Emil und Hannchen Neumann, geborene Mayer


Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 80 heute Eigene Aufnahme
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage
Lage der bei­den Juden­häu­ser der Brü­der Selig am Ring und in der Oranienstraße
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 80
Bele­gung des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 80

 

 

 

 

 

 

 


Vor­be­mer­kung

Am 1. Juni 1941 zog in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 als Unter­mie­ter von Alfred und Maria Gold­schmidt das Ehe­paar Emil und Hann­chen Neu­mann ein. Nur der Voll­stän­dig­keit hal­ber wird im Rah­men die­ser Doku­men­ta­ti­on auch ein Kapi­tel über die­se bei­den Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sen­po­li­tik ein­ge­stellt. Nötig wäre es eigent­lich nicht, denn es gibt, abge­se­hen von der Fami­lie Gut­h­mann, wohl kaum eine jüdi­sche Fami­lie Wies­ba­dens, deren Schick­sal so umfas­send dar­ge­stellt ist, wie das der Fami­lie Neu­mann, die durch ihren Schwie­ger­sohn und Kampf­flie­ger des Ers­ten Welt­kriegs Fritz Beck­hardt weit über die Stadt hin­aus Berühmt­heit erlangt hat. 

Lorenz Beckhardt
Cover des Buches von Lorenz S. Beck­hardt über sei­ne Familie

Sein Enkel, der Jour­na­list Lorenz S. Beck­hardt, hat ihm mit sei­nem Buch „Der Jude mit dem Haken­kreuz“ ein Denk­mal beson­de­rer Art gesetzt und damit zugleich ein lie­be­vol­les und sehr inti­mes Bild der bei­den Fami­li­en Neu­mann und Beck­hardt gezeich­net.[1] Er konn­te dabei noch auf die authen­ti­schen Erfah­run­gen und das Wis­sen sei­nes Vaters Kurt Beck­hardt zurück­grei­fen. Aber das Buch ist weit mehr als eine Fami­li­en­ge­schich­te. Es gelingt dem Autor auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se, die­se Bio­gra­phie in die Geschich­te der Stadt Wies­ba­den und die des gesam­ten Lan­des vor, wäh­rend und nach den Jah­ren der NS-Dik­ta­tur ein­zu­bet­ten. Jedem, der etwas über die loka­le All­tags­ge­schich­te die­ser Zeit erfah­ren möch­te, wer nach­voll­zie­hen will, wie das brau­ne Gedan­ken­gut damals auch in Wies­ba­den zuneh­mend die Köp­fe der Men­schen ergriff, dem sei die­ses Buch unbe­dingt emp­foh­len. Min­des­tens genau­so bedrü­ckend und zugleich auf­schluss­reich ist die Dar­stel­lung des Kamp­fes der Fami­lie um eine mehr oder weni­ger ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung nach dem Krieg. Das Kli­ma die­ser Jah­re, die Reak­ti­on der Bevöl­ke­rung und der Behör­den auf die Rück­kehr die­ser jüdi­schen Fami­lie in ihre frü­he­re Hei­mat­ge­mein­de machen einen wesent­li­chen Teil des Buches aus und geben Zeug­nis aus einer Zeit, die nur all­zu gern von den Erin­ne­run­gen an das soge­nann­te Wirt­schafts­wun­der über­deckt wird.
Das fol­gen­de Kapi­tel über die bei­den Fami­li­en Neu­mann und Beck­hardt beruht in gro­ßem Umfang auf dem Buch, das Lorenz S. Beck­hardt über sei­ne Fami­lie ver­öf­fent­licht hat. Ihm sei daher vor­ab beson­ders gedankt.

 

Moses Nemann, Jacob Neumann, Sarah Joseph Neumann, Moritz Neumann, Johanna Hannchen Neumann Mayer, Hansi Oppenheimer, Jakob Fritz Neumann, Eric Neumann, Rosa Emma Neumann Beckhardt, Fritz Beckhardt, Kurt Beckhardt, Sue Hilde Beckhardt, Lina Lahr, Werner Lahr, Joseph Beckhardt, Jakob Mayer, Johanna Mayer, Ludwig Beckhardt, Johanna Chanette Mann, Simon Beckhardt Eleonore Beckhardt Elbert, Friedrich Wilhelm Wiolliam Beckhardt, Paul Beckhardt, Elenor Ola Beckhardt Siegel, Abraham Beckhardt, Franziska Mayer Beckhardt, Martha Beckhardt Koch, Ludwig Koch, Klaus Flick, Judenhäuser in Wiesbaden,
Stamm­baum der Fami­li­en Neu­mann und Beck­hardt
GDB

Die bei­den Fami­li­en Neu­mann und Beck­hardt kamen durch die Hoch­zeit von Fried­rich Beck­hardt, genannt Fritz, und Rosa Emma Neu­mann zusam­men. Die Trau­ung fand im Mai 1926 in Wies­ba­den Son­nen­berg statt, das damals noch eine selbst­stän­di­ge Gemein­de war.[2] Wäh­rend die Vor­fah­ren der Braut schon seit vie­len Gene­ra­tio­nen im Wies­ba­de­ner Raum ansäs­sig waren, kamen die ihres Part­ners aus dem links­rhei­ni­schen Rhein­hes­sen. Der ältes­te Ahn der Beck­hardts war ein Joseph, der wohl noch im 18. Jahr­hun­dert gebo­ren wor­den war. Bekannt ist nur sein Todes­tag. Am 14. Mai 1824 wur­de er in Pla­nig, einem Stadt­teil des heu­ti­gen Bad Kreuz­nach, beer­digt. Auch sei­ne Ehe­frau, eine gebo­re­ne Zipo­ra David, liegt auf die­sem Fried­hof begra­ben. Sie ver­starb am 14. Febru­ar 1827.[3] In Pla­nig wur­de am 24. Febru­ar 1824 auch ihr ein­zig bekann­ter Sohn Lud­wig /​ Loud­wig gebo­ren. Der fand sei­ne Ehe­frau in dem gut zehn Kilo­me­ter ent­fern­ten Wal­lert­heim, wo es schon seit dem 16. Jahr­hun­dert jüdi­sche Bewoh­ner gab. Johan­net­te Mann, der Vor­na­me sprach­lich ver­kürzt auf Cha­net­te, ent­stamm­te einer der ältes­ten jüdi­schen Fami­li­en des Ortes, die sich als sephar­di­sche Juden im 17. Jahr­hun­dert über Frank­reich kom­mend in dem Ort bei Alzey nie­der­ge­las­sen hat­te.[4] Lud­wig Beck­hardt blieb nach sei­ner Ehe­schlie­ßung in Wal­lert­heim und übte dort den für Land­ju­den typi­schen und auch in der Fami­lie Beck­hardt tra­di­tio­nel­len Beruf eines Metz­gers und Händ­lers aus. Als nach dem Ende der napo­leo­ni­schen Herr­schaft das Gebiet dem neu gegrün­de­ten Groß­her­zog­tum Hes­sen zufiel, blie­ben in die­sem Lan­des­teil den Juden die zuvor gewähr­ten Frei­heits­rech­te erhal­ten, und nicht nur die jüdi­sche Gemein­de, bestehend aus etwa 70 Mit­glie­dern, konn­te davon pro­fi­tie­ren und sich unter dem Vor­sitz von Lud­wig Beck­hardt den Bau eines Bet­saals leis­ten, auch sein eige­nes Geschäft pro­spe­rier­te ange­sichts die­ser libe­ra­len Rah­men­be­din­gun­gen, von denen die Juden im rechts­rhei­ni­schen Gebiet nur zu träu­men wagten.

Abraham Beckhardt
Abra­ham Beck­hardt
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Am 27. Juli 1854 wur­de als ers­tes Kind der Beck­hardts ihr Sohn Abra­ham gebo­ren, der vor dem Hin­ter­grund der impe­ria­lis­ti­schen Han­dels­po­li­tik euro­päi­scher Staa­ten das väter­li­che Gewer­be noch durch einen Laden für die begehr­ten Kolo­ni­al­wa­ren erwei­ter­te. Zwei Jah­re spä­ter kam am 27. August 1856 ein wei­te­rer Sohn zur Welt, der den Namen Simon erhielt.[5] Simon hei­ra­te­te am 7. August 1888 in Kai­sers­lau­tern Eleo­no­re Elbert aus Hass­loch.[6] Die Fami­lie, zu der die noch in Deutsch­land gebo­re­nen drei Kin­der, zwei Söh­ne und eine Toch­ter, gehör­ten, wan­der­te in einem nicht bekann­ten Jahr, aber mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit noch in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik in die USA aus.[7] Über ihr wei­te­res Schick­sal ist nur so viel bekannt, dass die Kin­der dort jeweils eige­ne Fami­li­en grün­de­ten. Wann die Eltern dort ver­star­ben, konn­te nicht ermit­telt werden.

Fran­zis­ka Beck­hardt, geb. May­er
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Simons älte­rer Bru­der Abra­ham, der das väter­li­che Geschäft über­nom­men hat­te, blieb in der Hei­mat und grün­de­te in Wal­lert­heim eine Fami­lie. Sei­ne Frau Fran­zis­ka May­er stamm­te aus dem nahe gele­ge­nen Ober-Olm, wo sie am 14. Novem­ber 1856 als Toch­ter von Jakob und Johan­na May­er, gebo­re­ne Ber­ney, zur Welt gekom­men war.[8] Wann die Ehe geschlos­sen wur­de, ließ sich nicht ermit­teln, aber am 23. März 1889 wur­de ihr Sohn Fried­rich, genannt Fritz, gebo­ren [9] – ver­mut­lich war der Trau­schein etwa ein Jahr zuvor aus­ge­stellt wor­den. Sei­ne Schwes­ter Mar­tha erblick­te am 29. Janu­ar 1892 eben­falls in Wal­lert­heim das Licht der Welt.[10]

Lorenz Beck­hardt konn­te bei sei­nen Recher­chen in Wal­lert­heim eine alte Dame spre­chen, die die Fami­lie noch per­sön­lich kann­te, mit ihr sogar befreun­det war. Abra­ham, ein „klei­ner, dür­rer Mann“, sei immer „sehr zugäng­lich, immer aus­ge­gli­chen und froh“ gewe­sen. Die Beck­hardts hät­ten mit kei­nem im Ort je in Streit gele­gen. Die­se sehr posi­ti­ve Erin­ne­rung der alten Dame grün­de­te, so die Ver­mu­tung von Lorenz Beck­hardt, u​.​a. dar­auf, dass die Gesprächs­part­ne­rin als Kind, wie alle ande­ren Kin­der des Dor­fes auch, immer etwas von den „Guts­je“ zuge­steckt bekam, den Bon­bons, die auf der The­ke des Ladens für alle bereit­stan­den. Wie sehr man in das dörf­li­che Leben inte­griert war, sich dabei sogar über die jüdi­schen Spei­se­ge­bo­te hin­weg­setz­te, kann man sicher auch dar­an erken­nen, dass Fran­zis­ka Beck­hardt sich immer Wurst und Met­zel­sup­pe abho­len durf­te, wenn irgend­wo im Dorf ein Schwein geschlach­tet wur­de.[11] Man war sich sei­nes Jüdisch­seins bewusst, nahm es aber offen­sicht­lich nicht all­zu genau damit, in ers­ter Linie war man deutsch und kai­ser­treu. Nicht nur die Namen der Kin­der, die deren kon­fes­sio­nel­len Hin­ter­grund ver­de­cken, legen das nahe, Fritz wur­de auch akti­ves Mit­glied in der Tur­ner­schaft, dem deut­sches­ten Sport in die­ser Zeit über­haupt. Kon­se­quen­ter­wei­se wur­de auch die zio­nis­ti­sche Bewe­gung, die den Juden ein ande­res als das deut­sche Vater­land ver­sprach, sehr skep­tisch betrach­tet.
Eigent­lich hät­te der mathe­ma­tisch hoch­be­gab­te Fritz Inge­nieur wer­den sol­len, aber ein finan­zi­el­ler Eng­pass, ver­ur­sacht durch die Plei­te eines Ver­wand­ten, für den Abra­ham Beck­hardt eine Bürg­schaft über­nom­men hat­te, bedeu­te­te für Fritz, dass er nicht die höhe­re Schu­le, son­dern nur die Volks­schu­le besu­chen konn­te und den Beruf eines Kauf­manns erler­nen muss­te – aller­dings mit beson­de­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen. Neben der kauf­män­ni­schen Grund­aus­bil­dung erlern­te er in Bre­men das Rös­ten von Kaf­fee, für einen Kolo­ni­al­wa­ren­la­den ganz sicher eine pas­sen­de Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on. Anschlie­ßend ließ er sich in Ham­burg auch noch als Tex­til­kauf­mann wei­ter­bil­den und ent­wi­ckel­te dabei die beson­de­re Fähig­keit, die Qua­li­tät von Stof­fen allein durch deren Berüh­rung zu ertas­ten.[12]

Fritz Beck­hardt als Schüt­ze im Jahr 1912
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Als dann der Ers­te Welt­krieg aus­brach, mel­de­te sich Fritz sofort frei­wil­lig, auch um zu zei­gen, mit wel­cher Opfer­be­reit­schaft die Juden für ihr Vater­land ein­stan­den. Wel­len anti­se­mi­ti­scher Res­sen­ti­ments hat­te es im Kai­ser­reich schon in den vor­aus­ge­gan­ge­nen Jah­ren immer wie­der gege­ben. Bei der Bela­ge­rung von Ant­wer­pen wur­de er ver­letzt und muss­te in ein Laza­rett ein­ge­lie­fert wer­den. Der Traum vom schnel­len Sieg war bald aus­ge­träumt, aber der Stel­lungs­krieg im Wes­ten eröff­ne­te Fritz völ­lig neue Mög­lich­kei­ten, sich als Sol­dat, als Patrouil­len­gän­ger, zu bewei­sen. Erst das Eiser­ne Kreuz II. Klas­se, dann schon bald dar­auf wur­de ihm auch das der I. Klas­se ver­lie­hen. Der Höhe­punkt war die Ver­lei­hung des „Kreu­zes der Inha­ber des könig­li­chen Haus­or­dens der Hohen­zol­lern mit Schwer­tern“, eine Aus­zeich­nung, die, so Lorenz Beck­hardt, im Ers­ten Welt­krieg nur 18mal ver­lie­hen wor­den war.[13] Hoch deko­riert nahm er an den mör­de­ri­schen Schlach­ten an der Som­me und auch in Flan­dern teil. Aus­ge­stat­tet mit sol­chen Ehren­zei­chen bewarb er sich Anfang 1917 erfolg­reich als Flug­schü­ler bei der Luft­waf­fe, die ange­sichts der erstarr­ten Fron­ten stra­te­gisch immer grö­ße­re Bedeu­tung erlang­te, in der zudem einem Mann wie Fritz Beck­hardt, zwar mus­ku­lös, aber von eher klei­ner Gestalt, sich die Mög­lich­keit bot, außer­halb der tra­di­tio­nel­len Wege sei­ne indi­vi­du­el­le Kar­rie­re zu star­ten. Die Offi­ziers­lauf­bahn war ihm als Jude von vorn­her­ein ver­sagt. Nicht nur sein per­sön­li­cher Mut, auch sei­ne tech­nisch-mathe­ma­ti­sche Bega­bung prä­de­sti­nier­ten ihn für die­se neue Waf­fen­gat­tung. Am 2. März 1917 saß er erst­mals allei­ne in einem Flug­zeug. Damit begann sei­ne außer­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re als Flie­ger, die ihn u​.​a. mit Göring zusam­men­brach­te, in dem er schon früh den „selbst­süch­ti­gen und eit­len Nar­ziss“ erkann­te. Vie­le Ein­sät­ze hat­te Fritz mit sei­ner Flie­ger­staf­fel geflo­gen, vie­le feind­li­che Flie­ger abge­schos­sen, und mehr­fach wur­de auch er selbst mit sei­nem Flie­ger getrof­fen. Bei einem sol­chen Tref­fer ret­te­te der Talis­man, den ihm sei­ne Schwes­ter Mar­tha geschenkt hat­te, sein Leben: ein sil­ber­nes Haken­kreuz, das er in der lin­ken Brust­ta­sche immer mit sich führ­te. Bevor die Nazis das Swas­tika-Zei­chen zum Sym­bol des Grau­ens mach­ten, galt es als Glücks­brin­ger, als eine Art Mas­kott­chen. Das Haken­kreuz ist auch deut­lich auf dem 1924 ent­stan­de­nen Bild zu sehen, das Fritz Beck­hardt mit sei­nem damit – sei­ten­ver­kehrt – bemal­ten Flug­zeug zeigt, und immer wie­der zu Befrem­den Anlass gege­ben hat. Fälsch­li­cher­wei­se wur­de es als Beleg dafür her­an­ge­zo­gen, dass der Jude Fritz Beck­hardt ein frü­her Anhän­ger der NS-Bewe­gung gewe­sen sei.[14]

“Der Jude mit dem Haken­kreuz”
HHStAW 3008/​1 14369

Nach der als trau­ma­tisch emp­fun­de­nen Nie­der­la­ge kehr­te Fritz Beck­hardt 1919 nach Wal­lert­heim zurück, wo der Vater sein weit­ge­hend in Kriegs­an­lei­hen ange­leg­tes Ver­mö­gen ver­lo­ren hat­te. In sei­nem Hei­mat­ort konn­te die Dolch­stoß­le­gen­de, zumin­dest soweit sie eine anti­se­mi­ti­sche Aus­rich­tung hat­te, nicht grei­fen. Fritz, der 1921 der ‚Reichs­ver­ei­ni­gung jüdi­scher Front­sol­da­ten’ bei­trat und poli­tisch inzwi­schen den Sozi­al­de­mo­kra­ten nahe stand, wur­de trotz der Nie­der­la­ge als Kriegs­held gefeiert.

Am 27. Mai 1926 hei­ra­te­te er in Son­nen­berg Rosa Emma Neu­mann, die am 18. Janu­ar 1903 gebo­re­ne Toch­ter von Emil und Johan­na Neu­mann.[15] Nicht dass Fritz dar­auf ange­wie­sen gewe­sen wäre, eine Ehe­frau durch die Ver­mitt­lung eines „Schad­chens“, einer jüdi­schen Hei­rats­ver­mitt­le­rin, zu fin­den, er galt ganz sicher als gute Par­tie. Aber viel­leicht war es der Tra­di­ti­on geschul­det, viel­leicht such­te man ange­sichts der finan­zi­el­len Mise­re, in die der elter­li­che Laden gera­ten war, auch nach einer Braut aus einer Fami­lie mit einem glei­chen wirt­schaft­li­chen Hin­ter­grund, um so dem eige­nen Geschäft wie­der mehr Schwung zu ver­lei­hen. Ohne Zwei­fel ent­sprach die Son­nen­ber­ger Fami­lie Neu­mann sol­chen Vor­stel­lun­gen. In dem öst­li­chen, damals noch selbst­stän­di­gen und weit­ge­hend länd­lich gepräg­ten Vor­ort von Wies­ba­den betrieb Emil Neu­mann sehr erfolg­reich ein Geschäft mit einem ähn­li­chen Ange­bot wie dem in Wal­lert­heim und die Nähe zur auf­stre­ben­den „Welt­kur­stadt“ ver­sprach auch eine erfolg­rei­che Zukunft.

Ähn­lich wie bei Beck­hardts rei­chen auch die rekon­stru­ier­ba­ren Wur­zeln der Fami­lie Neu­mann bis ins 18. Jahr­hun­dert zurück. Anfang des 19. Jahr­hun­derts, als man im Her­zog­tum Nas­sau den Juden den Leib­zoll erließ, war der ver­wit­we­te Eisen- und Stoff­händ­ler Moses Abra­ham nach Son­nen­berg gezo­gen, nach­dem schon in den Jah­ren zuvor – fast nicht zu glau­ben! – die dor­ti­gen Bewoh­ner sich ein­dring­lich mehr jüdi­sche Händ­ler auf dem Markt vor Ort gewünscht haben sol­len.[16] Moses Abra­ham war der Sohn des Bier­städ­ter Han­dels­manns Abra­ham Moses und sei­ner Frau Salo­me Samu­el. Der damals 29-jäh­ri­ge und schon ver­wit­we­te Moses Abra­ham war mit sei­nem Sohn Jacob 1829 nach Son­nen­berg gekom­men, um dort in zwei­ter Ehe die Bräun­le Samu­el zu hei­ra­ten – mög­li­cher­wei­se eine nahe Ver­wand­te sei­ner ver­stor­be­nen ers­ten Frau. Sie war nicht nur rela­tiv reich, ihre ver­stor­be­nen Eltern hat­ten ihr auch ein gut gehen­des Tex­til­ge­schäft hin­ter­las­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund gab es von­sei­ten der Obrig­keit kei­ne Ein­wen­dun­gen gegen die Auf­nah­me von Vater und Sohn in die Gemein­de.[17]

Moses Neumann Sonnenberg
Das Grab von Moses Neu­mann auf dem Jüdi­schen Fried­hof Schö­ne Aus­sicht
https://​www​.lagis​-hes​sen​.de/img​/juf​/s2​/WiesbadenAlt-200_V.jpg

Nach dem Tod von Moses Neu­mann am 10. Dezem­ber 1861 [18] hei­ra­te­te sein Sohn im fol­gen­den Jahr Sarah /​ Sahr­le Joseph aus Gries­heim, die ihrem Mann acht Kin­der gebar, aber fünf ver­star­ben ver­mut­lich bereits in frü­hes­tem Kin­des­al­ter oder kamen sogar tot zur Welt.[19] Die erst­ge­bo­re­nen Zwil­lin­ge Jet­t­chen und Kät­chen wur­den am 24. März 1863 gebo­ren, Jet­t­chen ver­starb am 30. Sep­tem­ber des glei­chen Jah­res. Von Kät­chen lie­gen kei­ne Todes­da­ten vor, aber es ist zu ver­mu­ten, dass auch sie bald nach der Geburt starb.
Der fol­gen­de Sohn Moritz, gebo­ren am 4. Juli 1864, wur­de 37 Jah­re alt, blieb zeit­le­bens ledig und ver­starb am 11. Okto­ber 1901 in Wies­ba­den.[20]
Ihm folg­te mit Emil, gebo­ren am 1. Dezem­ber 1867, ein wei­te­rer Sohn. Als ein­zi­ger Spross der Fami­lie erleb­te er die Zeit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft. Die am 7. Mai 1869 gebo­re­ne Toch­ter kam ver­mut­lich tot zur Welt, denn ein Name ist für sie nicht mehr ein­ge­tra­gen wor­den.
Juli­us, um 1873 gebo­ren, wur­de immer­hin 22 Jah­re alt, bevor er am 31. Janu­ar 1895 in Son­nen­berg ver­starb.[21]
Es folg­ten noch ein­mal zwei Töch­ter, zunächst Jen­ny im Jahr 1874, dann Ber­tha am 15. Juli 1876. Jen­ny wur­de nur wenig älter als ein Jahr, sie ver­starb am 28. Febru­ar 1975, und Ber­tha über­leb­te nur den ers­ten Monat nach ihrer Geburt. Sie starb am 25. August 1876 in Son­nen­berg, wo auch alle Kin­der gebo­ren wor­den waren.

Und nur vier Jah­re nach der Geburt des letz­ten Kin­des ver­starb auch Jacob Neu­mann am 30. Okto­ber 1880,[22] sodass die Wit­we von da an das Geschäft allei­ne füh­ren muss­te. Die bei­den Söh­ne Moritz und Emil waren zu die­ser Zeit selbst noch Kin­der bzw. mit 14 und 16 Jah­ren bes­ten­falls Jugend­li­che. Obwohl Sarah Neu­mann vor dem Hin­ter­grund des Ver­lusts so vie­ler Kin­der sicher per­sön­lich sehr gelit­ten haben muss, hat sie die Füh­rung des Geschäfts mit Bra­vour gemeis­tert. Sie bau­te, so Lorenz Beck­hardt, die „Kolo­ni­al- und Manu­fak­tur­wa­ren­hand­lung zu einem blü­hen­den Unter­neh­men aus, das rings­um in der preu­ßi­schen Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau Geschäfts­be­zie­hun­gen unter­hielt. Um 1900 war sie in Son­nen­berg eine der ange­se­hens­ten und belieb­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten; in den umlie­gen­den Tau­nus­dör­fern nann­te man sie respekt­voll ‚Mut­ter Neu­mann’“[23]
Aber nicht nur die Bau­ern aus der Umge­bung kamen, um ihre Land­pro­duk­te gegen Güter des täg­li­chen Bedarfs bei ihr zu tau­schen, auch die wach­sen­de Beam­ten­schaft der auf­stre­ben­den Stadt und auch deren Kur­gäs­te gehör­ten zu ihrem Kun­den­kreis, der im Beson­de­ren von dem selbst gerös­te­ten Kaf­fee ange­spro­chen war.

Emil Neumann
Emil Neu­mann
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Die Ein­nah­men ermög­lich­ten es ihr, 1898 zu dem ererb­ten Haus An der Burg­mau­er, der spä­te­ren Lang­gas­se, auch das Nach­bar­grund­stück zu erwer­ben. Ein Jahr zuvor hat­te sich am 10. Febru­ar 1897 ihr Sohn Emil mit der aus Tre­bur stam­men­den Hann­chen May­er ver­mählt. Hann­chen May­er war am 19. Okto­ber 1870 dort als Toch­ter von Jonas und Jea­nette May­er, gebo­re­ne Tri­bus, zur Welt gekom­men, leb­te aber inzwi­schen in Bin­gen, wo auch die Ehe­schlie­ßung regis­triert wur­de.[24] Im Jahr dar­auf wur­de am 9. Mai der Sohn Jakob Fritz gebo­ren.[25] Knapp fünf Jah­re dau­er­te es, bis nach einer Tot­ge­burt im Jahr 1928 dann ein wei­te­res Kind, die Toch­ter Rosa Emma, am 18. Janu­ar 1903 in Son­nen­berg das Licht der Welt erblick­te.[26]

Hannchen Beckhardt
Hann­chen /​ Johan­na Neu­mann, geb. May­er
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt
Geburtsurkunde Hannchen Mayer
Abschrift des Geburts­ein­trags von Hann­chen May­er
HHStAW 469/​33 2531 (3)

Inter­es­sant ist, dass Emil Neu­mann den Vor­na­men sei­ner Frau, z​.​B. in den Steu­er­un­ter­la­gen, immer mit Johan­na ange­ge­ben hat und auch Lorenz Beck­hardt schreibt unter das Por­trait sei­ner Urgroß­mutter „Johan­na Neu­mann, genannt Hann­chen“.[27] Letz­te­rer war aber tat­säch­lich nicht ihr Kose­na­me, son­dern der ein­ge­tra­ge­ne Geburts­na­me.[28] Es scheint fast so, als habe man die­sen jüdisch anmu­ten­den Vor­na­men hin­ter einem ordent­li­chen deut­schen Namen ver­schwin­den las­sen wol­len. Wahr­schein­li­cher ist aber, dass Hann­chen oder auch ihrem Ehe­mann nur das Dimi­nu­tiv des Namens nicht gefal­len hat, denn anders als ihr Sohn Fritz hat­ten die Eltern auch in reli­giö­ser Sicht sich ihre jüdi­sche Iden­ti­tät bewahrt. Jeden Sams­tag nahm Emil Neu­mann zu Fuß den recht lan­gen Weg von Son­nen­berg zur Wies­ba­de­ner Syn­ago­ge am Michels­berg auf sich, um dort in der libe­ra­len Gemein­de sei­nen fes­ten, bezahl­ten Sitz­platz „links in der Mit­te“ ein­zu­neh­men.[29] Als tra­di­ti­ons­be­wuss­ter Jude leg­te er zum Beten täg­lich sei­ne Gebets­rie­men an und der Schab­bes wur­de gemäß den über­lie­fer­ten Gewohn­hei­ten bei Brot und Wein mit dem Segens­spruch des Fami­li­en­ober­haupts began­gen. Die Mut­ter führ­te bis zuletzt einen kosche­ren Haus­halt und die Spei­sen zum Pes­sach­fest ser­vier­te sie auf einem Geschirr, das nur zu die­sem Anlass her­vor­ge­holt wur­de.[30] Eher zurück­hal­tend war das Enga­ge­ment der Fami­lie im übri­gen Gemein­de­le­ben, zumin­dest in der Zeit, als die Nazis an der Macht waren. Emil Neu­mann ist im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 nur als Mit­glied des ‚Jüdi­schen Lehr­hau­ses’ und ver­wun­der­li­cher­wei­se des ‚Hilfs­ver­eins der Juden in Deutsch­land‘, der sich um die Aus­wan­de­rungs­für­sor­ge spe­zi­ell der aus Ost­eu­ro­pa ein­ge­wan­der­ten Juden küm­mer­te, ein­ge­tra­gen.[31] Dies ist inso­fern erstaun­lich, als man den ost­jü­di­schen Glau­bens­brü­dern, zumeist ortho­do­xen Juden, eher mit einer gewis­sen Distanz begeg­ne­te. Sie wür­den nach Mei­nung der Neu­manns allein durch ihr Erschei­nungs­bild anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­tei­le beför­dern. Sie selbst ver­folg­ten die sich seit Jahr­hun­der­ten mehr oder weni­ger erfolg­reich ange­wand­te Über­le­bens­stra­te­gie des jüdi­schen Vol­kes, mög­lichst nicht in Erschei­nung zu tre­ten, nicht auf­zu­fal­len: „Bloß kein Risches machen !“ – war die Lebens­de­vi­se von Hann­chen Neu­mann.[32]

Die Nazis scher­ten sich nur wenig um sol­che Unter­schie­de im Auf­tre­ten. Der assi­mi­lier­te, rei­che, natio­nal geson­ne­ne Jude war ihnen nicht weni­ger Feind, als der arme Ost­ju­de, der haupt­säch­lich das Wies­ba­de­ner West­end bevölkerte.

Rosa Emma Beckhardt
Rosa Emma Beck­hardt, geb. Neu­mann im Jahr 1950
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Aber als Rosa Emma und Fritz Beck­hardt die Ehe schlos­sen, war es noch nicht soweit. Man erleb­te damals in der soge­nann­ten Sta­bi­li­sie­rungs­pha­se gera­de die bes­ten Jah­re der Repu­blik. Die Infla­ti­on war vor­über und die gro­ße Wirt­schafts­kri­se war nur für weit­sich­ti­ge Finanz­ana­lys­ten zu erah­nen.
1924 gab Emil Neu­mann beim Finanz­amt Wies­ba­den sein Ver­mö­gen mit fast 30.000 RM an.[33] Im fol­gen­den Jahr hat­te es sich dann hal­biert. Der Grund dafür war aber kein geschäft­li­ches Desas­ter, son­dern die Über­tra­gung des Hau­ses Lang­gas­se 11 an die Toch­ter Rosa Emma,[34] die im fol­gen­den Jahr die Ehe mit Fritz Beck­hardt ein­ging. Das Haus war ver­mut­lich so etwas wie eine Mit­gift oder ein vor­ge­zo­ge­ner Erb­teil. Aber man führ­te wei­ter­hin einen gemein­sa­men Haus­halt. Das jun­ge Paar wohn­te über dem Geschäft, die Eltern neben­an in dem von Sarah Neu­mann erwor­be­nen Haus. Emmas Bru­der Jakob Fritz wird ver­mut­lich schon zuvor aus­ge­zahlt wor­den sein, denn er war als Ange­stell­ter der Sie­mens-AG 1921 nach Lis­sa­bon gezo­gen, wo er auch die fol­gen­den Jah­re blieb. Nach dem Krieg leb­te die Fami­lie dann eine län­ge­re Zeit in Isra­el, viel­leicht auch des­halb, weil das Sala­zar-Régime auf Dau­er uner­träg­lich wur­de. Allein wegen der frem­den Spra­che war es aber wohl schwie­rig, in dem neu gegrün­de­ten jüdi­schen Staat Fuß zu fas­sen. Es bot sich daher an, woll­te man nicht nach Deutsch­land zurück, in das por­tu­gie­sisch spre­chen­de Bra­si­li­en aus­zu­wan­dern. Die Ein­rei­se­pa­pie­re waren im Sep­tem­ber 1956 in der bra­si­lia­ni­schen Bot­schaft in Tel Aviv aus­ge­stellt wor­den.[35]

Ein­rei­se­vi­sa für einen per­ma­nen­ten Auf­ent­halt in Bra­si­li­en für die Fami­lie von  Fritz Neu­mann, aus­ge­stellt 1957 in Tel Aviv
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Es war kein gro­ßes Ver­mö­gen, das Emil und Hann­chen Neu­mann besa­ßen, aber selbst in der Welt­wirt­schafts­kri­se konn­ten sie 1931 dem Finanz­amt noch ein Kapi­tal von 8.000 RM mel­den.[36] Sogar sein jähr­li­ches Ein­kom­men konn­te Emil Neu­mann selbst in den schlimms­ten Kri­sen­jah­ren 1930 bis 1932 noch von 5.600 RM auf 7.200 RM stei­gern. In die­ser Band­brei­te hat­te sich sein Ein­kom­men auch in den vor­aus­ge­gan­ge­nen Jah­ren bewegt.[37]Ab 1933 fiel das aber deut­lich nied­ri­ger aus: 1933 waren es noch rund 1.800 RM, 1934 nur noch knapp 1.400 RM.[38] Der Boy­kott und die anti­se­mi­ti­sche Pro­pa­gan­da zeig­ten unzwei­fel­haft ihre Wir­kung. Ähn­lich ver­lief die Ent­wick­lung bei Fritz Beck­hardt, mit dem Emil Neu­mann das Geschäft unter­neh­mens­recht­lich als O​.​H​.​G. gemein­sam führ­te. Für den Schwie­ger­sohn lie­gen die Ein­kom­mens­zah­len für die Jah­re von 1930 bis 1936 in einer von ihm selbst abge­ge­be­nen eides­statt­li­chen Erklä­rung vor. Auch er konn­te sein zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men von 1930 bis 1932 von 5.600 RM auf 7.200 RM stei­gern. Danach lag es in den fol­gen­den Jah­ren zwi­schen 2.000 RM und 3.000 RM.[39] Selbst der Kaf­fee­ver­kauf, der eigent­lich das Über­le­ben des Geschäfts garan­tie­ren soll­te, war all­mäh­lich ein­ge­bro­chen.[40] Für die Jah­re 1937 bis 1941 hat das Finanz­amt Wies­ba­den im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens Zah­len vor­ge­legt. Es han­delt sich aber hier nur um den Gewer­be­er­trag aus dem Unter­neh­men, nicht um das gesam­te Ein­kom­men. 1937 lag der Ertrag noch bei etwa 2.000 RM, in den bei­den fol­gen­den Jah­ren nur noch bei der Hälf­te und 1940, dem letz­ten Jahr der Ver­an­la­gung, konn­te sogar nur noch ein nega­ti­ves Ergeb­nis von 618 RM erwirt­schaf­tet wer­den.[41]

Hin­ter die­sen Zah­len blei­ben die Ereig­nis­se ver­bor­gen, die sich in die­sen Jah­ren zutru­gen und für die bei­den Fami­li­en völ­lig neue Situa­tio­nen schu­fen.
Als Hit­ler am 30. Janu­ar die Macht über­tra­gen wur­de, ging auch Fritz Beck­hardt, wie vie­le ande­re Oppo­si­tio­nel­le und Juden, zunächst davon aus, dass er schon bald abge­wirt­schaf­tet haben wür­de. Dann kam der 1. April 1933, der Boy­kott­tag, der von den Nazis zur Abwehr der angeb­li­chen „Greu­el­pro­pa­gan­da“ des Aus­lands aus­ge­ru­fen wor­den war. Emil Neu­mann und Fritz Beck­hardt hat­ten sich dar­auf vor­be­rei­tet und Flug­blät­ter mit ihren Son­der­an­ge­bo­ten in ganz Son­nen­berg ver­teilt. In Ort schien am Mor­gen zunächst auch alles ruhig zu blei­ben. Dann erschien die SA doch noch mit dem bekann­ten Schild ‚Kauft nicht bei Juden!’ und begann Kun­den zu foto­gra­fie­ren und anzu­pö­beln. Eini­ge wag­ten es, die SA-Trup­pe zu beschimp­fen, ande­re kehr­ten um.[42] Kurt, der fünf­jäh­ri­ge Sohn von Fritz Beck­hardt, erin­ner­te sich spä­ter an die­sen Mor­gen: „Ich spiel­te im Hof, als mein Vater in einem wei­ßen Kit­tel kam und mich an der Hand nahm. ‚Komm mit!’, sag­te er und ging mit mir durch den Laden raus auf die Stra­ße. Da stan­den Män­ner in Uni­form und in Zivil. Mein Vater zeig­te mit dem Fin­ger auf sie und sag­te zu mir so laut, dass jeder rings­um es hören muss­te: ‚Schau sie dir an, Kur­tsche! Die Hose vom Judd tra­che se unn kön­ne se nit bezah­le, unn sol­che Leut rufe gesche uns zum Boy­kott.“[43]

Das Haus der Neu­manns und Beck­hardts in der frü­he­ren Son­nen­ber­ger Lang­gas­se 9–11 heu­te
Eige­ne Aufnahme

Ein Jahr spä­ter gaben Emil Neu­mann und sein Schwie­ger­sohn das seit 1829 bestehen­de Geschäft in Son­nen­berg auf.[44] Wie­so man als Päch­ter bzw. Mie­ter das orts­be­kann­te NSDAP-Mit­glied Karl Pfeif­fer wähl­te, ist nur schwer nach­zu­voll­zie­hen.[45] Viel­leicht war zuvor auch eine ent­spre­chen­de Droh­ku­lis­se auf­ge­baut wor­den, sodass Emil und Fritz gar kei­ne ande­re Mög­lich­keit sahen.[46]

Ludwig Koch
Der mit “J” gestem­pel­te Pass von Lud­wig Koch
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Das Geschäft in Wal­lert­heim war etwa zu die­sem Zeit­punkt sogar ver­kauft wor­den, aller­dings nicht pri­mär wegen anti­se­mi­ti­scher Aktio­nen, son­dern weil der Vater, der inzwi­schen fast 80 Jah­re alt war, sich die Füh­rung des Ladens nicht län­ger zumu­ten woll­te. Bereits 1932, noch vor der „Macht­er­grei­fung“, zog das Paar in das nahe Alzey, wo ihre Toch­ter Mar­tha mit Lud­wig Koch ver­hei­ra­tet war. Lud­wig Koch, eben­falls Kauf­mann, war am 16. Febru­ar 1890 in dem nahe gele­ge­nen Framers­heim als Sohn von Albert und Ber­tha Koch, gebo­re­ne Köh­ler, zur Welt gekom­men.[47] Den Laden in Wal­lert­heim hat­te ihr Sohn Fritz zunächst wei­ter­hin auf­recht erhal­ten, indem er einen Geschäfts­füh­rer, einen Wies­ba­de­ner Arbeits­lo­sen namens Bös, ein­setz­te, selbst nur hin und wie­der vor­bei­kam.[48] Als Fritz nach den Novem­ber­wah­len 1933 erken­nen muss­te, dass Hit­ler so schnell nicht von der poli­ti­schen Büh­ne ver­schwin­den wür­de, ent­schloss er sich zum Ver­kauf des tra­di­ti­ons­rei­chen Geschäfts.[49]

Anmel­dung der Fir­ma Fritz Beck­hardt in Wies­ba­den
HHStAW 685 68a (36)

Mit dem Geld aus dem Ver­kauf der bei­den Läden – wobei es im Wesent­li­chen nur um die Berech­nung der dar­in noch vor­han­de­nen Waren ging – erwarb Fritz Beck­hardt die Groß­hand­lung für Spei­se­öl, Fet­te und Web­wa­ren des in die USA emi­grier­ten Bert­hold Kahn in der Moritz­stra­ße 4. Am 9. August 1934 wur­de der Betrieb ange­mel­det und anfangs sorg­ten der fes­te Kun­den­stamm und auch das ein­ge­spiel­te Per­so­nal für gute Umsät­ze.[50] Fritz hat­te sei­nen Schwie­ger­va­ter davon über­zeugt, dass trotz der Boy­kott­ak­tio­nen sich jüdi­schen Kauf­leu­ten im Groß­han­del, wo man nicht unmit­tel­bar auf ari­sche Käu­fer ange­wie­sen war, wei­ter­hin gute Chan­cen bie­ten wür­den. Er hat­te auch bis­her mit sei­ner spe­zi­el­len Kaf­fee­mi­schung den jüdi­schen Groß­händ­ler Froh­wein in Mainz belie­fert, der sich auf kosche­re Spei­sen spe­zia­li­siert hat­te.
Der auto­ver­narr­te Fritz Beck­hardt fuhr mit sei­ner schwe­ren Limou­si­ne, die er sich bald nach der Über­nah­me des neu­en Geschäfts gekauft hat­te, damals sei­ne Kun­den an, die sich zumeist in den katho­lisch gepräg­ten Regio­nen links des Rheins befan­den. Er glaub­te, dort nicht so sehr auf juden­feind­li­che Res­sen­ti­ments zu sto­ßen, was sich in Kennt­nis der spä­te­ren Ereig­nis­se ganz sicher als Irr­tum erwei­sen soll­te. Dass aber haupt­säch­lich dort sei­ne Kun­den saßen, kann man an den Adres­sen der Brie­fe sehen, die er nach dem Erlass einer Siche­rungs­an­ord­nung davon unter­rich­ten muss­te, dass er Zah­lun­gen nur noch über das gesi­cher­te Kon­to ent­ge­gen­neh­men dür­fe. Es han­del­te sich fast aus­schließ­lich um Trie­rer Geschäfts­part­ner, zumeist Kon­di­to­rei­en.[51]

Das Haus Rüdes­hei­mer Str. 14
Foto: Rai­ner Sand

Bereits ein hal­bes Jahr vor der Geschäfts­über­nah­me, am 1. Febru­ar 1934, waren die bei­den Fami­li­en in die Innen­stadt Wies­ba­dens gezo­gen, in die Rüdes­hei­mer Str. 14, einem wun­der­schö­nen Haus, das wegen sei­ner bau­li­chen Beson­der­hei­ten inzwi­schen in die Lis­te der Wies­ba­de­ner Kul­tur­denk­mä­ler auf­ge­nom­men wur­de.[52] Das vier­stö­cki­ge Haus gehör­te dem jüdi­schen Fut­ter­mit­tel­händ­ler Josef Simon, der dort mit sei­ner Frau Pau­la und dem Sohn Wal­ter-Ernst im Erd­ge­schoss wohn­te.[53] Die Fami­lie stamm­te aus dem rhein­hes­si­schen Gen­sin­gen und es ist nicht unwahr­schein­lich, dass man sich über Geschäfts­be­zie­hun­gen schon län­ge­re Zeit kann­te. Die Fami­lie Simon konn­te im Herbst 1938 in die USA aus­wan­dern. Auch im ers­ten Stock wohn­te mit Edwin und Han­ni Hal­le, einem Sport­leh­rer, ein jüdi­sches Ehe­paar. Ihr Sohn Hugo wan­der­te im Som­mer 1934 nach Argen­ti­ni­en aus, die Eltern konn­ten ihm im Herbst fol­gen.[54]
Der zwei­te Stock wur­de nach ihrem Umzug von Emil und Hann­chen Neu­mann sowie der Fami­lie Beck­hardt belegt.
Auch auf der drit­ten Eta­ge hat­te sich eine wei­te­re jüdi­sche Fami­lie ein­ge­mie­tet, bestehend aus dem Han­dels­ge­hil­fen Max Nathan, sei­ner Frau Else und der Toch­ter Han­na Julie, die damals noch zur Schu­le ging. Auch die­se Fami­lie konn­te 1938 in die USA auswandern.

Das Haus im Rhein­gau­vier­tel war somit lan­ge bevor die Juden­häu­ser in Wies­ba­den ein­ge­rich­tet wur­den ein „jüdi­sches Haus“, das damals aber noch nicht mit Bedrü­ckung, Enge und Not asso­zi­iert war, son­dern eher mit Gebor­gen­heit unter sei­nes­glei­chen. Aller­dings wohn­ten dort auch Nicht­ju­den, etwa eine Fami­lie, deren Sohn mit den Juden­kin­dern Kurt und Hil­de nicht spie­len durf­te.[55]

Noch präch­ti­ger als die Fas­sa­de prä­sen­tier­te sich das mit vie­len Jugend­stil­ele­men­ten aus­ge­stal­te­te Trep­pen­haus, und auch die ein­zel­nen Woh­nun­gen waren bes­tens aus­ge­stat­tet. Neu­manns und Beck­hardts stand eine 150 qm gro­ße Woh­nung zur Ver­fü­gung, mit Wohn­kü­che, zwei Schlaf­zim­mern, zwei Frem­den­zim­mern, gro­ßem Kin­der­zim­mer, Salon und Her­ren­zim­mer sowie einem Flur, so breit, dass Kurt dar­in Rol­ler fah­ren konn­te. Ihre gesam­ten wert­vol­len Möbel und auch die sons­ti­ge Aus­stat­tung aus Son­ne­berg hat­ten sie in den Räu­men unter­brin­gen kön­nen.[56] Die Flucht aus dem dörf­li­chen Vor­ort schien sogar eine Ver­bes­se­rung der Lebens­si­tua­ti­on zu sein – wären da nicht die bedrü­cken­den poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen gewe­sen, die auch in der Stadt selbst immer deut­li­cher zu spü­ren waren.

Dort tob­ten inzwi­schen die Kämp­fe zwi­schen den Nazis und oppo­si­tio­nel­len Grup­pen immer hef­ti­ger. Nicht Emil Neu­mann, aber sein Schwie­ger­sohn Fritz, der zwar Distanz zum reli­giö­sen Juden­tum hielt, sich als Kriegs­held aber umso mehr im ‚Kampf­bund jüdi­scher Front­sol­da­ten’ enga­gier­te, war immer wie­der auch hand­greif­lich an sol­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen betei­ligt gewe­sen. Aus die­sem Enga­ge­ment resul­tier­te auch die Freund­schaft mit dem Rechts­an­walt und Vor­sit­zen­den des ‚KjF’ Bert­hold Gut­h­mann, dem spä­te­ren Vor­sit­zen­den der jüdi­schen Gemein­de. Die Grup­pe, die sich frü­her im Café Mald­aner traf und schon in den spä­ten 20er Jah­re immer wie­der debat­tier­te, wie man dem auf­kom­men­den Anti­se­mi­tis­mus am wirk­sams­ten ent­ge­gen­tre­ten kön­ne, umfass­te etwa 300 Mit­glie­der, durch die Kriegs­er­fah­run­gen alle kampf­erprobt, den­noch letzt­lich zu schwach, um das Ver­häng­nis auf­hal­ten zu kön­nen.[57]

Dem immer uner­träg­li­cher wer­den­den Kli­ma ent­zo­gen sich Fritz und Rosa Emma kurz nach ihrem Umzug in die Stadt mit einer lan­gen Rei­se. Geld war offen­sicht­lich, trotz Umzug und Boy­kott, noch genug vor­han­den. Im Früh­som­mer bra­chen sie zu einer sie­ben­wö­chi­gen Auto­fahrt über die Schweiz, Frank­reich und Spa­ni­en quer durch Euro­pa nach Por­tu­gal auf, um dort ihren Bru­der bzw. Schwa­ger zu besu­chen, der in die­sem Land noch immer für die Fir­ma Sie­mens beim Auf­bau des dor­ti­gen Tele­fon­net­zes tätig war. Ver­hei­ra­tet war er mit Han­si Oppen­hei­mer und seit 1933 gehör­te auch der Sohn Eric zur Fami­lie.[58] Unwahr­schein­lich, dass man damals mit Fried­rich Neu­mann schon Flucht­plä­ne erör­ter­te. Im Gegen­teil. Als die Fami­lie von Fried­rich im Novem­ber zu einem Gegen­be­such nach Wies­ba­den kam, bot ihm Fritz an, falls ihm als Jude bei Sie­mens gekün­digt wer­den wür­de, kön­ne er bei ihm ein­stei­gen. „Du glaubst doch nicht ernst­haft, dass wir jemals nach Deutsch­land zurück­keh­ren wer­den?“, lehn­te der Schwa­ger die Offer­te ab. Er zie­he es vor, unter dem Dik­ta­tor Sala­zar zu leben, der immer­hin nichts gegen Juden habe. Uner­wähnt blieb in dem Gespräch, dass Jakob Fried­rich Neu­mann sogar mit einem Minis­ter des Dik­ta­tors befreun­det war, was sich spä­ter aber noch als sehr vor­teil­haft erwei­sen soll­te.[59]

Bald hat­te sich das Ange­bot ohne­hin erle­digt, denn auch die­ses neue Geschäfts­mo­dell stieß immer mehr an die poli­tisch gesetz­ten Gren­zen. 1937 gin­gen die Umsät­ze deut­lich zurück und am 9. April 1939 mel­de­te Fritz Beck­hardt dem Finanz­amt, dass er das Gewer­be seit dem 1. des Monats ein­ge­stellt habe.[60] Die Gewin­ne waren auch in den vor­aus­ge­gan­ge­nen letz­ten Jah­ren eher beschei­den gewe­sen.[61] Der Ver­such von Emil Neu­mann, mit einem klei­nen Lebens­mit­tel­la­den im Hin­ter­hof eines Hau­ses in der Elt­vil­ler Stra­ße für wei­te­re Umsät­ze und damit für ein grö­ße­res Haus­halts­ein­kom­men zu sor­gen, schei­ter­te man­gels Nach­fra­ge schon nach drei Mona­ten.[62]
Bedrü­cken­der als die finan­zi­el­len Pro­ble­me, viel­leicht sogar als die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se war in den Jah­ren aber für Emil und Hann­chen Neu­mann und noch mehr für ihre Toch­ter Rosa Emma, dass Fritz Beck­hardt seit vie­len Jah­ren eine Bezie­hung mit der 23 Jah­re jün­ge­ren Haus­an­ge­stell­ten Lina Lahr ein­ge­gan­gen war, aus der 1934 auch ein Sohn namens Wer­ner her­vor­ging. Fritz Beck­hardt hat die Bezie­hung und auch die Vater­schaft nie geleug­net und – von den Kin­dern Kurt und Hil­de abge­se­hen – wuss­te nicht nur die Fami­lie, son­dern auch die Son­nen­ber­ger Bevöl­ke­rung Bescheid. Man sprach dar­über aller­dings zumeist nur unter vor­ge­hal­te­ner Hand. Nach dem Umzug in die Rüdes­hei­mer Stra­ße wohn­te Lina, die aus Alzey stamm­te und Beck­hardts durch den dort leben­den Schwa­ger Lud­wig Koch ver­mit­telt wor­den war, nicht mehr im Haus­halt, son­dern in Mainz. Fritz hielt aber nach einer kur­zen Unter­bre­chung wei­ter an die­ser Lie­bes­be­zie­hung fest. Die­ses außer­ehe­li­che Ver­hält­nis bedeu­te­te im Pri­va­ten für sei­ne Frau sicher unend­lich viel Leid, zumal es Pro­ble­me genug gab. Die Urlaubs­rei­se durch Euro­pa konn­te nur vor­über­ge­hend die ehe­li­che Kri­se über­de­cken. Öffent­lich hät­te die Affä­re im schlimms­ten Fall eine gesell­schaft­li­che Äch­tung zur Fol­ge gehabt, unter den gege­be­nen poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen waren damit aber auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen ver­bun­den, denn Lina war ari­schen Blu­tes.

“Der Stür­mer” aus dem Juni 1938 mit einem der typi­schen Arti­kel über “Ras­sen­schän­der”

Fritz Beck­hardt ent­sprach mit die­ser Lie­bes­be­zie­hung ganz den Hor­ror­ge­mäl­den, die Strei­chers Kampf­blatt ‚Der Stür­mer’ sei­ner trie­fen­den Leser­schaft wöchent­lich vor Augen führ­te: Der ewig gei­le Jude ver­führt oder ver­ge­wal­tigt das unschul­di­ge ari­sche Haus­mäd­chen, um nicht nur sei­ne Lust zu befrie­di­gen, son­dern damit zugleich das Blut der deut­schen Frau auf ewig zu ver­gif­ten.[63] Und seit den Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­zen gal­ten sol­che Bezie­hun­gen als „Ras­sen­schan­de“, die sogar mit dem Tode bestraft wer­den konn­te. Es war wohl eine ehe­ma­li­ge Haus­an­ge­stell­te, die die Sache – aus wel­chen Grün­den auch immer – bei der Gesta­po zur Anzei­ge gebracht hatte.

Am 28. Okto­ber 1937 wur­de Fritz Beck­hardt ver­haf­tet und zunächst in das Wies­ba­de­ner Poli­zei­ge­fäng­nis ein­ge­lie­fert. Am 14. Dezem­ber des glei­chen Jah­res ver­ur­teil­te ihn das Land­ge­richt Wies­ba­den wegen des Ver­bre­chens gegen das „Gesetz zum Schut­ze des deut­schen Blu­tes und der deut­schen Ehre“ zu einer Gefäng­nis­stra­fe von einem Jahr und neun Mona­ten, ein im Hin­blick auf das mög­li­che Straf­maß noch recht mil­de Stra­fe. Sogar das Zucht­haus war ihm erspart geblie­ben.[64] Abge­se­hen davon, dass der renom­mier­te Anwalt und Freund Dr. Gut­h­mann die Ver­tei­di­gung über­nom­men hat­te, waren dafür in ers­ter Linie der Ein­satz und die Aus­zeich­nun­gen des Ange­klag­ten im Ers­ten Welt­krieg ver­ant­wort­lich. Am 7. Janu­ar 1938 wur­de der Gefan­ge­ne in die Straf­an­stalt Frank­furt Pre­un­ges­heim über­führt. Ein Gna­den­ge­such nach Ablauf der Hälf­te der Straf­zeit, das auch an sei­nen ehe­ma­li­gen „Flie­ger­ka­me­rad“ Göring gerich­tet war, konn­te zunächst nichts bewir­ken. Der Gefäng­nis­di­rek­tor hat­te ihm zwar unta­de­li­ges Ver­hal­ten attes­tiert – er habe sich „haus­ord­nungs­ge­mäss geführt und auch zufrie­den stel­lend gear­bei­tet“ – wei­ger­te sich aber „in Anbe­tracht der Straf­tat“, das Gna­den­ge­such zu befür­wor­ten.[65] Auf­se­her hat­ten auf dem Gefan­ge­nen­bo­gen immer wie­der kur­ze Ein­schät­zun­gen hin­ter­las­sen, die sicher auch Grund­la­ge für die Ent­schei­dung des Direk­tors waren. „B. ist Jude u. denkt u. fühlt als sol­cher,“ oder „Beck­hardt, Fritz ist Ras­se­ju­de, kommt für die Stu­fe II nicht in Fra­ge. Füh­rung und Arbeit sind gut.“ Des­glei­chen: „Beck­hardt gibt sein straf­ba­res Ver­hal­ten unum­wun­den zu. Er macht aber nicht den Ein­druck eines ein­sich­ti­gen und reu­igen Men­schen, lässt auch nicht erken­nen, dass ihn die Stra­fe beson­ders drückt u. bes­sernd beein­flusst. Kommt für Stu­fe II nicht in Fra­ge.“ [66]

Ober­staats­an­walt Quam­busch ver­hin­dert eine vor­zei­ti­ge Ent­las­sung von Fritz Beck­hardt
HHStAW 409–4 312 (o​.​P.)

Das Gesuch ging auch über den Schreib­tisch des spä­ter mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz aus­ge­zeich­ne­ten, schil­lern­den Wies­ba­de­ner Ober­staats­an­walts Dr. Hans Quam­busch. Er habe „kei­ne Ver­an­las­sung gefun­den, einen Gna­dener­weis zu befür­wor­ten“, ließ er den Gefan­ge­nen wis­sen. [67] Gegen­über dem Gefäng­nis­di­rek­tor ergänz­te er nach Mei­nung Beck­hardts: „Ledig­lich unter der Vor­aus­set­zung, dass B. sich ver­pflich­ten wür­de, zu einem genau bestimm­ten Zeit­punkt aus­zu­wan­dern“, hät­te er gegen einen Gna­dener­weis nichts ein­zu­wen­den gehabt, da er die För­de­rung der Aus­wan­de­rung der Juden zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt befür­wor­te. [68]

Die­se Vor­aus­set­zung zu erfül­len, war ange­sichts der restrik­ti­ven Ein­wan­de­rungs­po­li­tik ande­rer Staa­ten schwie­rig, zumal für eine sechs­köp­fi­ge Fami­lie, Eltern und Kin­der ein­ge­schlos­sen. All das wur­de durch die ein­ge­schränk­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten – nur drei Brie­fe im Monat und ein vier­tel­stün­di­ger Besuch alle sechs Wochen – noch schwie­ri­ger, weil oben­drein auch geschäft­li­che Ange­le­gen­hei­ten immer wie­der zu klä­ren waren. Aber ganz sicher hät­te auch Fritz Beck­hardt den Nie­der­gang sei­ner Fir­ma nicht auf­hal­ten kön­nen. Die regel­mä­ßi­gen Besu­che im Gefäng­nis nahm sein Schwa­ger Lud­wig aus Alzey wahr. Rosa Emma hat­te ihn in all der Zeit nur ein ein­zi­ges Mal besucht, aber trotz allem stand sie hin­ter ihrem Mann und hoff­te auf eine gemein­sa­me Zukunft. Die Kin­der hat­ten ihren Vater seit sei­ner Inhaf­tie­rung nicht mehr gese­hen, auch wuss­ten sie nichts über die tat­säch­li­chen Hin­ter­grün­de der Haft. Dass Men­schen all­täg­lich ver­schwan­den, völ­lig grund­los, gehör­te auch schon zu ihren Alltagserfahrungen.

Alle Vor­be­rei­tun­gen zur Emi­gra­ti­on wur­den dann auch noch durch die Ereig­nis­se des Novem­ber­po­groms jäh unter­bro­chen. Die unmit­tel­ba­re Bedro­hungs­si­tua­ti­on, die Angst um Leib und Leben, war das eine, die völ­lig neue Situa­ti­on, die sich dar­aus für die Aus­rei­se­wil­li­gen ergab, das ande­re. Zwar war Neu­manns und auch den Kin­dern und Enkeln unmit­tel­bar nichts gesche­hen und sogar das Waren­la­ger des Geschäfts, das inzwi­schen in die Moritz­str. 15 ver­legt wor­den war, blieb im dor­ti­gen Hin­ter­hof unbe­hel­ligt. Kurt muss­te die städ­ti­sche Schu­le ver­las­sen und auf die jüdi­sche Schu­le in der Main­zer Stra­ße wech­seln. Alte Freun­de gin­gen auf Distanz, sodass ihm nur sei­ne neu­en Mit­schü­ler als Spiel­ka­me­ra­den blie­ben. Eine wei­te­re Ver­än­de­rung für die Fami­lie ergab sich dar­aus, dass vie­le Juden nach dem Pogrom aus ihren länd­li­chen Orten, wo die Ver­fol­gung oft noch dra­ma­ti­scher ver­lau­fen war, flo­hen und Unter­kunft in den Städ­ten such­ten. In ihrer gro­ßen Woh­nung in der Rüdes­hei­mer Stra­ße fand so eine Fami­lie Hirsch aus Hass­loch in der Pfalz ein neu­es Zuhau­se. Zunächst waren es nur Frau Hirsch und ihr Sohn Her­mann, da auch ihr Mann bis Dezem­ber in Buchen­wald inter­niert wor­den war.[69]
Schlim­mer als in Wies­ba­den waren die Fami­li­en­mit­glie­der in Alzey betrof­fen. Der 85-jäh­ri­ge Abra­ham Beck­hardt, der sich den Ein­dring­lin­gen ent­ge­gen­ge­stellt hat­te, war nie­der­ge­schla­gen wor­den und durch einen umstür­zen­den Klei­der­schrank schwer ver­letzt wor­den. Ihre Woh­nung in der Anto­ni­us­str. 60 wur­de von der SA und dem sie beglei­ten­den Mob von Zivi­lis­ten völ­lig demo­liert. Glei­ches geschah im Hin­ter­haus, wo Lud­wig und Mar­tha Koch ihre Woh­nung hat­ten. Lud­wig gehör­te zu den­je­ni­gen, die auf der Grund­la­ge vor­be­rei­te­ter Lis­ten zunächst ver­haf­tet und dann in einem Sam­mel­trans­port von Worms aus in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald ver­bracht wur­den.[70] Am 13. Dezem­ber 1938 wur­de er schwer gezeich­net wie­der ent­las­sen.[71] Sein Schwie­ger­va­ter, der Vater von Fritz und Mar­tha, ver­starb am 3. März 1939 an den Fol­gen der bei dem Pogrom erlit­te­nen Ver­let­zun­gen. Ein Jahr spä­ter starb auch Fran­zis­ka Beck­hardt. Sie hat­te, so ihr Urgroß­enkel, nach dem Tod ihres Man­nes das Haus zehn Mona­te nicht mehr ver­las­sen und zuletzt auch die Nah­rungs­auf­nah­me ver­wei­gert. 84 Jah­re alt war sie gewor­den, und sie muss sich sicher gewe­sen sein, dass in den Jah­ren, die ihr noch blie­ben, sich nichts mehr zum Guten wen­den wür­de. Hat­ten bei der Beer­di­gung ihres Man­nes noch sechs Ange­hö­ri­ge am Grab gestan­den, so waren bei ihr nur noch die Toch­ter Mar­tha und deren Ehe­mann Lud­wig Koch zuge­gen.[72]

Zwei­ein­halb Jah­re spä­ter soll­te auch das Leben von Lud­wig und Mar­tha Koch zu Ende gehen. Ein Grab auf einem Fried­hof war ihnen aber nicht mehr ver­gönnt. Wo ihre Asche ver­streut wur­de, weiß man nicht. Im Früh­jahr 1942 begann die Gesta­po, den Mord an den Juden, die der Bezirks­stel­le der Reichs­ver­ei­ni­gung Mainz zuge­ord­net waren, zu orga­ni­sie­ren.[73] Zu die­ser Zeit leb­ten im Kreis Alzey noch 69 Jüdin­nen und Juden, davon 41 in der Kreis­stadt selbst, dar­un­ter auch das Ehe­paar Koch. Am 25. März 1942 fand dann die ers­te gro­ße Depor­ta­ti­on aus Rhein­hes­sen statt. Ein Zug mit etwa 1000 Per­so­nen aus dem Volks­staat Hes­sen ver­ließ an die­sem Tag den Main­zer Bahn­hof mit dem Ziel Pia­ski bei Lub­lin.[74] Lud­wig und Mar­tha Koch hat­te man noch ein hal­bes Jahr Auf­schub gewährt. Im Sep­tem­ber wur­de der nächs­te Trans­port nach dem glei­chen Mus­ter orga­ni­siert. Die Lis­ten der zu Depor­tie­ren­den hat­ten die Ver­tre­ter der Reichs­ver­ei­ni­gung nach den Vor­ga­ben der Gesta­po selbst anzu­le­gen. Das übli­che Merk­blatt zu dem, was mit­ge­nom­men wer­den durf­te und was zurück­zu­las­sen war, war zuvor aus­ge­ge­ben worden.

ludwig Koch Theresienstadt
Lud­wig Koch wird am 29.1.1943 mit sei­ner Frau aus The­re­si­en­stadt nach Ausch­witz depor­tiert
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Die noch in Alzey leben­den 37 Juden wur­den zunächst nach Mainz in die zen­tra­le Sam­mel­stel­le, die am Bahn­hof gele­ge­ne Goe­the­schu­le, ver­bracht. Am 27. Sep­tem­ber nahm der Zug mit dies­mal fast 1300 zumeist alten, zum Teil auch gebrech­li­chen Jüdin­nen und Juden sei­ne Fahrt über Darm­stadt nach The­re­si­en­stadt auf, das am fol­gen­den Tag erreicht wur­de.[75] Lud­wig und Mar­tha Koch über­leb­ten das angeb­li­che Vor­zei­ge­ghet­to trotz des schreck­li­chen Hun­gers und der gras­sie­ren­den Seu­chen meh­re­re Mona­te. Des­halb muss­te man sie am 29. Janu­ar 1943, dem 51. Geburts­tag von Mar­tha, mit einem wei­te­ren Trans­port, er hat­te die Ken­nung ‚Ct’, in die Todes­fa­brik Ausch­witz brin­gen. Wann sie dort ermor­det wur­den, ist nicht bekannt, aber ver­mut­lich geschah das bald nach der Ankunft.[76]

Trotz vie­ler Hin­der­nis­se war es der Wies­ba­de­ner Fami­lie Beck­hardt inzwi­schen gelun­gen, aus Deutsch­land her­aus­zu­kom­men. Die ers­ten, die in Sicher­heit gebracht wur­den, waren die bei­den Kin­der Kurt und Hil­de. Unmit­tel­bar nach den Novem­ber­er­eig­nis­sen war in Lon­don der Beschluss gefasst wor­den, meh­re­re Tau­send jüdi­sche Kin­der aus Deutsch­land her­aus­zu­ho­len, eine Nach­richt, die über ver­schie­de­ne Kanä­le ver­brei­tet wur­de und auch Rosa Emma Beck­hardt erreich­te. Der ers­te Zug konn­te schon am 1. Dezem­ber 1938 Ber­lin mit mehr als 200 Kin­dern Rich­tung Lon­don ver­las­sen, und ein Vier­tel­jahr spä­ter mel­de­te die Mut­ter nach vie­len quä­len­den Über­le­gun­gen zunächst nur den älte­ren Kurt für einen der nächs­ten Trans­por­te an. Am 13. Juni 1939 kam für ihn der Tag des Abschieds. Von der jüdi­schen Schu­le hat­te er sein Abgangs­zeug­nis bereits eine Woche zuvor erhal­ten, jetzt stand die Tren­nung von der Fami­lie an. Die Ambi­va­lenz die­ses Moments ist zig­fach beschrie­ben wor­den. Durf­te man sein Kind in die­ser aus den Fugen gera­te­nen Welt allei­ne las­sen? Wür­de man sich über­haupt ein­mal wie­der­se­hen, und wenn, wie kaputt wür­de die­se Bezie­hung sein, wie viel Ver­trau­en wür­de ver­lo­ren sein? Zumeist war das zumin­dest im Augen­blick für die Eltern belas­ten­der als für die Kin­der, die, je nach Alter, die Aus­rei­se zunächst eher als gro­ßes Aben­teu­er erleb­ten.[77]
Drei Wochen spä­ter bestieg auch die neun­jäh­ri­ge Hil­de den Zug in die Frei­heit. Ein Mäd­chen hat­te es in Eng­land leich­ter und Hil­de wur­de von einer Wit­we auf­ge­nom­men, die mit ihrer Toch­ter in einem Städt­chen in der süd­west­lichs­ten Ecke Eng­lands leb­te. Sehr schnell lern­te sie Eng­lisch, konn­te ihre schu­li­sche Kar­rie­re bruch­los fort­set­zen und genoss die lie­be­vol­le Zuwen­dung, die sie durch ihre Pfle­ge­mut­ter erfuhr. Für Jungs, so auch für Kurt, war die Situa­ti­on im Exil­land ungleich schwie­ri­ger. Er ver­brach­te die Zeit in ver­schie­de­nen Hei­men und muss­te dann nach dem Ende der Pflicht­schul­zeit als Vier­zehn­jäh­ri­ger in der Kriegs­pro­duk­ti­on arbei­ten. Die­se Jah­re in der Arbeits­welt und auch das Zusam­men­sein mit Sei­nes­glei­chen haben ihn grund­le­gend geprägt, auch poli­tisch, inso­fern er sich immer stär­ker nach links orientierte.

Hil­de, die inzwi­schen den Vor­na­men Sue ange­nom­men hat­te, mit 25 Jah­ren
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Im Som­mer 1941 tra­fen die bei­den Geschwis­ter erst­mals wie­der zusam­men. Hil­de hat­te inzwi­schen mit Charles und Dor­e­thea Sin­ger neue Pfle­ge­el­tern gefun­den, die ihr noch weit mehr bie­ten konn­ten, als die Wit­we zuvor. Bei­de ent­stamm­ten „altem jüdi­schen Hoch­adel“, wie Lorenz Beck­hardt sich aus­drück­te,[78] und Hil­de wohn­te in einem von einem gro­ßen Park umge­be­nen Schloss an der wun­der­schö­nen Küs­te von Corn­wall. Eine gro­ße Die­ner­schaft samt Gärt­ner und Chauf­feur war all­zeit zu Diens­ten, und auch Kurt wur­de bei sei­nem Besuch in einer schwe­ren Limou­si­ne vom Bahn­hof abge­holt. Einer der Gäs­te, die damals zur glei­chen Zeit das gro­ße Haus bevöl­ker­ten, war Aldous Huxly, der berühm­te Autor von ‚Bra­ve New World’. Es muss trotz aller Freu­de sicher ein eigen­ar­ti­ges Zusam­men­tref­fen der Geschwis­ter gewe­sen sein – unbe­greif­lich, wel­che unter­schied­li­chen Wege das Schick­sal für sie bereit­ge­hal­ten hatte.

Als die Kin­der Deutsch­land ver­lie­ßen, war Fritz Beck­hardt noch immer in den Fän­gen der Nazi-Jus­tiz. Sei­ne Frau hat­te die Ent­schei­dun­gen im Wesent­li­chen allei­ne tref­fen müs­sen. Im Juli 1939 wäre die ver­häng­te Haft­stra­fe ihres Ehe­manns eigent­lich abge­lau­fen, aber der Gefäng­nis­di­rek­tor von Pre­un­ges­heim beschei­nig­te ihm sei­ne staats­feind­li­che Gesin­nung, und erneut war es der Wies­ba­de­ner Ober­staats­an­walt, der mit der bekann­ten For­mel – „Ich habe kei­ne Ver­an­las­sung gefun­den, einen Gna­dener­weis zu befür­wor­ten“ – die­se Ein­schät­zung teil­te. Das Schrei­ben stamm­te zwar nicht von ihm per­sön­lich, son­dern von dem Ers­ten Staats­an­walt Cae­sar, aller­dings in Ver­tre­tung von Quam­busch und sicher nicht ohne des­sen Zustim­mung.[79] Die Gesta­po ord­ne­te dar­auf­hin am 29. Juli „Schutz­haft“ an, wor­auf­hin Fritz Beck­hardt am 6. Okto­ber 1939 als „Ras­se­schän­der“ in das KZ Buchen­wald ein­ge­lie­fert wur­de.[80]

Wei­ter­hin muss­te sei­ne Frau die Aus­wan­de­rung allei­ne orga­ni­sie­ren. Dies war seit der Pogrom­nacht allei­ne schon des­halb schwie­ri­ger gewor­den, weil der NS-Staat zunächst ein­mal bei der jüdi­schen Bevöl­ke­rung mit der soge­nann­ten „Süh­ne­leis­tung“ abkas­sie­ren woll­te. 20, nach einem Jahr sogar ins­ge­samt 25 Pro­zent des vor­han­de­nen Ver­mö­gens soll­ten an den Fis­kus zur Behe­bung der in den Pogrom­ta­gen durch den Nazi-Mob ange­rich­te­ten Schä­den über­tra­gen wer­den.
Beck­hardts hat­ten ins­ge­samt einen Betrag von 7.500 RM auf­zu­brin­gen.[81] Emil Neu­mann zunächst nur 4.000 RM [82] — Geld, das nur durch die Ver­äu­ße­rung von Ver­mö­gens­wer­ten auf­zu­brin­gen war. Zur Finan­zie­rung der ers­ten Rate wur­de schon im Dezem­ber 1938 das von Fritz so gelieb­te Auto ver­kauft. Im Janu­ar des fol­gen­den Jah­res besuch­te Lud­wig Koch, der inzwi­schen aus Buchen­wald zurück­ge­kehrt war, sei­nen Schwa­ger im Gefäng­nis, um mit ihm die Auf­ga­be des Geschäfts in der Moritz­stra­ße zu bespre­chen.[83] Wei­ter­hin waren sie gezwun­gen, eine Hypo­thek auf das Haus in Son­nen­berg über 7.500 RM zuguns­ten des Deut­schen Rei­ches auf­zu­neh­men, um die „Juden­schuld“ zu finan­zie­ren. Zwar wur­de das Geschäft in der Son­nen­ber­ger Lang­gas­se inzwi­schen von dem Nazi Pfeif­fer geführt, das Haus war aber wei­ter­hin Teil des Ver­mö­gens und auch die ehe­ma­li­ge OHG exis­tier­te als Tor­so noch wei­ter. Aus der Bilanz von 1938 geht her­vor, dass zumin­dest Tei­le der Ein­rich­tung noch mit einem Wert von 200 RM bemes­sen waren. Den größ­ten Pos­ten der Akti­va mach­ten aller­dings Außen­stän­de von mehr als 2.500 RM aus, wovon mehr als 2.000 RM der neue Inha­ber Pfeif­fer für die Waren­über­nah­me schul­dig geblie­ben war.[84]

Da das Ver­mö­gen von Emil und Hann­chen Neu­mann mit etwas mehr als 13.500 RM deut­lich über dem von den Nazis gesetz­ten Limit von 5.000 RM lag, war der Ver­such des Steu­er­be­ra­ters, die Ver­pflich­tung zur Zah­lung der fünf­ten Rate abzu­wen­den, von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt.[85]

Nach­dem zunächst ein­mal mit­hil­fe der Süh­ne­leis­tun­gen ein gro­ßer Teil der jüdi­schen Ver­mö­gen vom NS-Staat abge­schöpft wor­den war, ging es ihm anschlie­ßend dar­um, auch die geblie­be­nen Res­te zu sichern, d. h., zu ver­hin­dern, dass Aus­rei­se­wil­li­ge ihr Ver­mö­gen ein­fach mit ins Aus­land neh­men wür­den. Die ent­spre­chen­den Siche­rungs­an­ord­nun­gen, die den frei­en Zugriff auf die eige­nen Kon­ten ver­hin­der­ten, waren immer ver­bun­den mit der Ver­pflich­tung, eine aktu­el­le Ver­mö­gens­er­klä­rung abzu­ge­ben.
Emil Neu­mann erhielt sei­ne Siche­rungs­an­ord­nung am 19. Juli 1940.[86] Er gab in die­sem Zusam­men­hang an, noch ein Ver­mö­gen von etwa 14.000 RM zu besit­zen, 8.000 RM in Form von Wert­pa­pie­ren und 5.100 RM betrug der Wert sei­nes Grund­be­sit­zes, das Haus in Son­nen­berg. Sein jähr­li­ches Ein­kom­men, ver­mut­lich Mie­te und Zins­er­trä­ge, bezif­fer­te er auf 500 bis 600 RM im Jahr. Für sei­nen Lebens­un­ter­halt, so gab er an, benö­ti­ge er monat­lich 295 RM.[87] Genau die­se Sum­me wur­de ihm als monat­li­cher Frei­be­trag zuge­stan­den.[88]

Für Fritz und Rosa Emma Beck­hardt war bereits im Febru­ar eine sol­che Siche­rungs­an­ord­nung, geführt unter dem Akten­zei­chen JS 1588, ergan­gen.[89] Das in ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung ange­ge­be­ne Ver­mö­gen betrug rund 21.300 RM, 5.300 in Form von Wert­pa­pie­ren, 1.000 RM Außen­stän­de und rund 15.000 RM an Grund­ver­mö­gen. Bewer­tet war damit das Haus in der Lang­gas­se 11, das 1935 noch mit einem Ein­heits­wert von 18.500 ver­an­schlagt wor­den war.[90] Da aber die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be noch nicht gezahlt war, son­dern nur als Grund­schuld auf das Haus ein­ge­tra­gen war, redu­zier­te sich das tat­säch­li­che Ver­mö­gen der Beck­hardts im Früh­jahr 1940 auf etwa 12.000 RM. Da zu die­ser Zeit Fritz noch im KZ inhaf­tiert war, setz­te sei­ne Frau ihren monat­li­chen Bedarf mit nur 217 RM an.[91] Bewil­ligt wur­den ihr sogar 250 RM. Nach­dem Fritz aus Buchen­wald nach Hau­se gekom­men war, bat er um eine Erhö­hung, und tat­säch­lich wur­de der Betrag am 1. April 1940 sogar auf 400 RM her­auf­ge­setzt.[92]

Fritz war am 16. März 1940 tat­säch­lich frei­ge­kom­men, nach­dem er bereits drei Wochen zuvor wegen sei­ner Ver­diens­te im Ers­ten Welt­krieg aus der Straf­kom­pa­nie ent­las­sen wor­den war. Angeb­lich hat­te sich der Kon­su­lent Bert­hold Gut­h­mann für sei­nen Kli­en­ten, Freund und ‚RjF’​-Kame​ra​den bei Göring per­sön­lich ein­ge­setzt. Auch sei durch sei­ne Ver­mitt­lung den Beck­hardts ein Visum für die USA erteilt wor­den.[93] Ob die Erin­ne­run­gen und die Kennt­nis­se von Char­lot­te Opfer­mann als gesi­chert ange­se­hen wer­den kön­nen, sei dahin­ge­stellt. Lorenz Beck­hardt gibt an, sei­ne Groß­mutter habe noch zu den Zei­ten der Inhaf­tie­rung von Fritz den libe­ria­ni­schen Gene­ral­kon­sul in Bre­men auf­ge­sucht und von dem finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen zuge­ta­nen Kon­sul zwei Visa für Libe­ria erhal­ten, ein ihr bis dahin völ­lig unbe­kann­tes Land. Viel­leicht war die­ser Kon­takt tat­säch­lich durch Malz­ben­der zustan­de gekom­men.[94] Ent­schei­dend für die NS-Behör­den war nur, dass man ein Ziel­land mit ent­spre­chen­dem Visum nach­wei­sen konn­te. Ob man dort letzt­lich tat­säch­lich hin­woll­te, war gleich­gül­tig. Fritz favo­ri­sier­te, wie nahe­zu alle Juden, statt­des­sen die USA, und der Schwa­ger in Lis­sa­bon hat­te auch not­wen­di­ge Zah­lun­gen, wie das Lan­de­geld, bereits geleis­tet.[95] Aber mit dem Beginn des West­feld­zugs im Mai 1940 wur­de die­ser Weg in die Frei­heit immer undurch­dring­li­cher. Noch schwie­ri­ger war es jetzt, nach Eng­land zu den Kin­dern zu gelan­gen. Das wür­de nur über Umwe­ge mög­lich sein.

Die bes­ten Kon­tak­te gab es über Jakob Fried­rich Neu­mann natür­lich nach Por­tu­gal, und dort­hin hat­te Rosa Emma auch schon die Füh­ler aus­ge­streckt, seit­dem fest­stand, dass man Deutsch­land ver­las­sen wol­le.[96] Inzwi­schen hat­te aber auch Por­tu­gal die Gren­zen dicht­ge­macht. Bei Eltern, deren Kin­der schon vor 1938 in dem Land ansäs­sig gewor­den waren, wur­de aller­dings noch eine Aus­nah­me gemacht. Das traf auch auf Emil und Hann­chen Neu­mann zu. Im Febru­ar 1939 teil­ten sie dem Finanz­amt Wies­ba­den ihre Aus­wan­de­rungs­ab­sicht „inner­halb der nächs­ten 6 Mona­te“ mit. Dafür wür­den sie etwa 5.000 RM benö­ti­gen.[97] Am 16. August bestä­tig­te die Behör­de, dass sämt­li­che Steu­ern gezahlt sei­en, der Antrag­stel­ler sei als „steu­er­lich zuver­läs­sig zu betrach­ten“ und „Nach­tei­li­ges (über ihn sei) nicht bekannt“ [98] – eine bei Juden kei­nes­wegs gän­gi­ge Bewer­tung, auch nicht bei sol­chen, die ihre Steu­ern immer bezahlt hat­ten. Ihr Ver­mö­gen betrug im Mai 1939 nach eige­nen Anga­ben 17.355 RM und von der Reichs­flucht­steu­er soll­ten sie sogar befreit sein.[99] Noch im August erhiel­ten sie die für die Aus­stel­lung der Rei­se­päs­se not­wen­di­ge steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung.[100]

Steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für die Aus­stel­lung eines Rei­se­pas­ses für Emil und Hann­chen Neu­mann
HHStAW 685 613 (73)

Wie­so die bei­den den­noch in Wies­ba­den zurück­blie­ben, ist nicht wirk­lich nach­voll­zieh­bar. Lorenz Beck­hardts Ver­mu­tung, dass es ihnen an Geld man­gel­te, nach­dem sie zur Zah­lung der 5. Rate der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be gezwun­gen wur­den, ist ange­sichts des Ver­mö­gens von etwa 15.000 RM nicht über­zeu­gend. Sicher war ein beträcht­li­cher Teil nicht so ohne Wei­te­res flüs­sig zu machen, aber ganz sicher hät­ten auch Fritz und Rosa Emma und noch leich­ter auch der in Lis­sa­bon leben­de Sohn ihnen unter die Arme grei­fen kön­nen. Devi­sen ins Land zu brin­gen, war nicht ver­bo­ten, viel­mehr hoch­will­kom­men. Viel­leicht hat­ten die bei­den alten Men­schen – 1940 war Emil Neu­mann 73 und Hann­chen 70 Jah­re alt gewor­den – zuletzt noch Angst vor der eige­nen Cou­ra­ge bekom­men und sich ein Leben in der Frem­de doch nicht mehr vor­stel­len kön­nen. Zwar wur­den die Ein­schrän­kun­gen im All­tag immer dras­ti­scher und im Nach­bar­haus Rüdes­hei­mer Str. 16 war inzwi­schen ein Juden­haus ein­ge­rich­tet wor­den, aber die Trans­por­te in den Osten roll­ten noch nicht.

Bit­te von Fritz Beck­hardt um Geneh­mi­gung der Umzugs­lis­ten durch die Devi­sen­stel­le. Auf­ge­führt sind auch alle Orden, die er im Ers­ten Welt­krieg erhal­ten hat­te
HHStAW 519/​3 32571 (1)

Am 10. Dezem­ber 1940 roll­te statt­des­sen für Fritz und Rosa Emma ein Zug quer durch Euro­pa Rich­tung Lis­sa­bon. Nach­dem das ers­te Visum für Libe­ria ver­fal­len war, hat­te Rosa Emma erneut das libe­ria­ni­sche Kon­su­lat auf­ge­sucht und ein wei­te­res „gekauft“. Mit die­sem angeb­li­chen Ziel in Afri­ka, das auch in den Aus­rei­se­un­ter­la­gen genannt ist,[101] tra­ten sie nun von Ber­lin aus in einem ver­plomb­ten Zug die vier­tä­gi­ge Fahrt nach Por­tu­gal an, die die Reichs­ver­ei­ni­gung noch hat­te orga­ni­sie­ren kön­nen. Auch dem Ehe­paar Beck­hardt war die steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung aus­ge­stellt wor­den und auch die Umzugs­kis­ten, deren Inhalt am 18. Novem­ber mit einer 16-sei­ti­gen Auf­lis­tung dem Zoll vor­ab zur Kon­trol­le vor­ge­zeigt wer­den muss­te, waren geneh­migt wor­den. Noch ein­mal hat­te Fritz im Begleit­schrei­ben auf sei­ne Kriegs­aus­zeich­nun­gen, die er eben­falls genau auf­lis­te­te, hin­ge­wie­sen.[102] Die Aus­fuhr wur­de geneh­migt, nach­dem die gefor­der­te Zah­lung der soge­nann­ten DEGO-Abga­be für neu­wer­ti­ge Güter in Höhe von 250 RM über­wie­sen wor­den war.[103] Eine Reichs­flucht­steu­er wur­de auch von ihnen, die zum Zeit­punkt der Aus­rei­se ein Gesamt­ver­mö­gen von 11.500 RM besa­ßen, nicht ver­langt.[104]

Die Fahrt ver­lief – wie zu erwar­ten – nicht wie geplant. Nach­dem sie über Paris und Spa­ni­en die por­tu­gie­si­sche Gren­ze erreicht hat­ten, wur­de ihnen mit­ge­teilt, dass eine Wei­ter­rei­se nach Libe­ria infol­ge des Krie­ges nicht mehr mög­lich sei, sie des­halb nach vie­len Stun­den War­te­zeit zurück nach Frank­reich müss­ten. Ihr Spa­ni­en-Visum war ein rei­nes Durch­rei­se­vi­sum, das einen Auf­ent­halt in dem Land nicht erlaub­te. In einem klei­nen Pyre­nä­en­ort war­te­ten sie unter größ­ten Ängs­ten, von der Vichy-Poli­zei doch noch den deut­schen Behör­den aus­ge­lie­fert zu wer­den, auf ein neu­es Visum. Ihr altes war inzwi­schen ver­fal­len und auch das Schiff, mit dem sie eigent­lich in die USA fah­ren woll­ten – Libe­ria war wohl nie ernst­haft in Erwä­gung gezo­gen wor­den –, hat­te den Hafen von Lis­sa­bon längst ver­las­sen. Rosa Emmas Bru­der Jakob Fried­rich ließ sei­ne Bezie­hun­gen spie­len und erreich­te es tat­säch­lich, dass sie, aus­ge­stat­tet mit neu­en Visa für die Durch­rei­se durch Spa­ni­en und die Ein­rei­se samt Auf­ent­halts­recht in Por­tu­gal, nach etwa einem Monat am 16. Janu­ar 1941 wie­der einen Zug bestei­gen konn­ten, der sie dann end­gül­tig nach Lis­sa­bon brach­te.[105] Dort konn­ten sie bei dem Bru­der bzw. Schwa­ger unter­kom­men, der zwar als Jude sei­ne Stel­lung bei Sie­mens inzwi­schen ver­lo­ren hat­te, dafür aber mit Erfolg ein eige­nes Elek­tro­fach­ge­schäft eröff­net hat­te. Zudem nahm er eine füh­ren­de Rol­le bei einer zio­nis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on ein, die sich um die in Por­tu­gal in immer grö­ße­rer Zahl gestran­de­ten Flücht­lin­ge kümmerte.

 

In Wies­ba­den gab es nie­man­den mehr, der sich um die zurück­ge­blie­be­nen Eltern küm­mer­te. Die Umar­mun­gen beim Abschied waren anders als bei den Kin­dern. Da heg­te man noch die Hoff­nung, sich viel­leicht sogar bald wie­der­zu­se­hen. Die­se Hoff­nung gab es jetzt nicht mehr. Es war ein Abschied für immer. Des­sen wer­den sich alle bewusst gewe­sen sein.

Das Ehe­paar Hirsch war schon am 26. April 1940 wie­der aus der Rüdes­hei­mer Str. 14 aus­ge­zo­gen,[106] ob es neue jüdi­sche Nach­mie­ter in der gro­ßen Woh­nung gab, ist nicht bekannt. Fritz und Rosa Emma Beck­hardt hat­ten nur Klei­dung und ihren Haus­rat mit­neh­men kön­nen, bzw. der Lift mit die­sen Gegen­stän­den war zunächst beschlag­nahmt und erst spä­ter frei­ge­ge­ben und nach Por­tu­gal ver­schifft wor­den. Ihre Möbel hat­ten sie in der Obhut der Eltern zurück­las­sen müs­sen, wo sie spä­ter von der Gesta­po beschlag­nahmt wur­den.[107] Ver­mut­lich geschah das, als das Ehe­paar Neu­mann sei­ne Woh­nung selbst ver­las­sen muss­te und in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 ein­zog. Ob es eine expli­zi­te Auf­for­de­rung sei­tens des Woh­nungs­amts gab oder ob allein die Miet­kos­ten für die gro­ße Woh­nung die­sen Zwang aus­üb­ten, ist nicht bekannt. Der Umzug erfolg­te laut Ein­trag auf der Gestapo­kar­tei­kar­te am 1. Juni 1941, somit etwa ein hal­bes Jahr, nach­dem die Kin­der das Haus ver­las­sen hat­ten. In der Woh­nung des Arzt­ehe­paars Gold­schmidt konn­ten sie zwei Zim­mer bewoh­nen,[108] sodass sie ver­mut­lich wenigs­tens einen klei­nen Teil der Möbel hat­ten mit­neh­men kön­nen.
Als finan­zi­el­le Hil­fe hat­te ihnen Fritz die noch offe­nen Außen­stän­de aus der alten Fir­ma über­tra­gen las­sen. Ob aber von die­sen Gel­dern – es han­del­te sich um rund 660 RM – noch irgend­et­was in die Hän­de des Paa­res gelang­te, ist eher unwahr­schein­lich.[109] Sie hät­ten es drin­gend gebraucht. Im Som­mer 1940 hat­te Emil Neu­mann ange­ge­ben, über ein Jah­res­ein­kom­men von etwa 500 RM ver­fü­gen zu kön­nen, nicht ein­mal 50 RM im Monat. Davon war sicher ein Teil Miet­ein­nah­men, die ihnen von dem Nazi­mie­ter in Son­nen­berg zustan­den – gezahlt hat­te der aber bes­ten­falls nach Gut­dün­ken.
Nach dem Krieg berich­te­te ein ehe­ma­li­ger nicht­jü­di­scher Mit­bür­ger aus Son­nen­berg, Adolf Kunz, der unter erheb­li­chen Gefah­ren für sich selbst das Ehe­paar mehr­mals in dem Juden­haus besuch­te, dass die bei­den schreck­lich unter Hun­ger gelit­ten hät­ten: „Vol­ler Scham berich­te­te er, wie die bei­den Alten am Tisch saßen, auf dem ein ver­schim­mel­ter Blu­men­kohl lag. Adolf brach­te ihnen fri­sches Gemü­se: ‚Die alde Leud­scher had­de so’n Hun­ger,’“ zitiert Lorenz Beck­hardt die­sen muti­gen Mann, der auch spä­ter nach der Rück­kehr der „Juden“ in ihren Hei­mat­ort, anders als die meis­ten Son­nen­ber­ger, den Kon­takt zu Beck­hardts wie­der such­te.[110]

Abge­se­hen von die­sem klei­nen Ein­blick in den trau­ri­gen All­tag im Juden­haus gibt es fast kei­ne Infor­ma­tio­nen über die Mona­te bis zur Depor­ta­ti­on des Ehe­paars. Lorenz Beck­hardt berich­tet von „stän­di­gen Haus­durch­su­chun­gen“, die in den Juden­häu­sern statt­fan­den, berich­tet von Schi­ka­nen, Beschimp­fun­gen und Prü­geln. Das gab es ganz sicher in vie­len Ghet­to­häu­sern, aber eine kon­kre­te Quel­le dafür, dass  sol­che Aktio­nen auch im Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 statt­fan­den, nennt er nicht. Bei einem die­ser Über­fäl­le sol­len die Urkun­den zu den Ordens­ver­lei­hun­gen von Fritz aus dem Ers­ten Welt­krieg kon­fis­ziert wor­den sein. Er soll die­se als Beweis für die Vater­land­s­treue der Fami­lie bei sei­ner Flucht aus Deutsch­land bewusst zurück­ge­las­sen haben. Woher die­se Infor­ma­ti­on stammt, bleibt eben­falls offen.

Zum letz­ten Mal teilt Emil Neu­mann der Devi­sen­stel­le sei­ne monat­li­chen Lebens­hal­tungs­kos­ten mit.
HHStAW 519/​3 5918 (30).

Im Juni 1942 war das Ehe­paar Neu­mann noch ein­mal von der Devi­sen­stel­le auf­ge­for­dert wor­den, ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten dar­zu­le­gen, damit der Frei­be­trag neu berech­net wer­den kön­ne. Emil Neu­mann gab an, 220 RM monat­lich zu benö­ti­gen. Mit sei­ner sehr schö­nen und kla­ren Unter­schrift ver­si­cher­te er die Rich­tig­keit der gemach­ten Anga­ben. Der Betrag wur­de für die weni­gen noch ver­blei­ben­den Mona­te gewährt[111] Ob ihm über­haupt noch so viel Geld auf sei­nem gesi­cher­ten Kon­to zur Ver­fü­gung stand, ist nicht sicher. Das letz­te Schrei­ben in sei­ner Devi­sen­ak­te ist an die Dresd­ner Bank gerich­tet. In die­sem wird ihr mit­ge­teilt, dass Emil und Johan­na Neu­mann „nach dem Osten eva­ku­iert“ wor­den sei­en und das Kon­to beschlag­nahmt sei. Buchun­gen ohne Zustim­mun­gen der Finanz­be­hör­den sei­en nicht erlaubt.[112]

Etwa eine Woche vor ihrer Depor­ta­ti­on waren auch Emil und Hann­chen Neu­mann von der ‚Bezirks­stel­le der Juden in Hes­sen-Nas­sau’ – wie es aus­drück­lich hieß: „auf behörd­li­che Anord­nung“ – davon unter­rich­tet wor­den, dass sie sich am Sams­tag, dem 29. August, dem Schab­bat, am Vor­mit­tag bis 13 Uhr in der Fried­rich­stra­ße im Gebäu­de­kom­plex der ortho­do­xen Syn­ago­ge, ein­zu­fin­den hät­ten, weil auch sie am 1. Sep­tem­ber „zur Gemein­schafts­un­ter­brin­gung außer­halb des Alt­reichs“ bestimmt sei­en. Gemeint war The­re­si­en­stadt. Genaue Anwei­sun­gen über Ver­hal­ten, mit­zu­neh­men­des Gepäck und finan­zi­el­le Ange­le­gen­hei­ten waren in einem Bei­blatt bei­gefügt.
Zusam­men mit den Mit­be­woh­nern, dem Ehe­paar Rose­nau und Cla­ra Mer­ten, gehör­ten Neu­manns zu den ins­ge­samt 365 zumeist älte­ren Jüdin­nen und Juden, die sich am letz­ten August­wo­chen­en­de in der Sam­mel­stel­le zusam­men­fan­den und die ernied­ri­gen­de Regis­trie­rungs­pro­ze­dur über sich erge­hen las­sen muss­ten. Wer noch min­des­tens 1.000 RM auf sei­nem Kon­to hat­te, wur­de zum Abschluss eines völ­lig wert­lo­sen Heimein­kaufs­ver­trags genö­tigt, der Unter­kunft und Ver­pfle­gung bis zum Lebens­en­de ver­sprach. Dass damit Stroh­sä­cke auf dem Zement­bo­den zugi­ger Bara­cken und eine dün­ne Was­ser­sup­pe gemeint waren, hat­te man den Unter­zeich­nen­den natür­lich vor­ent­hal­ten. Die meis­ten wer­den nach den Erfah­run­gen der letz­ten Jah­re geahnt haben, dass die Ver­trä­ge nur ihrer Aus­plün­de­rung dien­ten. Dass das Geld direkt auf einem Kon­to der SS lan­de­te, die sich damit ihren Beu­te­an­teil auf Kos­ten des Reichs­fis­kus sicher­te, ahn­te aber wohl kei­ner. Den Juden trat der NS-Staat als eine fest ver­schwo­re­ne Mör­der­ban­de gegen­über. Auch Neu­manns haben ver­mut­lich durch einen sol­chen Ver­trag ihre letz­te Habe ihren Mör­dern zwangs­wei­se „gespen­det“.[113]

Am 1. Sep­tem­ber 1942 star­te­te der Zug, der end­gül­tig in Frank­furt zusam­men­ge­stellt wur­de, mit ins­ge­samt 1110 Per­so­nen sei­ne Fahrt nach The­re­si­en­stadt. Nicht nur in Wies­ba­den hat­ten sich vie­le die­ser Tor­tur und noch mehr, dem, was sie „im Osten“ erwar­ten wür­de, durch die Flucht in den Tod entzogen.

Auch Hann­chen und Emil Neu­mann wur­den bald von ihrem Lei­den erlöst. Nach nur drei Wochen starb zunächst Hann­chen am 21. Sep­tem­ber 1942 laut dem Arzt, der den Toten­schein aus­füll­te, an einem aku­ten Darm­ka­tarrh.[114] Nicht viel mehr als eine Woche über­leb­te sie ihr Mann. Für ihn war The­re­si­en­stadt aber noch nicht die letz­te Sta­ti­on. Am 29. Sep­tem­ber brach­te ihn ein Zug mit etwa 2000 wei­te­ren Opfern in das Ver­nich­tungs­la­ger Treb­linka. Das völ­lig über­füll­te Lager in The­re­si­en­stadt soll­te auf Anwei­sung von Eich­mann wenigs­tens teil­wei­se geräumt wer­den. Im Herbst 1942 ver­lie­ßen 10 Trans­por­te mit ins­ge­samt 18 000 Men­schen das Alters­ghet­to mit dem Ziel Treb­linka, dem letz­ten im Rah­men der ‚Akti­on Rein­hardt’ errich­te­ten Lager, das – anders als etwa Ausch­witz — als rei­nes Ver­nich­tungs­la­ger kon­zi­piert war. Der Trans­port, in dem sich der Gefan­ge­ne Emil Neu­mann befand, war der fünf­te die­ser Serie. Zwei Tage nach­dem er The­re­si­en­stadt ver­las­sen hat­te, erreich­te der Zug mit der Bezeich­nung ‚Bs’ sein Ziel.[115] Emp­fan­gen wur­den die Insas­sen auf der Ram­pe vom ‚blau­en Kom­man­do’, einer Grup­pe von etwa 30 bis 50 Arbeits­ju­den, die die Neu­an­kömm­lin­ge mit Schlä­gen, Gebrüll und schar­fen Hun­den aus den Wag­gons zum Umschlag­platz trie­ben, wo sie, getrennt nach Geschlech­tern, sich ent­klei­den muss­ten, um anschlie­ßend durch den als Schlauch bezeich­ne­ten Gang zu den Gas­kam­mern gedrängt zu wer­den. Hier über­nah­men die deut­schen Auf­se­her, unter­stützt von zumeist ost­eu­ro­päi­schen Hilfs­kräf­ten, den soge­nann­ten Traw­ni­ki-Män­nern. Mit Knüp­peln, Eisen­stan­gen und auch wie­der mit Hun­den zwang man die Men­schen in die Kam­mern, von denen alle wuss­ten, dass dort aus den Dusch­ar­ma­tu­ren kein Was­ser, son­dern Gas strö­men wür­de.[116] Man kann sicher sein, dass der Tag der Ankunft in Treb­linka auch der Todes­tag von Emil Neu­mann war. Das wäre aber dann der 1. oder 2. Okto­ber 1942 gewe­sen, nicht aber, wie fälsch­li­cher­wei­se in der Wies­ba­de­ner Opfer­lis­te und auch auf dem Erin­ne­rungs­blatt für das Ehe­paar Neu­mann des Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se ange­ge­ben, der 29. Sep­tem­ber.[117]

Stolperstein Neumann Sonnenberg
Der Zustand der am 21. 2. 2006 in Son­nen­berg ver­leg­ten Stol­per­stei­ne für das Ehe­paar Neu­mann zeugt von der gerin­gen Wert­schät­zung, die man den ehe­ma­li­gen, ermor­de­ten jüdi­schen Mit­bür­gern dort auch heu­te noch ent­ge­gen­zu­brin­gen scheint. Der Stol­per­stein von Emil Neu­mann scheint sogar bewusst mal­trä­tiert wor­den zu sein. Auch vor dem Haus Rüdes­hei­mer Str. 14, ihrer letz­ten frei­ge­wähl­ten Woh­nung, lie­gen zwei Stol­per­stei­ne zu ihrem Geden­ken.
Eige­ne Aufnahme

Von dem Schick­sal ihrer Eltern bzw. Schwie­ger­el­tern wer­den die Flücht­lin­ge in Lis­sa­bon nichts mehr erfah­ren haben. Ein brief­li­cher Kon­takt nach Wies­ba­den bestand laut Lorenz Beck­hardt bis Mai 1941.[118] Inzwi­schen hat­ten die­se ihre Plä­ne, in die USA aus­zu­rei­sen, längst auf­ge­ge­ben. Sie setz­ten statt­des­sen alles in Gang, um zu ihren Kin­dern nach Eng­land zu gelan­gen. Beim bri­ti­schen Geheim­dienst ließ Fritz Beck­hardt ver­lau­ten, er wür­de über wich­ti­ge mili­tä­ri­sche Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen. Tat­säch­lich gin­gen die Bri­ten dar­auf ein und im März 1941 ermög­lich­ten sie ihm und sei­ner Frau die Ein­rei­se per Flug­zeug nach Eng­land.[119]

Internierung Fritz Beckhardt
Inter­nie­rungs­kar­tei­kar­te von Fritz Beck­hardt mit “release”​-Ver​merk
https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/61665​/images​/48741_b428871-00381​?pId=59259

Zwar wur­den auch sie, nach­dem Fritz eini­ge mehr oder weni­ger wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen etwa über die Struk­tur der NSDAP in Wies­ba­den preis­ge­ge­ben hat­te, als ‚ene­my ali­ens’ zunächst auf der Isle of Man inter­niert, dann aber Ende Okto­ber nach einem Prüf­ver­fah­ren der Kate­go­rie „C“ – kei­ne Gefahr für die Sicher­heit Groß­bri­tan­ni­ens – zuge­ord­net, was ihnen eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung und das Recht auf Frei­zü­gig­keit einbrachte.

Die aus­ge­wan­der­te, jüdi­sche Fami­lie Froh­wein aus Mainz, mit der Fritz Beck­hardt lan­ge in guten geschäft­li­chen Ver­bin­dun­gen gestan­den hat­te, bot ihnen in Lon­don eine Unter­kunft an, in der die Fami­lie wie­der zusam­men wür­de leben kön­nen. Wie bei vie­len Fami­li­en, die ihre Kin­der mit einem Kin­der­trans­port in Sicher­heit gebracht hat­ten, war es auch – anders als bei dem älte­ren Kurt – zwi­schen den Eltern und ihrer Toch­ter Hil­de zu einer Ent­frem­dung gekom­men. Sie woll­te die Gast­fa­mi­lie, die ihr alles bot und in der sie sich auf­ge­ho­ben fühl­te, nicht ver­las­sen. Es muss eine sehr kon­flikt­rei­che Zeit gewe­sen sein, aber zuletzt beug­te sich Hil­de dem Wunsch der Eltern. Als dann aber die Bom­ben auf Lon­don fie­len, erlaub­ten die Eltern, dass sie um ihrer Sicher­heit wil­len doch wie­der zurück nach Corn­wall konn­te.
Der 16-jäh­ri­ge Kurt hin­ge­gen blieb bei den Eltern, mel­de­te sich dann als Kadett bei der bri­ti­schen Armee, genau­er bei der Air Force, und tat dort ein­mal wöchent­lich Dienst in Vor­be­rei­tung auf einen spä­te­ren Kriegs­ein­satz. Bis er aber alt genug war, um gegen Hit­lers Armee zu kämp­fen, war der Krieg vor­über, und in einen Krieg zur Auf­recht­erhal­tung des bri­ti­schen Kolo­ni­al­rei­ches zu zie­hen, war Kurt, der noch immer staa­ten­los war und kei­ne bri­ti­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besaß, nicht bereit. Auf­grund sei­ner Inter­es­sen an Tech­nik und Inge­nieurs­kunst, aber ohne ent­spre­chen­de aka­de­mi­sche Gra­de, begann er eine beruf­li­che Lauf­bahn in einer renom­mier­ten Auto­werk­statt. Als aber nach Kriegs­en­de die Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt durch die rück­keh­ren­den Sol­da­ten immer schwie­ri­ger wur­de, stand Kurt vor der Alter­na­ti­ve, arbeits­los zu wer­den oder aber als bri­ti­scher Sol­dat doch in einen fer­nen Krieg zu zie­hen. Es gab aller­dings auch noch eine drit­te Mög­lich­keit: die Rück­kehr nach Deutsch­land.
Sein Vater, der zunächst durch sei­ne Hilfs­ar­beit in einer Metall­fa­brik für den gemein­sa­men Unter­halt sor­gen konn­te, fand spä­ter einen Job als Kaf­fee­rös­ter in sei­nem alten Métier. Trotz aller posi­ti­ver Erfah­run­gen war er in Eng­land nicht mehr hei­misch gewor­den. Als im Juni 1947 ein Auf­ruf an alle aus Deutsch­land Geflüch­te­ten erging, sie soll­ten zurück­kom­men und sich am Auf­bau des neu­en Deutsch­land betei­li­gen, da traf Fritz für sich und die Fami­lie die Ent­schei­dung, die­sem Auf­ruf zu fol­gen. Dass damit nicht unbe­dingt die Juden gemeint waren, muss­te die Fami­lie als­bald erfah­ren. Hil­de, die inzwi­schen den Vor­na­men Sue ange­nom­men hat­te, wei­ger­te sich, dem Beschluss Fol­ge zu leis­ten: „Deutsch­land – nie­mals!“, ent­geg­ne­te sie dem Vater [120] und auch Kurt, aller­dings erst viel spä­ter, soll­te sei­ne Ent­schei­dung noch des Öfte­ren bedauern.

Pfeiffer Beckhardt
Fritz Beck­hardts Brief an Pfeif­fer wegen der unbe­zahl­ten Schul­den
HHStAW 518 713 (25)

Im Janu­ar 1948 reis­te Fritz Beck­hardt erst­mals wie­der in sei­ne Hei­mat­stadt Wies­ba­den, „besuch­te“ den scho­ckier­ten Nach­fol­ger in sei­nem Geschäft in Son­nen­berg. Noch aus Por­tu­gal hat­te er ihm geschrie­ben, dass er zurück­kom­men wer­de, um sei­ne For­de­run­gen gegen ihn ein­zu­trei­ben.[121] Der Nazi Pfeif­fer war kei­ner, der einen Juden mit dem Knüp­pel tot­ge­schla­gen, kei­ner, der den Gas­hahn in einem KZ auf­ge­dreht hat­te, aber einer, der sich hin­ter den Füh­rer gestellt, den Arm zum Gruß geho­ben und auf sub­ti­le oder sogar auf offe­ne Wei­se die Aus­gren­zung der Juden und ande­rer Staats­fein­de mit­ge­tra­gen und dar­aus auch noch sei­nen eige­nen Nut­zen gezo­gen hat­te. Die­ser Nazi Pfeif­fer steht für all die Nazis, mit oder ohne Par­tei­buch, die nach dem geplatz­ten Welt­machtraum auf ein­mal mit ihrer Ver­gan­gen­heit, mit ihrem Tun oder auch Nichts­tun kon­fron­tiert waren – eine Her­aus­for­de­rung, der sich nur die wenigs­ten stel­len woll­ten. Lorenz Beck­hardt zitiert in die­sem Zusam­men­hang einen Satz von Ador­no, der prä­zi­se die Hal­tung der Nach­kriegs­deut­schen in ihrer Mehr­heit zum Aus­druck bringt: “Ich habe, außer ein paar rüh­rend mario­net­ten­haf­ten Schur­ken von altem Schrot und Korn, noch kei­nen Nazi gese­hen, und das kei­nes­wegs bloß in dem iro­ni­schen Sin­ne, dass kei­ner es gewe­sen sein will, son­dern in dem weit unheim­li­che­ren, dass sie glau­ben, es nicht gewe­sen zu sein.”[122]

So schwan­gen sich bald die­je­ni­gen, die nur weni­ge Jah­re zuvor noch will­fäh­ri­ge Voll­stre­cker des Füh­rer­wil­lens gewe­sen waren, nun auf, um über die Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che der Ver­folg­ten zu befin­den. Es ist eines der gro­ßen Ver­diens­te des Buches von Lorenz Beck­hardt, die­ses für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus zutiefst unwür­di­ge Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren am Bei­spiel sei­ner Fami­lie en détail nach­ge­zeich­net zu haben. Anders als in den Jah­ren zuvor sind die Schrei­ben der Behör­den in der Dik­ti­on immer freund­lich gehal­ten, aber in ihrem Kern zeu­gen sie von einer unver­än­der­ten Hal­tung gegen­über den Juden: Juden ist prin­zi­pi­ell nicht zu trau­en, ihr ein­zi­ges Ziel ist es, Geld zu schef­feln – frü­her durch Gemau­schel und Schmu, jetzt mit­hil­fe von Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren. Und – so die Grund­ein­stel­lung der Behör­den — es war zu erwar­ten, dass auch hier Zah­lun­gen mit viel Schmu ein­ge­for­dert wur­den. Jude bleibt eben Jude. Dass es nach einer lan­gen, oft über­stürz­ten Flucht kaum mög­lich war, die gefor­der­ten Bele­ge vor­zu­le­gen, stieß nur sel­ten auf Ver­ständ­nis. Und wenn man schon eides­statt­li­che Erklä­run­gen akzep­tier­te, dann gab der kleins­te, nach so vie­len Jah­ren unver­meid­li­che Wider­spruch bei Aus­sa­gen und Urkun­den Anlass für wei­te­re demü­ti­gen­de Fra­gen und Beweis­for­de­run­gen. Und wofür über­haupt ent­schä­di­gen? Waren die, die jetzt ihre For­de­run­gen stell­ten, doch irgend­wo in Sicher­heit gewe­sen, wäh­rend die Deut­schen den Luft­an­grif­fen der Fein­de aus­ge­setzt waren und oft alles ver­lo­ren hatten.

Exem­pla­risch sei hier ein Schrei­ben der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de vor­ge­stellt, in dem alle For­de­run­gen von Fritz Beck­hardt zunächst ein­mal mit juris­ti­schen Fines­sen abge­schmet­tert wur­den:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schrei­ben der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de vom 17. 7. 1953 an Fritz Beck­hardt
HHStAW 518 713 (104

Die Unter­schei­dung zwi­schen Rück­erstat­tung und Ent­schä­di­gung mag juris­tisch von Belang sein, aber wor­um es eigent­lich geht, ist die Inten­ti­on die­ses Schrei­bens: Alles wird abge­lehnt, „der Jude“ bekommt erst mal nichts. Da ist außer abs­trak­ten For­meln kein Hin­weis dar­auf, wie er zu sei­nem Recht kom­men kann, da ist nichts zu spü­ren von Empa­thie für das erlit­te­ne Leid, da fin­det man nur in juris­ti­schen For­meln ver­klau­su­lier­te Abwehr.

Fritz Beck­hardt um das Jahr 1950

Nicht immer waren es die kon­kre­ten Sach­be­ar­bei­ter, die die Hür­den auf­bau­ten, auch die Geset­ze selbst waren zum Teil völ­lig wirk­lich­keits­fremd for­mu­liert. So wur­de Fritz Beck­hardt zunächst die Haft­ent­schä­di­gung ver­wei­gert, weil das Gesetz vor­sah, nur Per­so­nen zu ent­schä­di­gen, die spä­tes­tens am 1. Janu­ar 1947 wie­der in Hes­sen gemel­det waren. Wel­cher Ver­folg­te war, wenn über­haupt, bereit, nach dem soge­nann­ten „Zusam­men­bruch“ sofort wie­der in das Land der Ver­fol­ger zurück­zu­kom­men? [123] Und all die­se Demü­ti­gun­gen konn­ten jetzt sogar noch mit dem Glo­ri­en­schein des neu zu schaf­fen­den Rechts­staats umman­telt wer­den. Alles muss­te sei­nen rechts­staat­li­chen, sprich: büro­kra­ti­schen Weg gehen – und der konn­te sehr lan­ge sein. So wur­den etwa die Kos­ten für die Rück­wan­de­rung von Eng­land nach Deutsch­land erst 1964 erstat­tet, also etwa zwan­zig Jah­re nach Kriegs­en­de. Die 633,66 DM, die Rosa Emma dafür erhielt, wur­den ihr aber nicht aus­ge­zahlt, son­dern mit einer Sofort­hil­fe ver­rech­net, die sie 1958 erhal­ten hat­te.[124] Der ers­te Umzug von Son­nen­berg nach Wies­ba­den soll­te gar nicht ent­schä­digt wer­den, weil er ja „nicht auf Ver­an­las­sung von SS-Stel­len ver­ur­sacht“ wor­den war.[125] Mit einem ähn­li­chen Argu­ment wur­de Fritz ein Dar­le­hen ver­wei­gert, das er zum Auf­bau sei­nes frü­he­ren Geschäfts bean­tragt hat­te. Wer sein rück­erstat­te­tes Unter­neh­men durch „Ent­zug“ und nicht durch „Ver­drän­gung“ ver­lo­ren hat­te, soll­te kei­nen Anspruch auf ein sol­ches Dar­le­hen haben, „weil er nicht aus sei­nem Beruf durch eine NS-Staats- oder Par­tei­stel­le ver­drängt wor­den war“. Ansprü­che wegen ent­gan­ge­ner Nut­zung, sei­en aber aus­schließ­lich durch das Gesetz 59 der ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­re­gie­rung gere­gelt [126] – will sagen: Wir haben mit dei­nem Pro­blem nichts zu tun, wen­de dich bit­te an die Besat­zer! Wie sehr die Ame­ri­ka­ner damals als sol­che und nicht als Befrei­er emp­fun­den wur­den, ist auch hier zwi­schen den Zei­len zu lesen. Einen Anspruchs­be­rech­tig­ten muss­te ein sol­cher undurch­schau­ba­rer juris­ti­scher Wirr­warr eigent­lich in die Resi­gna­ti­on trei­ben, und vie­le haben ange­sichts die­ser abweh­ren­den Hal­tung der Ämter auf ihre Ansprü­che ver­zich­tet.
Noch dreis­ter sind die wei­te­ren Erläu­te­run­gen: Ein Dar­le­hen „zur Wie­der­auf­nah­me oder vol­len Ent­fal­tung einer frei­be­ruf­li­chen oder gewerb­li­chen Tätig­keit“ sei „aber nicht unbe­dingt zu ver­ste­hen, dass der frü­he­re Zustand der Tätig­keit bezw. ihr Umfang wie­der­her­ge­stellt wer­den muss. Der Ver­folg­te muss viel­mehr eine all­ge­mei­ne Ver­än­de­rung der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se auch gegen sich erge­hen las­sen. Auch aus die­sem Gesichts­punkt her­aus kann dem Antrag­stel­ler ein Dar­le­hens­an­spruch nicht gewährt wer­den.“[127] Die Juden soll­ten doch bit­te ein­se­hen, dass auch sie  gefäl­ligst die Last die­ses Krie­ges mit­zu­zah­len hät­ten, der, so Hit­ler in sei­ner Rede vom 30. Janu­ar 1939, die Ver­nich­tung der jüdi­schen Ras­se zur Fol­ge haben sollte.

Rück­erstat­tung der Häu­ser Lan­gas­se 9–11 in Son­nen­berg
HHStAW 519 A‑215 (o​.​P.)

Beck­hardts hat­ten nach vie­len und lan­gen Kämp­fen Geld erhal­ten, für den Ver­lust an Frei­heit, für Scha­den am wirt­schaft­li­chen Vor­an­kom­men usw., Ent­schä­di­gun­gen, die sie in ihrem eige­nen Namen erhiel­ten, die ihnen aber auch als Erben der ermor­de­ten Eltern bzw. der Schwes­ter Mar­tha zustan­den. Auch waren ihnen die bei­den Häu­ser in Son­nen­berg, die am 15. Juli 1943 im Grund­buch auf das Deut­sche Reich über­schrie­ben wor­den waren, durch Beschluss des ‚Amtes für Ver­mö­gens­kon­trol­le und Wie­der­gut­ma­chung’ am 28. Sep­tem­ber 1949 zurück­ge­ge­ben wor­den.[128] Ein Heim wur­den die Häu­ser aber nicht mehr. Zunächst wei­ger­te sich der Nazi-Mie­ter aus­zu­zie­hen, bekam sogar Recht,[129] sodass die Fami­lie über Mona­te eine Lager­hal­le für Käse als not­dürf­ti­ge Unter­kunft bezie­hen muss­te. Als Mel­de­adres­se fun­gier­te die Bahn­hofstr. 25, die Woh­nung von Clai­re Gut­h­mann, der Wit­we von Bert­hold Gut­h­mann, die mit ihrer Toch­ter das KZ The­re­si­en­stadt über­lebt hat­te und eben­falls nach Wies­ba­den zurück­ge­kehrt war. Eine Mel­de­adres­se war not­wen­dig, damit über­haupt Anträ­ge auf Sofort­hil­fe oder ande­re Ansprü­che gel­tend gemacht wer­den konn­ten. Aber eine Mel­de­adres­se nütz­te auch nichts, wenn man in eine gesetz­li­che Kran­ken­kas­se auf­ge­nom­men wer­den woll­te. Selbst die­sen grund­le­gen­den Schutz ver­wei­ger­te die AOK den Rück­keh­rern.
Im Okto­ber 1950 konn­ten Beck­hardts wie­der ihr durch Kriegs­ein­wir­kun­gen stark beschä­dig­tes Haus in Son­nen­berg bezie­hen und auch den Laden wie­der eröff­nen. Trotz aller Anstren­gun­gen, trotz ver­schie­de­ner Moder­ni­sie­rungs­ver­su­che, trotz Ver­än­de­rung des Ange­bots blie­ben die Kun­den aus. Die Paro­le „Kauft nicht bei Juden!“ hat­te in Son­nen­berg kaum etwas an Über­zeu­gungs­kraft ein­ge­büßt. Ein Höhe­punkt anti­se­mi­ti­scher Aus­schrei­tun­gen war erreicht, als eini­ge Dorf­be­woh­ner 1950 nach einem Dorf­fest vor dem Haus der Beck­hardts Fla­schen zer­trüm­mer­ten und eine Neu­auf­la­ge der „Reichs­kris­tall­nacht“ insze­nier­ten: „Hier wohnt de Judd Neu­mann, de Bor­mass von Sum­me­rich !“ gröl­te der Trupp.[130] Unter Alko­hol­ein­fluss war offen­bar die Selbst­kon­trol­le ver­lo­ren gegan­gen und es trat zuta­ge, was man über die zurück­ge­kehr­ten Juden wirk­lich dach­te. Ver­mut­lich hät­te man wohl gern die Geschich­te noch ein­mal wie­der­holt, dann aber erfolg­reich. Aber nicht nur das Geschäft, auch pri­vat wur­den die Rück­keh­rer gemie­den. Sie stell­ten unan­ge­mes­se­ne For­de­run­gen, wo doch für jeden offen­bar sein muss­te, dass es auch den Deut­schen schlecht ging. Waren die Juden zunächst noch in den gro­ßen Ein­heits­brei der Opfer mit ein­ge­rührt wor­den, alle waren auf ein­mal Opfer, so sah man das im Lau­fe der Zeit „dif­fe­ren­zier­ter“. In der Ent­schä­di­gungs­fra­ge wur­den neue Prio­ri­tä­ten gefor­dert: Kriegs­wit­wen und –wai­sen soll­ten an ers­ter Stel­le ste­hen, gefolgt von den Luft­kriegs­op­fern und den Ver­trie­be­nen. Für die Juden blie­ben da bes­ten­falls Brosamen.

Der alte Fritz Beck­hardt auf sei­nem Klapp­stuhl vor dem Laden in Son­nen­berg
Mit Geneh­mi­gung von Lorenz Beckhardt

Bei all die­sen Kämp­fen ver­lor Fritz all­mäh­lich die Kraft. Ein ers­ter Schlag­an­fall 1954 ging noch glimpf­lich aus, wei­te­re soll­ten fol­gen und immer weni­ger war er in der Lage, das Geschäft zu füh­ren, das inzwi­schen weit­ge­hend von sei­nem Sohn Kurt gema­nagt wur­de. Die­ser hat­te im Febru­ar 1961 Melit­ta Hill­bren­ner gehei­ra­tet und war mit ihr nach Son­nen­berg gezo­gen.[131] Zuletzt lag Fritz zumeist auf sei­nem Sofa, kaum mehr in der Lage zu spre­chen, aber noch immer im Kampf mit den Ent­schä­di­gungs­be­hör­den. Lorenz Beck­hardt berich­tet, dass er im August 1961 letzt­mals einen ihrer Brie­fe mit kla­rem Ver­stand gele­sen habe. Damals waren ihm 22.000 DM für den Ver­lust des Schmucks und Haus­rats sei­ner Schwes­ter Mar­tha zuge­spro­chen wor­den. Am 13. Janu­ar 1962 ver­starb Fritz Beck­hardt nach – in jeder Hin­sicht – lan­gem Lei­den.[132]
Sei­ne Frau Rosa Emma führ­te den Kampf mit den Behör­den wei­ter. Vie­le Ent­schä­di­gungs­an­ge­le­gen­hei­ten waren nicht geklärt, wes­halb ihr weder eine Ren­te aus einem Här­te­fonds noch die gesetz­li­che Ren­te zuge­spro­chen wur­de. Sie leb­te von der Unter­stüt­zung durch ihren Sohn Kurt, dem inzwi­schen das Haus und das noch immer schlecht gehen­de Geschäft über­tra­gen wor­den waren.[133] Dort stand die Mut­ter an der Kas­se, bis sie 74 Jah­re alt war. Man leb­te, so Lorenz Beck­hardt, von der Hand in den Mund. Am 31. Dezem­ber 1977 wur­de der Laden auf­ge­ge­ben und an einen ari­schen Nach­fol­ger über­ge­ben. Wen wun­dert es, dass das Geschäft nach dem Ende des fak­tisch seit 1933 von der Son­nen­ber­ger Bevöl­ke­rung ein­ge­hal­te­nen Boy­kotts jetzt wie­der auf­blüh­te?
Im Novem­ber 1982 ver­starb dann auch Rosa Emma Beck­hardt an einem Herz­in­farkt, weni­ge Wochen vor ihrem 80. Geburts­tag. Tat­säch­lich hat­te der Staat ihr nach unend­li­chen Kämp­fen in den letz­ten ein­ein­halb Lebens­jah­ren noch eine monat­li­che Ren­te von 203 DM gewährt.[134]

Hil­de bzw. Sue, die in Eng­land geblie­ben war, hat­te 1954 die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft ange­nom­men und einen Poli­zis­ten namens Ron gehei­ra­tet, der aber noch ein Stu­di­um absol­vier­te und als Sozio­lo­ge eine Dozen­ten­stel­le über­nahm. Sie selbst war Leh­re­rin gewor­den. Drei Söh­ne waren in der Ehe gebo­ren wor­den. Mit diver­sen Tie­ren leb­te die Fami­lie in einem Natur­pa­ra­dies im Nord­wes­ten der Insel und enga­giert sich seit vie­len Jah­ren im Natur­schutz.[135] Ver­mut­lich im Jahr 2001 ist sie in ihrem Exil, das zu ihrer neu­en Hei­mat wur­de, ver­stor­ben.[136]

Wer­ner, der Halb­bru­der von Kurt und Hil­de, wuss­te nichts von sei­nem Vater, wuss­te nicht, dass auch er jüdi­sche Wur­zeln hat­te. All das hat­te ihm die Mut­ter ver­schwie­gen, so konn­te er auch nicht ver­ste­hen, wie­so ihm die Mut­ter die Auf­nah­me aufs Gym­na­si­um ver­wei­ger­te, wie­so er nicht zum Jung­volk durf­te.
Erst nach dem Krieg, nach­dem Lina Lahr den Vater ihres Soh­nes nach des­sen Rück­kehr zufäl­lig aus der Stra­ßen­bahn her­aus gese­hen, aber nicht ange­spro­chen hat­te, gestand sie ihrem Sohn, wer sein Vater war. Ein Ver­such des Jun­gen, mit ihm in Kon­takt zu tre­ten, wur­de von die­sem schroff abge­wehrt, sodass die­ser sich völ­lig kon­ster­niert zurück­zog. Erst Jah­re spä­ter, Lina war bereits ver­stor­ben und der ehe­ma­li­ge Klemp­ner­ge­sel­le hat­te sich inzwi­schen zum Pro­ku­ris­ten bei der Fir­ma Blend­ax hoch­ge­ar­bei­tet, wag­te er noch ein­mal eine Kon­takt­auf­nah­me. Dies­mal sprach er sei­nen Halb­bru­der Kurt an, der völ­lig offen reagier­te. So ent­stand mit der Zeit zwi­schen den bei­den ein sehr enges und ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Kurt Beck­hardt ver­starb am 5. August 2016 in Bonn, wur­de aber auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße in sei­nem Hei­mat­ort Wies­ba­den begra­ben.[137]

Grab Kurt Beckhardt
Das Grab von Kurt Beck­hardt auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße
Eige­ne Aufnahme

Wer­ner Lahr enga­giert sich genau­so wie sein „Halb­nef­fe“ Lorenz mit Vor­trä­gen in der Erin­ne­rungs­ar­beit, besucht Schu­len und berich­tet dort über sein ganz beson­de­res Schick­sal.[138] Lorenz Beck­hardt geht mit sei­nem Buch über das Schick­sal der Fami­li­en Neu­mann und Beck­hardt immer wie­der auf Lese­rei­sen quer durch Deutsch­land, einem Land, in dem die anti­se­mi­ti­schen Vor­ur­tei­le nicht nur unmit­tel­bar nach 1945 fast unge­bro­chen wei­ter­le­ben konn­ten, son­dern auch heu­te wie­der mit Gewalt auf­zu­bre­chen drohen.

 

Ver­öf­fent­licht: 21. 08. 2023

 

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Beck­hardt, Lorenz S., Der Jude mit dem Haken­kreuz. Mei­ne deut­sche Fami­lie, Ber­lin 2014.

[2] Hei­rats­re­gis­ter Son­nen­berg 10 /​ 1926.

[3] https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/179666231​/person​/412339808677​/facts. (Zugriff: 20.08.2023).

[4] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 35 f.

[5] https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/179666231​/person​/412339808596​/facts. (Zugriff: 20.08.2023).

[6] https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/119380228​/person​/162094549467​/facts. (Zugriff: 20.08.2023). Ihre Eltern waren Abra­ham und Frie­de­ri­cke Elbert, gebo­re­ne Mayer.

[7] Der ältes­te Sohn Fried­rich Wil­helm /​ Wil­liam war am 31.5.1889 wie auch sein am 19.4.1891 gebo­re­ner Bru­der Paul Albrecht in Wal­lert­heim zur Welt gekom­men, ihre Schwes­ter Eleo­nor Olga dage­gen am 29.5.1894 in Kai­sers­lau­tern. Paul Albrecht hei­ra­te­te am 4.10.1922 in sei­nem Hei­mat­ort Bar­ba­ra Blon­di­ne Gut­mann, gebo­ren am 29.7.1896 in Dil­kir­chen. Eleo­nor Olga hin­ge­gen ging ihre Ehe mit dem am 15.5.1894 in New York gebo­re­nen Samu­el Sie­gel am 10.5.1929 in des­sen Hei­mat­stadt ein. Das begrün­det die Annah­me, dass die Fami­lie ver­mut­lich zwi­schen die­sen bei­den Daten aus­ge­wan­dert war. Fried­rich Wil­helm, der erst am 26.6.1949 in New York Pau­la Frank hei­ra­te­te, ver­starb dort am 9.10.1957, sei­ne Frau im Juli 1978. Paul Albrecht Beck­hardt ver­starb am 25.5.1951 in Hart­ford, sei­ne Wit­we am 18.6.1866 in New York. Eleo­nor Olga Sie­gel wur­de 90 Jah­re alt, sie starb am 6.6.1994 in Madi­son. Da war ihr Mann, der am 26.7.1957 in Bever­ly Hills zu Gra­be getra­gen wur­de, schon vie­le Jah­re tot. Die Anga­ben sind dem Stamm­baum von Simon Beck­hardt bei ancestry ent­nom­men, sie­he https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/119380228​/person​/162094543708​/facts. (Zugriff: 20.08.2023). Die dor­ti­gen Anga­ben konn­ten durch amt­li­che Doku­men­te bis­her nicht veri­fi­ziert werden.

[8] https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/119380228​/person​/162094616806​/facts​?_phsrc=svo1960&_phstart=successSource. (Zugriff: 20.08.2023).

[9] Geburts­re­gis­ter Wal­lert­heim 11 /​ 1889.

[10] https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/179666231​/person​/412339809265​/facts. (Zugriff: 20.08.2023).

[11] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 41 ff.

[12] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 52, 54 f. Die Kennt­nis­se als Tex­til­kauf­mann erwei­ter­te er bei einem län­ge­ren Auf­ent­halt in der Tex­til­ma­nu­fak­tur eines Onkels in Marseille.

[13] Ebd. S. 16. wurde

[14] HHStAW 3008/​1 14369. Der Archi­var im HHStAW hat in Unkennt­nis des his­to­ri­schen Hin­ter­grunds ange­merkt, dass die Datie­rung des Bil­des mit dem Jahr 1924 nicht stim­men kön­ne, weil das Flug­zeug das Haken­kreuz tra­gen würde.

[15] Hei­rats­re­gis­ter Son­nen­berg 10 /​ 1926.

[16] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 20 f.

[17] Ebd. S. 21 f.

[18] https://​www​.lagis​-hes​sen​.de/de​/subjects​/gsrec​/current​/17​/sn​/juf​?q=Neumann. (Zugriff: 20.08.2023).

[19] Sie­he zu den fol­gen­den Anga­ben, sofern nicht anders ange­ge­ben, die Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Paul Laza­rus Samm­lung, Wiesbaden.

[20] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1204 /​ 1901.

[21] Ster­be­re­gis­ter Son­nen­berg 8 /​ 1895.

[22] Daten­bank Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens des Stadt­ar­chivs Wies­ba­den. Am 2.11.1880 wur­de er auf dem jüdi­schen Fried­hof Schö­ne Aus­sicht beigesetzt.

[23] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 25 f.

[24] Hei­rats­re­gis­ter Bin­gen 8 /​ 1897.

[25] Hei­rats­re­gis­ter Son­nen­berg 10 /​ 1926.

[26] Geburts­re­gis­ter Son­nen­berg 50 /​ 1898 und 12 /​ 1903. Die namen­lo­se Tot­ge­burt ist im Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den unter 1015 /​ 1928 registriert.

[27] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 19. Auch in dem von ihrer Toch­ter Rosa Emma gestell­ten Antrag auf Ent­schä­di­gung läuft sie durch­ge­hend unter dem Namen Johan­na, sie­he HHStAW 518 4156. Eben­so trägt der Stol­per­stein in Son­nen­berg den fal­schen Namen Johan­na Neumann.

[28] Geburts­re­gis­ter Tre­bur 102 /​1877. Der rich­ti­ge Vor­na­me Hann­chen ist auch in der Geburts­ur­kun­de ihrer Toch­ter Rosa Emma ange­ge­ben, sie­he Geburts­re­gis­ter Son­nen­berg 12 /​1903.

[29] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 117 f.

[30] Ebd. S. 120.

[31] Jüdi­sches Adress­buch 1935, S. 226 und 234.

[32] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 109.

[33] HHStAW 685 613 (35).

[34] Ebd. (49).

[35] Ein Schrei­ben des Regie­rungs­prä­si­den­ten aus dem Jahr 1962 an sei­ne alte Adres­se in Lis­sa­bon war als unzu­stell­bar zurück­ge­kom­men. Die neue Adres­se wur­de dem RP durch sei­ne Schwes­ter Rosa Emma am 30.8.1962 mit­ge­teilt. Sie­he HHStAW 518 840 (84, 85).

[36] HHStAW 685 613 (57).

[37] HHStAW 518 840 (20).

[38] Ebd. (18).

[39] HHStAW 518 713 HHStAW 518 840 (18).

[39] Ebd. (19).

[40] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 132, 147.

[41] Ebd. (17).

[42] Ebd. S. 12

[43] Ebd. S. 32. Die Hosen, die halb Son­nen­berg trug, wur­den von einem frü­hen Freund von Fritz Beck­hardt aus Wal­lert­heim genäht. Peter Bitt­mann war Sozi­al­de­mo­krat und hat­te Fritz Beck­hardt schon früh poli­tisch dahin­ge­hend beein­flusst, dass er, für einen Kauf­mann damals eher unge­wöhn­lich, spä­ter immer die­se Arbei­ter­par­tei wählte.

[44] Auf Zucker­tüt­chen, die mit dem Kaf­fee an die Restau­rants und Cafés der Regi­on gelie­fert wur­den, stand der Spruch: „Son­nen­bergs Wäl­der und Auen locken zum Schau­en – drum nach Son­nen­berg ! Emil Neu­mann – gegrün­det 1829“. Ebd. S. 147.

[45] Ebd. S. 186.

[46] Pfeif­fer bzw. sein Anwalt behaup­te­te im Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren nach dem Krieg dreist: „Dem Abschluss des Ver­tra­ges gin­gen mona­te­lan­ge freund­schaft­lich geführ­te Ver­hand­lun­gen vor­aus, bei denen die Par­tei­en sich gleich­be­rech­tigt gegen­über­stan­den und in frei­er loya­ler Wei­se ihre Wün­sche und Inter­es­sen abwä­gen konn­ten.“ Zudem kön­ne die Zustim­mung zum Ver­trag schon des­halb nicht „unter dem Ein­fluss eines mora­li­schen oder phy­si­schen Zwan­ges erteilt wor­den sein“, (…) weil sie – obwohl Juden – sich des Schut­zes des ehe­ma­li­gen Reichs­mi­nis­ters Her­mann Göring ver­si­chert hat­ten“. HHStAW 519 A 215 (o​.​P.).

[47] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/1631​/images​/31433_bh09278-00133​?pId=9971918. (Zugriff: 20.08.2023). Albert Koch war in den Zwan­zi­ger Jah­ren einer der Vor­ste­her der Jüdi­schen Gemein­de von Framersheim.

[48] HHStAW 685 68a (7).

[49] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 159, 184.

[50] HHStAW 685 68 Deck­blatt der Umsatz­steu­er­vor­anmel­dun­gen. So waren in dem ers­ten Teil­jahr fast 28.000 RM, im fol­gen­den dann fast 60.000 RM und 1936 sogar nahe­zu 65.000 RM Umsät­ze getä­tigt worden.

[51] HHStAW 519/​3 5918.

[52] HHStAW 685 613 (139). Sie­he zum Haus selbst Denk­mal­to­po­gra­phie — Kul­tur­denk­mä­ler in Hes­sen, Wies­ba­den, Bd. I–3, S. 657.

[53] Sie­he Wies­ba­de­ner Adress­buch 1934/​35.

[54] Han­ni Hal­le, gebo­re­ne Schmitt, war nach der Ehe­schlie­ßung 1933 zum jüdi­schen Glau­ben konvertiert

[55] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 189. Hier wer­den auch ande­re Bewoh­ner noch vorgestellt.

[56] Lorenz Beck­hardt hat die Aus­stat­tung der Woh­nung und auch das Haus selbst sehr genau beschrie­ben, sie­he S. 187–189.

[57] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 98–105.

[58] Han­si Oppen­hei­mer war am 6.2.1909 in Bin­gen als Toch­ter von Max und Fan­ny Oppen­hei­mer zur Welt gekom­men. Der Sohn Eric, gebo­ren am 1.2.1933 in Lis­sa­bon, besaß die por­tu­gie­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/119380228​/person​/162094621579​/facts. (Zugriff: 20.08.2023).

[59] Ebd. S. 202 f. Zu erwäh­nen ist zudem, dass auch Por­tu­gal die Gren­zen für jüdi­sche Flücht­lin­ge dicht machte.

[60] Ebd. 157.

[61] 1937 lag der Gewer­be­er­trag bei 2.200 RM, im fol­gen­den Jahr hat­te er sich mehr als hal­biert, ein Ergeb­nis, das auch 1939 in etwa erreicht wur­de. Sie­he ebd. (pas­sim).

[62] Ebd. S. 216.

[63] So schrieb Strei­cher in sei­nem Buch ‚Deut­sche Volks­ge­sund­heit aus Blut und Boden’ 1935: „’Art­frem­des Eiweiß’ ist der Same eines Man­nes von ande­rer Ras­se. Der männ­li­che Same wird bei der Begat­tung ganz oder teil­wei­se von dem weib­li­chen Mut­ter­bo­den auf­ge­saugt und geht so in das Blut über. Ein ein­zi­ger Bei­schlaf eines Juden mit einer ari­schen Frau genügt, um deren Blut für immer zu ver­gif­ten. Sie hat mit dem ‚art­frem­den Eiweiß’ auch die frem­de See­le in sich auf­ge­nom­men. Sie kann nie mehr, auch wenn sie einen ari­schen Mann hei­ra­tet, rein ari­sche Kin­der bekom­men, son­dern nur Bas­tar­de, in deren Brust zwei See­len woh­nen und denen man kör­per­lich die Misch­ras­se ansieht. Auch deren Kin­der wer­den Misch­lin­ge sein, das heißt, häss­li­che Men­schen von unste­tem Cha­rak­ter und mit der Nei­gung zu kör­per­li­chem Lei­den. (…) Wir wis­sen nun, war­um der Jude mit allen Mit­teln der Ver­füh­rungs­kunst dar­auf aus­geht, deut­sche Mäd­chen mög­lichst früh­zei­tig zu schän­den; war­um der jüdi­sche Arzt sei­ne Pati­en­tin­nen in der Nar­ko­se ver­ge­wal­tigt; (…) das deut­sche Mäd­chen, die deut­sche Frau soll den art­frem­den Samen eines Juden in sich auf­neh­men, sie soll nie­mals mehr deut­sche Kin­der gebä­ren!“ Zit. nach Kenn­zei­chen “J”, S. 83 f.

[64] HHStAW 409/​4 312 (12–17).

[65] Ebd. (o​.​P.).

[66] Ebd.

[67] Ebd.

[68] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 269. Das zwei­te Zitat befin­det sich in der Akte weni­ge Sei­ten nach Quam­buschs ers­ter Stel­lung­nah­me auf einem Schrei­ben mit – weil zum Teil mit Blei­stift geschrie­ben und ver­blasst – nur schwer les­ba­ren hand­schrift­li­chen Ver­mer­ken. Einer der Ver­mer­ke, mit Tin­te geschrie­ben, stammt mit größ­ter Sicher­heit vom Gefäng­nis­di­rek­tor, denn in ihm wird auf sei­ne eige­ne Beur­tei­lung des Gefan­ge­nen Beck­hardt vom 7.3.1938 ver­wie­sen. Zwi­schen die­ser Notiz und dem Stem­pel, der Gefäng­nis­lei­tung, datiert mit dem 8.12.1938, befin­det sich die Blei­stift­no­tiz, die, obwohl ober­halb der Unter­schrift des Gefäng­nis­di­rek­tors, von ande­rer Hand zu stam­men scheint. Lorenz Beck­hardt hat sie dem Ober­staats­an­walt Quam­busch zuge­ord­net. Dafür fehlt aller­dings ein Beleg, da der Ver­merk nicht unter­schrie­ben ist und auch ein Schrift­ver­gleich nicht ange­stellt wur­de. Die Les­art des teil­wei­se nur schwer zu ent­zif­fern­den Zitats ist bei Beck­hardt ihrem Sin­ne nach sicher rich­tig, nicht aber was den exak­ten Wort­laut angeht. Statt „Ledig­lich unter der Vor­aus­set­zung, daß B. sich ver­pflich­ten wür­de, zu einem genau bestimm­ten Zeit­punkt aus­zu­wan­dern, hät­te ich gegen einen Gna­dener­weis nichts zu erwi­dern, da ich die För­de­rung der Aus­wan­de­rung der Juden im gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt für ange­zeigt erach­te,“ muss es hei­ßen: „Ledig­lich unter der Vor­aus­set­zung, daß B. sich ver­pflich­ten wür­de, zu einem genau bestimm­ten Zeit­punkt aus­zu­wan­dern, hat­te ich gegen einen Gna­dener­weis nicht zu erin­nern, da ich die För­de­rung der Aus­wan­de­rung der Juden im vater­län­di­schen Inter­es­se für ange­zeigt erach­te.“
Quam­busch, den die Ame­ri­ka­ner zunächst sei­nes Pos­tens ent­ho­ben hat­ten, wur­de im Spruch­kam­mer­ver­fah­ren als Mit­läu­fer kate­go­ri­siert, „als einen auf­rech­ten, muti­gen Mann reha­bi­li­tiert“ und wie­der in den Jus­tiz­ap­pa­rat auf­ge­nom­men. Er stieg zum Gene­ral­staats­an­walt auf und erhielt die Ober­auf­sicht über alle Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren in der bri­ti­schen Zone. 1952 wur­de ihm für sei­ne Ver­diens­te beim Auf­bau des neu­en Deutsch­land das Bun­des­ver­dienst­kreuz ver­lie­hen. Nicht nur im Fall Fritz Beck­hardt spiel­te Quam­busch eine mehr als frag­wür­di­ge Rol­le, auch bei der Ver­fol­gung ande­rer Wies­ba­de­ner Juden hat­te er sei­ne Hän­de im Spiel. Sie­he dazu aus­führ­lich den Exkurs „Quam­busch“ im Kapi­tel Aure­lie Kahn, Bewoh­ne­rin des Juden­hau­ses Adolfs­al­lee 30.

[69] Die Eltern wur­den mit der Depor­ta­ti­on am 10. Juni in den Osten ver­bracht und ermor­det, ihr Sohn Her­mann konn­te noch recht­zei­tig aus Deutsch­land herauskommen.

[70] Zu den Novem­ber­er­eig­nis­sen in Alzey sie­he aus­führ­lich Hoff­mann, „… wir sind doch Deut­sche“, S.248–273.

[71] https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/de​/search​/person​/5278249​?s=Ludwig%20Koch&t=751042&p=0. (Zugriff: 20.08.2023).

[72] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 241, 284.

[73] Hoff­mann, Wir sind doch Deut­sche, S. 308.

[74] Ebd. S. 314, dazu Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 186 f.

[75] Hoff­mann, Wir sind doch Deut­sche, S. 316 f., dazu Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 333 ff.

[76] https://​www​.holo​caust​.cz/de​/opferdatenbank​/opfer​/19191-ludwig-koch/  und https://​www​.holo​caust​.cz/de​/opferdatenbank​/opfer​/19192-martha-koch/. (Zugriff: 20.08.2023). Aller­dings ist hier mit dem 2.9.1892 ein abwei­chen­des Geburts­da­tum ange­ge­ben. Aller­dings han­delt es sich mit gro­ßer Sicher­heit um die Ehe­frau von Lud­wig Koch. Ver­mut­lich war aus dem 29. ein 2.9. gewor­den und die 1 für Janu­ar ist ver­lo­ren gegan­gen. Im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ist sie mit dem rich­ti­gen Geburts­da­tum ver­merkt. Dort ist aber fälsch­li­cher­wei­se The­re­si­en­stadt statt Ausch­witz als Ster­be­ort von Lud­wig Koch ange­ge­ben, sie­he https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/gedenkbuch​/de900348. (Zugriff: 20.08.2023).

[77] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 242 ff.

[78] Ebd. S. 261, dazu https://​de​.wiki​pe​dia​.org/wiki​/Charles_Singer. (Zugriff: 20.08.2023). Sie wohn­te damals in dem Haus, in dem spä­ter die Autorin Daph­ne du Mau­rier lebte.

[79] HHStAW 409/​4 312 (40).

[80] https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/de​/search​/person​/5499137​?s=Fritz%20Beckhardt&t=0&p=1. (Zugriff: 20.08.2023).

[81] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 274.

[82] HHStAW 685 613c (9).

[83] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 273. Spä­tes­tens 1940 war die Fir­ma nicht mehr exis­tent, zumin­dest ist ein Betriebs­ver­mö­gen in der Ver­mö­gens­auf­stel­lung von Fritz Beck­hardt vom 14.2.1940 nicht mehr auf­ge­führt, sie­he HHStAW 519/​3 24177 (7). Ob die Fir­ma liqui­diert oder ari­siert wur­de, ist den Unter­la­gen nicht zu entnehmen.

[84] HHStAW 685 613c (12, 14).

[85] Ebd. (14–17). Nicht nach­voll­zo­gen wer­den konn­te die Anga­be von Lorenz Beck­hardt, Emil habe nur noch 50 RM nach­zah­len müs­sen, sie­he Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 289. Aller­dings ver­zich­te­te der Reichs­fis­kus dar­auf, die 5. Rate in Höhe von 350 RM von Emils Frau Hann­chen ein­zu­trei­ben. Die hat­te bereits mit den ers­ten vier Raten 1.400 RM zah­len müs­sen, sie­he HHStAW 685 613d (8).

[86] HHStAW 519/​3 5918 (1).

[87] Ebd. (12).

[88] Ebd. (19).

[89] HHStAW 519/​3 2417 (1). Lorenz Beck­hardt ver­mu­tet in sei­nem Buch S. 283, dass das Kür­zel „JS“ für „Jus­tiz­sa­che“ ste­hen wür­de, er es aller­dings, ange­lehnt an die mit­tel­al­ter­li­che Begriff­lich­keit, als „Juden­sa­che“ lesen möch­te. Bei­de Deu­tun­gen sind aller­dings falsch. „JS“ steht viel­mehr für „Juden­si­che­rung“, d. h., eine „JS-Akte“ war eine Juden­si­che­rungs­ak­te, die selbst­ver­ständ­lich nicht der Sicher­heit von Juden dien­te, son­dern der Siche­rung jüdi­scher Ver­mö­gen für den NS-Staat. Sie­he dazu Meinl /​ Zwil­ling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 429.

[90] Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI /​ 3 983.

[91] HHStAW 519/​3 2417 (7). Fritz Beck­hardt muss­te die Ver­mö­gens­er­klä­rung im KZ unterschreiben.

[92] Ebd. (8, 9, 10).

[93] Lot­te Gut­h­mann /​ Opfer­mann gab dazu in einem Inter­view mit Lothar Bem­be­nek 1986 fol­gen­de Aus­kunft: „Er [Bert­hold Gut­h­mann – K​.​F.] hat­te unter sei­nen Kli­en­ten einen Mann namens Beck­hard (!), der kurz nach Ver­kün­dung der Nürn­ber­ger Geset­ze wegen Ras­sen­schan­de ver­haf­tet und ins KZ gebracht wur­de. Damals hat sich mein Vater für die­sen Kli­en­ten ein­ge­setzt. Er hat beim Reichs­in­nen­mi­nis­ter Göring vor­ge­spro­chen, denn Herr Beck­hard (!) war wäh­rend des Krie­ges eine Zeit­lang mit Herrn Göring in der Richt­ho­fen-Staf­fel gewe­sen. Mein Vater brach­te vor, daß, wenn ich mich recht erin­ne­re, die Ras­sen­schan­de-Ankla­ge gar nicht rich­tig nach­ge­wie­sen war und der Beschul­dig­te damals eigent­lich kei­nen rich­ti­gen Pro­zeß bekom­men hat­te, son­dern von der Unter­su­chungs­haft direkt ins KZ gebracht wor­den war. Mein Vater bat nun des­sen ehe­ma­li­gen Kriegs­ka­me­ra­den Herrn Göring, doch sei­nem alten Kame­ra­den inso­fern behilf­lich zu sein, daß er ihn aus die­ser Not­la­ge befrei­en möge. Herr Beck­hard (!) wur­de dann auch sehr bald ent­las­sen, und wenn ich mich recht erin­ne­re, war Herr Malz­ben­der aus Ber­lin behilf­lich, mit dem mein Vater in ähn­li­chen Sachen bei Aus­wan­de­run­gen ver­han­delt hat­te. Es wur­de ein Ein­rei­se­vi­sum für die USA für Herrn Beck­hard (!) sehr schnell zur Ver­fü­gung gestellt. Damals waren ja die Aus­wan­de­rer­quo­ten für Ame­ri­ka oft völ­lig aus­ge­schöpft, und Leu­te konn­ten gar nicht aus­wan­dern, selbst wenn sie gewollt hät­ten. Herr Malz­ben­der kann­te eben sehr vie­le pro­mi­nen­te Leu­te, die Ehren­kon­suln von irgend­wel­chen klei­nen süd­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern waren und Kon­su­lat­s­tem­pel zur Ver­fü­gung hat­ten, und die haben dann in eini­gen Fäl­len Visen erteilt für die­se Län­der, so daß ein Zwi­schen­land-Visum leich­ter erhält­lich war, weil ja das ers­te Gast­land sicher sein konn­te, daß die­ser jüdi­sche Ein­wan­de­rer nicht blei­ben und dort den Wohl­fahrts­äm­tern zur Last fal­len wür­de. Soweit ich mich erin­ne­re, war die Aus­rei­se des Herrn Beck­hard (!) sehr schnell ermög­licht wor­den, und er ist dadurch einem viel schwe­re­ren Schick­sal ent­gan­gen.“ Opfer­mann, Sta­tio­nen, S. 25 f. Ob die Geschich­te sich tat­säch­lich so zuge­tra­gen hat, ist nur noch schwer zu beur­tei­len. Zumin­dest sind ver­schie­de­ne Anga­ben von Char­lot­te Opfer­mann, etwa zum Pro­zess und zur Inhaf­tie­rung, defi­ni­tiv falsch. Die Anga­be, dass Bert­hold Gut­h­mann sich bei Göring ein­ge­setzt hat­te, wur­de aller­dings auch von einer ehe­ma­li­gen Ange­stell­ten der Beck­hardts bestä­tigt. Unklar ist aber, woher sie die­se Infor­ma­ti­on erhal­ten hat­te, womög­lich eben­falls von Char­lot­te Guthmann.

[94] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 287, 291.

[95] HHStAW 519/​3 2417 (12).

[96] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 240.

[97] HHStAW 519/​3 613c (7).

[98] HHStAW 685 613a (2, 79).

[99] Ebd. (80).

[100] Ebd. (7) Das Doku­ment ist offen­sicht­lich falsch num­me­riert oder falsch ein­ge­ord­net worden.

[101] HHStAW 519/​3 32571 (3).

[102] Ebd. (1). Die fol­gen­den Sei­ten der Akte beinhal­ten die Umzugslisten.

[103] Ebd. (22, 23).

[104] Ebd. (3). Die Hypo­the­ken­be­las­tung für die noch nicht gezahl­te Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be ist aller­dings auch auf die­sem Doku­ment noch ein­mal festgehalten.

[105] HHStAW 518 713 (136, 164). Dazu Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 296–306. Er gibt an, dass die Ein­rei­se nach Por­tu­gal beim ers­ten Ver­such durch Span­nun­gen ver­hin­dert wur­de, die durch einen Kon­flikt bei einem Fuß­ball­spiel her­vor­ge­ru­fen waren. Sol­che Zufäl­le mach­ten in die­sen Zei­ten jede Pla­nung obsolet.

[106] Hier ist die Aus­sa­ge von Lorenz Beck­hardt, im Win­ter 1940/​41 hät­te das Ehe­paar Hirsch noch immer in der Woh­nung gelebt und den Urgroß­el­tern „die neu­es­ten Gerüch­te von der Stra­ße“ mit­ge­bracht, d​.​h. über die Juden­häu­ser und auch die ers­ten Depor­ta­tio­nen, nicht rich­tig. Sie­he Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 328 f.

[107] HHStAW 518 713 (164, 184). Beck­hardt hin­ge­gen schreibt, dass Neu­manns das Her­ren­zim­mer ihrem frü­he­ren Hosen­schnei­der aus Wal­lert­heim schenk­ten und die Nach­barn sich über die rest­li­chen Möbel her­mach­ten. Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 329.

[108] Unbe­kann­te Lis­te X1. Beck­hardt schreibt auch hier fälsch­li­cher­wei­se, dass ihnen nur ein Zim­mer zur Ver­fü­gung gestan­den hät­te, Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 329.

[109] HHStAW 519/​3 2417 (14, 15, 17). Bei den Schuld­nern han­del­te es sich fast aus­schließ­lich um Kon­di­to­rei­en aus Trier.

[110] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 372.

[111] HHStAW 519/​3 5918 (30, 31).

[112] Ebd. (32).

[113] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 335. Sie sol­len dafür 3.080 RM über­wie­sen haben. Dazu auch HHStAW 518 840 (32f.), wonach Fritz Beck­hardt nicht sicher war, ob sei­ne Schwie­ger­el­tern einen sol­chen Ver­trag abge­schlos­sen hatten.

[114] https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/media​/zmarch​/images​/3​/1​/9​/13432_ca_object_representations_media_31966_large.jpg. (Zugriff: 20.08.2023).

[115] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 227, dazu https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/nameDetails.html​?language=en&itemId=4749140&ind=3. (Zugriff: 20.08.2023).

[116] Zum Ablauf des Mas­sen­mords in Treb­linka sie­he aus­führ­lich Im Schat­ten von Ausch­witz, S. 98–115.

[117] Die Erin­ne­rungs­blät­ter sind der­zeit off­line. Aber sein Enkel Kurt und sein Uren­kel Lorenz Salo­mon haben in Yad Vas­hem ‚Pages of Tes­tim­o­ny’ für Emil und sei­ne Frau Johan­na /​ Hann­chen Neu­mann hin­ter­legt. Sie­he https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/index.html​?language=en&s_id=&s_lastName=Neumann&s_firstName=Emil&s_place=Wiesbaden&s_dateOfBirth=&cluster=true und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/index.html​?language=en&s_id=&s_lastName=Neumann&s_firstName=Johanna&s_place=Wiesbaden&s_dateOfBirth=&cluster=true. (Zugriff: 20.08.2023).

[118] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 403.

[119] Ebd. S. 307 f.

[120] Ebd. S. 346.

[121] HHStAW 518 713 (25).

[122] Zit. nach Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 354.

[123] HHStAW 518 713 (39). Die­se absur­de Geset­zes­be­stim­mung wur­de spä­ter tat­säch­lich aufgehoben.

[124] HHStAW 18380 (17 f.).

[125] HHStAW 518 713 (143).

[126] Ebd. (63).

[127] Ebd.

[128] HHStAW 519 A‑215 A (17).

[129] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 361. Es wur­de beschie­den, dass er so lan­ge in dem Haus blei­ben dür­fe, bis er sich ander­wei­tig eta­bliert habe.

[130] Ebd. S. 385. Sum­me­rich = Son­nen­berg, Bor­mass war der jüdi­sche Eigen­tü­mer eines gro­ßen Waren­hau­ses in der Innen­stadt, heu­te steht dort das Waren­haus Karstadt.

[131] Ebd. S. 417. Die Geschich­te der Fami­lie von Melit­ta Hill­bren­ner, die selbst aus einer „Misch­ehe“ stamm­te, kann hier nicht geschil­dert wer­den. Ihr Vater, Wil­li Hill­bren­ner, war als Sol­dat im Zwei­ten Welt­krieg ein­ge­setzt, wäh­rend sei­ne katho­lisch getauf­te Frau Edith, gebo­re­ne Bol­des, ihre jüdi­sche Abstam­mung lan­ge ver­ber­gen konn­te. Ihren Brü­dern gelang es, recht­zei­tig Deutsch­land zu ver­las­sen, drei von ihnen gin­gen mit ihren Fami­li­en nach Paläs­ti­na. Sie haben einen beträcht­li­chen Anteil dar­an gehabt, dass Lorenz Samu­el Beck­hardt spä­ter zu sei­ner eige­nen jüdi­schen Iden­ti­tät fin­den konn­te. Sie­he zur Fami­lie Bol­des ebd. S. 451–470.

[132] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 94 /​1962.

[133] Zur Über­tra­gung des Hau­ses sie­he HHStAW 518 18380 (34). Der Mut­ter war ein lebens­lan­ges Wohn­recht im Haus ein­ge­räumt worden.

[134] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz, S. 449.

[135] Ebd. S. 324 f.

[136] Infor­ma­ti­on von Lorenz Beck­hardt vom 22.8.2023.

[137] Ebenso.

[138] Zum Bei­spiel https://​www​.han​sen​berg​.de/news​/werner-lahr-zeitzeuge-der-ns-zeit-zu-gast-am-hansenberg.html, https://​www​.cvos​sietz​ky​.de/uploads​/files​/2017​/Zeitzeugengespra%CC%88ch.pdf und https://​www​.hms​-dtzb​.de/der-jude-mit-dem-hakenkreuz/. (Zugriff: 20.08.2023). Auf den jewei­li­gen Sei­ten sind auch Fotos von Wer­ner Lahr zu finden.

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942