die Eltern auch schon Schuhe verkauften, ist ungewiss, aber Schuhe gehörten spätestens seit den zwanziger Jahren zu ihrem Sortiment.[3] Laden und Wohnung waren ursprünglich getrennt, aber beide lagen in der heutigen Straße „Am Schlosspark“ unmittelbar nebeneinander, das Geschäft hatte damals die Anschrift Wiesbadener Str. 97, die Wohnung war in der Nummer 95.

Betrachtet man die Umsätze und die Einkommensentwicklung am Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre, dann wird deutlich, dass der kleine Betrieb kaum geeignet war den Lebensunterhalt des kinderlosen Ehepaars zu erwirtschaften. Bis 1930 lagen die Umsätze noch relativ stabil bei 20.000 bis 23.000 RM, dem entsprach auch das jährliche Einkommen mit jeweils etwa 2.500 RM. Aber danach brachen die Umsätze deutlich ein. Schon 1931 hatten sich diese halbiert und im folgenden Jahr nahezu noch ein weiteres Mal. Bis 1938 schwanken sie zwischen 4.000 und 7.000 RM.[4]
Noch dramatischer war der Einkommensrückgang. Bereits 1933 konnten die Finks dem Finanzamt nur noch ein Jahreseinkommen von weniger als 1.000 RM melden. Und noch war die schlimmste Zeit nicht gekommen. Abgesehen von den für alle schwierigen Rahmenbedingungen der Zeit, waren für die jüdischen Geschäfte die zusätzlichen Boykottaktion und bald auch die diskriminierenden Steuerbestimmungen ein Problem.

Da das Geschäft schon bevor es 1938 geschlossen werden musste [5] nicht mehr genügend Ertrag abwarf, konnten Jakob und Fanny Katz dankbar sein, dass ihnen der Bruder Alexander Katz eine lebenslange Rente über 100 RM monatlich vermacht hatte und auch Mieterträge trugen zur Verbesserung der Situation bei.[6] Um Kosten zu sparen waren sie vermutlich auch im April 1936 in den ersten Stock des Hauses in der Wiesbadener Str. 97 umgezogen, in dem das Geschäft angesiedelt war.
Im Jahr 1935 war das Betriebsvermögen noch immer mit rund 10.000 RM bewertet worden.
Die für die Judenvermögensabgabe erstellte Vermögensberechnung 1938 ergab inklusive Betriebsvermögen sogar die Summe von 28.000 RM was natürlich nicht dem wirklichen Marktwert entsprach. Daneben besaß Jakob Fink noch ein Depot im Wert von knapp 6.000 RM, die Hälfte davon in IG-Farben-Aktien angelegt, und ein Bankguthaben. Die beiden kleinen Vermögen waren früher in besseren Zeiten wohl als Sicherheiten angelegt worden, um damit den Lebensunterhalt im Alter zu finanzieren. Die auferlegte Sühneleistung belief sich zunächst auf 4 Raten á 1.400 RM [7]
Ein Jahr später, als die fünfte Rate der JUVA eingefordert wurde, bat Jakob Fink das Finanzamt um Erlass der Zwangsabgabe, weil sich sein Vermögen im vergangenen Jahr erheblich reduziert habe. Er wies auch auf die Zwangsablieferung von Gold- und Silberwaren hin, für die er nur 112,32 RM erhalten habe. In der der Judenvermögensabgabe zugrunde gelegten Vermögensaufstellung habe er diese mit einem doppelt so hohen Wert angegeben. Zudem sei er alt und kränklich – auf der Gestapo-Karteikarte ist sogar „Arbeitsunfähig – zu alt“ vermerkt – und sei gezwungen „von der Substanz zu leben“, denn die Zinserträge aus dem Depot würden zum Leben nicht ausreichen. Da „eine Auswanderungsmöglichkeit für uns nicht mehr in Frage kommt, so wird mein Vermögen sich von Jahr zu Jahr in erheblichem Masse verringern.“
Dass das Amt sich davon nicht beeindrucken ließ, war zu erwarten. Auf der Rückseite des Briefes kann man die handschriftliche Notiz lesen: „Herr Fink erklärt ‚Ich ziehe den vorliegenden Antrag zurück.’“[8]
Laut seiner Vermögenserklärung, die Jakob Fink im Juni 1940 auf Geheiß der Devisenstelle Frankfurt abgeben musste, belief sich sein Gesamtvermögen damals auf knapp 15.000 RM, ein kleiner Teil davon bestand aus einem Grundbesitz in nicht bekannter Lage, vermutlich handelt es sich hierbei um das andernorts erwähnte Baumgrundstück, der größere Teil aus Depot- bzw. Sparkasseneinlagen.[9] Den monatlichen Bedarf des Paares gab er mit 240 RM an, wobei allein die Miete ein Viertel davon ausmachte. Er bat deshalb die Devisenstelle seinen zuvor auf 150 RM gesetzten Freibetrag um 100 RM zu erhöhen, da sie beide in ihrem Alter auf Hilfsmittel angewiesen seien, die mit dem bewilligten Betrag nicht bestritten werden könnten. Nicht 100 RM, sondern genau 90 RM mehr wurden den beiden von der Devisenstelle daraufhin zugestanden. Zugleich teilte man ihm mit, dass er Einkünfte zukünftig nicht mehr bar, sondern ausschließlich über das gesicherte Konto entgegennehmen dürfe.[10]

1941 war das letzte Jahr, für das Jakob Fink eine Steuererklärung abgab. Trotz aller Einschränkungen ging es ihm im Vergleich zu vielen anderen Leidensgenossen auf Grund der Rentenzahlung aus dem Erbe seines Schwagers mit einem Jahreseinkommen von etwa 1200 RM noch relativ gut. Der größte Schicksalsschlag wird in diesem Jahr der Tod seiner Frau Fanny gewesen sein. Sie war kurz vor Jahresende am 23. Dezember 1941 verstorben, bevor sie in ein Judenhaus eingewiesen oder auf einen Transport gezwungen werden konnte.
Ihrem Ehemann blieb beides nicht erspart. Aus der Adelheidstr. 94. wurde er am 1. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt.[11] Nur eine Woche später, am 8. September, ist er dort angeblich vormittags an einem Darmkatarrh verstorben.[12]
Mit der Anordnung zum Vermögenseinzug wurde auch in der Devisenstelle Frankfurt am 5. Oktober 1942 die Akte Fink endgültig geschlossen.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Einen Eindruck von der Bedeutung dieser jüdischen Gemeinde, die schon im 18. Jh. durch adelige Protektion entstanden und wirtschaftlich und kulturell aufgeblüht war, gewinnt man durch einen Auszug aus dem Gedicht „Die Bauern und ihr gnädiger Herr“ des romantisch angehauchten Sprachkünstlers und Lyrikers Friedrich Rückert, der in dieser Stadt seine Kindheit verbrachte. Trotz der diskriminierenden Beschreibung dieser Gemeinde, bei der die Sprache des eliminatorischen Antisemitismus, wie bei manch anderem seiner Zeitgenossen, bereits vorweggenommen wird, scheint darin doch auch so etwas wie eine heimliche Bewunderung für die Leistungen der dortigen Judenschaft durch. Rückert soll sich später von seinen antisemitischen Pamphleten distanziert haben.

„…
Dann hat er [der Herr] zu gemeinem Nutz

Erbauet Judengassen

Für Juden, die in seinem Schutz

Sich wollen niederlassen.

Das Dörflein hat genug gehabt am alten Schmutz,

Wie soll es noch den neuen fassen!

Wer Oberlauringen nicht hat

Seit einem Jahr geschauet,

Sieht staunend eine Judenstadt

In’s Dorf hinein gebauet;

Sie krimmeln da und wimmeln da, als wie am Blatt

Blattläuse, daß es einem grauet.

Bekannt ist’s in Jerusalem

Und Babylon geworden,

Daß es sich wohnen läßt bequem,

An unsres Strömleins Borden,

Und alle sammeln hier sich nun, die ehedem

Verstreut in alle Welt geworden.
…“

[2] Das Geburtsdatum von Fanny ist nicht eindeutig zu klären. In der Einkommensteuerakte des Finanzamts Wiesbaden ist von ihrem Mann Jakob das Geburtsdatum mit dem 1. Dezember 1871 angegeben, siehe HHStAW 685 156 (1). Ebenso ist in der polizeilichen Ummeldung des Ehepaars Fink vom 29.4.36 beim Umzug von der Wiesbadener Str. 95 in die 97 wie auch auf der Gestapo-Karteikarte für Fanny Fink anders als in der ‚DB Jüdische Bürger des Stadtarchivs Wiesbaden’ als Geburtsdatum der 1. Dezember des Jahres 1871 angegeben, siehe HHStAW 685 156 (111). Die Datierung 30. November beruht auf den Einträgen im Heiratsregister Jg. 1895 und dem Sterberegister Nr. 197/1941 von Biebrich. Ein unmittelbarerer Beleg über das Geburtsregister ist laut Archivrat Klaiber vom Stadtarchiv Wiesbaden nicht mehr zugänglich, war aber zum Zeitpunkt der beiden Einträge noch vorhanden, da man damals noch auf die ehemaligen jüdischen Geburtsmatrikel habe zurückgreifen können. Aus diesem Grund wurde in der ‚DB Jüdische Bürger des Stadtarchivs Wiesbaden’ dieses Geburtsdatum übernommen.
Die Geschwister von Fanny waren Sophie (geb. 1865), Siegesmund (geb. 1866), Karl (geb. 1869) und die Zwillinge Alexander und Gustav (geb. 1874).

[3] HHStAW 685 156c (8).

[4] Siehe dazu die Umsatzsteuerakten HHStAW 685 156b (60 – 193).

[5] Mit dem Satz „Der Steuerpflichtige ist Jude und hat seit 1938 keinen Gewerbebetrieb mehr.“ verfügte die Steuerbehörde die Einstellung der Gewerbesteuerveranlagung. Siehe HHStAW 685 156e (7).

[6] Alexander Katz war im März 1937 gestorben. Der Gesamtwert der Erbschaft belief sich laut Erbschaftssteuerstelle auf 6.000 RM, siehe HHStAW 685 156a (112). Die daraus seit 1934 ausgezahlte Rente war dem Finanzamt zunächst nicht gemeldet worden, deswegen und auch aufgrund der dadurch fälligen  Nachversteuerung erhöhte sich das zu versteuernde Einkommen von 1937 530 RM im folgenden Jahr auf 2053 RM. Vermutlich waren auch zuvor die Mieteinnahmen nicht versteuert worden, denn im Jahr 1938 wurden sie mit 1038 RM angegeben. Im Jahr 1939 blieb das Einkommen weiterhin über 2.000 RM. Woher die Mieteinnahmen kamen, ist nicht nachzuvollziehen, denn in den Einheitswertakten HHStAW 685 156d wird kein Wohngrundstück aufgeführt, einzig in der Vermögensveranlagung vom April 1938 ist ein „Baumgrundstück“ im Wert von 120 RM genannt. Die Liste über jüdisches Grundeigentum des Vermessungsamts WI/3 903 nennt als Besitzer der Wiesbaden Str. 95 Max Kahn.

[7] HHStAW 685 156c (24, 28, 31).

[8] HHStAW 685 156 c (32).

[9] HHStAW 519/3 2488 (3)

[10] HHStAW 519/3 2488 (3, 4, 5)

[11] Das sonst so genaue Finanzamt Wiesbaden hielt in einer Verfügung vom 25.3.43 fälschlicherweise fest, dass „der Jude am 30. September abgeschoben worden“ sei, siehe HHStAW 485 156a (16).

[12] Laut Theresienstaedter Gedenkbuch, siehe https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/3/0/1/96231_ca_object_representations_media_30149_large.jpg.