Kaiser-Friedrich-Ring 80


Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 heute Eigene Aufnahme
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage
Lage der bei­den Juden­häu­ser der Brü­der Selig am Ring und in der Oranienstraße
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 80
Bele­gung des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 80

 

 

 

 

 

 

 


Lucian und Erna Selig, geborene Reiß, sowie Otto Selig

Die Vorfahren von Lucian und Otto Selig

Die Gebrü­der Luci­an und Otto Selig betrie­ben in Wies­ba­den nicht nur zusam­men eine Mehl­groß­hand­lung, sie waren auch gemein­sam Eigen­tü­mer sogar zwei­er Juden­häu­ser. Sowohl in ihrem Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 als auch in der Ora­ni­en­str. 60 waren in der Pha­se, in der die Jüdin­nen und Juden in Wies­ba­den in Vor­be­rei­tung auf ihre Depor­ta­ti­on in sol­chen Ghet­to­häu­sern kon­zen­triert wur­den, sehr vie­le jüdi­sche Mie­ter ein­quar­tiert worden.

Ursprüng­lich kamen die Vor­fah­ren der Brü­der aus Hechts­heim, somit von der ande­ren Sei­te des Rheins, wo sich etwa in der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts eine klei­ne jüdi­sche Gemein­de bil­de­te, in der die Seligs neben den Kapps und Weiss von Beginn an eine füh­ren­de Rol­le spiel­ten. In einem Schrei­ben aus dem Jahr 1880, das von allen Haus­halts­vor­stän­den der jüdi­schen Gemein­de Hechts­heim unter­zeich­net war, tra­gen von den ins­ge­samt 19 Unter­zeich­nern acht den Namen Selig, dar­un­ter auch die Mit­glie­der des Vor­stands Jakob und Sieg­mund Selig.[1]

Zu die­sem Zeit­punkt hat­te sich schon eine eigen­stän­di­ge jüdi­sche Gemein­de gebil­det, die auch über eine – noch – in einem Pri­vat­haus gele­ge­ne eige­ne Syn­ago­ge ver­füg­te. Belief sich die Zahl der jüdi­schen Bewoh­ner 1824 noch auf nur 24, so ver­dop­pel­te sie sich bis zur Mit­te des Jahr­hun­derts und war an des­sen Ende im Zenit auf knapp 100 Per­so­nen ange­wach­sen.[2] Die Fami­li­en waren weit­ge­hend in das gemein­sa­me dörf­li­che Leben inte­griert und das for­mal wei­ter bestehen­de „Mora­li­täts­pa­tent“, ein eigent­lich jähr­lich zu erneu­ern­der Berech­ti­gungs­schein für Juden, über­haupt Han­dels­ge­schäf­te betrei­ben zu dür­fen, wur­de eher lax gehand­habt. Jüdi­sche Kin­der besuch­ten die glei­chen Schu­len wie die übri­gen, und Pro­tes­tan­ten nah­men in dem katho­lisch gepräg­ten Main­zer Gebiet im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert eher als die Juden eine Außen­sei­ter­po­si­ti­on ein. „Bis 1933 funk­tio­nier­ten Freund­schaf­ten, Nach­bar­schaf­ten, Ver­eins­mit­glied­schaf­ten, geschäft­li­che Bezie­hun­gen, vor allem zwi­schen Land­wir­ten und jüdi­schen Kauf­leu­ten.“ Aber, so räumt Keim auch ein: „Juden­fein­de gab es unbe­strit­ten im Dorf, auch schon vor 1933.“[3]

Simon Selig, sara Bloch Selig, Benedict Selig, Johanna Michel Selig, Ludwig Selig, Ester Sontheimer Selig, Emma Mayer Selig, Karoline Rosenfeld Selig, Elisabetha Levy Selig, Heinz Levy, Samuel Sußmann, Samuel Süssmann,Johanna Stern Selig, Kaufmann Stern,Siegfried Selig, Antonie Kahn Selig, Jenny Kramer Selig, Albert Kramer, Karl Siegmund Selig, Jenny Scheuer Selig, Otto Selig, Lucian Selig, Erna Reiß Selig, Rudolph Selig, Hildegard Fischer Selig, Rudolf Benedikt Selig, Emma Süssmann Weiss, Emil Weiss,Ernst Stern, Mathilde Bloch Stern, Emma Weis Selig, Siegmund Weis, Cäcilie Weis Selig, Max Weis, Erna Stein Kramer, Otto Stein,Erna Scheuer Grünewald, Alfred Grünewald, Ellen Michel Selig, Lotte Stein Zinner, Julius Zinner, Ruth Ingeborg Weis, Juden, Wiesbaden, Judenhäuser, Kaiser-Friedrich-Ring 80, Klaus Flick
Stamm­baum der Fami­lie Selig
GDB

Es wür­de im gege­be­nen Rah­men zu weit füh­ren, die genea­lo­gi­schen Strän­ge aller Mit­glie­der der weit­ver­zweig­ten Fami­lie Selig auf­zu­drö­seln und zu ver­fol­gen, aber zumin­dest die Zwei­ge, aus denen eine Ver­bin­dung nach Wies­ba­den erwuchs, sol­len im Fol­gen­den genau­er betrach­tet werden.

Als ältes­ter, bekann­ter Ahn der Fami­lie Selig in Hechts­heim gilt Simon Selig I., der 1783 in Wie­sen­bronn bei Würz­burg als Sohn von Simon Weis­mann und sei­ner Frau Adel­heid Wilia­na gebo­ren und 1813 in die Bür­ger­schaft der Gemein­de Hechts­heim auf­ge­nom­men wur­de.[4] Mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit han­delt es sich um den Simon Selig, der im oben erwähn­ten Brief als Vor­stands­mit­glied genannt ist, und bei dem eben­falls auf­ge­führ­ten Jakob könn­te es sich um sei­nen am 15. Janu­ar 1830 gebo­re­nen Sohn han­deln.[5]

Ver­hei­ra­tet war Simon Selig mit Sara Bloch, über deren Geburts­da­ten kei­ne Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen. Es sol­len ins­ge­samt fünf­zehn Kin­der aus die­ser Ehe her­vor­ge­gan­gen sein[6] und eini­ge der Unter­zeich­ner des oben erwähn­ten Brie­fes gehör­ten in jedem Fall zu den Nach­kom­men des Paa­res.[7] Fol­gen­de Fami­li­en­mit­glie­der sind dort nament­lich auf­ge­führt: Bene­dikt (Metz­ger), Eli­as (Mak­ler), Jakob (Frucht­händ­ler), Leo (Vieh­händ­ler), Lud­wig (Frucht­händ­ler), Sieg­mund (Frucht­händ­ler) und Simon II (Vieh­händ­ler).

Bezüg­lich der Beru­fe fin­det man in den Unter­la­gen auch bei iden­ti­schen Per­so­nen oft unter­schied­li­che Anga­ben, aber alle ver­dien­ten ihren Lebens­un­ter­halt in den damals für Land­ju­den typi­schen Bran­chen als Frucht- und Getrei­de­händ­ler oder als Metz­ger und Vieh­händ­ler. Oft fin­det man in den Quel­len auch nur die all­ge­mei­ne Bezeich­nung „Han­dels­mann“, was aber inso­fern wahr­schein­lich am prä­zi­ses­ten ist, als die gan­ze Fami­lie in all die­sen Berei­chen tätig war und eine Spe­zia­li­sie­rung ein­zel­ner Fami­li­en­mit­glie­der sich erst im fol­gen­den Jahr­hun­dert entwickelte.
Das ursprüng­li­che Gewer­be, das Simon Selig I und sei­ne Söh­ne betrie­ben, war ver­mut­lich das Metz­ger­hand­werk. Aber auch er wird zum Bei­spiel in der Hei­rats­ur­kun­de sei­nes Soh­nes Lud­wig nur als Han­dels­mann bezeich­net.[8] Dass Metz­ger damals auch im Vieh­han­del aktiv waren, ist all­ge­mein bekannt. So war auch Eli­as, der dritt­äl­tes­te Sohn, gebo­ren am 8. Sep­tem­ber 1821, laut sei­nem Todes­ein­trag Metz­ger, ist aber in der Lis­te auch als Mak­ler ver­zeich­net. Er ver­starb ledig am 25. Febru­ar 1906 im hohen Alter von 85 Jah­ren.[9] Auf der Hei­rats­ur­kun­de sei­nes jün­ge­ren Bru­ders, des am 27. Dezem­ber 1824 gebo­re­nen Nathan Selig, ist als des­sen Berufs­be­zeich­nung „Han­dels­mann und Metz­ger“ ange­ge­ben.[10] Sein ältes­ter Bru­der Sam­son wur­de in sei­nem Ster­be­ein­trag dage­gen nur als Han­dels­mann geführt.[11]

Für die Geschich­te der Wies­ba­de­ner Juden sind die bei­den Söh­ne Bene­dikt und im Beson­de­ren Lud­wig von grö­ße­rer Bedeu­tung, denn Letz­te­rer war der Vater der spä­te­ren Juden­haus­be­sit­zer Otto und Luci­an Selig. Lud­wig, gebo­ren am 21. Febru­ar 1834,[12] war der zwölf­te in der gro­ßen Kin­der­schar von Simon I und Sara Selig.

Otto und Luci­an hat­ten aber eben­falls eine nahe­zu gleich gro­ße Zahl an Geschwis­tern wie ihr Vater. In zwei Ehen hat­te Lud­wig Selig im Zeit­raum von etwa zwan­zig Jah­ren – soweit bekannt – ins­ge­samt elf Kin­der gezeugt. Erst­mals hei­ra­te­te er am 3. Juni 1863 in Hechts­heim Ester /​ Esther Sond­hei­mer aus Bür­stadt bei Lorsch an der Berg­stra­ße. Die damals Ein­und­zwan­zig­jäh­ri­ge war dort am 29. Sep­tem­ber 1838 als Toch­ter von Abra­ham und Sara Sond­hei­mer, gebo­re­ne Mann­hei­mer, zur Welt gekom­men.[13]

Heiratseintrag von Ludwig Selig und Ester Sondheimer
Hei­rats­ein­trag von Lud­wig Selig und Ester Sondheimer

Es waren sechs Kin­der, die aus die­ser ers­ten Ehe her­vor­gin­gen.[14] Als das ers­te Kind zur Welt kam, leb­te das Paar in der Main­zer Stra­ße in einem Haus mit der Num­mer 290. Zu Beginn des Kai­ser­reichs, als die Toch­ter Aman­da gebo­ren wur­de, bewohn­ten sie das Haus Num­mer 435 in der Heu­er­stra­ße.[15] Lud­wig Selig ist in die­sem Geburts­ein­trag all­ge­mein als Han­dels­mann aus­ge­wie­sen, war aber wohl eigent­lich – wie in der obi­gen Lis­te zu lesen ist – Fruchthändler.

Heiratseintrag Ludwig Selig und Emma Mayer
Hei­rats­ein­trag von Lud­wig Selig und Emma Mayer

Nach­dem Ester Selig 1873 ver­stor­ben war,[16] hei­ra­te­te der Wit­wer im fol­gen­den Jahr, am 29. Juni, erneut. Sei­ne zwei­te Frau Emma May­er kam aus dem rhein­hes­si­schen Gun­ters­blum.[17] In die­ser Ehe wur­den fünf wei­te­re Kin­der gebo­ren, dar­un­ter die bei­den Wies­ba­de­ner Juden­haus­be­sit­zer Otto und Lucian.

Dem Schick­sal die­ser elf zwi­schen 1864 und 1886 gebo­re­nen Kin­der und dem ihrer Fami­li­en und Nach­kom­men soll im Fol­gen­den zumin­dest in gro­ben Zügen nach­ge­gan­gen wer­den. Nur zwei von ihnen erleb­ten das Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft in ihrem ame­ri­ka­ni­schen Exil. Alle ande­ren waren zuvor ver­stor­ben oder wur­den in der Shoa ermordet.

Zwei der in der ers­ten Ehe gebo­re­nen Kin­der, Aman­da und Arthur, teil­ten das Schick­sal vie­ler Neu­ge­bo­re­ner in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten und wur­den nicht ein­mal ein Jahr alt. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit war auch der Tod ihrer Mut­ter Ester mit der Geburt ihres letz­ten Kin­des Arthur ver­bun­den, da bei­de 1873 im Abstand von nur weni­gen Tagen ver­star­ben.[18]

 

Otto und Lucian Selig

Der Ers­te aus der Hechts­hei­mer Fami­lie Selig, der sich auf der ande­ren Rhein­sei­te in Wies­ba­den nie­der­ließ, war Simon Selig, der am 11. Sep­tem­ber 1865 in Hechts­heim gebo­re­ne Sohn von Bene­dict Selig, einem älte­ren Bru­der von Lud­wig.[19] Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1897/​98 ist Simon Selig erst­mals als Bür­ger der Stadt auf­ge­führt. Der Wein­han­dels­rei­sen­de wohn­te auch in den fol­gen­den Jah­ren in der Gerichts­str. 1 im ers­ten Stock, dann zwei Jah­re in der Her­der­str. 10, bevor er ab 1907 für die fol­gen­den Jahr­zehn­te einen fes­ten Wohn­sitz in der Moritz­str. 66 bezog. Im fol­gen­den Jahr erhielt sein Wein­ver­trieb eine neue Rechts­form und wohl auch wei­te­re Kapi­tal­ge­ber, denn sie fir­mier­te fort­an als ‚Selig & Co. KG’, in der er aber wei­ter­hin die Funk­ti­on des per­sön­lich haf­ten­den Gesell­schaf­ters aus­üb­te. Ver­hei­ra­tet war er mit Karo­li­ne Rosen­feld aus Mas­sen­bach bei Heil­bronn. Die bei­den Kin­der des Paa­res, Ali­ce Babet­te, gebo­ren am 5. Juni 1899, und Rudolf Bene­dikt, gebo­ren am 16. Sep­tem­ber 1902, kamen schon in Wies­ba­den zur Welt.[20]

Wie gut die Geschäf­te des klei­nen Unter­neh­mens lie­fen, ist nicht mehr zu sagen. Die Anzei­gen in den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern nah­men zumin­dest bald einen grö­ße­ren Raum ein und schei­nen zumin­dest den Cou­sin Otto Simon Selig davon über­zeugt zu haben, dass auch die ande­re Rhein­sei­te ein attrak­ti­ver Wirt­schafts­stand­ort sein könnte.
Otto Simon, der im All­ge­mei­nen nur Otto geru­fen wur­de, war das drit­te Kind aus der zwei­ten Ehe von Lud­wig Selig, gebo­ren am 5. Novem­ber 1878 in Hechts­heim.[21] 1905 zog auch er nach Wies­ba­den und eröff­ne­te in der Fried­richstr. 44 sein Geschäft für ‚Mehl- und Lan­des­pro­duk­te en gros’, sei­ne Woh­nung bezog er aber in der Lui­sen­str. 10. Sein jün­ge­rer Bru­der Luci­an, gebo­ren am 3. Juni 1881,[22] gab spä­ter in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung an, auch er sei, nach­dem er an einem Main­zer Gym­na­si­um das Ein­jäh­ri­ge abge­legt und anschlie­ßend eine Aus­bil­dung in einer Malz­fa­bri­ka­ti­on abge­schlos­sen hat­te, bereits 1905 nach Wies­ba­den gekom­men.[23] Ver­mut­lich wur­de er zunächst bei sei­nem Bru­der als Ange­stell­ter geführt und erst 1909 in die Fir­ma auf­ge­nom­men. Erst ab die­sem Zeit­punkt tritt auch er nament­lich in den Adress­bü­chern auf. Die bis­he­ri­ge Fir­ma wur­de in eine Per­so­nen­ge­sell­schaft mit dem Namen ‚Gebr. Selig’ umge­wan­delt, an der die bei­den Brü­der in glei­chem Umfang und mit glei­chen Rech­ten betei­ligt waren.[24] Auch bezog man nach einem kur­zen Zwi­schen­auf­ent­halt im Par­terre der Rhein­str. 97 ab 1910 eine neue Loka­li­tät im Haus mit der Num­mer 109 in der­sel­ben Stra­ße. 1914 trenn­ten die Brü­der Woh­nung und Geschäft und mie­te­ten in der Dotz­hei­mer Str. 152 eige­ne Büro­räu­me an. Erstaun­lich ist, dass in den fol­gen­den Jah­ren, in denen man mit dem angeb­li­chen „Erz­feind“ Frank­reich sich sogar im Krieg befand, das Geschäft sich nicht mehr als Mehl- und Fut­ter­mit­tel, son­dern als Mehl- und Fou­ra­ge­hand­lung bezeich­ne­te. Von 1916 an wohn­ten die bei­den noch ledi­gen Brü­der angeb­lich wei­ter­hin gemein­sam in der Rhein­str. 111. Aber ob die­se Anga­ben der Adress­bü­cher tat­säch­lich ver­läss­lich sind, sei dahin­ge­stellt, denn bei­de waren wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs als Sol­da­ten ein­ge­zo­gen wor­den und das Geschäft blieb in die­sen Jah­ren geschlossen.

Kaiser Friedrich Ring 80
Das Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 in einer zeit­ge­nös­si­schen Foto­gra­phie
HHStAW 3008/​1 28205

Erst im März 1919 wur­de der Betrieb wie­der auf­ge­nom­men, so die Mel­dung der Brü­der aus dem Janu­ar 1921 an das Finanz­amt Wies­ba­den.[25] Das Schrei­ben trägt bereits die neue Geschäfts­adres­se Niko­las­str. 10, in der heu­ti­gen Bahn­hof­stra­ße. Aller­dings war auch das nur eine kur­ze Zwi­schen­sta­ti­on, denn schon im Sep­tem­ber 1919 erwar­ben sie gemein­sam das 1901 erbau­te, spä­te­re Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80.[26] Noch war die Nach­kriegs­in­fla­ti­on nicht auf ihrem Höhe­punkt ange­kom­men, aber der Kauf­preis von 182.500 RM spie­gelt den Wert­ver­fall der Reichs­mark schon deut­lich wider. Ande­rer­seits war eine sol­che Inves­ti­ti­on für die­je­ni­gen, die über ent­spre­chen­de finan­zi­el­le Mit­tel ver­füg­ten, der sichers­te Weg, um der galop­pie­ren­den Geld­ent­wer­tung zu begeg­nen. In der zwei­ten Jah­res­hälf­te 1919 hat­ten die Brü­der, wie sie dem Finanz­amt im glei­chen Brief mit­teil­ten, durch gute Geschäf­te einen „außer­or­dent­li­chen Ver­mö­gens­zu­wachs“ ver­zeich­nen können.

Heiratsurkunde von Lucian Selig und Erna Reiß
Hei­rats­ur­kun­de von Luci­an Selig und Erna Reiß
HHStAW 518 874 II (40)

Aber nicht nur geschäft­lich ging es in die­ser Zeit vor­an, auch im pri­va­ten Leben von Luci­an Selig gab es eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung: Am 15. Juli 1920 hei­ra­te­te er die aus Ost­ho­fen stam­men­de Erna Phil­ip­pi­ne Reiß.[27] Sie war am 16. Novem­ber 1892 als Toch­ter von Sal­ly und Mat­hil­da Reiß, gebo­re­ne Herz, in der rhein­hes­si­schen Ort­schaft zur Welt gekom­men. Der Kauf des Hau­ses war ver­mut­lich schon mit Blick auf die­se Fami­li­en­grün­dung zustan­de gekom­men und am 20. Mai 1922 wur­de dem Paar dann auch eine Toch­ter geschenkt, die den Namen Ellen erhielt.[28] Nicht mehr ken­nen­ler­nen konn­te die Groß­mutter Emma Selig ihre Enke­lin. Sie war zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt eben­falls von Hechts­heim nach Wies­ba­den gekom­men und hat­te seit­dem mit ihrem Sohn Otto im neu erwor­be­nen Haus gewohnt, wo sie am 25. März 1922 auch ver­starb.[29] Vier Jah­re nach Ellen wur­de am 14. August 1926 der Sohn Karl Lud­wig gebo­ren.[30]

Ver­mut­lich hat­te aber die Fami­lie von Luci­an Selig nicht sofort in das neu erwor­be­ne Haus ein­zie­hen kön­nen und nach der Ehe­schlie­ßung – so die Anga­ben der Adress­bü­cher – zunächst in der Tau­nus­str. 16, dann 1922 am Guten­berg­platz 1, schräg gegen­über dem eige­nen Haus, Quar­tier neh­men müs­sen. In die­sem Jahr ist aller­dings der Bru­der Otto schon als Bewoh­ner des Kai­ser-Fried­rich-Rings 80 ein­ge­tra­gen. Laut dem fol­gen­den Adress­buch aus dem Jahr 1924/​25 wohn­ten dann Otto und Luci­an mit sei­ner inzwi­schen vier­köp­fi­gen Fami­lie für kur­ze Zeit gemein­sam im Haus am Ring.
Viel­leicht war die wach­sen­de Fami­lie von Luci­an der Grund, wes­halb man im glei­chen Jahr wie­der gemein­sam eine wei­te­re Immo­bi­lie erwarb. In das nicht weit ent­fernt gele­ge­ne Haus Ora­ni­en­str. 60 konn­te dann Otto Selig ein­zie­hen.[31] Auch die­ser Kauf ist sicher ein Indiz dafür, dass die Fir­ma nicht gar zu sehr von der Nach­kriegs­kri­se betrof­fen war, obwohl das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men von Otto Selig, das im Jahr 1920 noch 25.000 RM betra­gen hat­te, zwei Jah­re spä­ter auf ein Drit­tel der Sum­me geschrumpft war. Aber es ist aus heu­ti­ger Sicht nicht mehr fest­stell­bar, wel­che Ursa­chen die­se Dif­fe­renz hat­te, ob eher buch­hal­te­ri­sche Maß­nah­men dafür ver­ant­wort­lich waren oder ob sie den tat­säch­li­chen Geschäfts­ver­lauf widerspiegeln.

Eides­statt­li­che Erklä­rung von Luci­an Selig über sei­ne frü­he­ren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se
HHStAW 518 874 I (35)

Einen leicht nega­ti­ven Trend muss­te man auch bei einer Betriebs­prü­fung kon­sta­tie­ren, die das Finanz­amt Wies­ba­den 1929 mit Bezug auf die Jah­re 1926 bis 1928 vor­nahm. In die­sem Zeit­raum gin­gen die jähr­li­chen Umsät­ze von 1.5 Mio. RM auf 1.35 Mio. RM zurück, lagen aber in der Hoch­pha­se der Welt­wirt­schafts­kri­se 1932 noch immer knapp über der Mil­lio­nen­gren­ze. Bei­de Gesell­schaf­ter muss­ten in die­sem Jahr ein gewerb­li­ches Ein­kom­men von jeweils rund 12.000 RM ver­steu­ern.[32] In einer eides­statt­li­chen Erklä­rung gab Luci­an Selig 1950 an, dass sein jähr­li­ches Ein­kom­men vor 1933 zwi­schen 10.000 RM und 14.000 RM gele­gen habe.[33]

Die Fir­ma ver­füg­te über kein eige­nes Lager, son­dern ver­mit­tel­te nur die Lie­fe­rung des Mehls von den Müh­len an die jewei­li­gen Bäcker. Die Beför­de­rung der Ware über­nah­men dann orts­an­säs­si­ge Spe­di­teu­re, sodass es auch im Unter­neh­men selbst kei­ne Arbei­ter oder Fah­rer, son­dern nur Ange­stell­te gab. Das Absatz­ge­biet ging aber über Wies­ba­den und sei­ne Vor­or­te hin­aus und erstreck­te sich genau­so nach Mainz und die rechts­rhei­ni­schen Ort­schaf­ten rhein­ab­wärts bis Lahnstein.

Einen gewis­sen Ein­bruch im Umsatz gab es wohl ab dem Jahr 1927, als die Innung der Wies­ba­de­ner Bäcker eine eige­ne Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft grün­de­te, um den frei­en Han­del aus­zu­schal­ten. Inwie­weit dadurch tat­säch­lich der Umsatz­rück­gang in den fol­gen­den Jah­ren ver­ur­sacht wur­de, ist kaum mehr zu beur­tei­len. Zumin­dest dien­te es bei dem Antrag an das Finanz­amt 1927, die Ein­kom­men­steu­er­vor­aus­zah­lun­gen her­ab­zu­set­zen, als wich­ti­ges Argu­ment.[34]

Ab dem Jahr 1933 bra­chen dann die Umsät­ze und die Ein­kom­men der bei­den Brü­der deut­lich ein. Der Wert der ver­kauf­ten Waren belief sich schon 1933 nur noch auf 660.000 RM, 1934 auf 450.000 RM.[35] Lag ihr Ein­kom­men 1932 noch jeweils 12.000 RM, so hal­bier­te sich die­ses im fol­gen­den Jahr, betrug 1934 und 1935 noch etwa 5.000 RM und 1936 kaum mehr 2.000 RM.[36] Es gab inzwi­schen auch nur noch zwei Ange­stell­te im Betrieb, die die weni­gen Auf­trä­ge abwi­ckel­ten.[37]

Aufgabe Selig
Otto und Luci­an Selig sind zur Auf­ga­be ihrer Fir­ma gezwun­gen
HHStAW 685 699b (2)
Auf­lö­sung der Fir­ma ‘Gebr. Seli­g’
HHStAW 518 874 I (42)

Im Jahr 1937 kam das zwangs­wei­se Ende der Fir­ma. Mit Wir­kung vom 1. Okto­ber wur­den Otto und Luci­an Selig nicht län­ger als „Mehl­ver­tei­ler“ zuge­las­sen. Die Lebens­mit­tel­ver­wer­tungs­stel­le in Frank­furt hat­te – so die Erin­ne­rung von Luci­an Selig – die Wei­ter­füh­rung des Betriebs unter­sagt.[38] Dar­auf­hin wur­de das noch vor­han­de­ne Kapi­tal der Gesell­schaft den Inha­bern zurück­er­stat­tet und der Betrieb am 31. August 1938 ein­ge­stellt.[39] Am 25. Novem­ber 1938 wur­de das Unter­neh­men aus dem Han­dels­re­gis­ter gestri­chen.[40]

Auch wenn die Anga­ben zu den genau­en Umsät­zen und Gewin­nen der Brü­der Selig ins­ge­samt vage blei­ben und nicht mehr über­prüft wer­den kön­nen, war die Ent­schä­di­gungs­stel­le spä­ter davon über­zeugt, dass die Anga­ben im Wesent­li­chen die Geschäfts­ent­wick­lung und die finan­zi­el­len Ein­bu­ßen rich­tig wider­spie­geln, sie also in den Jah­ren 1935/​36 bis zur Schlie­ßung in ihrer Geschäfts­tä­tig­keit zuneh­mend beschränkt waren.[41]

Hat­te der Boy­kott jüdi­scher Geschäfts­leu­te und die Zurück­hal­tung ehe­ma­li­ger Kun­den die Mehl­han­dels­ge­sell­schaft Selig eigent­lich schon Mit­te der 30er Jah­re in den Ruin getrie­ben, so folg­te in den Jah­ren danach der etap­pen­wei­se Raub des noch vor­han­de­nen Ver­mö­gens durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Finanzbehörden.

Laut der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz besaß Otto Selig Ende Dezem­ber 1938 ein Ver­mö­gen von etwa 85.000 RM, wovon aller­dings der Anteil der Immo­bi­li­en einen Wert von etwa 50.000 RM hat­te.[42] Die Behör­de ver­lang­te von der Devi­sen­stel­le, dass zumin­dest die Wert­pa­pier­de­pots durch eine Siche­rungs­an­ord­nung dem frei­en Zugriff des Eigen­tü­mers ent­zo­gen wer­den müss­ten, da damit zu rech­nen sei, dass er Kapi­tal außer Lan­des schaf­fen könn­te. Zwar ent­hält die Akte kei­nen direk­ten Beleg für eine sol­che Anord­nung, aber allein die Tat­sa­che, dass Otto Selig im April anfrag­te, ob er klei­ne Ein­gän­ge noch bestehen­der Außen­stän­de in bar ent­ge­gen­neh­men dür­fe, beweist, dass man in Frank­furt der For­de­rung nach­ge­kom­men war. Auch bat Otto Selig dar­um, dass man ihm einen fes­ten Betrag von 250 RM monat­lich zur Deckung der Lebens­hal­tungs­kos­ten frei­stel­len möge. Offen­sicht­lich waren die Erträg­nis­se der Wert­pa­pie­re, die zunächst frei blie­ben, dafür nicht aus­rei­chend.[43] Eben­so ent­hält eine Mit­tei­lung, die die Nas­saui­sche Spar­kas­se im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren sei­nes Bru­ders Luci­an Selig mach­te, die Infor­ma­ti­on, dass für Otto Selig am 7. Dezem­ber 1939 ein Siche­rungs­kon­to ange­legt wor­den sei.[44] Ersetzt wur­de die­se Siche­rungs­an­ord­nung erst ein Jahr spä­ter am 15. März 1940, durch die sein Frei­be­trag um 50 RM her­auf­ge­setzt wur­de.[45]
Inzwi­schen war aber eini­ges pas­siert, wodurch sein Ver­mö­gen erheb­lich redu­ziert wor­den war. Im Gefol­ge der Reichs­po­grom­nacht waren alle Juden zur Zah­lung der soge­nann­ten „Süh­ne­leis­tung“ ver­pflich­tet wor­den, mit der die Schä­den, die der Nazi-Mob ange­rich­tet hat­te, besei­tigt wer­den soll­ten. Alle Juden, die über ein Ver­mö­gen von mehr als 5.000 RM ver­füg­ten, hat­ten zunächst ein Fünf­tel, letzt­lich sogar ein Vier­tel ihres Ver­mö­gens an den Staat als Son­der­steu­er abzuliefern.

Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be für Otto Selig
HHStAW 685 702d (o.P.)

Bei Otto Selig leg­te das Finanz­amt am 31. Janu­ar 1939 ein Ver­mö­gen von 85.000 RM zugrun­de, was eine Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be – so der offi­zi­el­le Begriff – von zunächst 17.000 RM bedeu­te­te, die in vier Raten à 4.250 RM zu zah­len waren.[46] Schon zuvor, ver­mut­lich unmit­tel­bar im Gefol­ge der ers­ten Siche­rungs­an­ord­nung, hat­te man von ihm die Ver­pfän­dung von Wert­pa­pie­ren für eine gege­be­nen­falls fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er gefor­dert. Papie­re im Wert von 5.800 RM sind dafür offen­bar ein­ge­zo­gen wor­den.[47] Auf die­ses hin­ter­leg­te, aber bis­her nicht über­eig­ne­te Kapi­tal, durf­te Otto Selig bei der Zah­lung der nach­träg­li­chen 5. Rate zurück­grei­fen und die­ses Pfand mit der Rate verrechnen.

Ver­geb­li­che Bit­te von Otto Selig, ihm die 5. Rate der JVA zu ent­las­sen
HHStAW 685 702d (o.P.)

Durch die Zah­lung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be war sein Ver­mö­gen so weit geschrumpft, dass auch die Reichs­flucht­steu­er neu berech­net wer­den muss­te. Ver­ge­bens hat­te er dar­um gebe­ten, dass ihm die zusätz­li­che 5. Rate zumin­dest teil­wei­se erspart blei­ben wür­de. „Ich bin 61 Jah­re alt, ledig und habe mir mei­nen Besitz durch per­sön­li­che schwe­re Arbeit red­lich ver­dient. Ein güns­ti­ger Bescheid des Herrn Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten wür­de mich von gro­ßen Sor­gen befrei­en“, schrieb er am 9, Novem­ber 1939 an das Finanz­amt.[48] Ob er tat­säch­lich glaub­te, die­ses Argu­ment wür­de bei den NS-Finanz­be­hör­den Gehör fin­den, ist schwer zu sagen. Soll­te das der Fall gewe­sen sein, so belegt das ein­mal mehr, wie unrea­lis­tisch noch am Ende des Jah­res 1939 man­che ihre eige­ne Lage in Deutsch­land beur­teil­ten. Als ob die Nazis je wirk­lich einen Unter­schied zwi­schen dem anstän­di­gen, flei­ßi­gen Juden und dem angeb­lich klei­nen „jüdi­schen Schie­ber“ gemacht hätten.

Da vie­le Juden ihr Ver­mö­gen in blei­ben­den Wer­ten wie Immo­bi­li­en oder Betriebs­ka­pi­tal ange­legt hat­ten, waren sie gezwun­gen, zumin­dest Tei­le davon zu ver­äu­ßern, um die For­de­run­gen des NS-Staa­tes zu beglei­chen. Die so erzeug­te „Ari­sie­rungs­wel­le“ lag selbst­ver­ständ­lich gera­de in der Absicht des NS-Staates.

Die Fami­lie Selig, und dazu gehör­ten ver­schie­de­ne Erben aus der Ehe von Lud­wig und Emma Selig, ver­kauf­te offen­sicht­lich nach gemein­sa­mer Abspra­che – eini­ge waren schon in die USA, Uru­gu­ay oder nach Süd­afri­ka aus­ge­reist – Län­de­rei­en in und um Hechts­heim. Als Käu­fer tra­ten nicht nur Pri­vat­leu­te auf, son­dern auch die Gemein­de Hechts­heim, die im Janu­ar 1940 für etwa 4.000 RM sechs Äcker erwarb. Drei Wein­ber­ge gin­gen für 900 RM an einen Hechts­hei­mer Land­wirt, drei Äcker kauf­te ein ande­res ört­li­ches Ehe­paar für 2.000 RM, ein klei­ner Wein­berg ging für 340 RM weg, ein ande­rer Acker für 190 RM und zuletzt noch zwei wei­te­re Äcker für 650 RM. Im Mai 1940 wur­den dann noch wei­te­re Äcker für ins­ge­samt 1.000 RM ver­kauft.[49] Natür­lich muss­ten die Erträ­ge unter den Ver­käu­fern ver­teilt wer­den, sodass für die ein­zel­nen nur rela­tiv wenig verblieb.
Alle Käu­fer waren Hechts­hei­mer Bür­ger bzw. die Gemein­de selbst. Man kann­te die Fami­lie Selig seit ewi­gen Zei­ten, hat­te mit ihr immer in geschäft­li­chen Ver­bin­dun­gen gestan­den. Gleich­gül­tig, ob die gezahl­ten Prei­se ange­mes­sen waren, es blieb ein schmut­zi­ges Geschäft. Aber ver­mut­lich konn­ten die Käu­fer ihr schlech­tes Gewis­sen – sofern vor­han­den – damit beru­hi­gen, dass sie ihren jüdi­schen Mit­bür­gern damit ja nur einen Gefal­len getan und ihnen aus einer finan­zi­el­len Bre­douil­le gehol­fen hatten.

Im April 1940 muss­te Otto Selig der Devi­sen­stel­le ein For­mu­lar über sei­ne der­zei­ti­ge finan­zi­el­le Situa­ti­on abge­ben. Er gab dar­in ein Aktiv­ver­mö­gen von 60.505 RM an, wovon aller­dings Schul­den in Höhe von etwa 20.000 RM abzu­zie­hen waren. Wor­in die­se genau bestan­den, ist nicht dar­ge­legt. Sein Aktiv­ver­mö­gen bestand aber, neben klei­ne­ren Beträ­gen, aus dem Wert des Grund­be­sit­zes, ver­mut­lich nur noch die bei­den ihm zur Hälf­te gehö­ren­den Häu­ser, und einem Wert­pa­pier­de­pot über 14.000 RM. Da das nach Abzug der Schul­den ver­blie­be­ne Rein­ver­mö­gen gerin­ger war als der Wert der Immo­bi­li­en allein, muss man schlie­ßen, dass ent­we­der die Zwangs­ab­ga­ben noch nicht alle geleis­tet oder aber die Häu­ser mit ent­spre­chen­den Hypo­the­ken belas­tet waren. Ver­mut­lich sogar bei­des. Immer­hin konn­te er dank der Miet­ein­nah­men und der Ver­zin­sung der Wert­pa­pie­re mit einem jähr­li­chen Ein­kom­men von etwa 2.700 RM bis 3.000 RM rech­nen, wovon er sei­ne monat­li­chen Aus­ga­ben von etwa 350 RM bestrei­ten muss­te. 45 RM erhielt sei­ne schon seit vie­len Jah­ren bei ihm täti­ge Haus­an­ge­stell­te Frau Frie­da Decker.[50]

Die Devi­sen­ak­te von Luci­an Selig ist lei­der nicht über­lie­fert wor­den, sodass die finan­zi­el­len Ein­bu­ßen, die er zu erlei­den hat­te, sich nur aus der Ent­schä­di­gungs­ak­te rekon­stru­ie­ren las­sen. Ihm waren wohl 26.500 RM als Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be auf­er­legt und ein­ge­zo­gen wor­den, zumin­dest lässt das der Bescheid über die 5. Rate ver­mu­ten, die in der Ent­schä­di­gungs­ak­te erhal­ten blieb. Zur Zah­lung von 5.250 RM war er im Novem­ber 1939 auf­ge­for­dert wor­den.[51] Die ers­ten Raten waren offen­sicht­lich durch Über­eig­nung von Wert­pa­pie­ren begli­chen wor­den.[52] Auch er wird auf die Gel­der aus den Grund­stücks­ver­käu­fen ange­wie­sen gewe­sen sein, muss­te aber dar­über hin­aus auch eine Lebens­ver­si­che­rung durch Rück­kauf unter erheb­li­chen Ver­lus­ten zu Geld machen.[53]

Es lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen dar­über vor, wie­so Otto Selig, anders als sein Bru­der Luci­an, nicht den Ver­such unter­nahm, aus Deutsch­land her­aus­zu­kom­men. Ledig und zudem nicht ganz unver­mö­gend, wäre dies vor 1941, natür­lich unter erheb­li­chen Eigen­tums­ver­lus­ten, eigent­lich prin­zi­pi­ell noch mög­lich gewe­sen. Er scheint aber kei­ne ent­spre­chen­den Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen zu haben, zum Bei­spiel kei­nen Antrag auf eine Visum­ser­tei­lung im ame­ri­ka­ni­schen Kon­su­lat in Stutt­gart gestellt zu haben. Aller­dings befin­det sich in den Steu­er­ak­ten ein For­mu­lar, das von ihm am 22. März 1939 aus­ge­füllt wor­den war. Eigent­lich ging es dar­in um einen Antrag, die fäl­li­ge Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be durch die Abtre­tung von Wert­pa­pie­ren beglei­chen zu dür­fen. In einer Zei­le des For­mu­lar­vor­drucks heißt es: „Ich beab­sich­ti­ge mit den fol­gen­den Per­so­nen … am … 1939 aus­zu­wan­dern und bedarf für die Aus­rei­se eines Betrags von … RM.“ Otto Selig hat­te in die Leer­stel­le per Hand „unbe­stimmt“ ein­ge­tra­gen.[54]

Luci­an Selig hin­ge­gen muss spä­tes­tens unmit­tel­bar nach der Reichs­po­grom­nacht die­se Ent­schei­dung für sich und sei­ne Fami­lie getrof­fen haben. Mit den Vor­be­rei­tun­gen dafür hat­te er aber offen­sicht­lich schon viel frü­her begon­nen. Bereits am 31. Dezem­ber 1937 war er damals noch allei­ne per Schiff über Eng­land in die USA gereist und hat­te dort sei­nen Bru­der Rudolph besucht, der in New York leb­te.[55] Wahr­schein­lich wur­den damals Infor­ma­tio­nen über alle not­wen­di­gen For­ma­li­tä­ten ein­ge­holt und die Mög­lich­kei­ten einer Emi­gra­ti­on bespro­chen. Ende Janu­ar 1938 kehr­te er wie­der nach Deutsch­land zurück,[56] wo die Ent­wick­lun­gen im Lau­fe des Jah­res sicher alle viel­leicht noch bestehen­den Zwei­fel über einen so weit­tra­gen­den Ent­schluss ganz sicher zunich­te gemacht haben. Daher ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass die Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung des Finanz­amts Wies­ba­den, die die Vor­aus­set­zung für die Ertei­lung eines Rei­se­pas­ses war, bereits im Febru­ar 1939 vor­ge­legt wer­den konn­te. In ihr ist sogar ver­merkt, dass die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be und die dann fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er bereits voll­stän­dig bezahlt seien.

Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für Luci­an Selig
HHStAW 518 874 I (4)

Letz­te­re betrug etwas mehr als 17.000 RM.[57] Die „Süh­ne­leis­tung“ hat­te er, so muss man dar­aus schlie­ßen, nicht in vier Raten, son­dern mit einer ein­zi­gen Abtre­tung von Ver­mö­gens­wer­ten abge­gol­ten, wohl in der Hoff­nung, umso schnel­ler das Land ver­las­sen zu kön­nen. Ver­mut­lich hat­te er die ent­spre­chen­den Wert­pa­pie­re damals nur ver­pfän­det, denn die Ein­zah­lun­gen bei der Reichs­bank erfolg­ten zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten.[58] Auch gegen die Über­füh­rung von Umzugs­gut wur­den kei­ne Ein­wän­de erho­ben.[59] Lei­der ist die spe­zi­el­le Devi­sen­ak­te, die über das Umzugs­gut genau­er Aus­kunft geben könn­te, nicht mehr vor­han­den. Dies wäre von Inter­es­se, weil es in der Ent­schä­di­gungs­ak­te eine eigen­ar­ti­ge Rech­nung der Fir­ma Ret­ten­may­er gibt, aus­ge­stellt am 10. Juli 1940 auf Luci­an Selig, in der ein Betrag von 1.008,25 RM „für ent­gan­ge­nem Gewinn für nicht aus­ge­führ­ten Trans­port“ in Rech­nung gestellt wur­de.[60] Was mit dem Lift geschah, lässt sich den Unter­la­gen nicht ent­neh­men. Klei­ne­re Trans­por­te für etwa 200 RM waren offen­bar aus­ge­führt wor­den. Mehr als 4.000 RM wur­den von dem Staat zuletzt vor der Abrei­se noch für neu­wer­ti­ge Waren als soge­nann­te Dego-Abga­be ein­ge­zo­gen.[61]
Im Juli 1939 konn­ten Luci­an Selig mit sei­ner Frau Erna und den bei­den Kin­dern Ellen und Karl Lud­wig Deutsch­land ver­las­sen. Auf der Gestapo­kar­tei­kar­te ist notiert: „27.7.39 nach Erie, USA“. Das war tat­säch­lich ihr eigent­li­cher Ziel­ort, aber zunächst führ­te sie die Flucht nach Eng­land, wo sie ver­mut­lich zunächst als ‚ene­my ali­ens’ fest­ge­hal­ten wur­den. Sie­ben Mona­te blie­ben sie dort, ohne die Mög­lich­keit, sich durch Arbeit ein Ein­kom­men zu ver­schaf­fen.[62] Am 2. Dezem­ber erging die Ent­schei­dung, dass Luci­an Selig nicht inter­niert wer­den müs­se,[63] sodass sie dann am 25. Janu­ar 1940 von Sout­hamp­ton aus mit dem Schiff ‚Veen­dam’ der ‚Hol­land-Ame­ri­can-Line’ nach New York über­set­zen konn­ten.[64] Am 5. Febru­ar 1940 erreich­ten sie den siche­ren Hafen auf der ande­ren Sei­te des Oze­ans, wo sie zunächst bei Rudolph Selig Auf­nah­me fan­den. Aber schon bei der 1940 abge­hal­te­nen Volks­zäh­lung hat­ten sie sich wie geplant in Erie im Staat Penn­syl­va­nia nie­der­ge­las­sen.[65]

Lucian Selig
Über­fahrt der Fami­lie Luci­an Selig in die Frei­heit
https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​4​5​7​9​8​7​5​8​:​2​9​9​7​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE

Der Depor­ta­ti­on und dem Tod waren sie somit zwar ent­kom­men, aber die Jah­re bis die ver­schie­de­nen Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren been­det waren und end­lich auch Geld in den USA ankam, waren sehr schwer. Am 11. April 1953 schrieb Luci­an Selig in einer eides­statt­li­chen Erklärung:
“Ich bin 72 Jah­re alt und muss den Lebens­un­ter­halt für mich und mei­ne Frau ver­die­nen. Wir haben zwei Kin­der, die uns nicht unter­hal­ten können.
Bis­her habe ich durch Vieh­züch­ten und Ver­kauf monat­lich etwa 200 Dol­lar ver­dient, das gera­de für unse­ren Lebens­un­ter­halt aus­reich­te, aber durch zuneh­men­des Alter, Kräf­te­rück­gang und Augen­lei­den dürf­te ich in Zukunft kaum oder nur noch wenig zu ver­die­nen im Stan­de sein. Mei­ne Erspar­nis­se sind nur ganz gering. Wir sind im Jah­re 1939 aus­ge­wan­dert und ver­lo­ren das gesam­te Ver­mö­gen in Deutsch­land.“
Er sei, so ergänz­te er, auf die Ent­schä­di­gun­gen ganz drin­gend ange­wie­sen.[66] Eine ähn­li­che eides­statt­li­che Erklä­rung gab er erneut im Jahr 1955 ab. Noch immer leb­te er von etwa 200 Dol­lar. Bis­her hät­ten ihm „gute Freun­de mit Mit­teln aus­ge­hol­fen“, aber die­se sei­en inzwi­schen ver­stor­ben. Noch ein­mal bat er um die drin­gen­de Bear­bei­tung sei­ner Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che.[67] Ers­te Gel­der flos­sen dann tat­säch­lich ab 1955, aber nur rela­tiv klei­ne Beträ­ge. Erst 1958 wur­de der Ent­zug der Wert­pa­pie­re mit 66.000 DM ent­schä­digt.[68]

Sterbeeintrag für Lucian Selig
Ster­be­ein­trag für Luci­an Selig

Luci­an Selig leb­te danach noch zehn Jah­re. Er ver­starb am 29. April 1968 im Alter von 86 Jah­ren,[69] sei­ne Frau Erna am 9. Okto­ber 1989,[70] bei­de in Erie.

Ellen Selig

Die Toch­ter Ellen, die in Wies­ba­den das Lyze­um besucht hat­te, muss­te ihre Schul­aus­bil­dung wegen der Flucht unter­bre­chen. Weder ist bekannt, ob sie die­se in den USA abschlie­ßen konn­te, noch, wel­che beruf­li­che Lauf­bahn sie ein­schlug. In den USA hei­ra­te­te sie den eben­falls deutsch­stäm­mi­gen, aber bereits im Jahr 1923 in Erie, Penn­syl­va­nia, gebo­re­nen Mar­tin Michel. Sei­ne Eltern Juli­us und Recha Michel, gebo­re­ne Kahn, waren bereits Jah­re, bevor die Nazis die Macht in Deutsch­land erhiel­ten, nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. Sie stamm­ten, wie Ellens Mut­ter, aus dem rhein­hes­si­schen Ost­ho­fen, wo Mar­tin Michels Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits frü­her als Metz­ger tätig war. Nach sei­nem Tod war sei­ne Frau Augus­ta Michel, gebo­re­ne Diehl, mit ihrer Toch­ter Recha, ihrem Schwie­ger­sohn Juli­us und zwei wei­te­ren Söh­nen aus­ge­wan­dert. Sie hat­ten sich damals in Erie nie­der­ge­las­sen. Viel­leicht war sogar eine alte Ver­bin­dung zwi­schen den Fami­li­en der Grund, wes­halb Luci­an Selig nach sei­ner Emi­gra­ti­on mit den Sei­nen eben­falls in die Stadt am Erie­see gezo­gen war bzw. dies schon vor sei­ner Aus­rei­se als Ziel­ort ange­ge­ben hatte.

Karen Michel
Karen Michel

Ellen und Mar­tin Michel hat­ten um 1947 eine Toch­ter namens Karen bekom­men, die in New York zur Welt kam. Aber bald danach muss die Fami­lie auf die ande­re Sei­te des Kon­ti­nents gezo­gen sein, wo sie beim Zen­sus 1950 in Los Ange­les regis­triert wur­de.[71] Dort ver­starb Ellen Michel am 29. Mai 1998.[72]

Karl Ludwig SElig
Karl Lud­wig Selig

Der jün­ge­re Bru­der von Ellen, Karl Lud­wig, war 1944 mit 18 Jah­ren noch in die ame­ri­ka­ni­sche Armee ein­be­ru­fen wor­den, war aber damals schon als Stu­dent an der Colum­bus Sta­te Uni­ver­si­ty in Ohio ein­ge­schrie­ben.[73] Ihm gelang in Ame­ri­ka eine bedeu­ten­de aka­de­mi­sche Kar­rie­re. Der Pro­fes­sor für Roma­nis­tik, der sich im Beson­de­ren als Ken­ner der Lite­ra­tur von Cer­van­tes einen Namen mach­te, lehr­te an ver­schie­de­nen ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten, dar­un­ter die renom­mier­te Colum­bia Uni­ver­si­ty in New York. Nach sei­ner Eme­ri­tie­rung war er noch ein­mal nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt, um eine Hono­rar­pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät in Greifs­wald anzu­neh­men. Er ver­starb am 1. Dezem­ber 2012 im Alter von 86 Jah­ren in New York.[74]

Der zurück­ge­blie­be­ne Otto Selig war der­je­ni­ge, der ver­such­te, in Wies­ba­den das gemein­sa­me Immo­bi­li­en­ver­mö­gen zu sichern. Er mel­de­te dem Finanz­amt die Miet­erträ­ge der ‚Grund­stücks­ge­mein­schaft Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 und Ora­ni­en­str. 60’. Aller­dings wur­den die klei­nen Gewin­ne, die in den weni­gen Jah­ren zwi­schen 1935 und 1942 gemacht wur­den, durch ent­spre­chen­de Ver­lus­te in den ande­ren Jah­ren wie­der aus­ge­gli­chen.[75]
Er muss­te erle­ben, wie die bei­den Häu­ser zu Juden­häu­sern wur­den und spä­tes­tens seit 1940 zuneh­mend mit neu­en Mie­tern voll­ge­stopft wur­den. Etwa 25 jüdi­sche Per­so­nen wohn­ten in die­sem Zeit­raum, aller­dings zu unter­schied­li­chen Zei­ten allein in dem Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80. Für 13 war es die letz­te Unter­kunft vor ihrer Depor­ta­ti­on. Die meis­ten wur­den nach Lub­lin gebracht und in Sobi­bor ermor­det, ande­re fan­den den Tod in Ausch­witz, Treb­linka, The­re­si­en­stadt oder Maj­da­nek und bei ande­ren wie­der­um konn­te selbst der Ort ihres Todes nicht mehr ermit­telt wer­den. Ein Bewoh­ner ver­starb noch im Haus eines mehr oder weni­ger natür­li­chen Todes, bevor man ihn abho­len konn­te. Allein dem Mit­ei­gen­tü­mer Luci­an Selig und sei­ner Fami­lie war es gelun­gen, aus dem Juden­haus in die Frei­heit zu entkommen.

Otto Selig
Raub der letz­ten Ver­mö­gens­wer­te von Otto Selig nach sei­ner Depor­ta­ti­on
HHStAW 519/​3 6524 (29)

Otto Selig, der bis zuletzt im Haus in der Ora­ni­en­str. 60 leb­te, wur­de am 10. Juni 1942 mit dem ers­ten der bei­den gro­ßen Trans­por­te aus Wies­ba­den über Frank­furt nach Lub­lin und dann wei­ter nach Sobi­bor depor­tiert und dort ver­mut­lich unmit­tel­bar nach der Ankunft ermor­det.[76]

Am 22. Juni 1942 trieb die Reichs­flucht­steu­er­stel­le beim Finanz­amt Wies­ba­den die mit sei­nem Über­tritt der Gren­ze des Deut­schen Rei­ches fäl­lig gewor­de­ne Reichs­flucht­steu­er ein. Sie war auf 12.891 RM fest­ge­setzt wor­den und wur­de ord­nungs­ge­mäß ver­bucht, bevor auch das rest­li­che Ver­mö­gen, dem Reich ver­fiel, d.h. geraubt wur­de.[77]

 

Rudolph und Hildegard Selig 

Auch der fünf Jah­re jün­ge­re Bru­der von Luci­an Selig, Rudolph, konn­te mit sei­ner Fami­lie in den USA über­le­ben. Ihn hat­te Luci­an bereits vor sei­ner Aus­rei­se kon­tak­tiert und er war der­je­ni­ge, der sei­ne Fami­lie bei ihrer Ankunft in New York in Emp­fang nahm. Ver­mut­lich hat­te er auch die not­wen­di­gen Garan­tien für ihre Ein­rei­se bereit­ge­stellt. Immer­hin war er schon drei Jah­re zuvor mit sei­ner Fami­lie dort­hin emigriert.

Einbürgerungsantrag Rudolph Selig
Ein­bür­ge­rungs­an­trag von Rudolph Selig
https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​4​5​7​9​8​7​5​8​:​2​997

Der jüngs­te Sohn von Lud­wig und Emma Selig erhielt das Pri­vi­leg, eine uni­ver­si­tä­re Aus­bil­dung genie­ßen zu dür­fen. Wo er die absol­vier­te, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Aber bevor er in die USA aus­reis­te, prak­ti­zier­te er als Arzt in Stet­tin. Zuvor hat­te er am 8. August 1919 in Kiel Hil­de­gard Fischer gehei­ra­tet, die dort am 10. August 1891 zur Welt gekom­men war.
In Stet­tin waren dann die bei­den Töch­ter des Paa­res gebo­ren wor­den, zunächst Ruth am 3. April 1922, dann Lore am 14. März 1925. Auf wel­chem Weg sie nach Ame­ri­ka gelang­ten, ist nicht ganz klar. In ihrem Ein­bür­ge­rungs­an­trag hat­ten sie geschrie­ben, dass sie im April 1936 von Le Hav­re aus die Fahrt mit der ‚SS Washing­ton’ nach New York ange­tre­ten hät­ten, laut der Pas­sa­gier­lis­te hat­ten sie aber von Ham­burg aus die Rei­se ange­tre­ten. Wie dem auch sei, am 30. April 1936 erreich­ten sie den New Yor­ker Hafen.[78] Ver­mut­lich muss­te Rudolph Selig, wie die ande­ren emi­grier­ten Ärz­te aus Euro­pa auch, in den USA noch ein­mal for­mal sei­ne medi­zi­ni­schen Kennt­nis­se nach­wei­sen und ent­spre­chen­de uni­ver­si­tä­re Zeug­nis­se erbrin­gen. Bei der Volks­zäh­lung 1940 gehör­te er aber schon wie­der zu den prak­ti­zie­ren­den Medi­zi­nern mit einer Pra­xis in New York, in der ihn sei­ne Frau als Assis­ten­tin unter­stütz­te.[79] Er ver­starb dort mit 71 Jah­ren am 5. Juni 1957.[80]

Die Familie von Rudolph Selig in der Volkszählung von 1940
Die Fami­lie von Rudolph Selig in der Volks­zäh­lung von 1940
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Die Familie von Elisabetha Sußmann, geb. Selig

Eli­sa­be­tha, genannt Sett­chen, gebo­ren am 27. Juni 1864, war das ers­te Kind von Lud­wig und Ester Selig.[81] Sie hei­ra­te­te am 25. August 1886 den Han­dels­mann Samu­el Suß­mann aus Als­bach bei Bens­heim an der Berg­stra­ße.[82] Dort ließ sich das Paar nach der Ehe­schlie­ßung auch nie­der. In Als­bach wur­de ein Jahr nach der Hoch­zeit am 20. Novem­ber 1887 die Toch­ter Emma gebo­ren.[83] Es folg­ten ihr im Wech­sel Jun­ge – Mäd­chen noch wei­te­re fünf Kin­der, die alle in dem Ort an der Berg­stra­ße zur Welt kamen. Auf Emma folg­te am 9. Mai 1889 Lud­wig, dar­auf kam Ella am 10. Okto­ber 1890 und nach einer Pau­se Sieg­fried am 16. März 1893 zur Welt.[84] Johan­na wur­de am 11. Janu­ar 1899 und zuletzt Alfred im Jahr 1903 geboren.

Drei der ins­ge­samt sechs Kin­der gelang die recht­zei­ti­ge Flucht aus Deutsch­land, die ande­ren drei wur­den in einem der Todes­la­ger im Osten ermor­det. Ob es sich um Zufall han­delt, dass die drei Töch­ter Opfer des Holo­caust wur­den, wäh­rend die Brü­der Wege fan­den, um dem Tod zu ent­flie­hen, ist schwer zu sagen.

 

Emma, die ältes­te Toch­ter von Eli­sa­be­tha und Samu­el Suß­mann, hei­ra­te­te 1910 den Metz­ger Emil Weiss, der aus einer alt­ein­ge­ses­se­nen jüdi­schen Fami­lie in Hechts­heim stamm­te und im All­ge­mei­nen nicht Emil, son­dern Edu­ard geru­fen wur­de.[85] So kam Emma wie­der zurück in den Ort, aus dem ihre Mut­ter einst weg­ge­hei­ra­tet hat­te. In der Heu­er­str. 7 betrie­ben Emma und Edu­ard Suß­mann ihre kosche­re Metz­ge­rei. Aber es müs­sen sehr ärm­li­che Ver­hält­nis­se gewe­sen sein, wie ihr Sohn Heinz, der spä­ter in den USA leb­te und sich dort Har­ry nann­te, in einem Inter­view berich­te­te.[86]

Edu­ard war zwar wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ein­ge­zo­gen wor­den, konn­te aber als Metz­ger in der Trup­pen­ver­sor­gung einen weni­ger gefahr­vol­len Dienst als sei­ne Kame­ra­den an der Front aus­üben. Nach dem Krieg betrieb er ab Anfang der 20er Jah­re ein Kom­mis­si­ons­ge­schäft, über das er sowohl Immo­bi­li­en ver­mit­tel­te als auch die übli­chen Lan­des­pro­duk­te und Fut­ter­mit­tel vertrieb.

Emma und Edu­ard Weiss hat­ten ins­ge­samt vier Söh­ne: Otto, Lud­wig, Arthur und zuletzt Heinz, die alle in Hechts­heim gebo­ren wur­den.[87] Nach dem Besuch der Volks­schu­le in Hechts­heim, Heinz besuch­te dort zuletzt noch die Jüdi­sche Schu­le, fan­den alle eine Lehr­stel­le, aber ab 1935, spä­tes­tens nach der Ver­ab­schie­dung der Nürn­ber­ger Geset­ze, waren die Mög­lich­kei­ten für eine freie per­sön­li­che Ent­wick­lung oder ein beruf­li­ches Wei­ter­kom­men nicht mehr gege­ben. In die­sem Jahr ver­starb auch der Vater und die Mut­ter ver­such­te dar­auf­hin, das Geschäft allei­ne wei­ter­zu­füh­ren. Aber auch das wur­de immer schwie­ri­ger, obwohl Otto, der eine kauf­män­ni­sche Leh­re bei der Main­zer Leder­hand­lung Marx­sohn absol­viert hat­te, seit 1933 im elter­li­chen Geschäft mit­ar­bei­te­te. Noch 1935 ver­lie­ßen die drei älte­ren Brü­der von Heinz inner­halb eines hal­ben Jah­res nach­ein­an­der Deutsch­land, um im süd­li­chen Afri­ka, im dama­li­gen Rho­de­si­en, neu zu begin­nen. Zwar war die Emi­gra­ti­on dort­hin damals noch rela­tiv ein­fach, weil man bei der Ein­rei­se nur 100 bri­ti­sche Pfund vor­le­gen muss­te, aber für die Brü­der waren die ers­ten Jah­re ohne Kennt­nis­se der eng­li­schen Spra­che nicht einfach.
Nur Heinz blieb zunächst allei­ne bei der Mut­ter in Hechts­heim zurück, aber blei­ben woll­ten dort bei­de auf Dau­er nicht mehr. Heinz fand 1937 eine Stel­le in einer klei­nen Möbel­schrei­ne­rei in Karls­ru­he und sei­ne Mut­ter Emma ging zurück nach Als­bach, wo ihre inzwi­schen ver­wit­we­te Mut­ter [88] und noch zwei Schwes­tern leb­ten: die ledi­ge Johan­na und Ella, die mit dem aus Kai­sers­lau­tern stam­men­den Otto David Sachs ver­hei­ra­tet war.

Bevor sie selbst auch emi­grier­te, ver­kauf­te Eli­sa­be­tha Suß­mann noch das Haus in Als­bach. Zunächst konn­te ihre Toch­ter Emma, die seit 1935 eben­falls ver­wit­wet war und bis­her eben­falls in dem Haus gewohnt hat­te, noch in einem Man­sar­den­zim­mer blei­ben. Im Sep­tem­ber 1939 kam Emma für vier Wochen nach Wies­ba­den, um ihre dor­ti­gen Ver­wand­ten zu besu­chen. Auf der Gestapo­kar­tei­kar­te, die damals mit ihrer Hei­mat­adres­se Als­bach, Bit­ten­bur­ger Str. 30, eigens für sie in Wies­ba­den ange­legt wor­den war, ist als Zugangs­da­tum der 15. Sep­tem­ber ein­ge­tra­gen. Sie wohn­te damals bei ihrem Onkel Otto Selig in der Ora­ni­en­str. 60 im zwei­ten Stock. Aber ganz sicher besuch­te sie damals auch ihren ande­ren Onkel Luci­an und viel­leicht auch ande­re Ver­wand­te, die inzwi­schen nach Wies­ba­den gezo­gen waren. Wahr­schein­lich wur­den auch die Mög­lich­kei­ten und Gefah­ren einer Emi­gra­ti­on erör­tert, aber kon­kre­te Schrit­te wur­den dann doch nicht ein­ge­lei­tet. Am 9. Okto­ber 1939 kehr­te Emma Suß­mann zurück, aller­dings ist auf der Kar­tei­kar­te nicht ihre bis­he­ri­ge Adres­se in Als­bach, son­dern die Sall­bau­str. 10 in Darm­stadt ange­ge­ben. Ganz offen­sicht­lich woll­te sie mit ihrem Besuch auch die kur­ze woh­nungs­lo­se Zeit nach dem Ver­kauf des Eltern­hau­ses überbrücken.
Auch ihr Sohn Heinz hat­te den Absprung ver­passt und wur­de im Rah­men der ‚Wag­ner-Bürckel-Akti­on’ mit 6000 Jüdin­nen und Juden aus Baden und der Saar­pfalz im Herbst 1940 ohne Wis­sen der inzwi­schen besieg­ten Fran­zo­sen in das Nach­bar­land depor­tiert und in dem berüch­tig­ten Lager Gurs am Ran­de der Pyre­nä­en inter­niert. Es muss die Höl­le gewe­sen sein: Ein­fa­che Bret­ter mit Stroh­la­gen, ohne Decken der Käl­te aus­ge­setzt, ohne genü­gend Lebens­mit­tel; über­all gras­sier­ten Seu­chen und kei­ne ärzt­li­che Hil­fe. Aus­lö­ser für das damals ein­set­zen­de Mas­sen­ster­ben war – so Heinz Selig – ver­mut­lich ver­un­rei­nig­tes Was­ser, das aus einem gro­ßen Tank täg­lich an die Gefan­ge­nen aus­ge­ge­ben wur­de. Gera­de die Alten und Schwa­chen wur­den schon in den ers­ten Wochen dahin­ge­rafft. Heinz, der in einer Art Ster­be­sta­ti­on arbei­te­te, muss­te jeden Tag vie­le in den Tod begleitet.

Das Lager in Gurs

Über ein Jahr ver­brach­te er in Gurs, dann über­führ­te man ihn in das Lager Rives­al­tes bei Per­pignan, eine ehe­ma­li­ge Kaser­ne, wo die Insas­sen von Flö­hen und Läu­sen fast auf­ge­fres­sen wur­den. Um der töd­li­chen Lan­ge­wei­le zu ent­kom­men und in der Hoff­nung auf mehr Nah­rung mel­de­te er sich für einen Arbeits­ein­satz in Brest. Als Zwangs­ar­bei­ter muss­te er täg­lich zwölf Stun­den ohne Pau­se und bei wei­ter­hin schlech­ter Ver­sor­gung Schwerst­ar­beit beim Bau von Bun­kern für deut­sche U‑Boote ver­rich­ten, dies unter stän­di­gen Schlä­gen der SS-Wach­mann­schaf­ten. Nach zwei Mona­ten wur­den die­je­ni­gen, die die­se Tor­tur über­lebt hat­ten, wie­der zurück nach Rives­al­tes geschickt. Nach eini­gen Mona­ten ver­leg­te man ihn in das Lager Les Mil­les in der Nähe von Mar­seil­le, wo er erneut als Zwangs­ar­bei­ter unter unmensch­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen in einer Koh­le­mi­ne ein­ge­setzt wur­de. Aller­dings war die­ses Lager nicht sehr streng bewacht und in einer Nacht gelang ihm die Flucht. Er konn­te sich bis Mar­seil­le durch­schla­gen, aber der Plan, von dort aus nach Spa­ni­en zu gelan­gen, zer­schlug sich bald. Über einen Mit­tels­mann in Limo­ges fand er ein Ver­steck bei einem fran­zö­si­schen Bahn­hofs­vor­ste­her, der meh­re­re Juden in einer Dach­kam­mer ver­barg. Die Flucht hat­te sich im Som­mer 1942 abge­spielt und noch war nicht abzu­se­hen, wie lan­ge es dau­ern wür­de, bis Deutsch­land tat­säch­lich besiegt sein wür­de. Des­halb ver­such­te Heinz wei­ter­hin, irgend­wie außer Lan­des zu kom­men. Sei­ne wei­te­re aben­teu­er­li­che und von vie­len glück­li­chen Zufäl­len beglei­te­te Flucht führ­te ihn zunächst wie­der nach Mar­seil­le, dann nach Gre­no­ble und von dort über die Ber­ge in die Schweiz, wo er zunächst in einem wenig gast­li­chen Auf­fang­la­ger fest­ge­hal­ten wur­de. Auch hier war­te­te ein Arbeits­la­ger auf die Flücht­lin­ge, aber wenigs­tens gab es dort genü­gend zu essen. Bis zum Som­mer 1943 blieb er in die­sem Lager bei Bon­stet­ten. Es folg­ten noch zwei wei­te­re sol­cher Arbeits­la­ger in der Nähe von Zürich und zuletzt bis zum Ende des Krie­ges bei Neu­cha­tel. Mit ein wenig Geld, das er sich in den fol­gen­den Wochen nach der Befrei­ung ver­dien­te, fuhr er zunächst nach Hol­land, wo die Cou­si­nen Han­ne­lo­re und Mari­an­ne Sachs leb­ten, die dort die ver­gan­ge­nen Jah­re im Ver­bor­ge­nen über­lebt hat­ten. Geld und das Affi­da­vit eines Onkels aus der Suß­mann-Fami­lie ermög­lich­ten ihm im Früh­jahr 1946 die Über­fahrt in die USA. Er, der sich in den USA Har­ry nann­te, war inzwi­schen mit Hel­ga Kapau­ner ver­hei­ra­tet, die er in einem der Lager ken­nen­ge­lernt hat­te. Sie konn­te er im Herbst 1946 nach­ho­len, aber die Ehe ging spä­ter aus­ein­an­der. 1967 hei­ra­te­te er ein zwei­tes Mal. Mit sei­ner zwei­ten Frau Bes­sie wohn­te er zuletzt in Tennessee.

Eli­sa­be­tha Suß­mann, geb. Selig
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Johanna Sußmann
Johan­na Suß­mann
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In der Zeit, in der Heinz sei­ne Odys­see durch die ver­schie­de­nen Lager durch­lief, emi­grier­te sei­ne Groß­mutter Eli­sa­be­tha Suß­mann mit ihrer ledi­gen Toch­ter Johan­na nach Hol­land. Am 19. August 1939 stan­den sie vor der Tür ihrer mit Otto Sachs ver­hei­ra­te­ten Toch­ter Ella, die bereits um 1936 dort­hin geflo­hen war. Hier fan­den sie einen ers­ten Unter­schlupf. Im Dezem­ber 1940, als die Situa­ti­on immer gefähr­li­cher wur­de, wech­sel­ten sie ihr Quar­tier und zogen in die anony­me­re Groß­stadt Rot­ter­dam, zunächst in die Voor­stra­at, dann im Janu­ar 1943 in die Schiet­ba­an­la­an 42.[89]
Seit Janu­ar 1942 mar­kier­te ein sicht­ba­res „J“ auch in Hol­land die Per­so­nal­aus­wei­se der dor­ti­gen Juden, und drei Mona­te spä­ter muss­ten auch sie den gel­ben Stern auf ihrer Klei­dung tra­gen. Ob sich Eli­sa­be­tha und Johan­na Suß­mann die­ser Dis­kri­mi­nie­rung unter­war­fen oder sich ver­steckt hiel­ten, ist nicht zu sagen. Lei­der sind die genaue­ren Umstän­de ihrer Ver­haf­tung, die bei­de in das Sam­mel­la­ger Wes­ter­bork brach­ten, nicht bekannt. Von dort aus fuh­ren ab Som­mer 1942 die ers­ten Züge in die Ver­nich­tungs­la­ger im pol­ni­schen Gene­ral­gou­ver­ne­ment. In Früh­jahr 1943 gehör­ten auch Eli­sa­be­tha und Johan­na Suß­mann zu den unfrei­wil­li­gen Pas­sa­gie­ren eines Zuges, der am 10. März das Todes­la­ger Sobi­bor erreich­te, wo man sie nach Ankunft ver­mut­lich sofort umbrach­te.[90]

Heinz hat­te von der Depor­ta­ti­on sei­ner Groß­mutter sowie sei­ner Tan­te in Frank­reich nichts erfah­ren. Auch über das wei­te­re Schick­sal sei­ner Mut­ter, die er kurz vor sei­ner eige­nen Depor­ta­ti­on nach Gurs zuletzt gese­hen hat­te, wuss­te er nichts. Von Darm­stadt aus, wohin sie von Wies­ba­den aus gezo­gen war, wur­de Emma Weiss ver­mut­lich am 30. Sep­tem­ber 1942 mit dem Trans­port ‚Da 84’ und mehr als 880 wei­te­ren Opfern, unter denen sich nur 25 Juden aus Darm­stadt selbst befun­den haben sol­len, nach Treb­linka ver­bracht. Man muss davon aus­ge­hen, dass alle unmit­tel­bar nach der Ankunft am 2. Okto­ber 1942 dort ermor­det wur­den.[91] Der amt­lich fest­ge­leg­te Todes­tag von Emma Weiss, gebo­re­ne Suß­mann, ist der 8. Mai 1945.

Die Brüder Weiss 1980 in Kapstadt, links oben Heinz / Harry, rechts Ludwig Louis / Louis und Mitte Otto. Auf dem kleinen Bild der bereits verstorbene Otto Weiss Arthur.
Die Brü­der Weiss 1980 in Kap­stadt, links oben Heinz /​ Har­ry, rechts Lud­wig Lou­is /​ Lou­is und Mit­te Otto. Auf dem klei­nen Bild der bereits ver­stor­be­ne Bru­der Arthur.
©USC-Sho­ah Foundation

Immer­hin waren ihre vier Söh­ne alle dem Holo­caust ent­ron­nen, aller­dings ver­streut auf die ver­schie­de­nen Tei­le die­ser Welt. Zwar hat­ten sich die drei Brü­der Heinz /​ Har­ry, Otto und Lud­wig /​ Lou­is – Arthur war bereits 1974 ver­stor­ben – bereits zuvor ein­zeln gese­hen, ein gemein­sa­mes Tref­fen fand aber erst nach mehr als 40 Jah­ren 1980 in Süd­afri­ka statt. 1993 besuch­ten Har­ry und Lou­is im Rah­men der Main­zer Begeg­nungs­wo­chen ihre alte Hei­mat­stadt:[92] „Going back to Ger­ma­ny, for the first time on, we went back, I went back as a tou­rist, not as a per­son who was born the­re, come from the­re. That’s the only way you could go the­re wit­hout hate, you know? (…) You can only go as a tou­rist, to see places, for­get about the peo­p­le.” Ein ernüch­tern­des Fazit.

 

Ella Sußmann Sachs
Otto und Ella Sachs, geb. Suß­mann
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Wie bereits erwähnt, hat­te auch Ella, die jün­ge­re Schwes­ter von Emma, gehofft, mit ihrer Fami­lie in den Nie­der­lan­den Schutz vor den Ver­fol­gun­gen zu fin­den.[93] Sie und ihr aus Kai­sers­lau­tern stam­men­der Ehe­mann, der Kauf­mann Otto David Sachs, hat­ten am 29. Novem­ber 1920 in Als­bach, dem Hei­mat­ort der Braut, die Ehe geschlos­sen.[94] In der Hei­rats­ur­kun­de ist ver­merkt, dass Ella zum Zeit­punkt der Hei­rat Geschäfts­in­ha­be­rin war. Um wel­che Art von Geschäft es sich han­del­te, ist aber nicht erwähnt. Bald nach der Hoch­zeit müs­sen sie nach Hagen ver­zo­gen sein, wo ihre bei­den Töch­ter gebo­ren wur­den. Han­ne­lo­re kam am 23. Janu­ar 1922 und Mari­an­ne am 24. Novem­ber 1924 zur Welt. Die Eltern führ­ten dort in der Elber­fel­der Str. 30 ein Damen­hut­ge­schäft. Schon bei den ers­ten Boy­kott­ak­tio­nen der Nazis wur­de ihnen die Schau­fens­ter­schei­be zer­schla­gen und die SA ver­such­te, Kun­den vom Betre­ten des Geschäfts abzuhalten.

Hannelore Sußmann
Han­ne­lo­re Suß­mann etwa 1937 vor der Syn­ago­ge von Schries­heim
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Lan­ge vor der Reichs­po­grom­nacht muss­ten Ella und Otto Sachs ihr Geschäft auf­ge­ben und zuse­hen, wie es ari­siert wur­de. Danach ver­lie­ßen auch sie Deutsch­land in dem Glau­ben, in Hol­land ein siche­res Leben füh­ren zu kön­nen. Am 16. Okto­ber 1936 mel­de­ten sie sich in der bei Rot­ter­dam gele­ge­nen klei­nen Stadt Dor­d­recht in der Blei­jen­burg­stra­at an und eröff­ne­ten dort wie­der ein Geschäft mit selbst­ge­näh­ten Damen­hü­ten. Unter die­ser Adres­se wohn­ten nach ihrer Flucht zeit­wei­se auch Eli­sa­be­tha und Johan­na Suß­man, nach­dem sie 1939 aus Als­bach geflo­hen waren. Als die deut­schen Trup­pen im Früh­som­mer 1940 ihre west­li­chen Nach­bar­staa­ten über­fie­len und auch Hol­land besetz­ten, ver­ließ die Fami­lie von Ella und Otto Sachs im Okto­ber 1942 Dor­d­recht, um in Gor­kum /​ Gor­ni­chen unter­zu­tau­chen. Angeb­lich wur­den sie aber gegen eine Beloh­nung von 3.000 Gul­den von einem Hol­län­der an die Deut­schen ver­ra­ten.[95] Aller­dings gerie­ten nur Ella und Otto Sachs in die Fän­ge der Ver­fol­ger. Bei­de wur­den, wie auch Eli­sa­be­tha und Johan­na Suß­mann etwa zwei Mona­te zuvor, am 18. Mai 1943 nach Sobi­bor depor­tiert und ermor­det.[96]

Kar­tei­kar­te mit Depor­ta­ti­ons­ver­merk von Ella Sachs aus Wes­ter­bork
Arol­sen-Archiv
Ella Sachs, geb. Suß­mann
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Die bei­den Töch­ter Han­ne­lo­re und Mari­an­ne, die getrennt von ihren Eltern auf einer Farm streng­gläu­bi­ger Chris­ten arbei­te­ten, auf der eine gro­ße Zahl jüdi­scher Flücht­lin­ge uner­kannt, als Knech­te und Mäg­de getarnt, ange­stellt war, über­leb­ten die Ver­fol­gungs­zeit in Hol­land. Zu ihren Auf­ent­halts­or­ten lie­gen diver­gie­ren­de Infor­ma­tio­nen vor, aber in Yad Vas­hem wur­de 1992 ein Mit­glied der hol­län­di­schen Fami­lie Hak stell­ver­tre­tend mit dem Ehren­ti­tel ‚Gerech­ter unter den Völ­kern’ aus­ge­zeich­net, weil die Fami­lie sich bis zum Kriegs­en­de um Han­ne­lo­re und Mari­an­ne geküm­mert und sie ver­steckt hat­te. Bei­de blie­ben zunächst noch in Hol­land, wo sie in Utrecht eine Arbeit fan­den, gin­gen aber dann bald gemein­sam in die USA und leb­ten in New York. Mari­an­ne Sachs hei­ra­te­te dort den 1918 gebo­re­nen Carl Green­bloom, mit dem sie die drei Kin­der David, Jes­se und Ellen bekam.[97]

Han­ne­lo­re, Mari­an­ne, Ella und Otto Sachs in Dor­d­recht
Mit Dank an David Zinner

Ihre Schwes­ter Han­ne­lo­re kehr­te, nach­dem sie für ein Jahr in Cleve­land ver­hei­ra­tet gewe­sen war, nach New York zurück, wo sie im April 2013 ver­starb. Wann Mari­an­ne Green­bloom ver­starb, ist nicht bekannt. In Hagen hat man inzwi­schen für die Eltern der bei­den in der Elber­fel­der Str. 30, wo die­se einst ihr Hut­ge­schäft besa­ßen, zwei Stol­per­stei­ne zu deren Erin­ne­rung ver­legt. Wäh­rend somit alle drei Töch­ter von Samu­el und Eli­sa­be­tha Suß­mann der Shoa zum Opfer fie­len, aber wenigs­tens die Enkel und Enke­lin­nen über­le­ben konn­ten, gelang dies allen drei Söh­nen des Paares.

 

Sieg­fried Suß­mann war mit sei­ner Frau Lil­li Recha, gebo­re­ne Hirsch aus Mann­heim, eben­falls nach Ame­ri­ka ent­kom­men. Die bei­den hat­ten am 4. Novem­ber 1928 noch in Als­bach gehei­ra­tet und am 7. August 1929 einen Sohn bekom­men, der den Namen Ste­fan Micha­el erhielt. Die Fami­lie leb­te bis zu ihrer Flucht in Pforz­heim, wo auch der Sohn zur Welt gekom­men war. Wann sie aus Deutsch­land flüch­te­ten, ist nicht bekannt, aber 1940 ver­lie­ßen sie kurz bevor die deut­schen Trup­pen den Krieg im Wes­ten began­nen von Ant­wer­pen aus mit dem Schiff ‚SS Wes­tern­land’ den euro­päi­schen Kon­ti­nent in Rich­tung New York, das sie am 12. März erreich­ten.[98]

Siegfried Sußmann
Ein­bür­ge­rungs­an­trag von Sieg­fried Suß­mann in den USA
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Bei der Volks­zäh­lung im Jahr 1940 gaben sowohl Sieg­fried als auch Lil­li Suß­mann an, von Beruf Juwe­lie­re zu sein.[99] Dass sie aber bereits in Deutsch­land recht wohl­ha­bend gewe­sen sein müs­sen, kann man aus einer Schiffs­rei­se schlie­ßen, die Sieg­fried Suß­mann bereits 1923 nach New York unter­nom­men hat­te. Er war damals schon in einer Kabi­ne der 1. Klas­se gereist.[100] Das Paar blieb auch in den fol­gen­den Jah­ren in Pro­vi­dence, Rho­de Island, woh­nen. Das gemein­sa­me Grab befin­det sich auf dem dor­ti­gen Fried­hof. Sieg­fried Suß­mann war am 21. Febru­ar 1961 ver­stor­ben. Sei­ne Frau über­leb­te ihn um fast vier Jahr­zehn­te. Sie starb am 19. Febru­ar 1997 in Ayer, Mas­sa­chu­setts.[101]

Durch ein sehr aus­führ­li­ches Inter­view, das die Sho­ah-Foun­da­ti­on mit Lora Tobi­as, gebo­re­ne Suß­mann, der Toch­ter von Lud­wig und Sel­ma Suß­mann, im Jahr 1997 führ­te, ist über die­sen Zweig der Fami­lie Selig wie­der­um sehr viel bekannt.[102] Lud­wig Fried­rich, wie er mit vol­lem Namen hieß, war am 9. Mai 1889 in Als­bach gebo­ren wor­den.[103] Durch die 1928 geschlos­se­ne Ehe mit Sel­ma Oppen­hei­mer aus der Gemein­de Schries­heim an der Berg­stra­ße hei­ra­te­te Lud­wig in eine Fami­lie ein, die haupt­säch­lich durch den Tabak­han­del zu rela­tiv gro­ßem Reich­tum gekom­men war. Sel­ma Oppen­hei­mer, gebo­ren am 8. Sep­tem­ber 1896, war die Toch­ter von Simon Hisch Oppen­hei­mer und sei­ner Frau Ber­tha, gebo­re­ne Emrich. Die Fami­lie Oppen­hei­mer, deren Fami­li­en­his­to­rie über zwölf Gene­ra­tio­nen reicht, war die ers­te jüdi­sche Fami­lie, die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts in der Gemein­de auf­ge­nom­men wur­de, und Lora Suß­mann, war die letz­te Jüdin, die den Ort ver­ließ.[104]

Hochzeit von Ella Sußmann und Otto SachsHoch­zeit von Sel­ma Oppen­hei­mer und Lud­wig Suß­mann im Jahr 1928 in Schriesheim
Links: Simon Oppen­hei­mer, der Vater von Sel­ma, dann das Braut­paar Sel­ma Oppen­hei­mer und Lud­wig Suß­mann, rechts dane­ben Eli­sa­be­tha Suß­mann, geb. Selig, rechts neben ihr Emma Weiss, geb. Suß­mann, rechts außen Lud­wig Oppen­hei­mer, ein behin­der­ter Bru­der von Selma.
In der hin­te­ren Rei­he von links: Hed­wig /​ Hedi Oppen­hei­mer, Johan­na Suß­mann, Ella Sachs, geb. Suß­mann, links hin­ter ihr Ehe­mann Otto Sachs, rechts neben ihr Lud­wig Suß­mann, ein Bru­der des Bräutigams.
Vor­ne in der ers­ten Rei­he von links: Mari­an­ne und Han­ne­lo­re Sachs, die Kin­der von Ella und Otto Sachs.
USC@Shoah-Foundation

Ein­dring­lich schil­dert Lora Tobi­as, gebo­ren am 5. März 1929, in die­sem Inter­view ihre Kind­heit in der länd­li­chen Umge­bung, in der ihr Vater und die gesam­te Fami­lie hoch geach­tet waren. Es waren zunächst glück­li­che Jah­re, in denen es kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung und auch kei­ne Anfein­dun­gen gab. Auch nach 1933 voll­zog sich der Wan­del nur all­mäh­lich. Noch durf­te Lora den pro­tes­tan­ti­schen Kin­der­gar­ten und dann auch die Grund­schu­le besu­chen. Es waren zual­ler­erst die Kin­der, die ehe­ma­li­gen Spiel­ka­me­ra­den, die immer offe­ner und mit immer bru­ta­le­ren Atta­cken die bis­her hei­le Welt der klei­nen Lora ins Wan­ken brach­ten. Bald begann auch die Aus­gren­zung in der Schu­le. Wie auch an ande­ren Schu­len üblich wur­de sie, die ein­zi­ge jüdi­sche Schü­le­rin in der Klas­se, in die letz­te Rei­he gesetzt, von wo aus sie sich am Unter­richt nicht mehr betei­li­gen durf­te. Zuletzt war sie gezwun­gen, die Schu­le zu ver­las­sen. Das Geschäft der Eltern wur­de boy­kot­tiert, zeit­wei­se wur­den die treu­en Kun­den von SA-Män­nern foto­gra­fiert und ihre Namen auf Lis­ten von ‚Juden­freun­den’ öffent­lich aus­ge­hängt. 1938 ent­schied sich die Fami­lie, auch auf Drän­gen von Theo Oppen­hei­mer, einem Bru­der der Mut­ter, der bereits in den USA leb­te, Deutsch­land zu ver­las­sen. Der Ent­schluss fiel auch des­halb leich­ter, weil man einen Käu­fer für das gro­ße Haus und das Geschäft gefun­den hat­te. Bei dem ver­meint­li­chen Käu­fer, einem Juden, han­del­te es sich, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, um einen Stroh­mann, der im Diens­te eines ört­li­chen Kon­kur­ren­ten Haus und Geschäft erwor­ben hatte.
Ein wei­te­res Hin­der­nis war der behin­der­te Bru­der von Sel­ma Suß­mann, Lud­wig Oppen­hei­mer. Ihm ver­wei­ger­te das ame­ri­ka­ni­sche Kon­su­lat die Ein­rei­se in die USA. Man ent­schied sich unter größ­ten Beden­ken, ihn zunächst in einem Heim unter­zu­brin­gen, um ihn dann mög­lichst bald nach­zu­ho­len. Der Aus­bruch des Krie­ges ver­hin­der­te die Umset­zung die­ses Plans. Lud­wig Oppen­hei­mer wur­de im Zuge der ‚Wag­ner-Bürckel-Akti­on’ 1940 nach Gurs depor­tiert, wo er auf sei­nen Cou­sin Heinz, den Sohn von Emma Weiss, traf. Lud­wig gehör­te zu den­je­ni­gen, die Heinz in Gurs auf ihrem Weg in den Tod beglei­te­ten. Er wur­de von ihm auch begra­ben. Ein Brief, der die Nach­richt von sei­nem Tod an die damals schon in Ame­ri­ka leben­den Ver­wand­ten über­mit­teln soll­te, war vier Jah­re unter­wegs. Erst 1946 erfuh­ren Lud­wig und Sel­ma Suß­mann vom Schick­sal ihres Bru­ders bzw. Schwagers.

Als die­se 1938 auf­bra­chen, war es noch mög­lich – abge­se­hen von Geld – nahe­zu alles mit­zu­neh­men. So wur­den für das noch vor­han­de­ne Geld so vie­le Waren wie mög­lich ange­schafft, Haus­halts­ge­gen­stän­de und Klei­der, die dann in einem Lift auf die Rei­se gin­gen. So war es auch mög­lich, noch vie­le wert­vol­le Erin­ne­rungs­stü­cke, etwa Foto­al­ben und Kult­ge­gen­stän­de, mit­zu­neh­men. Bei einem letz­ten Besuch bei Eli­sa­be­tha Suß­mann, Lud­wigs Mut­ter, über­gab die­se ihnen ihre alten jüdi­schen Gebet­bü­cher. Auf der Fahrt des Zuges von Hei­del­berg nach Bre­men, die über Als­bach führ­te, stand die Mut­ter am Bahn­hof und wink­te ihnen ein letz­tes Mal zu.

Einen gro­ßen Schre­cken gab es, als das Schiff, nach­dem es den Hafen ver­las­sen hat­te, in einem gro­ßen Bogen wie­der zurück­fuhr. Hin­ter­grund dafür war die Münch­ner Kon­fe­renz, auf der zeit­gleich um Krieg und Frie­den gerun­gen wur­de. Erst als die Alli­ier­ten sich den For­de­run­gen Hit­lers gebeugt hat­ten, nahm das Schiff, die ‚Euro­pa’, die unter deut­scher Flag­ge segel­te, die Fahrt nach New York auf. Am 6. Okto­ber 1938 lief sie in den dor­ti­gen Hafen ein.[105]
Die ers­ten Jah­re ver­brach­te die Fami­lie in Lan­cas­ter in Penn­syl­va­nia, wo Lud­wig und Sel­ma Suß­mann in Fabri­ken mit har­ter Arbeit ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen muss­ten. Ein­zig Lud­wig hat­te wenigs­tens rudi­men­tä­re Sprach­kennt­nis­se, wes­halb auch Lora in der Schu­le zunächst erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten hat­te. Schlim­mer als all die­se Pro­ble­me war aber, dass sie kei­ne Nach­rich­ten von den Ver­wand­ten in Hol­land oder anders­wo erhiel­ten. Von der Exis­tenz der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger wuss­ten sie damals noch nichts, so klam­mer­te man sich zunächst an die Hoff­nung, dass es nach dem Ende des Krie­ges ein Wie­der­se­hen geben würde.

1944 fand Lud­wig Suß­mann eine Anstel­lung in sei­nem Beruf als Tabak­fach­mann in New York und die Fami­lie zog wie­der dort­hin. Die Toch­ter Lora erlern­te nach ihrem Schul­ab­schluss zunächst den Beruf einer Fri­seu­rin. Der Besuch eines Col­leges oder der Uni­ver­si­tät war aus finan­zi­el­len Grün­den nicht mög­lich. Zeit­wei­se übte sie ihren Beruf auf Oze­an­damp­fern aus und nutz­te ihn auf die­se Wei­se dazu, die Welt ken­nen­zu­ler­nen. Auf einer die­ser Rei­sen kam sie auch nach Isra­el, wo sie Ver­wand­te traf, die schon vor Beginn des Krie­ges nach Paläs­ti­na aus­ge­wan­dert waren. Dar­un­ter befand sich auch ein Bru­der von Lud­wig Suß­mann, des­sen Namen sie in dem Inter­view aller­dings nicht nennt. Ver­mut­lich han­del­te es sich aber um Alfred Suß­mann, der 1903 in Als­bach gebo­ren wor­den war und als Wis­sen­schaft­ler schon früh nach Paläs­ti­na aus­ge­wan­dert war.[106]
Nach die­sen Wan­der­jah­ren besuch­te Lora Suß­mann dann doch noch das Col­lege und ließ sich als Leh­re­rin aus­bil­den, einen Beruf, den sie ihr wei­te­res Arbeits­le­ben aus­üb­te. 1955 hei­ra­te­te sie Sieg­mund Tobi­as, eben­falls ein deut­scher Emi­grant, und bekam mit ihm die bei­den Töch­ter Sus­an und Rochel­le, Sus­an im Jahr 1960, Rochel­le 1962.

Gedenk­ta­fel am Ein­gang des Jüdi­schen Fried­hofs Schries­heim
https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2020/Schriesheim%20Synagoge%20151.jpg

Sowohl ihre Mut­ter Sel­ma allei­ne als auch sie selbst mit ihrem Mann und ihrer Toch­ter Rochel­le, hat­ten noch des Öfte­ren Deutsch­land und ihre Hei­mat­stadt Schries­heim besucht. Der jüdi­sche Fried­hof war nicht zer­stört wor­den und auch ihr Eltern­haus hat­te sich kaum verändert.
Emo­tio­nal am berüh­rends­ten war für Lora aber die Begeg­nung mit ihrem frü­he­ren Haus­mäd­chen, das sie nach dem Erlass der Nürn­ber­ger Geset­ze hat­te ver­las­sen müs­sen. In einem Alters­heim saß sie die­ser in ihrer Kind­heit so wich­ti­gen Ver­trau­ens­per­son, noch ein­mal gegen­über. Eine zugleich weh­mü­ti­ge wie freu­di­ge Begeg­nung: Mit „mein Kind, mein Kind“ wur­de Lora nach all den Jah­ren der Tren­nung von der im Roll­stuhl Sit­zen­den, ihrer zwei­ten Mut­ter, wie sie sag­te, in die Arme geschlossen.

Loras Eltern ver­star­ben in hohem Alter in den USA, Lud­wig Suß­mann am 9. Febru­ar 1972 im Alter von 82 Jah­ren, sei­ne Frau Sel­ma im Janu­ar 1989. Sie war sogar 93 Jah­re alt gewor­den[107]

 

Die Familie von Johanna Stern, geborene Selig 

Kaufmann Stern
Fami­li­en­bo­gen von Kauf­mann und Johan­na Stern, geb. Selig aus Mannheim

Auch das zwei­te Kind von Lud­wig und Ester Selig war eine Toch­ter. Johan­na wur­de am 1. Juli 1866 in Hechts­heim in der Grau­el­str 245 gebo­ren.[108] Auch sie hei­ra­te­te in eine Metz­ger­fa­mi­lie ein. Ihr Ehe­mann Kauf­mann Stern – Kauf­mann ist hier kei­ne Berufs­be­zeich­nung, son­dern der Vor­na­me des Bräu­ti­gams – war am 26. Novem­ber 1860 in Bens­heim an der Berg­stra­ße als Sohn des Metz­gers Isaak Stern und des­sen damals bereits ver­stor­be­nen Frau Babet­te, gebo­re­ne Neu­gaß, zur Welt gekom­men. Die Ehe­schlie­ßung fand am 13. August 1888 in der Hei­mat­ge­mein­de von Johan­na statt. [109]

Das Paar zog anschlie­ßend nach Mann­heim, wo noch der ver­wit­we­te Vater des Ehe­manns wohn­te. Im Fami­li­en­bo­gen von Kauf­mann Stern ist zu lesen, dass die­ser seit dem 18. April 1885 im Haus E.2.11 ein eige­nes Geschäft mit Metz­ge­rei­wa­ren betrieb. Offen­bar waren die Sterns noch mehr­fach umge­zo­gen, denn ihre bei­den Söh­ne wur­den danach in unter­schied­li­chen Häu­sern gebo­ren. Am 1. Juni 1889 kam zunächst Lud­wig Fried­rich im Haus F.2.1 zur Welt, am 3. Janu­ar 1897 noch Ernst im Haus E.3.2.[110]

Ernst und Mat­hil­de Stern, geb. Bloch

Das wei­te­re Schick­sal der Fami­lie bleibt weit­ge­hend unge­klärt. In den ein­schlä­gi­gen Opfer­lis­ten des Bun­des­ar­chivs oder in Yad Vas­hem tau­chen weder die Namen der Eltern, noch die der Kin­der auf. Ver­mut­lich war die Fami­lie, zumin­dest die Mut­ter und die bei­den Söh­ne, noch recht­zei­tig aus Deutsch­land her­aus­ge­kom­men. Johan­na Stern soll 1937 ver­stor­ben sein, ihr Mann bereits 1935.[111] Auch der Zeit­punkt und der Ort des Todes von Lud­wig Fried­rich Selig sind nicht bekannt.[112] Über den jün­ge­ren Sohn Ernst Stern lie­gen dage­gen etwas mehr Infor­ma­tio­nen vor. Er war in Ame­ri­ka mit Mat­hil­de Bloch ver­hei­ra­tet und hat­te mit ihr zwei Kin­der, die inzwi­schen eige­ne Fami­li­en gegrün­det haben und auch schon Groß­el­tern gewor­den sind.[113] Ernst Stern soll am 18. Juli 1975 in New York ver­stor­ben sein, sei­ne Frau Mat­hil­de, die am 17. März 1910 in Pforz­heim gebo­ren wur­de, ver­starb am 4. Sep­tem­ber 2009 eben­falls in New York.[114]

Die Familie von Siegfried und Antonie Selig, geborene Kahn

Wesent­lich mehr als über Johan­na Stern weiß man über Sieg­fried, den ers­ten Sohn von Lud­wig und Ester Selig, der zuletzt kurz­zei­tig auch in Wies­ba­den wohn­te.[115] Gebo­ren wur­de er am 10. Mai 1868 in Hechts­heim.[116] Im Früh­jahr 1900 hei­ra­te­te er Anto­nie Kahn aus Büdes­heim bei Bin­gen, wo sie am 12. Janu­ar 1874 als Toch­ter des Han­dels­manns Jakob Kahn III und sei­ner Frau Johan­na, gebo­re­ne Süß, zur Welt gekom­men war.[117]

Geburtseintrag von Antonie Kahn
Geburts­ein­trag von Anto­nie Kahn

Am 12. Juli 1901 kam die Toch­ter Emma und am 17. März 1904 ein wei­te­res Mäd­chen zur Welt, das den Namen Cäci­lia erhielt.[118] Bei­de waren noch in Hechts­heim gebo­ren wor­den, wo sie auch die dor­ti­ge Volks­schu­le besuch­ten. Spä­ter, zwi­schen 1911 und 1919, gin­gen bei­de in die Höhe­re Mäd­chen­schu­le der Stadt Mainz. Auch die Eltern waren aus der Vor­ort­ge­mein­de Hechts­heim in die Stadt gezo­gen, wo sie ein Haus in der Brei­te Str. 2, der heu­ti­gen Bür­ger­meis­ter Keim Stra­ße, erwor­ben hat­ten. Die eige­ne Fir­ma, ein Groß­han­del für Land­pro­duk­te und Fut­ter­mit­tel, war zuletzt, von 1930 bis 1938, in der Adam-Kar­ril­lon-Str. 47 unter­ge­bracht.[119]

Die­se geschäft­li­che Tätig­keit war wahr­schein­lich auch der Hin­ter­grund für die ehe­li­che Ver­bin­dung, die die bei­den Töch­ter mit der Fami­lie Weis aus Nor­den­stadt, dem damals noch selbst­stän­di­gen, inzwi­schen ein­ge­mein­de­ten öst­li­chen Vor­ort von Wies­ba­den, ein­gin­gen. Die Fami­lie Weis war näm­lich in der glei­chen Bran­che tätig, wie Sieg­fried Selig. Ver­mut­lich hat­te schon der Vater von San­del Weis, Herz San­del, die Fir­ma gegrün­det, die in der drit­ten Gene­ra­ti­on im Dezem­ber 1925 an drei Söh­ne von San­del und Johan­na Weis über­ge­ben wor­den war.[120] In der Ehe von San­del und Johan­na Weis waren ins­ge­samt elf Kin­der gebo­ren wor­den,[121] von denen fünf dem Holo­caust zum Opfer fie­len. Ein Sohn, Gus­tav, über­leb­te die Zwil­lings­ge­burt mit sei­ner Schwes­ter Mat­hil­de nicht, ein wei­te­rer Sohn, Fried­rich, fiel bereits im Ers­ten Welt­krieg. Drei­en gelang die recht­zei­ti­ge Emi­gra­ti­on aus Deutsch­land und das Schick­sal von einem der Söh­ne, Ben­ni, konn­te bis heu­te nicht auf­ge­klärt werden.
Ema­nu­el, Sieg­mund und Max waren die­je­ni­gen, die den väter­li­chen Betrieb, der auch nach dem Tod von San­del Weis im Jahr 1917 wei­ter­hin als ‚S. Weis & Co.‘ fir­mier­te,[122] zunächst über­nah­men und ihn auch bis in die Mit­te der Zwan­zi­ger­jah­re in der Nas­sau­er Str. 35 gemein­sam führ­ten. 1917 war das Geschäft dann nach Wies­ba­den ver­legt wor­den, wo man Gelän­de am Bahn­hof von der Reichs­bahn als Lager­flä­che ange­mie­tet hat­te. Die Geschäfts­räu­me befan­den sich bis 1925 in dem 1921 mit Mit­teln der Fir­ma erwor­be­nen Gebäu­de Gar­ten­feld­str. 15.[123]

Brief­kopf der Fir­ma ‘S. Weis & Co.‘
HHStAW 685 842a (59)

Dann schied Ema­nu­el aus dem Unter­neh­men aus und Sieg­mund und Max Weis führ­ten den Betrieb als O.H.G. unter dem Namen ‚Geb. Weis‘ allei­ne wei­ter. [124] Um die drei noch nicht voll­jäh­ri­gen Kin­der Jen­ny, Ben­ni und Hein­rich abzu­fin­den, wur­de im Okto­ber 1923 das Haus Vic­to­ria­str. 39 in Wies­ba­den an der Ein­mün­dung zur Les­sing­stra­ße für 45.000 Gold­mark gekauft und die drei Geschwis­ter als Eigen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­gen.[125]

Anzei­ge vom 28.6.1924 im ‘Wies­ba­de­ner Tageblatt’
Anzei­ge im Wies­ba­de­ner Tage­blatt’ vom 13. 4.1921

Bis zu die­ser Zeit han­del­te es sich, wie aus den Steu­er­un­ter­la­gen der Brü­der her­vor­geht, um ein recht gesun­des Unter­neh­men, das auch gut durch die Kriegs­jah­re gekom­men war. Wenn für das Jahr 1921 Umsät­ze von 350.000 RM zu ver­steu­ern waren, dann ist aller­dings zu beden­ken, dass die­se Sum­me wegen der dama­li­gen hohen Infla­ti­ons­ra­te die tat­säch­li­che Lage nur unzu­rei­chend wider­spie­gelt.[126] Mit dem Kauf des Hau­ses für die Geschwis­ter, geriet aber auch die Fir­ma zuse­hends in eine Schief­la­ge, denn die Miet­ein­nah­men deck­ten weder die Belas­tun­gen, die durch die Hypo­the­ken­zin­sen ent­stan­den, noch die steu­er­li­chen Ver­pflich­tun­gen, die auf dem Haus­be­sitz grün­de­ten. Hin­zu kamen wei­te­re Belas­tun­gen, die die Fir­ma fast in den Ruin getrie­ben hät­ten. So hat­te man offen­bar unvor­sich­ti­ger­wei­se eine Bürg­schaft über­nom­men, für die man ein­ste­hen muss­te, und auch insol­vent gewor­de­ne Geschäfts­part­ner sorg­ten für beträcht­li­che Außen­stän­de, die man abschrei­ben muss­te.[127] Hät­te man sich damals nicht auf einen Hypo­the­ken­ver­trag mit der Nas­saui­schen Lan­des­bank ein­ge­las­sen, so wäre der „Kon­kurs“ der Fir­ma schon damals „unver­meid­lich“ gewe­sen. „Nur durch rast­lo­se Tätig­keit der bei­den jet­zi­gen Teil­ha­ber ist es bis jetzt gelun­gen, das Unter­neh­men über Was­ser zu hal­ten“, schrie­ben die Buch­prü­fer im Jahr 1927 über die dama­li­ge Lage des Unter­neh­mens.[128]
Schon Ende des Geschäfts­jah­res 1923, also unmit­tel­bar nach der Wäh­rungs­re­form, gaben die Brü­der in ihrer Steu­er­erklä­rung an, ein Ver­mö­gen von 240.000 RM zu besit­zen, wovon aller­dings mehr als die Hälf­te der Wert des Waren­la­gers aus­mach­te. Etwa zehn Pro­zent betru­gen Außen­stän­de und neben einem Auto im Wert von 7.000 RM war die Immo­bi­lie Gar­ten­feld­str. 15, die sowohl gewerb­lich als auch als Woh­nung genutzt wur­de, mit rund 52.000 RM auf­ge­führt. Liqui­de Mit­tel belie­fen sich auf nicht ein­mal 10.000 RM. Dem gegen­über betru­gen die Schul­den fast 130.000 RM.[129]

Viel­leicht erhoff­te man sich auch durch die ehe­li­che Ver­bin­dung mit dem Han­dels­haus der Seligs eine enge Koope­ra­ti­on und damit auch eine Ent­las­tung in der dama­li­gen Situa­ti­on. Emma Selig ging als ers­te die Ehe mit einem der Söh­ne der Nor­den­stad­ter Fami­lie Weis ein. Sie hei­ra­te­te am 4. Janu­ar 1923 in Hechts­heim Sieg­mund Weis.[130] Ihr ein­zi­ges Kind, die Toch­ter Ruth Inge­borg, wur­de am 3. Juli 1924 in Wies­ba­den gebo­ren.[131] Fünf Jah­re nach der ers­ten Hoch­zeit hei­ra­te­te Cäci­lie Selig am 16. Mai 1928 eben­falls in Hechts­heim Sieg­munds jün­ge­ren Bru­der Max.[132] Bis zur Emi­gra­ti­on des Paa­res blieb die Ehe kinderlos.

Aber die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on des Unter­neh­mens der Gebrü­der Weis ver­bes­ser­te sich durch die Hei­rat auch in den fol­gen­den Jah­ren nicht grund­le­gend. Wei­ter­hin muss­ten die Brü­der gegen­über den Finanz­be­hör­den ihre schwie­ri­ge Lage offen­le­gen. Im März 1926 war ihnen zuge­stan­den wor­den, dass „von wei­te­ren Betrei­bungs­maß­nah­men vor­läu­fig abzu­se­hen“ sei. Aber im Febru­ar 1928 baten sie erneut um Stun­dung der fäl­li­gen Steu­er­vor­aus­zah­lun­gen, da sie ange­sichts eines Gesamt­schul­den­stan­des von rund 75.000 RM ver­mut­lich gar nicht mehr steu­er­pflich­tig sein wür­den.[133] Und das war noch vor der bald begin­nen­den Welt­wirt­schafts­kri­se und noch vor dem Macht­an­tritt der Nazis. Schon Anfang 1931 gaben die Brü­der, wie aus einem Schrei­ben von Sieg­mund Weis an das Finanz­amt Wies­ba­den her­vor­geht, die bis­he­ri­ge O.H.G. auf und betrie­ben ihre Geschäf­te künf­tig jeweils als Ein­zel­un­ter­neh­mer.[134]

Max Weiss war im Sep­tem­ber 1931 mit sei­ner Frau aus sei­ner bis­he­ri­gen Woh­nung Kai­ser-Fried­rich-Ring 86 aus­ge­zo­gen und leb­te von nun an in einer Woh­nung in der Dotz­hei­mer Str. 18.[135] Sein Bru­der war wei­ter­hin in dem Betriebs- und Wohn­ge­bäu­de in der Gar­ten­feld­str. 15, das zu einem gro­ßen Teil ver­mie­tet war, geblie­ben. Trotz der Miet­ein­nah­men von mehr als 7.000 RM im Jahr 1932 blie­ben unterm Strich fak­tisch kei­ne zu ver­steu­ern­den Ein­künf­te übrig: Gera­de mal 165 RM mel­de­te jeder der bei­den Brü­der beim Finanz­amt an.[136]

Fami­lie Weis mel­det sich 1933 von Wies­ba­den nach Rot­ter­dam ab
HHStAW 685 842b (9)

Schon bald nach­dem man Hit­ler und der NSDAP die Macht über­tra­gen hat­te, ent­schloss sich die Fami­lie von Sieg­mund und Emma Weis Deutsch­land zu ver­las­sen. Ihr Abmel­de­bo­gen aus Wies­ba­den nennt das Datum 28. August 1933, wur­de aber von sei­nem Bru­der Max erst am 2. Sep­tem­ber 1933 unter­schrie­ben.[137] Die Fami­lie war nach Hol­land gezo­gen, wohin seit län­ge­rer Zeit geschäft­li­che Ver­bin­dun­gen bestan­den und wohin auch ande­re Mit­glie­der der Fami­lie Selig spä­ter flüch­te­ten. In Rot­ter­dam, in der Sche­penstra­at 82, fand sie eine Unter­kunft, die zumin­dest für die ers­ten Jah­re eine rela­ti­ve Sicher­heit bot. Sein Gewer­be in Wies­ba­den hat­te Sieg­mund Weis, wie aus einem Brief sei­nes Bru­ders Max her­vor­geht, ord­nungs­ge­mäß abge­mel­det.[138]

Auch die Eltern von Emma Weis, Sieg­fried und Anto­nia Selig, lit­ten in Mainz von Anbe­ginn der NS-Zeit unter den all­täg­li­chen anti­se­mi­ti­schen Anfein­dun­gen. Als sie im Dezem­ber 1933 einen Rei­se­pass für einen Besuch der Fami­lie ihrer Toch­ter in Rot­ter­dam bean­trag­ten, wur­de ihnen die­ser ver­wei­gert. Viel­leicht lagen die Behör­den mit ihrer Ver­mu­tung rich­tig, dass das Ehe­paar Selig damals mehr als nur einen Besuch plan­te. Auch befürch­te­te man sicher nicht zu Unrecht, „dass der Jude Selig im Aus­land ent­stell­te und dem deut­schen Anse­hen abträg­li­che Erzäh­lun­gen ver­brei­ten“ wer­de. „Selig wird daher kei­nes­wegs wie­der ins Aus­land rei­sen, son­dern in Hechts­heim Muße haben, etwa­ige kom­mu­na­le oder pri­va­te Schul­den abzu­de­cken.“[139] Es bedurf­te aller­dings kei­nes­wegs „ent­stell­ter Berich­te“, um dem Anse­hen Deutsch­lands zu scha­den. Kurz zuvor waren vier ande­ren Hechts­hei­mer Juden bei einer Atta­cke die Fens­ter­schei­ben ein­ge­wor­fen wor­den. Mit der zyni­schen Begrün­dung, man habe sie „zu ihrer eige­nen Sicher­heit“ in Schutz­haft genom­men, wur­de in Hechts­heim schon damals deut­lich gemacht, was die Juden von der neu­en Staats­macht zu erwar­ten hat­ten. Ganz sicher muss­ten auch Seligs schon in die­ser frü­hen Zeit der NS-Herr­schaft um ihr Leben fürchten.

Brief von Max Weis an das Finanz­amt Wies­ba­den, in dem er die­ses über die Geschäfts­auf­ga­be sei­nes Bru­ders unter­rich­tet.
HHStAW 685 842b (10).

Nach der Aus­rei­se von Sieg­mund Weis und sei­ner Fami­lie hat­te sein Bru­der Max für ihn die Ver­mö­gens­ver­wal­tung über­nom­men. Er fun­gier­te auch als Kon­takt in allen behörd­li­chen Ange­le­gen­hei­ten. Dies war schon des­halb nötig, weil Sieg­mund Weis wegen sei­ner Mit­ei­gen­tü­mer­schaft am Haus in der Gar­ten­feld­stra­ße in Deutsch­land noch immer steu­er­pflich­tig war. Im Jahr 1937 betrug sein Jah­res­ein­kom­men, auch auf­grund der Miet­ein­nah­men, immer­hin 1.200 RM. Zwar gin­gen die­se Ein­nah­men sofort an die Nas­saui­sche Lan­des­bank, die damit ihre Zins­for­de­run­gen für die Hypo­thek abdeck­te, aber Steu­ern muss­ten den­noch gezahlt wer­den. Da Sieg­mund Weis aber kei­ne finan­zi­el­len Mit­tel mehr in Deutsch­land besaß, muss­te Max dafür auf­kom­men. Der wie­der­um durf­te aber nicht zah­len, weil er gemäß den bestehen­den devi­sen­recht­li­chen Bestim­mun­gen nicht in Vor­leis­tung für im Aus­land leben­de Per­so­nen tre­ten durf­te. Er bat also im Namen sei­nes Bru­ders um Stun­dung der Zah­lun­gen, was aber ver­wei­gert wur­de. Auch die Bank hat­te Pro­ble­me, den Zins­be­trag von Sieg­mund Weis ein­zu­zie­hen, da die Devi­sen­stel­le zunächst eine Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung des Finanz­amts Wies­ba­dens benö­tig­te, um Geld von einem nicht in Deutsch­land Leben­den ver­bu­chen zu kön­nen.[140] Wie die­ses büro­kra­ti­sche Dilem­ma letzt­lich gelöst wur­de, lässt sich den Akten nicht ent­neh­men. Aber man kann sicher sein, dass der Staat sein Geld auf die eine oder ande­re Wei­se erhielt.

Max Weis war, nach­dem die Fami­lie sei­nes Bru­ders aus­ge­wan­dert war, mit sei­ner Frau selbst in das noch gemein­sa­me Haus in der Gar­ten­feld­stra­ße gezo­gen. An ihm konn­ten die Nazis unmit­tel­bar die Maß­nah­men exe­ku­tie­ren, mit denen den noch in Deutsch­land ver­blie­be­nen Juden das Leben uner­träg­lich gemacht wur­de. Schon bald wur­den ihm die not­wen­di­gen Waren­zu­tei­lun­gen gesperrt, sodass er sich im Okto­ber 1935 gezwun­gen sah, auch sein Geschäft auf­zu­ge­ben und zu ver­kau­fen.[141] Spä­tes­tens von die­sem Zeit­punkt an, hat­te das Ehe­paar Weis, abge­se­hen von den sofort von der Bank ein­ge­zo­ge­nen Miet­ein­nah­men, kei­ne Ein­nah­men mehr und muss­te von sei­nen Erspar­nis­sen leben.
Als dann im Novem­ber 1938 in ganz Deutsch­land die Syn­ago­gen brann­ten und die jüdi­schen Geschäf­te demo­liert wur­den, ergab sich auch für Seligs in Mainz und für das Ehe­paar Weis in Wies­ba­den eine neue Situa­ti­on. Das Haus von Sieg­fried und Anto­nia Selig in Mainz war in der Pogrom­nacht völ­lig zer­stört wor­den, sodass sie dort nicht län­ger woh­nen konn­ten. Der Ver­such, jetzt zu ihrer Toch­ter nach Hol­land zu gelan­gen, wur­de von den Main­zer Behör­den ver­wehrt, sodass sie am 22. Dezem­ber nach Wies­ba­den zu ihrer ande­ren Toch­ter Cäci­lie und ihrem Mann in die Gar­ten­feld­stra­ße zogen. Die Gesta­po leg­te für sie damals noch eine Kar­tei­kar­te an, in zwar das Zuzugs­da­tum nach Wies­ba­den nicht ein­ge­tra­gen wur­de, dafür aber das Abrei­se­da­tum: Schon am 9. Janu­ar 1939 konn­ten sie von Wies­ba­den nach Rot­ter­dam aus­wan­dern. Zwar war die Emi­gra­ti­on offen­sicht­lich in Kennt­nis der Behör­den erfolgt, was sie aber in die­ser kur­zen Zeit ange­sichts des sonst übli­chen büro­kra­ti­schen Auf­wands noch hat­ten mit­neh­men kön­nen, ist unge­wiss. Ver­mut­lich fan­den sie eine ers­te Hil­fe bei der Fami­lie ihrer Toch­ter in Rot­ter­dam. Zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt lie­ßen sie sich dann in Gou­da nie­der, wo sie zuletzt im dor­ti­gen Jüdi­schen Alters­heim, Oost­ha­ven 31, wohnten.

Todes­ein­trag für Fried­rich Selig in Gouda

Sieg­fried Selig, der bei sei­ner Aus­rei­se aus Deutsch­land bereits das 70. Lebens­jahr über­schrit­ten hat­te, ver­starb dort am 30. Sep­tem­ber 1942.[142] Damals roll­ten schon seit ein paar Mona­ten die Züge mit geflüch­te­ten oder auch ein­hei­mi­schen Jüdin­nen und Juden aus Hol­land in die Ver­nich­tungs­la­ger im Osten. Wenigs­tens die­se letz­te Lei­dens­er­fah­rung ist Sieg­fried Selig somit erspart geblie­ben. Er fand sei­ne letz­te Ruhe auf dem jüdi­schen Fried­hof in Gouda.
Auch Sieg­mund Weis war bereits vor sei­nem Schwie­ger­va­ter in der nie­der­län­di­schen Emi­gra­ti­on ver­stor­ben. Nach sei­nem Tod im Febru­ar 1940 war sei­ne Wit­we Emma Weis von Rot­ter­dam zu ihren Eltern nach Gou­da gezo­gen, hat­te aber dort, ver­mut­lich zusam­men mit ihrer Toch­ter Ruth, eine eige­ne Woh­nung. Nach Recher­chen der Stol­per­stein­grup­pe Hechts­heim leb­te sie dort erst in der Wijd­stra­at 17, zuletzt in der Gou­we 123.[143] Bis 1943 blie­ben die noch leben­den Mit­glie­der der Fami­lie Selig /​ Weis ver­schont. Anto­nie Selig, die nach dem Tod ihres Man­nes wei­ter­hin im Alters­heim in Gou­da blei­ben konn­te, war dann die ers­te, die einen der Züge bestei­gen muss­te, die vom Durch­gangs­la­ger Wes­ter­burg aus in den Osten fuh­ren. Am 9. April 1943 wur­den alle Bewoh­ner des Heims zum Ver­las­sen des Hau­ses gezwun­gen und in das Durch­gangs­la­ger Wes­ter­bork ver­schleppt. Nach zwei Wochen, am 23. April, brach­te sie ein Zug in das Todes­la­ger Sobi­bor im besetz­ten Polen, wo sie ver­mut­lich unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft ermor­det wur­de.[144]
Das glei­che Schick­sal traf ihre Enke­lin Ruth Inge­borg. Sie war zuvor zusam­men mit ihrer Mut­ter am 8. Juni 1943 von Gou­da nach Wes­ter­bork ver­bracht wor­den.[145] Ihr Zug ver­ließ das Lager am 25. Mai 1943 und erreich­te Sobi­bor drei Tage spä­ter. Auch sie wur­de mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit unmit­tel­bar nach Ankunft in einer der dor­ti­gen Gas­kam­mern umge­bracht.[146] Sie war nur acht­zehn Jah­re alt geworden.

Von ihrer Mut­ter Emma Weis ist eine Post­kar­te als letz­tes Lebens­zei­chen erhal­ten geblie­ben, geschrie­ben im Lager Wes­ter­bork am 1. Juni 1943. Anders als ihre Mut­ter und Toch­ter führ­te ihr letz­ter Weg nicht nach Sobi­bor, son­dern nach Ausch­witz, das der Zug am 3. Sep­tem­ber erreich­te. Am 27. Sep­tem­ber 1949 wur­de der Todes­tag von Mut­ter und Toch­ter Weis amt­li­cher­seits auf den 30. Juni 1944 fest­ge­legt.[147]

Ent­las­sungs­schein für Max Weis aus Buchen­wald
HHStAW 518 40050 I (16)
Max Weis
Häft­lings­kar­te von Max Weis aus Buchen­wald
Arol­sen Archiv

Es grenzt an ein Wun­der, dass es gera­de Max und Cäci­le Weis gelang, den Holo­caust zu über­le­ben, obwohl sie am längs­ten in Deutsch­land aus­harr­ten. Als nach der Reichs­po­grom­nacht die männ­li­chen Juden auch in Wies­ba­den inhaf­tiert wur­den, gehör­te auch Max zu den­je­ni­gen, die man zunächst in Poli­zei­ge­wahr­sam nahm, um ihn dann am 13. Novem­ber in das KZ Buchen­wald zu über­füh­ren.[148] Am 30. des Monats wur­de er unter der Auf­la­ge, dass er Deutsch­land umge­hend zu ver­las­sen habe, wie­der entlassen.
Aber zuvor wur­de auch er noch zur „Süh­ne­leis­tung“ her­an­ge­zo­gen. In einer Berech­nung des Ver­mö­gens am Stich­tag 12. Novem­ber 1938 war man nach Abzug der Schul­den auf den gerun­de­ten Betrag von 10.000 RM, was dann eine Son­der­steu­er von zunächst 2.000 RM bedeu­te­te.[149] Hin­zu kam eine soge­nann­te DEGO-Abga­be für neu erwor­be­ne Güter in Höhe von etwas mehr als 1.000 RM.[150] Der Lift, der neben den Möbeln auch die­sen neu­en Haus­rat beinhal­te­te, gelang­te nie in den Besitz der Emi­gran­ten. Die Fracht im geschätz­ten Wert von etwa 8.000 RM war bei der Fir­ma Adri­an in Wies­ba­den ein­ge­la­gert wor­den, hat die Lager­hal­le – aus wel­chen Grün­den auch immer – aber nie ver­las­sen.[151] Am 12. Novem­ber 1941 wur­de der gesam­te Lift – natür­lich ohne Wis­sen der Eigen­tü­mer – im Auf­trag der Gesta­po Frank­furt ver­stei­gert. Die Fir­ma Adri­an erziel­te einen Erlös von 2.102,40 RM, zog als Pro­vi­si­on eine Gebühr von 105,10 RM ein und über­wies den übri­gen Betrag auf ein Kon­to der Deut­schen Bank, das ver­mut­lich der Gesta­po oder auch den deut­schen Finanz­be­hör­den gehör­te.[152]

Ver­stei­ge­rung des Haus­halts der Fami­lie Weiss (Aus­zug)
HHStAW 518 40050 I (44)

In einer sechs­sei­ti­gen Lis­te sind alle Ver­kaufs­vor­gän­ge mit Objekt, Käu­fer­na­me – vie­le Namen tau­chen dar­in mehr­fach auf – und Preis fein säu­ber­lich ein­ge­tra­gen.[153] Ein Käu­fer, Faust, hat­te für 700 RM ein gan­zes Schlaf­zim­mer erwor­ben, ein ande­rer gab sich mit einem Küchen­tisch zufrie­den, der ihn 1 RM kos­te­te. Drei Spa­zier­stö­cke mit zwei Besen gin­gen für ins­ge­samt 3 RM über den Tre­sen und vie­les mehr. Wie­der ein­mal bot sich den deut­schen „Volks­ge­nos­sen“ eine güns­ti­ge Gele­gen­heit, auf Kos­ten der ehe­ma­li­gen jüdi­schen Mit­bür­ger ein Schnäpp­chen in den ach so har­ten Kriegs­zei­ten zu machen. Die Fra­ge, was aus den ehe­ma­li­gen Eigen­tü­mern gewor­den war, stel­le man bes­ser nicht. Sie waren irgend­wie weg und hat­ten all ihre Sachen ein­fach nicht mitgenommen.

Ver­kauf der Immo­bi­lie in der Gar­ten­feld­str. 15
HHStAW 685 842c (117)

Kom­pli­zier­ter wur­de der Ver­kauf des Hau­ses in der Gar­ten­feld­stra­ße. Max Weis woll­te es im Janu­ar eigent­lich an den Mie­ter der Geschäfts­räu­me des Gebäu­des, die Worm­ser ‚Eich­baum-Werk­er-Braue­rei-AG‘ ver­kau­fen. Aus wel­chen Grün­den sein in Hol­land leben­der Bru­der dem Ver­kauf wider­sprach, ist nicht bekannt. Er konn­te den Ver­lust aber nicht ver­hin­dern, son­dern nur ver­zö­gern. Mit der Aus­rei­se von Max und Cäci­lie aus Deutsch­land und dem Ent­zug der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit wur­de das Grund­stück vom Deut­schen Reich ein­ge­zo­gen und dann dem Bewer­ber über das Finanz­amt Wies­ba­den für rund 56.000 RM bei Über­nah­me der Hypo­thek von 47.000 RM ver­kauft.[154] Im Grund­buch ein­ge­tra­gen wur­de der Ver­kauf aller­dings erst kurz vor Kriegs­en­de am 30. Janu­ar 1945, was aber die Nut­zung des Gebäu­des durch den neu­en Eigen­tü­mer in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht behin­der­te.[155]

Wann genau im Jah­re 1939 Max und Cäci­lie Weis die deut­sche Gren­ze über­schrit­ten, ist nicht bekannt, aber ihr Flucht­weg führ­te sie über Hol­land, wo sie ver­mut­lich auch noch ein­mal den Bru­der bzw. die Schwes­ter besuch­ten. Von Rot­ter­dam aus fuh­ren sie mit dem Post­damp­fer ‚Watus­si’ der ‚Deut­schen Afri­ka-Linie’ im Janu­ar wei­ter nach Afri­ka, wo sie von dem dama­li­gen bri­ti­schen Pro­tek­to­rat Nord­rho­de­si­en, dem heu­ti­gen Sam­bia, ein Ein­rei­se­vi­sum erhal­ten hat­ten. In einem Inter­view, das Cäci­lie Weis im Jahr 1988 gege­ben hat­te, berich­te­te sie, dass der Kapi­tän sie schon am ers­ten Abend in ihrer Kajü­te auf­ge­sucht und sie gefragt habe, ob sie Juden sei­en. Als sie dies bejah­ten, warn­te er sie vor bestimm­ten Pas­sa­gie­ren. Sie soll­ten sich in deren Gegen­wart nicht über Hit­ler äußern, sonst müs­se er sie unter Deck in Gefan­gen­schaft neh­men.[156] Das Schiff leg­te zunächst in Bei­ra im heu­ti­gen Mosam­bik an, von wo sie mit der Eisen­bahn nach Lusa­ka wei­ter­fuh­ren. Ihre neue Hei­mat wur­de Ndo­la, eine Stadt an der Gren­ze zur Repu­blik Kon­go, die schon damals als wich­ti­ges Wirt­schafts­zen­trum fungierte.
Den­noch war für die Neu­an­kömm­lin­ge, die fak­tisch mit Nichts dort ange­kom­men waren, der Anfang beschwer­lich. Cäci­lie über­nahm zunächst gegen „Essen und Schla­fen“ die Pfle­ge einer alten Frau und arbei­te­te anschlie­ßend für ein sehr gerin­ges Gehalt in der Kin­der­pfle­ge. Bis 1943 erreich­ten die bei­den kein Ein­kom­men, mit dem sie steu­er­lich ver­an­schlagt wur­den. In einer genau­en Auf­stel­lung hat­te Cäci­lie Weis der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de mit­ge­teilt, mit wel­chen Aus­hilfs­tä­tig­kei­ten sie sich in den Jah­ren bis 1955 über Was­ser hal­ten muss­te. Sicher nicht zuletzt wegen des unge­wohn­ten Kli­mas lit­ten bei­de unter erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Beschwer­den. Cäci­le Weis gab an, 17 Mal Mala­ria gehabt zu haben, sodass sie schon in den 50er Jah­ren nur noch zu 50 Pro­zent erwerbs­fä­hig war.[157] Am 10. Febru­ar 1958 – die genaue­ren Umstän­de sind nicht bekannt – ver­starb ihr Ehe­mann in Kap­stadt.[158] Mög­li­cher­wei­se waren sie inzwi­schen dort­hin ver­zo­gen. Wann und wo sie selbst ver­starb, ist nicht bekannt. Aber es hat nach dem Krieg noch Kon­tak­te zu Men­schen in ihrem ehe­ma­li­gen Wohn­ort Nor­den­stadt gege­ben, zu Men­schen, die ver­such­ten, das Schick­sal ihrer ehe­ma­li­gen Mit­bür­ger zu recher­chie­ren. Cäci­lie Weis selbst hat­te sich in den 50er Jah­ren aus gesund­heit­li­chen Grün­den und im Zusam­men­hang mit ihrem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren noch ein­mal in Wies­ba­den aufgehalten.

 

Albert Kramer und Justine (Jenny), geborene Selig

Jus­ti­ne, die älte­re Schwes­ter der bei­den Juden­haus­be­sit­zer, leb­te zuletzt mit ihrem Mann auch in Wies­ba­den, hat­te geglaubt, der Ver­fol­gung der Fami­lie in Rhein­hes­sen ent­ge­hen und in der gro­ßen Stadt einen siche­ren Ort fin­den zu können.

Jen­ny Kra­mer, geb. Selig, 1890 in Mainz auf­ge­nom­men
Mit Dank an David Zinner

Jen­ny, wie Jus­ti­ne spä­ter zumeist geru­fen wur­de, war am 11. Okto­ber 1869 in Hechts­heim zur Welt gekom­men.[159] Mit 26 Jah­ren hei­ra­te­te sie am 19. Novem­ber 1896 in ihrer Hei­mat­ge­mein­de den am 20. April 1866 in Schwa­ben­heim bei Bin­gen gebo­re­nen Albert Kra­mer.[160] Er war das drit­te Kind aus der ers­ten Ehe sei­nes Vaters Leo­pold Kra­mer, der inzwi­schen in Nie­der-Olm ansäs­sig gewor­den war. Vor Albert waren zunächst Emma am 11. Mai 1855 und Marx am 15. März 1862 gebo­ren wor­den.[161]

Nach der Geburt von Albert muss die Mut­ter Rosi­na, gebo­re­ne Laza­rus, ver­stor­ben sein, denn der Vater ging zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt eine neue Ehe mit Caro­li­ne Baum ein. In die­ser Ehe wur­den dann noch ein­mal vier Kin­der gebo­ren, die aber kei­ne Ver­bin­dung zur Fami­lie Selig und nach Wies­ba­den hat­ten.[162]

Ver­mut­lich war bereits Alberts Vater Leo­pold als „Han­dels­ju­de“ in Nie­der-Olm tätig gewe­sen, da das dor­ti­ge Geschäft bereits um 1870 gegrün­det wor­den war.[163] Wann der Vater ver­starb, ist nicht bekannt, aber spä­tes­tens danach über­nah­men die bei­den Söh­ne aus der ers­ten Ehe, Marx und Albert, gemein­sam das Manu­fak­tur­wa­ren­ge­schäft, das nun als ‚Gebrü­der Kra­mer’ fir­mier­te und in Nie­der-Olm in der Pari­ser Str. 105, die spä­ter zeit­wei­se Hin­den­burg­stra­ße genannt wur­de, gele­gen war. Aber nicht nur durch das gemein­sa­me Unter­neh­men waren die bei­den mit­ein­an­der ver­bun­den. Drei Jah­re nach der Ehe­schlie­ßung von Albert und Jus­ti­ne hei­ra­te­te auch sein älte­rer Bru­der Marx in die Fami­lie Selig ein und ehe­lich­te Jus­ti­nes jün­ge­re, am 2. Mai 1877 gebo­re­ne Schwes­ter Emi­lie.[164]

Am 31. August des Jah­res 1897 kam in der Ehe von Jus­ti­ne und Albert Kra­mer deren ein­zi­ges Kind, die Toch­ter Erna, in Nie­der-Olm zur Welt.[165] In der Ehe des Bru­ders bzw. der Schwes­ter gab es zwei Nach­kom­men. Zunächst wur­de am 19. Mai 1900 ein Sohn gebo­ren, der im Andenken an den Groß­va­ter väter­li­cher­seits den Namen Leo­pold erhielt.[166] Ein Jahr spä­ter kam dann am 22. Juni die Toch­ter Ali­ce zur Welt.[167]

Erst im Okto­ber 1922 wur­de die bis­her gemein­sa­me Fir­ma der Brü­der in der bis­her bestehen­den Form auf­ge­löst und jeder der bei­den betrieb von nun an ein eige­nes Geschäft mit dem glei­chen Waren­an­ge­bot. Die vor­han­de­nen Lager­be­stän­de waren damals zwi­schen ihnen auf­ge­teilt wor­den. Dar­über hin­aus gab es damals noch min­des­tens ein wei­te­res Tex­til­ge­schäft, aller­dings in Ober-Olm, das eben­falls einen jüdi­schen Eigen­tü­mer hatte.

Nach­dem Albert Kra­mer eigen­stän­dig gewor­den war, oblag im Wesent­li­chen ihm und einem wei­te­ren Mit­ar­bei­ter der Ver­trieb der Waren im Umland. Sie besuch­ten ihre Kun­den in den dor­ti­gen Gemein­den zu Hau­se und boten dort die Stof­fe, Klei­dung und Wäsche an. Dane­ben gab es aber auch noch ein Laden­ge­schäft in Nie­der-Olm, das von Albert Kra­mers Frau Jen­ny geführt wur­de. In den Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg und zu Zei­ten der Repu­blik waren zumeist noch zusätz­lich ein oder auch zwei Ange­stell­te, manch­mal auch noch ein Lehr­ling im Geschäft tätig. Ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter gab im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass das „Platz­ge­schäft“ im Ver­gleich zum Rei­se­ge­schäft schon immer eher beschei­den gewe­sen sei.[168] Ab 1932, der Zeit der Welt­wirt­schafts­kri­se, habe daher Erna Kra­mer nur noch allei­ne im Laden gestanden.
Auf Steu­er­un­ter­la­gen aus der Zeit vor 1933 konn­te schon in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren nicht mehr zurück­ge­grif­fen wer­den, weil sie im Krieg ver­nich­tet wur­den. Nur die Gemein­de konn­te noch ange­ben, dass das Gewer­be­ka­pi­tal sogar um die Mit­te der Drei­ßi­ger­jah­re noch etwa 10.000 RM betra­gen haben soll und das Geschäft ganz offi­zi­ell im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen war.[169] Des­halb konn­ten auch über frü­he­re Umsät­ze und Erträ­ge nur Mut­ma­ßun­gen ange­stellt wer­den. Die­se dif­fe­rier­ten zwi­schen Antrag­stel­lern und Ent­schä­di­gungs­be­hör­de erheb­lich. Wäh­rend Erna Kra­mer den jähr­li­chen Umsatz in den Jah­ren 1926 bis 1933 auf etwa 80.000 bis 90.000 RM, das jähr­li­che Ein­kom­men auf etwa 18.000 RM schätz­te, woll­te die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de auf­grund von ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len höchs­ten 8.500 RM Ein­kom­men in Ansatz brin­gen.[170] Einen wei­te­ren Dis­sens gab es in der Fra­ge, ob die Tätig­keit von Erna Kra­mer im Geschäft als eigen­stän­di­ge beruf­li­che Tätig­keit zu bewer­ten und damit auch eigens zu ent­schä­di­gen sei oder ob sie – gemäß dem tra­di­tio­nel­len Frau­en­bild – als Hilfs­tä­tig­keit anzu­se­hen sei, zu der die Ehe­frau allein durch ihre Hei­rat ver­pflich­tet war. Selbst­ver­ständ­lich wur­de ihr im damals kon­ser­va­tiv gepräg­ten Deutsch­land die Ent­schä­di­gung verweigert.

Kein Zwei­fel bestand aber dar­an, dass Albert Kra­mer ein sehr inte­grer und flei­ßi­ger Geschäfts­mann war. So cha­rak­te­ri­sier­te ihn in sei­ner gestelz­ten Spra­che dann auch der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter in einem Schrei­ben der Stadt­ver­wal­tung vom 18. August 1957:
“Der hier­orts gut beru­fen gewe­se­ne Herr Albert Kra­mer erfreu­te sich samt sei­ner Fami­lie all­zeit der Wert­schät­zung der Bür­ger­schaft von Nie­der-Olm. Herr Kra­mer war ein auf­recht­ste­hen­der, streb­sa­mer Kauf­mann, der hier in Nie­der-Olm, in der Pari­ser­stras­se 105 ein Manu­fak­tur­wa­ren­ge­schäft betrieb. Über sei­ne Ein­nah­men kön­nen wir nichts ver­bind­li­ches (sic!) sagen, aber dem­nach zu urtei­len, als er immer ein offe­nes, beschei­de­nes u. freund­li­ches Wesen an den Tag leg­te, muss­te sei­ne Lebens­wei­se als gut gere­gelt ange­spro­chen werden.
Das Haus in dem er wohn­te, und in dem er, wie schon erwähnt, sein Geschäft betrieb, war sein Eigentum.
Herr Kra­mer ging immer einer gewinn­brin­gen­den Arbeit nach, war all­zeit rüh­rig auf den Bei­nen, und so, hin­sicht­lich sei­nes Geschäf­tes ziel­stre­bend.“
[171]
Zwar mag die Cha­rak­te­ri­sie­rung von Albert Kra­mer zutref­fend sein, ganz gewiss aber nicht das Urteil, das der Bür­ger­meis­ter über sei­ne Mit­bür­ger fäll­te, denn dass Albert Kra­mer sich deren „Wert­schät­zung all­zeit erfreu­en konn­te“, stimm­te seit 1933 ganz gewiss nicht mehr. Von die­sem Zeit­punkt an war es näm­lich vor­bei mit die­ser all­sei­ti­gen Wert­schät­zung. Spä­tes­tens jetzt gehör­te er, der Jude, mit sei­ner Fami­lie, nicht mehr zur Dorf­ge­mein­schaft, wur­de gemie­den, boy­kot­tiert und drangsaliert.

Mit Beginn des Jah­res 1933 gin­gen ent­spre­chend auch die Ein­nah­men immer stär­ker zurück. 1935 belief sich das Ein­kom­men der Fami­lie laut der Steu­er­erklä­rung von Albert Kra­mer auf rund 5.700 RM, im fol­gen­den Jahr waren es dann nur noch 2.700 RM. 1937 stieg es mit 4.000 RM zwar wie­der etwas an, aber der Grund die­ses klei­nen Auf­schwungs scheint die Geschäfts­auf­ga­be des ande­ren jüdi­schen Tex­til­händ­lers aus Ober-Olm gewe­sen zu sein.[172] Albert Kra­mer hat­te damals noch einen Teil von des­sen Lager über­nom­men, als die­ser, die Zei­chen der Zeit rich­tig deu­tend, noch im sel­ben Jahr aus Deutsch­land emi­grier­te.[173] Albert und Erna Kra­mer muss­ten erst den Pogrom am 11. Novem­ber 1938 erle­ben, um zu beschlie­ßen, wenigs­tens die Stadt zu ver­las­sen, in der die Fami­lie seit Gene­ra­tio­nen gelebt hat­te. „Mit Mühe und Not“ hät­ten sie „das nack­te Leben ret­ten“ kön­nen, als sie „förm­lich aus dem Haus ver­trie­ben“ wor­den sei­en, bezeug­te ihre Toch­ter.[174]
Was den finan­zi­el­len Scha­den anbe­langt, so bestand der haupt­säch­lich in der Zer­stö­rung und Plün­de­rung des Lagers. Toch­ter Erna bezif­fer­te spä­ter den Scha­den auf etwa 20.000 RM. Gerin­ger war zwar der finan­zi­el­le Scha­den, der in den Wohn­räu­men ange­rich­tet wur­de – nach Anga­ben der Toch­ter etwa 5.500 RM -, ent­schei­dend war aber, dass die gesam­te Ein­rich­tung völ­lig demo­liert und das gro­ße Haus mit sei­nen neun Zim­mern von dem Mob unbe­wohn­bar zurück­ge­las­sen wur­de.[175]

Unab­hän­gig davon, ob Albert und Jus­ti­ne Kra­mer nach die­sem Ereig­nis noch in der Stadt hät­ten blei­ben wol­len, sie hat­ten ange­sichts die­ser Zer­stö­run­gen gar nicht mehr die Mög­lich­keit dazu. Unmit­tel­bar nach dem Pogrom ver­lie­ßen sie Nie­der-Olm und zogen zu Otto Selig, dem Bru­der von Jus­ti­ne, in das gro­ße Haus in Wies­ba­den in der Ora­ni­en­str. 60, das zu die­sem Zeit­punkt noch nicht zum Juden­haus erklärt wor­den war. Aber natür­lich gab es dort nicht die Mög­lich­keit, eine eige­ne Woh­nung zu bezie­hen. Im zwei­ten Stock, in dem Otto Selig bis­her mit sei­ner Haus­häl­te­rin allei­ne gelebt hat­te, muss­te Platz für zwei zusätz­li­che Bewoh­ner geschaf­fen werden.

Erna Stein, geb. Kra­mer
Mit Dank an David Zinner

Ihre Toch­ter Erna hat­te den Ter­ror in Nie­der-Olm nicht mehr selbst erlebt. Nach­dem sie zunächst in ihrem Hei­mat­ort die Volks­schu­le und anschlie­ßend von 1908 bis 1913 eine höhe­re Mäd­chen­schu­le, das heu­ti­ge Frau­en­lob­gym­na­si­um, in Mainz besucht hat­te, ehe­lich­te sie am 14. April 1921 den Kauf­mann Otto Stein aus Neu­stadt an der Haardt.[176] Wie­so die Ehe damals angeb­lich in Wies­ba­den geschlos­sen wur­de, ist nicht bekannt. Mög­li­cher­wei­se hat­ten die recht ver­mö­gen­den Ver­wand­ten, die Onkel Otto und Luci­an Selig, die Fei­er in einem der dor­ti­gen attrak­ti­ven Hotels aus­ge­rich­tet. Wahr­schein­lich ist sogar nur die Fei­er in Wies­ba­den aus­ge­rich­tet wor­den, denn in den Unter­la­gen des Stadt­ar­chivs fin­det sich kein ent­spre­chen­der Regis­ter­ein­trag.[177]

Otto Stein hat­te zuvor im Ers­ten Welt­krieg als Sol­dat gedient, war zuletzt zum Unter­of­fi­zier beför­dert wor­den, aber dann bei der ers­ten Pan­zer­schlacht des Krie­ges, bei der die Deut­schen die­ser neu­en Waf­fe nichts ent­ge­gen­set­zen konn­ten, in bri­ti­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­ten. Erst am 10. April 1919 wur­de er wie­der ent­las­sen.[178]
Nach der Ehe­schlie­ßung ließ sich das Paar dann in der Hei­mat­stadt des Ehe­manns nie­der. Wie Ernas Vater, betrieb auch Ottos Vater Karl Stein eine Manu­fak­tur­wa­ren­hand­lung, aber ver­mut­lich war er zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung bereits ver­stor­ben und sein Sohn hat­te das Geschäft inzwi­schen über­nom­men. Anders als sein Schwie­ger­va­ter, der noch zu Fuß unter­wegs war, fuhr Otto Stein mit einem Fahr­rad über Land und bot sei­ne Waren den Bau­ern der Umge­bung an. Es muss ein recht ein­träg­li­ches Geschäft gewe­sen sein, denn es gab Ange­stell­te, die den Haus­halt führ­ten und auch für die Betreu­ung des ein­zi­gen Kin­des ver­ant­wort­lich waren. Die Toch­ter Lot­te war am 16. Mai 1924 in Neu­stadt gebo­ren wor­den.[179] Neben dem Per­so­nal leb­te im Haus­halt auch noch Ottos Mut­ter Kle­men­ti­ne Stein, gebo­re­ne Bach.[180] Sie selbst, wie auch Otto und Erna Stein, führ­ten ein reges sozia­les Leben, emp­fin­gen oft Besuch, gin­gen ins Thea­ter oder in Kon­zer­te, aber auch im jüdi­schen Gemein­de­le­ben war man aktiv. Die hohen reli­giö­sen Fes­te wur­den gefei­ert und die tra­di­tio­nel­len Riten beachtet.
Die jüdi­sche Gemein­de in Neu­stadt konn­te auf eine lan­ge Geschich­te bis ins 14. Jahr­hun­dert zurück­bli­cken, die aber, wie über­all, immer wie­der durch Pha­sen der Ver­fol­gung und Ent­rech­tung gekenn­zeich­net war. Um 1900 lag die Zahl der dort ansäs­si­gen Juden über dem regio­na­len, aber auch reichs­wei­ten Mit­tel, ging aber dann suk­zes­si­ve zurück.[181] Etwa 350 Per­so­nen und somit etwa 1,75 Pro­zent der Bür­ger gehör­ten der Gemein­de in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik an.[182] Hat­te man im 19. Jahr­hun­dert und auch in den Zwan­zi­ger­jah­ren ein weit­ge­hend gemein­schaft­li­ches Leben zwi­schen den ver­schie­de­nen Kon­fes­sio­nen gepflegt, so änder­te sich das mit dem Auf­kom­men der NSDAP sehr schnell. Vor­trä­ge mit dem Titel „War­um sind wir Anti­se­mi­ten?“ und ers­te Anzei­gen, die zum Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te auf­rie­fen, gab es schon bevor die Macht den Nazis zuge­fal­len war, wur­den aber danach mit noch mehr Nach­druck durch­ge­setzt. Bereits Mit­te März 1933, also noch bevor die reichs­wei­te Akti­on gegen die soge­nann­te „Greu­el­pro­pa­gan­da“ des Aus­lan­des statt­fand, wur­de in Neu­stadt zu „Schutz­maß­nah­men“ gegen Juden auf­ge­ru­fen und beson­ders städ­ti­sche Ange­stell­te und Beam­te zur Teil­nah­me auf­ge­for­dert. In den ört­li­chen Ver­ei­nen began­nen die Säu­be­run­gen und 1935 „zier­ten“ Schil­der mit der Auf­schrift „Juden sind hier uner­wünscht“ die Ein­falls­stra­ßen der Stadt.[183]
Auch die Fami­lie Stein war von die­sen anti­se­mi­ti­schen Aktio­nen unmit­tel­bar betrof­fen. Im April waren SA-Leu­te auch vor ihr Geschäft gezo­gen und hat­ten Kun­den am Betre­ten des Ladens gehin­dert. 1935 war Otto Stein ver­haf­tet wor­den – wie lan­ge und aus wel­chem Anlass, hat­te sei­ne Toch­ter nicht mehr sagen kön­nen. Sie ver­mu­te­te, der Grund könn­te sei­ne Mit­glied­schaft in einer jüdi­schen Loge gewe­sen sein. Lot­te selbst muss­te in der höhe­ren Schu­le, einer Mäd­chen­schu­le, die sie nach ihrer Volks­schul­zeit besuch­te, die Demü­ti­gun­gen ihrer Mit­schü­le­rin­nen ertra­gen. Die­se scheu­ten sich nicht, Lot­te sogar mit Stei­nen zu atta­ckie­ren. Aber auch man­che Leh­rer, die zumin­dest zum Teil in SA- oder ande­ren ange­sag­ten Uni­for­men unter­rich­te­ten, lie­ßen sie spü­ren, dass sie bes­ten­falls noch gedul­det war. 1937 konn­te sie das alles nicht mehr ertra­gen und ver­ließ die Schu­le. Erstaun­lich ist, dass sie trotz aller Anfein­dun­gen ein Abgangs­zeug­nis erhielt, das fast aus­schließ­lich aus aller­bes­ten Noten bestand. Sie ging dann noch für kur­ze Zeit in eine jüdi­sche Schu­le, in der aber Schü­ler von der ers­ten bis zur letz­ten Klas­se gemein­sam unter­rich­tet wur­den, wes­halb es da für die nun Drei­zehn­jäh­ri­ge nichts mehr zu ler­nen gab. Aber eine ande­re Per­spek­ti­ve bot sich für ein so klu­ges jüdi­sches Mäd­chen in Deutsch­land unter den Nazis nicht mehr. Die Eltern über­leg­ten daher, ihre Toch­ter mit einem der damals von den Quä­kern orga­ni­sier­ten Kin­der­trans­por­te ins Aus­land zu brin­gen, damit sie sich gemäß ihren Fähig­kei­ten in Frei­heit wür­de ent­wi­ckeln kön­nen. Und tat­säch­lich erhielt sie eine Zusa­ge. Als aber der Tag der Tren­nung immer näher kam, konn­te die Mut­ter es nicht über sich brin­gen, ihr Kind allei­ne weg­zie­hen zu las­sen, nicht wis­send, ob es je ein Wie­der­se­hen geben wür­de. Des­halb ent­schied sich die Fami­lie damals, gemein­sam Deutsch­land zu ver­las­sen, was aber bedeu­te­te, auch die Eltern bzw. die alte und kran­ke Mut­ter zurückzulassen.

Unab­hän­gig von sol­chen Über­le­gun­gen benö­tig­te man die ent­spre­chen­den Ver­bin­dun­gen für eine Ein­rei­se in die USA, ein Affi­da­vit, mit dem ein Bür­ger der USA eine Bürg­schaft für die Emi­gran­ten über­nahm. Zwar gab es einen fer­nen Ver­wand­ten, einen Bru­der der Groß­mutter von Otto Stein, der vor vie­len Jah­ren aus­ge­wan­dert war, zu dem aber kein Kon­takt mehr bestand. Dem ‚Jewish Fami­ly and Child­ren Ser­vice’, an den man sich gewandt hat­te, gelang es dann tat­säch­lich, die­se Ver­wand­ten aus­fin­dig zu machen, und über sie erhiel­ten sie dann auch die not­wen­di­ge Beschei­ni­gung. Vor der Reichs­po­grom­nacht war der Andrang beim ame­ri­ka­ni­schen Kon­su­lat für eine Visum­ser­tei­lung noch nicht so groß, wie spä­ter. Am 3. Janu­ar 1938 emp­fin­gen Kra­mers von dort die Nach­richt, dass sie ihre Visa abho­len könnten.

Es began­nen nun die kon­kre­ten Vor­be­rei­tun­gen – der Ver­kauf des Hau­ses, das Packen des Haus­rats und der Möbel. Und es gelang ihnen sogar, eini­ge Gold­stü­cke und ande­re Wert­ge­gen­stän­de außer Lan­des zu schmug­geln. Einer der Zoll­be­am­ten, offen­sicht­lich kein Nazi-Anhän­ger, hat­te ihnen den Tipp gege­ben, sie in einer Dose mit Tee zu ver­ste­cken. Ins­ge­samt konn­ten sie die nötigs­ten Sachen, die sie für einen Neu­an­fang in Ame­ri­ka benö­tig­ten, mit­neh­men. Das war damals noch rela­tiv leicht möglich.

Ottos Mut­ter konn­ten sie damals in dem auch unter Nicht­ju­den frü­her sehr renom­mier­ten jüdi­schen Alters­heim in Neu­stadt unter­brin­gen. Dann ver­ab­schie­de­te man sich von Freun­den und Ver­wand­ten. Die Eltern von Erna Stein, die zu die­ser Zeit noch in Hechts­heim leb­ten, besuch­ten sie im April 1939 ein letz­tes Mal auf ihrer Zug­fahrt nach Rot­ter­dam oder Ant­wer­pen, dem Hafen, in dem das Schiff anker­te, das sie über den Atlan­tik in die Frei­heit brin­gen soll­te.[184] Sie ver­such­ten bei die­sem letz­ten Besuch, die Eltern davon zu über­zeu­gen, eben­falls Visa für die USA zu bean­tra­gen, was damals von die­sen noch brüsk zurück­ge­wie­sen wur­de. Man habe seit Gene­ra­tio­nen hier gelebt, wer­de geach­tet und es wer­de ihnen ganz sicher nicht ein Haar gekrümmt wer­den – so die siche­re Über­zeu­gung von Albert Kra­mer. Nur weni­ge Mona­te spä­ter hat­ten sie die Flucht ergrif­fen, ohne aber in Sicher­heit zu sein.

Der Beför­de­rungs­ver­trag in die Frei­heit
Mit Dank an David Zinner

Am 23. April 1939 bestie­gen Otto, Erna und Lot­te Stein den Damp­fer „König­stein“ der ‚Red Star Line’ für die Über­fahrt nach New York. 300 Dol­lar kos­te­te die Pas­sa­ge damals für alle drei zusam­men. Die meis­ten Pas­sa­gie­re, auch Steins, wur­den unter­wegs see­krank, aber als die Sta­tue of Liber­ty in der Hafen­ein­fahrt von New York auf­tauch­te, waren alle an Deck in der Hoff­nung, das sym­bo­li­sche Ver­spre­chen des Monu­ments wür­de auch für sie Rea­li­tät werden.
Aber es folg­ten, wie bei fast allen Emi­gran­ten, zunächst schwie­ri­ge Zei­ten, zumal in den USA noch immer die Wirt­schafts­kri­se mit vie­len Arbeits­lo­sen wüte­te. Ein Herr Marx, dem sie ihr Affi­da­vit zu ver­dan­ken hat­ten, hat­te sie vor der Abfahrt noch ein­mal beschwo­ren, ange­sichts der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on die Über­fahrt noch ein­mal zu ver­schie­ben. Wie ernst die Lage für Juden in Deutsch­land inzwi­schen gewor­den war, scheint in den USA damals nicht über­all bekannt gewe­sen zu sein.

Erna, Lotte und Otto Stein
Erna, Lot­te und Otto Stein nach ihrer Ankunft in Ame­ri­ka
Mit Dank an David Zinner

Die ers­te Zeit ver­brach­ten Steins bei Bekann­ten aus Neu­stadt in Chi­ca­go. Sie ent­schlos­sen sich aber bald nach St. Lou­is in Mis­sou­ri wei­ter­zu­zie­hen, in der Hoff­nung, dort Arbeit zu fin­den. Hier leb­te ein ent­fern­ter Ver­wand­ter, der aber selbst zu arm war, um ihnen eine Hil­fe sein zu kön­nen. Wie­der war es der ‚Jewish Fami­ly and Child­ren Ser­vice’, der ihnen half, und ihnen einen klei­nen Kre­dit gewähr­te, der es ihnen ermög­lich­te, eine klei­ne Woh­nung zu mie­ten. Erna Stein fand als ver­sier­te Nähe­rin sehr schnell einen Job und ihr Mann Albert ver­dien­te bald als Nacht­wäch­ter so viel Geld, dass sie bald ein grö­ße­res Appar­te­ment anmie­ten konn­ten. Aus der Zeit der eng­li­schen Gefan­gen­schaft war er der ein­zi­ge, der wenigs­tens über rudi­men­tä­re eng­li­sche Sprach­kennt­nis­se ver­füg­te. Lot­te hat­te auf­grund der sprach­li­chen Defi­zi­te zunächst erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten in der Schu­le, aber in einem der typi­schen ame­ri­ka­ni­schen Sum­mer-Camps, für das der ‚Jewish Fami­ly-Ser­vice’ eben­falls die nöti­gen finan­zi­el­len Mit­tel bereit­ge­stellt hat­te, gelang es auch ihr, Kon­tak­te zu fin­den und die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Gleich­alt­ri­gen aufzubauen.

Noch gab es damals einen kon­ti­nu­ier­li­chen Kon­takt mit den in Deutsch­land Zurück­ge­blie­be­nen. So erfuh­ren sie auch von den Ereig­nis­sen, die sich dort im Novem­ber 1938 zutru­gen, ohne aber hel­fen zu kön­nen. Drin­gend baten jetzt die Eltern von Erna, die inzwi­schen in Wies­ba­den bei Otto Selig wohn­ten, alles nur Mög­li­che zu tun, um sie aus Deutsch­land her­aus­zu­ho­len. Wie­so das nicht mehr gelang, ist nicht mehr zu sagen. Wahr­schein­lich hat­ten sie zu spät Visa in Stutt­gart bean­tragt, denn Lot­te ver­si­cher­te, dass ihr Vater für vie­le ande­re Emi­gran­ten Affi­da­vits aus­ge­stellt habe. Aller­dings sind auch in den Devi­sen­ak­ten der Eltern kei­ne Hin­wei­se auf eine geplan­te Aus­rei­se zu finden.
Schlim­mer noch als in Nie­der-Olm wüte­ten die Nazi­hor­den im Novem­ber 1938 in Neu­stadt.[185]

Das ehe­ma­li­ge Jüdi­sche Alten­heim in Neustadt

Hier wur­de nicht nur die Syn­ago­ge abge­brannt, son­dern auch das jüdi­sche Alters­heim. Eine klei­ne Grup­pe war nachts um 3 Uhr mit Bei­len und Prü­geln dort­hin gezo­gen, hat­te die 83 grei­sen Insas­sen, zum Teil um die 90 Jah­re alt, aus dem Schlaf geris­sen und sie nur mit Nacht­hem­den oder Mor­gen­rock beklei­det gewalt­sam aus dem Heim gejagt, um es anschlie­ßend anzu­zün­den. Eini­ge wur­den durch Schlä­ge schwer ver­letzt und nicht allen gelang es, das bren­nen­de Gebäu­de recht­zei­tig zu ver­las­sen. Sie kamen elen­dig­lich dar­in um.

Tele­gramm mit der Nach­richt vom Tod von Otto Steins Mut­ter
Mit Dank an Davis Zinner

Ottos Mut­ter war noch lebend her­aus­ge­kom­men. Sie wur­de danach in einem Alters­heim in Mann­heim unter­ge­bracht, wo bereits eine Schwä­ge­rin von ihr ein Zim­mer bewohn­te, das sie nun für weni­ge Mona­te mit ihr teil­te. Am 29. Okto­ber 1939 ver­starb sie dort an Darm­krebs.[186]

Wohl weni­ger in der Hoff­nung, dass auch sie noch aus Deutsch­land her­aus­kom­men wür­den, son­dern wohl pri­mär, weil sie auf das Geld ange­wie­sen waren, trenn­ten sich Jus­ti­ne und Albert Kra­mer im Dezem­ber 1938 von ihrem Haus in Nie­der-Olm. Laut Kauf­ver­trag, den sie am 12. des Monats mit einem Nie­der-Olmer Ehe­paar abge­schlos­sen hat­ten, zahl­ten die­se ins­ge­samt 15.500 RM für die Immo­bi­lie,[187] die laut Ein­heits­wert­fest­le­gung von 1935 auf 11.500 RM ver­an­lagt war.[188] Aller­dings war das Haus mit einer Hypo­thek von 8.000 RM belas­tet, sodass nach Abzug der Neben­kos­ten Kra­mers for­mal noch 7.410 RM erhiel­ten. Aber auch die stan­den ihnen nicht zur frei­en Ver­fü­gung, son­dern muss­ten auf ein gesi­cher­tes Kon­to ein­ge­zahlt wer­den. 300 RM durf­ten die Eigen­tü­mer davon monat­lich für ihren Lebens­un­ter­halt abhe­ben.[189]

Ver­mö­gens­er­klä­rung von Albert Kra­mer 1940
HHStAW 519/​3 3497 (16)

Im Mai 1940 muss­ten Kra­mers gegen­über der Devi­sen­stel­le ihre finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se dar­le­gen. Sie hat­ten damals knapp 4.000 RM auf ihrem gesi­cher­ten Kon­to bei der Dresd­ner Bank, dazu noch etwas Bar­geld und „zwei­fel­haf­te Außen­stän­de“ von etwa 650 RM. Ihr Jah­res­ein­kom­men bezif­fer­ten sie auf 50 RM, die monat­li­chen Aus­ga­ben auf 300 RM.[190] Die Woh­nungs­mie­te samt Neben­kos­ten war mit 35 RM ange­setzt, fak­tisch konn­ten sie also miet­frei bei dem Bru­der bzw. Schwa­ger woh­nen.[191] Den­noch kann man sich leicht aus­rech­nen, wie lan­ge es gedau­ert hät­te, bis das klei­ne Ver­mö­gen von 4.000 RM durch die monat­li­chen Aus­ga­ben auf­ge­zehrt wor­den wäre.

Bis in das Jahr 1941 konn­te der Brief­kon­takt zwi­schen Erna Kra­mer und ihren Eltern in Wies­ba­den noch auf­recht­erhal­ten wer­den. Der brach dann mit dem Kriegs­ein­tritt der USA in den Zwei­ten Welt­krieg ab und man ver­such­te, über das Inter­na­tio­na­le Rote Kreuz eine Ver­bin­dung wie­der­her­zu­stel­len. Das gelang tat­säch­lich noch ein­mal im Spät­som­mer 1942, kurz vor der für Sep­tem­ber anbe­raum­ten zwei­ten gro­ßen Depor­ta­ti­on. Der weni­ge Wor­te umfas­sen­de Brief auf dem vor­ge­fer­tig­ten For­mu­lar war aller­dings schon am 31. Janu­ar 1942 in St. Lou­is los­ge­schickt worden:
“Hof­fen Euch Drei gesund bei­sam­men wie auch wir. Arbei­ten wie bis­her. Geburts­tags­wün­sche Dir lie­ber Vater. Erwar­ten Eure Rück­ant­wort. Grüs­se und Küsse
Eure Erna – Otto Lotte.“

Die Rück­ant­wort aus Wies­ba­den muss in der zwei­ten August­hälf­te 1942 abge­fasst wor­den sein:
“Wir Bei­de gesund. Otto im Juni abge­reist. Wir fol­gen bald nach. Freu­en uns Eures Woh­les und dan­ken für Briefliche Geburtstagswünsche.
Euch Drei­en Grüs­se – Küsse
Eltern“

 

 

 

 

Das letz­te Lebens­zei­chen, das Erna Stein von ihren Eltern aus Wies­ba­den erreichte
Mit Dank an David Zinner

Justine Jenny Selig
Stol­per­stein für Jus­ti­ne Kra­mer, geb. Selig, in Hechtsheim

Es war das letz­te Lebens­zei­chen, das Erna Stein und ihre Fami­lie in Ame­ri­ka von ihren Eltern erhiel­ten. Nach dem Krieg, im Febru­ar 1947, erreich­te sie die Nach­richt und damit die Gewiss­heit, dass bei­de ermor­det wor­den waren. Ein über­le­ben­der Rab­bi aus The­re­si­en­stadt namens Neu­man teil­te ihnen mit, dass bei­de an Ernäh­rungs­man­gel und Ent­kräf­tung im Lager ver­stor­ben sei­en. Die Lei­chen sei­en auf dem dor­ti­gen Fried­hof bestat­tet wor­den und er selbst habe die tra­di­tio­nel­len Trau­er­ge­be­te gespro­chen.[192] Albert Kra­mer sei am 13. Dezem­ber 1942, sei­ne Frau Jus­ti­ne vier Wochen spä­ter am 18. Janu­ar 1943 zu Tode gekommen.

Erna und Otto Stein blie­ben mit ihrer Toch­ter Lot­te in St. Lou­is woh­nen. Erna Stein ver­starb dort am 13. Novem­ber 1967 im Alter von 70 Jah­ren. Ihr Ehe­mann Otto Stein erreich­te sogar das 90. Lebens­jahr. Er ver­starb am 13. Sep­tem­ber 1980.[193]

Lotte Stein mit ihren Eltern Erna und Otto Stein
Lot­te Stein mit ihren Eltern Erna und Otto Stein
Mit Dank an Davis Zinner

Ihre Toch­ter Lot­te hat­te am 30. Juni 1947 in St. Lou­is Juli­us Zin­ner gehei­ra­tet, der als Emi­grant aus Ham­burg in die USA gekom­men war. Er war dort am 22. Novem­ber 1911 als Sohn von Wil­helm und Eva Zin­ner, gebo­re­ne Cohn, gebo­ren wor­den.[194] Ihnen wur­den die bei­den Kin­der Jane und David gebo­ren,[195] die inzwi­schen selbst schon Groß­el­tern sind und in Mary­land bzw. Kali­for­ni­en leben.

1974 waren Lot­te und ihr Mann Juli­us Zin­ner noch ein­mal nach Deutsch­land gereist, um die Orte ihrer ermor­de­ten Vor­fah­ren zu besu­chen. Sie besuch­ten zunächst emo­tio­nal noch rela­tiv distan­ziert Ham­burg, die Stadt, in der Juli­us Zin­ner auf­ge­wach­sen war. Anschlie­ßend fuh­ren sie nach Neu­stadt, um das Eltern­haus von Lot­te noch ein­mal zu sehen und auf dem jüdi­schen Fried­hof die Grä­ber der ver­stor­be­nen Ver­wand­ten zu besu­chen. Den Schlüs­sel muss­ten sie in dem Alters­heim abho­len, in dem die Groß­mutter fast ver­brannt wäre. Auf dem Fried­hof fan­den sie nichts, kein Grab war mehr vor­han­den, das an ihre Vor­fah­ren erin­nert hät­te. Panik­ar­tig trat Lot­te Zin­ner damals mit ihrem Mann die Flucht aus dem Ort an, der für sie mit so vie­len grau­en­haf­ten Erin­ne­run­gen ver­bun­den blieb, die sich jetzt mit aller Macht wie­der ins Bewusst­sein dräng­ten. Wie­der in den USA ange­kom­men, habe sie in Dank­bar­keit, dort ein siche­res Leben gefun­den zu haben, den Boden geküsst. „I couldn’t wait to get back.“

Juli­us Zin­ner ver­starb am 21. Janu­ar 1997 in St. Lou­is, Lot­te Zin­ner am 13. Febru­ar 2017, etwa zehn Jah­re, nach­dem sie das Inter­view über das Schick­sal ihrer Fami­lie gege­ben hat­te.[196]

Marx und Emilie Kramer, geborene Selig

Wie bereits ange­merkt kam es zwi­schen den bei­den Fami­li­en Selig und Kra­mer zu gleich zwei ehe­li­chen Ver­bin­dun­gen. Marx, der ältes­te Sohn von Leo­pold Kra­mer aus der ers­ten Ehe mit Rosi­na Laza­rus, gebo­ren am 15. März 1862, hei­ra­te­te am 19. Juli 1899 in Hechts­heim Jus­ti­nas ältes­te Halb­schwes­ter Emi­lie, genannt Mil­li, aus der ers­ten Ehe von Lud­wig Selig.[197]

Hei­rat von Emi­lie Selig und Marx Kramer
Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 24 /​1899

Nach­dem die jewei­li­gen Geschwis­ter­paa­re das ursprüng­lich gemein­sam geführ­te Manu­fak­tur­wa­ren­ge­schäft getrennt hat­ten, blie­ben Marx und sei­ne Frau aber wei­ter­hin in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Bru­der in der Pari­ser Str. 98 woh­nen. Auch der Laden, sofern es einen sol­chen über­haupt gab, wird dort ange­sie­delt gewe­sen sein. Wel­chen Erfolg er mit sei­nem Geschäft hat­te, konn­te wegen feh­len­der Unter­la­gen nicht ermit­telt wer­den. Anders als die jewei­li­gen Geschwis­ter erleb­ten Emi­lie und Marx die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht mehr bzw. nur noch in ihren Anfän­gen. Mil­li Kra­mer ver­starb am 19. Dezem­ber 1931 in Nie­der-Olm, ihr Ehe­mann drei Jah­re spä­ter am 23. Dezem­ber 1934.[198]

Dem Ehe­paar waren aber zuvor zwei Kin­der geschenkt wor­den, denen es gelang, im Exil zu über­le­ben. Schon bald nach der Hei­rat war am 19. Mai 1900 der Sohn Leo­pold II. zur Welt gekom­men. Der Kauf­mann hei­ra­te­te am 28. Novem­ber 1938, weni­ge Mona­te vor der Aus­wan­de­rung, die drei­ßig­jäh­ri­ge Bet­ty Strauß aus dem bei Bad Kreuz­nach gele­ge­nen Nor­heim.[199]
Vor ihrer Emi­gra­ti­on müs­sen sie noch eine kur­ze Zeit in Wies­ba­den bei ihrem Onkel Otto Selig in der Ora­ni­en­str. 60 ver­bracht haben, zumin­dest hat die Gesta­po in Wies­ba­den noch eine Kar­tei­kar­te für sie ange­legt, in der aber das Ein­zugs­da­tum nicht ein­ge­tra­gen wur­de. Ver­mut­lich dien­te der Auf­ent­halt auch nur zur Über­brü­ckung der kur­zen Zeit, bis sie ihr Schiff bestei­gen konn­ten. Da die Ehe Ende Novem­ber geschlos­sen wor­den war, Bet­ty auf der Kar­tei­kar­te schon als Ehe­frau von Leo­pold Kra­mer bezeich­net wird und bei­de – auch das ist dort ver­merkt – am 6. April 1939 die Aus­rei­se nach Uru­gu­ay antra­ten, kann der Auf­ent­halt in Wies­ba­den kaum län­ger als ein Vier­tel­jahr gedau­ert haben. Über ihre Zeit in Wies­ba­den ist so wenig bekannt, wie über ihr Leben im süd­ame­ri­ka­ni­schen Exil. Leo­pold soll dort in Mon­te­vi­deo am 14. Okto­ber 1960 ver­stor­ben sein, sei­ne Frau im Mai 1983.[200]

Nicht viel mehr weiß man über Leo­polds Schwes­ter Ali­ce, die am 22. Juni 1901 eben­falls in Nie­der-Olm gebo­ren wur­de. Sie hei­ra­te­te am 16. Juli 1935 den Expe­di­en­ten Her­mann Selig­mann, gebo­ren am 12. Juni 1898 in Rohr­bach.[201] Schon am 27. Janu­ar 1937 ver­lie­ßen sie Deutsch­land mit dem Schiff ‚SS Washing­ton’ von Ham­burg aus, um in Ame­ri­ka eine neue Hei­mat zu fin­den.[202] Auf dem Schiff befan­den sich noch wei­te­re Pas­sa­gie­re aus Sins­heim bzw. dem Hei­del­ber­ger und Mann­hei­mer Raum. Offen­sicht­lich waren damals meh­re­re Fami­li­en oder Freun­de gemein­sam auf­ge­bro­chen. Ali­ce und Her­mann Selig­mann blie­ben den Rest ihres Lebens in New York woh­nen, wo sie auch bei der Volks­zäh­lung im Jahr 1940 regis­triert wur­den.[203] Im Juli 1943 erhiel­ten sie die Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de, die sie im Febru­ar 1938 bean­tragt hat­ten.[204] Bei­de ver­star­ben – ver­mut­lich kin­der­los – in New York, Ali­ce im Mai 1984, Her­mann Selig­mann am 9. August 1988.[205]

Karl Siegmund und Jenny Selig, geborene Scheuer

 Am 6. Mai 1875 wur­de in Hechts­heim das ers­te Kind in der zwei­ten Ehe von Lud­wig Selig gebo­ren. Der Sohn, von dem sei­ne Frau Emma ent­bun­den wur­de, erhielt den Namen Karl Sieg­mund.[206] Er übte spä­ter in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de den Beruf eines Vieh­händ­lers aus und muss dar­in auch recht erfolg­reich gewe­sen sein, wie man den spä­te­ren Steu­er­un­ter­la­gen ent­neh­men kann.[207]

Am 20. Okto­ber 1907 hei­ra­te­te er die aus dem badi­schen Michel­feld stam­men­de Jen­ny Scheu­er, Toch­ter von Ger­son und Frie­de­ri­cke /​ Rif­ka Scheu­er, gebo­re­ne Ries. Der im Regis­ter ein­ge­tra­ge­ne Vor­na­me, der am 11. Dezem­ber 1885 Gebo­re­nen, lau­te­te eigent­lich Jeäni, in den spä­te­ren Doku­men­ten wird sie aber immer nur als Jen­ny bezeich­net.[208]

Ihre Woh­nung hat­te das Paar im Eltern­haus Grau­el­str. 6 in Hechts­heim, das von der damals noch leben­den, aber schon nach Wies­ba­den ver­zo­ge­nen Mut­ter Emma Selig gepach­tet wor­den war.[209]
Am 16. Sep­tem­ber des fol­gen­den Jah­res wur­de ihre Toch­ter Erna und am 18. Juni 1913 eine wei­te­re Toch­ter namens Lise­lot­te, genannt Lot­te, gebo­ren.[210] Der Sohn Karl Lud­wig, der im Jahr 1910 zwi­schen den bei­den Töch­tern zur Welt kam, wur­de nur sie­ben Jah­re alt.[211] Ob der Vater beim Tod sei­nes Soh­nes zuge­gen war, ist eher unwahr­schein­lich. Das muss man aus einem kur­zen Brief sei­ner Frau aus dem Febru­ar des Jah­res 1917 schlie­ßen, in dem sie das Finanz­amt Mainz dar­um bat, ihr die Frist zur Abga­be der fäl­li­gen Steu­er­erklä­rung zu ver­län­gern, da ihr Mann sich zur­zeit in Russ­land befän­de, mit gro­ßer Sicher­heit irgend­wo an einer der Fron­ten des Ers­ten Welt­kriegs.[212]
Er kehr­te von dort zwar zurück, aber die Zeit, die ihm noch ver­gönnt war, betrug nur weni­ge Jah­re. Er ver­starb schon am 9. Juni 1926 im Alter von nur 51 Jah­ren in Hechts­heim.[213] Die Wit­we scheint den Betrieb zunächst noch allei­ne wei­ter­ge­führt zu haben. Das kann man einer Ein­heits­wert­be­rech­nung des Main­zer Finanz­amts aus dem Jahr 1928 schlie­ßen, in der der Wert der Vieh­hand­lung mit 9.100 RM bezif­fert wur­de. Das Grund­ver­mö­gen belief sich auf mehr als 28.000 RM.[214]

Etwa Ende der Zwan­zi­ger Jah­re muss Jen­ny Selig den Han­dels­be­trieb auf­ge­ge­ben und Hechts­heim ver­las­sen haben, um nach Wies­ba­den zu zie­hen. Zwar liegt kein Ummel­de­for­mu­lar vor, aber auf der Ver­mö­gens­er­klä­rung des Jah­res 1931, die in Wies­ba­den abge­ge­ben wur­de, ist ver­merkt, dass die vor­he­ri­ge noch in Mainz vor­ge­legt wur­de.[215] Unbe­kannt ist, ob auch die bei­den Töch­ter damals mit in die Woh­nung im ers­ten Stock der Phil­ipps­berg­str 38 gezo­gen waren. Als ihren Beruf hat­te Jen­ny Selig in den Unter­la­gen Rent­ne­rin ange­ge­ben, im Adress­buch ist sie etwas vor­neh­mer als Pri­va­tie­re geführt. Ihren Lebens­un­ter­halt bestritt sie in den fol­gen­den Jah­ren ver­mut­lich weit­ge­hend aus Zins­er­trä­gen und der Ver­pach­tung von Äckern sowie einem Wein­berg in Hechts­heim. Auch das Eltern­haus, an dem sie einen Anteil von einem Fünf­tel hat­te, war ver­mut­lich nach ihrem Aus­zug ver­mie­tet wor­den. Ihre jähr­li­chen Ein­künf­te belie­fen sich nach ihren eige­nen Anga­ben in den Jah­ren 1931 bis 1937 zumeist zwi­schen 2.000 und 3.000 RM. Ihr Ver­mö­gen von etwa 50.000 RM setz­te sich 1935 weit­ge­hend aus Wert­pa­pie­ren und Immo­bi­li­en zusam­men.[216] Es war immer­hin so groß, dass sie im Febru­ar 1936 der Fir­ma ‚M. & L. Scheu­er’ in Frank­furt, Darm­städ­ter Land­str. 220, ein Dar­le­hen über 15.000 RM, ver­zinst mit 5 Pro­zent, gewäh­ren konn­te.[217] Bei der dort ange­sie­del­ten Fir­ma han­del­te es sich um eine Pla­kat­fa­brik, die von Max und Leo Scheu­er geführt wur­de, ver­mut­lich Brü­der von ihr. Zumin­dest wird in einem spä­te­ren Brief ein Bru­der Leo Scheu­er erwähnt.[218]

Bis etwa 1933 hat­te Jen­ny Selig in der Phil­ipps­berg­stra­ße gewohnt, dann war sie in die Klop­stock­str. 5 IV ver­zo­gen. Unter die­ser Adres­se ist sie mit ihrer jün­ge­ren Toch­ter Lot­te im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 ein­ge­tra­gen, nicht aber in den all­ge­mei­nen Wies­ba­de­ner Adressbüchern.

Ob die Anga­be im Jüdi­schen Adress­buch aber bezüg­lich ihrer Toch­ter Lot­te rich­tig ist, muss zumin­dest infra­ge gestellt wer­den, denn in einer Siche­rungs­an­ord­nung gegen Jen­ny Selig vom Juli 1938 heißt es zur Begrün­dung, dass eine der bei­den Töch­ter bereits 1933 nach Eng­land aus­ge­wan­dert sei.[219] Es kann sich eigent­lich nur um Lie­se­lot­te gehan­delt haben, da deren älte­re Schwes­ter Erna am 25. Juli 1935 in Wies­ba­den den aus Kas­sel stam­men­den Alfred Grü­ne­wald hei­ra­te­te. Er war dort am 16. Sep­tem­ber 1908 als Sohn von Sieg­mund und Emi­lie Grü­ne­wald, gebo­re­ne Wolf, zur Welt gekom­men.[220] Wo sich die bei­den nach der Ehe­schlie­ßung nie­der­lie­ßen, ist nicht bekannt. In den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern sind sie nicht mehr genannt. Ver­mut­lich waren sie bald nach Essen gezo­gen. Zumin­dest ist die Stadt als ihr letz­ter deut­scher Wohn­sitz auf der Pas­sa­gier­lis­te der ‚Sta­ten­dam’ ange­ge­ben, mit der sie am 1. Okto­ber 1938 von Rot­ter­dam aus Euro­pa ver­lie­ßen, um in Ame­ri­ka ein neu­es Leben zu begin­nen.[221]

Aus­rei­se von Alfred und Erna Grü­ne­wald sowie von Jen­ny Selig
https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​2​3​1​-​0​5​8​5​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​2​4​0​3​5​392

Eben­falls an Bord war Ernas Mut­ter Jen­ny Selig. Auch sie hat­te Essen als ihren letz­ten Wohn­sitz in Deutsch­land ange­ge­ben. Von ihrem Weg­zug aus Wies­ba­den und auch vom Ter­min ihrer Aus­rei­se hat­ten zumin­dest die Finanz­be­hör­den offen­bar kei­ne Kennt­nis erhal­ten bzw. die­se Infor­ma­tio­nen nicht zur Kennt­nis genom­men. Sie wähn­ten sie damals wei­ter­hin als Bewoh­ne­rin Wies­ba­dens. Erst in einem Brief der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz vom 29. Dezem­ber 1938 an die Devi­sen­stel­le Frank­furt, in dem die Siche­rung des Erlö­ses aus einem Haus­ver­kauf bean­tragt wur­de, heißt es: „Siche­rungs­an­ord­nung (…) gegen die Jüdin Jen­ny Selig, geb. Scheu­er, frü­her Wies­ba­den, Schen­ken­dorf­str. 3, jetzt Essen /​ Ruhr, Rol­ling­hau­ser­str. 112.” Zu die­sem Zeit­punkt befand sich Jen­ny Selig aller­dings auch schon lan­ge nicht mehr in Essen, son­dern war längst in den USA angekommen.

Bit­te um eine steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für Jen­ny Selig
HHStAW 685 700 (o.P.)

Eigent­lich waren die Behör­den aber recht­zei­tig von ihren Absich­ten unter­rich­tet wor­den. So hat­te der ehe­ma­li­ge Land­ge­richts­rat Dr. Joseph Cahn, „zuge­las­se­ner Devi­sen­be­ra­ter“, wie es in sei­nem Brief­kopf heißt, bereits am 31. August 1938 beim Finanz­amt Wies­ba­den eine steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für Jen­ny Selig bean­tragt und dar­in ange­ge­ben, dass sei­ne Man­dan­tin die Absicht habe, spä­tes­tens Ende Okto­ber in die USA aus­zu­rei­sen. Er erbat zudem die Berech­nung der dann fäl­li­gen Reichs­flucht­steu­er. Eine geson­der­te Ver­pfän­dung für die­se Abga­be sei schon des­halb unnö­tig, weil die Kon­ten sei­ner Man­dan­tin ohne­hin gesi­chert sei­en.[222] Die erbe­te­ne Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung wur­de dann vom Finanz­amt Wies­ba­den noch am sel­ben Tag erteilt.[223] Man war also behörd­li­cher­seits prin­zi­pi­ell über ihre Plä­ne, wenn auch nicht über die ein­zel­nen kon­kre­ten Schrit­te, unterrichtet.
Die in dem Schrei­ben genann­te Adres­se in der Schen­ken­dorf­stra­ße, wo sie bei der jüdi­schen Fami­lie Trief ein Zim­mer ange­mie­tet hat­te, war wohl tat­säch­lich die letz­te, die sie in Wies­ba­den hat­te. Nach den Recher­chen der Zoll­fahn­dung wohn­te sie dort vom 15. Okto­ber 1936 bis zum 3. Sep­tem­ber 1938. Dann hat­te sie sich nach Essen abge­mel­det, um dort bei ihrer Toch­ter auf die Abfahrt des Schif­fes zu war­ten.[224] Bevor sie in Wies­ba­den in die Schen­ken­dorf­stra­ße gezo­gen war, wohn­te sie aller­dings noch ein hal­bes Jahr, vom 8. April bis zum 15. Okto­ber 1938, in der Ora­ni­en­str. 60 bei ihrem Schwa­ger Otto Selig, des­sen Haus zu die­sem Zeit­punkt noch kein Juden­haus war.

Antrag auf Erlass einer Siche­rungs­an­ord­nung gegen Jen­ny Selig
HHStAW 519/​3 12465 (1)

Mit die­ser Adres­se war der Brief ver­se­hen, mit der die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz im Juli 1938 bei der Devi­sen­stel­le in Frank­furt die ers­te Siche­rungs­an­ord­nung bean­tragt hat­te. Dar­in waren auch die dama­li­gen Ver­mö­gens­wer­te von Jen­ny Selig auf­ge­lis­tet, immer­hin ins­ge­samt rund 55.000 RM.[225] Sie hat­ten sich gegen­über der Berech­nung von 1935 inzwi­schen sogar ver­grö­ßert. In der Auf­lis­tung fin­det man auch ein Haus in der Emmer­an­str. 4 in Mainz im Wert von 23.000 RM und ande­re Grund­stü­cke.[226] Haus und Äcker durf­ten nur ver­kauft wer­den, wenn der Erlös auf ein gesi­cher­tes Kon­to flie­ßen wür­de, so die Anord­nung, die die Behör­de in Frank­furt dann am 19. Okto­ber 1938 erließ.[227] Selbst­ver­ständ­lich erreich­te Jen­ny Selig die­se Anord­nung nicht mehr. Der Brief ging zurück an den Absen­der mit der Bemer­kung „Emp­fän­ge­rin ins Aus­land ver­zo­gen.“[228]

Ver­kauf des Hau­ses in der Emmer­an­stra­ße in Mainz
HHStAW 685 700 (97)

Das Wert­pa­pier­de­pot, nach dem die Devi­sen­stel­le dann fahn­de­te, war, so teil­te die Frank­fur­ter Bank am 25. Okto­ber 1938 mit, zuvor bereits auf­ge­löst wor­den.[229] Mit den fäl­li­gen Ermitt­lun­gen wur­de die Zoll­fahn­dungs­stel­le Düs­sel­dorf, zustän­dig für Jen­ny Seligs letz­ten Auf­ent­halts­ort Essen, beauf­tragt.[230] Im Janu­ar 1939 mel­de­te die­se die Ergeb­nis­se ihrer Nach­for­schun­gen an die Devi­sen­stel­le in Frank­furt. Dem­nach hat­te die Düs­sel­dor­fer Stel­le sofort nach dem Umzug noch im Sep­tem­ber selbst eine Siche­rungs­an­ord­nung erlas­sen, durch die auch der beim Ver­kauf der Wert­pa­pie­re erziel­te Erlös dem Zugriff der Eigen­tü­me­rin ent­zo­gen wur­de. Das Haus in der Main­zer Emmer­an­stra­ße hat­te sie zuvor, am 23. August 1938, für 19.000 RM ver­kau­fen kön­nen, aller­dings war die damals noch zustän­di­ge Frank­fur­ter Devi­sen­stel­le erst am 26. April 1939 vom Main­zer Rat­haus dar­über in Kennt­nis gesetzt wor­den.[231] Aber auch das ihr dar­aus zuge­flos­se­ne Geld konn­te sie nur zu einem klei­nen Teil für sich nutzen.

Rund 13.000 RM hat­te sie von dem Erlös für die Zah­lung der Reichs­flucht­steu­er ver­wen­den müs­sen,[232] mehr als 800 RM für wei­te­re Steu­ern, 2.000 RM waren auf das gesi­cher­te Kon­to ein­ge­zahlt wor­den und für 3.000 RM hat­te sie Waren für die Aus­wan­de­rung ange­schafft. „Soweit hier fest­ge­stellt wer­den konn­te, ist Frau Wwe. Selig, die bereits aus­ge­wan­dert ist, ein Ver­stoss gegen §37a Devi­sen­ge­setz nicht nach­zu­wei­sen“, schluss­fol­ger­te die Zoll­fahn­dungs­stel­le Essen abschlie­ßend am 27. Janu­ar 1939.[233]

Die genann­ten Steu­ern waren aber nicht die ein­zi­gen finan­zi­el­len For­de­run­gen, die sie vor und sogar noch nach ihrer Aus­rei­se erfül­len muss­te. Die DEGO-Abga­be für neu erwor­be­ne Güter belief sich auf min­des­tens 1.000 RM.[234]

Aus einem Brief, den Rudolph Selig,[235] den sie als ihren Bevoll­mäch­tig­ten ein­ge­setzt hat­te, ergibt sich, dass auch die ihr, noch auf­er­leg­te Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be in Höhe von 6.400 RM gezahlt wor­den war, obwohl sie zum Zeit­punkt des Pogroms gar nicht mehr in Deutsch­land leb­te.[236] Er hat­te, so schreibt er in sei­nem Brief vom 29. Janu­ar 1939, zumin­dest die ers­te Rate noch über­wie­sen. In einem wei­te­ren Brief vom 29. Janu­ar 1940 ver­si­chert er ihr, dass er auch die 5. Rate hat­te über­wei­sen kön­nen.[237] Ende 1938 und auch 1939 war es ihr noch gelun­gen, Geld von ihrem Kon­to in Devi­sen umzu­tau­schen und nach Ame­ri­ka zu trans­fe­rie­ren. Für 2.510 RM erhielt sie gera­de mal 60 Dol­lar, spä­ter für wei­te­re 4.800 RM noch ein­mal 115 Dol­lar. Zwi­schen­zeit­lich hat­te man als Pfand einen wei­te­ren Trans­fer ver­wei­gert, bis auch die 5. Rate der „Süh­ne­leis­tung“ bezahlt war. Auch die Aus­wan­de­rer­ab­ga­be, die die ‚Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden’ im Auf­trag des RSHA von den aus­wan­de­rungs­wil­li­gen Juden ver­lang­te, muss­te Jen­ny Selig noch zah­len, obwohl sie bereits vor dem Erlass der Anord­nung Deutsch­land ver­las­sen hat­te. Ihr Kon­to wur­de bis zur Zah­lung ein­fach gesperrt. Als sie dann Ende 1939 erneut den Ver­such mach­te, Geld zu trans­fe­rie­ren, riet ihr Rudolph Selig davon ab. Für 100 RM wür­de sie nur noch 4 Dol­lar bekom­men. Es sei bes­ser, das Geld im Inland zu ver­wen­den, etwa zur Unter­stüt­zung hier noch leben­der Ver­wand­ter, wie etwa ihres bedürf­ti­gen Bru­ders Leo, was die Schwes­ter dann auch beherzigte.
Eine Hypo­thek, die zu ihren Guns­ten auf einem Haus­grund­stück in Hechts­heim in der Höhe von 7.500 RM ein­ge­tra­gen wor­den war, zog der deut­sche Fis­kus 1944 samt Zin­sen ein­fach ein.[238]

Lei­der sind in den Ent­schä­di­gungs­ak­ten nur sol­che Aus­schnit­te der Brie­fe zwi­schen den zurück­ge­blie­be­nen Ver­wand­ten in Deutsch­land und den Emi­gran­ten erhal­ten geblie­ben, die die finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten betref­fen. Ande­re Aspek­te sind hier nur am Ran­de erwähnt. Aber aus sol­chen Sät­zen geht her­vor, wel­che Pro­ble­me es beim Infor­ma­ti­ons­aus­tausch gab. Es scheint sogar zumin­dest teil­wei­se so gewe­sen zu sein, dass die­je­ni­gen, die ent­kom­men waren, den Kon­takt mit den Zurück­ge­blie­be­nen – mög­li­cher­wei­se aus Schuld­ge­füh­len – mie­den. So beklagt sich Rudolph Selig bei Jen­ny Selig, dass er von Erna und Alfred Grü­ne­wald nichts hören wür­de. „Soll ich Ernas abso­lu­te Schweig­sam­keit als gutes oder als schlech­tes Zei­chen deu­ten“, fragt er deren Mut­ter. „So fern und getrennt man auch heu­te ist, umso näher fühlt man sich in Gedan­ken ver­bun­den und freut sich über jedes noch so mage­re Lebens­zei­chen, ger­ne hät­ten wir alle, auch Otto, mehr von Luzi­an gehört, und wir hof­fen, dass er nun auch bald alle Hin­der­nis­se der Rei­se bezwun­gen hat, er hät­te ruhig weni­ger ein­sil­big sein kön­nen,“ heißt es in einem ande­ren Brief vom 29. Janu­ar 1940. In die­sem schreibt er auch, dass er seit etwa einem Vier­tel­jahr nichts von sei­ner Auf­trag­ge­be­rin Jen­ny Selig, gehört habe, wes­halb er dann nach Frank­furt gefah­ren sei, um ihre Brü­der zu tref­fen. Bei die­sem Besuch, bei dem er die­se zum ers­ten Mal ken­nen lern­te, erfuhr er dann, dass es ihr rela­tiv gut gehen wür­de. Wie sich spä­ter her­aus­stell­te, war die an ihn gerich­te­te Post aus Ame­ri­ka zunächst in der Zen­sur hän­gen geblie­ben und des­halb erst ver­spä­tet in Wies­ba­den ange­kom­men.[239] Es ging Jen­ny Selig nur inso­weit gut, als sie nicht das Leid ertra­gen muss­te, das die Jüdin­nen und Juden in Deutsch­land zu erlei­den hat­ten. Aber auch sie muss­te sich, wie die meis­ten ande­ren Emi­gran­ten, in Ame­ri­ka mehr oder weni­ger durch­schla­gen, muss­te mit ein­fachs­ten Näh­ar­bei­ten not­dürf­tig ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen. Erst im Novem­ber 1955 erhielt sie eine ers­te klei­ne Ent­schä­di­gungs­zah­lung von 3.800 DM und dann im Mai 1956 eine wei­te­re Zah­lung über 3.400 DM.[240] Jen­ny Selig ver­starb im Febru­ar 1969 in den USA.[241]

Anders als Erna hat­te Jen­nys Toch­ter Lie­se­lot­te den Kon­takt nach Deutsch­land stär­ker gepflegt. So heißt es in einem der Brie­fe: „Von Zeit zu Zeit schreibt uns Lot­te, sehr lieb, wir freu­en uns immer über die Fort­schrit­te des klei­nen Peter unter­rich­tet zu sein.“[242] Lei­der lie­gen kei­ne wei­te­ren gesi­cher­ten Anga­ben über das wei­te­re Schick­sal von Lot­te Selig nach ihrer Emi­gra­ti­on nach Eng­land vor. Ver­mut­lich hat­te sie noch in Euro­pa gehei­ra­tet und hat­te mit ihrem Mann und dem Sohn Peter spä­ter die Über­fahrt nach Ame­ri­ka ange­tre­ten. Mög­li­cher­wei­se war die Fami­lie dann in Kana­da ansäs­sig gewor­den.[243]

Auch über das Schick­sal der älte­ren Schwes­ter Erna ist wenig bekannt. Am 19. Janu­ar 1939 hat­ten Erna und ihr Ehe­mann Alfred Grü­ne­wald in New York einen Antrag auf Ein­bür­ge­rung gestellt. [244] 1941 war er in die Armee ein­ge­zo­gen wor­den. Eigen­ar­ti­ger­wei­se ist als Kon­takt auf der Regis­trie­rungs­kar­te nicht sei­ne Frau, son­dern der Cou­sin ange­ge­ben, der schon auf den Ein­rei­se­pa­pie­ren genannt wur­de.[245] Alfred Grü­ne­wald ver­starb bereits am 12. Janu­ar 1956 in New York,[246] Erna mehr als 30 Jah­re spä­ter im Jahr 1983.[247]

 

Das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 nach den Deportationen

Auf­riss des 3. Stock­werks des Juden­hau­ses
HHStAW 519/​2 2173

Wie in fast allen Wies­ba­de­ner Juden­häu­sern wohn­ten im Haus am Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 auch in den Jah­ren zwi­schen 1939 und 1942 nie aus­schließ­lich Juden. Der grö­ße­re Teil der nicht­jü­di­schen Mie­ter war aber aus­ge­zo­gen. Aller­dings ist nicht mehr fest­zu­stel­len, wann die im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1938, dem letz­ten vor Kriegs­be­ginn ver­öf­fent­lich­ten Adress­buch, noch genann­ten nicht­jü­di­schen Bewoh­ner das Haus ver­lie­ßen. Neben dem in Misch­ehe leben­den Arzt Alfred Gold­schmidt, der bis zu sei­ner Aus­wan­de­rung 1943 mit sei­ner Frau dort wohn­te, blieb auch der ari­sche Fabri­kant Pare­ras dort woh­nen, als aus dem Haus ein Ghet­to­haus wur­de.[248] 1938 gab es aber ver­mut­lich noch zwei wei­te­re nicht­jü­di­sche Mie­ter in dem Haus, die aber in der Fol­ge­zeit sich eine ande­re Unter­kunft such­ten. Neben der Eigen­tü­mer­fa­mi­lie wohn­ten aber 1938 immer­hin schon drei wei­te­re jüdi­sche Miet­par­tei­en in dem Haus, das sich dann in den fol­gen­den Jah­ren zuse­hends mit jüdi­schen Bewoh­nern füll­te, zum Teil Ver­wand­te der Eigen­tü­mer, zum Teil ver­mut­lich zwangs­ein­ge­wie­se­ne Fami­li­en. Ins­ge­samt waren es ver­mut­lich 24 jüdi­sche Per­so­nen, die zwi­schen 1939 und 1942 im Haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80, aller­dings nicht alle zur glei­chen Zeit, unter­ge­bracht waren.

Nach­dem alle – von Adolf Gold­schmidt abge­se­hen – das Haus ver­las­sen hat­ten, emi­griert, aus­ge­zo­gen oder depor­tiert wor­den waren, begann das Gescha­che­re um die Immo­bi­lie. Im Novem­ber 1942 hat­te die Gesta­po Frank­furt beim Reichs­si­cher­heits­haupt­amt in Ber­lin den Ver­mö­gens­ver­fall des aus­ge­wan­der­ten Luci­an Selig bean­tragt. Neben einem Aus­wan­der­er­sperr­gut­ha­ben in Höhe von etwa 1.300 RM bei der Com­merz­bank, bean­spruch­te der Reichs­fis­kus auch des­sen Anteil am Grund­ver­mö­gen Kai­ser-Fried­rich-Ring 80.[249] Der Anteil sei­nes Bru­ders war bereits unmit­tel­bar nach des­sen Depor­ta­ti­on dem Reich verfallen.
Schon am 10. Juli 1942, da war das Haus noch nicht ein­mal „juden­frei“, mel­de­te sich der ers­te Inter­es­sent, der beim Finanz­amt vor­stel­lig wur­de und um Vor­mer­kung für den Erwerb des Hau­ses bat. Er sei, so schrieb er, „alter Par­tei­ge­nos­se der NSDAP“ und „Welt­kriegs­teil­neh­mer 1914/​18“.[250] Eine Wit­we aus Asbach im Wes­ter­wald hat­te wenigs­tens noch abge­war­tet, bis mit der letz­ten gro­ßen Depor­ta­ti­on auch die noch vor­han­de­nen jüdi­schen Bewoh­ner das Haus zwangs­wei­se ver­las­sen muss­ten. Auch sie hat­te ähn­lich gute Argu­men­te für ihre Anwart­schaft vor­zu­brin­gen.[251] Das Finanz­amt lehn­te aber alle Bewer­bun­gen mit der Begrün­dung ab, dass das Gebäu­de bis auf Wei­te­res für Bediens­te­te der Reichs­fi­nanz­ver­wal­tung zur Ver­fü­gung ste­hen sol­le und daher nicht ver­kauft wer­den dür­fe.[252] Erst im Juni 1943 bean­trag­te das Finanz­amt Wies­ba­den die Ein­tra­gung der Immo­bi­lie im Grund­buch auf den Namen des Deut­schen Rei­ches.[253] Schon am 7. Juli wur­de dann die Umschrei­bung voll­zo­gen.[254]
Die Ver­wal­tung des Hau­ses wur­de, wie in vie­len ande­ren Fäl­len auch, der dem Régime nahe­ste­hen­den Haus- und Ver­mö­gens­ver­wal­tung von Bri­el in der Yorck­str. 10 über­tra­gen. Sie hat­te gegen­über der Lie­gen­schafts­stel­le im Finanz­amt die Abrech­nun­gen vor­zu­le­gen und auch die neu­en Miet­ver­trä­ge anzu­be­rau­men. So wur­den z. B. am 8. Novem­ber 1943 von dem Ver­wal­ter, aller­dings ohne Anga­be über den Berech­nungs­zeit­raum, 3.500 RM auf das Kon­to der Finanz­be­hör­de über­wie­sen.[255] Um der wach­sen­den Woh­nungs­not Herr zu wer­den, war schon im Früh­jahr 1943 die ehe­ma­li­ge 7‑Zimmerwohnung von Luci­an Selig durch ent­spre­chen­de Bau­maß­nah­men geteilt wor­den, sodass noch mehr Per­so­nen in das Haus ein­zie­hen konnten.

Aber die Vor­stel­lung, dass nach der Abschie­bung der Juden sich in dem Wohn­kom­plex eine, ent­spre­chend der Ideo­lo­gie der „Volks­ge­mein­schaft“, wah­re „Haus­ge­mein­schaft“ aus­bil­den könn­te,[256] erwies sich als Trug­schluss. Schon bald kam es zu ver­schie­de­nen Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Bewoh­nern, die sogar vor Gericht aus­ge­tra­gen wer­den muss­ten. Eine Fami­lie, die bereits im Mai 1941, also noch vor der Räu­mung des Hau­ses von sei­nen jüdi­schen Mie­tern, von der NSDAP-Orts­grup­pe Süd­end in die Woh­nung des jüdi­schen Ehe­paars Rose­nau ein­ge­wie­sen wor­den war, wei­ger­te sich, als man ihr eine ande­re Unter­kunft zuwies, die qua­si besetz­te Woh­nung zu ver­las­sen. Auch war sie nicht bereit, die Mie­te, die für sie bis­her das Ehe­paar Rose­nau bezahlt hat­te, nach deren Depor­ta­ti­on, selbst zu zah­len.[257]
Es muss in dem Haus auch mehr­fach zu unwür­di­gen Sze­nen gekom­men sein, in denen im Beson­de­ren die Frau­en sich mit diver­sen Beschimp­fun­gen gegen­sei­tig belei­dig­ten. Nächt­li­che Gela­ge mit frem­den Män­nern, bei denen Unmen­gen Alko­hol kon­su­miert wur­den und Klein­kin­der unbe­auf­sich­tigt blie­ben, schei­nen den Haus­frie­den erheb­lich gestört zu haben und sogar die Sit­ten­po­li­zei auf den Plan geru­fen zu haben. Auch wegen ver­schie­de­ner Ein­brü­che in die Kel­ler­räu­me und Ver­schlä­ge muss­te mehr­fach die Poli­zei kon­tak­tiert wer­den. Sogar zu gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, in denen sich Haus­be­woh­ner gegen­sei­tig mit einem Beil bedroh­ten, scheint es gekom­men zu sein. All das ist in meh­re­ren Brie­fen und Ein­ga­ben der Bewoh­ner und des Haus­meis­ters an die Haus­ver­wal­tung fest­ge­hal­ten wor­den.[258]
Zu den Opfern von Dieb­stäh­len zähl­te auch Frau Dax, die ehe­ma­li­ge Haus­an­ge­stell­te von Luci­an Selig, der ihr Gas­ofen von einer Mit­be­woh­ne­rin gestoh­len wur­de. Ihr war, was sie durch ent­spre­chen­de Schen­kungs­ur­kun­den auch nach­wei­sen konn­te, von Luci­an Selig ver­spro­chen wor­den, dass sie neben den zurück­ge­las­se­nen Möbeln auch 2.000 RM aus dem Ver­kaufs­er­lös des Hau­ses erhal­ten soll­te. Es sei, so schrieb sie am 29. Mai 1945 – also nach der Befrei­ung – an das Finanz­amt, auf­grund ihrer lang­jäh­ri­gen Tätig­keit als Haus­ge­hil­fin bei der Fami­lie des Haus­ei­gen­tü­mers zwi­schen ihnen ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis ent­stan­den und sie habe der Fami­lie Selig viel Gutes zu ver­dan­ken. So sei ver­ein­bart wor­den, dass sie im Haus ver­blei­ben sol­le, um die Inter­es­sen der Seligs bis zu ihrer Rück­kehr wahr­zu­neh­men. Da die­ser Ver­kauf aber bis­her nicht zustan­de gekom­men war, erklär­te sie sich bereit, auf das Geld zu ver­zich­ten, sofern sie wenigs­tens die Möbel behal­ten dür­fe. Das wur­de ihr zuge­stan­den, aller­dings hat­te sie die Zim­mer frei­zu­räu­men, in denen die­se bis­her noch stan­den.[259] Sie selbst bewohn­te damals zwei Man­sar­den­räu­me unter dem Dach des Hauses.

Zer­stö­run­gen nach dem Luft­an­griff am Kai­ser-Fried­rich-Ring in der Nähe des Bahn­hofs (links oben, Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 = roter Pfeil)
Mit Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Wiesbaden

Die Wohn­si­tua­ti­on im Haus ver­schlech­ter­te sich gra­vie­rend, nach­dem das Gebäu­de bei zwei Flie­ger­an­grif­fen am 28. Juli und am 11. Okto­ber 1944 erheb­lich beschä­digt wor­den war.[260] Von Bri­el bat die Ver­wer­tungs­stel­le beim Finanz­amt um eine Neu­be­rech­nung der fäl­li­gen Mie­ten. Auch die Wohn­räu­me von Frau Dax waren im Febru­ar 1945 völ­lig aus­ge­brannt, sodass sie zunächst im Kel­ler, dann außer Haus bei einer Freun­din unter­kom­men musste.

Am 9. Juni 1945 wur­de die Ver­wal­tung des Hau­ses von Bri­el ent­zo­gen und dem, dem Wider­stand nahe­ste­hen­den Haus­ver­wal­ter Heinz­mann zuge­teilt. Durch Beschluss des Amtes für Ver­mö­gens­kon­trol­le und Wie­der­gut­ma­chung wur­de das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 am 3. Juni 1950 wie­der auf den Namen der recht­mä­ßi­gen Eigen­tü­mer bzw. deren Erben im Grund­buch ein­ge­tra­gen.[261]

 

Ver­öf­fent­licht: 23. 12. 2022

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Keim, Hechts­hei­mer israe­li­ti­scher Fried­hof, S. 128.

[2] Keim, Hechts­hei­mer Juden, S. 9.

[3] Ebd. S. 31.

[4] Die Anga­be über die Eltern fin­det sich in sei­nem Todes­ein­trag, sie­he Ster­be­re­gis­ter Hechts­heim 45 /​ 1857. Die Hechts­hei­mer Stol­per­stein­in­itia­ti­ve hat zu ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­dern wich­ti­ge Recher­chen durch­ge­führt, auf die im Fol­gen­den auch zurück­ge­grif­fen wird. Sie­he dazu https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022). Lei­der feh­len in den kur­zen Arti­keln die Quellenangaben.

[5] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 12 /​ 1859.

[6] Die­se Anga­be ist unter https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​2​1​3​0​2​7​1​7​241 zu fin­den, (Zugriff: 30.10.2022). Ob die dor­ti­gen Anga­ben alle rich­tig sind, konn­te im gege­be­nen Rah­men nicht veri­fi­ziert wer­den. Die Anga­ben stim­men aber auch weit­ge­hend mit denen über­ein, die David Zin­ner, ein Nach­kom­me der Fami­lie in den USA, bei sei­nen Recher­chen gefun­den hat. Sie­he David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stamm­baum. Aller­dings hat sich im Ver­lau­fe der eige­nen Nach­for­schun­gen gezeigt, dass Davis Zin­ner gera­de bei den kon­kre­ten Lebens­da­ten eini­ge Feh­ler unter­lau­fen sind. Den­noch waren sei­ne Recher­chen eine wich­ti­ge Hil­fe bei der vor­lie­gen­den Dar­stel­lung über das Schick­sal der gro­ßen Fami­lie Selig, für die der Autor hier­mit sei­nen Dank zum Aus­druck brin­gen möch­te. Sie­he zu den Namen im Ein­zel­nen den ein­ge­füg­ten Stammbaum.

[7] Keim, Hechts­hei­mer israe­li­ti­scher Fried­hof, S. 128.

[8] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 8 /​ 1863

[9] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim, 26 /​ 1821 und Ster­be­re­gis­ter Hechts­heim, 11 /​ 1906.

[10] Hei­rats­re­gis­ter Wei­se­nau 1 /​ 1852. Die Hei­rat fand am 21.1.1852 in Wei­se­nau statt. Sei­ne 29-jäh­ri­ge Braut Ester Kahn, stamm­te von dort, wo ihre Eltern eben­falls eine Metz­ge­rei betrie­ben. Die Fami­lie ließ sich nach der Hei­rat in Wei­se­nau nieder.

[11] Ster­be­re­gis­ter Hechts­heim 30 /​ 1872.

[12] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 16 /​ 1834. Im Hei­rats­ein­trag, Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 13 /​ 1874, ist fälsch­li­cher­wei­se der 22.2.1834, der Tag des Geburts­ein­trags, als sein Geburts­da­tum angegeben.

[13] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 8 /​1863.

[14] Ein Ster­be­ein­trag für Ester Selig konn­te aller­dings nicht gefun­den werden.

[15] So im Geburts­ein­trag der Toch­ter Aman­da, Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 94 /​ 1871.

[16] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[17] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 13 /​ 1874. Ihre Eltern waren Alex­an­der May­er, gebo­ren 1816 in Gun­ters­blum, und sei­ne zwei Jah­re jün­ge­re Frau Joha­net­te, gebo­re­ne Vogel.

[18] Arthur ver­starb am 1.4.1873, sei­ne Mut­ter am 6.4.1873, sie­he David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stamm­baum und Ster­be­re­gis­ter Hechts­heim 14 /​ 1873.

[19] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 56 /​ 1865.

[20] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 878 /​ 1899 und 1689 /​ 1902.

[21] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 93 /​ 1878.

[22] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 53 /​ 1881.

[23] HHStAW 518 874 I ((46).

[24] Ebd. (42) Handelsregisterauszug.

[25] HHStAW 685 702c (31).

[26] Ebd. (30), dazu HHStAW 685 702d (37).

[27] Hei­rats­re­gis­ter Ost­ho­fen 31 /​ 1920, auch https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​6​2​7​8​0​6​3​:​6​0​901. (Zugriff: 30.10.2022).

[28] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 732 /​ 1922.

[29] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 509 /​ 1922.

[30] Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wies­ba­den und https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​7​9​9​6​7​7​2​:​2​238. (Zugriff: 30.10.2022).

[31] HHStAW 685 702a (24). Inter­es­sant ist, dass der Kauf­preis in fran­zö­si­schen Francs abge­schlos­sen wur­de. 100.000 Franc hat­ten die Brü­der zu zah­len. Der Ver­trag war am 14.2.1924 abge­schlos­sen wor­den und der Ein­trag im Grund­buch erfolg­te am 13.3.1924.

[32] HHStAW 685 699a (4).

[33] HHStAW 518 874 I (35).

[34] HHStAW 685 702 (59).

[35] HHStAW 685 699a (o.P.).

[36] HHStAW 685 699c (6–38 pas­sim). Aller­dings bezo­gen sie auch Miet­ein­nah­men aus den bei­den Wohn­grund­stü­cken, die zwi­schen 1.000 und 4.000 RM lagen, z.T. aber schon in den ange­ge­be­nen Ein­kom­men ent­hal­ten waren, sie­he HHStAW 685 702b (67).

[37] Die Anga­ben über Gewin­ne und Ver­lus­te des Unter­neh­mens sind ins­ge­samt wenig trag­fä­hig. Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­den Zah­len vom Finanz­amt Wies­ba­den vor­ge­legt, die deut­lich von den Anga­ben in den frü­he­ren Steu­er­ak­ten abwei­chen und auf spä­te­ren Steu­er­prü­fun­gen basie­ren. So wur­den danach 1931 in der Welt­wirt­schafts­kri­se Ver­lus­te von mehr als 3.000 RM erwirt­schaf­tet. Von 1932 bis 1934 sogar erheb­li­che Gewin­ne, zum Teil über 10.000 RM. Erst ab 1935 und noch mehr in den bei­den fol­gen­den Jah­ren gehen sie dann deut­lich zurück. 1937 sol­len sogar Ver­lus­te von mehr als 700 RM gemacht wor­den sein. 1938, als wohl kei­ne Kos­ten mehr ent­stan­den und nur noch Außen­stän­de ein­ge­zo­gen wur­den, schrieb man noch ein­mal schwar­ze Zah­len in Höhe von 5.500 RM. Sie­he HHStAW 518 874 I (40).
Für Otto Selig wur­den 1959 vom Finanz­amt Wies­ba­den genaue Ein­kom­mens­zah­len vor­ge­legt, in denen auch die Miet­ein­nah­men und die Ver­zin­sung der Wert­pa­pie­re steu­er­lich berück­sich­tigt wur­den. Nach dem Ver­lust­jahr 1931 wur­de er in den fol­gen­den Jah­ren mit fol­gen­den gerun­de­ten Ein­kom­men steu­er­lich ver­an­lagt (1932) 11.000 RM, (1933) 4.500 RM, (1934) 4.700 RM, (1935) 5.300 RM, (1936) 3.600 RM, (1937) 5.200 RM, (1938) 7.400 RM, (1939) 2.700 RM, 1940 (2.600 RM, (1941) 2.500 RM. Sie­he HHStAW 518 875 (68).

[38] HHStAW 518 874 I (51).

[39] HHStAW 685 699b (2, o.P.), (2) und HHStAW 685 699d (o.P.).

[40] HHStAW 685 699c (55) und HHStAW 518 874 I (42) Handelsregisterauszug.

[41] Ebd. (85 ff.).

[42] HHStAW 519/​3 6524 (2).

[43] HHStAW 519/​3 6524. (8).

[44] HHStAW 518 874 I (37).

[45] Ebd. (16).

[46] HHStAW 685 702d (o.P.). Inter­es­san­ter­wei­se ist im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren für die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be nur ein Betrag von 9.250,43 RM ent­schä­digt wor­den. Allein die­ser unge­ra­de Betrag wäre ein hin­rei­chen­des Indiz gewe­sen, dass das nicht der gesam­te Betrag gewe­sen sein konn­te. Man war auf die­se Sum­me auf der Basis von Kon­ten­aus­zü­gen gekom­men. Es heißt in dem ent­spre­chen­den Bescheid: „Die­ser Sach­ver­halt ist für erwie­sen anzu­se­hen auf Grund einer glaub­wür­di­gen Aus­kunft der Nas­saui­schen Spar­kas­se in Wies­ba­den vom 4.4.1955.“ HHStAW 518 875 (51). Mög­li­cher­wei­se hat­ten Zah­lun­gen aber auch auf ande­rem Weg statt­ge­fun­den. Ver­mut­lich hat­te man damals auch nicht die Finanz­ak­ten her­an­ge­zo­gen, in denen die Berech­nung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be als Doku­ment ent­hal­ten ist. Es hät­te also ver­mut­lich eine Sum­me von ins­ge­samt 21.250 RM ent­schä­digt wer­den müssen.

[47] HHStAW 518 875 (18).

[48] HHStAW 685 702d (o.P.).

[49] HHStAW 519/​3 6524. (10–15, 26). Als Ver­käu­fer sind ver­merkt: Jen­ny Selig, gebo­re­ne Scheu­er, die bereits in die USA emi­grier­te Wit­we von Karl Sieg­mund Selig, Richard Leo­pold Kra­mer, der mit sei­ner Frau Jen­ny, gebo­re­ne Selig, im April 1939 nach Uru­gu­ay aus­ge­wan­dert war, sowie Otto Selig, Luci­an Selig und Rudolph Selig.

[50] Ebd. (23). Zu Frie­da Decker sie­he das Kapi­tel im Juden­haus Ora­ni­en­str. 60.

[51] HHStAW 518 874 I (14).

[52] Ebd. (23).

[53] Ebd. (47). Den Scha­den schätz­te er auf ca. 5.000 RM ein. Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wur­den auf­grund genau­er Berech­nun­gen des Scha­dens dann mit rund 4.000 DM ent­schä­digt, sie­he ebd. (164 ff.).

[54] HHStAW 685 702d (o.P.).

[55] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​7​4​8​8​&​h​=​2​5​6​0​4​6​2​0​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​8​8​a​a​3​d​e​1​c​8​f​c​c​9​5​4​4​7​b​d​1​c​3​9​f​9​1​d​3​1​1​1​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​s​v​o​4​4​8​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 30.10.2022).

[56] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​9​2​6​0​2​4​7​:​1​5​1​8​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[57] HHStAW 518 874 I (69).

[58] Ebd. (37).

[59] Ebd. (4).

[60] Ebd. (17).

[61] Ebd. (69, 181). Hier als Umzugs­ab­ga­be deklariert.

[62] Ebd. (46).

[63] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​7​4​8​8​&​h​=​2​5​6​0​4​6​2​0​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​8​8​a​a​3​d​e​1​c​8​f​c​c​9​5​4​4​7​b​d​1​c​3​9​f​9​1​d​3​1​1​1​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​s​v​o​4​4​8​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 30.10.2022).

[64] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​4​4​0​-​0​2​3​6​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​1​0​0​6​6​7​6​544. (Zugriff: 30.10.2022).

[65] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​9​2​6​0​2​4​7​:​1​5​1​8​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[66] HHStAW 518 874 I (44).

[67] Ebd. (46 f.).

[68] Ebd. (164 ff.).

[69] Ebd. II (36).

[70] Ebd. II (140).

[71] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​2​6​6​5​5​2​5​3​2​:​6​2​308. (Zugriff: 30.10.2022).

[72] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​d​b​i​d​=​3​6​9​3​&​h​=​4​2​0​8​1​1​1​9​&​i​n​d​i​v​=​t​r​y​&​o​_​v​c​=​R​e​c​o​r​d​:​O​t​h​e​r​R​e​c​o​r​d​&​r​h​S​o​u​r​c​e​=​2​7​1​7​&​r​e​q​u​r​=​2​5​5​0​8​6​6​9​7​6​7​3​5​2​3​2​&​u​r​=​0​&​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[73] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​7​9​9​6​7​7​2​:​2​238. (Zugriff: 30.10.2022).

[74] Über sei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn sie­he https://​peo​pl​epill​.com/​p​e​o​p​l​e​/​k​a​r​l​-​l​u​d​w​i​g​-​s​e​lig. (Zugriff: 30.10.2022), auch http://​mesa​-revuel​ta​.blog​spot​.com/​2​0​1​3​/​0​5​/​k​a​r​l​-​l​u​d​w​i​g​-​s​e​l​i​g​.​h​tml. (Zugriff: 30.10.2022) und https://​www​.colum​bi​a​spec​ta​tor​.com/​2​0​1​2​/​1​2​/​0​5​/​a​l​u​m​s​-​r​e​m​e​m​b​e​r​-​k​a​r​l​-​l​u​d​w​i​g​-​s​e​l​i​g​-​i​n​s​p​i​r​i​n​g​-​p​r​o​f​e​s​s​o​r​-​m​e​n​t​or/. (Zugriff: 30.10.2022).

[75] Sie­he HHStAW 685 702d (21–52 passim).

[76] Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz. Im dor­ti­gen Ein­trag ist auch Maj­da­nek als mög­li­cher Todes­ort ange­ge­ben. Tat­säch­lich wur­den etwa 190 bis 250 Män­ner in Lub­lin zum Auf­bau des Lagers Maj­da­nek abkom­man­diert. Dass Otto Selig dazu­ge­hör­te, ist unwahr­schein­lich. Nicht nur lag er mit sei­nem Alter über der Gren­ze der damals Selek­tier­ten, auch ist sein Name im Toten­buch von Maj­da­nek nicht ver­zeich­net. Sie­he zu die­sem Trans­port mit der Zug­num­mer „DA 18“ auch Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 214.

[77] HHStAW 519/​3 6524 (29).

[78] Zu den Anga­ben sie­he den Ein­bür­ge­rungs­an­trag für die USA https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​6​6​4​9​3​0​4​:​2​280. (Zugriff: 30.10.2022). Dazu https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​5​7​9​6​-​0​1​7​8​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​2​5​6​7​8​756. (Zugriff: 30.10.2022).

[79] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​8​4​0​3​0​7​2​:​2​442. (Zugriff: 30.10.2022).

[80] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​3​5​7​5​2​7​:​6​1​4​6​1​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[81] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 18 /​ 1886.

[82] Ebd. Samu­el Suß­mann war am 26.1.1857 in Als­bach gebo­ren wor­den. Sei­ne Eltern waren Laza­rus und Mina Suß­mann, gebo­re­ne Oppen­hei­mer, aus Als­heim. Mit­un­ter ist der Name auch als Süß­mann, oft statt mit einem ‚ß’ auch mit ‚ss’ geschrieben.

[83] Geburts­re­gis­ter Als­bach 25 /​ 1887.

[84] Geburts­re­gis­ter Als­bach 5 /​ 1893.

[85] Emil wur­de am 18.12.1882 gebo­ren, sie­he Hei­rats­re­gis­ter Als­bach 7 /​ 1910.

[86] Die­ses Inter­view ist im Fol­gen­den, wenn nicht anders ange­merkt, als Quel­le der wei­te­ren Aus­füh­run­gen über das Schick­sal der Fami­lie Suß­mann her­an­ge­zo­gen wor­den. Er berich­tet dar­in: „The house was very old, I ima­gi­ne. It was built around the 1800s, may­be 1870 or befo­re. And they kept on adding to the house. And the walls were like, like that stone, you know?
We had no plum­bing except for cold water in the house. The­re was no bath­room, no com­forts like we have today. And espe­ci­al­ly in the win­ter time, my, my mother used to take a pit­cher of water up to bed every night, put it on the night table.
And then the– in the– in the win­ter­ti­me in the mor­ning, it was solid ice. That’s whe­re we slept. And we had to go get up, make a — start a fire, first a coal fire– there’s a sto­ve in the kit­chen– to heat a litt­le water to brush our tee­th. This was as, as much as we could take, take care of our­sel­ves in a sani­ta­ry way or what you call it, you know.
And then we had a metal box with tooth pow­der. And ever­y­bo­dy dipped his tooth­brush in the­re and brushed their tee­th, you know. And at that time, we did­n’t know any­thing about flos­sing your tee­th or any­thing like that.
And that was– it was work, you know? And you had– we were four boys. I had to help my mother, you know, making beds and washing dis­hes and do that. Natu­ral­ly, as a– as a– as a male, you– I was always mad about this, angry about it. Becau­se that time you would­n’t see a man pushing a baby car­ria­ge or do any­thing what a woman would do, you know? It’s all chan­ged nowa­days
. https://​vha​-1usc​-1edu​-1vd5a2v​q​q0665​.pro​xy​.fid​-lizen​zen​.de/​v​i​e​w​i​n​g​P​a​g​e​?​t​e​s​t​i​m​o​n​y​I​D​=​5​0​2​8​1​&​r​e​t​u​r​n​I​n​d​e​x=0#. (Zugriff: 30.10.2022). Es bedarf einer beson­de­ren Lizenz, um das Inter­view zu hören.

[87] Otto wur­de am 27.7.1911, Lud­wig Lou­is im Jahr 1912, Arthur im Jahr 1914 und Heinz am 7. 3.1921 geboren.

[88] Samu­el Suß­mann war am 1.10.1924 ver­stor­ben, sie­he Ster­be­re­gis­ter Als­bach 10 /​ 1924.

[89] Sie­he dazu die Recher­chen der Stol­per­stein­grup­pe von Dort­recht https://​www​.stol​per​stei​ne​-dor​d​recht​.nl/​h​e​t​_​v​o​o​r​b​i​j​e​_​j​o​o​d​s​e​_​d​o​r​d​r​e​c​h​t​_​t​w​e​e​_​k​i​n​d​e​r​e​n​_​v​a​n​_​h​e​t​_​D​u​i​t​s​-​j​o​o​d​s​e​_​g​e​z​i​n​_​S​a​c​h​s​_​u​i​t​_​D​o​r​d​r​e​c​h​t​_​w​i​s​t​e​n​_​d​e​_​o​o​r​l​o​g​_​t​e​_​o​v​e​r​l​e​v​e​n​.​h​tml. (Zugriff: 30.10.2022).

[90] https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​a​c​3​e​b​5​1​b​-​0​e​b​5​-​4​1​1​5​-​b​6​0​b​-​6​1​5​c​e​4​9​c​3​bc8 und https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​a​4​c​6​5​c​7​8​-​1​f​2​c​-​4​1​f​b​-​9​2​d​8​-​f​d​1​0​0​6​4​3​c​414. (Zugriff: 30.10.2022).

[91] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 228.

[92] Hart­wig-Thür­mer, Rück­kehr auf Zeit, S. 185.

[93] Zu den fol­gen­den Aus­füh­run­gen sie­he die Recher­che der Stol­per­stein­grup­pe Dor­d­recht, wo auch ver­schie­de­ne Bil­der der Fami­lie ein­ge­stellt sind, https://​www​.stol​per​stei​ne​-dor​d​recht​.nl/​h​e​t​_​v​o​o​r​b​i​j​e​_​j​o​o​d​s​e​_​d​o​r​d​r​e​c​h​t​_​t​w​e​e​_​k​i​n​d​e​r​e​n​_​v​a​n​_​h​e​t​_​D​u​i​t​s​-​j​o​o​d​s​e​_​g​e​z​i​n​_​S​a​c​h​s​_​u​i​t​_​D​o​r​d​r​e​c​h​t​_​w​i​s​t​e​n​_​d​e​_​o​o​r​l​o​g​_​t​e​_​o​v​e​r​l​e​v​e​n​.​h​tml. (Zugriff: 30.10.2022).

[94] Hei­rats­re­gis­ter Als­bach 19 /​ 1920. Otto Sachs war am 21.5.1884 gebo­ren wor­den, sie­he Geburts­re­gis­ter Kai­sers­lau­tern 813 /​ 1884.

[95] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Hagen,_Stolperstein_Sachs_Otto.jpg. (Zugriff: 30.10.2022).

[96] https://www.mappingthelives.org/bio/bbe3670a-8955–41fd-b4e0-f0fa158284fd und https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​9​d​2​f​5​6​f​d​-​f​2​f​6​-​4​a​6​e​-​9​d​a​3​-​6​4​f​d​2​7​9​8​4​c7a. (Zugriff: 30.10.2022).

[97] David wur­de 1950, Jes­se 1952 und Ellen 1957 gebo­ren, sie­he https://​www​.stol​per​stei​ne​-dor​d​recht​.nl/​h​e​t​_​v​o​o​r​b​i​j​e​_​j​o​o​d​s​e​_​d​o​r​d​r​e​c​h​t​_​t​w​e​e​_​k​i​n​d​e​r​e​n​_​v​a​n​_​h​e​t​_​D​u​i​t​s​-​j​o​o​d​s​e​_​g​e​z​i​n​_​S​a​c​h​s​_​u​i​t​_​D​o​r​d​r​e​c​h​t​_​w​i​s​t​e​n​_​d​e​_​o​o​r​l​o​g​_​t​e​_​o​v​e​r​l​e​v​e​n​.​h​tml. (Zugriff: 30.10.2022).

[98] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​5​0​6​9​8​:​6​1​208. (Zugriff: 30.10.2022).

[99] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​3​8​4​9​3​7​9​:​6​2​308. (Zugriff: 30.10.2022).

[100] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​3​3​3​4​-​0​0​1​2​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​4​0​2​7​7​8​7​967. (Zugriff: 30.10.2022). Ver­mut­lich war Sieg­fried Suß­mann in Pforz­heim Pro­ku­rist der Fir­ma ‚L. S. May­er & Co.’, die neben den Zweig­nie­der­las­sun­gen in Pforz­heim und Ber­lin ihre Haupt­ge­schäft in Frank­furt hat­te und Luxus- und Galan­te­rie­wa­ren her­stell­te und ver­trieb, sie­he http://www.zinnfiguren-bleifiguren.com/Firmengeschichten/Mayer_L_%20S_Berlin/Mayer_L_S_Berlin.html. (Zugriff: 30.10.2022).

[101] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​5​9​0​6​7​3​3​5​:​6​0​525 und https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​5​9​0​6​7​3​5​2​:​6​0​525. (Zugriff: 30.10.2022).

[102] https://​vha​-1usc​-1edu​-1vd5a2​vos026a​.pro​xy​.fid​-lizen​zen​.de/​t​e​s​t​i​m​o​n​y​/​3​5​1​1​7​?​f​r​o​m​=​s​e​a​rch. (Zugriff: 30.10.2022).

[103] Geburts­re­gis­ter Als­bach 10 /​ 1889.

[104] Sie­he zum Stamm­baum der Fami­lie Oppen­hei­mer https://​gw​.genea​net​.org/​a​l​a​n​g​u​g​g​e​n​h​e​i​m​?​n​=​o​p​p​e​n​h​e​i​m​e​r​&​o​c​=​&​p​=​s​e​lma. (Zugriff: 30.10.2022).

[105] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​2​2​9​-​0​5​9​1​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​2​5​5​8​3​819. (Zugriff: 30.10.2022).

[106] Laut den Anga­ben im Stamm­baum von David Zin­ner leb­te er bis zu sei­nem Tod im Jahr 1970 in Israel.

[107] https://​gw​.genea​net​.org/​a​l​a​n​g​u​g​g​e​n​h​e​i​m​?​l​a​n​g​=​d​e​&​p​=​l​u​d​w​i​g​&​n​=​s​u​s​s​man. (Zugriff: 30.10.2022).

[108] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 43 /​ 1866.

[109] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 12 /​ 1888. Fälsch­li­cher­wei­se ist in dem Ein­trag ihr Nach­na­me mit Doppel‑E geschrie­ben, also See­lig, statt Selig. Ver­wun­der­lich ist, dass als Trau­zeu­gen, anders als sonst üblich, kei­ne Ver­wand­ten auf­tra­ten, son­dern der ört­li­che Ober­leh­rer und ein Polizeidiener.

[110] Geburts­re­gis­ter Mann­heim 1146 /​ 1889 und 35 /​ 1897, dazu https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​5​7​5​/​i​m​a​g​e​s​/​4​1​6​8​0​_​b​1​5​7​5​6​6​-​0​0​6​6​2​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​4​1​2​003. (Zugriff: 30.10.2022).

[111] Laut Die fol­gen­den Anga­ben beru­hen aus­schließ­lich auf den Anga­ben bei GENI, siehe.GENI https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​2​2​5​2​2​2​8​1​433. (Zugriff: 30.10.2022) in New York, David Zin­ner gibt in sei­nem Stamm­baum hin­ge­gen als ihren Ster­be­ort Meran in Ita­li­en an, nach sei­nen Anga­ben ver­starb ihr Ehe­mann im spa­ni­schen Barcelona.

[112] Unwahr­schein­lich ist die Anga­be von David Zin­ner in sei­nem Stamm­baum. Dem­nach wäre Lud­wig Fried­rich im Alter von nur einem Jahr 1899 in Bar­ce­lo­na ver­stor­ben. Es ist kaum wahr­schein­lich, dass die Eltern damals unmit­tel­bar nach der Geburt des ers­ten Soh­nes nach Spa­ni­en aus­reis­ten, dort ihren Sohn ver­lo­ren und dann wie­der zurück nach Mann­heim gin­gen, wo dann ihr zwei­ter Sohn gebo­ren wur­de. Sie­he David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[113] Es han­delt sich um Car­los Stern, gebo­ren am 30. Juni 1935 in Bar­ce­lo­na, und Bar­ab­a­ra Stern, gebo­ren 1941. Bei­de Anga­ben nach David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[114] David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stamm­baum. Es exis­tiert aller­dings auch ein Flug­schein aus dem Jahr 1961 für Ernst Stern, gebo­ren am 3.1.1897 in Mann­heim, mit gro­ßer Sicher­heit also der Sohn von Johan­na Selig, der damals Bür­ger der Repu­blik Süd­afri­ka war, und nach New York flog, um dort eine S.M. Oppen­hei­mer zu besu­chen. Sie­he https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​2​3​2​2​2​4​6​:​1​277. (Zugriff: 15.1.2022). Sein Cou­sin Lud­wig Suß­mann war mit einer Sel­ma Oppen­hei­mer ver­hei­ra­tet, s.o.

[115] Die Stol­per­stein­in­itia­ti­ve Hechts­heim hat das Leben von Sieg­fried Selig im Rah­men einer Stol­per­stein­ver­le­gung in Hechts­heim recher­chiert. Auf die­se Recher­che wird hier im Wesent­li­chen zurück­ge­grif­fen, sie­he https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[116] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim 28 /​ 1868.

[117] Geburts­re­gis­ter Büdes­heim 5 /​ 1874. Zum Zeit­punkt der Geburt war der Vater 32, sei­ne Frau 28 Jah­re alt.
In den bis­her ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­ten zu Fami­lie Selig gibt es mehr­fach Feh­ler in Bezug auf Anto­nia Selig, gebo­re­ne Kahn. So bestand bis­her Unklar­heit dar­über, aus wel­chem Büdes­heim sie stamm­te. Die Hechts­hei­mer Stol­per­stein­in­itia­ti­ve gibt Büdes­heim im heu­ti­gen Main-Kin­zig-Kreis an, die Wies­ba­de­ner Gestapo­kar­tei­kar­te, die für ihren Mann aus­ge­stellt wur­de, nennt rich­ti­ger­wei­se Büdes­heim bei Bin­gen. Die­se Anga­be fin­det sich auch in einem Ein­trag in Yad Vas­hem. Im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ist dage­gen fälsch­li­cher­wei­se das mit­tel­hes­si­sche Büdes­heim ange­ge­ben. Map­ping the Lives und hol­län­di­sche Opfer­lis­ten nen­nen sogar Hechts­heim als ihren Geburts­ort. Auch das Geburts­jahr ist nicht immer rich­tig über­mit­telt. Die zuletzt genann­ten Lis­ten geben als Geburts­jahr 1874 an, die Gestapo­kar­tei­kar­te, die Stol­per­stein­in­itia­ti­ve Hechts­heim und auch die Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wies­ba­den nen­nen das fal­sche Geburts­jahr 1873. Einig ist man sich aber, dass sie an einem 12. Janu­ar gebo­ren wurde.

[118] Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wiesbaden

[119] https://​api​.deut​sche​-digi​ta​le​-biblio​thek​.de/​b​i​n​a​r​y​/​7​2​5​9​4​7​5​3​-​b​3​d​8​-​4​6​b​0​-​8​b​3​4​-​3​0​0​d​d​8​c​4​4​f​0​e​.​pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[120] HHStAW 685 841 (41). In einer Betriebs­prü­fung im Jahr 1927 wur­de notiert, dass die Fir­ma seit 70 Jah­ren exis­tie­re und immer im Fami­li­en­be­sitz gewe­sen sei.

[121] Es han­delt sich um Frie­de­ri­ke, gebo­ren am 21.9.1859, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 23 /​ 1884; Ema­nu­el, gebo­ren am 25.10.1885, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 23 /​1885; Hed­wig, gebo­ren 11.6.1887, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 15 /​ 1887; Fried­rich, gebo­ren 15.9.1888, Geburts­re­gis­ter Nordenstadt15 /1888;Siegmund, gebo­ren 3.4.1890, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 10 /​1890; die Zwil­lin­ge Mat­hil­de und Gus­tav, gebo­ren 19.1.1892, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 3 und 4 /​ 1892; Max, gebo­ren 15.9.1893, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 28 /​ 1893; Jen­ny, gebo­ren 22.11.1895, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 22 /​ 1895; Ben­ni, gebo­ren 10.12.1903, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 24 /​ 1903; Hein­rich (Hei­ni), gebo­ren 19.2.1905, Geburts­re­gis­ter Nor­den­stadt 3 /​ 1905.

[122] San­del Weis, gebo­ren am 25.12.1852 ver­starb am 1.1.1917 in Nor­den­stadt, Ster­be­re­gis­ter Nor­den­stadt 1 /​ 1917, sei­ne Frau Johan­na, gebo­ren am 8.6.1859 ver­starb eben­falls in Nor­den­stadt am 9.12.1924, Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1414 /​ 1924.

[123] HHStAW 685 841 (42).

[124] Im genann­ten Prüf­be­richt ist als Datum der Tren­nung der 13.12.1925 genannt, In den Steu­er­un­ter­la­gen von Sieg­mund Weis hin­ge­gen ist der 5.7.1922 als Datum der Umstruk­tu­rie­rung genannt, sie­he HHStAW 685 842 Ein­kom­men­steu­er (16 f.). Ema­nu­el Weis war spä­ter ein kurz­zei­ti­ger Bewoh­ner des Juden­hau­ses Adel­heidstr. 94 in Wies­ba­den, bevor er nach Hol­land emi­griert, wo er unter nicht völ­lig geklär­ten Umstän­den ums Leben kam.

[125] HHStAW 685 841 (44).

[126] HHStAW 685 842 Ein­kom­men­steu­er  (14). Im fol­gen­den Jahr belie­fen sie sich sogar auf nahe­zu 14 Mio. RM. Ebd. (31).

[127] HHStAW 685 842a (59).

[128] HHStAW 685 841 (42, 45).

[129] HHStAW 685 842c (19).

[130] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 1 /​ 1923.

[131] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 789 /​ 1924.

[132] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 10 /​ 1928.

[133] HHStAW 685 842a (107).

[134] HHStAW 685 842c (89), dazu HHStAW 518 40050 I (18).

[135] HHStAW 685 841 (138).

[136] HHStAW 685 842a (156).

[137] HHStAW 685 842b (9).

[138] Ebd. (10).

[139] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 15.1.2022)

[140] Zu den Vor­gän­gen sie­he ebd. (41–47).

[141] HHStAW 518 40050 I (6, 18). 1936 wur­de zwar noch ein­mal ein Gewer­be­er­trag von 16.000 RM ver­steu­ert, aber dabei han­del­te es sich nach Anga­ben des Steu­er­amts Wies­ba­den ver­mut­lich um den Ver­äu­ße­rungs­ge­winn aus dem Ver­kauf des Unter­neh­mens. Beim Käu­fer han­del­te es sich um die Fir­ma Wenz, mit der nach dem Krieg ein Ver­gleich geschlos­sen wur­de, wonach der Käu­fer dem jüdi­schen Ver­äu­ße­rer einen Betrag von 13.000 DM nach­träg­lich zu zah­len hat­te, ebd. (52, 54 ff.).

[142] https://​images​.memo​rix​.nl/​s​a​h​m​/​t​h​u​m​b​/​6​4​0​x​4​8​0​/​0​a​d​7​e​b​7​e​-​c​d​8​e​-​6​7​2​e​-​7​4​b​e​-​d​1​8​9​d​a​0​8​2​1​3​4​.​jpg. (Zugriff: 15.11.2022)

[143] https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 15.1.2022)

[144] https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​9​5​9​636. (Zugriff: 15.11.2022).

[145] HHStAW 469/​33 2584 (1).

[146] https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​9​8​9​658. (Zugriff: 15.11.2022).

[147] HHStAW 469/​33 2584 (10).

[148] Er erhielt dort ver­mut­lich die Häft­lings­num­mer 10198. Aller­dings ist die­se Num­mer, die auch auf den ande­ren Kar­tei­kar­ten ein­ge­tra­gen ist, auf der Geld­ver­wal­tungs­kar­te durch­ge­stri­chen und durch die Num­mer 29986 ersetzt wor­den. https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/7393127?s=Max%20Weis&t=0&p=0. (Zugriff: 30.10.2022)

[149] HHStAW 518 40050 (52, 53). Die Sum­me war aus Bar­mit­teln ent­rich­tet worden.

[150] Ebd. (90 f.).

[151] Ebd. (10 f.).

[152] Ebd. (7 f.).

[153] Ebd. (44–46).

[154] Ebd. (20, 23).

[155] Ebd. (94). Die Immo­bi­lie wur­de nach dem Krieg zurück­er­stat­tet bzw. in einem Ver­gleich den Erwer­bern über­las­sen, wobei es aller­dings zu erheb­li­chen Pro­ble­men kam, die aber hier nicht detail­liert dar­ge­stellt wer­den sol­len, ebd. (175 ff.).

[156] https://​www​.aus​wan​de​rung​-rlp​.de/​e​m​i​g​r​a​t​i​o​n​-​i​n​-​d​e​r​-​n​s​-​z​e​i​t​/​m​a​i​n​z​e​r​-​j​u​d​e​n​-​i​n​-​d​e​r​-​e​m​i​g​r​a​t​i​o​n​.​h​t​m​l​#​a26. (Zugriff: 30.10.2022).

[157] HHStAW 518 57153 I (5, 13).

[158] HHStAW 518 40050 (Deck­blatt).

[159] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 23 /​ 1896.

[160] Ebd. In HHStAW 518 72443 (27) gibt die Toch­ter Erna fälsch­li­cher­wei­se an, die Hoch­zeit habe am 26.11.1896 stattgefunden.

[161] Infor­ma­ti­on von Wolf­hard Klein auf der Grund­la­ge der aus­ge­wer­te­ten Stan­des­re­gis­ter von Nie­der-Olm. Ihm ver­dan­ke ich auch die wei­te­ren Anga­ben zur Fami­lie Kramer.

[162] Es han­delt sich um Kla­ra, gebo­ren am 2.12.1870, Frie­da, gebo­ren 15.5.1873, Thek­la, gebo­ren 7.1.1875 und Emi­lie, gebo­ren 23.7.1876.

[163] Main­zer Frau­en­ge­schich­te, S. 56. Falsch ist aller­dings die Anga­be, Albert Kra­mer sei seit 1870 Inha­ber des Geschäfts gewe­sen. Da war er gera­de mal 4 Jah­re alt. Gemeint ist sicher sein Vater Leopold.

[164] Die Ehe wur­de am 19.7.1899 in Hechts­heim geschlos­sen, sie­he Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim 24 /​ 1899.

[165] Geburts­re­gis­ter Nie­der-Olm 30 /​ 1897.

[166] Infor­ma­ti­on von Wolf­hard Klein.

[167] Ebd.

[168] HHStAW 467 2579 (44).

[169] HHStAW 518 72443 (46).

[170] Ebd. (6, 103), sie­he auch das Urteil im Ver­fah­ren über den Ver­lust des ‚good will‘, HHStAW 467 2579 (15).

[171] HHStAW 518 72443 (9).

[172] HHStAW 685 414 (24–52 passim).

[173] HHStAW 518 72443 (48).

[174] HHStAW 518 72444 (5).

[175] Ebd. (8, 31 f.). Hier genaue Auf­stel­lung des Inventars.

[176] HHStAW 518 72444 (5). Die Hei­mat­stadt von Otto Stein trägt heu­te den Bei­na­me „an der Weinstraße“.

[177] Infor­ma­ti­on des Stadt­ar­chivs Wies­ba­den vom 7.11.2022. Die Anga­be, dass die Hoch­zeit in Wies­ba­den statt­ge­fun­den habe, hat­te Lot­te Zin­ner-Stein in ihrem Inter­view gemacht, auch ist sie im Buch Main­zer Frau­en­ge­schich­te, S. 56 zu fin­den, des­glei­chen im Stamm­baum der Fami­lie Selig von David Zin­ner. Erna Stein selbst hat­te in den Anga­ben zu ihrem Lebens­lauf nur das Datum, nicht aber den Ort der Ehe­schlie­ßung ange­ge­ben, sie­he HHStAW 518 72444 (5).

[178] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​9​6​5​1​8​0​:​1​6​3​1​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​3​f​9​f​b​a​6​1​1​7​3​7​5​0​4​8​6​7​d​6​d​f​b​0​d​7​f​3​2​e​c​1​&​_​p​h​s​r​c​=​s​v​o​8​6​4​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 30.10.2022).

[179] Geburts­re­gis­ter Neu­stadt a.d. Haardt /​ Wein­stra­ße 170 /​ 1924​.Lot​te Stein hat in einem lan­gen Inter­view mit der USC-Sho­ah-Foun­da­ti­on ein aus­führ­li­ches Inter­view über das Schick­sal ihrer Fami­lie gege­ben. Sofern nicht anders ange­ge­ben beru­hen die fol­gen­den Aus­füh­run­gen auf die­sem Inter­view. Sie­he https://​vha​-1usc​-1edu​-1vd5a2​vxi0790​.pro​xy​.fid​-lizen​zen​.de/​v​i​e​w​i​n​g​P​a​g​e​?​t​e​s​t​i​m​o​n​y​I​D​=​2​0​9​5​3​&​r​e​t​u​r​n​I​n​d​e​x=0. (Zugriff: 30.10.2022). Um das Inter­view zu sehen, bedarf es einer geson­der­ten Lizenz.

[180] Kle­men­ti­ne Stein, gebo­re­ne Bach, war die am 24.1.1861 in Zelt­in­gen bei Trier gebo­re­ne Toch­ter von Her­mann und Ama­lie Bach, gebo­re­ne Marx. Die Ehe mit Karl Stein war am 26.8.1888 in Zelt­in­gen geschlos­sen wor­den. https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​1​3​9​0​8​3​0​6​1​/​k​l​e​m​e​n​t​i​n​e​-​s​t​e​i​n​#​c​l​i​p​b​o​ard. (Zugriff: 30.10.2022).

[181] Ley­de­cker, Juden in der Gau­haupt­stadt Neu­stadt, S. 538. Sie­he auch im Fol­gen­den zu den anti­se­mi­ti­schen Aus­schrei­tun­gen in Neu­stadt ihren Aufsatz.

[182] https://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​n​e​u​s​t​a​d​t​_​s​y​n​a​g​o​g​e​.​htm. (Zugriff: 30.10.2022).

[183] Ley­de­cker, Juden in der Gau­haupt­stadt Neu­stadt, S. 534.

[184] Lot­te Zin­ner nennt in ihrem Inter­view Rot­ter­dam als Abfahrts­ha­fen, die Schiffs­kar­ten, die im Nach­lass erhal­ten blie­ben, geben aller­dings Ant­wer­pen als Hafen an.

[185] Zu den Vor­gän­gen dort sie­he im Detail Ley­de­cker, Juden in der Gau­haupt­stadt Neu­stadt, S. 546–551.

[186] https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​1​3​9​0​8​3​0​6​1​/​k​l​e​m​e​n​t​i​n​e​-​s​t​e​i​n​#​c​l​i​p​b​o​ard. (Zugriff: 30.10.2022).

[187] HHStAW 685 414 Umsatz­steu­er (39).

[188] HHStAW 685 414 Ver­mö­gen­steu­er (4).

[189] HHStAW 685 414 Umsatz­steu­er (39), dazu HHStAW 519/​3 3497 (2, 14).

[190] HHStAW 519/​3 3497 (16).

[191] Laut einer Lis­te aus dem Jahr 1942, die aller­dings nach der Depor­ta­ti­on von 10. Juni erstellt wor­den war, bei der auch Otto Selig abtrans­por­tiert wur­de, stan­den Kra­mers damals zwei Zim­mer im zwei­ten Stock zur Ver­fü­gung, sie­he unbe­kann­te Lis­te X1.

[192] USC-Sho­ah-Foun­da­ti­on, Inter­view mit Lot­te Zin­ner. Fälsch­li­cher­wei­se ist in dem Brief aller­dings das Datum der Depor­ta­ti­on mit dem 18.9.1942 angegeben.

[193] David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[194].Ebd.

[195] David Zin­ner ver­dan­ke ich wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen zur Genea­lo­gie der Fami­lie sei­ner Vorfahren.

[196] Ebd.

[197] Hei­rats­re­gis­ter Hechts­heim  24 /​ 1899.

[198] Infor­ma­tio­nen von Wolf­hard Klein, Aus­wer­tung der Stan­des­re­gis­ter Nie­der-Olm. Er war dem­nach nicht, wie fälsch­li­cher­wei­se in der Bro­schü­re zur Stol­per­stein­ver­le­gung in Hechts­heim vom 24.6.2013 geschrie­ben, noch aus­ge­wan­dert. Sie­he https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Hechtsheimer%20Stolpersteine%20P01.pdf. (Zugriff: 30.10.2022).

[199] Bet­ty Strauß war am 29.1.1908 gebo­ren wor­den, Infor­ma­tio­nen von Wolf­hard Klein, Aus­wer­tung der Stan­des­re­gis­ter Nie­der-Olm. Das Paar hat­te eine Toch­ter namens Miri­am, spä­ter ver­hei­ra­te­te Hirsch. Über sie lie­gen aber kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen vor.

[200] David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stamm­baum. Die Anga­be zu Bet­ty Kra­mer stimmt über­ein mit denen von Wolf­hard Klein.

[201] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​2​2​8​0​/​i​m​a​g​e​s​/​4​7​2​9​4​_​3​0​2​0​2​2​0​0​5​5​5​7​_​0​5​6​0​-​0​0​2​2​8​?​p​I​d​=​5​1​6​8​1​380. (Zugriff: 30.10.2022). Da die Ehe damals in Hei­del­berg geschlos­sen wur­de, stamm­te er ver­mut­lich aus Rohr­bach bei Hei­del­berg und nicht aus dem bekann­te­ren saar­län­di­schen Rohrbach.

[202] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​5​9​3​2​-​0​8​0​7​?​p​I​d​=​2​4​7​1​7​826. (Zugriff: 30.10.2022).

[203] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2442/images/m‑t0627-02670–00959?pId=15839953. (Zugriff: 30.10.2022).

[204] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​7​3​3​/​i​m​a​g​e​s​/​i​m​u​s​a​n​y​1​8​2​4​_​1​3​5​9​-​0​0​2​0​1​?​p​I​d​=​2​4​6​0​118. (Zugriff: 30.10.2022).

[205] David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[206] Geburts­re­gis­ter Hechts­heim  41 /​ 1875.

[207] Sie­he HHStAW 685 700 (pas­sim).

[208] Geburts­re­gis­ter Michel­feld 56 /​ 1885.

[209] HHStAW 685 700 (8, 39).

[210] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​6​7​1​5​0​0​8​:​2​280. (Zugriff: 30.10.2022).

[211] David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[212] HHStAW 685 700 (21).

[213] Ster­be­re­gis­ter Hechts­heim  19 /​ 1926.

[214] HHStAW 685 700 (55, 58).

[215] Ebd. (61).

[216] Ebd. (89, 90).

[217] Ebd. (o.P.).

[218] HHStAW 518 59722 (8).

[219] HHStAW 519/​3 12465 (1).

[220] Geburts­re­gis­ter Kas­sel 1235 /​ 1894.

[221] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​2​3​1​-​0​5​8​5​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​2​4​0​3​5​392. (Zugriff: 30.10.2022). Als Kon­takt in Ney York hat­ten sie einen Cou­sin von Alfred Grü­ne­wald namens L. Barth angegeben.

[222] HHStAW 685 700 (90).

[223] Ebd. (92).

[224] HHStAW 519/​3 12465 (9).

[225] Ebd. (1).

[226] Die Immo­bi­le in der Emmer­an­stra­ße war ver­mut­lich in der Infla­ti­ons­zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg erwor­ben wor­den. Sie ist erst­mal in der Ver­mö­gens­er­klä­rung des Jah­res 1924 ange­ge­ben. Der Ein­heits­wert war 1926 auf knapp 17.000 RM fest­ge­setzt wor­den, war aber dann zu Beginn der drei­ßi­ger Jah­re auf knapp 27.000 RM her­auf­ge­setzt wor­den, sie­he HHStAW 685 700 (31, 41, 63).

[227] HHStAW 519/​3 12465 (6)

[228] Ebd. (o.P.).

[229] Ebd. (7).

[230] Ebd. (8, 9).

[231] Ebd. und HHStAW 519/​3 11842 (3). Der Ein­heits­wert, der für das Haus in der Ver­mö­gens­auf­stel­lung 1938 auf­ge­führt war, betrug aller­dings 23.000 RM, sie­he 519/​3 12465 (1, 11).

[232] HHStAW 685 700 (96).

[233] HHStAW 51973 12465 (10). Zur Reichs­flucht­steu­er sie­he auch die Zah­lungs­be­stä­ti­gung des Finanz­amt Wies­ba­den vom 2.5.1954, HHStAW 518 59722 (5).

[234] HHStAW 518 59722 (3).

[235] Es han­delt sich hier­bei mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit um Rudolph Bene­dikt Selig, den Sohn von Simon und Karo­li­ne Selig, die in Wies­ba­den eine Wein­hand­lung besa­ßen. Der Zusam­men­hang ergibt sich aus dem Brief­kopf eines Schrei­bens, das Rudolph Selig an Jen­ny Selig in den USA rich­te­te. Rudolph Selig selbst, gebo­ren am 16.9.1902 in Wies­ba­den, war Jurist und ver­ei­dig­ter Notar, des­sen Kar­rie­re mit dem Macht­an­tritt der Nazis zu Ende gegan­gen war. Am 7.6.1933 ver­lor er sei­ne Zulas­sung und wur­de aus der amts­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­lis­te gestri­chen. Mit sei­nem fach­li­chen Wis­sen konn­te er aber infor­mell den ver­folg­ten Ver­wand­ten Hil­fe leis­ten, so auch Jen­ny Selig. Rudolph nennt sie zwar in sei­nen Brie­fen immer Tan­te, in Wirk­lich­keit war sie aber die ange­hei­ra­te­te Cou­si­ne sei­nes Vaters Simon Selig. Rudolph Selig wur­de mit der Depor­ta­ti­on vom 10.6.1942 von Wies­ba­den nach Lub­lin gebracht und dort nach Ankunft in das sich im Auf­bau befind­li­che KZ Maj­da­nek abkom­man­diert, wo er am 25. Juli 1942 ermor­det wur­de. Sei­ne Schwes­ter Ali­ce Babet­te wur­de in Raas­iku in Est­land umge­bracht, Rudolphs Frau Mar­tha, gebo­re­ne Nuss­baum, über­leb­te die NS-Zeit in den Nie­der­lan­den. Zu Rudolph Selig sie­he die Per­so­nal­ak­te HHStAW 467 1617 (pas­sim).

[236] Ebd. (3, 6).

[237] Ebd. (8).

[238] Ebd. (8b). Die mate­ri­el­len Ver­lus­te, die Jen­ny Selig erlit­ten hat­te, wur­den in den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ins­ge­samt akzep­tiert und gemäß den Vor­schrif­ten entschädigt.

[239] Ebd. (8).

[240] Ebd. (25–28, 37–39).

[241]  https://​www​.calz​areth​.com/​t​r​e​e​/​p​1​.​h​t​m​#​c​8.2 (Zugriff: 30.10.2022).

[242] Ebd. (6).

[243] Laut dem Stamm­baum von David Zin­ner hei­ra­te­te sie einen Max Dani­el, über den von David Zin­ner aber kei­ne wei­te­ren Anga­ben gemacht wer­den konn­ten. Das Paar soll vier Kin­der bekom­men haben, die alle in Kana­da gebo­ren wor­den sein sol­len. Als Geburts­jahr des ers­ten Sohns Peter ist hier das Geburts­jahr 1941 ange­ge­ben. Das kann aber nicht stim­men, da der Brief, in dem ein Peter als Sohn von Lot­te erwähnt ist, bereits am 29. 1. 1939 geschrie­ben wur­de. Daher sind auch die wei­te­ren Anga­ben des Stamm­baums – die Töch­ter Eva, gebo­ren 1943, Judith, gebo­ren 1948, und ein Sohn David, gebo­ren 1951 – nur mit Vor­be­halt zu betrach­ten. Sie­he David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stammbaum.

[244] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​6​7​0​3​0​7​3​:​2​2​8​0​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022).

[245] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​5​8​8​1​4​6​:​1​0​0​2​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 30.10.2022). Alfred Grü­ne­wald ver­starb bereits am 12. Janu­ar 1956 in New York

[246] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​1​6​2​9​4​0​5​:​6​1​461. (Zugriff: 30.10.2022). David Zin­ner, Des­cen­dants of Simon Selig, pri­va­ter Stamm­baum, nennt fälsch­li­cher­wei­se das Jahr 1957. In die­sem Stamm­baum ist auch ange­ge­ben, dass Erna nach dem Tod von Alfred Grü­ne­wald eine zwei­te Ehe mit dem 1899 in Salz­burg gebo­re­nen Franz Bern­heim ein­ge­gan­gen sein soll. Quel­len­be­le­ge für die­se Infor­ma­ti­on sind nicht benannt. Eben­falls gibt David Zin­ner an, aus der ers­ten Ehe von Erna Selig sei im Sep­tem­ber 1944 die Toch­ter Mari­an her­vor­ge­gan­gen, die am 20.6.1965 den 1941 in Bos­ton gebo­re­nen Eric Roth­stein gehei­ra­tet haben soll. Aber auch hier­für sind kei­ne amt­li­chen Quel­len nachgewiesen.

[247] Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wiesbaden.

[248] Um wen es sich bei der im Adress­buch von 1938 genann­ten Per­son P. Pare­ras genau han­del­te, konn­te nicht ermit­telt wer­den. In den Stan­des­re­gis­tern des Stadt­ar­chivs ist nur eine Maria Pare­ras zu fin­den, die am 9.5.1943 im Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 ver­starb, sie­he Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1085 /​ 1943.

[249] HHStAW 519/​2 2173 (o.P.).

[250] Ebd. (2).

[251] Ebd. (3).

[252] Ebd.(o.P.). Schrei­ben vom 30.11.1943.

[253] Ebd. (29).

[254] Ebd. (o.P.). Grundbuchauszug.

[255] Ebd. (o.P.). Ins­ge­samt wur­den 12.400 RM über­wie­sen, neben ande­ren ehe­mals jüdi­schen Immo­bi­li­en auch Beträ­ge für die Juden­häu­ser Bahn­hofstr. 25 und Wall­ufer Str. 13.

[256] Sie­he dazu das Kapi­tel „Die anti­jü­di­sche Woh­nungs­po­li­tik des NS-Staa­tes“ oben.

[257] Ebd. (42).

[258] Ebd. (1, 2, 3, 4, 5, 6)

[259] Ebd. (17).

[260] Ebd. (o.P.). Schrei­ben der Haus­ver­wal­tung vom 8.11.1944. Ein Bericht über die damals ent­stan­den Schä­den wur­de nach Kriegs­en­de am 9.6.1945 ver­fasst und die monat­li­chen Mie­ten für die noch vor­han­de­nen Bewoh­ner ent­spre­chend herabgesetzt.

[261] Ebd. (o.P.). Urkun­de des Amts­ge­richts Wies­ba­den, datiert mit dem 25.7.1950.