Kaiser-Friedrich-Ring 72


Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Belegung KFR 72
Bele­gung des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 72

 

 

 

 


Die Familie Marxheimer

Auf der 1940 ent­stan­de­nen Lis­te der Wies­ba­de­ner Juden­häu­ser ist neben den Häu­sern am Kai­ser-Fried­rich-Ring mit den Num­mern 43, 64 und 65 auch das mit der Num­mer 72 auf­ge­führt. Im Hin­blick auf die Grö­ße und die Wohn­raum­ge­stal­tung hät­te es die­se Funk­ti­on ohne Wei­te­res ein­neh­men kön­nen, aber fak­tisch war dem nicht so. Außer den Eigen­tü­mern Emil und Leo­pold Marx­hei­mer mit sei­ner Frau Hed­wig beher­berg­te das gro­ße Haus zuletzt nur noch einen ein­zi­gen jüdi­schen Mie­ter, den Wit­wer Vic­tor Weiss, der im Juli 1941 ein­ge­zo­gen war bzw. hat­te ein­zie­hen müs­sen. Mög­li­cher­wei­se war auch hier der Grund der­je­ni­ge, dass die nicht­jü­di­schen Bewoh­ner, die seit vie­len Jah­ren ent­ge­gen den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen wohl ohne grö­ße­re Kon­flik­te mit ihren jüdi­schen Ver­mie­tern in einer „Haus­ge­mein­schaft“ zusam­men­leb­ten, nicht bereit waren, ihre schö­nen und zen­tral gele­ge­nen Woh­nun­gen zu ver­las­sen und sie jüdi­schen Mie­tern abzu­tre­ten. Aber auch in die Woh­nung der Marx­hei­mers wur­den zunächst kei­ne wei­te­ren Per­so­nen eingewiesen.

Damals, in einer Zeit, in der der soge­nann­te Ers­te Ring noch nicht zu einer inner­städ­ti­schen Auto­bahn ver­kom­men war, gehör­ten die dor­ti­gen Woh­nun­gen, die am Ende des 19. Jahr­hun­derts ent­stan­den waren, zu den sehr begehr­ten Miet‑, aber auch Anla­ge­ob­jek­ten des geho­be­nen Mittelstandes.

Zunächst war, nach­dem man die bereits Mit­te des 19. Jahr­hun­derts auf­ge­nom­me­nen Pla­nun­gen der west­li­chen Stadt­er­wei­te­rung gegen Ende des Jahr­hun­derts zu rea­li­sie­ren begon­nen hat­te, der Abschnitt vom Sedan­platz bis zur Ring­kir­che in Angriff genom­men wor­den. Hier domi­nie­ren bis heu­te die nicht gar so opu­len­ten Fas­sa­den und auch die Bewoh­ner­schaft, eher Hand­wer­ker und Klein­ge­wer­be­trei­ben­de, unter­schei­det sich deut­lich von der­je­ni­gen, die im Abschnitt, der dann den Namen Kai­ser-Fried­rich-Ring erhielt, zu Bau­her­ren oder auch nur zu Mie­tern wur­de.[1]

„Der Kai­ser-Fried­rich-Ring beein­druckt durch sein beson­ders reprä­sen­ta­ti­ves Erschei­nungs­bild. Der gesam­te Stra­ßen­raum bil­det eine Ein­heit und will im male­ri­schen Zusam­men­wir­ken erlebt wer­den. Drei Pla­ta­nen­rei­hen als Mit­tel­al­lee mit schat­ti­gem Geh­weg tren­nen die gegen­läu­fi­gen Fahr­bah­nen, gesäumt von brei­ten Bür­ger­stei­gen. Fast über­ra­gen inzwi­schen die mäch­ti­gen Baum­kro­nen die herr­schaft­li­chen Miets­haus­fas­sa­den mit den pit­to­res­ken Dach­auf­bau­ten. Wenn auch in der einst über­rei­chen Form­viel­falt heu­te oft redu­ziert, ver­mit­teln sie nach­hal­tig dem durch die Funk­tio­na­li­tät moder­ner Archi­tek­tur gepräg­ten Auge die alle Zweck­form kunst­voll umman­teln­de Ästhe­tik spät­his­to­ris­ti­scher Bau­kunst.“[2]

Zwar gehört das Haus mit der Num­mer 72 nicht zu den aus­ge­wähl­ten Kul­tur­denk­mä­lern der Stadt, aber es reiht sich ohne Abstri­che ein in das gesam­te Ensem­ble die­ses Bau­ab­schnitts, der trotz sei­ner geschlos­se­nen Bebau­ung und Gebäu­den mit vier bis fünf Haupt­ge­schos­sen sich durch die Viel­falt der gestal­te­ri­schen Ele­men­te, durch Türm­chen, Erker und Bal­ko­ne, eine gewis­se Leich­tig­keit bewah­ren konnte.

Das spä­te­re Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 in einer alten Auf­nah­me
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Als Leo­pold Marx­hei­mer und sein Bru­der Emil das Haus im Jahr 1919 gemein­sam von der bis­he­ri­gen Eigen­tü­me­rin, der Bau­un­ter­neh­mer­wit­we Sophie Schä­fer, für 115.000 RM erwar­ben,[3] wohn­ten dort Men­schen mit einem ähn­li­chen sozia­len Sta­tus: ein pro­mo­vier­ter Gehei­mer Sani­täts­rat, eine Apo­the­ker­wit­we, ein wei­te­rer Kauf­mann und ein Ober­leut­nant. In den Jah­ren vor dem Kauf hat­te noch der jüdi­sche Wein­händ­ler Levitta im Par­terre gewohnt und dort auch sei­nen Han­del betrie­ben. Zwar waren die Brü­der gemein­sam Eigen­tü­mer des Hau­ses, bewohnt wur­de es aber zunächst nur von Leo­pold und sei­ner Fami­lie. Er war dort bereits eini­ge Jah­re vor dem Kauf ein­ge­zo­gen. Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1911 ist er erst­mals mit die­ser Adres­se ein­ge­tra­gen. Sieht man die Ring­stra­ße als eine Art Stu­fen­lei­ter des gesell­schaft­li­chen Auf­stiegs, so mar­kiert der Umzug vom Bis­marck­ring 24, der vor­her­ge­hen­den Anschrift, in den Kai­ser-Fried­rich-Ring kei­nen gro­ßen Sprung, aber doch eine wei­te­re Stu­fe des Erfolgs.

Wirt­schaft­li­che Basis die­ses Auf­stiegs war der Han­del mit Leder­pro­duk­ten, den die Fami­lie Marx­hei­mer seit vie­len Gene­ra­tio­nen, laut Anga­be im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren sogar seit 400 Jah­ren, im Nas­sau­er Raum betrieb.[4]

Stammbaum Marxheimer
Stamm­baum der Fami­lie Marx­hei­mer
GDB

Spä­tes­tens seit dem 19. Jahr­hun­dert war die Fami­lie in Lan­gen­schwal­bach, dem heu­ti­gen Bad Schwal­bach, ansäs­sig. Als dort 1829 eine Erhe­bung über die Berufs­tä­tig­keit der dort leben­den Schutz­ju­den durch­ge­führt wur­de, gab es einen Juden, der sich aus­schließ­lich vom Leder­han­del ernähr­te.[5] Wäh­rend der Zeit des Kai­ser­reichs, in dem zwar die bis­he­ri­gen recht­li­chen Beschrän­kun­gen für Juden weit­ge­hend auf­ge­ho­ben waren, in der aber der laten­te Anti­se­mi­tis­mus wei­ter­hin als Eman­zi­pa­ti­ons­hemm­nis wirk­sam blieb, gelang es auch in Schwal­bach nur weni­gen Juden, sich neue beruf­li­che Wege zu erschlie­ßen. Unter den 41 jüdi­schen Haus­halts­vor­stän­den gab es wei­ter­hin neun Vieh­händ­ler und sieb­zehn wei­te­re Händ­ler in unter­schied­li­chen Bran­chen.[6] Drei von ihnen waren noch immer im Leder­han­del aktiv, ver­mut­lich han­del­te es sich um Mit­glie­der der Fami­lie Marxheimer.

Der ältes­te bekann­te Ahn die­ser Fami­lie in Lan­gen­schwal­bach war ein Marx Samu­el, der zwei Söh­ne hat­te, die in der Tra­di­ti­on patro­ny­mer Namens­ge­bung Samu­el und Bene­dict Marx hie­ßen. Im Zusam­men­hang mit der Ein­füh­rung fes­ter Nach­na­men im Jahr 1841 nah­men die Fami­li­en­mit­glie­der dann den Namen Marx­hei­mer an.[7]

Bei dem genann­ten Bene­dict Marx­hei­mer han­delt es sich mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit um den Groß­va­ter der spä­te­ren Juden­haus­be­sit­zer Leo­pold und Emil Marx­hei­mer. Von Bene­dikt Marx­hei­mer ist gesi­chert, dass auch er bereits von Beruf Leder­händ­ler war und mit sei­ner Frau Adel­heid, gebo­re­ne Wol​f(f), min­des­tens fünf Kin­der hat­te, die alle in der Tau­nus­ge­mein­de gebo­ren wur­den, von denen aber spä­ter die meis­ten nach Wies­ba­den zogen.[8]

Krankenakte Isidor Marxheimer
Kran­ken­ak­te von Isi­dor Marx­hei­mer
HHStAW 430/​1 4108

Der jüngs­te, der am 27. Mai 1856 gebo­re­ne Edu­ard Isi­dor, blieb ledig und trug eine psy­chi­sche Erkran­kung in sich, die ihn dazu zwang, die letz­ten Jah­re sei­nes Lebens in ver­schie­de­nen Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten zu ver­brin­gen.[9] Wie sei­ner Kran­ken­ak­te zu ent­neh­men ist, ver­hielt er sich in sei­ner Kind­heit noch völ­lig unauf­fäl­lig. Erst wäh­rend der Schul­zeit zeig­te sich eine eher außer­ge­wöhn­li­che Zurück­hal­tung sei­nen Mit­schü­lern gegen­über. Gleich­wohl galt er als flei­ßi­ger Schü­ler und auch die Leh­re als Kauf­mann absol­vier­te er ohne Pro­ble­me. Erst im Alter von etwa 24 Jah­ren tra­ten ers­te Sym­pto­me sei­ner Krank­heit zuta­ge. Er hat­te Wahn­vor­stel­lun­gen, hör­te Stim­men und neig­te zu Gewalt­tä­tig­kei­ten. Eine kurz­zei­ti­ge Bes­se­rung ermög­lich­te es ihm, dann noch ein­mal im Betrieb sei­nes Bru­ders Löb mit­zu­ar­bei­ten. Ab Mit­te der 80er Jah­re ver­schlech­ter­te sich sein Zustand aber dann rapi­de, sodass er seit die­ser Zeit in unter­schied­li­chen Pfle­ge­hei­men unter­ge­bracht wer­den muss­te. Sta­tio­nen waren Michel­stadt, Hei­del­berg und zuletzt, vor sei­ner Ein­wei­sung auf den Eich­berg, ein Haus in Ander­nach. In die bei Kied­rich im Rhein­gau gele­ge­ne Anstalt Eich­berg wur­de der inzwi­schen völ­lig erblin­de­te am 2. Juni 1902 mit der Dia­gno­se Demen­tia prae­cox ein­ge­lie­fert. Er ver­starb dort am 30. Juni 1905 im Alter von 49 Jah­ren.[10]

Leopold Marxheimer
Brief von Leo­pold Marx­hei­mer an die Kli­nik Eich­berg
HHStAW 30/​1 4108 (12)

Der­je­ni­ge, der sich um den kran­ken Edu­ard wäh­rend sei­ner Kli­nik­auf­ent­hal­te küm­mer­te und auch for­mal die Pfleg­schaft inne­hat­te, war sein etwa ein Jahr älte­rer, um 1855 gebo­re­ner Bru­der Löb Leo­pold. Er war mit sei­ner Frau, der Frank­fur­te­rin Lina Stein, in sei­nem Hei­mat­ort geblie­ben. In sei­ner Ster­be­ur­kun­de wird er als Kauf­mann bezeich­net. Aus den Brie­fen, die er an die Anstalts­lei­tung des Eich­berg rich­te­te, kann man schlie­ßen, dass auch er im Leder­han­del tätig war. Den Brief­kopf ziert immer das Fir­men­si­gnet des Geschäfts von Bene­dict Marx­hei­mer. Ver­mut­lich war er mit einem Fir­men­an­teil in Lan­gen­schwal­bach geblie­ben und hat­te das väter­li­che Unter­neh­men dort weitergeführt.

Löb Leo­pold und sei­ne Frau Lina, die bei­de selbst die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht mehr erleb­ten,[11] hat­ten einen Sohn. Marx, auch Max geru­fen, war am 3. Juni 1883 gebo­ren wor­den und Zeit sei­nes Lebens ledig geblie­ben.[12] Er war, wie ande­re Nach­kom­men der Schwal­ba­cher Marx­hei­mers, die eine aka­de­mi­sche Aus­bil­dung genos­sen hat­ten, Rechts­an­walt gewor­den. In Frank­furt war der pro­mo­vier­te Jurist 1910 beim Land­ge­richt und 1921 beim dor­ti­gen Ober­lan­des­ge­richt zuge­las­sen wor­den. Zwei Jah­re spä­ter erhielt er die Ernen­nung zum Notar. Unab­hän­gig davon, dass er Jude war, muss­te er als Mit­glied des „Reichs­ban­ners“, der sich für die demo­kra­ti­schen Errun­gen­schaf­ten der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on ein­setz­te, den neu­en Macht­ha­bern nach 1933 ein Dorn im Auge gewe­sen sein. 1935 ver­lor er sei­ne Zulas­sung als Notar und 1938 die als Rechts­an­walt. Nur als ‚Kon­su­lent’ durf­te er wei­ter­hin für sei­ne jüdi­schen Mit­bür­ger aktiv sein. Als sol­cher enga­gier­te er sich auch in der Ver­wal­tung der Jüdi­schen Gemein­de in Frankfurt.

Kar­tei­kar­te der RVJ Frank­furt für Marx Marx­hei­mer mit Todes­an­ga­ben
Arol­sen Archiv

Laut Zeu­gen­aus­sa­gen wur­de er 1942 ver­haf­tet und in das berüch­tig­te Arbeits­er­zie­hungs­la­ger Hed­dern­heim ein­ge­lie­fert, wo er unter men­schen­un­wür­digs­ten Ver­hält­nis­sen ver­mut­lich für die ‚Ver­ei­nig­ten Deut­schen Metall­wer­ke’ schuf­ten muss­te.[13] Wann er von dort nach Ausch­witz über­führt wur­de, ist nicht bekannt, aber immer­hin kennt man den Tag, an dem er dort ermor­det wur­de. Es war der 17. Janu­ar 1943.[14]

 

Die ein­zi­ge Toch­ter von Bene­dict und Adel­heid Marx­hei­mer, Johan­na, genannt Hann­chen, hei­ra­te­te als 27-Jäh­ri­ge am 21. Mai 1878 den Kauf­mann Eli­a­kim Löwen­sberg, der neben sei­ner Berufs­be­zeich­nung Kauf­mann auch den Vor­na­men Kauf­mann trug.[15] Kauf­mann Löwen­sbergs Vater Laza­rus ent­stamm­te ursprüng­lich einer alt­ein­ge­ses­se­nen und recht ver­mö­gen­den Igstad­ter Fami­lie. Er hat­te aber sei­nen Geburts­ort ver­las­sen und war in die Wies­ba­de­ner Vor­ort­ge­mein­de Bie­brich gezo­gen, wo er als Land­pro­duk­ten­händ­ler zum sehr erfolg­rei­chen und ange­se­he­nen Geschäfts­mann auf­ge­stie­gen war. Nach dem Tod sei­nes Vaters im Jahr 1890, über­nahm sein Sohn Kauf­mann die Fir­ma. Wenn das Ange­bot in sei­nem Laden jetzt auch Leder­wa­ren beinhal­te­te, dann sicher auch wegen der ver­wandt­schaft­li­chen Ver­bin­dung zu der Lan­gen­schwal­ba­cher Leder­händ­ler­fa­mi­lie Marx­hei­mer. Mög­li­cher­wei­se war aber die Ehe auch zur Absi­che­rung schon zuvor eta­blier­ter Geschäfts­be­zie­hun­gen ein­ge­gan­gen worden.

In der Ehe von Kauf­mann und Hann­chen Löwen­sberg wur­den sechs Kin­der gebo­ren, von denen aber nur zwei das Erwach­se­nen­al­ter erreich­ten, zwei star­ben schon unmit­tel­bar nach der Geburt. Die Toch­ter Adel­heid, das jüngs­te der Kin­der, leb­te zuletzt mit ihrer Mut­ter im Juden­haus Horst-Wes­sel-Str. 45, der heu­ti­gen Stra­ße der Repu­blik in Bie­brich. Dort ver­starb Johan­na Löwen­sberg am 26. April 1939. Ihre Toch­ter Adel­heid wur­de am 10. Juni 1942 „nach dem Osten“, nach Lub­lin, depor­tiert und kur­ze Zeit spä­ter in Sobi­bor umgebracht.

 

Die Fami­lie von Ben­ja­min und Sett­chen Marxheimer

Wie Johan­na waren auch die übri­gen Kin­der von Bene­dict und Adel­heid Marx­hei­mer nach Wies­ba­den gezo­gen. Im Hin­blick auf den wei­te­ren Lebens­weg der Fami­lie von Ben­ja­min Marx­hei­mer, der schon bald sei­nem Bru­der Sieg­mund nach Wies­ba­den gefolgt war, ver­fü­gen wir über sehr vie­le Infor­ma­tio­nen, zum Teil auch Zeit­zeu­gen­be­rich­te von Enkeln bzw. Enkelinnen.

Nach­kom­men von Ben­ja­min und Sett­chen Marx­hei­mer anläss­lich von deren 80. Geburts­tag 1930
Von links: Phil­ipp Sämann, Her­bert Marx, Johan­na Marx­hei­mer, Moritz Marx­hei­mer, Hil­de Marx­hei­mer, Eugen Marx­hei­mer, Hed­wig Bent­heim, Adel­hais Sämann
Vor­ne: Rolf Marx­hei­mer, Sett­chen Marx­hei­mer, Lilo Marx­hei­mer, unbe­kannt, Ruth Sichel
©USC Sho­ah Foundation

Anders als sein Bru­der Ben­ja­min such­te der um 1846 Gebo­re­ne nicht in der Leder­bran­che, son­dern durch die Über­nah­me des Wies­ba­de­ner Her­ren­aus­stat­ters ‚M. Seck­bach’ in der Tex­til­bran­che sei­nen wirt­schaft­li­chen Erfolg. Ver­hei­ra­tet war er mit der um 1850 gebo­re­nen Sett­chen Schmidt. Geschäft und Woh­nung lagen in der Weber­gas­se 16, wo auch die – soweit bekannt – fünf Kin­der des Paa­res gebo­ren wurden.

Moritz, das ältes­te der Kin­der, kam am 25. Mai 1875 zur Welt.[16] Mit sei­ner Frau Fan­ny Wert­heim, die er am 18. Sep­tem­ber 1908 in Kas­sel, dem Wohn­ort ihrer Eltern, hei­ra­te­te, hat­te er die bei­den Kin­der Lil­ly Ber­ta und Her­bert Ben­ja­min, die bei­de in Wies­ba­den gebo­ren wur­den – Lil­ly am 11. Juli 1909 und Her­bert im fol­gen­den Jahr am 27. Juli.[17] Wie auch ande­re Mit­glie­der der gro­ßen Marx­hei­mer-Fami­lie hat­te Moritz Marx­hei­mer ein Jura­stu­di­um absol­viert und war zuletzt in Frank­furt als Rechts­an­walt tätig. Nicht geklärt wer­den konn­te, ob die Fami­lie schon nach Süd­afri­ka aus­ge­reist war, als Moritz Marx­hei­mer 1939 unter Zurück­las­sung erheb­li­cher Ver­mö­gens­wer­te über Ham­burg mit dem Schiff ‚Pre­to­ria’ der Hapag-Linie dort­hin fuhr,[18] oder ob sei­ne Frau mit den Kin­dern ihm spä­ter folg­te. Ganz sicher gab es gute Ver­bin­dun­gen nach Süd­afri­ka, denn sei­ne Frau Fan­ny hat­te zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung mit ihren Eltern zwar in Kas­sel gewohnt, gebo­ren wor­den war sie aber in Graaff-Rei­net im Land am Kap der Guten Hoff­nung.[19] Man kann daher sicher zu Recht ver­mu­ten, dass die Fami­lie hier in der Zeit der Ver­fol­gung rela­tiv leicht Auf­nah­me fin­den konn­te. Über das wei­te­re Schick­sal der Fami­lie, die in dem Land ansäs­sig wur­de, ist nur wenig bekannt, aber immer­hin weiß man, dass Moritz Marx­hei­mer am 27. Janu­ar 1952 in Johan­nes­burg ver­starb. Ver­mut­lich war sei­ne Frau Fan­ny zu die­sem Zeit­punkt bereits tot, denn auf dem damals aus­ge­stell­ten Erb­schein sind nur die bei­den Kin­der erwähnt. Her­bert leb­te damals in Kap­stadt, sei­ne Schwes­ter, inzwi­schen eine ver­hei­ra­te­te Haus­mann, in Johan­nes­burg.[20]

Hed­wig, die etwa ein Jahr jün­ge­re Schwes­ter von Moritz Marx­hei­mer, hat­te am 18. Mai 1899 in Wies­ba­den den Fabri­kan­ten Simon Bent­heim aus Bicken­bach an der Berg­stra­ße gehei­ra­tet.[21] Am 18. Febru­ar 1900 kam in Frank­furt ihr ein­zi­ges Kind, der Sohn Arthur, zur Welt. Er hat­te bereits das ret­ten­de ame­ri­ka­ni­sche Ufer erreicht und in New York eine Unter­kunft gefun­den, als auch sei­ne Eltern am 22. Dezem­ber 1938 mit dem Schiff ‚Man­hat­tan’ dort anlan­de­ten.[22]

Eduard Marxheimer
Edu­ard Marx­hei­mer
©USC Shoa Foundation

Edu­ard, der fol­gen­de Sohn, gebo­ren am 28. Juni 1881, erhielt sei­nen Vor­na­men eigen­ar­ti­ger­wei­se erst am 20. August, also knapp zwei Mona­te nach sei­ner Geburt.[23] Er hei­ra­te­te am 15. März 1913 in Wies­ba­den Mar­tha Kat­zen­stein aus Bie­le­feld. Sie war am 13. Okto­ber 1890 als Toch­ter von Wil­helm und Emma Kat­zen­stein, gebo­re­ne Gold­schmidt, zur Welt gekom­men, leb­te aber zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung in Wies­ba­den am Guten­berg­platz 1.

Martha Katzenstein
Mar­tha Marx­hei­mer, geb. Kat­zen­stein
©USC Shoa Foundation

Die recht wohl­ha­ben­den Eltern besa­ßen eine eige­ne Fir­ma in der für Bie­le­feld so bedeut­sa­men Lei­nen­in­dus­trie.
Ihr Ehe­mann, der laut Hei­rats­do­ku­ment von Beruf Kauf­mann war, hat­te sei­ne Hei­mat­stadt Wies­ba­den eben­falls bereits ver­las­sen und war in Düs­sel­dorf beruf­lich tätig.[24] Ob er bei dem glei­chen Unter­neh­men ange­stellt war, wie sein jün­ge­rer Bru­der Eugen, ist nicht sicher, aber eher wahr­schein­lich. Bei­de arbei­te­ten jeweils für eine Tele­fon­ge­sell­schaft, Eugen für die ‚Rhei­ni­sche Tele­fon­ge­sell­schaft’ in Köln, Edu­ard für eine nament­lich nicht bekann­te im benach­bar­ten Düs­sel­dorf. Und nach den Aus­sa­gen ihrer Kin­der, die über ihr Schick­sal umfas­send in Inter­views für die USC Shoa Foun­da­ti­on Aus­kunft gege­ben haben,[25] waren bei­de Brü­der sehr begü­tert. Nach Aus­sa­ge sei­ner Toch­ter Lie­se­lot­te, genannt Lilo, war ihr Vater sogar Eigen­tü­mer der Fir­ma in Düs­sel­dorf. Lilo war am 9. März 1920 gebo­ren wor­den, ihre Schwes­ter Hil­de, mit vol­lem Namen Hil­de Anna Lie­sa, war bereits am 15. Janu­ar 1914 eben­falls in Düs­sel­dorf zur Welt gekom­men.[26]

Lolo u Hilde Marxheimer
Lilo (links) und Hil­de (rechts) Marx­hei­mer
©USC Shoa Foundation

Bei­de Fami­li­en gehör­ten zu den weit­ge­hend assi­mi­lier­ten Juden, die im all­täg­li­chen Leben ihre reli­giö­se Her­kunft nicht nach außen tru­gen und nur an hohen Fei­er­ta­gen die Syn­ago­ge besuch­ten. Ein ers­ter Schick­sals­schlag traf die Fami­lie von Edu­ard Marx­hei­mer, als die­ser bei einem Urlaubs­auf­ent­halt in der Schweiz durch eine feh­ler­haf­te Medi­ka­ti­on mit nur 46 Jah­ren sein Leben ver­lor.
Die Mut­ter, die eini­ge Jah­re spä­ter eine neue Ehe mit einem Herrn Brei­ten­feld ein­ging, zog sei­net­we­gen mit ihren bei­den Töch­tern 1931 nach Ber­lin, wo die Töch­ter die dor­ti­ge Schu­le besuch­ten und seit 1933 immer mehr mit den anti­se­mi­ti­schen Aus­gren­zun­gen kon­fron­tiert wur­den. Die­se all­täg­li­chen Erfah­run­gen waren umso schlim­mer zu ertra­gen, als sie sich auch mit ihrem Stief­va­ter nicht ver­stan­den. Mit dem Gefühl, völ­lig allein und auf sich gestellt durch eine ins­ge­samt feind­li­che Welt gehen zu müs­sen, durch­lit­ten sie die Jah­re des auf­kom­men­den Faschis­mus in der Reichs­haupt­stadt. 1935, in dem Jahr, in dem sie ihre bis­he­ri­ge Schu­le ver­las­sen muss­te, hei­ra­te­te ihre Schwes­ter Hil­de am 5. Janu­ar den halb­jü­di­schen und des­we­gen arbeits­los gewor­de­nen Rechts­an­walt Mar­tin Georg Selig­mann.[27] „I was kind of lost. I did​n’t know whe­re I belon­ged“, resü­mier­te Lilo Marx­hei­mer spä­ter die­se Pha­se ihres Lebens. In Ita­li­en durf­te sie zumin­dest eine rudi­men­tä­re Aus­bil­dung im medi­zi­ni­schen Bereich begin­nen, die sie aber nicht been­den konn­te, weil der NS-Staat den Geld­trans­fer zur Finan­zie­rung der Schu­le nicht län­ger dul­de­te. Zurück in Ber­lin arbei­te­te sie als Hilfs­kraft im Jüdi­schen Kran­ken­haus. Dort erleb­te die Fami­lie dann auch die soge­nann­te „Kris­tall­nacht“, aller­dings eher aus der Distanz von ihrem Haus in Dah­lem aus. Aber die Ereig­nis­se lie­ßen den­noch bei allen Fami­li­en­mit­glie­dern die Ent­schei­dung rei­fen, Deutsch­land so bald wie mög­lich zu ver­las­sen – wobei aber alle unter­schied­li­che Plä­ne hat­ten.
Hil­de Selig­mann, bei der Lilo zuletzt noch gewohnt hat­te, ging mit ihrem Mann im Febru­ar 1939 nach Bra­si­li­en. Der Stief­va­ter, der wäh­rend der Novem­ber­er­eig­nis­se inhaf­tiert wor­den war, ver­ließ nach sei­ner Frei­las­sung zunächst Deutsch­land allein und gelang­te über Bel­gi­en nach Frank­reich. Die Mut­ter folg­te ihm eini­ge Mona­te spä­ter am 1. Sep­tem­ber 1939 und Lilo selbst, inzwi­schen 18 Jah­re alt, woll­te ihre eige­nen Wege gehen. Ihre Ver­su­che, über Hol­land nach Eng­land zu gelan­gen, schei­ter­ten, da sie an der Gren­ze kei­ne ent­spre­chen­den Visa vor­wei­sen konn­te. Kurz­zei­tig wur­de sie in Kal­ten­kir­chen in ein Lager ein­ge­wie­sen, dann aber per Zug zurück nach Ber­lin beor­dert, wo sie bald dar­auf erneut inhaf­tiert wur­de. Inzwi­schen war auch der Krieg aus­ge­bro­chen und die Hoff­nung, Deutsch­land noch ver­las­sen zu kön­nen, schwand immer mehr. Die Affi­da­vi­te, die sie von Ver­wand­ten aus den USA erhal­ten hat­te, nutz­ten ihr wenig, da ihre Kon­tin­gents­num­mer viel zu hoch war. Freun­de mach­ten sie dar­auf auf­merk­sam, dass es auch einen Flucht­weg in Rich­tung Osten über die Sowjet­uni­on, Sibi­ri­en, Chi­na, Korea, Japan, Pana­ma und Hai­ti gäbe – ein unglaub­lich wei­ter Weg, für den unzäh­li­ge Visa not­wen­dig waren. Ent­schei­dend, so erzähl­te sie, war das letz­te Visum für Hai­ti, weil für die ande­ren Staa­ten dann nur die leich­ter zu beschaf­fen­den Tran­sit­vi­sa not­wen­dig waren. Nach eini­gen Wochen und ver­bun­den mit hohen Kos­ten gelang es ihr, alle not­wen­di­gen Papie­re zu erhal­ten, und sie mach­te sich im Juni 1940 auf die­se lan­ge Rei­se. Als sie drei Mona­te, nach­dem sie Deutsch­land ver­las­sen hat­te, im Hafen von Los Ange­les anlan­de­te, ver­wei­ger­te man ihr wegen der zu hohen Regis­trie­rungs­num­mer die Ein­rei­se und ließ sie nicht von Bord. Mit ande­ren Pas­sa­gie­ren, die das glei­che Pro­blem hat­ten, fuhr sie nach Pana­ma, wo sie etwa ein Drei­vier­tel­jahr blieb, arbei­te­te und einen Öster­rei­cher hei­ra­te­te, des­sen Eltern bereits in New York leb­ten. Durch die­se Ehe, die spä­ter geschie­den wur­de,[28] war es ihr nun immer­hin mög­lich, in die USA einzureisen.

Martha Breitenfeld
Mar­tha Brei­ten­feld, geb. Kat­zen­stein, verw. Marx­hei­mer
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Den Kon­takt zu ihrer Mut­ter und ihrem Stief­va­ter hat­te sie, anders als den zur Schwes­ter in Bra­si­li­en, längst ver­lo­ren. Bei­de waren inzwi­schen von Bel­gi­en wei­ter nach Frank­reich geflo­hen, wo Mart­has Ehe­mann dann ver­haf­tet und in Gurs inter­niert wur­de. Es gelang ihm jedoch, von dort zu flie­hen und sich nach Süd­frank­reich durch­zu­schla­gen. Wie­der folg­te ihm Mar­tha Brei­ten­feld und bei­de tra­fen sich in Mar­seil­le, wo sie aller­dings bei­de erneut ver­haf­tet wur­den. Auf dem Trans­port nach Dran­cy, der Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg nach Ausch­witz, gelang es Mart­has Mann erneut zu ent­kom­men. Nicht aber ihr. Am 6. Novem­ber 1942 wur­de sie von Dran­cy aus in die Todes­fa­brik von Ausch­witz über­stellt und ermor­det.[29]

Sie war damit die ein­zi­ge aus den Fami­li­en der Nach­kom­men von Ben­ja­min und Sett­chen Marx­hei­mer, die dem Holo­caust zum Opfer fiel, denn auch der Fami­lie von Edu­ards Bru­der Eugen gelang es durch glück­li­che Umstän­de immer wie­der, ihrem Schick­sal zu entkommen.

Eugen Marx­hei­mer
©USC Shoa Foundation

Wie bereits ange­merkt, war Eugen Marx­hei­mer in Köln Direk­tor, nach Aus­sa­ge sei­nes Soh­nes Rolf sogar Mit­ei­gen­tü­mer, der ‚Rhei­ni­schen Tele­fon­ge­sell­schaft’. Ent­spre­chend wohl­ha­bend war die Fami­lie, sie besaß ein gro­ßes Mehr­fa­mi­li­en­haus in Köln, in dem sie eine Eta­ge selbst bewohn­te. Haus­an­ge­stell­te nah­men die all­täg­li­che Arbeit und auch teil­wei­se die Erzie­hung der bei­den Kin­der ab. Ver­hei­ra­tet war Eugen Marx­hei­mer seit dem 28. Mai 1921 mit Johan­na Men­del aus Strae­len, einer klei­nen Stadt an der bel­gi­schen Gren­ze. Dort war sie am 29. Okto­ber 1877 in einer gläu­bi­gen jüdi­schen Vieh­händ­ler­fa­mi­lie zur Welt gekom­men. Am 14. März 1923 war zunächst der Sohn Rolf Ben­ja­min, vier Jah­re spä­ter, am 15. Mai 1927, ein wei­te­rer Sohn namens Die­ter Edu­ard gebo­ren worden.

Eugen und Johan­na Marx­hei­mer mit Sohn Rolf
©USC Shoa Foundation

In Köln zähl­ten die assi­mi­lier­ten Marx­hei­mers, bei denen jüdi­sche Tra­di­tio­nen und Glau­bens­in­hal­te kaum noch eine Rol­le spiel­ten, zu den hono­ri­gen Bür­gern der Stadt, mit denen kei­ner zöger­te, gesell­schaft­li­chen Umgang zu pfle­gen. Zum nähe­ren Bekann­ten­kreis gehör­te in der Zeit vor 1933 zum Bei­spiel auch der dama­li­ge Ober­bür­ger­meis­ter und spä­te­re Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er. Und er war nur eine der pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­kei­ten, mit denen die Fami­lie in Berüh­rung kam.

Die­se gedie­ge­ne bür­ger­li­che Welt, in der die Kin­der das renom­mier­tes­te Köl­ner Gym­na­si­um besu­chen durf­ten, zu Hau­se dafür mit Musik­un­ter­richt drang­sa­liert wur­den, brach 1933 zusam­men. Der Vater ver­kauf­te die Tele­fon­ge­sell­schaft, wohl damals schon ahnend, was der NS-Staat mit jüdi­schen Unter­neh­men zu tun gedach­te, und inves­tier­te das Kapi­tal in eine neue Fir­ma in Frank­reich, die diver­se Haus­halts­ar­ti­kel wie Besen, Bürs­ten und der­glei­chen her­stell­te. Sein Schwa­ger Phil­ipp Sämann, der in die­ser Bran­che seit vie­len Jah­ren tätig war, stand ihm dabei zur Sei­te. Auf die­se Wei­se gelang es noch, einen gro­ßen Teil des Ver­mö­gens ins Aus­land zu schaf­fen, bevor die Nazis dem Kapi­tal­trans­fer immer mehr Fes­seln anleg­ten. Nach­dem Eugen Marx­hei­mer 1936 wegen angeb­lich uner­laub­ter Ver­mö­gens­ver­schie­bun­gen von einem Mie­ter sei­nes Hau­ses denun­ziert und dann auch kurz­zei­tig in Haft genom­men wor­den war, ent­schloss sich die Fami­lie, Deutsch­land end­gül­tig zu ver­las­sen. Zwar durf­te man kein Geld mit­neh­men, aber viel Kapi­tal war bereits im Aus­land. Zudem konn­te man damals noch die gesam­te Woh­nungs­ein­rich­tung, wie auch Kunst­wer­ke und Schmuck, durch eine Spe­di­ti­on über die Gren­ze brin­gen las­sen. Zunächst blie­ben sie drei Mona­te in Brüs­sel, gin­gen dann aber nach Paris. In Frank­reich wur­den sie nun ange­fein­det, nicht weil sie Juden, son­dern weil sie Deut­sche – „Boche“ – waren. Trotz­dem flo­rier­te das Unter­neh­men und man konn­te im Wesent­li­chen den gewohn­ten Lebens­stil auf­recht­erhal­ten. Sohn Rolf wur­de nach Eng­land, nach Brigh­ton, geschickt, um sei­ne Sprach­kennt­nis­se zu ver­bes­sern, und trat dort bei einem Ten­nis­match gegen die damals noch jugend­li­che, spä­te­re eng­li­sche Köni­gin Eliza­beth an. Mit Aus­bruch des Krie­ges wur­de er von sei­nem Vater zurück nach Frank­reich beor­dert und die Fami­lie ver­ließ für kur­ze Zeit Paris, da man ver­mu­te­te, die Deut­schen wür­den mit ihrer Luft­waf­fe sofort die Haupt­stadt angrei­fen. Als dies nicht geschah, kehr­ten sie Ende 1939 dort­hin zurück und die Kin­der konn­ten wie­der zur Schu­le gehen. Als dann im Mai 1940 im Wes­ten die Inva­si­on der deut­schen Trup­pen begann, wur­den vie­le Deut­sche, zumeist Juden, von der fran­zö­si­schen Poli­zei inter­niert, auch Eugen Marx­hei­mer und sein ältes­ter Sohn Rolf, der sich in Frank­reich Rene nann­te.[30] Bei­de wur­den per Zug in den Süden gebracht und dort in Lagern unter­ge­bracht – Lager, die aller­dings in kei­ner Wei­se mit deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern zu ver­glei­chen waren –, wäh­rend Johan­na Marx­hei­mer mit dem jün­ge­ren Edu­ard in Paris blei­ben durf­te. Im Herbst konn­ten Eugen Marx­hei­mer mit sei­nem Sohn wie­der zurück­kom­men und Rolf durf­te auch wie­der zur Schu­le gehen. In Phi­lo­so­phie bekam er einen neu­en Leh­rer, der gera­de aus der deut­schen Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­las­sen wor­den war. Sein Name: Jean-Paul Sart­re. Obwohl der gro­ße Phi­lo­soph damals für Rolf noch ein unbe­schrie­be­nes Blatt war, hat­te er ihn und auch sei­ne Mit­schü­ler, wie er sich erin­ner­te, mit sei­nen Fra­ge­stel­lun­gen und Denk­an­sät­zen sofort unglaub­lich fasziniert.

Rolf Marxheimer
Iden­ti­täts­kar­te für Rolf Marx­hei­mer, aus­ge­stellt 1941 in Frank­reich mit Kenn­zeich­nung als Jude
©USC Sho­ah Foundation

1941 wur­de die Situa­ti­on für Juden, für ein­hei­mi­sche wie auch für Flücht­lin­ge, zuneh­mend bedroh­lich. Ein Kol­la­bo­ra­teur wur­de als Geschäfts­füh­rer an die Spit­ze der Fir­ma gesetzt, die Päs­se der Juden erhiel­ten das gro­ße rot ein­ge­färb­te „J“ und man ent­zog den deut­schen Juden ihre bis­he­ri­ge Staats­an­ge­hö­rig­keit. Immer öfter wur­den Freun­de und Bekann­te ver­haf­tet und in einem der Lager wie Gurs oder Dran­cy ein­ge­sperrt. Die Resis­tance hat­te in die­ser Zeit Kon­takt mit Rolf Marx­hei­mer auf­ge­nom­men, um ihn wegen sei­ner per­fek­ten fran­zö­si­schen und deut­schen Aus­spra­che um Hil­fe bei der Befrei­ung von Gefan­ge­nen aus Dran­cy zu bit­ten. Zwei­mal betei­lig­te er sich, aus­ge­stat­tet mit fal­schen Papie­ren und ohne Wis­sen sei­ner Eltern, an sol­chen gefähr­li­chen, clan­des­ti­nen Aktio­nen.
In die­ser Zeit ent­schlos­sen sich die Marx­hei­mers, ihr bis­he­ri­ges Exil in Frank­reich so schnell wie mög­lich zu ver­las­sen. Der bra­si­lia­ni­sche Bot­schaf­ter war bereit, Visa für Juden aus­zu­stel­len, aber Eugen Marx­hei­mer besaß kei­nen gül­ti­gen Rei­se­pass mehr, in den das Visum hät­te ein­ge­tra­gen wer­den kön­nen. Bei dem Ver­such, eine Ver­län­ge­rung des Doku­ments bei der Pari­ser Gesta­po­füh­rung zu errei­chen, wur­de er ver­haf­tet. Begrün­dung: „Fre­cher Jude“. Aller­dings – wie­der eines der vie­len Wun­der – wur­de er wohl auf Für­spra­che einer Büro­kraft im Gesta­po-Haupt­quar­tier, bei der Johan­na Marx­hei­mer vor­stel­lig gewor­den war, nach zwei Wochen ent­las­sen und nicht, wie sonst üblich, in ein deut­sches KZ überstellt.

Ende 1941 fuhr die Fami­lie getrennt und zu unter­schied­li­chen Zei­ten in das „freie Frank­reich“ nach Gre­no­ble, wo sie sich ein­mal in der Woche bei der Poli­zei mel­den muss­te. Im Sep­tem­ber kam das Gerücht auf, es wer­de eine groß­an­ge­leg­te Raz­zia geben, bei der alle Juden ver­haf­tet und depor­tiert wer­den soll­ten. Zustän­dig war die Vichy-Poli­zei. Nur die­je­ni­gen, die nach­wei­sen konn­ten, auf der Sei­te Frank­reichs gestan­den zu haben, hat­ten eine Chan­ce, frei­ge­las­sen zu wer­den. Der ehe­ma­li­ge fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin, der inzwi­schen in der Nähe von Gre­no­ble wohn­te, bestä­tig­te, dass die Fir­ma Marx­hei­mer das fran­zö­si­sche Mili­tär belie­fert hat­te, und erreich­te so wie­der ein­mal die Frei­las­sung. Aber er warn­te auch, dass er beim nächs­ten Mal nicht mehr wür­de hel­fen kön­nen, und fleh­te sie an, Frank­reich schnells­tens zu ver­las­sen. Aber ohne gül­ti­ge Papie­re gab es nur die Mög­lich­keit, über die grü­ne Gren­ze in die Schweiz zu gelan­gen, ein gefähr­li­cher Weg über die Ber­ge, auf bei­den Sei­ten der Gren­ze von Patrouil­len bewacht. Zuerst bra­chen die bei­den Söh­ne auf, wur­den ent­deckt, aber dann von den fran­zö­si­schen Gren­zern doch wie­der frei­ge­las­sen. Die Eltern folg­ten, nach­dem sie in Gre­no­ble über Umwe­ge eine Nach­richt erhal­ten hat­ten, dass die Flucht ihrer Kin­der gelun­gen war. Dank eines freund­li­chen Gren­zers und des Glücks, dass das Gold, das in dem Kof­fer ein­ge­näht war, unent­deckt blieb, wur­den auch sie über die Gren­ze gelas­sen und die Fami­lie traf in Lau­sanne zusam­men.[31]

In der Schweiz stu­dier­te Rolf an einer tech­ni­schen Hoch­schu­le Inge­nieurs­wis­sen­schaft, Edu­ard dage­gen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Nach dem Ende des Krie­ges wan­der­ten sie im Dezem­ber 1947 von Rot­ter­dam kom­mend zusam­men in die USA ein und bean­trag­ten dort 1953, als Staats­bür­ger auf­ge­nom­men zu wer­den.[32]

Edu­ard Marx­hei­mer war 1950 in die ame­ri­ka­ni­sche Armee ein­ge­tre­ten und hat­te in deren Auf­trag in den Fünf­zi­ger­jah­ren in Deutsch­land, in Mann­heim, gear­bei­tet und mit den Deut­schen ver­han­deln müs­sen. Der Ein­druck, den die Deut­schen damals bei ihm hin­ter­las­sen hat­ten, erschüt­ter­te ihn auch noch 50 Jah­re spä­ter: „It was unre­al. The­re I was in Ger­ma­ny tal­king to – that was my job in the Ame­ri­can Army – for­mer Nazis. And I could​n’d belie­ve it. The­se guys were still abso­lut­e­ly and com­ple­te con­vin­ced of the supe­rio­ri­ty of the ary­en race and that the ary­en race will win the next war and take over the world.”[33]

Wie für ihre bei­den Brü­der spiel­te das Rhein­land auch im Leben von Adel­haid, dem jüngs­ten der Kin­der von Ben­ja­min und Sett­chen Marx­hei­mer, eine zen­tra­le Rol­le. Adel­haid, mit­un­ter auch Adel­heid geschrie­ben, war am 11. April 1885 in Wies­ba­den gebo­ren wor­den.[34] Mög­li­cher­wei­se hat­te sie durch ihre Brü­der auch ihren zukünf­ti­gen Ehe­mann, der zum Zeit­punkt der Hei­rat in Düs­sel­dorf wohn­te, ken­nen­ge­lernt. Der jüdi­sche Kauf­mann Phil­ipp Sämann stamm­te ursprüng­lich aus dem klei­nen mit­tel­frän­ki­schen Ort Sugen­heim bei Neu­stadt an der Eich, wo er am 19. Janu­ar 1880 als Sohn von Gabri­el und Jet­ta Sämann, gebo­re­ne Win­ter, zur Welt gekom­men war.[35] Die Ehe wur­de zwar dann am 5. Dezem­ber 1907 in Wies­ba­den geschlos­sen,[36] aber das Paar leb­te anschlie­ßend in Düs­sel­dorf. Dort betrieb Phil­ipp Sämann in der Duis­bur­ger Str. 77 ein Han­dels­ge­schäft und ein Lager für Bürs­ten und ähn­li­che Haus­halts­ar­ti­kel. Kin­der schei­nen aus der Ehe aber nicht her­vor­ge­gan­gen zu sein.
Es ist nicht bekannt, ob es einen kon­kre­ten Anlass gab, der das Paar ver­an­lass­te, schon am 29. Sep­tem­ber 1934 Deutsch­land zu ver­las­sen und sich in den Nie­der­lan­den nie­der­zu­las­sen.[37] Aber auch die­se mög­li­che Weit­sicht hat­te ihr Leben letzt­lich nicht ret­ten kön­nen. Zunächst konn­ten sie aber nach der Flucht ihr Gewer­be auch in den Nie­der­lan­den wohl mit recht gro­ßem Erfolg wei­ter betrei­ben und sogar dem Bru­der bzw. Schwa­ger – wie bereits erwähnt – beim Auf­bau eines ähn­li­chen Unter­neh­mens in Frank­reich behilf­lich sein. Nach­dem die deut­schen Trup­pen das Land besetz­ten, gehör­ten sie als Juden aber wie­der zu den Ver­folg­ten. Zu die­sem Zeit­punkt leb­ten in Hol­land 140 000 Juden, dar­un­ter 25 000 Flücht­lin­ge aus Deutsch­land. Spä­tes­tens ab dem Früh­jahr 1941 wur­de unter dem dort ein­ge­setz­ten Reichs­kom­mis­sar Seyß-Inquart die Lage für alle immer bedroh­li­cher: Ver­haf­tun­gen und Durch­su­chun­gen allent­hal­ben aus gerings­tem Anlass, und ab Juli 1942 began­nen dann die Mas­sen­de­por­ta­tio­nen in die Ver­nich­tungs­la­ger im Osten Europas.

Philipp Sämann
Gefan­ge­nen­kar­te von Phil­ipp Sämann aus Wes­ter­bork
Arol­sen Archiv
Gefan­ge­ne bestei­gen in Wes­ter­bork die Züge in den Osten
https://​www​.yad​vas​hem​.org/de​/collections​/about-deportation-project.html

Am 23. Sep­tem­ber wur­den auch Phil­ipp und Adel­haid Sämann an ihrem Wohn­ort Buss­um ver­haf­tet und in das berüch­tig­te Sam­mel­la­ger Wes­ter­bork über­stellt, wo sie rund ein­ein­halb Jah­re unter unmensch­li­chen Bedin­gun­gen aus­har­ren muss­ten. Am 4. Sep­tem­ber 1944 brach­te sie dann  einer der vie­len Züge von dort zunächst in das Ghet­to The­re­si­en­stadt. Am 23. Okto­ber 1944 ver­ließ der Zug  mit der Bezeich­nung „Et“ mit 1715 Jüdin­nen und Juden das Ghet­to, um die­se Men­schen nach Ausch­witz zu brin­gen. Zwar wur­den nach einer Selek­ti­on davon mehr als 400 in Durch­gangs- oder Neben­la­ger über­führt. Von die­sen über­leb­ten 210 den Holo­caust. Phil­ipp und Adel­haid Sämann gehör­ten nicht dazu. Bei­de wur­den zwei Tage nach ihrer Ankunft im Gas von Bir­ken­au ermor­det.[38]

 

Die Fami­lie von Samu­el Sieg­mund und Rös­chen Marxheimer

 

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Antrag auf Errich­tung einer Ger­be­rei
HHStAW 422 1049 (1)
Briefkopf Marxheimer
Brief­kopf der Fir­ma Sieg­mund Marx­hei­mer
HHStAW 422 1040 (48)

Das ers­te Kind von Bene­dict und Adel­heid Marx­hei­mer, das Lan­gen­schwal­bach ver­las­sen hat­te, um sich in Wies­ba­den anzu­sie­deln, war Samu­el Sieg­mund, der aber nur unter sei­nem nicht­jü­di­schen Vor­na­men bekannt war. 1869 hat­te der um 1856 gebo­re­ne Sieg­mund in Wies­ba­den eine Leder­hand­lung eröff­net, ver­mut­lich zunächst als eine Depen­dance des Lan­ge­schwal­ba­cher Geschäfts.[39] Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1869/​70 ist er erst­mals mit der Adres­se Mark­str. 36 gemel­det. Ob er auch wei­ter­hin an der Fir­ma sei­nes Bru­ders Löb in Lan­gen­schwal­bach betei­ligt war, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Aber 1905 stell­te er den Antrag, in Lan­gen­schwal­bach eine eige­ne Ger­be­rei und Leder­zu­rich­te­rei errich­ten zu dür­fen. Nach einem hal­ben Jahr wur­de ihm nach Ein­spruch eines Zell­stoff­fa­bri­kan­ten, der für sei­ne Pro­duk­ti­on bis­her den glei­chen Bach genutzt hat­te, die ent­spre­chen­de Geneh­mi­gung unter ver­schie­de­nen Umwelt­auf­la­gen erteilt. Ob die Ger­be­rei tat­säch­lich gebaut und zur Pro­duk­ti­on genutzt wur­de, ob viel­leicht Löb eine Funk­ti­on dort inne­hat­te, ließ sich nicht klä­ren.[40]

Lei­der konn­te auch nicht ermit­telt wer­den, wann Sieg­mund Marx­hei­mer die aus Weil­müns­ter stam­men­de Rös­chen Feist, Toch­ter von Fer­di­nand und Heim­chen Feist, gebo­re­ne Heymann, hei­ra­te­te. Aus der Alters­an­ga­be in ihrem Ster­be­ein­trag ergibt sich, dass sie um das Jahr 1843 gebo­ren wor­den sein muss.[41] Ver­mut­lich hat die Ehe­schlie­ßung aber um 1870 statt­ge­fun­den, denn am 28. Febru­ar 1871 wur­de in Wies­ba­den das ers­te Kind des Paa­res, der spä­ter sehr bekann­te Rechts­an­walt Moritz Marx­hei­mer, gebo­ren.[42] Wies­ba­den war auch der Geburts­ort der wei­te­ren sechs Kin­der. Im fol­gen­den Jahr kam am 29. Mai die ein­zi­ge Toch­ter Johan­na zur Welt[43] und wie­der­um ein Jahr spä­ter, am 16. Dezem­ber 1873, der spä­te­re Juden­haus­be­sit­zer Leo­pold.[44] Dann wur­den die Abstän­de der Gebur­ten etwas grö­ßer. Juli­us wur­de am 18. August 1875 gebo­ren,[45] Emil Moses am 15. August 1877,[46] Saly am 7. April 1880[47] und zuletzt Ben­ja­min am 29. August 1886.[48]

 

Moritz Marx­hei­mer

Moritz, der ältes­te und sicher auch bekann­tes­te der Nach­kom­men von Sieg­mund und Rös­chen Marx­hei­mer, nahm, nach­dem er 1889 sein Abitur an dem huma­nis­ti­schen Gym­na­si­um am Lui­sen­platz, der heu­ti­gen Dil­they-Schu­le, abge­legt hat­te, im fol­gen­den Jahr sein Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten auf, das ihn nach Hei­del­berg, Ber­lin und Mar­burg führ­te. Nach Abschluss des Refe­ren­da­ri­ats ließ er sich in sei­ner Hei­mat­stadt als Rechts­an­walt nie­der. Am 10. Mai 1899 wur­de er am Land­ge­richt Wies­ba­den, am 6. Sep­tem­ber 1919 auch am Land­ge­richt in Frank­furt zuge­las­sen, wohin er nach dem Ers­ten Welt­krieg sei­ne Anwalts­pra­xis für eine kur­ze Zeit ver­legt hat­te. Kurz zuvor war er am 10. Juli 1919 zum Notar bestellt wor­den.[49] Noch wäh­rend des Krie­ges, in dem er zum Dienst „im Feld“ her­an­ge­zo­gen wur­de,[50] hat­te man ihm den Titel eines Jus­tiz­rats ver­lie­hen.
1921 kehr­te er von Frank­furt nach Wies­ba­den zurück und grün­de­te mit Dr. Alfred Lands­berg und Dr. Karl Weber eine Kanz­lei. Wäh­rend der Kriegs­frei­wil­li­ge Dr. Alfred Lands­berg auf­grund der anti­se­mi­ti­schen Stim­mungs­ma­che im Zusam­men­hang mit der „Dolch­stoß­le­gen­de“ zu einem enga­gier­ten Zio­nis­ten wur­de, hat­te der Sozi­us Karl Weber einen christ­li­chen Hin­ter­grund. Wie bedeu­tungs­los die reli­giö­se Ein­stel­lung der Men­schen in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik zumin­dest für die Mehr­heit, gera­de in den eher geho­be­nen Schich­ten, war, zeigt sich dar­an, dass die Sozie­tät in der Lui­sen­str. 41 mit ihren zwei jüdi­schen Anwäl­ten zu einer der bedeu­tends­ten Kanz­lei­en der Stadt avancierte.

Über die pri­va­ten Ver­hält­nis­se von Moritz Marx­hei­mer ist nur wenig bekannt. Am 27. April 1904 hei­ra­te­te er Eli­se Hen­ri­et­te Stein­hart, genannt Else oder auch Elsa, gebo­ren am 12. April 1882 in Mün­chen.[51] Kin­der sind aus der Ehe nicht her­vor­ge­gan­gen, und wohl nicht erst in den letz­ten Jah­ren leb­te das Paar auch von­ein­an­der getrennt. Im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 sind sie bei­de zwar noch als Bewoh­ner des Hau­ses Uhland­str. 8 ein­ge­tra­gen, aber ob das den Tat­sa­chen ent­sprach, ist eher frag­lich. Denn schon im Jahr 1926 hat­te Moritz Marx­hei­mer ein Ver­mächt­nis für sei­ne lang­jäh­ri­ge Haus­halts­hil­fe Emi­lie Roth for­mu­liert, in dem er ihr „in dank­ba­rer Aner­ken­nung ihrer lang­jäh­ri­gen treu­en Diens­te, ins­be­son­de­re wäh­rend der vie­len Jah­re, in wel­chen mei­ne Frau abwe­send war, eine lebens­läng­li­che Ren­te von 1200 Reichs­mark“ zusi­cher­te.[52] Auch auf der Gestapo­kar­tei­kar­te von Moritz Marx­hei­mer ist fest­ge­hal­ten, dass das Paar getrennt leben wür­de. Zum Zeit­punkt der Volks­zäh­lung im Mai 1939 wohn­te Eli­se Marx­hei­mer in Ber­lin-Wil­mers­dorf in der Lit­zen­bur­ger Str. 51[53] und erhielt von ihrem Mann eine monat­li­che finan­zi­el­le Unter­stüt­zung. Seit wann das der Fall war und ob es zwi­schen­zeit­lich auch wie­der Pha­sen des gemein­sa­men Lebens gab, ist nicht zu sagen, aber sie blie­ben bis zuletzt in engem Kon­takt mit­ein­an­der und schei­nen auch alle finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten ein­ver­nehm­lich getrof­fen zu haben.

Wiesbaden Uhlandstr. 8
Das Haus von Moritz Marx­hei­mer in der Uhland­str. 8
Eige­ne Aufnahme

Wie gut die Kanz­lei in den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten lief, zeigt sich allein dar­an, dass Moritz Marx­hei­mer schon zu Beginn des Kriegs ein archi­tek­to­ni­sches Juwel Wies­ba­dens als Wohn­sitz erwer­ben konn­te. Die gro­ße Vil­la in der Uhland­str. 8, erbaut um die Jahr­hun­dert­wen­de im damals ange­sag­ten Renais­sance­stil,[54] bewohn­te er zunächst mit sei­ner Frau, spä­ter dann allei­ne, aller­dings umsorgt von der lang­jäh­ri­gen Haus­halts­hil­fe. Erst spä­ter wur­de die unte­re Eta­ge abge­trennt und als eige­ne Woh­nung ver­mie­tet.[55] Zudem besaß Moritz Marx­hei­mer als Kapi­tal­an­la­ge seit Mit­te der Zwan­zi­ger­jah­re auch das Haus Ecker­för­der Str. 21, das 1928 mit einem Ein­heits­wert von 54.200 RM taxiert wor­den war.[56] .

Allein aus die­sen Ver­mö­gens­wer­ten kann man auf das frü­he­re Ein­kom­men des Anwalts und Notars schlie­ßen. Finanz­ak­ten aus den ers­ten Jahr­zehn­ten der Kanz­lei sind lei­der nicht erhal­ten geblie­ben, sodass man auch in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren auf vage Infor­ma­tio­nen bau­en muss­te. Aber immer­hin konn­te das Finanz­amt Wies­ba­den mit Ein­kom­mens­zah­len aus den Jah­ren 1930 bis 1938, dem letz­ten Jahr, in dem er ein Ein­kom­men ver­zeich­nen konn­te, auf­war­ten. In den Jah­ren vor 1933 beweg­te sich das jähr­li­che Ein­kom­men aus sei­ner anwalt­li­chen Tätig­keit grob zwi­schen 30.000 und 40.000 RM. Schon im ers­ten Jahr nach der „Macht­er­grei­fung“ hal­bier­te es sich gegen­über 1930 auf nur noch 17.000 RM, um in den fol­gen­den Abrech­nungs­pe­ri­oden kon­ti­nu­ier­lich abzu­neh­men. 1935 betrug es noch 12.000 RM, im fol­gen­den Jahr knapp 4.000 RM und 1938 dann nur noch 1.623 RM.[57] Sein Gesamt­ein­kom­men lag in all die­sen Jah­ren aller­dings beträcht­lich höher, da er sowohl aus sei­nem Miets­haus als auch in noch grö­ße­rem Umfang aus der Ver­zin­sung sei­ner Wert­pa­pie­re Ein­kom­men bezog. Betrach­tet man die­se Zah­len, so zei­gen sie aber die glei­che Ten­denz. Lag sein zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men 1933 noch bei 24.000 RM, so sank es 1938 auf rund 10.000 RM und betrug 1940 nur noch 5.400 RM.[58]
Die Zah­len spie­geln nur die zuneh­men­de Ent­rech­tung der Juden über­haupt in die­sem Zeit­raum wider, im Beson­de­ren die der jüdi­schen Anwäl­te. Zwar durf­te Moritz Marx­hei­mer, anders als vie­le jün­ge­re jüdi­sche Anwäl­te, zunächst noch wei­ter­ar­bei­ten, weil er unter die soge­nann­te „Alt­an­walts­re­gel“ fiel,[59] aber am 14. Novem­ber 1935 ver­lor auch er sein Nota­ri­at. Am 1. Dezem­ber 1938 strich man dann die noch prak­ti­zie­ren­den jüdi­schen Anwäl­te end­gül­tig aus den Zulas­sungs­lis­ten, und auch Moritz Marx­hei­mer durf­te fort­an nur noch als „Kon­su­lent“ für jüdi­sche Kli­en­ten tätig werden.

Moritz Marx­hei­mer bit­tet das Finanz­amt im Febru­ar 1939 ihn von der Lis­te der Umsatz­steu­er­pflich­ti­gen zu strei­chen, da er kei­ne Ein­nah­men mehr zu erwar­ten habe.
HHStAW 685 555c (66)

Unter die­sem äuße­ren Druck lös­te sich auch all­mäh­lich die gemein­sa­me Kanz­lei auf. Dr. Lands­berg, der schon 1932 aus­ge­schie­den war, um nach Paläs­ti­na aus­zu­wan­dern, konn­te damals noch durch den jun­gen, aber nicht weni­ger renom­mier­ten Anwalt Sieg­fried Hall­gar­ten ersetzt wer­den. Aller­dings fiel die­ser nicht unter die „Alt­an­walts­re­gel“ und erhielt schon im Som­mer 1933 Berufs­ver­bot, wes­halb er sich gezwun­gen sah, nach Eng­land aus­zu­wan­dern.[60] Im Sep­tem­ber 1933 ver­ließ auch Karl Weber die Pra­xis und Moritz Marx­hei­mer ver­leg­te sei­ne Kanz­lei von der Wil­helm­stra­ße in die Rhein­str. 39.

Sein Ver­mö­gen soll laut Finanz­amt Wies­ba­den zum 1. Janu­ar 1935 einen Wert von 298.212 RM betra­gen haben, wes­halb die Reichs­flucht­steu­er­stel­le im Okto­ber 1938 von ihm eine Sicher­heit für eine mög­li­cher­wei­se fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er von knapp 75.000 RM for­der­te.[61]

Es wird ange­nom­men, dass er selbst nicht gewillt war, Deutsch­land und wohl noch weni­ger sei­ne Jüdi­sche Gemein­de in Wies­ba­den zu ver­las­sen. Dies bezeug­te der ehe­ma­li­ge Fried­hofs­ver­wal­ter Mau­rer im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, in dem es eigent­lich dar­um ging, ob Moritz Marx­hei­mer zuletzt noch so rüs­tig gewe­sen sei, um sei­nen beruf­li­chen Ver­pflich­tun­gen nach­kom­men zu kön­nen. Mau­rer sag­te damals aus, dass er Moritz Marx­hei­mer „wie­der­holt gebe­ten hät­te, ins Aus­land zu gehen“, er dies aber immer im Hin­blick auf sei­ne Ver­pflich­tung gegen­über der jüdi­schen Gemein­de abge­lehnt habe.[62] Und die­se Ver­pflich­tun­gen waren nicht nur viel­fäl­tig, son­dern sie waren in die­sen letz­ten Jah­ren auch weit­aus ner­ven­auf­rei­ben­der, als es eine Anwalts­tä­tig­keit übli­cher­wei­se gewe­sen wäre.[63] Auch bestan­den sie schon seit vie­len Jah­ren. Bereits 1922 hat­te er die Jüdi­schen Gemein­den aus Nas­sau bei der Grün­dungs­ver­samm­lung des Preu­ßi­schen Lan­des­ver­ban­des ver­tre­ten und im fol­gen­den Jahr wur­de er Vor­sit­zen­der der Gemein­de, eine Auf­ga­be, der er sich in all den fol­gen­den Jah­ren der poli­ti­schen Wir­ren und Bedrän­gun­gen über nahe­zu zwan­zig Jah­re und somit fast bis zum Ende der Gemein­de 1942 mit gro­ßer Auf­op­fe­rung annahm.
Und die­se Arbeit war nicht sein ein­zi­ges Enga­ge­ment für das jüdi­sche Gemein­de­le­ben in Wies­ba­den. Bereits wäh­rend des Stu­di­ums gehör­te er zu den Grün­dungs­mit­glie­dern der jüdi­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung „Bade­nia“ in Hei­del­berg. Schaut man sich die Zusam­men­stel­lung der ver­schie­de­nen jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und deren Mit­glie­der im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 so fin­det man zig mal den Namen von Moritz Marx­hei­mer: Er war Mit­glied im „Cen­tral­ver­ein der Juden in Deutsch­land“, im „Hilfs­ver­ein der Juden in Deutsch­land“, im „Israe­li­schen Wai­sen­un­ter­stüt­zungs­ver­ein“, im „Jüdi­schen Lehr­haus“, im Ver­ein „Kin­der­ta­ges­heim“, im „Reichs­bund Jüdi­scher Front­sol­da­ten“, in der Ver­ei­ni­gung „Ritu­el­le Küche für den Mit­tel­stand“ und im „Ver­ein zur Errich­tung eines israe­li­ti­schen Kran­ken­hau­ses und Schwes­tern­heims“, sei­ne Frau Else enga­gier­te sich im „Ver­band jüdi­scher Frau­en für Paläs­ti­na-Arbeit“ und in der „Ver­ei­ni­gung Jüdi­scher Frau­en“.[64]

Paul Laza­rus, der lang­jäh­ri­ge Rab­bi­ner der Gemein­de, schrieb in sei­nem Erin­ne­rungs­buch über Moritz Marx­hei­mer: „Sei­ne gan­ze Lie­be galt der Gemein­de Wies­ba­den, die er dann spä­ter so lan­ge, in guten wie vor allem in so schwe­ren Jah­ren führ­te und sie zu einer gro­ßen blü­hen­den Gemein­de in Deutsch­land aus­zu­bau­en ver­stand, gemein­sam mit sei­nen Mit­ar­bei­tern im Vor­stand. (…) Alle sei­ne Gehil­fen, den ver­schie­dens­ten jüdisch-poli­ti­schen Par­tei­en und sozia­len Schich­ten ange­hö­rig, ord­ne­ten sich bereit­wil­lig dem Vor­sit­zen­den unter: sein Rat such­te man in allen schwie­ri­gen Fäl­len. Über alle Par­tei­en hin­weg war ihm die Ein­heit der Gemein­de, an der er mit allen Fasern sei­ner See­le hing und für deren Wohl er unab­läs­sig bis zu sei­ner Depor­tie­rung besorgt war, das Höchs­te. (…) Sein Name bleibt mit der Geschich­te der Gemein­de Wies­ba­dens, vor allem in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten ihres Bestehens, für immer ver­bun­den.“[65]

Auch Faber nimmt in sei­nem Arti­kel über die jüdi­schen Juris­ten die­ses Nar­ra­tiv auf, wenn er schreibt: „Obwohl ihm vor Aus­bruch des Krie­ges mehr­fach ange­bo­ten wor­den war, nach Eng­land aus­zu­wan­dern, blieb er in Wies­ba­den, um sich auch wei­ter­hin um die Jüdi­sche Gemein­de zu küm­mern; er woll­te die zurück­ge­blie­be­nen Mit­glie­der ‚nicht im Stich las­sen’.“[66]
Es mag sein, dass gera­de die Aus­wan­de­rung von Paul Laza­rus im Jahr 1939 nach Paläs­ti­na Moritz Marx­hei­mer zunächst zum Blei­ben bewo­gen hat­te, weil er sich als ein­zig ver­blie­be­ne Instanz ansah, die der Gemein­de wenigs­tens in die­ser letz­ten Pha­se ihrer Exis­tenz ein Mini­mum an Sta­bi­li­tät und Kon­ti­nui­tät ver­lei­hen konn­te.
Aller­dings spre­chen gegen die­ses schö­ne Bild vom guten Hir­ten, der in der Gefahr bei sei­ner Her­de bleibt, meh­re­re Indi­zi­en und auch deut­li­che Belege.

Auswanderung Moritz Marxheimer
Aus­wan­de­rung Moritz Marx­hei­mer
HHStAW 685 555a (148)
Auswanderung Moritz Marxheimer
Aus­wan­de­rung Moritz Marx­hei­mer
HHStAW 685 555a (21)

Spä­tes­tens seit 1939 hat­te auch Moritz Marx­hei­mer Maß­nah­men in die Wege gelei­tet, um Deutsch­land zu ver­las­sen. So hat­te er bereits im März 1939 beim Finanz­amt Wies­ba­den eine steu­er­li­che Unbe­denk­lich-keits­be­schei­ni­gung mit der Begrün­dung bean­tragt, er wol­le am 30. Juni 1939 aus­wan­dern.[67] Immer­hin eine sehr kon­kre­te Anga­be. Das Finanz­amt berech­ne­te dar­auf die fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er – sein Ver­mö­gen war u. a. durch die Zah­lungs­ver­pflich­tung zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be erheb­lich geschwun­den – auf etwas mehr als 45.000 RM.[68] Im Zusam­men­hang mit der Zah­lung der „Süh­ne­leis­tung“ gab er in einem For­mu­lar­blatt jeweils an, dass er mit sei­ner Ehe­frau „so bald als mög­lich“ aus­zu­wan­dern beab­sich­ti­ge und dafür Geld­mit­tel in noch nicht bekann­ter Höhe benö­ti­ge.[69]

Noch 1939 war es auch zu einem Ver­trags­ab­schluss über den Ver­kauf des Hau­ses in der Uhland­stra­ße gekom­men. Genau­er: Die Vil­la soll­te gegen ein Haus in Argen­ti­ni­en, das einem Franz Bas­se gehör­te, getauscht wer­den. Die­ser woll­te als Rück­keh­rer sich wie­der in Deutsch­land ansie­deln, was zu die­sem Zeit­punkt sicher eini­ges über die poli­ti­sche Hal­tung die­ses Aspi­ran­ten ver­rät. Ver­mut­lich ging man auch des­halb davon aus, dass die Behör­den die­sem Tausch ohne Pro­ble­me ihr Pla­zet geben wür­den. Dem war aber nicht so. Wegen einer unge­klär­ten Hypo­the­ken­be­las­tung ver­wei­ger­te der Regie­rungs­prä­si­dent dem Ver­trag die Zustim­mung.[70] Wahr­schein­lich war das der Grund, wes­halb Moritz Marx­hei­mer damals zunächst in Deutsch­land blieb. Aber auf­ge­ge­ben hat­te er sei­ne Absicht kei­nes­wegs, was man dar­an sehen kann, dass der Fäl­lig­keits­ter­min der Reichs­flucht­steu­er von die­sem Zeit­punkt an um jeweils ein Vier­tel­jahr nach hin­ten ver­scho­ben wur­de, zunächst auf den 31. 12 1939, dann auf den 31. März, den 30. Juni 1940 usw. bis zum letz­ten Ter­min, dem 31. März 1941.[71] Ein wei­te­rer Brief vom Mai des glei­chen Jah­res an das Finanz­amt Wies­ba­den belegt, dass er noch immer die Absicht hat­te, aus Deutsch­land her­aus­zu­kom­men. Er bat dar­in um eine der übli­chen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen, die die Pfän­dung von Wert­pa­pie­ren zur Siche­rung sei­ner Reichs­flucht­steu­er bestä­ti­gen soll­te. Er müs­se ein sol­ches Schrei­ben bei der Devi­sen­stel­le vor­le­gen, wo er als Inter­es­sent für den Erwerb von Grund­be­sitz in Argen­ti­ni­en gemel­det sei. Der dor­ti­ge Eigen­tü­mer, ein Deut­scher, habe, wie in dem vor­he­ri­gen Fall, die Absicht, in das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land zurück­zu­keh­ren.[72] Das Finanz­amt bestä­tig­te, dass er kei­ne Steu­er­rück­stän­de habe. Ob der Erwerb des argen­ti­ni­schen Grund­stücks aber zustan­de kam, ist unbe­kannt. Aber am 10. Sep­tem­ber 1941 über­wies Moritz Marx­hei­mer den hohen Betrag von 47.300 RM von sei­nem Kon­to auf das der „Deut­schen Gold­dis­kont­bank“.[73] Spä­ter wur­de noch ein wei­te­rer Betrag von mehr als 10.000 RM auf die­ses Kon­to über­wie­sen, sodass ins­ge­samt fast 60.000 RM bei die­ser staat­li­chen Bank hin­ter­legt waren. Ein sol­cher Kapi­tal­trans­fer dien­te nor­ma­ler­wei­se dazu, den ent­spre­chen­den Betrag unter hohen Abzü­gen – zuletzt bis zu 94 Pro­zent – in Form von Devi­sen zurück­zu­er­hal­ten.[74] Wenn man sol­che Ein­bu­ßen in Kauf zu neh­men bereit war, dann muss­te man in jedem Fall schon sehr ernst­haft die Emi­gra­ti­on ins Auge gefasst haben. Auch die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de wer­te­te spä­ter die­se Kapi­tal­ein­la­ge als Beleg dafür, „dass der Ver­folg­te zur Aus­wan­de­rung ent­schlos­sen war, um natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gungs­maß­nah­men zu ent­ge­hen, und dass die­ser Betrag für einen Trans­fer ver­wen­det wer­den soll­te.“[75] Als Moritz Marx­hei­mer die­se Ein­zah­lun­gen vor­nahm, war es aller­dings bereits zu spät. Er blieb not­ge­drun­gen, viel­leicht aber auch aus Pflicht­ge­fühl bis zum bit­te­ren Ende.

Wie­so die Plä­ne nicht schon frü­her rea­li­siert wer­den konn­ten, geht aus den Akten nicht her­vor. Mög­li­cher­wei­se gab es büro­kra­ti­sche Hür­den, Pro­ble­me beim Kapi­tal­trans­fer oder Ähn­li­ches, aber ganz sicher war es bei ihm auch eine Fra­ge der Ent­schluss­kraft. Ganz sicher wird auch er eine solch schwer­wie­gen­de Ent­schei­dung immer wie­der neu reflek­tiert und abge­wo­gen haben – gute Argu­men­te gab es in die­sem Dilem­ma für bei­de Sei­ten und alle guten Argu­men­te erwie­sen sich unter einer ande­ren Per­spek­ti­ve als falsch, als unver­ant­wort­lich. Zuletzt nahm ihm der NS-Staat die Ent­schei­dung ab: Am 1. Okto­ber 1941 wur­de die Aus­wan­de­rung von Juden durch die Reichs­re­gie­rung gene­rell untersagt.

Ausreise Elsa Marxheimer
Moritz Marx­hei­mer finan­ziert die Aus­rei­se sei­ner Frau nach Argen­ti­ni­en
HHStAW 519/​3 4762 (48)

Aber immer­hin war sei­ner Frau Else die Emi­gra­ti­on nach Argen­ti­ni­en noch gelun­gen, und mög­li­cher­wei­se soll­te der Geld­trans­fer und der Ver­such oder auch der tat­säch­li­che Erwerb der Immo­bi­lie in Argen­ti­ni­en zu ihrem Unter­halt die­nen. Er hat­te schon zuvor die Sicher­heit für die Reichs­flucht­steu­er gestellt,[76] die am 31. Mai 1940 nach einer Neu­be­rech­nung auf 5.000 RM fest­ge­setzt wur­de. Am glei­chen Tag bat er dar­um, 7.000 RM von sei­nem gesi­cher­ten Kon­to auf das sei­ner Frau in Ber­lin zur Finan­zie­rung der Schiffs­pas­sa­ge frei­zu­ge­ben. Auch die übri­gen Kos­ten für die Spe­di­ti­on u. a. über­nahm er.[77] Die Dego-Abga­be über 1.400 RM für die neu erwor­be­nen Waren, die Elsa Marx­hei­mer vor ihrer Aus­rei­se nach Argen­ti­ni­en noch ange­schafft hat­te, wur­de eben­falls von sei­nem Kon­to abge­bucht.[78]

Über das Leben sei­ner Frau im argen­ti­ni­schen Exil ist nichts bekannt. Sie ver­starb dort schon weni­ge Jah­re nach dem Kriegs­en­de am 10. Juli 1948 im Alter von 66 Jah­ren.[79]

Mit der schwie­ri­gen Fra­ge, gehen oder blei­ben, muss­te sich Moritz Marx­hei­mer spä­tes­tens seit der Reichs­po­grom­nacht, seit­dem klar war, dass Juden in die­sem Land kei­nen siche­ren Ort mehr fin­den wür­den, befasst haben. Zwar blieb die Vil­la in der Uhland­stra­ße damals von den SA-Hor­den ver­schont [80] und es gibt auch kei­nen Hin­weis dar­auf, dass er mit den ande­ren erwach­se­nen männ­li­chen Juden nach Buchen­wald ver­bracht wur­de, aber die finan­zi­el­len Kon­se­quen­zen hat­te auch er zu tragen.

Als soge­nann­te „Süh­ne­leis­tung“ muss­te er einen Betrag von ins­ge­samt 63.500 RM in fünf Raten à 12.700 RM, sei­ne Frau 11.500 RM in Raten à 2.300 RM auf­brin­gen.[81] Zu einem wesent­li­chen Teil – 7.000 RM sind belegt – wur­de der Betrag durch die Abga­be von Wert­pa­pie­ren begli­chen.[82] Ob der Beschluss, sich von sei­nem Haus in der Eckern­för­der Str. 21 zu tren­nen, auch aus der hohen Zah­lungs­ver­pflich­tung resul­tier­te oder eher wegen der beab­sich­tig­ten Aus­wan­de­rung erfolg­te, ist nicht klar, ver­mut­lich hat aber bei­des eine Rol­le gespielt. Der Ver­kaufs­ver­trag über die­ses Haus mit dem Ehe­paar Tischer war bereits am 13. Dezem­ber 1938 abge­schlos­sen wor­den, also noch bevor die genau­en For­de­run­gen bekannt waren.[83]
Im Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren in der Nach­kriegs­zeit hat die dama­li­ge Erwer­be­rin Ein­spruch gegen die Her­aus­ga­be des Wohn­grund­stücks ein­ge­legt, da es sich nach ihrer Mei­nung um einen ganz nor­ma­len Ver­kauf gehan­delt habe: „Herr Immo­bi­li­en­mak­ler Dr. jur. Her­mann Schmidt war von Herrn Jus­tiz­rat Marx­hei­mer beauf­tragt, das Haus für 36.000 RM zu ver­kau­fen. Er bot es uns an und wir kauf­ten es zu die­sem Preis, wel­cher dem dama­li­gen Ver­kaufs­wert voll ent­sprach.“[84] Dass selbst der 1938 fest­ge­leg­te Ein­heits­wert von 37.000 RM damit um mehr als 1.000 RM unter­schrit­ten wur­de – der gezahl­te Betrag belief sich auf 35.675 RM –,[85] unter­schlug die Käu­fe­rin geflis­sent­lich, ganz zu schwei­gen vom tat­säch­li­chen Ver­kehrs­wert der Immo­bi­lie.[86]

Unmit­tel­bar nach dem Ver­kauf wur­den die kon­trol­lie­ren­den Finanz­be­hör­den aktiv. Mit dem Ver­merk „Eilt“ ersuch­te die Zoll­fahn­dungs­stel­le in Mainz die Devi­sen­stel­le in Frank­furt, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass das Ver­mö­gen von Moritz Marx­hei­mer gesi­chert wer­de.[87] Zwar hat­te man sei­ne Bank von der bald danach ange­ord­ne­ten Siche­rungs­maß­nah­me unter­rich­tet, nicht aber Moritz Marx­hei­mer selbst, sodass die­ser dar­um bit­ten muss­te, ihm den Umfang der Beschrän­kun­gen mit­zu­tei­len. Erst am 9. Mai 1939 erging dann die offi­zi­el­le Siche­rungs­an­ord­nung durch die Devi­sen­stel­le auch an ihn, in der ihm ein Frei­be­trag von monat­lich 1.000 RM, über den er ohne beson­de­re Geneh­mi­gung ver­fü­gen kön­nen soll­te, gewährt wur­de.[88]
Im Zusam­men­hang mit die­ser Maß­nah­me hat­te die Zoll­fahn­dungs­stel­le Anga­ben über die gesam­ten Ver­mö­gens­wer­te von Moritz Marx­hei­mer zum dama­li­gen Zeit­punkt auf­ge­führt. Unzwei­fel­haft gehör­te er mit einem Gesamt­ver­mö­gen von 250.000 RM noch immer zu den wohl­ha­ben­den jüdi­schen Bür­gern Wies­ba­dens.[89]

Moritz Marx­hei­mer unter­stütz­te Ver­wand­te finan­zi­ell
HHStAW 519/​3 4762 (26)

Mit Geneh­mi­gung der Devi­sen­stel­le unter­stütz­te Moritz Marx­hei­mer auch Ange­hö­ri­ge der Fami­lie finan­zi­ell. So erhielt sei­ne Cou­si­ne Adel­heid Löwen­sberg, die Toch­ter von Kauf­mann und Johan­na Löwen­sberg, gebo­re­ne Marx­hei­mer, monat­lich 50 RM. Den glei­chen Betrag ließ er Jen­ny Stein­har­ter, sei­ner Schwie­ger­mut­ter in Mün­chen, zukom­men. Eine Nich­te aus der Fami­lie der Stein­har­ters wur­de mit 100 RM unter­stützt und 400 RM hat­te er bis zu ihrer Aus­rei­se monat­lich an sei­ne Frau in Ber­lin über­sandt. [90] Eine nicht bekann­te Frau Strauss in Frank­furt erhielt 60 RM. Es hand­le sich bei den genann­ten, so Moritz Marx­hei­mer, „um in Not gera­te­ne Ver­wand­te, für die ich nicht unter­halts­pflich­tig  bin, denen gegen­über ich mich aber aus sitt­li­chen Grün­den zur Hin­ga­be der vorn im ein­zel­nen ange­führ­ten Beträ­ge lt. bei­fol­gen­den Abschrif­ten der nota­ri­el­len Urkun­den ver­pflich­tet habe.“[91]

Im Febru­ar 1940 muss­te Moritz Marx­hei­mer der Devi­sen­stel­le erneut sei­ne finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se offen­le­gen. Sein Ver­mö­gen war inzwi­schen auf etwa die Hälf­te zusam­men­ge­schmol­zen. Es betrug noch etwa 121.000 RM, abge­zo­gen hat­te er schon die 45.000 RM für die Reichs­flucht­steu­er, die zwar noch nicht fäl­lig gewor­den war, über die er aber nicht mehr ver­fü­gen konn­te. Knapp 10.000 RM hat­te er in den letz­ten zwölf Mona­ten als Ein­künf­te ver­bu­chen kön­nen, wohl zum größ­ten Teil aus der Ver­zin­sung sei­nes Kapi­tals. Sei­ne monat­li­chen Aus­ga­ben inklu­si­ve der Unter­stüt­zungs­gel­der und der Kos­ten für eine Haus­halts­hil­fe bezif­fer­te er auf 1.215 RM. Bewil­ligt wur­de ihm jedoch nur ein Frei­be­trag von 1.000 RM.[92] Aber auch das war im Ver­gleich zu dem, was ande­re Jüdin­nen und Juden zur Ver­fü­gung hat­ten, sehr üppig.

Nach­dem der Haus­tausch mit der argen­ti­ni­schen Immo­bi­lie geschei­tert war, muss­te Moritz Marx­hei­mer sich 1940 doch noch von sei­ner Vil­la in der Uhland­stra­ße tren­nen. Finan­zi­el­le Grün­de spiel­ten dabei kei­ne Rol­le. Man hat­te ihn offen­sicht­lich zum Ver­kauf gezwun­gen, wie Zeu­gen nach dem Krieg im Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren anga­ben, dar­un­ter auch der lang­jäh­ri­ge Büro­vor­ste­her sei­ner Kanz­lei Mau­er. Er gab damals fol­gen­de Aus­sa­ge zu Pro­to­koll: „Bezüg­lich des von dem Ver­folg­ten mit den Antrags­geg­nern geschlos­se­nen Kauf­ver­trags hat der Ver­folg­te mir gegen­über zum Aus­druck gebracht, daß er zum Abschluss die­ses Ver­tra­ges – ins­be­son­de­re durch die Ein­schal­tung von Par­tei­dienst­stel­len – gezwun­gen wor­den sei, wo ihm auch eröff­net wor­den sei, dass Dr. Stemm­ler und nie­mand anders das Haus bekom­men soll.“[93] Das ver­wun­dert nicht, denn Lan­des­me­di­zi­nal­rat Dr. Stemm­ler war „Pg“, Par­tei­ge­nos­se, wie aus der von der Mili­tär­ver­wal­tung 1946 erstell­ten Lis­te über den Ver­kauf jüdi­scher Immo­bi­li­en her­vor­geht. Grund­la­ge für die Lis­te wie­der­um waren Mel­dun­gen, die die NSDAP Wies­ba­den auf Geheiß des Gau­lei­ters Spren­ger im Som­mer 1941 ein­ge­holt hat­te, um sich über den Stand der Ari­sie­rung des jüdi­schen Wohn­ei­gen­tums zu infor­mie­ren. Dort heißt es: „Stemm­ler, Dr. Wies­ba­den, Pg erwarb das Haus Uhland­str. 8 von dem jüd. Besit­zer Marx­hei­mer lt. Schr. v. 22.7.1941.“[94] Stemm­ler war dar­über hin­aus auch stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Wies­ba­de­ner Orts­grup­pe der „Deut­schen Gesell­schaft für Ras­sen­hy­gie­ne“,[95] also gewiss ein Mann, der hin­ter der Ari­sie­rungs­po­li­tik des Staa­tes stand.

Der Zel­len­lei­ter 09 mel­det den Ver­kauf des Hau­ses an die NSDAP-Orts­grup­pe Ost
HHStAW 483 10127 (12)

Der Kauf­ver­trag, in dem als Preis der Ein­heits­wert von 34.000 RM ver­ein­bart wor­den war, wur­de am 11. März 1940, nur eine Woche nach Abschluss des Ver­tra­ges, von der Preis­be­hör­de im Ver­mes­sungs­amt der Stadt Wies­ba­den geneh­migt. Selbst­ver­ständ­lich muss­te das Geld auf das gesi­cher­te Kon­to ein­ge­zahlt wer­den.[96]
Wel­ches Schnäpp­chen man damals auf­sei­ten der Käu­fer gemacht hat­te, zeigt sich an dem Ver­gleich, der nach dem Krieg geschlos­sen wur­de. Die Neu­be­sit­zer und die Erben des Moritz Marx­hei­mer kamen dar­in über­ein, dass ers­te­re, die durch „schwe­re Ent­zie­hung“ unrecht­mä­ßig zu dem Besitz gekom­men waren, ihn unter der Bedin­gung behal­ten dürf­ten, dass sie der Erben­ge­mein­schaft eine Aus­gleichs­zah­lung in Höhe von 42.000 – jetzt DM (!) – zu zah­len bereit wären. Sie waren dazu bereit, offen­sicht­lich noch immer ein gutes Geschäft.[97]

Wie sei­ner Gestapo­kar­tei­kar­te zu ent­neh­men ist, zog Moritz Marx­hei­mer nach dem Ver­kauf am 2. August 1940 in die Kapel­len­str. 26, wo seit März 1939 die Fami­lie sei­nes Bru­ders Juli­us wohn­te. Ob sie Moritz Marx­hei­mer damals bei sich auf­nah­men, was eher wahr­schein­lich ist, oder ob er eine eige­ne Woh­nung bzw. ein Zim­mer anmie­te­te, ist nicht bekannt.[98]

Auch für ihn, der zumin­dest bis­her über hin­rei­chen­de finan­zi­el­le Mit­tel ver­fü­gen konn­te, wur­den die Lebens­um­stän­de zuneh­mend bedrü­ckend. Am 13. Dezem­ber 1941 wur­de sein Frei­be­trag auf nur noch 400 RM her­ab­ge­setzt.[99] Als all­mäh­lich immer deut­li­cher durch­drang – weni­ge Wochen spä­ter soll­ten auf der Wann­see-Kon­fe­renz die ent­spre­chen­den Beschlüs­se gefasst und die ent­spre­chen­den orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen wer­den –, wel­ches Schick­sal die Nazis den Juden zuge­dacht hat­ten, sorg­te sich Moritz Marx­hei­mer noch um sei­ne nicht­jü­di­sche Haus­halts­hil­fe Emi­lie Roth. Seit 25 Jah­ren hat­te sie in sei­nen Diens­ten gestan­den, am 1. April 1941 muss­te er sie gezwun­ge­ner­ma­ßen ent­las­sen. Schon in den Zwan­zi­ger­jah­ren hat­te er ein Ver­mächt­nis zu ihren Guns­ten hin­ter­legt, in dem er aus Dank­bar­keit für ihre Treue und Hil­fe ihr ein lebens­lan­ges Wohn­recht mit gerin­ger Mie­te in dem damals noch ihm gehö­ren­den Haus in der Eckern­för­der Stra­ße und auch eine monat­li­che Ren­te zuge­si­chert hat­te. Die­ses Ver­mächt­nis wur­de 1938, nach dem Ver­kauf des Hau­ses, abge­än­dert und soll­te nun aus einer monat­li­chen Ren­te von 150 RM bestehen. Zudem soll­te sie das gesam­te Mobi­li­ar sei­ner Woh­nung in der Uhland­str. 8 erhal­ten.[100] Aber auch die­ses Ver­mächt­nis muss­te ange­sichts der finan­zi­el­len Ver­fü­gungs­be­schrän­kun­gen noch ein­mal geän­dert wer­den. Im April 1942 bat er die Devi­sen­stel­le dar­um, ihr eine monat­li­che Ren­te von 60 RM zusi­chern zu dür­fen, ein Ver­spre­chen, das ein­zu­lö­sen ihm zunächst erlaubt wur­de.[101] Als nach sei­ner Depor­ta­ti­on und sei­nem Tod der Staat sich sei­nes Ver­mö­gens bemäch­tig­te, wur­de die lang­jäh­ri­ge Ange­stell­te eben­falls zu einem Opfer. Sie erhielt selbst­ver­ständ­lich die ver­spro­che­ne Ren­te nicht, weder vom NS-Staat, noch von des­sen Nach­fol­ger, der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.[102]

Nach Aus­sa­ge des lang­jäh­ri­gen Büro­vor­stands der Kanz­lei Wil­helm Heu­ser, war Moritz Marx­hei­mer noch eini­ge Wochen vor sei­ner Depor­ta­ti­on in Haft genom­men wor­den: „Damals wur­den ja alle Juden aus Wies­ba­den ver­schleppt, die noch da waren, mit eini­gen weni­gen Aus­nah­men. Wenn ich nicht irre war es 1942. Zuerst kam er [Moritz Marx­hei­mer- K​.​F.] eini­ge Wochen ins Gefäng­nis, dann mit dem gan­zen Schub ins K​.​Z.“[103]
Auch Char­lot­te Opfer­mann, die Toch­ter von Bert­hold Gut­h­mann, erwähnt die­se Ver­haf­tung in einem Inter­view mit Lothar Bem­be­nek. Anlass sei ein Gespräch von Moritz Marx­hei­mer mit einem ehe­ma­li­gen nicht­jü­di­schen Kol­le­gen auf der Stra­ße gewe­sen, das von dem Wies­ba­de­ner Gesta­po-Chef Bode­wig beob­ach­tet wur­de – ein „Ver­ge­hen“, für das der nicht­jü­di­sche Gesprächs­part­ner in „Schutz­haft“ genom­men wer­den konn­te, der jüdi­sche auf jeden Fall in „Schutz­haft“ zu neh­men war.[104]

Ob er vor sei­ner Depor­ta­ti­on noch ein­mal frei kam, ist nicht bekannt, aber eher wahr­schein­lich, denn als Adres­se auf der ent­spre­chen­den Depor­ta­ti­ons­lis­te ist die Kapel­len­str. 26 ange­ge­ben. Er gehör­te zu den noch in Wies­ba­den leben­den Jüdin­nen und Juden, die sich am 29. August in der Syn­ago­ge in der Fried­rich­stra­ße zu ver­sam­meln hat­ten, um dort die letz­ten For­ma­li­tä­ten für ihre „Wohn­ort­ver­la­ge­rung“ zu erle­di­gen. Dazu gehör­te auch der Abschluss der soge­nann­ten „Heimein­kaufs­ver­trä­ge“, die den Unter­zeich­nen­den angeb­lich ein sor­gen­frei­es Leben in The­re­si­en­stadt garan­tie­ren soll­ten. Sie dien­ten aber in Wahr­heit dazu, der SS ihren Beu­te­an­teil am Ver­mö­gen der Juden zu sichern, bevor der Reichs­fi­nanz­mi­nis­ter dar­auf zugrei­fen konn­te. Ein sol­cher Zwangs­ver­trag wur­de auch von Moritz Marx­hei­mer unter­zeich­net. Am 17. Sep­tem­ber 1942 wur­de sein Kon­to – er war zu die­sem Zeit­punkt schon längst depor­tiert – mit einem Betrag von 37.575 RM belas­tet und beim Bank­haus Teck­len­burg & Co., Ber­lin, zuguns­ten des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts gut­ge­schrie­ben.[105] Die Ein­zugs­an­ord­nung über das rest­li­che Ver­mö­gen durch den Reichs­mi­nis­ter der Finan­zen, aus­ge­stellt am 30. Sep­tem­ber 1942, ist das letz­te Doku­ment der Devi­sen­ak­te.[106]

Am 1. Sep­tem­ber 1942 roll­te der Zug mit sei­nen 371 Insas­sen aus dem Wies­ba­de­ner Bahn­hof nach Frank­furt, wo wei­te­re nahe­zu 800 Jüdin­nen und Juden aus dem süd­hes­si­schen Raum, die die Nacht zuvor in der Groß­markt­hal­le unter schlimms­ten Bedin­gun­gen ver­bracht hat­ten, dem Trans­port noch zuge­führt wur­den. Der Zug „Da 503“ erreich­te mit mehr als 1100 Men­schen am 2. Sep­tem­ber sein Ziel: The­re­si­en­stadt, die ehe­ma­li­ge Gar­ni­sons­stadt in Böh­men, die zum soge­nann­ten Alters­ghet­to umfunk­tio­niert wor­den war. Ein kur­zes Schrei­ben, datiert mit genau die­sem Ankunfts­da­tum 2. Sep­tem­ber, hat­te ihn zyni­scher­wei­se noch auf­ge­for­dert, eine „Auf­stel­lung der gegen­wär­ti­gen Aus­ga­ben für (sei­nen) Lebens­un­ter­halt“ der Devi­sen­stel­le in Frank­furt zu über­mit­teln. Nicht nur soll­te sein Lebens­un­ter­halt eigent­lich durch den abge­schlos­se­nen „Heimein­kaufs­ver­trag“ abge­deckt sein, sein Leben war mit dem Antritt der Fahrt ohne­hin verwirkt.

Moritz Marxheimer
Ster­be­ur­kun­de von Moritz Marx­hei­mer aus Arolsen

Lan­ge über­leb­te Moritz Marx­hei­mer The­re­si­en­stadt nicht. Aber es blei­ben gewis­se Unklar­hei­ten über sei­nen Tod am 27. Okto­ber 1942.[107] Nicht ver­wun­der­lich ist das bal­di­ge Ster­ben des alten Man­nes nach sei­ner Ankunft im Lager, ver­wun­der­lich ist aber der Ort, an dem er sein Leben ver­lor. Er starb nicht in The­re­si­en­stadt, son­dern laut Urkun­de des Son­der­stan­des­amts Arol­sen und auch laut Infor­ma­ti­on des Roten Kreu­zes im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Maut­hau­sen im heu­ti­gen Öster­reich, ver­mut­lich in einem der vie­len zuge­ord­ne­ten Neben­la­ger, die nahe­zu alle als Arbeits­la­ger fun­gier­ten. In einem Schrei­ben der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz vom 12. Juni 1943 heißt es: „Am 1. Sep­tem­ber 1942 ist Marx­hei­mer durch die Gehei­me Staats­po­li­zei nach The­re­si­en­stadt eva­ku­iert wor­den. Schein­bar ist er unter­wegs erkrankt, denn laut Ver­merk auf dem Ein­woh­ner­mel­de­amt ist er am 27. Okt. 1942 in Maut­hau­sen II Ober­do­nau gestor­ben.“[108]
Aller­dings stellt sich hier schon die Fra­ge, wie­so man einen alten, über 70 Jah­re alten Mann noch in ein Arbeits­la­ger ver­frach­tet haben soll. Auf sei­ner Gestapo­kar­tei­kar­te hat­te man noch in Wies­ba­den notiert: „Arbeits­un­fä­hig, krank“. In Ober­do­nau gab es zwei Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, die bei­de dem ‚Reichs­werk Her­mann Göring’ zuge­ord­net waren und Stahl für den Pan­zer­bau pro­du­zier­ten. Moritz Marx­hei­mer konn­te hier­bei wohl kaum von irgend­ei­nem Nut­zen gewe­sen sein.
In der Chro­no­lo­gie der Zugän­ge für 1942 sind zudem kei­ne Trans­por­te aus The­re­si­en­stadt in der frag­li­chen Zeit notiert. Nur von eini­gen Polen, Bel­gi­ern und Fran­zo­sen, die Anfang Sep­tem­ber kamen, ist dort die Rede, dann noch ein­mal 220 Häft­lin­ge aus Wien und am 9. Okto­ber noch ein­mal „eini­ge Fran­zo­sen“. 55 nie­der­län­di­sche Juden waren dann noch einen Tag vor Marx­hei­mers Tod im Lager ange­kom­men.[109] Anga­ben dar­über, wann Moritz Marx­hei­mer in Maut­hau­sen ein­ge­lie­fert wor­den sein könn­te, sind in den dor­ti­gen Unter­la­gen nicht fest­ge­hal­ten wor­den. Laut Nach­for­schun­gen des IRK wur­de aber sei­ne Häft­lings­num­mer 13812 am 25. Okto­ber 1942 aus­ge­ge­ben, sodass man davon aus­ge­hen kann, dass er an die­sem Tag oder unmit­tel­bar zuvor dort ange­kom­men sein müss­te.[110]
Einen Tag vor sei­nem Tod fuhr ande­rer­seits der ers­te Son­der­zug der soge­nann­ten „Herbst­sak­ti­on“ von The­re­si­en­stadt nach Ausch­witz. Vie­le Wies­ba­de­ner Juden des Sep­tem­ber­trans­ports, mehr als 90, wur­den mit einem die­ser Züge den Gas­kam­mern von Ausch­witz zuge­führt. Moritz Marx­hei­mer wäre der ein­zi­ge des Trans­ports vom 1. Sep­tem­ber gewe­sen, den man – sinn­lo­ser Wei­se – von The­re­si­en­stadt noch nach Maut­hau­sen gebracht hät­te. Es ist kei­nes­wegs aus­zu­schlie­ßen, ent­spricht sogar mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit den Tat­sa­chen, denn es hät­te auch kei­nen Sinn gemacht, einen mög­li­chen ande­ren tat­säch­li­chen Ster­be­ort – Ausch­witz oder The­re­si­en­stadt – zu ver­schlei­ern. Aber erstaun­lich bleibt es den­noch.[111]

Moritz Marxheimer
Todes­an­zei­ge für Moritz Marx­hei­mer im ‘Auf­bau’

Am 7. Sep­tem­ber 1945 erschien im „Auf­bau“ eine klei­ne Todes­an­zei­ge von sei­ner Frau für ihren ermor­de­ten Ehe­mann. Sie war damals noch davon aus­ge­gan­gen, dass er in The­re­si­en­stadt sein Leben ver­lo­ren hat­te.[112]

In Wies­ba­den wur­de im Kla­ren­thal, einem Neu­bau­ge­biet der 60er Jah­re, in dem alle Stra­ßen an Wider­stands­kämp­fer und Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus erin­nern, auch eine Stra­ße nach Moritz Marx­hei­mer benannt. Aller­dings fällt auf die­se Ehrung ein Schat­ten, denn er war nur zwei­te Wahl. Ursprüng­lich soll­te die Stra­ße nach Ber­told Gut­h­mann und sei­ner Frau Clai­re benannt wer­den. Dage­gen hat­te aber die Jüdi­sche Gemein­de Beden­ken erho­ben und als Alter­na­ti­ve Moritz Marx­hei­mer vor­ge­schla­gen.[113] So kam es am 14. März 1968 im Magis­trat zu dem Beschluss, dass die Stra­ße nun sei­nen Namen trägt.[114] Vor sei­nem frü­he­ren Haus in der Uhland­str. 8 wur­de am 1. Okto­ber 2013 ein Stol­per­stein mit sei­nem Namen verlegt.

 

Johan­na Fürth, gebo­re­ne Marxheimer

Auch Johan­na, die jün­ge­re, am 29. Mai 1872 in Wies­ba­den gebo­re­ne Schwes­ter von Moritz Marx­hei­mer, konn­te mit ihrem Mann Theo­dor David Fürth ihrem Schick­sal nicht ent­kom­men. Auch eines der drei Kin­der fiel dem Holo­caust zum Opfer.

Rech­nung der Fir­ma ‘Michels & Fürth’ aus 1930

Über die Kind­heit und Schul­zeit von Johan­na lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Im Jahr 1898, am 5. Mai, hei­ra­te­te sie in Wies­ba­den den neun Jah­re älte­ren Theo­dor David Fürth aus der Leder­stadt Offen­bach. Er war am 24. Mai 1863 als Sohn von Moses Fürth und des­sen Frau Jet­t­chen, gebo­re­ne Simon, zur Welt gekom­men.[115] Ob es auch eine Lie­bes­hei­rat war, ist nicht mehr zu sagen, aber geschäft­lich mach­te sie ganz sicher Sinn. Theo­dor Fürth hat­te mit einem Kom­pa­gnon, Edu­ard Michels, 1893 in Offen­bach eine Fabri­ka­ti­on und einen Groß­han­del für Leder­wa­ren als O​.​H​.​G. gegrün­det und war damit in der glei­chen Spar­te aktiv wie die Fami­lie Marx­hei­mer.[116] In der Hei­rats­ur­kun­de ist er als „Porte­feuil­le­fa­bri­kant“ bezeich­net. Pro­du­ziert wur­den in der klei­nen Fabrik in der Löwen­str. 16, in der noch wei­te­re Leder­fa­bri­ken ange­sie­delt waren, klei­ne Taschen, beson­ders Damen­ta­schen, Schreib­map­pen, Brief­ta­schen, Geld­bör­sen, Zigar­ren- bzw. Ziga­ret­ten­etuis und der­glei­chen mehr.[117]

Nach der Ehe­schlie­ßung zog Johan­na zu ihrem Mann nach Offen­bach in die Frank­fur­ter Str. 97, wo in den fol­gen­den Jah­ren auch ihre drei Kin­der gebo­ren wur­den. Man­fred kam am 17. 1899 zur Welt, sein Bru­der Max Otto am 20. August 1901 und zuletzt die Toch­ter Eli­sa­beth am 14. Juni 1904.[118]

Die Fami­lie gehör­te mit ihrem klei­nen, aber gut gehen­den Unter­neh­men der geho­be­nen Mit­tel­schicht an, und zumin­dest die bei­den Söh­ne wur­den als Kauf­leu­te auf eine spä­te­re Über­nah­me des väter­li­chen Betriebs vor­be­rei­tet. Zwar lie­gen kei­ne Geschäfts­zah­len des zustän­di­gen Finanz­amts mehr vor, aber zumin­dest lie­fern die Zah­len des städ­ti­schen Gewer­be­steu­er­am­tes Offen­bach Anhalts­punk­te über den Geschäfts­ver­lauf zwi­schen dem Ende der Zwan­zi­ger­jah­re und 1938. Ende der Zwan­zi­ger­jah­re wären dem­nach Gewin­ne von jähr­lich mehr als 25.000 RM erzielt wor­den, die aber dann in den Fol­ge­jah­ren zunächst ver­mut­lich durch die Wirt­schafts­kri­se, dann aber durch die anti­se­mi­ti­schen Boy­kott­ak­tio­nen auf bis zu ein Zehn­tel zurück­gin­gen.[119]

Es gab kei­nen Grund mehr, län­ger in die­sem Land zu blei­ben. Noch bevor die Reichs­po­grom­nacht die Bru­ta­li­tät des Sys­tems und noch mehr die Häme der „Volks­ge­nos­sen“ wäh­rend des Pogroms offen zuta­ge tre­ten ließ, hat­ten Fürths beschlos­sen, Deutsch­land zu ver­las­sen. Aber es gab noch Din­ge zu regeln, wie etwa den Ver­kauf der Fir­ma. Als Käu­fer boten sich der lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter und Pro­ku­rist Hein­rich Augst und sein Bru­der Fried­rich an. Man kann nur stau­nen, wel­chem Kne­bel­ver­trag Fürths in ihrer Not­si­tua­ti­on zustim­men muss­ten, vor­ge­legt von einem, dem man lan­ge Jah­re das Ver­trau­en geschenkt, den man viel­leicht sogar als Freund betrach­tet hat­te.[120] Die Fir­ma wur­de zu einem Wert ver­kauft, der im Wesent­li­chen dem Lager­be­stand zu Geste­hungs­kos­ten bzw. den Ein­kaufs­prei­sen ent­sprach. 1.000 RM soll­ten noch pau­schal für die Ein­rich­tung, die Werk­zeu­ge und Maschi­nen gezahlt wer­den. Der Wert der Fir­ma, ihr Name und frü­he­re Kun­den­bin­dun­gen, stil­le Reser­ven und mög­li­che Gewinn­erwar­tun­gen als nun ari­sches Unter­neh­men blie­ben unbe­rück­sich­tigt. 24.000 RM betrug die Sum­me, auf die man sich einig­te. Ob die­ser Betrag den Ver­käu­fern wenigs­tens noch par­ti­ell zur Ver­fü­gung stand, ist nicht klar. Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­de das bestrit­ten. Viel­leicht wur­de das Geld auch zumin­dest teil­wei­se zur Beglei­chung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be ver­wen­det, zu der Theo­dor Fürth in der Höhe von 11.600 RM für die ers­ten vier Raten ver­an­schlagt wor­den war.[121] Die hat­te er ver­mut­lich noch zah­len müs­sen, andern­falls hät­te man die Fami­lie kaum aus Deutsch­land herausgelassen.

Der Kauf­ver­trag war auf Sei­ten der Ver­käu­fer von Theo­dor und Max Führt unter­schrie­ben. Der ältes­te Sohn Man­fred hat­te sich zu die­sem Zeit­punkt bereits in Hol­land – so der irri­ge Glau­be – in Sicher­heit gebracht, nach Anga­ben sei­nes Bru­ders im Janu­ar 1937.[122] 1939 folg­ten sei­ne Eltern. Sie hat­ten sich am 20. März nach Den Haag abge­mel­det,[123] leb­ten aber dann ver­mut­lich zusam­men mit ihrem Sohn Man­fred im hol­län­di­schen Bussum.

Ver­lo­bungs­an­zei­ge von Man­fred Fürth und Gre­te Auer­bach in Holland

Am 23. Juni 1941 ver­lob­te Man­fred sich dort mit Gre­te Auer­bach, gebo­ren am 3. August 1909 in Dort­mund.[124] Wann die bei­den hei­ra­te­ten, ist nicht bekannt, aber am 5. Juni 1943 wur­de ihre Toch­ter Mari­on Ani­ta gebo­ren. Sie kam zur Welt an einem Ort des Todes, im Sam­mel­la­ger Wes­ter­bork, in dem die Mut­ter ver­mut­lich seit dem 11. März 1943 inter­niert war. Nur einen Tag soll die Neu­ge­bo­re­ne am Leben geblie­ben sein.[125] Der Vater war wahr­schein­lich seit Anfang März 1943 in dem erst Anfang des Jah­res fer­tig­ge­stell­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Vught bei Her­zo­gen­busch inter­niert, in dem etwa 30.000 Häft­lin­ge unter­ge­bracht waren.[126] Am 11. März 1943, also drei Mona­te vor der Geburt sei­ner Toch­ter, wur­de er von Vugh nach Wes­ter­bork ver­legt. Von dort depor­tier­te man ihn am 25. Febru­ar 1944 nach The­re­si­en­stadt, wo er etwa ein hal­bes Jahr blieb. Am 1. Okto­ber 1944 ging einer der vie­len Züge im Rah­men der soge­nann­ten „Herbst­ak­ti­on“ mit 1500 Insas­sen von dort nach Ausch­witz. Zwei Tage spä­ter wur­de er dort ermor­det.[127]
Gefangenekarte Manfred Fürth

 

 

 

 

Gefan­ge­nen­kar­te für Man­fred Fürth aus den Lagern Vught und Wes­ter­bork
Arol­sen Archiv

Sei­ne Frau Gre­te starb am 8. Sep­tem­ber, nur ein Vier­tel­jahr nach der Geburt der Toch­ter, im Lager Wes­ter­bork. Die Umstän­de ihres Todes konn­ten nicht geklärt wer­den, außer dass sie am sel­ben Tag ein­ge­äschert wur­de. Die Urne mit ihrer Asche soll auf dem jüdi­schen Fried­hof in Die­men bei­gesetzt wor­den sein.[128]

Auch Johan­na und Theo­dor Fürth waren, nach­dem sie gefasst wor­den waren, zuletzt in Wes­ter­bork ein­ge­lie­fert wor­den. Wann das geschah, ist nicht bekannt, aber ver­mut­lich eben­falls im Früh­jahr 1943. Am 4. Mai 1943 wur­den bei­de von dort aus nach Sobi­bor depor­tiert und ermor­det. Der 7. Mai gilt als ihr Todes­tag.[129]

 

Den bei­den jün­ge­ren Kin­dern von Johan­na und Theo­dor Fürth, Max und Eli­sa­beth, gelang es, die Zeit der Ver­fol­gung zu über­ste­hen und ihr Leben zu ret­ten. Max hat­te sich am 4. Novem­ber 1938, also nur weni­ge Tage vor der Reichs­po­grom­nacht, in Offen­bach abge­mel­det.[130] Aller­dings ver­zö­ger­te sich die Aus­rei­se dann doch noch um eini­ge Tage, denn am 11. Novem­ber schrieb er noch von sei­ner Hei­mat­stadt aus an das dor­ti­ge Bank­haus Hengst, die­ses möge doch bit­te das noch vor­han­de­ne Gut­ha­ben von rund 16.000 RM an die Deut­sche Gold­dis­kont­bank in Ber­lin über­wei­sen und den ent­spre­chen­den Wert in Form von Devi­sen an die Irving Trust Com­pa­ny in New York sen­den. Die not­wen­di­gen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen sol­le ein Bekann­ter vor­le­gen, was aber wohl erst sehr ver­spä­tet geschah. Denn erst ein hal­bes Jahr danach erhielt er von der Bank die Bestä­ti­gung, dass das Geld, umge­tauscht in bri­ti­sche Pfund, in Form eines Schecks an sei­ne neue ame­ri­ka­ni­sche Adres­se in New York her­aus­ge­gan­gen sei. Bei die­sem „Tausch“ hat­ten sich die 16.000 RM auf 66 Pfund redu­ziert, was einem Reichs­mark­wert von 739 RM ent­sprach.[131]

Offen­bar war Max Fürth Hals über Kopf in den Pogrom­ta­gen geflo­hen, wes­halb er auch selbst nicht mehr die not­wen­di­gen Papie­re vor­le­gen konn­te. Zumin­dest schrieb sein Rechts­an­walt im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens, dass sein Man­dant zunächst nach Eng­land flie­hen muss­te, „weil sei­ne Ver­haf­tung unmit­tel­bar bevor­stand“, was auch glaub­haft ist, da nahe­zu alle jüdi­schen Män­ner im Erwach­se­nen­al­ter in den Tagen nach der soge­nann­ten „Kris­tall­nacht“ inhaf­tiert wur­den. Am 26. Novem­ber 1938 kam er mit sei­ner Frau Mar­got Ber­tha, gebo­re­ne Cahn, die er am 14. Dezem­ber 1932 in Offen­bach gehei­ra­tet hat­te,[132] von Sout­hamp­ton kom­mend in New York an, wo es offen­bar einen Cou­sin bzw. eine Cou­si­ne gab, der oder die ihnen in der ers­ten Zeit hel­fen konn­te.[133] Wenigs­tens ihr Mobi­li­ar hat­ten sie mit einer Spe­di­ti­on in die USA über­füh­ren kön­nen.[134] In ihrer neu­en Hei­mat muss­te sich Max Führt als Fabrik­ar­bei­ter ver­din­gen, sei­ne Frau trug als Haus­halts­hil­fe zum gemein­sa­men Ver­dienst bei. Erst nach etwa vier Jah­ren erziel­ten sie wie­der ein Ein­kom­men, das ihnen eine „aus­rei­chen­de Lebens­grund­la­ge“ bot.[135] Zu ver­sor­gen hat­ten sie auch Mar­gots Mut­ter Pau­la Cahn, die nur kurz nach ihnen, am 2. Dezem­ber 1938, von Ham­burg aus in New York ankam und dort dann mit ihnen zusam­men­leb­te. Alle drei fan­den nach ihrem Tod ein gemein­sa­mes Grab auf dem Ever­green Ceme­tery in Tan­ners­ville im Staat New York.[136]

Wenig weiß man über das Schick­sal von Max’ Schwes­ter Eli­sa­beth. Sie ist zwar mehr­fach in den Unter­la­gen des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens erwähnt, hat aber nie Aus­sa­gen zu ihrer Bio­gra­phie gemacht. Dass es ihr irgend­wie gelun­gen war, nach Argen­ti­ni­en zu flüch­ten, ergibt sich aus dem 1950 aus­ge­fer­tig­ten Erb­schein, der für ihren Onkel Leo­pold im Jahr 1950 aus­ge­stellt wor­den war. Damals leb­te sie als Eli­sa­beth Rosa Stern in Vin­cen­te Lapez in der Pro­vinz Bue­nos Aires und war offen­sicht­lich ver­hei­ra­tet, viel­leicht auch schon ver­wit­wet.[137] Wie ihr Ehe­mann hieß, wann die Ehe geschlos­sen wur­de und auf wel­chem Weg sie wann nach Süd­ame­ri­ka gelangt war, konn­te nicht ermit­telt werden.

 

Ben­ja­min und Saly Marxheimer 

Außer dem Notar Moritz und den drei Brü­dern Leo­pold, Juli­us und Emil Marx­hei­mer, die in Wies­ba­den die Leder­hand­lung betrie­ben, gab es noch zwei wei­te­re Brü­der, über die aber nur weni­ge Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen. Immer­hin weiß man von dem jüngs­ten Ben­ja­min, der am 29. August 1886 gebo­ren wur­de,[138] dass er eine höhe­re Schu­le besuch­te und auch ein Jura­stu­di­um in Mar­burg im Jahr 1913 mit einer Pro­mo­ti­on abschloss.[139] Der Beginn des Ers­ten Welt­kriegs ver­wehr­te ihm dann jedoch die beruf­li­che Kar­rie­re. Am 23. Okto­ber 1916 starb er als Land­sturm-Rekrut bei Thiau­mont in der mör­de­ri­schen Schlacht um Ver­dun.[140]

Grab Saly Marxheimer
Das Grab von Saly Marx­hei­mer auf dem Jüdi­schen Fried­hof Plat­ter Straße
Eige­ne Aufnahme

Noch weni­ger weiß man über den am 7. April 1880 gebo­re­nen älte­ren Bru­der Saly.[141] Abge­se­hen von der Geburts­ur­kun­de, konn­ten kei­ne Doku­men­te gefun­den wer­den, die über sein wei­te­res Leben Auf­schluss geben wür­den. Er war am 21. April 1906 mit 26 Jah­ren ver­stor­ben und auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße beer­digt wor­den. Ver­mut­lich starb er aber nicht in sei­ner Hei­mat­stadt, denn ein ent­spre­chen­der Ein­trag im Wies­ba­de­ner Ster­be­re­gis­ter ist nicht zu fin­den. Auf­fäl­lig ist zudem, dass er erst drei Tage nach sei­nem Tod zu Gra­be getra­gen wur­de, er also ver­mut­lich erst über­führt wer­den muss­te. Das hat­te mög­li­cher­wei­se dann auch zur Fol­ge, dass im Begräb­nis­buch der Jüdi­schen Gemein­de sein Ster­be­al­ter fälsch­li­cher­wei­se mit 24 statt mit 26 Jah­ren ein­ge­tra­gen wur­de.[142][Bild]

 

Die Brü­der Leo­pold, Juli­us und Emil Marxheimer.

Wäh­rend sich somit der ältes­te und der jüngs­te der Söh­ne von Sieg­mund und Rös­chen Marx­hei­mer der Rechts­wis­sen­schaft gewid­met hat­ten, Salys Leben weit­ge­hend im Dunk­len blei­ben muss, hat­ten die drei mitt­le­ren Brü­der, die jeweils im Abstand von zwei Jah­ren gebo­ren wur­den, gemein­sam den väter­li­chen Betrieb in Wies­ba­den über­nom­men. Genau­er gesagt: Seit 1908 waren Leo­pold und Juli­us Marx­hei­mer die im Han­dels­re­gis­ter zu glei­chen Tei­len ein­ge­tra­ge­nen Inha­ber der als O​.​H​.​G. neu orga­ni­sier­ten Fir­ma,[143] wäh­rend ihr jün­ge­rer Bru­der Emil, aus­ge­stat­tet mit Pro­ku­ra, for­mal nur ange­stellt war und ein fes­tes Gehalt bezog.[144] Die­se inter­nen Ver­hält­nis­se tra­ten aber nach außen nicht in Erschei­nung, da wur­de Emil auch als Mit­in­ha­ber ange­se­hen. Auch die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz ging spä­ter davon aus, dass Emil Mit­ei­gen­tü­mer der Fir­ma gewe­sen sei. In einer Ver­mö­gens­auf­stel­lung aus dem Jahr 1938 wird sein Anteil mit einem Drit­tel bemes­sen. Da für ihn auch kei­ne Pflicht­ab­ga­ben an die Sozi­al­ver­si­che­rung geleis­tet wur­den, muss man ihn wohl tat­säch­lich als fak­ti­schen Mit­in­ha­ber der Fir­ma anse­hen, der auch am Gewinn direkt und nicht nur über ein fes­tes Gehalt betei­ligt war.[145]

Man habe in all den Jah­ren vor der NS-Herr­schaft ein gutes Leben füh­ren kön­nen, erklär­te Juli­us Marx­hei­mer in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, und bezif­fer­te sein dama­li­ges Ein­kom­men auf durch­schnitt­lich etwa 10.000 RM im Jahr.[146]

Zumin­dest waren die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Brü­der so gut, dass der Frank­fur­ter Apo­the­ker Neu­mei­er, immer­hin ein Aka­de­mi­ker, zwei sei­ner ver­mut­lich drei Töch­ter den Inha­bern der Leder­hand­lung in Wies­ba­den zur Frau gab.

Am 20. Janu­ar 1911 wur­den in Frank­furt, der Hei­mat­stadt der Braut, Leo­pold Marx­hei­mer und Hed­wig Neu­mei­er getraut. Hed­wig war die um 1890 gebo­re­ne Toch­ter des ursprüng­lich aus Heil­bronn stam­men­den Sieg­mund Neu­mei­er und sei­ner Frau Emi­lie, gebo­re­ne Lands­berg, die aus Darm­stadt kam.[147]
Zwei Jah­re spä­ter, am 14. Mai 1913, hei­ra­te­te Juli­us die am 24. Okto­ber 1891 gebo­re­ne Loui­se Jaco­bi­ne Neu­mei­er, die Schwes­ter von Hed­wig.[148] In bei­den Ehen wur­de jeweils eine Toch­ter gebo­ren. In Leo­polds und Hed­wigs Ehe kam am 28. März 1912 die Toch­ter Ger­trud Rosy zur Welt,[149] am 27. Sep­tem­ber 1915 wur­de dann in der der Geschwis­ter Ruth Hen­ri­et­te gebo­ren.[150] Ver­mut­lich hat ihr Vater sei­ne Toch­ter in der ers­ten Zeit kaum gese­hen, da er – so sei­ne spä­te­ren Anga­ben – von 1914 bis 1918 im 80. Füsi­lier-Regi­ment als Vize­feld­we­bel im Ers­ten Welt­krieg ein­ge­setzt war.[151]
Emil Marx­hei­mer, der jüngs­te der drei Brü­der, blieb ledig und kinderlos.

Kai­ser-Fried­rich-Ring 71
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Die bei­den Inha­ber der Fir­ma waren somit nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern durch die Ehen auch fami­li­är sehr eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Vor ihrer Ehe hat­ten die Brü­der noch zusam­men am Bis­marck­ring 24 gewohnt. Nach dem Erwerb des spä­te­ren Juden­hau­ses, war dort die Fami­lie von Leo­pold ein­ge­zo­gen, wäh­rend sein Bru­der Juli­us eine Woh­nung im gegen­über­lie­gen­den Haus mit der Num­mer 71, das der Nas­saui­schen Lan­des­bank gehör­te, anmie­te­te – ein Gebäu­de mit einer noch beein­dru­cken­de­ren Fas­sa­de als die des Hau­ses mit der Num­mer 72.[152] Die geräu­mi­ge 7‑Zimmerwohnung der Fami­lie bestand aus einem Salon, einem Her­ren­zim­mer, einem klei­ne­ren Wohn­zim­mer, einem Spei­se­zim­mer, einem gro­ßen Schlaf­zim­mer, einem Kin­der­zim­mer, einem Schrank­zim­mer und einer Küche – eine ins­ge­samt frag­los sehr kom­for­ta­ble Wohn­si­tua­ti­on, die auch den geho­be­nen gesell­schaft­li­chen Sta­tus der Fami­lie belegt.[153]

Geschäftshaus
Das ehe­ma­li­ge Geschäfts­haus der Gebrü­der Marx­hei­mer an der Ecke Klei­ne Lang­gas­se — Wage­mann­stra­ße
Eige­ne Aufnahme

Abge­se­hen von dem gemein­sa­men Unter­neh­men war auch der jün­ge­re Bru­der Emil dadurch ein­ge­bun­den, dass er zusam­men mit Leo­pold Eigen­tü­mer des Hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 war, wenn­gleich er dort selbst erst im Jahr vor sei­ner Depor­ta­ti­on noch ein­zog. Der ledig Geblie­be­ne wohn­te in den bes­se­ren Zei­ten im Geschäfts­haus der Fir­ma an der Ecke Klei­ne Lang­gas­se /​ Wage­mann­stra­ße. Das Haus, das ursprüng­lich dem Müh­len­be­sit­zer Heymann gehör­te, war seit 1910 Eigen­tum der Fami­lie bzw. der Fir­ma Marx­hei­mer. Es gehör­te den drei Brü­dern jeweils zu einem Drit­tel.[154] Ursprüng­lich war das Geschäft in der Markt­str. 36 ange­sie­delt gewe­sen, zog dann um die Jahr­hun­dert­wen­de für kur­ze Zeit in das Nach­bar­haus mit der Num­mer 34.[155] 1903 wur­de dann das Eck­haus Klei­ne Lang­gas­se 1 im alten Stadt­kern, dem soge­nann­ten „Schiff­chen“, Sitz der Fir­ma ‚S. Marx­hei­mer — Lederfabrikationen’.

Obwohl das Geschäft damit ein wenig in eine Sei­ten­gas­se abge­drängt wor­den war, muss die Fir­ma auch wei­ter­hin recht erfolg­reich gewe­sen sein. Steu­er­un­ter­la­gen für die ers­ten Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts lagen aller­dings schon in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren nicht mehr vor, sodass man dies­be­züg­lich pri­mär auf den Besitz­stand rekur­rie­ren muss, der mit Beginn der NS-Herr­schaft immer schär­fer kon­trol­liert und des­halb recht genau erfasst wurde.

Der ers­te der Brü­der, gegen den die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz am 1. Sep­tem­ber 1938 bei der Frank­fur­ter Devi­sen­stel­le einen Antrag auf eine Ver­mö­gens­si­che­rung stell­te, war Emil Marx­hei­mer. Wie üblich lau­te­te die Begrün­dung, dass die Gefahr bestün­de, der Eigen­tü­mer kön­ne sei­nen Besitz, der im Fol­gen­den auf­ge­führt war, ille­gal ins Aus­land schaf­fen. Neben dem Anteil am Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring und dem Fir­men­an­teil, zusam­men auf gut 36.000 RM ver­an­schlagt, besaß er noch wei­te­re 24.000 RM haupt­säch­lich in Form von Wert­pa­pie­ren, aller­dings auch eine Hypo­the­ken­schuld von knapp 9.000 RM, ins­ge­samt also ein Ver­mö­gen von etwas mehr als 50.000 RM.[156] Noch Anfang Okto­ber folg­te die offi­zi­el­le Siche­rungs­an­ord­nung durch die Devi­sen­stel­le, die dem Eigen­tü­mer nur noch die Erträg­nis­se der Papie­re zur frei­en Ver­fü­gung über­ließ.[157]
Im Okto­ber 1938 wur­de dann das glei­che Pro­ze­de­re auch an Leo­pold Marx­hei­mer voll­zo­gen. Sein Ver­mö­gen von rund 75.000 RM bestand zu etwa glei­chen Tei­len aus dem Geschäfts­ver­mö­gen und dem Anteil am Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring einer­seits und Wert­pa­pie­ren und Spar­ein­la­gen ande­rer­seits.[158] Die ent­spre­chen­de Ver­fü­gung erging am 18. Janu­ar des fol­gen­den Jah­res. Auch er soll­te nur über die Erträg­nis­se der Wert­pa­pie­re noch frei ver­fü­gen kön­nen.[159]

Siche­rungs­an­ord­nung gegen Juli­us Marx­hei­mer
HHStAW 519/​3 4788 (8)

Im Janu­ar 1939 war auf Auf­for­de­rung der Main­zer Zoll­fahn­dung eine ähn­lich lau­ten­de Anord­nung auch gegen Juli­us Marx­hei­mer ergan­gen. Neben dem Fir­men­an­teil und einem Are­al Bau­land in der Main­zer Stra­ße, besaß er Wert­pa­pie­re von etwa 20.000 RM. In der Siche­rungs­an­ord­nung war in sei­nem Fall schon ein fes­ter monat­li­cher Frei­be­trag von 400 RM ange­ge­ben.[160]

Als die­se Anord­nun­gen ergin­gen, hat­te die tra­di­ti­ons­rei­che Fir­ma schon sehr schwe­re Jah­re hin­ter sich gebracht und war inzwi­schen auch gezwun­ge­ner­ma­ßen auf­ge­löst wor­den. 1935 hat­te der Bru­der Moritz Marx­hei­mer der Fir­ma noch ein zins­lo­ses Dar­le­hen über 17.000 RM zur Ver­fü­gung gestellt,[161] das er nach der Liqui­da­ti­on als unein­bring­lich abschrei­ben muss­te. Wenn auch kei­ne Steu­er­un­ter­la­gen des Finanz­amts mehr vor­la­gen, so lie­fer­ten in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren zumin­dest die Unter­la­gen der städ­ti­schen Gewer­be­steu­ern Anhalts­punk­te über die Ent­wick­lung des Unter­neh­mens in den Jah­ren 1933 bis 1938. Nach­dem der Tief­punkt der Welt­wirt­schafts­kri­se über­wun­den war, konn­te 1933 ein Ertrag von 4.500 RM erwirt­schaf­tet wer­den. Bis 1935 ging es sogar wei­ter berg­auf, d​.​h. der Ertrag ver­drei­fach­te sich inner­halb die­ses Zeit­raums auf mehr als 13.000 RM. Erst ab 1936 lässt sich eine nega­ti­ve Ten­denz erken­nen. Zunächst fiel er auf 10.500 RM, dann auf 9.700 RM und im letz­ten Geschäfts­jahr betrug er noch 8.500 RM. Wäh­rend die­se Zah­len den Gewer­be­er­trag wider­spie­geln, zei­gen die des Gewer­be­ka­pi­tals eine deut­lich dra­ma­ti­sche­re Ent­wick­lung. Die­ses ver­min­der­te sich im gege­be­nen Zeit­raum von mehr als 100.000 RM auf knapp 25.000 RM. Die Ursa­che dafür kann nur ver­mu­tet wer­den. Zuletzt trug sicher der Ver­kauf des Hau­ses zu die­sem Kapi­tal­schwund bei. In den Jah­ren zuvor könn­te auch der Ver­kauf der bestehen­den Lager­be­stän­de dazu bei­getra­gen haben. Ver­mut­lich war man in all die­sen Jah­ren beim Ein­kauf boy­kot­tiert wor­den oder hat­te viel­leicht, ange­sichts der Lage, sogar selbst auf Neu­be­stel­lun­gen ver­zich­tet. [162] In jedem Fall ist die­ser Ver­lust an Sub­stanz ein ein­deu­ti­ges Indiz für den Scha­den, der dem Unter­neh­men in die­sen Jah­ren trotz der noch rela­tiv guten Erträ­ge wider­fah­ren war. Betrach­tet man die Ertrags­zah­len nur iso­liert, dann scheint der Ein­bruch unter den Nazis und die Wir­kun­gen der Boy­kott­kam­pa­gne gera­de zu Beginn nicht all­zu groß gewe­sen zu sein.[163] Aber selbst das ist nur schwer zu beur­tei­len, wenn man die Zah­len der Zwan­zi­ger­jah­re nicht kennt und als Aus­gangs­ba­sis nur die schlech­ten Kri­sen­jah­re vor Augen hat. Juli­us Marx­hei­mer, der Über­le­ben­de der Brü­der, gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass sein Ein­kom­men sich in den Drei­ßi­ger- gegen­über den Zwan­zi­ger­jah­ren im Durch­schnitt hal­biert habe.[164]
Unab­hän­gig davon, dass ein Wei­ter­be­trieb der Fir­ma sich immer weni­ger ren­tier­te, gab es ja auf­sei­ten der NS-Regie­rung auch den im Novem­ber 1938 als Ver­ord­nung ver­ab­schie­de­ten Beschluss, die Juden gänz­lich aus dem Wirt­schafts­le­ben zu ent­fer­nen.[165] Es blieb den Brü­dern daher gar kei­ne ande­re Wahl, als sich von ihrer Fir­ma zu tren­nen, sie zu liqui­die­ren. Am 31. Dezem­ber 1938 wur­de der Betrieb ein­ge­stellt und am 9. Febru­ar 1939 im Han­dels­re­gis­ter gelöscht.[166]

Emil Marx­hei­mer begleicht einen Teil der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be mit dem Erlös des Hau­ses Klei­ne Lang­gas­se 1
HHStAW 519/​3 4750 (8)

Anschlie­ßend wur­de dann auch das mit sei­nen Geschäfts­räu­men nutz­los gewor­de­ne Haus ver­kauft. Am 16. März 1939 kam ein Kauf­ver­trag zwi­schen den Brü­dern und den zwei mit­ein­an­der ver­wand­ten Ehe­paa­ren Hahn und Zitz­mann zustan­de, laut dem die­se das Geschäfts­haus in der Klei­nen Lang­gas­se 1 für ins­ge­samt 24.200 RM erwar­ben. Der Preis lag zehn Pro­zent über der letz­ten Taxie­rung aus dem Jahr 1938. Die­ser Zuschlag hät­te eigent­lich an die Stadt Wies­ba­den abge­tre­ten wer­den sol­len. Auf ihr Betrei­ben, so die Dar­stel­lung der Käu­fer, konn­te dann doch der gesam­te Betrag den Brü­dern Marx­hei­mer gege­ben wer­den. Wie von­sei­ten der Fami­lie Hahn im spä­te­ren Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren eben­falls betont wur­de, hat­te man eigent­lich gar kei­ne Absicht gehabt, die Immo­bi­lie zu erwer­ben, und sich erst nach einem drit­ten Besuch von Juli­us Marx­hei­mer über­haupt zu einer Besich­ti­gung des Hau­ses breit­schla­gen las­sen. Erst auf die drin­gen­de Bit­te der Brü­der habe man das Haus, des­sen Lage ihnen eigent­lich nicht zuge­sagt habe, dann doch gekauft. Emil Hahn, eigent­lich ein Kon­kur­rent der Marx­hei­mers, betrieb bis­her in der Neu­gas­se 2 eben­falls eine Leder­hand­lung. Man habe – so die Selbst­dar­stel­lung – den frü­he­ren jüdi­schen Kon­kur­ren­ten mit dem Kauf also nur einen Gefal­len tun wol­len. Am 16. Sep­tem­ber 1939 wur­de das Geschäfts­haus im Grund­buch der Stadt Wies­ba­den auf den Namen der Käu­fer Hahn und Zitz­mann ein­ge­tra­gen.[167] Noch immer – 2022 – betreibt die Fami­lie Hahn, in Wies­ba­den bekannt als ‚Leder-Hahn’, dort ihr Geschäft.

Mit die­sem, zwar ver­trag­lich ver­ein­bar­ten, letzt­lich aber gewalt­sa­men Ende einer jahr­hun­der­te­al­ten Fami­li­en­tra­di­ti­on, waren die Brü­der auch ihrer bis­he­ri­gen Ein­kom­mens­quel­le beraubt wor­den, so dürf­tig sie zuletzt auch gespru­delt hat­te. Es blieb ihnen nur die Mög­lich­keit, von ihren Erspar­nis­sen und – soweit vor­han­den – von den Erträg­nis­sen ihrer Wert­pa­pie­re und ihres Immo­bi­li­en­be­sit­zes zu leben. Aus letz­te­rem konn­ten Leo­pold und Emil Marx­hei­mer zuletzt kei­nen Gewinn mehr erzie­len und schon in den frü­hen 30er Jah­ren belief sich die­ser auf nur weni­ge hun­dert Reichs­mark.[168] Und auch ein gro­ßer Teil ihrer Wert­pa­pie­re ging in die­sen Tagen ver­lo­ren, denn selbst­ver­ständ­lich wur­den auch sie alle drei nach der Reichs­po­grom­nacht zur „Süh­ne­leis­tung“ her­an­ge­zo­gen. Berech­nun­gen des Finanz­amts Wies­ba­den lie­gen nicht mehr vor, aber aus Abbu­chun­gen der Kon­ten bzw. Über­tra­gun­gen aus den Depots las­sen sich annä­hern­de Wer­te ermit­teln, die als Son­der­steu­er im Lau­fe des Jah­res 1939 gezahlt wur­den. Juli­us und Emil Marx­hei­mer hat­ten ver­mut­lich um die 10.000RM auf­zu­brin­gen,[169] bei Leo­pold Marx­hei­mer hat die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de sogar eine geleis­te­te Abga­be von 11.000 RM aner­kannt.[170]

Vier Wochen nach Erlass der Siche­rungs­an­ord­nung gegen Emil Marx­hei­mer ver­lang­te das Finanz­amt Wies­ba­den im Okto­ber 1938 von ihm eine Siche­rung für die im Fal­le einer Aus­rei­se fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er in Höhe von 12.400 RM.[171] Auch wenn die­se vom Fis­kus tat­säch­lich erst bei der tat­säch­li­chen Emi­gra­ti­on ein­ge­for­dert wor­den wäre, stand der Betrag sei­nem eigent­li­chen Besit­zer ab sofort nicht mehr zur Ver­fü­gung. Letzt­lich war das aber auch gleich­gül­tig, weil das Geld in jedem Fall an den Staat gefal­len wäre, ent­we­der bei der Aus­rei­se oder aber beim Ver­mö­gens­ver­fall nach der Depor­ta­ti­on. Juli­us Marx­hei­mer hat­te man im Dezem­ber 1938 eben­falls eine sol­che Reichs­flucht­steu­er­si­che­rung in der Höhe von 15.500 RM auf­er­legt. Nach Zah­lung der 5. Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be, war die­se For­de­rung dann aber auf­grund der nun not­wen­di­gen Neu­be­rech­nung des Ver­mö­gens auf 4.700 RM redu­ziert wor­den.[172] Auch bei Leo­pold Marx­hei­mer wur­de eine Siche­rung der Reichs­flucht­steu­er in Höhe von etwa 10.000 RM im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ange­nom­men, ent­schä­digt wur­de der Betrag aber aus den oben genann­ten Grün­den nicht. Es sei damals kei­ne Zah­lung erfolgt. Allein dar­an sieht man, wie chao­tisch und wider­sprüch­lich die Ver­fah­ren um ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gun­gen in den Nach­kriegs­jah­ren abliefen.

Neben die­sen Zwangs­ab­ga­ben muss­ten auch noch Beträ­ge an die Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden ent­rich­tet wer­den, die dann eben­falls in eine der Kas­sen des NS-Staats flos­sen. Bis zum 31. März 1939 hat­ten auch Marx­hei­mers ihren Schmuck und Haus­halts­ge­rä­te aus Edel­me­tal­len bei den staat­lich ein­ge­rich­te­ten Ankauf­stel­len abzu­ge­ben. Juli­us Marx­hei­mer gab in sei­nem Ent­schä­di­gungs­an­trag an, durch die­sen Zwangs­ver­kauf einen Ver­lust von etwa 8.000 RM gemacht zu haben.[173]

Emil Marxheimer
Ent­las­sungs­lis­te aus Buchen­wald mit dem Namen von Emil Marx­hei­mer
Arol­sen Archiv

Die Reichs­po­grom­nacht hat­te aber nicht nur finan­zi­el­le Kon­se­quen­zen. Wäh­rend die bei­den ande­ren Brü­der offen­bar ver­schont blie­ben, gehör­te Emil Marx­hei­mer zu den­je­ni­gen, die im Gefol­ge der Ereig­nis­se ver­haf­tet und in Buchen­wald ein­ge­lie­fert wur­den. Am 24. Novem­ber ent­ließ man ihn und wei­te­re 104 Häft­lin­ge wie­der aus Buchen­wald in eine mehr als unge­wis­se Zukunft.[174]

Der Ver­kauf des Geschäfts­hau­ses in der Klei­nen Lang­gas­se, hat­te auch zur Fol­ge, dass Emil Marx­hei­mer, der bis­her dort auch gewohnt hat­te, sich eine neue Blei­be suchen muss­te. Er fand eine sol­che in der Nähe der Brü­der, näm­lich im Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 47 im 3. Stock, einem Miets­haus, das einem Münch­ner Kauf­mann gehörte.

Kapel­len­str. 26
Eige­ne Aufnahme

Bald dar­auf, im März 1939, muss­te aber die Fami­lie sei­nes Bru­ders Juli­us die gro­ße und schö­ne Woh­nung am Ring ver­las­sen, in der sie seit vie­len Jah­ren gewohnt hat­te. Alle jüdi­schen Mie­ter des Hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 erhiel­ten unmit­tel­bar nach der Ver­ab­schie­dung des neu­en Miet­ge­set­zes, das die­sen nahe­zu jeden Schutz ent­zog, von dem Eigen­tü­mer, der Nas­saui­schen Lan­des­bank, ein Schrei­ben mit der frist­lo­sen Kün­di­gung. Die drei­köp­fi­ge Fami­lie mie­te­te dar­auf­hin eine Woh­nung in der Kapel­len­str. 26, im Haus der jüdi­schen Wit­we Fran­zis­ka Rosen­thal,[175] die sicher prin­zi­pi­ell groß genug und auch schön gele­gen war, aber es nicht ermög­lich­te, dort auch das gesam­te bis­he­ri­ge Mobi­li­ar unter­zu­brin­gen. Ein gro­ßer Teil der Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de muss­te kurz­fris­tig ver­schleu­dert wer­den, dar­un­ter das kom­plet­te Spei­se­zim­mer, Tei­le des Schlaf­zim­mers und ein wert­vol­ler Bech­stein-Flü­gel. Ande­re Sachen wur­den ein­fach zurück­ge­las­sen, wie das Kin­der­zim­mer von Ruth, die, inzwi­schen 23 Jah­re alt, sich in einem der Zim­mer in der neu­en Woh­nung ein eige­nes klei­nes Wohn-Schlaf­zim­mer ein­rich­te­te.[176] Das Kon­to von Juli­us Marx­hei­mer war damals gesperrt, sodass er weder auf den ihm eigent­lich zuste­hen­den Frei­be­trag von 400 RM zugrei­fen konn­te, noch die Rech­nung für den Umzug in Höhe von eben­falls 400 RM bezah­len konn­te. Für bei­de Beträ­ge muss­te er über die Deut­sche Bank zunächst bei der Devi­sen­stel­le um Frei­ga­be der ent­spre­chen­den Mit­tel bet­teln.[177]
Nur Leo­pold Marx­hei­mer konn­te damals mit sei­ner Fami­lie in dem ihm gehö­ren­den Haus bleiben.

1939 war das Jahr, in dem auch vie­le der­je­ni­gen, die bis­her gehofft hat­ten, der Nazi-Spuk wer­de schon vor­über­ge­hen, die tat­säch­li­che Gefahr für Leib und Leben erkann­ten und auch unter größ­ten mate­ri­el­len Ver­lus­ten zur Aus­rei­se bereit waren. Aber die Mög­lich­kei­ten wur­den auch für die­je­ni­gen, die über die not­wen­di­gen finan­zi­el­len Mit­tel ver­füg­ten, immer gerin­ger, weil auch die Bereit­schaft des Aus­lan­des zur Auf­nah­me der Bedroh­ten immer wei­ter abnahm. In die­ser Situa­ti­on woll­te man zumin­dest die Kin­der in Sicher­heit wis­sen, so auch bei Juli­us und Lui­se Marxheimer.

Ruth Marxheimer March
Ruth Marx­hei­mer um 1939
https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/804807:2717​?lang=de-DE

Ihre Toch­ter Ruth hat­te als Schü­le­rin das Lyze­um I am Schloss­platz in Wies­ba­den besucht. Nach der Macht­über­nah­me muss ihr der Unter­richt zuneh­mend zur Qual gewor­den sein, sowohl durch den plötz­li­chen Ver­hal­ten­sum­schwung ihrer Mit­schü­le­rin­nen als auch durch die Behand­lung sei­tens man­cher Leh­rer. Aber es gab auch ande­re, die das see­li­sche Leid ihrer jüdi­schen Schü­ler und Schü­le­rin­nen zur Kennt­nis nah­men. In einem Brief im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens gab ein frü­he­rer Leh­rer von Ruth 1965 Aus­kunft über sei­ne ehe­ma­li­ge Schülerin:

Brief des frü­he­ren Leh­rers von Ruth Marx­hei­mer
HHStAW 467 2552 (10)

„Fräu­lein Marx­hei­mer war vor mehr als 30 Jah­ren – ich selbst bin inzwi­schen 84 Jah­re alt gewor­den – mei­ne Schü­le­rin. Vor den Ereig­nis­sen des Jah­res 1933 war sie ein fro­hes, gesun­des Mädel, in ihrer Klas­se sehr beliebt, sonst wäre sie nicht Ver­trau­ens­schü­le­rin gewor­den. Nach der sog. „Macht­er­grei­fung“ u. ihren Fol­gen auf das gan­ze deut­sche Leben wur­de sie mit den Din­gen nicht mehr fer­tig u. litt see­lisch dar­un­ter. Sehr oft such­te sie schrift­lich oder heim­lich münd­li­chen Rat u. Hil­fe bei mir in ihren Nöten. Sie wer­den ver­ste­hen, daß es für mich nicht immer leicht war, sie zu trös­ten oder ihr Hoff­nung zu geben. Sie konn­te ein­fach nicht ver­ste­hen, daß sie kei­ne Deut­sche mehr sein soll­te, obwohl sie in Deutsch­land gebo­ren sei u. es so sehr lieb­te.“[178]

Der Schul­lei­ter riet damals den Eltern, ihre Toch­ter von der Schu­le zu neh­men, aber sie blieb und leg­te 1935 dort ihr Abitur ab.[179] Eigent­lich hat­te sie geplant, an einer deut­schen Uni­ver­si­tät das Stu­di­um der Phi­lo­lo­gie auf­zu­neh­men. Die­ser Wunsch erüb­rig­te sich, weil bereits seit 1933 mit dem „Gesetz gegen die Über­fül­lung der deut­schen Hoch­schu­len und Schu­len“ alle Juden aus den Uni­ver­si­tä­ten her­aus­ge­drängt wur­den und ab 1934 ein Abitur nicht mehr als gene­rel­le Zugangs­be­rech­ti­gung für eine Hoch­schu­le galt.
Um sich auf eine Aus­rei­se nach Paläs­ti­na vor­zu­be­rei­ten, ging sie für ein Jahr nach Eng­land an eine land­wirt­schaft­li­che Schu­le, an die eine Hüh­ner­farm ange­schlos­sen war. Wäh­rend die­ses Auf­ent­halts tra­ten erst­mals so star­ke mani­fes­te psy­chi­sche Stö­run­gen auf, dass die Eltern sie zurück­ho­len und in einem Schwei­zer Sana­to­ri­um unter­brin­gen muss­ten. Nach­dem sie sich dort nach einer Wei­le gut erholt hat­te, nahm sie an der Uni­ver­si­tät in Genf zunächst das von ihr gewünsch­te Phi­lo­lo­gie­stu­di­um auf. Im Hin­blick auf mög­li­che Zukunfts­per­spek­ti­ven wech­sel­te sie spä­ter in den natur­wis­sen­schaft­li­chen Fach­be­reich. Das alles bedeu­te­te aber auch erheb­li­che finan­zi­el­le Belas­tun­gen für die Eltern in Wies­ba­den, da sowohl hohe Stu­di­en­ge­büh­ren anfie­len, als auch der Lebens­un­ter­halt der Toch­ter monat­lich rund 250 Schwei­zer Fran­ken ver­schlang.[180]
Ihre Prü­fun­gen hat­te sie alle bestan­den, nur die Abschluss­prü­fung konn­te sie nicht mehr absol­vie­ren, da die Eltern nicht mehr in der Lage waren, sie finan­zi­ell län­ger zu unter­stüt­zen. In die­ser Situa­ti­on ent­schloss sie sich mit dem Ein­ver­ständ­nis ihrer Eltern, ein neu­es Leben in den USA zu begin­nen. Im Janu­ar 1939 konn­te sie von Genf aus über Cher­bourg eine Schiffs­pas­sa­ge nach New York buchen, die ihr der Vater noch zah­len konn­te.[181] Den New Yor­ker Hafen erreich­te sie am 3. Febru­ar 1939 mit 30 Dol­lar in der Tasche.[182]

Aus­rei­se von Ruth Marx­hei­mer in die USA
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Die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft hat­te sie schon bald nach ihrer Ankunft im Juni 1939 bean­tragt. 1944 nahm sie den für Ame­ri­ka­ner leich­ter aus­zu­spre­chen­den Namen March, statt Marx­hei­mer an.[183]

Da sie in den USA zunächst völ­lig mit­tel­los war, nahm sie unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft eine Stel­le als Haus­halts­hil­fe in einer Arzt­fa­mi­lie an. 1940 konn­te sie einen ein­jäh­ri­gen Labo­ran­tin­nen­kurs absol­vie­ren, den sie durch eine zusätz­li­che beruf­li­che Tätig­keit aber selbst finan­zie­ren muss­te. Nach einem neu­er­li­chen Krank­heits­rück­fall und einem län­ge­ren Kli­nik­auf­ent­halt begann sie eine Aus­bil­dung als Biblio­the­ka­rin und erhielt eine Anstel­lung an der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Prince­ton. In den fol­gen­den Jah­ren wech­sel­te sie immer wie­der zwi­schen ihren bei­den erlern­ten Beru­fen und nahm Stel­len in den unter­schied­lichs­ten Städ­ten der USA an. Immer wie­der litt sie unter ihrer psy­chi­schen Erkran­kung, die sie zu län­ge­ren sta­tio­nä­ren Auf­ent­hal­ten zwang und eine stän­di­ge the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung not­wen­dig mach­te. Eine Aner­ken­nung des Lei­dens als Fol­ge ihrer Ver­fol­gungs­ge­schich­te wur­de von den deut­schen Ent­schä­di­gungs­be­hör­den abge­lehnt.[184]
Die Hoff­nung, auf­grund ihres frü­he­ren Stu­di­ums in der Schweiz an einer ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät auf­ge­nom­men zu wer­den, schei­ter­te, weil man dort die bis­he­ri­gen Prü­fun­gen aus der Schweiz nicht aner­kann­te. Noch 1955 for­der­te man von ihr den Besuch von wei­te­ren zwei Jah­ren an einer Stu­di­en­an­stalt, bevor man sie zu einer Prü­fung für ein „under­gra­dua­te degree“ zulas­sen kön­ne. Ob Ruth die­se Stra­pa­ze ange­sichts ihrer Krank­heit noch auf sich genom­men hat­te, ist nicht bekannt. Als sie 1955 ihren Ent­schä­di­gungs­an­trag stell­te, gab sie an, von Beruf Labo­ran­tin zu sein.
Ruth March ver­starb am 29. Janu­ar 1997 in Bal­ti­more.[185]

 

Von den Mit­glie­dern der Eigen­tü­mer­fa­mi­li­en der Wies­ba­de­ner Leder­hand­lung war Ruth die ein­zi­ge, der vor dem Beginn der Depor­ta­tio­nen die Flucht gelang. Auch ihre Eltern hat­ten damals wohl schon Schrit­te für eine Emi­gra­ti­on in die Wege gelei­tet. Juli­us Marx­hei­mer gab spä­ter, als er aus The­re­si­en­stadt in die Schweiz gelangt war, an, er und sei­ne Frau hät­ten ein Visum für Kuba gehabt, das aber ver­fal­len sei. Wes­halb es unge­nutzt blieb, ließ er offen.[186] Dabei hät­te es auch für Leo­pold Marx­hei­mer und sei­ne Toch­ter Ger­trud viel­leicht eine Ret­tung geben kön­nen. Die bei­den waren am 21. August 1937 von Ham­burg aus mit der berühm­ten „St. Lou­is“ nach New York auf­ge­bro­chen, um in Penn­syl­va­nia einen Freund namens Arthur Blass zu besu­chen. Ihr Auf­ent­halt soll­te drei Mona­te dau­ern.[187] Man wird davon aus­ge­hen kön­nen, dass die bei­den damals nicht nur einen freund­schaft­li­chen Besuch mach­ten, son­dern ange­sichts der ver­schärf­ten Maß­nah­men nach der Olym­pia­de 1936 auch über mög­li­che Per­spek­ti­ven in den USA spra­chen. Da aber die Ehe­frau bzw. Mut­ter zurück­ge­blie­ben war, viel­leicht auch qua­si als Pfand zurück­blei­ben muss­te, konn­te der NS-Staat rela­tiv sicher sein, dass Vater und Toch­ter wie­der zurück­keh­ren wür­den. Nur weni­ge Mona­te nach der Rück­kehr der bei­den starb Hed­wig Marx­hei­mer am 29. Mai 1938 in Wies­ba­den mit nur 48 Jah­ren.[188] Auch besaß man damals noch das Haus, das man ver­mut­lich noch als einen siche­ren Schutz­raum gegen die Gefah­ren von außen und als Kapi­tal­re­ser­ve ange­se­hen hat­te. Das auf­zu­ge­ben fiel ganz sicher nicht leicht. So blieb man in Deutsch­land und harr­te aus, hof­fend, dass es nicht noch schlim­mer kom­men werde.

Am 10. August 1939 ver­ließ aller­dings Ger­trud Wies­ba­den und blieb laut einem Ein­trag auf der Gestapo­kar­tei­kar­te ihres Vaters für ein hal­bes Jahr in Ber­lin. Dort wohn­te sie im Bezirk Gru­ne­wald in der Met­zen­heim­str. 36, wo sie als Haus­halts­hil­fe ange­stellt war. Ob die­se Anstel­lung damals der allei­ni­ge Grund war, nach Ber­lin zu gehen, erscheint eher unwahr­schein­lich. Aber wel­che wei­te­ren Zwe­cke sie mit die­sem Auf­ent­halt in der Reichs­haupt­stadt ver­bun­den hat­te, muss im Dunk­len blei­ben. Am 4. Febru­ar des fol­gen­den Jah­res kehr­te sie wie­der zurück in die elter­li­che Woh­nung am Ring.

Im Novem­ber 1940 muss­te Leo­pold Marx­hei­mer gegen­über der Devi­sen­stel­le erneut sei­ne finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se offen­le­gen. Einem Aktiv­ver­mö­gen von 43.000 stan­den Schul­den von rund 16.000 RM ent­ge­gen. Er selbst und sei­ne Toch­ter erwar­te­ten ein Jah­res­ein­kom­men von 550 RM. Ihre monat­li­chen Aus­ga­ben belie­fen sich auf 310 RM. Ent­spre­chend wur­de der monat­li­che Frei­be­trag die­sem Wert ange­passt.[189]

Am 19. Mai 1941 zog dann auch Emil Marx­hei­mer in das Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 72, das ihm zur Hälf­te gehör­te. Der Zeit­punkt spricht eigent­lich dafür, dass es sich um einen erzwun­ge­nen Umzug gehan­delt haben könn­te, zumal das Haus am Ring mit der Num­mer 47, in dem er bis­her gewohnt hat­te, nicht in jüdi­schem Besitz war und einer Kün­di­gung des jüdi­schen Mie­ters somit nichts im Wege gestan­den hät­te. Ande­rer­seits liegt es auch nahe, dass die bei­den nun allein­ste­hen­den Brü­der, nur um Kos­ten zu spa­ren, damals zusam­men­zo­gen. Seit Febru­ar 1940 stand Emil Marx­hei­mer, nach­dem er ein Siche­rungs­kon­to ein­ge­rich­tet hat­te, ein fes­ter Frei­be­trag von 300 RM zur Ver­fü­gung.[190] Als er dann im Herbst dar­um bat, Papie­re im Wert von 1.000 RM ver­kau­fen zu dür­fen, um so sei­ne Lebens­hal­tungs­kos­ten zu finan­zie­ren, wur­de ihm das von der Devi­sen­stel­le ver­wei­gert. Sie ver­lang­te zunächst eine aktu­el­le Auf­stel­lung sei­nes Ver­mö­gens, sei­nes Ein­kom­mens und sei­ner Aus­ga­ben.[191] Eine sol­che Ver­mö­gens­er­klä­rung hat­te die Stel­le schon eigent­lich im Früh­jahr ein­ge­for­dert. Er war damals die­ser Auf­for­de­rung nicht nach­ge­kom­men, weil er, wie er schrieb, wegen sei­ner Erkran­kung dazu der­zeit nicht in der Lage sei. Wie schwer und wor­an er erkrankt war, ist nicht bekannt. Aber die Krank­heit war offen­bar auch der Grund dafür, dass er eine ursprüng­lich geplan­te Aus­wan­de­rung aus Deutsch­land nicht mehr wei­ter ver­folg­te. Es lie­gen in den Akten zumin­dest kei­ne wei­te­ren Bele­ge für die­ses Vor­ha­ben vor.[192]
Die Erkran­kung könn­te zudem ein wei­te­rer Grund für das Zusam­men­zie­hen der Brü­der gewe­sen sein. Die Lebens­ver­hält­nis­se der Jüdin­nen und Juden hat­ten sich im Lau­fe der Jah­re 1940 /​ 1941 so sehr ver­schlech­tert, dass es kaum mehr des unmit­tel­ba­ren büro­kra­ti­schen Drucks bedurf­te, um eine Kon­zen­tra­ti­on der jüdi­schen Bevöl­ke­rung in weni­gen Häu­sern her­bei­zu­füh­ren. Man tat das oft not­ge­drun­gen „frei­wil­lig“.
Emil Marx­hei­mer kam im Herbst der Auf­for­de­rung der Devi­sen­stel­le, eine aktu­el­le Ver­mö­gens­er­klä­rung abzu­ge­ben, umge­hend nach und reich­te am 21. Novem­ber 1940 das ent­spre­chen­de For­mu­lar ein. Dem­nach besaß er damals nach Abzug von Schul­den noch rund 25.000 RM, wovon aber 18.500 RM im Haus­an­teil Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 gebun­den waren. Sein Jah­res­ein­kom­men, das aus­schließ­lich aus den noch vor­han­de­nen Wert­pa­pie­ren flie­ßen konn­te, schätz­te er für das lau­fen­de Jahr auf gera­de mal noch 380 RM. Für sei­ne Woh­nung hat­te er warm 115 RM monat­lich zu zah­len, hin­zu kam eine Haus­halts­hil­fe, die 40 RM im Monat erhielt. Bei einer gemein­sa­men Haus­halts­füh­rung mit sei­nem Bru­der und des­sen Toch­ter lie­ßen sich gewiss diver­se Ein­spar­mög­lich­kei­ten fin­den.
Wie sich das Leben von Vater, Toch­ter und Bru­der in den fol­gen­den Mona­ten in dem inzwi­schen zum Juden­haus erklär­ten Haus gestal­te­te, ist nicht bekannt. Die über­lie­fer­ten Akten ent­hal­ten dar­über kei­ne Infor­ma­tio­nen. Aber offen­sicht­lich war zunächst nie­mand ande­res in die Woh­nung ein­ge­wie­sen wor­den. Das änder­te sich nach dem 10. Juni 1942. An die­sem Tag wur­de die inzwi­schen drei­ßig­jäh­ri­ge Ger­trud im Rah­men der ers­ten Mas­sen­de­por­ta­ti­on aus Wies­ba­den „in den Osten“ ver­bracht. Der Trans­port „Da 18“, der end­gül­tig in Frank­furt zusam­men­ge­stellt wur­de, nahm auch min­des­tens 370 Wies­ba­de­ner Jüdin­nen und Juden mit in den Tod. Zählt man die Men­schen aus Nor­den­stadt hin­zu, dann waren es sogar mehr als 380. Den Tag, an dem sie in den Gas­kam­mern von Sobi­bor, in die die gif­ti­gen Abga­se aus alten Moto­ren hin­ein­ström­ten, in einer vier­tel bis zu einer hal­ben Stun­de dau­ern­den, grau­en­haf­ten Tor­tur ermor­det wur­de, kennt man nicht, aber es muss bald nach Ankunft des Zuges gesche­hen sein.[193] In Erman­ge­lung genaue­rer Daten wur­de als ihr Todes­tag der 8. Mai 1945, der Tag der deut­schen Kapi­tu­la­ti­on, festgesetzt.

Unfrei­wil­lig hat­te sie Platz gemacht für Vic­tor Weiss, den ein­zi­gen jüdi­schen Bewoh­ner des Juden­hau­ses, der nicht aus der Fami­lie Marx­hei­mer stamm­te. Mit ihm ver­brach­ten Leo­pold und Emil Marx­hei­mer gemein­sam die letz­ten Wochen zwi­schen Juni und 1. Sep­tem­ber 1942, an dem dann der nächs­te Trans­port nach Osten roll­te. Aller­dings muss es in den letz­ten Tagen noch ein­mal eine Ver­än­de­rung gege­ben haben, denn Emil Marx­hei­mer wur­de nicht aus dem Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring, son­dern aus der Geis­berg­str. 24 geholt. Das Haus, ein ehe­ma­li­ges Jüdi­sches Schwes­tern­wohn­heim, das zuletzt auch als Alters­heim genutzt wur­de, fun­gier­te als eine vor­letz­te Sam­mel­stel­le vor der Depor­ta­ti­on, wie sich aus der gro­ßen Zahl von etwa 50 Per­so­nen ergibt, deren Depor­ta­ti­ons­adres­se mit Geis­berg­str. 24 ange­ge­ben ist. Es han­del­te sich fast aus­schließ­lich um Men­schen über 70 Jah­re. Emil Marx­hei­mer gehör­te mit 65 Jah­ren zu den Jüngs­ten. Aber viel­leicht war sei­ne Krank­heit der Grund, wes­halb man ihn zuvor dort­hin beor­dert hat­te. Ver­mut­lich wur­den die alten und behin­der­ten Men­schen dort im Lau­fe der Woche oder Wochen vor der Depor­ta­ti­on gesam­melt, um sie am 29. August per Last­wa­gen in die eigent­li­che Sam­mel­stel­le in der Fried­richstr. 33, die ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge, oder sogar direkt an den Bahn­hof zu schaffen.

Emil Marxheimer Brief
Letz­ter Brief von Emil Marx­hei­mer an die Devi­sen­stel­le Frank­furt
HHStAW 519/​3 4750 (20)

Man fragt sich heu­te, ob es sich um Zynis­mus oder um die Defi­zi­te eines dik­ta­to­ri­schen Ver­wal­tungs­staa­tes han­delt, wenn Leo­pold Marx­hei­mer am 2. August und Emil Marx­hei­mer sogar noch am 24. August 1942 eine erneu­te Auf­for­de­rung zur Abga­be einer Ver­mö­gens­er­klä­rung erhiel­ten. Das an Emil Marx­hei­mer gerich­te­te Schrei­ben, war noch an sei­ne bis­he­ri­ge Adres­se Kai­ser-Fried­rich-Ring gerich­tet. Ob er am 24. dort noch wohn­te, ist nicht zu sagen. Bei­de Brü­der gaben eine sol­che Erklä­rung nicht mehr ab. Emil Marx­hei­mer schrieb mit zitt­ri­ger Hand – ob aus Wut oder wegen sei­ner Erkran­kung, ist nicht zu sagen: „Da in kur­zer Zeit eine Ände­rung in mei­ner Lebens­hal­tung erfolgt, kann ich erst spä­ter auf Ihr Ersu­chen zurück­kom­men.“[194] Er benö­tig­te kein Geld mehr für sei­ne Lebens­hal­tung, bzw. er soll­te auch bald kein Geld mehr besit­zen. Bereits am 27. August, zwei Tage bevor die Men­schen in der Syn­ago­ge zusam­men­ka­men, hat­te der deut­sche Staat das gesam­te noch vor­han­de­ne Ver­mö­gen von Emil Marx­hei­mer und aller ande­ren dort ver­sam­mel­ten Jüdin­nen und Juden ein­ge­zo­gen.[195]

Ster­be­ver­merk von Emil Marx­hei­mer in The­re­si­en­stadt
Arol­sen Archiv

Ein­ein­halb Jah­re über­leb­te Emil Marx­hei­mer das Ghet­to The­re­si­en­stadt. Per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen über die­se recht lan­ge Lei­dens­zeit lie­gen nicht vor. Am 13. April 1944 wur­de er erlöst. Unter wel­chen Umstän­den er ver­starb, sprich ermor­det wur­de, ist nicht bekannt.[196]

An Juli­us Marx­hei­mer hat­te man sogar die Auf­for­de­rung, eine Auf­stel­lung über sei­ne Lebens­hal­tungs­kos­ten zu über­mit­teln, noch am 2. Sep­tem­ber, dem Tag, an dem der Zug sein Ziel The­re­si­en­stadt erreich­te, geschickt.[197] Die letz­te dies­be­züg­li­che Abfra­ge stamm­te vom Febru­ar 1940. Damals besaß er noch 18.000 RM, zumeist in Form von Wert­pa­pie­ren, aber auch das Bau­land war damals noch in sei­ner Hand. 400 RM gab er als Lebens­hal­tungs­kos­ten an, 150 RM davon allein als Miet­an­teil mit allen Neben­kos­ten.[198] Was von den finan­zi­el­len Mit­teln Ende August 1942 noch übrig war, ist nicht bekannt. Die 11. und 13. Ver­fü­gung zum Reichs­bür­ger­ge­setz, durch die den Juden beim Grenz­über­tritt auto­ma­tisch das Bür­ger­recht ent­zo­gen wur­de, lie­fer­te dem NS-Staat die recht­li­che Grund­la­ge, um sich auch die­ses Rest­ver­mö­gens „legal“ zu bemäch­ti­gen.
Es ist kaum zu ver­mu­ten, dass in der kur­zen Zeit zwi­schen der am 22. August ver­öf­fent­lich­ten Auf­for­de­rung an die noch in Wies­ba­den leben­den Jüdin­nen und Juden, sich für die „Wohn­sitz­ver­la­ge­rung“ in den Osten bereit­zu­hal­ten, und der Abfahrt des Zuges Zeit blieb, das Mobi­li­ar noch zu einem ange­mes­se­nen Preis zu ver­kau­fen, was ja letzt­lich ohne­hin gleich­gül­tig gewe­sen wäre, da auch sol­che Ein­nah­men vom Staat kon­fis­ziert wor­den wären. Die zum Teil wert­vol­len Sachen blie­ben ein­fach her­ren­los zurück und fan­den unter den Frau­en und Män­nern der Her­ren­ras­se neue Her­ren bzw. Frau­en. Ins­ge­samt bezif­fer­te Juli­us Marx­hei­mer den Wert sei­ner zurück­ge­las­se­nen Möbel auf fast 12.000 RM.[199] Auch Ruth ver­lor auf die­sem Weg ihre Biblio­thek mit etwa 500 Bän­den, die nach ihrer Aus­rei­se im Haus in der Kapel­len­stra­ße bei ihren Eltern ein­ge­la­gert wor­den war.

An der Vieh­ver­la­de­sta­ti­on des Bahn­hofs bestei­gen die Jüdin­nen und Juden am 1. 9. 1942 den Zug nach The­re­si­en­stadt
Yad Vas­hem 1046_12

Als auch Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer im Nie­sel­re­gen des 1. Sep­tem­ber an der Viehla­de­sta­ti­on des Bahn­hofs am frü­hen Mor­gen den Zug nach The­re­si­en­stadt bestie­gen, wer­den die Gedan­ken aber weni­ger in die Ver­gan­gen­heit als in die Zukunft gerich­tet gewe­sen sein, unsi­cher und ver­ängs­tigt, was sie in The­re­si­en­stadt erwar­ten wür­de. Nur wenig hat­te man bis­her über das soge­nann­te „Alters­ghet­to“ gehört. Von Lui­se Marx­hei­mer weiß man, dass sie neben der Mit­hil­fe in der Küche und Pro­vi­an­tur auch zu har­ter Arbeit her­an­ge­zo­gen wur­de. In den Flug­zeug­wer­ken von Mes­ser­schmitt und Hein­kel muss­te sie in der Glim­mer­fa­brik schuf­ten, eine gefähr­li­che Arbeit, weil sich der Metall­staub in den Lun­gen fest­setzt.[200] Wie lan­ge sie dort arbei­te­te, ist nicht bekannt. Ihr Mann blieb nach eige­nen Anga­ben von sol­cher Zwangs­ar­beit im Lager verschont.

Bei­den gelang es, die Zeit zu über­ste­hen, sogar befreit zu wer­den, bevor die deut­schen Trup­pen end­gül­tig geschla­gen waren. Das, was Wachs­mann als „Himm­lers End­spiel“ bezeich­ne­te,[201] bedeu­te­te für vie­le KZ-Gefan­ge­ne die Erlö­sung von einem seit Jah­ren ertra­ge­nen unmensch­li­chen Leid.[202] In der Hoff­nung, die West­al­li­ier­ten zu einem gemein­sa­men Kampf gegen den „Bol­sche­wis­mus“ bewe­gen und damit zugleich ein natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Deutsch­land und noch mehr sei­ne eige­ne Haut ret­ten zu kön­nen, ver­such­te Himm­ler in den ers­ten Mona­ten des Jah­res 1945, Kon­tak­te mit den Alli­ier­ten und ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen, wie dem Roten Kreuz, her­zu­stel­len. Als Vor­leis­tung bot er die Befrei­ung von KZ-Häft­lin­gen an. Vie­le gelang­ten damals nach Skan­di­na­vi­en, aber eini­ge Trans­por­te gin­gen auch in die Schweiz. Nach Abspra­che mit dem ehe­ma­li­gen Bun­des­rats­vor­sit­zen­den Musy durf­ten am 5. Janu­ar 1945 mit dem Trans­port ‚78-EW’ 1200 Häft­lin­ge The­re­si­en­stadt ver­las­sen. Lui­se Marx­hei­mer gab in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung Aus­kunft über die­se ent­schei­den­den Stun­den ihrer Befreiung:

Die Namen von Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer auf der Lis­te der Befrei­ten
https://​www​.ushmm​.org/online​/hsv​/wexner​/cache​/1663258766–2611528-RG-48.012M.0003.00000434.jpg

„Eines Tages, im Febru­ar 1945, wur­den wir um 12 Uhr nachts auf­ge­ru­fen und vom Haus­ael­tes­ten gefragt, wer nach der Schweiz woll­te. Gege­be­nen­falls soll­ten wir uns sogleich im soge­nann­ten “Rat­haus” ein­fin­den. Dort frag­te man uns, ob wir Ver­wand­te im Aus­land haet­ten, und auf unse­re Beja­hung wur­de uns gesagt, dass wir uns um 7 Uhr mor­gens bei dem Lager­kom­man­dan­ten mel­den muess­ten. Die­ser frag­te uns nach Namen, Alter und Her­kunft und woll­te wis­sen, in wel­chem Lan­de unse­re Ver­wand­ten wohn­ten. Wir ant­wor­te­ten, dass wir eine Toch­ter in Ame­ri­ka haetten.

Um 11 Uhr abends kam der Befehl, dass wir uns abfahrt­be­reit in der The­re­si­en­stad­ter Kaser­ne ein­zu­fin­den haet­ten, von wo aus um 5 Uhr frueh am naechs­ten Mor­gen die Abfahrt nach der Schweiz erfolg­te, wo wir zwei Tage spae­ter anka­men. Der Trans­port bestand aus 1200 Per­so­nen. Soviel mir bekannt ist, wur­de er auf­grund von Ver­hand­lun­gen mit dem SS-Fueh­rer Himm­ler und einer jue­di­schen Orga­ni­sa­ti­on vor­ge­nom­men und finan­ziert.“[203]

Ankunft des Zuges mit den Befrei­ten in Mon­treux.
Bei der Frau im Mit­tel­punkt könn­te es sich um Lui­se Marx­hei­mer han­deln, sie­he zum Ver­gleich das Pass­bild unten

Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer waren dem Tod ent­kom­men, aber nicht frei, denn in der Schweiz war­te­te ein Inter­nie­rungs­la­ger auf sie, in dem sie die fol­gen­den Mona­te ver­brin­gen muss­ten.[204] Da ihre Wei­ter­rei­se zur­zeit nicht mög­lich sei, müss­ten sie, so wur­de ihnen mit­ge­teilt, gemäß dem Bun­des­rats­be­schluss vom 17. Mai 1940 bis auf Wei­te­res in ein Lager gebracht wer­den. Soweit Mit­tel vor­han­den sei­en, soll­te die­se Unter­brin­gung auf eige­ne Kos­ten erfol­gen.[205] Natür­lich waren sol­che Mit­tel bei den Befrei­ten nicht vor­han­den. Und auch der Begriff „Lager“ war ange­sichts der tat­säch­lich recht guten Wohn­ver­hält­nis­se kaum ange­mes­sen. Aller­dings besa­ßen sie kei­ne unein­ge­schränk­te Frei­zü­gig­keit.
Nach den ers­ten Qua­ran­tä­ne-Tagen wur­den sie in dem zum Flücht­lings­la­ger ein­ge­rich­te­ten Hotel ‚Bel­mont‘ in Mon­treux untergebracht.

Hotel Bel­mont in Montreux

Es han­del­te sich dabei um eine, den Umstän­den ent­spre­chend sogar recht luxu­riö­se Unter­kunft, in der nahe­zu alle Zim­mer über flie­ßen­des Was­ser ver­füg­ten. Wäh­rend die Män­ner auf Stroh­sä­cken schla­fen muss­ten, stan­den den Frau­en sogar Bet­ten zur Ver­fü­gung. Umge­ben war das Hotel von einem gro­ßen Gar­ten, den die Inter­nier­ten benut­zen durf­ten.[206] Bei ihrer Ankunft in Mon­treux wur­den sie von einer gro­ßen Men­schen­men­ge begrüßt, dar­un­ter, so Lan­gen­eg­ger, vie­le Nie­der­län­de­rIn­nen, die für sie Lebens­mit­tel mit­brach­ten.[207]

Pass­bil­der  von Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer, ver­mut­lich bald nach ihrer Ankunft in der Schweiz erstellt.

Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947.

 

Trotz ihres Alters und ihrer diver­sen kör­per­li­chen Gebre­chen, die sie aus The­re­si­en­stadt mit­ge­bracht hat­ten, war Lui­se in die Grup­pe I, die der Arbeits­fä­hi­gen, ihr Mann dage­gen wegen einer Dia­be­tes­er­kran­kung in die Grup­pe III ein­ge­ord­net wor­den.[208] Ob Lui­se aber tat­säch­lich auch arbei­ten muss­te, ist den Unter­la­gen nicht zu entnehmen.

Hotel Tit­lis in Engelberg

Spä­ter, am 3. August 1945, muss­ten sie noch ein­mal ihre Unter­kunft wech­seln. Aber auch das Hotel ‚Tit­lis‘ in Engel­berg genüg­te den Ansprü­chen, wie aus den Tage­buch­auf­zeich­nun­gen von Camil­la Hirsch, einer ande­ren dort inter­nier­ten Frau, ent­neh­men kann. „Bis auf die Käl­te gefällt es mir hier sehr gut. Die Gegend ist herr­lich. Vom Bal­kon aus habe ich eine wun­der­vol­le Aus­sicht auf das Gebir­ge, das zum Grei­fen nahe ist und Engel­berg rings­her­um ein­schliesst.“[209] Obwohl das Essen reich­lich gewe­sen sei, litt sie nach den Ent­beh­run­gen in The­re­si­en­stadt aber auch dort immer noch an Hunger.

Juli­us Marx­hei­mer bit­tet um die Frei­ga­be von Gel­dern
Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947.

Davon ist im Hin­blick auf Marx­hei­mers nichts bekannt. Aber auch sie hat­ten wäh­rend der gesam­ten Zeit erheb­li­che Pro­ble­me, aller­dings betra­fen die­se die Gel­der, die ihnen von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen oder auch von Ver­wand­ten zur Ver­fü­gung gestellt wur­den, aber von den Ban­ken immer wie­der zurück­ge­hal­ten wur­den. Eine Rei­he von Brie­fen und Post­kar­ten zeu­gen von die­sen Schwie­rig­kei­ten.
In Engel­bert orga­ni­sier­ten Marx­hei­mers dann ihre Aus­rei­se in die USA zu ihrer Toch­ter Ruth, die damals in Eagle­ville in Penn­syl­va­nia in einem Sana­to­ri­um leb­te. Auf einem Fra­ge­bo­gen hat­ten sie bereits im Juli 1945 fest­ge­hal­ten, dass sie weder nach Deutsch­land, noch nach Paläs­ti­na aus­zu­rei­sen wün­schen wür­den, viel­mehr ers­te Schrit­te für die Ein­rei­se in die USA in die Wege gelei­tet hät­ten.
Ein Affi­da­vit und auch die nöti­gen Papie­re, wie Flücht­lings­aus­wei­se, lagen bereits im Febru­ar 1946 vor.

Pass­bil­der von Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer, ver­mut­lich erstellt vor der Aus­rei­se in die USA
Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947.

Aber erst im Okto­ber 1946 erhiel­ten sie von der ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaft die Papie­re, die ihnen die Ein­rei­se in die USA erlaub­ten. Ursprüng­lich war geplant, die Rei­se per Schiff zu machen, aber weder die zunächst gebuch­te Fahrt auf der ‚Veen­dam‘ noch die auf der ‚Catom­ba‘ kam zustan­de, wes­halb Marx­hei­mers, damit die Visa nicht ihre Gül­tig­keit ver­lo­ren, umpla­nen muss­ten, was die Kos­ten der Aus­rei­se ent­spre­chend ver­teu­er­te.[210]

Kos­ten der Aus­rei­se in die USA
Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947.

Ende Janu­ar des fol­gen­den Jah­res betra­ten sie dann nach einer Flug­rei­se von Basel über Ams­ter­dam nach New York ame­ri­ka­ni­schen Boden.[211] Lei­der hat­te die­ser Weg in die Frei­heit einen sehr bit­te­ren Nach­ge­schmack, da die deut­schen Ent­schä­di­gungs­be­hör­den die Über­nah­me der Kos­ten für die Aus­rei­se zunächst ver­wei­ger­ten. Das damals noch gül­ti­ge Ent­schä­di­gungs­ge­setz war tat­säch­lich so aus­ge­stal­tet, dass – abge­se­hen von denen, die bereits zuvor das ret­ten­de Aus­land erreicht hat­ten – davon nur die­je­ni­gen pro­fi­tie­ren konn­ten, die am 1. Janu­ar 1947 ent­we­der in einem Lager für ‚Dis­pla­ced Per­sons’ oder in Deutsch­land bzw. in dem jeweils zustän­di­gen Bun­des­land gemel­det waren. Wer, wie Marx­hei­mers, in der Schweiz leb­te, soll­te kei­ne Ansprü­che für die Fort­füh­rung der Emi­gra­ti­on mehr gel­tend machen dür­fen. Erst diver­se Kla­gen und eine gesetz­li­che Ände­rung führ­ten dazu, dass auch Juli­us und Lui­se Marx­hei­mer die Kos­ten erstat­tet wur­den. Aller­dings waren sie selbst zu die­sem Zeit­punkt – 1969 ! – schon längst ver­stor­ben und ihre Toch­ter Ruth erhielt nach lan­gem Kampf einen Betrag von etwas mehr als 600 Dol­lar.[212]
Bei ihrer Ankunft in den USA war Juli­us über 70 Jah­re alt und bei­de, beson­ders aber sei­ne Frau, waren von der Zwangs­ar­beit in The­re­si­en­stadt gezeich­net. Ihren Lebens­un­ter­halt durch eige­ne Arbeit zu ver­die­nen, war ihnen nicht mehr mög­lich. Umso drin­gen­der waren sie auf die Ent­schä­di­gun­gen für den Ent­zug der Frei­heit und den Ver­lust ihres Ver­mö­gens ange­wie­sen. Und die­se Ver­fah­ren zogen sich über Jah­re hin, was nicht nur dar­an lag, dass den Opfern immer wie­der die Beweis­last für Schä­den auf­er­legt wur­de, die zu erbrin­gen ihnen kaum mög­lich war. Es waren auch unglaub­lich vie­le Ver­fah­ren, die die Behör­den auch bei einem mit­un­ter vor­han­de­nen guten Wil­len ein­fach über­for­der­ten. Immer­hin erhielt das Ehe­paar Marx­hei­mer wenigs­tens vor­ab etwas Geld aus einem Här­te­fonds. Aller­dings schrieb man da schon das Jahr 1952 und Juli­us Marx­hei­mer war inzwi­schen 77 Jah­re alt gewor­den.[213] Fünf Jah­re spä­ter, am 8. Dezem­ber 1957, starb er in den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken von New York im Stadt­teil Man­hat­tan.[214]

Sei­ne Frau ver­starb am 12. Okto­ber 1965 in einer Kli­nik im New Yor­ker Stadt­teil Queens an den Fol­gen ihres Lun­gen­lei­dens.[215] 1962 war bei ihr ein Tumor in der Lun­ge dia­gnos­ti­ziert wor­den. [216] Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de sah – man berief sich auf ein medi­zi­ni­sches Gut­ach­ten – kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen der Zeit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und der auf­ge­tre­te­nen Erkran­kung und lehn­te einen Antrag auf Ent­schä­di­gung ab.[217]

So gehör­ten Juli­us, Lui­se Marx­hei­mer und ihre Toch­ter Ruth zwar zu den Über­le­ben­den der Shoa. Aber, abge­se­hen von der stän­di­gen mate­ri­el­len Not, allein wegen der vie­len Ver­fah­ren, die sie immer wie­der mit dem erlit­te­nen Leid kon­fron­tier­ten, war es für sie, wie für so vie­le ande­re Über­le­ben­de, nicht mög­lich, die­sen Rest des Lebens in Frei­heit zu genie­ßen.
Juli­us Marx­hei­mer hat­te in der Shoa im enge­ren Fami­li­en­kreis vier sei­ner Geschwis­ter ver­lo­ren, einen Schwa­ger und eine Schwä­ge­rin und wei­te­re Nich­ten und Nef­fen. Es gab aber auch eine Rei­he von Ange­hö­ri­gen, die recht­zei­tig Deutsch­land ver­las­sen hat­ten und als Erben­ge­mein­schaft zumin­dest den mate­ri­el­len Scha­den ansatz­wei­se aus­ge­gli­chen haben woll­ten. Zumin­dest die Immo­bi­li­en wur­den zurück­er­stat­tet. Die Fra­ge, ob alle übri­gen Schä­den, die in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren mit dem Hin­weis, es hand­le sich nicht um Endschädigungs‑, son­dern um Rück­erstat­tungs­fäl­le, abge­schmet­tert wur­den, dann tat­säch­lich noch auf die­sem Weg aus­ge­gli­chen wur­den, wür­de wei­te­re umfäng­li­che Nach­for­schun­gen nach sich zie­hen müs­sen und auch dann wohl kaum mehr zu klä­ren sein. Zwei­fel sind alle­mal angebracht.

Auch das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 wur­de zurück­er­stat­tet. Nach­dem die bei­den Eigen­tü­mer Leo­pold und Emil Marx­hei­mer depor­tiert wor­den waren und deren Ver­mö­gen „durch Vfg. des Regie­rungs­prä­si­den­ten in Wies­ba­den I 9 – 337/​42 vom 27. August 1942 zuguns­ten des Deut­schen Rei­ches ein­ge­zo­gen wor­den“ war, bean­trag­te das Finanz­amt Wies­ba­den, das „mit der Ver­wal­tung und Ver­wer­tung des Ver­mö­gens der Genann­ten durch den OFPräs. [Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten – K​.​F.] Ber­lin bezw. Kas­sel beauf­tragt“ wor­den war, am 26. Juni 1943 beim Amts­ge­richt Wies­ba­den die Umschrei­bung des Wohn­grund­stücks auf das Deut­sche Reich.[218] Ohne jed­we­de Ein­sprü­che konn­te die­ser Raub dann pro­blem­los büro­kra­tisch voll­zo­gen wer­den. Schon am 6. Juli 1943 mel­de­te das Amts­ge­richt Voll­zug. Das Haus war nun im Besitz des Reichs­fis­kus.[219]

Unmit­tel­bar danach for­der­te am 3. August 1943 der Ober­prä­si­dent der Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau vom Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten in Kas­sel – es han­delt sich um unter­schied­li­che Behör­den – sei­ner Behör­de die Woh­nun­gen für Büro­zwe­cke unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung zu stel­len. Das wur­de abge­lehnt. Wenn, dann kön­ne das Haus nur an die Behör­de ver­kauft, aber nicht unent­gelt­lich abge­ge­ben wer­den. Aber auch das wür­de ver­mut­lich nicht geneh­migt wer­den, weil der Ver­kauf ein­ge­zo­ge­ner jüdi­scher Immo­bi­li­en nach „Füh­rer­er­lass“ erst nach dem Ende des Krie­ges mög­lich sein wür­de, um auch den noch im Feld ste­hen­den Sol­da­ten die Chan­ce zu geben, sich an die­sem Raub­zug zu betei­li­gen.[220] Mit der Ver­wal­tung bzw. der Ver­wer­tung der Immo­bi­lie wur­de statt­des­sen die Haus­ver­wal­tung Bier beauf­tragt,[221] die nun die monat­li­che Kos­ten­ab­rech­nung bei der Ver­wer­tungs­stel­le für jüdi­sche Ver­mö­gen im Finanz­amt Wies­ba­den, gelei­tet von dem Beam­ten Schreck, vor­le­gen muss­te. Bier for­der­te im Sin­ne einer ordent­li­chen Buch­hal­tung aber erst ein­mal vom Finanz­amt die fäl­li­ge Mie­te für die Woh­nung Marx­hei­mer über 122,59 RM, weil die­se seit Anfang Sep­tem­ber leer ste­he. Auf dem Schrei­ben hat ver­mut­lich der Sach­be­ar­bei­ter im Finanz­amt, viel­leicht aber auch Bier selbst hand­schrift­lich in roter Schrift „Juden­haus“ notiert.[222] Ob der Fis­kus aber tat­säch­lich einen Nut­zen von dem Gebäu­de hat­te, scheint eher frag­lich, denn zumin­dest die erhal­te­nen Abrech­nun­gen ent­hal­ten nur Nega­tiv­sal­den, wobei aller­dings die jeweils fäl­li­gen Haus­zins- und Grund­steu­ern den größ­ten Bat­zen bei den Kos­ten aus­ma­chen, die ja zugleich als Ein­nah­men auf einem ande­ren Kon­to ver­bucht wer­den konn­ten.[223]

1944 wur­de das Haus zu einem noch grö­ße­ren Bal­last, da es durch Luft­an­grif­fe vom 28. Juli und erneut am 11. Okto­ber unbe­wohn­bar wur­de und zudem erheb­li­che Kos­ten für Repa­ra­tu­ren anfie­len. Bier bat das Finanz­amt, die Miet­zah­lun­gen für die aus­ge­zo­ge­nen Mie­ter zu über­neh­men, damit er sei­nen finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen, z​.​B. Gebüh­ren an die Stadt und der­glei­chen, nach­kom­men kön­ne.[224]

Nach dem Sieg der alli­ier­ten Trup­pen über­nahm die ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­re­gie­rung am 3. Okto­ber 1945 auch offi­zi­ell die Kon­trol­le über die kon­fis­zier­ten jüdi­schen Immo­bi­li­en und setz­te statt Bier den unbe­schol­te­nen und dem Wider­stand nahe ste­hen­den Steu­er­be­ra­ter Heinz­mann als Haus­ver­wal­ter für fast 20 sol­cher Miet­grund­stü­cke ein.[225]
Am 8. Dezem­ber 1948 wur­de der Rück­erstat­tungs­an­trag beim Zen­tral­an­mel­de­amt in Bad Nau­heim ein­ge­reicht, dem der Hes­si­sche Finanz­mi­nis­ter unter der Vor­aus­set­zung zustimm­te, dass die Antrag­stel­ler sich als Erb­be­rech­tig­te aus­wei­sen könn­ten.[226] Ein Hin­der­nis ent­stand, als die ehe­ma­li­ge Haus­häl­te­rin von Emil Marx­hei­mer gegen den vor­ge­leg­ten Erb­schein zuguns­ten von Juli­us Marx­hei­mer, Max Otto Fürth und Rosa Stern, gebo­re­ne Fürth, Ein­spruch ein­leg­te, weil die­ser sie tes­ta­men­ta­risch zur Allein­er­bin bestimmt habe. Zwar konn­te sie ein sol­ches Tes­ta­ment nicht vor­le­gen und auch kei­ne Zeu­gen benen­nen, aber offen­bar war die Ein­las­sung nicht ganz unglaub­haft, denn die Erben sag­ten ihr durch einen ent­spre­chen­den Ein­trag im Grund­buch zu, dass sie nach der Rück­erstat­tung und dem Ver­kauf des Hau­ses, an dem sie selbst kein Inter­es­se mehr hat­ten, ihr 10.000 DM geben wür­den. Auch aus der Aus­gleichs­zah­lung für das Haus Klei­ne Lang­gas­se soll­te sie wei­te­re 5.000 RM bekom­men.[227]

Rück­erstat­tung des Hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 72 an die Erben
Grund­buch der Stadt Wiesbaden

Nach­dem die Rück­erstat­tung am 6. Juni 1951 voll­zo­gen und das Haus zuguns­ten der Erben am 4. Juli 1951 im Grund­buch ein­ge­tra­gen wor­den war,[228] ver­kauf­ten die­se im Jahr 1955 die Immo­bi­lie.
Weder das Gebäu­de in der Klei­nen Lang­gas­se, noch das am Kai­ser-Fried­rich-Ring ist bis­her als ehe­ma­li­ges jüdi­sches Eigen­tum zu erken­nen. Vor kei­nem der bei­den Häu­ser erin­nern wenigs­tens Stol­per­stei­ne an ihre ehe­ma­li­gen Bewoh­ner und Eigentümer.

 

Ver­öf­fent­licht: 11. 09. 2022
Letz­te Revi­si­on: 13.02. 2026

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Denk­mal­to­po­gra­phie — Kul­tur­denk­mä­ler in Hes­sen, Wies­ba­den, Bd. 1.2 Stadt­er­wei­te­rung inner­halb der Ring­stra­ße, S. 368.

[2] Ebd. S. 381.

[3] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 43 Bl. 650 Innen. Auf dem Haus las­te­te eine Hypo­thek von 69.000 RM, die von den Käu­fern über­nom­men wur­de, der Rest­be­trag wur­de aus­ge­zahlt. Sophie Schä­fer war eine gebo­re­ne Rosen­feld. Der Name legt zwar nahe, dass auch sie einen jüdi­schen Hin­ter­grund hat­te, aber laut sei­ner Ster­be­ur­kun­de war ihr Vater Phil­ipp Anton Rosen­feld katho­li­scher Kon­fes­si­on gewe­sen, sie­he Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 67 /​ 1893.

[4] HHStAW 518 826 I (47).

[5] Schü­ler, Juden in Bad Schwal­bach, S. 151. In der Lis­te der dama­li­gen Schutz­ju­den, ebd. S. 165,  ist zwar kei­ner mit dem Namen Marx­hei­mer auf­ge­führt, was aber nicht ver­wun­der­lich ist, da es damals noch kei­ne fes­ten Nach­na­men gab.

[6] Ebd. S. 155.

[7] Ebd. S. 167.

[8] Wann Bene­dict und Adel­heid Marx­hei­mer ver­star­ben, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Ver­mut­lich star­ben aber bei­de in Lan­gen­schal­bach. In den ver­schie­de­nen Urkun­den ihrer Kin­der heißt es, dass die Eltern zuletzt in der Tau­nus­ge­mein­de gewohnt hät­ten, nur im Ster­be­ein­trag ihres Soh­nes Löb steht, dass Bene­dict Marx­hei­mer zuletzt in Frank­furt, sei­ne Frau aber in Lan­gen­schwal­bach gelebt hät­te. Mög­li­cher­wei­se war er zuletzt in einem Frank­fur­ter Kran­ken­haus, wahr­schein­lich dem Jüdi­schen Kran­ken­haus oder auch Alters­heim, unter­ge­bracht und dort ver­stor­ben, aber wei­ter­hin in sei­nem Wohn­ort gemeldet.

[9] HHStAW 430/​1 4108 (o​.​P.). Abschrift der Geburts­ur­kun­de in der Krankenakte.

[10] Ebd. und Ster­be­re­gis­ter Erbach /​ Rhein­gau 55 /​ 1905

[11] Löb Leo­pold Marx­hei­mer starb am 27.8.1915 in Lan­gen­schwal­bach, Ster­be­re­gis­ter Bad Schwal­bach 55 /​ 1915, sei­ne Frau am 27.12.1928 in Frank­furt, Ster­be­re­gis­ter Frank­furt V 1250 /​ 1928.

[12] Zu sei­nem Schick­sal sie­he HHStAW 518 8921 (pas­sim).

[13] Zu die­sem Lager sie­he Gedenk­stät­ten, S. 298 f.

[14] https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/SIMS​/01020401​/0019​/114712850​/001.jpg. (Zugriff: 30.8.2022).

[15] Hei­rats­re­gis­ter Lan­gen­schwal­bach 12 /​ 1876. Johan­na war am 10. 4.1851 in Lan­gen­schwal­bach gebo­ren wor­den. Zur Fami­lie Löwen­sberg und damit auch zum Schick­sal von Johan­na Löwen­sberg, gebo­re­ne Marx­hei­mer, sie­he den Arti­kel im Kapi­tel über das Juden­haus Her­mann­str. 17.

[16] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 147 /​ 1875.

[17] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1266/​1909 und 1289 /​ 1910.

[18] Zu den gezahl­ten Leis­tun­gen, Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be, DEGO-Abga­be usw., sie­he 518 55782 (pas­sim), zur Aus­rei­se (27).

[19] Hei­rats­re­gis­ter Kas­sel 144 /​ 1953. Bei der Urkun­de muss es sich um eine nach­träg­lich aus­ge­stell­te Kopie handeln.

[20] HHStAW 518 55782 (42).

[21] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 327 /​ 1899.Hedwig Marx­hei­mer war am 16.8.1876, ihr Ehe­mann am 6.12.1883 gebo­ren wor­den. Sei­ne Eltern waren Salo­mon und Nann­che Bentheim.

[22] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_6263-0568​?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=25210166&lang=de-DE. (Zugriff: 30.8.2022).

[23] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 734 /​ 1881.

[24] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 108 /​ 1913.

[25] Über das Schick­sal der Fami­lie von Edward gab sei­ne Toch­ter Lise­lot­te Aus­kunft bei der USC Shoa Foun­da­ti­on, sie­he https://​vha-1usc-1edu-1vd5a2vyp0257.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage​?testimonyID=9025&returnIndex=0. Über die von Eugen berich­te­ten die bei­den Söh­ne Rene https://​vha-1usc-1edu-1vd5a2vyp0257.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage​?testimonyID=8665&returnIndex=0 und Ed https://​vha-1usc-1edu-1vd5a2vyp0257.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage​?testimonyID=59009&returnIndex=0. (Zugriff: 30.8.2022). Um die Inter­views hören zu kön­nen, bedarf es geson­der­ter Lizen­zen. Sie bil­den die Grund­la­ge für die fol­gen­de, sehr ver­kürz­te Dar­stel­lung der jewei­li­gen Schick­sa­le. Auch die jeweils ange­ge­be­nen Lebens­da­ten beru­hen auf die­sen Inter­views und wur­den nicht wei­ter überprüft.

[26] Hei­rats­re­gis­ter 1 /​ 1935 Ber­lin Dahlem.

[27] Ebd. Mar­tin Georg Selig­mann war am 10.7.1900 in Ber­lin Ste­glitz gebo­ren worden.

[28] 1969 hei­ra­te­te sie in einer wei­te­ren Ehe Kurt Strauss.

[29] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/nameDetails.html​?language=en&itemId=11480001&ind=1. (Zugriff: 30.8.2022). Lilo gab in ihrem Inter­view an, dass sie bereits Ende 1942 vom Tod ihrer Mut­ter in Ausch­witz erfah­ren habe.

[30] Hier kam es zu einer Begeg­nung mit Otto Stras­ser, der mit sei­nem Bru­der Gre­gor als Anfüh­rer der ‚Schwar­zen Front’ galt. Bei­de gehör­ten ursprüng­lich zu den soge­nann­ten ‚Alten Kämp­fern’, gerie­ten aber zuneh­mend in Oppo­si­ti­on zu Hit­ler und wur­den im Zusam­men­hang mit dem „Röhm-Putsch“ von den inzwi­schen eta­blier­ten Nazis ver­folgt. Gre­gor Stras­ser wur­de ermor­det und Hugo Stras­ser muss­te die Flucht ergrei­fen. Im Vélo­dro­me d’Hi​ver hat­te man Eugen Marx­hei­mer und Hugo Stras­ser zufäl­lig unmit­tel­bar neben­ein­an­der lie­gen­de Schlaf­plät­ze zugewiesen.

[31] Die hier vor­ge­tra­ge­ne Ver­si­on der Flucht aus Frank­reich beruht auf dem Inter­view der USC Shoa Foun­da­ti­on  mit Rolf Rene Marx­hei­mer. Sein Bru­der Edu­ard, Ed, hat eine ande­re Ver­si­on in dem von ihm gege­be­nen Inter­view vor­ge­tra­gen, die aller­dings eini­ge Fra­gen auf­wirft. Sie­hehttps://​vha-1usc-1edu-1vd5a2vyp0aad.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage​?testimonyID=59009&returnIndex=0. (Zugriff: 30.8.2022). Laut Ed Marx­hei­mer wur­de der Vater, als er im Gesta­po-Haupt­quar­tier in Paris um die Ver­län­ge­rung sei­nes Rei­se­pas­ses bat, nicht ver­haf­tet, er sei dort viel­mehr auf sei­nen alten Kriegs­ka­me­ra­den und einst bes­ten Freund Dani­ke getrof­fen, der dort inzwi­schen zum Chef der Gesta­po auf­ge­stie­gen war. Die­ser habe dann per­sön­lich die Fami­lie an die Schwei­zer Gren­ze gebracht und ihr den Weg in die Schweiz gewie­sen. Nach dem Krieg sei sein Vater als Ent­las­tungs­zeu­ge im Kriegs­ver­bre­cher­ver­fah­ren gegen Dani­ke auf­ge­tre­ten, aller­dings erfolg­los. Dani­ke sei zum Tode ver­ur­teilt und sofort erschos­sen wor­den.
Das Pro­blem die­ser Ver­si­on besteht dar­in, dass ein Dani­ke als Chef der Gesta­po in Paris nicht bekannt ist. Mög­li­cher­wei­se mein­te Ed Marx­hei­mer aller­dings Theo­dor Danne­cker, die rech­te Hand von Eich­mann, der tat­säch­lich von Sep­tem­ber 1940 Lei­ter des Juden­re­fe­rats in Paris war und für die Ver­fol­gung der Juden in Frank­reich wesent­lich die Ver­ant­wor­tung trägt. Aller­dings wur­de die­ser Danne­cker nicht in einem Ver­fah­ren nach dem Krieg zu Tode ver­ur­teilt, son­dern er nahm sich am Tag nach sei­ner Ver­haf­tung durch die ame­ri­ka­ni­sche Armee am 10.12.1945 selbst das Leben.

[32] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_7517-0858​?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=3023061128. (Zugriff: 30.8.2022).

[33] https://​vha-1usc-1edu-1vd5a2vyp0aad.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage​?testimonyID=59009&returnIndex=0. (Zugriff: 30.8.2022).

[34] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 378 /​ 1885.

[35] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 899 /​ 1907.

[36] Ebd.

[37] https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/gedenkbuch​/de958084 und https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/gedenkbuch​/de958075. (Zugriff: 30.8.2022). Dazu Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 440.

[38] Ebd.

[39] HHStAW 518 8537 (48).

[40] Sie­he dazu HHStAW 422 1040.

[41] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 690 /​ 1901. Laut GENI war sie das zwei­te von ins­ge­samt vier Kin­dern. https://​www​.geni​.com/family-tree​/index​/6000000004096340026. (Zugriff: 30.8.2022).

[42] HHStAW 365 /​ 915 (57). Der Vor­na­me ist in der dor­ti­gen Geburts­ein­tra­gung mit „tz“ geschrie­ben, so auch in den amt­li­chen Papie­ren der Ent­schä­di­gungs­ak­ten und im Jüdi­schen Adress­buch von 1935. In sei­ner eige­nen Unter­schrift ließ er das „t“ nor­ma­ler­wei­se weg und auch in den Ein­trä­gen in den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern fehlt es. Die­se Schreib­wei­se ist auch von Faber, Jüdi­sche Juris­ten, S. 148 ff. in sei­nem Arti­kel über ihn, auf die im Fol­gen­den im Hin­blick auf sei­ne juris­ti­sche Kar­rie­re Bezug genom­men wird, über­nom­men wor­den. Davon abwei­chend wird hier den­noch die Schreib­wei­se mit „tz“ aus dem Geburts­ein­trag beibehalten.

[43] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 295 /​ 1898.

[44] Hei­rats­re­gis­ter Frank­furt 39 /​ 1911.

[45] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 111 /​ 1875.

[46] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 4 /​ 1877.

[47] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 462 /​ 1880.

[48] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1001 /​ 1886.

[49] https://​www​.yum​pu​.com/de​/document​/read​/5016314​/kurzbiographien-der-anwalte-judischer-herkunft. (Zugriff: 30.8.2022), auch HHStAW 518 8539 (97).

[50] HHStAW 685 555a (6).

[51] Der Tag der Ehe­schlie­ßung ist im Ehe­ver­trag von 1934 fest­ge­hal­ten, sie­he HHStAW 685 555a (132). Zum Geburts­da­tum sie­he https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/de​/search​/person​/70480104​?s=Elise%20Marxheimer&t=589021&p=0. (Zugriff: 30.8.2022), auch Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wiesbaden.

[52] HHStAW 518 47943 (39).

[53] https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/bio​/9be9900c-b005-4699-af12-4d1679ed9d33. (Zugriff: 30.8.2022).

[54] Das Haus ist heu­te  „aus künst­le­ri­schen Grün­den mit beson­de­rer Bedeu­tung für den male­ri­schen Rhyth­mus des Stra­ßen­bil­des“ in die Lis­te der Wies­ba­de­ner Kul­tur­denk­mä­ler auf­ge­nom­men. Sie­he Denk­mal­to­po­gra­phie — Kul­tur­denk­mä­ler in Hes­sen, Wies­ba­den Bde II. Die Vil­len­ge­bie­te, S. 216.

[55] Die ent­spre­chen­den Umbau­ar­bei­ten mach­te er in der Steu­er­erklä­rung von 1937 gel­tend, sie­he HHStAW 685 555b (113).

[56] HHStAW 685 555a (86).

[57] HHStAW 518 8539 (98). Es gehört wohl zu den typi­schen Ent­schei­dun­gen dama­li­ger Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, dass man zunächst nur bereit war, Ein­bu­ßen ab 1936 zu ent­schä­di­gen. Dass bereits vor dem Ver­lust des Nota­ri­ats das Ein­kom­men erheb­lich gemin­dert wor­den war, soll­te unbe­ach­tet blei­ben. Erst durch wei­te­re Pro­zes­se konn­ten die Erben in einem Ver­gleich zumin­dest wei­te­re Zah­lun­gen durch­set­zen. Es hieß in der ers­ten Ent­schei­dung vom 8.6.1961: „Bis zum Jah­re 1935 ein­schließ­lich hat jedoch die Ein­kom­mens­min­de­rung nicht zu einer wesent­li­chen Beein­träch­ti­gung der aus­rei­chen­den Lebens­grund­la­ge (…) geführt, so dass der Zeit­raum der wesent­li­chen Beschrän­kung in der Erwerbs­tä­tig­keit erst mit dem 1.1.1936 beginnt.“ Ebd. (118). Will­kür­lich war der Ent­schä­di­gungs­zeit­raum auch nach hin­ten beschnit­ten wor­den. Er soll­te am 28.2.1940, also mit Voll­endung des 69sten Lebens­jahrs, enden. Auch hier bedurf­te es wei­te­rer Kla­gen, bis der Zeit­raum wenigs­tens bis zum Todes­tag am 27.10.1942 aus­ge­dehnt wur­de. Ebd. (179).

[58] HHStAW 685 555 (77–137 passim).

[59] Die­se Aus­nah­me­be­stim­mung galt für Anwäl­te, die bereits vor dem 1.8.1914, somit vor dem Ers­ten Welt­krieg, zuge­las­sen wor­den waren oder für die­je­ni­gen, die selbst an der Front gekämpft hat­ten, bzw. deren Väter oder Brü­der im Krieg gefal­len waren. Sie­he das Gesetz über die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft vom 7. April 1933, §1, [2].

[60] Sie­he zu Fritz Hall­gar­ten, Faber /​ Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, S. 85–88.

[61] HHStAW 685 555a (128). Bis Ende des Monats hat­te Moritz Marx­hei­mer die ent­spre­chen­den Wert­pa­pie­re ver­pfän­det, ebd. (129).

[62] HHStAW 518 8539 (153, 155).

[63] Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren schrieb der Anwalt sei­ner Erben, „dass der Ver­folg­te bis zum letz­ten Tage vor sei­ner Depor­ta­ti­on eine ehren­amt­li­che Tätig­keit als ers­ter Vor­sit­zen­der der Jüdi­schen Gemein­de in Wies­ba­den aus­ge­übt hat, die der­je­ni­gen einer voll­be­ruf­li­chen Tätig­keit eines Rechts­an­walts und Notars in jeder Wei­se – was Arbeits­um­fang, Ein­satz der geis­ti­gen und kör­per­li­chen Kräf­te usw. anlangt – ent­sprach, wobei noch hin­zu­zu­fü­gen ist, dass die mit die­ser Tätig­keit des Ver­folg­ten ver­bun­de­ne täg­li­che Lebens­ge­fahr und gesund­heit­li­che, durch Erre­gung aus­ge­lös­te Schä­di­gungs­ge­fahr wesent­lich höher war als die­je­ni­ge eines nicht mit sei­nen Tod­fein­den und nach sei­nem Leben trach­ten­den künf­ti­gen Mör­dern ver­han­deln­den Rechts­an­walts und Notars.“ Ebd. (156).

[64] Sie­he Jüdi­sches Adress­buch von 1935, S. 217–264 (pas­sim). In Faber, Jüdi­sche Juris­ten„ S. 149, sind noch wei­te­re Mit­glied­schaf­ten über­re­gio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen benannt.

[65] Laza­rus, Erin­ne­rungs­buch, S. 77 f.

[66] Faber, Jüdi­sche Juris­ten S. 150.

[67] HHStAW 685 555a (148).

[68] HHStAW 519/​3 4762 (10).

[69] HHStAW 685 555a (20, 21), betr. 2. und 3. Rate..

[70] Ebd. (153), dazu 519/​3 4762 (12).

[71] HHStAW 685 555a (159, 162, 170, 188, 194).

[72] HHStAW 685 555b (139).

[73] HHStAW 518 8539 (392).

[74] Sie­he dazu oben das Kapi­tel Aus­wan­de­rung, Depor­ta­ti­on und die Rol­le der Finanzverwaltung.

[75] HHStAW 518 8539 (394).

[76] HHStAW 685 555a (135).

[77] HHStAW 519/​3 4762 (47, 48, 51). Unter den übri­gen Kos­ten befin­det sich auch ein Betrag für eine ‚Immo​bi​li​en​-Ver​kehrs​ges​.​m​.​b​.​H.’, was dar­auf hin­deu­ten könn­te, dass der Immo­bi­li­en­er­werb doch zustan­de gekom­men war.

[78] HHStAW 518 8539 (196).

[79] Ebd. (55).

[80] Zwar gab es einen Ent­schä­di­gungs­an­trag wegen der Plün­de­rung des wert­vol­len Wein­kel­lers von Moritz Marx­hei­mer, in die­ser Nacht. Das erwies sich aber als Irr­tum der Erb­be­rech­tig­ten. Sowohl der Wies­ba­de­ner Poli­zei­prä­si­dent als auch wei­te­re Zeu­gen ver­si­cher­ten, dass das Haus nicht ange­grif­fen wor­den sei. Die Plün­de­rung des Wein­kel­lers habe erst statt­ge­fun­den, nach­dem das Gebäu­de ver­kauft und von einer natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Hor­de durch­sucht wor­den sei. Sie­he dazu HHStAW 518 8539 (217, 245, 250–253).

[81] HHStAW 685 555a (o​.​P.). Das Paar hat­te seit der Ehe­schlie­ßung nach gesetz­li­chem Güter­recht gelebt, am 5.3.1934 aber nota­ri­ell die Güter­tren­nung ver­ein­bart, sie­he ebd. (132). Den­noch wur­de die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be sei­ner Frau durch Hin­ter­le­gung von Wert­pa­pie­ren durch Moritz Marx­hei­mer gesi­chert, ver­mut­lich auch gezahlt, sie­he HHStAW 519/​3 4762 (6).

[82] HHStAW 519/​3 4762 (6), dazu HHStAW 685 555a (20, 21), betr. 2. und 3. Rate.

[83] Ebd. (3).

[84] HHStAW 519-A-1091 (36).

[85] HHStAW 518 8539 (196). Der ver­ein­bar­te Kauf­preis betrug zwar 36.000 RM, sie­he HHStAW 519/​3 4762 (3), aber offen­sicht­lich hat­te man den Ver­käu­fer zumin­dest mit einem Teil der Kos­ten des Trans­fers belastet.

[86] Zum Ein­heits­wert des Hau­ses Eckern­för­der Str. 21, sie­he Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983 (9). Er war gegen­über 1928 um nahe­zu 20.000 RM gemin­dert wor­den. Die Immo­bi­lie wur­de im Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren den Nach­kom­men von Moritz Marx­hei­mer zurück­ge­ge­ben. Da die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be bereits ent­schä­digt wor­den war, bevor die Rück­erstat­tung durch­ge­setzt wer­den konn­te, wur­de die Ange­le­gen­heit dann recht kom­pli­ziert, da eine Dop­pel­ent­schä­di­gung ver­mie­den wer­den musste.

[87] HHStAW 519/​3 4762 (4).

[88] Ebd. (11, 15–17).

[89] Ebd. (14).

[90] HHStAW 519/​3 4762 (26). Adel­heid Löwen­sberg wur­de am 10.6.1942 nach Lub­lin depor­tiert und bald dar­auf in Sobi­bor ermor­det. Jen­ny Stein­har­ter, gebo­re­ne Wal­ter, war ver­mut­lich die Mut­ter von Eli­se Stein­har­ter. Sie leb­te zuletzt in der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Ben­dorf-Sayn und wur­de am 15.6.1942 von dort aus eben­falls nach Sobi­bor deportiert.

[91] HHStAW 685 555b (8). Bis­her konn­ten die Aus­ga­ben steu­er­lich gel­tend gemacht wer­den. Ab 1933 ver­wei­ger­ten die Finanz­be­hör­den dies mit der Begrün­dung, dass es sich trotz der nota­ri­el­len Ver­pflich­tung um eine frei­wil­li­ge Leis­tung hand­le, ebd. (60).

[92] HHStAW 519/​3 4762 (33, 42).

[93] HHStAW 519/​A 1090 (45).

[94] HHStAW 483 10127. In der Auf­lis­tung des Wies­ba­de­ner Stadt­ar­chivs ist der Ver­kauf des Hau­ses nicht notiert, sie­he WI/​3 983.

[95] HHStAW 483 10247 (o​.​P.).

[96] HHStAW 519/​3 4762 (43).

[97] HHStAW 519/​A 1090 (44–46).

[98] Das Haus gehör­te Juli­us Rosen­thal, bzw. sei­ner Wit­we Fran­zis­ka, gebo­re­ne Kall­mann. Juli­us Rosen­thal war bereits 1921 ver­stor­ben. Fran­zis­ka Rosen­thal wur­de am 1.9.1942 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Nur einen Tag nach ihrer Ankunft und drei Tage vor ihrem 82sten Geburts­tag ver­lor sie dort ihr Leben.

[99] HHStAW 519/​3 4762 (56).

[100] HHStAW 518 47943 (39, 40).

[101] HHStAW 519/​3 4762 (58).

[102] Auch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­wei­ger­te ihr die Ren­te, obwohl die Betreu­ungs­stel­le der Stadt Wies­ba­den eigens ein Befür­wor­tungs­schrei­ben an den Regie­rungs­prä­si­den­ten geschickt hat­te und auf die Not­si­tua­ti­on der ledi­gen 57-jäh­ri­gen Frau auf­merk­sam gemacht hat­te, HHStAW 518 47943 (3). In einer Ent­schei­dung des Regie­rungs­prä­si­den­ten vom 5.8.1950 heißt es: „Den Wie­der­gut­ma­chungs­an­sprü­chen war der Erfolg zu ver­sa­gen. Die rück­stän­di­gen und zukünf­ti­gen Unter­halts­ren­ten des jüdi­schen Erb­las­sers Marx­hei­mer kann sie im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ge­set­zes nicht ver­lan­gen, weil sie (…) nicht gesetz­li­che Erbin der ers­ten und zwei­ten Ord­nung (…)ist, auch wenn man sie als Ver­mächt­nis­neh­me­rin über­haupt als erb­be­rech­tigt im Sin­ne der genann­ten Vor­schrift anse­hen soll­te. (…) Was der (sic) ihr per­sön­lich zuge­füg­te Scha­den angeht, so hat sie viel­leicht einen mitt­le­ren Scha­den erlit­ten; denn eine Ver­fol­gung unmit­tel­bar gegen sie per­sön­lich, ver­mag sie nicht ein­mal zu behaup­ten.“ Ebd. (18). So ging man im neu­en Staat mit den­je­ni­gen um, die bis zuletzt sich nicht von der anti­jü­di­schen Het­ze hat­ten beein­flus­sen oder ver­ängs­ti­gen lassen.

[103] HHStAW 518 8539 (250). Abge­se­hen von dem Sprach­ge­brauch – und hier han­delt es sich um eine gegen­über Moritz Marx­hei­mer posi­tiv ein­ge­stell­te Per­son –, ist an der Aus­sa­ge inter­es­sant, dass man offen­bar schon in den frü­hen 60er Jah­ren auch unter Zeit­zeu­gen nicht mehr so genau wuss­te, wann die gro­ßen Depor­ta­tio­nen in Wies­ba­den statt­ge­fun­den hatten.

[104] Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 49.

[105] HHStAW 518 8539 (6, 34)

[106] HHStAW 519/​3 4762 (60).

[107] Son­der­stan­des­amt Arol­sen 524 /​ 1950, dazu HHStAW 518 8539 (228).

[108] HHStAW 519/​3 33472 (1).

[109] Mar­sa­lek, Maut­hau­sen, S. 133. Das Buch stammt aller­dings aus dem Jahr 1980 und könn­te inzwi­schen ver­al­te­te und unvoll­stän­di­ge Anga­ben enthalten.

[110] HHStAW 518 8539 (228).

[111] Im Toten­buch von Maut­hau­sen ist Moritz Marx­hei­mer gelis­tet, aber es lie­gen kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen zu ihm vor. Paul Laza­rus hat­te in sei­nem Erin­ne­rungs­buch noch ange­ge­ben, Moritz Marx­hei­mer sei in Ausch­witz ermor­det wor­den. Wor­auf die­se Anga­be grün­de­te, hat er nicht erwähnt, sie­he Laza­rus, Erin­ne­rungs­buch, S. 77. Man muss aller­dings auch kon­sta­tie­ren, dass die­ser ers­te Zug Ausch­witz erst am 28.10.1942 erreich­te, somit einen Tag nach Moritz Marx­hei­mers Tod.

[112] Auf­bau 7.9.1945 https://​archi​ve​.org/details​/aufbau111945germ​/page​/n595​/mode​/1up​?view=theater. (Zugriff: 30.8.2022). Bei Faber, Jüdi­sche Juris­ten, S. 150, wird in der Bild­un­ter­schrift lei­der das fal­sche Erschei­nungs­jahr ange­ge­ben, in der Quel­len­an­ga­be ist dage­gen das rich­ti­ge Jahr 1945 genannt.

[113] Die Grün­de, sich gegen die Ehrung Gut­h­manns aus­zu­spre­chen, sind in der Rol­le zu suchen, die Bert­hold Gut­h­mann in sei­ner Funk­ti­on als Lei­ter der Geschäfts­stel­le der ‚Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Deutschland’

im Bezirk Hes­sen-Nas­sau ein­nahm. Da die ‚Reichs­ver­ei­ni­gung’ fak­tisch als ver­län­ger­ter Arm der Gesta­po fun­gie­ren muss­te, stand er nach dem Ende des Natio­nal­so­zia­lis­mus immer wie­der im Ver­dacht, gemein­sa­me Sache mit dem Régime gemacht zu haben.

[114] Beschluss der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, Beschlussnr. 86 vom 21. März 1968. Inter­es­sant ist hier zudem, dass der dama­li­ge Ober­bür­ger­meis­ter Schmitt noch 1968 davon aus­ging, dass Moritz Marx­hei­mer in Ausch­witz ermor­det wor­den sei, obwohl die Ster­be­ur­kun­de aus Arol­sen mit dem Ster­be­ort Maut­hau­sen bereits seit 1950 vorlag.

[115] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 295 /​ 1998.

[116] HHStAW 518 56383 I (88).

[117] Ebd. (164).

[118] Für Man­fred Geburts­re­gis­ter Offen­bach 646 /​ 1899, für die bei­den wei­te­ren Geschwis­ter HHStAW 518 8537 (63). Zur Adres­se ebd. (147).

[119] Ebd. (161). Die Behör­de wies dar­auf hin, dass die Anga­ben sich eigent­lich immer auf das vor­aus­ge­gan­ge­ne Geschäfts­jahr, mög­li­cher­wei­se sogar auf das zwei Jah­re zurück­lie­gen­de Jahr bezie­hen wür­den, zudem der Frei­be­trag – zwi­schen 2.500 und 5.000 RM bereits vom zu ver­steu­ern­den Ertrag abge­zo­gen sei, er somit bei einer Beur­tei­lung des Geschäfts­ver­laufs wie­der addiert wer­den müsste.

[120] Ebd. (66 f.).

[121] Ebd. (28).

[122] Ebd. (21).

[123] Ebd. (129).

[124] https://​www​.joodsmo​nu​ment​.nl/nl​/page​/27422​/grete‑f%C3%BCrth-auerbach. (Zugriff: 30.8.2022). Sie war die Toch­ter von Karl Ernst und Olga Auer­bach, gebo­re­ne Rothschild.

[125] https://​www​.genea​lo​gie​on​line​.nl/de​/balogh-family-tree​/I23961.php. (Zugriff: 30.8.2022).

[126] https://​de​.wiki​pe​dia​.org/wiki​/KZ_Herzogenbusch und https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/wiki​/Category:Kamp_Vught​?uselang=de. (Zugriff: 30.8.2022).

[127] Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[128] https://​www​.joodsmo​nu​ment​.nl/nl​/page​/507626​/about-grete-furth-auerbach. (Zugriff: 30.8.2022). Wie der Gefan­ge­nen­kar­te von Man­fred Fürth zu ent­neh­men ist, war auch Olga Auer­bach, Gre­tes Mut­ter, in Wes­ter­bork inhaf­tiert. Laut Joods Monu­ment wur­de sie am 20.3.1943 in Sobi­bor ermor­det. Sie­he https://​www​.joodsmo​nu​ment​.nl/nl​/page​/150290​/olga-auerbach-rothschild. (Zugriff: 30.8.2022).

[129] Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[130] HHStAW 518 56383 I (8).

[131] Ebd. (24).

[132] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/6701779:2280​?lang=de-DE. (Zugriff: 30.8.2022).

[133] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_6254-0400​?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=24993636&lang=de-DE. (Zugriff: 30.8.2022).

[134] HHStAW 518 56383 I (36).

[135] Ebd.

[136] Die 1881 gebo­re­ne Mut­ter von Mar­got war 1968, ihre Toch­ter 1987 gestor­ben. Ein Jahr spä­ter war auch Max Fürth zu Gra­be getra­gen wor­den. Sie­he https://​images​.fin​da​gra​ve​.com/photos​/2020​/284​/121685554_738fa518-8e1d-4c2a-9b12-d74f1098fb64.jpeg.

[137] HHStAW 518 8537 (63).

[138] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1001 /​ 1886.

[139] Das The­ma der Dis­ser­ta­ti­on lau­te­te „Die Zweig­nie­der­las­sung (Filia­le) im Han­dels­recht“. Sie­he https://​archi​ve​.org/stream​/cataloguedesdiss3339bibluoft​/cataloguedesdiss3339bibluoft_djvu.txt. (Zugriff: 30.8.2022).

[140] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1853 /​ 1916.

[141] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 462 /​ 1880.

[142] HHStAW 365 916.

[143] HHStAW 518 826 (52) Aus­zug aus Handelsregistereintrag.

[144] HHStAW 518 826 I (47).

[145] Die Fra­ge spiel­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren spä­ter eine wich­ti­ge Rol­le und in einem Urteil des Land­ge­richts Wies­ba­den wur­de auch die Mit­in­ha­ber­schaft ange­nom­men, sie­he HHStAW 518 8538 (130–137).

[146] Ebd. und HHStAW 518 8537 (68).

[147] Hei­rats­re­gis­ter Frank­furt 39 /​ 1911.

[148] Hei­rats­re­gis­ter Frank­furt 86 /​ 1913.

[149] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 486 /​ 1912.

[150] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1152 /​ 1915.

[151] Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026).

[152] Über das Haus ist in dem Band über die Kul­tur­denk­mä­ler Wies­ba­dens zu lesen: „Vom Jugend­stil beein­flusst ist die vor­wie­gend goti­sie­ren­de, alter­tü­meln­de Orna­men­tik der mit Ele­men­ten aus Sand­stein und Zement pit­to­resk gestal­te­te Miets­haus­fas­sa­de. Bemer­kens­wert ist die asym­me­tri­sche Häu­fung von zum Teil inein­an­der ver­schach­tel­ter archi­tek­to­ni­schen Moti­ve.“ Im Inne­ren führ­te neben einem Auf­zug, eine breit ange­leg­te Mar­mor­trep­pe mit einem auf­wen­di­gen Jugend­stil­ge­län­der in die obe­ren Stock­wer­ke. Anders als das Haus  mit der Num­mer 72 gehört das mit der Num­mer 71 zu den Kul­tur­denk­mä­lern Wies­ba­dens. Denk­mal­to­po­gra­phie — Wies­ba­den, Bd. 1.2 Stadt­er­wei­te­rung inner­halb der Ring­stra­ße, S. 439.

[153] HHStAW 518 826 I (170).

[154] HHStAW 518 8537 (3).

[155] Das Haus mit der Nr. 36 war zu die­sem Zeit­punkt von dem Kauf­mann Pou­let erwor­ben wor­den, des­sen Fami­lie bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit Eigen­tü­mer blieb.

[156] HHStAW 519/​3 4750 (1).

[157] Ebd. (4).

[158] HHStAW 519/​3 4774 (1).

[159] Ebd. (3).

[160] Ebd. (10).

[161] HHStAW 685 555a (111).

[162] HHStAW 518 8538 (84).

[163] Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de woll­te zunächst in einer Ent­schei­dung aus dem Jahr 1961 des­halb einen wirt­schaft­li­chen Scha­den für Leo­pold Marx­hei­mer erst ab 1937 aner­ken­nen, ließ sich dann aber wenigs­tens auf eine Aner­ken­nung ab 1936 ein. Sie­he HHStAW 518  8537 (81, 113). Bei Juli­us Marx­hei­mer wur­de dage­gen in einer Ent­schei­dung der Behör­de von 1955 ein Scha­den im wirt­schaft­li­chen Fort­kom­men ab dem 1.7.1933 ange­nom­men, sie­he HHStAW 518 826 (73).

[164] Ebd. (47).

[165] RGBl. 1938 I, S. 1709.

[166] HHStAW 518 8537 (71, 111), HHStAW 518 826 I (52a).

[167] HHStAW 519-A-1085 (21–30).

[168] HHStAW 518  8537. (80).

[169] HHStAW 518 8537 (21, 356) und HHStAW 518 8538 (35). Dass alle fünf Raten gezahlt wur­den, geht aus den Bele­gen eben­falls her­vor. Pro­ble­ma­tisch war aber auch hier die Ent­schä­di­gung, weil in dem Moment, in dem die Leis­tun­gen durch Abga­be von Wert­pa­pie­ren erfolgt waren, zumin­dest zunächst eine Ent­schä­di­gung ver­wei­gert wur­de und die Geschä­dig­ten auf lang­wie­ri­ge Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren ver­trös­tet wurden.

[170] HHStAW 518 8537 (30).

[171] Ebd. (7).

[172] HHStAW 518 826 II (326 f.).

[173] Ebd. (72).

[174] https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/SIMS​/01010501​/0014​/119866660​/002.jpg, auch https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/SIMS​/01010503​/1181​/133402672​/001.jpg. (Zugriff: 30.8.2022).

[175] Fran­zis­ka Rosen­thal, gebo­re­ne Kall­mann, wur­de mit ihren Mie­tern am 1.9.1942 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Sie starb dort drei Tage vor ihrem 82. Geburts­tag und nur einen Tag nach der Ankunft im Ghet­to am 3. September.

[176] Ebd. I (170).

[177] HHStAW 519/​3 4788 (3).

[178] HHStAW 467 2552 (10). Die Akte ent­hält auch einen sehr inter­es­san­ten Arti­kel des Rab­bi Joseph Asher, der als Josef Ans­ba­cher in der glei­chen Zeit die Guten­berg­schu­le in Wies­ba­den besuch­te und dort ähn­li­che Erfah­run­gen wie Ruth Marx­hei­mer am Lyze­um mach­te. In die­sem Arti­kel, der am 20.4.1965 in der ame­ri­ka­ni­schen ‚Look’ erschien, berich­te­te er aber nicht vor­ran­gig über die NS-Zeit, son­dern pri­mär über einen Besuch in sei­ner alten Schu­le, den er kurz zuvor unter­nom­men hat­te. Er woll­te wis­sen, wie sehr die neue Schü­ler­ge­nera­ti­on der 60er Jah­re noch vom Gift des Anti­se­mi­tis­mus beein­flusst ist und inwie­weit die klas­si­schen Ste­reo­ty­pe von dem Juden latent oder sogar offen noch wirk­sam sind – eine ernüch­tern­de Erfah­rung damals – und nicht nur damals.

[179] HHStAW 518 8540 (9).

[180]Zu ihrer Bio­gra­phie sie­he ebd. (pas­sim, bes. 7–8). Die Eltern schei­nen sie damals mehr­fach besucht zu haben. Nach ihrer Befrei­ung aus The­re­si­en­stadt  und ihrer Inter­nie­rung in der Schweiz gaben sie an, sich 1936 sechs Wochen in Bern, 1937 vier Wochen in Genf und 1938 sogar drei Mona­te in ver­schie­de­nen Städ­ten der Schweiz auf­ge­hal­ten zu haben. Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026). (Zugriff 10.02.2026).

[181] HHStAW 518 826 I (179 ff.). Ursprüng­lich hat­te die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de 1960 die Kos­ten der Flucht nicht erstat­ten wol­len, weil ja die Toch­ter aus dem siche­ren Aus­land Schweiz in die USA gereist sei. Erst in einem Wider­spruchs­ver­fah­ren wur­de dies kor­ri­giert. Zum Glück hat­te Ruth ihren ers­ten Wohn­sitz in Wies­ba­den auf­recht­erhal­ten, sodass sie for­mal von dort aus geflo­hen war. Mit sol­chen Spitz­fin­dig­kei­ten waren die Über­le­ben­den damals bei dem Ver­such, wenigs­tens eine mate­ri­el­le Ent­schä­di­gung zu erhal­ten, konfrontiert.

[182] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_6280-0330​?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1004111757. (Zugriff: 30.8.2022).

[183] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/7674187:1629. (Zugriff: 30.8.2022).

[184] HHStAW 518 8540 (172–182).

[185] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/31933832:60901. (Zugriff: 30.8.2022).

[186] Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026). (Zugriff 10.02.2026).

[187] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_6035-0545​?treeid=&personid=&hintid=&queryId=a78abd0ad5880cf76790d230c8d29bd6&usePUB=true&_phsrc=svo413&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=23779248. (Zugriff: 30.8.2022).

[188] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 924 /​ 1938.

[189] HHStAW 519/​3 4774 (19, 21).

[190] HHStAW 519/​3 4750 (9).

[191] Ebd. (13).

[192] HHStAW 518 8538 (39).

[193] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 214.

[194] HHStAW 519/​3 4750 (20).

[195] HHStAW 518 8538 (39).

[196] https://​www​.holo​caust​.cz/de​/opferdatenbank​/opfer​/24027-emil-marxheimer/. (Zugriff: 30.8.2022).

[197] HHStAW 519/​3 4788 (16).

[198] Ebd. (13).

[199] HHStAW 518 826 I (72).

[200] Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026).

[201] Wachs­mann, KL, S. 659 ff.

[202] Zu die­sem „Zug in die Frei­heit“, wie er genannt wur­de, sie­he umfas­send Metz­ger /​ Kauf­mann, Schritt ins Leben. Eine zusam­men­fas­sen­de Dar­stel­lung über das Zustan­de­kom­men die­ser Ret­tungs­ak­ti­on ist im Kapi­tel über Sali und Emma Oppen­hei­mer zu lesen. Die frü­he­ren Bewoh­ner des Juden­hau­ses Rhein­str. 81 waren damals eben­falls Pas­sa­gie­re des Zuges und konn­ten auf die­se Wei­se in die Schweiz gelan­gen und geret­tet werden.

[203] HHStAW 518 826 (239).

[204] Ebd. (149).

[205] Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026).

[206] Metz­ger /​ Kauf­mann, Schritt ins Leben, S. 137.

[207] Ebd. S. 139.

[208] Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026).

[209] Metz­ger /​ Kauf­mann, Schritt ins Leben, S. 256.

[210] Die Kos­ten der Aus­rei­se belie­fen sich auf ins­ge­samt 3.800 Sfr., die zum Teil von Ver­wand­ten und von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­ge­bracht wur­den. Ein beträcht­li­cher Teil war aber nur als Dar­le­hen gewährt, ver­bun­den mit der Ver­pflich­tung, das Geld zurück­zu­zah­len, sobald sie dazu in der Lage sein wür­den. Schwei­ze­ri­sches Bun­des­ar­chiv BAR: E4264#1985/196#49823*, N31574, MARXHEIMER, JULIUS, 18.08.1875; MARXHEIMER, LOUISE, 24.10.1891, 1945 – 1947. (Zugriff 10.02.2026).

[211] HHStAW 518 826 (150–153).

[212] Ebd.

[213] HHStAW 518 826 (29a).

[214] Ebd. 104).

[215] Ebd. (81).

[216] HHStAW 518 8536 (121

[217] Ebd. (189–193).

[218] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 43 Bl. 650 Innen.

[219] HHStAW 519/​2 2172 (11, 15, 16).

[220] Ebd. (28).

[221] Ebd. (27).

[222] Ebd. (26).

[223] Ebd. (30).

[224] Ebd.  (34, 35, 36).

[225] Ebd. (44). Sie­he zu Heinz­mann, der dem Freun­des­kreis Hein­rich Roos nahe stand, Ver­fol­gung und Wider­stand, S. 509–515.

[226] HHStAW 519-A-1086 (45).

[227] Ebd. (52 f., 63–65).

[228] Ebd. (44), dazu Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 43 Bl. 650 Innen.

 

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942