Karl und Elisabeth Mathilde Rothschild, geborene Levitta, sowie Bella Levitta


Rhein­str. 81 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage des Juden­hau­ses Rhein­str. 81
Bele­gung des Juden­hau­ses Rhein­str. 81

 

 

 

 

 

 


Als Karl und Eli­sa­beth Mat­hil­de Roth­schild im Novem­ber 1938 mit ihrer Nich­te Bel­la Levitta in das Haus Rhein­str. 81 ein­zo­gen, waren sie noch immer von den trau­ma­ti­schen Ereig­nis­sen der ver­gan­ge­nen Tage, von der unfass­ba­ren Gewalt und dem Hass, der ihnen wäh­rend des Novem­ber­po­groms in ihrem Hei­mat­ort Rüdes­heim ent­ge­gen­ge­schla­gen war, gezeich­net. Das Haus, das damals noch kein Juden­haus war, muss ihnen damals noch als halb­wegs siche­re Zuflucht und nicht als eine Zwangs­woh­nung erschie­nen sein, zu der es zuletzt wer­den sollte.

 

Die Familie Levitta aus Rüdesheim

Stammbaum der Familie Levitta - Rothschild
Stamm­baum der Fami­lie Levitta — Roth­schild
GDB

Die Fami­lie Levitta, der Eli­sa­beth Mat­hil­de und Bel­la ent­stamm­ten, gehör­te zu den ältes­ten jüdi­schen Fami­li­en des tra­di­ti­ons­rei­chen Wein­städt­chens am Rhein. Ursprüng­lich kam der ältes­te bekann­te Vor­fahr der Levit­tas, mit hebräi­schem Namen Cha­jim ha-Levi, aus dem benach­bar­ten Win­kel. Sein Sohn Ascher ha-Levi, über­tra­gen als Anselm oder Amschel Heyum, war eben­falls dort als Vieh­händ­ler und Metz­ger tätig gewe­sen. Sei­ne Ehe­frau, die den schö­nen Namen Vögel­chen trug, ver­starb am 7. April 1807.[1]
Feist Anselm, oder hebrä­isch Uri ha-Levi, einer der zwei bekann­ten Söh­ne des Paa­res, zog in das benach­bar­te Rüdes­heim, wo er spä­ter das Amt des Gemein­de­vor­ste­hers aus­üb­te.[2] Die Fami­li­en­ver­hält­nis­se von Feist Anselm sind lei­der etwas ver­wir­rend, zum einen, weil er zwei Ehen ein­ging, zum ande­ren, weil zu sei­nen Leb­zei­ten die Juden fes­te Fami­li­en­na­men anneh­men muss­ten und sich daher auch die Fami­li­en­na­men sei­ner Frau­en bzw. die Namen der Müt­ter sei­ner Kin­der änder­ten. 1841 nahm die gesam­te Fami­lie von Feist Anselm, auch der sei­nes ein­zig bekann­ten Bru­ders Salo­mon, den Namen Levi­ta an, der damals noch mit nur einem ‚t‘ geschrie­ben wur­de.[3]

Die Kin­der von Feist Levitta und sei­ner ers­ten Frau Jet­te Coeur
HHStAW 238 424–104

In sei­ner ers­ten Ehe war Feist Anselm mit Jet­te Couer ver­hei­ra­tet.[4] So ist der Name in einer Auf­zeich­nung der Besitz­stän­de über­lie­fert, die die­ser anläss­lich der beab­sich­tig­ten Wie­der­ver­hei­ra­tung nach dem Tod sei­ner ers­ten Frau anfer­ti­gen ließ.[5] Jet­te war laut die­ser Quel­le am 21. Juli 1823 ver­schie­den und hin­ter­ließ neben dem Wit­wer die drei Kin­der Naf­ta­li Herz Feist, gebo­ren am 11. Dezem­ber 1885, Anselm /​ Anschel Feist, gebo­ren am 28. August 1819, und Babet­te. Ihr Geburts­da­tum ist in dem Doku­ment nicht ange­ge­ben, da sie – wie dort eben­falls fest­ge­hal­ten wur­de – bereits ein Jahr nach der Mut­ter ver­starb und somit für die Ver­mö­gens­auf­tei­lung nicht mehr in Betracht kam.

Grab­stein von Jen­del Isaak, der zwei­ten Frau von Herz Levitta
https://​lagis​.hes​sen​.de/de​/personen​/juedische-grabstaetten​/alle-eintraege​/4274_levitta-jendel-geborene-isaac-1861-oestrich

Wann Feist Anselm sei­ne zwei­te Ehe mit Jen­del /​ Hen­ri­et­te Isaak ein­ging, ist eben­falls nicht über­lie­fert. Da aber das genann­te Doku­ment vom 13. März 1927 stammt, wird die Hei­rat nicht vor und wahr­schein­lich bald danach statt­ge­fun­den haben. Jen­del, auch ein­fach Jet­te genannt, was leicht zu einer Ver­wechs­lung mit der ers­ten Frau füh­ren kann, wur­de am 21. März 1805 in Ans­bach gebo­ren.[6] Ver­wun­der­lich ist, dass in den Nie­der­schrif­ten über die Gebur­ten ihrer Kin­der, nir­gends der Name Jen­del Isaak erscheint, sie statt­des­sen aus­schließ­lich als Jet­te Lem­mer­le geführt wird. Die­ser Wider­spruch löst sich auf, wenn man weiß, dass der Name ihres Vaters Isaac Lämm­le lau­te­te, wie ihrem Ster­be­ein­trag aus dem Jahr 1861 zu ent­neh­men ist.[7] Offen­bar griff man gemäß der damals übli­chen patro­ny­mi­schen Namen­ge­bung auf den Namen des Vaters bzw. Groß­va­ters zur Iden­ti­fi­ka­ti­on der Toch­ter zurück.

Auf ihrem Grab­stein ist ein­gra­viert, sie sei „eine sorg­sam lie­ben­de Mut­ter ihrer Kin­der“ gewe­sen.[8] Soweit bekannt waren es noch sie­ben Kin­der, die in die­ser zwei­ten Ehe von Feist Levitta zur Welt kamen. Aber nur der am 2. August 1836 gebo­re­ne Isaak erreich­te das Erwach­se­nen­al­ter und konn­te zusam­men mit Jako­bi­na Wolff eine eige­ne Fami­lie grün­den. Er ver­starb am 24. Dezem­ber 1910 in sei­ner Geburts­stadt Rüdes­heim.[9]

Naf­ta­lie Herz Levitta, der der ers­ten Ehe sei­nes Vaters Feist ent­stamm­te, hei­ra­te­te am 27. April 1846 Caro­li­na Heil­bronn.[10] Abge­se­hen davon, dass sie ihrem Ehe­mann min­des­tens neun Kin­der gebar, ist von ihr wenig bekannt. Von drei der Kin­der, von Eli­as, Edu­ard und Jet­t­chen, kennt man nur das Geburts‑, aber nicht das Ster­be­da­tum. Auch konn­ten wei­te­re Infor­ma­tio­nen über ihr Leben nicht ermit­telt wer­den.[11] Viel­leicht waren auch sie schon früh ver­stor­ben, wie auch die Zwil­lin­ge Emi­lie und Frie­de­ri­cke, die am 31. Janu­ar 1855 zur Welt kamen. Bei­de ver­star­ben noch im sel­ben Jahr, Emi­lie am 31. Juli und Frie­de­ri­cke am 12. Novem­ber.[12] Auch die danach am 29. Janu­ar 1858 gebo­re­ne Mina wur­de nicht viel älter als ein Jahr.[13] Somit waren es nur der zweit­ge­bo­re­ne Adolph und die letz­ten bei­den Töch­ter Mat­hil­de Eli­sa­beth und Augus­te, deren Schick­sal sich wei­ter ver­fol­gen ließ. Ihr Leben ist inso­fern mit Wies­ba­den ver­knüpft, als Adolphs Toch­ter Bel­la und sei­ne Schwes­ter Eli­sa­beth Mat­hil­de mit ihrem Mann zuletzt im Juden­haus in der Rhein­str. 81 wohn­ten und von dort aus depor­tiert wur­den. Augus­te, das jüngs­te der Kin­der, kam am 7. Sep­tem­ber 1866 zur Welt,[14] blieb aber zeit­le­bens in Rüdes­heim wohnen.

Rüdes­hei­mer Bevöl­ke­rungs­lis­te von 1861 mit Ein­trä­gen für Anselm und Herz Levitta
HHStAW 238 147

Als der nas­saui­sche Her­zog 1861 eine Zäh­lung sei­ner Unter­ta­nen ver­an­lass­te, leb­te Feist Levitta noch und wohn­te in der klei­nen Schmidt­gas­se. Das Haus mit der Num­mer 231 beher­berg­te zwei Fami­li­en mit ins­ge­samt fünf erwach­se­nen Per­so­nen. Offen­sicht­lich wohn­te sein ver­mut­lich inzwi­schen ver­hei­ra­te­ter Sohn Isaak mit ihm zusam­men, denn er ist bei der fol­gen­den Zäh­lung im Jahr 1864 jetzt anstel­le des inzwi­schen ver­stor­be­nen Vaters als Haus­halts­vor­stand auf­ge­führt. Feists Sohn Anselm leb­te 1861 mit sei­ner Frau Johan­na und sechs Kin­dern in der Ober­gas­se im Haus mit der Num­mer 199. Im Haus sei­nes Bru­ders Herz in der Schmidt­gas­se mit der Num­mer 221 wohn­ten zwei Fami­li­en, drei männ­li­che und drei weib­li­che Per­so­nen über 14 Jah­ren und zwei jün­ge­re Kin­der männ­li­chen Geschlechts. 1864 hat­te sich bei Anselm – abge­se­hen davon, dass die Kin­der älter gewor­den waren, – nichts ver­än­dert. Bei Herz hin­ge­gen waren zwei Erwach­se­ne inzwi­schen ver­stor­ben oder ver­zo­gen, sodass jetzt nur noch die Eltern mit drei ihrer Kin­der, ver­mut­lich Edu­ard, Augus­te und Mat­hil­de, in dem Haus in der Schmidt­gas­se leb­ten.[15]

Waren die ver­schie­de­nen Levit­tas frü­her von Beruf Vieh­händ­ler und /​ oder Metz­ger gewe­sen, so ver­dien­te die jün­ge­re Gene­ra­ti­on laut der ver­schie­de­nen Urkun­den nun als Kauf­leu­te bzw. Mak­ler ihr Geld. Im Todes­ein­trag von Isaak Levitta erfährt man sogar genau­er, dass Feist Levitta als Wein­kom­mis­sio­när tätig war.[16]

 

Die Familie von Karl und Mathilde Rothschild

Als Eli­sa­beth Mat­hil­de am 26. Okto­ber 1883 in Rüdes­heim die Ehe mit Karl Roth­schild ein­ging, war des­sen Vater, anders als sei­ne Mut­ter Caro­li­ne, bereits ver­stor­ben.[17] Die Fami­lie stamm­te ursprüng­lich aus Süd­deutsch­land und hat­te erst in der vor­aus­ge­gan­ge­nen Gene­ra­ti­on in dem Wein­städt­chen am Rhein Wur­zeln geschla­gen. Karls Vater, Salo­mon Roth­schild, war 1804 im baden­si­schen Hof­fen­heim als Sohn von Abra­ham und Johan­na Roth­schild, gebo­re­ne Oppen­hei­mer, zur Welt gekom­men.[18] In sei­nen jun­gen Jah­ren gehör­te er zu den Kämp­fern der Deut­schen Revo­lu­ti­on von 1848, in der es nicht nur um die deut­sche Ein­heit, son­dern auch um die demo­kra­ti­schen Rech­te der Bür­ger ging. Salo­mon war damals bereits in Rüdes­heim als Leh­rer, Vor­sän­ger und Scho­ch­et tätig, und die eher kon­ser­va­tiv-ortho­dox ein­ge­stell­te Gemein­de nahm ihm sei­ne revo­lu­tio­nä­ren Umtrie­be mehr als übel. In einem fast zwan­zig Jah­re spä­ter in der Zeit­schrift ‚Der Israe­li‘ ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel erin­ner­te man noch ein­mal an die­ses Sakri­leg. Er habe die Mus­ke­te zur Hand genom­men und sei „unter die Frei­scha­ren“ gegan­gen, natür­lich unter Ver­nach­läs­si­gung sei­ner reli­giö­sen Pflich­ten in der Gemein­de zu Hau­se. Offen­bar kam es auch in den fol­gen­den Jah­ren immer wie­der zu Kon­flik­ten mit dem fort­schritt­li­chen und auf­müp­fi­gen Leh­rer, der, so ist dem Text zu ent­neh­men, sich sogar mit der Fami­lie sei­ner Ehe­frau anleg­te, indem er einen A. Levitta – mög­li­cher­wei­se ihren Onkel Anselm Levitta – als „unge­zo­ge­nen Ben­gel“ maß­re­gel­te. Dafür pfleg­te er offen­bar ein gutes Ver­hält­nis zu dem reform­ori­en­tier­ten Rab­bi­ner Süß­kind in Wies­ba­den.[19] Umso erstaun­li­cher ist es, dass Salo­mon Roth­schild es ins­ge­samt fast 50 Jah­re in Rüdes­heim bzw. die Gemein­de es so lan­ge mit ihm aus­ge­hal­ten hat. Am Ende wur­de ihm 1892 mit der Ver­lei­hung des ‚König­lich Preu­ßi­schen All­ge­mei­nen Ehren­zei­chens‘ dann doch noch für sei­ne gro­ßen Ver­diens­te gedankt. Offen­bar hat­te man sich im Lau­fe der Zeit mit­ein­an­der aus­ge­söhnt.
Sie­ben Jah­re nach die­ser Ehrung ver­starb Salo­mon Roth­schild im Alter von 85 Jah­ren in Frank­furt. Dort­hin war er ver­mut­lich gezo­gen, nach­dem sei­ne Frau Hele­ne, gebo­re­ne Sulz­ber­ger, am 14. Mai 1892 noch in Rüdes­heim ver­stor­ben war.[20] Am 10. Dezem­ber 1850 hat­te er die am 12. März 1814 Gebo­re­ne in Wies­ba­den gehei­ra­tet. Aus die­ser Ehe waren zwei Kin­der her­vor­ge­gan­gen, zum einen Karl bzw. Carl, gebo­ren am 1. Okto­ber 1851 in Rüdes­heim, zum ande­ren die Toch­ter Recha. Auch sie war am 11. März 1854 in Rüdes­heim zur Welt gekom­men, hat­te dann am 20. Febru­ar 1880 nach Frank­furt gehei­ra­tet,[21] wo sie am 22. Febru­ar 1939 als Wit­we von Moses Jakob ver­starb.[22] Anders als ihr Bru­der und ihre Schwä­ge­rin blieb sie somit von der schlimms­ten Pha­se der NS-Herr­schaft und den schon bald nach ihrem Tod begin­nen­den Depor­ta­tio­nen verschont.

Karl hat­te eine kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung absol­viert und übte 1883, als er Eli­sa­beth Mat­hil­de Levitta hei­ra­te­te, den Beruf eines Buch­hal­ters aus.[23] Mit die­ser Berufs­be­zeich­nung ist er, wohn­haft in der Gra­benstr. 11, dann auch noch im Rhein­gau­er Adress­buch von 1893–1896 zu fin­den. Inzwi­schen hat­te sich aller­dings die Fami­lie durch die Geburt von drei Söh­nen ver­grö­ßert. Als Ers­ter war am 30. Dezem­ber 1884 Emil gebo­ren wor­den, der aller­dings nicht ein­mal das zwan­zigs­te Lebens­jahr erreich­te.[24] Er ver­starb als jun­ger Mann am 8. April 1903 in sei­ner Geburts­stadt.[25] Auch der fol­gen­de, am 6. März 1889 gebo­re­ne Fried­rich Hein­rich, erlitt einen frü­hen Tod. Er fiel am 1. Novem­ber 1914 in einer der mör­de­ri­schen Schlach­ten des Ers­ten Welt­kriegs.[26] Ein­zig der letzt­ge­bo­re­ne Otto, der am 21. Juni 1893 zur Welt kam,[27] konn­te selbst noch eine Fami­lie grün­den und auch die NS-Zeit überleben.

 

Bella Levitta

Geburts­ein­trag von Bel­la Levitta
Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 96 /​ 1876

Am 1. Juli 1876 kam in Rüdes­heim Bel­la Levitta zur Welt,[28] deren Schick­sal eng mit dem des Ehe­paars Roth­schild und auch mit dem spä­te­ren Juden­haus in der Wies­ba­de­ner Rhein­str. 81 ver­bun­den war. Ihr Vater war der Wein­händ­ler Adolph Levitta, der zweit­äl­tes­te Sohn von Herz Levitta. Die Mut­ter von Bel­la war Adolphs Ehe­frau Ritt­gen, gebo­re­ne Fran­ken­au, über die kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen. Eigen­ar­tig ist, dass Bel­la fast zwei Wochen war­ten muss­te, bis die Eltern einen Namen für sie fan­den, wie einer Bei­schrei­bung auf der Urkun­de zu ent­neh­men ist. Es lie­gen auch kei­ne Hin­wei­se auf wei­te­re Kin­der des Paa­res vor. Mög­li­cher­wei­se war die Mut­ter bald danach ver­stor­ben oder die Ehe war wie­der geschie­den worden.

Antrag auf einen ame­ri­ka­ni­schen Rei­se­pass durch Adolph Levitta
https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/1174​/records​/972867

Die Ver­mu­tung beruht auf einem am 19. Juni 1908 gestell­ten Antrag auf Ertei­lung eines Rei­se­pas­ses, der aller­dings nicht im Rhein­gau, son­dern in New York gestellt wur­de. Ein Adolph Levitta, gebo­ren am 14. April 1850 in Rüdes­heim, der am 16. Febru­ar 1881 von Ham­burg aus an Bord der ‚West­fa­lia‘ in New York anlan­de­te, war der Antrag­stel­ler. Am 18. März 1886 hat­te er dort die ame­ri­ka­ni­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit erwor­ben.[29] Der „bird dea­ler“, so sei­ne Berufs­be­zeich­nung, [30] gab an, sich etwa für ein Jahr im Aus­land auf­hal­ten und auch Deutsch­land besu­chen zu wol­len. Wohn­haft war er damals am St. Mar­co Place in New York.[31] Ob er damals auch in den Rhein­gau kam, um sei­ne Fami­lie und sei­ne Toch­ter zu besu­chen, wis­sen wir nicht.

In New York hat­te er inzwi­schen auch eine neue Fami­lie gegrün­det. Sei­ne zwei­te Frau, Emi­ly, stamm­te auch aus Deutsch­land und war eben­falls zuvor ver­hei­ra­tet gewe­sen. Sie brach­te in die Ehe zwei Kin­der, Anna und Hen­ry, die bei der Volks­zäh­lung im Jahr 1900 elf und acht Jah­re alt waren. Damals war mit Arthur auch das ers­te Kind in der neu­en Ehe gebo­ren wor­den. Etwa zwei Jah­re spä­ter kam mit Ruth noch eine Toch­ter hin­zu.
Adolph muss zwi­schen 1910 und 1915 ver­stor­ben sein, denn beim Zen­sus von 1915 ist jetzt sei­ne Wit­we Emi­ly als Haus­halts­vor­stand ein­ge­tra­gen. 1940 leb­te sie im Alter von 78 Jah­ren noch mit ihrem inzwi­schen 40-jäh­ri­gen Sohn Arthur zusam­men in New York. Wann sie ver­starb, konn­te nicht ermit­telt werden.

Auf­ent­halts­be­schei­ni­gung von Bel­la Levitta aus Aschaf­fen­burg
https://​tools​.juf​.stadt​ar​chiv​-digi​tal​.de/showimg​/JUF_viewer.php​?navi=paketNr&quelleId=1046&primkey=0&paketNr=77&signatur=sbz1-0219&eintrag=0&IdNr=37827

Auch ist nicht mehr fest­stell­bar, ob der Kon­takt zwi­schen der Fami­lie in Ame­ri­ka und der in Euro­pa zurück­ge­blie­be­nen Toch­ter Bel­la auf­recht­erhal­ten wur­de. Als er Deutsch­land ver­ließ, war sie noch kei­ne fünf Jah­re alt und ver­mut­lich auch ohne Mut­ter. Wahr­schein­lich war es die Tan­te Eli­sa­beth Mat­hil­de, die sich mit ihrem Mann Karl um das Kind küm­mer­te. Das wür­de erklä­ren, wie­so sie auch spä­ter immer wie­der zusam­men wohn­ten.
Obwohl fak­ti­sche Wai­se, wur­de es ihr ermög­licht, eine Berufs­aus­bil­dung als Modis­tin abzu­schlie­ßen. Als jun­ge Frau ging sie Anfang Sep­tem­ber 1898 für ein Drei­vier­tel­jahr nach Aschaf­fen­burg, wo sie in ihrem Beruf für die Geschwis­ter Kit­tel tätig war.[32] Am 3. Juni 1899 kehr­te sie dann nach Rüdes­heim zurück. Von da an klafft eine gro­ße Lücke in ihrer Biografie.

 

Familie Rothschild und Bella Levitta in Rüdesheim

Wann Karl Roth­schild sei­ne Buch­hal­ter­tä­tig­keit auf­gab und sich selbst­stän­dig mach­te, ist nicht bekannt. Im

Adress­buch von 1909–1911 erscheint er als Inha­ber eines Eisen- und Haus­halts­wa­ren­ge­schäfts, das damals in der Lang­str. 13, in den Zwan­zi­ger­jah­ren dann in der Kirch­str. 13 gele­gen war. Unter die­ser Adres­se fin­det man im sel­ben Adress­buch auch das Geschäft sei­ner Nich­te Bel­la, die nun ihrem Beruf als Modis­tin in ihrem Hei­mat­ort nachging.

Adress­buch­ein­trag aus Rüdes­heim 1909–1911
Brief­kopf der Fir­ma von Karl Roth­schild aus dem Jahr 1931
HHStAW 685 688a (23)

Ob Karl Roth­schild sein Geschäft über­nom­men oder selbst gegrün­det hat­te, konn­te nicht geklärt wer­den. Das Geschäfts- und Wohn­haus in der Kirch­stra­ße, in dem es neben dem Laden wei­te­re 9 Zim­mer gab, wur­de von den Eigen­tü­mern und ihrer Nich­te über­wie­gend für Wohn­zwe­cke genutzt. Das Eltern­haus von Karl Roth­schild in der Lang­str. 3, in dem vor sei­nem Umzug nach Frank­furt auch des­sen Vater Salo­mon zuletzt noch gelebt hat­te, war dage­gen an zwei Par­tei­en ver­mie­tet. Aber auch dort dien­ten Räu­me noch als zusätz­li­ches Lager.[33] Gegen­über dem Finanz­amt gab Karl Roth­schild an, dass er die­ses Haus am liebs­ten ver­kau­fen wür­de, da es alt und in kei­nem guten Zustand mehr war.[34] Die bei­den Häu­ser waren in der Steu­er­erklä­rung 1925 mit einem Wert von ins­ge­samt 40.000 RM ange­setzt wor­den.[35]
Neben den Immo­bi­li­en besaß die Fami­lie aber auch noch einen Acker im nahen Eib­in­gen, einen klei­nen Wein­berg, einen Gar­ten und einen Wust in Rüdes­heim.[36]
Über das Leben der Fami­lie in Rüdes­heim ist nur wenig bekannt. Im Erin­ne­rungs­blatt des ‚Akti­ven Muse­ums Wies­ba­den‘ für die Fami­lie heißt es: „Die Fami­lie muss vor der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten in dem damals etwa 4000 Ein­woh­ner zäh­len­den Ort voll­stän­dig inte­griert gewe­sen sein, so war Carl Roth­schild Mit­glied im Ver­kehrs­ver­ein sowie in der Turn­ge­mein­de des Ortes, dar­über hin­aus Trä­ger der Gol­de­nen Lebens­ret­ter­me­dail­le. Der Gemein­schafts­sinn des Ehe­paars erstreck­te sich auch auf sozi­al Schwä­che­re: Jedes Jahr an Weih­nach­ten kauf­ten sie im ört­li­chen Schuh­haus eini­ge Paa­re Schu­he, ver­pack­ten jeweils ein Paar mit Tan­nen­zwei­gen als Geschenk und gaben es an Bedürf­ti­ge wei­ter.“[37]

Zumin­dest leb­te die Fami­lie in den Zwan­zi­ger­jah­ren in kei­nem gro­ßen, aber doch recht behag­li­chen Wohlstand.

Dar­über, wie sehr auch ihr Geschäft von der Wirt­schafts­kri­se am Ende der Zwan­zi­ger­jah­re tan­giert wur­de, gibt ein Schrei­ben von Karl Roth­schild an das Finanz­amt vom 1. Okto­ber 1931 Aus­kunft. Er hat­te Außen­stän­de im Wert von mehr als 45.000 RM in sei­ner Steu­er­erklä­rung ange­ge­ben. Natür­lich wur­den die bei der Finanz­be­hör­de als steu­er­lich rele­van­te Ver­mö­gens­wer­te ange­se­hen. Des­halb wies der steu­er­pflich­ti­ge Gläu­bi­ger dar­auf hin, dass min­des­tens 8.000 bis 10.000 RM davon schon jetzt ver­lo­ren sei­en oder zumin­dest als zwei­fel­haft ange­se­hen wer­den müss­ten.[38]

Mit dem Beginn der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft wan­del­te sich auch die Lebens­si­tua­ti­on für die Juden in Rüdes­heim. Das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men der Fami­lie Roth­schild inklu­si­ve der Miet­ein­nah­men sta­gnier­te in den fol­gen­den Jah­ren zwi­schen 1.500 und etwa 2.000 RM.[39] Schon 1935 hat­te Karl Roth­schild sei­nen Sohn Otto in die in eine OHG umge­wan­del­te Fir­ma auf­ge­nom­men. Ver­mut­lich hat­te er auch schon in den Jah­ren zuvor an der Sei­te sei­nes Vaters mit­ge­ar­bei­tet, zumin­dest ist nicht bekannt, dass der inzwi­schen 42-Jäh­ri­ge Rüdes­heim zuvor ver­las­sen hatte.

Der kon­kre­te Anlass war ganz sicher sei­ne Ehe­schlie­ßung und die Grün­dung einer eige­nen Fami­lie. Am 2. Janu­ar 1935 hei­ra­te­te er Emmy Flo­rence Her­zog, die am 31. Janu­ar 1906 im rhein­hes­si­schen Nie­der­saul­heim zur Welt gekom­men war.[40] Ihre Eltern waren der Wein­händ­ler und Vor­sit­zen­de der dor­ti­gen jüdi­schen Gemein­de Leo­pold Her­zog und sei­ne Frau Rosa­lie, gebo­re­ne Beis­sin­ger.[41] Für Emmy war es die zwei­te Ehe. Sie war zuvor mit dem ortho­dox-jüdi­schen Wein­händ­ler Ema­nu­el Vorschhei­mer aus Würz­burg, wo sie in die­ser Zeit auch leb­te, ver­hei­ra­tet gewe­sen. Die­se Ehe war aber 1931 bereits wie­der annul­liert wor­den.[42]
Am 14. Janu­ar 1936 gebar Emmy in ihrer Ehe mit Otto Roth­schild einen Sohn, das ein­zi­ge Kind des Paa­res, das den Namen Fritz erhielt.[43] Aber eine Per­spek­ti­ve in Rüdes­heim gab es schon zu die­sem Zeit­punkt weder für die Eltern, noch für das jun­ge Paar, mit dem sie zusam­men im Haus in der Lang­str. 3 leb­ten. Ver­mut­lich hat­te die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz zumin­dest par­ti­ell recht, als sie am 19. April 1938 gegen­über der Devi­sen­stel­le in Frank­furt äußer­te, Roth­schilds wür­den die Aus­rei­se aus Deutsch­land pla­nen.[44] Dass auch die Eltern sol­che Über­le­gun­gen anstell­ten – Karl Roth­schild war 87, sei­ne Frau auch schon 75 Jah­re alt –, ist eher unwahr­schein­lich, dass aber Otto und sei­ne Fami­lie einen Neu­an­fang im Aus­land wagen woll­ten, ist ohne Wei­te­res nach­voll­zieh­bar. Am 25. Febru­ar 1938 hat­ten die Eltern ihr Haus in der Kirch­str. 13 und auch das dor­ti­ge Geschäft für 26.000 RM ver­kauft und den Erlös in Wert­pa­pie­ren, die rela­tiv schnell wie­der zu ver­äu­ßern waren, ange­legt.[45] Den größ­ten Teil des Erlö­ses hat­te Karl Roth­schild sei­nem Sohn geschenkt. Der gesam­te Vor­gang hat­te den Ver­dacht der Zoll­fahn­dung erregt, wes­halb die­se die Devi­sen­stel­le auf­for­der­te, eine Siche­rung der Kon­ten her­bei­zu­füh­ren. Dem Gesuch kam die Behör­de in Frank­furt weni­ge Tage spä­ter am 22. April 1938 nach. Auf dem Kon­to von Otto Roth­schild lagen Pfand­brie­fe und Akti­en im Wert von mehr als 70.000 RM. Zudem besaß er einen vom Vater aus­ge­stell­ten Grund­schuld­brief über wei­te­re 20.000 RM. Der Vater selbst behielt Pfand­brie­fe im Wert von 10.000 RM. Erlaubt blieb den Eigen­tü­mern damals noch, über die Bar­geld­kon­ten, deren Höhe in den Akten nicht ange­ge­ben ist, und über die Erträg­nis­se der Wert­pa­pie­re frei zu ver­fü­gen.[46]

Natür­lich war auch das Putz- und Mode­wa­ren­ge­schäft von Bel­la von der Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen betrof­fen. Ers­te Geschäfts­zah­len lie­gen aus dem Jahr 1934 vor, in dem sie noch einen Gewinn von mehr als 2.000 RM ver­bu­chen konn­te.[47] Auf den ein­zel­nen Monat bezo­gen ist das den­noch eher recht wenig,

Noch schlim­mer wur­de es in den fol­gen­den Jah­ren. 1936 konn­te sie in ihrer Ein­kom­mens­steu­er­erklä­rung nur noch 1.200 RM als Ein­künf­te dekla­rie­ren, und ihre Bit­te um Frist­ver­län­ge­rung für die Abga­be der Steu­er­erklä­rung, begrün­det mit einem „Unwohl­sein“, rühr­te sicher eher daher, dass sie die fäl­li­gen Steu­er­zah­lun­gen so weit wie mög­lich her­aus­zö­gern woll­te.[48]
Im Sep­tem­ber 1937 setz­te das Finanz­amt bei ihr eine Steu­er­prü­fung an, in der die Jah­re 1935 bis 1937 in Augen­schein genom­men wur­den.[49] Aus die­sen Unter­la­gen geht her­vor, dass sie in die­sem Zeit­raum immer auch eine aus­ge­lern­te Ange­stell­te für monat­lich 45 RM beschäf­tig­te und zumin­dest in den Jah­ren 1935 und 1936 einen Umsatz zwi­schen 16.000 und 17.000 RM gemacht hat­te. Die Prü­fer gin­gen davon aus, dass etwa 15 Pro­zent davon als Ein­nah­men zu ver­bu­chen gewe­sen waren, d​.​h. jeweils etwa 2.500 RM. Aller­dings wand Bel­la Levitta ein, sie habe 1935 etwa 12.000 RM Außen­stän­de gehabt, die sich bis 1937 auf fast 13.000 RM ver­grö­ßert hät­ten. Auch wenn akzep­tiert wur­de, dass etwa ein Drit­tel davon nicht mehr gezahlt wer­den wür­de, kamen die Prü­fer bei der Berech­nung des Ver­mö­gens im Jahr 1937 auf 12.100 RM, wovon aber 8.000 RM die nicht gezahl­ten offe­nen Rech­nun­gen aus­mach­ten. Auf 500 RM wur­de der Wert der Geschäfts­ein­rich­tung und auf 3.000 RM der der Vor­rä­te geschätzt. Neben einem Wert­pa­pier über 300 RM lagen noch 300 RM auf ihrem Kon­to. Damit hat­te sich ihr Ver­mö­gen, das zum größ­ten Teil aus Außen­stän­den bestand, inner­halb von zwei Jah­ren um 2.000 RM ver­min­dert. Natür­lich hat­ten die Prü­fer auch etwas an der Buch­füh­rung zu mäkeln, muss­ten aber den­noch kon­sta­tie­ren, dass eine Steu­er­hin­ter­zie­hung nicht vorlag.

Bel­la Levitta wehrt sich gegen den Steu­er­be­scheid des Rüdes­hei­mer Finanz­amts
HHStAW 685 459a (23)

Inzwi­schen lag das Geschäft, für das sie eine monat­li­che Mie­te von 35 RM auf­brin­gen muss­te, in der Gra­benstr. 11. Sie selbst wohn­te wei­ter­hin bei Roth­schilds, jetzt in der Kirch­str. 9. Laut Prüf­be­richt muss­te sie die­sen für Mie­te und Unter­halt monat­lich 100 RM abge­ben, was aller­dings unzu­tref­fend war, wie Bel­la in einem Brief an das Finanz­amt klar­stell­te: Sie bewoh­ne ein Zim­mer bei ihren Ver­wand­ten, das aber mit ihren eige­nen Möbeln bestückt sei. Qua­si als Mie­te wür­de sie ihrer Tan­te gele­gent­lich ein Klei­dungs­stück aus ihrem Geschäft geben, aber die 100 RM benö­ti­ge sie aus­schließ­lich für ihren Lebens­un­ter­halt, für Medi­ka­men­te und Lebens­mit­tel. Ange­sichts der schwie­ri­gen Geschäfts­la­ge bat sie zudem, ihre fäl­li­gen Steu­ern in Raten abzah­len zu dür­fen.[50] Im Jahr 1937 konn­te sie nur noch 550 RM als Ein­kom­men dem Finanz­amt mel­den.[51]

Woll­te Bel­la Levitta nach Süd­afri­ka aus­wan­dern?
HHStAW 685 459a (9)

Aus die­sem Jahr stammt auch eine etwas kryp­ti­sche Mit­tei­lung des Haupt­zoll­amts Stutt­gart an das Finanz­amt Rüdes­heim, laut der Bel­la Levitta einen Brief an einen Herrn Lud­wig Wal­vis in Bery, Süd­afri­ka, gerich­tet habe, wor­in sie die Absicht kund­ge­tan hät­te, dort im Mai oder Juni 1937 ein Geschäft zu über­neh­men. Man riet dem Finanz­amt, alle not­wen­di­gen Schrit­te zu unter­neh­men, um eine Steu­er- oder Kapi­tal­flucht zu ver­hin­dern.[52] Ob Bel­la tat­säch­lich vor­hat­te, nach Süd­afri­ka zu emi­grie­ren, lässt sich nicht mehr fest­stel­len, zumin­dest gibt es kei­ne Hin­wei­se, dass sie sol­che Plä­ne noch wei­ter ver­folg­te.
Dass sie aber ihr Geschäft, das kaum mehr Erträ­ge brach­te, ver­kau­fen woll­te, zeigt auch ein ande­rer Brief, den ein poten­ti­el­ler Käu­fer im Som­mer 1938 an das Finanz­amt mit der Fra­ge rich­te­te, wel­che Umsät­ze der ihm von Frau Levitta ange­bo­te­ne Laden in den letz­ten Jah­ren gemacht hat­te. Die Behör­de ver­wei­ger­te die Aus­kunft und ein Kauf­ver­trag kam damals auch nicht zustan­de.[53]

Bel­la Levitta wird wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ver­ur­teilt
HHStAW 685 459a (45)

Im Detail nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen ist ein Vor­gang eben­falls 1938, bei dem Bel­la Levitta im Sep­tem­ber zu einer Geld­stra­fe von 600 RM wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ver­ur­teilt wur­de.[54] Ganz offen­sicht­lich hat­te sie nicht alle ihre Ver­mö­gens­wer­te gegen­über dem Finanz­amt dekla­riert, weil sie – so ihre Ent­schul­di­gung – von der irri­gen Annah­me aus­ging, Ver­mö­gen unter 30.000 RM sei­en steu­er­frei. Auch die aus den Wert­pa­pie­ren ihr zuge­flos­se­nen Gewin­ne hat­te sie dem Finanz­amt nicht gemel­det. Tat­säch­lich besaß sie 1931 ein Ver­mö­gen von 15.600 RM, das sie bis 1935 auf 25.200 RM ver­grö­ßern konn­te. Wor­aus der nicht uner­heb­li­che Zuwachs erfolg­te, ließ sich nicht mehr rekon­stru­ie­ren. Zu beden­ken ist aber, dass die­ses Ver­mö­gen zu einem beträcht­li­chen Teil aus offe­nen Rech­nun­gen bestand. Die Erträ­ge, die ihr aus die­sem Ver­mö­gen zuflos­sen, belie­fen sich in den Jah­ren von 1931 bis 1937 auf jähr­lich etwa 400 RM bis 600 RM.[55]
Die Ange­le­gen­heit hat­te nicht nur zur Fol­ge, dass sie die fäl­li­gen Steu­ern nach­zah­len und die Stra­fe ent­rich­ten muss­te, son­dern die Zoll­fahn­dung bean­trag­te im August 1938 auch die Siche­rung ihrer Kon­ten.[56] Man hat­te erneut den Ver­dacht, sie kön­ne ille­gal aus­wan­dern und ihr Kapi­tal mit­neh­men. Die Gefahr sei allein dadurch gege­ben, dass sie Ver­wand­te im Aus­land habe. Man wird dabei kaum an ihren Vater gedacht haben, da die­ser damals schon lan­ge tot war, aber viel­leicht an die Stief­ge­schwis­ter, wobei aller­dings völ­lig unklar ist, ob es über­haupt einen Kon­takt zu ihnen gab. Die Siche­rungs­an­ord­nung hat­te auch zur Fol­ge, dass sie Ein­nah­men, gera­de auch die aus den vie­len offe­nen Rech­nun­gen, nicht mehr bar ent­ge­gen­neh­men durf­te, son­dern über das gesi­cher­te Kon­to begli­chen wer­den muss­ten, über das die Devi­sen­stel­le in Frank­furt wach­te. Ihre etwa drei­ßig Schuld­ner muss­te sie per Brief ent­spre­chend instru­ie­ren. Ob noch jemand auf die Brie­fe reagier­te, ist nicht bekannt.

Bel­la Levitta gibt ihr Geschäft in Rüdes­heim auf
HHStAW 685 459b (20)

Wie aus einem Schrei­ben des Rüdes­hei­mer Bür­ger­meis­ters an das zustän­di­ge Finanz­amt Rüdes­heim her­vor­geht, gab Bel­la am 3. Okto­ber 1938 auf und mel­de­te ihr Geschäft in der Gra­ben­stra­ße ab.[57]

 

 

 

Die Reichspogromnacht in Rüdesheim und der Umzug nach Wiesbaden

Viel­leicht hat­ten Bel­la, ihre Tan­te und ihr Onkel damals immer wie­der über­legt, Deutsch­land zu ver­las­sen, aber auch für sie, wie für die meis­ten ande­ren Juden in ihrer Situa­ti­on, war das eine schwie­ri­ge Ent­schei­dung. Noch immer heg­ten man­che die Hoff­nung, es kön­ne und wer­de nicht noch schlim­mer kom­men, als es ohne­hin bereits war. Doch es wur­de noch schlim­mer. Das Atten­tat von Her­schel Grynszpan auf den Bot­schafts­se­kre­tär vom Rath in Paris am 7. Novem­ber 1938 dien­te als will­kom­me­ner Anlass, um die nächs­te Stu­fe der Eska­la­ti­on im Ter­ror gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung ein­zu­lei­ten. Die Ereig­nis­se wäh­rend der fol­gen­den Reichs­po­grom­nacht, von denen auch die Jüdin­nen und Juden in Rüdes­heim nicht ver­schont blie­ben, führ­ten letzt­lich dazu, dass Bel­la Levitta, Karl und Mat­hil­de Roth­schild sowie die Fami­lie ihres Soh­nes Otto sich gezwun­gen sahen, die Stadt zu ver­las­sen.[58] Zwar hat­te auch den Rüdes­hei­mer Poli­zei­wacht­meis­ter Bücher am 9. Novem­ber 1938 um 23.07 Uhr der Funk­spruch des Wies­ba­de­ner Regie­rungs­prä­si­den­ten erreicht, in dem es hieß: „Aus­schrei­tun­gen gegen Juden, auch Sach­schä­den, sind unbe­dingt zu ver­hin­dern!“,[59] aber der Mob setz­te sich erwar­tungs­ge­mäß über­all über die­se Restrik­ti­on hin­weg, wes­halb am Mor­gen des fol­gen­den Tages eine abge­schwäch­te Ver­si­on der Ver­hal­tens­vor­schrif­ten her­aus­ge­ge­ben wur­de, die in Rüdes­heim um 6.14 Uhr ein­traf: „In Abän­de­rung der gege­be­nen Wei­sung sind Brand­schä­den, Plün­de­run­gen und Per­so­nen­scha­den zu ver­hin­dern. Im Übri­gen besteht Hand­lungs­frei­heit gegen Eigen­tum deut­scher Juden.“[60] Aber selbst die­se Locke­rung der Anwei­sung an die tat­säch­li­chen Abläu­fe hielt, soll­te sie über­haupt ernst gemeint gewe­sen sein, der Dyna­mik des Gesche­hens nicht stand. Über­all kam es zu Gewalt­ex­zes­sen gegen­über Juden, wie man sie seit Jahr­hun­der­ten, zumin­dest in Deutsch­land, nicht mehr gekannt hat­te.
Es war die Wies­ba­de­ner ‚SA-Stan­dar­te 224 Nie­der­wald‘, die am 10. Novem­ber 1938 in Rüdes­heim ein­fiel, nach­dem sie von der Main­zer Bri­ga­de­füh­rung den ent­spre­chen­den Auf­trag erhal­ten hat­te. In Zivil­klei­dung fuh­ren vier Män­ner noch in der Nacht nach Rüdes­heim, um die dor­ti­ge, in der Gra­ben­stra­ße gele­ge­ne Syn­ago­ge zu zer­stö­ren. Mit Gewalt dran­gen sie in das Gebäu­de ein und ent­leer­ten dar­in einen Kanis­ter mit 5 Litern Ben­zin. Beim Ver­such, das Gebäu­de in Brand zu set­zen, kam es zu einer Ver­puf­fung, durch die die Täter selbst ver­letzt wur­den. Die Explo­si­on hat­te aller­dings auch Bür­ger auf­ge­schreckt, denen es zunächst gelang, das Feu­er zu löschen. Es waren dann orts­an­säs­si­ge SA-Leu­te, die am Nach­mit­tag das Got­tes­haus mit dem Ver­weis auf sei­ne Bau­fäl­lig­keit end­gül­tig zer­stör­ten. Inzwi­schen war auch der Wies­ba­de­ner SA-Sturm­bann­füh­rer in Rüdes­heim ein­ge­trof­fen und hat­te die Män­ner der Orts­trup­pe zu einer Ver­samm­lung ein­be­ru­fen. Dort wur­de der Befehl aus­ge­ge­ben, den ört­li­chen jüdi­schen Geschäfts­leu­ten einen „Besuch“ abzu­stat­ten, um deren Unter­la­gen zu über­prü­fen. Man müs­se fest­stel­len, wer, trotz aller Boy­kott­auf­ru­fe, mit die­sen noch immer geschäft­li­che Bezie­hun­gen pfle­gen wür­de. Am spä­ten Abend star­te­te der bereits alko­ho­li­sier­te Trupp von acht Män­nern sei­ne Akti­on. Ers­tes Opfer war das Haus von Karl Roth­schild in der Lang­stra­ße. Sie „dran­gen gewalt­sam ein, zer­schlu­gen mit mit­ge­führ­ten Äxten das gesam­te Mobi­li­ar und war­fen es durch die Fens­ter auf die Stra­ße. In weni­gen Minu­ten waren sie mit der Demo­lie­rung fer­tig und bega­ben sich mit den Geschäfts­pa­pie­ren zum (…) Lokal zurück. Die SA-Füh­rer durch­sa­hen inter­es­siert die Papie­re und spen­dier­ten erneut Frei­bier.“[61] Wei­te­re sol­cher Besu­che folg­ten bei ande­ren jüdi­schen Fami­li­en, immer unter­bro­chen von Sauf­pau­sen in dem Restau­rant, in dem die Füh­rer auf ihre akti­ve Gefolg­schaft war­te­ten. Nicht nur Geschäfts­pa­pie­re wur­den geraubt, Mobi­li­ar wur­de zer­stört, Wäsche auf die Stra­ße gewor­fen und wert­vol­ler Schmuck und Haus­rat ein­fach ent­wen­det. Angeb­lich bega­ben sich Mit­glie­der der Fami­lie Hirsch­ber­ger sogar im Rat­haus in „Schutz­haft“, um dem Gewalt­ex­zess der Meu­te zu ent­kom­men. Sie flo­hen am nächs­ten Mor­gen zu Ver­wand­ten nach Mann­heim.
Auch Otto erin­ner­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an die Ereig­nis­se in die­ser Nacht, nennt irr­tüm­li­cher­wei­se aller­dings das Datum 12. Novem­ber: „Auf Grund der Ereig­nis­se am 12. Nov. 1938 gegen die Juden und ins­be­son­de­re, was sich in mei­nem Hau­se abge­spielt an Roh­hei­ten, Pluen­de­run­gen etc. etc. , muss­ten mei­ne Eltern Karl & Mat­hil­de Roth­schild Rue­des­heim ver­las­sen; mei­ne hoch­be­tag­ten Eltern waren durch die ent­setz­li­chen Vor­gän­ge in unse­rem Haus so mit­ge­nom­men und mit ihren Ner­ven der­ar­tig fer­tig, dass sie sich um ihren Besitz nicht mehr bekuem­mern konn­ten; ich selbst konn­te es auch nichts tun, da ich mich anders­wo ver­steckt hielt.“[62]

Auch Bel­la war von der Gewalt­ak­ti­on betrof­fen. Auch ihr hat­ten die SA-Män­ner ihre Geschäfts­un­ter­la­gen weg­ge­nom­men, sodass sie nicht in der Lage war, ihre Steu­er­erklä­rung für das Jahr 1938 recht­zei­tig abzu­ge­ben. Ihr Ein­kom­men und die Umsät­ze ihres inzwi­schen bereits auf­ge­ge­be­nen Geschäfts konn­te sie nur noch vage schät­zen. Auf­grund der wei­ter­lau­fen­den Unkos­ten mein­te sie, in 1938 gar kei­ne Gewin­ne mehr erzielt zu haben.[63] Ange­sichts der ange­kün­dig­ten „Süh­ne­leis­tung“, die der NS-Staat den Juden nach dem Pogrom auf­er­leg­te, ver­fass­te sie am 10. Dezem­ber 1938 mit zitt­ri­ger Schrift einen Brief an den Regie­rungs­prä­si­den­ten, in dem sie noch ein­mal ein­dring­lich ihre Situa­ti­on schilderte:

Brief von Bel­la Levitta an das Finanz­amt nach dem Pogrom
HHStAW 685 459e (5)

„Ich mel­de Ihnen als der obers­ten Ver­wal­tungs­be­hör­de, das mir am 11. Novem­ber 38, durch die Zer­stö­rung mei­ner gesam­ten Woh­nungs­ein­rich­tung, sowie die Unauf­find­bar­keit mei­nes zurück­ge­blie­be­nen Lagers in Damen­kon­fek­ti­on u. Hüte sowie Wäsche aller Art ein gro­ßer Scha­den erwach­sen ist. Dadurch, sowie dadurch, daß ich außer ein paar Zin­sen kein Ein­kom­men habe, hat sich mein Ver­mö­gen bedeu­tend ver­rin­gert; wie hoch kann ich nicht sagen.
Ich tei­le obi­ges, wegen der bevor­ste­hen­den Ver­mö­gens­ab­ga­be der Juden mit, wobei ich mei­ne Ver­lus­te zu berück­sich­ti­gen bit­te.“
[64]

In einer zwei Wochen spä­ter ein­ge­reich­ten Ver­mö­gens­auf­stel­lung prä­zi­sier­te sie ihre Anga­ben: Hat­te ihr Ver­mö­gen im April 1938 noch etwa 25.000 RM betra­gen, davon 10.000 Betriebs­ver­mö­gen und 12.500 RM Außen­stän­de sowie 2.000 RM Bank­gut­ha­ben und etwas Schmuck, so war es nach dem Pogrom auf die Hälf­te geschrumpft. Das Waren­la­ger, der größ­te Teil des Betriebs­ver­mö­gens, war ver­nich­tet oder unbrauch­bar, die Ein­rich­tung zer­stört. Ein Drit­tel der Außen­stän­de sah sie als ver­lo­ren an, sodass sie ihr tat­säch­li­ches Ver­mö­gen nur noch mit knapp 15.000 RM ansetz­te. Aller­dings zog sie davon noch ein­mal 2.400 RM ab, einen Betrag, den sie mein­te, für die Wie­der­be­schaf­fung der zer­stör­ten und geraub­ten pri­va­ten Sach­wer­te wie Klei­dung und Ein­rich­tung auf­wen­den zu müs­sen. Der Finanz­be­am­te hat­te zwar die betrieb­li­chen Ver­mö­gens­ver­lus­te akzep­tiert, die Kos­ten für die Wie­der­be­schaf­fung aber ein­fach durch­ge­stri­chen.
Sie hat­te auch schon selbst die für sie ver­mut­lich fäl­li­ge Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be errech­net,[65] die aller­dings vom Finanz­amt so nicht akzep­tiert wur­de. Sie soll­te bei einem Roh­ver­mö­gen von 14.000 ins­ge­samt 2.800 RM als „Süh­ne“ in vier Raten mit je 700 RM leis­ten, was sie dann auch tat.[66]

Die Zeit in Wiesbaden

Die Brie­fe, die Bel­la Levitta im Dezem­ber 1938 an die Finanz­be­hör­den gerich­tet hat­te, waren alle schon in Wies­ba­den geschrie­ben worden.

Anders als die Fami­lie von Otto Roth­schild, die nach Mainz zog, flo­hen Mat­hil­de und Karl Roth­schild sowie Bel­la Levitta nach den Ereig­nis­sen wäh­rend der Reichs­po­grom­nacht schon am 25. Novem­ber nach Wies­ba­den, ver­mut­lich in der vagen Hoff­nung, dort in der grö­ße­ren Anony­mi­tät weni­ger ange­fein­det zu wer­den.[67] Unter­kunft fan­den die drei im Haus von Phil­ipp und Mina Rot­ten­berg in der Rhein­str. 81, das zu die­sem Zeit­punkt noch kein Juden­haus war.[68]
Wel­che Woh­nung und wie vie­le Zim­mer ihnen dort zur Ver­fü­gung stan­den, konn­te nicht ermit­telt wer­den. In einem Schrei­ben an den Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten in Kas­sel vom 14. Febru­ar 1939 prä­zi­sier­te Bel­la Levitta ihre Anschrift aller­dings mit „Hin­ter­haus II“.[69] Ob sie die gan­ze fol­gen­de Zeit dort ver­brach­ten, ist aber nicht mehr zu klä­ren. In jedem Fall wer­den die Wohn­ver­hält­nis­se sehr spar­ta­nisch gewe­sen sein, war doch ein beträcht­li­cher Teil der bis­he­ri­gen Ein­rich­tung in Rüdes­heim zer­schla­gen wor­den. Zudem gab ihr Sohn im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass man nach dem Über­fall in höchs­ter Eile alle noch ver­wend­ba­ren Möbel und Wäsche­stü­cke zusam­men­ge­packt und die­se mit­tels einer Spe­di­ti­on nach Wies­ba­den gebracht hat­te, um sie dort vor­über­ge­hend ein­zu­la­gern. Der größ­te Teil die­ser Fracht war aber schon bald im Lager­haus nicht mehr auf­find­bar oder lag dort ver­dreckt, zer­ris­sen und unbrauch­bar her­um, so Otto Roth­schild.[70] Ver­mut­lich war es nur die Küchen­ein­rich­tung, die sie tat­säch­lich in der neu­en Woh­nung nut­zen konn­ten, denn sie ist bei ihrer spä­te­ren Depor­ta­ti­on noch als ein­zi­ges zurück­ge­las­se­nes Mobi­li­ar aufgeführt.

Bescheid über die zu zah­len­de Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be
HHStAW 518 32354 (7)

Das waren natür­lich nicht die ein­zi­gen finan­zi­el­len Ver­lus­te, die sie als Fol­ge des Pogroms zu tra­gen hat­ten. Noch an die Rüdes­hei­mer Adres­se wur­de ihnen am 7. Dezem­ber 1938 vom dor­ti­gen Finanz­amt die Mit­tei­lung über die von ihnen zu leis­ten­de Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be zuge­sandt. In die­ser ers­ten Berech­nung soll­ten ins­ge­samt 3.200 RM in vier Raten mit je 800 RM gezahlt wer­den.[71] Mit meh­re­ren Ein­ga­ben bei den Finanz­be­hör­den ver­such­te Karl Roth­schild, letzt­lich sogar erfolg­reich, die gefor­der­ten Zah­lun­gen zu redu­zie­ren. In sei­nem hohen Alter habe er kei­ne Mög­lich­kei­ten mehr, durch eige­nes Tun Geld noch auf­zu­brin­gen. Sein Leben und das sei­ner Frau sei­en durch Krank­hei­ten auch finan­zi­ell stän­dig belas­tet. Ver­wand­te, die sie unter­stüt­zen könn­ten, gebe es nicht mehr, viel­mehr sei ihr ein­zi­ger, nach Eng­land aus­ge­wan­der­ter Sohn selbst auf Unter­stüt­zung ange­wie­sen. So erreich­te er, dass die soge­nann­te Süh­ne­leis­tung noch im Febru­ar 1939 auf ins­ge­samt 2.400 RM, dann im April sogar auf 1.300 RM her­ab­ge­setzt wur­de.[72] Als dann Ende des Jah­res gene­rell eine 5. Rate ein­ge­for­dert wur­de, konn­te Karl Roth­schild durch ein erneu­tes Schrei­ben das Finanz­amt dazu brin­gen, in sei­nem Fall auf die­se zusätz­li­che For­de­rung zu ver­zich­ten.[73]

Das ist umso erstaun­li­cher, als Roth­schilds eigent­lich noch gewis­se finan­zi­el­le Reser­ven besa­ßen. Zwar hat­ten sie den größ­ten Teil des Gel­des, das sie aus dem Ver­kauf des Hau­ses und des Betriebs ein­ge­nom­men hat­ten, ihrem Sohn ver­macht, aber es war auch ihnen noch eine nicht unbe­trächt­li­che Sum­me geblie­ben. Als die Devi­sen­stel­le im Früh­jahr 1940 von ihnen eine aktu­el­le Ver­mö­gens­er­klä­rung anfor­der­te, sand­te Karl Roth­schild das aus­ge­füll­te For­mu­lar am 23. Mai zurück. Er gab an, noch 17.000 RM zu besit­zen, davon 14.000 RM in Wert­pa­pie­ren. Auf etwa 2.500 RM belie­fen sich die Außen­stän­de, von denen nach sei­ner Ein­schät­zung aber bes­ten­falls noch ein Vier­tel ein­zu­trei­ben war. Der Rest des Ver­mö­gens befand sich auf einem Kon­to bei der Nas­saui­schen Lan­des­bank. Sein Ein­kom­men im ver­gan­ge­nen Jahr bezif­fer­te er auf 900 RM, ver­mut­lich weit­ge­hend Erträ­ge aus den Papie­ren. Aller­dings erhielt er auch einen sehr klei­nen monat­li­chen Betrag von 20 RM als Kriegs­hin­ter­blie­be­nen­ren­te für den im Ers­ten Welt­krieg gefal­le­nen Sohn Fried­rich. Er bat die Devi­sen­stel­le dar­um, die­sen Betrag, den er per­sön­lich abho­len muss­te, direkt ent­ge­gen­neh­men zu dür­fen. Auch in die­sem Fall war die Behör­de gera­de­zu ent­ge­gen­kom­mend und ver­lang­te nicht, dass die Ren­te zunächst auf das Siche­rungs­kon­to ein­ge­zahlt wer­den muss­te. Sei­ne monat­li­chen Aus­ga­ben belie­fen sich auf knapp 300 RM.[74] In die­ser Höhe wur­de dann auch sein Frei­be­trag bewil­ligt.[75]

Steu­er­li­che Frei­be­trä­ge gibt es für Juden nicht!
HHStAW 685 688a (39)

Die bis­her rela­tiv kulan­te Hal­tung der Finanz­be­hör­de gegen­über Karl Roth­schild hat­te ein Ende, als er 1940 in sei­ner Steu­er­klä­rung, begrün­det mit Krank­heit und sei­nem hohen Alter, noch Son­der­aus­ga­ben anmel­de­te. Der Steu­er­be­am­te reagier­te brüsk und schrieb in die Erklä­rung: „Frei­be­trä­ge sind bei Juden gesetz­lich ungül­tig.“ [76]

Auch Bel­la Levitta wur­de die Zah­lung der 5. Rate erlas­sen, nach­dem sie einen Brief mit der fol­gen­den Bit­te an den Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten in Kas­sel gerich­tet hat­te: „Das der Ver­an­la­gung zu Grun­de geleg­te Ver­mö­gen, wel­ches gegen­über dem frü­he­ren Stand schon erheb­lich zusam­men­ge­schrumpft war, hat sich inzwi­schen wei­ter­hin beträcht­lich ver­min­dert, da ich, im 64. Lebens­jahr ste­hend, ohne Ein­kom­men- oder Erwerbs­mög­lich­keit gezwun­gen bin, aus der Sub­stanz mei­nes Ver­mö­gens mei­nen Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. Ich ste­he in ärzt­li­cher Behand­lung und habe durch die­se und damit ver­bun­de­ne beson­de­re Auf­wen­dun­gen erhöh­te Bedürf­nis­se, wenn ich auch mein Leben im übri­gen aufs beschei­dens­te ein­rich­te.- Eine Aus­wan­de­rungs­mög­lich­keit habe ich zur Zeit noch nicht und muss damit rech­nen, auf abseh­ba­re Zeit hin mei­ne Exis­tenz hier zu fris­ten. Bei mei­nem Alter und mei­nem lei­den­den Zustand wür­de mich die Zah­lung der 5. Rate als eine emp­find­li­che Här­te tref­fen, umso­mehr, als ich kei­ner­lei Ver­wand­te habe, die unter­halts­pflich­tig oder unter­halts­fä­hig wären.

Mein vor­han­de­nes Rest­ver­mö­gen kann ich heu­te nur mit RM 6.8000. – bewer­ten, sodass leicht ersicht­lich ist, wie lan­ge ich auch bei aller­spar­sams­ter Wirt­schafts­füh­rung davon exis­tie­ren kann, bis evtl. Unter­stüt­zungs­not­wen­dig­keit ein­tritt. Ich hof­fe des­halb, dass mei­nem obi­gen Antrag statt­ge­ge­ben wer­den kann, und bit­te noch, bis zur Ent­schei­dung über die­ses Gesuch, die Ein­zie­hung der Abga­be aus­set­zen zu wol­len.“[77]

Im Novem­ber 1940 waren dann die Bar­mit­tel von Karl Roth­schild erschöpft und er bat dar­um, Gold­pfand­brie­fe im Wert von 1.000 RM ver­kau­fen und die Ein­künf­te auf das gesi­cher­te Kon­to über­tra­gen zu dür­fen. Die Geneh­mi­gung wur­de erteilt.[78] Es war nicht die ers­te Abhe­bung die­ser Art. Wie aus den im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Unter­la­gen der Nas­saui­schen Lan­des­bank her­vor­geht, waren zunächst im Juli 1939 Wert­pa­pie­re über 1.000 RM, dann im Janu­ar 1940 erneut Papie­re über 5.000 RM und im Febru­ar 1940 noch ein­mal Papie­re über 4.000 RM ver­kauft und auf das gesi­cher­te Kon­to über­tra­gen wor­den. Bis zum April 1942 wur­den in vier Schrit­ten wei­te­re 4.000 RM aus Wert­pa­pier­be­stän­den dem Kon­to zuge­wie­sen. Im Rah­men des gewähr­ten Frei­be­trags konn­ten Roth­schilds dann über die­se Sum­men ohne beson­de­re Geneh­mi­gun­gen ver­fü­gen. Laut Hes­si­scher Lan­des­bank waren auf dem Kon­to zuletzt noch 108 RM, die nach der Depor­ta­ti­on der Eigen­tü­mer vom Finanz­amt ein­ge­zo­gen wur­den. [79]

Ver­wun­der­lich bzw. nicht erklär­bar ist ange­sichts die­ses fest­ge­hal­te­nen Geld­trans­fers, dass im Febru­ar 1942 Karl Roth­schild das Finanz­amt Wies­ba­den dar­um bat, die fäl­li­ge Ver­mö­gens­steu­er neu zu berech­nen, da sich die Berech­nungs­ba­sis in den letz­ten bei­den Jah­ren um etwa 3.800 RM auf 11.500 RM redu­ziert habe.[80] Die­ser noch immer rela­tiv hohe Betrag ist nicht nach­voll­zieh­bar. Ent­we­der hat­te er kaum etwas von dem über­tra­ge­nen Geld aus­ge­ge­ben oder aber es muss noch ein ande­res Depot gege­ben haben, das bei der Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be und auch in sei­ner eige­nen Ver­mö­gens­er­klä­rung vom Mai 1940 nicht berück­sich­tigt wor­den war.[81] Es könn­te aller­dings auch sein, dass es sich um Ver­mö­gens­wer­te von Mat­hil­de Roth­schild han­del­te. Am 31. Okto­ber 1939 hat­te sie im Zusam­men­hang mit der Berech­nung der 5. Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be unter ihrem Namen ein eige­nes Ver­mö­gen von 7.500 RM ange­mel­det.[82]

Auch der Geld­ver­kehr ihrer Nich­te Bel­la wur­de nach der Ertei­lung der Siche­rungs­an­ord­nung am 13. August 1938 von der Devi­sen­stel­le kon­trol­liert. Um ihre noch offe­nen Rech­nun­gen aus dem frü­he­ren Geschäft und For­de­run­gen des Finanz­amts beglei­chen zu kön­nen, muss­te sie im Febru­ar 1939 um die Frei­ga­be von rund 1.500 RM bit­ten.[83] Im April benö­tig­te sie wei­te­re 500 RM zum Lebens­un­ter­halt. Um nicht stän­dig ein­zel­ne Beträ­ge erbit­ten zu müs­sen, bean­trag­te sie damals einen fes­ten monat­li­chen Frei­be­trag von 500 RM.[84] Gewährt wur­den ihr vor­läu­fig 300 RM, ver­bun­den mit der For­de­rung, eine Erklä­rung abzu­ge­ben, in der sie erneut ihr gegen­wär­ti­ges Ver­mö­gen, ihr Ein­kom­men und ihre Aus­ga­ben dar­le­gen soll­te. Das aus­ge­füll­te For­mu­lar schick­te sie am 28. April 1940 zurück: Der Wert ihrer Papie­re belief sich noch auf knapp 4.200 RM, hin­zu kam ein Spar­kon­to, auf dem sich noch etwa 400 RM befan­den. Mit 4.300 RM bezif­fer­te sie ihre Außen­stän­de, wobei davon nach ihren Anga­ben aber bes­ten­falls 30 Pro­zent noch rea­li­sier­bar waren. Somit schrumpf­te der Nenn­wert von fast 9.000 RM auf real etwa 5 bis 6.000 RM zusam­men. Da sie für den täg­li­chen Bedarf immer wie­der auch Wert­pa­pie­re ver­kau­fen muss­te, gin­gen auch ihre Zins­er­trä­ge – ande­re Ein­kom­mens­quel­len besaß sie nicht – immer wei­ter zurück. Im lau­fen­den Jahr hoff­te sie, noch 600 RM zu erhal­ten, für das fol­gen­de erwar­te­te sie nur noch 250 RM. Damit konn­te sie nicht ein­mal die Aus­ga­ben für einen Monat, die sie auf 320 RM schätz­te, bestrei­ten.[85] Die­ser Betrag wur­de ihr dann auch am 8. Mai 1940 bewil­ligt, aber abseh­bar war, wie lan­ge ihr „Ver­mö­gen“ noch rei­chen wür­de.[86]

Bel­la Levitta gibt ein letz­tes Mal Aus­kunft über ihren Lebens­un­ter­halt
HHStAW 519/​3 3452 (65)

Erst am 17. April 1942, also zwei Jah­re nach der letz­ten Ver­mö­gens­er­klä­rung, erhielt Bel­la Levitta wie­der eine Auf­for­de­rung der Devi­sen­stel­le, ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten zu dekla­rie­ren. Aus ihrem Ant­wort­schrei­ben vom 23. April geht her­vor, dass sie noch immer mit ihren Ver­wand­ten, den „hoch­be­tag­ten Ehe­leu­ten Karl Isra­el Roth­schild“, in einem gemein­sa­men Haus­halt leb­te. Ihre monat­li­chen Aus­ga­ben hat­ten sich inzwi­schen auf nur noch 180 RM redu­ziert. An die­sen Betrag wur­de weni­ge Tage spä­ter ihr Frei­be­trag ange­passt.[87]

Letz­te Auf­stel­lung ihrer Lebens­hal­tungs­kos­ten von Karl und Mat­hil­de Roth­schild
HHStAW 519/​3 5847 (86)

Weni­ge Wochen spä­ter, am 3. Juni 1942, erhiel­ten auch ihr Onkel und ihre Tan­te eine ent­spre­chen­de Auf­for­de­rung. Ihr Bedarf lag mit 280 RM nur wenig unter dem der letz­ten Auf­stel­lung. Den­noch wur­de ihr Frei­be­trag auf 240 RM her­ab­ge­setzt.[88]
Zu die­sem Zeit­punkt waren die Depor­ta­tio­nen schon längst im Gan­ge, auch aus Wies­ba­den, und der ers­te gro­ße Trans­port mit 360 Jüdin­nen und Juden in den Tod ver­ließ genau an dem Tag den Wies­ba­de­ner Bahn­hof, als Roth­schilds am 10. Juni 1942 über ihren neu­en Frei­be­trag infor­miert wurden.

Aber der Trans­port vom 10. Juni war noch nicht der­je­ni­ge, für den Roth­schilds und Bel­la Levitta vor­ge­se­hen waren. Die­se soll­ten erst am 1. Sep­tem­ber 1942 mit all den ande­ren alten, oft schon gebrech­li­chen Men­schen nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wer­den. Wie schon bei vor­he­ri­gen Trans­por­ten wur­den die­se aus den ver­schie­de­nen Städ­ten und Krei­sen des Regie­rungs­be­zirks Wies­ba­den zunächst in Sam­mel­la­gern zusam­men­ge­führt – in Frank­furt im Jüdi­schen Alters­heim im Rech­nei­gra­ben 18–20, in Wies­ba­den in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in der Fried­richstr. 33 und zum Teil auch im Jüdi­schen Alters­heim in der Geis­berg­str. 24 –, um dann mit dem Son­der­zug ‚Da 503‘ in das angeb­li­che Vor­zugs­ghet­to The­re­si­en­stadt gebracht zu werden.

In Wies­ba­den hat­ten sich die Men­schen schon am Schab­bat, dem 29. August, in den Räu­men in der Fried­rich­stra­ße ein­zu­fin­den. Eini­ge waren dort sogar schon frü­her hin­be­or­dert wor­den. Part­ner aus Misch­ehen und Ange­hö­ri­ge der Fami­li­en Gut­h­mann und Straus, die als Funk­tio­nä­re der ‚Reichs­ver­ei­ni­gung‘ in Wies­ba­den die „Abwick­lung“ der hie­si­gen jüdi­schen Gemein­de zu bewerk­stel­li­gen hat­ten, küm­mer­ten sich unter Auf­sicht der Gesta­po um die dort Zwangs­ver­sam­mel­ten. Dort wur­den die letz­ten For­ma­li­tä­ten erle­digt, um dem Raub der noch vor­han­de­nen jüdi­schen Ver­mö­gen ein schein­leg­a­les Män­tel­chen umzu­hän­gen. Ein wich­ti­ges Mit­tel war dabei die Unter­zeich­nung eines Heimein­kaufs­ver­tra­ges, mit dem den Men­schen vor­ge­gau­kelt wur­de, sie könn­ten durch Über­eig­nung ihrer Habe an die SS in The­re­si­en­stadt eine gute Woh­nung, Ver­sor­gung und sogar medi­zi­ni­sche Betreu­ung erkau­fen. Es gibt kei­nen Beleg dafür, dass auch Roth­schilds einen sol­chen Ver­trag unter­zeich­net hat­ten, aber wenn sie tat­säch­lich damals noch mehr als 10.000 RM besa­ßen, so wer­den auch sie ver­mut­lich zu einer sol­chen Ver­trags­un­ter­zeich­nung gezwun­gen wor­den sein. Das wür­de auch erklä­ren, wie­so sich am Ende nur noch etwa 100 RM auf ihrem Kon­to befanden.

Arthur Wertheimer, Sophie Wertheimer, Eva Gerstle-Wertheimer, Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden, Eva Zwick
Die Depor­tier­ten des 1. Sep­tem­bers 1942 an der Vieh­ver­la­de­sta­ti­on des Wies­ba­de­ner Haupt­bahn­hofs
HHStAW 3008/​2 16561

Obwohl ein Foto­graf damals eine Rei­he von Bil­dern in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge und spä­ter dann auch am Bahn­hof mach­te,[89] ist es bis­her nicht gelun­gen, das Ehe­paar Roth­schild oder Bel­la zu iden­ti­fi­zie­ren. Am Mor­gen des 1. Sep­tem­ber ver­ließ der Zug mit etwa 350 Men­schen die Vieh­ver­la­de­sta­ti­on am Wies­ba­de­ner Haupt­bahn­hof und fuhr nach Frank­furt, wo die­se an der Bahn­sta­ti­on in der Groß­markt­hal­le mit den dort ver­sam­mel­ten etwa 750 Jüdin­nen und Juden zusam­men­ge­bracht wur­den. Der Zug mit ins­ge­samt 1110 Men­schen erreich­te noch am sel­ben Tag sein Ziel in der ehe­ma­li­gen böh­mi­schen Garnisonsstadt.

Todes­fall­an­zei­ge für Karl Roth­schild aus The­re­si­en­stadt
https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/media​/zmarch​/images​/3​/1​/8​/73341_ca_object_representations_media_31831_large.jpg
Todes­fall­an­zei­ge für Mat­hil­de Roth­schild aus The­re­si­en­stadt
https://​www​.holo​caust​.cz/de​/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten​/dokument​/92579-rothschild-mathilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/

Bei­de star­ben– so heißt es in den Todes­fall­an­zei­gen – in ihrer dor­ti­gen Behau­sung ‚Ea III‘ an Alters­schwä­che, Karl Roth­schild schon nach etwa 4 Wochen am 4. Okto­ber 1942.[90] Sei­ne Frau Mat­hil­de hielt die unmensch­li­chen Lebens­be­din­gun­gen im Ghet­to noch etwa ein Vier­tel­jahr aus. Sie erlag den Ver­hält­nis­sen am 18. Janu­ar 1943.[91]

Bel­la blieb nur bis Ende Sep­tem­ber 1939 in The­re­si­en­stadt. Im Lau­fe des Jah­res 1942 wur­de das Ghet­to durch die vie­len Trans­por­te aus dem soge­nann­ten „Alt­reich“ und dem „Pro­tek­to­rat Böh­men-Mäh­ren“ so über­füllt, dass Eich­mann begann, sei­nen schon im Früh­jahr erar­bei­te­ten „Eva­ku­ie­rungs­plan“ umzu­set­zen und etwa 20 000 Jüdin­nen und Juden in die ver­schie­de­nen Ver­nich­tungs­la­ger über­stel­len ließ.[92] 15 Züge mit jeweils 1 000 Men­schen hat­ten The­re­si­en­stadt schon im Som­mer ver­las­sen. Im Sep­tem­ber soll­ten dann wei­te­re zehn Züge fol­gen. Ihr Ziel war Treb­linka, das – so könn­te man zynisch sagen – wie­der Ver­nich­tungs­ka­pa­zi­tä­ten frei hat­te, nach­dem dort die Liqui­die­rung des War­schau­er Ghet­tos inzwi­schen abge­schlos­sen wor­den war. Vom 19. Sep­tem­ber bis zum 22. Okto­ber ver­lie­ßen elf Trans­por­te mit ins­ge­samt fast 20 000 Jüdin­nen und Juden das Ghet­to von The­re­si­en­stadt und brach­ten ihre „Ladung“ vor die Gas­kam­mern von Treb­linka. Bel­la Levitta saß in dem Zug, der die Bezeich­nung ‚Bs‘ erhal­ten hat­te und 2 000 Men­schen in den Tod beför­der­te. Er erreich­te Treb­linka am 1. oder 2. Okto­ber. Das wird auch ihr ver­mut­li­cher Todes­tag gewe­sen sein. Kein Insas­se die­ses Zuges gehört zu den Über­le­ben­den der Shoa.

Auch nach­dem Roth­schilds und Bel­la Levitta aus ihrer Woh­nung im Hin­ter­haus der Rhein­str. 81 depor­tiert wor­den waren, dien­te die­se auch wei­ter­hin zur Unter­brin­gung von Juden. Eines der weni­gen erhal­ten geblie­be­nen Doku­men­te, aus dem die Mit­wir­kung der Bezirks­stel­le der ‚Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden‘ im Zusam­men­spiel mit dem städ­ti­schen Woh­nungs­amt her­vor­geht, bezieht sich expli­zit auf die­se Woh­nung. Am 15. Okto­ber 1942 erhielt der in Misch­ehe leben­de Jude Her­mann Mey­er, der bis­her im Juden­haus Che­rus­ker­weg 3 gewohnt hat­te, ein Schrei­ben der Bezirks­stel­le mit fol­gen­dem Inhalt:
„Wie Ihnen schon mit­ge­teilt, soll Ihnen die Woh­nung Roth­schild, Rhein­str. Nr. 81, Gar­ten­haus II. Stock zuge­teilt wer­den. Wir haben Antrag beim Städt. Woh­nungs­amt des­we­gen lau­fen, sowie das Finanz­amt — Voll­stre­ckungs­stel­le — gebe­ten, die Räu­mung der Woh­nung Roth­schild-Levit­te (sic) tun­lichst zu beschleu­ni­gen.
Als Unter­mie­ter für Sie ist Herr Idel Rawin­sky, z​.Zt. Adolfs­al­lee Nr. 30 wohn­haft, vor­ge­se­hen.
Hoch­ach­tungs­voll!“[93]

Am sel­ben Tag wur­de auch der zukünf­ti­ge Unter­mie­ter Idel Rawin­sky von den Plä­nen unter­rich­tet. Das Schrei­ben an das Städ­ti­sche Woh­nungs­amt, eben­falls am 15. Okto­ber ver­fasst, offen­bart, dass nicht die­ses Amt, son­dern die Bezirks­stel­le selbst die trei­ben­de Kraft bei die­ser Umsied­lungs­ak­ti­on war. Auf­fäl­lig ist zudem, dass sich die unter Lei­tung des jüdi­schen Kon­su­len­ten Bert­hold Gut­h­mann ste­hen­de Bezirks­stel­le auch die Dik­ti­on der Nazis zu eigen mach­te und von „Abwan­de­rung“ und nicht von Depor­ta­ti­on spricht. Es heißt hier:
„An das Stadt. Woh­nungs­amt Wies­ba­den
Hier­durch bit­ten wir um Geneh­mi­gung für die Ehe­leu­te Her­mann Isra­el Mey­er (Inha­ber der Kenn­kar­te: Wies­ba­den, 7A 00738) und des­sen Ehe­frau Frie­de­ri­ke geb. Der­kum zur Zeit Che­rus­ker­weg 3 wohn­haft, zum Abschluß eines Miet­ver­tra­ges bezüg­lich der Woh­nung Rhein­stra­ße Nr. 81, Gar­ten­haus II. Stock; Ver­wal­ter die­ses jüdi­schen Grund­stücks ist das Bank­haus Gebrü­der Krier, Rhein­stra­ße Nr. 95.
Vor­aus­sicht­lich wird den Ehe­leu­ten Mey­er noch ein jüdi­scher Unter­mie­ter zuge­wie­sen wer­den.
Das Haus Che­rus­ker­weg Nr. 3 ist nicht mehr jüdi­sches Eigen­tum und soll, da ein ande­rer Mie­ter dafür vor­ge­se­hen ist, von Mey­er, der ohne­hin nur den kleins­ten Teil des Grund­stücks inne­hat, schnellst­mög­lichst geräumt wer­den.
Die zuge­wie­se­ne Woh­nung ist die der am 1.9. d. Js. abge­wan­der­ten Ehe­leu­te Karl Isra­el Roth­schild.
Ver­wal­tungs­stel­le Wies­ba­den“[94]

Her­mann Mey­er ver­starb am 28. März 1943 in die­ser Woh­nung in der Rhein­str. 81, Idel Rawin­sky wur­de noch depor­tiert, über­leb­te aber The­re­si­en­stadt  und kehr­te nach dem Krieg nach Wies­ba­den zurück.

 

Otto Rothschild und seine Familie

Die Fami­li­en Rot­schild haben Rüdes­heim ver­las­sen
HHStAW 519/​3 5847 (33).

Über­lebt hat Otto, der Sohn von Mat­hil­de und Karl Roth­schild, mit sei­ner Fami­lie. Auch sie hat­ten nach dem Pogrom im Novem­ber 1938 ihrer Hei­mat­stadt Rüdes­heim den Rücken gekehrt, waren aller­dings nicht nach Wies­ba­den gezo­gen, son­dern hat­ten sich am 25. Novem­ber in Mainz in der Gar­ten­feld­str. 3 ange­mel­det. Der Rüdes­hei­mer Poli­zei hat­te Otto noch eine Lis­te der zer­trüm­mer­ten und nicht mehr repa­ra­blen Möbel­stü­cke sowie der ent­wen­de­ten Wert­ge­gen­stän­de über­ge­ben. Nur not­dürf­tig konn­ten sie sich in Mainz für die Zeit bis zu ihrer Aus­wan­de­rung ein­rich­ten. Bis das dann tat­säch­lich gelang, ver­ging noch fast ein gan­zes Jahr.

Zunächst hat­te sich eine mög­li­che Aus­rei­se ver­zö­gert, weil offen­bar Post an die Devi­sen­stel­le ver­lo­ren gegan­gen war, wes­halb Otto Roth­schild am 1. April 1939 dar­auf drang, sei­ne Ange­le­gen­heit so schnell wie mög­lich zu bear­bei­ten, da er schon Besitz eines gül­ti­gen Visums für Eng­land war. Offen­bar ging es um die DEGO-Abga­be, die für neu­wer­ti­ge Güter im Fal­le einer Aus­wan­de­rung fäl­lig wur­de. Wie hoch sie sein soll­te, ist dem Schrift­ver­kehr nicht zu ent­neh­men, aber Otto Roth­schild bat dar­um, dass er von die­ser Son­der­steu­er befreit wer­de, da er durch den Pogrom­scha­den zum Kauf neu­er Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de gezwun­gen gewe­sen sei. Er ver­wies in die­sem Zusam­men­hang auch noch ein­mal auf die Leis­tun­gen, die sei­ne Fami­lie für Deutsch­land erbracht hat­te: Sein Bru­der war im Ers­ten Welt­krieg gefal­len, und er selbst war schwer ver­wun­det wor­den, wofür ihm die Front­kämp­fer­me­dail­le ver­lie­hen wor­den sei. Sei­nen Vater hat­te man – wie bereits erwähnt – mit einem Orden für die selbst­lo­se Ret­tung von Men­schen in Todes­ge­fahr geehrt.

Eine der Bit­ten von Otto Roth­schild um Frei­ga­be von Gel­dern
HHStAW 519/​3 5847 (26)

Ohne dar­auf noch ein­mal ein­zu­ge­hen, wur­de er auf­ge­for­dert, sei­ne Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se offen­zu­le­gen und den Umfang der geplan­ten Anschaf­fun­gen mit­zu­tei­len. In den fol­gen­den Wochen reich­te er mehr­fach die Rech­nun­gen sol­cher Käu­fe ein, am 29. April über knapp 1.300 RM, am 8. Mai über 710 RM und am 10. Juni noch ein­mal über etwa 750 RM. Es hand­le sich dabei um ein­fa­che, zum Leben not­wen­di­ge Gebrauchs­ge­gen­stän­de, die – so erläu­ter­te er sei­nen Antrag –, im Ver­hält­nis zu den ver­lo­re­nen, nur einen gering­fü­gi­gen Ersatz dar­stel­len wür­den. Die Anträ­ge wur­den von der Devi­sen­stel­le tat­säch­lich geneh­migt. Sogar der Bit­te, ihm einen Bar­be­trag von 1.200 RM zur Beglei­chung klei­ne­rer Rech­nun­gen frei­zu­ge­ben, wur­de genau­so ent­spro­chen, wie der, 7.500 RM zur Finan­zie­rung der Aus­wan­de­rung selbst zu geneh­mi­gen. Ganz offen­bar hat­te er einen Sach­be­ar­bei­ter in der Devi­sen­stel­le, der zumin­dest ein gewis­ses Maß an Ver­ständ­nis für die Not­la­ge der Aus­wan­de­rer hat­te, denn im Juli wur­de ihm noch ein wei­te­rer Betrag von knapp 500 RM zur Finan­zie­rung sei­ner Lebens­hal­tungs­kos­ten geneh­migt, und wei­te­re 900 RM erhielt er, um damit eine not­wen­di­ge Augen­ope­ra­ti­on sei­nes Vaters zu finan­zie­ren. Dem Vater wur­den zusätz­lich noch 500 RM zur Ver­fü­gung gestellt, die die­ser in monat­li­chen Raten von 100 RM zur Bestrei­tung sei­nes Unter­halts ver­wen­den durf­te. Am 23. August hob der Ober­fi­nanz­prä­si­dent die Siche­rungs­an­ord­nung gegen Otto Roth­schild auf und geneh­mig­te die Aus­fuhr des ange­mel­de­ten Umzugs­guts. Zu die­sem Zeit­punkt hat­ten Otto Roth­schild und sei­ne Fami­lie Deutsch­land bereits verlassen.

Abrei­se der Fami­lie von Otto Roth­schild nach Eng­land
HHStAW 519/​3 5847 (35)

Wie aus der Anfra­ge des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten vom 29. April 1940 an die Poli­zei in Mainz her­vor­geht, hat­ten die­se sich am 4. August 1939 nach Eng­land abge­mel­det. Im bri­ti­schen South­ga­te wur­den sie dann regis­triert, er als Kauf­mann und sie als Haus­an­ge­stell­te. Von einer Inter­nie­rung blie­ben sie damals ver­schont.[95]
Schon im Mai 1940 konn­ten sie die Bri­ti­schen Inseln ver­las­sen und mit einem Schiff der ‚Hol­land-Ame­ri­ka-Linie‘ nach New York wei­ter­fah­ren, wo sie am 16. Mai anlan­de­ten.[96] Dort bean­trag­ten sie noch im sel­ben Jahr die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, ihre deut­sche wur­de ihnen im März 1941 durch Bekannt­ma­chung im Reichs­an­zei­ger ent­zo­gen.[97]

Fami­lie Roth­schild ver­lässt Groß­bri­tan­ni­en und emi­griert in die USA
https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/7488​/records​/1006814012​?tid=&pid=&queryId=abd9e4cd-2350–4322-a29b-fe5019be9bb9&_phsrc=SbT430&_phstart=successSource
Bra­si­lia­ni­sches Tou­ris­ten­vi­sum für Emmy Roth­schild von 1958
https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/9800​/records​/2454973​?tid=&pid=&queryId=702a7adf-783b-4811–9d88-e874518475a6&_phsrc=SbT788&_phstart=successSource

Als Ziel­ort hat­ten sie bei ihrer Ein­rei­se eigent­lich San Rafa­el in Kali­for­ni­en ange­ge­ben, wo ein Freund namens Hel­mut Res­pen­schied leb­te. Offen­bar nah­men sie aber davon Abstand und blie­ben in New York, wo es ihnen im Lau­fe der fol­gen­den Jah­re gelang. sich selbst­stän­dig zu machen und einen Leder­groß­han­del auf­zu­bau­en. Zumin­dest wur­den sowohl Otto als auch Emmy Roth­schild mit die­ser Berufs­be­zeich­nung in der Zen­sus­lis­te von 1950 ein­ge­tra­gen.[98]

Wäh­rend von Otto Roth­schild bekannt ist, dass er am 12. Juni 1954 in New York ver­starb,[99] konn­te ein Todes­da­tum sei­ner Frau nicht ermit­telt werden.

 

Das Schicksal weiterer Angehöriger

Von den Nach­kom­men Herz Levit­tas zähl­ten Eli­sa­beth und Karl Roth­schild nicht als ein­zi­ge zu den Opfern der Shoa. Mat­hil­des Schwes­ter Augus­te hat­te am 4. April 1889 den Kauf­mann Fer­di­nand Schmitz aus Bin­nin­gen gehei­ra­tet.[100] Aus der Ehe waren, soweit bekannt, drei Töch­ter her­vor­ge­gan­gen. Am 30. Novem­ber 1889 war zunächst Her­mi­ne Eli­sa­beth, dann am 18. Juli 1891 Pau­la und zuletzt Euge­nie gebo­ren wor­den.[101]

Hei­rats­ein­trag von Fried­rich Karl Lin­sel und Eli­sa­beth Her­mi­ne Schmitz
Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 279 /​ 1920

Die zwei­te Toch­ter, Her­mi­ne Eli­sa­beth, gehör­te zu den­je­ni­gen, die eben­falls dem Holo­caust zum Opfer fie­len. Als sie am 27. März 1920 in Wies­ba­den die Ehe mit dem evan­ge­li­schen Bank­be­am­ten Fried­rich Karl Lin­sel ein­ging, wohn­ten bei­de in Wies­ba­den am Kai­ser-Fried­rich-Ring 84. Nicht nur bei ihrem Mann, son­dern auch bei ihr ist als Reli­gi­on die Anga­be „evan­ge­lisch“ ein­ge­tra­gen.[102] Ob sie erst mit der Hei­rat kon­ver­tier­te oder sich schon frü­her vom jüdi­schen Glau­ben los­ge­sagt hat­te, ist nicht bekannt. Für die Nazis mach­te das ohne­hin kei­nen Unter­schied.
Aller­dings schei­ter­te die Ehe, aus der, soweit bekannt, kei­ne Kin­der her­vor­ge­gan­gen waren, ver­mut­lich unter dem Druck der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se. Laut Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1936/​37 wohn­ten sie damals noch zusam­men unter ihrer alten Adres­se am Kai­ser-Fried­rich-Ring. Am 27. Dezem­ber 1938 wur­de die Ehe dann vor dem Lan­des­ge­richt in Wies­ba­den wie­der geschie­den.[103] Damit ver­lor Her­mi­ne Eli­sa­beth auch ihren vagen Schutz­sta­tus als Part­ne­rin in einer Misch­ehe. Zunächst zog sie allei­ne als Pri­va­tie­re in das Nerot­al 38, muss­te aber dann in den fol­gen­den Jah­ren laut den Ein­tra­gun­gen auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te noch drei­mal ihre Unter­kunft wech­seln. Am 1. Febru­ar 1939 fand sie eine Woh­nung, ver­mut­lich in der Son­nen­ber­ger Str. 52 a.[104] Am 1. April 1940 wech­sel­te sie in das Haus Leber­berg 4 und wur­de Unter­mie­te­rin bei einer Frau Oer­tel, die erstaun­li­cher­wei­se kei­ne Jüdin war, im II. Stock. Ihre letz­te Adres­se, mit der sie auch auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te ein­ge­tra­gen ist, war dann die Adel­heidstr. 70.[105]
Her­mi­ne Eli­sa­beth gehör­te zu den­je­ni­gen, die mit dem ers­ten gro­ßen Trans­port am 10. Juni 1942 von Wies­ba­den über Frank­furt nach Lub­lin depor­tiert und ver­mut­lich von dort sofort wei­ter nach Sobi­bor in die dor­ti­gen Gas­kam­mern gebracht wur­den.[106]

 

Hei­rat von Euge­nie Schmitz und Vic­tor Rena­tus Chenu
Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 1397 /​ 1920

Auch ihre Schwes­ter Euge­nie, die im sel­ben Jahr wie ihre Schwes­ter, aller­dings erst am 11. Dezem­ber 1920, in Wies­ba­den hei­ra­te­te, hat­te wenig Glück in die­ser Ehe. Sie leb­te damals auch noch mit Eli­sa­beth und deren Mann zusam­men im Kai­ser-Fried­rich-Ring 84. Ihr Part­ner war der Kauf­mann Vic­tor Rena­tus Chenu, gebo­ren am 14. Dezem­ber 1887 in Metz, der aber zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung eben­falls in Wies­ba­den, in der Niko­las­str. 19, wohn­te. Bei bei­den ist die Anga­be zur Reli­gi­on gestri­chen, was ver­mu­ten lässt, dass Vic­tor Chenu nicht jüdi­schen Glau­bens war und auch Euge­nie sich, wie ihre Schwes­ter, davon gelöst hat­te.[107] Ihre Ehe wur­de schon am 21. Janu­ar 1934 geschie­den.[108] Wo das Paar in der Zeit zuvor gewohnt hat­te, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Bei der Volks­zäh­lung im Mai 1939 war Euge­nie aller­dings wie­der in Wies­ba­den in der Rhein­str. 81 gemel­det, wo ihre Tan­te Eli­sa­beth Roth­schild leb­te.[109] Ihre Eltern waren damals bei­de bereits ver­stor­ben, zunächst ihre Mut­ter am 28. Juli 1909 in Rüdes­heim.[110] Sechs Jah­re spä­ter wur­de am 7. Juli 1915 ihr Vater Fer­di­nand Schmitz in Wies­ba­den-Bie­brich tot aus dem Rhein gezo­gen.[111] Ob er bei einem Unfall oder durch Sui­zid sein Leben ver­lor, ist nicht bekannt.

Trotz der Schei­dung von ihrem nicht­jü­di­schen Ehe­mann gelang es Euge­nie, die fol­gen­den Jah­re irgend­wie zu über­le­ben. 1943 wur­de sie in Frank­furt als Bewoh­ne­rin der Beet­ho­ven­str. 23 als „gesch[iedene] Nicht­stern­trä­ge­rin“ regis­triert. Sie war mög­li­cher­wei­se durch die Hei­rat in den Besitz der bel­gi­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit gelangt, was aber eigent­lich kein Grund für eine Ver­scho­nung gewe­sen wäre.[112] Irgend­wie über­stand sie auch die fol­gen­de Zeit bis zur Zer­schla­gung des NS-Sys­tems. Auf einer Lis­te, die die US-Armee nach dem Krieg mit Über­le­ben­den in ihrer Zone erstell­te, ist auch ihr Name zu fin­den.[113]

Gestapo­kar­tei­kar­te von Pau­la Ober­dör­fer
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Ver­mut­lich über­leb­te auch ihre ältes­te Schwes­ter Pau­la dank der Ehe mit einem evan­ge­li­schen Ehe­mann. Am 7. Dezem­ber 1908 hat­te sie in Rüdes­heim Edu­ard Bru­no Richard Ober­dör­fer, gebo­ren am 26. Mai 1884 in Son­der­hau­sen, gehei­ra­tet.[114] Anders als ihre Schwes­tern war sie aber offen­bar ihrem jüdi­schen Glau­ben treu geblie­ben, zumin­dest ist die­ser im Hei­rats­ein­trag mit „mosa­isch“ ange­ge­ben. Ihr Ehe­mann war der Sohn eines Fabrik­be­sit­zers aus Geu­ßen in Thü­rin­gen. Auch sie wohn­ten bis 1939 im Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 84, zogen aber – so ist es auf der Gestapo­kar­tei­kar­te von Pau­la Ober­dör­fer fest­ge­hal­ten – am 1. Mai 1939 nach Aachen. Wel­chen Grund sie hat­ten, dort­hin zu gehen, ist nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen. Viel­leicht waren die Nähe zur nie­der­län­di­schen Gren­ze und die damit ver­bun­de­ne Hoff­nung, ihren Ver­fol­gern gege­be­nen­falls schnell ent­kom­men zu kön­nen, der Grund, der sie zu die­sem Schritt ver­an­lass­te. Auf jeden Fall scheint es ihrem Mann gelun­gen zu sein, Pau­la, sei­ne jüdi­sche Frau, vor der Depor­ta­ti­on in den Tod zu beschützen.

 

Ver­öf­fent­licht: 23. 12. 2025

 

 

« zurück                              weiter »


 

Anmer­kun­gen:

 

[1] Zu den genann­ten Vor­fah­ren sie­he https://​lagis​.hes​sen​.de/de​/personen​/juedische-grabstaetten​/alle-eintraege​/4357​?person=voegelchen,%20frau%20des%20anschel&kontext=xsearch&zeiger=2. (Zugriff 25.10.2025).

[2] Bei dem ande­ren Sohn han­del­te es sich um Salo­mon ha-Levi bzw. Salo­mon Anselm.

[3] Zur Annah­me des neu­en Fami­li­en­na­mens sie­he HHStAW 238 522.

[4] In den Über­tra­gun­gen des Namens in den Per­so­nen­stands­re­gis­tern der Kir­chen­bü­cher, die in der Diö­ze­se Lim­burg ver­wahrt sind, erscheint der Name in Vari­an­ten, wie Behr, Kühr, Rehr oder auch Kehr. Im Ster­be­ein­trag ihres Soh­nes Anschel /​ Amseln wird ihr Name mit Edel Kahn ange­ge­ben. Es ist mög­lich, dass man ihn pho­ne­tisch so abge­lei­tet hat­te, oder aber, dass die Fami­lie, der sie ent­stamm­te, die­sen Namen annahm, als auch sie zu fes­ten Fami­li­en­na­men ver­pflich­tet wur­de, und der Name dann auch auf die bereits Ver­stor­be­ne über­tra­gen wur­de. Sie­he Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 47 /​ 1877.

[5] HHStAW 238 424/​104.

[6] https://​lagis​.hes​sen​.de/de​/personen​/juedische-grabstaetten​/alle-eintraege​/4274​?person=levitta,%20jendel%20geborene%20isaac&kontext=xsearch&zeiger=2. (Zugriff 25.10.2025).

[7] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 5 /​ 1861. Sie ver­starb am 21.2. 1861 in Rüdes­heim. Der Name ihrer Mut­ter lau­te­te Rebec­ca Löb.

[8] Die gesam­te Inschrift lau­tet:
„Ruhe­stät­te
unse­rer gelieb­ten Gat­tin u. Mut­ter
Jen­del gebor­ne Isaac
Ehe­gat­tin des Feist Levitta
zu Rüdes­heim, geb. zu Ans­bach
den 20. Vea­dar 5565 (= 21.3.1805), gest. in
Rüdes­heim den 11. Adar 5621 (= 21.2.1861).
In Lie­be war sie eine treue Gat­tin ihrem Gat­ten.
Eine sorg­sam lie­ben­de Mut­ter ihren Kin­dern.
Nie Falsch­heit heg­te sie im Her­zen
Den Freun­den, die sich ihr ver­trau­ten
Ein rei­ner, from­mer Sinn in
die­sem Leben
Lies Frie­den sie und Ruh im
Gra­be fin­den.“

https://​lagis​.hes​sen​.de/de​/personen​/juedische-grabstaetten​/alle-eintraege​/4274​?person=levitta,%20jendel%20geborene%20isaac&kontext=xsearch&zeiger=2. (Zugriff 25.10.2025).

[9] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 89 /​ 1910. Die Kin­der von Feist und Jet­te /​ Jen­del Levitta waren: Sara, gebo­ren am 31.5.1834, gestor­ben am 29.3.1936; Isaak, gebo­ren am 2.8.1836, gestor­ben am 24.12.1910; Joseph, gebo­ren am 1.6.1840, gestor­ben am 4.11.1850; Fan­ny Fran­zis­ka, gebo­ren am 15.4.1842, gestor­ben am 20.3.1844; Wil­hel­mi­na, gebo­ren am 3.6.1848, gestor­ben am 18.5.1859; Hen­ri­et­ta, Geburts­tag unbe­kannt, gestor­ben am 7.4.1848. Außer­dem wur­de ein wei­te­res namen­lo­ses Kind am 17.5.1938 ver­mut­lich tot gebo­ren.
Die Anga­ben wur­den in Fami­ly­Se­arch gefun­den, das die Per­so­nen­stands­re­gis­ter und Kir­chen­bü­cher von Hes­sen-Nas­sau, die sich im Staats­ar­chiv Mar­burg befin­den, online gestellt hat, sie­he https://​www​.fami​ly​se​arch​.org/de​/search​/collection​/1768560. (Zugriff 25.10.2025).

[10] https://​www​.fami​ly​se​arch​.org/ark:​/61903​/1:1:D4CG-FDPZ​?lang=de. (Zugriff 25.10.2025). Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 8 /​ 1846. Ihre Eltern waren Eli­as und Güt­chen Löw gebo­re­ne May­er. Sie nah­men den fes­ten Fami­li­en­na­men Heil­bronn an.

[11] Eli­as, das ältes­te Kind, gebo­ren am 24.1.1847, Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 8 /​ 1847; Edu­ard, gebo­ren am 30.11 1852, Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 90 /​ 1852; Jet­t­chen, gebo­ren am 18.8.1859, Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 63 /​ 1859.

[12] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 16, und 17, Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 34 und 74.

[13] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 11 /​ 1859 und Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 34 /​ 1859.

[14] Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 11 /​ 1889.

[15] HHStAW 238 147.

[16] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 89 /​ 1910.

[17] Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 26 /​ 1883.Herz Levitta ver­starb am 26. oder 27. 12.1870, sie­he https://​lagis​.hes​sen​.de/de​/personen​/juedische-grabstaetten​/alle-eintraege​/4271​?person=naftali,%20sohn%20des%20uri%20ha-levi&kontext=xsearch&zeiger=1. (Zugriff 25.10.2025).

[18] Ster­be­re­gis­ter Frank­furt 3684 /​ 1899.

[19] Der Rab­bi­ner Dr. Samu­el Süß­kind hat­te das Amt in Wies­ba­den 1844 über­nom­men und setz­te damit – von einem kur­zen Zwi­schen­spiel abge­se­hen – die Tra­di­ti­on des gro­ßen libe­ra­len Rab­bi­ners Dr. Abra­ham Gei­ger fort.

[20] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 38 /​ 1892. Sie war die Toch­ter des Wies­ba­de­ner May­er Sulz­ber­ger und des­sen Frau Sara, gebo­re­ne Mayer.

[21] Hei­rats­re­gis­ter Frank­furt Born­heim 135 /​ 1880.

[22] Ster­be­re­gis­ter Frank­furt 66/​VI /​ 1939.

[23] Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 26 /​ 1883.

[24] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 155 /​ 1884.

[25] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 31 /​ 1903.

[26] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 42 /​ 1889 und Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 23 /​ 1914.

[27] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 38 /​ 1893.

[28] Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 96 /​ 1876.

[29] https://​www​.fami​ly​se​arch​.org/ark:​/61903​/3:1:3QS7-L937-KB2X​?view=index&personArk=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AQVT7-1XV3&action=view&lang=de&groupId=. (Zugriff 25.10.2025).

[30] https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/1174​/records​/972867. (Zugriff 25.10.2025).

[31] https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/1174​/records​/972867. (Zugriff 25.10.2025). Auch die Über­fahrt im Jah­re 1881 ist doku­men­tiert, sie­he https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/1068​/records​/4364981. (Zugriff 25.10.2025).

[32] https://​tools​.juf​.stadt​ar​chiv​-digi​tal​.de/showimg​/JUF_viewer.php​?navi=paketNr&quelleId=1046&primkey=0&paketNr=77&signatur=sbz1-0219&eintrag=0&IdNr=37827. (Zugriff 25.10.2025).

[33] HHStAW 685 688a (5).

[34] Ebd. (5).

[35] Ebd. (2). Das Geschäfts­haus hat­te einen Wert von 27.000 RM, das Haus in der Lang­str. 3 von 13.000 RM. Karl Roth­schild merk­te aller­dings an, dass er das Geschäfts­haus 1919 zu einem Betrag von nur 19.500 RM erwor­ben hatte.

[36] Ebd. (1).

[37] Das Erin­ne­rungs­blatt des ‚Akti­ven Muse­ums Wies­ba­den‘ ist wegen Umbau der Home­page zur Zeit nicht online gestellt. Lei­der sind auch kei­ne Quel­len für die Ein­schät­zung angegeben.

[38] HHStAW 685 688 a (23).

[39] Ebd. (pas­sim).

[40] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/2280​/images​/47294_302022005557_0624-00229​?pId=51772784. (Zugriff 25.10.2025).

[41] Sie­he auch im Fol­gen­den https://​www​.saul​heim​.de/familie-leopold-herzog/. (Zugriff 25.10.2025). Leo­pold Her­zog war am 25.5.1876 in Nie­der­saul­heim gebo­ren wor­den. Emmy hat­te noch einen älte­ren Bru­der namens Albert, der am 24.3.1903 zur Welt gekom­men war. Die Eltern wur­den 1936 gezwun­gen, ihren Hei­mat­ort zu ver­las­sen und nach Mainz zu zie­hen. Im Sep­tem­ber 1942 wur­den sie nach The­re­si­en­stadt depor­tiert und ermor­det. In Saul­heim wur­den für bei­de, aber auch für ihren Sohn Albert, dem die Flucht nach Eng­land gelang, Stol­per­stei­ne verlegt.

[42] https://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/niedersaulheim_synagoge.htm. (Zugriff 25.10.2025). Zu Ema­nu­el Vorch­hei­mer sie­he https://​juf​.stadt​ar​chiv​-digi​tal​.de/render/85​?IdNr=32159&friedhofsquelle=. (Zugriff 25.10.2025).

[43] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/2280​/images​/47294_302022005557_0624-00200​?pId=6772756. (Zugriff 25.10.2025).

[44] HHStAW 519/​3 58471 (1).

[45] HHStAW 518 32354 (56 f.).

[46] HHStAW 519/​3 58471. (4–6).

[47] HHStAW 685 459 a (1).

[48] Ebd. (4, 5).

[49] Ebd. (16–21).

[50] Ebd. (23). Drei Raten zu je 178 RM wur­den ihr bewil­ligt, Beträ­ge, die für sie ganz sicher eine beträcht­li­che Last bedeu­te­ten. Sie bat in einem wei­te­ren Schrei­ben dar­um, die Raten auf 100 RM zu begren­zen, was dann tat­säch­lich auch bewil­ligt wur­de. Ebd. (24).

[51] Ebd. (26).

[52] Ebd. (9). Das Finanz­amt notier­te auf dem Schrei­ben nur, dass das Ein­kom­men und das Ver­mö­gen von Bel­la Levitta unter­halb des für die Reichs­flucht­steu­er gesetz­ten Grenz­werts liegen.

[53] Ebd. (29).

[54] Ebd. (45).

[55] Ebd. (30–38). Den rela­tiv hohen Ver­mö­gens­wert für das Jahr 1935 erklär­te sie erneut mit einer fal­schen Bewer­tung der Außenstände.

[56] Ebd. (35). Auch dies­mal gewähr­te man ihr erstaun­li­cher­wei­se eine Raten­zah­lung der Steuerschulden.

[57] HHStAW 685 459b (20).

[58] Sie­he im Fol­gen­den https://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/images​/Images%20171​/de_stadtarchiv_2007_SN106_Schande_Kristallnacht.pdf. (Zugriff 25.10.2025).

[59] Kro­pat, Kris­tall­nacht in Hes­sen, S. 74.

[60] Ebd. S. 78.

[61] https://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/images​/Images%20171​/de_stadtarchiv_2007_SN106_Schande_Kristallnacht.pdf. (Zugriff 25.10.2025).

[62] HHStAW 518 32354 (6).

[63] HHStAW 685 459a (48, 49).

[64] HHStAW 685 459e (5). Sprach­li­che Feh­ler im Original.

[65] Ebd. (7).

[66] Ebd. (10).

[67] HHStAW 519/​3 5847 (33).

[68] Im Hin­blick auf Bel­la Levitta gibt es, was die Wohn­an­schrift betrifft, aller­dings eine gewis­se Unklar­heit. Auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te ist als ihre ers­te Wies­ba­de­ner Adres­se mit dem Ein­zugs­da­tum 30. April 1939 – da wohn­te sie längst in Wies­ba­den in der Rhein­str. 81 – die Mos­ba­cher­str. 36 ein­ge­tra­gen. Auch liegt eine Devi­sen­ak­te mit der glei­chen Adress­an­ga­be vor. Es han­delt sich bei dem Ein­trag auf der Gestapo­kar­tei­kar­te aber um eine Ver­wechs­lung mit Bel­la Levi­ta – Levi­ta mit nur einem „t“ geschrie­ben. Die­se Bel­la Levi­ta war am 11.4.1918 in Worms gebo­ren wor­den, leb­te aber eben­falls zuletzt in Wies­ba­den. Sie war tat­säch­lich Haus­an­ge­stell­te bei Paul und Pau­li­ne Korn­blum in der Mos­ba­cher Str. 36. Obwohl die Devi­sen­stel­le in Frank­furt bei­de Akten am 17.4.1940 anleg­te, hat die­se die bei­den prin­zi­pi­ell nicht ver­wech­selt, zumin­dest sind die Namen auf den Akten­de­ckeln unter­schied­lich geschrie­ben, aller­dings beinhal­ten dann Anschrei­ben in der­sel­ben auch fal­sche Schreib­wei­sen. Die jewei­li­gen Namens­trä­ge­rin­nen haben aber – ihre Unter­schrif­ten sehen sich übri­gens sehr ähn­lich – immer rich­tig unter­schrie­ben.
Aber nicht nur die Gesta­po hat­te die bei­den ver­wech­selt, son­dern auch das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se, das bei der Erar­bei­tung des Erin­ne­rungs­blatts für die Bel­la Levitta aus Rüdes­hei­mer die fal­sche Devi­sen­ak­te hin­zu­ge­zo­gen und die Modis­tin als Haus­an­ge­stell­te bei Korn­bl­ums aus­ge­ge­ben hat. Das Erin­ne­rungs­blatt des ‚Akti­ven Muse­ums Wies­ba­den‘ für Bel­la Levitta ist zur­zeit nicht abruf­bar, der irri­ge Text ist aber auch abge­druckt im ers­ten Stol­per­stein­buch „Stol­per­stei­ne in Wies­ba­den 2005 – 2008, S. 92 f. Auf­grund der Ver­wechs­lung liegt vor dem Haus in der Mos­ba­cher Str.36 auch der fal­sche Stol­per­stein, näm­lich der für die Rüdes­hei­me­rin Bel­la Levitta, der eigent­lich vor die Rhein­str. 81 gehört. Vor das Haus in der Mos­ba­cher Str. 36 hät­te hin­ge­gen der für Bel­la Levi­ta aus Worms gelegt wer­den müssen.

[69] HHStAW 519/​3 3452 (5).

[70] Ebd. Er mach­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren prä­zi­se Anga­ben über die frü­he­re Ein­rich­tung der Woh­nung in Rüdes­heim und deren Wert, den er mit ins­ge­samt etwa 4.000 RM ansetzte.

[71] HHStAW 685 688b (5).

[72] Ebd. (13, 22).

[73] Ebd. (24, 25, 31, 32).

[74] HHStAW 519/​3 5847 (80, 81).

[75] Ebd. (82).

[76] HHStAW 685 688 (40).

[77] HHStAW 685 459e (17 f.).

[78] HHStAW 519/​3 5847 (84).

[79] HHStAW 518 32354 (56 f.).

[80] HHStAW 685 688a (41).

[81] In einem Schrei­ben vom 22.2.1940 an das Finanz­amt Wies­ba­den erwähnt Karl Roth­schild ein Depot bei der Deut­schen Bank in Mainz, aus der er Zins­ge­win­ne bezo­gen habe. Wie groß die­ses Depot war, ist hier nicht erwähnt. Ebd. (39).

[82] HHStAW 685 688 c (17). Obwohl es über der Frei­gren­ze von 5.000 lag, blieb auch sie von die­ser zusätz­li­chen Rate erstaun­li­cher­wei­se ver­schont. Mög­li­cher­wei­se hat­te man es schlicht übersehen.

[83] HHStAW 519/​3 3452 (6).

[84] Ebd. (8).

[85] Ebd. (11).

[86] Ebd. (13).

[87] Ebd. (65, 66).

[88] HHStAW 519/​3 5847 (86, 87).

[89] Ver­mut­lich han­delt es sich um den Wies­ba­de­ner Foto­gra­fen Wil­li Rudolph. Die Fotos sind im Hes­si­schen Haupt­staats­ar­chiv unter HHStAW 3008/​2 zu fin­den und online zu sehen, sie­he auch https://​atlas​.last​seen​.org/image​/wiesbaden​/156. (Zugriff 25.10.2025).

[90] https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/media​/zmarch​/images​/3​/3​/1​/34897_ca_object_representations_media_33143_large.jpg. (Zugriff 25.10.2025).

[91] https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/media​/zmarch​/images​/4​/1​/0​/90906_ca_object_representations_media_41079_large.jpg. (Zugriff 25.10.2025).

[92] Zu die­sen Trans­por­ten sie­he Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 224–229.

[93] Yad Vas­hem Archi­ves O8 /​ 42, zit. nach Bembenek/​Dickel, Kein deut­scher Patri­ot mehr, S. 120.

[94] Ebd.

[95] https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/61596​/records​/11055291. (Zugriff 25.10.2025).

[96] https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/2997​/records​/145803473, dazu https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/2280​/images​/47294_302022005557_0624-00200​?pId=6772756. Auch https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/7488​/records​/1006814011. (Zugriff 25.10.2025). Auf dem Schiff befand sich noch eine wei­te­re Fami­lie Roth­schild, bestehend aus Otto, Ella und Ilse Roth­schild. Ob es eine ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dung zwi­schen ihnen gab, konn­te nicht fest­ge­stellt werden.

[97] https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/2027​/records​/12077​?nreg=1. (Zugriff 25.10.2025). Dazu https://​www​.ancestry​.de/search​/collections​/61665​/records​/96060. (Zugriff 25.10.2025).

[98] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/62308​/images​/43290879-New_York-133755–0029​?pId=286854249. (Zugriff 25.10.2025).

[99] HHStAW 518 32354 (33).

[100] Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 11 /​ 1889. Er war ein am 8.6.1866 gebo­re­ner Sohn von Levi und Sybil­la Schmitz, gebo­re­ne Kauf­mann. Unter den Trau­zeu­gen fin­det man Euge­nies Schwa­ger Edu­ard Ober­dör­fer, der Ehe­mann ihrer Schwes­ter Paula.

[101] Für Her­mi­ne Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 279 /​ 1920, für Pau­la Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 107 /​ 1891 und für Euge­nie Geburts­re­gis­ter Rüdes­heim 68 /​ 1895.

[102] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 279 /​ 1920. Ihr Ehe­mann war am 15.7.1893 in Schö­ne­beck bei Mag­de­burg gebo­ren worden.

[103] Ebd.

[104] Das Haus gehör­te der jüdi­schen Fami­lie Stein­lauf, die in die USA emi­griert war. Der Ein­trag auf der Gestapo­kar­tei­kar­te könn­te auch als 32a gele­sen wer­den, aller­dings war die­ses Haus nicht in jüdi­schem Besitz.

[105] HHStAW 519/​2 1381 (o​.​P.).

[106] Zu die­sem Trans­port sie­he aus­führ­lich King­reen, Depor­ta­ti­on der Juden aus Hes­sen, S. 117–122.

[107] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 1397.

[108] Ebd.

[109] https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/bio​/f320ce25-8a38-40ab-b544-fdbaafa764f5​?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&forename=Eugenie&surname=Schmitz&res_single_fd=false&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de. (Zugriff 25.10.2025).

[110] Ster­be­re­gis­ter Rüdes­heim 56 /​ 1909.

[111] Ster­be­re­gis­ter Bie­brich 235 /​ 1915.

[112] https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/SIMS​/01020401​/0003​/114637149​/001.jpg. (Zugriff 25.10.2025).

[113] https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/wartime​/02010101​/0689​/1224381​/002.jpg. (Zugriff 25.10.2025).

[114] Hei­rats­re­gis­ter Rüdes­heim 32 /​ 1908. Die Name der Eltern des Ehe­manns waren Johann Her­mann Edu­ard und Ida Ober­dör­fer, gebo­re­ne Schüler.