Alice, genannt Liesel Hess, geborene Haymann, verwitwete Baum


Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Juden­haus in der Bahn­hofstr. 25 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Wiesbaden Guthmann Jakob Berthold Claire Paul Charlotte Opfermann Michel
Lage des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25
Judenhaus Wiesbaden Juden
Bele­gung des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25

 

 

 

 

 

 


 

Im Jahr 1861 wur­de den in Bay­ern leben­den Juden per Land­tags­ab­schied die Frei­zü­gig­keit gewährt, die bis­he­ri­gen Beschrän­kun­gen des Edikts von 1813 wur­den „rück­sicht­lich der Ansäs­sig­ma­chung und des Gewer­be­be­trie­bes“ auf­ge­ho­ben. Ab die­sem Zeit­punkt war es ihnen auch mög­lich, als Beam­te in den Dienst des Staa­tes zu tre­ten oder in den kom­mu­na­len Gre­mi­en Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men.[1] All dies trug dazu bei, dass immer mehr Juden aus dem länd­li­chen Raum abwan­der­ten, um die gewon­ne­ne Frei­heit in den pro­spe­rie­ren­den Städ­ten auch für ihr per­sön­li­ches Fort­kom­men zu nut­zen. In Regens­burg ver­dop­pel­te sich nahe­zu die Zahl der jüdi­schen Bewoh­ner nach dem Erlass von 1861 inner­halb von nur zwei Jah­ren. In nicht ein­mal zwan­zig Jah­ren war die Zahl von 130 auf 675 hoch­ge­schnellt. Ihr Anteil an der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung war damit in die­sem Zeit­raum von 0,5 auf knapp zwei Pro­zent ange­stie­gen.[2]

Judenhaus Bahnhofstr. 25 Wiesbaden, Alice Liesel Hess, Haymann, Baum
Ali­ce Hay­mann, ver­hei­ra­te­te Hess, ver­wit­we­te Baum, ein­ge­bun­den in die jewei­li­gen Fami­li­en­stamm­bäu­me
GDB-PLS

Auch die Eltern von Ali­ce Hess, gebo­re­ne Hay­mann, waren im Jahr 1861/​62 von Sulz­bach /​ Rosen­heim in die ober­pfäl­zi­sche Metro­po­le gekom­men. In Sulz­bach war Jacob Hay­mannn am 26. Febru­ar 1833 ver­mut­lich als Sohn von Kop­pel Hay­mann und sei­ner Frau Fan­ny Arn­stein gebo­ren wor­den.[3] Auch sein jün­ge­rer Bru­der Max Mei­er, gebo­ren am 1.Februar 1837, hat­te wohl um die glei­che Zeit die­sen Orts­wech­sel voll­zo­gen. Bei­de zusam­men begrün­de­ten in Regens­burg ein Bank­haus, des­sen Erfolg den Brü­dern den sozia­len Auf­stieg in die geho­be­ne loka­le Bür­ger­schicht ermög­lich­te. Das Geld­ge­schäft dien­te auch in Regens­burg vie­len Juden, nicht nur den Hay­manns, als Basis für einen sol­chen Auf­stieg. 1898 gab es in Regens­burg 14 Pri­vat­ban­ken, die Hälf­te davon war in jüdi­schem Besitz.[4] Jacob Hay­mann war aber nicht nur Ban­kier, son­dern wird in den Quel­len auch als Tuch- und Schnitt­wa­ren­händ­ler bezeich­net. Ob sich dahin­ter mög­li­cher­wei­se das ursprüng­li­che väter­li­che Unter­neh­men ver­birgt, oder ob man mit die­ser „Dop­pel­bran­che“ das Geschäfts­ri­si­ko bei Kon­junk­tur­schwan­kun­gen abfe­dern woll­te – wie Witt­mer ver­mu­tet –, ist nur schwer zu sagen, mög­li­cher­wei­se war bei­des der Fall.[5] Bereits 1869 wur­de den Gebrü­der Hay­mann nicht nur Dank für ihre Spen­den­be­reit­schaft zuguns­ten der städ­ti­schen Armen gezollt, im glei­chen Jahr wur­de ein „Hay­mann sen., Groß­händ­ler“ in die Gewer­be­kam­mer der Stadt Regens­burg gewählt. [6] Ver­schie­de­ne Inse­ra­te des Bank­hau­ses Hay­mann im loka­len Wochen­blatt zeu­gen von des­sen reger Geschäfts­tä­tig­keit. Im Regens­bur­ger Adress­buch des Jah­res 1872 ist Jacob Hay­mannn als Mit­glied im „Gre­mi­um der Gemein­de-Bevoll­mäch­tig­ten“ auf­ge­führt.[7] Das Bank­haus war zen­tral am Neu­pf­arr­platz gele­gen, wo auch die bei­den Brü­der zusam­men wohn­ten. Dem Ein­trag ist zudem zu ent­neh­men, dass zu die­ser Zeit ein Ernst Schwarz Kom­pa­gnon der bei­den Brü­der war. Es liegt nahe, dass es sich hier­bei um einen nahen Ver­wand­ten von Jakobs Frau Cla­ra han­delt, die eine gebo­re­ne Schwarz war. Zwar ist nicht bekannt, wann die Ehe geschlos­sen wur­de, aber am 29. Dezem­ber 1863 wur­de Fan­ny als ers­tes Kind des Paa­res gebo­ren. Auch sie hei­ra­te­te 1883 einen Dett­mar Schwarz, Sohn des Ban­kiers Samu­el Schwarz und sei­ner Frau Eli­se, gebo­re­ne Bloch, aus Greiz im Thü­rin­gi­schen Vogt­land. Wie üblich wur­den wohl auch hier geschäft­li­che durch fami­liä­re Ver­bin­dun­gen ergänzt und abgesichert.

Wäh­rend Fan­ny die ältes­te Toch­ter war, wur­de Ali­ce, die jüngs­te, am 22. März 1876 und damit etwa zwölf Jah­re spä­ter gebo­ren. Dazwi­schen waren dem Paar fünf wei­te­re Kin­der geschenkt wor­den, zunächst Rosa am 8. Janu­ar 1866, dann Joseph am 3. Mai 1867, die Zwil­lin­ge Adolf und Alfred am 17. April 1868 und vor Ali­ce noch Elsa Bet­ti­na am 22. Febru­ar 1874.[8]

Über ein Enga­ge­ment der Fami­lie Hay­mann in der jüdi­schen Gemein­de von Regens­burg ist wenig bekannt, man scheint sich pri­mär als Teil der poli­ti­schen Gemein­de gefühlt zu haben. Beleg dafür ist viel­leicht ein über­lie­fer­ter Eklat im Zusam­men­hang mit der Hoch­zeit einer Toch­ter von Max Hay­mann, die wie eine ihrer Cou­si­nen eben­falls auf den Namen der Groß­mutter Fan­ny getauft wor­den war,[9] als sie am 14. Sep­tem­ber 1889 den Ban­kiers­sohn Gus­tav Thal­mes­sin­ger aus Ulm hei­ra­te­te. Da die Trau­ung ursprüng­lich von einem aus­wär­ti­gen Rab­bi­ner durch­ge­führt wer­den soll­te, was eine Beschwer­de des Regens­bur­ger Rab­bis beim Bür­ger­meis­ter zur Fol­ge hat­te, der sogar eine Bestra­fung der Hay­manns for­der­te, ver­zich­te­te Max Hay­mann gänz­lich auf einen Rab­bi. Nach der stan­des­amt­li­chen Trau­ung wer­de es eine Fei­er in sei­nem Haus geben, ein Rab­bi wer­de nicht benö­tigt, teil­te Max Hay­mann dar­auf­hin dem Bür­ger­meis­ter mit. Ob die­se Distanz zur jüdi­schen Gemein­de auch bei der Fami­lie sei­nes Bru­ders Jacob vor­han­den war, muss offen­blei­ben, ist aber ange­sichts der vie­len Que­re­len, die die Regens­bur­ger Juden mit ihrem Rab­bi in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts hat­ten, nicht unwahr­schein­lich.[10]

Die wei­te­re Ent­wick­lung des Bank­hau­ses wur­de nicht nur durch den Weg­zug von Max Hay­mann nach Mann­heim und sei­nem frü­hen Tod im Jahr 1894, son­dern auch durch den Tod sei­nes Bru­ders Jacob am 5. Sep­tem­ber 1900 beein­träch­tigt. Auch Cla­ra Hay­mann, die Mut­ter von Ali­ce, ver­starb nicht ein­mal ein Jahr spä­ter am 26. Janu­ar 1901 in Wien.[11] Auch ihr Bru­der Joseph, der offen­sicht­lich das Bank­haus über­nom­men hat­te, starb weni­ge Jah­re nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs, an dem er noch teil­ge­nom­men hat­te, am 19. Mai 1922 in Alling im Land­kreis Regens­burg.[12]

Ein Jahr nach dem Tod der Mut­ter hei­ra­te­te Ali­ce,[13] die eigent­lich immer nur Lie­sel genannt wur­de, den Wies­ba­de­ner Unter­neh­mer Joseph Baum, eine der wohl bedeu­tends­ten Unter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten, die Wies­ba­den im frü­hen 20sten Jahr­hun­dert her­vor­ge­bracht hat: „Der Auf­stieg der aus Schier­stein stam­men­den Kauf­manns­fa­mi­lie Baum von klei­nen Tex­til­händ­lern zu Besit­zern eines bedeu­ten­den Export­un­ter­neh­mens und ange­se­he­nen Bür­gern der Stadt ist ein Bei­spiel für die Eman­zi­pa­ti­on der Juden Nas­saus im Ver­lauf des 19. Jahr­hun­derts. Gleich­zei­tig ver­bin­det sich mit der Geschich­te der Fami­lie Baum ein Stück deut­scher Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schich­te.“ [14]

Judenhaus Bahnhofstr. 25 Wiesbaden, Alice Hess Baum
Die Grün­der­vä­ter
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Ver­folgt man die Wur­zeln der Fami­lie zurück, so stößt man auf einen Ben­ja­min Wolf, der 1749 in Schier­stein, einem heu­ti­gen Stadt­teil von Wies­ba­den, ver­starb und einen Sohn namens Abra­ham hin­ter­ließ. Eines von drei bekann­ten Kin­dern des Abra­ham Wolf, Mai­er Abra­ham, war dort als Vieh­händ­ler ansäs­sig. Das letz­te der ins­ge­samt wohl sechs Kin­der, die sei­ner Frau Mala Meta Ama­lie, gebo­re­ne Herz aus Bocken­heim, gebo­ren wur­den, der Sohn Joseph, der am 20. Mai 1813 zur Welt kam, begrün­de­te spä­ter das so bedeu­ten­de Unter­neh­men. Es war zunächst ein nur klei­nes Geschäft für Tex­ti­li­en und Kurz­wa­ren, das kaum geeig­net war, die Fami­lie zu ernäh­ren. Joseph hat­te 1839 die Schier­stei­ne­rin Hen­ri­et­te Marx gehei­ra­tet und im Lau­fe der Zeit hat­te sich die Fami­lie mit sie­ben Kin­dern erheb­lich ver­grö­ßert. Als die nas­sau­schen Juden durch das her­zog­li­che Edikt von 1842 gezwun­gen wur­den, ver­erb­li­che Fami­lienamen anzu­neh­men, zeich­ne­te die Fami­lie von Joseph Mai­er mit ihrem neu­en Namen Baum.

Geschäfts­haus Ecke Kirch­gas­se — Fried­rich­stra­ße von 1872–1906
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Wie erhofft gelang es ihr durch einen Umzug im Jahr 1859 oder 1862 in die inzwi­schen zur „Welt­kur­stadt“ avan­cier­ten Resi­denz­stadt Wies­ba­den mit all ihren inter­na­tio­na­len Gäs­ten, mit ihren Hotel- und Gast­wirts­be­trie­ben als sol­ven­ten Kun­den­stamm eine all­mäh­li­che Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Lage zu errei­chen.[15] Die Söh­ne, inzwi­schen erwach­sen, waren mitt­ler­wei­le eben­falls in dem in der Neu­gas­se gele­ge­nen Geschäft aktiv.[16] Aber nicht nur die gro­ße Nach­fra­ge in der Kur- und Resi­denz­stadt Wies­ba­den – inzwi­schen war auch die Pro­duk­ti­on von Uni­form­stof­fen hin­zu­ge­kom­men — war aus­schlag­ge­bend für den wirt­schaft­li­chen Erfolg, son­dern auch dadurch, dass man die Beschaf­fungs­kos­ten der Tex­ti­li­en durch Ver­lags­ar­beit in den umlie­gen­den Orten und mehr noch, durch lang­fris­ti­ge Ver­trä­ge mit soge­nann­ten „Kor­rek­tur­an­stal­ten“ und Gefäng­nis­sen sehr gering hal­ten konn­te,[17] wur­den immer höhe­re Gewin­ne erwirt­schaf­tet und die wei­te­re Expan­si­on des Unter­neh­mens ermög­licht. Den deut­lichs­ten Nie­der­schlag fand die­ser Erfolg aber auch die Weit­sicht der Unter­neh­mer­fa­mi­lie im Kauf und Umbau des neu­en Geschäfts­hau­ses an der Ecke Fried­rich­stras­se /​ Kirch­gas­se, das damals noch außer­halb des eigent­li­chen Stadt­zen­trums gele­gen war. Ein Haus, das nach einer Reno­vie­rung im Jahr 1906 mit sei­ner mar­kan­ten Kup­pel als Pen­dant zu dem am ande­ren Ende der Kirch­gas­se gele­ge­nen Kauf­haus Bor­mass gese­hen wer­den kann. Aber Joseph Baum ziel­te schon lan­ge nicht mehr allein auf den loka­len Markt, spä­tes­tens mit der Grün­dung des Deut­schen Rei­ches hat­te man ganz Deutsch­land und sogar Euro­pa im Blick.

Alice Hess, Alice Baum, Wiesbaden Judenhaus, Judenhäuser, Bahnhofstr. 25
Brief­kopf der Nas­saui­schen Lei­nen-Indus­trie 1908
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Nach dem Tod des Vaters am 15. Mai 1875 über­nah­men die drei Söh­ne Moritz, Salo­mon und Her­mann das Unter­neh­men und began­nen nun mit­tels moder­ner Web­stüh­le auch selbst mit der Fabri­ka­ti­on von Tuchen.[18]

Zu einem nächs­ten Gene­ra­ti­ons­wech­sel kam es nach dem frü­hen Tod von Salo­mon Baum, der am 1. Mai 1899 ver­starb und die bei­den noch recht jun­gen Söh­ne Joseph und Her­mann, 25 bzw. 19 Jah­re alt, hin­ter­ließ.[19] Die Kin­der von Her­mann und Moritz, die sich selbst auch bald aus dem akti­ven Geschäfts­le­ben her­aus­zo­gen, waren an einer unter­neh­me­ri­schen Tätig­keit nicht inter­es­siert, sodass dem älte­ren Joseph weit­ge­hend die Unter­neh­mens­füh­rung allei­ne zufiel. Unter der neu­en Füh­rung wur­den nicht nur neue Nie­der­las­sun­gen, u. a. in Bie­le­feld errich­tet, wo noch hoch­wer­ti­ge­re Tex­ti­li­en erzeugt wur­den, die Fir­ma wur­de zudem in „Joseph Mai­er Baum Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie” umbe­nannt, um so den inzwi­schen indus­tri­el­len Cha­rak­ter des Unter­neh­mens deut­li­cher zum Aus­druck zu bringen.

Josef Baum, Nassauische Leinenindustrie, Alice Baum, Alice Hess, Judenhaus Wiesbaden
Das neu errich­te­te Geschäfts­haus an der Ecke Kirch­gas­se — Fried­rich­stra­ße
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Mit die­sem Struk­tur­wan­del befass­te sich Joseph Baum nicht nur aus unter­neh­me­ri­scher Sicht, er sah auch die sozia­len Pro­ble­me, die die­ser Ver­än­de­rung geschul­det waren: mise­ra­ble Arbeits­be­din­gun­gen, Arbeits­zei­ten, die kaum Mög­lich­kei­ten zur Rege­ne­ra­ti­on lie­ßen, kör­per­li­che Belas­tun­gen, von denen nicht nur schwer arbei­ten­de Indus­trie­ar­bei­ter, son­dern gera­de auch die vie­len zumeist weib­li­chen Ange­stell­ten betrof­fen waren. Die­ser neu­en sozia­len Schicht wid­me­te er sein gan­zes sozia­les Enga­ge­ment. In sei­nen Büro­räu­men in der Fried­rich­stra­ße wur­de am 16. Dezem­ber 1910 die „Deut­sche Gesell­schaft für Kauf­manns­er­ho­lungs­hei­me“ gegrün­det, die den kauf­män­ni­schen und tech­ni­schen Ange­stell­ten, unab­hän­gig von ihrer poli­ti­schen oder reli­giö­sen Ein­stel­lung, ermög­li­chen soll­te, in natur­na­her Umge­bung kos­ten­güns­tig einen Urlaub zu ver­brin­gen. Im Rah­men die­ses Pro­jek­tes wur­de im Lau­fe der Jah­re eine wach­sen­de Zahl sol­cher Hei­me in ganz Deutsch­land eröff­net. Ende der Zwan­zi­ger­jah­re waren es 36, in denen etwa 40.000 Gäs­te jähr­lich logier­ten. Eines davon wur­de 1913 in Wies­ba­den in der Nähe des Chaus­see­hau­ses eröff­net. In wech­sel­sei­ti­ger Ehr­erbie­tung wur­de das Haus nach dem Deut­schen Kai­ser ‚Kai­ser Wil­helm Heim’ benannt, der sich dafür wie­der­um mit der Ver­lei­hung des Titels eines ‚König­li­chen Kom­mer­zi­en­rats’ an Joseph Baum revan­chier­te. Heu­te trägt das Haus den Namen des Begrün­ders die­ser bedeu­ten­den sozia­len Initiative.

Joseph Baum
Haus ‘Tau­nus­heim’ bzw ‘Kai­ser Wil­helm Heim’ bei Wies­ba­den
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Es waren kei­ne fun­da­men­ta­len Ver­än­de­run­gen, die Joseph Baum mit sei­ner Gesell­schaft anstre­be, sie beweg­ten sich viel­mehr ganz im Rah­men sei­ner sons­ti­gen poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Vor­stel­lun­gen, die nicht auf Kon­fron­ta­ti­on, son­dern auf Aus­gleich der ver­schie­de­nen sozia­len und poli­ti­schen Gegen­sät­ze aus­ge­rich­tet waren: „Auf deut­schem Boden, am deut­schen Vol­ke hat er mit Lie­be und Treue gehan­gen. Er glaub­te an die Zukunft und Fort­ent­wick­lung des deut­schen Vol­kes und hat des­halb schmerz­lich die Zer­ris­sen­heit unse­res Volks­kör­pers beklagt.“[20]Dies galt in glei­cher Wei­se im Hin­blick auf die kon­fes­sio­nel­le Spal­tung. Joseph Baum ver­stand sich als Deut­scher jüdi­schen Glau­bens und war wie schon sei­ne Vor­fah­ren, die sich damals an der Errich­tung der Schier­stei­ner Syn­ago­ge, wie auch spä­ter am Bau der Michels­berg-Syn­ago­ge finan­zi­ell betei­ligt hat­ten, ein enga­gier­tes Mit­glied der libe­ra­len jüdi­schen Gemein­de.[21] Zudem war er, neben ande­ren ört­li­chen bür­ger­li­chen Ver­ei­nen, auch in der 1890 gegrün­de­ten jüdi­schen „Nas­sau-Loge“ 1913/​14 im Vor­stand aktiv.[22]

Joseph Baum, Juden Wiesbaden, Judenhaus, Bahnhofstr. 25
Kirch­gas­se mit dem neu errich­te­ten Geschäfts­haus der Fir­ma Baum links im Hin­ter­grund
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Im Gegen­satz zu sei­nem öffent­li­chen und geschäft­li­chen Wir­ken, ist von sei­nem Pri­vat­le­ben nur wenig bekannt. Nach­dem 1902 die Ehe mit Ali­ce Hay­mann geschlos­sen wor­den war, wur­den dem Paar am 27. Okto­ber 1903 die Toch­ter Ger­tru­de Kla­ra und vier Jah­re spä­ter am 23. Novem­ber 1907 eine wei­te­re Toch­ter, Edith Ama­lie, gebo­ren. Gewohnt haben Baums in die­ser Zeit im Vil­len­ge­biet Nerot­al in der Franz-Abt­str. 12. Es ist zu ver­mu­ten, dass ein Groß­teil des spä­ter ver­schleu­der­ten Inven­tars der Tau­nus­str. 6, in der Ali­ce Baum mit ihrem zwei­ten Ehe­mann Nathan Nico­laus Hess leb­te, auch schon in die­ser Woh­nung standen.

Alice Hess, Judenhaus Bahnhofstr. 25
Grab­mal von Josef Baum auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße in Wies­ba­den
Eige­ne Aufnahme

Die­se schein­bar so voll­kom­me­ne Welt der Fami­lie Baum brach zusam­men, als Joseph am 25. März 1917 nach einer schwe­ren Krank­heit im Alter von nur 43 Jah­ren ver­starb. Die­ser Tod bedeu­te­te nicht nur einen gro­ßen Ver­lust für die Fami­lie, auch das Unter­neh­men, das zunächst von dem jün­ge­ren Bru­der allei­ne wei­ter­ge­führt wur­de, geriet in schwie­ri­ges Fahr­was­ser. Zwar lag sein Lebens­werk, die „Deut­sche Gesell­schaft für Kauf­manns­er­ho­lungs­hei­me“, in den guten Hän­den von Dr. Gold­stein, den­noch soll­te er als wich­ti­ger Impuls­ge­ber zukünf­tig feh­len. Der „Kauf­män­ni­sche Ver­ein Wies­ba­den“ wür­dig­te ihn in sei­ner Todes­an­zei­ge als ein „Mit­glied mit unge­wöhn­li­chen Geis­tes­ga­ben“, „tie­fer Her­zens­gü­te“ und einen „vor­bild­li­chen Kauf­mann“, der als Grün­der der Kauf­manns­er­hohlungs­hei­me „in der Geschich­te des deut­schen Kauf­manns­stan­des für immer einen Ehren­platz ein­neh­men“ wer­de.[23] Und auch Paul Laza­rus gedach­te sei­ner in der von ihm ver­fass­ten Schrift über die Nas­sau-Loge. Joseph Baum habe mit sei­nem sozia­len Wir­ken den in den „Logen­ten­den­zen ver­kör­per­ten Gedan­ken des sozia­len Fort­schritts und Aus­gleichs“ umge­setzt und damit ein Werk geschaf­fen, das „zu den ganz gro­ßen Schöp­fun­gen in unse­rem Vater­land gehört“.[24]

Kei­nen lan­gen Bestand mehr hat­te jedoch das Fami­li­en­un­ter­neh­men „Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie“.[25] Der jün­ge­re Bru­der Her­mann, der ange­sichts der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­sen im Gefol­ge des Ers­ten Welt­kriegs, mit Infla­ti­on, mit Repres­sa­li­en der Besat­zungs­trup­pen, mit neu­en Zoll­gren­zen und — noch wich­ti­ger — mit einem Rück­gang der Kur­gäs­te und damit auch mit der Kri­se des gan­zen Kur­be­triebs über­for­dert war, gab das gro­ße Geschäfts­haus in der Innen­stadt auf und ver­mie­te­te es an ein Kon­kur­renz­un­ter­neh­men Beck­hardt, Kauf­mann und Co. Er ver­leg­te den Fir­men­sitz nach Frank­furt und beschränk­te sich im Fol­gen­den auf den Groß­han­del mit Tex­ti­li­en. Noch bevor das Unter­neh­men wie­der in siche­rem Fahr­was­ser war, ver­starb auch Her­mann Baum am 1. Juni 1923 im Alter von nur 46 Jah­ren. Sei­ne Frau Ire­ne Baum, gebo­re­ne Herx­hei­mer, ver­kauf­te das Unter­neh­men nach drei wei­te­ren Jah­ren für 40.000 RM an die jüdi­schen Kauf­leu­te Josef Moses und Fer­di­nand Reis, die den Fir­men­sitz wie­der nach Wies­ba­den in die Tau­nus­str. 52 ver­leg­ten. Wegen inter­ner Que­re­len schied der Kom­pa­gnon Reis 1933 aus, sodass Josef Moses gezwun­gen war, das Unter­neh­men unter den immer schwie­ri­ge­ren Bedin­gun­gen der NS-Dik­ta­tur allein zu füh­ren. Zunächst muss­ten auf­grund der Boy­kot­te die Laden­ge­schäf­te geschlos­sen wer­den, und nach sei­ner Inhaf­tie­rung im Gefol­ge der Reichs­po­grom­nacht sah sich Moses gezwun­gen, dem Druck der NSDAP nach­zu­ge­ben. Am 26. Novem­ber 1938 geneh­mig­te der Regie­rungs­prä­si­dent die Über­nah­me der Fir­ma durch das NSDAP-Mit­glied Erwin Kuch und lega­li­sier­te damit die Ari­sie­rung die­ses einst so erfolg­rei­chen jüdi­schen Unternehmens.

Nach dem Tod ihres Ehe­man­nes blieb Lie­sel Baum zunächst allei­ne zurück. Ihre Toch­ter Ger­tru­de hei­ra­te­te am 28. Janu­ar 1922 in Wies­ba­den den Kauf­mann Richard Georg Feist­mann, der am 8. Juli 1892 in Nürn­berg gebo­ren wor­den war.[26] Nach ihrer Hoch­zeit bezog das Paar eine Woh­nung in Wies­ba­den in der Tele­mann­str. 1. Noch im sel­ben Jahr wur­de am 21. Novem­ber die Toch­ter Edith Eli­se gebo­ren. Wann die zwei­te Toch­ter Doro­thea Lynn zur Welt kam, ist nicht bekannt.
Lie­sel Baums jün­ge­re Toch­ter Edith Ama­lie hei­ra­te­te am 3. Juli 1928 eben­falls in Wies­ba­den Fried­rich Koch. Ob der aus Alzey stam­men­de Jurist, der zuletzt in Bres­lau gewohnt hat­te, jüdi­schen Glau­bens war, ist nicht bekannt. Die Ehe blieb kin­der­los und wur­de laut Ein­trag im Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den am 4. Mai 1935 wie­der geschie­den.[27]

1931 ging auch die inzwi­schen 55-jäh­ri­ge Lie­sel Baum selbst eine zwei­te Ehe ein. Am 1. Sep­tem­ber hei­ra­te­te sie den Sani­täts­rat Dr. Nathan Niko­laus Hess. Ähn­lich wie Baums ent­stamm­te auch er einer alt­ein­ge­ses­se­nen jüdi­schen Fami­lie aus dem Raum Wies­ba­den. Sein Urgroß­va­ter Moses Löw, war um 1750 in Lau­fen­sel­den gebo­ren wor­den. Die­ser übte in der Gemein­de Hoch­heim das Amt des Leh­rers und Rab­bi­ners aus. Die Kin­der Rosa und Nathan, letz­te­rer nahm den Fami­li­en­na­men Hess an, zogen nach Bie­brich und spä­ter nach Wies­ba­den.[28] Die Eltern von Nathan Niko­laus Hess waren Simon Hess und sei­ne aus Trier stam­men­de Ehe­frau Annet­te Johan­na Clotil­de, gebo­re­ne Roth­schild. Er selbst, gebo­ren am 19. März 1869, war das ältes­te von ins­ge­samt vier Kin­dern.[29]

Niko­laus Hess war bereits zuvor ver­hei­ra­tet gewe­sen. Aus der am 16. Okto­ber 1898 geschlos­se­nen Ehe mit Maria Anna Kuhn war ein Sohn mit Namen Ger­hard Fritz, gebo­ren am 17. Juli 1899, her­vor­ge­gan­gen. Die Eltern hat­ten sich nach etwa zehn Jah­ren wie­der getrennt. Am 25. Dezem­ber 1919 war die Ehe vom Land­ge­richt Wies­ba­den offi­zi­ell geschie­den wor­den.[30]

Der Sohn Ger­hard Fritz war wie sein Vater Medi­zi­ner gewor­den und hat­te um 1930 in Köln eine eige­ne Pra­xis eröff­net, die er aber 1933 „infol­ge der Ari­er­ge­setz­ge­bung“ gezwun­ge­ner­ma­ßen wie­der schlie­ßen muss­te.[31] Noch im sel­ben Jahr wan­der­te er nach Bel­gi­en aus.[32] Da im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz kein Ein­trag für ihn vor­han­den ist, kann man ver­mu­ten, dass er trotz des Ein­marschs der deut­schen Trup­pen 1940 den Häschern entkam.

Nach­dem Lie­sel und Niko­laus Hess ihre jeweils zwei­te Ehe ein­ge­gan­gen waren, leb­ten sie zunächst noch in der Wil­helm­stra­ße. 17 im zwei­ten Stock, wo auch die Arzt­pra­xis gele­gen war. Bald dar­auf, im Janu­ar 1932, ist aber dann erst­mals in den Steu­er­ak­ten die Wohn­adres­se Vic­to­ria­str. 35 ange­ge­ben.[33] Die Pra­xis blieb aber wei­ter­hin in der Wil­helm­stra­ße. In die bis­he­ri­ge Woh­nung zogen nun Max Hess, der Bru­der von Dr. Hess, und sei­ne Frau Mar­tha ein. Da die bei­den sich in finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten befan­den, hat­te man ihnen vier der ins­ge­samt sie­ben Räu­me zu einem sehr güns­ti­gen Miet­zins über­las­sen.[34] Aber auch für Niko­laus und Lie­sel Hess wur­de die finan­zi­el­le Situa­ti­on zuneh­mend pre­kär. Ver­mut­lich war auch das um 1933 ein Grund für einen erneu­ten Umzug zurück in die Wil­helm­str. 17. Im März 1936 zogen sie erneut um, dies­mal in die Tau­nus­str. 6. Die­se Adres­se ist auch die ers­te, die auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ein­ge­tra­gen ist.

Die Umsät­ze, die Nathan Niko­laus Hess mit sei­ner Pra­xis erziel­te, waren nicht beson­ders hoch. Sie lagen am Ende der Zwan­zi­ger­jah­re durch­schnitt­lich bei etwa 10.000 RM, gin­gen danach noch ein­mal deut­lich nach unten. Zwar gab er auch wei­ter­hin an, Ein­künf­te aus sei­ner „ärzt­li­chen Tätig­keit“ zu erzie­len, als „Kran­ken­be­hand­ler“ durf­te auch er nur noch jüdi­sche Pati­en­ten behan­deln. In den Jah­ren bis zu sei­nem Tod lagen die Ein­nah­men nur noch bei 2.000 bis 2.600 RM. [35] Zwar ver­füg­te das Ehe­paar Hess auch noch über wei­te­re Ein­künf­te aus Kapi­tal­erträ­gen und Miet­ein­nah­men, aber ande­rer­seits hat­te Niko­laus Hess auch die hohen Ver­sor­gungs­kos­ten für sei­ne frü­he­re Frau und den Sohn auf­zu­brin­gen, und auch die Pra­xis­kos­ten samt Mie­te deck­ten kaum den dort erwirt­schaf­te­ten Umsatz. 1933 sum­mier­te sich das Ein­kom­men auf knapp 8.000 RM, wovon die Hälf­te dem ange­leg­ten Kapi­tal zu ver­dan­ken war. Auch die Miet­ein­nah­men gin­gen deut­lich zurück. Die Fir­ma Beckardt & Kauf­mann, die das Geschäfts­haus in der Fried­richstr. 51 gemie­tet hat­te, zahl­te statt der frü­her 3.000 RM ab 1. Sep­tem­ber 1933 nur noch 750 RM, da auch sie unter den anti­se­mi­ti­schen Boy­kott­ak­tio­nen zu lei­den hat­te.[36] Am 31. Dezem­ber 1936 waren Lie­sel Hess und ihre Schwä­ge­rin Ire­ne gezwun­gen, das Haus zu ver­kau­fen.[37] Zwar konn­te ein Preis von 220.000 RM dafür erzielt wer­den, der letz­te Ein­heits­wert von 1935 hat­te bei nur 185.500 RM gele­gen,[38] gleich­wohl wäre der Ver­kehrs­wert einer sol­chen Immo­bi­lie beträcht­lich höher anzu­set­zen gewe­sen. Der Anteil, den Lie­sel Hess nach diver­sen Abzü­gen davon erhielt, belief sich auf knapp 70.000 RM. Bei ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung Anfang 1937 gab sie ein Ver­mö­gen von etwa 85.000 RM an. Bei­de zusam­men ver­füg­ten über ein Ver­mö­gen von knapp 130.000 RM.[39]

Die­ses recht gro­ße Ver­mö­gen rief die Steu­er­fahn­dung auf den Plan. Im Dezem­ber 1937 frag­te man von Ber­lin aus beim Finanz­amt Wies­ba­den an, ob es nicht not­wen­dig sei, Maß­nah­men zur „Siche­rung des Steu­er­auf­kom­mens“ zu ergrei­fen, d​.​h. eine Siche­rungs­an­ord­nung zu erlas­sen. Die Wies­ba­de­ner Behör­de lehn­te das zu die­sem Zeit­punkt noch ab, der Steu­er­pflich­ti­ge sei bis­her durch kei­ne steu­er­li­chen Unre­gel­mä­ßig­kei­ten auf­ge­fal­len, eine ein­ge­hen­de Prü­fung sei daher nicht not­wen­dig.[40] Die Reichs­flucht­steu­er­stel­le hat­te aller­dings im Febru­ar 1938 ein Gespräch mit dem Ehe­paar Hess geführt, da bei­de zur Erho­lung ins Aus­land rei­sen woll­ten, sie zudem über Päs­se ver­füg­ten, die bis 1940 gül­tig waren, und auch alle Kin­der sich inzwi­schen im Aus­land befan­den. Der zustän­di­ge Beam­te fer­tig­te nach dem Gespräch eine Akten­no­tiz an, in der es hieß: „Hess hat frei­wil­lig Sicher­heit geleis­tet.“[41]

Am 29. August 1938 erging dann mit Ver­weis auf die im Aus­land leben­den Kin­der und die Höhe des vor­han­de­nen Ver­mö­gens den­noch die übli­che Siche­rungs­an­ord­nung, in der der Zins­er­trag zwar noch frei­ge­stellt, die Ver­fü­gungs­ge­walt über das Ver­mö­gen als sol­ches ihnen aber ent­zo­gen wur­de.[42] Niko­laus Hess bat im Okto­ber dar­um, ihm einen Betrag von 1.000 RM aus sei­nem Depot frei­zu­stel­len, da die Erträg­nis­se aus den Wert­pa­pie­ren zur Bestrei­tung sei­nes Lebens­un­ter­halts nicht aus­rei­chen wür­den. Die Devi­sen­stel­le geneh­mig­te dar­auf­hin einen fes­ten Frei­be­trag von monat­lich 900 RM, die jeweils durch Ver­käu­fe von Wert­pa­pie­ren bereit­ge­stellt wer­den soll­ten. Auch Lie­ses Hess bean­trag­te einen Betrag in etwa der glei­chen Höhe. Sie benö­ti­ge das Geld, um den finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men, die „wäh­rend ihrer 2 1/​2‑monatigen Krank­heit und Abwe­sen­heit im Aus­land“ auf­ge­lau­fen sei­en. Lie­sel Hess, inzwi­schen auch über sech­zig Jah­re alt, war dem­nach kränk­lich.[43]

An eine Flucht, wie die Siche­rungs­an­ord­nung unter­stell­te, dach­te das Ehe­paar Hess zu die­ser Zeit ganz offen­sicht­lich nicht, sonst hät­ten sie ihre Aus­lands­auf­ent­hal­te dafür nut­zen kön­nen. Ob der Ver­lust des Ver­mö­gens oder aber die kör­per­li­che Ver­fas­sung die bei­den vor die­sem Schritt abhielt, muss offen blei­ben. Zwar ist nicht bekannt, seit wann Niko­laus Hess lei­dend war, aber auch er hat­te im Okto­ber 1938 dem Finanz­amt Wies­ba­den mit­ge­teilt, dass er wegen gesund­heit­li­cher Pro­ble­me nicht in Wies­ba­den und somit nicht in der Lage sei, die Steu­er­erklä­rung ter­min­ge­recht abzu­ge­ben. Im fol­gen­den Jahr, am 30. August 1939, ver­starb er auf­grund sei­ner schwe­ren Erkran­kung.[44]

Zuvor waren auch Niko­laus Hess und sei­ne Frau zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be her­an­ge­zo­gen wor­den. Um den fäl­li­gen Betrag von knapp 20.000 RM zah­len zu kön­nen, waren sie genö­tigt, sich von einem erheb­li­chen Teil ihrer Wert­pa­pie­re zu tren­nen.[45] Im April und Mai 1939 wur­den auch sie gezwun­gen, ihren Schmuck und Edel­me­tal­le bei der ört­li­chen Pfand­leih­an­stalt abzu­lie­fern. Für meh­re­re Kol­liers, Rin­ge, Per­len, Arm­bän­der und Uhren und eine umfang­rei­che Münz­samm­lung, bestehend aus 28 Gold- und 394 Sil­ber­mün­zen, wur­den ihnen etwas mehr als 2.500 RM aus­ge­zahlt .[46]

Nach sei­nem Tod ver­füg­te Lie­sel Hess nun­mehr über einen Frei­be­trag von monat­lich 700 RM.[47] Viel­leicht um nicht allein zu sein, viel­leicht auch aus finan­zi­el­len Grün­den ver­mie­te­te sie noch im letz­ten Quar­tal 1939 möblier­te Zim­mer an einen Unter­mie­ter bzw. –mie­te­rin für 120 RM inklu­si­ve Ver­pfle­gung.[48] Im Dezem­ber ver­kauf­te sie sicher nicht frei­wil­lig ein Are­al am Hin­te­ren Hain­gra­ben an die Stadt. Die Ver­kaufs­sum­me von 5.500 RM muss­te sie auf das gesi­cher­te Kon­to ein­zah­len.[49] Wenigs­tens einen Teil des Gel­des woll­te sie ihrem „schwer lei­den­den und in größ­te Not gera­te­nen Bru­der Adolf“ in Frank­furt zugu­te kom­men las­sen.[50]

Adolf Hay­mann, ver­hei­ra­tet mit der Frank­fur­te­rin Ali­ce Kahn, war ursprüng­lich Mit­in­ha­ber des dort ansäs­si­gen tra­di­ti­ons­rei­chen und inter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Tex­til­groß­han­dels­un­ter­neh­mens „Hein­rich Wert­hei­mer – Spit­ze und Tül­le“ gewe­sen.[51] Krank­heits­be­dingt – er war an Par­kin­son erkrankt – war er schon 1935 aus der Geschäfts­lei­tung aus­ge­stie­gen und nur noch stil­ler Teil­ha­ber in der Fir­ma, die 1938 ari­siert wur­de. Auch die­se Fami­lie war von den Nazis sys­te­ma­tisch aus­ge­raubt wor­den. Die ihr auf­er­leg­te „Süh­ne­leis­tung“ von ins­ge­samt mehr als 20.000 RM konn­te sie nicht zah­len, sodass am 13. Sep­tem­ber 1939 das Finanz­amt Frank­furt eine ent­spre­chen­de Pfän­dungs­ver­fü­gung ver­an­lass­te.[52] Ob das Geld auf­ge­bracht wer­den konn­te, ist den Akten nicht zu ent­neh­men, aber das Paar, das zwei in Eng­land leben­de Kin­der hat­te, war im Wei­te­ren auf die Hil­fe der Ver­wand­ten ange­wie­sen.[53] Der Ver­such, selbst 1939 aus­zu­wan­dern, wur­de durch den Kriegs­be­ginn am 1. Sep­tem­ber zunich­te­ge­macht. Ver­mut­lich war auch jetzt kaum noch Geld aus Eng­land nach Deutsch­land zu trans­fe­rie­ren, sodass sich nun die Schwes­ter in der Pflicht sah, ihren Bru­der zu unterstützen.

Im März 1941 stell­te sie den ers­ten Antrag bei der Devi­sen­stel­le, dem 73-Jäh­ri­gen monat­lich 200 RM zukom­men las­sen zu dür­fen, den die Behör­de umge­hend geneh­mig­te.[54] Im Dezem­ber bat sie über die Dresd­ner Bank dar­um, Wert­pa­pie­re ver­kau­fen zu dür­fen, um den Erlös von etwa 5.000 RM ihrem Bru­der zu schen­ken. Ein ent­spre­chen­der Schen­kungs­ver­trag war bereits beim Notar But­ter­sack abge­schlos­sen wor­den, auch die not­wen­di­ge Erlaub­nis der für sol­che Ange­le­gen­hei­ten zustän­di­gen ‚Wirt­schafts­grup­pe Pri­va­tes Bank­ge­wer­be Ber­lin’ war erteilt wor­den, die Devi­sen­stel­le wei­ger­te sich den­noch, die Schen­kung zu ermög­li­chen. Statt­des­sen geneh­mig­te sie im Febru­ar 1942 die monat­li­che Bei­hil­fe für den Bru­der jetzt in der Höhe von 400 RM.[55] Adolf Hay­mann kam höchs­tens noch drei­mal in den Genuss die­ser Zuwen­dung. Am 15. Mai 1942 ver­starb er in Frank­furt. Sei­ne Frau Ali­ce Hay­mann wur­de mit dem Trans­port am 1. Sep­tem­ber 1942 von Frank­furt nach The­re­si­en­stadt ver­schleppt und spä­ter ver­mut­lich in Ausch­witz ermordet.

Der Zwil­lings­bru­der von Adolf Hay­mann, der Frau­en­arzt Dr. Alfred Hay­mann, hat­te wie sei­ne Schwes­ter in Wies­ba­den gewohnt. Er war aller­dings schon am 5. Okto­ber 1927 ver­stor­ben. Sei­ner Frau Mar­tha Rudol­fi­ne, gebo­re­ne Simon, die er am 18. April 1896 in Wies­ba­den gehei­ra­tet hat­te, [56] gelang mit der gemein­sa­men Toch­ter Cla­ra Ilse die Flucht nach Argen­ti­ni­en. Die­se war bereits 1937 aus­ge­wan­dert, Mar­tha Hay­mann folg­te ihr im April 1940 über Ita­li­en. Als sie in Genua das Schiff bestieg, hat­te sie nahe­zu das gesam­te Ver­mö­gen zurück­las­sen müs­sen. Auch sie war zuvor zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be her­an­ge­zo­gen wor­den, hat­te Schmuck und ande­re Wert­ge­gen­stän­de abge­ben und die Reichs­flucht­steu­er zah­len müs­sen. Das Haus­grund­stück Tau­nus­str. 37 hat­te sie zuvor ver­kauft.[57] Ihre Toch­ter Cla­ra Ilse war beruf­lich ihrem Vater nach­ge­folgt und eben­falls Medi­zi­ne­rin gewor­den. In Frank­furt hat­te sie ihre gut gehen­de Pra­xis auf­ge­ben müs­sen, aber ihre deut­schen Exami­na wur­den im Exil­land nicht aner­kannt, sodass Mut­ter und Toch­ter in äußerst pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen leben muss­ten. Cla­ra Ilse muss­te ihre nahe­zu 70-jäh­ri­ge Mut­ter mit ihrem gerin­gen Ein­kom­men u. a. als Mas­seu­se all die Jah­re mit­er­näh­ren.[58] Aber immer­hin waren sie dem Ras­sen­wahn der Nazis entkommen.

Die Über­le­gun­gen von Lie­sel Hess, ihren ande­ren Bru­der Adolf mit­tels einer Schen­kung wenigs­tens par­ti­ell abzu­si­chern, stan­den ver­mut­lich im Zusam­men­hang mit ihren eige­nen Aus­wan­de­rungs­plä­nen, die sie nun nach dem Tod ihres Man­nes und ver­mut­lich auch auf Drän­gen ihrer Kin­der – viel zu spät – in Angriff nahm. Sie wol­le – so ihre Anga­be im For­mu­lar zum Antrag auf Mit­nah­me des Umzugs­guts – in die USA, um bei ihren Kin­dern den Haus­halt zu füh­ren.[59] Ihr dama­li­ges Ver­mö­gen bezif­fer­te sich auf rund 30.000 RM, sodass man ihr eine Reichs­flucht­steu­er von 11.000 RM auf­er­leg­te. Alle Steu­ern waren gezahlt wor­den, denn es lie­gen sowohl die Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen des Finanz­amts als auch die der kom­mu­na­len Behör­den vor. Auch eine Dego-Abga­be von 150 RM war begli­chen wor­den. Am 14. Novem­ber 1941 hat­te sie die Devi­sen­stel­le um die zusätz­li­che Frei­ga­be von 300 RM gebe­ten und als Ver­wen­dungs­zweck Visa­be­schaf­fung, Kabel- und Rei­se­spe­sen zu den Kon­su­la­ten und sons­ti­ge Aus­wan­de­rungs­aus­ga­ben ange­ge­ben.[60] Die Aus­wan­de­rung kam nicht mehr zustan­de, denn bereits seit dem 23. Okto­ber 1941, also einen Monat bevor sie ihren Antrag ein­ge­reicht hat­te, war die Aus­wan­de­rung von Juden von­sei­ten des NS-Staa­tes gene­rell unter­sagt worden.

Weni­ge Mona­te zuvor, am 9. Mai 1941, hat­te sie noch ein­mal ihre Woh­nung gewech­selt und war nach sechs Jah­ren aus der 6‑Zim­mer-Woh­nung in der Tau­nus­str. 6 in den Hai­ner­weg 3 gezo­gen, ein Haus, das Johan­na Herz, der Wit­we des Juwe­liers Adolf Herz, gehör­te. Der Anlass für die­sen Umzug scheint aber pri­mär finan­zi­el­le Grün­de gehabt zu haben. In einem nicht datier­ten Schrei­ben an das Finanz­amt Wies­ba­den gab sie an, dass ihre monat­li­che Mie­te in der Tau­nus­stra­ße monat­lich 213 RM betra­ge, einen Betrag, den sie durch die Unter­ver­mie­tung bis­her um 100 RM redu­zie­ren konn­te. Im Mai sei die­se Woh­nung aber für Bom­ben­ge­schä­dig­te beschlag­nahmt wor­den, sodass ihr die­se Ein­nah­men feh­len wür­den. Sie habe zudem noch die außer­ge­wöhn­li­che finan­zi­el­le Belas­tung des Umzugs zu bewäl­ti­gen gehabt.[61] Die­ser Umzug bedeu­te­te aber noch auf ande­re Wei­se einen ent­schei­den­den Ein­schnitt. Die Ent­schä­di­gungs­ak­te ent­hält eine 12-sei­ti­ge Lis­te des Inven­tars, von dem sich Lie­sel Hess im Zeit­raum zwi­schen Mai 1940 und Juli 1942 tren­nen muss­te. Sie­ben Sei­ten davon lis­ten die Möbel und Gegen­stän­de auf, die im Zusam­men­hang mit die­sem Umzug ver­stei­gert wur­den. Das Doku­ment zeugt nicht nur davon, wie gut das Ehe­paar ein­mal aus­ge­stat­tet war, in welch behag­li­cher Umge­bung man ein­mal gelebt haben muss­te, es belegt auch, mit wel­cher Unver­schämt­heit die­je­ni­gen, die spä­ter von nichts gewusst haben woll­ten, sich damals bedien­ten. Für jeden noch so klei­nen Gegen­stand ist der Erlös exakt fest­ge­hal­ten wor­den. Die Gesamt­sum­me betrug nach Abzug einer 15-pro­zen­ti­gen Pro­vi­si­on für den Auk­tio­na­tor – wie so oft war dies auch hier Karl Hecker – 11.515,40 RM.[62] Die­ses Geld war Lie­sel Hess nach jeder Ver­stei­ge­rung jeweils auf ihr gesperr­tes Kon­to über­wie­sen wor­den. Ein Gut­ach­ter im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren schätz­te den Wie­der­be­schaf­fungs­wert des auf­ge­lis­te­ten Inven­tars 1959 auf etwa 42.000 DM.[63]

Im Hai­ner­weg, wo sie nur noch eine Mie­te von 75 RM auf­brin­gen muss­te, sie ver­mut­lich auch nur noch ein Zim­mer bewohn­te, leb­te sie zusam­men mit der Eigen­tü­me­rin und deren Schwes­ter Ama­lie Hirsch, bei­de gebo­re­ne Bal­lin.[64] Ein Jahr spä­ter, am 26. Juni 1942, wur­de sie in das Juden­haus Bahn­hofstr. 25 ein­quar­tiert. Hier wohn­te sie die ihr noch ver­blei­ben­den Wochen im drit­ten Stock zusam­men mit dem Ehe­paar Taend­ler. Mit Wil­li Taend­ler und sei­ner Frau Jen­ny bestieg sie auch am 1. Sep­tem­ber 1942 zusam­men den Zug nach The­re­si­en­stadt. Zuletzt, am 28. August, hat­te man auch ihr noch einen Heimein­kaufs­ver­trag auf­ge­zwun­gen. Damit bemäch­tig­te sich die SS über das Son­der­kon­to beim Bank­haus Teck­len­burg & Co., auf das die Reichs­ver­ei­ni­gung den Betrag von rund 7.400 RM am 17. Sep­tem­ber 1942 über­wies, ihres rest­li­chen Ver­mö­gens, bevor der Fis­kus Zugriff erhielt.[65] Nur einen Monat über­leb­te sie die unmensch­li­chen Bedin­gun­gen im Alters­ghet­to The­re­si­en­stadt. Am 15. Okto­ber 1942 ist sie dort ver­stor­ben.[66]

Stand: 13. 04. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Witt­mer, Sieg­fried, Regens­bur­ger Juden. Jüdi­sches Leben von 1519 bis 1990, Regens­burg 1996, S. 182 f.

[2] Witt­mer, Regens­bur­ger Juden, S. 184.

[3] Dass Kop­pel und Fan­ny Hay­mann ver­mut­lich die Eltern waren, ergibt sich aus dem Hin­weis auf Max Hay­mann unter https://​www​.fin​da​gra​ve​.com/memorial​/138828948​/max-haymann. (Zugriff: 4.10.2018). Max Hay­mann war nach Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Regens­burg der Bru­der von Jacob Haymann.

[4] Witt­mer, Regens­bur­ger Juden, S. 213.

[5] Ebd. S. 214.

[6] Regens­bur­ger Wochen­blatt vom 5.1.1869  und 19.10.1869. Nicht ersicht­lich ist, ob damit Jakob oder der Vater Kop­pel Hay­mann gemeint war. Sie­he https://​opacplus​.bsb​-muen​chen​.de/Vta2​/bsb11130547​/bsb:12735762​?queries=Haymann&language=de&c=default. (Zugriff: 4.10.2018).

[7] https://​opacplus​.bsb​-muen​chen​.de/Vta2​/bsb11038233​/bsb:2936759​?queries=Haymann&language=de&c=default. (Zugriff: 4.10.2018). Laut Witt­mann hat­te Jacob Hay­mann die­ses Amt, in das er auch von Chris­ten gewählt wor­den sein muss­te, bis 1893 inne. Als Auf­ga­be des Gre­mi­ums nennt er die Wahl des Magis­trats und des Bür­ger­meis­ters. Die Mit­glie­der hat­ten zudem das Recht, in allen wich­ti­gen Bür­ger­an­ge­le­gen­hei­ten vom Magis­trat gehört zu wer­den. Sie­he Witt­mann, Regens­bur­ger Juden, S. 216.

[8] Die Anga­ben zu den Geschwis­tern beru­hen auf einer Mit­tei­lung des Stadt­ar­chivs Regensburg.

[9] Max Hay­mann war mit Janet­te Feld­heim, gebo­ren am 14.8.1844 in Bam­berg, ver­hei­ra­tet. Sie war Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin, die auch unter den Namen Haydn oder Hay­mon publi­zier­te. Sie­he Deut­sches Lite­ra­tur-Lexi­kon. Das 20. Jahr­hun­dert, hg. Hage­stedt, Lutz, Ber­lin, New York 2010, S. 272. Max Hay­mann zog 1893 nach Mann­heim, wo er am 12.1.1994 ver­starb. Sei­ne Frau ging 1903 nach Mün­chen, wohin im Jahr zuvor auch die Toch­ter Fan­ny gezo­gen war, nach­dem ihr Mann am 3.7.1900 in Fal­ken­stein /​ Tau­nus eben­falls ver­stor­ben war. Das Paar hat­te zwei in Regens­burg gebo­re­ne Kin­der, Eli­sa­beth Johan­na, gebo­ren am 15.6.1890, und Karl, gebo­ren am 28.2.1893. Wäh­rend über das Schick­sal von Jea­nette Hay­mann nichts bekannt ist, wur­de Fan­ny Thal­mes­sin­ger am 11.6.1942 von Mün­chen aus nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo sie am 7.9.1942 ver­starb. Für die Kin­der liegt kein Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz vor. Ver­mut­lich haben sie den Holo­caust überlebt.

[10] Sie­he Witt­mer, Regens­bur­ger Juden, S. 206 ff.

[11] HHStAW 518 15244 (7). Ein Bild des Grab­mals von Jacob und Cla­ra Hay­mann ist zu fin­den unter http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/images​/Images%20122​/Regensburg%20Friedhof%20276.jpg. (Zugriff: 14.10.2018).

[12] Mit­tei­lung des Stadt­ar­chivs Regens­burg, dazu Witt­mer S. 115. Josephs Ehe­frau Pau­la war wäh­rend der Reichs­po­grom­nacht von SS-Män­nern in Regens­burg miss­han­delt wor­den. Witt­mer, Regens­bur­ger Juden, S. 324. Ein Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ist für sie nicht vor­han­den. Das wei­te­re Schick­sal des Bank­hau­ses konn­te im gege­be­nen Rah­men nicht ermit­telt wer­den. Ein Bild des Grab­mals von Joseph Hay­mann in Regens­burg ist zu fin­den unter https://​genia​lo​gic​.de/en​/pictures​/regensburg-juedischer-friedhof.html.(Zugriff: 14.10.2018).

[13] Vor­weg eine Anmer­kung: Weil die über­lie­fer­ten Quel­len der Behör­den zumeist Doku­men­te aus dem Schrift­ver­kehr mit dem jewei­li­gen Haus­halts­vor­stand sind, steht lei­der auch bei den Aus­füh­run­gen zum Leben von Lie­sel Hess das ihrer Ehe­män­ner im Vor­der­grund. Ihr eige­nes tritt dage­gen in den Schat­ten. Der Man­gel an pri­va­ten Quel­len, wie Brie­fen oder Tage­buch­auf­zeich­nun­gen der weib­li­chen Part­ner ist gera­de dann beson­ders schmerz­lich, wenn die Män­ner eine beson­de­re Bedeu­tung und Stel­lung im öffent­li­chen Leben erlang­ten und so schein­bar die Bedeu­tung ihrer Frau­en völ­lig dominieren.

[14] Röhl­ke, Cor­ne­lia, Der jüdi­sche Tex­til­un­ter­neh­mer Joseph Mai­er Baum und sei­ne Fir­ma „Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie” in Wies­ba­den, in: Nas­saui­sche Anna­len 120, 2009, S. 243 f. Röhl­ke hat in ihrem Auf­satz die Geschich­te des Unter­neh­mens umfas­send recher­chiert und dar­ge­stellt. Auf ihre Arbeit wird im Fol­gen­den Bezug genom­men. Eine Kurz­fas­sung ihres Auf­sat­zes hat sie unter dem Stich­wort „Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie“ im Stadt­le­xi­kon Wies­ba­den ver­öf­fent­licht. Stadt­le­xi­kon Wies­ba­den, S. 648. Dane­ben liegt eine schön illus­trier­te Fest­schrift aus dem Jahr 1907 vor, die anläss­lich der Eröff­nung des neu­en Geschäfts­hau­ses an der Ecke Kirch­gas­se /​ Fried­rich­stra­ße von den Eigen­tü­mern Joseph und Her­mann Baum her­aus­ge­ge­ben wur­de: 67 Jah­re der Fir­ma Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie J​.​M. Baum zu Wies­ba­den. Denk­schrift, Wies­ba­den 1907.

[15] Im Jahr 1862 stell­te Joseph Mai­er Baum beim Gemein­de­rat den Antrag „zum Zwe­cke des Betrie­bes eines Han­dels mit Manu­fak­tur­wa­ren den tem­po­rä­ren Auf­ent­halt in Wies­ba­den geneig­test gestat­ten zu wol­len“. Zitiert nach Röhl­ke, Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie, S. 248. In sei­ner Fest­schrift datier­te Baum den Umzug selbst mit dem Jahr 1859.

[16] Ins­ge­samt hat­ten Joseph Mai­er Baum und sei­ne Frau Maja Meta sie­ben Kin­der, die alle noch in Schier­stein gebo­ren wor­den waren: Moritz, gebo­ren am 2.9.1840, Moses Mar­cus Mari­us, gebo­ren am 3.8.1842, Salo­mon, gebo­ren am 24.3.1844, Sieg­mund, gebo­ren am 3.1.1846, Adolph, gebo­ren am 9.2.1848, Her­mann, gebo­ren am 19.10.1850, und zuletzt noch eine Toch­ter Ama­lie, gebo­ren am 6.2.1855. Anga­ben laut Genea­lo­gi­scher Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wiesbaden.

[17] Eine her­vor­ra­gen­de Rol­le spiel­ten dabei die Kor­rek­tur­an­stalt im Rhein­gau­er Klos­ter Eber­bach und das Gefäng­nis in Diez, wo die dort Ein­sit­zen­den so ihre Unter­brin­gungs­kos­ten selbst erwirt­schaf­ten und sich zudem durch die täg­li­che, über­wach­te Arbeit einer Zwangs­so­zia­li­sa­ti­on unter­wer­fen mussten.

[18] Her­mann stieg aller­dings erst 1877 ein. Sieg­mund Baum, nicht im Unter­neh­men enga­giert, betrieb in Wies­ba­den in der Kirch­gas­se einen Tabak­la­den. Auch er bezog sei­ne Waren aus dem Kor­rek­ti­ons­haus im Klos­ter Eber­bach, sie­he Röhl­ke, Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie, S. 253 f.

[19] Die Wit­we Caro­li­ne, gebo­re­ne Neu­stadt aus Darm­stadt, ver­starb am 2.12.1922  im Alter von 73 Jah­ren in Ober­ur­sel. Sie­he zu den Söh­nen von Her­mann und Moritz Baum Röhl­ke, Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie S. 256.

[20] So der spä­te­re Direk­tor der Gesell­schaft Dr. Georg Gold­stein über sei­nen Vor­gän­ger, zit. nach ebd. S. 260.

[21] Anders sei­ne Cou­sins Juli­us und Franz Baum, die Söh­ne von Her­mann Baum und sei­ner Frau Anna, die sich bei­de nicht zuletzt durch den Ein­fluss der Mut­ter, aber auch durch ihre wis­sen­schaft­li­che und künst­le­ri­sche Aus­bil­dung zuneh­mend vom Juden­tum ent­fern­ten und dem Pro­tes­tan­tis­mus zuneig­ten. Juli­us Baum trat dann 1918 auch offi­zi­ell durch sei­ne Tau­fe der evan­ge­li­schen Kir­che bei. Sie­he dazu ebd. S. 256 f.

[22] Laza­rus, Paul, Geschich­te der Nas­sau-Loge 1890–1930, Wies­ba­den 1930, S. 66. Die „Nas­sau-Loge“ war eine Ver­ei­ni­gung, die sich in der Tra­di­ti­on der 1843 in New York gegrün­de­ten Loge „B’nai B’rith“ sah, der der Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25 Jakob Gut­h­mann ange­hör­te. Der Grün­der der Nas­sau-Loge, Moritz Hei­mer­din­ger, war zuvor Mit­glied in einer Frei­mau­rer­lo­ge gewe­sen, war aber ange­sichts gehäuf­ter anti­se­mi­ti­scher Vor­gän­ge dort aus­ge­tre­ten und hat­te sich danach für die Grün­dung einer rein jüdi­schen Loge in Wies­ba­den ein­ge­setzt. In einem spä­te­ren Brief stell­te er die Moti­ve sei­ner Initia­ti­ve wie folgt dar: „Und nun, wer kann es uns ver­ar­gen, wenn wir dem Ide­al nach­stre­ben, und wenn wir es ver­su­chen, die har­ten Leh­ren des Anti­se­mi­tis­mus zum Hei­le der Unse­ren zu nut­zen. Kei­ne Aus­schließ­lich­keit bege­hen wir, die wir längst aus­ge­schlos­sen sind. Wir sind ein Ver­ein von Juden und für Juden. Nichts ande­res. Weit ent­fernt der Frei­mau­re­rei zu scha­den berei­ten wir die Unse­ren durch Bil­dung und Gesit­tung, durch Red­lich­keit in Han­del und Wan­del, durch stän­di­ges und ruhi­ges Auf­tre­ten wür­dig vor nach dem welt­um­fas­sen­den Ide­al der Frei­mau­rer zu stre­ben.“ Zit. nach ebd. S. 11.

[23] Zit. nach Röhl­ke, Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie, S. 264.

[24] Laza­rus, Nas­sau-Loge, S. 36.

[25] Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen zum wei­te­ren Wer­de­gang des Unter­neh­mens fol­gen der Dar­stel­lung von Röhl­ke, beru­hen somit nicht auf eige­nen Recher­chen, sie­he Röhl­ke, Nas­saui­sche Lei­nen­in­dus­trie, S. 263 ff.

[26] Sei­ne Eltern waren laut GENI Eugen Feist­mann und sei­ne Frau Sophie, gebo­re­ne Pra­ger, sie­he https://​www​.geni​.com/family-tree​/index​/6000000019071527497. (Zugriff: 4.10.2018).

[27] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 505 /​ 1928.

[28] Sie zur Fami­lie von Moses Löw Fritz­sche, Wolf­gang; Bartelt, Frank, Jüdi­sche Fami­li­en in Wies­ba­den. 1818–1946, Bd. 1, Bre­cken­heim – Del­ken­heim, Wies­ba­den 2017, S. 35 ff.

[29] Der Vater Simon Hess war um 1838 in Bie­brich gebo­ren wor­den, die Mut­ter um 1846 in Trier. Nach Nathan Niko­laus kamen noch drei wei­te­re Söh­ne zur Welt, am 3.12.1870 Leo­pold, am 5.4.1873 Max und zuletzt am 12.2.1877 Eugen. Anga­ben laut Genea­lo­gi­scher Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wiesbaden.

[30] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 1898 /​ 505. Maria Anna Kuhn wur­de 1932 von ihrem geschie­de­nen Ehe­mann finan­zi­ell wei­ter­hin unter­stützt, sie­he HHStAW 685 275 b (7).

[31] Dies geht aus einem Brief sei­nes Vaters an das Finanz­amt Wies­ba­den her­vor, in dem er schreibt, dass er sei­nen Sohn 1932 noch finan­zi­ell habe unter­stüt­zen müs­sen, da des­sen neu eröff­ne­te Pra­xis noch nicht genü­gend Ein­nah­men abwer­fen wür­de. Im fol­gen­den Jahr schrieb der Vater erneut, dass er nun voll­stän­dig für den Sohn auf­kom­men müs­se, ihm zudem Geld zum Auf­bau einer neu­en Exis­tenz, ver­mut­lich in Bel­gi­en, gege­ben habe. Sie­he HHStAW 685 275 b (7, 28, 37).

[32] HHStAW 685 275 c (54).

[33] HHStAW 685 275 a (66).

[34] Im Gegen­zug ver­sorg­ten sie offen­sicht­lich die Sprech­stun­den­hil­fe täg­lich mit Essen, aller­dings kam auch hier Dr. Hess für die Kos­ten auf, sie­he HHStAW 685 275 b (6).

[35] 1932 waren es nur noch 6.200 RM, 1933 sogar nur noch 4.200 RM, danach blie­ben sie im Bereich zwi­schen 2 000 und 3.000 RM, sie­he die Umsatz­steu­er­erklä­run­gen der fol­gen­den Jah­re in HHStAW 685 275 a.

[36] HHStAW 685 275 b (27, 69). Lie­sel Hess war zur Hälf­te an den Miet­ein­nah­men betei­ligt. 1936 belie­fen sich die Miet­ein­nah­men aus dem Geschäfts­haus auf ins­ge­samt nur noch 2056 RM, aus der Ver­mie­tung des Gebäu­des Lang­gas­se 1–3 knapp 800 RM und aus einem ver­pach­te­ten Acker­grund­stück etwa 50 RM. Woher das Eigen­tum an der Lang­gas­se 1–3 her­rühr­te, konn­te nicht ermit­telt wer­den. In den Lis­ten über jüdi­sches Haus­ei­gen­tum ist die Immo­bi­lie nicht als sol­che aus­ge­wie­sen, weder in denen, die die NSDAP sei­ner­zeit anfer­tig­te, noch in der aus der Nach­kriegs­zeit. Zu den Kos­ten sie­he ebd. (49).

[37] Ire­ne, die Frau des ver­stor­be­nen Her­mann Hay­mann, hat­te eben­falls nach dem Tod ihres Man­nes erneut gehei­ra­tet und hieß jetzt Wolf.

[38] Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983. Der Käu­fer waren ein Direk­tor Hein­eck und des­sen Frau, HHStAW 685 275 c (13).

[39] Ebd. (12, 13). In die­ser Berech­nung waren die Erb­an­tei­le der bei­den Töch­ter bereits her­aus­ge­rech­net, sie­he im Detail ebd. (16, 19–24).

[40] Ebd. (32).

[41] Ebd. (51).

[42] Ebd. (54) und 519/​3 12270 (1, 4).

[43] Ebd. (8, 9, 10). In einer Auf­stel­lung zu ihren Lebens­hal­tungs­kos­ten gab Lie­sel Hess an, „herz­lei­dend“ zu sein, sie­he HHStAW 519/​3 239 (43).

[44] HHStAW 685 275 a (13).

[45] HHStAW 518 15244 (22). Die wei­te­ren Doku­men­te der Akte bele­gen, wie Lie­sel Hess spä­ter noch gezwun­gen wur­de, Unter­neh­mens­ak­ti­en in Reichs­schatz­an­wei­sun­gen umzu­tau­schen, somit dem Staat die Mit­tel zur Finan­zie­rung des Krie­ges und auch die zu ihrer eige­nen Ver­nich­tung zur Ver­fü­gung zu stellen.

[46] HHStAW Ebd. (73).

[47] HHStAW 519/​3 12270 (17).

[48] HHStAW 685 (15).

[49] HHStAW 519/​3 239 (1, 11).

[50] Ebd. (23).

[51] HHStAW 518 9358 (18).

[52] Ebd. (24), zum Ver­mö­gens­ent­zug sie­he die Akte passim.

[53] Es han­del­te sich um Ernst Hay­mann, gebo­ren am 18.6.1904, und Ilse, ver­hei­ra­te­te Blum, gebo­ren am 28.8.1912 eben­falls in Frank­furt. Sie ver­starb am 31.8.1952, ebd. Deckblatt.

[54] Ebd. (23, 24).

[55] Zum gesam­ten Vor­gang Ebd. (28, 29, 30, 32, 36, 38, 41).

[56] Mar­tha Rudol­fi­ne war am 26.8.1876 als Toch­ter des Wein­händ­lers Edu­ard Simon und sei­ner Frau Emma, gebo­re­ne Mainz, in Wies­ba­den gebo­ren wor­den, HHStAW 518 14054 (5) Geburts­ur­kun­de. Die Hei­rats­ur­kun­de ebd. (6), Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 1896 /​ 209.

[57] Der Preis ist in den Akten nicht erwähnt. Es war ihr nach Kriegs­en­de zwar zurück­er­stat­tet wor­den, Mar­tha Hay­mann muss­te es jedoch umge­hend wie­der ver­kau­fen, um die Ver­bind­lich­kei­ten, die im Zusam­men­hang mit dem Ver­fah­ren stan­den, beglei­chen zu kön­nen, sie­he dazu ebd. (21). In der Nach­kriegs­lis­te ehe­ma­li­ger jüdi­scher Immo­bi­li­en, Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983, ist das Haus im Jahr 1935 mit einem Ein­heits­wert von 63.700 RM taxiert. Der Ver­kauf ist hier aller­dings nicht verzeichnet.

[58] Sie­he zur Flucht und Lebens­si­tua­ti­on der bei­den HHStAW 518 14054 (7, 16, 21, 22).

[59] HHStAW 519/​3 28271 (2).

[60] HHStAW 519/​3 239 (27). Der Antrag wur­de geneh­migt, ebd.

[61] HHStAW 685 275 (101).

[62] HHStAW 518 15244 (92–102).

[63] Ebd. (91).

[64] Zu Ama­lie Hirsch, der Eigen­tü­me­rin des Juden­hau­ses Blu­men­str. 7 sie­he oben.

[65] HHStAW 518 15244 (12).

[66] Ebd. (79, 81).