
Eigene Aufnahme

Eine der Familien, die zuletzt in dem Judenhaus in der Ludwigstr. 3 wohnten, war Zerline Löwenberg, genannt Cilla, mit ihren drei Kindern. Auch wenn sie nicht in diesem Viertel links der Platter Straße aufgewachsen war, so zählte sie dennoch zu dessen typischen Bewohnern.[1]

GDB
Allein die Tatsache, dass sie mit ihren Kindern keine typisch bürgerliche Familie bildete, sondern als Alleinerziehende die Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen ohne männlichen Partner großgezogen hatte, zeigt zum einen ihre Distanz zu den konventionellen gesellschaftlichen Normen, offenbart aber auch die Stärke und das Selbstbewusstsein dieser Frau. Zwar hatte sie auch jüdische Wurzeln, aber identitätsstiftend war sowohl für sie als auch für die gesamte Familie Löwenberg ihre Verwurzelung im proletarischen Milieu: Man war nicht religiös, sondern Kommunist! Aber – und so widersprüchlich sind Identitäten bis heute – ganz wollte man von der Kirche dann doch nicht lassen. Man ging zwar nicht mehr zum Gottesdienst, weder in die Synagoge noch in die Kirche, aber man trat auch nicht aus. Die Kinder ließ man unter Umständen sogar taufen. Auch die jüdisch geborenen Kinder von Zerline erhielten den Segen des evangelischen Pfarrers. Wie wenig bedeutend aber diese religiösen Bindungen waren, zeigt sich darin, dass auch katholische Partner, die in die Familie Löwenberg einheirateten, ohne jede Voreingenommenheit aufgenommen wurden. So war die große, man muss sagen: erweiterte Familie Löwenberg eine Mischpoke, in der über alle religiösen Grenzen und genauso über alle vom NS-Staat auferlegten Rassegrenzen hinweg sich alle aufgehoben fühlen konnten. Was die Menschen zusammenhielt, war ihre soziale Lage und das darauf basierende gemeinsame politische Bewusstsein.
Allerdings muss man einschränkend sagen, dass dies nur auf die Generation der um die Jahrtausendwende Geborenen zutraf. Die Generation der Vorväter und –mütter der Löwenbergs, die ursprünglich aus dem mittelhessischen Raum stammte, gehörte noch dem traditionellen Judentum an.[2] Der Urgroßvater von Zerline, ein Gottschalk Löwenberg, hatte vermutlich neben weiteren Kindern einen Sohn namens David, geboren am 8. August 1821 in Münzenberg. Verheiratet war er seit dem 9. April 1856 mit Malchen Katz, geboren 1828. Beide waren damals 28 Jahre alt. Die Ehe wurde nach nicht einmal zehn Jahren durch den Tod von Malchen im Jahr 1865 beendet. Sie starb bei der Geburt ihres vierten Kindes, eines Mädchens, das keinen Namen mehr erhalten hatte. Zuvor waren mit Gottschalk, Jettchen und Moses drei Kinder zur Welt gekommen, die zumindest die erste Lebensphase überstanden.
Aber auch sie mussten ein hartes Los ertragen, denn ihr Vater starb bereits am 20. Januar 1869. Moses, der jüngste und Vater von Zerline, war damals erst sechs Jahre alt und wie seine Geschwister schon Vollwaise. Immerhin gelang es ihm, den Beruf eines Gerbers zu erlernen. Mit 27 Jahren heiratete er am 1. September 1889 in Münzenberg die 29-jährige Susanna Schloß aus Schwanfeld in Bayern.[3] Aber Moses Löwenberg wurde bald von den nächsten Schicksalsschlägen getroffen. Am 20. Dezember 1890 wurde dem Paar ein Sohn namens Theodor geboren, der noch am selben Tag verstarb.[4] Am 18. April 1992 verstarb dann mit nur 32 Jahren, vermutlich während der folgenden Schwangerschaft, dann auch seine Frau.[5] Beide Sterbefälle trugen sich in Mainz zu, wohin das Paar aus Mittelhessen wohl in der Hoffnung, dort bessere wirtschaftliche Verhältnisse vorzufinden, inzwischen gezogen war.
Aus der Umgebung des Rhein-Main-Gebietes, nämlich aus dem Ort Springen bei dem heutigen Bad Schwalbach, stammte dann die zweite Frau von Moses Löwenberg.[6] Am 2. Oktober 1895 heiratete er in Frankfurt Amalie Landau, die Tochter von Isaak und Zerline Landau, geborene Marx, aus besagtem Springen.[7] Während der Bräutigam – inzwischen proletarisiert und als Lohnarbeiter in einer Fabrik tätig – in der Mainmetropole ansässig war, wohnte seine Frau – von Beruf „Kleidernäherin“ – damals noch bei ihren Eltern in Wiesbaden.[8] In Frankfurt kam 1898 dann ihr erstes Kind, der Sohn David Kurt, zur Welt. Auch er wurde keine zwei Jahre alt. Am 30. Juni 1900 verstarb das Kind in Wiesbaden, wohin das Paar inzwischen verzogen war.[9]
Erstmals sind sie im dortigen Adressbuch des Jahrgangs 1899/1900 verzeichnet. Die Anschrift Saalgasse, Mittelbau, Mansarde, zeugt von dem weiteren sozialen Abstieg, zumal als Berufsbezeichnung von Moses, der jetzt aber als Moritz erscheint, dort „Tagelöhner“ angegeben ist. Die naheliegende Vermutung, dass in der Namensänderung eine Distanzierung von seinen jüdischen Wurzeln zum Ausdruck kommt, ist wohl falsch. Rink schreibt über ihn, dass er ein gläubiger Jude gewesen sei, der auf sein Jüdischsein, „seine Jüdischkeit“, sehr stolz gewesen sei.[10] Und auch in den verschiedenen amtlichen Dokumenten, etwa Geburts- oder Sterbeanzeigen, verwendete er auch weiterhin den Vornamen Moses.
Die Saalgasse, seine erste Anschrift in Wiesbaden, liegt an der Schnittstelle zwischen dem Bergkirchenviertel, dem traditionellen Arbeiterbezirk der Stadt, und dem Kurgebiet um den Kochbrunnen. Im Bergkirchenviertel blieb er dann fast sein gesamtes Leben wohnen: Ab etwa 1901 im Hirschgraben 18, wo der Familie ebenfalls nur Mansardenräume zur Verfügung standen. Ab etwa 1903 bewohnten sie für eine relativ kurze Zeit den ersten Stock im Haus Adlerstr. 30. Schon im Jahr 1905 zogen sie wieder zurück in die Saalgasse, diesmal in das Hinterhaus der Nummer 12. Das Gebäude gehörte einem Schuhmacher, der dort seine Werkstatt eingerichtet hatte und auch selbst dort wohnte. Neben Moritz Löwenberg, der noch immer als Tagelöhner verzeichnet ist, wohnten nur noch zwei weitere Tagelöhnerfamilien und eine Monatsfrau in dem kleinen Haus. Schon ein Jahr später war er wieder umgezogen, diesmal in die Metzgergasse 33 II, eine der alten Straßen im sogenannten Historischen Fünfeck der Stadt.
1910 kennt das Adressbuch einen Händler namens Löwenberg im 2. Stock des Hinterhauses Hochstättenstr. 16. Zwar ist kein Vorname angegeben, aber unter dieser Anschrift teilte – jetzt – der Handelsmann Moritz Löwenberg im Jahr 1911 dem Standesamt den Tod seiner letzten Tochter Emma mit.[11]. 1912 war er dann wieder als Tagelöhner mit der Adresse Hirschgraben 9 gemeldet. 1914 bewohnten Löwenbergs erneut ein Hinterhaus in der Adlerstr. 3, aber schon im folgenden Jahr sind sie wieder als Händler in derselben Straße im Haus Nummer 13 registriert. Zwar ist die Anschrift im Adressbuch von 1916 die gleiche, aber seinen Lebensunterhalt verdient Moritz wieder als Tagelöhner.
Die Wohnbiografie der Familie Löwenberg in den Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ist hier so genau wiedergegeben, weil sie deutlich macht, mit welcher existenziellen Unsicherheit sie permanent konfrontiert war, beruflich und damit auch im Lebensalltag. Immer wieder scheint Moses versucht zu haben, die Unsicherheiten eines Tagelöhners durch den Aufbau eines kleinen Handelsgeschäfts zu überwinden, offensichtlich aber ohne Erfolg. Was sich jeweils unter dem Begriff des Tagelöhners konkret verbarg, kann man nicht mehr rekonstruieren, aber heute würde man von extrem prekären, von unsicheren, kurzzeitigen und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen sprechen. In der Geburtsurkunde seiner Tochter Zerline gibt er seinen Beruf allerdings auch einmal mit „Hausdiener“ an,[12] wobei aber nicht klar ist, ob es sich dabei um eine längere und feste Anstellung handelte. Zudem: Wer nahezu jährlich die Wohnung wechselte, der konnte keinen großen Besitz angehäuft haben. Das Wenige, was man besaß, konnte man wohl, in wenigen Kisten verpackt, bei einem Umzug einfach mit sich nehmen.
Vermutlich gab es noch einen weiteren Grund, weshalb man immer wieder nach neuen Unterkünften suchte. Im Laufe der Jahre war die Familie größer geworden. Aber auch hier spiegelt sich das typische Schicksal der depravierten Schichten wider. Nicht nur das erste Kind, David Moritz, war gleich wieder verstorben, auch drei weitere Kinder des Paares kamen über das Kleinkindalter nicht hinaus. Ludwig, geboren am 2. Februar 1906, verstarb am 15. Juli des gleichen Jahres.[13] Seine ihm folgende Schwester Erna, geboren am 23. Mai 1907, wurde nur drei Tage alt.[14] Und Emma, geboren am 5. November 1910, verstarb, bevor sie den ersten Geburtstag feiern konnte, am 29. Juli 1911.[15] Nur die Hälfte, zwei Jungen und zwei Mädchen, der insgesamt acht von Amalie Löwenberg geborenen Kinder überstand die schwere Kindheit und erreichte das Erwachsenenalter. Und nur ein einziges überlebte dann den Holocaust.
Lothar Nathan kam am 19. Juni 1899 zur Welt,[16] Zerline, die spätere Judenhausbewohnerin, am 23. August 1900.[17] Ihr folgte mit Martha am 16. Juli 1902 eine weitere Schwester[18] und mit Walter Gustav am 9. Oktober 1906 noch ein Bruder.[19]
Erzogen wurden die Kinder gemäß der orthodoxen Überzeugung des Vaters, erhielten ihre Bar Mizwa bzw. Bar Mizba, aber das damit verbundene Versprechen hätten sie alle nie gehalten, so Willy Rink. „Sie haben als junge Erwachsene die Synagoge nicht einmal mehr am Sabbat aufgesucht, die täglichen Gebete und die vielen Regeln, die ein gläubiger Jude im Alltag und an den Festtagen zu befolgen hat, vernachlässigt und vergessen. Sie wussten, dass sie jüdischer Herkunft waren, aber sie wollten eigentlich keine Juden sein.“[20]
Eine höhere Schule hat keines der Kinder besuchen können, obwohl sie unter anderen Verhältnissen vermutlich ohne weiteres dazu in der Lage gewesen wären. Zumindest haben sie, anders als viele sogenannte Intellektuelle, das Lügengebäude und die ideologischen Prämissen der Nazis durchschaut und sich mit anderen Genossinnen und Genossen vehement dagegen zur Wehr gesetzt. Gerade im Kreis der Geschwister und ihrer Familien wurde bei den vielen Zusammenkünften, die auch oft in der Hermannstr. 26, dem späteren Judenhaus, immer wieder die politische Lage erörtert.
Dort wohnten die Eltern von Willy Rink, die beide zwar selbst keine Juden waren, dessen Tante Lina Rink aber mit Walter Löwenberg verheiratet war. Willys Vater, Johann Joseph Schmitt, evangelisch und ebenfalls Arbeiter, war nicht sein leiblicher Vater, sondern sein Stiefvater. Den Namen seines leiblichen Vaters hat Willy Rink in seinem Buch nicht erwähnt, aber er hat beschrieben, wie seine Mutter Emma Schmitt-Rink früher als Kommunistin zusammen mit ihrer gleichgesinnten Schwester Lina auf den Demonstrationen der Partei durch Wiesbaden zog und sie damals zwei Genossen kennenlernten, die beide jüdische Wurzeln hatten. Emma blieb mit ihrem Freund über Jahre zusammen, bekam am 22. Januar 1926 ein Kind, Willy, aber trennte sich dann von ihm. Der Freund ihrer Schwester Lina war Walter Löwenberg. Am 4. Februar 1928 heirateten beide – zum Verdruss der jeweiligen Eltern aber weder nach jüdischem noch nach evangelischem Ritus, sondern nur standesamtlich, was – wie Rink süffisant bemerkt – vor dem Hintergrund ihrer kommunistischen Gesinnung eigentlich auch nicht ganz koscher gewesen sei.[21] Aber über diese Eheschließung kam die Verbindung zwischen der zumindest ursprünglich jüdischen Familie Löwenberg und der evangelischen Familie Rink zustande, wobei aber der religiöse Glaube im Unterschied zur politischen Überzeugung ohnehin für keinen der Beteiligten von Bedeutung war.
Am 15. Februar 1930 heiratete Emma Rink den arbeitslosen Radiotechniker Johann Joseph Schmitt, der am 18. Dezember 1906 in Mainz-Kastell geboren worden war.[22] Bald nach der Eheschließung kam in dieser Partnerschaft mit Günter ein weiterer Sohn und ein Bruder für Willy zur Welt. Auch in der Ehe von Walter und Lina Löwenberg war im Jahr 1929, am 11. November, ein Kind, die Tochter Hannelore, geboren worden. Allein diese beiden Familien bestanden somit nicht nur aus Mitgliedern mit unterschiedlichem religiösen Hintergrund, sondern, heutigen Patchwork-Familien entsprechend, gab es Halbgeschwister, Stiefkinder und – das war dann anders als heute – es gab darin nach den rassistischen Kategorien der Nazis auch Juden, Halbjuden und Arier. Ergänzt, oder besser: gekrönt wurde dieser unkonventionelle Verband dann noch durch die ledig gebliebene Zerline Löwenberg, die gegen alle bürgerlichen Moralvorstellungen noch drei, eigentlich sogar vier Kinder in den Familienverband einbrachte. Und als wäre das nicht schon genug, war das älteste, Kurt Josef, geboren am 27. Juli 1923, der Sohn eines schwarzen französischen Soldaten aus der Zeit der Besatzung: das uneheliche Kind einer kommunistischen Jüdin, gezeugt mit einem „Neger“, der obendrein noch die Staatsangehörigkeit des Erzfeindes besaß – Verwerflicheres konnte es in diesen Zeiten kaum geben. Und dennoch, in der Familie nahm keiner in irgendeiner Weise daran Anstoß. Willy Rink meinte sogar, Kurt sei der Lieblingsenkel seines Großvaters Moses Löwenberg gewesen.[23] Aber unter den anderen Kindern in der Straße hatte er einen schweren Stand, erinnerte sich sein Cousin: „Er (…) fiel schon als kleiner Junge durch seinen fremden Gesichtsschnitt und die dunkle Gesichtsfarbe auf, und darunter hatte er zu leiden, weil er von den anderen Kindern verspottet oder gemieden wurde.“[24]
Nach dieser Liaison mit dem französischen Besatzungssoldaten ging Zerline noch eine weitere Beziehung, aber keine Ehe, mit einem nichtjüdischen Partner ein, dessen Name aber nicht bekannt ist. Sie waren auch nicht zusammengezogen und Willy Rink konnte sich später kaum an den Mann erinnern, der auch nur als Gast in der Wohnung von Zerline auftrat. Er war vermutlich der Vater von drei weiteren Kindern Zerlines. Amalie Helga kam am 14. Oktober 1925 zur Welt, gefolgt von Anna am 13. Januar 1930. Anna war jedoch nicht lebensfähig. Sie verstarb noch am Tag ihrer Geburt. Zwei Jahre später wurde mit Karl Heinz David noch ein weiterer Sohn geboren. Die drei Geschwister, Kurt, Helga und Karl Heinz, besuchten zunächst gemeinsam eine städtische Schule. Ab 1938 waren dann auch sie gezwungen, zur jüdischen Schule in der Mainzer Straße zu gehen.
„Die vier, Zerline und ihre drei Kinder, waren eine Familie, die eng zusammengehalten hat. Leicht hätte jemand sie für Asoziale abstempeln können, aber sie haben ihr Leben bestritten, sind niemanden zur Last gefallen. Auch nicht der jüdischen Gemeinde, der sie angehörten. Und sie waren, die Mutter und jedes ihrer Kinder, sympathische Menschen mit einem trockenen und intelligenten Humor. Aber eben arme Juden.“[25]
In den Wiesbadener Adressbüchern ist Zerline mit den Kindern erstmals in der Ausgabe 1936/37 eingetragen, da schon mit der Adresse Ludwigstr. 3, wo sie aber laut Jüdischem Adressbuch von 1935 viel früher bereits eingezogen sein musste. Vermutlich hatte sie zuvor immer zusammen mit ihrem Vater gewohnt, der schon seit vielen Jahren Witwer war. Amalie Löwenberg war bereits am 24. Juni 1915 in Frankfurt im dortigen Musikantenweg 4 im Alter von nur 48 Jahren durch einen Hitzschlag ums Leben gekommen.[26]
Moses und vermutlich auch seine Tochter Zerline hatten Anfang der Dreißigerjahre noch immer in der Adlerstraße und somit im Bergkirchenviertel, allerdings inzwischen im Haus Nummer 28 gewohnt. In der ersten Hälfte der Dreißigerjahre muss Moses Löwenberg aber zumindest zeitweise alleine eine kleinere Wohnung in der Schachtstraße bezogen haben, erinnerte sich sein Enkel Willy. Die Jüdische Gemeinde hatte den alten Mann als Gärtnereigehilfen auf dem jüdischen Friedhof an der Platter Straße beschäftigt, um ihm finanziell zumindest ein wenig unter die Arme zu greifen.[27] Nachdem seine Tochter Zerline dann mit ihren Kindern in die Ludwigstr. 3 umzog, wird er mit ihr dorthin gegangen sein. Dort verstarb Moses am 10. Dezember 1936 im Alter von 74 Jahren.[28] Von dem schlimmen Schicksal, das auf seine Kinder und Enkel wartete, erfuhr er nichts mehr, auch blieb es ihm selbst erspart.
Der Erste aus der Familie, der zeitweise in der Ludwigstraße, sogar im späteren Judenhaus wohnte, war Zerlines Bruder, der Metzger Lothar Löwenberg. Im Adressbuch von 1931 ist er dort gelistet.
Lothar hatte am 3. Mai 1924 Lina Elise Herwig aus Wiesbaden geheiratet. Sie war die am 7. März 1902 geborene Tochter von Georg und Martha Herwig, geborene Hardt, und wohnte damals als Hausfrau in der Dotzheimer Str. 4.[29] Noch im selben Jahr kam am 27. September ihre Tochter Luise zur Welt.[30] Die Ehe hielt nicht lange. Schon am 24. Januar 1928 wurde sie wieder geschieden und Lina Elise ging im folgenden Jahr, am 19. März 1929, eine neue Ehe mit dem britischen Bürger Frederic Jesse Wilsher ein und zog später mit ihrer Tochter nach England.[31]
Offenbar war diese Trennung der Anlass dafür, dass Lothar damals in die Ludwigstraße zog, wo er allerdings auch nicht lange blieb. Schon im nächsten Jahr war er im Hinterhaus der Schwalbacher Str. 23 gemeldet.
Noch vor der Trennung von seiner Frau war Lothar Löwenberg seit Ende 1925 ein Jahr lang arbeitslos gewesen, hatte dann aber wohl im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eine zweimonatige Beschäftigung bei der städtischen Wohlfahrt erhalten. Die folgenden Anstellungen, zunächst im städtischen Schlachthof – er war gelernter Metzger – und anschließend im Straßenbauamt, behielt er ebenfalls nur zwei bzw. drei Monate. Nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit wurde er dann von Mai bis November 1928 noch einmal im Straßenbau eingesetzt. Wo er danach tätig war, konnte sein Bruder Walter im späteren Entschädigungsverfahren nicht mehr angeben.
Neben der privaten Krise hatte Lothar in den Krisenjahren der Republik das gleiche Schicksal zu ertragen wie viele andere Lohnabhängige in Wiesbaden und Deutschland insgesamt auch. Aber bei ihm verfing die Propaganda der Nazis nicht, die die Schuldigen für die Krise bei den Juden oder dem demokratischen System, der „Judenrepublik“, suchten. Lothar war und blieb wie auch seine Geschwister Kommunist. Bei Demonstrationen und Veranstaltungen bekannten sie sich offen zu ihrer politischen Überzeugung, auch dann noch, als das zunehmend gefährlich wurde, da die politischen Gegensätze gegen Ende der Republik zunehmend gewaltsam ausgetragen wurden.
Vermutlich war aber Lothars Bruder Walter, der erste aus der Familie, der gleich zu Beginn der NS-Zeit in die Fänge der NS-Justiz geriet. Schon zu Beginn des Jahres 1933, vermutlich bald nach dem 30. Januar, hatte es bei ihm eine Hausdurchsuchung gegeben, bei der SA-Leute ihm sein Radio unbrauchbar gemacht hatten.[32] In der Phase unmittelbar nach dem Reichstagsbrand beschaffte sich der Staatsapparat mit der Reichstagsbrandverordnung, durch die die Grundrechte weitgehend außer Kraft gesetzt wurden, alle Mittel, um gegen die Opposition im Land vorzugehen. Nur unzureichend war die Linke, im Besonderen die Kommunistische Partei und ihre Organisationen, auf diese Schläge vorbereitet. Man hatte zunächst noch geglaubt, in einem mehr oder weniger offenen Kampf die Arbeiterschaft gegen die faschistische Machtübernahme aktivieren zu können. Die Arbeit im Untergrund, den Aufbau von geheimen Widerstandsgruppen und Organisationsstrukturen für die Illegalität hatte man sträflich vernachlässigt, wobei nicht zu vergessen ist, dass selbst innerhalb der Linken es keine gemeinsame Strategie oder auch nur eine sinnvolle Kooperation gab. Kommunisten, Trotzkisten, Sozialisten und Sozialdemokraten sahen sich mehr als Gegner denn als potentielle Verbündete.
Auch in Wiesbaden glaubte man, mit der Verteilung von Flugschriften und dergleichen mehr, eine Abwehrfront aufbauen zu können. Vor dem 1. Mai 1933 gab es Aktionen des „Kampfbundes gegen den Faschismus“, einer von der KPD initiierten Organisation, in der neben Mitgliedern der bereits illegalen KPD auch andere Antifaschisten aktiv werden sollten bzw. konnten. An dieser Aktion um den früheren KPD-Zellenleiter Kandler, an der insgesamt laut späterer Anklageschrift 11 Personen, Frauen wie Männer, beteiligt waren, ging es um die Verteilung der Zeitschrift „Das Tribunal“, das Organ des Kampfbundes. Aufgerufen werden sollte zu einer Machtdemonstration am 1. Mai, aus heutiger Sicht ein völlig illusionärer Aufruf:
„Am 1. Mai demonstrieren die Millionenmassen des Proletariats unter dem Gesang der Internationalen für die Vernichtung des Faschismus und Kapitalismus, für die Verteidigung der Sowjetunion, des ersten Staates der Arbeiter und Bauern. Der 1. Mai ist der Kampftag gegen die blutige faschistische Diktatur und für die Freilassung der proletarischen politischen Gefangenen!“[33]
Auch die hölzernen Parolen wie „Massensolidarität im Kampf gegen das faschistische Terrorregime!“, „Für die Befreiung Ernst Thälmanns und der 30 000 Eingekerkerten antifaschistischen Freiheitskämpfer!“ oder „Nieder mit den Sondergerichten und ihren Schreckensurteilen!“ konnten die „proletarischen Massen“ nicht gegen die sich etablierende Diktatur auf die Straße locken. Im Gegenteil: Der 1. Mai 1933 wurde mit der Zerschlagung der Gewerkschaften zu einem Tag der bittersten Niederlagen der Arbeiterbewegung in dieser frühen Phase der nationalsozialistischen Machteroberung.
Die Aktion wurde aufgedeckt oder verraten und die Beteiligten, darunter auch Walter Löwenberg, wurden am 6. Juli 1933 in Untersuchungshaft genommen. Auch er hatte wohl ein Paket von etwa 30 Exemplaren der Flugschrift an andere Genossen weitergegeben und vielleicht auch selbst welche verteilt, was er allerdings im späteren Verfahren bestritt. Ob er sie tatsächlich verbrannt hatte, wie er verständlicherweise vorgab, wird man wohl zu Recht bezweifeln dürfen. Die Beteiligten wurden in einem Verfahren vor dem Sondergericht in Frankfurt wegen des Vergehens gegen § 3 der Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung (…) und gegen Verrat am deutschen Volk und hochverräterischer Umtriebe“ angeklagt. Vorsätzlich habe man „unwahre und gröblich entstellte Behauptungen tatsächlicher Art verbreitet, die geeignet sind , das Wohl des Reichs oder eines Landes oder das Ansehen der Reichsregierung oder einer Landesregierung oder der hinter der Regierung stehenden Verbände zu schädigen“.[34]
Am 7. August 1933 wurden mehrere Mitglieder der Gruppe verurteilt, wobei Strafen von zwei Jahren bis zu drei Monaten Gefängnis verhängt wurden. „Bei Löwenberg“, so heißt es in der Urteilsbegründung, „der ebenfalls aktiv war, und die Kenntnis der Strafbarkeit des Flugblattes am hartnäckigsten bestritten hat, erschien eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und 3 Monaten am Platze.“[35]
Im Urteil wurde dann die Anklage, es habe sich um eine Verteilerzentrale für verbotene Flugschriften gehandelt, verworfen, und man sah in den Angeklagten nur „ausführende Organe“ eines „Hauptes“, dem die Justiz selbst nicht habhaft geworden war. Außerdem hielt man den Angeklagten „zu Gute“, dass sie alle „eine mangelhafte Erziehung genossen hätten, dass sie seit längerer Zeit arbeitslos“ und „sie nicht zu den Führern der KDP, sondern mehr zu deren Handlangern zu rechnen (seien).“[36]
Die Angeklagten waren schon nach ihrer Verhaftung vom 17. Juni 1933 bis zur Urteilsverkündung als Untersuchungshäftlinge im Wiesbadener Polizeigefängnis inhaftiert worden. Anschließend verbrachte man Walter Löwenberg und andere Mitangeklagte in die Haftanstalt Freiendiez bei Diez an der Lahn zur Verbüßung der ihnen auferlegten Strafe. Über die Haftbedingungen hat Walter Löwenberg später selbst keine Aussagen gemacht. Am 16. September 1934 wurde er entlassen, aber seine politische Einstellung war ungebrochen.[37] Gleichwohl war man zum einen inzwischen noch vorsichtiger geworden und das Konzept der sogenannten 5er-Gruppen wurde durch das von 3er-Gruppen abgelöst. Auch vermied man jetzt offene Konfrontationen mit den Nazis. Zum anderen setzte man auch in der KPD mehr auf Kooperation mit den anderen Arbeiterorganisationen und Parteien und versuchte – allerdings letztlich mit wenig Erfolg –, so etwas wie eine Volksfront aufzubauen.[38]
In diese frühe Zeit fiel auch die Verhaftung von Lothar, einem weiteren Mitglied der Familie Löwenberg. Wann und in welchem Zusammenhang das erstmals geschah, ist nicht mehr mit Sicherheit zu sagen. Zu unterschiedlich waren diesbezüglich die Aussagen im Entschädigungsverfahren. Sein Bruder Walter gab an, er sei bereits 1933 in das ostfriesische Moorlager Esterwegen verbracht worden,[39] der damalige Mithäftling Karl Lachner bezeugte hingegen, sie seien beide im Mai 1933 zunächst im Polizeigefängnis in Wiesbaden, dann in Freiendietz eingesessen und von dort aus nach Esterwegen gekommen. Er selbst sei am 19. Januar 1934 wieder freigekommen und könne zum weiteren Schicksal von Lothar Löwenberg nichts sagen.[40] Hans Quarch, ebenfalls ehemaliger KPD- und Leidensgenosse, wiederum bezeugte in einer eidesstattlichen Erklärung, sie seien beide mit weiteren Antifaschisten am 28. August 1935 von der Gestapo in Wiesbaden verhaftet und nach Esterwegen gebracht worden. Von dort sei Lothar dann zum Aufbau des KZs Sachsenhausen bei Oranienburg abkommandiert worden. Bald danach sei er dann mit einem Judentransport nach Dachau deportiert worden.[41] Auch die Unterlagen in Arolsen konnten keine Klärung bringen. Hier war einzig nachweisbar, dass er am 13. Juli 1937 als Häftling mit der Nummer 11484 in Dachau eingeliefert worden war, allerdings gab es die beiden undatierten Vermerke, dass der Häftling zuvor bereits zweimal in einem „KL“ festgehalten worden sei, einmal als „Sch“, als „Schutzhäftling“, dann als „J“, als Jude.[42]
Dass Lothar Löwenberg zu diesem Zeitpunkt nach Dachau verlegt wurde, war kein Zufall, sondern Teil eines umfassenden Plans. Die Juden, die bisher als Schutzhäftlinge, also eigentlich politische Gefangene, inhaftiert worden waren, sollten ab dem Frühjahr 1937 explizit als Juden, somit aus rassistischen Gründen, einer gesonderten Behandlung zugeführt werden. Für diesen Zweck hatte man Dachau auserkoren. Am 4. Februar 1937 rollte der erste Judentransport vom KZ Lichtenberg im heutigen Sachsen-Anhalt in das bayerische Lager. Ein zweiter folgte am 11. Februar aus dem KZ Sachsenburg bei Mittweida in Sachsen und zwei Tage später folgte der Transport aus dem KZ Oranienburg, wohin man Lothar inzwischen verbracht hatte.
Schon bei ihrer Ankunft in Dachau wurde den Gefangenen klargemacht, dass „in Dachau ein anderer Wind wehen“ würde als in den bisherigen Lagern. Prügel gab es schon zur Begrüßung und manchen wurde gleich ein Strick angeboten, damit sie sich erhängen könnten. Und manche wählten dann auch schon in den ersten Tagen diesen Weg, immer mehr folgten ihnen. H.-G. Richardi hat den Terror dieser Tage auf Basis der Deutschlandberichte der SPD zusammengefasst und dabei auch das Schicksal von Lothar Löwenberg im Besonderen erwähnt:
„Auch in der folgenden Zeit stand der Judenblock weiter unter dem besonderen Druck der SS. Mit dem wachsenden Terror häuften sich die Selbstmorde in den Reihen der jüdischen Häftlinge. Männer, die an den Misshandlungen und an den Schikanen der Bewacher zerbrachen, machten ihrem Leben ein Ende. Andere fielen den Schüssen der SS-Posten angeblich bei einem Fluchtversuch zum Opfer. Der Lichtenburger Informant vermerkte auch diese Fälle in seinem Bericht, den die Sozialdemokraten veröffentlichten. »Im März«, verriet er, »wurden zwei Gefangene auf der Flucht erschossen. Unter den Männern, die den Freitod einem Leben in Angst und Schrecken vorzogen, befand sich auch der Transportarbeiter Lothar Löwenberg aus Wiesbaden. Nach Aussage des Lichtenburgers wurde der 37 Jahre alte Jude bei der Arbeit furchtbar geschlagen«. Er versank danach in den Zustand tiefer Depression, der ihm jeden Lebenswillen nahm. Die Folge war, dass er am 3. März 1937 in der Nacht Selbstmord beging.[43]
Über weitere ähnliche Fälle wird von dem Autor berichtet. Nur aus Spaß am Morden wurden Häftlinge in den Tod gelockt, etwa indem die Wachtposten sie an den Zaun riefen, um sie dann, sobald sie den Rasen, eine Art Sicherheitszone, betraten, zu erschießen.[44]
Der in Brittlbach ausgestellte Totenschein verschwieg selbstverständlich, welchen Hintergrund Lothars Tod in Dachau hatte.[45] Willy Rink hat die Erinnerung an seinen Onkel Lothar, den Widerstandskämpfer, bewahrt:
„Eine Urne mit seiner Asche, wenn es denn die seine war, und ein lapidares Begleitschreiben informierte die Angehörigen über seinen Tod. Ich will nicht viel von ihm erzählen, weil er, seit Hitlers Machtübernahme und bis zu seinem Tod im Jahre 1937 in Haft, unser Haus in der Hermannstraße, von dem dieses Buch handelt, nie betreten hat. Soviel nur: Er war für mich, der ich ihn schon als Winzling kannte, ein eindrucksvoller Mann, groß, schlank, stark, mit kühnem Gesicht, dunkler Stimme und knappen Gebärden, auf dessen Schultern ich mir wie ein Ritter vorkam, der gegen den Teufel reitet. Auf die Schultern hat er mich bei den kommunistischen Versammlungen genommen, damit ich besser sehen konnte, was da vonstatten ging. Von dort oben habe ich die Schalmeien-Kapellen nicht nur gehört, sondern auch gesehen, die damals zu jedem kommunistischen Aufmarsch gehörten. Sie haben die Internationale angestimmt, mit der damals alle kommunistischen Veranstaltungen beendet wurden. Eine mitreißende Hymne, fand und finde ich, vor allem, weil Lothar Löwenberg, der Held meiner Kinderjahre, sie stimmvoll mitgesungen hat.“[46]
Eine weniger enge Beziehung hatte Willy Rink zur Familie seiner Tante Martha. Sie hatte am 6. Dezember 1930 Konrad Leonhardt geheiratet, ein Seemann, wie es in der Heiratsurkunde heißt, der am 10. Dezember 1898 in Lampertheim im Kreis Bensheim geboren worden war.[47] Beide wohnten damals schon zusammen in der Adolfstr. 28 und sie hatten damals auch schon ein gemeinsames Kind, das allerdings gesetzlich als unehelich galt. Ursula Amalie war am 27. November 1929 in Wiesbaden zur Welt gekommen und erhielt zwar nach der Heirat den Namen des Vaters, blieb aber rechtlich ein uneheliches Kind.
Nach Ursula sollten noch zehn weitere Kinder folgen. Wäre Martha, obwohl evangelisch getauft, keine Jüdin und keine Kommunistin gewesen, hätten die Nazis ihr das Mutterkreuz mindestens in Gold umhängen müssen, so aber galt sie als Asoziale, als Volksschädling, der dem Staat nur unnötige Kosten verursachte.
Es waren ganz sicher die Lebensbedingungen der Grund dafür, dass fünf der Kinder schon im Kindesalter verstarben. Schon 1933 musste die Familie ihre Wohnung – inzwischen in der Schwalbacher Straße – nach Aussage von Cornelius Leonhardt, dem Bruder von Konrad, auf Anordnung der NSDAP verlassen und in die als Notunterkünfte gedachten Baracken im Biebricher Rheinfeld umziehen, wo damals auch Sinti-Familien, verächtlich als „Zigeuner“ bezeichnet, untergebracht waren. Wie die Juden wollte man auch sie als Asoziale von der übrigen Bürgerschaft separieren. Einem dieser Sinti, Robert Ebender, Jahrgang 1927, verdanken wir die Erinnerung an die jüdische Familie Leonhardt, die damals im Rheinfeld seine Nachbarn waren:
„1933, als der Hitler drankam, da kam mein Vater und sagte, jetzt ist es Schluß mit dem Wandergewerbe. Und so kam es auch. Mein Vater wußte genau, wer die Nazis waren, er wußte das schon vor 1933. (…)
In die Baracken nach Biebrich haben sie uns später eingewiesen. In Biebrich waren vier Baracken, im Viereck um einen Hof herum gebaut. Biebrich war aber kein Lager, das war nicht eingezäunt. Es gab mehrere solche Barackensiedlungen in Wiesbaden, zum Beispiel Vorderberg, das war eine solche Siedlung zwischen Wiesbaden und Biebrich. (…)
In unserer Siedlung waren zwei große jüdische Familien, eine davon war eine Familie mit zehn Kindern, der Mann war aber kein Jude. Nach den Politischen sind dann in Wiesbaden zuerst die Juden weggekommen. Als die Gestapo die Juden bei uns 1938 abholte, da sagte die Gestapo zu dem Mann, er solle abhauen, weil der eben kein Jude war. Der Mann sagte aber, er würde mit seiner Familie gehen. Da hat ihn die Gestapo bei uns auf dem Hof schon zusammengeschlagen. Der Mann hat seine Familie nicht im Stich gelassen, der ist mit seiner Familie gegangen. Lenhardt (sic!) hieß die Familie.
Einige dachten immer noch, daß wir vielleicht verschont werden würden. Aber meine Eltern haben gewußt, daß auch die Sinti in Gefahr waren.“[48]
In der Baracke 4 der Siedlung hauste die Familie Leonhardt in den folgenden Jahren unter übelsten Bedingungen. Wenn dort am 12. September 1941 ihr letztes Kind, die Tochter Erika, im Alter von einem halben Jahr verstarb, so ist das ganz sicher auch auf die dortigen Wohnverhältnisse zurückzuführen, auch wenn die Angaben zu ihrem Tod nicht eindeutig sind. In einer Eintragung, die nach dem Krieg von den amerikanischen Besatzungsbehörden erstellt wurde, heißt es, sie sei an Bronchitis verstorben. Im Sterbeeintrag ist dagegen, etwas kryptisch formuliert, die Todesursache mit „Ernährungsstörung“ angegeben. [49]
Neben der erstgeborenen Ursula haben überlebt: Esther Ingeborg Irene, geboren am 5. September 1932;[50] Stephan Kurt, geboren am 5. September 1933;[51] Zerline Eleonore Eva, geboren am 30. Dezember 1936;[52] Vilma Mirjam, geboren am 4. Februar 1938 [53] und Cornelius Helmuth, geboren am 4. März 1940.[54]
Die Chance, ihren Vater kennenzulernen, hatten die Kinder, zumindest die jüngeren, aufgrund seiner langen Haftzeit faktisch nicht. Im Entschädigungsverfahren konnten sie nicht einmal sicher Auskunft darüber geben, welchen Beruf er hatte. Nach seiner Eheschließung wird er auch kaum mehr als Seemann unterwegs gewesen sein. In den diversen Unterlagen des NS-Staates wird sein Beruf im Allgemeinen mit „Heizer“ angegeben.[55]
Aber anders als seine Schwager war er nicht schon gleich zu Beginn inhaftiert worden, sondern, obwohl ebenfalls Kommunist, was auch sein Bruder bestätigte, blieb er offenbar in den ersten Jahren verschont. Die älteste Tochter Ursula bezeugte im Entschädigungsverfahren: „Mein Vater wurde für kurze Zeit im Jahr 1939 vom Hause von den Nazis weggeholt, kam noch einmal zurück, aber wurde bald darauf wieder geholt, u[nd]. Zw[ar]. für immer. Ich selbst kam dann im Jahr 1940, mit 11 Jahren, nach Frankfurt/M. Sandweg 6 in eine Mädchenschule, während meine jüngeren Geschwister alle noch zu Hause blieben. Bald danach wurde auch meine Mutter abgeholt, die jüngeren Geschwister, also die 5 anderen Kinder meiner Mutter, blieben 12 Tage ganz allein zu Hause.“[56]
Ob die Kinder tatsächlich diese ganze Zeit allein in Biebrich in der Baracke unversorgt blieben, darf man angesichts der engen Bindungen der Familienmitglieder und der solidarischen Fürsorge der ehemaligen Genossen untereinander infrage stellen. Vielleicht ereignete sich gerade in dieser Zeit die Episode, von der ein anderer Zeitzeuge, damals selbst noch ein Kind, nach dem Krieg berichtete:
„Eines schönen Tages packte meine Mutter den alten Kinderwagen. Der Freundeskreis um Heini Roos hatte intern seine Mitglieder aufgefordert, den bedrängten Juden zu helfen. Es kamen Lebensmittel, Kinderkleider, Seife, Spielsachen und sonstige Utensilien des täglichen Lebens hinein. Alles wurde mit einer Wolldecke sorgsam abgedeckt, um den Inhalt vor neugierigen Augen zu schützen. Dann tippelten wir die Platter Straße hinunter, am Alten Friedhof vorbei, bis zur Maria Hilf Kirche.
Von da über verschiedene Umwege von unten in die Hochstraße hinein. In einer Toreinfahrt wartete meine Mutter eine ganze Weile. Dann ging es beherzt über die Straße in einen Hauseingang hinein. Wir waren in einer der letzten funktionierenden Judenschulen Wiesbadens. Als wir dann zögerlich eintraten, wurden wir von Lehrern und Schülern freundlich begrüßt. Zuerst fiel mir das unglaubliche Chaos auf. Kinder und Erwachsene liefen durcheinander, redeten durcheinander. Die Lautstärke war gewaltig. In einigen Ecken gab es Unterricht, der dauernd durch laufende Kinder oder Erwachsene gestört wurde. Dann wurden wir von freudestrahlenden Gesichtern umringt. Bis heute kann ich die Dankbarkeit und das Glück in der Judenschule nicht vergessen. Da kamen ganz normale Deutsche und hatten für ein paar Stunden Hoffnung gebracht. Für uns ging auch alles gut.“ [57]
Abgesehen davon, dass auch hier das sprichwörtliche Bild einer chaotischen Judenschule reproduziert wird, könnte sich das Geschehen in der Zeit der Inhaftierung von Martha und Konrad Leonhardt so zugetragen haben. Zwar ist die Ludwigstr. 3 nicht explizit erwähnt, aber nicht ausgeschlossen ist, dass es über den Hinterhof von der benachbarten Hochstraße einen Zugang dorthin gab und man, um nicht in Verbindung mit dem Judenhaus gebracht zu werden, diesen indirekten Weg wählte. Es könnte ebenfalls sein, dass damals außer den Kindern von Zerline auch weitere Kinder aus der Nachbarschaft oder eben aus der Verwandtschaft, die Kinder von Martha, im Haus und Hof der Ludwigstr. 3 zusammenkamen, gemeinsam spielten und vielleicht auch lernten.
Nach Angaben von Ursula Leonhardt nahm sich dann die jüdische Gemeinde in Person von Fr. Claire Guthmann der Kinder an, d.h. sie brachte sie nach Frankfurt, wo sie in verschiedenen Kinderheimen untergebracht wurden. Auf der Gestapokarteikarte ihrer Mutter ist allerdings nur vermerkt, dass „Ursula u. Ingeborg Leonhardt am 27. 11. 40 nach Frankfurt, Sandweg 7, Jüdisches Kinderheim, zur Abmeldung (kamen).“ Wohin die anderen gebracht wurden, ist aber dort nicht vermerkt.
Anders als in der Erinnerung seiner Tochter war Konrad laut einem Eintrag in seinem Häftlingspersonalbogen aus Buchenwald erstmals am 29. August 1941 verhaftet worden und am 16. November 1942 war er in „Schutzhaft“ genommen worden – Grund: „Berufsverbrecher“.[58] Dass dies mit der Wahrheit nur wenig zu tun hatte, ergibt sich schon daraus, dass in dem nach dem Krieg angeforderten polizeilichen Führungszeugnis keinerlei Strafen vermerkt sind.[59]
Es wurde 1962 dann davon abweichend doch eine Karteikarte der Gestapo gefunden, in der er diverser Straftaten bezichtigt wurde – was ihm aber eher zur Ehre gereicht. Es heißt in dem Schreiben des ITS:
„Für LEOEHARDT, Konrad, geb. am 10. Dezember 1898 in Lampertheim, Staatsangehörigkeit: deutsch, Beruf: Heizer und Maschinist, Wohnung: Wiesbaden-Biebrich, Rheinfeld 3, befindet sich jetzt l Karteikarte der Gestapo Frankfurt/ Main in unserem Besitz mit folgendem Vermerk:
‚Datum der Auftragung 2.4.1931
L. ist Mitglied der Antifa.
Geschäftszeichen A.St.Wiesbaden I A.
26.1.32 L. hat in Darmstadt von einem Feldhüter einen Walzenrevolver mit Patronen gekauft. Bei der Durchsuchung durch die Kripo Darmstadt wurde nichts vorgefunden.
26.9.40 L. wurde für das Arbeitsamt Wiesbaden überprüft. Er soll als Bauhilfsarbeiter bei der Firma „Deutsche Bau A.G. in Wilhelmshaven“ Verwendung finden. Er ist 23 mal vorbestraft. L. ist ungeeignet aus Gründen der Staatssicherheit. Geschäftszeichen II F – Fra-
22 8.41 L. wurde wegen Arbeitsversäumnis staatspolizeilich gewarnt. Geschäftszeichen II E 726/4l‘„[60]
Ganz offensichtlich war Konrad Leonhardt ein widerständiger Mensch, der mit dem NS-Staat permanent in Konflikt geraten und – so muss man aus dem Waffenkauf schließen – auch bereit zum militanten Widerstand war, wie er in der Zeit, als er sich die Waffe besorgte, noch propagiert wurde. Leider gibt es keine Hinweise darauf, für welche „Vergehen“ er vorbestraft wurde und in welcher Form er sanktioniert wurde.
Im Sommer 1940 scheint er aber noch in Freiheit gewesen zu sein. Verhaftet wurde er zweieinhalb Monate nach der Geburt seines letzten Kindes. Zwei Wochen vor dem Tod von Erika nahm man ihn fest, sodass er bei ihrem Begräbnis nicht mehr zugegen sein konnte.
Unklar ist aber, wo er nach der Inhaftierung am 29. August 1941 untergebracht wurde. Sein Bruder gab an, er habe, als die Familie gezwungen wurde, in die Barackensiedlung umzuziehen, seinem Bruder – ob nur ihm oder der ganzen Familie, ist nicht klar – nach Lampertheim zu kommen. Stattdessen sei ihm dann von der Polizei mitgeteilt worden, dieser solle auf Anweisung eines Berliner Gerichts in Schutzhaft genommen werden. Den nächsten Brief von Konrad habe er dann Anfang 1941 aus dem KZ Natzweiler erhalten.[61] Die Anordnung, ihn in „Schutzhaft“ zu nehmen, erging laut den Unterlagen des IST aber erst am 16. November 1942,[62] was natürlich nicht ausschließt, dass er schon zuvor in dem bereits bestehenden Arbeits- und Erziehungslager festgehalten wurde. Aber selbst wenn er erst im November 1942 dort seine Schutzhaft angetreten hätte, wirft auch diese Angabe Fragen auf. Ein Formular, in dem der Gefangene unterzeichnen musste, dass aus seinem Arbeitseinsatz keine sozialversicherungsrelevanten Ansprüche entstehen würden, ist datiert mit dem 1. März 1943. Das Formular, so heißt es ausdrücklich, sei „jedem reichsdeutschen Häftling bei seinem Zugang vorzulegen“. Wenn sich an die Bestimmung gehalten wurde, dann wäre sein Zugang in Natzweiler, wo ihm die Häftlingsnummer 2143 zugeteilt wurde, erst im März 1943 erfolgt.[63] Das ist aber angesichts der Angabe seines Bruders sehr unwahrscheinlich. Wann immer er dort eingeliefert wurde, für Konrad Leonhardt begann an diesem Tag seine persönliche Endzeit.
Dieses Konzentrationslager im Elsass war erst 1941 errichtet worden. Im Mai waren die ersten beiden Transporte mit jeweils etwa 150 Gefangenen aus dem KZ Sachsenhausen dort eingetroffen.[64] Sie mussten zunächst das Lager mit den Baracken aufbauen, Wälder roden, Straßen anlegen und den nahen Steinbruch freilegen. Die dort vorhandenen Granitvorkommen waren der Grund für die Ausweitung des bereits zuvor errichteten Sicherungslagers, das bisher der Umerziehung der widerständigen heimischen Bevölkerung gedient hatte. In dem neuen Lager wurden Menschen aus ganz Europa, weniger aus rassistischen, denn aus politischen Gründen, festgehalten und unter grausamsten Bedingungen zur Arbeit in dem Steinbruch gezwungen.
Wenn man den Ort, der eigentlich in einem traditionellen Urlaubs- und Wintersportgebiet liegt, heute besucht, so macht die Landschaft einen geradezu idyllischen Eindruck. Aber ähnlich wie auf dem Ettersberg bei Weimar, auf dem das KZ Buchenwald lag, waren es auch hier auf Mont Louise in 750 m Höhe die eisigen Winde, die den dürftig ernährten und schlecht gekleideten Gefangenen gerade im Winter bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt das Leben zur Hölle machten. Morgens mussten sie bei diesen Temperaturen das bei den SS-Männern geliebte Ritual über sich ergehen lassen, sich nackt mit kaltem Wasser zu waschen. Immer wieder wurden lang andauernde Apelle durchgeführt, bei denen die Gefangenen ebenfalls gezwungen wurden, sich nackt auszuziehen und in der Kälte auszuharren[65] – ganz sicher hatten diese Strafaktionen auch eine Komponente sexualisierter Gewalt. Und wenn man sich dann die Kleiderkarte von Konrad Leonhardt ansieht, eine Hose, ein Hemd, eine Jacke, eine Unterhose und Socken,[66] dann kann man zumindest erahnen, wie sehr auch er im übrigen Tagesablauf gelitten haben muss – den Tod immer vor Augen. Das war schon durch die Anlage des Lagers so konzipiert, wie Steegemann erläutert:
„Das KL Natzweiler ist räumlich eng begrenzt. Ein doppelter Stacheldraht-Verhau, dessen innerer Zaun unter Strom steht (30 Volt), trennt es von der Außenwelt. Die abschüssige Lage (20 % Gefälle) zwingt die Häftlinge dazu, Terrassen einzurichten. Auf ihnen werden links und rechts von einer zentralen Achse, die durch Treppen begrenzt wird, 17 Blöcke errichtet. Natzweiler besitzt als einziges KZ einen solchen Grundriss. Wenn ein Häftling das Eingangstor im oberen Lagerteil durchschreitet, entdeckt er eine räumliche Anordnung, die langsam, aber unweigerlich auf den Tod zuführt. Dieser begegnet ihm auf der untersten Terrasse, wo 1943 das Krematorium gebaut wurde.“[67]
Zuletzt war in dem eigentlich für etwa 3 000 Menschen konzipierten Lager etwa die doppelte Zahl untergebracht. 35 000 bis 40 000 Gefangene wurden gar nicht im Hauptlager, sondern in den zugehörigen Außenlagern registriert. Aber auch das Leben Natzweiler selbst war gekennzeichnet durch ein unaufhörliches Kommen und Gehen von Frauen und Männern aus ganz Europa. Immer wieder kamen Gefangene aus anderen Lagern oder wurden in solche abgeschoben.
Auch das Leben von Konrad Leonardt endete nicht im Krematorium auf der untersten Terrasse des Lagers in den Vogesen., Er wurde, so ist es auf seiner Gefangenenkarte vermerkt, von Natzweiler kommend, am 16. September 1943 in Buchenwald registriert.[68] Verbunden war damit aber keineswegs eine Verbesserung seiner Lage, zumal nicht sicher ist, ob er überhaupt in das Stammlager oder ob er direkt in das damals noch nicht eigenständige Außenlager Mittelbau-Dora bei Nordhausen kam. Seit Ende August war dieses Arbeitslager der Waffen-SS eingerichtet worden, um dort in unterirdischen Stollen den Bau der sogenannten „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 voranzutreiben. Aber ob Konrad noch in dieser Produktion eingesetzt wurde, ist eher fraglich, da diese erst Anfang 1944 begann. Zuvor hatten die Gefangenen die Stollen selbst vorantreiben müssen. Konrad Leonhardt wurde ein Opfer der absolut unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in Mittelbau-Dora. Im Januar 1944 kam er dort ums Leben. Im Gedenkbuch ist der Tod des Häftlings mit der Nummer 17583 mit dem Datum 18. Januar 1944 eingetragen.[69] Die Angabe beruht vermutlich auf der Liste der „Veränderungsmeldungen“, die am 22. Januar 1944 in Buchenwald erstellt worden war. Der „Bestand“ an Gefangenen betrug am Abend des Vortags 38 681 Mann. Unter den Abgängen ist Konrad mit dem genannten Datum dort gelistet.[70] Angeblich war er dort an einer Lungenentzündung verstorben, was vielleicht sogar rein medizinisch der Wahrheit entsprach.[71]Auf einer Karteikarte des KZs ist dieses Datum allerdings durchgestrichen und mit „+ 19.1.44“ ersetzt worden.[72] Die SS selbst hielt im weiteren Verfahren am Sterbedatum 18. Januar fest.[73]
Für den Kommunisten und Nichtjuden war auf der Gedenkstätte am Michelsberg kein Platz, von einem namentlichen Gedenken bleibt der Antifaschist leider ausgeschlossen. Immerhin wird dort an seine Frau Martha erinnert, die eben nicht nur Kommunistin, sondern auch Jüdin war.
Wann sie aus der Haft entlassen worden war, ließ sich nicht mehr ermitteln, aber vermutlich verbrachte sie die Zeit bis zu ihrer Deportation alleine in der Barackensiedlung in Biebrich. Auch gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie noch Kontakt zu ihren Kindern hatte.
Am 6. Juli 1940 fragte die Devisenstelle bei der Wiesbadener Polizei an, welchen Familienstand Martha Leonhardt habe. Sollte sie verheiratet sein, dann wolle man den Aufenthaltsort ihres Ehemanns wissen. Zur letzten Frage konnte auch die Polizei keine Auskunft geben, aber immerhin informierte sie die Devisenstelle über die Ehe und erwähnte zudem, dass die Getaufte am 12. Juni 1935 aus der evangelischen Kirche ausgetreten und jetzt religionslos sei.[74] Vermutlich über eine andere Quelle wurde die Devisenstelle dann doch noch über den Aufenthaltsort von Konrad Leonhardt informiert, denn auf dem Aktendeckel ist mit rotem Stift vermerkt: „Der arische Ehemann ist im Gefängnis.“[75]
Nachdem man in der Devisenstelle ihre Anschrift erhalten hatte, wurde das übliche Formular an sie geschickt, in dem sie Auskunft über ihre finanziellen Verhältnisse machen sollte. Da Martha darauf nicht reagierte, erging eine weitere Aufforderung Mitte September 1940, diesmal mit Hinweis auf die möglicherweise fällige Strafe. Aber offenbar gab es weiterhin keine Reaktion von ihr, sodass im November 1940 eine „letztmalige“ Aufforderung erging. Sollte sie der Aufforderung erneut nicht nachkommen, werde man Strafmaßnahmen einleiten. Ob es eine Form des Widerstands oder aber Unorganisiertheit war, ist nicht mehr zu beurteilen. Am 7. 12 bat sie „höfflich“ ihr einen neuen „Fragebogen“ zuzuschicken, da sie krank gewesen sei und das Formular verloren gegangen sei. Der Bitte kam die Behörde nach, aber erst am 9. Mai 1942 erhielt sie den „Fragebogen“ zurück, aus dem hervorgeht, dass sie von der „Wohlfahrt“ lebte und alle zwei Wochen knapp 30 RM erhielt.[76] Eine Sicherungsanordnung wurde angesichts dieser desolaten finanziellen Situation nicht erlassen.
Weitere Schreiben sind in der Akte nicht erhalten.
Obwohl eigentlich Partnerin in einer Mischehe, zudem Mutter einer großen Zahl von Kindern, hätte sie eigentlich vor einer Deportation geschützt sein müssen. Dem war aber nicht so. Am 1. Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie am 23. Januar ermordet wurde.[77]
Nicht mehr rekonstruierbar ist der weitere Lebensweg der sechs Kinder von Martha und Konrad Leonhardt, nachdem diese von Frau Guthmann in Kinderheimen untergebracht worden waren. Immerhin ist bekannt, dass alle die Zeit des Nationalsozialismus überlebten. Ob ihnen das zumindest einige Zeit zusammen in einem Heim ermöglicht wurde, ist ungewiss. Aber nach dem Krieg scheinen sie alle im Jahr 1946 über Frankreich nach Palästina ausgewandert zu sein,[78] wo sie in einem Internat zunächst die fehlende Schulbildung nachholen konnten und anschließend auf ein Leben als Kibbuzim vorbereitet wurden. Zur Zeit des Entschädigungsverfahrens waren sie alle als Hausfrauen oder in der Landwirtschaft beschäftigt. Die älteste Tochter Ursula, die das Verfahren auch im Namen ihrer Geschwister führte, galt darin immer noch als Stieftochter ihres leiblichen Vaters. Sie war inzwischen eine verheiratete Weiss, ihre Schwester Inge eine verheiratete Waknin und Wilma eine verheiratete Akiba.[79] Zerline hatte am 17. Juni 1958 den fünf Jahre älteren Chajm Rosenbaum geheiratet.[80]
Über Marthas Schwester Zerlinde, die in dieser schweren Zeit alleine ihre drei Kinder aufzog, liegen fast keine schriftlichen Quellen vor. Nur die Erinnerungen von Willy Rink holen sie aus der Anonymität der Akten hervor und machen sie als Mensch wahrnehmbar:
„Zerline Löwenberg, damals um vierzig, muss als junges Mädchen schön gewesen sein. Das konnte man noch erkennen. Glänzende schwarze Haare, große dunkle Augen, einen schmalen Nasenrücken und schöne Zähne, die nun freilich vom Tabakteer verfärbt waren, so habe ich sie in Erinnerung. Sie rauchte nämlich, darin ihren Brüdern Walter und Lothar gleich, eine Zigarette nach der anderen. Das verursachte schnell wiederkehrende Hustenanfälle, die mich Abstand suchen ließen, wenn ich sie mit meiner Mutter und anderen Löwensbergs besuchte. Sie hatte keinen Beruf erlernt und verdiente ihr Geld als Arbeiterin in örtlichen Fabriken und Handelsbetrieben.“[81]
Über ihre Arbeitsverhältnisse konnte im Entschädigungsverfahren auch ihr Bruder Walter keine präzisen Angaben machen, aber sie scheint auch in Gaststätten und Beherbergungsbetrieben tätig gewesen zu sein. Zumindest erinnerte er sich daran, dass sie 1933 in der jüdischen Pension Schwarz am Schillerplatz beschäftigt war.[82] Aber es werden vermutlich alles eher – wie man heute sagen würde – prekäre Arbeitsverhältnisse gewesen sein und kaum ausgereicht haben, um die vierköpfige Familie zu ernähren.
Als die NSDAP begann, die finanziellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung zu kontrollieren, entsprechende Akten anlegte und sie aufforderte, in einem vorgegebenen Formular Angaben über ihr Vermögen zu machen, reagierte auch Zerline Löwenberg darauf zunächst nicht. Das Schreiben, datiert mit dem 4. Dezember 1940, war an die Adresse Rheinfeld 16 in Biebrich geschickt worden, wo sie laut Eintrag auf ihrer Gestapokarteikarte seit dem 7. März 1940 wohnte. Unklar ist, wieso sie, nachdem sie Mitte der Dreißigerjahre in die Ludwigstraße gezogen war, in die dortige Barackensiedlung gewechselt war. Möglicherweise war sie vom Wohnungsamt oder NSDAPlern dort eingewiesen worden, vielleicht war sie auch freiwillig in die Nähe zu ihrer Schwester Martha gezogen, um diese zu unterstützen? Eine Antwort wird man wohl nicht mehr finden können. Vermutlich war sie mit ihren Kindern die zweite jüdische Familie, die Robert Ebener erwähnt hatte, als er von der Verhaftung von Konrad Leonhardt berichtete.
Da Zerline bisher noch immer keine Vermögenserklärung bei der Devisenstelle abgegeben hatte, wurde sie im Mai 1941 unter Strafandrohung aufgefordert, das innerhalb von drei Tagen nachzuholen.[83] Der Eingangsstempel des Formulars bei der Devisenstelle trägt das Datum vom 5. Juni 1941 und wurde wohl noch in Biebrich ausgefüllt. Auf der Rückseite des Formulars schrieb Zerline Löwenberg: „Meine Wohnung befindet sich jetzt Wiesbaden Ludwigstr. 3.“[84]
Etwas länger als ein Jahr hatte sie in der Barackensiedlung verbracht, um dann – laut Gestapokarteikarte – am 5. Mai 1941 wieder zurück in die Ludwigstr. 3 zu kommen – vermutlich in ihre alte Wohnung.
Im Hinblick auf ihre finanzielle Situation teilte sie der Behörde mit, über keinerlei Vermögen zu verfügen, weder in Form von Konten, noch in Form von Besitztümern oder Ansprüchen. „Ich arbeite in der Fabrik“, „ohne Abzug“ für „24.18“, „mit Abzug 21.19“ in der Woche vermutlich. Miete hatte sie 16 RM im Monat zu entrichten und das Geld für den monatlichen Lebensunterhalt für sie und ihre damals noch drei Kinder gab sie mit „unbestimmt“ an.[85]
Angesichts dieser finanziellen Lage sah die Devisenstelle keine Gefahr, dass diese Familie Geld ins Ausland verschaffen würde, und verzichtete auf die Einrichtung eines gesicherten Kontos. Wenn ihr dann in ihrer Lage sogar ein Betrag von 250 RM, über den sie hätte frei verfügen können, bewilligt wurde, dann grenzt das schon an Zynismus.[86] In den folgenden Monaten bis zur Deportation ließ die Devisenstelle sie dann in Ruhe.
Auf ihrer Gestapokarteikarte ist vermerkt, dass ihre Tochter Helga in Biebrich nicht gemeldet war. Zudem ist ihr Name, aber auch der ihres Halbbruders Kurt, auf der Karteikarte durchgestrichen. Auf der Liste der Bezirksstelle, die nach der Deportation vom 10. Juni 1942 erstellt wurde, und der zu entnehmen ist, dass die Wohnung im zweiten Stock des Hinterhauses nur aus einem einzigen Zimmer mit Küche bestand,[87] fehlt dann der Name von Helga ganz und der von Kurt ist auch hier durchgestrichen. Die kleinen Bleistiftstriche lassen nicht erahnen, welche besonderen Schicksale für die beiden Kinder Cillas damit verbunden waren.
Auf der genannten Liste ist bezüglich Kurt noch in Klammern angefügt „in Haft“ und auf der Gestapokarteikarte seiner Mutter ist hinter seinem Namen notiert: „12.7.40 Konzentrationslager“ Kurt war damals kurz vor seinem 17. Geburtstag verhaftet worden, nicht weil er sich politisch betätigt hätte – zumindest ist derartiges nicht bekannt–, sondern weil er als Mensch „minderwertig“, von „artfremder Rasse“ war. Der Runderlass, den Himmler im März 1939 zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ erlassen hatte, war offenbar auch auf Kurt angewendet worden, der zwar keinen entsprechenden ethnischen Hintergrund hatte, aber als „Bastard mit nordafrikanischem und jüdischem Blut“ in der absurden Wertehierarchie keineswegs höher eingeordnet wurde. [88]
Ähnlich wie sein Onkel Konrad kam er in ein Lager, das in der Nähe eines Granitsteinbruchs errichtet worden war. Im KZ Groß-Rosen, das etwa 50 km westlich von Breslau lag, betrieb die SS die eigene „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“. Da das Lager aber erst im August 1940 als Nebenlager des KZs Sachsenhausen errichtet worden war, der erste Transport mit etwa 100 Häftlingen kam am 2. August 1940 von dort,[89] muss Kurt zuvor anderswo untergebracht worden sein – möglicherweise ebenfalls in Sachsenhausen. Allerdings waren bereits im Juni und Juli Arbeiter eingetroffen, die das Lager notdürftig herrichten mussten. Da dieser Vortrupp aber ausschließlich aus Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestand, explizit nicht aus politischen Häftlingen oder rassisch Verfolgten, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sich Kurt unter ihnen befand.[90]
Wegen der grauenhaften Zustände im Lager gelang es nicht, die Produktion auf das Niveau zu heben, das das RSHA erwartete. Bis 1943 arbeitete der „Betrieb“ mit wirtschaftlichen Verlusten – von den menschlichen ganz u schweigen. Oft war nur die Hälfte der Gefangenen überhaupt arbeitsfähig. Ständig mussten die „zum Teil minderwertigen Häftlinge gegen leistungsfähigeres Menschenmaterial“ ausgetauscht werden, wie der KZ-Inspekteur Glücks konstatierte.[91] Vor den tatsächlichen Gründen für die geringe Produktivität verschloss der Inspekteur selbstverständlich die Augen: „Die totale Erschöpfung durch Unterernährung und Schwerstarbeit fast ohne Erholungspausen, die Erfrierungen, die fehlende Hygiene in den katastrophalen Unterkünften bei Wassermangel (…), die Ungezieferplage, die völlig unzureichende ärztliche Versorgung und die brutalen Übergriffe der Aufseher führten zu der hohen Todesrate.“[92]
Wie in kaum einem anderen KZ wurde hier das Konzept ‚Vernichtung durch Arbeit‘ realisiert. Es sei neben Mauthausen damals das „schlimmste Mordlager“ gewesen, bekundeten Zeitzeugen.[93]
Die genauen Umstände von Kurts Tod sind nicht bekannt, aber es ist naheliegend – und auch Willy Rink vermutete das –, dass er im Winter 1941 Opfer der harten Arbeit in den Steinbrüchen wurde. Vorstellbar ist aber auch ein „Arbeitsunfall“ oder ein willkürlicher Mord. Mit einer Giftspritze sollen in Groß-Rosen all diejenigen umgebracht worden sein, die nicht mehr die geforderte Leistung erbrachten.
Wegen einer Fleckfieberepidemie konnten seit dem Sommer 1941 die vielen Toten nicht mehr auf den Friedhof von Liegnitz gebracht werden, deshalb wurden von diesem Zeitpunkt an, die Leichen in einem fahrbaren Verbrennungsofen, einem „Feldkrematorium“, verbrannt.[94]
Eine Urne mit Asche – ob es tatsächlich die von Kurt war, sei dahingestellt – wurde auch nach Wiesbaden an die Adresse von Kurts Mutter geschickt. Am 28. Dezember 1941 wurde diese auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße beigesetzt.[95] Fälschlicherweise ist dieser Tag der Beerdigung in den gängigen Opferlisten auch als sein Todestag angegeben.[96]
In gewissem Sinn war das Schicksal seiner Schwester Helga noch tragischer. Ihre Mutter hatte Walter Löwenberg noch vor ihrem Tod über eine Angelegenheit informiert, die eigentlich geheim bleiben sollte. Obwohl nie gänzlich aufgeklärt, blieb sie nicht im Verborgenen, denn auch Willy Rink wurde später eingeweiht und konnte zumindest vage davon berichten.[97]
Als Fünfzehn-, höchsten Sechszehnjährige, war Helga – wie früher ihre Mutter, angeblich ein schönes Mädchen – eine Beziehung mit einem Mann eingegangen. Es handelte sich dabei allerdings nicht nur um eine, auch nach den damaligen rechtlichen Bestimmungen ungesetzliche Verbindung zwischen einem Erwachsenen und einer Minderjährigen, sondern das Besondere an dieser Beziehung war, dass der Mann ein Mitglied der SS war, sogar eine führende Stellung innegehabt haben soll. Helgas Mutter wusste von dieser Verbindung und hatte sie in der Hoffnung geduldet, dass der SS-Mann ihre Tochter und vielleicht auch die ganze Familie beschützen würde. Aber die Verbindung flog auf und Helga wurde verhaftet und mehrere Wochen im Gestapoquartier in der Paulinenstraße festgehalten und verhört. Wer der SS-Mann war, ob auch ihm etwas geschah, ist bis heute nicht bekannt. Helga wurde später wieder entlassen, allerdings mit der Auflage, über die Affäre völliges Stillschweigen zu wahren. Weder die Beziehung zu dem SS-Mann, noch ihr Schweigen haben ihr etwas genutzt. Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Karl Heinz musste sie am 10. Juni 1942 den Zug nach Lublin und damit in den Tod besteigen. Man muss davon ausgehen, dass alle drei von Lublin aus weiter in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurden, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft im Gas ermordet wurden.
Der einzige der Geschwister, der die NS-Zeit lebend überstand, war Walter Löwenberg, trotz seiner nie aufgegebenen politischen Haltung. Aber immer schwebte das Damoklesschwert der Deportation über ihm und seiner halbjüdischen Tochter Ilse.
Weniger gefährdet war eigentlich Ilse, die als evangelisch getaufte Christin nicht unter die Kategorie der „Geltungsjuden“ fiel, womit Halbjuden bezeichnet wurden, die in der jüdischen Tradition erzogen worden waren. Ilse war sogar gegen den Willen der Eltern dem BDM beigetreten. Eines der Mädchen hatte aber der BDM-Führerin verraten, dass Ilses Vater Jude und zudem Kommunist sei, was zur Folge hatte, dass sie in einer öffentlichen Inszenierung aus dem BDM herausgeworfen wurde. Um weiteren Racheakten zu entkommen, meldeten die Eltern sie am 8. April 1944 in Wiesbaden ab und schickten sie als Haushaltshilfe nach Wallau, einem Ort zwischen Wiesbaden und Frankfurt. Dort blieb sie die letzten Monate der NS- Zeit bis zum Ende des Krieges unentdeckt und unbehelligt.
Der wesentlich stärker gefährdete Vater war nach seiner ersten Haftzeit immer wieder zu Zwangsarbeiten herangezogen worden, zumal er in seinem Beruf als Schneider keine Arbeit mehr fand. In den Jahren 1937/38 hatte er zumindest zeitweise Arbeit, bei der er einen Wochenlohn von etwas mehr als 40 RM erhielt. Danach, in den Jahren 1939 bis zu seiner Verhaftung, waren es dann nur noch 20 RM bis 23 RM in der Woche.[98] Aber vermutlich konnte er mit diesem Verdienst nicht durchgängig rechnen. Die Firmen, für die er tätig war, waren die Straßenbaufirmen Tröster in Wiesbaden und die diesbezüglich berüchtigte Firma Scheid aus Limburg, der Bauunternehmer Voll, der in einem Schreiben im Entschädigungsverfahren Walters damaligen Stundenlohn mit 68 Pfg. bestätigte. Die Wiesbadener Wäscherei Grosch, in der er die längste Zeit, nämlich von 1940 bis zu seiner erneuten Verhaftung, arbeitete, zahlte „immerhin“ 80 Pfg.[99] Aber auch bei der SS-Standarte, im Keller in der Walkmühlstraße, musste er für „Judenlohn“ – 37 Pfg. – Schwerstarbeit leisten.[100]
Im Juli 1940 – Löwenbergs wohnten damals am Römerberg 24 – wurden auch sie von der Devisenstelle zur Abgabe einer Vermögenserklärung aufgefordert. Man muss vermuten, dass sie wie die anderen Geschwister sich zunächst weigerten, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Es waren die kleinen Formen des Widerstands, die wenigstens ein wenig Sand in das Getriebe bringen sollten. Vier Wochen später bat er darum, ihm das Formular erneut zuzusenden, da seine Tochter das erste angeblich verlegt hatte. „Ich werde es sofort ausstellen und zusenden. Betrug oder Kapitalverschweigen kommt ja bei mir nicht in frage, Da ich ja Mittellos bin“, schrieb er mit einem leicht ironischen, sarkastischen Unterton zurück.[101] Das Formular, das tatsächlich am 19. August bei der Behörde einging, enthielt wie angekündigt keine Angaben über irgendwelche Vermögenswerte. Auf der Rückseite gab er allerdings an, zurzeit wöchentlich in einer Wiesbadener Polsterei 32,38 RM zu verdienen. Seine Frau habe ein Einkommen von monatlich 15 RM, vermutlich als Haushalts- oder Putzhilfe. Seine monatlichen Ausgaben bezifferte er auf rund 40 RM.[102]
Die Devisenstelle verzichtete erwartungsgemäß auf die Anlage eines Sicherungskontos. Am 4. September 1942, wenige Tage, nachdem die meisten noch in Wiesbaden verbliebenen Juden nach Theresienstadt deportiert worden waren, fragte die Behörde noch einmal bei Löwenbergs an, ob sich an ihren bisherigen Verhältnissen etwas geändert habe. Das war nicht der Fall, wie Walter Löwenberg zwei Tage später antwortete.[103]
Das geschah erst ein halbes Jahr später, denn im Frühjahr 1943 wurde auch er noch von der Gestapo abgeholt. Er war vermutlich von einem seiner Skatbrüder denunziert worden, nachdem er in deren Kreis nach der Niederlage der deutschen Armee vor Stalingrad das baldige Ende der Hitler-Zeit vorausgesagt hatte.
Am 23. März 1943 wurde er zunächst von der Wiesbadener Polizei festgenommen und im Arrestbau der Polizeikaserne in der Schiersteiner Straße festgehalten, dann, am 7. April, von dort in das Konzentrationslager Dachau überführt, wo er mit der Häftlingsnummer 48942 registriert wurde.[104] Auf seine Häftlingskleidung musste er einen Stern anheften, der aus einem gelben Dreieck für Jude und einem roten Dreieck für Kommunist bestand. Dank seines früheren Berufs wurde er dort in der Kleiderkammer eingesetzt, wo er die Uniformen seiner Peiniger zu reparieren hatte. Aber das muss man angesichts der Alternativen als Glück ansehen, zumal er, wie er nach der Befreiung erzählte, in einem der dortigen SS-Führer einen Beschützer fand, der so weitsichtig war , dass er inzwischen erkannt hatte, welches Ende das 1000-jährige Reich bald nehmen würde. Um für diese Zeit vorzusorgen, gewährte er Walter Löwenberg in einem unausgesprochenen Deal für ein gutes Leumundszeugnis, einen sogenannten Persilschein, den notwendigen Schutz im Lager.[105]
Am 8. Mai 1945 wurde er dann befreit, aber damit begann ein entwürdigender Kampf um angemessene Entschädigungszahlungen.[106] Um das kleinste Möbel- oder Kleidungsstück musste er betteln und zig Anträge ausfüllen. Auch wenn es ihm und seinen unmittelbaren Angehörigen gelungen war, die Zeit zu überstehen, so waren doch drei seiner Geschwister, zum Teil mit ihren Partnern und Kindern, ausgelöscht worden. Und auch er litt zeitlebens nicht psychisch an den Folgen der langen Haftzeit, sondern war auch körperlich gezeichnet.
Immerhin wurde Walter Löwenberg in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Beisitzer in den Spruchkammerverfahren eingesetzt, aber ob er da tatsächlich entscheidend zur Aufarbeitung der Verbrechen und des alltäglichen Unrechts, begangen an Juden, Kommunisten und anderen Verfolgten, beitragen konnte, ist eher unwahrscheinlich, wie man inzwischen weiß. Später erhielt er eine Anstellung bei einer Krankenkasse und verdiente wenigstens so viel Geld, dass er für sich und seine Familie eine Perspektive in dem neuen Deutschland sah. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob sich die Hoffnungen erfüllten, die er angesichts seiner politischen Einstellung damit verband – vermutlich eher nicht.
Walter Löwenberg verstarb am 2. November 1972 in Wiesbaden, seine Frau Lina war bereits am 4. Juni 1969 verstorben.[107]
Veröffentlicht: 07. 05 2026
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Anmerkungen:
[1] Vorab sei darauf hingewiesen, dass der Autor viele Informationen über die Familie Löwenberg dem Buch „Das Judenhaus“ von Willy Rink, selbst Angehöriger der Familie, zu verdanken hat. Es geht in diesem Buch zwar primär um das Judenhaus in der Hermannstr. 26, in der auch ein Teil der Familie wohnte, aber auch die anderen Mitglieder sind hier aus der unmittelbaren Wahrnehmung eines nahen Zeitzeugen umfassend gewürdigt. Die Lektüre der 2008 erschienen Erinnerungen ist daher unbedingt zu empfehlen, will man mehr über die Familie erfahren.
[2] Siehe zu den folgenden Angaben Müller, Juden in Münzenberg, S. 29 f., Einträge 58 und 60.
[3] Ihre Eltern waren der Schneider Moses Schloß und seine Frau Marina, geborene Bernoth. Heiratsregister Münzenberg 5 / 1889.
[4] Geburtsregister Mainz 2071 / 1890 und Sterberegister Mainz 910 / 1890.
[5] Sterberegister Mainz 615 / 1892.
[6] Möglicherweise gab es schon damals eine familiäre Verbindung zwischen den Löwenbergs aus Mittelhessen und dem damaligen Langenschwalbach, denn dort lebte bereits vor der Jahrhundertwende ein Mehlhändler Isaak Löwenberg in der Adolfstr. 45. Diese zweite Ehe von Moses Moritz Löwenberg ist in Müller, Juden von Münzenberg nicht mehr aufgeführt.
[7] Heiratsregister Frankfurt 1620 / 1895.
[8] Isaak Landau war 1857 in Springen geboren worden, er verstarb am 22.9.1913 in Wiesbaden. Die Großeltern der Braut väterlicherseits waren der Geflügelhändler Samuel Landau und seine Frau Röschen.
[9] Sterberegister Wiesbaden 849 / 1900. Nicht richtig ist daher die Angabe von Willy Rink, die Familie Löwenberg habe schon „seit Generationen in Wiesbaden (gelebt)“. Rink, Judenhaus, S. 57.
[10] Ebd. S. 60. Der Autor selbst habe von ihm bei vielen gemeinsamen Stunden und Gesprächen auf dem Jüdischen Friedhof in Wiesbaden sehr viel über das Judentum, die Traditionen und religiösen Vorstellungen erfahren.
[11] Sterberegister Wiesbaden 977 / 1911.
[12] Geburtsregister Wiesbaden 1472 / 1900.
[13] Sterberegister 930 / 1906.
[14] Sterberegister 986 / 1907.
[15] Sterberegister Wiesbaden 977 / 1911.
[16] Geburtsregister Wiesbaden 956 / 1899.
[17] Geburtsregister Wiesbaden 1472 / 1900.
[18] Geburtsregister Wiesbaden 1287 / 1902.
[19] Geburtsregister Wiesbaden 1970 / 1904.
[20] Rink, Judenhaus, S. 60.
[21] Heiratsregister Wiesbaden 60 / 1928, dazu Rink, Judenhaus, S. 16.
[22] Heiratsregister Wiesbaden-Bierstadt 2 / 1930.
[23] Rink, Judenhaus, S. 61.
[24], Ebd. S. 55.
[25] Ebd. S. 56.
[26] Sterberegister Frankfurt 1005 / Frankfurt. Die Meldung an das Standesamt erfolgte durch das Frankfurter Polizeipräsidium. Ihre Anschrift lautete aber Wiesbaden, Adlerstr. 13. Die Todesursache nannte später im Entschädigungsverfahren ihr Sohn Walter, siehe HHStAW 518 814 I (124).
[27] Rink, Judenhaus, S. 57.
[28] Sterberegister Wiesbaden 1825 / 1936. Den Sterbefall überbrachte sein Sohn Walter, damals noch Schneidergeselle.
[29] Heiratsregister Wiesbaden 285 / 1924, dazu Geburtsregister Wiesbaden 463 / 1902.
[30] Geburtsregister Wiesbaden 463 / 1902. Siehe zum Stammbaum der Familie Herwig https://www.ancestry.de/family-tree/tree/23009068?cfpid=1341320883&dtid=100. (Zugriff 10.02.2026).
[31] Heiratsregister Wiesbaden 166 / 1929.
Unklar ist, ob der Vater der am 6.9.1928 geborenen Constanze Ellen eine Tochter von Lothar Löwenberg oder des neuen Partners von Lina war.
[32] HHStAW 518 814 I (49).
[33] Ebd. (33).
[34] Ebd. (36).
[35] Ebd. (34).
[36] Ebd. (33). Damit war auch die Strategie der Verteidigung aufgegangen, den Angeklagten Walter Löwenberg selbst als Opfer kommunistischer Machenschaften darzustellen. In einem Brief an ihn im Anschluss an das Verfahren heißt es: „Ich hoffe, dass, wenn Sie die Strafe verbüsst haben, wir in Deutschland noch bessere wirtschaftliche Verhältnisse haben, so dass es ihnen möglich sein wird, Arbeit zu bekommen, denn dann werden die Gedanken, die Sie bisher vertreten haben, nicht mehr von Ihnen Besitz ergreifen können. Ich bin der Überzeugung, dass wir in der Zeit nach der Verbüssung Ihrer Strafhaft soweit in Deutschland sind, dass Sie also dann bessere Arbeit und Lebensbedingungen antreffen, und ich habe keinen Zweifel, dass Sie dann auch sich wieder zurechtfinden werden, nachdem sie selbst durch unverantwortliche Führer in diese Lage hineingekommen sind.“ Ebd. (29).
[37] Ebd. (41, 42, 48).
[38] Siehe dazu Bembenek; Schumacher, Nicht alle sind tot, S. 46-65.
[39] HHStAW 518 38027 (15).
[40] Ebd. (20).
[41] Ebd. (21).
[42] Ebd. (17). Eine Anfrage in der Gedenkstätte Esterwegen konnte leider ebenfalls keine Klarheit über den Aufenthalt von Lothar im dortigen Lager bringen, da keine Karteikarten oder andere schriftliche Unterlagen aus dem Lager überliefert wurden. In der Dissertation von Dirk Lüerßen mit dem Titel „Wir sind die Moorsoldaten“, die sich mit den frühen Konzentrationslagern im Emsland befasst, ist er immerhin erwähnt. Es heißt dort: Löwenberg, Lothar, geboren am 19. Juni 1899 in Wiesbaden. Als Kommunist war Löwenberg 1935 in Esterwegen inhaftiert. Anschließend kämpfte er vermutlich im Spanischen Bürgerkrieg. Löwenberg kam am 13. Februar 1937 in das KL Dachau, dort starb er am 1. März 1937.“ Lüerßen, Moorsoldaten, S. 353. Die vage Vermutung, dass Lothar im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte, muss als sehr unwahrscheinlich angesehen werden. Das wäre ganz sicher in der Familie bekannt gewesen und von Willy Rink aufgegriffen worden.
[43] Richardie, „von nun an alle Juden in Sonderhaft“, S. 224 f.
[44] Siehe auch Deutschland-Berichte der SPD, 1937, S. 1541-1544. Hier ist allerdings nur von „dem Juden Löwenberg“ die Rede, aber die Identifizierung über den genannten Todestag ist dennoch sehr sicher.
[45] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010602/0021/55774852/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[46] Rink, Judenhaus, S. 63.
[47] Heiratsregister Wiesbaden 954 / 1930. Sein Geburtseintrag ist in Lampertheim unter der Nummer 371 / 1898 zu finden.
[48] Engbring-Romang, Wiesbaden. Auschwitz, S. 66.
[49] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0691/1221121/002.jpg. (Zugriff 10.02.2026) und Sterberegister Wiesbaden 1590 / 1941. Anna, geboren 1930, verstarb im selben Jahr; Ruth Henriette, geboren am 5.9.1931, verstarb am 28.2.1932; Siegmund Nathan, geboren am 4.12.1934, verstarb am 15.12.1934; Eduard Tobias, geboren am 11.12.1935, verstarb am 14.4.1936 und Erika, geboren am 15.6.1941, verstarb am 12. 9.1941.
[50] Geburtsregister Wiesbaden 906 / 1932.
[51] Geburtsregister Wiesbaden 25 / 1933.
[52] Geburtsregister Wiesbaden 2165 / 1936
[53] HHStAW 518 31509 (65).
[54] Geburtsregister Wiesbaden-Biebrich 34 / 1940. Die überlieferten Geburtsangaben sind in den Dokumenten der Entschädigungsbehörde nicht richtig. So ist auf dem Deckblatt seiner Akte HHStAW 518 31510 als Geburtsdatum der 4.3.1938 angegeben, in einem Schreiben der Behörde an die URO, Seite (5), heißt es dann zunächst im Betreff sogar „geb. 1939“, im Text dann aber, dass er 1938 geboren sei!. Beides ist eindeutig falsch.
[55] HHStAW 518 31509 (74).
[56] Ebd.
[57] Auer, Erben der Nazis, S. 31.f.
[58] Ebd. (80), dazu https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010501/0018/119886218/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[59] Ebd. (52).
[60] Ebd. (150).
[61] Ebd. (88).
[62] Ebd. (80).
[63] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0111/52889357/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[64] Zum KZ Natzweiler siehe ausführlich Steegmann, Natzweiler-Struthof, und Der Ort des Terrors, Bd. 6, S. 23-47.
[65] Stegemann, Natzweiler – Struthof, S. 26 f.
[66] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0111/52889355/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026). Sie stammt zwar aus Buchenwald, aber seine Ausstattung in Natzweiler wird nicht besser gewesen sein.
[67] Stegemann, Natzweiler – Struthof. S. 13.
[68] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0111/52889354/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[69] https://totenbuch.dora.de/names/details/letter/l/lang/de/page/14/person/5316/ref/names. (Zugriff 10.02.2026).
[70] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010501/0018/119888579/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[71] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0111/52889353/001.jpg. zg
[72] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01012702/0040/101338429/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).Auf einer weiteren Karteikarte wurde mit dem Datum „22. Januar 1944 Verstorben“ gestempelt, wobei aber nicht klar ist, ob das Datum nur den Tag des Eintrags oder den Todestag festhalten sollte. Ergänzt ist die Notiz durch eine mit Bleistift ergänzte Angabe „15. 1“, was, sollte damit der Todestag gemeint sein, noch eine weitere Variante bedeuten würde.
[73] Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist seine Name eigenartigerweise gar nicht aufgeführt und auch in Yad Vashem ist sein Name nur dank einer Page of Testimony auffindbar.
[74] HHStAW 519/3 3740 (1).
[75] Ebd. (0).
[76] Ebd. (10).
[77] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de910781. (Zugriff 10.02.2026).
[78] Ursula war am 27.2.1946 mit dem Schiff ‚Kairo‘, ihre Schwestern Ingeborg, Vilma am 25.4.1946 mit der ‚Champollion‘ nach Palästina gekommen. (HHStAW 518 31509 (114, 116). Wann und auf welchem Weg die anderen Geschwister nach Palästina kamen, ist nicht belegt.
[79] HHStAW 518 31509 (108).
[80] Ebd. (121).
[81] Rink, Judenhaus, S. 55.
[82] HHStAW 518 30038 (12).
[83] HHStAW 519/3 8461 (1, 3).
[84] Ebd. (4).
[85] Ebd.
[86] Ebd. (5).
[87] Willy Rink erinnerte sich, dass bei Besuchen der Geschwister von Zerline kaum Platz in dem kleinen Zimmer gewesen sei und man immer, sommers wie winters die Fenster öffnen musste, weil seine Tante eine Zigarette nach der anderen rauchte. Rink, Judenhaus, S. 56.
[88] Siehe Bembenek / Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S. 313-319.
[89] Der Ort des Terrors, Groß-Rosen, S. 197.
[90] Ebd. S. 197 f.
[91] Ebd. S. 198.
[92] Ebd. S. 201.
[93] Ebd., S. 202.
[94] Ebd. S. 202. Ein festes Krematorium wurde dort erst Ende 1942 eingerichtet.
[95] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0691/1221127/002.jpg. (Zugriff 10.02.2026).
[96] Namensband der Gedenkstätte Michelsberg Wiesbaden, Stand 2025, Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de918918. (Zugriff 10.02.2026).
[97] Siehe Rink, Judenhaus, S. 65 f.
[98] HHStAW 518 814 I (52).
[99] Ebd. (53-56)
[100] Ebd.(65).
[101] HHStAW 519/3 5065 (1, 3). Orthographie wie im Original.
[102] Ebd. (5).
[103] Ebd. (7).
[104] HHStAW 518 814 I (43, 44, 47).
[105] Rink, Judenhaus, S. 64.
[106] Wie skandalös damals solche Entschädigungen berechnet wurden, zeigt der Bescheid vom 20.5.1952, in dem es um einen wirtschaftlichen Schaden ging: „Im Zeitpunkt seiner zweiten Inhaftierung am 23.3.1943 war der Antragsteller als Maschinenbügler bei der Firma Leonhard Grosch in Wiesbaden mit einem Bruttostundenlohn von 0,80 RM beschäftigt. Aus dieser beruflichen Tätigkeit ist der Antragsteller durch seine zweite Inhaftierung verdrängt worden. Er hat daher nach § 31 EG Anspruch auf eine Ausgleichsentschädigung von mindestens 2/3 des zuletzt verdienten Arbeitsentgeltes. Dieser Anspruch steht dem Antragsteller für insgesamt 25 ½ Monate zu.“ HHStAW 518 814 I (104). Statt des Zwangsarbeiterstundenlohns vo0,80 RM, sollte er nachträglich einen Lohn von knapp 1,40 RM erhalten!
[107] Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘.