Rosa Rachel Borger, geborene Melamed, und ihr Sohn Oskar David


Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Lud­wigstr. 3 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Lud­wigstr. 3

 

 

 

 

 

 


Noch weni­ger als über die bis­her vor­ge­stell­ten Bewoh­ne­rin­nen des Juden­hau­ses Lud­wigstr. 3 weiß man über Rosa Rachel Bor­ger. Aber in gewis­sem Sinn passt auch sie in die Rei­he der dor­ti­gen Bewoh­ne­rin­nen, denn auch sie besaß die pol­ni­sche Staats­bür­ger­schaft und auch sie war inzwi­schen allein­er­zie­hend und ver­armt. Der wesent­li­che Unter­schied zu den ande­ren Frau­en bestand nur dar­in, dass sie nicht aus die­sem Juden­haus depor­tiert wur­de, son­dern zuletzt 1942 noch ein­mal die Woh­nung wech­sel­te und in die Göben­stra­ße zog.

Sie stamm­te aus Glo­gau im Kreis Rzes­zow, etwa 180 km öst­lich von Kra­kau in Gali­zi­en gele­gen. Dort war sie am 24. März 1896 als Rosa Rachel Mela­med /​ Mela­met gebo­ren wor­den.[1] Wer ihre Eltern waren, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Bekannt ist nur, dass sie min­des­tens zwei Brü­der und eine Schwes­ter hat­ten, die in den frü­hen 40er Jah­ren noch im dama­li­gen Gene­ral­gou­ver­ne­ment leb­ten.[2]

Laut einem Ein­trag auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te soll die „Händ­le­rin“ am 13. Dezem­ber 1923 nach Wies­ba­den gekom­men sein. Ein­trä­ge mit ihrem Namen sucht man im Adress­buch aller­dings ver­ge­bens.
Am 19. Dezem­ber 1925 hei­ra­te­te sie in Wies­ba­den Moritz Mos­he Bor­ger, einen Juden, der aus dem Ort Roz­wa­dow in der Nähe von Kra­kau stamm­te.[3] Laut der Hei­rats­ur­kun­de war er dort am 25. Juni 1891 zur Welt gekom­men.[4] Sei­ne Eltern waren David und Cha­na Bor­ger.[5] Wie sei­ne Frau, war auch er ursprüng­lich Staats­an­ge­hö­ri­ger der k​.​u​.​k​.​-Mon​ar​chie, für die er auch in den Ers­ten Welt­krieg gezo­gen war. Die­sen Ein­satz für die über­kom­me­nen Mon­ar­chien in Öster­reich und Deutsch­land hat­te er mit einer mehr­jäh­ri­gen rus­si­schen Kriegs­ge­fan­gen­schaft bezah­len müs­sen.[6] Erst 1921 kehr­te er, der durch die Neu­ord­nung Euro­pas zum pol­ni­schen Staats­bür­ger gewor­den war, aus der Sowjet­uni­on zurück. Ange­sichts der anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­le in Polen nach dem Welt­krieg, ist es nach­voll­zieh­bar, dass er die­sem wie­der resti­tu­ier­ten Staat bald den Rücken kehr­te und nach Deutsch­land wei­ter­zog.
Sei­ne ers­te Sta­ti­on im Wes­ten war Han­no­ver, wo er als Hand­lungs­rei­sen­der für die Fir­ma ‚Krie­ger & Wie­sen­feld‘ tätig war. Dar­über, wel­che Waren er sei­nen Kun­den offe­rier­te, gab er in sei­nen knap­pen bio­gra­fi­schen Anmer­kun­gen, die er im Rah­men sei­nes Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens vor­leg­te, kei­ne Aus­kunft. Aber ver­mut­lich han­del­te es sich damals schon um Kon­fek­ti­ons- und Manu­fak­tur­wa­ren.
Zumin­dest macht er sich mit einem Abzah­lungs­ge­schäft für Tex­ti­li­en und Schu­he in Wies­ba­den selbst­stän­dig, nach­dem er sich 1925 dort nie­der­ge­las­sen hat­te.[7] Sein Kun­den­kreis erstreck­te sich auf die Stadt und die nähe­re Umgebung.

Als Moritz und Rosa die Ehe schlos­sen, wohn­ten sie bei­de in der Bahn­hofstr. 10. Aber schon bald danach müs­sen sie in die Röder­str. 26 – von ihm fälsch­li­cher­wei­se als Röder­al­lee erin­nert – umge­zo­gen sein, wo sie im drit­ten Stock­werk eine Woh­nung gefun­den hat­ten. Erst­mals ist die Fami­lie im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1926/​27 zu fin­den. In der Woh­nung hat­te Moritz Bor­ger auch sein Waren­la­ger ein­ge­rich­tet. Mög­li­cher­wei­se war sie dort­hin umge­zo­gen, nach­dem sich mit dem am 7. Okto­ber 1926 gebo­re­nen Sohn Oskar David ein wei­te­res Fami­li­en­mit­glied ange­kün­digt hat­te und die bis­he­ri­ge Unter­kunft in der Bahn­hof­stra­ße zu klein gewor­den war.[8]

Wenn die Anga­ben rich­tig sind, die Moritz über sein dama­li­ges Ein­kom­men im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren mach­te, dann konn­te er sich bei einem Ein­kom­men von monat­lich 300 bis 400 RM eine grö­ße­re Woh­nung ohne wei­te­res leis­ten.[9] Aller­dings lie­gen kei­ne Unter­la­gen des Finanz­amts mehr vor, die eine Veri­fi­zie­rung die­ser Zah­len, die im Ver­gleich mit ande­ren Händ­lern ohne fes­tes Geschäft doch sehr hoch zu sein schei­nen, ermög­li­chen wür­den.[10]
Der Haus­ver­wal­ter der Röder­str. 26, Fritz Men­ges, gab – ohne aber kon­kre­te Zah­len zu nen­nen – hin­ge­gen an, dass Moritz Bor­ger „eine klei­ne Tätig­keit“ aus­ge­übt und eine klei­ne 3‑Zim­mer-Woh­nung im Sei­ten­bau des Hau­ses bewohnt habe. Die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se sei­en „nicht über­durch­schnitt­lich“ gewe­sen. Sechs Jah­re spä­ter gab der­sel­be Haus­ver­wal­ter aller­dings davon abwei­chend an, die Fami­lie habe im Par­terre des Hau­ses nur zwei Zim­mer bewohnt.[11] Mög­li­cher­wei­se sind bei­de Anga­ben, bezo­gen auf unter­schied­li­che Zei­ten, rich­tig.
Ob zwei oder drei Zim­mer, in jedem Fall lag das Haus in einem der klas­si­schen Wies­ba­de­ner Arbei­ter­vier­tel, dem ‚Berg­kir­chen­vier­tel‘. Im Volks­mund wur­de und wird das Quar­tier, obwohl inzwi­schen saniert, auch heu­te noch als „Kat­zen­loch“ bezeich­net, weil die Woh­nun­gen – meist ohne Hei­zung und Toi­let­ten – oft so klein waren, dass sie bes­ten­falls als Behau­sung für Kat­zen geeig­net schie­nen. Auch das spricht eher dafür, dass der Ver­dienst von Moritz damals nicht ganz so hoch gewe­sen sein wird, wie im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ange­ge­ben. Denn mit die­sem Gehalt hät­te er sei­ner Fami­lie etwas Bes­se­res bie­ten kön­nen.
Dass der Ver­wal­ter aber sei­nen ehe­ma­li­gen Mie­tern, ob ein­fa­che Arbei­ter oder Juden, kei­nes­wegs mit Vor­ur­tei­len begeg­ne­te, ergibt sich aus dem abschlie­ßen­den Satz, in dem es heißt:
„Das Ver­hal­ten der Mie­ter [Bor­ger] gab nie­mals zu Bean­stan­dun­gen Anlass. Ins­be­son­de­re kann ich mich dar­auf ent­sin­nen, dass das Ver­hal­ten des Kin­des Oskar David Bor­ger sehr höf­lich war und dass gera­de die­ses Kind gro­ße Sym­pa­thien im gan­zen Haus und in der Nach­bar­schaft genoss.“[12]
In sei­nem zwei­ten Schrei­ben ergänz­te er sei­ne Wahr­neh­mun­gen von Oskar dahin­ge­hend, dass die­ser „schon damals gro­ße Hem­mun­gen“ gehabt und „sich von den übri­gen Jugend schon damals völ­lig zurück­ge­zo­gen“ habe.[13] Lei­der sind dies Aus­künf­te ohne kon­kre­ten zeit­li­chen Bezug, aber sie wer­den beson­ders für die Zeit gegol­ten haben, in der alle jüdi­schen Eltern ihren Kin­dern ein­bläu­ten, mög­lichst unschein­bar zu sein und auf kei­nen Fall irgend­wo anzuecken.

Bis 1940 leb­te die Mut­ter mit dem dann 14-jäh­ri­gen Sohn, aber schon lan­ge nicht mehr mit ihrem Mann, in einer der Woh­nun­gen in der Röder­str. 26.

Moritz Bor­ger hat­te Deutsch­land und damit auch sei­ne Fami­lie schon 1933 ver­las­sen. Als er erfuhr, dass die Gesta­po ihn ver­haf­ten woll­te, floh er schon im Mai mit einem Tou­ris­ten­vi­sum über Ita­li­en nach Paläs­ti­na.[14] Am 22. Juni 1933 lan­de­te er auf dem Schiff ‚Vol­ca­nia‘ in Hai­fa.[15] Jakob Saal, der im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren schon Aus­kunft über die frü­he­re wirt­schaft­li­che Lage von Moritz Bor­ger gege­ben hat­te, kann­te die­sen nicht nur als Geschäfts­mann, son­dern auch aus „zio­nis­ti­schen Krei­sen“ in Wies­ba­den, in denen sich bei­de offen­bar bewegt hat­ten.[16] Inso­fern war für Moritz Bor­ger die Flucht vor der Ver­fol­gung ver­mut­lich zugleich eine bewuss­te Ent­schei­dung für eine Heim­statt der Juden.

In der ers­ten Zeit arbei­te­te er dort in einer Apfel­si­nen­plan­ta­ge, wo er aber nur sehr wenig ver­dien­te. Zunächst sol­len es 30 bis 40 RM im Monat gewe­sen sein, dann zuletzt im Jahr 1940 etwa das Dop­pel­te.[17] Unklar ist aber, ob er damals in einem Kib­buz leb­te, somit mög­li­cher­wei­se auch von gemein­schaft­li­chen Leis­tun­gen pro­fi­tier­te. Ab 1940 mach­te er sich in sei­nem frü­he­ren Beruf selbst­stän­dig und wur­de Ver­tre­ter für kos­me­ti­sche Pro­duk­te, Rasier­mes­ser und der­glei­chen mehr.[18] Aber ein grö­ße­res Ein­kom­men war auch damit nicht ver­bun­den, zumin­dest lag es in all den Jah­ren immer unter­halb der steu­er­li­chen Bemes­sungs­gren­ze. 1954 beschei­nig­ten ihm die israe­li­schen Finanz­be­hör­den, dass er ver­mö­gens­los sei.[19]

Moritz gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, mit sei­ner Frau in Wies­ba­den bis 1942 in brief­li­chem Kon­takt gestan­den zu haben. Zumin­dest anfangs soll es noch dar­um gegan­gen sein, Rosa und den gemein­sa­men Sohn Oskar dazu zu bewe­gen, ihm nach Paläs­ti­na zu fol­gen. Dies schei­ter­te jedoch aus zwei Grün­den. Da er selbst nur mit einem Tou­ris­ten­vi­sum ein­ge­reist war, konn­te er kei­ne Auf­ent­halts­be­wil­li­gung für sei­ne Frau und sei­nen Sohn von den bri­ti­schen Behör­den erhal­ten. Aber auch sei­ne Frau habe Deutsch­land nicht ver­las­sen wol­len, zumin­dest anfangs nicht, als die Fol­gen des Zau­derns in all sei­nen Kon­se­quen­zen noch nicht abseh­bar waren.[20]

Dass Rosa ihm nicht fol­gen woll­te, als es viel­leicht noch mög­lich gewe­sen wäre, mag auch sei­nen Grund dar­in gehabt haben, dass ihr Ehe­mann in Paläs­ti­na eine neue Bezie­hung ein­ge­gan­gen war. Cha­na Jaf­fa Zla­ti­gor­ski war eine jüdi­sche Wit­we, die zu einem unbe­kann­ten Zeit­punkt eben­falls nach Paläs­ti­na ein­ge­reist war. Am 28. Dezem­ber 1902 war sie in Gora Kal­wa­ria in Polen zur Welt gekom­men.[21] Seit wann die Bezie­hung zwi­schen den bei­den bestand, ist nicht bekannt, aber in dem oben erwähn­ten Schrei­ben der israe­li­schen Finanz­be­hör­den aus dem Jahr 1954 heißt es, dass Moritz Bor­ger ver­hei­ra­tet sei und einen 17-jäh­ri­gen Sohn habe, der noch zur Schu­le gehen wür­de.[22] Der Sohn, des­sen Name nicht auf­ge­führt ist, müss­te also etwa 1937 gebo­ren wor­den sein, somit vier Jah­re nach der Flucht sei­nes Vaters aus Deutsch­land. Es ist nicht bekannt, ob Rosa etwas von die­ser neu­en Bin­dung ihres Man­nes wuss­te, aber es könn­te ein Grund für sie gewe­sen sein, ihm nicht zu fol­gen und statt­des­sen wei­ter in Deutsch­land auszuharren.

Dar­über, wie sie ihr Leben finan­zier­te, nach­dem ihr Mann gegan­gen war, lie­gen nur vage Hin­wei­se vor. Sie selbst gab 1940 an, zunächst von der städ­ti­schen, dann ab 1934 von der jüdi­schen Wohl­fahrt gelebt zu haben.[23]
Cha­na Jaf­fa Zla­ti­gor­ski, Moritz‘ zwei­te Frau, gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, Rosa habe geschrie­ben, dass sie das noch vor­han­de­ne Waren­la­ger im Wert von etwa 3.000 RM und wohl auch Tei­le der Woh­nungs­ein­rich­tung habe ver­schleu­dern müs­sen.[24] Auch hät­ten 1933 zumin­dest theo­re­tisch noch Außen­stän­de im Wert von etwa 10.000 RM ein­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Aber ob das gelang, auch ob die Anga­be über die Sum­me rich­tig ist und ob irgend­wel­che Zah­lun­gen tat­säch­lich noch ein­gin­gen, ist nicht mehr über­prüf­bar.[25]

Von Rosa Bor­ger lie­gen für die gesam­ten Jah­re von 1933 bis 1940 kei­ne Doku­men­te mehr vor, die Aus­kunft über ihr Leben und das ihres Soh­nes geben wür­den.
Oskar muss aber 1932 oder 1933 noch in einer der Wies­ba­de­ner Volks­schu­len ein­ge­schult wor­den sein. In wel­che und wie lan­ge er dort blei­ben konn­te, ist nicht bekannt. Aber es gibt zwei Fotos aus der Jüdi­schen Schu­le in der Main­zer Stra­ße, die ab 1938 die aus den städ­ti­schen Schu­len aus­ge­schlos­se­nen jüdi­schen Kin­der auf­nahm. Ein­mal ist Oskar im Kreis sei­ner Mit­schü­ler bei einem Sport­fest zu sehen, ein ander­mal mit sei­nen Leh­rern Frau Bern­stein und Herrn Fin­kel­sche­rer auf einem Klas­sen­fo­to. Auf bei­den Bil­dern machen er und sei­ne Mit­schü­ler einen auf­ge­weck­ten und eher fröh­li­chen Ein­druck. Aber ver­mut­lich hat­te der Foto­graf nur das übli­che „Bit­te lächeln!“ befoh­len, auch wenn es dazu abso­lut kei­nen Grund gab.

Im Febru­ar 1940 hat­te die Devi­sen­stel­le für ihn eine JS-Akte unter der Num­mer 1580 ange­legt, wohl im Glau­ben, Oskar sei Rosas Ehe­mann. Die Anre­de auf dem For­mu­lar lau­te­te näm­lich zunächst „Ehe­leu­te Oskar Bor­ger“.[26] Das Schrei­ben ent­hielt ver­mut­lich auch das übli­che For­mu­lar, in dem detail­liert die Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se auf­zu­füh­ren waren. Unklar ist, ob das Schrei­ben sei­ne Adres­sa­ten über­haupt erreich­te, denn genau in die­sen Tagen muss­ten Rosa und Oskar ihre Woh­nung in der Röder­str. 27 ver­las­sen und in das Juden­haus Lud­wigstr. 3 umzie­hen. Als Umzugs­da­tum ist auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te der 10. Febru­ar 1940 ein­ge­tra­gen. Viel­leicht hat­te sie der Brief noch erreicht, war aber wegen des Umzugs ver­ges­sen wor­den oder ver­lo­ren gegan­gen. Es dau­er­te etwa zwei Jah­re, bis die Devi­sen­stel­le erneut das aus­zu­fül­len­de For­mu­lar ein­for­der­te. Es sei, so teil­te man ihr mit, auch dann aus­zu­fül­len, wenn kein Ver­mö­gen vor­han­den sei.[27]

In der Zwi­schen­zeit hat­te aber wohl eine ande­re Abtei­lung der Devi­sen­stel­le Kon­takt mit Rosa Bor­ger auf­ge­nom­men, aller­dings eben­falls zunächst unter der fal­schen, alten Anschrift. Für sie war im Sep­tem­ber 1940 eine Akte wegen eines angeb­li­chen Devi­sen­ver­ge­hens ange­legt wor­den. Sie hat­te ihrer Schwes­ter, der kran­ken Mut­ter von fünf Kin­dern, im Gene­ral­gou­ver­ne­ment ein Päck­chen mit abge­leg­ten Klei­dern von Oskar geschickt, aber in Unkennt­nis der aktu­el­len Rechts­la­ge – die­se änder­te sich für Juden gera­de­zu täg­lich – unter­las­sen, eine Geneh­mi­gung dafür ein­zu­ho­len. Das Ver­fah­ren wur­de aller­dings dann ein­ge­stellt, weil die „Zuwi­der­hand­lung“ „nur sehr gering“ gewe­sen sei und sie ver­mut­lich ohne­hin geneh­migt wor­den wäre. Zudem wur­de kon­sta­tiert, dass ihre Ver­wand­ten im ehe­ma­li­gen Polen in „küm­mer­li­chen“ und auch sie selbst in „ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen“ leben wür­den, es also kei­nem der Betei­lig­ten um die Ver­schie­bung von Wer­ten gegan­gen sei. Am 8. Novem­ber 1940 wur­de das Ver­fah­ren mit einer Ver­war­nung ein­ge­stellt.[28]

Wie die „ärm­li­chen Ver­hält­nis­se“ kon­kret aus­sa­hen, kann man den Schrei­ben ent­neh­men, die Rosa Bor­ger nach der erneu­ten Auf­for­de­rung der Devi­sen­stel­le, ihre Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se zu offen­ba­ren, ver­fass­te. Sie erhal­te von der Jüdi­schen Wohl­fahrt eine monat­li­che Unter­stüt­zung von 50 RM, außer­dem bezie­he sie noch ein Arbeits­ein­kom­men – als „Stun­den­frau“ – von monat­lich 32,80 RM. Die Miet­kos­ten in der Lud­wigstr. 3 wür­den 30 RM betra­gen. Ansons­ten ent­hält das For­mu­lar dort, wo Wer­te hät­ten ein­ge­tra­gen wer­den sol­len, nur Stri­che.[29] Ange­sichts die­ser Situa­ti­on wur­de auf die Ein­rich­tung eines Siche­rungs­kon­tos ver­zich­tet und Rosa durf­te ihr schma­les Ein­kom­men jeweils in bar ent­ge­gen­neh­men.[30]
In dem Abschnitt des For­mu­lars, in dem per­sön­li­che Anga­ben zu machen waren, schrieb sie inter­es­san­ter­wei­se, dass ihr Mann in Tel Aviv in der Lili­en­bl­um­str. 18 woh­nen, sie aber nicht getrennt leben wür­den. Gemeint war sicher, dass sie nicht  geschie­den wären.

Wie lan­ge Rosa und Oskar Bor­ger im Juden­haus in der Lud­wigstr. 3 blie­ben, lässt sich nicht mit Sicher­heit sagen. Die Brie­fe der Devi­sen­stel­le gin­gen bis in den Febru­ar 1942 an die­se Adres­se, was zwar die Ver­mu­tung nahe­legt, dass sie dort auch wohn­ten, aber sicher ist das nicht. Eigen­ar­ti­ger­wei­se erscheint die­se Anschrift näm­lich in kei­ner der diver­sen Lis­ten, die beim Büro der Bezirks­stel­le geführt wur­den. Auf der Gestapo­kar­tei­kar­te ist zunächst sogar mit Datum ein Umzug in das Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11 notiert, aller­dings dann wie­der gestri­chen und mit der Bemer­kung „nicht umge­zo­gen“ ver­se­hen wor­den.
Der letz­te Umzug, der dann tat­säch­lich statt­fand, aber nicht in der Kar­tei­kar­te ein­ge­tra­gen wur­de, ist der in die Göbenstr. 4. Wann er genau statt­fand, ist daher nicht bekannt. Aber die­ser Woh­nungs­wech­sel ist wie­der­um in den Lis­ten der Jüdi­schen Gemein­de fest­ge­hal­ten. Rosa und Oskar Bor­ger waren in der Woh­nung von Johan­na und ihrer etwa 8 Jah­re alten Toch­ter Eva Frank als Unter­mie­ter auf­ge­nom­men wor­den. Die­se hat­ten in dem Wohn­grund­stück, das auch frü­her nicht in jüdi­schem Besitz war, eine 4‑Zim­mer-Woh­nung mit Küche im ers­ten Stock belegt. Zwar erhiel­ten die Bor­gers dort nur ein Zim­mer, aber ver­mut­lich waren die Umstän­de ins­ge­samt den­noch bes­ser als im Hin­ter­haus in der Lud­wigstr. 3. Es gibt aller­dings auch kei­nen Beleg dafür, dass der Umzug damals erzwun­gen war, obwohl natür­lich eine 4‑Zim­mer-Woh­nung für zwei Per­so­nen aus Sicht des Woh­nungs­am­tes kaum akzep­ta­bel gewe­sen sein kann.
Aber viel­leicht waren Rosa Bor­ger und Oskar den­noch frei­wil­lig dort ein­ge­zo­gen, denn Johan­na Frank mit ihrer Toch­ter Eva befand sich in einer ganz ähn­li­chen Situa­ti­on wie sie selbst. Auch ihr Mann, der frü­he­re Arzt Dr. Phil­ipp Frank, war, nach­dem er bis Ende Dezem­ber 1939 eine Zucht­haus­stra­fe in Kas­sel ver­büßt hat­te,[31] eben­falls nach Paläs­ti­na, spä­ter in die USA, aus­ge­wan­dert und hat­te sei­ne Frau mit dem gemein­sa­men Kind hier zurück­las­sen müs­sen. Für die­se bei­den gab es so wenig eine Ret­tung wie für ihre Unter­mie­ter.
Am 10. Juni 1942 muss­ten alle vier den Weg zum Bahn­hof antre­ten, wo sie den Zug bestie­gen, der sie über Frank­furt, wo sie unter übels­ten Bedin­gun­gen in der Groß­markt­hal­le näch­tig­ten, nach Lub­lin brach­te. Nach einem kur­zen Stopp, bei dem eine grö­ße­re Zahl arbeits­fä­hi­ger Män­ner in das Lager Maj­da­nek abkom­man­diert wur­de, fuhr der Zug wei­ter in das gera­de fer­tig­ge­stell­te Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor. In die drei Gas­kam­mern von je etwa 16 qm Grund­flä­che, die jeweils etwa 60 bis 70 Men­schen fass­ten, wur­den aus einem Neben­ge­bäu­de über Rohr­lei­tun­gen die Abga­se eines schwe­ren Die­sel­mo­tors gelei­tet. Der unvor­stell­bar schreck­li­che und grau­sa­me Ersti­ckungs­tod der Ein­ge­pferch­ten zog sich über etwa 20 Minu­ten hin.[32]

Nach dem Tod sei­ner Frau hei­ra­te­te Moritz, jetzt Mos­he, am 5. März 1946 sei­ne etwa elf Jah­re jün­ge­re Lebens­ge­fähr­tin Cha­na Yaf­fe. Bei­de wohn­ten damals in Tel Aviv. Die Hei­rats­ur­kun­de wur­de aller­dings von der asch­ke­na­si­schen Gemein­de in Jeru­sa­lem aus­ge­stellt.[33]
Finan­zi­ell ging es der Fami­lie auch in den 50er Jah­ren nicht bes­ser. Bevor ihn eine grö­ße­re Sum­me der Ent­schä­di­gung erreich­te, die ihm für den erlit­te­nen Scha­den im beruf­li­chen Fort­kom­men zuge­stan­den wur­de, [34] ver­starb Mos­he Bor­ger am 9. Mai 1957 in Tel Aviv.[35]

 

Ver­öf­fent­licht: 03. 11. 2026

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Geburts­re­gis­ter Glo­gau 21 /​ 1896./

[2] HHStAW 519–3 24589 (5). In Yad Vas­hem sind von einer Ester Rin­de zwei ‚Pages of Tes­tim­o­ny‘ hin­ter­legt wor­den, die an eine Rachel Mela­med, gebo­ren 1894, und an eine Jen­ta Mele­med erin­nern. Bei­de stamm­ten aus Glo­gau und könn­ten im Hin­blick auf ihre Geburts­jah­re Schwes­tern von Rosa sein. Bei Jen­te sind sogar die Eltern Yek­hiel und Riv­ka ange­ge­ben. Dass es sich hier­bei um Ver­wand­te von Rosa han­delt, ist wahr­schein­lich, aber ob die Genann­ten auch ihre Eltern bzw. Geschwis­ter waren, ist inso­fern frag­lich, weil Rosa selbst in ihrem Brief nur eine Schwes­ter, aber zwei Brü­der erwähnt.

[3] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 885 /​ 1925.

[4] Die Geburts­an­ga­be ent­spricht dem in der Hei­rats­ur­kun­de ange­ge­be­nen Datum, die wie­der­um auf dem Geburts­ein­trag 65 /​ 1891 des Stan­des­amts Roz­wa­dow basiert. Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­de von Moritz selbst aber auch das Datum 25. Juni ange­ben, z​.​B. HHStAW 518 37952 (22), wel­ches dann auch in den Beschei­den über­nom­men wur­de, ebd. (24, 34).

[5] Die Eltern sind erst in einer wei­te­ren Hei­rats­ur­kun­de genannt, die bei einer zwei­ten Ehe­schlie­ßung in Isra­el ent­stand, sie­he https://​www​.myhe​ri​ta​ge​.de/research​/collection-11018​/israel-immigration-lists​?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685. (Zugriff: 05.11.2026).

[6] Sie­he auch für die fol­gen­den Anga­ben HHStAW 518 37952 (9).

[7] Eine Gewer­be­an­mel­dung ist aller­dings erst aus dem Jahr 1929 in den Akten erhal­ten geblie­ben, sie­he ebd. (16).

[8] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1240 7 1926.

[9] Ebd.

[10] Ebd. (18). Mit Jakob Saal und Cha­im Preiss konn­te er aller­dings einen Kol­le­gen in der­sel­ben Bran­che und einen Freund als Zeu­gen benen­nen, der die ver­mut­li­chen Ein­künf­te bestä­tig­ten. Ebd. (11, 12).

[11] Ebd. (73).

[12] Ebd. (14).

[13] Ebd. (73).

[14] Ebd. (9, 51).

[15] https://​www​.myhe​ri​ta​ge​.de/research​/collection-11018​/israel-immigration-lists​?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685. (Zugriff: 05.11.2026).

[16] Ebd. (11). Auch Jakob Saal flüch­te­te nach Paläs­ti­na und über­leb­te dort den Holocaust.

[17] Ebd. (9).

[18] Ebd. (10). In einem ande­ren Schrei­ben nennt er das Jahr 1948, als den Zeit­punkt, an dem er sich mit die­sem Han­del selbst­stän­dig gemacht hat­te, ebd. (22).

[19] Ebd. (13).

[20] Ebd. (51).

[21] Ebd.

[22] Ebd. (13).

[23] HHStAW 519/​3 24589 (5).

[24] Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de ging von einem gerin­ge­ren Wert des Lagers aus, mein­te auch, dass der erziel­te Preis ver­mut­lich noch 50 Pro­zent des Wer­tes aus­ge­macht haben wird, sodass ein Scha­den von 1250 RM zu ent­schä­di­gen sei. Im Hin­blick auf die ver­lo­re­ne Ein­rich­tung wur­de fest­ge­stellt, dass dies kein Entschädigungs‑, son­dern ein Rück­erstat­tungs­fall sei. Ob ein sol­ches Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de, konn­te nicht ermit­telt wer­den. HHStAW 518 37951 (o​.​P.).

[25] Ebd. (51 f​.​)​.Cha​na ging davon aus, dass min­des­tens 3–4.000 RM nicht mehr ein­ge­zo­gen wer­den konn­ten, aber die­se Anga­be ist voll­kom­men will­kür­lich, da ohne jed­we­den Beleg.

[26] HHStAW 519/​3 2409 (1).

[27] Ebd. (2).

[28] HHStAW 519/​3 24589 (pas­sim).

[29] HHStAW 519/​3 2409 (5, 7).

[30] Ebd. (8, 9).

[31] Phil­ipp Frank wur­de wegen „Abtrei­bung“ zu drei Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Er habe dadurch, „dass er als Arzt und als Ras­se­frem­der in einer Zeit abge­trie­ben hat, in der der Staat und Volk alles dar­an setz­ten, dem Gebur­ten­rück­gang Ein­halt zu gebie­ten, ein beson­ders hohes Maaß an Gewis­sen­lo­sig­keit an den Tag gelegt“. HHStAW 518 13770 (27).

[32] Wie­nert, Sobi­bor, S. 80–97.

[33] https://​www​.myhe​ri​ta​ge​.de/research​/collection-11018​/israel-immigration-lists​?itemId=386563-&action=showRecord&recordTitle=%D7%9E%D7%A9%D7%94+%D7%91%D7%95%D7%A8%D7%92%D7%A8&perm_id=T_8903me165p5j0af5_ea57y9jf51y5d685 (Zugriff: 05.11.2026).

[34] HHStAW 518 37952 (34–36).

[35] Ebd. (41).

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942