Familie Stock und ihre Kinder Josef und Rosel


Das ehemalige Judenhaus Ludwigstr. 3 heute
Eigene Aufnahme
Lage des ehemaligen Judenhauses Ludwigstr. 3

 

 

 

 

 

 


Zwischen Bahnhofstraße und Reisingeranlage, die bis vor Kurzem noch Herbertanlage hieß, gibt es einen kleinen Platz, der den Namen ‚Geschwister-Stock-Platz‘ trägt. Wahrscheinlich würde kaum einer der Wiesbadener Bewohner diesen Platz kennen, würde er nicht auch in den Bussen der ESWE-Verkehrsgesellschaft täglich hundertfach ausgerufen werden, bezeichnet er doch auch eine Haltestelle verschiedener stark frequentierter Linien zum Bahnhof. Aber man kann sicher davon ausgehen, dass weniger als zehn Prozent der Wiesbadener Bevölkerung mit dem Namen etwas verbinden können. Vermutlich werden aber diejenigen, die als Kinder die dortige Kita gleichen Namens besuchen durften, und auch deren Eltern, wissen, weshalb es seit Mai 1995 in der Stadt einen Ort mit diesem Namen gibt: Der Ort soll an die beiden jüdischen Kinder Josef und Rosel Stock erinnern, die, zusammen mit ihren Eltern James und Johanna Stock, 1942 von Wiesbaden aus den Weg in die Vernichtung antreten mussten. Dabei steht ihr Name exemplarisch für die etwa 60 jüdischen Kinder der Stadt, die diesen Weg ebenfalls gehen mussten.

50 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes, 50 Jahre des Verschweigens und Vergessens, hatte eine zivilgesellschaftliche Initiative, die heute eine feste Institution der Erinnerungskultur der Stadt ist und als ‚Aktives Museum Spiegelgasse‘ (AMS) nicht nur mit den Erinnerungsblättern und der Verlegung der Stolpersteine seit Jahren regelmäßig an die Opfer der Shoa erinnert, sondern auch wesentlich zum Bau der großen Gedenkstätte am Michelsberg beigetragen hat, zur Umbenennung des Platzes, der bisher Teil der Kronprinzenstraße war, aufgerufen. Wenige Jahre zuvor, 1992, anlässlich des 50. Jahrestags der großen Deportation am 1. September 1942, hatte die Gruppe mit einem Mahngang, an dem sich etwa 3000 Bürgerinnen und Bürger der Stadt beteiligten, die Namen der Menschen ins Bewusstsein gerückt, die damals aus Wiesbaden in den Tod geschickt worden waren, für die es aber zu diesem Zeitpunkt noch keinen angemessenen Ort des Gedenkens gab. Drei Jahre später wurde dann mit der Umbenennung des Platzes an konkret zwei Kinder erinnert. Immerhin.

Umbenennung der Kronprinzenstraße in Geschwister-Stock-Platz
Wiesbadener Tagblatt 15.5.1995

Zwar handelt es sich nicht unbedingt um einen Platz, der geeignet ist, diese Funktion zu erfüllen, sondern eher um einen unscheinbaren Straßenabschnitt, der bisher zu Ehren einer nassauischen Prinzessin den Namen Cäcilienplatz trug. Dennoch ist der Straßenabschnitt, der  im Allgemeinen als Parkplatz genutzt wird, kontextuell schon sinnvoll gewählt. Drei Jahre zuvor war knapp 100 Meter entfernt ein Denkmal zur Erinnerung an die aus Wiesbaden deportierten Sinti und Roma errichtet worden. Zudem grenzt er an die Bahnhofstraße und damit an den Weg, den die Jüdinnen und Juden 1942 von den Sammelpunkten zum Nebengleis an der Schlachthoframpe hinter dem Bahnhof gehen mussten, wo der Zug in den Tod auf sie wartete.

Während die Umbenennung 1995 der lokalen Presse nur einen kleinen Bild- und Textbeitrag wert war und wohl auch von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, wurde zwei Jahre später vom AMS anlässlich des 55. Jahrestags der Juni-Deportation von 1942 an diesem Ort zu einer öffentlichen Veranstaltung aufgerufen, bei der an diese erste große Deportation, aber besonders auch an die beiden Kinder erinnert werden sollte, die an diesem Tag aus Wiesbaden verschwanden und dem Platz ihren Namen gaben. Man hatte sogar eine ältere Dame ausfindig gemacht, die die Familie Stock und die beiden Kinder noch gekannt hatte und damals von ihren Erinnerungen berichten konnte. Ihren Namen wollte sie nicht veröffentlicht wissen und auch ihre Worte sind, abgesehen von knappen Zeitungsmeldungen, nicht erhalten geblieben.[1]

Gut zehn Jahre später, 2006, kam es erneut zu einer Aktion, ebenfalls vom ‚Aktiven Museum‘ initiiert, mit der versucht wurde, verschiedene Orte der Stadt, die für die Zeit des Nationalsozialismus eine zentrale Bedeutung hatten, ins Licht zu rücken. Bei einem Installations-Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Architekten Heinrich Lessing entstanden war, wurde für einen gewissen Zeitraum ein Info-Container an diesen Orten, etwa dem Gestapo-Hauptquartier in der Paulinenstraße, dem Gerichtsgefängnis in der Albrechtstraße, dem KZ Unter den Eichen oder der Schlachthoframpe, mit Materialien, mit Texten und Bildern zu diesen konkreten Orten, aufgestellt – so auch am Geschwister-Stock-Platz.

Im Hinblick auf die Familie Stock war das nicht einfach, denn leider liegen nur sehr wenige Informationen über die Familie und ihr Leben in Wiesbaden vor. Nur eine dünne, aus 4 Seiten bestehende Devisenakte, angelegt für „James Isr. Stock“, der Namen des Vaters der beiden Kinder, ist erhalten geblieben. Ansonsten lassen sich nur Spuren ihres Aufenthalts in unterschiedlichen Listen oder Karteien finden. Bilder von ihnen selbst fehlen leider ganz.

Stammbäume der Familien Stock und Moses
GDB

Erstmals ist die Familie Stock im Wiesbadener Adressbuch des Jahres 1926/27 verzeichnet. Isidor Stock, der Großvater von Josef und Rosel, von Beruf Kaufmann, hatte mit seiner Familie eine Wohnung in der Faulbrunnenstr. 13 in der ersten Etage bezogen. Zur Familie gehörte damals seine Frau Cäcilie, geborene Rodziminski, und die drei Kinder Leo, Else und James. Die Eltern hatten am 5. Juli 1898 geheiratet.[2] Dank der Tatsache, dass für Else später eine eigene Gestapokarteikarte angelegt wurde, verfügen wir sogar über eine recht präzise Datierung der Ankunft der Stocks in Wiesbaden. Es heißt dort in der Spalte „Zugang“, Else Stock habe sich am 7. Oktober 1925 von Berlin kommend in der Stadt niedergelassen.[3] Diese Angabe stimmt im Wesentlichen mit der des Adressbuches überein, sodass man davon ausgehen kann, dass alle Familienmitglieder ungefähr in diesem Zeitraum, vielleicht nicht alle am gleichen Tag, nach Wiesbaden kamen.

Isidor Stock war am 13. Juli 1869 in dem kleinen Dorf Schidlowitz im Kreis Witkowo, etwa 70 km östlich von Posen, geboren worden.[4] Dieses Gebiet, früher Teil des Deutschen Reiches, war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dem neu gegründeten polnischen Staat zugeschlagen worden. Auch Cäcilie, seine Frau kam aus demselben Kreis, allerdings aus der Ortschaft Zydowo, wo sie am 21. April 1860 zur Welt gekommen war.[5] Über die Vorfahren des Paares konnten keine Informationen ermittelt werden.
Auch die Kinder hatten in der Heimat der Eltern das Licht der Welt erblickt. James, der älteste, war am 10. Juli 1899, und auch sein Bruder Leo war am 5. Oktober 1900 in Zydowa geboren worden,[6] Else hingegen am 13. Juni 1903 im Geburtsort des Vaters Schidlowitz.[7] Ob die Eltern inzwischen dorthin verzogen waren oder ob die Geburt bei den Schwiegereltern stattfinden sollte, ist nicht bekannt.

Viele deutschstämmige Bewohner dieses nach dem Ersten Weltkrieg abgetretenen Gebietes, darunter entsprechend viele Angehörige jüdischen Glaubens, hatten nach dem Ersten Weltkrieg ihre Heimat verlassen. Besonders die jüdischen Flüchtlinge versammelten sich zunächst in Berlin, von wo sie dann versuchten, weiterzuziehen, in andere Städte oder gar Kontinente. Viele blieben aber auch in der Reichshauptstadt hängen, wo sich, verursacht durch die verschiedenen Pogrome in Russland, bereits seit der Jahrhundertwende stark jüdisch geprägte Viertel gebildet hatten, in denen die Neuangekommenen eine neue Heimat fanden.[8] Und Berlin, so muss man aus dem Eintrag auf Else Stocks Gestapokarteikarte schließen, scheint auch die Zwischenstation der Familie gewesen zu sein, bevor sie den Sprung nach Wiesbaden schaffte.

Über ihre Zeit in der Reichshauptstadt liegen keine Informationen vor. Daher ist auch nicht bekannt, was sie bei ihrer Flucht aus Polen mitbringen konnten. Vermutlich wird es aber nicht viel gewesen sein, denn auch zuvor wird ihr Besitz einen eher bescheidenen Umfang gehabt haben. Auch wenn als Berufsbezeichnung von Isidor Stock in den amtlichen Unterlagen „Kaufmann“ angegeben ist, so darf man sich darunter wohl kaum einen Kaufmann im eigentlichen Sinne vorstellen. Viele Ostjuden waren durch die Beschränkungen in ihrer Wirtschaftstätigkeit traditionell Klein- oder Altwarenhändler, die oft keinen eigenen Laden führten, sondern ihren Handel als Etagenhandel innerhalb der eigenen Wohnung betrieben bzw. als ambulante Händler durch die Dörfer zogen.
Ob der Kaufmann Isidor Stock, der im Alter von etwa 55 Jahren nach Wiesbaden kam, dort ebenfalls noch auf diese Weise zum Unterhalt seiner Familie beitrug, ist wegen fehlender Steuerakten nicht mehr nachweisbar.

Die Familie von James und Johanna Stock

Es war James, der älteste Sohn, der als Kaufmann in das väterliche Geschäft einstieg, während die beiden anderen Geschwister, Leo und Else, eine Ausbildung als Buchhalter_in absolvierten und damit einen Einstieg in die moderne Geschäftswelt fanden. Wo die beiden tätig waren, ließ sich allerdings nicht mehr ermitteln.

Isidor Moses
Historisches Archiv der Stadt Wetzlar

Während Leo zeitlebens ledig blieb, heiratete James wenige Monate nach Beginn der NS-Zeit am 23. November 1933 Johanna Moses aus Wetzlar.[9] Sie war dort am 23. März 1905 als eines von insgesamt sieben Kindern des jüdischen Ehepaars Isidor und Rosa Moses, geborene Nussbaum, zur Welt gekommen.[10] Anders als die Eltern des Bräutigams stammte die Familie Moses aus Mittelhessen. Der Großvater von Johanna, Mathias Moses war am 6. Juni 1841 in der Westerwaldgemeinde Beilstein geboren worden, seine Frau Caroline Thalberg, geboren am 1. Juli 1846, stammte aus Atzbach bei Wetzlar. Der Vater von Johanna war eines von fünf Kindern des Paares. Zumindest von Isidor ist bekannt, dass auch er sich in seiner Heimatstadt als Alt- und Häutehändler betätigte. In den Jahren des Ersten Weltkriegs, in denen es zuletzt an allem mangelte, fungierte ihr Geschäft in der Wetzlarer Langgasse, wo sie seit 1917 wohnten, als Sammelstelle für Knochen, wie man aus einem Aufruf des Bürgermeisters in der Lokalpresse erfahren kann.[11] Offenbar wurde Isidor Moses damals, obwohl Jude und sozial wohl eher der Unterschicht zugehörig, offenbar gesellschaftlich nicht ausgegrenzt. 1919 überreichte ihm der Brandmeister eine Auszeichnung für seine 20-jährige Mitgliedschaft in der Feuerwehr.[12] Im August 1923 gab das Paar im ‚Wetzlarer Anzeiger‘ noch eine Anzeige anlässlich seiner Silbernen Hochzeit auf und bedankte sich für die vielen „dargebrachten Aufmerksamkeiten und Geschenke“.[13]

Als Johanna die Ehe mit James Stock einging, wohnte sie bereits in Wiesbaden in der Schwalbacher Str. 14, während ihr Mann noch in der Wohnung der Eltern in der Faulbrunnenstr. 13 I lebte. Ob sie, wie es in dem Heiratseintrag heißt, „ohne Beruf“ oder angesichts der damaligen Wirtschaftskrise nur arbeitslos war, lässt sich nicht mehr feststellen. Aber sie wird kaum ohne eine berufliche Perspektive, vielleicht als Hausmädchen oder Küchenhilfe, von Wetzlar nach Wiesbaden gekommen sein.
Wie wenig verlässlich die Angaben der Wiesbadener Adressbücher sind, zeigt sich auch im Fall der Familie Stock. Nur die Eltern, aber keines der Kinder ist darin auch in den folgenden Jahren aufgeführt. Aber anhand der Geburtseinträge für die Kinder von James und Johanna Stock lässt sich zumindest partiell rekonstruieren, wo sie nach der Eheschließung wohnten. Am 28. Oktober 1934 kamen Josef in der Jahnstr. 24 und drei Jahre später, am 14. Juli 1937, Rosel in der Ellenbogengasse 11 zur Welt.[14]
Als dann im Laufe des Jahres 1938 die sogenannte Gestapokartei geschaffen und auch für das Ehepaar Stock eine Karteikarte angelegt wurde, trug man, allerdings ohne Einzugsdatum, als damalige Adresse die Walramstr. 31 ein, wo sie eine enge Wohnung im Hinterhof fand. In diesem Viertel, dem Wiesbadener Westend, wo die Mieten aufgrund der Bauweise und Ausstattung der Häuser sehr billig waren und weil die dort vorhandenen Geschäfte mit koscheren Lebensmitteln, den Betstuben und dergleichen auch eine gewisse Vertrautheit boten, das zu einer gerade von Ostjuden bevorzugten Wohngegend geworden war, hatten auch Stocks eine vermutlich einfache, aber kostengünstige Unterkunft gefunden. In dem Haus lebten damals mit Selma Straus und ihrem Sohn Hermann Ferdinand sowie mit Lina Still – Turner und ihren Kindern weitere Personen, die das gleiche Schicksal teilten. Auch sie waren arm, stammten zum Teil aus Osteuropa und hatten Kinder zu versorgen. Vermutlich hatte sich zwischen ihnen, besonders den Frauen, im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt, denn alle fanden am Ende im Judenhaus in der Ludwigstr. 3 wieder zusammen. Aber vielleicht ist das auch nur euphemistische Vorstellung und alle drei Frauen waren nur durch die Anweisung der Gestapo zum mehr oder weniger gemeinsamen Leben dort gezwungen worden.

Leider liegen für den gesamten Zeitraum zwischen der „Machtergreifung“ und dem Beginn der neuen Phase der Verfolgung ab 1938 keinerlei Informationen über die Familie, im Besonderen über deren wirtschaftliche Lage vor. Wie lange und in welchem Umfang James den Altwarenladen seines Vaters noch führen konnte, ist nicht bekannt.
Dieser war inzwischen am 19. August 1936 verstorben, seine Mutter wurde drei Jahre später, am 6. August 1938, zu Grabe getragen.[15] Beide wurden auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße beigesetzt. Ihnen blieb somit die schlimmste Phase der nationalsozialistischen Herrschaft erspart, aber die vergangenen Jahre der Ausgrenzung und Demütigung werden auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen sein. Dokumente darüber sind aber nicht überliefert.

Ob die Devisenakte, die einzige Akte, die zumindest einen punktuellen Einblick in die Lebensverhältnisse der Familie von James ermöglicht, noch in der Zeit entstand, in der sie in der Walramstraße wohnte, ist nicht mehr mit Sicherheit zu sagen. Diese Adresse – später durchgestrichen – stand als erste auf dem Aktendeckel. Am 15. August 1940 war diese sogenannte JS-Akte, die Judensicherungsakte mit der Nummer 9747, angelegt worden. James Stock hatte man mit einem Schreiben an seine Adresse in der Walramstraße davon unterrichtet. Wie der Postzustellungsurkunde zu entnehmen ist, wurde der Brief damals auch dort von seiner Frau in Empfang genommen. Laut den Einträgen auf der Gestapokarteikarte hatte die Familie aber bereits am 25. Oktober 1939, also etwa ein Dreivierteljahr zuvor, die Wohnung verlassen und war in die Obdachlosensiedlung Vorderberg seitlich der Mainzer Straße gezogen – ob gezwungen oder aus Kostengründen „freiwillig“, ist nicht bekannt. [16]
Der auch als Mühltal bekannte Distrikt war bereits seit dem 19. Jahrhundert ein sozialer Brennpunkt, ein Ort, an dem die verarmten Menschen, die das „Stadtbild“ der Weltkurstadt schändeten, separiert wurden. Unter katastrophalsten hygienischen Bedingungen hausten sie dort in slumähnlichen Verhältnissen, in Behausungen ohne jegliche Infrastruktur. Wasser musste vom nahen Bach geholt werden und als Abort dienten ausgehobene Gräben. Arbeitslosigkeit, Trunksucht, Kriminalität, Prostitution und Verwahrlosung kennzeichneten die dortigen Zustände bis weit in die Weimarer Zeit hinein. Es galt schon als Fortschritt, als Ende der Zwanzigerjahre angesichts der Wirtschaftskrise und der wachsenden Zahl derjenigen, die ihre bisherige Miete nicht mehr aufbringen konnten und deshalb in solche Notunterkünfte eingewiesen wurden, 20 weitere Notbaracken gebaut wurden. Insgesamt 25 qm sollten den oft kinderreichen Familien jeweils zur Verfügung stehen. Eine dieser Behausungen, die Baracke 19, diente auch der Familie Stock für etwa ein Jahr als Unterkunft.

Angesichts dieser Lebenssituation hätte sich eigentlich die Anlage einer Devisenakte für Stocks erübrigt. Mit solchen Akten versuchte der NS-Staat, die gesamten Finanzen, die Einkommen und Vermögen der Juden zu kontrollieren. Grundsätzlich war ihnen ab diesem Zeitpunkt die freie Verfügung über das Eigentum entzogen. Generell wurde in dem ersten Anschreiben ein vorläufiger monatlicher Freibetrag von 300 RM verfügt, d.h. ein Betrag, über den die jeweiligen Personen bzw. Familien im Monat verfügen durften. Wie viel Geld ihnen dann in Zukunft tatsächlich zustehen würde, war abhängig von ihrem jeweiligen Einkommen und Vermögen. In einer Vermögenserklärung, zu deren Abgabe sie zugleich aufgefordert wurden, hatten sie sowohl das, als auch ihre monatlichen Lebenshaltungskosten genau anzugeben.
Das entsprechende Formblatt schickte James am 6. September 1940 an die Devisenstelle zurück.Die dortigen Angaben legen offen, in welch einer prekären Situation die Familie damals schon lebte: Sein gesamtes Vermögen betrug 5 RM, deponiert auf einem Konto der Sparkasse.[17]

Vermögenserklärung von James Stock
Rückseite – HHStAW 519/3 8022 3

Allerdings hatte er im letzten Jahr, seit dem 5. Januar 1939, Arbeitseinkommen von etwa 1.400 RM bezogen und hoffte, auch im kommenden Jahr auf etwa 1.400 bis 1.600 RM zu kommen. Das Geld verdiente er als Zwangsarbeiter bei der dafür berüchtigten Firma Scheid aus Idstein im Straßenbau, bei der viele jüdische Männer auch aus Wiesbaden tätig sein mussten. Er bat damals darum, ihn nicht zur Anlage eines kostenpflichtigen Sicherungskontos zu zwingen, sodass er seinen Arbeitslohn nicht über dieses Konto, sondern unmittelbar in bar entgegennehmen könne. Dies wurde auch zugestanden, da James Stock offensichtlich kaum in der Lage sein würde, sich irgendwelcher Devisenvergehen schuldig zu machen.[18]
Obwohl ihm nie 300 RM monatlich zur Verfügung standen, wurde der bisherige Freibetrag aufrechterhalten.

Nachweis über die Dauer der Zwangsarbeit von James Stock
https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0644/1268812/001.jpg

Nach den Unterlagen der Landesversicherungsanstalt war James Stock zunächst vom 21. Mai 1939 bis zum 17. Juni 1941 lohnabhängig beschäftigt, dann noch einmal vom 15. Juni 1941 bis zum 15. Juni 1942, wobei zumindest das letzte Datum insofern falsch ist, da er zu dem zuletzt genannten Datum bereits seit knapp einer Woche deportiert worden war.[19] Ob er bei seiner zweiten Arbeitsverpflichtung einen anderen Arbeitgeber als bisher gefunden hatte, ist in dem Dokument nicht vermerkt. Aber die Bedingungen werden auch dann kaum besser gewesen sein.

Auf die Frage, wofür er sein Einkommen verwende, gab er im Formular im September 1940 an, monatlich für die Wohnung 25 RM aufbringen zu müssen. Offenbar gab es dort – so sind die Streichungen auf dem Blatt zu interpretieren – weder Gas noch Strom; Licht und Wärme musste er mit Petroleum erzeugen. Für den übrigen Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie blieben im Monat 100 RM. „Kleidungsstücke können wir uns nicht anschaffen“, bemerkte er am Rande des Formulars.

In der Obdachlosensiedlung im Mühltal blieb die Familie dann etwa ein Jahr wohnen. Am 25. November 1940 erfolgte dann die Zwangsumsiedlung in das Judenhaus Ludwigstr. 3, die unter den gegebenen Verhältnissen –ohne das beschönigen zu wollen – vielleicht sogar eine Verbesserung darstellte.

Immerhin konnte ihr Sohn Josef, der zuvor, wann genau, ist nicht bekannt, in das jüdische Kinderheim  von Bertha Pappenheim in Neu-Isenburg untergebracht worden war, am 21. Januar 1941 wieder zur Familie zurückkehren. Ob dies auf Wunsch der Eltern oder des Heims geschehen war, lässt sich nicht mehr sagen. Das Haus in Neu Isenburg, die sogenannte „Isenburg“, die in den vergangenen Jahren ein Hort der Menschlichkeit gewesen war, hatte spätestens seit dem Überfall während der Reichspogromnacht erhebliche Schwierigkeiten, seine Schutzfunktion noch aufrechtzuerhalten.[20] Viele Kinder mussten abgewiesen bzw. zu ihren ebenfalls schutzlosen Eltern zurückgeschickt werden, vielleicht auch Josef.

Aber natürlich waren die Verhältnisse in dem überfüllten Judenhaus auch sehr beengt. Eine Familie musste angeblich auch in einem Verschlag im Hof leben. Stocks hingegen, immerhin zwei Erwachsene und zwei kleine Kinder, bezogen eine winzige Wohnung, bestehend aus Küche und einem weiteren Zimmer im Erdgeschoss des Hinterhauses. 21,58 RM mussten sie dafür monatlich an Miete bezahlen.[21]

Zurecht wurde auf dem Erinnerungsblatt des AMS für die Familie und in verschiedenen Zeitungsartikeln anlässlich der Umbenennung des Platzes darauf hingewiesen, dass die beiden Kinder Josef und Rose keinen Kindergarten und auch keine Schule mehr besuchen durften, aber das Haus in der Ludwigstraße war voll mit anderen Kindern. Dort lebten 1941 insgesamt 9 Kinder bzw. Jugendliche unter 20 Jahren: Der 19-jährige Rudolf Friedmann war der älteste, Helga Löwenberg war 16 und Oskar Borger, 15 Jahre alt. Als Spielkameraden für die beiden 4 und 7 Jahre alten Stockkinder boten sich der 11-jährige Hermann Straus, der 9-jährige Karl Löwenberg, der 8-jährige Alexander Still und die 7-jährige Inge Straus an. Und man muss auch bedenken, dass das Judenhaus in der sogenannten „Hilf“ dem Bezirk um die Kirche Maria Hilf, einem stark proletarisch geprägten Milieu, lag, wo nicht nur viele kinderreiche Familien lebten, sondern diese auch traditionell zumindest partiell eher links orientiert waren. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass die jüdischen Kinder auch Spielkameraden außerhalb ihres Hinterhofes fanden, weil nicht alle Eltern der umliegenden Häuser ihren Kindern ein Kontaktverbot auferlegt haben werden. Aber das müssen Vermutungen ohne konkrete Belege bleiben. Darauf, dass es aber solche solidhattearischen Aktionen gab, wurde im Zusammenhang mit anderen Bewohnern des Hauses schon mehrfach hingewiesen. So erwähnte ein Manfred Auer – möglicherweise handelt es sich um ein Pseudonym – in seinen autobiografischen Erinnerungen eine Begebenheit, die sich um diese Zeit in der „Hilf“ zugetragen haben soll. Fälschlicherweise gab er dem Kapitel die Überschrift „Die Judenschule“,[22] denn eine solche gab es damals weder in der „Hilf“ noch sonst wo in Wiesbaden noch. Er berichtete von einer Initiative, die auf den Freundeskreis um Heini Roos [23] zurückgegangen sein soll, mit dem Ziel, den bedrängten Juden in ihrer schwierigen Lage wenigstens ein wenig zu helfen. Auers Mutter hatte eines Tages verschiedene Kinderkleider, Spielsachen, Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs zusammengepackt und, versteckt unter einer Decke, mit einem alten Kinderwagen in die „Hilf“ gebracht. Auf Umwegen seien sie, um ihren Weg zu tarnen, in die Hochstraße eingebogen und von dort durch einen Hauseingang in eine Wohnung gelangt, in der sie die Sachen den dortigen Kindern und auch den – angeblichen Lehrern – übergeben hätten. Es habe dort ein unglaubliches Chaos geherrscht, als sie eintraten, aber umso größer sei die Freude gewesen, als sie erkannten, welche wunderbaren Geschenke ihnen diese „ganz normalen Deutschen“ mitgebracht hatten.[24]
Wenn an den Erinnerungen etwas Wahres ist, dann zeigen sie nicht nur, dass es zumindest kleine solidarische Hilfen von Nichtjuden gab, es zeigt auch, dass man sich offenbar um die vielen Kinder in der Ludwigstr. 3 gemeinsam kümmerte. Und möglicherweise war die Mitbewohnerin Selma Straus diejenige, die die Rolle einer Kindergärtnerin übernommen hatte.[25]

Dennoch: Auch wenn dem so war, die eineinhalb Jahre, die die Familie noch im Judenhaus Ludwigstr. 3 verbrachte, bevor sie den Weg zum Bahnhof antreten musste, war eine Leidenszeit, nicht nur, weil es an allem fehlte, weil die Bedingungen so unmenschlich waren, sondern auch, weil man ahnen konnte, was noch bevorstehen würde.

Mit der ersten großen Deportation am 10. Juni 1942 – bei einem Transport am 23 Mai 1942 waren nur 25 Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden quasi als „Füllmasse“ eines anderen Transports aus Frankfurt herangezogen worden – wurde auch die Familie Stock, James Johanna, Josef, inzwischen 7 Jahre alt, und Rosel, 4 Jahre alt, über Frankfurt nach Lublin verbracht. Dort wurde die Familie auseinandergerissen.

Der Vater gehörte zu den Männern – ihre genaue Anzahl ist nicht bekannt –,[26] die dort zur Zwangsarbeit in dem sich gerade im Aufbau befindlichen KZ-Majdanek abkommandiert wurden. Die übrigen Insassen brachte der Zug weiter in das nahe Vernichtungslager Sobibor.[27] Man geht davon aus, dass alle unmittelbar nach ihrer Ankunft durch den sogenannten „Schlauch“, einen etwa 150 Meter langen, durch Stacheldraht und Zweigen vom übrigen Lager abgegrenzten Pfad, in die seit April funktionsfähigen Gaskammern getrieben und ermordet wurden. Es gab dort drei Kammern, jeweils etwa 16 qm groß, in die bei jedem „Durchlauf“ insgesamt etwa 200 Menschen zusammengepfercht wurden. Die Abgase eines Motors aus einem benachbarten Schuppen wurden dann in die Kammern eingeleitet. Der grauenhafte Todeskampf der Eingeschlossenen dauerte etwa 20 bis 30 Minuten. Bei Kindern wohl weniger, wurden sie doch vermutlich von den nach Luft ringenden Erwachsenen sehr schnell zu Boden getreten und ersticken als erste.

Auch James Stock, obwohl zunächst verschont, hatte in Majdanek keine Überlebenschance. Die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen im dortigen Lager führten dazu, dass der Häftling mit der Nummer 11450 schon am 19. Juli 1942, also nach nur gut einem Monat verstarb. Unter welchen Umständen sein Tod herbeigeführt wurde, ist nicht bekannt.[28]

Das Schicksal der Geschwister von James Stock

Auch Leo, der jüngere Bruder von James, gehörte zu denjenigen, die am 10. Juni die Fahrt in den Tod antreten mussten. Wieso nicht er, sondern sein Bruder in Majdanek selektiert wurde, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Vermutlich war es reine Willkür, vielleicht sogar eine bewusste zusätzliche Grausamkeit, in dieser Situation den Kindern den Vater zu entreißen. Leo starb somit auch in den Gaskammern von Sobibor.

Über sein Leben in den Jahren zuvor in Wiesbaden ist fast nichts bekannt, denn auch von ihm sind keine Akten überliefert. Den Eintragungen auf seiner Gestapokarteikarte ist zu entnehmen, dass er am 3. Mai 1939, nachdem er die Wohnung der verstorbenen Eltern verlassen hatte, auch in die Walramstr. 31 einzog.

Häftlingskarte für Leo Stock aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/7199686?s=Leo%20Stock&t=1801760&p=1

Hintergrund für seinen Umzug waren vermutlich die Ereignisse während der Reichspogromnacht. Auch ihn hatte man damals ergriffen und am 10. November „Schutzhaft“ angeordnet. Zwei Tage später wurde er in das KZ-Buchenwald eingeliefert, wo er als Häftling mit der Nummer 4467 bis zum 30. April des folgenden Jahres bleiben musste. Ob er dann noch ein halbes Jahr mit der Familie seines Bruders dort zusammenlebte, ist unsicher, weil nicht klar, ist, wann diese die dortige Wohnung verließ bzw. verlassen musste, um in das Obdachlosenquartier zu wechseln. Am 15. November 1940 wurde dann auch Leo in ein Judenhaus zwangsumgesiedelt. Im Haus Rheinstr. 81, in dem viele Jüdinnen und Juden untergebracht worden waren, erhielt er eine Mansarde unter dem Dach.[29] Dort blieb er, bis auch ihn die Aufforderung erreichte, sich für die „Evakuierung“ in den Osten bereitzuhalten.

Auch Else, die Jüngste der Geschwister Stock, saß zusammen mit ihrem Mann, Siegfried Hirsch, in dem Zug, der, nachdem er in Frankfurt endgültig zusammengestellt worden war, am 11. Juni 1942 insgesamt 1253 Menschen in den Tod beförderte.[30]

Aber es scheint fast so, als hätten die beiden, zumindest Siegfried Hirsch nicht verstehen können, was damals mit ihnen geschah. Er gehörte früher politisch in den Dunstkreis der Deutschnationalen, vielleicht sogar dem noch rechteren Spektrum an. Den Eindruck muss man gewinnen, wenn man sich ein Schreiben vergegenwärtigt, dass er im Zusammenhang mit einem gegen ihn und seine Frau gerichteten Strafverfahren verfasste. Es handelte sich eigentlich um ein banales Vergehen, dessen die beiden im April 1940 beschuldigt wurden. Wie so viele andere hatten sie in einem amtlichen Schreiben bzw. sie konkret beim Unterschreiben der Fleischkarte vergessen, der strafbewährten Pflicht als Jude,  ihrem Vornamen den Zwangsnamen Israel bzw. Sara anzufügen.

Die inkriminierten Fleischkarten von Siegfried und Else Hirsch
HHStAW 469/33 468 (o.P.)

Dass es sich damals tatsächlich um ein Versehen und nicht um einen bewussten widerständischen Akt handelte, konnten sie auch gegenüber dem Gericht völlig glaubhaft erklären.

Die korrekt ausgefüllte Marmeladenbezugskarte
HHStAW 468/33 (o.P.)

Dennoch kannte der NS-Staat auch bei solchen Lappalien grundsätzlich kein Erbarmen. Er verurteilt zunächst beide am 19. April 1940 zu einer Haftstrafe von einem Monat.[31] Erst nach einem Widerspruch wurde die Strafe herabgesetzt, Else sogar freigesprochen. Für Siegfried Hirsch wurde die Strafe auf 10 Tage Gefängnis reduziert, die aber durch die Zahlung von 50 RM abgegolten werden konnte.[32]

Möglicherweise hatte tatsächlich auch der lange Brief, den Siegfried am 8. Juni 1940 verfasste, zur Milderung der Strafe beigetragen, aber solche Zusammenhänge sind in einem notorischen Unrechtsstaat keineswegs sicher abzuleiten.
In dem Schreiben stellte der Angeklagte umfassend seine politische Haltung und seine gegenwärtig schwierige Lage dar. Siegfried Hirsch war am 11. Juli 1878 im damaligen Küstrin an der Elbe als Sohn des Kaufmanns Joseph Hirsch und seiner Frau Berta, geborene Friedeberg, zur Welt gekommen.[33] Während des Ersten Weltkriegs diente er von 1915 bis 1918 als „Telegraphist“ im 5. Armeekorps.
Offenbar hatte er sich in seiner damaligen Heimatstadt Küstrin schon damals politisch engagiert und fungierte am Ende des Krieges sogar als Stadtrat. Diese herausgehobene Position lässt zum einen darauf schließen, dass er bzw. seine Eltern auch geschäftlich recht erfolgreich gewesen sein müssen.[34] Tatsächlich gehörte das Handelsgeschäft der Eltern ursprünglich der Mutter, die 1924 in Berlin verstarb. Da sie im Todeseintrag als Witwe bezeichnet wurde, muss ihr Mann bereits zuvor verstorben sein. Unterschrieben hat den Sterbeeintrag Siegfried Hirsch, der damals schon Wiesbaden in der Knaussstr. 2 wohnte.[35] Diese Adresse ist auch noch im Jüdischen Adressbuch von 1935 vermerkt. Seine spätere Frau wohnte damals noch in der elterlichen Wohnung in der Faulbrunnenstr. 13.

Erste Seite des Briefs von Siegfried Hirsch an das Gericht
HHStAW 469/33 468 (21)

Siegfried Hirsch war nach Wiesbaden gekommen, nachdem die Folgen des Weltkriegs ihn auch persönlich hart getroffen hatten. Allerdings sind die biografischen Angaben in seinem oben erwähnten Brief nicht detailliert genug, um seine Lebensgeschichte strukturiert rekonstruieren zu können. Er scheint zu einem nicht bekannten Zeitpunkt, aber noch vor dem Krieg, Küstrin verlassen zu haben, und in das Gebiet gezogen zu sein, das nach dem Versailler Vertrag dem polnischen Staat zugeschlagen wurde. Möglicherweise geschah der damalige Umzug im Zusammenhang mit seiner ersten Eheschließung, aus der auch ein Kind hervorgegangen sein muss. Auch das ist seinem Brief zu entnehmen: „Ich bin s[einer] Z[ei]t durch die Polen von Haus u[nd] Hof vertrieben u[nd] habe meine 100jährige Existenz, Haus, Vermögen, Gesundheit, Frau und Kind für die deutsche Sache geopfert, also alles, was ein Mensch geben kann. Nachdem ich die Polenkämpfe mitgemacht, wurde ich bei den Polen interniert und habe etwa 2 Jahre bei den allerschwersten Schikanen, Drangsalen und Martern absitzen müssen. Die Feder sträubt sich, alles das zu erwähnen, was ich erlitten, aber nicht als Jude, sondern als Deutscher.“ In diesem Zusammenhang verweist er auf seine exponierte Stellung als Stadtrat, in der er beim Einzug der polnischen Besatzer an der Spitze des Widerstands gestanden habe.[36] Noch 1940 machte er die Polen und nicht die Nazis für seine derzeitige schwierige Lage verantwortlich:
Ganz offensichtlich gehörte er zu denjenigen, die die Niederlage nicht anerkennen wollten, und sich zumindest politisch mit der Neuordnung Europas durch den Versailler Vertrag, verbunden mit verschiedenen Gebietsabtretungen, nicht abfinden wollten. Aber, obwohl er sich als „Polenkämpfer“ bezeichnet, hatte er wohl selbst am militärischen Kampf, den die Freikorps damals aufnahmen, nicht teilgenommen. Das hätte er andernfalls mit Sicherheit nachdrücklich erwähnt. Auch lobte er die NS-Presse, die endlich die Gräueltaten der Polen in den Jahren zwischen 1919 und 1921 in vollem Umfang offenlegen würde, und goutierte mit Bezug auf das Datum 23. August 1939, dem Tag, an dem mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts die faktische Zerschlagung des polnischen Staates beschlossen wurde, die Außenpolitik des Regimes, zumindest gegenüber Polen.

Im Hinblick auf seine persönliche Situation schrieb er, dass er dank der Fürsprache des ehemaligen Reichspräsidenten Hindenburg, der sich besonders für die „Polenkämpfer“ eingesetzt habe, ein Anstellung im Wohlfahrtsamt der Stadt Wiesbaden erhalten habe. 1932 wurde ihm diese Stelle allerdings gekündigt und seitdem sei er arbeitslos. Auch er war somit ein Opfer der Brüning’schen Sparpolitik geworden, die damals einen umfassenden Stellenabbau im öffentlichen Dienst zur Folge hatte. Dass es damals auch Siegfried Hirsch traf, war wohl auch seinem schlechten Gesundheitszustand, für den er selbst die Zeit seiner polnischen Internierung als ursächlich ansah, geschuldet.

Else Stock, die er am 13. Januar 1939 in Wiesbaden geheiratet hatte,[37] war nicht nur eine Leidensgenossin mit einem ähnlichen Schicksal – sie war nach seiner Darstellung ebenfalls Flüchtling, genauer: Optantin,[38] „hatte das Schwerste durchgemacht im Flüchtlingslager ‚Schneidemühl‘“, bevor auch sie über Berlin nach Wiesbaden kam, wo sie eine Anstellung als Buchhalterin bekam. Gleichwohl verkannte er, dass die nationalsozialistische Bewegung primär von einer rassistischen und nur sekundär von einer nationalistischen Ideologie getragen wurde, die Ausfälle gegen die Polen somit kaum dazu beitragen konnten, seinen Verstoß als Jude gegen die antisemitischen Gesetze zu entschuldigen.
Dass seine Frau als Jüdin durch die antijüdische Politik des Staates ihre frühere Stellung verloren hatte, erwähnte er nicht. Allerdings muss er zugeben, dass sie seit dem 1. April 1940 als Buchhalterin bei der Jüdischen Gemeinde beschäftigt sei, wo sie monatlich netto 89 RM verdiene.[39] Zuvor habe sie aber „Jahr um Jahr zu Juden in den Haushalt gehen u[nd] schwer arbeiten“ müssen, wo man „für diese schwache Frau nichts übrig“ gehabt habe. Eine unterschwellige antisemitische Einstellung des Juden Siegfried Hirsch zumindest gegenüber den reichen Juden – auch Juden konnten sich dieses NS-Stereotyp zu eigen machen – ist nicht zu überhören.

Der Strafbefehl gegen Siegfried Hirsch
HHStAW 469/33 468 (16)

Letztlich nahm die NS-Justiz mit Blick auf die finanzielle Lage des Paares doch noch einmal Rücksicht. Seiner Bitte, die Strafe nicht durch eine einmalige Zahlung zu begleichen zu müssen, wurde entsprochen und er durfte die 50 RM in zehn Raten à 5 RM abstottern. Als er aber dann im März 1941 einmal nur 3 RM zahlte, wurde ihm sofort mit der Rücknahme der Vergünstigung gedroht.[40]
Im Mai 1941 war die Strafe beglichen, aber die finanzielle Situation wurde auch danach nicht besser. Am 13. Juni 1941 bat er deshalb das Amtsgericht, ihm die Verfahrenskosten von 5,08 RM bis zum September zu stunden. Wieder versuchte er, mit seinem Hinweis, er sei „vertriebener Grenzlandkämpfer aus Posen“ und habe damals in der Landwehr gekämpft, die Gnade des Gerichts zu erlangen. Zudem sei er zu 80 Prozent erwerbsunfähig, was die NS-Richter vermutlich nur wenig interessierte, hatten doch die meisten Juden ohnehin zu dieser Zeit keine Arbeit mehr – es sei denn, sie wurden, wie sein Schwager, bei geringem Lohn als Zwangsarbeiter eingesetzt. Seiner Frau, so erwähnte er noch, sei ihre bisherige Stelle bei der Jüdischen Gemeinde zum Ende des Monats gekündigt worden.[41]

Wie das Paar in dieser prekären Lage die folgenden Monate bis zur Deportation überstand, ist nicht bekannt. Nach der Eheschließung hatten sie zunächst in der Langgasse 18 gewohnt, waren dann aber am 17. Oktober 1940 in die Tennelbachstr. 21 verzogen, wo sie ein Zimmer in der Wohnung der vierköpfigen Familie von Paul Moser erhielten. Dessen Frau Ida war eine geborene Hirsch. Auch wenn sie am 15. Dezember 1899 in Duisburg zur Welt gekommen war, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihren neuen Mietern stand.[42]

Während Paul Moser und seine Frau Ida mit dem Transport am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden, mussten Else und Siegfried Stock das Haus bereits am 10. Juni 1942 verlassen. Wie die anderen Verwandten aus Wiesbaden, verloren auch sie ihr Leben in Sobibor bzw. Majdanek. Alle Stock-Geschwister, samt ihren Partnern und ihren Kindern, wurden Opfer der Shoa.

Das Schicksal der Geschwister von Johanna Stock, geborene Moses

Dieses „große Unglück“, kam aber nicht nur über den Zweig der Familie Stock, sondern auch über den seiner Wetzlarer Frau Johanna. Von den sieben Kindern ihrer Eltern Isidor und Luise Moses überlebten nur zwei, Klara und Karl. Letzterer hatte seinen Namen wohl im Gedenken an seinen jüngeren Bruder erhalten, der, geboren am 7. Februar 1907, bereits nach einem halben Jahr, am 16. August, wieder verstorben war. Somit gehörten neben Johanna Stock auch ihre Geschwister Luise Elsa, Hugo und Max zu den Opfern des Holocaust.[43]

Die 21-jährige Luise Elsa Moses, geboren am 20. Mai 1899, hatte 1920 den damals 48-jährigen Metzger Arthur Winter aus Altenhunden geheiratet, der ursprünglich aus Köln stammte und zum weiteren Familienkreis gehörte.[44] Sie lebten in Erndtebrück bei Siegen, wo sie die Metzgerei von Moritz Moses, einem Onkel von Luise, übernommen hatten. Dort wurden auch ihre beiden Kinder Kurt, am 14. August 1921, und Ruth, am 9. August 1928, geboren. Nicht nur die Kinder verloren mit der Übernahme der Macht durch die Nazis ihren Freundeskreis, auch die Eltern mussten ihr Geschäft schon im Januar 1934 aufgeben und Arthur Winter wurde als Hilfsarbeiter zwangsweise im Straßenbau eingesetzt. Im Gefolge der Reichspogromnacht wurde er in „Schutzhaft“ genommen. Nach seiner Freilassung zog die Familie am 25. September 1939 nach Siegen. Die Eltern und Ruth wurden von dort, mit welchem Transport ist nicht bekannt, 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz wurde Kurt, der zuletzt wohl in Süddeutschland, in Ahlen lebte, am 1. März 1943 von Stuttgart aus mit dem Großtransport II zusammen mit etwa 1 500 Menschen über Düsseldorf und Dortmund ebenfalls in das dortige Vernichtungslager gebracht.[45]

Hugo Moses, geboren am 11. Juni 1901, hatte 1931 Berta Bernhard aus dem saarländischen Beckingen geheiratet, von der ihm am 14. Juni 1931 die Tochter Ruth geschenkt wurde.[46] Damals lebte die Familie in Oberbiel bei Wetzlar, zog aber bald darauf wieder in die alte Domstadt an der Lahn zurück. Dort blieb sie bis 1936. „Unfreiwillig“, so heißt es auf den Stolpersteinen für die Familie, verzog sie 1936 nach Frankfurt, wo sie eine Wohnung im Röderbergweg 36 fand.[47] Hugo muss 1939 auch noch eine Zeit im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße zugebracht haben, bevor er mit seiner Frau und Tochter Ruth mit dem zweiten großen Transport aus Frankfurt am 22. November 1941 mit knapp 1 000 Jüdinnen und Juden in den Osten verbracht wurde. Von der Großmarkthalle, wo die letzten organisatorischen Maßnahmen, wie die Übereignung des Eigentums, vollzogen wurden, brachte der Zug die Menschen nach Kaunas bzw. Kowno, was sie drei Tage später erreichten. Dort wurden sie von einem Polizeibataillon und litauischen Hilfskräften empfangen und am Ghetto vorbei in das Fort IX getrieben. Am folgenden Morgen mussten sie, getarnt als Frühsport, im Dauerlauf zu den bereits ausgehobenen Gruben laufen, in die die einzelnen Gruppen dann unter Schlägen hineingetrieben wurden. SS-Kommandos, wiederum unterstützt von Litauern, schossen mit MGs in die Gruben hinein. Granaten, die anschließend hineingeworfen wurden, beendeten das Massaker. Es war die erste Mordaktion, bei der ein ganzer Transport vollständig vernichtet wurde – darunter auch Hugo Berta und Ruth Moses.[48]

Max Moses, geboren am 28. Juni 1908,[49] hätte es beinahe auch noch geschafft, mit seiner Frau und seinen Kindern aus Deutschland herauszukommen, aber im letzten Moment scheiterte die Flucht und auch er musste am 11. Juni 1942 in Frankfurt den Zug nach Lublin besteigen.
Er hatte ursprünglich das Metzgerhandwerk erlernt, aber darüber, ob er und wenn, wo und wie lange er in diesem Beruf arbeitete, liegen keine Informationen vor.
Am 27. Juni 1934 heiratete er die am 19. Dezember 1903 in Mainz geborene Eva Zeitin. Ihre Eltern waren der „Zehngeboteschreiber, der Thoraschreiber Ephraim Zeitin und seine Frau Sara, geborene Safra, die ursprünglich aus dem weißrussischen Gomel stammten.[50]

Max und Eva Moses, geb. Zeitin
Historisches Archiv der Stadt Wetzlar

Nach der Eheschließung wohnten Max und seine Frau in Wetzlar im elterlichen Haus in der Langgasse 17. Dort kamen auch die beiden Kinder Manfred am 5. Juli 1935 und Ingeborg Rosalinde am 26. Dezember 1936 zur Welt. Rosalinde war nur ein kurzes Leben beschieden. Sie verstarb am 14. Januar 1939 an Diphterie.
Das Leid der Eltern war umso größer, als es fraglich ist, ob ihr Vater überhaupt bei der Beerdigung seiner kleinen Tochter anwesend sein konnte. Vermutlich eher nicht, denn auch er war am 10. November 1938 als „Aktionsjude“ im Gefolge der Reichspogromnacht festgenommen und als Häftling mit der Nummer 4218 im KZ-Buchenwald bis zum 12. April 1939 festgehalten worden.[51]
Danach scheint sich die Familie zur Flucht aus Deutschland entschlossen zu haben. Aber nur eine dünne Devisenakte, angelegt am 27. Juli 1939, belegt diese Absicht.[52] Wie weit die Vorbereitungen tatsächlich gediehen waren, ist ihr nicht zu entnehmen. Es heißt darin nur, dass ein Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut nach England gestellt worden sei, aber eine Liste mit den entsprechenden Gütern enthält sie nicht. Auch ist nicht klar, ob sie überhaupt ein Visum für England besaßen. Der Ausbruch des Krieges wenige Wochen später wird aber alle Hoffnungen endgültig zerschlagen haben.
Aber eigentlich hatte sich Max diesen Weg schon zuvor selbst verbaut, durch Unvorsichtigkeit, Frust oder auch Naivität. Als Hilfs- bzw. vermutlich als Zwangsarbeiter war er seit dem Sommer 1939 bei dem Nauborner Bauunternehmer Viehmann beschäftigt. Immer wieder war es zwischen dem Unternehmer und ihm sowie einem weiteren jüdischen Arbeiter laut Zeugenaussagen zu Streitigkeiten gekommen, zumeist wegen Lohn. Am 8. August 1939 kam es dann zu einem erneuten Konflikt, weil die Arbeiter wegen der noch nicht fertiggestellten Straße zu Überstunden genötigt wurden. Max Moses weigerte sich offensichtlich, weshalb es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Chef kam. Ob man den Zeugenaussagen Glauben schenken kann und der Angriff von Max Moses ausgegangen war, sei dahingestellt. Vielleicht war es auch ein Akt des Widerstands nach all den Demütigungen, die er in der Vergangenheit, z.B. während des KZ-Aufenthalts, hatte erleiden müssen. Offenbar stand er aber alleine da und die anwesenden Mitarbeiter bezeugten die Darstellung des Unternehmers, der sogar versucht habe die Situation zu deeskalieren. Er wurde am 22. September zu 5 Monaten Haft ohne Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt, weil er „mittels einer das Leben gefährdeten Behandlung, nämlich durch Würgen am Hals, (Viehmann) körperlich misshandelt“ hatte.[53] Am 9. Oktober 1939 überführte die Polizei ihn dann aus dem Gerichtsgefängnis Wetzlar in das Strafgefängnis Frankfurt-Preungesheim,[54] wo er bis zum 2. März 1940 blieb.
Im Juli 1940, nach seiner Freilassung, wurde in der Devisenstelle in Frankfurt eine JS-Akte zur Kontrolle seines Vermögens angelegt. Das Formular, in dem er dieses deklarieren sollte, war ihm am 26. Juli zugestellt worden.[55] Drei Tage später erhielt die Behörde es ausgefüllt zurück, allerdings ohne Angaben zu Vermögen oder Einkommen. Beides war offensichtlich nicht vorhanden. Nur über seine monatlichen Ausgaben gab er Auskunft. Sie beliefen sich auf 100 RM, 30 RM Miete und der Rest von 70 RM für den Lebensunterhalt der dreiköpfigen Familie.[56] Vermutlich handelt es sich um einen rein kalkulatorischen Betrag, denn sie lebten weiterhin zusammen mit Max‘ Eltern in der Langgasse 17 und konnten bestenfalls durch kleine Hilfsarbeiten zum Lebensunterhalt beitragen.
Nur ein weiteres Blatt enthält die Akte. Mit dem Bescheid vom 1. August 1940 wurde erlaubt, monatlich 300 RM ohne weitere Genehmigung der Behörde auszugeben – von welchem Einkommen und Vermögen muss man sich unweigerlich fragen.
Über das Leben der Familie in der ihr noch verbleibenden Zeit liegen nur wenige Informationen vor. Am 7. August 1941 hatten die Eltern ihren Sohn Manfred laut der Meldekartei Wetzlar dem Israelitischen Waisenhaus in Frankfurt im Röderweg 87 übergeben.[57] Ob sie glaubten, ihn dort in Sicherheit zu bringen oder ob das aus materieller Not geschah, ist nicht bekannt.
Knapp ein Jahr später wurde er zusammen mit seinen Eltern in den Osten deportiert. Diese waren schon im April 1942 verhaftet worden und in Wetzlar in das Sammellager in der Jahnstr. 3 eingeliefert worden.[58] Am 4. Juni erhielten 14 Landräte aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, darunter auch Wetzlar, genaue Instruktionen zur geplanten Deportation am 11. Juni. Sie hatten dafür zu sorgen, dass alle Jüdinnen und Juden aus den verschiedenen Sammelpunkten bis Mittwoch, den 10. Juni, abends um 19 Uhr unter Polizeibewachung in Frankfurt ankamen, um dann in Gruppen jeweils zu Fuß durch die Stadt zur eigentlichen Sammelstelle, der Großmarkthalle, geführt zu werden. Dort nahm die bürokratisch und gewalttätig vollzogene Entmenschlichung ihren Fortgang. Am anderen Morgen fuhr vom dortigen Gleis der Zug, in dem auch viele Verwandte aus Wiesbaden saßen, nach Lublin. Max Moses gehörte neben seinen Schwagern James und Leo Stock zu denjenigen Männern, die dort für den Aufbau des KZs Majdanek selektiert wurden. Laut Totenbuch des Lagers wurde er dort am 1. August 1942 ermordet,[59] ob durch unmittelbare Gewalt, durch Erschöpfung, Krankheit oder Hunger, ist nicht bekannt. Seine Frau Eva und sein Sohn Manfred starben im Gas von Sobibor.

 

Die beiden jüngsten Geschwister Klara und der zweite Karl Moses waren die einzigen, die den Holocaust überlebten, allerdings unter widrigsten Bedingungen. Sie nutzten die einzige Gelegenheit, die den Verfolgten noch blieb, nachdem alle anderen Staaten ihre Grenzen faktisch dichtgemacht hatten: Sie flüchteten nach Shanghai, die letzte offene Stadt.

Klara Moses, geboren am 25. August 1910,[60] hatte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt den Kaufmann Theodor Birnzweig aus Flörsheim am Main geheiratet. [61]  Er stammte aus einer dort seit mehreren Jahrhunderten ansässigen und auch angesehenen Familie, die in der Stadt ein kleines Kaufhaus betrieb, das sich schon seit hundert Jahren im Besitz der Familie befand und sowohl Manufakturwaren, Schuhe und Möbel anbot. Theodor selbst war dort am 12. Juli 1893 zur Welt gekommen. Er hatte in Frankfurt bis zur Mittleren Reife das Lessing-Gymnasium besucht und anschließend eine Banklehre absolviert. Kurz nachdem er diese abgeschlossen hatte, brach der Erste Weltkrieg aus, zu dem er eingezogen wurde. Für seine Tapferkeit wurde er später von Hindenburg mit dem Fronkämpfer Ehrenkreuz ausgezeichnet. Kurzzeitig war er nach dem Ende des Krieges bei einer optischen Firma in Frankfurt als Betriebsleiter beschäftigt, wechselte dann aber wieder in das Bankgeschäft. In diese Zeit fällt vermutlich die Eheschließung mit Klara, denn am 7. Januar 1925 wurde in Flörsheim ihr Sohn Kurt geboren. Mit Berta am 27. Februar 1928 und Anna am 2. Juli 1932 folgten noch zwei Töchter.
Die danach am 5. Mai 1936 zur Welt gekommene Rosel war offenbar ein uneheliches Kind von Klara, denn sie war zunächst als Rosel Moses registriert worden, wurde aber, wie den Eintragungen im Pass von Theodor zu entnehmen ist, wohl in Vorbereitung auf die gemeinsame Ausreise aus Deutschland, als ehelich erklärt, zumindest erhielt auch sie damals den Nachnamen Birnzweig.[62]

Ausweispapiere von Theodor und Klara Birnzweig mit Angaben zu ihren Kindern
HHStAW 518 47288 (3)

Theodor Birnzweig machte sich 1925 als Steuerberater selbstständig, ein Beruf, den er bis 1935 ausüben durfte. Seine Eltern waren noch in den ersten Jahren der NS-Herrschaft verstorben, der Vater 1934, die Mutter 1936.
Nach dem Tod des Vaters wurde das Geschäft aufgegeben. Der Vater hatte Theodor sein Vermögen vererbt, den Grundbesitz, bestehend aus dem Haus und verschiedenen Äckern, aber seinen drei Kindern übertragen. Nach Theodors Angaben im Entschädigungsverfahren musste er sowohl den noch vorhandenen Warenbestand als auch die Wohnungseinrichtung verschleudern,[63] das Haus mit einem Einheitswert von 22.000 RM im Namen seiner noch unmündigen Kinder für 15.000 RM an eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft abtreten. Schon im August 1938 hatte der Bürgermeister von Flörsheim das Finanzamt in Frankfurt-Höchst darauf aufmerksam gemacht, dass Theodor Birnzweig den Verkauf seines Hauses plane und er offenbar die Absicht habe, aus Deutschland zu verlassen. Das Amt solle alle Maßnahmen ergreifen, um eine Steuer- bzw. Kapitalflucht zu verhindern.[64] Er hatte somit einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verloren, bevor er Deutschland dann tatsächlich verlassen konnte.
Die Entscheidung dazu war vermutlich endgültig nach seiner Inhaftierung gefallen, nachdem er etwa einen Monat als „Aktionshäftling“ vom 12. November bis zum 13. Dezember 1938 in Buchenwald verbracht hatte. Möglicherweise war auch in seinem Fall, wie oft bei eher vermögenden Juden, die Freilassung an die bereitwillige Emigration unter Zurücklassung beträchtlicher Vermögenswerte geknüpft worden.

Cover des Buches von Ursula Krechel über das Leben im Ghetto von Shanghai im Kampa Verlag

Am 30. Mai 1939 konnte die ganze Familie, d.h. die Eltern und die vier Kinder, zusammen über Genua nach Shanghai ausreisen. Mit dem Zug erreichten sie Genua, von wo aus die ‚Conte Biancammano‘ sie dann an das andere Ende der Welt brachte.[65] Immerhin waren sie am Leben und zunächst muss auch der Ort ihres Exils zwar fremd, aber erträglich erschienen sein.[66] Während die Exilierten größte Schwierigkeiten hatten, Chinesisch zu lernen, fiel es den dortigen Bewohnern dagegen relativ leicht, sich sprachlich auf die Neuankömmlinge einzustellen, sodass Alltagskommunikation trotz aller Schwierigkeiten möglich war. Etwa 20 000 Geflohene, die zunächst in Sammelunterkünften untergebracht wurden, sehr beengt, oft beengter als in den deutschen Ghettohäusern, ohne angemessene hygienische Einrichtungen, mussten jeweils eigene Überlebensstrategien erfinden, um in diesem Chaos zu überleben. Manchen gelang es mit dem Aufbau eines kleinen Ladens oder mit der Eröffnung eines Restaurants, das natürlich nicht viel mehr als eine Imbissbude war. Viele blieben abhängig von Zuwendungen, die jüdische Hilfsorganisationen bereitstellten. Für die Kinder, die eigentlich im Schulalter waren, gab es kaum eine Möglichkeit, sich zu bilden. Auch sie mussten als Laufburschen und dergleichen zum gemeinsamen Lebensunterhalt beitragen. In dieser Zeit müssen Klara und Theodor noch ein weiteres Kind bekommen haben, denn auf der Liste der 1948 aus Shanghai Ausreisenden ist später noch ein sieben Jahre alter Sohn namens Josef aufgeführt.[67]
Als man sich diese Nischen des Überlebens gerade geschaffen hatte, übten die deutschen Nazis zunehmend Druck auf die Japaner aus, die inzwischen Shanghai besetzt hatten, ebenfalls die Juden zu verfolgen. Im November 1942 wurde dann ein Ghetto eingerichtet, in das alle staatenlosen Ausländer, sprich Juden, umziehen mussten. Zwar war dieses Ghetto, anders als in Europa, keine Vorstufe für den Holocaust, aber die Lebenssituation darin wurde im Laufe der Zeit immer schwieriger und bedrohlicher. Und auch die Angst vor dem, was man noch alles zu erwarten hatte, wuchs. Dieses ängstliche Warten hatte erst ein Ende, als die Amerikaner Japan durch den Einsatz der nicht minder grauenhaften Atombombe niedergerungen hatten und auch das Ghetto am 3. September 1945 befreit werden konnte.

Die Familie von Theodor Birnzweig war übrigens damals nicht alleine nach China geflohen. Auch andere Verwandte hatten die Reise gewagt, darunter auch ein anderer Theodor Birnzweig, der Sohn von Josef und Rosalie Birnzweig aus Flörsheim, war 1939 den gleichen langen Weg gegangen.

Aber auch der jüngste Bruder von Klara, der noch ledige Karl, geboren am 2. November 1915,[68] hatte sich der Gruppe angeschlossen. Bis zum Zeitpunkt der Ausreise hatte er noch in Wetzlar gewohnt, wo er nach seiner Schulzeit in der Volksschule in den väterlichen Betrieb eingestiegen war. Mit einem Pferdefuhrwerk – der Vater besaß 3 bis 5 Pferde – zog er über die Dörfer, um die Altkleider, Felle, Häute aber auch Altmetalle jeglicher Art einzukaufen. „Ich nahm alles, was ich einkaufte nach Möglichkeit mit. Verfrachtet wurde alles per Bahn. Ich war beim der Eisenbahnwagen behilflich, musste insbesondere aufpassen, dass nichts gestohlen wurde.“[69]

Ausweis von Karl Moses
HHStAW 518 58462 (8)

Er habe damals keinen festen Lohn bezogen, sondern sei quasi Miteigentümer des Betriebs gewesen, weshalb er sich die Geldbeträge, die er benötigte, einfach nehmen konnte. Als das Geschäft nach 1933 zunächst einbrach und dann völlig zum Erliegen kam, habe er als Hilfsarbeiter in einem Hoch- und Tiefbauunternehmen für einen relativ niedrigen Lohn von etwa 30 RM wöchentlich gearbeitet.
Nach der sogenannten „Kristallnacht“ wurde auch er verhaftet und nach Buchenwald verbracht, wo er erst am 13. April 1939 entlassen wurde.[70] Möglicherweise war dies geschehen, weil er bereit war, mit der Familie seiner Schwester nach Shanghai auszuwandern. Vermutlich hatte sie auch für ihn alle Vorbereitungen getroffen, denn schon am 20. April, nur eine Woche nach seiner Freilassung, fuhr er mit dem Zug nach Genua, wo dann alle zusammentrafen, um das Schiff nach China zu besteigen.[71] Am 27. Juni 1939 erreichten sie ihr Ziel.[72]
Karl hatte in seinen Papieren des Jewish-Refugee-Comittees seinen Beruf mit „Bäcker“ angegeben, was natürlich nicht den Tatsachen entsprach, aber vermutlich zum Ausdruck brachte, womit er in Shanghai sein Geld verdienen wollte. Ob ihm das auf diese Weise gelang, ist eher unwahrscheinlich. Er gab später an, zunächst vom Komitee unterstützt worden zu sein, sich dann mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten zu haben und in den letzten Jahren als Küchenhilfe für freies Essen und ein kleines Taschengeld gearbeitet zu haben.[73], Aber auch er gehörte letztlich zu den Überlebenden, auch zu den Überlebenden des Ghettos, in dem zu leben auch er seit dem 18. Mai 1943 gezwungen war.[74]
Zwar liegen keine Informationen darüber vor, ob die Familie die Zeit in einer gemeinsamen Unterkunft verbrachte, aber anzunehmen ist das schon. Man war in dieser schwierigen Situation gezwungen gewesen sein, zueinander zu stehen.

Nachdem das Ghetto befreit worden war, dauerte es noch Monate, bis die vielen Flüchtlinge in die Länder weiterreisen konnten, in denen sie sich eine Zukunft vorstellen konnten. Einige wenige kehrten sogar nach Deutschland zurück. Viele wollten nach Palästina, andere aber in die USA. So auch die Familie Birnzweig und auch Karl Moses.

Karl erreichte die USA am 20. April 1948 in San Francisco.[75] Die Kosten für diese erneute Seereise, die er zunächst noch selbst hatte aufbringen müssen,[76] wurden von den Entschädigungsbehörden später sogar anerkannt, weil man, anders als etwa bei einer Emigration aus der Schweiz in die USA, bei „Weiterwanderungen aus Shanghai unterstellen könne, dass der Wille in der Regel nicht darauf gerichtet war, in Shanghai zu bleiben“, die Stadt somit von Anfang an nur als Zwischenstation gewählt worden sei.[77]
Auch für Karl Moses war der Neubeginn in den Vereinigten Staaten nicht einfach, da die dortige Wirtschaft nach dem Kriegsboom in eine Krise geraten war. Konnte er im Jahr seiner Ankunft noch gar kein Einkommen versteuern, so deklarierte er im folgenden Jahr immerhin knapp 1.000 Dollar Einkünfte beim Finanzamt. Gegen freie Kost und Logis half er in einem Altersheim aus, das aber 1949 geschlossen wurde. Danach fand er eine feste Anstellung als Lastwagenfahrer bzw. –beifahrer, durch die er sein Einkommen dann im Laufe der Jahre verdreifachen konnte.[78]

1953 ging er die Ehe mit einer namentlich nicht bekannten Frau ein. Sie verstarb aber schon nach wenigen Ehejahren am 5. Oktober 1959.[79] Karl muss danach noch einmal geheiratet haben, denn auf seinem Grabstein – er war am 4. Januar 1998 in St. Louis verstorben – sind neben seinen auch die Lebensdaten dieser zweiten Frau Melitta angegeben. Es handelt sich um Melitta Bloch, geboren am 8. Juli 1906, die am 13. Juni 2003 zu Grabe getragen wurde.[80] Kinder waren, soweit bekannt, aus den Ehen nicht mehr hervorgegangen.

Karls Schwester Klara war mit einem Teil ihrer Familie schon am 17. Januar 1948 auf dem Schiff ‚SS General M.C. Meigs‘ in San Francisco angekommen. Neben den Eltern waren nur die beiden jüngsten, inzwischen 15 und 11 Jahre alten Kinder Anna und Rosel, sowie der oben bereits erwähnte 7-jähriger Josef mit an Bord. Letzterer war in Shanghai zur Welt gekommen und offensichtlich wieder ein gemeinsames Kind des Paares. Einen Verwandten in den USA, der als Kontakt hätte angegeben werden können, hatte die Familie nicht, weshalb sie als Kontakt die HIAS, die ‚Hebrew Immigrant Aid Society‘, angeben musste.[81]

Überfahrt der Familie Birnzweig von Shanghai nach San Francisco
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7949/images/CAM1410_395-0297?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1018543

Nach ihrer Immigration muss die Familie, die später in den USA den Namen Baron annahm, bald zerbrochen sein. Die genauen Hintergründe sind nicht bekannt, aber bei der Volkszählung im Jahr 1950 wohnte Theodor Birnzweig schon alleine in einer Mietwohnung in St. Louis in Missouri. In dem Formular wurde er im Hinblick auf seinen Familienstand als „sep.“, als seperated, also geschieden, registriert.[82]

Grab von Theodor Birnzweig Baron in St. Louis
https://de.findagrave.com/memorial/98702812/theodore-baron-birnzweig

Ein Beruf bzw. ein Arbeitsverhältnis ist dort nicht angegeben. Er habe sich nach seiner Ankunft in Amerika erst einmal verschiedenen medizinischen Eingriffen unterziehen müssen, bevor er sich wieder um Arbeit habe kümmern können, gab er im Entschädigungsverfahren an. Erst ab 1950 sei er wieder erwerbsfähig gewesen, allerdings habe er wegen seines Alters und seines Gesundheitszustands nur eine schlecht bezahlte Stellung erhalten. Einen Lebensstandard, wie er ihn früher in Deutschland gewohnt war, habe er nicht mehr erreichen können.[83]
Theodor Birnzweig verstarb am 22. Juli 1982 als Theodor Baron in St. Louis.

Brief von Kurt Baron, vormals Birnzweig, an die Entschädigungsbehörde
HHStAW 518 47476 (15)

Über das weitere Schicksal der anderen Familienmitglieder, besonders das von Klara Birnzweig, konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Auch der älteste Sohn Kurt hatte einen eigenen Entschädigungsantrag gestellt, dem zumindest zu entnehmen ist, dass auch er sich in St. Louis niedergelassen hatte, seit August 1948 verheiratet und der Vater von vier Kindern war.[84] Anders als seine Eltern war er nach eigenem Bekunden erst im November 1947 in den Staaten angekommen. Am 7. Dezember 1951 war ihm die Staatsbürgerschaft erteilt worden.[85] Auch bei ihm dauerte es bis 1951, bis er eine feste Anstellung fand.

Auch wenn wenigstens Klara und Karl Moses als einzige Kinder von Isidor und Rosa Moses keine Opfer der Shoa wurden, sie aber auch wegen der schrecklichen Jahre im Exil unglaubliches Leid zu ertragen hatten, so ist die Zahl der nahen Verwandten von James Stock und seiner Frau Johanna, geborene Moses, die dem Morden der Nazis zum Opfer fielen, erschreckend. Sie ist sicher nicht zuletzt auch Folge ihrer sozialen Lage. Wer nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügte, war den Verfolgern noch mehr ausgeliefert als diejenigen, die über Beziehungen und Geld verfügten. Umso notwendiger ist, dass mit der Benennung des Platzes in Wiesbaden ihrer gedacht wird, auch wenn sicher noch immer nur wenige beim Ausruf der Haltestelle ‚Geschwister-Stock-Platz‘ in den Wiesbadener Bussen an das Schicksal dieser Menschen denken werden.

Stolpersteine für die Familie Moses in Wetzlar
https://wetzlar-erinnert.de/gedenken/juedisches-leben/stolperstein/manfred-moses/

Veröffentlicht: 09. 10. 2026

 

 

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Anmerkungen: 

 

[1] Wiesbadener Kurier vom, 10.6.1997.

[2] Heiratsregister Wiesbaden 19 / 1939.

[3] Stadtarchiv Wiesbaden WI/2.

[4] Heiratsregister Wiesbaden 19 / 1939.

[5] Ebd. Dem Registereintrag ist zu entnehmen, dass die Ehe für Isidor bereits die zweite war. Zuvor war er am 24.12.1908 schon einmal eine solche eingegangen. Mit wem und wodurch die Ehe aufgelöst worden war, ist darin allerdings nicht vermerkt.

[6] Geburtsregister Zydowa 56 / 1899 und Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘

[7] Geburtsregister Schidlowitz 24 / 1903.

[8] Joseph Roth hat mit seiner knappen Schilderung der von Ostjuden geprägten Straßen Berlins eine liebevolles Bild dieser Viertel hinterlassen, Siehe Roth, Juden auf Wanderschaft, S. 47-54.

[9] Heiratsregister Wiesbaden  1049 / 1933.

[10] Geburtsregister Wetzlar 80 / 1905. Isidor war am 12.10.1872 in Wetzlar, seine Frau am 27.7.1870 in Aschenhausen in der Rhön geboren worden. Siehe Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 205.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Geburtsregister Wiesbaden 1501 / 1934 und 1224 / 1937.

[15] Sterberegister Wiesbaden 1243 / 1936 und 1277 / 1938. Grabsteine sind auf dem Friedhof nicht gesetzt worden oder nicht mehr vorhanden.

[16] Zur Geschichte dieser Siedlung siehe https://mathilda-seithe.de/graphic-novels/siedlung-muhltal-dokumentation-eines-projektes-der-sozialen-arbeit/. (Zugriff: 9.10.2026).

[17] HHStAW 519/3 8022 (3).

[18] Ebd. (4).

[19] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0644/1268812/001.jpg. (Zugriff: 9.10.2026).

[20] Zur Geschichte und zur Arbeit dieser bedeutenden Einrichtung, initiiert durch die jüdische Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim siehe https://imdialog.org/bp2017/02/fogel.pdf, (Zugriff: 9.10.2026),. zur Person von Bertha Pappenheim siehe den Wikipedia-Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Pappenheim. (Zugriff: 9.10.2026).

[21] Yad Vashem Archiv Record Group 0.8, File Number 43.1 (42).

[22] Auer, Erben der Nazis, S. 31-39. Der Autorenname Auer ist vermutlich – so der Hinweis von D. Paulussen – ein Pseudonym für den Namen Dietz.

[23] Zum Freundeskreis Heinrich Roos siehe Bembenek / Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S. 186-192; auch den Artikel über ihn im Stadtlexikon Wiesbaden, S.764, oder online unter https://www.wiesbaden.de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/Roos__Heinrich. (Zugriff 10.02.2026).

[24] Auer, Erben der Nazis, S. 31 f. Siehe den Wortlaut seiner Erinnerungen im Kapitel über die Familie Löwenberg.

[25] Siehe https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/ludwigstr-3/selma-straus-ihre-geschwister-und-ihre-kinder-hermann-und-inge/. (Zugriff: 9.10.2026).

[26]  Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen,  S. 214, schätzt ihr Zahl auf 188 bis 250.

[27] Zu Sobibor und die dortigen Mordaktionen siehe: Im Schatten von Auschwitz, S. 81-97.Auch

[28] Majdanek 1942, S. 120.

[29] Yad Vashem Archiv Record Group 0.8, File Number 43.1 (42).

[30] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 214.

[31] HHStAW 469/33 468 (12, 13).

[32] Ebd. (17).

[33] HHStAW 469/33 468 (6). Joseph Hirsch, geboren am 25.4.1849 in Klein Tarpen bei Marienwerder, hatte seine Frau Berta, geboren am 29.10.1855 in Birnbaum, am 23.5.1877 im Geburtsort der Frau geheiratet. Heiratsregister Wiesbaden 19 / 1939.

[34] Joseph Hirsch war 1870 als Prokurist in die Firma aufgenommen worden. Für zwei Jahre hatte man zwischen 1875 und 1877 einen weiteren Gesellschafter aufgenommen, sodass das Unternehmen in dieser Zeit unter ‚Hirsch & Blum‘ firmierte. Wann Siegfried in die Firma einstieg und sie übernahm, konnte nicht ermittelt werden. Siehe https://www.cuestrin.de/ahnenforschung/details.php?dsid=32487. (Zugriff: 9.10.2026).

[35] Sterberegister Berlin-Schöneberg 802 / 1924.

[36] HHStAW 469/33 468 (21).

[37] Heiratsregister Wiesbaden 19 / 1939.

[38] Bürgern in Abstimmungsgebieten wurde damals freigestellt, ob sie die polnische oder die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen wollten.

[39] Nicht sicher ist zu entziffern, ob es in dem Brief „Jüd. Kirche“ oder „Jüd. Küche“ heißt. Ebd. S. 22.

[40] Ebd. (43).

[41] Ebd. (47).

[42] Paul Moser wurde am 26.9.1942 in Theresienstadt ermordet, seine Frau wurde noch weiter nach Auschwitz verbracht, wo sie am 29.1.1943 Opfer der Shoa wurde. Die beiden Töchter Ilse Charlotte und Irma Margarethe konnten rechtzeitig in die USA emigrieren.

[43] Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 206.

[44] Siehe zu ihrem Schicksal auch https://aktives-gedenkbuch.de/opfer/winter-arthur/. (Zugriff: 9.10.2026).

[45] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de992077, (Zugriff: 9.10.2026), dazu Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 408 f.

[46] Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 207.

[47] https://wetzlar-erinnert.de/gedenken/juedisches-leben/stolperstein/hugo-moses/. (Zugriff: 9.10.2026).

[48] Zu dieser Mordaktion siehe Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 85-96, Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 106 f.

[49] Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 207.

[50] Zur Familie Zeitin aus Mainz siehe ausführlich https://stolpersteine-mainz.de/index.php/stolpersteine-in-mainz/biografien/familie-zeitin/. (Zugriff: 9.10.2026).

[51] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0697/53159643/001.jpg und https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/32/02030102/aa/cp/cs/001.jpg (Zugriff: 9.10.2026).

[52] HHStAW 519/ 21107 (1).

[53] HHStAW 409/4 4991 (passim).

[54] Ebd. (o.P.).

[55] HHStAW 519/3 5039 (1, 2). In der Postzustellungsurkunde ist seine Frau Eva, die immerhin fünf Jahre älter als ihr Mann war und die den Brief damals entgegennahm, fälschlicherweise als seine erwachsene Tochter angegeben.

[56] Ebd. (3).

[57] Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 208.

[58] Ebd.

[59] Majdanek, 1942, S. 151, auch https://collections.yadvashem.org/en/names/14922905. (Zugriff: 9.10.2026).

[60] Ihr Name ist im Gedenkbuch von Ebertz zwar genannt,  weiterführende Ausführungen zu ihrem Schicksal fehlen aber.

[61] Die folgenden Ausführungen über ihn beruhen auf seinem im Entschädigungsverfahren übermittelten  Lebenslauf, siehe HHStAW 518 47288 (26 f., 29).

[62] Siehe zu den Eintragungen im Pass HHStAW 518 47288 (6). In seinem Entschädigungsantrag spricht er aber nur von seinen drei Kindern. In einem Dokument, das bei der Einreise in die USA erstellt wurde, sind dann allerdings alle vier Kinder als Teil der Familie aufgeführt.
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/63030/images/0092_78796529_1?queryId=17adec4a-d2f5-4034-be22-55b306e0f502&usePUB=true&_phsrc=vFm357&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=707924. (Zugriff: 9.10.2026).

[63] In HHStAW 518 47288 (29) wird die wertvolle Wohnungseinrichtung detailliert aufgeführt.

[64] HHStAW 519/3 11567 (o.P.).

[65] Zu den Reisekosten siehe ebd. (66).

[66] Ursula Krechel hat 2008 einen sehr lesenswerten Roman mit dem Titel ‚Shanghai – fern und wo‘ verfasst, in dem mit Bezug auf  verschiedene Schicksale deutscher bzw. österreichischer Emigranten die sich wandelnde Lebenssituation in diesem fernen Exil beschrieben wird. Es handelt sich um keinen rein fiktionalen  Roman, sondern um ein Werk, das auf  intensiven Recherchen über die dortigen Verhältnisse wie auch über die Protagonisten selbst beruht.

[67] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7949/images/CAM1410_395-0297?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1018543. (Zugriff: 9.10.2026).

[68] Ebertz, Jüdische Familien in Wetzlar, S. 208 f.

[69] HHStAW 518 58462 (42).

[70] Ebd. (15, 20).

[71] HHStAW 518 58462 (42)..

[72] Ebd. (10).

[73] Ebd. (52).

[74] Ebd. (7, 11 f.). Im Entschädigungsverfahren wurde nur die Ghettozeit, nicht aber die vorherige Zeit in Shanghai als entschädigungswürdig angesehen – auch einer der fragwürdigen Standpunkte der damaligen Bürokratie und Justiz.

[75] Ebd. (7, 55), dazu https://www.ancestry.de/search/collections/63303/records/4317706?tid=&pid=&queryId=0fff4cdb-da1f-41d1-a7f7-d10e9876e4a6&_phsrc=SbT3054&_phstart=successSource. (Zugriff: 9.10.2026).

[76] HHStAW 518 58462 (53).

[77] Ebd. (51).

[78] Ebd. (52).

[79] Ebd.

[80] https://de.findagrave.com/memorial/98688367/melitta-moses. (Zugriff: 9.10.2026).

[81] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7949/images/CAM1410_395-0297?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1018543. (Zugriff: 9.10.2026).

[82] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/62308/images/43290879-Missouri-079217-0009?queryId=20b29347-330b-4a72-a34f-80176a33038f&usePUB=true&_phsrc=SbT3031&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=140713407. (Zugriff: 9.10.2026). Seine Entschädigungsakte enthält denselben Vermerk, aber auch hier ist kein Datum angegeben, wann die Scheidung stattfand, siehe HHStAW 518 47288 (3).

[83] Ebd. (27).

[84] HHStAW 518 47476 (16). Er hatte in einem Schreiben allerdings darauf hingewiesen, dass die Ansprüche seiner Schwester Anna bereits bearbeitet worden seien, ebd. (4).

[85] Ebd. (16).