Lanzstr. 6


Lanzstr. 6 heute
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Lanz­str. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Lage Lanzstr 6
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Lanz­str. 6
Bele­gung des Jugend­hau­ses Lanz­str. 6

 

 

 

 

 


Albert und Olga Lucia Mayer, geb. Blum

 

Wie auch bei eini­gen ande­ren Häu­sern ist nicht nach­voll­zieh­bar, wie­so die Vil­la in der Lanz­str. 6 von der NSDAP auf die Lis­te der Juden­häu­ser gesetzt wur­de, war das ursprüng­lich als Ein­fa­mi­li­en­haus kon­zi­pier­te Domi­zil eigent­lich völ­lig unge­eig­net, eine grö­ße­re Zahl von Men­schen unterzubringen.
Die Anla­ge der nach dem ehe­ma­li­gen Wies­ba­de­ner Ober­bür­ger­meis­ter Wil­helm Lanz benann­ten Stra­ße dien­te der Erwei­te­rung des Vil­len­vier­tels, das unter­halb des Wies­ba­de­ner Haus­bergs, dem Ner­oberg, gele­ge­nen war und sich vom Nerot­al aus den son­nen­be­schie­ne­nen Hang hin­auf aus­zu­deh­nen begann. Mit der Errich­tung der soge­nann­ten Grie­chi­schen Kapel­le Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich der Ner­oberg zur beson­de­ren Tou­ris­ten­at­trak­ti­on für die in der Kur­stadt wei­len­den Gäs­te, galt aber auch den ein­hei­mi­schen Bewoh­nern als will­kom­me­nes Aus­flugs­ziel. Zwei Kaf­fee­bu­den und eine klei­ne Hal­le wur­den noch in den 1850er Jah­ren auf der Höhe errich­tet und im sel­ben Jahr, in dem die Lanz­stra­ße ange­legt wur­de, nahm die Ner­oberg­bahn ihren Betrieb auf. Weinberg‑, Ner­oberg- und Lanz­stra­ße bil­de­ten einen Ring, mit dem das Gebiet unter­halb des Ner­obergs für eine attrak­ti­ve Bebau­ung erschlos­sen wer­den konnte.
Auf einem ehe­ma­li­gen Gärt­ne­rei­ge­län­de waren um das Jahr 1890 in der Lanz­stra­ße sechs klei­ne Vil­len mit zwei­ein­halb Geschos­sen erbaut wor­den, die von dem Archi­tek­ten Frorath ent­wor­fen wor­den waren.[1] Lei­der exis­tiert kein Foto des Hau­ses mit der Num­mer 6, das im Krieg völ­lig zer­stört wur­de, aber das bau­glei­che gegen­über­lie­gen­de Gebäu­de hat­te den Krieg unbe­scha­det über­stan­den und ver­mit­telt einen Ein­druck davon, wie gut sich die Num­mer 6 in das Ensem­ble der übri­gen Bebau­ung ein­ge­passt haben wird.

Die Villa in der Lanzstr. 4 war baugleich mit der im Krieg zerstörten Lanzstr. 6 Mit Dank an Herrn D. Schaller
Die Vil­la in der Lanz­str. 4 war bau­gleich mit der im Krieg zer­stör­ten Lanz­str. 6
Mit Dank an Herrn D. Schaller

1930 – am 21. März wur­de der Grund­buch­ein­trag voll­zo­gen — erwarb Olga Lucia May­er, die Ehe­frau des Fabri­kan­ten Albert May­er, die klei­ne Vil­la von der Pri­va­tie­re Dörr,[2] sicher mit dem Ziel, in Wies­ba­den einen geruh­sa­men Lebens­abend ver­brin­gen zu können.

Das Ehe­paar leb­te damals noch in dem thü­rin­gi­schen Mühl­hau­sen, wo Albert May­er Teil­ha­ber einer Tex­til­fir­ma war. In der Steu­er­erklä­rung für das Jahr 1933, die er noch in Mühl­hau­sen ein­reich­te, gab er als Adres­se die dor­ti­ge Erfur­ter Str. 7 an,[3] führ­te unter der Rubrik Grund­ver­mö­gen aber bereits das Haus in Wies­ba­den an. Im Wies­ba­de­ner Adress­buch sind May­ers erst­mals im Band 1932/​33 als Eigen­tü­mer des Hau­ses auf­ge­führt. Zwar wur­den sie im fol­gen­den Jahr 1934/​35 auch als Bewoh­ner des Hau­ses genannt, aber in den wei­te­ren Bän­den der Jah­re 1936/​37 und 1938 fin­det man hin­ter dem Namens­ein­trag in Klam­mern immer nur den Ver­merk „Mühl­hau­sen Thür.“. Tat­säch­lich haben sie aber weder 1934/​35 in Wies­ba­den gewohnt, noch leb­ten sie 1937/​38 noch in Thü­rin­gen. Bereits am 9. Okto­ber 1936 hat­te das Finanz­amt Wies­ba­den von den Kol­le­gen in Mühl­hau­sen die Steu­er­un­ter­la­gen des Ehe­paars May­er ange­for­dert, für die es durch deren Umzug vom 1. Okto­ber 1936 nun zustän­dig sei.[4] Von daher erklärt sich, dass bei­de nicht im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 auf­ge­führt sind, ver­wun­der­lich ist aber, dass dar­in auch das Haus selbst nicht als eines in jüdi­schem Besitz genannt wird. Tat­säch­lich gehör­te es nicht Albert May­er, wie es eben­falls fälsch­li­cher­wei­se in den städ­ti­schen Adress­bü­chern heißt, son­dern sei­ner Frau Olga, wie ein­deu­tig dem Kauf­ver­trag, dem Grund­buch­ein­trag und auch den Steu­er­erklä­run­gen zu ent­neh­men ist.

Stammbaum Blum Mayer
Stamm­bäu­me der Fami­li­en Blum und May­er
GDB

Der jewei­li­ge fami­liä­re Hin­ter­grund bei­der Ehe­part­ner ist recht kom­pli­ziert und konn­te bis­her nicht voll­stän­dig auf­ge­klärt wer­den. Obwohl es für bei­de bereits die zwei­te Ehe war, scheint es den­noch einen gemein­sa­men genea­lo­gi­schen und auch geo­gra­phi­schen Hin­ter­grund gege­ben zu haben. Die meis­ten Fami­li­en­mit­glie­der stamm­ten aus dem pfäl­zi­schen Raum. Albert May­er wur­de aller­dings am 13. Dezem­ber 1869 in Groß­bo­cken­heim bei Worms gebo­ren, was aber auch nicht all­zu weit von der Wein­stra­ße ent­fernt liegt. In Bocken­heim war die Fami­lie May­er schon seit meh­re­ren Gene­ra­tio­nen ansäs­sig, man­che Zwei­ge leb­ten in Groß‑, ande­re in Klein­bo­cken­heim. Alberts Eltern Moses und Mar­tha May­er, gebo­re­ne Löb, zogen offen­bar nach der Geburt von Albert von Groß- nach Klein­bo­cken­heim, denn dort wur­den mit Regi­na und Otto die wei­te­ren bekann­ten Kin­der des Paa­res gebo­ren, Regi­na am 2. Sep­tem­ber 1871 und Otto am 28. März 1875.[5]

Am 13. Juli 1897 hei­ra­te­te Albert May­er zunächst die am 7. Okto­ber 1872 in Straß­burg zur Welt gekom­me­ne Marie Levy.[6] Ihre Mut­ter Sara Levy, gebo­re­ne Blum, stamm­te aller­dings aus Herx­heim bei Land­au in der Pfalz. Dort war sie am 7. Dezem­ber 1843 als Toch­ter und eines von ins­ge­samt elf Kin­dern von Leon und Jea­nette /​ Johan­na Blum gebo­ren wor­den. In einem „Handels‑, Adress- und Fir­men­buch des König­reichs Bay­ern“ aus dem Jahr 1864, wozu die Pfalz damals gehör­te, fin­det man einen Leon Blum, der als Hanf­händ­ler in Herx­heim ein Geschäft betrieb. Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich um Marie Levys Groß­va­ter, ver­mut­lich aber eher um einen Onkel, denn er wird dort als „Leon Blum juni­or“ bezeich­net. Ein Sig­mund Blum betrieb einen Mehl- und Spe­ze­rei­han­del und ein Wolf­gang Blum ver­kauf­te eben­falls Spe­ze­rei­en, aber auch Tuche, Garn und Bän­der — ver­mut­lich waren bei­de Brü­der von Leon juni­or.[7] Ein wei­te­rer Sohn von Leon und Jea­nette Blum war Samu­el, gebo­ren am 10. Dezem­ber 1937, eben­falls in Herx­heim.[8] Er wur­de spä­ter der Schwie­ger­va­ter von Albert May­ers Bru­der Otto.[9]

Marie Levys Groß­mutter Jea­nette Blum war eben­falls eine gebo­re­ne Levy. Auch wenn das wohl einer der häu­figs­ten jüdi­schen Namen ist, so ist es den­noch sicher kein Zufall, dass Alex­an­der, der Ehe­mann von Sara Blum, eben­falls mit Nach­na­men Levy hieß. Er war am 14. Juli 1823 in Straß­burg zur Welt gekom­men.[10] Sara Blum war die zwei­te Frau von Alex­an­der Levy. Zuvor war er mit ihrer älte­ren Schwes­ter Esther Blum, gebo­ren am 24. Juni 1837 in Land­au, ver­hei­ra­tet gewe­sen. In die­ser Ehe waren meh­re­re Kin­der als ihre Halb­ge­schwis­ter gebo­ren wor­den.[11] Sie selbst war ver­mut­lich das ein­zi­ge Kind aus der zwei­ten Ehe von Alex­an­der Levy.[12]

Meldekarte Mayer Frankfurt
Mel­de­kar­te der Fami­lie May­er in Frank­furt /​ M.
ISG_A.12.02_M03703

Bereits etwa zwei Wochen vor ihrer Hei­rat hat­ten sich Albert May­er und Marie Levy am 1. Juli 1897 in Frank­furt mit der Adres­se Unter­lin­dau 73a ange­mel­det.[13] Dem Ein­trag ist zu ent­neh­men, dass Marie Levy bis­her in Straß­burg, ihr Ehe­mann im weit ent­fern­ten Mühl­hau­sen in Thü­rin­gen gewohnt hat­te. Allein die­se gro­ße Ent­fer­nung lässt dar­auf schlie­ßen, dass beim Zustan­de­kom­men der Ehe, wenn nicht gar eine Kupp­le­rin, dann wahr­schein­lich ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dun­gen eine Rol­le gespielt haben wer­den. Seit wann Albert May­er in Thü­rin­gen leb­te und arbei­te­te, ist nicht bekannt. Aber es ist nicht unwahr­schein­lich, dass sein Umzug nach Frank­furt schon im Auf­trag der Fir­ma statt­fand, in deren Dienst er spä­ter stand und an der er auch mit Kapi­tal betei­ligt war. Als Beruf von Albert May­er ist sowohl in den Mel­de­un­ter­la­gen, als auch in den Frank­fur­ter Adress­bü­chern zunächst all­ge­mein Kauf­mann ange­ge­ben, im fol­gen­den Jahr wird er im Adress­buch dann als Agent für Baum­wol­le bezeich­net und 1903 heißt es, er sei Pro­ku­rist. Zwar ist nicht ver­merkt, für wel­che Fir­ma er die­se Funk­ti­on aus­üb­te, aber ab 1915 wird er erst­mals als Inha­ber der Fir­ma „M. Bon & Co, Mühl­hau­sen“ im Frank­fur­ter Adress­buch auf­ge­führt. Es liegt daher nahe, dass er für die­se Fir­ma schon seit sei­ner Zeit in Mühl­hau­sen tätig war.
Nach sei­nem Umzug war Albert May­er, der ursprüng­lich die baye­ri­sche Staats­bür­ger­schaft besaß, am 3. Janu­ar 1908 in den Preu­ßi­schen Staats­ver­band auf­ge­nom­men wor­den.[14] Schon eini­ge Jah­re zuvor hat­te sich mit der Geburt der Toch­ter Mar­cel­le am 18. Febru­ar 1900 in Frank­furt die Fami­lie ver­grö­ßert.[15] Seit 1913 wohn­te sie dann in der Öst­li­chen Fürs­ten­berg­str. 169 im zwei­ten Stock.

Bis 1918 fin­det man die­sen gleich­lau­ten­den Ein­trag in den Adress­bü­chern, dann, kurz vor dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs, zog Albert May­er mit sei­ner Fami­lie am 4. Okto­ber 1918 wie­der zurück nach Mühl­hau­sen.[16] Auch die Toch­ter Mar­cel­le, die sich zuvor im Som­mer 1915 als 15-Jäh­ri­ge von Frank­furt für zwei Jah­re nach Kirn an der Nahe – mög­li­cher­wei­se für eine Leh­re – abge­mel­det hat­te, kam jetzt mit nach Thüringen.

Sterbeeintrag von Marie Mayer, geb. Levy 105 / 1923
Ster­be­ein­trag von Marie May­er, geb. Levy
Ster­be­re­gis­ter Mühl­hau­sen 105 /​ 1923

Am 16. Mai 1922 hei­ra­te­te sie dort Hans Joseph Blank – mit­un­ter auch Blanc geschrie­ben –, der am 4. Janu­ar 1900 in Olden­burg zur Welt gekom­men war.[17] Noch in Mühl­hau­sen war dem Paar am 6. Sep­tem­ber 1926 eine Toch­ter gebo­ren wor­den, deren Name aber nicht ermit­telt wer­den konn­te.[18] Das Paar leb­te spä­ter in der Zeit vor sei­ner Aus­wan­de­rung in Ber­lin-Char­lot­ten­burg.[19] Nur ein Jahr nach der Ehe­schlie­ßung von Mar­cel­le und zehn Jah­re bevor mit der „Macht­er­grei­fung“ der Nazis die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung der Juden auch in Mühl­hau­sen begann, ver­starb am 19. Febru­ar 1923 ihre Mut­ter Marie.[20]

Mühl­hau­sen, die Stadt, in der Albert May­er auch nach dem Tod sei­ner Frau wei­ter­hin vie­le Jah­re sei­nes Lebens ver­brach­te, ist unwei­ger­lich mit den Ereig­nis­sen wäh­rend des Bau­ern­kriegs, beson­ders aber mit dem Wir­ken des Refor­ma­tors Tho­mas Münt­zer ver­knüpft.[21] Juden gab es dort schon seit dem 13. Jahr­hun­dert. Ver­trei­bun­gen und Pogro­me gehör­ten auch hier seit Jahr­hun­der­ten zur immer wie­der­keh­ren­den Erfah­rung der Men­schen mosai­schen Glau­bens. Wie über­all wur­den sie über vie­le Jahr­hun­der­te als Mit­be­woh­ner min­de­ren Rechts dis­kri­mi­niert und oft auch gehasst, ande­rer­seits war man aber in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht immer auch auf sie ange­wie­sen.[22] Erst durch die Ver­brei­tung des Code Napo­lé­on in dem damals zum König­reich West­fa­len gehö­ren­den Gebiet um Mühl­hau­sen erlang­ten sie dann eine recht­li­che Gleich­stel­lung. Eini­ge Juden dank­ten es den Fran­zo­sen auch dadurch, dass sie ihren neu­en Fami­li­en­na­men, den anzu­neh­men sie im Zuge der Ver­wal­tungs­re­for­men auch gezwun­gen waren, einen fran­zö­si­schen Klang ver­lie­hen. So wur­de etwa aus der dort ansäs­si­gen Fami­lie Oppen­hei­mer Oppé.[23]

Mühl­hau­sen in Thüringen

1806 wur­de auch erst­mals eine eige­ne jüdi­sche Gemein­de in der Stadt gegrün­det. Schon unter den ältes­ten über­lie­fer­ten Gemein­de­vor­ste­hern des Jah­res 1822 ist neben einem Oppé auch ein Bon genannt,[24] der selbst oder einer sei­ner Nach­kom­men mit Sicher­heit zu den Grün­dern des Unter­neh­mens gehör­te, an dem spä­ter Albert May­er als Kom­man­di­tist betei­ligt war. Da die Fran­zo­sen aber nicht nur als Befrei­er, son­dern auch als Erobe­rer gekom­men waren, schlug auch die Hal­tung der Juden ihnen gegen­über bald um. Seit’ an Seit’ kämpf­ten sie mit ihren christ­li­chen Volks­ge­nos­sen in den Befrei­ungs­krie­gen, die den Deut­schen zwar die Befrei­ung vom fran­zö­si­schen Joch brach­ten, den Juden aber wie­der den Ver­lust ihrer recht­li­chen Gleich­stel­lung. Die erhiel­ten sie erst 1869 wie­der, nach­dem auch Thü­rin­gen im Zuge der Bis­marck­schen Reichs­ei­ni­gungs­po­li­tik in den preu­ßi­schen Macht­be­reich ein­ge­bun­den wur­de. Auf die wei­ter­hin fak­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung im All­tags­le­ben hat­te das aller­dings nur mar­gi­na­le Auswirkungen.
Mit den Grün­der­jah­ren fan­den aber immer mehr Juden, die bis­her weit­ge­hend die typi­schen Beru­fe des Land­ju­den­tums – Vieh- und ambu­lan­ten Tex­til- oder Land­han­del – aus­ge­übt hat­ten, ihr Ein­kom­men auch als Ärz­te und Anwäl­te im Sek­tor aka­de­mi­scher Dienst­leis­tun­gen oder in der wach­sen­den mit­tel­stän­di­schen Indus­trie. So waren aus der tra­di­ti­ons­rei­chen, frü­her ver­lags­mä­ßig orga­ni­sier­ten Tuch­pro­duk­ti­on in und um Mühl­hau­sen die Webe­rei­en ‚Oppé’ und als größ­tes jüdi­sches pro­du­zie­ren­des Unter­neh­men der Stadt die Webe­rei ‚Bon & Co.’ her­vor­ge­gan­gen.[25] Aller­dings hat­te zumin­dest die letzt­ge­nann­te Fir­ma, die bereits 1853 gegrün­det wor­den war, auch bis ins zwan­zigs­te Jahr­hun­dert zumin­dest par­ti­ell an der vor­in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­wei­se fest­ge­hal­ten, wie ein lang­jäh­ri­ger Geschäfts­part­ner im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren erläu­ter­te. In den umlie­gen­den Dör­fern sei­en bis zuletzt etwa 600 bis 1000 Weber in Heim­ar­beit beschäf­tigt gewe­sen. In Mühl­hau­sen selbst habe es wei­te­re Arbei­ter, über deren Anzahl er kei­ne Anga­ben mach­te, und etwa 30 Ange­stell­te gege­ben. Pro­du­ziert wur­den wol­le­ne und halb­wol­le­ne Frau­en­klei­der­stof­fe von ein­fa­cher Qua­li­tät, die bei der bäu­er­li­chen und pro­le­ta­ri­schen Bevöl­ke­rung rei­ßen­den Absatz fan­den und sogar ins Aus­land expor­tiert wor­den sei­en.[26]
Etwa 160 Jüdin­nen und Juden bewohn­ten zur Zeit der Reichs­grün­dung die Stadt, die sich weit­ge­hend zum Reform­ju­den­tum bekann­ten und sich auch den Tra­di­tio­nen der Mehr­heits­ge­sell­schaft anzu­pas­sen ver­such­ten, was z. B. dar­an deut­lich wird, dass man das Cha­nuk­ka­fest mit Weih­nachts­bäu­men fei­er­te. Ein Reprä­sen­tant der alten jüdi­schen Fami­lie Bon, Hein­rich Bon, trat 1908 sogar aus der jüdi­schen Gemein­de aus.[27] Das änder­te sich auch nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs, in dem auch eini­ge jüdi­sche Bür­ger der Stadt ihr Leben ver­lo­ren hat­ten, trotz der anti­se­mi­tisch aus­ge­rich­te­ten Dolch­stoß­le­gen­de nicht wirk­lich. Juden fühl­ten sich auch in Mühl­hau­sen pri­mär als Deut­sche. Der beken­nen­de Zio­nist Max Rose­nau, der 1924 als Rab­bi in die Gemein­de kam, fand mit sei­nen poli­ti­schen Ansich­ten kaum Gehör. Wesent­lich für die Iden­ti­tät und die Lebens­ge­stal­tung blieb der sozia­le Sta­tus, nicht die Reli­gi­on. Die meis­ten Juden leb­ten eher in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen, aber es gab auch die Grup­pe der Kauf­leu­te und Fabri­kan­ten, die sich zum geho­be­nen Bür­ger­tum der Stadt zähl­ten.[28] Zu die­ser Schicht gehör­te zwei­fel­los auch die zuge­wan­der­te Fami­lie May­er. Ob sie sich auch in der jüdi­schen Gemein­de enga­gier­te, ist nicht bekannt, aber allein durch die von ihr erbrach­ten Steu­ern wur­de die Gemein­de in ihrer Arbeit unter­stützt. Einer Auf­lis­tung der jüdi­schen Steu­er­zah­ler aus dem Jahr 1921 ist zu ent­neh­men, dass Albert Mey­er (sic!) mit sei­ner Steu­er­leis­tung an die Stadt aber auch die jüdi­sche Gemein­de damals mit 360 Mk, bzw. 216 Mk im Mit­tel­feld lag. Aber nur sie­ben der ins­ge­samt 65 jüdi­schen Steu­er­zah­ler hat­ten eine staat­li­che Abga­be von mehr als 1.000 Mark auf­zu­brin­gen.[29]
Und selbst­ver­ständ­lich gab es trotz aller Assi­mi­lie­rungs­be­stre­bun­gen auch in den Jah­ren vor der Nazi-Herr­schaft Flug­schrif­ten, die zum Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te auf­rie­fen. Im Fokus stand das 1908 errich­te­te ers­te gro­ße Kauf­haus der jüdi­schen Fami­lie Eck­mann in zen­tra­ler Lage der Stadt,[30] spä­ter tra­fen die Auf­ru­fe das 1927 errich­te­te Kauf­haus Manas­se, das zum Scho­cken-Kon­zern gehör­te, und die Filia­le der auch in Wies­ba­den ansäs­si­gen Kauf­haus­ket­te Bor­mass.[31]

Waren aber die ers­ten Jah­re der Wei­ma­rer Repu­blik auch in Mühl­hau­sen den­noch zunächst von den lin­ken Par­tei­en geprägt, so stell­ten auch dort bald die bür­ger­li­chen Par­tei­en die Mehr­heit im poli­ti­schen Spek­trum der Stadt. Der Jude Georg Kop­pel, Kom­pa­gnon der Fir­ma ‚M. Bon & Co.’ und Mit­glied des libe­ra­len ‚Bür­ger­ver­eins’ hat­te schon 1919 für sei­ne Grup­pie­rung ein Man­dat im Stadt­par­la­ment gewon­nen.[32] Erst Ende der 20er Jah­re fand die 1925 in Mühl­hau­sen gegrün­de­te NSDAP-Orts­grup­pe stär­ke­ren Zuspruch und erreich­te 1932 bei den Reichs­prä­si­den­ten­wah­len erst­mals eine abso­lu­te Mehr­heit.[33]

1933 began­nen auch in dem thü­rin­gi­schen Städt­chen die übli­che Het­ze, die sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung und dann auch die Ver­fol­gung der jüdi­schen Mit­bür­ger und Geschäfts­leu­te. Aus der alten Jüden­stra­ße wur­de die Horst-Wes­sel-Stra­ße, neben der Syn­ago­ge ver­brei­te­te ein Stür­mer-Kas­ten sei­ne anti­se­mi­ti­schen Gräu­el­ge­schich­ten, im benach­bar­ten Lan­gen­sal­za wur­de Hun­den und Juden der Zutritt des Bades ver­wehrt und immer mehr jüdi­sche Geschäfts­leu­te gaben ange­sichts der per­ma­nen­ten Boy­kott­dro­hun­gen auf, ver­lie­ßen die Stadt oder sogar das Land.[34]

Auch die Fir­ma ‚Bon & Co.’ litt unter der anti­se­mi­ti­schen Pro­pa­gan­da, so ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter, wenn­gleich sich dies in den Umsatz­zah­len so nicht wider­spie­gelt. Aller­dings sind Zah­len aus den Zwan­zi­ger­jah­ren nicht bekannt und die vor­han­de­nen der Jah­re 1933 bis 1935 müs­sen vor dem Hin­ter­grund der gera­de über­wun­de­nen Welt­wirt­schafts­kri­se bewer­tet wer­den. 1933 wur­den ein Umsatz von etwa 320.000 RM und ein Gewinn von 13.600 RM erzielt. Im fol­gen­den Jahr stie­gen die Umsät­ze sogar auf über 440.000 RM an, der Gewinn auf 60.000 RM, um dann aber 1935 wie­der auf 360.000 RM Umsatz und 23.000 RM Gewinn zurück­zu­ge­hen.[35] Trotz die­ser Zah­len ent­schlos­sen sich die Eigen­tü­mer, das Unter­neh­men zum Ende des Jah­res 1935 zu ver­äu­ßern. Ganz sicher hat­ten sie die all­ge­mei­ne poli­ti­sche Stim­mung in Deutsch­land damals rich­tig ein­ge­schätzt und den dau­er­haf­ten Bestand ihrer Fir­ma als illu­sio­när ange­se­hen. Im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren erweck­ten die Zah­len und auch die­se frü­he Ent­schei­dung hin­ge­gen Zwei­fel an der Tat­sa­che, dass es sich hier um eine zu ent­schä­di­gen­de Ari­sie­rung, d.h. auch um eine Beschrän­kung im wirt­schaft­li­chen Vor­an­kom­men, gehan­delt habe.[36] Die Zwei­fel konn­ten erst durch die eides­statt­li­chen Erklä­run­gen zwei­er Zeu­gen aus­ge­räumt wer­den. Die Eigen­tü­mer hät­ten damals die Fir­ma in der ‚Frank­fur­ter Zei­tung’ zum Ver­kauf ange­bo­ten, um noch eine mög­lichst gro­ße Sum­me Gel­des dafür zu erhal­ten. Tat­säch­lich fand sich so ein Käu­fer namens Schmidt aus dem Schwarz­wäl­der Zell, der bereit war, 144.000 RM für das Unter­neh­men zu zah­len. Der am 4. Juli 1936 geschlos­se­ne Ver­trag soll­te rück­wir­kend zum 1. Janu­ar 1936 in Kraft tre­ten. 100.000 RM waren bereits gezahlt, die Rest­sum­me soll­te ver­zinst in den fol­gen­den Mona­ten begli­chen wer­den.[37] Ein Drei­vier­tel­jahr spä­ter wur­den die­se Abma­chun­gen durch einen gericht­li­chen Ver­gleich aber wie­der auf­ge­ho­ben. Die Fir­ma soll­te mit den bereits gezahl­ten 100.000 RM in Besitz des neu­en Eigen­tü­mers über­ge­hen.[38]

Hin­ter­grund die­ser neu­en Rege­lung soll nach Aus­sa­ge eines dama­li­gen Mit­ar­bei­ters eine ange­droh­te Betrugs­an­zei­ge von Schmidt gegen die alten Eigen­tü­mer wegen eines Bilanz­feh­lers von 2.000 RM gewe­sen sein.[39] Um eine sol­che Ver­ur­tei­lung, die in die­ser Zeit für Juden unab­seh­ba­re Fol­gen haben konn­te, zu ver­mei­den, stimm­ten Albert May­er und sein Kom­pa­gnon Georg Kop­pel dem Ver­gleich zu und ver­zich­te­ten auf fast ein Drit­tel der eigent­lich ver­ab­re­de­ten Sum­me. Spä­tes­tens mit die­sem Ver­gleich, der nur vor dem Hin­ter­grund des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts­staats zustan­de kom­men konn­te, war der Ver­kauf des Unter­neh­mens unzwei­fel­haft zu einer Ari­sie­rung geworden.

Noch bevor die Jah­re der Ver­fol­gung begon­nen hat­ten, war vier Jah­re nach dem Tod sei­ner ers­ten Frau, eine neue Ehe mit der eben­falls ver­wit­we­ten Olga Lucia Bau­erle, gebo­re­ne Blum, ein­ge­gan­gen.[40] Sie stamm­te, wie sei­ne ers­te Frau, eben­falls aus dem Elsass, war aller­dings am 7. Mai 1876 im dor­ti­gen Ben­feld zur Welt gekom­men. Auf­grund ihres Geburts­na­mens liegt die Ver­mu­tung nahe, dass auch sie aus dem fami­liä­ren Umfeld der Blums aus Herx­heim kam. Aller­dings sind nur die Namen ihrer Eltern, Joshua und Emi­lie Sophie Blum, gebo­re­ne Koch, bekannt,[41] sodass eine sol­che Ver­bin­dung bis­her nicht kon­kret rekon­stru­iert wer­den konnte.

Wo Albert und Olga May­er die Ehe geschlos­sen hat­ten, konn­te bis­her aller­dings nicht ermit­telt wer­den. Es steht nur fest, dass dies nicht in Mühl­hau­sen geschah.[42] Obwohl Albert May­er als Fabri­kant finan­zi­ell abge­si­chert war, kam auch ein beträcht­li­cher Teil des gemein­sa­men Ver­mö­gens von­sei­ten sei­ner Frau. Durch ihre ers­te Ehe mit Franz Bau­erle, dem Eigen­tü­mer einer Koh­len­groß­hand­lung in Stutt­gart, war ihr nach des­sen frü­hem Tod ein nicht unbe­trächt­li­ches Ver­mö­gen zuge­fal­len. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit war ihr Mann nicht jüdi­schen Glau­bens, son­dern evan­ge­lisch getauft.[43] Zwar war sie selbst von ihrer Her­kunft her jüdisch, ver­mut­lich aber im Rah­men der ers­ten Ehe­schlie­ßung dann selbst zum evan­ge­li­schen Glau­ben kon­ver­tiert.[44]
Wann sie zur Wit­we wur­de, konn­te zeit­lich nur ein­ge­grenzt, nicht aber exakt bestimmt wer­den. Im Adress­buch von Stutt­gart, wo das Paar leb­te und wo auch die Fir­ma ange­sie­delt war, fin­det man in der Aus­ga­be von 1920 die Anga­be, dass sich die Koh­len­hand­lung selbst in der Hegel­str. 14, die Woh­nung des Eigen­tü­mers aber in der Zep­pe­lin­str. 153 befin­den wür­de. Fünf Jah­re spä­ter ist nur noch die Fir­ma als Kom­man­dit­ge­sell­schaft mit dem per­sön­lich haf­ten­den Gesell­schaf­ter Karl Ingel­fin­ger ein­ge­tra­gen, Olga Bau­erle, Wit­we, wohn­te aber wei­ter­hin in der Zep­pe­lin­stra­ße. Im Zeit­raum zwi­schen 1920 und 1925 wird ihr Ehe­mann dem­nach ver­stor­ben sein.

Das gemein­sa­me Ver­mö­gen von Albert und Olga May­er belief sich im Jahr 1935 auf rund 215.000 RM.[45] Der Anteil von Albert May­er an der Woll­we­be­rei, die mit einem Ein­heits­wert von 160.000 RM taxiert wor­den war, betrug etwas weni­ger als 50 Pro­zent. Sei­ne Frau besaß als Kom­man­di­tis­tin einen etwa gleich­gro­ßen Anteil an der Koh­len­groß­hand­lung Bau­erle in Stutt­gart, also eben­falls etwa 80.000 RM, hin­zu kam bei ihr noch das Haus in der Lanz­stra­ße, das einen Ein­heits­wert von knapp 24.000 RM hat­te.[46]

Der Ver­kauf der Mühl­hau­se­ner Fir­ma hat­te das zustän­di­ge Finanz­amt zum Anlass genom­men, die dor­ti­ge Poli­zei zu infor­mie­ren und sie um eine schär­fe­re Über­wa­chung des Ehe­paars May­er zu bit­ten. Man wis­se nicht, was Albert May­er mit dem Erlös gemacht habe, aber er ste­he im Ver­dacht, aus Deutsch­land aus­wan­dern und das Kapi­tal ent­ge­gen den Devi­sen­be­stim­mun­gen ille­gal ins Aus­land trans­fe­rie­ren zu wol­len, um sich der dann fäl­li­gen Reichs­flucht­steu­er zu entziehen:
“Um Ver­lus­te bei die­ser Abga­be zu ver­mei­den, ist es ange­bracht, die Aus­wan­de­rungs­ab­sich­ten­des M. tun­lichst zu erfor­schen, damit recht­zei­tig die nöti­gen Schrit­te zwecks Sicher­stel­lung des Steu­er­ein­gan­ges getrof­fen wer­den können.“
Als Indiz für sol­che Plä­ne wur­de die Abwe­sen­heit von Hans Blank, dem Schwie­ger­sohn des Steu­er­pflich­ti­gen, gewer­tet. Er hal­te sich – wo genau, war nicht bekannt oder ist zumin­dest nicht genannt – der­zeit „zwecks Infor­ma­ti­on“ im Aus­land auf.[47]
Zwar teil­te die Poli­zei im Juli 1936 der Finanz­be­hör­de mit, dass ihr kei­ne Infor­ma­tio­nen vor­lä­gen, aus denen Aus­wan­de­rungs­ab­sich­ten von Albert May­er her­vor­ge­hen wür­den. Die Ehe­leu­te besä­ßen aller­dings Rei­se­päs­se, die bis Früh­jahr 1937 bzw. 1938 gül­tig sei­en, wes­halb man deren Gül­tig­keit vor­sorg­lich bis zum Ende des lau­fen­den Jah­res limi­tie­ren wer­de.[48] Unab­hän­gig davon war das Finanz­amt Mühl­hau­sen bereits im Monat zuvor aktiv gewor­den und hat­te einen Betrag von 46.500 RM als Sicher­heits­leis­tung für eine even­tu­ell fäl­li­ge Reichs­flucht­steu­er gefor­dert, die inner­halb von 5 Tagen bereit­zu­stel­len war.[49]

Ganz offen­sicht­lich hat­te das Ehe­paar tat­säch­lich damals Flucht- bzw. Aus­rei­se­über­le­gun­gen ange­stellt. Wie aus einem Schrei­ben der Reichs­flucht­steu­er­stel­le des Finanz­amts Wies­ba­den vom 25. Mai 1937 her­vor­geht, hat­ten die bei­den dort eine steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung bean­tragt und um deren „als­bal­di­ge“ Zusen­dung gebe­ten. Der Aus­stel­lung die­ses For­mu­lars, das Vor­aus­set­zung für die Ertei­lung eines Rei­se­pas­ses und damit der lega­len Aus­rei­se war, sprach inso­fern nichts ent­ge­gen, als sie der im Jahr zuvor gefor­der­ten Sicher­stel­lung der Reichs­flucht­steu­er durch die Über­ga­be von Wert­pa­pie­ren im Wert von 10.000 RM und zudem durch den Ein­trag einer Siche­rungs­hy­po­thek über 26.000 RM auf das Haus in Wies­ba­den im Grund­buch nach­ge­kom­men waren.[50] Die­ser Antrag ist aller­dings der ein­zi­ge Hin­weis dar­auf, dass Albert und Olga May­er eine Aus­rei­se aus Deutsch­land plan­ten. Zwar hat­ten sie Mühl­hau­sen inzwi­schen ver­las­sen und waren nach Wies­ba­den gezo­gen, ver­mut­lich in der irri­gen Hoff­nung, dort mit ihrem erspar­ten Ver­mö­gen, zurück­ge­zo­gen in einer klei­nen Vil­la, vor Atta­cken, wie sie sie in Mühl­hau­sen erle­ben muss­ten, ver­schont zu bleiben.
Laut Aus­kunft ihres Steu­er­be­ra­ters besa­ßen May­ers 1937 noch ein Gesamt­ver­mö­gen von knapp 143.000 RM, hat­ten somit gegen­über dem Jahr 1935 Ver­lus­te von etwa 43.000 RM hin­neh­men müs­sen. Nicht nur die Ver­lus­te beim Ver­kauf des Betriebs waren dafür ver­ant­wort­lich, son­dern auch Steu­ern in der Höhe von 10.000 RM hat­ten sie an das Reich zah­len müs­sen.[51] Die sonst übli­chen Vor­tei­le, die die Steu­er­last min­der­ten, waren den Juden längst gestri­chen wor­den. Um eine Neu­be­rech­nung der Ver­mö­gens­steu­er­vor­aus­zah­lun­gen und auch der Reichs­flucht­steu­er kämpf­ten sie lan­ge vergeblich.

Leon Blum, Jeanette Levy Blum, Esther Blum Levy, Alexander Levy, Sara Blum Levy, Otto Mayer, Paula Löwenstein Mayer, Regina Mayer, Albert Mayer, Moses Mayer, Martha Löb Mayer, Josua Blum, Emilie Blum Mayer, Olga Lucia Blum Mayer, Robert Blum, Hedwig Blum, Maria Levy, Hans Blank, Mardelle Mayer Blank, Judenhäuser Wiesbaden, Judenhaus, Lanzstr. 6, Klaus Flick
Siche­rungs­an­ord­nung gegen Alfred May­er
HHStAW 519/​3 4659 (4)

Nach ihrem Umzug in die hes­si­sche Kur­stadt über­nah­men die dor­ti­gen Behör­den ihre Über­wa­chung. Im Som­mer 1938 for­der­te die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz eine vor­läu­fi­ge Siche­rungs­an­ord­nung, wodurch dem Ehe­paar die freie Ver­fü­gung über ihr Ver­mö­gen ent­zo­gen wur­de. Im Sep­tem­ber 1938 wur­de die­se Anord­nung von der Devi­sen­stel­le in Frank­furt bestä­tigt. Das betraf nicht nur die Kon­ten und Depots. Auch im Fal­le des Ver­kaufs der Immo­bi­lie oder von Unter­neh­mens­an­tei­len waren die ent­spre­chen­den Erlö­se auf das gesi­cher­te Kon­to ein­zu­zah­len. Nur über die Erträg­nis­se, d.h. die Zin­sen der Papie­re, soll­ten sie frei ver­fü­gen kön­nen.[52] Ende Sep­tem­ber 1938 wur­de ihnen dann ein fes­ter monat­li­cher Frei­be­trag von 1.200 RM geneh­migt – eine Sum­me, die das Vier­fa­che des sonst übli­chen Betra­ges aus­mach­te.[53]
Begrün­det wur­de die Maß­nah­me wei­ter­hin mit der Ver­mu­tung, Albert und Olga May­er wür­den noch immer pla­nen, Deutsch­land zu ver­las­sen. Inzwi­schen – laut Anga­be der Zoll­fahn­dungs­stel­le im Jahr 1935 – war offen­sicht­lich Mar­cel­le Blank mit ihrem Mann Hans nach Paläs­ti­na aus­ge­wan­dert und Albert May­ers Schwes­ter Regi­na leb­te seit acht Jah­ren, also seit 1930, in Brüs­sel.[54]

Vermögensaufstellung für Olga Mayer im Dez. 1938 durch ihren Mann HHStAW 685 560b (5)
Ver­mö­gens­auf­stel­lung für Olga May­er im Dez. 1938 durch ihren Mann
HHStAW 685 560b (5)

Nach der Reichs­po­grom­nacht erfolg­te mit dem Ein­zug der soge­nann­ten „Süh­ne­leis­tung“ für die vom Nazi-Mob ange­rich­te­ten Schä­den der nächs­te Schritt im Raub­zug an den jüdi­schen Ver­mö­gen, so auch bei dem Ehe­paar May­er. Laut dem ent­spre­chen­den Berech­nungs­bo­gen für Albert May­er besaß die­ser Ende Dezem­ber 1938 noch ein Ver­mö­gen von etwas mehr als 36.000 RM, von dem er zunächst ein Fünf­tel, d.h. 7.200 RM in vier Raten abzu­ge­ben hat­te.[55]
Das Ver­mö­gen sei­ner Frau war erheb­lich grö­ßer und belief sich laut einer Auf­stel­lung von Albert May­er vom 5. Dezem­ber 1938 auf 120.000 RM, wobei der Wert des Hau­ses jetzt mit 45.000 RM – der Wert war in kur­zer Zeit fast um das Dop­pel­te gestie­gen – und der ihres Fir­men­an­teils in Stutt­gart mit 60.000 RM den größ­ten Teil aus­mach­ten. Wert­pa­pie­re und Spar­gut­ha­ben bil­de­ten den Rest.[56] Zwar ist der Berech­nungs­bo­gen für ihre Ver­pflich­tun­gen nicht mehr in den Akten auf­find­bar, aber es steht außer Zwei­fel, dass auch sie die ent­spre­chen­de Sum­me, es muss sich um etwa 20.000 RM gehan­delt haben, hat­te zah­len müs­sen.[57] Als näm­lich Ende 1939 die 5. Rate ein­ge­for­dert wur­de, bat Albert May­er zunächst dar­um, ihm die­se Rate zu erlas­sen, da er nicht mehr über genü­gen­de liqui­de Mit­tel ver­fü­gen wür­de. Er habe auf Ver­lan­gen des Finanz­amts alles Bar­ver­mö­gen und alle Wert­pa­pie­re ein­setz­ten müs­sen, um auch die an sei­ne Frau gerich­te­ten For­de­run­gen, die selbst über kei­ne flüs­si­gen Mit­tel ver­füg­te, bezah­len zu kön­nen.[58] Wie zu erwar­ten wur­de der Antrag abge­lehnt. Es blieb Olga May­er daher kei­ne ande­re Wahl, als sich von ihrem Anteil an der Fir­ma Bau­erle zu tren­nen, um so an liqui­de Mit­tel her­an­zu­kom­men. Die Ein­la­ge, die, obwohl nicht voll­stän­dig ein­ge­zahlt, den­noch einem Kapi­tal­an­teil von 72.000 RM ent­sprach, durf­te sie auf Inter­ven­ti­on des Kreis­wirt­schafts­be­ra­ters der NSDAP nicht zu dem eigent­lich bereits 1938 ver­ein­bar­ten Betrag von 75.000 RM ver­äu­ßern. Erst im Sep­tem­ber 1940 kam dann ein Über­ein­kom­men zustan­de, laut dem nur noch 60.000 RM an Olga May­er für deren Antei­le gezahlt wer­den muss­ten.[59] Ver­ant­wort­lich für die­se Min­de­rung von 15.000 RM war aber nicht der Käu­fer, son­dern der NS-Staat. Wie aus einem Schrei­ben der Hugo Stin­nes AG vom 12. Sep­tem­ber 1940 her­vor­geht, ver­lang­te die „Würt­tem­ber­gi­sche Wirt­schafts­bank“ die­sen Dif­fe­renz­be­trag als Aus­gleichs­ab­ga­be zu Guns­ten des Deut­schen Reichs. Die AG riet Olga May­er drin­gend, dem Ver­trag zuzu­stim­men, da sie bei einem ande­ren Käu­fer ver­mut­lich noch weni­ger zu erwar­ten habe.[60]
In einem ande­ren Schrei­ben des Unter­neh­mens wur­de aus dem Rat eine deut­li­che Dro­hung. Der bis­he­ri­ge Mit­ge­sell­schaf­ter im Unter­neh­men, die Stin­nes-AG, die wie­der­um Teil des Koh­le­syn­di­kats war, bean­spruch­te mit der fol­gen­den, unver­blümt men­schen­ver­ach­ten­den Argu­men­ta­ti­on die Antei­le für sich: „Die Ver­trags­dau­er ist auf 30 Jah­re beschränkt und wenn die Kom­man­di­tis­tin frü­her stirbt, so gehen die Antei­le auto­ma­tisch an die Fir­ma Stin­nes über. Durch die Ari­sie­rungs­ge­setz­ge­bung ist Frau O. L. May­er in ihren wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen nicht mehr frei, also wirt­schaft­lich tot, so dass die Ver­trags­be­stim­mung hier in Tätig­keit tritt.“[61]
Der Finanz­tod, die Vor­stu­fe des phy­si­schen Todes, wur­de nicht nur von den Behör­den vor­an­ge­trie­ben, son­dern auch von der pri­va­ten Wirt­schaft für ihre eige­nen Zwe­cke ins Feld geführt.[62]

Mit dem Ver­trags­ab­schluss hat­ten May­ers einen wei­te­ren erheb­li­chen Ver­mö­gens­ver­lust durch die Ari­sie­rung zu erlei­den. Wegen der sich hin­zie­hen­den Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen waren sie auch nicht in der Lage, die noch aus­ste­hen­den Raten für die Süh­ne­leis­tung zu beglei­chen. Immer wie­der muss­te Albert May­er das Finanz­amt um Frist­ver­län­ge­rung bitten.

Ohne den Raub und den aus­ge­üb­ten Druck in irgend­ei­ner Wei­se beschö­ni­gen zu wol­len, muss man aller­dings auch sagen, dass es May­ers im Ver­gleich zu vie­len ande­ren Schick­sals­ge­nos­sen selbst in die­sen letz­ten Jah­ren finan­zi­ell noch rela­tiv gut ging. Bis zum abge­schlos­se­nen Ver­kauf waren allein Olga May­er jähr­lich etwa 10.000 RM aus ihrer Ein­la­ge an Ein­kom­men zuge­flos­sen.[63] Hat­te ihr gemein­sa­mes Ein­kom­men 1935 noch fast 20.000 betra­gen, so ging es in den fol­gen­den Jah­ren aller­dings deut­lich zurück.[64]

Ver­fü­gen konn­ten sie über die­se Beträ­ge ohne­hin nicht so ohne wei­te­res. Der Frei­be­trag des Paa­res wur­de Anfang 1940 nun an den sonst übli­chen von 300 RM ange­passt.[65] Die Bit­te von Albert May­er, ihn wie­der auf wenigs­tens 800 RM anzu­he­ben, wur­de sei­tens der Devi­sen­stel­le von der erneu­ten Abga­be einer Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­auf­stel­lung abhän­gig gemacht.[66] Am 14. Febru­ar 1940 reich­te er die­se dort ein. Das Ver­mö­gen des Ehe­paars belief sich for­mal noch immer auf 131.000 RM, etwa 26.000 RM in Form von Wert­pa­pie­ren, mit 45.000 RM war der Wert der Immo­bi­lie ver­an­schlagt – wie Albert May­er schrift­lich anmerk­te, „nach der Bewer­tung zur Süh­ne­ab­ga­be“ – und 60.000 RM damals noch der Anteil sei­ner Frau an der Stutt­gar­ter Koh­le­hand­lung. Von die­ser Gesamt­sum­me konn­te Albert May­er aber rund 50.000 RM für noch nicht geleis­te­te Steu­er­zah­lun­gen bzw. für die ihm nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen­de Siche­rung der Reichs­flucht­steu­er abzie­hen, sodass ins­ge­samt etwa 82.000 RM übrig blieben.
Sein Ein­kom­men bezif­fer­te er in der Auf­stel­lung nur auf etwas mehr als 7.600 RM, wobei in die­sem Jahr Olga May­er noch einen Anteil der Aus­schüt­tung aus ihrer Ein­la­ge als Kom­man­di­tis­tin erhielt. Sei­ne monat­li­chen Kos­ten ver­an­schlag­te er auf ins­ge­samt 670 RM, 200 RM für das Haus, 360 RM für den Lebens­un­ter­halt und 60 RM für eine Haus­an­ge­stell­te, die auch ver­pflegt wur­de. 45 RM setz­te er für wei­te­re klei­ne­re Aus­ga­ben wie Geschen­ke, Tele­fon und Zeit­schrif­ten an.[67]

Nach Ein­rei­chung des For­mu­lars ließ die Devi­sen­stel­le über die Deut­sche Bank, bei der das Siche­rungs­kon­to ein­ge­rich­tet wor­den war, ihrem Kun­den mit­tei­len, dass der Frei­be­trag wie­der auf den alten Betrag ange­ho­ben wer­de.[68] Am 17. Dezem­ber des fol­gen­den Jah­res wur­de die­ser aber dann erneut auf dies­mal 500 RM redu­ziert.[69] Das knap­pe Schrei­ben der Devi­sen­stel­le ist das letz­te schrift­li­che Lebens­zei­chen, das in sei­nen Akten erhal­ten geblie­ben ist. Über das fol­gen­de Drei­vier­tel­jahr, das er und sei­ne Frau in ihrem Haus, das längst zum Juden­haus gewor­den war, ver­brach­ten, lie­gen kei­ne wei­te­ren Zeug­nis­se vor.

Schon zuvor, um 1938, war das jüdi­sche Ehe­paar Cla­ra und Nathan Jacob­sohn in das Haus ein­ge­zo­gen. Mit ihnen teil­ten sich die Eigen­tü­mer zuletzt drei Zim­mer im Erd­ge­schoss des Hau­ses, wobei dem Ehe­paar Jacob­sohn am Ende nur noch ein Raum zur Ver­fü­gung stand. Anfang 1939 war die ver­wit­we­te Schwä­ge­rin von Albert May­er, Emma Löwen­stein, die Frau sei­nes ver­stor­be­nen Bru­ders Otto, hin­zu­ge­kom­men, und seit dem 1. Sep­tem­ber 1940 bewohn­te die Haus­an­ge­stell­te Jüdin Doro­thea Mey­er mit einer drei­mo­na­ti­gen Unter­bre­chung ein Zim­mer bei Jacob­sohns. Im Dezem­ber 1941 war das Ehe­paar Glo­gow­ski aus dem gegen­über­lie­gen­den Haus Lanz­str. 11 ein­ge­zo­gen. Obwohl das Juden­haus Lanz­str. 6, ursprüng­lich ein Ein­fa­mi­li­en­haus, damit von acht jüdi­schen Bewoh­nern belegt war, war es trotz­dem kein „rei­nes“ Juden­haus. Eini­ge Zim­mer der  ursprüng­lich im ers­ten Stock gele­ge­nen Woh­nung des jüdi­schen Ehe­paars Jacob­sohn waren am 9. Mai 1941 der nicht­jü­di­schen Fami­lie van Hees zuge­wie­sen wor­den, da die­se ihre bis­he­ri­ge Woh­nung durch einen Luft­an­griff ver­lo­ren hat­te.[70] Wäh­rend der Ehe­mann Dienst bei der Wehr­macht leis­te­te, war die Frau mit ihren bei­den klei­nen Kin­dern in Wies­ba­den geblie­ben und muss­te sich ange­sichts des Woh­nungs­man­gels die Ein­quar­tie­rung bei Juden gefal­len las­sen. Wie auch in ande­ren Juden­häu­sern der Fall – z.B. Kai­ser-Fried­rich-Ring 80 –, wur­den die­se kon­trär zu ihrer ursprüng­li­chen ras­seideo­lo­gi­schen Zweck­set­zung qua­si auch als Wohn­re­ser­ve für aus­ge­bomb­te Volks­ge­nos­sen genutzt.
Am 13. Febru­ar 1942 zog mit Else Bausch­ke, gebo­re­ne Spar­was­ser, eine wei­te­re Arie­rin in das Juden­haus ein. Sie bezog drei Zim­mer im Kel­ler­ge­schoss.[71] Auf­fäl­lig ist, dass am glei­chen Tag, an dem der Miet­ver­trag geschlos­sen wur­de, ihr Ehe­mann, der 21-jäh­ri­ge, aus Bie­brich stam­men­de Auto­schlos­ser und dama­li­ge Gefrei­te Karl Alex­an­der Bausch­ke im Reser­ve­la­za­rett in Lüt­gen­dort­mund nach einem Auto­un­fall ver­starb.[72]

In den letz­ten Mona­ten vor den Depor­ta­tio­nen leb­ten in dem Juden­haus somit meh­re­re jüdi­sche mit nicht­jü­di­schen Per­so­nen unter einem Dach in drei inzwi­schen not­dürf­tig getrenn­ten Woh­nun­gen zusam­men. Lei­der gibt es kei­ne Doku­men­te dar­über, wie die­ses gemein­sa­me Leben aus­sah, zu wel­chen Kon­flik­ten es damals wohl unwei­ger­lich gekom­men sein musste.

Das Ehe­paar Glo­gow­ski gehör­te wie auch Doro­thea Mey­er zu den­je­ni­gen, die bereits am 10. Juni 1942 depor­tiert wur­den. Die Übri­gen harr­ten in dem Haus bis Ende August aus. Dann erhiel­ten sie die Nach­richt, dass am 1. Sep­tem­ber auch für sie die Wohn­sitz­ver­le­gung nach The­re­si­en­stadt geplant sei. Die 73-jäh­ri­ge Emma Löwen­stein ent­zog sich die­sem Ansin­nen unmit­tel­bar davor durch ihre Flucht in den Tod.

Die übri­gen hat­ten sich am 29., dem letz­ten Shab­bat des Monats August, in der zur Sam­mel­stel­le umfunk­tio­nier­ten Syn­ago­ge in der Fried­rich­stra­ße ein­zu­fin­den – „Ein­lass ab 10.00 Uhr“ – hieß es zynisch in der Anord­nung, die von den Ver­tre­tern der Bezirks­stel­le Hes­sen-Nas­sau der „Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Deutsch­land“ (RJD), von Dr. Gut­h­mann und Dr. Gold­stein, unter­zeich­net war.[73] Das Schrei­ben ent­hielt auch detail­lier­te Infor­ma­tio­nen dar­über, was mit­zu­brin­gen und was zu Hau­se zu las­sen war. Das noch vor­han­de­ne Ver­mö­gen war letzt­ma­lig in einer ent­spre­chen­den Erklä­rung zu dekla­rie­ren. Ganz offen wur­de den „zur Abwan­de­rung bestimm­ten Per­so­nen“ in dem Infor­ma­ti­ons­blatt mit­ge­teilt, dass ihre Ver­mö­gen dem Reich ver­fal­len und irgend­wel­che Schen­kun­gen in letz­ter Minu­te strengs­tens unter­sagt sei­en. Zurück blieb damit auch die wert­vol­le Ein­rich­tung der Woh­nung von May­ers. Pel­ze, Schmuck und Edel­me­tall hat­ten bereits frü­her bei der städ­ti­schen Pfand­an­stalt gegen einen gerin­gen Mate­ri­al­wert abge­ge­ben wer­den müs­sen.[74]
Gere­gelt war auch die „Spen­de“ von Gel­dern an die Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden, mit der wei­te­re Depor­ta­tio­nen finan­ziert wer­den soll­ten. Von dem, dem Reichs­fis­kus ver­fal­le­nen Ver­mö­gen, zweig­te sich die SS mit dem Zwangs­ver­kauf von soge­nann­ten Heimein­kaufs­ver­trä­gen noch einen eige­nen Teil ab. Auch May­ers waren offen­bar gezwun­gen wor­den, einen sol­chen „Ver­trag“ abzu­schlie­ßen, der ihnen angeb­lich freie Unter­kunft und Ver­pfle­gung in The­re­si­en­stadt garan­tie­ren wür­de. Im Okto­ber 1942 wur­den Wert­pa­pie­re über ins­ge­samt 8.000 RM aus ihrem Depot von der Süd­deut­schen Bank ver­kauft und auf das ent­spre­chen­de Kon­to der SS beim ‚Bank­haus Heinz Teck­len­burg & Co.’ über­wie­sen.[75]

Am reg­ne­ri­schen Mor­gen des 1. Sep­tem­ber zogen etwa 360 Jüdin­nen und Juden von der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge durch Wies­ba­den zu einem Neben­gleis des Haupt­bahn­hofs, wo sich die Vieh­ver­la­de­sta­ti­on des nahe gele­ge­nen Schlacht­hofs befand.

Das ers­te Ziel des Zuges war Frank­furt, wo aus der Stadt selbst und dem gesam­ten Regie­rungs­be­zirk Wies­ba­den in den letz­ten Tagen die Men­schen im jüdi­schen Alters­heim am Rech­ner­ei­gra­ben gesam­melt wor­den waren. Die Wagen aus Wies­ba­den wur­den aber ver­mut­lich direkt auf das Gleis in der Groß­markt­hal­le gelei­tet und dort an den Zug ange­hängt, der die ins­ge­samt mehr als 1100 Men­schen am fol­gen­den Tag, dem 2. Sep­tem­ber, nach The­re­si­en­stadt brach­te.[76]
In dem Zug, dem man die Trans­port­num­mer XII/​2 gege­ben hat­te, tru­gen Albert und Olga May­er die Gefan­ge­nen­num­mern 817 und 818.[77] Albert May­er über­leb­te das Lager trotz sei­nes Alters und sei­ner Vor­er­kran­kun­gen län­ger als ein Jahr. Mög­li­cher­wei­se hat­te er das sei­nem Wies­ba­de­ner Nach­barn zu ver­dan­ken, dem Arzt Dr. Hans Lud­wig Pos­ner, der frü­her in der Wies­ba­de­ner Lanz­str. 4 wohn­te und am 27. April 1943 als jüdi­scher Part­ner in einer soge­nann­ten Misch­ehe eben­falls nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wur­de. Er über­leb­te und konn­te spä­ter vom Tod Albert May­ers Zeug­nis able­gen: „Ich habe sie [das Ehe­paar May­er –K.F.] dann in The­re­si­en­stadt wie­der­ge­se­hen, und es ist mir bekannt, daß der Ehe­mann May­er an einem schwe­ren Bla­sen­lei­den im Lau­fe des Jah­res 1944 dort ver­stor­ben ist. Ich habe zwar sei­ne Lei­che nicht gese­hen, bin aber bei der Beer­di­gung zuge­gen gewe­sen, und es besteht dem­nach an dem Tode des Ehe­manns May­er kein Zwei­fel. Nach dem Tode des Ehe­manns May­er wur­de im Herbst 1944 sei­ne Ehe­frau von The­re­si­en­stadt depor­tiert, ver­mut­lich nach Ausch­witz. Nach die­ser Zeit habe ich nie mehr etwas von ihr gehört.“[78]

Dr. Pos­ner lag mit sei­ner Ver­mu­tung grund­sätz­lich rich­tig, aller­dings wur­de sie nicht erst im Herbst, son­dern bereits am 15. Mai 1944 mit mehr als 2500 wei­te­ren Gefan­ge­nen aus The­re­si­en­stadt in dem Trans­port ‚Dz’ – ihre Trans­port­num­mer war die 1682 – in das Ver­nich­tungs­la­ger ver­bracht.[79] Die­ser Trans­port gehör­te zu den drei, die dazu dien­ten, das Ghet­to für die geplan­te Inspek­ti­on des Roten Kreu­zes im Juni zu ent­lee­ren und ansehn­li­cher zu gestal­ten. Etwa 7.500 Men­schen wur­den für die­sen Zweck geop­fert und ins Gas von Ausch­witz geschickt, dar­un­ter auch Olga May­er.[80]

 

Albert May­ers Toch­ter hat­te durch die gemein­sa­me Flucht mit ihrem Ehe­mann nach Paläs­ti­na ihr Leben ret­ten kön­nen. Wie für manch ande­re erwies sich auch für sie das gelob­te Land der Zio­nis­ten als gro­ße Ent­täu­schung. Es war dem Paar offen­bar nicht gelun­gen, dort wirk­lich Fuß zu fas­sen. Laut einer Beschei­ni­gung der israe­li­schen Sozi­al­be­hör­de aus dem Jahr 1955 war ihr Mann Hans Blank lan­ge Zeit arbeits­los gewe­sen, nach­dem er sei­nen Job als Taxi­fah­rer aus gesund­heit­li­chen Grün­den nicht mehr aus­üben konn­te. Zuletzt hat­te er noch eine schlecht bezahl­te Halb­tags­stel­le in einem Büro gefun­den. Das dort erziel­te Ein­kom­men reich­te aber für den gemein­sa­men Lebens­un­ter­halt nicht aus. Auch Mar­cel­le Blank selbst war all die Jah­re kränk­lich und arbeits­un­fä­hig. So haus­ten bei­de damals ohne aus­rei­chen­de finan­zi­el­le Mit­tel in Unter­mie­te in einem repa­ra­tur­be­dürf­ti­gen Zim­mer in Tel Aviv. Bis die ers­ten Ent­schä­di­gungs­gel­der sie nach dem Krieg erreich­ten, dau­er­te es mehr als zehn Jah­re. Auch ver­wei­ger­te man Mar­cel­le Blank zunächst die Gel­der u. a. für die geleis­te­te Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be des Vaters bzw. der Stief­mut­ter, weil sie als Stief­toch­ter nicht erb­be­rech­tigt sei und es nicht klar sei, von wes­sen Ver­mö­gen die Son­der­ab­ga­ben geleis­tet wor­den waren. Erst spä­ter wur­de die Gesamt­schuld­ner­schaft des Ehe­paa­res aner­kannt und damit auch die recht­mä­ßi­gen Ansprü­che der Toch­ter. Mit die­sem Geld kamen sie dann in den 50er Jah­ren zurück nach Deutsch­land und leb­ten wie­der in Frank­furt. Ihr Ehe­mann starb am 11. August 1978 in Bad Wil­dun­gen, sie selbst am 11. Mai 1980 in Frank­furt.[81] Bei­de sind auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Ecken­hei­mer Land­stra­ße in Frank­furt beigesetzt.

Abge­se­hen davon, dass sie seit etwa 1930 in Brüs­sel gelebt haben soll, ist über Regi­na May­er, der Schwes­ter von Albert May­er, nichts bekannt. Sie scheint aber nicht zu den Opfern des Holo­caust zu gehö­ren, zumin­dest ist ihr Name in den ein­schlä­gi­gen Lis­ten nicht zu fin­den. Ob sie in ihrem Exil noch vor dem Über­fall der deut­schen Trup­pen auf den Nach­bar­staat ver­starb oder von dort aus wei­ter flüch­ten, sich viel­leicht auch ver­ste­cken konn­te, ist nicht bekannt.

Sein Bru­der Otto war der Schwa­ger von Emma Löwen­stein, die zuletzt eben­falls im Haus von Albert May­er wohn­te und mög­li­cher­wei­se durch die­se Ver­bin­dung dort ein Unter­kom­men gefun­den hat­te.[82]

Ein­zugs­er­klä­rung des Ver­mö­gens von Albert und Olga May­er
HHStAW 519/​2 2101 I (o.P.)

Bereits vier Tage bevor die Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses depor­tiert wur­den, war das Haus selbst durch Ver­fü­gung des Regie­rungs­prä­si­den­ten am 27. August 1942 auf­grund des „Geset­zes über staats­feind­li­ches Ver­mö­gen“ vom Deut­schen Reich ein­ge­zo­gen wor­den.[83] Bevor es sich aber auch zum tat­säch­li­chen Eigen­tü­mer der Immo­bi­lie ermäch­ti­gen konn­te, war ein mög­li­cher Hin­de­rungs­grund zu besei­ti­gen. In den Akten befand sich näm­lich ein bei dem bekann­ten Wies­ba­de­ner Notar But­ter­sack unter­zeich­ne­ter Ver­trag vom 2. Novem­ber 1940, in dem der fol­gen­de Pas­sus ent­hal­ten ist:
“Für den Fall, dass wir die Erschie­ne­nen  (…) zum Ver­las­sen Deutsch­lands gezwun­gen wer­den soll­ten, ver­spricht die Erschie­ne­ne zu 2 [Olga May­er – K.F.] Fräu­lein Hed­wig Blum, Leh­re­rin a.D. in Hei­del­berg, das in §1 näher bezeich­ne­te Haus­grund­stück schen­kungs­wei­se zu über­las­sen.“ Dann folgt ein Satz, des­sen Inhalt nicht nach­voll­zieh­bar ist. Es heißt wei­ter: „Fräu­lein Hed­wig Blum ist die Schwes­ter der Erschie­ne­nen zu 2 [Olga May­er] und ari­scher Abstam­mung.“[84]
Ganz sicher war Hed­wig Blum nicht ari­scher Abstam­mung, son­dern genau­so wie Olga die Toch­ter der jüdi­schen Eltern Josua und Emi­lie Sophie Blum, gebo­re­ne Koch. Bei­de Geburts­an­zei­gen sind erhal­ten und in bei­den ist die Kon­fes­si­on der Eltern mit „israe­li­tisch“ ange­ge­ben. Hed­wig Blum muss somit eben­falls Jüdin gewe­sen sein. Aller­dings hat­te sie sich am 12. April 1919 in Neu­en­heim bei Hei­del­berg, wo sie als Leh­re­rin tätig war, tau­fen las­sen und war – wie auch Olga May­er selbst – zum evan­ge­li­schen Glau­ben kon­ver­tiert.[85] Aber das war nach der Ver­ab­schie­dung der Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­ze völ­lig uner­heb­lich und das muss­te auch dem Notar But­ter­sack bekannt gewe­sen sein. Dass man glaub­te, mit solch einem plum­pen Täu­schungs­ver­such den NS-Staat um sei­ne Beu­te zu brin­gen, war gera­de­zu naiv. Wie wenig naiv das Ehe­paar May­er eigent­lich war, offen­bart gera­de die­ser Ver­trag, denn lan­ge bevor die ers­ten Juden in den Osten ver­bracht wur­den, erahn­ten sie bereits ihr zukünf­ti­ges Schicksal.

Ver­wun­der­lich ist aller­dings, dass in dem Schrei­ben der Ver­wer­tungs­stel­le im Lie­gen­schafts­amt des Finanz­amts Wies­ba­den vom 17. Novem­ber 1942 auf die­sen Sach­ver­halt nicht ein­ge­gan­gen wird. Man ver­wies ein­fach dar­auf, dass mit der „Eva­ku­ie­rung“ von Frau May­er, ihr Ver­mö­gen ein­ge­zo­gen wor­den sei und sie des­halb „nicht mehr in der Lage (war), das Schen­kungs­ver­spre­chen aus­zu­füh­ren. Über­dies hät­te der nota­ri­el­le Ver­trag vom 1. Novem­ber 1940 nach einer Anord­nung des Gau­lei­ters vom 16. Novem­ber 1938 der Geneh­mi­gung des Gau­wirt­schafts­be­ra­ters bedurft. Ich tei­le Ihnen des­halb mit, dass der Schen­kungs­ver­trag hin­fäl­lig ist.“[86]

Als „Ras­se­jü­din“ hät­te sie ohne­hin kei­ne Chan­ce gehabt, das Geschenk anzu­neh­men und zu nut­zen. Zwar wur­de sie erst sehr spät, näm­lich am 11. Janu­ar 1944, mit dem Trans­port XIII/​4 von Stutt­gart aus mit wei­te­ren, in Misch­ehe leben­den Juden depor­tiert, aber eine Über­le­bens­chan­ce hat­te auch sie in The­re­si­en­stadt nicht. Sie kam dort am 22. Mai 1944 ums Leben.[87]

Es gab aller­dings auch noch einen Bru­der von Olga May­er, über den aber noch weni­ger bekannt ist, als über die Schwes­ter. Selbst das Geburts­da­tum von Robert Blum – mit vol­lem Namen Robert Alfred Hugo Wil­helm Blum –[88] konn­te bis­her nicht ermit­telt wer­den. Er hat­te zuletzt vor sei­ner Aus­rei­se aus Deutsch­land in Ham­burg gelebt und war von sei­ner Schwes­ter über eine katho­li­sche Orga­ni­sa­ti­on finan­zi­ell unter­stützt wor­den. Im Febru­ar 1939 soll er dann nach Süd­west- bzw. Süd­afri­ka aus­ge­wan­dert sein.[89] Erst in dem nach dem Krieg gestar­te­ten Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren taucht sein Name auf. Am 16. August 1949 ging bei der Zen­tra­len Anmel­de­stel­le für Rück­erstat­tungs­an­sprü­che in Bad Nau­heim ein Schrei­ben ein, in dem Robert Blum als ein­zi­ger Über­le­ben­der der Geschwis­ter Ansprü­che auf das Haus in der Lanz­stra­ße und das Inven­tar stell­te: „It con­tai­ned many valuable pic­tures (one of which was bought for about £ 1500) and much valuable fur­ni­tu­re, sil­ver and por­ce­lain. In addi­ti­on Mrs. May­er pos­s­es­sed valuable jewel­lery and furs.“[90] Er gab zudem in dem Schrei­ben an, bis 1940 über die USA in brief­li­cher Ver­bin­dung mit sei­ner Schwes­ter gestan­den zu haben. Sein Rück­erstat­tungs­an­trag war damals bereits aus einem süd­afri­ka­ni­schen Hos­pi­tal abge­schickt wor­den. Da er nach Mei­nung der Behör­de nicht voll­stän­dig war, zudem mit der Toch­ter von Albert May­er eine wei­te­re Berech­tig­te vor­han­den war, ver­zö­ger­te sich zunächst die Bear­bei­tung der Ange­le­gen­heit. Robert Blum erleb­te deren Ende nicht mehr. Er ver­starb bereits am 22. Mai 1951 in Kap­stadt.[91]

Grundbucheintrag der Lanzstr. 6 auf das Deutsche Reich HHStAW 519/2 2101 I (o.P.)
Grund­buch­ein­trag der Lanz­str. 6 auf das Deut­sche Reich
HHStAW 519/​2 2101 I (o.P.)

Da es somit 1942 nach Ansicht des NS-Staa­tes kei­ne legi­ti­men Anspruchs­be­rech­ti­gen für das Ver­mö­gen der May­ers gab, bean­spruch­te die­ses der Reichs­fis­kus. Am 25. Juni 1943 bean­trag­te das Finanz­amt Wies­ba­den, dem seit Sep­tem­ber 1942 die Ver­wer­tung des ein­ge­zo­ge­nen Haus­grund­stücks oblag, als Eigen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­gen zu wer­den.[92] Anders als in ande­ren Fäl­len kam das Amts­ge­richt die­sem Antrag ohne irgend­wel­che Ein­wän­de schon nach zwei Wochen am 6. Juli nach.[93]

Und es dau­er­te selbst­ver­ständ­lich nicht lan­ge, bis sich auch die ers­ten Inter­es­sen­ten, ari­sche Lei­chen­fled­de­rer, beim Finanz­amt mel­de­ten, um die Immo­bi­lie zu erwer­ben. Aller­dings war etwa ein hal­bes Jahr zuvor, am 24. April 1942, eine Anord­nung erlas­sen wor­den, die den Ver­kauf des jüdi­schen Wohn­ei­gen­tums bis zum Ende des Krie­ges unter­sag­te, um auch den im Feld ste­hen­den Sol­da­ten die Gele­gen­heit zu geben, am gro­ßen Rei­bach teil­zu­ha­ben. Für Inter­es­sen­ten, die sich beim „Wie­der­auf­stieg Deutsch­lands“, sei es im Ers­ten Welt­krieg oder in der soge­nann­ten Kampf­zeit, beson­ders ver­dient gemacht und gro­ße Opfer gebracht hat­ten, waren aber Aus­nah­men vorgesehen.

Ein sol­ches Opfer – aller­dings wie vie­le hun­dert­tau­send ande­re auch – hat­te eine jun­ge Frau bei Diez gebracht. Sie hat­te ihren Ehe­mann im gegen­wär­ti­gen Kampf für Deutsch­land an der Front ver­lo­ren, was ihren Vater, ein Pfar­rer (!), schon nach der ers­ten gro­ßen Depor­ta­ti­on im Juni ver­an­lasst hat­te, sich beim Wies­ba­de­ner Finanz­amt zu mel­den, um für sei­ne Toch­ter ein Haus zu erwer­ben, „das dem Finanz­amt aus ein­ge­zo­ge­nem Ver­mö­gen zuge­fal­len ist“. Aus den wei­te­ren Ver­mer­ken auf dem Schrei­ben lässt sich ent­neh­men, dass er bereits als poten­ti­el­ler Inter­es­sent auch für das Haus in der Lanz­str. 6 vor­ge­merkt wor­den war. Spä­ter bot man ihm einen Besich­ti­gungs­ter­min an und unter­brei­te­te ihm sogar schon einen even­tu­el­len Kauf­preis von 32.000 RM.[94]

Betten Werner
Einer der Inter­es­sen­ten für das ehe­ma­li­ge Juden­haus
HHStAW 519/​2 2101 IV (32)

Aber es gab noch ande­re Inter­es­sen­ten, von denen zumin­dest einer die loka­len NSDAP-Funk­tio­nä­re hin­ter sich wuss­te. Offen­bar hat­te er auch bereits Vor­ge­sprä­che mit der zustän­di­gen Abtei­lung im Finanz­amt geführt, auf die er sich in sei­nem ers­ten dies­be­züg­li­chen Schrei­ben, das nur drei Wochen nach der Sep­tem­ber­de­por­ta­ti­on dort ein­ging, bezog. Es stamm­te von dem Geschäfts­mann Gus­tav Wer­ner aus Wies­ba­den, der nach dem Krieg noch ein stadt­be­kann­tes Bet­ten­ge­schäft in der Kirch­gas­se betrieb.

Gemäß den Anfor­de­run­gen hübschte Gus­tav Wer­ner in sei­nem ers­ten Schrei­ben sei­nen Kauf­an­trag mit den wich­tigs­ten Infor­ma­tio­nen über sei­ne Gesin­nung und sei­ne größ­ten Hel­den­ta­ten auf:
“Zu erwäh­nen ist, dass ich Welt­kriegs­teil­neh­mer (Front­kämp­fer) mit Aus­zeich­nung, Frei­korps­kämp­fer (Maer­ker F.L.K.) Schla­ge­ter – Ange­hö­ri­ger (aktiv) bin. Besit­ze den Schla­ge­ter­schild u. die Aus­zeich­nung des Reichs­mi­nis­ters D. Frick für die Reichs­reg. Eben­so bin ich vom letz­ten Krieg kriegs­be­schä­digt. Die Par­tei, Regie­rung u. auch Mit­gl. der Reichs­re­gie­rung, wie auch der Reg. Prä­si­dent Dr. Misch­ke, Koblenz, kön­nen wei­ter­hin über mich Aus­künf­te geben.
Ich darf anneh­men, dass ich die­ses Mal berück­sich­tigt wer­de u. begrü­ße Sie in die­ser Erwar­tung mit Heil Hit­ler
.“[95]
Der Kreis­wirt­schafts­be­ra­ter Walt­her befür­wor­te­te das Begeh­ren des offen­bar bis­her leer aus­ge­gan­ge­nen „Pg Wer­ner“ und der NSDAP Kreis­lei­ter Wag­ner hat­te ihm wohl infor­mell das Haus bereits zuge­spro­chen.[96] Aller­dings tra­ten schon im Okto­ber 1942 ers­te Pro­ble­me auf. Das Dach des Hau­ses war undicht und muss­te zunächst repa­riert wer­den und dann war Wer­ner auch noch dar­über infor­miert wor­den, dass ein Schen­kungs­ver­trag auf­ge­taucht sei, der einem Ver­kauf zunächst im Wege stand.[97] Die­se Ange­le­gen­heit konn­te dann aber– wie bereits beschrie­ben – schnell geklärt werden.

Aller­dings kam auch danach ein for­mel­ler Kauf­ver­trag noch immer nicht zustan­de, wes­halb Wer­ner in einem wei­te­ren Schrei­ben Ende Okto­ber auf Anra­ten des Kreis­lei­ters noch ergän­zen­de Aus­füh­run­gen zu sei­ner Opfer­be­reit­schaft für den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat und zu sei­ner Hal­tung in der „Juden­fra­ge“ mach­te. So sei er in der Besat­zungs­zeit stän­dig von fran­zö­si­schen Ein­quar­tie­run­gen betrof­fen gewe­sen, sei schi­ka­niert und sein jün­ge­rer Bru­der sogar mit einer Reit­peit­sche trak­tiert wor­den. „Ich habe mich gerächt, muss­te jedoch sofort ins unbe­setz­te Gebiet flüch­ten, mei­ne Frau u. 2 klei­ne Kin­der­chen szt. [sei­ner­zeit] zurück­las­sen.“ Nach sei­ner Rück­kehr sei er inhaf­tiert und mit Schlä­gen mal­trä­tiert wor­den. „Nur weil ich als Deut­scher auf­trat u. dem­entspre­chend han­del­te, bekam ich die­se ehren­vol­le Behand­lung.“ Oben­drein wähn­te er sich als Opfer jüdi­scher Machen­schaf­ten: „Die Juden schie­nen an mir ganz beson­de­re Freu­de zu haben.“ Durch betrü­ge­ri­sche Kon­kur­se ver­schie­de­ner jüdi­scher Kauf­leu­te, die er nament­lich auf­zähl­te, sei er um rund 30.000 RM geprellt wor­den. Sei­ne Frau – „sie hat­te zuviel mit­er­le­ben müs­sen“ – sei durch die vie­le Auf­re­gung plötz­lich ver­stor­ben und er habe mit drei klei­nen Kin­dern „allein auf wei­ter Flur“ gestan­den. „Es waren schwe­re Zei­ten für mich (…), aber ich habe Tritt gefasst, mich durch­ge­bis­sen u. den Kopf hoch behal­ten, im Ver­trau­en auf Deutsch­land u. unse­ren Füh­rer.“[98]

Den­noch wur­de er Anfang Novem­ber vom Lei­ter des Finanz­amts Trom­mers­häu­ser wei­ter ver­trös­tet, eine Ent­schei­dung kön­ne noch immer nicht getrof­fen wer­den. Ein wei­te­rer Brief vom 15. Novem­ber ergänz­te sei­ne Vita nun noch um sei­nen Kampf gegen die Lin­ke: „Beim Frei­korps Maer­ker wur­de ich bei der Akti­on Gene­ral Maer­ker von dem Mob der Spar­ta­kis­ten zu ret­ten, als er in das Post­ge­bäu­de sich flüch­ten muss­te, nie­der­ge­schla­gen, eben­so bei dem Ver­such Hr. Obest­leut­nant Klüber vor dem grau­si­gen Mord in Hal­le zu ret­ten, nie­der­ge­knüp­pelt u. ver­wun­det.“ Er kön­ne noch von vie­len wei­te­ren Hel­den­ta­ten berich­ten, ergänz­te er, zähl­te in sei­ner Beschei­den­heit aber nur noch eini­ge Orden auf, die er in sei­ner lan­gen Kampf­zeit erhal­ten hatte.
Im Hin­blick auf den gewünsch­ten Haus­kauf bot er, weil sich wei­ter­hin nichts tat, einen vor­läu­fi­gen Ver­zicht an, sofern man ihm einen Miet­ver­trag mit Vor­kaufs­recht offe­rie­ren wür­de. „Ich stel­le damit doch wirk­lich einen gering­fü­gi­gen Wunsch dar und unver­ständ­lich ist es mir, dass sehr vie­le Volksgen.[ossen] auf Grund des Zuwei­sungs­scheins des Kreis­lei­ters ohne Wei­te­res ihre Wün­sche erfüllt beka­men. (…) Ich bin in mei­nem Leben auch viel an Undank gewohnt und wenn man jetzt mei­nen klei­nen Wunsch ablehnt, dann habe ich halt Pech gehabt. Aber gera­de in Ihnen ver­ehr­ter Herr Ober-Regie­rungs­rat [Trom­mers­häu­ser] erbli­cke ich den Mann, der ganz beson­ders hier­für Ver­ständ­nis fin­det und auch dar­nach han­deln wird.“[99]

Tat er aber nicht. Auch nicht, als am 10. Dezem­ber noch ein­mal der NSDAP-Kreis­lei­ter inter­ve­nier­te und den Lei­ter des Finanz­amts dräng­te, mit Wer­ner einen Miet- oder sogar einen Kauf­ver­trag abzu­schlie­ßen. Die­ser hat­te statt­des­sen in der glei­chen Woche einen Besich­ti­gungs­ter­min mit dem bereits erwähn­ten Pfar­rer Kröh­ling aus Schön­born bei Diez ver­ein­bart, der offen­bar zu aller Zufrie­den­heit ver­lau­fen war. Den­noch schei­ter­te der Ver­kauf, da der Ober­fi­nanz­prä­si­dent in Kas­sel, der den Ver­trag geneh­mi­gen muss­te, dar­auf ver­wies, dass depor­tier­ten Juden ent­zo­ge­ne Häu­ser in ers­ter Linie Krie­ger­wit­wen mit min­des­tens zwei Kin­dern zuge­teilt wer­den soll­ten, die Toch­ter des Pfar­rers war aber kin­der­los geblie­ben.[100] Meh­re­re lan­ge Brie­fe des Vaters – in denen der gute Christ u.a. schrieb, „der Gedan­ke, etwa beson­de­re Vor­tei­le durch den Ankauf eines Juden­hau­ses zu erzie­len, ist uns nie­mals gekom­men“ –[101] führ­te zu kei­ner Rück­nah­me des abschlä­gi­gen Bescheids.
Wer­ner war inzwi­schen bereit, auf das Haus Lanz­str. 6 zu ver­zich­ten und statt­des­sen das Anwe­sen Hohen­fels, Ten­nel­bach 21 in Son­nen­berg zu erwer­ben. Es sei zwar in einem „ver­lod­der­ten Zustand“, aber man kön­ne es wie­der her­rich­ten.[102]
Aber auch damit gab es grund­sätz­li­che Pro­ble­me. Für den Kauf ehe­mals jüdi­scher Immo­bi­li­en genüg­te es näm­lich nicht, Hel­den­ta­ten für die natio­na­le Revo­lu­ti­on oder im Kampf um Deutsch­land im Ers­ten Welt­krieg voll­bracht zu haben, man muss­te dabei auch eine Kriegs­be­schä­di­gung von min­des­tens 30 Pro­zent erwor­ben haben. Das hat­te Wer­ner sogar, aber er hat­te sich den dar­aus erwach­se­nen Ren­ten­an­spruch sei­ner­zeit aus­zah­len las­sen, das Geld aller­dings in der Infla­ti­on wie­der ver­lo­ren.[103] Die Ver­wer­tungs­stel­le rich­te­te nun eine gene­rel­le Anfra­ge an sei­ne Vor­ge­setz­ten in Kas­sel, ob ein Bewer­ber, des­sen Ren­ten­an­sprü­che abge­gol­ten sei­en, über­haupt noch für den Kauf in Fra­ge kom­men wür­de.[104] Am 13. Janu­ar 1943 wur­de Gus­tav Wer­ner end­gül­tig mit­ge­teilt, dass er nach Aus­kunft des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten nicht als Käu­fer der Lanzstr.6 in Betracht kom­me.[105]

Ein wei­te­rer Kriegs­held des Ers­ten Welt­kriegs, Oberst der Luft­waf­fe, ging eben­falls leer aus, obwohl er Vater von vier Kin­dern war, von denen ein Sohn bereits im Zwei­ten Welt­krieg gefal­len war und zwei wei­te­re an der Front stan­den. Die Schwie­ger­mut­ter, nach sei­nen Anga­ben einer alten nas­saui­schen Fami­lie ent­stam­mend, soll­te mit in das Haus ein­zie­hen. Er war aber dadurch dis­qua­li­fi­ziert, weil sei­ne attes­tier­te Kriegs­be­schä­di­gung – „all­ge­mei­ne Ner­ven­schwä­che, chro­ni­sche Schwer­hö­rig­keit“ – ihm nur eine 25-pro­zen­ti­ge Erwerbs­min­de­rung ein­ge­bracht hat­te.[106]

Sogar ein Frei­herr zu Put­litz gesell­te sich noch im Janu­ar 1943 zu dem Kreis der Aspi­ran­ten. Zwar leb­te er damals in Posen, hat­te aber frü­her mehr als 25 Jah­re in Wies­ba­den gewohnt, wo er, neben einer wei­te­ren Woh­nung in Ber­lin, drei Haus­grund­stü­cke besaß. Eines davon war das spä­te­re Juden­haus Main­zer Str. 2, das er „in der Infla­ti­ons­zeit an den jüdi­schen Arzt Dr. Hirsch ver­kauft“ hat­te. Die „Rück­erwer­bung der Vil­la“ sei fehl­ge­schla­gen, weil er mit sei­nem ent­spre­chen­den Antrag – zu ergän­zen: bei der Ari­sie­rung jüdi­scher Ver­mö­gens­wer­te – zu spät gekom­men sei.[107] Die „lei­den­de“ Ehe­frau, schmerz­haf­te Fuß­knö­chel­brü­che, erwor­ben bei einem Dienst­un­fall, und der Ver­lust von einer Mil­li­on Gold­mark – angeb­lich durch einen Juden Bork – wur­den von ihm noch als wei­te­re Punk­te für sei­ne beson­de­re Eig­nung auf­ge­führt. Aber auch er erhielt das Juden­haus nicht.

Am 14. April 1943 wur­den dann drei Schrei­ben mit ähn­li­chem Wort­laut auf­ge­setzt, in denen die Ent­schei­dung des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten mit­ge­teilt wur­de, dass das ehe­ma­li­ge Juden­haus nicht zum Ver­kauf anste­hen wür­de, son­dern von der Woh­nungs­für­sor­ge zur Unter­brin­gung von Beam­ten im Bereich des Finanz­amts Wies­ba­den genutzt wer­den sol­le.[108]

Der Verkauf des Hauses wird zurückgestellt und für eine Vermietung an Beamte freigegeben HHStAW 519/2 2101 I (o.P.)
Der Ver­kauf des Hau­ses wird zurück­ge­stellt und für eine Ver­mie­tung an Beam­te frei­ge­ge­ben
HHStAW 519/​2 2101 I (o.P.)

Nach­dem die­se Grund­satz­ent­schei­dung getrof­fen wor­den war, soll­te das Haus nun gemäß den Vor­ga­ben ver­mie­tet wer­den. Dazu wur­den zunächst der Wert der Immo­bi­lie und anhand von ört­li­chen Ver­gleichs­mie­ten mög­li­che Miet­for­de­run­gen berech­net. Am 1. Janu­ar 1939 war die Immo­bi­lie – jetzt wie­der – mit einem Ein­heits­wert von 27.300 RM taxiert wor­den, ihr Ver­kaufs­wert wur­de mit 35.000 RM und die jähr­li­chen Miet­ein­nah­men mit 2.100 RM ange­setzt, was für künf­ti­ge Mie­ter einen Miet­zins von etwa 120 RM pro Woh­nung bedeu­te­te.[109]

Die Woh­nung im Erd­ge­schoss war inzwi­schen reno­viert wor­den und am 1. Sep­tem­ber 1943 konn­te dort der Ober­steu­er­in­spek­tor beim Wies­ba­de­ner Finanz­amt Leo Colum­bus ein­zie­hen.[110] Kei­ne Fra­ge, wer an der Quel­le saß, war im Vorteil!

Aller­dings gab es bei der Neu­ver­mie­tung der Woh­nung im ers­ten Stock Pro­ble­me. Nach der „Frei­stel­lung“ des Hau­ses von sei­nen jüdi­schen Bewoh­nern war die­ses ja nicht leer gewor­den, da die bom­ben­ge­schä­dig­te, ari­sche Fami­lie van Hees wei­ter­hin Tei­le der ehe­ma­li­gen Woh­nung von Jacob­sohns beleg­te. Dort hat­ten sie seit ihrer Ein­quar­tie­rung bis­her miet­frei, d.h. bis zum 1. Sep­tem­ber 1942 auf Kos­ten der jüdi­schen Haupt­mie­ter, woh­nen und sogar deren Mobi­li­ar nut­zen kön­nen. Unmit­tel­bar danach hat­te van Hees bean­tragt, einen Miet­ver­trag zu erhal­ten, was aber ange­sichts der dama­li­gen Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen unter­blieb. Noch im Novem­ber 1942 hat­te die NSDAP-Orts­grup­pe van Hees dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er sich mit dem Kriegs­schä­de­namt im Rat­haus in Ver­bin­dung zu set­zen habe, damit ihm eine ande­re Woh­nung zuge­wie­sen wer­den kön­ne. Auch das Inven­tar kön­ne er nicht län­ger nut­zen, „da über die Möbel des Juden ander­wei­tig Ver­fü­gung getrof­fen sei.“[111]
Bis zum 15. Novem­ber 1942 habe er die Woh­nung zu räu­men, was aber nicht geschah. Die Mie­ter hat­ten einen Rechts­an­walt ein­ge­schal­tet, der dem Ver­lan­gen wider­sprach und mit Blick auf den Woh­nungs­markt dar­auf hin­wies, dass in die­ser kur­zen Frist eine neue Unter­kunft auch mit Hil­fe des Woh­nungs­amts nicht zu fin­den sei. Es sei der Fami­lie eines deut­schen an der Front ste­hen­den Sol­da­ten nicht zuzu­mu­ten, in die Obdach­lo­sig­keit ent­las­sen zu wer­den, zumal die ins Feld geführ­ten Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen noch zu kei­nem Ende gekom­men sei­en. Man gewähr­te ihm eine um einen Monat ver­län­ger­te Frist und mach­te dar­auf auf­merk­sam, dass auch ein Kauf des Hau­ses – van Hees hat­te die­se Opti­on ange­bo­ten – für ihn ange­sichts der bestehen­den Bestim­mun­gen nicht infra­ge kom­me.[112] So blieb Frau van Hees mit den Kin­dern wäh­rend der Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen mit den ver­schie­de­nen Inter­es­sen­ten wei­ter­hin im Haus woh­nen. Als dann 1943 die Neu­ver­mie­tung anstand, kam es erneut zum Kon­flikt zwi­schen der Fami­lie und der Ver­wer­tungs­stel­le. Die­se for­der­te jetzt rück­wir­kend die Mie­te für die Zeit „seit dem Abschub der Juden“. Der Miet­rück­stand belief sich auf mehr als 2.500 RM, wes­halb das Finanz­amt zunächst nicht bereit war, den Miet­ver­trag zu ver­län­gern. Am 8. Dezem­ber 1943 über­wies dann das städ­ti­sche Amt für Fami­li­en­un­ter­halt die Miet­schul­den an das Finanz­amt und es kam dann doch noch zum Abschluss eines Miet­ver­trags mit der Fami­lie van Hees über die 4‑Zimmerwohnung im Ober­ge­schoss. Ihre Mie­te betrug die zuvor berech­ne­te Sum­me von 120 RM. Der Ver­trag stell­te inso­fern eine Aus­nah­me dar, als der ein­ge­zo­ge­ne Diplom­kauf­mann offen­bar kein Beam­ter einer staat­li­chen Behör­de war.

Die geschlos­se­nen Miet­ver­trä­ge wur­den jähr­lich zum 1. April erneu­ert, sodass die Bewoh­ner nach der letz­ten Ver­län­ge­rung im März 1944 eigent­lich bis zum 31. März 1945 hät­ten blei­ben kön­nen. Frau Bausch­ke war aber bereits am 1. Novem­ber 1944 aus­ge­zo­gen und ihre Woh­nung war dann nicht mehr neu besetzt wor­den. Bei dem gro­ßen Angriff der bri­ti­schen Luft­waf­fe in der Nacht zum 3. Febru­ar 1945 wur­de auch das Haus in der Lanz­str. 6 getrof­fen. Die dich­te Wol­ken­de­cke ver­hin­der­te eine genaue Ziel­fin­dung, sodass es zu einer gro­ßen Streu­ung der Bom­ben­last kam. Neben den Haupt­tref­fern im Kur­vier­tel fie­len Bom­ben auch auf die angren­zen­den Vil­len­ge­bie­te, sogar das Jagd­schloss Plat­te erlitt in die­ser Nacht erheb­li­che Schä­den.[113]

Ruine Lanzstr. 6, Wiesbaden
Die Rui­ne der Vil­la Lanz­str. 6
Mit Dank an Herrn D. Schaller

Auch nach dem Krieg blieb das Wohn­grund­stück zunächst im Besitz des Deut­schen Reichs, wur­de aber dann am 20. Dezem­ber 1947 von den ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­be­hör­den gesperrt, damit die Rech­te mög­li­cher Nach­kom­men der ehe­ma­li­gen Eigen­tü­mer – man wuss­te damals noch nicht, ob es sol­che gab – gewahrt blie­ben.[114]

Da das Haus im Grund­buch auf den Namen von Olga May­er ein­ge­tra­gen war, galt ihre Stief­toch­ter Mar­cel­le Blank nicht als erb­be­rech­tigt. Sie gab zwar im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, es habe ein Tes­ta­ment exis­tiert, in dem sie als Allein­er­bin vor­ge­se­hen war, aber ein sol­ches Tes­ta­ment konn­te sie nicht vor­le­gen und auch kei­ne Zeu­gen benen­nen, die eine sol­che Ver­ein­ba­rung je gese­hen hät­ten.[115] Der Bru­der der Ermor­de­ten und nächs­ter erb­be­rech­tig­ter Ver­wand­ter, Robert Blum, war inzwi­schen in Süd­afri­ka ver­stor­ben. Ob er Nach­kom­men hat­te, konn­te nicht ermit­telt wer­den. Die Erb­an­sprü­che von Mar­cel­le Blank wur­den „man­gels Erb­nach­wei­ses“ am 8. Juni 1953 end­gül­tig abge­wie­sen.[116]

1953 mel­de­te sich beim Amt für Ver­mö­gens­kon­trol­le und Wie­der­gut­ma­chung der ers­te Inter­es­sent, der die bei­den Trüm­mer­grund­stü­cke Lanz­str. 2 und 6 erwer­ben woll­te.[117] Zumin­dest ein wei­te­rer Bewer­ber kon­tak­tiert den zunächst ein­ge­setz­ten Treu­hän­der für die Immo­bi­li­en. Ihm wur­de aber im glei­chen Jahr mit­ge­teilt, dass die Treu­hand­ver­wal­tung auf­ge­ho­ben sei und nicht mehr er, son­dern die Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on in Frank­furt für wei­te­re Ver­hand­lun­gen zustän­dig sei.[118] Der Ver­kauf des ehe­mals jüdi­schen, jetzt juris­tisch „her­ren­lo­sen“ Grund­stücks in der Lanz­str. 6 zog sich noch wei­te­re fünf Jah­re hin, dann wur­de es 1958 von einem Inge­nieur aus Min­den dem „Gross-Deut­schen Reich“ (!) abge­kauft.[119] Bis zu die­sem Jahr ist in den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern unter der Lanz­str. 6 immer nur “Trüm­mer­grund­stück, Ehem. Deut­sches Reich” zu lesen. Im fol­gen­den Buch von 1959/​60 ist dann als Eigen­tü­mer ein Dr. Karl Raab, Inge­nieur, aus­ge­wie­sen, der das auf dem Grund­stück neu errich­te­te Haus an sechs Par­tei­en ver­mie­tet hatte.

 

 

Ver­öf­fent­licht: 12. 12. 2023

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Denk­mal­to­po­gra­phie — Kul­tur­denk­mä­ler in Hes­sen, Wies­ba­den, Bd. Wies­ba­den II – Die Vil­len­ge­bie­te, S. 346–357, zur Bebau­ung in der Lanz­stra­ße sie­he S. 367–372.

[2] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 41 Bl. 810 Außen.

[3] Ein Brief einer Stutt­gar­ter Fir­ma, an der Olga May­er betei­ligt war, ging im April 1936 an die Anschrift Mühl­hau­sen, Lin­den­bühl 3. Offen­sicht­lich war das Paar zuletzt noch ein­mal umge­zo­gen, sie­he HHStAW 685 560a (17, 23).

[4] HHStAW 685 560c (11).

[5] Mit­tei­lung des Gemein­de­ar­chivs Bocken­heim vom 3.11.2023. Der Vater Moses May­er war am 13.1.1838 in Groß­bo­cken­heim, die Mut­ter Mar­tha um 1838 in Mos­heim gebo­ren wor­den. Im Wei­te­ren heißt es in der Mit­tei­lung „In Groß- und Klein­bo­cken­heim fin­den sich bis 1940 meh­re­re jüdi­sche Fami­li­en namens May­er – die ver­wandt­schaft­li­chen Ver­flech­tun­gen sind schwer zu durchschauen.“

[6] Sie­he Ein­trag auf der Mel­de­kar­te. ISG_A.12.02_M03703.

[7] https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-MDZ-00000BSB10374229?p=26&cq=M%C3%BCller&lang=de. (Zugriff: 20.11.2023).

[8] Aus­kunft Stadt­ar­chiv Herx­heim vom 6.11.2023.

[9] Sie­he dazu den Arti­kel über Otto May­ers Schwä­ge­rin Emma Esther Löwen­stein, gebo­re­ne Blum, die eben­falls Bewoh­ne­rin des Juden­hau­ses Lanz­str. 6 war.

[10] Sie zu den Geburts- und Todes­da­ten https://​gw​-genea​net​-org​.trans​la​te​.goog/​j​l​i​b​m​a​n​n​?​l​a​n​g​=​f​r​&​p​z​=​j​a​c​q​u​e​s​&​n​z​=​l​i​b​m​a​n​n​&​p​=​s​a​r​a​&​n​=​b​l​u​m​&​o​c​=​7​9​&​_​x​_​t​r​_​s​l​=​a​u​t​o​&​_​x​_​t​r​_​t​l​=​d​e​&​_​x​_​t​r​_​h​l​=de. (Zugriff: 20.11.2023) In Straß­burg waren ihre Eltern Alex­an­der Levy am 21.10.1886 und sei­ne Frau Sara am 21.12.1911 ver­stor­ben. Die Anga­ben bei Genea­net sind aller­dings nicht gesi­chert. So ist das Geburts­jahr von Ester Blum dort mit 1837 ange­ge­ben. Das Stadt­ar­chiv von Herx­heim gibt dage­gen das Jahr 1833 an.

[11] Es han­del­te sich laut Genea­net um Naph­ta­lie Levy (1857–1913), Jules Isra­el Levy (1858-?) und Anna Levy (1860–1911), seit dem 19.1.1882 ver­hei­ra­tet mit Eugè­ne Marc Gim­pel. Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Geburts­re­gis­ter Frank­furt 922 /​ 1900.

[16] Aus­kunft des Insti­tuts für Stadt­ge­schich­te Frank­furt vom 3.11.2023.

[17] Geburts­re­gis­ter Olden­burg 12 /​ 1900. Die Eltern waren der Kauf­mann Otto Blank, gebo­ren am 25.8.1866 in Cop­pen­brü­cke, und sei­ne 1870 gebo­re­ne Frau Anna, mit Mäd­chen­na­men Born­stein. Sie hat­ten am 4.8.1895 gehei­ra­tet und neben Hans auch eine Toch­ter namens Käthe, gebo­ren am 2.10.1897 in Olden­burg. Käthe ver­starb im Juni 1932 in Ham­burg. Die Eltern gehör­ten laut Mey­er dem geho­be­nen jüdi­schen Mit­tel­stand der Stadt an. Otto Blank besaß mit sei­nem Bru­der Max an der Ecke Ach­tern- /​ Baum­gar­ten­stra­ße ein Tex­til­ge­schäft. Ott und Anna Blank ver­star­ben bei­de 1941 in Ber­lin, offen­bar aber nicht unmit­tel­bar durch Maß­nah­men des NS-Staats, zumin­dest sind ihre Namen nicht im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz auf­ge­führt. Mey­er, im Jah­re 1933 in Olden­burg ansäs­si­ge jüdi­sche Fami­li­en S. 42 und 52.

[18] Mit­tei­lung des Stadt­ar­chivs Mühl­hau­sen vom 16.11.2023.

[19] HHStAW 518 38047 (5).

[20] Ster­be­re­gis­ter Mühl­hau­sen 105 /​1923.

[21] Immer­hin fäll­te Münt­zer in sei­nen Schrif­ten im Unter­schied zu Luther ein eher freund­li­ches Urteil über die Juden, die er wie die Tür­ken = Mus­li­me zwar als zu mis­sio­nie­ren­de „Ungläu­bi­ge“ ansah, aber gera­de deren sozia­le Hal­tung gegen­über ihres­glei­chen her­vor­hob: „Sie [die Juden] hel­fen ihren Brü­dern, wir [die Chris­ten] neh­mens unse­ren Brü­dern und nie­mand ist uns so lieb wie wir uns sel­ber.“ Zit. Nach Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 27.

[22] Ebd. S. 30 ff. Ein von anti­se­mi­ti­schen Res­sen­ti­ments und Juden­hass trie­fen­der Arti­kel eines Wil­helm Aue­ner in den Mühl­häu­ser Geschichts­blät­ter aus dem Jahr 1938 legt unfrei­wil­lig die Dis­kri­mi­nie­run­gen der Juden in dem Zeit­raum zwi­schen Mit­tel­al­ter und dem Beginn des 18. Jahr­hun­derts in Mühl­hau­sen offen. Dass die Juden damals nicht aus der Stadt ver­trie­ben wur­den, wie es angeb­lich die Bür­ger for­der­ten, son­dern von den städ­ti­schen Eli­ten, die in sich geschlos­se­ne Olig­ar­chie der Rats­fa­mi­li­en mit Unter­stüt­zung kai­ser­li­cher Gesand­ter dort ver­blei­ben durf­ten, sieht der Autor als den größ­ten Feh­ler die­ser Zeit an. Sein Ide­al, eine juden­freie Stadt, sah er, wenn auch nicht expli­zit for­mu­liert, durch die dama­li­ge Poli­tik des NS-Staa­tes end­lich in erreich­ba­rer Nähe, nun sogar auch auf natio­na­ler Ebe­ne. Dass er dabei auch schon einem liqui­da­to­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus hul­dig­te, zeigt sich in Sät­zen wie: „Wenn damals die uner­wünsch­ten Gäs­te [Juden] nicht auch in Deutsch­land, wie sie in Eng­land und Frank­reich und in den ver­ei­nig­ten Spa­ni­schen König­rei­chen ver­trie­ben wor­den waren, völ­lig aus­ge­rot­tet wur­den, so lag das (…) an der staat­li­chen Zer­split­te­rung; sie ermög­lich­te denen, die nicht nach Polen oder ande­ren öst­li­chen Län­dern gewan­dert waren, sich in den geist­li­chen oder welt­li­chen Zwerg­staa­ten des Reichs nie­der­zu­las­sen.“ Ein Vers, der auf einen der füh­ren­den Juden von Mühl­hau­sen, Abra­ham Suß­mann, gedich­tet wor­den war, nach­dem die­ser mit ande­ren Juden angeb­lich einen Brun­nen bei einem Gela­ge ver­un­rei­nigt hat­te – die alte Mär von der Brun­nen­ver­gif­tung wird hier wie­der bemüht – ist da noch deutlicher:
“Suß­mann ist ein Galgendieb;
Wenn man ihm den Kopf abhieb’,
Tät man kei­ne Sünde.
Der Magis­trat aber ließ die Din­ge trei­ben – anstatt –
so muss man wohl ergän­zen – den Juden den Kopf abzu­schla­gen. Aue­ner, Juden im reichs­städ­ti­schen Mühl­hau­sen, Teil II, S. 44 und 74.

[23] Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 35.

[24] Ebd.

[25] Ebd. S. 57, dazu Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Mühl­hau­sen vom 17.11.2023. Die Fami­lie hat­te schon im 19. Jahr­hun­dert mit zins­lo­sen Kre­di­ten wesent­lich zum Bau der dor­ti­gen Syn­ago­ge beigetragen.

[26] HHStAW 518 38051 (110).

[27] Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 61.

[28] Distan­zen, S. 64.

[29] StadtA Mühl­hau­sen 11/​1436/​6 Bd.2 Bl. 10v/​11r, zit. nach Distan­zen S. 66 f.

[30] Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 61.

[31] Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 69 f. Zum wei­te­ren Schick­sal die­ser jüdi­schen Kauf­häu­ser unter den Nazis sie­he Aus­ge­grenzt und aus­ge­plün­dert, S. 78–86, 94–98.

[32] Georg Kop­pel war mit 3.600 Mk Staats­steu­er und 2.160 Mk Kirch­steu­er nach den Fabri­kan­ten Josef und Max Eli­as der dritt­größ­te jüdi­sche Steu­er­zah­ler der Stadt, sie­he Distan­zen, S. 67. Auch die Fami­lie Oppé war mit Armin Oppé und danach mit des­sen Sohn Lou­is seit 1848 im Stadt­par­la­ment aktiv. Letz­te­rer war sogar zwi­schen 1900 und 1906 Vor­sit­zen­der der Ver­samm­lung. Lie­sen­berg, Juden in Mühl­hau­sen, S. 62.

[33] Ebd. S. 72 f.

[34] Sie­he dazu ebd. S.75–78.

[35] HHStAW 518 38051 (109). Die beson­ders hohen Zah­len des Jah­res 1934 erklär­te der frü­he­re lei­ten­de Ange­stell­te damit, dass wegen der all­ge­mei­nen Knapp­heit alte, unmo­der­ne und zum Teil schon abge­schrie­be­ne Stof­fe doch noch zu guten Prei­sen hat­ten ver­kauft wer­den können.

[36] Ebd. (107).

[37] Ebd. (85–87).

[38] Ebd. (88).

[39] Ebd. (110).

[40] Das Hei­rats­da­tum beruht nicht auf einem amt­li­chen Doku­ment, son­dern auf der Anga­be, die Albert May­er mehr­fach in sei­nen Steu­er­an­ga­ben gemacht hat, z.B. HHStAW 685 560 c (32).

[41] Geburts­re­gis­ter Ben­feld 42 /​ 1876.

[42] Aus­kunft des Stadt­ar­chivs vom 16.11.2023.

[43] Die größ­te Zahl der im Stutt­gar­ter Raum ansäs­si­gen Fami­li­en mit die­sem Namen war laut der Anga­ben in den ein­schlä­gi­gen Inter­net-Archi­ven, die­ser Kon­fes­si­on. Im badi­schen Raum gab es auch namens­glei­che Fami­li­en mit katho­li­schem Glau­ben, Juden mit die­sem Namen konn­ten nicht gefun­den wer­den. Sie­he dazu https://​gw​.genea​net​.org/​j​l​i​b​m​a​n​n​?​l​a​n​g​=​d​e​&​p​z​=​j​a​c​q​u​e​s​&​n​z​=​l​i​b​m​a​n​n​&​p​=​s​a​r​a​&​n​=​b​l​u​m​&​o​c​=79. (Zugriff: 20.11.2023).

[44] In der Ver­mö­gens­er­klä­rung nach Stand 27.4.1938, somit zu einem Zeit­punkt, in dem Olga Bau­erle bereits mit Albert May­er ver­hei­ra­tet war, heißt es in dem ent­spre­chen­den For­mu­lar, sie sei „der Ras­se nach jüdisch“ und gehö­re „der evan­ge­li­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft an“. HHStAW 685 560b (1).

[45] HHStAW 685 560 a (15) Vermögensteuer.

[46] Ebd. (pas­sim S. 1–17). Wie aus einem Schrei­ben der Fir­ma Bau­erle aus dem Jahr 1936 her­vor­geht, ebd. (17), schul­de­te Frau May­er der Gesell­schaft aber die Erhö­hung ihrer Ein­la­ge um knapp 28.000 RM, sodass das rea­le Ver­mö­gen um die­sen Betrag gemin­dert wer­den muss, sich die­ses zudem durch Pri­vat­ent­nah­men auf nur noch 49.000 RM redu­ziert hatte.

[47] Ebd. (22).

[48] Ebd. (24).

[49] Ebd. (23).

[50] Ebd. (38). Die zuvor gefor­der­te Sum­me von 46.000 RM war inzwi­schen um rund 10.000 RM redu­ziert wor­den, da Albert May­er den beträcht­li­chen Ver­mö­gens­ver­lust beim Ver­kauf der Fir­ma anfüh­ren konn­te, ebd. (34).

[51] Ebd. (42), dazu auch HHStAW 518 38051 (24).

[52] HHStAW 519/​3 4659 (1–7).

[53] Ebd. (8, 9).

[54] Ebd. (1). Der Name ist dem Schrei­ben zwar nicht genannt, da aber Regi­na sei­ne ein­zi­ge Schwes­ter war, kann es sich nur um die­se handeln.

[55] HHStAW 685 560 b (15) Vermögenssteuer.

[56] Ebd. (5). 1935 war der Ein­heits­wert des Hau­ses noch mit nur 27.300 RM, Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI /​ 3 983, dann 1937 mit 37.700 RM ver­an­schlagt wor­den, sie­he auch HHStAW 685 560 a (35). Ganz sicher war die angeb­li­che Wert­stei­ge­rung inner­halb von nur weni­gen Jah­ren nicht auf Inves­ti­tio­nen des Eigen­tü­mers zurück­zu­füh­ren, der aller­dings das bis­he­ri­ge Ein­fa­mi­li­en­haus durch klei­ne bau­li­che Maß­nah­men in zwei getrenn­te Woh­nun­gen, eine im Erd‑, eine wei­te­re im Ober­ge­schoss, auf­ge­teilt hat­te. Die­se „Wert­stei­ge­rung“ dien­te viel­mehr dazu, die Eigen­tü­me­rin bei der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be noch mehr blu­ten zu las­sen. Als das Haus nach den Depor­ta­tio­nen im Herbst 1942 kurz­fris­tig zum Ver­kauf anstand, wur­de der Ein­heits­wert wie­der mit 27.500 bzw. 27.300 angesetzt.

[57] Nach einer Auf­stel­lung im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens wur­den für die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be von Albert May­er ins­ge­samt für sich und sei­ne Frau rund 27.000 RM ent­rich­tet, nach Berech­nung des Anwalts von Mar­cel­le Blank belief sich die Sum­me sogar auf  knapp 36.000 RM, sie­he HHStAW 518 38051 (67, 69).

[58] HHStAW 685 560 b (20).

[59] HHStAW 685 560 c (87, 88, 98).

[60] HHStAW Wi-Wsb 534 III (o.P.).

[61] HHStAW 685 560 a (43). Die Argu­men­ta­ti­on ist in einem Brief des Geschäfts­füh­rers Franz Bau­erle an Frau May­er vom 26.3.1940 wiedergegeben

[62] Sie­he zum Begriff „Finanz­tod“ grund­sätz­lich Füll­berg-Stoll­berg, Sozia­ler Tod, der die Begriff­lich­keit H.G. Adlers, Der ver­wal­te­te Mensch, auf­greift und die Rol­le der Devi­sen­stel­len in die­ser Pha­se der Exis­tenz­ver­nich­tung jüdi­schen Lebens analysiert.

[63] HHStAW 685 560 c (27, 36, 46, 48, 75).

[64] HHStAW 518 38051 (104). Nach die­ser Auf­stel­lung des Finanz­amt Wies­ba­den von 1957 betru­gen die Ein­kom­men 1936 etwa 11.500, dann 13.500 RM, 1938 eigen­ar­ti­ger­wei­se nur 5.000, obwohl Olga May­er in die­sem Jahr noch ihren Anteil am Stutt­gar­ter Unter­neh­men besaß, 1939 waren es wie­der etwa 12,600 RM. 1940, dem Jahr des Ver­kaufs der Antei­le, erhielt sie wohl nur noch 5.000 RM und 1941 betrug das Ein­kom­men der bei­den laut die­ser Auf­stel­lung nur noch 423 RM. Die Zah­len sind aber mit Vor­sicht zu betrach­ten, denn sie stim­men nicht mit ande­ren Anga­ben über die Ein­künf­te über­ein, was aber auch dar­an lie­gen kann, dass nie klar ist, ob das ver­steu­er­te oder das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men gemeint ist, auch nicht ob die Anga­ben sich auf die Ein­künf­te vor oder nach der Über­prü­fung durch die Finanz­be­hör­den bezie­hen. Des­halb kön­nen sie hier nur als gro­be Ori­en­tie­rung fungieren.

[65] HHStAW 519/​3 4659 (22).

[66] Ebd. (27, 29, 31).

[67] Ebd. (28).

[68] Ebd. (30).

[69] Ebd. (33).

[70] HHStAW 519/​2 2101 III (1).

[71] Ebd. (o.P.).

[72] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1443 /​ 1942. Wel­ches tra­gi­sche Gesche­hen Hin­ter­grund für die­sen Tod war, lässt sich im Rah­men die­ser Recher­che nicht klä­ren, aber die Koin­zi­denz des Aus­zugs der Frau aus der gemein­sa­men Woh­nung in der Stein­gas­se 23 und der Todes­tag des Ehe­manns ist zumin­dest merk­wür­dig. Zu erwar­ten gewe­sen wäre, dass die Wit­we sich eini­ge Wochen spä­ter eine neue Blei­be gesucht hät­te. Die Ehe der bei­den war am 17.6.1939 geschlos­sen wor­den, war also noch nicht ein­mal drei Jah­re alt.

[73] Sie­he das voll­stän­di­ge Schrei­ben in Bem­be­nek /​ Ulrich, Wider­stand und Ver­fol­gung, S. 301 ff.

[74] HHStAW 518 38047 (79). Mar­cel­le Blank wur­de dafür eine Ent­schä­di­gungs­leis­tung von 4.400 DM gezahlt.

[75] HHStAW 518 38047 (27, 83 ff.).

[76] Zum Trans­port sie­he Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 317 f. und aus­führ­lich King­reen, Depor­ta­ti­on der Juden aus Hes­sen, S. 132–169, wo auch die Fotos, die damals in Wies­ba­den sowohl in der Fried­rich­stra­ße als auch am Bahn­hof von einem unbe­kann­ten Foto­gra­fen auf­ge­nom­men wur­den, ver­öf­fent­licht sind.

[77] https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​2​4​1​5​8​-​a​l​b​e​r​t​-​m​a​y​er/. und https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​2​4​3​7​4​-​o​l​g​a​-​m​a​y​er/. (Zugriff: 20.11.2023).

[78] HHStAW 469/​33 2307 (16).

[79] Ebd. (6) und https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​2​4​3​7​4​-​o​l​g​a​-​m​a​y​er/. (Zugriff: 20.11.2023).

[80] Sie­he zu den Trans­por­ten Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S.  430–432.

[81] Ster­be­re­gis­ter Bad Wil­dun­gen 214 /​ 1978 und Ster­be­re­gis­ter Frank­furt 2810 /​ 1980.

[82] Auf sein Schick­sal wird im Kapi­tel über Emma Löwen­stein aus­führ­lich eingegangen.

[83] HHStAW 519/​2 2101 I (20).

[84] Ebd. (19 f.). Unter einem ande­ren Aspekt ist die For­mu­lie­rung im letz­ten Para­gra­phen von Inter­es­se, laut dem der Ehe­mann der Schen­ke­rin „sei­ne ehe­männ­li­che Zustim­mung“ zu dem Ver­trag gab.

[85] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​4​3​2​4​8​0​9​:​6​1​0​6​0​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​9​9​f​b​0​8​b​2​6​1​5​e​0​5​b​6​b​7​5​3​d​9​a​7​a​7​f​7​5​9​3​a​&​_​p​h​s​r​c​=​s​v​o​2​3​9​8​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 20.11.2023).

[86] Ebd. (22).

[87] https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​6​4​6​4​-​h​e​d​w​i​g​-​b​lum, sie­he dazu auch https://​www​.sta​tis​tik​-des​-holo​caust​.de/​l​i​s​t​_​g​e​r​_​s​w​d​_​4​3​t​.​h​tml. (Zugriff: 20.11.2023).

[88] HHStAW WIK 5288 (55).

[89] Ebd. (31).

[90] Ebd. (22).

[91] Ebd. (54).

[92] HHStAW 519/​2 I (4, 74, 75).

[93] Sie­he dazu bei­spiels­wei­se das muti­ge Han­deln des Ober­amts­rich­ters Dr. Schmidt-von Rhein bei der Ari­sie­rung des Juden­hau­ses Grill­par­zer­str. 9 von Mat­hil­de und Ali­ce Straus, bei Sebald und Hed­wig Strauss, Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 46, und bei Leo­pold und Doro­thea Kat­zen­stein Besit­zer des Juden­hau­ses in der Emser Str. 26a.

[94] HHStAW 519/​2 I (15a).

[95] Ebd. III (13).

[96] Ebd. IV (18). Aller­dings ist in dem Schrei­ben des Kreis­lei­ters nur von einem Miet‑, nicht aber von einem Kauf­ver­trag die Rede.

[97] Ebd. (15).

[98] Ebd. (17).

[99] Ebd. (21).

[100] Ebd. (29).

[101] Ebd. (30), dazu auch (33)

[102] Ebd. (32). Das Haus gehör­te ursprüng­lich dem jüdi­schen Ehe­paar Juli­us und Johan­na Moses, die aber bei­de schon in den Zwan­zi­ger­jah­ren ver­stor­ben waren. Laut Jüdi­schem Adress­buch von 1935 wohn­te inzwi­schen dort die Fami­lie von deren Sohn Paul. Die­ser wur­de mit sei­ner Frau Ida Hen­ri­et­te, gebo­re­ne Hirsch, am 1.9.1942 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo Paul Moser nach nicht ein­mal vier Wochen ver­starb, sei­ne Frau wur­de im Janu­ar 1943 in Ausch­witz ermor­det. Ihren bei­den Töch­tern Irma und Ilse war die Flucht in die USA gelungen.

[103] Ebd. (21a).

[104] Ebd. (32).

[105] Ebd. (44).

[106] Ebd. (27, 40).

[107] Ebd. (42).

[108] Ebd. (o.P.), dazu ebd. I (o.P.) vom 30.11.1943. Neben den genann­ten gab es wohl noch zwei wei­te­re Inter­es­sen­ten, die in HHStAW 519/​2 1381, einer Lis­te aller Kauf­in­ter­es­sen­ten für die ver­schie­de­nen jüdi­schen Häu­ser, auf­ge­führt sind. In der Akte ist aber von ihnen kei­ne Kor­re­spon­denz erhal­ten geblie­ben. Einer hat­te sein Inter­es­se auch bald zurückgezogen.

[109] Ebd. III (1).

[110] Ebd. (19). Die Mie­te belief sich aller­dings dann doch nur auf monat­lich 95 RM, ebd. (35). Sie­he zu sei­nem Bewer­bungs­schrei­ben um die Woh­nung und zu sei­nen per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen ebd. IV (61).

[111] Ebd. IV (35).

[112] Zum gesam­ten Vor­gang sie­he ebd. (35 f.).

[113] Zu die­ser Bom­ben­nacht sie­he Wei­chel, Wies­ba­den im Bom­ben­krieg, S. 68–79.

[114] HHStAW 519/​2 2101 I (33).

[115] Am 3.9.1957 war zunächst ein Erb­schein aus­ge­stellt wor­den, laut dem Mar­cel­le die Erbin auch der Hin­ter­las­sen­schaft von Olga May­er sein soll­te. Zu die­sem Zeit­punkt war noch nicht bekannt, dass sie nur deren Stief­toch­ter war, sie­he HHStAW 518 38047 (25, 29, 30, 39). Dazu auch die Akten des Rück­erstat­tungs­ver­fah­rens HHStAW WIK 5288, beson­ders (2).

[116] Ebd. (64).

[117] HHStAW Wi-Wsb 534 (22).

[118] Ebd. (24).

[119] Ebd. (50).