
Eigene Aufnahme

Noch weniger als über die bisher vorgestellten Bewohnerinnen des Judenhauses Ludwigstr. 3 weiß man über Rosa Rachel Borger. Aber in gewissem Sinn passt auch sie in die Reihe der dortigen Bewohnerinnen, denn auch sie besaß die polnische Staatsbürgerschaft und auch sie war inzwischen alleinerziehend und verarmt. Der wesentliche Unterschied zu den anderen Frauen bestand nur darin, dass sie nicht aus diesem Judenhaus deportiert wurde, sondern zuletzt 1942 noch einmal die Wohnung wechselte und in die Göbenstraße zog.
Sie stammte aus Glogau im Kreis Rzeszow, etwa 180 km östlich von Krakau in Galizien gelegen. Dort war sie am 24. März 1896 als Rosa Rachel Melamed / Melamet geboren worden.[1] Wer ihre Eltern waren, konnte nicht ermittelt werden. Bekannt ist nur, dass sie mindestens zwei Brüder und eine Schwester hatten, die in den frühen 40er Jahren noch im damaligen Generalgouvernement lebten.[2]
Laut einem Eintrag auf ihrer Gestapokarteikarte soll die „Händlerin“ am 13. Dezember 1923 nach Wiesbaden gekommen sein. Einträge mit ihrem Namen sucht man im Adressbuch allerdings vergebens.
Am 19. Dezember 1925 heiratete sie in Wiesbaden Moritz Moshe Borger, einen Juden, der aus dem Ort Rozwadow in der Nähe von Krakau stammte.[3] Laut der Heiratsurkunde war er dort am 25. Juni 1891 zur Welt gekommen.[4] Seine Eltern waren David und Chana Borger.[5] Wie seine Frau, war auch er ursprünglich Staatsangehöriger der k.u.k.-Monarchie, für die er auch in den Ersten Weltkrieg gezogen war. Diesen Einsatz für die überkommenen Monarchien in Österreich und Deutschland hatte er mit einer mehrjährigen russischen Kriegsgefangenschaft bezahlen müssen.[6] Erst 1921 kehrte er, der durch die Neuordnung Europas zum polnischen Staatsbürger geworden war, aus der Sowjetunion zurück. Angesichts der antisemitischen Vorfälle in Polen nach dem Weltkrieg, ist es nachvollziehbar, dass er diesem wieder restituierten Staat bald den Rücken kehrte und nach Deutschland weiterzog.
Seine erste Station im Westen war Hannover, wo er als Handlungsreisender für die Firma ‚Krieger & Wiesenfeld‘ tätig war. Darüber, welche Waren er seinen Kunden offerierte, gab er in seinen knappen biografischen Anmerkungen, die er im Rahmen seines Entschädigungsverfahrens vorlegte, keine Auskunft. Aber vermutlich handelte es sich damals schon um Konfektions- und Manufakturwaren.
Zumindest macht er sich mit einem Abzahlungsgeschäft für Textilien und Schuhe in Wiesbaden selbstständig, nachdem er sich 1925 dort niedergelassen hatte.[7] Sein Kundenkreis erstreckte sich auf die Stadt und die nähere Umgebung.
Als Moritz und Rosa die Ehe schlossen, wohnten sie beide in der Bahnhofstr. 10. Aber schon bald danach müssen sie in die Röderstr. 26 – von ihm fälschlicherweise als Röderallee erinnert – umgezogen sein, wo sie im dritten Stockwerk eine Wohnung gefunden hatten. Erstmals ist die Familie im Wiesbadener Adressbuch von 1926/27 zu finden. In der Wohnung hatte Moritz Borger auch sein Warenlager eingerichtet. Möglicherweise war sie dorthin umgezogen, nachdem sich mit dem am 7. Oktober 1926 geborenen Sohn Oskar David ein weiteres Familienmitglied angekündigt hatte und die bisherige Unterkunft in der Bahnhofstraße zu klein geworden war.[8]
Wenn die Angaben richtig sind, die Moritz über sein damaliges Einkommen im Entschädigungsverfahren machte, dann konnte er sich bei einem Einkommen von monatlich 300 bis 400 RM eine größere Wohnung ohne weiteres leisten.[9] Allerdings liegen keine Unterlagen des Finanzamts mehr vor, die eine Verifizierung dieser Zahlen, die im Vergleich mit anderen Händlern ohne festes Geschäft doch sehr hoch zu sein scheinen, ermöglichen würden.[10]
Der Hausverwalter der Röderstr. 26, Fritz Menges, gab – ohne aber konkrete Zahlen zu nennen – hingegen an, dass Moritz Borger „eine kleine Tätigkeit“ ausgeübt und eine kleine 3‑Zimmer-Wohnung im Seitenbau des Hauses bewohnt habe. Die Einkommensverhältnisse seien „nicht überdurchschnittlich“ gewesen. Sechs Jahre später gab derselbe Hausverwalter allerdings davon abweichend an, die Familie habe im Parterre des Hauses nur zwei Zimmer bewohnt.[11] Möglicherweise sind beide Angaben, bezogen auf unterschiedliche Zeiten, richtig.
Ob zwei oder drei Zimmer, in jedem Fall lag das Haus in einem der klassischen Wiesbadener Arbeiterviertel, dem ‚Bergkirchenviertel‘. Im Volksmund wurde und wird das Quartier, obwohl inzwischen saniert, auch heute noch als „Katzenloch“ bezeichnet, weil die Wohnungen – meist ohne Heizung und Toiletten – oft so klein waren, dass sie bestenfalls als Behausung für Katzen geeignet schienen. Auch das spricht eher dafür, dass der Verdienst von Moritz damals nicht ganz so hoch gewesen sein wird, wie im Entschädigungsverfahren angegeben. Denn mit diesem Gehalt hätte er seiner Familie etwas Besseres bieten können.
Dass der Verwalter aber seinen ehemaligen Mietern, ob einfache Arbeiter oder Juden, keineswegs mit Vorurteilen begegnete, ergibt sich aus dem abschließenden Satz, in dem es heißt:
„Das Verhalten der Mieter [Borger] gab niemals zu Beanstandungen Anlass. Insbesondere kann ich mich darauf entsinnen, dass das Verhalten des Kindes Oskar David Borger sehr höflich war und dass gerade dieses Kind große Sympathien im ganzen Haus und in der Nachbarschaft genoss.“[12]
In seinem zweiten Schreiben ergänzte er seine Wahrnehmungen von Oskar dahingehend, dass dieser „schon damals große Hemmungen“ gehabt und „sich von den übrigen Jugend schon damals völlig zurückgezogen“ habe.[13] Leider sind dies Auskünfte ohne konkreten zeitlichen Bezug, aber sie werden besonders für die Zeit gegolten haben, in der alle jüdischen Eltern ihren Kindern einbläuten, möglichst unscheinbar zu sein und auf keinen Fall irgendwo anzuecken.
Bis 1940 lebte die Mutter mit dem dann 14-jährigen Sohn, aber schon lange nicht mehr mit ihrem Mann, in einer der Wohnungen in der Röderstr. 26.
Moritz Borger hatte Deutschland und damit auch seine Familie schon 1933 verlassen. Als er erfuhr, dass die Gestapo ihn verhaften wollte, floh er schon im Mai mit einem Touristenvisum über Italien nach Palästina.[14] Am 22. Juni 1933 landete er auf dem Schiff ‚Volcania‘ in Haifa.[15] Jakob Saal, der im Entschädigungsverfahren schon Auskunft über die frühere wirtschaftliche Lage von Moritz Borger gegeben hatte, kannte diesen nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch aus „zionistischen Kreisen“ in Wiesbaden, in denen sich beide offenbar bewegt hatten.[16] Insofern war für Moritz Borger die Flucht vor der Verfolgung vermutlich zugleich eine bewusste Entscheidung für eine Heimstatt der Juden.
In der ersten Zeit arbeitete er dort in einer Apfelsinenplantage, wo er aber nur sehr wenig verdiente. Zunächst sollen es 30 bis 40 RM im Monat gewesen sein, dann zuletzt im Jahr 1940 etwa das Doppelte.[17] Unklar ist aber, ob er damals in einem Kibbuz lebte, somit möglicherweise auch von gemeinschaftlichen Leistungen profitierte. Ab 1940 machte er sich in seinem früheren Beruf selbstständig und wurde Vertreter für kosmetische Produkte, Rasiermesser und dergleichen mehr.[18] Aber ein größeres Einkommen war auch damit nicht verbunden, zumindest lag es in all den Jahren immer unterhalb der steuerlichen Bemessungsgrenze. 1954 bescheinigten ihm die israelischen Finanzbehörden, dass er vermögenslos sei.[19]
Moritz gab im Entschädigungsverfahren an, mit seiner Frau in Wiesbaden bis 1942 in brieflichem Kontakt gestanden zu haben. Zumindest anfangs soll es noch darum gegangen sein, Rosa und den gemeinsamen Sohn Oskar dazu zu bewegen, ihm nach Palästina zu folgen. Dies scheiterte jedoch aus zwei Gründen. Da er selbst nur mit einem Touristenvisum eingereist war, konnte er keine Aufenthaltsbewilligung für seine Frau und seinen Sohn von den britischen Behörden erhalten. Aber auch seine Frau habe Deutschland nicht verlassen wollen, zumindest anfangs nicht, als die Folgen des Zauderns in all seinen Konsequenzen noch nicht absehbar waren.[20]
Dass Rosa ihm nicht folgen wollte, als es vielleicht noch möglich gewesen wäre, mag auch seinen Grund darin gehabt haben, dass ihr Ehemann in Palästina eine neue Beziehung eingegangen war. Chana Jaffa Zlatigorski war eine jüdische Witwe, die zu einem unbekannten Zeitpunkt ebenfalls nach Palästina eingereist war. Am 28. Dezember 1902 war sie in Gora Kalwaria in Polen zur Welt gekommen.[21] Seit wann die Beziehung zwischen den beiden bestand, ist nicht bekannt, aber in dem oben erwähnten Schreiben der israelischen Finanzbehörden aus dem Jahr 1954 heißt es, dass Moritz Borger verheiratet sei und einen 17-jährigen Sohn habe, der noch zur Schule gehen würde.[22] Der Sohn, dessen Name nicht aufgeführt ist, müsste also etwa 1937 geboren worden sein, somit vier Jahre nach der Flucht seines Vaters aus Deutschland. Es ist nicht bekannt, ob Rosa etwas von dieser neuen Bindung ihres Mannes wusste, aber es könnte ein Grund für sie gewesen sein, ihm nicht zu folgen und stattdessen weiter in Deutschland auszuharren.
Darüber, wie sie ihr Leben finanzierte, nachdem ihr Mann gegangen war, liegen nur vage Hinweise vor. Sie selbst gab 1940 an, zunächst von der städtischen, dann ab 1934 von der jüdischen Wohlfahrt gelebt zu haben.[23]
Chana Jaffa Zlatigorski, Moritz‘ zweite Frau, gab im Entschädigungsverfahren an, Rosa habe geschrieben, dass sie das noch vorhandene Warenlager im Wert von etwa 3.000 RM und wohl auch Teile der Wohnungseinrichtung habe verschleudern müssen.[24] Auch hätten 1933 zumindest theoretisch noch Außenstände im Wert von etwa 10.000 RM eingezogen werden können. Aber ob das gelang, auch ob die Angabe über die Summe richtig ist und ob irgendwelche Zahlungen tatsächlich noch eingingen, ist nicht mehr überprüfbar.[25]
Von Rosa Borger liegen für die gesamten Jahre von 1933 bis 1940 keine Dokumente mehr vor, die Auskunft über ihr Leben und das ihres Sohnes geben würden.
Oskar muss aber 1932 oder 1933 noch in einer der Wiesbadener Volksschulen eingeschult worden sein. In welche und wie lange er dort bleiben konnte, ist nicht bekannt. Aber es gibt zwei Fotos aus der Jüdischen Schule in der Mainzer Straße, die ab 1938 die aus den städtischen Schulen ausgeschlossenen jüdischen Kinder aufnahm. Einmal ist Oskar im Kreis seiner Mitschüler bei einem Sportfest zu sehen, ein andermal mit seinen Lehrern Frau Bernstein und Herrn Finkelscherer auf einem Klassenfoto. Auf beiden Bildern machen er und seine Mitschüler einen aufgeweckten und eher fröhlichen Eindruck. Aber vermutlich hatte der Fotograf nur das übliche „Bitte lächeln!“ befohlen, auch wenn es dazu absolut keinen Grund gab.
Im Februar 1940 hatte die Devisenstelle für ihn eine JS-Akte unter der Nummer 1580 angelegt, wohl im Glauben, Oskar sei Rosas Ehemann. Die Anrede auf dem Formular lautete nämlich zunächst „Eheleute Oskar Borger“.[26] Das Schreiben enthielt vermutlich auch das übliche Formular, in dem detailliert die Vermögens- und Einkommensverhältnisse aufzuführen waren. Unklar ist, ob das Schreiben seine Adressaten überhaupt erreichte, denn genau in diesen Tagen mussten Rosa und Oskar ihre Wohnung in der Röderstr. 27 verlassen und in das Judenhaus Ludwigstr. 3 umziehen. Als Umzugsdatum ist auf ihrer Gestapokarteikarte der 10. Februar 1940 eingetragen. Vielleicht hatte sie der Brief noch erreicht, war aber wegen des Umzugs vergessen worden oder verloren gegangen. Es dauerte etwa zwei Jahre, bis die Devisenstelle erneut das auszufüllende Formular einforderte. Es sei, so teilte man ihr mit, auch dann auszufüllen, wenn kein Vermögen vorhanden sei.[27]
In der Zwischenzeit hatte aber wohl eine andere Abteilung der Devisenstelle Kontakt mit Rosa Borger aufgenommen, allerdings ebenfalls zunächst unter der falschen, alten Anschrift. Für sie war im September 1940 eine Akte wegen eines angeblichen Devisenvergehens angelegt worden. Sie hatte ihrer Schwester, der kranken Mutter von fünf Kindern, im Generalgouvernement ein Päckchen mit abgelegten Kleidern von Oskar geschickt, aber in Unkenntnis der aktuellen Rechtslage – diese änderte sich für Juden geradezu täglich – unterlassen, eine Genehmigung dafür einzuholen. Das Verfahren wurde allerdings dann eingestellt, weil die „Zuwiderhandlung“ „nur sehr gering“ gewesen sei und sie vermutlich ohnehin genehmigt worden wäre. Zudem wurde konstatiert, dass ihre Verwandten im ehemaligen Polen in „kümmerlichen“ und auch sie selbst in „ärmlichen Verhältnissen“ leben würden, es also keinem der Beteiligten um die Verschiebung von Werten gegangen sei. Am 8. November 1940 wurde das Verfahren mit einer Verwarnung eingestellt.[28]
Wie die „ärmlichen Verhältnisse“ konkret aussahen, kann man den Schreiben entnehmen, die Rosa Borger nach der erneuten Aufforderung der Devisenstelle, ihre Vermögensverhältnisse zu offenbaren, verfasste. Sie erhalte von der Jüdischen Wohlfahrt eine monatliche Unterstützung von 50 RM, außerdem beziehe sie noch ein Arbeitseinkommen – als „Stundenfrau“ – von monatlich 32,80 RM. Die Mietkosten in der Ludwigstr. 3 würden 30 RM betragen. Ansonsten enthält das Formular dort, wo Werte hätten eingetragen werden sollen, nur Striche.[29] Angesichts dieser Situation wurde auf die Einrichtung eines Sicherungskontos verzichtet und Rosa durfte ihr schmales Einkommen jeweils in bar entgegennehmen.[30]
In dem Abschnitt des Formulars, in dem persönliche Angaben zu machen waren, schrieb sie interessanterweise, dass ihr Mann in Tel Aviv in der Lilienblumstr. 18 wohnen, sie aber nicht getrennt leben würden. Gemeint war sicher, dass sie nicht geschieden wären.
Wie lange Rosa und Oskar Borger im Judenhaus in der Ludwigstr. 3 blieben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Briefe der Devisenstelle gingen bis in den Februar 1942 an diese Adresse, was zwar die Vermutung nahelegt, dass sie dort auch wohnten, aber sicher ist das nicht. Eigenartigerweise erscheint diese Anschrift nämlich in keiner der diversen Listen, die beim Büro der Bezirksstelle geführt wurden. Auf der Gestapokarteikarte ist zunächst sogar mit Datum ein Umzug in das Judenhaus Herrngartenstr. 11 notiert, allerdings dann wieder gestrichen und mit der Bemerkung „nicht umgezogen“ versehen worden.
Der letzte Umzug, der dann tatsächlich stattfand, aber nicht in der Karteikarte eingetragen wurde, ist der in die Göbenstr. 4. Wann er genau stattfand, ist daher nicht bekannt. Aber dieser Wohnungswechsel ist wiederum in den Listen der Jüdischen Gemeinde festgehalten. Rosa und Oskar Borger waren in der Wohnung von Johanna und ihrer etwa 8 Jahre alten Tochter Eva Frank als Untermieter aufgenommen worden. Diese hatten in dem Wohngrundstück, das auch früher nicht in jüdischem Besitz war, eine 4‑Zimmer-Wohnung mit Küche im ersten Stock belegt. Zwar erhielten die Borgers dort nur ein Zimmer, aber vermutlich waren die Umstände insgesamt dennoch besser als im Hinterhaus in der Ludwigstr. 3. Es gibt allerdings auch keinen Beleg dafür, dass der Umzug damals erzwungen war, obwohl natürlich eine 4‑Zimmer-Wohnung für zwei Personen aus Sicht des Wohnungsamtes kaum akzeptabel gewesen sein kann.
Aber vielleicht waren Rosa Borger und Oskar dennoch freiwillig dort eingezogen, denn Johanna Frank mit ihrer Tochter Eva befand sich in einer ganz ähnlichen Situation wie sie selbst. Auch ihr Mann, der frühere Arzt Dr. Philipp Frank, war, nachdem er bis Ende Dezember 1939 eine Zuchthausstrafe in Kassel verbüßt hatte,[31] ebenfalls nach Palästina, später in die USA, ausgewandert und hatte seine Frau mit dem gemeinsamen Kind hier zurücklassen müssen. Für diese beiden gab es so wenig eine Rettung wie für ihre Untermieter.
Am 10. Juni 1942 mussten alle vier den Weg zum Bahnhof antreten, wo sie den Zug bestiegen, der sie über Frankfurt, wo sie unter übelsten Bedingungen in der Großmarkthalle nächtigten, nach Lublin brachte. Nach einem kurzen Stopp, bei dem eine größere Zahl arbeitsfähiger Männer in das Lager Majdanek abkommandiert wurde, fuhr der Zug weiter in das gerade fertiggestellte Vernichtungslager Sobibor. In die drei Gaskammern von je etwa 16 qm Grundfläche, die jeweils etwa 60 bis 70 Menschen fassten, wurden aus einem Nebengebäude über Rohrleitungen die Abgase eines schweren Dieselmotors geleitet. Der unvorstellbar schreckliche und grausame Erstickungstod der Eingepferchten zog sich über etwa 20 Minuten hin.[32]
Nach dem Tod seiner Frau heiratete Moritz, jetzt Moshe, am 5. März 1946 seine etwa elf Jahre jüngere Lebensgefährtin Chana Yaffe. Beide wohnten damals in Tel Aviv. Die Heiratsurkunde wurde allerdings von der aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem ausgestellt.[33]
Finanziell ging es der Familie auch in den 50er Jahren nicht besser. Bevor ihn eine größere Summe der Entschädigung erreichte, die ihm für den erlittenen Schaden im beruflichen Fortkommen zugestanden wurde, [34] verstarb Moshe Borger am 9. Mai 1957 in Tel Aviv.[35]
Veröffentlicht: 03. 11. 2026
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Anmerkungen:
[1] Geburtsregister Glogau 21 / 1896./
[2] HHStAW 519–3 24589 (5). In Yad Vashem sind von einer Ester Rinde zwei ‚Pages of Testimony‘ hinterlegt worden, die an eine Rachel Melamed, geboren 1894, und an eine Jenta Melemed erinnern. Beide stammten aus Glogau und könnten im Hinblick auf ihre Geburtsjahre Schwestern von Rosa sein. Bei Jente sind sogar die Eltern Yekhiel und Rivka angegeben. Dass es sich hierbei um Verwandte von Rosa handelt, ist wahrscheinlich, aber ob die Genannten auch ihre Eltern bzw. Geschwister waren, ist insofern fraglich, weil Rosa selbst in ihrem Brief nur eine Schwester, aber zwei Brüder erwähnt.
[3] Heiratsregister Wiesbaden 885 / 1925.
[4] Die Geburtsangabe entspricht dem in der Heiratsurkunde angegebenen Datum, die wiederum auf dem Geburtseintrag 65 / 1891 des Standesamts Rozwadow basiert. Im Entschädigungsverfahren wurde von Moritz selbst aber auch das Datum 25. Juni angeben, z.B. HHStAW 518 37952 (22), welches dann auch in den Bescheiden übernommen wurde, ebd. (24, 34).
[5] Die Eltern sind erst in einer weiteren Heiratsurkunde genannt, die bei einer zweiten Eheschließung in Israel entstand, siehe https://www.myheritage.de/research/collection-11018/israel-immigration-lists?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685. (Zugriff: 05.11.2026).
[6] Siehe auch für die folgenden Angaben HHStAW 518 37952 (9).
[7] Eine Gewerbeanmeldung ist allerdings erst aus dem Jahr 1929 in den Akten erhalten geblieben, siehe ebd. (16).
[8] Geburtsregister Wiesbaden 1240 7 1926.
[9] Ebd.
[10] Ebd. (18). Mit Jakob Saal und Chaim Preiss konnte er allerdings einen Kollegen in derselben Branche und einen Freund als Zeugen benennen, der die vermutlichen Einkünfte bestätigten. Ebd. (11, 12).
[11] Ebd. (73).
[12] Ebd. (14).
[13] Ebd. (73).
[14] Ebd. (9, 51).
[15] https://www.myheritage.de/research/collection-11018/israel-immigration-lists?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685. (Zugriff: 05.11.2026).
[16] Ebd. (11). Auch Jakob Saal flüchtete nach Palästina und überlebte dort den Holocaust.
[17] Ebd. (9).
[18] Ebd. (10). In einem anderen Schreiben nennt er das Jahr 1948, als den Zeitpunkt, an dem er sich mit diesem Handel selbstständig gemacht hatte, ebd. (22).
[19] Ebd. (13).
[20] Ebd. (51).
[21] Ebd.
[22] Ebd. (13).
[23] HHStAW 519/3 24589 (5).
[24] Die Entschädigungsbehörde ging von einem geringeren Wert des Lagers aus, meinte auch, dass der erzielte Preis vermutlich noch 50 Prozent des Wertes ausgemacht haben wird, sodass ein Schaden von 1250 RM zu entschädigen sei. Im Hinblick auf die verlorene Einrichtung wurde festgestellt, dass dies kein Entschädigungs‑, sondern ein Rückerstattungsfall sei. Ob ein solches Verfahren eingeleitet wurde, konnte nicht ermittelt werden. HHStAW 518 37951 (o.P.).
[25] Ebd. (51 f.).Chana ging davon aus, dass mindestens 3–4.000 RM nicht mehr eingezogen werden konnten, aber diese Angabe ist vollkommen willkürlich, da ohne jedweden Beleg.
[26] HHStAW 519/3 2409 (1).
[27] Ebd. (2).
[28] HHStAW 519/3 24589 (passim).
[29] HHStAW 519/3 2409 (5, 7).
[30] Ebd. (8, 9).
[31] Philipp Frank wurde wegen „Abtreibung“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er habe dadurch, „dass er als Arzt und als Rassefremder in einer Zeit abgetrieben hat, in der der Staat und Volk alles daran setzten, dem Geburtenrückgang Einhalt zu gebieten, ein besonders hohes Maaß an Gewissenlosigkeit an den Tag gelegt“. HHStAW 518 13770 (27).
[32] Wienert, Sobibor, S. 80–97.
[33] https://www.myheritage.de/research/collection-11018/israel-immigration-lists?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685 (Zugriff: 05.11.2026).
[34] HHStAW 518 37952 (34–36).
[35] Ebd. (41).