Daniel und Frieda Kahn-Hut, geborene Wertheim


Kaiser-Friedrich-Ring 65 Wiesbaden, Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Bernhard Scheidt, Rosa Scheidt Fechheimer, Minna Scheidt Kahn, Isaak Kahn, Luise Scheidt Kaufmann, Abraham Alfred Kaufmann, Frieda Wolf, Sally Wolf, Paula Helene Wolf Kassel, Julius Kassel, Ilse Betty Kassel, Friedel Scheidt Oppenheimer, Louis Oppenheimer, Eleanor Morris, Hugo Kaufmann, Helga Simon Kaufmann, Emma Scheidt Essinger, Julius Essinger, Rolf Essinger, Otto Essinger, Anna Essinger, Siegmund Scheidt, Anna Scheidt Frank, Otto Frank, Helmuth Friedrich Frank, Edith Margot Frank,Bertha Berta Scheid Blütenthal, Davis Blütenthal, Simon Frank, Therese Frank Müller, Moses Max Frank, Anna Simon Frank, Leonie Frank Landsberg, Peter Kurt Frank, Judith Eva Landsberg, Lea Landsberg, Jenny Johanna Scheidt, Felix Kaufmann, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 65 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Kaiser-Friedrich-Ring 65 Wiesbaden, Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Bernhard Scheidt, Rosa Scheidt Fechheimer, Minna Scheidt Kahn, Isaak Kahn, Luise Scheidt Kaufmann, Abraham Alfred Kaufmann, Frieda Wolf, Sally Wolf, Paula Helene Wolf Kassel, Julius Kassel, Ilse Betty Kassel, Friedel Scheidt Oppenheimer, Louis Oppenheimer, Eleanor Morris, Hugo Kaufmann, Helga Simon Kaufmann, Emma Scheidt Essinger, Julius Essinger, Rolf Essinger, Otto Essinger, Anna Essinger, Siegmund Scheidt, Anna Scheidt Frank, Otto Frank, Helmuth Friedrich Frank, Edith Margot Frank,Bertha Berta Scheid Blütenthal, Davis Blütenthal, Simon Frank, Therese Frank Müller, Moses Max Frank, Anna Simon Frank, Leonie Frank Landsberg, Peter Kurt Frank, Judith Eva Landsberg, Lea Landsberg, Jenny Johanna Scheidt, Felix Kaufmann, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Bele­gung des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 65

 

 

 

 

 

 

 


 Das Ehe­paar Kahn-Hut gehör­te zu den­je­ni­gen, die im Zuge der Zwangs­ein­wei­sun­gen im Jahr 1940 in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 65 ein­zie­hen muss­ten.[1] Anders als ande­re Mit­be­woh­ner war es nicht seit Gene­ra­tio­nen in Wies­ba­den ver­wur­zelt, son­dern erst in die Stadt gekom­men, als das Leben in ihrem bis­he­ri­gen Wohn­ort Gotha uner­träg­lich gewor­den war. Dass sie damals Wies­ba­den als Flucht­punkt wähl­ten, hat­te sicher sei­nen Grund dar­in, dass ihnen die Stadt von frü­her den­noch ver­traut war, denn die Eltern von Dani­el Kahn-Hut waren Bür­ger der Nach­bar­stadt Mainz. Aber auch die­se waren in Mainz nicht gebo­ren wor­den, son­dern kamen aus unter­schied­li­chen Regio­nen Deutsch­lands, wie man der aus­schwei­fend for­mu­lier­ten Hei­rats­ur­kun­de von Dani­el Kahn-Huts Eltern, Joseph Simon Kahn-Hut und Frie­de­ri­ke Sichel, ent­neh­men kann. Die bei­den waren am 30. April 1866 in Mainz die Ehe ein­ge­gan­gen.[2]
Neben Infor­ma­tio­nen zu den bei­den Fami­li­en ent­hält die Urkun­de auch wei­te­re Details zum Ablauf der Ver­ehe­li­chung. Von kul­tur­his­to­ri­schem Inter­es­se ist die Anga­be, dass die Hei­rats­ab­sicht des Paa­res an zwei Tagen in deren jewei­li­gen Hei­mat­ge­mein­den öffent­lich ver­kün­det und nicht nur aus­ge­hängt wur­de, damit gege­be­nen­falls Ein­sprü­che erho­ben wer­den konn­ten. Auch hat­ten die Eltern, obwohl die Part­ner selbst voll­jäh­rig waren, ihre Zustim­mung zur Ehe schrift­lich hinterlegt.

Stammbaum Kahn-Hut
Stamm­baum der Fami­lie Kahn-Hut
GDB

Der Vater von dem am 9. August 1841 gebo­re­nen Joseph Simon Kahn-Hut war der Han­dels­mann Abra­ham Kahn-Hut aus Gem­min­gen, der aller­dings bereits am 30. März 1853 dort ver­stor­ben war. Sei­ne Wit­we Schön­le, genannt Jea­nette, die 57-jäh­ri­ge Mut­ter des Bräu­ti­gams, eine gebo­re­ne Schwarz­schild, leb­te damals noch in Gem­min­gen und hat­te ihre Ein­wil­li­gung bei einem dor­ti­gen Notar hin­ter­legt.
In dem frän­ki­schen, bei Heil­bronn gele­ge­nen Städt­chen Gem­min­gen gab es seit dem frü­hen 18. Jahr­hun­dert eine all­mäh­lich wach­sen­de jüdi­sche Gemein­de, die zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts, als die Juden gezwun­gen wur­den, fes­te, erb­li­che Fami­li­en­na­men anzu­neh­men, aus sech­zehn Fami­li­en bestand. Eine davon wähl­te den Namen Kahn­hut bzw. Kahn-Hut, mit­un­ter aber auch wie­der ver­kürzt auf Kahn.

Lehrer Bondi Mainz
Leh­rer der Bon­di-Schu­le in Mainz
https://​ufdc​.ufl​.edu/AA00013434​/00001​/images/36
Tod Joseph Simon Kahn-Huz
Zum Tod des Bon­di-Leh­rers Joseph Simon Kahn-Hut in der Zeit­schrift ‘Der Israe­lit’ vom 20.10.1841

Als Joseph Simon Kahn-Hut 1866 hei­ra­te­te, war er – so heißt es in der Urkun­de – „zu Mainz bür­ger­lich ansäs­sig und daselbst seit meh­re­ren Jah­ren wohn­haft“. Mit nur acht­zehn Jah­ren war er 1860 in die Stadt gekom­men und hat­te schon damals eine Anstel­lung als Leh­rer an der Schu­le der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­sell­schaft erhal­ten, die auch räum­lich der ortho­do­xen Syn­ago­ge in der Flachs­markt­stra­ße ange­glie­dert war und als Bon­di-Schu­le gera­de bei streng­gläu­bi­gen Juden einen her­vor­ra­gen­den Ruf genoss.[3]

Abraham Wertheim
Anzei­ge von Abra­ham Sichel in der Zei­tung ‘Der Israe­lit’ 1901
http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/images​/Images%20255​/Schluechtern_Israelit_20051901_small.jpg

Sei­ne Braut Frie­de­ri­ke Sichel kam aus dem hes­si­schen Schlüch­tern, wo sie am 3. April 1841 gebo­ren wur­de.[4] Sie war das ältes­te von ins­ge­samt sechs Kin­dern des Han­dels­manns Abra­ham Sichel und sei­ner Frau Babet­te, gebo­re­ne Klin­gen­stein.[5] Von ihren Eltern leb­te zum Zeit­punkt der Ehe­schlie­ßung noch der 50-jäh­ri­ge Vater,[6] wäh­rend die Mut­ter am 27. März 1863 in Schlüch­tern ver­stor­ben war.[7] Die Fami­lie Sichel gehör­te zu den bedeu­ten­den jüdi­schen Fami­li­en im nord­hes­si­schen Raum. Auch ihre Genea­lo­gie reicht zurück bis in das 17. Jahr­hun­dert. Als Abra­ham Sichel 1872 ver­starb, war das der Zeit­schrift ‚Der Israe­lit’ einen Arti­kel wert, der ihn für sein Lebens­werk in höchs­ten Tönen lob­te.[8]

Heirat Joseph Kahn-Hut und Friedericke Michel
Hei­rats­ein­trag Joseph Simon Kahn-Hut und Frie­de­ri­ke Sichel in Mainz
Hei­rats­re­gis­ter Mainz 96 /​ 1866

Auch in der Ehe von Joseph Simon und Babet­te Kahn-Hut wur­den in Mainz, wo die Fami­lie in der Emmer­an­str. 33 wohn­te, wie­der sechs Kin­der gebo­ren, von denen der dritt­ge­bo­re­ne Sieg­mund nur ein Jahr alt wur­de und am 3. Juli 1872 bereits ver­starb.[9] Abge­se­hen von dem zweit­äl­tes­ten Mar­cus, der 1939 eines natür­li­chen Todes starb, fie­len alle ande­ren Kin­der des Paa­res dem Ras­sen­wahn der Natio­nal­so­zia­lis­ten zum Opfer.

Daniel Kahn-Hut
Dani­el Kahn-Hut
https://​names​fs​.yad​vas​hem​.org/​/yadvashem​/photos4​/hon​/14206555.JPG
Frieda Kahn-Hut
Frie­da Kahn-Hut, geb. Wert­heim
https://​names​fs​.yad​vas​hem​.org/​/yadvashem​/photos4​/hon​/14206554.JPG

Aber dar­an war noch nicht zu den­ken, als die Kin­der in der pro­spe­rie­ren­den Zeit nach der Reichs­grün­dung auf­wuch­sen und sich auf ihre beruf­li­che Lauf­bahn vor­be­rei­te­ten. Offen­sicht­lich muss der Vater als Leh­rer damals ein so hohes Ein­kom­men ver­dient haben, um zumin­dest einem Teil der Kin­der eine aka­de­mi­sche Aus­bil­dung ermög­li­chen zu kön­nen. Wo der am 31. März 1875 als zweit­jüngs­tes Kind von Joseph und Frie­de­ri­ke Kahn-Hut [10] zur Welt gekom­me­ne Dani­el zur Schu­le ging, wo er stu­dier­te und sei­ne Exami­na abge­legt hat­te, konn­te nicht in Erfah­rung gebracht wer­den. Im Jahr 1898 publi­zier­te er als Abschluss sei­nes Medi­zin­stu­di­ums in Straß­burg sei­ne Dis­ser­ta­ti­on über die Ope­ra­ti­on des Grau­en Stars.[11] Auch gibt es kei­ne siche­ren Erkennt­nis­se dar­über, wo er sich in den fol­gen­den Jah­ren auf­hielt und als Arzt prak­ti­zier­te. Als er am 17. Febru­ar 1905 in Darm­stadt, dem Wohn­ort sei­ner Braut, Frie­da Wert­heim, hei­ra­te­te,[12] gab er als eige­nen Wohn­sitz noch oder wie­der Mainz an.

Wertheim Hofgeismar
Hof­geis­mar, Müh­len­str. 9, wo die Fami­lie Wert­heim bis 1903 wohn­te
https://​www​.hof​geis​mar​.de/museum-hofgeismar​/download​/familie-wertheim-tafel-16.pdf​?cid=wo

Frie­da Wert­heim stamm­te ursprüng­lich aus dem nord­hes­si­schen Hof­geis­mar, wo sie am 25. März 1880 gebo­ren wur­de und wo ihre Eltern, der Rent­ner Lou­is Wert­heim und sei­ne Frau Rosa­lie, noch immer in der dor­ti­gen Müh­len­str. 9 leb­ten. Die Mut­ter war eine gebo­re­ne Klee­berg und wird – so ist anzu­neh­men – sehr weit­läu­fig mit den Klee­bergs ver­wandt gewe­sen sein, mit denen ihre Toch­ter spä­ter im Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 65 zusam­men­le­ben muss­te.[13]

Bürgeraue Gotha
Bür­ger­aue 4 in Gotha heute

Bald nach der Hoch­zeit, noch im Jahr 1905, zog das jung­ver­mähl­te Paar in die thü­rin­gi­sche Stadt Gotha, wo Dani­el Kahn-Hut in der Bür­ger­aue 4 eine all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Pra­xis eröff­ne­te. Im fol­gen­den Jahr wur­de am 6. Mai 1906 dort ihr ein­zi­ges Kind, der Sohn Edgar, gebo­ren.[14]

Über die fast drei­ßig Jah­re, die die Fami­lie in Gotha leb­te, ist nur wenig bekannt. Ihr Sohn gab spä­ter an, dass sie dort eine gro­ße 8‑Zimmerwohnung ange­mie­tet hat­ten und es ihnen finan­zi­ell immer gut gegan­gen sei. Er mein­te, sich an ein Net­to­jah­res­ein­kom­men von knapp 20.000 RM im Jahr 1929 erin­nern zu kön­nen.[15] Unter­la­gen des Finanz­amts lie­gen erst seit Beginn der Drei­ßi­ger­jah­re vor und geben etwa die Hälf­te die­ses Betra­ges an.[16]

Ver­mut­lich hat­te aber zu die­sem Zeit­punkt bereits die Pra­xis des Dr. Kahn-Hut die wach­sen­de Durch­drin­gung des öffent­li­chen Lebens mit der anti­se­mi­ti­schen Pro­pa­gan­da zu spü­ren bekom­men. Thü­rin­gen gehör­te zu den Län­dern Deutsch­lands, in denen, von Bay­ern abge­se­hen, sich das völ­ki­sche Gedan­ken­gut schon früh Bahn bre­chen konn­te. Schon 1921 waren die ers­ten NSDAP-Orts­grup­pen ent­stan­den. Dort wur­de auch das nach dem geschei­ter­ten Hit­ler-Putsch von 1923 ver­häng­te reichs­wei­te NSDAP-Par­tei­ver­bot zuerst wie­der auf­ge­ho­ben und 1930 gab es in Thü­rin­gen die ers­te Regie­rungs­ko­ali­ti­on des bür­ger­li­chen Lagers mit der NSDAP. Frick, der spä­te­re Innen­mi­nis­ter unter Hit­ler, fun­gier­te damals schon als Innen- und Kul­tur­mi­nis­ter die­ser Regie­rung. Und 1932 hat­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten dort mit 42,5 Pro­zent ihr Ziel, mit einer eige­nen Mehr­heit regie­ren zu kön­nen, schon fast erreicht. In der ört­li­chen Pres­se, die sich enga­giert an der Het­ze gegen Juden und Anders­den­ken­de betei­lig­te, erschie­nen Arti­kel, die den Arzt per­sön­lich dif­fa­mier­ten und belei­dig­ten. Auch Angrif­fen auf der Stra­ße war er durch die­se Kam­pa­gne aus­ge­setzt.[17]

Nicht ver­wun­der­lich, dass die Zahl der Pati­en­ten schon seit Ende der Zwan­zi­ger­jah­re kon­ti­nu­ier­lich zurück­ging. 1933 wur­de ihm, wie allen jüdi­schen Ärz­ten, die Kas­sen­zu­las­sung ent­zo­gen. 1934 ent­schlos­sen sich Dani­el und Frie­da Kahn-Hut die Pra­xis auf­zu­ge­ben, Gotha zu ver­las­sen und nach Wies­ba­den zu ziehen.

Wo ihr Sohn, der eine Aus­bil­dung als Inge­nieur abge­schlos­sen hat­te, sich damals auf­hielt, ist nicht bekannt. In einem kur­zen Arti­kel über sei­ne Toch­ter Rachel, die spä­te­re Pro­fes­so­rin der San Fran­cis­co Sta­te Uni­ver­si­ty, heißt es, ihr Vater habe Anfang der Drei­ßi­ger­jah­re das von der Infla­ti­on gebeu­tel­te Deutsch­land ver­las­sen, um in der Sowjet­uni­on Arbeit zu suchen.[18] Dass damals die Infla­ti­on in Deutsch­land schon lan­ge besiegt und die Welt­wirt­schafts­kri­se das eigent­li­che Pro­blem war, sei nur am Ran­de bemerkt. Man wird auch kaum anneh­men kön­nen, dass die Ent­schei­dung, in die Sowjet­uni­on zu gehen, damals allei­ne von dem genann­ten Motiv bestimmt und kei­ne poli­ti­sche Ent­schei­dung war. Zwar gibt es kei­ne Bele­ge dafür, dass Edgar Kahn-Hut der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung nahe­ge­stan­den hät­te, aber das Land Sta­lins war eigent­lich nur eine Opti­on für die­je­ni­gen, die in der Sowjet­uni­on das ein­zig wirk­li­che Boll­werk gegen den auf­kom­men­den Faschis­mus sahen. Es spricht aber auch eini­ges dafür, dass die Ent­schei­dung, nach Mos­kau zu gehen, tat­säch­lich nicht poli­tisch moti­viert war, son­dern er im Auf­trag einer deut­schen Fir­ma dort arbei­te­te, wie ein Bekann­ter aus der spä­te­ren gemein­sa­men Lager­zeit angab.[19] Das wür­de auch die wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen zum Zeit­punkt sei­ner Aus­rei­se erklä­ren. Edgar selbst gab an, 1936 in Wies­ba­den sei­ne Eltern letzt­mals gese­hen zu haben, bevor er Deutsch­land ver­ließ. In einem Schrei­ben der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz, mit der 1938 eine Siche­rungs­an­ord­nung gegen Dr. Kahn-Hut ein­ge­lei­tet wur­de, heißt es dage­gen, dass sich „der ein­zi­ge Sohn des Kahn-Hut seit 1931 im Aus­land befin­det“,[20] was wie­der­um die Anga­be des ame­ri­ka­ni­schen Arti­kels bestä­ti­gen wür­de. Bei Fren­zel liest man – aller­dings ohne Quel­len­an­ga­be – , Edgar sei 1932 in die Sowjet­uni­on emi­griert.[21] Eine sowje­ti­sche Quel­le nennt ihn in einer Auf­lis­tung der aus­län­di­schen Spe­zia­lis­ten für Metall­bau, der in den Jah­ren von 1930 bis 1937 für das Volks­kom­mis­sa­ri­at für Maschi­nen­bau tätig gewe­sen sein soll.[22]

Es ist wohl wahr­schein­lich, dass Edgar Kahn-Hut in die­sen letz­ten Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik und den ers­ten Jah­ren der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft als Ange­stell­ter einer deut­schen Fir­ma noch die Mög­lich­keit hat­te, die Gren­zen zwi­schen Deutsch­land, Polen und der Sowjet­uni­on rela­tiv pro­blem­los zu über­schrei­ten und 1936 noch ein­mal zu sei­nen Eltern nach Wies­ba­den gekom­men war, obgleich er damals schon in Mos­kau leb­te. Mög­li­cher Anlass für das Tref­fen könn­te die nota­ri­el­le Errich­tung des gemein­sa­men Tes­ta­ments der Eltern am 3. August 1936 gewe­sen sein, in dem sie sich gegen­sei­tig als Vor- und den gemein­sa­men Sohn als Nach­er­ben ein­setz­ten.[23]
In der UdSSR lern­te Edgar Kahn-Hut sei­ne Frau Caro­li­ne Rosen ken­nen, angeb­lich eine rus­si­sche Jüdin.[24] Laut den Unter­la­gen der US-Volks­zäh­lung von 1940 stamm­te sie jedoch aus Polen.[25] Den bei­den war aber nur eine kur­ze Zeit des Zusam­men­seins ver­gönnt. Die immer bedroh­li­cher wer­den­de Situa­ti­on für Juden in Euro­pa, beson­ders in den Län­dern UdSSR, Polen und Deutsch­land, scheint das Paar ent­zweit zu haben – so zumin­dest die Aus­sa­ge des Bekann­ten aus dem Lager. Wäh­rend Caro­li­ne Rosen nach sei­nen Anga­ben in die USA aus­rei­sen woll­te, glaub­te Edgar Kahn-Hut in Mos­kau, wo er zuletzt wohn­te, sicher zu sein. Mög­li­cher­wei­se gab es die­se Kon­tro­ver­se tat­säch­lich. Ob aber die Ent­schei­dung, zukünf­tig getrenn­te Wege zu gehen, schon end­gül­tig getrof­fen war, als sich am 18. Novem­ber 1937 in der Mos­kau­er U‑Bahn eine Hand auf Edgar Kahn-Huts Schul­ter leg­te und er ver­haf­tet wur­de, ist kei­nes­wegs sicher, zumal Caro­li­ne Rosen damals hoch­schwan­ger war.
Das lan­ge Zögern hat­te sich in jedem Fall als fata­ler Irr­tum erwie­sen. Edgard Dani­lo­witsch Kan-Hut – wie er in der UdSSR hieß – war aus dem deut­schen Regen in der rus­si­schen Trau­fe geen­det. Wie so vie­le ande­re Exi­lan­ten wur­de er Opfer der sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen, wur­de ver­däch­tigt, ein deut­scher Spi­on zu sein, und ver­schwand bald in einem der vie­len und berüch­tig­ten Lager des sta­li­nis­ti­schen Sys­tems. Am 29. Dezem­ber 1937 wur­de er vom NKVD zu zehn Jah­ren Zwangs­ar­beit im Gulag von Norilsk /​ Noril­lag ver­ur­teilt.[26]

 

 

 

 


Bil­der aus den Anfangs­jah­ren des Gulag Noril­lag /​ Norilsk

https://​www​.rbth​.com/history​/331201-ussr-gulag-camps und https://​upload​.wiki​me​dia​.org/wikipedia​/sh​/thumb​/6​/60​/Norillag.jpg​/288px-Norillag.jpg

Es han­del­te sich dabei um ein gan­zes Lager­sys­tem mit vie­len Tau­send Zwangs­ar­bei­tern jen­seits des Polar­krei­ses mit den ent­spre­chen­den Lebens­be­din­gun­gen. Ein Vier­tel­jahr ohne Son­ne und ein ande­res Vier­tel­jahr ohne wirk­li­che Nacht, Tem­pe­ra­tu­ren, die in den Win­ter­mo­na­ten auf minus 50 Grad abfie­len, Schnee­stür­me, gegen die man sich kaum zu schüt­zen ver­moch­te. Dazu eine Luft, die durch die indus­tri­el­len Anla­gen, beson­ders durch Schwe­fel­di­oxid, so sehr ver­seucht war, dass allein des­halb das Atmen schwer fiel.
Gegrün­det wor­den war das Lager 1935 mit zunächst etwas mehr als 1000 Häft­lin­gen, eine Zahl, die gera­de in den Nach­kriegs­jah­ren auf über 70 000 Men­schen anschwoll.

Ande­rer­seits waren die­se Lager nicht mit den KZs der Nazis zu ver­glei­chen, da dort nicht die Ver­nich­tung, son­dern die Ver­wer­tung der Gefan­ge­nen das obers­te Ziel war. Nur in der ers­ten Zeit gab es aus­schließ­lich Zel­te, dann wenigs­tens ein­fa­che Bara­cken, in denen aber auch Fami­li­en zusam­men­le­ben durf­ten. Spä­ter wur­den die­se durch mehr­stö­cki­ge Häu­ser mit ein­fa­chen Woh­nun­gen ersetzt und es ent­stand in die­sem Gebiet mit sei­nen wich­ti­gen Roh­stof­fen eine Stadt, mit Schu­len, Thea­tern und Geschäf­ten, in der auch zuneh­mend Men­schen wohn­ten, die in der dor­ti­gen Indus­trie, beson­ders im Berg­bau und der Metall­ver­ar­bei­tung, Arbeit such­ten. Heu­te ist das ehe­ma­li­ge Lager die größ­te Stadt jen­seits des Polar­krei­ses. Trotz des gene­rel­len Zwangs­sys­tems gab es auch unter­schied­li­che Pha­sen der Unter­drü­ckung, Pha­sen der Frei­zü­gig­keit und wegen des hohen Bedarfs an qua­li­fi­zier­ten Arbeits­kräf­ten auch Mög­lich­kei­ten des beruf­li­chen Auf­stiegs, gera­de für Men­schen wie Edgar Kahn-Hut. Er, ein aus­ge­bil­de­ter Inge­nieur, der zudem ver­schie­de­ne Spra­chen flie­ßend beherrsch­te, gehör­te ganz sicher zu den gefrag­tes­ten Gefan­ge­nen.[27] Ein Mit­häft­ling, Joseph Shamis, erwähnt ihn in sei­nen Erin­ne­run­gen als „one of the lea­ding workers“ im „design depart­ment for metal struc­tures of buil­dings and struc­tures, a major spe­cia­list in his field“.[28] Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass ursprüng­lich eine die­ser Qua­li­fi­ka­tio­nen und nicht irgend­wel­che poli­ti­schen Grün­de ihn in die­ses Arbeits­la­ger gebracht hat­ten.[29]

Die Geburt sei­ner Toch­ter Rachel, die noch am 25. Janu­ar 1938 in Mos­kau zur Welt kam,[30] hat er selbst nicht mehr erlebt. Im März 1938 waren sei­ne Frau und das zehn Wochen alte Baby aus der ver­meint­li­chen Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats aus­ge­wie­sen wor­den.[31]

Rachel als Kind in den USA
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Guttman

Der Weg der bei­den in die USA führ­te sie über Wies­ba­den, wo Mut­ter und Toch­ter eine gewis­se Zeit bei ihren Schwie­ger- bzw. Groß­el­tern blie­ben. Die­se hat­ten sich, nach ihrem Weg­zug von Gotha 1934, in der Kur­stadt in der Mit­tel­hei­mer Str. 11 im drit­ten Stock eine Woh­nung gemie­tet, in der sie bis 1940 blie­ben. Prak­ti­ziert hat Dr. Kahn-Hut in Wies­ba­den nicht mehr, auch nicht als „Kran­ken­be­hand­ler“ für Juden. Das Paar leb­te im Wesent­li­chen von sei­nem Ver­mö­gen und den Erträ­gen, die die­ses abwarf. Nach Anga­ben des Finanz­amts Wies­ba­den belief sich das Ein­kom­men im Jahr 1934 noch auf etwa 3.000 RM, zwei Drit­tel weni­ger als zuletzt in Gotha, betrug in den ers­ten fol­gen­den Jah­ren aber nur noch zwi­schen 1.000 und 2.000 RM im Jahr.[32]

Als die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz im Sep­tem­ber 1938 die bereits erwähn­te Siche­rungs­an­ord­nung ver­an­lass­te, bezif­fer­te sie das Ver­mö­gen von Dr. Kahn-Hut mit ins­ge­samt etwa 50.000 RM, 44.500 RM in Form von Wert­pa­pie­ren, 1.500 RM lagen auf einem Bank­kon­to der Deut­schen Bank und etwa 5.500 RM betrug der Rück­kaufs­wert von drei Lebens­ver­si­che­run­gen.[33] Unmit­tel­bar nach dem Erlass der Siche­rungs­an­ord­nung bat er um die Geneh­mi­gung, Papie­re im Wert von etwa 3.000 RM ver­kau­fen und den Betrag auf sein Bank­kon­to über­wei­sen zu dür­fen, um damit sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­ten zu kön­nen. Die Zins­er­trä­ge, die ihm frei­ge­stellt wor­den waren, wür­den dafür nicht aus­rei­chen.[34] Die Geneh­mi­gung wur­de im Okto­ber erteilt.
Zwei Jah­re spä­ter, im Juni 1940, war er von der Devi­sen­stel­le erneut zur Abga­be einer aktu­el­len Auf­stel­lung sei­nes Ver­mö­gens auf­ge­for­dert wor­den. Dies belief sich jetzt auf rund 43.000 RM.[35] Die Lebens­ver­si­che­run­gen hat­te er inzwi­schen zurück­ge­kauft, um damit die 1939 fäl­lig gewor­de­ne Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be in Höhe von ins­ge­samt 6.000 RM zu bezah­len.[36] Sei­nen monat­li­chen Bedarf für den Zwei­per­so­nen­haus­halt gab er mit 300 RM an, was zur Fol­ge hat­te, dass ihm der bis­he­ri­ge Frei­be­trag von 500 RM am 2. Dezem­ber auf die­sen gerin­ge­ren Betrag gekürzt wur­de.[37]

Daniel Kahn-Hut meldet den Umzug in das Judenhaus
Dani­el Kahn-Hut mel­det den Umzug in das Juden­haus
HHStAW 519/​3 3648 (19)

Noch am sel­ben Tag bat er die Devi­sen­stel­le, ihm wie­der den frü­he­ren Betrag frei­zu­ge­ben. Er begrün­de­te die­se Bit­te zum einen mit dem „erzwun­ge­nen Umzug in eine grö­ße­re Woh­nung, die (er) sich mit zwei Fami­li­en tei­len“ müs­se.[38] Der Umzug, den er hier anspricht, ist der in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 65, der aber laut Gestapo­kar­tei­kar­te bereits am 20. Sep­tem­ber 1940 statt­ge­fun­den hat­te. In jedem Fall war der Woh­nungs­wech­sel nicht durch öko­no­mi­schen Druck, son­dern offen­sicht­lich expli­zit durch eine Anwei­sung des Woh­nungs­am­tes erfolgt. Dar­über, mit wem das Ehe­paar damals die Woh­nung tei­len muss­te, mach­te er kei­ne Anga­ben. Dies lässt sich aus den vor­han­de­nen Unter­la­gen auch nicht sicher erschlie­ßen. Laut einer Lis­te, die aber erst im Vor­feld der Depor­ta­tio­nen 1942 erstellt wur­de, bewohn­ten Kahn-Huts zusam­men ein Zim­mer im ers­ten Stock des Hau­ses,[39] von dem ohne­hin nur zwei Eta­gen als „Juden­haus“ genutzt wur­den. Ver­mut­lich konn­te er in die­ses Zim­mer nur einen Teil sei­nes Mobi­li­ars aus der bis­he­ri­gen Woh­nung mit­neh­men. Einen ent­spre­chen­den Ent­schä­di­gungs- oder Rück­erstat­tungs­an­trag hat­te der Sohn spä­ter aber nicht gestellt.

Der wei­te­re Grund, wes­halb Dr. Kahn-Hut um einen höhe­ren Frei­be­trag bat, war sei­ne inzwi­schen ein­ge­tre­te­ne Erkran­kung. Am 21. Novem­ber hat­te er – sicher nicht zuletzt wegen der mit dem Umzug ver­bun­de­nen Auf­re­gun­gen – einen Schlag­an­fall erlit­ten, der Sprach­stö­run­gen und Läh­mungs­er­schei­nun­gen der rech­ten Kör­per­hälf­te zur Fol­ge hat­te, wie der jüdi­sche Arzt Edu­ard Laser am 22. Novem­ber attes­tier­te.[40] Der gewünsch­te Betrag wur­de dann tat­säch­lich bewilligt.

Daniel Kahn-Hut
Dani­el Kahn-Hut unter­stütz­te die Fami­li­en sei­ner Brü­der immer wie­der mit finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen
HHStAW 519/​3 3648 (22)

Aber nicht nur für das Ehe­paar Kahn-Hut wur­de die Lage immer bedrü­cken­der. Die bei­den hat­ten zumin­dest noch so viel finan­zi­el­le Mit­tel, um ihr Leben schlecht und recht fris­ten zu kön­nen. Wesent­lich schlim­mer stand es offen­sicht­lich um die Brü­der von Dani­el Kahn-Hut. In einem Schrei­ben an die Devi­sen­stel­le im Som­mer 1941 bat er dar­um, die­sen jeweils monat­lich 100 RM von sei­nem gesi­cher­ten Kon­to über­tra­gen zu dür­fen, „weil sie am Ende ihrer Mit­tel ange­langt“ sei­en.[41]
Das Schrei­ben ent­hält noch eine wei­te­re wich­ti­ge Nach­richt. Wie auch das Ehe­paar Roth­schild waren Kahn-Huts im Som­mer 1941 kur­zer­hand aus ihrem Zim­mer ver­trie­ben wor­den, um für ein hal­bes Jahr Platz für deut­sche „Volks­ge­nos­sen“ zu machen, die durch Luft­kriegs­schä­den obdach­los gewor­den waren. Vom 12. Mai bis zum 20. Okto­ber wur­den sie in der Mau­er­gas­se 10 unter­ge­bracht, dem Eltern­haus von Hed­wig Strauss und Pau­la Straus, bei­de gebo­re­ne Rödel­hei­mer.[42] Nicht bekannt ist, ob sie dort ein­ge­wie­sen wur­den oder sie sich selbst um die­se Unter­kunft hat­ten küm­mern müs­sen. Dani­el Kahn-Hut schrieb: „Ich woh­ne jetzt viel teu­rer, da möbliert mit Küchen­be­nut­zung, Mau­er­gas­se 10.“ Das Per­fi­de war, dass sie nicht nur ihre Ein­rich­tung im Kai­ser-Fried­rich-Ring den Deut­schen hat­ten über­las­sen müs­sen, son­dern auch für die Mie­te bei­der Woh­nun­gen auf­kom­men muss­ten.
Im April 1942 sand­te Dr. Kahn-Hut eine wei­te­re Hiobs­bot­schaft an die Devi­sen­stel­le. Sei­ne Frau litt inzwi­schen sehr unter einer Glau­kom-Erkran­kung und hat­te sich zudem in die­sem Monat bei einem Sturz den Ober­schen­kel­hals gebro­chen. Abge­se­hen von allen zusätz­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen bedeu­te­te das auch zusätz­li­che Aus­ga­ben. Der Frei­be­trag, der nach einer noch­ma­li­gen Ver­mö­gens­er­klä­rung neu fest­ge­setzt wur­de, belief sich für die rest­li­che Zeit, die dem Ehe­paar Kahn-Hut in Wies­ba­den blieb, auf nun 450 RM im Monat.[43]

Todes­fall­an­zei­ge aus The­re­si­en­stadt für Dani­el Kahn-Hut
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Am 8. Okto­ber 1942 wur­de die Akte mit dem obli­ga­ten Ver­mö­gens­ein­zug geschlos­sen. Es heißt in die­ser Ver­fü­gung, dass die bei­den zuletzt in der Fried­richstr. 33 wohn­haft gewe­sen sei­en. Ein sol­cher Umzug ist auf der Gestapo­kar­tei­kar­te nicht ver­merkt. Ver­mut­lich ging es dabei auch nur um weni­ge Tage, denn die­se Adres­se war die der nicht nie­der­ge­brann­ten, ortho­do­xen Syn­ago­ge, die als Sam­mel­quar­tier für die Depor­ta­ti­on am 1. Sep­tem­ber 1942 dien­te. Dort hat­ten sich alle, die „eva­ku­iert“ wer­den soll­ten, drei Tage zuvor, an einem Shab­bat, ein­fin­den müs­sen, viel­leicht eini­ge sogar noch frü­her.[44] Dort wur­den die letz­ten For­ma­li­tä­ten der Depor­ta­ti­on erle­digt, z. B. Heimein­kaufs­ver­trä­ge abge­schlos­sen, und die Betrof­fe­nen wur­den in einer Atmo­sphä­re per­ma­nen­ter Ernied­ri­gung auf das vor­be­rei­tet, was sie in The­re­si­en­stadt, dem Ziel des Trans­ports, zu erwar­ten hat­ten. End­gül­tig wur­de der Zug mit der Num­mer ‚Da 509’ in Frank­furt zusam­men­ge­stellt, wohin die etwa 350 Wies­ba­de­ner Jüdin­nen und Juden zunächst gebracht wur­den. Ins­ge­samt 1100 Per­so­nen fass­te der Trans­port, der am 2. Sep­tem­ber 1942 The­re­si­en­stadt erreich­te.[45] Trotz ihres Alters und der schwe­ren Erkran­kun­gen, unter denen bei­de lit­ten, konn­te sich Dani­el Kahn-Hut noch fast ein Jahr am Leben hal­ten. Er starb laut einer im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger aus­ge­stell­ten Todes­fall­an­zei­ge am 26. Febru­ar 1943.[46] Frie­da Kahn-Hut wur­de fünf Wochen nach dem Tod ihres Man­nes auf einem wei­te­ren Trans­port mit der Bezeich­nung ‚Er-1160’ nach Ausch­witz depor­tiert und am 16. Okto­ber 1944 ermor­det.[47]

Stolpersteine für Daniel und Frieda Kahn-Hut
Stol­per­stei­ne für Dani­el und Frie­da Kahn-Hut in der Mit­tel­hei­mer Str. 11 in Wiesbaden

Als der Reichs­fis­kus nach ihrem Abtrans­port sich des ver­blie­be­nen Ver­mö­gens des Ehe­paars bemäch­tig­te, blieb ihm ein Teil, von dem die Finanz­be­hör­den nichts wuss­ten, vor­ent­hal­ten. Noch zu der Zeit, als die Fami­lie in Gotha leb­te, viel­leicht unmit­tel­bar nach­dem die Nazis an die Macht kamen, hat­te Dr. Kahn-Hut in der Schweiz zwei Kon­ten eröff­net, auf die er ins­ge­samt 13.000 RM ein­ge­zahlt hat­te. Nach 1933 war nichts mehr auf die­ses Kon­to geflos­sen, aber auch nichts abge­ho­ben wor­den.[48] Ver­mut­lich hat­te er gehofft, spä­ter, bei drin­gen­dem Bedarf, viel­leicht bei der Aus­wan­de­rung, dar­auf zugrei­fen zu kön­nen. Irgend­wann war es zu spät und das klei­ne Ver­mö­gen ver­schwand in den dunk­len Kam­mern des Schwei­zer Bank­ge­heim­nis­ses. Als sol­che Ver­mö­gen jüdi­scher Bür­ger, über die die Ban­ken über Jahr­zehn­te ein Tuch des Schwei­gens gelegt hat­ten, in den 90er Jah­ren ruch­bar wur­den und die Schwei­zer Ban­ken sich auf Druck der ame­ri­ka­ni­schen Regie­rung gezwun­gen sahen, ihr Geheim­nis zu lüf­ten, und auch das Kon­to von Dani­el Kahn-Hut gefun­den wur­de, stell­te sei­ne Enke­lin Rachel einen Antrag auf Rück­erstat­tung. Die 13.000 RM waren inzwi­schen zu der beträcht­li­chen Sum­me von 162.000 Sfr. ange­wach­sen. Die Rück­erstat­tung der gefun­de­nen Ver­mö­gens­wer­te war eine finanz­po­li­tisch, wie auch recht­lich höchst kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit, die nur auf der Basis von Ver­glei­chen befrie­di­gend für alle Betei­lig­ten abge­schlos­sen wer­den konn­te. Rachel Kahn-Hut erhielt im Jahr 2020 – so lan­ge hat­te es bis zur Aus­zah­lung der Ansprü­che gedau­ert – 65.000 Dol­lar.[49] Fast mit einem schlech­ten Gewis­sen — “The­re was a litt­le bit of a fee­ling that this was bene­fiting from the Holo­caust,” sag­te sie – nahm sie das Geld an, spen­de­te aber einen gro­ßen Teil davon uni­ver­si­tä­ren Stif­tun­gen der San Fran­cis­co Sta­te Uni­ver­si­ty, an der sie bis zu ihrer Eme­ri­tie­rung selbst zuletzt als Pro­fes­so­rin für Sozio­lo­gie gelehrt hat­te.[50] Eine die­ser Stif­tun­gen ist ihrer Mut­ter Caro­li­ne Rosen gewid­met, die ihrer Toch­ter ganz sicher unter vie­len eige­nen Opfern eine sol­che Kar­rie­re ermög­licht hatte.

Caroline und Rachen Kahn-Hut
Volks­zäh­lung USA 1940 mit den bei­den Fami­li­en Wis­hen­grad und Kahn-Hut
https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/11405494:2442

Als Rachel Ende der 30er Jah­re mit ihrer Mut­ter in den USA ange­kom­men war, fan­den sie, wie den Zen­sus­un­ter­la­gen von 1940 zu ent­neh­men ist, eine Unter­kunft bei der Fami­lie der Schwes­ter von Caro­li­ne Kahn-Hut. Ani­ta Rosen war mit dem in den USA gebo­re­nen Max Wis­hen­grad ver­hei­ra­tet, einem ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger, des­sen Eltern aber eben­falls aus Russ­land stamm­ten. Das Paar leb­te mit ihrem Sohn Ber­nard und den Neu­an­kömm­lin­gen damals in New York. Im Febru­ar 1946 wur­de in dem engen Appar­te­ment in Man­hat­tan dann noch Sus­an Wis­hen­grad gebo­ren, sodass Caro­li­ne und Rachel beschlos­sen, New York zu ver­las­sen. Auch aus gesund­heit­li­chen Grün­den, Rachel litt unter Asth­ma, zogen sie nach Wes­ten, zunächst nach Phoe­nix in Ari­zo­na, dann an die West­küs­te, wo Caro­li­ne bis zu ihrer Ver­ren­tung als Ange­stell­te in der kom­mu­na­len Biblio­thek von Los Ange­les arbei­te­te. Rachel erlang­te in die­ser Zeit an der renom­mier­ten Brand­eis Uni­ver­si­ty bei Bos­ton ihren Dok­tor­ti­tel. Auch sie zog danach wie­der nach Kali­for­ni­en, zunächst nach San Fran­cis­co, dann nach Ber­ke­ley, wo sie dann Kar­rie­re als Wis­sen­schaft­le­rin machte.

Rachel mit ihrer Mutter Caroline Kahn-Hut
Rachel mit ihrer Mut­ter Caro­li­ne Kahn-Hut
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Guttman

In ihren letz­ten Lebens­jah­ren hat­te Rachel Kahn-Hut nach Aus­sa­ge einer ihrer Cou­si­nen aber zuneh­mend eine eher distan­zier­te Hal­tung gegen­über dem aka­de­mi­schen Betrieb ein­ge­nom­men, ver­mut­lich auch ange­sichts der Wir­kungs­lo­sig­keit wis­sen­schaft­li­cher Schrif­ten auf die poli­ti­sche und sozia­le Situa­ti­on in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Ihr Enga­ge­ment galt statt­des­sen nun unmit­tel­bar Grup­pen, die sich im Beson­de­ren mit der Frau­en­fra­ge befass­ten – sie gilt daher auch als eine Weg­be­rei­te­rin der Neu­en Frau­en­be­we­gung in den USA –[51] oder sol­chen, die den lan­gen Kampf gegen die Dis­kri­mi­nie­rung der ‚Peo­p­le of Color’ in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­ge­nom­men hat­ten. Was es bedeu­tet, ein Leben als Flücht­ling und als Ange­hö­ri­ge einer dis­kri­mi­nier­ten Min­der­heit füh­ren zu müs­sen, hat­te Rachel vom ers­ten Lebens­jahr an bit­ter erfah­ren müs­sen. Ihr Inter­es­se an den Lebens­schick­sa­len von Men­schen, über­haupt am Leben in frem­den Kul­tu­ren, hat sie in den Jah­ren nach ihrem aka­de­mi­schen Leben noch in vie­len Rei­sen in die unter­schied­lichs­ten Län­der die­ser Welt rea­li­sie­ren kön­nen. Die unzäh­li­gen Fotos, die sie von die­sen Rei­sen mit­ge­bracht hat, sind nicht nur ein­fa­che Rei­se­do­ku­men­ta­tio­nen, son­dern sie zeu­gen auch von dem geschul­ten ästhe­ti­schen Blick, mit dem sie die Welt wahr­nahm – eine Fähig­keit, die sie durch ihre zwei­te gro­ße Lei­den­schaft, die Aus­ein­an­der­set­zung mit Kunst und Kul­tur, erwor­ben hat­te. [52]

Rachel Kahn-Hut
Rachel Kahn-Hut
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Guttman

Rachel Kahn-Hut ver­starb schon bald nach­dem ihr das Geld des ermor­de­ten Groß­va­ters über­wie­sen wor­den war, am 3. April 2020 in Oak­land /​ Kali­for­ni­en an Krebs.[53]

Rachel mit ihrem Vater Edgar Kahn-Hut
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Guttman

Als Erwach­se­ne hat­te sie noch zwei- oder drei­mal ihren Vater in den USA getrof­fen. Ein­mal, unmit­tel­bar nach­dem sie ihre Col­lege­zeit abge­schlos­sen hat­te, war sie nach Mos­kau gereist, spä­ter war er noch ein- oder zwei­mal zu ihr in die USA gekom­men.[54] Im Zuge der Ent­sta­li­ni­sie­rung war Edgar Kahn-Hut durch die Ent­schei­dung eines Mili­tär­tri­bu­nals vom 10. Novem­ber 1955 reha­bi­li­tiert und aus dem Gulag frei­ge­kom­men.[55] Noch wäh­rend der Zeit im Lager war er mit einer ande­ren Frau, eben­falls Jüdin, eine neue Bezie­hung ein­ge­gan­gen. Lyu­bov Pit­kovs­ka­ya, gebo­ren 1903 im pol­ni­schen Pru­scha­ny und stu­dier­te Che­mie­in­ge­nieu­rin, war am 28. August 1937 in Mos­kau eben­falls wegen angeb­li­cher Spio­na­ge für den pol­ni­schen Staat ver­haf­tet und zu zehn Jah­ren Arbeits­la­ger ver­ur­teilt wor­den. Wann sie frei­kam, ist nicht klar, aber reha­bi­li­tiert wur­de sie erst am 31. Okto­ber 1957, also zwan­zig Jah­re nach der Inhaf­tie­rung.[56] Bei­de leb­ten nach ihrer Frei­las­sung wie­der in Mos­kau, wo Edgar mit Über­set­zungs­ar­bei­ten sich sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­dien­te.[57] Er muss mit die­sen Über­set­zun­gen wis­sen­schaft­li­cher Wer­ke nicht nur sehr viel ver­dient, son­dern auch sehr viel Aner­ken­nung in den rele­van­ten Krei­sen der Nomen­kla­tu­ra erfah­ren haben, denn bei­des, abge­se­hen von der neu­en Part­ne­rin, waren Grün­de, wes­halb er nicht in die USA über­sie­deln woll­te, als dies mög­lich gewe­sen wäre – dies zur gro­ßen Ent­täu­schung sei­ner Toch­ter. Ihm schien dort in der Zeit des Kal­ten Krie­ges die beruf­li­che Per­spek­ti­ve für einen ehe­ma­li­gen Bür­ger der Sowjet­uni­on zu unge­wiss zu sein. 1972 ver­starb Edgar Kahn-Hut bei einer Wan­de­rung in Usbe­ki­stan, die er damals allei­ne unter­nom­men hat­te.[58]

 

Auch einer Cou­si­ne von Edgar Kahn-Hut war es gelun­gen, dem Tod in einem der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger des Ostens zu ent­kom­men. Hil­de Kahn-Hut war am 4. Sep­tem­ber 1920 in Mainz als Toch­ter von Dani­els älte­rem Bru­der Alphons gebo­ren wor­den.[59] Alphons Kahn-Hut war der­je­ni­ge der Söh­ne von Joseph und Frie­de­ri­ke Kahn-Hut, der in Mainz geblie­ben war, wäh­rend alle ande­ren ihre Geburts­stadt schon früh ver­las­sen hat­ten. Anders als sei­ne Toch­ter im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren erin­ner­te, wur­de er nicht 1872, son­dern am 20. Sep­tem­ber 1873 gebo­ren.[60] Nach sei­nem Schul­ab­schluss, er ver­ließ das Real­gym­na­si­um nach der zehn­ten Klas­se, erhielt er eine Aus­bil­dung als Kauf­mann und grün­de­te mit Bert­hold Abt 1901 die Fir­ma ‚Abt & Kahn-Hut oHG.’, einen Groß­han­del für Pols­te­rei- und Satt­le­rei­ar­ti­kel in der Mitt­le­ren Blei­che 9.[61] Bei­de waren zu die­ser Zeit noch Jung­ge­sel­len. Es konn­te nicht in Erfah­rung gebracht wer­den, wann Alphons die 1885 in Hör­stein im Kreis Aschaf­fen­burg gebo­re­ne Rosa Löwen­thal, Toch­ter des Rab­bi Joseph Mat­thi­as Löwen­thal und sei­ner Frau Hann­chen, gebo­re­ne Katz, hei­ra­te­te. Als sie am 11. Novem­ber 1911 im Alter von nur 26 Jah­ren ver­starb, ohne Kin­der zur Welt gebracht zu haben, hin­ter­ließ sie Alphons Kahn-Hut als trau­ern­den Ehe­mann.[62]

Inzwi­schen hat­te sein Geschäfts­part­ner Bert­hold Abt am 22. Juni 1904 Alphons’ Schwes­ter Ber­tha, gebo­ren am 22. März 1883,[63] geheiratet.

Bertha und Berthold Abt
Ber­tha und Bert­hold Abt
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Gutmann

Ber­told Abt war der Sohn von Hei­ne­mann und Jet­t­chen Abt, gebo­re­ne Höchs­ter,[64] die in der Gemein­de Ange­rod im Vogels­berg behei­ma­tet waren, einem Ort, des­sen Bevöl­ke­rung um das Jahr 1900 zu einem Vier­tel aus Juden bestand. In die­ser Ehe wur­de am 21. April 1905 die Toch­ter Mar­ta /​ Meta gebo­ren,[65] im Jahr 1908 eine wei­te­re Toch­ter mit Namen Ilse [66] und zuletzt am 10. Juni 1915 der Sohn Heinz.[67]

Ilse, Heinz, Ber­tha und Meta Abt (v. l. n. r.)
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Gutmann

Das Han­dels­un­ter­neh­men der bei­den muss sehr erfolg­reich gewe­sen sein, denn es besaß in die­ser Bran­che eine Art Mono­pol­stel­lung für den gesam­ten süd­west­deut­schen Raum. Außer­dem kam ihm zugu­te, dass es in einer Zeit des gene­rel­len wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs gegrün­det wor­den war.[68] Mit sei­nem Ein­kom­men unter­stütz­te Alphons Kahn-Hut ver­schie­de­ne gemein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne in Mainz und trug im Beson­de­ren mit hohen frei­wil­li­gen Bei­trä­gen zum jüdi­schen Gemein­de­le­ben bei.[69] Für sei­ne Fami­lie erwarb er am 23. April 1923 ein gro­ßes Wohn- und Geschäfts­haus in der Frau­en­lob­stra­ße,[70] in dem dann im Par­terre auch Büro und Lager des Groß­han­dels­un­ter­neh­mens unter­ge­bracht wurden.

Kahn-Hut Haus Mittlere Bleiche 9 Mainz
Der “But­ter­hof” — das Haus von Alphons Kahn-Hut (Mitt­le­re Blei­che 9) im Som­mer 1944.
Stadt­ar­chiv Mainz BPSF 14779 A

Meh­re­re Büro­kräf­te, oft auch meh­re­re Rei­se­ver­tre­ter, dazu ein Lage­rist und auch Lehr­lin­ge küm­mer­ten sich um die Wün­sche der Kun­den. Die ins­ge­samt acht Woh­nun­gen dort brach­ten Kahn-Huts zusätz­li­che Miet­ein­nah­men.[71]
Am 1. Mai 1913 hat­te Alphons Kahn-Hut nach dem frü­hen Tod sei­ner ers­ten Frau in zwei­ter Ehe Emma Birn­baum aus Roten­burg an der Ful­da gehei­ra­tet.[72] Die am 27. April 1889 gebo­re­ne Toch­ter des Kauf­manns Joseph und Frie­de­ri­cke Birn­baum, gebo­re­ne Bacha­rach, war sech­zehn Jah­re jün­ger als ihr ver­wit­we­ter Ehe­mann.[73] Es dau­er­te wei­te­re sie­ben Jah­re, bis dann in die­ser Ehe ein Kind, die oben bereits erwähn­te Toch­ter Hil­de, am 4. Sep­tem­ber 1920 in Mainz gebo­ren wur­de.[74] Zu die­ser Zeit leb­ten die Eltern in der Hin­den­burg­str. 21 in einer 4‑Zim­mer-Woh­nung mit einer – so die Toch­ter spä­ter – sehr ele­gant ein­ge­rich­te­ten Woh­nung: „Der gan­ze Lebens­stil mei­ner Eltern war bis 1933–34 der einer in gut­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen leben­den Fami­lie.“[75] Das Ein­kom­men bezif­fer­te ein nach Paläs­ti­na emi­grier­ter Ver­wand­ter aus der Sichel-Fami­lie, der die finan­zi­el­le Situa­ti­on der Kahn-Huts vor 1933 pri­vat wie auch geschäft­lich gut ein­zu­schät­zen wuss­te, in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung auf etwa 12.000 RM im Jahr.[76] Mit die­sen Geld­mit­teln konn­te der ein­zi­gen Toch­ter pro­blem­los eine ange­mes­se­ne Aus­bil­dung finan­ziert wer­den. Hil­de besuch­te nach der Grund­schu­le noch von 1931 bis 1934 die Höhe­re Mäd­chen­schu­le in Mainz, muss­te aber dann zwangs­wei­se auf die Jüdi­sche Bezirks­schu­le wech­seln.[77] Am 16. April 1937 hat­te ihr Vater eine steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für die Schü­le­rin „behufs Aus­wan­de­rung mei­ner Toch­ter Hil­de, geb. am 4. Sept. 1920, nach Paläs­ti­na“ bean­tragt, die auch gewährt wur­de.[78] Als 17-Jäh­ri­ge ver­ließ sie Deutsch­land per Schiff von Tri­est aus: „Ich habe im Alter von 12–16 Jah­ren unter dem Régime des Drit­ten Rei­ches gelebt, bis Anfang 1937. Ich konn­te dann mit einem Jugend Zer­ti­fi­kat nach Paläs­ti­na aus­wan­dern, einem Pio­nier­land damals. In der Gene­ra­ti­on mei­ner Eltern fan­den nur zwei von neun Fami­li­en­zwei­gen (Geschwis­ter der Eltern) eine Mög­lich­keit zur Aus­wan­de­rung“, schrieb sie sie anläss­lich eines Besuchs in Mainz im Rah­men der ers­ten, 1991 orga­ni­sier­ten Begeg­nungs­wo­che Main­zer Juden.[79] Auf die Aus­wan­de­rung hat­te sie sich zuvor in einem Lager in der Nähe von Frank­furt /​ Oder, in dem die Jugend­li­chen mit der Här­te land­wirt­schaft­li­cher Arbeit kon­fron­tiert wur­den, vor­be­rei­tet. Eine sol­che Tätig­keit erwar­te­te sie dann auch in dem Kib­buz Dega­nya Alef am süd­li­chen Ufer des Sees Gene­za­reth, wo sie nach ihrer Ankunft am 17. Mai 1937 die ers­te Zeit in Paläs­ti­na ver­brach­te.[80]

Kahn-Hut , Abt
Brief­kopf der Fir­ma ‘Abt & Kahn-Hut’
HHStAW 676 8068

Die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se für jüdi­sche Geschäf­te, so auch für das ihrer Eltern, hat­ten sich unter der NS-Dik­ta­tur inzwi­schen grund­le­gend ver­än­dert. Unab­hän­gig davon war lan­ge zuvor, im Jahr 1919, der Kom­pa­gnon Bert­hold Abt ver­stor­ben und zunächst sei­ne Frau Ber­tha, die Schwes­ter von Alphons Kahn-Hut, an sei­ne Stel­le getre­ten. 1924 über­nahm er dann allei­ne das Geschäft, das von da an nicht mehr als Per­so­nen­ge­sell­schaft, son­dern als Ein­zel­un­ter­neh­men geführt wur­de. Sei­ne Frau Emma trat als Pro­ku­ris­tin nun eben­falls in die Fir­ma ein.[81]

Aber auch das konn­te die nega­ti­ve Ent­wick­lung des Unter­neh­mens, die spä­tes­tens mit dem Ende der Zwan­zi­ger­jah­re ein­setz­te, nicht auf­hal­ten. Ent­spre­chend ver­än­der­te sich auch die finan­zi­el­le Situa­ti­on des Ehe­paars. Ihr Jah­res­ein­kom­men war seit den Drei­ßi­ger­jah­ren – erst ab 1935 lie­gen Daten vor – deut­lich zurück­ge­gan­gen. 1935 wur­de dem Finanz­amt nur noch ein Ein­kom­men von 406 RM, 1936 von 663 RM gemel­det. 1937 betrug es dann noch ein­mal 1.141 RM, im fol­gen­den Jahr 1938 aber nur noch 45 RM.[82]

Grundstücksverkauf Kahn-Hut
Mit­tei­lung an das Finanz­amt Mainz über den Ver­kauf des Hau­ses Mitt­le­re Blei­che 9
HHStAW 676 8068 (37)

Das Haus, des­sen Miet­ein­nah­men in den letz­ten Jah­ren erheb­lich zum Lebens­un­ter­halt bei­getra­gen hat­ten, war bereits Ende Sep­tem­ber 1936 für 35.000 Gold­mark ver­äu­ßert wor­den. Kahn-Huts durf­ten aber bis zum 1. April 1937 noch in der Woh­nung blei­ben und auch die Geschäfts- und Lager­räu­me im Par­terre blie­ben ihnen laut Kauf­ver­trag gegen eine Miet­zah­lung von 50 RM monat­lich bis zu die­sem Ter­min noch erhal­ten.[83] Offen­sicht­lich exis­tier­te die Fir­ma, die zuletzt an den Boni­fa­ti­us­platz ver­legt wor­den war, aber noch über die­sen Ter­min hin­aus, denn die Löschung im Han­dels­re­gis­ter war erst am 30. August 1938 im Rah­men der letz­ten gro­ßen Ari­sie­rungs­wel­le und weni­ge Wochen vor der Reichs­po­grom­nacht voll­zo­gen wor­den.[84] Sei­nen Lager­be­stand habe er bil­lig und zum Teil unter Wert ver­kau­fen müs­sen, schrieb er dem Finanz­amt in einer Bit­te um Stor­nie­rung der Einkommensteuervorauszahlungen.

Nicht völ­lig geklärt wer­den konn­te, was mit der Ein­nah­me aus dem Haus­ver­kauf geschah. Etwa ein Drit­tel davon stand Ber­tha Abt zu, auf deren Namen eine Hypo­thek über 14.000 RM im Grund­buch ein­ge­tra­gen war und die von der Erwer­be­rin zum Teil über­nom­men bzw. getilgt wur­de. Rund 20.000 RM muss­ten aber damals am 1. Okto­ber 1936 an Alphons Kahn-Hut aus­ge­zahlt wor­den sein. Ver­mut­lich floss ein gro­ßer Teil davon in den über­schul­de­ten Betrieb, der in der Bilanz von 1935 einen Ver­lust von 25.000 RM auf­wies.[85]

Alphons und Emma Kahn-Hut gin­gen für kur­ze Zeit in Frank­furt getrenn­te Wege
HHStAW 676 8068 (70)

Nach dem Ver­kauf des Waren­la­gers gab Alphons Kahn-Hut im Okto­ber 1938 an, noch etwa 7.000 RM zu besit­zen. Die­sen Ver­mö­gens­wert habe er nach der Auf­lö­sung des Betrie­bes und sei­nes Haus­halts zwi­schen sei­ner Frau und ihm auf­ge­teilt. Ihm selbst sei­en 4.000 RM geblie­ben, sei­ner Frau habe er 3.000 RM „zur selb­stän­di­gen Ver­fü­gung über­las­sen“.[86] Das Paar hat­te sich, so ist dem Schrei­ben an das Finanz­amt zu ent­neh­men, nach fast drei­ßig Ehe­jah­ren und in einer sehr schwie­ri­gen Zeit, offen­bar aber ein­ver­nehm­lich getrennt. Bei­de waren 1938 nach Frank­furt gezo­gen, aller­dings in ver­schie­de­ne Woh­nun­gen. Emma Kahn-Hut wohn­te in der Lie­bigstr. 23b bei Löb, wäh­rend er in der Eppstei­ner Str. 35 bei Spei­er eine Unter­kunft gefun­den hat­te.[87] Ihre Toch­ter Hil­de gab im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass ihre Eltern in Frank­furt bei Ver­wand­ten unter­ge­kom­men sei­en, nann­te aber kei­ne Namen, erwähn­te auch die Tren­nung nicht.[88] Mög­li­cher­wei­se hat­te sie in Paläs­ti­na davon aber auch nichts erfahren.

Sei­ne Frau wol­le, so gab Alphons Kahn-Hut an, mit haus­wirt­schaft­li­chen Arbei­ten eige­nes Geld ver­die­nen. Soll­te dies gelun­gen sein, so waren die Ver­diens­te wohl eher gering. Im Wesent­li­chen leb­ten bei­de von der Sub­stanz des Kapi­tals, das ihnen ver­blie­ben war. Die Zins­er­trä­ge gab Alphons Kahn-Hut im letz­ten Vier­tel­jahr 1938 für bei­de zusam­men mit 30,45 RM an, ein Betrag, der kaum für eine Woche rei­chen konn­te.[89] Da das gemein­sa­me Ver­mö­gen – sie waren offi­zi­ell nicht geschie­den – inzwi­schen auf weni­ger als 10.000 RM zusam­men­ge­schmol­zen war, wur­den sie nach der Reichs­po­grom­nacht auch nicht zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be herangezogen.

Spä­ter leb­te das Paar dann wie­der gemein­sam in einer Woh­nung in der Fried­ber­ger Anla­ge 13 II, wie ihrer Devi­sen­ak­te zu ent­neh­men ist. Zumin­dest gab Alphons Kahn-Hut im Dezem­ber 1940 in einer Ver­mö­gens­er­klä­rung an, dass er über ein Ver­mö­gen von etwa 2.800 RM ver­fü­ge und einen monat­li­chen Bedarf für einen Zwei-Per­so­nen-Haus­halt von 300 RM habe. Das For­mu­lar ist von ihm wie auch von Emma Kahn-Hut unter­schrie­ben.[90]

Obwohl sie über fast kei­ne Mit­tel mehr ver­füg­ten, zwang die Devi­sen­stel­le sie dazu, ein gesi­cher­tes Kon­to anzu­le­gen, was Ende Dezem­ber auch geschah. Ihr monat­li­cher Frei­be­trag, von 300 RM ent­sprach ihrem ange­ge­be­nen Bedarf und auch dem übli­cher­wei­se gewähr­ten. Ob sie tat­säch­lich so viel aus­ge­ben konn­ten, ist unwahr­schein­lich, denn ihr Jah­res­ein­kom­men bezif­fer­ten sie auf nur 500 RM, und selbst da fragt man sich, wo das Geld, ohne eine Anstel­lung und ohne grö­ße­re Zins­ein­nah­men, her­ge­kom­men sein soll.[91]

Auch Lina Birn­baum unter­stüt­ze ihre Schwes­ter Emma Kahn-Hut mit Geld­be­trä­gen
HHStAW 519/​3 8478 (7)

Unter­stützt wur­den sie von Lina Birn­baum, der ledi­gen Schwes­ter von Emma Kahn-Hut, gebo­re­ne Birn­baum, die eben­falls in Frank­furt wohn­te. Auch für sie war eine Siche­rungs­an­ord­nung erlas­sen wor­den, obwohl auch sie nur über ein Ver­mö­gen von weni­ger als 2.000 RM ver­füg­te. Aller­dings gab sie in ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung vom März 1940 an, ein Jah­res­ein­kom­men von 3.500 RM zu haben. Woher die­se außer­ge­wöhn­lich hohen Bezü­ge stam­men könn­ten, soll­te es sich nicht um eine feh­ler­haf­te Anga­be han­deln, ist völ­lig unklar.[92] Wie dem auch sei: Im Sep­tem­ber 1940 bat sie die Devi­sen­stel­le dar­um, ihren Frei­be­trag von 200 RM um 30 RM zu erhö­hen, da sie ihre Schwes­ter Emma unter­stüt­zen müs­se, „weil sie krank und infol­ge­des­sen arbeits­un­fä­hig sei“.[93] Ihr Frei­be­trag wur­de dar­auf­hin sogar auf 250 RM ange­ho­ben und die Schwes­ter kam offen­sicht­lich auch in den Genuss des Gel­des, denn die Devi­sen­ak­te von Alphons Kahn-Hut ent­hält das übli­che For­mu­lar­schrei­ben, in dem er der Schwä­ge­rin mit­teil­te, dass er zukünf­tig Geld nur noch über sein gesi­cher­tes Kon­to in Emp­fang neh­men dür­fe.[94]

Uhland­str. 54 in Frankfurt

Am 29. Sep­tem­ber 1941 mel­de­te Alphons Kahn-Hut der Devi­sen­stel­le – es ist das letz­te Akten­stück, das sei­ne Unter­schrift trägt – den Umzug in die Uhland­str. 54 II bei Neu­ber­ger.[95] Unter die­ser Adres­se waren vie­le Juden in den letz­ten Jah­ren und Mona­ten vor den Depor­ta­tio­nen in Frank­furt gemel­det und man muss davon aus­ge­hen, dass das Haus die Funk­ti­on eines Juden­hau­ses ein­nahm. So berich­te­te Peter Cahn, ein Über­le­ben­der, bei der Eröff­nung der Aus­stel­lung „Von der Groß­markt­hal­le in den Tod“ im Jahr 2005, wie sei­ne „Fami­lie aus ihrer Wes­tend­woh­nung ver­trie­ben wur­de und mit immer klei­ne­ren Domi­zi­len vor­lieb­neh­men muß­te, zuletzt in der Uhland­str. 54 in einer Sechs­zim­mer­woh­nung, in der drei Fami­li­en, alle ‚Misch­ehen’ wohn­ten“.[96] Man muss davon aus­ge­hen, dass auch das Ehe­paar Kahn-Hut unter ähn­li­chen Bedin­gun­gen die letz­ten Wochen in die­sem Haus in Frank­furt ver­brin­gen musste.

Alphons Kahn-Hut teilt der Devi­sen­stel­le den Umzug in die Uhland­str. 5 mit
HHStAW 519/​3 4006 (11)

Von der Uhland­stra­ße über die Groß­markt­hal­le in den Tod war auch der Weg, den Alphons und Emma Kahn-Hut zu beschrei­ten hat­ten. Moni­ca King­reen hat unter Bezug­nah­me auf dama­li­ge Zeu­gen­aus­sa­gen und Doku­men­te der Gesta­po genau beschrie­ben, was sich am Mor­gen des 19. Okto­ber 1941 bei dem ers­ten gro­ßen Trans­port aus Frank­furt ereig­ne­te:[97] Wie die SA und ein­fa­che Par­tei­ge­nos­sen früh am Sonn­tag­mor­gen die Woh­nun­gen der Juden stürm­ten, sie in kür­zes­ter Zeit ihre Kof­fer packen und das Haus mit ihrer gesam­ten Habe der Gesta­po zu über­ge­ben hat­ten, wie sie anschlie­ßend in der Groß­markt­hal­le fließ­band­ar­tig für den Trans­port abge­fer­tigt wur­den, und am nächs­ten Mor­gen den Zug bestei­gen muss­ten, der die etwa 1100 Jüdin­nen und Juden nach Lodz, ins Ghet­to Litz­mann­stadt, im besetz­ten Polen brach­te. Alphons Kahn-Hut kam dort nach nur acht Wochen am 26. Dezem­ber 1941 ums Leben. Wann sei­ne Frau dort durch die Umstän­de oder durch unmit­tel­ba­re Gewalt ermor­det wur­de, ist nicht bekannt.

Ihre Toch­ter Hil­de gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass sie mit ihren Eltern bis zum 23. August 1941 in brief­li­chem Kon­takt gestan­den habe.[98] Ihr war es aber nicht mög­lich, auch aus Geld­man­gel, von Paläs­ti­na aus, ihre Eltern zu ret­ten. Ver­hei­ra­tet war sie dort spä­ter mit einem deut­schen Emi­gran­ten. Die Ehe schei­ter­te jedoch und ihr Mann wan­der­te nach Kana­da aus.[99] Bei Eröff­nung des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens im Jahr 1956 trug sie aller­dings noch sei­nen Nach­na­men ‚Ger­son’ und ihren Fami­li­en­stand gab sie damals mit ‚ver­hei­ra­tet’ an. Nach der Tren­nung wohn­te sie in Hai­fa und als Berufs­be­zeich­nung ist in dem For­mu­lar „Büro­an­ge­stell­te“ ein­ge­tra­gen.[100] Ihren Vor­na­men hat­te sie eben­falls inzwi­schen abge­legt und statt Hil­de den Namen Nao­mi ange­nom­men. Durch eine erneu­te Hei­rat im Jahr 1960 mit einem Unter­neh­mer aus der Wer­be­bran­che war aus Hil­de Kahn-Hut dann Nao­mi Gold­schmidt gewor­den. Nach dem Tod ihres zwei­ten Ehe­man­nes führ­te sie das Unter­neh­men allei­ne wei­ter. Nur weni­ge Mona­te, nach­dem sie an der ers­ten Begeg­nungs­wo­che ver­trie­be­ner Main­zer Jüdin­nen und Juden im Herbst 1991 teil­ge­nom­men hat­te, ver­starb sie im Febru­ar 1992 in Isra­el.[101]

 

So wenig wie ihren Eltern war es ihrer Tan­te Ber­tha Abt und ihrer Cou­si­ne Meta /​ Mar­ta noch mög­lich, sich in Sicher­heit zu brin­gen. Bei­de waren frü­her ein­mal Schü­le­rin­nen der Schu­le gewe­sen, an der ihr Vater bzw. Groß­va­ter ein­mal Leh­rer gewe­sen war: der Bon­di Schu­le. Es ist nicht bekannt, ob Ber­tha wäh­rend der Zeit, in der sie als Mit­in­ha­be­rin fun­gier­te, auch in der Fir­ma der Fami­lie mit­ge­ar­bei­tet hat­te, sicher aber ziel­te die Aus­bil­dung ihrer Toch­ter Meta als Kon­to­ris­tin, sprich: Buch­hal­te­rin, dar­auf ab, nach dem Tod des Vaters ein­mal sei­ne Stel­lung ein­neh­men zu kön­nen. Beim Macht­an­tritt der Nazis war sie bereits älter als 30 Jah­re und sicher schon berufs­tä­tig, sofern sie in die­sen Kri­sen­jah­ren über­haupt noch eine Arbeit gefun­den hatte.

Bertha Strauss Abt Identitätskarte
Iden­ti­täts­kar­te für Ber­ta Abt, geb. Strauss, aus­ge­stellt in Mainz
https://​zen​tral​ar​chiv​-juden​.de/fileadmin​/user_upload​/bis2016dateien​/B_5.1_Abt_IV_0239.pdf

Über die Lebens­um­stän­de von Mut­ter und Toch­ter in der Zeit der Ver­fol­gung lie­gen nur weni­ge Infor­ma­tio­nen vor. Am 3. Janu­ar 1939 war Ber­ta Abt noch eine Iden­ti­täts­kar­te aus­ge­stellt wor­den. Eine Anschrift ist dar­auf aller­dings nicht ver­merkt. Vor ihrer Depor­ta­ti­on waren bei­de noch zwangs­wei­se in das Juden­haus Wal­po­den­str. 17 ein­quar­tiert wor­den.[102]

Bertha und Meta Abt
Ber­tha und Meta Abt auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te vom 20. 3. 1942
https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/G​/SIMS​/01020101​/0011​/121870764​/001.jpg

Mit den Num­mern 544 und 545 sind die Namen von Mut­ter und Toch­ter auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te vom 25. März 1942 ein­ge­tra­gen. 90 Jüdin­nen und Juden des ins­ge­samt etwa 1000 Men­schen umfas­sen­den Trans­ports kamen aus Mainz, die übri­gen aus dem Umland und aus der Umge­bung von Darm­stadt. Dort war der Trans­port end­gül­tig zusam­men­ge­stellt wor­den und von dort nahm er sei­ne Fahrt nach Traw­ni­ki auf, der Bahn­sta­ti­on, von der die Opfer in das etwa 10 km ent­fern­te Ghet­to Pia­ski lau­fen muss­ten. Es ist nicht bekannt, wie lan­ge Ber­tha und Meta dort über­le­ben konn­ten. Wer das Elend dort über­stand, den brach­ten die ver­schie­de­nen Trans­por­te, die von Juni 1942 an bis in den Febru­ar des fol­gen­den Jah­res von Pia­ski nach Sobi­bor fuh­ren, in die dor­ti­gen Gas­kam­mern.[103]

Für die bei­den ande­ren Kin­der, Ilse und Heinz, wur­de, wenn auch über Umwe­ge, Paläs­ti­na bzw. Isra­el zur ret­ten­den Hei­mat. Von Ilse, die eben­falls Bon­di-Schü­le­rin war, ist nur bekannt, dass sie Deutsch­land in den Drei­ßi­ger­jah­ren ver­las­sen konn­te. Ver­mut­lich trat sie die Rei­se noch allei­ne und ohne ihren spä­te­ren, am 20. Janu­ar 1902 in Leip­zig gebo­re­nen Mann Oskar Zamo­j­re an, der mit sei­ner Fami­lie zunächst nach Bel­gi­en aus­ge­reist war.[104] Im Jahr 1937 war nach Anga­ben sei­nes Bru­ders Leen Zamo­j­re dann eben­falls nach Paläs­ti­na aus­ge­wan­dert, wo er den Namen Yehus­hua Zmo­ra annahm.[105] Wann die bei­den hei­ra­te­ten, ist nicht bekannt. Das Paar hat­te einen Sohn namens Pin­chas, der, wie sei­ne Mut­ter, die zu Beginn der 90er Jah­re noch in einem Alters­heim in Par­des Han­na leb­te, inzwi­schen ver­stor­ben ist.[106].

Ilse, Pin­chas und Yehus­hua Zmo­ra
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Gutmann
Ilse, Pin­chas und Yehus­hua Zamo­j­re
Mit Geneh­mi­gung von Maoz Gutmann

Mehr weiß man über den Bru­der Heinz, des­sen Nach­fah­ren heu­te noch in Isra­el leben.[107] Noch bevor er das vier­te Lebens­jahr erreich­te, war sein Vater ver­stor­ben, und er wuchs mit sei­nen bei­den älte­ren Schwes­tern und der ver­wit­we­ten Mut­ter in Mainz auf. Er sei in sei­ner Kind­heit immer sehr kränk­lich und blass gewe­sen, wes­halb man ihm unter Bezug auf die Far­be der schon damals in Deutsch­land bekann­ten Mar­ga­ri­nen­mar­ke den Spitz­na­men ‚Rama’ gege­ben habe, den er bis zu sei­nem Lebens­en­de behielt.

Nach elf Schul­jah­ren mach­te er 1932 sei­nen Abschluss am Real­gym­na­si­um in Mainz. Da die Fami­lie sehr gläu­big war und die Tra­di­ti­on des Juden­tums bewah­ren woll­te, besuch­te er schon als Klein­kind die Syn­ago­ge und zudem vom sechs­ten Lebens­jahr an auch eine jüdi­sche Schu­le, in der er Hebrä­isch lern­te, um die wich­tigs­ten Schrif­ten des Juden­tums zumin­dest lesen zu kön­nen. In einem der knap­pen Inter­views über sein Leben sag­te er: „Even during school, I stu­di­ed a lot more in the Bible and lived as a devout Jew.“ Sein Wis­sen gab er schon bald als Tutor an die jün­ge­ren Schü­ler wei­ter, auch um sich ein wenig Taschen­geld zu ver­die­nen, das ihm die Mut­ter ange­sichts der ärm­li­chen Ver­hält­nis­se zu Hau­se nicht geben konn­te.
Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht ver­wun­der­lich, dass er schon in sei­ner Jugend Kon­takt mit der jüdi­schen Jugend­be­we­gung auf­nahm, die zumin­dest in Mainz zunächst noch stark von den Zie­len und Vor­stel­lun­gen der bün­di­schen Bewe­gung inspi­riert und noch kaum zio­nis­tisch geprägt war. “I want to be in Ger­ma­ny, and a Jew but to live dif­fer­ent­ly from my par­ents – more advan­ced!”, resü­mier­te er sei­ne dama­li­gen poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen in einem der Inter­views. Erst mit der Macht­über­nah­me der Nazis wand­te er sich den Ideen des Zio­nis­mus zu und begann, sich zunächst noch in Mainz in den ent­spre­chen­den Grup­pen zu engagieren.

Sei­ne Berufs­tä­tig­keit als Ange­stell­ter in einem Lebens­mit­tel­ge­schäft muss­te er nach drei­ein­halb Jah­ren auf­ge­ben, da das Unter­neh­men den Ari­sie­rungs­maß­nah­men des inzwi­schen an die Macht gekom­me­nen NS-Staats zum Opfer fiel.

Am 1. Dezem­ber 1935 ging er für etwa ein­ein­halb Jah­re nach Augs­burg und wid­me­te sich fort­an ganz der zio­nis­ti­schen Jugend­be­we­gung. In ganz Deutsch­land waren im Lau­fe der Jah­re Kol­lek­ti­ve ent­stan­den, oft auf land­wirt­schaft­li­chen Gütern, die von der zio­nis­tisch gepräg­ten jüdi­schen Jugend­be­we­gung ein­ge­rich­tet wor­den waren, um aus­wan­de­rungs­wil­li­ge Jugend­li­che auf ihre Ali­ja, die Sied­lung in Eretz Isra­el, vor­zu­be­rei­ten. Neben dem Erler­nen prak­ti­scher Fer­tig­kei­ten, beson­ders im land­wirt­schaft­li­chen Bereich, der den zumeist bür­ger­li­chen Mäd­chen und Jun­gen wenig ver­traut war, soll­ten sie gera­de auch in ihrer jüdi­schen Iden­ti­tät gestärkt wer­den. Es ging dar­um, Hebrä­isch zu ler­nen und mehr über die jüdi­sche Kul­tur zu erfah­ren, sich also das Wis­sen anzu­eig­nen, das gera­de in vie­len der assi­mi­lier­ten jüdi­schen Fami­li­en ver­schütt­ge­gan­gen war. Die Bewe­gung, die Hachs­cha­ra oder auch Jugend-Ali­ja, die ursprüng­lich nur das Ziel des Auf­baus eines Juden­staa­tes ver­folgt hat­te, wan­del­te sich unter dem Druck der Ver­fol­gung zuneh­mend in eine Orga­ni­sa­ti­on, die für jüdi­sche Jugend­li­che nach Flucht­mög­lich­kei­ten aus Deutsch­land such­te. Noch immer galt Paläs­ti­na als pri­mä­res Ziel, aber ange­sichts der viel­schich­ti­gen Pro­ble­me bei der Ein­wan­de­rung wur­den dann auch, zumin­dest als Zwi­schen­sta­ti­on, die rela­tiv siche­ren Län­der Nord­eu­ro­pas anvi­siert, wo es bald eine Viel­zahl von ähn­li­chen Kol­lek­ti­ven gab, die durch eine gemein­sa­me, über­ge­ord­ne­te Orga­ni­sa­ti­on mit­ein­an­der ver­bun­den waren und in der deut­sche Emi­gran­ten eine wesent­li­che Rol­le spiel­ten. [108] So auch Heinz und Han­na Abt.

Han­na /​ Johan­na, sei­ner spä­te­ren Frau, begeg­ne­te Heinz in Augs­burg, der ers­ten Sta­ti­on sei­ner Arbeit für die Hachs­cha­ra. Die am 20. April 1915 in Mön­chen Glad­bach gebo­re­ne Han­na hat­te auf­grund der Macht­über­nah­me der Nazis ihre gym­na­sia­le Schul­aus­bil­dung ein Jahr vor dem Abitur abbre­chen und damit auch ihre Plä­ne, an die Uni­ver­si­tät zu gehen, auf­ge­ben müs­sen.[109] Ihre Eltern hat­ten ange­sichts der immer bedroh­li­cher wer­den­den Situa­ti­on zudem dar­auf gedrun­gen, dass sie mög­lichst schnell eine Berufs­aus­bil­dung auf­neh­men soll­te. Sie gab damals an, den­noch ein wei­te­res Jahr auf eine Schu­le für „cle­ri­cal work“ gegan­gen zu sein. Offen­sicht­lich erhielt sie da auch eine Aus­bil­dung in Ver­wal­tung und Buch­hal­tung, denn anschlie­ßend arbei­te­te sie noch zwei Jah­re in einem – ver­mut­lich jüdi­schen – Geschäft für Her­ren­klei­dung.
Bereits mit zehn Jah­ren war auch sie der jüdi­schen Jugend­be­we­gung bei­getre­ten und hat­te dort an den typi­schen Akti­vi­tä­ten, wie Zelt­la­gern und Wan­de­run­gen, aber auch an kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen teil­ge­nom­men. Auch hat­te sie dort begon­nen, Hebrä­isch zu ler­nen, und so war es nur kon­se­quent, dass auch sie beschloss, sich der Hach­a­luz anzu­schlie­ßen und nach Paläs­ti­na aus­zu­wan­dern.[110]

Knauerstr. 27
Das Haus in der Knau­er­str. 27 heute

Im August 1936 tra­fen Han­na und Heinz mög­li­cher­wei­se in einer Hachs­ha­ra-Grup­pe in Nürn­berg in der Knau­er­str. 27 auf­ein­an­der,[111] wur­den ein Paar und  über­nah­men von 1937 bis 1939 die Füh­rung der sie­ben baye­ri­schen Hachs­cha­ra-Häu­ser. Da die Bewe­gung auch in der Tra­di­ti­on der deut­schen Jugend­be­we­gung stand, erwan­der­ten sich die bei­den damals auch den süd­deut­schen Raum und die Alpen, von deren Schön­heit Heinz spä­ter noch immer schwärm­te. Um die ver­schie­de­nen Häu­ser besu­chen zu kön­nen, wur­de aber auch ein ande­res, moder­nes Fort­be­we­gungs­mit­tel genutzt: das Auto – aller­dings mit­tels Tram­pens. Heinz bezeich­ne­te sich selbst als „King of Hitch­hi­king“. Bei einer die­ser Tramp­stopps sei er damals sogar von einem Luxus-PKW mit Haken­kreuz­stan­dar­te und uni­for­mier­tem Fah­rer mit­ge­nom­men wor­den. Damals habe er zum ers­ten und letz­ten Mal in sei­nem Leben mit „Heil Hit­ler“ gegrüßt.

Zwar blie­ben bei­de wohl bis zu ihrer Emi­gra­ti­on in Nürn­berg gemel­det,[112] sie müs­sen aber zwi­schen­zeit­lich bei­de die Stadt auch für län­ge­re Zeit ver­las­sen haben. So schreibt Glück, dass Heinz Abt im Som­mer 1937 zunächst eine Hachs­cha­ra Grup­pe in Hin­den­burg in Schle­si­en über­nahm.[113] Anschlie­ßend habe er bis zum April 1939 die glei­che Auf­ga­be in dem Haus in Havel­berg über­nom­men, wohin dann am 1. Janu­ar 1938 auch Han­na gekom­men sei, die zuvor einen ein­jäh­ri­gen Hebrä­isch­lehr­gang absol­viert hat­te.[114] In Havel­berg wur­den die bei­den am 14. März 1939 getraut.[115] Sie über­nah­men im fol­gen­den Monat – wo, ist nicht bekannt – gemein­sam eine soge­nann­te Midd­le-Hachs­ha­ram, eine Grup­pe von Jugend­li­chen älter als 17 Jah­re. Offen­sicht­lich hielt man damals noch an den tra­di­tio­nel­len Geschlech­ter­rol­len fest, denn – so berich­te­te Han­na in ihrem Inter­view – in der gemisch­ten Grup­pe von etwa 30 Jugend­li­chen hat­ten die Mäd­chen die typi­schen Haus­halt­auf­ga­ben wie Nähen, Put­zen usw. zu über­neh­men, wäh­rend die Jun­gen in umlie­gen­den Fabri­ken oder land­wirt­schaft­li­chen Gütern jüdi­scher Eigen­tü­mer arbei­te­ten. Am 17. August 1939, somit weni­ge Tage vor Kriegs­be­ginn, erhielt die Grup­pe – wegen der restrik­ti­ven Ein­wan­de­rungs­po­li­tik war die Aus­wan­de­rung nach Paläs­ti­na nicht mög­lich – immer­hin die Erlaub­nis, nach Schwe­den zu emi­grie­ren.[116]
In Schwe­den wur­den sie in das Kol­lek­tiv in Svar­tings­torp auf­ge­nom­men, wo sie für die kul­tu­rel­le Aus­bil­dung zustän­dig waren. Svar­tings­torp war ein grö­ße­rer, 1936 gegrün­de­ter Kib­butz in Scho­nen, der ers­te in Schwe­den über­haupt, der aller­dings von einem akti­ven Anti­zio­nis­ten gekauft und finan­ziert wur­de.[117] Dem Stif­ter Eli Heck­scher ging es dar­um, jun­gen jüdi­schen Flücht­lin­gen völ­lig unab­hän­gig von ihrer Welt­an­schau­ung zu hel­fen und sie auf ein eigen­stän­di­ges Leben in Paläs­ti­na vor­zu­be­rei­ten. Kon­flik­te mit der Hecha­luz-Orga­ni­sa­ti­on, aber auch unter den Jugend­li­chen selbst, waren damit unaus­weich­lich, und Svar­tings­torb wur­de im Febru­ar 1940 auf­ge­ge­ben. Das Ehe­paar Abt über­nahm dar­auf­hin ein eige­nes Kol­lek­tiv, war aber dar­über hin­aus im Sekre­ta­ri­at der Hecha­luz Schwe­den für die kul­tu­rel­len Auf­ga­ben zustän­dig.[118] Im prak­ti­schen All­tag hat­te sich Heinz Abt aber auch mit den land­wirt­schaft­li­chen Auf­ga­ben zu befas­sen und war dabei im Beson­de­ren zum Exper­ten für Vieh­zucht und Milch­pro­duk­ti­on gewor­den. In die­ser Zeit waren in Schwe­den die ers­ten Melk­ma­schi­nen zum Ein­satz gekom­men, eine Errun­gen­schaft, die er spä­ter dann auch in sei­nem Kib­butz in Isra­el einführte.

Geburts­ein­trag für Joel Abt in Schwe­den
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Bis 1947 blie­ben Heinz und Han­na Abt in Schwe­den. Nach­dem sie Svar­tings­torp ver­las­sen hat­ten, lei­te­ten sie ein Haus in Barstöv bei Hel­sing­borg, wo ihre ers­te Toch­ter Miri­am am 11. März 1942 gebo­ren wur­de.[119] Yoel Jehu­da kam am 18. August 1945 in Fle­min­ge, bei Mal­mö, der nächs­ten Sta­ti­on, wo die Fami­lie seit Novem­ber 1944 leb­te, zur Welt.[120] Erst zwei Jah­re nach dem Ende des Krie­ges und der Nie­der­la­ge des faschis­ti­schen Regimes in Deutsch­land gin­gen sie ille­gal über Bel­gi­en, wo sie einen Monat in einem Lager für jüdi­sche Flücht­lin­ge ver­brach­ten, selbst in das Land, auf das sie zuvor vie­le Jugend­li­che in Schwe­den vor­be­rei­tet hat­ten. Ein Frach­ter hat­te sie, aus­ge­stat­tet mit einem gefälsch­ten Tou­ris­ten­vi­sum, mit­ge­nom­men. Am 31. Mai 1947 erreich­ten sie Paläs­ti­na, wo sie zunächst eine not­dürf­ti­ge Unter­kunft bei Hai­fa fan­den. Ihr eigent­li­ches Ziel, beim Auf­bau eines Kib­butz mit­zu­hel­fen, konn­ten sie bald rea­li­sie­ren, da Han­nas Bru­der Richard nach sei­ner Emi­gra­ti­on Kib­buz­nik im Kib­butz Daf­na gewor­den war. Dort war auch sei­ne und Han­nas Mut­ter Eli­se inzwi­schen ange­kom­men. Mit der Auf­nah­me von Heinz, Han­na und den bei­den Kin­dern Miri­am und Yoel war die Fami­lie nach vie­len Jah­ren der Tren­nung und des Kamp­fes ums Über­le­ben dort wie­der ver­eint. In Daph­ne wur­de am 20. Juni 1951 eine wei­te­re Toch­ter gebo­ren, die in Erin­ne­rung an ihre Groß­mutter Ber­tha den Namen Bil­hah /​ Ber­tha erhielt.
Aber auch hier hat­te die Fami­lie zunächst eine schwe­re Zeit zu bestehen, denn die ein­fa­che Unter­kunft dort, eine klei­ne Holz­hüt­te, bestand nur aus einem ein­zi­gen Raum. Und auch der kli­ma­ti­sche Wech­sel vom kal­ten Skan­di­na­vi­en in den hei­ßen Nahen Osten, mach­te ihnen zunächst erheb­lich zu schaf­fen.
Im Kib­butz Daf­na arbei­te­te Heinz Abt zunächst drei Mona­te im Gemü­se­an­bau, dann in der Geflü­gel­ko­ope­ra­ti­ve und die nächs­ten ein­und­zwan­zig Jah­re in der kib­but­z­ei­ge­nen Milch­ver­sor­gung – eine Zeit, die zumin­dest in den ers­ten Jah­ren sehr hart war, da die meis­ten Arbei­ten ohne Maschi­nen­kraft, nur per Hand aus­ge­führt wer­den muss­ten.
Spä­ter über­nahm er in unter­schied­li­chen Posi­tio­nen Ver­ant­wor­tung in der Ver­wal­tung des Kib­butz. So wur­de er 1968 zum Maz­kir gewählt, eine Funk­ti­on, die etwa der des deut­schen Bür­ger­meis­ters ent­spricht. 1970 war er für drei Jah­re ver­ant­wort­lich für die Lebens­mit­tel­ver­tei­lung inner­halb des Kib­butz, eine eher unbe­lieb­te Auf­ga­be, die oft mit viel Ärger ver­bun­den war. Ab 1973 arbei­te­te er in Teil­zeit im Gesund­heits­we­sen und fun­gier­te als ‚tel­ler’ des Kib­butz.[121] 1974 betrau­te man ihn dann als ‚Admi­nis­tra­ti­ve Secre­ta­ry’ mit noch wei­te­ren Ver­wal­tungs­auf­ga­ben, fak­tisch mit der Lei­tung der Orga­ni­sa­ti­on des gesam­ten Kib­butz­le­bens. „Heinz was“ – so Emil Glück – „for seve­ral years elec­ted to various posts of trust and ear­ned con­sidera­ble respect in the kib­butz for his know­ledge and relia­bi­li­ty”.[122]
Am 5. Sep­tem­ber 1992 ver­starb Heinz Abt in Daf­na, dem Kib­butz, der für ihn und sei­ne Fami­lie zur neu­en Hei­mat gewor­den war. Sei­ne Frau Han­na ver­schied eben­falls dort am 27. Janu­ar 1999.[123] Eine gro­ße Zahl von Nach­kom­men, drei Kin­der – Miri­am, Yoel und Bil­hah – und elf Enkel, leben aber noch heu­te dort oder inzwi­schen in ande­ren Orten Israels.

 

Die bei­den ältes­ten Brü­der von Dani­el Kahn-Hut, die bereits erwähn­ten Bert­ram und Mar­cus Kahn-Hut, hat­ten schon früh ihre Hei­mat­stadt Mainz ver­las­sen und waren als Kauf­leu­te nach Wien gegan­gen, wo sie im Zen­trum unweit des Ste­phans­doms im Eck­haus Frank­gas­se 5 /​ Gar­ni­son­gas­se 3, in dem sie bei­de wohn­ten, gemein­sam ein Geschäft für Tape­zie­rer-Bedarfs­ar­ti­kel betrie­ben.[124]

Brief­um­schlag der Brü­der Kahn-Hut aus Wien

Laut Fren­zel hat­ten sie bei­de die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft erwor­ben, was ihnen aber spä­tes­tens nach dem „Anschluss“ von kei­nem Nut­zen mehr war. Wäh­rend der ledig geblie­be­ne Mar­cus Kahn-Hut bereits 1938 wohl eines natür­li­chen Todes ver­starb und auf dem Zen­tral­fried­hof in Wien begra­ben liegt,[125] wur­de sein Bru­der Bert­ram mit sei­ner Frau im Holo­caust ermor­det. Gut­ta Hei­ne­mann, wie Bert­rams Frau mit Mäd­chen­na­men hieß, war am 18. August 1876 in Fürth, wo 1901 auch die Hoch­zeit statt­ge­fun­den hat­te, gebo­ren wor­den.
Am 8. Novem­ber 1905 gebar sie Ilse, ihr ein­zi­ges Kind.[126] Noch in den Kri­sen­jah­ren der öster­rei­chi­schen Repu­blik hei­ra­te­te Ilse am 27. Okto­ber 1927 in Wien Fritz Lion, der am 25. Dezem­ber 1897 in der Haupt­stadt zur Welt gekom­men war.[127] Nach der Ehe­schlie­ßung war er als Teil­ha­ber in das Unter­neh­men auf­ge­nom­men wor­den. Zuletzt hielt Bert­ram Kahn-Hut einen Anteil von 50 Pro­zent, Fritz Lion einen Anteil von 28 Pro­zent und Mar­cus Kahn-Hut die übri­gen 22 Pro­zent.[128] Das Geschäft mit den Tape­zier­wa­ren, das ein­mal eine ein­träg­li­che und siche­re wirt­schaft­li­che Basis für die gesam­te Fami­lie dar­ge­stellt hat­te, war durch die wirt­schaft­li­chen Kri­sen, aber sicher auch wegen der zuneh­men­den anti­se­mi­ti­schen Het­ze zuneh­mend in finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Zuletzt, im Jahr 1938, hat­ten die Anteils­eig­ner monat­lich jeweils 200 RM aus der Fir­ma ent­nom­men, um damit ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten zu finan­zie­ren.[129] Am 24. August 1938 wur­de das Geschäft auf­ge­ge­ben, ob sie dazu gezwun­gen wur­den oder ob die mise­ra­ble finan­zi­el­le Lage sie dazu ver­an­lass­te, ist nicht klar, letzt­lich aber auch gleich­gül­tig. In der Schluss­bi­lanz stan­den der Haben­sei­te mit 85.631,33 RM, dar­un­ter allein Außen­stän­de von mehr als 50.000 RM und ein Lager­be­stand im Wert von mehr als 30.000 RM, Schul­den in der Höhe von 91.280,76 RM gegen­über. Der Fehl­be­trag betrug somit 5.649 RM.[130]

Aus den Ver­mö­gens­er­klä­run­gen der Brü­der ist zu ent­neh­men, dass sie bei­de, abge­se­hen vom Rück­kaufs­wert ihrer Lebens­ver­si­che­run­gen, über kei­ne finan­zi­el­len Mit­tel mehr ver­füg­ten. Es muss ihnen in den fol­gen­den Jah­ren daher sehr schlecht gegan­gen sein, wes­halb sie, wie oben bereits erwähnt, auf die monat­li­chen Zuwen­dun­gen von Dani­el Kahn-Hut ange­wie­sen waren.

Einbürgerungsantrag in die USA von Ilse Lion, geb. Kahn-Hut
Ein­bür­ge­rungs­an­trag in die USA von Ilse Lion, geb. Kahn-Hut
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Aber nicht nur aus Wies­ba­den kam Geld, son­dern offen­bar kurz­zei­tig auch aus den USA, wohin Ilse mit ihrem Mann inzwi­schen aus­ge­wan­dert war. Wann sie das „Groß­deut­sche Reich“ ver­las­sen hat­ten, ist nicht bekannt, aber sie hiel­ten sich wahr­schein­lich zunächst eine gewis­se Zeit in Frank­reich auf, wo ein Cou­sin von Fritz Lion leb­te. Bei der Ein­rei­se in die USA gaben sie an, zuletzt im west­lich von Lyon gele­ge­nen Néris-les-Bains im Inne­ren Frank­reichs ver­bracht zu haben.[131] Über die Dau­er ihres dor­ti­gen Auf­ent­halts lie­gen aber kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Im Febru­ar 1940 lief dann ihr Schiff ‚De Grass’ in Le Hav­re Rich­tung New York aus. Dort am 26. Febru­ar ange­kom­men, ging die Rei­se wei­ter auf die ande­re Sei­te des Kon­ti­nents, wo in San Fran­cis­co Onkel und Tan­te von Fritz Lion auf sie war­te­ten.[132]
Schon im April des glei­chen Jah­res bean­trag­ten sie, Bür­ger der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­den zu dür­fen, was ihnen auch gewährt wur­de. Zwar wer­den kei­ne Sum­men genannt, aber ein erhal­te­nes Doku­ment bezeugt, dass Fritz Lion sei­nen Schwie­ger­el­tern in Wien Geld aus Ame­ri­ka zu über­tra­gen ver­such­te. Ob sie es noch erhiel­ten, ist aller­dings nicht bekannt.

Deportation Bertram und Gutta Kahn-HutWien
Bert­ram und Gut­ta Kahn-Hut wer­den von Wien nach Kow­no depor­tiert
https://​coll​ec​tions​.arol​sen​-archi​ves​.org/de​/search​/person​/130501146​?s=Betram%20Kahn-Hut&t=532970&p=1

Im Novem­ber 1941 gin­gen vier gro­ße Trans­por­te mit jeweils etwa 1000 Jüdin­nen und Juden inner­halb von weni­gen Tagen aus vier unter­schied­li­chen Städ­ten, aus Ber­lin, Mün­chen, Frank­furt und Wien, nach Kow­no /​ Kau­en in Litau­en. Die­sen letz­ten Zug muss­ten auch Bert­ram und Gut­ta Kahn-Hut bestei­gen, nach­dem sie sich meh­re­re Tage zuvor bereits in der Sam­mel­stel­le in der Sperl­gas­se hat­ten ein­fin­den müs­sen.[133] Ursprüng­lich war als Ziel des Zuges, der am 23. Novem­ber den Wie­ner Aspang­bahn­hof ver­ließ, Riga ange­ge­ben, er wur­de aber dann an den neu­en Ziel­ort Kow­no umge­lei­tet, den er am 26. Novem­ber 1941 erreich­te. Unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft wur­den die Insas­sen im Fort IX erschos­sen.[134]

 

 

Ver­öf­fent­licht: 21. 04. 2022

Letz­te Revi­si­on: 01. 06. 2022

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Zum Ehe­paar Dani­el und Frie­de­ri­ke Kahn-Hut lie­gen bereits ein kurz gefass­tes Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se und ein etwas aus­führ­li­che­rer Arti­kel von Rein­hard Fren­zel, Fami­li­en Kahn-Hut und Abt, in: Der Neue Jüdi­sche Fried­hof in Mainz, Son­der­heft der Main­zer Geschichts­blät­ter, Mainz 2013, S. 143–147 vor.

[2] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 96 /​ 1866.

[3] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 143.

[4] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 96 /​ 1866.

[5] Bei den fol­gen­den Anga­ben war Schlüch­tern der Geburts- bzw. Ster­be­ort, wenn kei­ne ande­re Anga­be gemacht wird. Auf Frie­de­ri­ke folg­ten Mar­cus, gebo­ren am 21.8.1843, gestor­ben am 24.4.1911, Bet­ty, gebo­ren am 4.12.1846, gestor­ben am 26.12.1846 in Mem­min­gen, Leo­pold, gebo­ren am 13.5.1849, gestor­ben am 30.4.1907, Regi­na, gebo­ren am 12.10.1852, gestor­ben ?, und Adolph, gebo­ren am 25.8.1857, gestor­ben am 21.1.1936 in Kas­sel. Sie­he https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/tree​/75317093​/family​/familyview​?cfpid=36457095834&fpid=36457095834&usePUBJs=true. (Zugriff: 15.4.2022).

[6] In der Hei­rats­ur­kun­de ist die­se Alters­an­ga­be gemacht, laut https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/75317093​/person​/36401095559​/facts (Zugriff: 15.4.2022) war er jedoch am 18.6.1817 in Schlüch­tern gebo­ren wor­den und am 22.9.1872 auch dort verstorben.

[7] Babet­te Klin­gen­stein war 1818 in Zün­ders­bach im heu­ti­gen Main-Kin­zig-Kreis gebo­ren wor­den. Ebd.

[8] „Unse­re Gemein­de hat durch einen plötz­li­chen Tod eines ihrer acht­bars­ten Mit­glie­der ver­lo­ren. Der Kauf­mann Abra­ham Sichel ist nicht mehr unter den leben­den. Wie tief die Trau­er um den Hin­ge­schie­de­nen in allen Krei­sen emp­fun­den, bekun­de­te sich bei dem Lei­chen­be­gäng­nis­se, wel­chen sich nicht allein die hie­si­ge israe­li­ti­sche Gemein­de und auch vie­le Glau­bens­ge­nos­sen aus den umlie­gen­den Ort­schaf­ten, son­dern auch vie­le der ange­se­hens­ten christ­li­chen Mit­bür­ger und Ver­tre­ter der Behör­den betei­lig­ten. Am Gra­be hob Herr Kreis­rab­bi­ner Schwarz­schild – sein Licht leuch­te – die Ver­diens­te die­ses rei­nen Men­schen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, der von Jeder­mann geschätzt und geach­tet war, in tief ergrei­fen­den Wor­ten her­vor. Der Ver­leb­te ver­dien­te aber auch die­se Aner­ken­nung durch sei­nen höchst ehren­haf­ten, bie­de­ren Cha­rak­ter, sei­ne stren­ge Recht­lich­keit im geschäft­li­chen Ver­keh­re, ver­bun­den mit ech­ter, wahr­haf­ter Fröm­mig­keit. Herr Abra­ham Sichel war län­ger als 30 Jah­re Rech­nungs­füh­rer der hie­si­gen israe­li­ti­schen Gemein­de; sei­ne Kin­der erzog er in echt jüdi­schem Sin­ne und war nament­lich bedacht, sei­ne Töch­ter an wahr­haft from­me Män­ner zu ver­hei­ra­ten, was in unse­rer mate­ri­el­len Zeit nicht genug ange­schla­gen wer­den kann. Die gan­ze Umge­gend ver­liert in dem Ver­leb­ten einen zuver­läs­si­gen Rat­ge­ber; es gehör­te nicht zu den Sel­ten­hei­ten, dass selbst Juris­ten in schwie­ri­gen Fäl­len bei dem erfah­re­nen und bie­de­ren Kauf­mann sich Rat hol­ten. In allen Gesell­schafts­krei­sen hat­te der bra­ve, ehren­haf­te Man­ne Freun­de und Ver­eh­rer, selbst Geist­li­che ande­rer Kon­fes­sio­nen stan­den in inti­men Freund­schafts­be­zie­hun­gen zu dem streng reli­giö­sen Jehu­di. Ich habe schlich­te Bau­ern gese­hen, die bit­te­re Trä­nen um unse­ren Glau­bens­ge­nos­sen wein­ten. Mögen sei­ne Kin­der einen Trost fin­den in der all­ge­mei­nen Teil­nah­me, die ein wahr­haf­ter Kid­dusch Haschem (Hei­li­gung des Namens Got­tes) genannt zu wer­den ver­dient. Mögen sie das Leben und Wir­ken ihres got­tes­fürch­ti­gen Vaters stets zum Vor­bild neh­men, und möge es uns und allen Lesern des ‘Israe­lit’ in dem neu­en Jah­re ver­gönnt sein, nur erfreu­li­che Nach­richt zu ver­neh­men.“ http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/schluechtern_texte.htm​#Zum%20Tod%20des%20Kaufmanns%20Abraham%20Sichel,%2030%20Jahre%20Rechnungspr%C3%BCfer%20der%20Gemeinde%20(1872). (Zugriff: 15.4.2022). Dass der Kreis­rab­bi­ner Schwarz­schild die Trau­er­re­de hielt, ist inso­fern inter­es­sant, als die Ehe­frau von Abra­ham Kahn-Hut eine gebo­re­ne Schwarz­schild war. Es gab also mög­li­cher­wei­se schon seit län­ge­rer Zeit Ver­bin­dun­gen zwi­schen Gem­min­gen und dem nord­hes­si­schen Raum.

[9] Ster­be­re­gis­ter Mainz 860 /​ 1872. Gebo­ren wur­de er am 16.6.1872, Geburts­re­gis­ter Mainz 1051 /​ 1871.

[10] Geburts­re­gis­ter Mainz 563 /​ 1875.

[11] Gesamt­ver­zeich­nis des deutsch­spra­chi­gen Schrift­tums (GV) 1700–1910, Mün­chen 1983, S. 263.

[12] Hei­rats­re­gis­ter Darm­stadt 53 /​ 1905.

[13] Zur Fami­lie Klee­berg sie­he oben.

[14] HHStAW 518 30796 (1).

[15] Ebd. (22).

[16] Ebd. (42).

[17] Ebd. (22).

[18] https://​socio​lo​gy​.sfsu​.edu/content​/memoriam-prof-rachel-kahn-hut-432020

[19] Die­se Anga­ben beru­hen auf einem bio­gra­phi­schen Bericht eines Mit­häft­lings, der spä­ter mit der Fami­lie Kahn-Hut befreun­det war. Der Text wur­de mir von Maoz Gutt­man freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt.

[20] HHStAW 519/​3 3648 (4).

[21] Fren­zel, Kahn-Hut, S. 144.

[22] Die rus­si­sche Quel­le wur­de mir von Maoz Gutt­man über­mit­telt und ins Eng­li­sche über­tra­gen. Der Zugriff auf die Sei­te, http://​opi​si​.rgae​.ru/scripts​/uis​/rgae_any.php​?base=mysql:rgae&list=14882&sort=litnum&idObj=8738881, war von Deutsch­land aus nicht möglich.

[23] HHStAW 518 30796 (14–17).

[24] Fren­zel, Kahn-Hut, S. 145.

[25] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/11405489:2442. (Zugriff: 15.4.2022). Auf dem For­mu­lar ist aber auch unter Ver­mer­ken „Rus­sen“ notiert. Es könn­te sein, dass Caro­li­ne Rosen ursprüng­lich in Polen gebo­ren wor­den war, ihr Hei­mat­ort nach der Zer­schla­gung Polens durch den Hit­ler-Sta­lin-Pakt dann auf rus­si­schem Gebiet lag.

[26] https://​ru​.open​list​.wiki/%D0%9A%D0%B0%D0%BD-%D0%A5%D1%83%D1%82_%D0%AD%D0%B4%D0%B3%D0%B0%D1%80%D0%B4_%D0%94%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87_(1906). (Zugriff: 5.5.2022). Das NKVD war das ‚Volks­kom­mis­sa­ri­at für Inne­re Ange­le­gen­hei­ten’, das das gesam­te Gulag-Sys­tem organisierte.

[27] Zu dem Lager Norilsk /​ Noril­lag sie­he https://​memo​ri​al​.krsk​.ru/deu​/Dokument​/Publik​/20181001.htm (Zugriff: 5.5.2022), auch https://​de​.wiki​pe​dia​.org/wiki​/NorilLag. (Zugriff: 5.5.2022).

[28] https://​memo​ri​al​.krsk​.ru/Articles​/2018​/2018Averbuh​/Averbuh.pdf. Die Über­set­zung der in Rus­sisch geschrie­be­nen Erin­ne­run­gen ver­dan­ke ich Maoz Guttman.

[29] Einen Ein­druck von der Bedeu­tung sei­ner dama­li­gen wis­sen­schaft­li­chen Arbeit gera­de für die Aus­beu­tung der Res­sour­cen in den Regio­nen Sibi­ri­ens, in der er sich haupt­säch­lich mit den sta­ti­schen Pro­ble­men der Schnee­las­ten für Gebäu­de beschäf­tig­te, kann man dem Brief eines heu­ti­gen rus­si­schen Pro­fes­sors ent­neh­men, den die­ser Maoz Gutt­mann, einem Ver­wand­ten von Edgar Kahn-Hut, hat zukom­men las­sen. Es heißt dar­in: „Ich habe von Ihnen Fra­gen zu Ihrem Ver­wand­ten Edgar Dani­lo­vich Kahn-Hut erhal­ten. (…)Zunächst möch­te ich mich für Ihre Auf­merk­sam­keit für mei­nen Arti­kel bedan­ken, der in der wis­sen­schaft­li­chen Samm­lung des Poli­tech­ni­kums Pol­ta­wa, benannt nach der Natio­na­len Uni­ver­si­tät Jurij Kond­rat­juk, an der ich leh­re, ver­öf­fent­licht wur­de.
Mit dem Pro­blem der Belas­tung von Bau­wer­ken, ein­schließ­lich der Schnee­last, beschäf­ti­ge ich mich schon seit län­ge­rer Zeit. In der Geschich­te der For­schung die­ser wich­ti­gen Fra­ge­stel­lung in den 50er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts, als die Bedeu­tung der Schnee­ab­la­ge­rung auf den Dächern von Gebäu­den in ihrem kom­ple­xen Zusam­men­hang inten­siv unter­sucht wur­de, waren die Arti­kel von E​.​D. Kan-Huta — Stroi­tel­na­ya.
[Edgar Kahn-Hut – K​.​F.] — 1954. — №12. — S. 22 — 23 sowie der spä­ter ver­öf­fent­lich­te Arti­kel Kan-Huta E​.​D. Snow Loads /​/​ Stroi­tel­na­ya Pro­mysh­len­nost’. — 1957. — №1. — С. 60 von größ­ter Bedeu­tung.“ Er macht dann noch wei­te­re Aus­füh­run­gen zu den tech­ni­schen Aspek­ten und schließt sei­nen Brief mit dem Satz: „Des­halb den­ke ich, dass der Name von Edgar Dani­lo­vich Kang-Hut für immer in die Geschich­te des Stu­di­ums der Belas­tun­gen von Bau­wer­ken und der Ent­wick­lung von Nor­men für die Bau­pla­nung ein­ge­gan­gen ist.“ Das Schrei­ben in rus­si­scher Spra­che wur­de mir von Maoz Gutt­man zur Ver­fü­gung gestellt und maschi­nell ins Deut­sche übertragen.

[30] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/187914455:1732. (Zugriff: 15.5.2022).

[31] https://​oak​land​.cha​pe​l​of​t​he​chi​mes​.com/obituaries​/Rachel-Kahn-Hut/​#!/Obituary. (Zugriff: 15.4.2022).

[32] HHStAW 518 30796 (27, 42).

[33] HHStAW 519/​3 3648 (4).

[34] Ebd. (12).

[35] Ebd. (16).

[36] HHStAW 518 30796 (44–46).

[37] HHStAW 519/​3 3648 (17).

[38] Ebd. (19).

[39] Unbe­kann­te Lis­te X 1. Auf die­ser Eta­ge wohn­ten laut die­ser Lis­te außer Kahn-Huts, die Ehe­paa­re Rabi­no­wicz, Bon­né, und Klee­berg.

[40] Ebd. (20).

[41] Ebd. (23).

[42] Hed­wig Strauss war mit ihrem Mann Sebald Strauss Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 46.

[43] HHStAW 519/​3 3648 (26).

[44] Die Ehe­leu­te Hirsch­kind, die eben­falls mit die­sem Trans­port am 1.9.1942 depor­tiert wur­den, hat­ten einen Heimein­kaufs­ver­trag schon am 26.8.1942 unterschrieben.

[45] Sie­he zu die­sem Trans­port Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 317 f.

[46] https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/media​/zmarch​/images​/4​/5​/5​/70426_ca_object_representations_media_45592_large.jpg. (Zugriff: 15.4.2022).

[47] https://​www​.holo​caust​.cz/de​/opferdatenbank​/opfer​/45648-frieda-kahn-hut/. (Zugriff: 15.4.2022), dazu HHStAW 518 18008 (47).

[48] https://​crt​-ii​.org/_awards​/_apdfs​/Kahn-Hut_Daniel2.pdf. (Zugriff: 15.4.2022).

[49] https://​socio​lo​gy​.sfsu​.edu/content​/memoriam-prof-rachel-kahn-hut-432020. (Zugriff: 15.4.2022).

[50] Unter den Stif­tun­gen waren sol­che, die mit­tel­lo­sen Stu­den­tin­nen im Fach­be­reich Sozio­lo­gie ihre aka­de­mi­sche Lauf­bahn finan­zi­ell absi­chern soll­ten. Nach Aus­sa­ge eines Cou­sins, der nach ihrem Tod den Nach­lass ver­wal­te­te, hat­te sie in dem letz­ten Jahr vor ihrem Tod ihr Ver­mö­gen an mehr als hun­dert wohl­tä­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen verteilt.

[51] In dem Buch Femi­nists who chan­ged Ame­ri­ca 1963–1975, hg. Love, Bar­ba­ra, Urba­na – Chi­ca­go 2006 ist Rachel Kahn-Hut auf der Sei­te 243 ein kur­zer Ein­trag über ihre aka­de­mi­sche Kar­rie­re gewidmet.

[52] Eine Aus­wahl ihrer Bil­der, wur­de anläss­lich ihrer Beer­di­gung von ihrem Cou­sin Richard Naidus zusam­men­ge­stellt und unter dem Titel „Indi­vi­du­al pic­tures used for Through Rachel’s Eyes“ Freun­den und Ver­wand­ten der Ver­stor­be­nen zugäng­lich gemacht.

[53] https://​chss​.sfsu​.edu/news-announce​/memoriam-rachel-kahn-hut. (Zugriff: 15.4.2022).

[54] Über die­se Tref­fen berich­te­te Sus­an Sugar, die Toch­ter von Ani­ta und Max Wis­hen­grad, mit der Rachel ihre frü­he Kin­der­zeit in New York geteilt hat­te. Auch nach dem Weg­zug von Caro­li­ne und Rachel Kahn-Hut blie­ben sie ihr gesam­tes Leben in engem Kontakt.

[55] https://​ru​-open​list​-wiki​.trans​la​te​.goog/%D0%9A%D0%B0%D0%BD-%D0%A5%D1%83%D1%82_%D0%AD%D0%B4%D0%B3%D0%B0%D1%80%D0%B4_%D0%94%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87_(1906)​?_x_tr_sl=auto&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de. (Zugriff: 5.5.2022).

[56] https://​ru​-open​list​-wiki​.trans​la​te​.goog/%D0%9F%D0%B8%D1%82%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F_%D0%9B%D1%8E%D0%B1%D0%BE%D0%B2%D1%8C_%D0%93%D0%B5%D1%80%D1%86%D0%B5%D0%B2%D0%BD%D0%B0_(1903)​?_x_tr_sl=auto&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de. (Zugriff: 5.5.2022).

Der Autor der bereits erwähn­ten Erin­ne­run­gen an die Zeit in Norilsk /​ Noril­lag gab an, Lju­bow Ger­zew­na Pit­kows­ka­ja habe an der Sor­bon­ne in Paris stu­diert und dort auch einen Abschluss erwor­ben. Unklar ist, ob die bei­den noch eine for­ma­le Ehe ein­ge­gan­gen waren.

[57] Laut Aus­sa­ge des Bekann­ten aus dem Gulak, des­sen Mut­ter mit Lju­bow Ger­zew­na Pit­kows­ka­ja befreun­det war, erhielt Edgar Kahn-Hut eine Ent­schä­di­gung von 130.000 $ vom deut­schen Staat. Die­se Anga­be muss sehr bezwei­felt wer­den, denn ein Hin­weis auf ein ent­spre­chen­des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ist in den Unter­la­gen des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens für sei­ne Eltern im Haupt­staats­ar­chiv Wies­ba­den nicht zu fin­den. Außer­dem wür­de die­se Sum­me kei­nes­wegs der ent­spre­chen, die in ent­spre­chen­den Fäl­len gewährt wur­de. Ver­mut­lich geht es um die Zah­lung, die aus dem schwei­ze­ri­schen Kon­to stamm­te und vom Erb­gang zunächst Edgar Kahn-Hut zuge­stan­den hät­te, dann aber an sei­ne Toch­ter aus­ge­zahlt wur­de. Von die­sem Geld kann er aber selbst nichts mehr erhal­ten haben, denn 1972 waren die­se Kon­ten noch nicht bekannt. Dass er sich davon – wie der Zeit­zeu­ge angab – eine Zwei-Zim­mer-Woh­nung in Mos­kau gekauft und 100.000 $ sei­ner Toch­ter geschenkt habe, kann also kaum stim­men. Bestä­tigt wird aller­dings von Sus­an Sugar, dass Edgar Kahn-Hut in Mos­kau in einem der exklu­si­ven Vier­tel ein moder­nes Luxus-Appar­te­ment besaß.

[58] Das Todes­jahr ist nicht durch ein offi­zi­el­les Doku­ment belegt, son­dern beruht auf der Anga­be im Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se. Den­noch wird es den Fak­ten ent­spre­chen, da zum Zeit­punkt der Her­aus­ga­be des Erin­ne­rungs­blat­tes noch ein direk­ter Kon­takt des AMS zu Rachel Kahn-Hut bestand.

[59] HHStAW 518 30799 (1).

[60] Geburts­re­gis­ter Mainz 1571 /​ 1873, dazu HHStAW 518 30799 (3).

[61]HHStAW 518 30799 (70), dazu Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[62] Ster­be­re­gis­ter Mainz 1306 /​ 1911.

[63] Geburts­re­gis­ter Mainz 480 /​ 1883. Bert­hold Abt war am 31.10.1874  gebo­ren worden.

[64] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 366 /​ 1904.

[65] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/nameDetails.html​?language=en&itemId=11456281&ind=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[66] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[67] Glück, u​.​a., Hachs­cha­ra, S. 128.

[68] HHStAW 518 30799 (6, 70).

[69] Ebd. (70).

[70] HHStAW 676 8068 (28). Sei­ne Schwes­ter Ber­tha hat­te ein Dar­le­hen dafür gewährt, das als Hypo­thek in der Höhe von 14.000 RM im Grund­buch ein­ge­tra­gen wor­den war.

[71] HHStAW 518 30799 (26).

[72] Die Datums­an­ga­be der Ehe­schlie­ßung beruht auf sei­ner eige­nen Anga­be in sei­nen Steu­er­erklä­run­gen, sie­he HHStAW 676 8068 (82). Sei­ne Toch­ter Hil­de gab das Jahr der Ehe­schlie­ßung eher vage, ver­mut­lich auch falsch mit dem Jahr 1912 an, sie­he HHStAW 518 30799 (26).

[73] Geburts­re­gis­ter Roten­burg 55 /​ 1889. Eigen­ar­ti­ger­wei­se gibt die Toch­ter Hil­de auch das Geburts­jahr ihrer Mut­ter im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren statt mit 1889 falsch mit dem Jahr 1887 an und als Geburts­ort nennt sie Roten­burg am Main statt an der Ful­da, sie­he HHStAW 518 30799 (26).

[74] HHStAW 518 30801 (1)

[75] HHStAW 518 30799 (3).

[76] Ebd. (6). Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de bewer­te­te die Anga­be aller­dings als „stark über­setzt“, ebd. (57).

[77] Ebd. (6), dazu Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 144.

[78] HHStAW 676 8068 (55, 56).

[79] Hart­wig-Thür­mer, Rück­kehr auf Zeit, S. 128.

[80] Infor­ma­ti­on Maoz Gutt­man vom 5.5.2022, sie­he auch die Ein­wan­de­rungs­un­ter­la­gen unter https://​www​.archi​ves​.gov​.il/archives​/Archive​/0b07170680034dc1​/File​/0b071706808a7834. (Zugriff: 13.5.2022).
In: Blick auf die Main­zer Frau­en­ge­schich­te, S. 36 f. heißt es dage­gen, sie habe zunächst in einem Kib­butz bei Hai­fa gelebt.

[81] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[82] HHStAW 518 30799 (54).

[83] HHStAW 676 8068 (27–35). Der Ein­heits­wert des Hau­ses war 1935 mit 32.500 RM taxiert wor­den, ebd. (35).

[84] Ebd. (77), auch HHStAW 518 30799 (57), dazu Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145. Es ist nicht bekannt, ob das Geschäft liqui­diert oder ari­siert wurde.

[85] HHStAW 676 8068 (21).

[86] Ebd. (70).

[87] Ebd.

[88] HHStAW 518 30799 (3).

[89] HHStAW 676 8068 (77).

[90] HHStAW 519/​3 4006 (3).

[91] HHStAW 519/​3 4006 (3).

[92] HHStAW 519/​3 8478 (4).

[93] Ebd. (7).

[94] HHStAW 519/​3 4006 (9). Lina Birn­baum, gebo­ren am 25.10.1897 in Roten­burg, wohn­te in Frank­furt in der Stra­ße Am Tier­gar­ten 28. Lina Birn­baum wur­de am 8.5.1942 von Frank­furt aus depor­tiert und ermor­det. Sie­he HHStAW 519/​3 8478 (10).

[95] HHStAW 519/​3 4006 (11).

[96] Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 15.3.2005.

[97] King­reen, Gewalt­sam ver­schleppt, S. 358–362.

[98] HHStAW 518 30799 (3).

[99] Blick auf die Main­zer Frau­en­ge­schich­te, S. 37.

[100] HHStAW 518 30799 (1).

[101] Hart­wig-Thür­mer, Rück­kehr auf Zeit, S. 128.

[102] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[103] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 186 f.

[104] Ein genau­es Datum ist in der Lis­te lei­der nicht ange­ge­ben, sie­he https://​www​.fami​ly​se​arch​.org/ark:​/61903​/3:1:S3HT-6329–9ZL​?i=529&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AJSYH-S4S. (Zugriff: 15.5.2022). Zumin­dest ist in dem For­mu­lar unter ‚wei­te­re Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge’ nichts ein­ge­tra­gen, sie­he https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/H​/ITS_import_june_2011​/21​/06030301​/aa​/mt​/ea​/001.jpg. (Zugriff: 15.5.2022).

[105] https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/H​/ITS_import_june_2011​/21​/06030301​/aa​/mt​/ec​/001.jpg. (Zugriff: 15.5.2022). Die Anga­ben zur Namens­än­de­rung ver­dan­ke ich Maoz Gutt­man. Bei Fren­zel ist der ursprüng­li­che Name wohl fälsch­li­cher­wei­se mit Zam­bo­ra, statt mit Zamo­j­re angegeben.

[106] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145. Die Anga­be über ihren Tod stammt von Maoz Gutt­man, ein Todes­da­tum ist aber nicht bekannt.

[107] Da es in der Fami­lie üblich war, dass die Enkel­kin­der, hier Miri­am und Joel, bei ihrer Bat- bzw. Bar Miz­wa ihre Groß­el­tern über ihr Leben inter­view­ten, sind auch klei­ne bio­gra­phi­sche Details von Heinz Abt erhal­ten geblie­ben, die mir sein Uren­kel Maoz Gutt­mann bereit­wil­lig zur Ver­fü­gung gestellt hat. Ihm sei auch an die­ser Stel­le für vie­le ergän­zen­de Infor­ma­tio­nen und Doku­men­te über die Fami­lie und Hin­wei­se auf Inter­net­sei­ten gedankt, auf die er im Zuge sei­ner eige­nen Recher­chen gesto­ßen ist. Eben­so bereit­wil­lig hat er die Nut­zung der pri­va­ten Fotos genehmigt.

[108] Sie­he zu die­ser Bewe­gung Pil­ar­c­zyk, Ulri­ke; Asch­ke­n­a­zi, Opfer; Homann, Arne, (Hg.) Hachs­cha­ra und Jugend-Ali­ja. Wege jüdi­scher Jugend nach Paläs­ti­na 1918–1941 und Pil­ar­c­zyk, Ulri­cke, Gemein­schaft in Bil­dern, Jüdi­sche Jugend­be­we­gung und zio­nis­ti­sche Erzie­hungs­pra­xis in Deutsch­land und Palästina/​Israel, Göt­tin­gen 2009.

[109] Han­na Kahn-Hut hat in einem Inter­view, das ihre Enke­lin Daph­ne in den 70er Jah­ren in Isra­el mach­te, über ihr Leben erzählt. Das Inter­view wur­de mir von Daph­nes Bru­der Maoz freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt.

[110] Glück, Hachs­cha­ra, S. 128. Ihre Eltern waren der Kauf­mann Alfred Schle­sin­ger, gebo­ren am 12.10.1870 im mäh­ri­schen Göding, und Eli­se, gebo­re­ne Lenz, die 1878 in Köln gebo­ren wor­den war. Das Paar hat­te noch einen Sohn, Richard, gebo­ren 1913, in Mön­chen Glad­bach. Er leb­te zuletzt im Kib­buz Daf­na, wo auch sei­ne Schwes­ter Han­na und sein Schwa­ger Heinz bis zu ihrem Tode wohn­ten. Der Vater wur­de am 23.10.1942 in The­re­si­en­stadt ermor­det, die Mut­ter dage­gen über­leb­te The­re­si­en­stadt und konn­te – ver­mut­lich nach 1945 – noch nach Paläs­ti­na aus­wan­dern und mit ihren bei­den Kin­dern in Daf­na ihren Lebens­abend ver­brin­gen. Sie ver­starb dort am 7.1.1958. https://​www​.ruths​fa​mi​ly​histo​ry​.net/genealogy​/tree​/edith​/individual​/I7029​/Heinz-Abt und https://​www​.ruths​fa​mi​ly​histo​ry​.net/genealogy​/tree​/edith​/individual​/I6781​/Johanna-Schlesinger. (Zugriff: 11.01.2023).

[111] Die Knau­er­stra­ße lag in dem Gos­ten­hof-Vier­tel, das seit dem 19. Jahr­hun­dert zu den bevor­zug­ten jüdi­schen Wohn­be­zir­ken in Nürn­berg gehör­te. Ein Drit­tel der Nürn­ber­ger Juden leb­te noch zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in die­sem Are­al. Laut ‚Map­ping the Lives’ waren bei der Volks­zäh­lung im Mai 1939 im Haus Knau­er­str. 27 43 jüdi­sche Per­so­nen gemel­det, dar­un­ter vie­le Paa­re, so auch Bert­hold und Han­na Abt. Es kann sich zu die­sem Ter­min dort noch nicht um ein Juden­haus gehan­delt haben, denn das neue „Gesetz über die Miet­ver­hält­nis­se mit Juden“ war gera­de erst am 30.4.1939 ver­ab­schie­det wor­den. Ob im Haus selbst eine Hachs­ha­ra-Grup­pe ange­sie­delt war, ist schwer zu sagen. Die meis­ten der dama­li­gen Bewoh­ner wur­den spä­ter depor­tiert und ermor­det. Nur weni­gen, aller­dings eher jün­ge­ren Bewoh­nern, scheint die Flucht gelun­gen zu sein. Ob als Grup­pe oder jeweils ein­zeln, müss­ten genaue­re For­schun­gen klären.

[112] Im Mai 1939 waren sie bei der Volks­zäh­lung noch immer mit der Adres­se Knau­er­str. 27 gemeldet.

[113] Glück, Hachs­cha­ra, S. 128. Bil­der aus die­sem Zen­trum sind zu fin­den in Pil­ar­cyk, u​.​a. Hachs­cha­ra und Jugend-Ali­ja, S. 120. Sie­he ab S. 118 auch, wie­so gera­de in Schle­si­en die Bewe­gung eine brei­te Basis fand.

[114] Glück, Hachs­cha­ra, S. 128 f. Laut Fren­zel gin­gen sie zunächst bei­de auf das Hachs­cha­ra-Gut Win­kel bei Spreen­ha­gen in Bran­den­burg, Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[115] Glück, Hachs­cha­ra, S. 129

[116] Ebd.

[117] https://​www​.levan​de​his​to​ria​.se/content​/818. (Zugriff: 15.4.2022). In der Rezen­si­on einer schwe­di­schen Dis­ser­ta­ti­on über die Hachs­cha­ra in Schwe­den, schreibt die Rezen­sen­tin Iza­bel­la Dahl aller­dings, dass die Arbeit dort nach „den in Deutsch­land for­mu­lier­ten ideo­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en“ durch­ge­führt und unter der Lei­tung des Zio­nis­ten Bert­hold Rot­schild gestan­den habe, sie­he https://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/bitstream​/handle​/18452​/8521​/dahl.pdf​?sequence=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[118] Glück, u​.​a., Hachs­cha­ra, S. 123.

[119] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/42568018:2262&nreg=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[120] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/57884047:2262​?tid=&pid=&queryId=f08f6e066f1f22edc80d0e78df08c3c3&_phsrc=Ekt5588&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[121] Es han­delt sich dabei um eine Art kib­butz-inter­nes Pfand­leih­sys­tem. Kib­butz­niks kön­nen Güter aus ihrem Besitz dort abge­ben und dafür wird ihnen ein ent­spre­chen­der Geld­be­trag aus­ge­zahlt. Eben­so kann man dort gebrauch­te Güter gegen Geld erwerben.

[122] Glück, u​.​a., Hachs­cha­ra, S. 129

[123] https://​www​.ruths​fa​mi​ly​histo​ry​.net/genealogy​/tree​/edith​/individual​/I7029​/Heinz-Abt und https://​www​.ruths​fa​mi​ly​histo​ry​.net/genealogy​/tree​/edith​/individual​/I6781​/Johanna-Schlesinger. (Zugriff: 11.01.2023).

[124] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/88117427:60778​?tid=&pid=&queryId=82a5e0c14ffdcc0946455ab974b6fa56&_phsrc=Ekt5529&_phstart=successSource, (Zugriff: 15.4.2022). Mar­cus Kahn wohn­te zuletzt in der Por­zel­lan­gas­se 14, sie­he Staats­ar­chiv Öster­reich VA. 21.205.

[125] Fren­zel, Kahn-Hut und Abt, S. 143 schreibt zwar, dass Mar­cus Kahn-Hut im Jahr 1939 ver­stor­ben sei, gibt aber eine Quel­le dafür nicht an. Die Datie­rung muss auch falsch sein, denn sein Bru­der Alphons teil­te bereits am 8.11.1938 dem Regie­rungs­prä­si­den­ten in Wies­ba­den mit, dass er am Vor­tag dem Notar Doch­nahl in Frank­furt eine Ver­zichts­er­klä­rung „über den Nach­lass (sei­nes) ver­stor­be­nen Bru­ders Mar­kus K, Kauf­mann in Wien“ über­mit­telt habe, sie­he HHStAW 676 8068 (47).

[126] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/3714654:3998​?tid=&pid=&queryId=0a70fd3f0a9fb2846c77fb8c8f65aa26&_phsrc=Ekt5602&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[127] Ebd.

[128] Staats­ar­chiv Öster­reich VA. 18952.

[129] Ebd.

[130] Staats­ar­chiv Öster­reich VA. 21.205.

[131] https://​www​.ancestry​.de/discoveryui-content​/view​/3714654:3998​?tid=&pid=&queryId=0a70fd3f0a9fb2846c77fb8c8f65aa26&_phsrc=Ekt5602&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[132] https://​www​.ancestry​.de/imageviewer​/collections​/7488​/images​/NYT715_6446-0210​?treeid=&personid=&hintid=&queryId=24abfed2b3379ec88a480d1c64dc37b3&usePUB=true&_phsrc=Ekt5645&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006709531. (Zugriff: 15.4.2022). Laut den Rei­se­un­ter­la­gen han­del­te es sich bei den Ver­wand­ten um Alfred Hertz und Frau.

[133] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/nameDetails.html​?language=en&itemId=4922069&ind=1 und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/nameDetails.html​?language=en&itemId=4922064&ind=1, (Zugriff: 15.4.2022).

[134] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 107 f.

 

 

 

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942