Dorothea Meyer


Lanzstr. 6 heute
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Lanz­str. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage Lanzstr 6
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Lanz­str. 6
Bele­gung des Jugend­hau­ses Lanz­str. 6

 

 

 

 

 


Doro­thea Mey­er war eine der vie­len jüdi­schen Haus­an­ge­stell­ten, die zumeist in den wohl­ha­ben­den Fami­li­en ihrer Glau­bens­ge­nos­sen im Hin­ter­grund beschei­den ihre Arbeit ver­rich­te­ten. Unschein­bar blieb nicht nur ihr all­täg­li­ches Wir­ken, son­dern auch ihr Leben ins­ge­samt. Es sind nur weni­ge Spu­ren, die sie in Wies­ba­den hin­ter­las­sen hat. Und die Stadt war nur die letz­te Sta­ti­on auf ihrem 46-jäh­ri­gen, unste­ten Lebens­weg, der von hier aus direkt in die Todes­kam­mern von Sobi­bor führte.

Stammbaum der Familie Meyer
Stamm­baum der Fami­lie Mey­er
GDB

Gebo­ren wur­de Doro­thea Eli­sa­beth Mey­er am 26. Mai 1896 in der Ruhr­me­tro­po­le Essen. Ihr Vater, der Kauf­mann Moritz Mey­er, führ­te ein Han­dels­ge­schäft für Mehl und Getrei­de, das schon vor der Jahr­hun­dert­wen­de, ver­mut­lich von sei­nem Vater Her­mann Mey­er dort gegrün­det wor­den war. Zumin­dest fin­det man im Esse­ner Adress­buch von 1865 einen Her­mann Mey­er, der in der Stadt ein Frucht­han­dels­ge­schäft betrieb.

Geburt Dorothea Meyer
Geburts­ur­kun­de von Doro­thea Eli­sa­beth Meyer

Die Lebens­da­ten von Her­mann Mey­er sind lei­der nicht bekannt, dafür aber die sei­ner Frau Regi­na Mey­er, gebo­re­ne Levy, die auf dem jüdi­schen Fried­hof in der Esse­ner Laza­rett­stra­ße beer­digt wur­de. Die am 3. August 1813 in Essen Ver­stor­be­ne wur­de am 5. Janu­ar 1899 an einem aller­dings unbe­kann­ten Ort gebo­ren.[1]

Um die Jahr­hun­dert­wen­de war das Geschäft in der Born­str. 24 gele­gen, dann aber in die Bahn­hofstr. 87, die spä­te­re Hin­den­burg­stra­ße, ver­legt wor­den. Die Geschäf­te müs­sen recht gut gelau­fen sein, denn das dor­ti­ge Haus war Eigen­tum von Her­mann Mey­ers Sohn Moritz. Der Name der Fir­ma „Juli­us & Moritz Mey­er“ ver­weist auf eine Per­so­nen­ge­sell­schaft mit meh­re­ren Teilhabern.

Ein­trag der Fir­ma im Esse­ner Adress­buch von 1916

Bei den bei­den genann­ten Gesell­schaf­tern han­delt es sich eigent­lich um die am 24. August 1849 gebo­re­nen Zwil­lin­ge Moses und Joel Mey­er. Es ist nur schwer zu beur­tei­len, ob die bei­den spä­ter ihre Vor­na­men zumin­dest im Adress­buch­ein­trag nur aus wirt­schaft­li­chen Grün­den qua­si ent­ju­dai­sier­ten oder ob dies auch auf eine gewach­se­ne Distanz zu ihrer jüdi­schen Her­kunft, Tra­di­ti­on und ihrem Glau­ben schlie­ßen lässt. Dage­gen spricht, dass bei­de mit jüdi­schen Ehe­part­nern ver­hei­ra­tet waren, Juli­us mit Sara Anna, gebo­re­ne Cahen,[2] Moritz mit Rosa­lie Löwen­berg.[3] Im Jahr 1916 ist Moritz Mey­er im Adress­buch von Essen als allei­ni­ger Inha­ber ver­zeich­net, sein Zwil­lings­bru­der war 27. Febru­ar 1913 ver­stor­ben.[4] Moritz Mey­er ver­starb fünf Jah­re spä­ter am 13. Juli 1918 eben­falls in Essen.[5]

Doro­the­as Mut­ter Rosa­lie Löwen­berg stamm­te aus dem klei­nen Ort Hohen­we­pel bei War­burg, etwa auf hal­ber Stre­cke zwi­schen Kas­sel und Pader­born gele­gen. Schon im 17. Jahr­hun­dert gab es in dem klei­nen Ort einen Juden, der damals mit Getrei­de und Tuchen han­del­te und auch ein klei­nes eige­nes Haus besaß. Wei­te­re jüdi­sche Bewoh­ner lie­ßen sich im fol­gen­den Jahr­hun­dert in dem Ort nie­der, um sich an dem lukra­ti­ven Garn­han­del zu betei­li­gen. Um die Wen­de zum 19. Jahr­hun­dert zähl­te man sechs jüdi­sche Haus­hal­te mit ins­ge­samt 32 Per­so­nen. Als 1808 die Juden genö­tigt wur­den, fes­te Fami­li­en­na­men anzu­neh­men, war es der Han­dels­mann Lucas Michel, der für sich und sei­ne vier Söh­ne den Namen Löwen­berg wähl­te und damit die Ahnen­rei­he begrün­de­te, an deren Ende Doro­thea Mey­er stand. Wie die genaue genea­lo­gi­sche Ver­bin­dung zwi­schen der um 1861 gebo­re­nen Mut­ter Rosa­lie und der vor­aus­ge­gan­ge­nen Gene­ra­ti­on der Löwen­bergs aus­sieht, konn­te im gege­be­nen Rah­men nicht ermit­telt wer­den.[6] Aber ganz offen­sicht­lich hat­te sich die Fami­lie in der Gemein­de eta­bliert, wenn­gleich es auch in den vor­aus­ge­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten aus ver­schie­dens­ten Grün­den immer wie­der zu Strei­tig­kei­ten zwi­schen den christ­li­chen und den jüdi­schen Bewoh­nern gekom­men war.[7]

Ver­mut­lich waren in der Ehe von Moritz und Rosa­lie Mey­er mehr als die bei­den bekann­ten Kin­der Doro­thea und ihr älte­rer Bru­der Fried­rich, genannt Fritz, zur Welt gekom­men. Zumin­dest weiß man, dass mit Fritz am 29. Mai 1889 eine Zwil­lings­schwes­ter zur Welt kam, die aber als Tot­ge­burt kei­nen Namen mehr erhielt.[8]

Doro­thea Mey­er war ledig geblie­ben und auf­grund ihres Berufs als Haus­an­ge­stell­te zu einem eher unste­ten Leben gezwun­gen. Wann sie erst­mals ihre Hei­mat­stadt ver­las­sen hat­te, ist nicht bekannt, aber im Novem­ber 1920 kam die damals Vier­und­zwan­zig­jäh­ri­ge aus Osna­brück wie­der nach Hau­se, wohn­te zunächst bei den Eltern in der Bahn­hofstr. 87, bezog aber nach zwei Wochen eine ande­re Woh­nung in Essen. Ver­mut­lich hat­te sie dort eine neue Anstel­lung gefun­den. Nach vier Jah­ren ver­ließ sie die Stadt erneut, um in Bot­trop zu arbei­ten. Nach wei­te­ren 5 Jah­ren ging sie nach Duis­burg. Lei­der ist die Mel­de­kar­te beschä­digt, sodass nicht mehr les­bar ist, wo sie die Jah­re zwi­schen 1930 und 1931 ver­brach­te. Bevor sie dann nach Wies­ba­den kam, war sie bis Ende Juni 1936 in Frei­burg im Breis­gau gemel­det.[9]

Mel­de­kar­te von Doro­thea Mey­er aus Essen
Stadt­ar­chiv Essen, Bestand 3000

Da die Mel­de­un­ter­la­gen der Stadt Wies­ba­den im Krieg zer­stört wur­den, ist nicht genau zu sagen, seit wann sie hier gemel­det war. Aber aus der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung ihres ver­mut­lich ers­ten Arbeit­ge­bers, dem Ren­tier­ehe­paar Jacob­sohn,[10] das damals gera­de in die Luxus­pen­si­on Haus Eden in der Son­nen­ber­ger Str. 22 umge­zo­gen war, kann man ent­neh­men, dass sie vom 1. Okto­ber 1936 an bei dem Ehe­paar ange­stellt war. Das Arbeits­ver­hält­nis ende­te zunächst nach nicht ganz zwei Jah­ren zum 1. Mai 1938.[11] Die Grün­de dafür sind nicht bekannt, aber sie hän­gen sicher mit dem Umzug des Paa­res in die Lanz­str. 6 zusam­men, die am 1. Juni statt­fand. Obwohl Jacob­sohns unmit­tel­bar eine ande­re Frau ein­stell­ten, kann es kaum zu einem Zer­würf­nis zwi­schen Doro­thea Mey­er und den bis­he­ri­gen Arbeit­ge­bern gekom­men sein, denn am 1. Sep­tem­ber 1940 stell­ten Jacob­sohns sie wie­der ein.
Für die Zeit dazwi­schen sind auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te drei ande­re Adres­sen ver­merkt. Zwar bedeu­tet das nicht not­wen­di­ger­wei­se, dass sie dort auch ange­stellt war, aber wahr­schein­lich ist es doch, denn wovon hät­te sie andern­falls leben sollen.

Gestapo­kar­tei­kar­te von Doro­thea Mey­er
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Die ers­te auf der Kar­te ein­ge­tra­ge­ne Adres­se ist die Wil­helm­str. 16 bei Haus­dorf (!).[12] Irri­tie­rend ist aller­dings, dass das Ehe­paar Haus­dorff laut den Anga­ben auf sei­ner eige­nen Gestapo­kar­tei­kar­te damals nicht in der Wil­helm­stra­ße, son­dern am Leber­berg 15 wohn­te. Das ist aber sicher damit zu erklä­ren, dass die Kar­ten zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten aus­ge­stellt wur­den und es inzwi­schen eine recht gro­ße Fluk­tua­ti­on der jüdi­schen Mie­ter gab. Im Sep­tem­ber 1939 ver­zo­gen Josef und Mari­an­ne Haus­dorff nach Ber­lin, nach­dem ihr Sohn Hans Mit­te August nach Argen­ti­ni­en aus­ge­wan­dert war.[13] Ver­mut­lich waren die­se Plä­ne der Grund dafür, dass Doro­thea Mey­er sich damals eine neue Arbeits­stel­le suchen musste.
Bereits ein Vier­tel­jahr vor dem Weg­zug der Haus­dorffs, ab dem 1. März 1939, fand sie in Gold­bergs in der Kapel­len­str. 5 einen neu­en Arbeit­ge­ber. Unter die­ser Adres­se leb­te damals Rosa Gold­berg, die 1870 in Hagen gebo­re­ne Wit­we des Jus­tiz­rats Davis Gold­berg, der zuvor am 31. Janu­ar 1936 ver­stor­ben war. Auch der Sohn Paul, eben­falls Jurist, war bis Juni 1940 dort noch gemel­det. Da die Mut­ter fast das 70. Lebens­jahr erreicht hat­te und auch ver­mö­gend war, ist die Anstel­lung von Doro­thea Mey­er nach­voll­zieh­bar. Aber auch dort konn­te sie nicht lan­ge blei­ben. Wer die ent­spre­chen­den Ver­bin­dun­gen und die finan­zi­el­len Mit­tel besaß, ver­ließ Deutsch­land, so auch Mut­ter und Sohn Gold­berg. Im Früh­jahr 1940 emi­grier­te Rosa Gold­berg in die Schweiz. Ihr Sohn, der 1940 gehei­ra­tet und einen eige­nen Haus­stand gegrün­det hat­te, folg­te ihr mit sei­ner Frau im Jahr 1941. Anders als sei­ne Mut­ter, die in der Schweiz blieb, zog er von dort wei­ter in die USA.[14]
Noch in der Zeit, in der Doro­thea Mey­er in der Kapel­len­stra­ße ihren Dienst ver­rich­te­te, hat­te die Devi­sen­stel­le Frank­furt eine soge­nann­te „JS-Map­pe“ – eine „Juden­si­che­rungs­map­pe“ – für sie ange­legt, um ihre Finan­zen zu kon­trol­lie­ren. Vor­läu­fig soll­te sie monat­lich über einen Frei­be­trag von 300 RM ver­fü­gen kön­nen.[15] Die Frei­ga­be des Gel­des war mit der Auf­la­ge ver­bun­den, bei der Behör­de eine Ver­mö­gens­er­klä­rung abzu­ge­ben, in der ihr Ein­kom­men und ihr vor­han­de­nes Kapi­tal detail­liert auf­ge­führt wer­den sollten.
Da sich ihre Lebens­um­stän­de erneut änder­ten, kam sie nicht sofort dazu, der For­de­rung unmit­tel­bar nach­zu­kom­men, wie es eigent­lich ihre Pflicht gewe­sen wäre. Am 16. Sep­tem­ber – sie war inzwi­schen in der Lanz­str. 6 I wohn­haft – schick­te sie das For­mu­lar unaus­ge­füllt an die Behör­de zurück. Statt­des­sen merk­te sie auf der Rück­sei­te an: „Ich bin Haus­an­ge­stell­te ohne Ver­mö­gen, und ver­die­ne im Monat Mk 50,- wovon ich noch die Kul­tus­ab­ga­be, im vier­tel Jahr Mk 3,- abge­be.“ [16]
Ange­sichts die­ser finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se ver­zich­te­te die Devi­sen­stel­le dar­auf, eine Siche­rungs­an­ord­nung zu erlas­sen. Offen­bar gab es hier nichts, was dem NS-Staat hät­te ver­lo­ren gehen kön­nen. Der monat­li­che Frei­be­trag wur­de im glei­chen Schrei­ben auf nur noch 200 RM her­ab­ge­setzt – eine Geld­men­ge, die Doro­thea Mey­er nie zur Ver­fü­gung stand.[17]

Wann genau Doro­thea Mey­er Frau Gold­berg ver­las­sen hat­te, ist auf der Kar­tei­kar­te nicht ein­ge­tra­gen, aber auch bei ihrer fol­gen­den Anstel­lung hat­te sie ver­mut­lich eine alte, allein ste­hen­de Frau zu ver­sor­gen: Ama­lie Hirsch war die Eigen­tü­me­rin der inzwi­schen zum Juden­haus erklär­ten Vil­la in der Blu­men­str. 7, in der zu die­ser Zeit etwa 10 jüdi­sche Mie­ter wohn­ten. Nicht aus­ge­schlos­sen ist aller­dings auch, dass die Gesta­po sie damals ein­fach in die­ses Haus gezwun­gen hat­te, wahr­schein­li­cher ist aber, dass sie dort eine neue Arbeits­stel­le ange­tre­ten hat­te. Viel­leicht ist auch bei­des der Fall gewe­sen. Zwar ist nicht sicher, wer von den dort leben­den, zumeist wohl­ha­ben­den Jüdin­nen und Juden, die, sofern die Devi­sen­stel­le die ent­spre­chen­den Geld­mit­tel frei­gab, eine eige­ne Haus­an­ge­stell­te beschäf­tig­te, aber in der Ver­mö­gens­er­klä­rung der Haus­be­sit­ze­rin Ama­lie Hirsch, die sie Mit­te August 1940 abge­ben muss­te, ist unter den monat­li­chen Kos­ten expli­zit eine sol­che ein­ge­tra­gen, die monat­lich 150 RM erhielt.[18] Auch wenn es dafür kei­nen siche­ren Beleg gibt, so liegt es doch nahe, dass hier Doro­thea Mey­er gemeint ist.

Die Villa in der Lanzstr. 4 war baugleich mit der im Krieg zerstörten Lanzstr. 6 Mit Dank an Herrn D. Schaller
Die Vil­la in der Lanz­str. 4 war bau­gleich mit der im Krieg zer­stör­ten Lanz­str. 6
Mit Dank an Herrn D. Schaller

Schon zu Beginn des fol­gen­den Monats Sep­tem­ber war sie dann wie­der in Diens­ten der Fami­lie Jacob­sohn, die aber nicht mehr in ihrer bis­he­ri­gen Woh­nung in der Lanz­str. 11, son­dern im Haus Lanz­str. 6 wohn­te, das inzwi­schen eben­falls zum Ghet­to­haus gewor­den war. Auch dies­mal sind die Grün­de für den Arbeits­platz- und den damit ver­bun­de­nen Woh­nungs­wech­sel nicht bekannt. Ama­lie Hirsch blieb noch bis weni­ge Wochen vor ihrer Depor­ta­ti­on in ihrem Haus woh­nen. Aber Opfer einer Zwangs­um­sied­lung in das Juden­haus Lanz­str. 6 war sie auch dies­mal ver­mut­lich nicht. Sie wohn­te ja wie­der mit ver­trau­ten Men­schen zusam­men, die sie seit etwa vier Jah­ren kannte.
Dies­mal blieb sie aber wie­der nur ein Drei­vier­tel­jahr bei Nathan und Cla­ra Jacob­sohn, um dann für drei Mona­te in der Pagen­ste­cher­str. 4 zu arbei­ten. Dort wohn­te Rosa Marx, gebo­re­ne Send­siow­ski, eine aus Polen stam­men­de, eben­falls ver­wit­we­te, allein ste­hen­de Frau. Ihr Mann, Emil Marx, leb­te schon seit meh­re­ren Jah­ren in Mün­chen, wo er am 29. März 1939 ver­stor­ben war.[19] Mög­li­cher­wei­se war die Hilfs­be­dürf­tig­keit der Wit­we der Grund dafür, dass sie die dor­ti­ge Stel­le annahm und sich dort auch ein­quar­tier­te. Da das Haus in der Pagen­ste­cher­stra­ße kein Juden­haus war, ist kaum davon aus­zu­ge­hen, dass man sie dort zwangs­wei­se ein­quar­tiert hat­te. Wahr­schein­lich hat­te sie sich zumin­dest vor­über­ge­hend eine neue Blei­be suchen müs­sen, weil nach dem Bom­ben­an­griff auf Wies­ba­den in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai in der Woh­nung von Jacob­sohns in der Lanz­stra­ße eine nicht­jü­di­sche Fami­lie ein­quar­tiert wor­den war, mit der die­se  sich von da an die vor­han­de­nen Räu­me tei­len muss­te. Ein Man­sar­den­raum, in dem ver­mut­lich Doro­thea Mey­er bis­her gewohnt hat­te, wur­de nun von Jacob­sohns benutzt. Auch waren ver­mut­lich Umräum‑, wenn nicht sogar klei­ne­re Umbau­ar­bei­ten zu ver­rich­ten. Obwohl die ein­quar­tier­te Fami­lie wei­ter­hin, sogar bis zum Kriegs­en­de, Räu­me in Beschlag nahm, konn­te Doro­thea Mey­er nach drei Mona­ten am 15. Sep­tem­ber 1941 aber wie­der in das Haus zurückkehren.
Sie blieb noch ein wei­te­res Drei­vier­tel­jahr bei Jacob­sohns im Juden­haus in der Lanz­stra­ße. Trotz eini­ger Unter­bre­chun­gen waren Nathan und Cla­ra Jacob­sohn ihr in den sechs Jah­ren, die sie in Wies­ba­den ver­brach­te, ver­mut­lich zu ver­trau­ten Men­schen gewor­den, mit denen sie, trotz aller sozia­len Unter­schie­de, das all­täg­lich gemein­sam erfah­re­ne Leid tei­len konnte.

Vermögen Dorothea Meyer
Ver­mö­gens­er­klä­rung von Doro­thea Mey­er aus dem Jahr 1940
Vermögen Dorothea Meyer
HHStAW 519 5112 (3)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie war gera­de 46 Jah­re alt gewor­den, als sie am 6. Juni die Auf­for­de­rung erhielt, sich für die für den 10. Juni geplan­te „Eva­ku­ie­rung“ nach dem Osten bereit­zu­hal­ten. Wie vie­le Men­schen damals die­ses Panik aus­lö­sen­de Schrei­ben der Bezirks­stel­le Hes­sen-Nas­sau der Reichs­ver­ei­ni­gung erhal­ten hat­ten, weiß man nicht. Man­chen gelang es, sich aus ver­schie­de­nen Grün­den von der Depor­ta­ti­on zurück­stel­len zu las­sen. Doro­thea Mey­er hat­te kei­ne ent­spre­chen­den Grün­de anzu­ge­ben, und so gehör­te sie zu den letzt­lich 372 Jüdin­nen und Juden, die am Mor­gen des 10. Juni in einer Kolon­ne zum Wies­ba­de­ner Haupt­bahn­hof zogen, dort in den bereit­ge­stell­ten Zug ein­stie­gen, der sie zunächst nach Frank­furt brach­te. Vom dor­ti­gen Haupt­bahn­hof zogen die Men­schen erneut als Kolon­ne – für alle sicht­bar! – quer durch die Stadt zur Groß­markt­hal­le, wo dann der eigent­li­che Trans­port zusam­men­ge­stellt wur­de. Ins­ge­samt umfass­te er etwa 1.200 bis 1.300 Men­schen, die – so der ursprüng­li­che Plan – eigent­lich in das Ghet­to Izbica gebracht wer­den sollten.

Bahn­steig Sobi­bor
Foto (Aus­schnitt): Jac­ques Lahit­te, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Wikipedia-sobibor‑1.jpg

Der Zug blieb aber zunächst in Lub­lin ste­hen, wo arbeits­fä­hi­ge Män­ner – etwa 190 bis 260 – zum Auf­bau des Lager Maj­da­nek abkom­man­diert wur­den. Für die übri­gen ging danach die Fahrt wei­ter, direkt in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor. In den neu geschaf­fe­nen drei Gas­kam­mern, in die star­ke Die­sel­mo­to­ren ein Gemisch aus Koh­len­mon­oxid und Koh­len­di­oxid hin­ein­blie­sen, wur­den die etwa ein­tau­send Men­schen ver­mut­lich unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft auf grau­sams­te Art ermor­det.[20]

Auch Doro­thea Mey­ers Bru­der Fritz wur­de ein Opfer des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sen­wahns. Er war bis 1936 als Kauf­mann in Essen ange­stellt, hat­te aber dann die Stadt ver­las­sen. Der Zeit­punkt lässt dar­auf schlie­ßen, dass sein „Weg­zug“ – auf sei­ner Mel­de­kar­tei­kar­te heißt es: „12.9.36 – auf Rei­sen“ – poli­tisch moti­viert war und es sich in Wirk­lich­keit um eine Flucht aus Deutsch­land han­del­te.[21]

Meldekarte von Fritz Meyer aus Essen
Mel­de­kar­te von Fritz Mey­er aus Essen
Stadt­ar­chiv Essen, Bestand 3000

In Yad Vas­hem sind die Sta­tio­nen sei­ner ver­geb­li­chen Flucht fest­ge­hal­ten.[22] Offen­bar war er damals nach Bel­gi­en gegan­gen, wo er nach der deut­schen Inva­si­on fest­ge­nom­men wur­de. Damit begann für ihn eine Odys­see durch die ver­schie­de­nen Lager Frank­reichs, die das Vichy-Régime den Deut­schen bereit­wil­lig zur Ver­fü­gung stell­te. Die ers­ten Sta­tio­nen waren Ste Liv­ra­de bei Mon­taub­an und Vil­le­mur am Ran­de der Pyre­nä­en. Es gibt kei­nen Hin­weis dar­auf, dass er zwi­schen­zeit­lich noch ein­mal frei­ge­kom­men wäre und viel­leicht ver­sucht hät­te, sich über die Pyre­nä­en nach Spa­ni­en durch­zu­schla­gen. Von Bor­deaux, wo er anschlie­ßend inhaf­tiert war, wur­de er in das berüch­tig­te Lager Saint Cyprien am Rand der Pyre­nä­en gebracht. Das ehe­ma­li­ge Lager für die dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg ent­kom­me­nen Wider­stands­kämp­fer und Oppo­si­tio­nel­len, war vom Vichy-Régime in ein qua­si Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­wan­delt wor­den, in dem fran­zö­si­sche, wie auch nach Frank­reich oder Bel­gi­en geflo­he­ne Juden inter­niert wur­den. Wer in die­sem Lager nicht schon den abso­lut unmensch­li­chen Bedin­gun­gen erlag, wur­de von den deut­schen Besat­zern suk­zes­si­ve über Dran­cy in die Ver­nich­tungs­la­ger des Ostens depor­tiert. Fritz Mey­er gehör­te zu dem Trans­port, der Dran­cy am 10. August 1942 mit dem Ziel Ausch­witz ver­ließ. Wann er dort umge­bracht wur­de, ist nicht bekannt.

 

Ver­öf­fent­licht: 03. 02. 2024

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Mit­tei­lung des Stadt­ar­chivs Essen vom 31.1.2024.

[2] Ster­be­re­gis­ter Essen 322 /​ 1913.

[3] Ster­be­re­gis­ter Essen 808 /​ 1904.

[4] Ster­be­re­gis­ter Essen 322 /​ 1913.

[5] Ster­be­re­gis­ter Essen 1764 /​ 1918.

[6] Im Ster­be­ein­trag von Rosa­lie Mey­er heißt es, dass ihre Eltern unbe­kannt sei­en, sie­he Ster­be­re­gis­ter Essen 808 /​ 1904.
Über die Löwen­bergs etwa zur Zeit der Geburt von Rosa­lie Löwen­berg heißt es in Hist. Hdb. jüdi­scher Gemein­schaf­ten West­fa­len Lip­pe, S. 764:
“1853 leb­ten in Hohen­we­pel fol­gen­de selb­stän­dig täti­ge Juden: der Wit­wer Lucas Löwen­berg, die unver­hei­ra­te­ten Heiman (Löwen­berg, (…)sowie der Wit­wer Abra­ham Löwen­berg. Lucas Löwen­berg besaß 1837 65 Mor­gen Land. Mit 43 Tlr. Klas­sen­steu­er gehör­te er zu den finanz­kräf­tigs­ten Juden der Regi­on. 1859 zahl­ten Simon Löwen­berg (Haus Nr. 85), Samu­el Buch­thal (Nr. 23) und Selig Buch­thal (Nr. 62) zwi­schen 22 Tlr. und 11 Tlr. Steu­ern; alle 3 gehör­ten der 2. Klas­se an, zur 3. Klas­se zähl­ten Abra­ham Löwen­berg (Nr. 58) und Aron Buch­thal (Nr. 66).
1869 war aus Hohen­we­pel Simon Löwen­berg mit 30 Tlr. zu ent­rich­ten­der Steu­er in der 1. Klas­se, in der 3. waren Abra­ham Löwen­berg, Aron Buch­thal und Selig Buch­thal. 1875 gehör­ten Abra­ham Löwen­berg, Selig Gold­schmidt und Salo­mon Rosen­blatt der 3. Steu­er­klas­se an.“

[7] Ebd.

[8] Geburts­re­gis­ter Essen 1304 /​ 1889.

[9] Die Anga­ben sind der Mel­de­kar­te von Doro­thea Mey­er aus Essen ent­nom­men, Stadt­ar­chiv Essen, Bestand 3000.

[10] Zum Ehe­paar Jacob­sohn, Bewoh­ner des Juden­hau­ses Lanz­str. 6, sie­he den Arti­kel oben.

[11] HHStAW 685 328 a

[12] Müss­te eigent­lich Haus­dorff heißen.

[13] Josef Haus­dorff floh von Ber­lin aus über Hol­land nach Frank­reich, wur­de dort ver­haf­tet und über Dran­cy am 7.3.1944 nach Ausch­witz depor­tiert und ermor­det. Sei­ne nicht­jü­di­sche Frau konn­te nach dem Krieg zu ihrem Sohn nach Argen­ti­ni­en auswandern.

[14] Sie­he zur Fami­lie Gold­mann Faber /​ Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, S. 60 f.

[15] HHStAW 519/​3 5112 (1).

[16] HHStAW 519/​3 5112 (3).

[17] Ebd. (4).

[18] HHStAW 519/​3 661 (20).

[19] HHStAW 685 549.

[20] Zur Depor­ta­ti­on vom 10. /​ 11. Juni 1942 sie­he King­reen, Depor­ta­ti­on der Juden aus Hes­sen, S. 117–122, auch Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 214.

[21] Mel­de­kar­te Fritz Mey­er, Stadt­ar­chiv Essen Bestand 3000.

[22] Sie­he zu den fol­gen­den Anga­ben https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​5​9​3​7​8​2​&​i​n​d=1 und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​3​2​0​3​2​3​1​&​i​n​d=2. (Zugriff: 30.1.2024)