Max Strauss


Das ehemalige Judenhaus Ludwigstr. 3 heute
Eigene Aufnahme
Lage des ehemaligen Judenhauses Ludwigstr. 3

 

 

 

 

 

 


Am 3. Dezember 1940 zog Max Strauss in das Judenhaus in der Ludwigstraße ein, ein alleinstehender Mann, der, angesichts des Zeitpunkts, mit größter Wahrscheinlichkeit dort eingewiesen worden war.

Stammbaum der Familie Worms – Strauss
GDB

Über den familiären Hintergrund von Max Strauss war nur wenig in Erfahrung zu bringen. Er war am 10. Februar 1905 in Griesheim bei Darmstadt geboren worden, lebte aber später in Pfungstadt.[1] Leider ist der Name seiner Eltern in keiner der vorliegenden Akten erwähnt.[2] Vermutlich lebten sie auch nicht lange in dieser hessischen Region. Bekannt ist nämlich eine Schwester von Max Strauss, die später in Wiesbaden lebte, aber am 23. November 1902 in Ober-Seemen im heutigen Landkreis Büdingen geboren worden war. Die Familie Strauß spielte in diesem Ort mit einer recht großen jüdischen Gemeinde eine recht bedeutende Rolle, sowohl in der Gemeinde selbst, als auch im Geschäftsleben. Vermutlich sind die familiären Wurzeln auch von Max hier zu suchen.
Seine Schwester Frieda war vermutlich der Grund dafür, dass auch er sich noch vor 1940 dort niederließ. Frieda war mit Berthold Goldschmidt aus Wiesbaden verheiratet und wohnte mit ihm zusammen in der Philippsbergstr. 25. Ihr Ehemann war der Eigentümer des Judenhauses Hermannstr. 17. 1942 gehörte das Ehepaar zu der großen Gruppe von Jüdinnen und Juden, die am 10. Juni nach Lublin deportiert und in Sobibor ermordet wurde.[3]

Dass auch Max Strauss 1940 nach Wiesbaden kam und dann zwei Jahre später von dort aus ebenfalls mit diesem Transport in den Tod gehen musste, hat leider einen sehr problematischen Hintergrund. Erst kurz zuvor war er aus dem Zuchthaus entlassen worden, in das er nach einem Strafprozess vor dem Landgericht Aschaffenburg am 22. Mai 1935 wegen mehrerer und fortgesetzter „Verbrechen gegen die Sittlichkeit“ zu einer vierjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden war.[4] Zudem waren ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre aberkannt worden.

Antisemitische Illustration aus dem Kinderbuch „Der Giftpilz“

Max Straus entsprach damit dem Klischee, das die Nazis von jüdischen Männern nur allzu gern verbreiteten und das in dem Kinderbuch „Der Giftpilz“, aber auch in vielen entsprechenden Artikeln des „Stürmer“ seine Verbreitung fand. Leider liegen die Prozessakten selbst nicht mehr, sodass man auch nicht überprüfen kann, was Nazi-Propaganda, was haltlose Anschuldigungen und was der Wahrheit des Geschehenen entsprach. Aber die Tatsache, dass sich damals seine jüdische Frau mit ihren zwei Kindern von ihm trennte, legt nahe, dass antisemitische Vorurteile und Verleumdungen nicht die alleinige Basis dieses Gerichtsurteils waren.

Heiratseintrag von Max Strauss und Erna Worms
HHStAW 518 55256 (134)

Die Ehe mit Erna Worms war am 16. September 1932 in Karlstadt geschlossen worden.[5] Seine Frau war am 11. Oktober 1903 in Laudenbach, heute ein Teil von Karlstadt, als Tochter von Emil und Clara Worms, geborene Gunzenhäuser, zur Welt gekommen. Sie war eines von insgesamt acht Kindern des Paares. In dem Ort, in dem seit dem 16. Jahrhundert jüdisches Leben nachweisbar ist,[6] war ihr Vater am 7. Juni 1886 geboren worden, ihre Mutter Clara, geboren am 13. Oktober 1866, stammte aus dem etwa 100 km entfernten, bei Bamberg gelegenen bayerischen Memmelsdorf.

Mit der Heirat trat Max Strauss, der eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung nachweisen konnte, am 15. Oktober 1932 als Teilhaber in das Gemischtwarengeschäft seines Schwiegervaters in Karlstadt ein, das dieser dort seit Juni 1906 angemeldet hatte.[7]

Gewerbeanmeldung des Geschäfts von Emil Worms und Max Strauss
HHStAW 518 55256 (65)

Neben der allgemeinen Angabe, Gemischtwaren anzubieten, war in der Gewerbeanmeldung zudem auch im Besonderen von Schuhen und Fellen die Rede.[8] Über den Umfang der Geschäftstätigkeit lagen im Entschädigungsverfahren aber keine Angaben mehr vor.

In der Ehe waren am 14. August 1933 zunächst ein Sohn namens Irwing, im folgenden Jahr dann eine Tochter geboren worden, die den Namen Beatrice erhielt.[9]

Die Kinder haben ihren Vater durch dessen Verschulden kaum kennenlernen können, denn schon am 27. März 1935, beide waren noch im Kleinkindalter, wurde er wegen seiner Vergehen verhaftet und die Mutter beantragte nicht nur die Scheidung, sondern brach auch alle Verbindungen zu Max Strauss ab. Durch ein Urteil des Landgerichts Aschaffenburg wurde er am 22. Mai 1935 zu einer vierjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, die er in Ebrach verbüßen musste. Am 19. August 1935 wurde dann die Ehe durch das Landgericht Würzburg geschieden.[10]
Im folgenden Jahr gelang Erna Strauss mit ihren beiden Kindern die Ausreise nach Amerika, wo sie am 28. März von Hamburg aus auf dem „SS Deutschland“ anlandete.[11] Ein Cousin, Isidor Frank, in New York hatte ihr vermutlich das notwendige Affidavit verschafft, zumindest hatte sie ihn, der in New York wohnte, als Kontaktperson bei der Überfahrt angegeben.[12]

Überfahrt von Erna Strauss mit den Kindern in die USA 1936
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5781-0048?queryId=3b66cb28-62a0-448a-849b-3a3b4bb1b32f&usePUB=true&_phsrc=SbT2594&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=30177246

Auch 1950 lebte sie mit den beiden Kindern, die noch zur Schule gingen, noch in New York, wo sie als Näherin tätig war.[13] Zur Finanzierung des Lebensunterhalts hatte man noch einen ebenfalls aus Deutschland stammenden Untermieter aufgenommen. Erst Mitte der 60er Jahre erhielt sie dann eine Entschädigung vom deutschen Staat und auch eine recht beachtliche Rentennachzahlung. Man kann nur hoffen, dass sie die letzten Jahre ihres, von Enttäuschungen und Verfolgung bestimmten Lebens dann doch noch ein wenig genießen konnte.
Die beiden Kinder konnten in den USA ihre Schulbildung mit einem High-School-Zeugnis abschließen, und Irving, der in den USA seinen Vornamen in Ironig ändern ließ, besuchte in New York sogar noch ein Ingenieurs-College.[14]
Beatrice heiratete 1953 Bernard Singer, der am 13. Juli 1928 in New York geboren worden war.[15] Ob in der Ehe Kinder geboren wurden, ist nicht bekannt. Ihr Bruder ging wenige Jahre später, am 13. Juli 1957, eine Ehe mit Andrienne Perlmann ein,[16] deren Eltern Louis und Helen ursprünglich aus Russland stammten.

Sterbeeintrag für Erna Strauss in New York
HHStAW 518 55256 (35)

Erna Strauss verstarb am 27. April 1980 in New York. Möglicherweise waren die beiden Kinder danach nach Florida verzogen, denn dort lebten sie zuletzt. Beatrice verstarb dort am 7. Oktober 2008 und Ironig soll am 14. Januar 2010 verstorben sein.[17]
Vermutlich waren sie erst von New York weggezogen, nachdem ihre Mutter dort am 31. März 1948 verstorben war.[18] Auch sie hatten noch Entschädigungen vom deutschen Staat erhalten, zum einen für ihren Schaden am beruflichen Fortkommen, zum anderen für den Verlust des Lebens ihres Vaters, der dem Holocaust zum Opfer fiel.

Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus, das genaue Datum ist nicht bekannt, wurde er zunächst vermutlich von seiner Schwester in der Philippsbergstr. 25 aufgenommen. Die lebte dort mit ihrem Mann Berthold und den beiden Kindern Charlotte und Paul in einer 4-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock.[19] Zumindest wohnte er bereits im Mai 1939 dort, als die Nazis eine Volkszählung veranstalteten und die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung in einer eigenen „Residentenliste“ erfasste.[20]

Max Straus informiert die Devisenstelle über seine Zwangsarbeit bei der Firma Scheid
HHStAW 519/3 8030 (3)

Und dort füllte er auch am 31. August 1940 seine Vermögenserklärung aus.[21] Vermögen besaß er keines, aber er gab an, im laufenden Jahr etwas mehr als 1.000 RM zu verdienen, und er schätzte seinen Verdienst für das folgende Jahr auf 1.200 bis 1.5000 RM.
Der geringe Lohn lässt zudem darauf schließen, dass er Zwangsarbeit leisten musste. Diese Vermutung wird durch eine weitere Angabe in seiner Erklärung bestätigt, aus der hervorgeht, dass er bei der berüchtigten Limburger Straßenbaufirma Scheid beschäftigt war, die massenweise Zwangsarbeiter einsetzte, u.a. war auch Berthold Goldschmidt, der Ehemann seiner Schwester Frieda, seit 1940 dort beschäftigt. Er gab in seiner Vermögenserklärung an, er habe neben seiner vierköpfigen Familie auch noch seinen Schwager, der mit im Haushalt leben würde, zu versorgen. Die Bitte von Max Strauss, ihm angesichts des geringen Einkommens die Anlage eines Sicherungskontos zu ersparen und die Entgegennahme des Lohns in bar zu erlauben, wurde gewährt.[22]
Weitere Dokumente sind in der Devisenakte über seine Zeit hier in Wiesbaden nicht vorhanden. Allein auf seiner Gestapokarteikarte ist vermerkt, dass er am 3. Dezember 1940 in das Judenhaus Ludwigstr. 3 umzog, bzw. vermutlich umziehen musste. Er bewohnte dort ein einzelnes Zimmer in einer Wohnung des Hinterhauses.[23]

Aus der Auflistung des freigewordenen Wohnraums nach der Deportation vom 10. Juni 1942 kann man entnehmen, dass er dieses Zimmer in der 2-Zimmer-Wohnung plus Küche von Selma Strauss mit ihren beiden Kindern Hermann und Inge hatte. Trotz der Namensgleichheit – für jeden der Beteiligten ist die Schreibweise immer wieder unterschiedlich, mal mit einfachem „s“, mal „ss“ und dann wieder „ß“ – gibt es keine Indizien, die auf eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen den zwei Mietparteien schließen lassen, aber gänzlich ausschließen lässt sich das trotz unterschiedlicher Geburtsorte ebenfalls nicht, da der Vater von Max Strauss bisher nicht bekannt ist.

Majdanek
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Am 10. Juni 1942 wurde das Zimmer von Max Strauss freigemacht, denn an diesem Tag war er dazu bestimmt, mit anderen 371 Jüdinnen und Juden morgens an der Schlachthoframpe des Hauptbahnhofs den Zug mit der Kennung „Da 18“ Richtung Lublin zu besteigen. Nach einem Halt in Frankfurt, wo weitere etwa 900 Menschen aus dem gesamten Regierungsbezirk Wiesbaden hinzukamen, setzte er am folgenden Morgen seine Fahrt fort. In Lublin mussten eine nicht mehr exakt zu bestimmende Zahl von Jungen und Männern – man schätzt die Zahl auf 188 bis 250 – den Zug verlassen. Sie wurden zu dem sich gerade im Aufbau befindlichen KZ Majdanek gebracht, wo sie durch ihre dortige Arbeit bei der Errichtung des Lagers quasi ihr eigenes Grab schaufeln mussten. Max Strauss wurde dort mit der Lagernummer 11363 registriert.[24] Keiner der dort Eingesetzten hat überlebt. Das Leben von Max Strauss war schon nach wenigen Wochen zu Ende. Auf welche Art und Weise er am 14. Juli 1942 zu Tode kam, ist nicht bekannt,[25] aber außer Frage steht, dass es ein gewaltsamer Tod gewesen sein muss.
Unklar ist bis heute, ob der Zug mit den übrigen aus Hessen Deportierten von Lublin zunächst noch nach Izbica und dann, wegen Überfüllung des Ghettos, nach Sobibor fuhr, oder ob er ohne den Umweg das dortige Vernichtungslager direkt ansteuerte. Keiner der Menschen, die im Zug verblieben waren, hat überlebt. Sie starben vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft im Gas von Sobibor.

 

Veröffentlicht: 09. 07. 2026

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Heiratsregister Karlstadt 13 / 1932.

[2] Wolf, Juden in Pfungstadt, S. 56, verweist in seinem Artikel über die Geschichte der Juden in Pfungstadt darauf hin, dass die Zerstörung der Registratur des Kreisamtes Darmstadt die Rekonstruktion der jüdischen Familien der Stadt erheblich erschwert.

[3] Siehe zur Familie Goldschmidt umfassend den Artikel im Kapitel zum Judenhaus Hermannstr. 17.

[4] HHStAW 55256 (137).

[5] Heiratsregister Karlstadt 13 / 1932.

[6] https://www.alemannia-judaica.de/laudenbach_msp_synagoge.htm. (Zugriff: 31.06.2026).

[7] HHStAW 518 55256 (22, 65).

[8] Ebd. (65).

[9] Ebd. (7).

[10] HHStAW 518 55256 (135-139).

[11] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2499/images/31301_168803-01628?pId=903812415. (Zugriff: 09.07.2026).

[12] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5781-0048?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=30177247. (Zugriff: 09.07.2026).

[13] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/62308/images/43290879-New_York-170121-0014?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=288216797. (Zugriff: 09.07.2026).

[14] HHStAW 518 55256 (99).

[15] Ebd. (96). Seine Eltern waren die aus Polen stammenden Salomon und Fannie Singer, geborene Steinank, was darauf schließen lässt, dass die Familie zumindest väterlicherseits jüdische Wurzeln hatte.

[16] HHStAW 518 55256 (94).

[17] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/83348541?tid=&pid=&queryId=54161734-045b-40eb-a9a1-65481bea04fb&_phsrc=SbT2589&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/86550126?tid=&pid=&queryId=d4186b55-3ea5-4776-809b-5dc0c0b27701&_phsrc=SbT2585&_phstart=successSource. (Zugriff: 09.07.2026).

[18] HHStAW 518 55256 (35).

[19] Yad Vashem Archives Record Group O.8, File Number 43.2 (148). In diesen Listen ist Max Strauss auch bei den nachträglichen Korrekturen nicht aufgenommen, stattdessen wird hier als Bewohner Max Wreschner genannt, auf dessen Gestapokarteikarte ein entsprechender Adresseintrag aber nicht vorhanden ist. Möglicherweise hatte man die beiden Personen mit dem Vornamen Max verwechselt. Allerdings gehörte auch Max Wreschner zum Kreis der Verwandten von Berthold Goldschmidt, sodass es ohne Weiteres möglich ist, dass auch er dort zeitweise untergekommen war. Dass aber Max Strauss dort gewohnt hat, ist durch die Devisenakte sicher belegt.

[20] https://www.mappingthelives.org/bio/c34de1e7-6274-4c9b-be04-93dceed8dd45?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&forename=Max&surname=Strauss&res_single_fd=false&res_community=Wiesbaden&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de. (Zugriff: 09.07.2026).

[21] HHStAW 519/3 8030 (3).

[22] Ebd. (4).

[23] Yad Vashem Archives Record Group O.8, File Number 43.1 (41).

[24] https://www.majdanek.eu/wyszukiwarka-wiezniow?page=1. (Zugriff: 09.07.2026). Im Todenbuch von Majdanek ist er auf S. 110 zu finden.

[25] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de979515. (Zugriff: 09.07.2026). Siehe auch Sterbeurkunde des Sonderstandesamts Arolsen 813 / 1976.