
Eigene Aufnahme

Mit Hedwig Grosshut war zuletzt eine Frau in das Judenhaus in der Ludwigstr. 3 eingezogen, die sich in einer ähnlichen Lage befand, wie auch die anderen dort einquartierten weiblichen Bewohner: Auch sie war alleinerziehend, auch sie hatte einen ostjüdischen kulturellen Hintergrund und auch sie war in einem äußerst prekären sozialen Milieu aufgewachsen.
Die Familie stammte ursprünglich aus Krakau, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil der K.u.K-Monarchie war. Etwa ein Drittel der 100.000 Bewohner zählenden kulturellen Metropole Galiziens wurde um die Jahrhundertwende von Juden gestellt, die damals weitgehende rechtliche Freiheit besaßen und so entscheidend zum Aufblühen der Stadt beitragen konnten. Aber genau das machte sie für viele, im Besonderen für die Landbevölkerung, auch zum Feindbild. Überall in Galizien, besonders in den Landgemeinden in der Umgebung von Krakau, kam es Ende des 19. Jahrhunderts zu Pogromen, die durch die althergebrachten Mythen und Lügen, Juden würden Kinder für ihre unchristlichen Rituale ermorden, immer wieder neu angefacht wurden.[1] So war es in der nahe bei Krakau gelegenen Ortschaft Wieliczka 1898 zu einem Angriff auf die jüdische Bevölkerung gekommen, bei dem die 300 jungen Männer durch die Straßen zogen und unter Rufen wie „Tod den Juden“ oder „Tötet diese Blutegel“ deren Scheiben einwarfen, Die ländliche, zumeist aus Analphabeten bestehende Bevölkerung glaubte die Geschichten von Ritualmorden, glaubte sogar, es gebe einen Freibrief für solche Angriffe, bei denen zu haben. Das Gegenteil war zwar der Fall, die K.u.K.-Obrigkeit schritt gegen die von Ort zu Ort immer wieder aufflammenden Pogrome ein, aber es dauerte lange, bis diese eingedämmt werden konnten.
Ob solche Pogrome in der unmittelbaren Umgebung oder andere Motive Ludwig Löbel Grosshut und Rosa Rude Fridiger, die Eltern von Hedwig, veranlasst hatten, ihre Heimat zu verlassen, ist nicht gekannt.

GDB
In Dokumenten und Aufzeichnungen wird Hedwigs Vater oft mit dem Namen Ludwig Löbel Mantel, genannt Grosshut, bezeichnet.[2] Diese etwas eigenartige Namensgebung hatte wohl einen realen Hintergrund, denn der am 28. Februar 1878 in Krakau zur Welt Gekommene war der Sohn des 1849 geborenen Salomon Grosshut und seiner ein Jahr jüngeren Frau Chaja Sara Mantel. Vermutlich war deren Ehe nur nach jüdischem Ritus vor einem Rabbi geschlossen worden, sodass er nach bürgerlichem Recht eigentlich den Namen der Mutter, nämlich Mantel, tragen musste. Dieser wurde dann in Deutschland als „genannt“ an seinen eigentlichen Namen angehängt.[3] Ähnlich scheint es auch bei seiner Mutter gewesen zu sein, die, anders als in Deutschland, in polnischen Aufzeichnungen nicht mit dem Namen Stern registriert wurde, sondern als Rosa Rude Fridiger, allerdings in verschiedensten Schreibweisen. Berich Stern war der Name ihres Vaters, von dem Namen ihrer Mutter ist nur der Vorname Rebecka Lea bekannt. Es liegt aber die Vermutung nahe, dass sie eine geborene Fridiger war, da sich dieser Nachname in Polen gehalten hatte. In Deutschland blieb in ihrem Fall aber nicht der Name der Mutter, sondern der des Vaters erhalten. Rosa Rude Stern bzw. Fridiger war ebenfalls in Krakau am 25. Februar 1871 zur Welt gekommen und damit etwa sieben Jahre älter als ihr Ehepartner.
Die Angaben zu den Eltern und Großeltern von Hedwig Grosshut basieren zum Teil auf den Aufzeichnungen, die in Krakau anlässlich ihres Aufgebots entstanden waren. Dass die beiden eine Eheschließung beabsichtigten, wurde am 13. Oktober 1901 noch in Krakau registriert.[4] Diese Angabe steht aber im Widerspruch zu der, die das Standesamt Wiesbaden im Zusammenhang mit der Todeserklärung von Ludwig Grosshut 1956 machte, wonach die Ehe bereits am 30. Juli 1901 in Krakau geschlossen worden sein soll.[5] Wann sie tatsächlich stattfand, konnte nicht mit Sicherheit ermittelt werden. Sicher scheint aber zu sein, dass die beiden nicht wie zumeist vage angegeben, um 1900 nach Wiesbaden kamen,[6] sondern wohl erst ein Jahr später. In den Unterlagen der Fremdenpolizei ist Ludwigs Ankunft in Wiesbaden, wie auch die seiner Frau, mit dem 25. Oktober 1901 vermerkt.[7] Hier wurde dann am 11. Mai 1902 ihr erstes Kind, die Tochter Irma, geboren.[8]
Eigenartigerweise ist die Familie nicht in den Judenzählungslisten zu finden,[9] in denen in den frühen Jahren der Weimarer Republik alle polnischen Juden erfasst wurden, die bereits zuvor oder auch erst jetzt ihre Heimat verlassen hatten, um möglichst nach Amerika auswandern zu können, oft aber nur bis Deutschland oder sogar lediglich bis Berlin kamen. Man wollte angesichts des wachsenden Antisemitismus genau wissen, wo sich die vermeintlichen Volksfeinde – dem Verrat der Juden hatte man angeblich die desaströse Niederlage im gerade zu Ende gegangenen Krieg zu verdanken – aufhielten.
Obwohl schon 1901 in Wiesbaden angekommen, erscheint die Familie aber erstmals im Adressbuch der Ausgabe 1904/05 mit der Anschrift Metzgergasse 27, wo sie seit ihrer Ankunft die Räume im Parterre und im ersten Stock angemietet hatte. In ihrem gesamten Wiesbadener Leben verließen sie die dortige Wohnung nicht mehr. Allerdings erhielt die Straße 1913 einen neuen Namen. Die ursprünglich als „Judengasse“ bezeichnete Straße im sogenannten historischen Fünfeck der Stadt, wo auch einmal die erste Synagoge stand, wurde wegen der erheblichen Zunahme an Spelunken und diversen Etablissements mit eher fragwürdigem Ruf auf Wunsch der Bewohner 1913 durch Magistratsbeschluss in Wagemannstraße umbenannt. Ob das alleine deren Ruf verbesserte, sei allerdings dahingestellt.
Foto Adressbuch, Straßenbilder Wagemanns
In den folgenden 12 Jahren wurden dem Paar sechs weitere Kinder geschenkt. Nach Irma kam am 1. August 1903 Giesela zur Welt,[10] gefolgt von Sally am 16. Juli 1906.[11] Seine nächstjüngere Schwester war Hedwig, die spätere Judenhausbewohnerin.[12] Bernhard, der am 16. Oktober 1908 geboren wurde, verstarb schon vor seinem zweiten Geburtstag am 29. Juni 1910.[13] Ein Vierteljahr nach seinem Tod gebar Rosa Grosshut am 24. September 1910 wieder ein Mädchen, das den Namen Amalie erhielt.[14] Mit Franziska, geboren am 28. Juni 1914, kam kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs noch einmal ein Mädchen zur Welt.[15]
Ludwig Grosshut soll, so Bembenek, ein hochgebildeter Mann gewesen sein, „dessen Rauschebart und lebhaften Augen an seine Jahre als bekannter Laienschauspieler in Krakau erinnerten“. Und ganz sicher hatte er auch das Ziel, seinen Kindern durch eine gute Ausbildung alle Chancen für einen sozialen Aufstieg im Westen zu ebnen.[16] Aber das stellte sich als schwieriger heraus, als vermutlich erhofft – und das nicht erst in den Krisenjahren der Republik, sondern auch schon in den eigentlich prosperierenden Jahren des neuen Jahrhunderts.
Ludwig Grosshut führte in der damaligen Metzgergasse einen Trödelhandel, wie ihn viele der osteuropäischen Juden ohne eigenes Kapital für größere Geschäfte betrieben. Ob in diesem Bereich auch schon seine Eltern in Krakau tätig waren, ist nicht bekannt. Aber es war schwer, gerade angesichts der großen Konkurrenz, mit einem solchen Altwarenhandel in Wiesbaden eine so große Familie zu ernähren. Steuerakten, die die schwierige finanzielle Lage dokumentieren, liegen erst aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vor. Aber diese Zahlen aus den ersten Nachkriegsjahren sind wenig aussagekräftig, Umsätze von 21.000.000 RM und ein Einkommen von 35.000 RM spiegeln nur die damalige Hyperinflation, nicht aber die Wirtschaftlichkeit des kleinen Ladens wider.[17] Und schon damals monierte das Finanzamt, dass Ludwig Grosshut keine ordentliche Buchführung vorlegen könne, sondern nur seine Einkäufe und Umsätze in einem sogenannten Trödlerbuch festgehalten habe. Sein Einkommen gab er pauschal mit etwa 50 Prozent der Umsätze an. Nicht angegeben waren dabei aber Gelder, die er für Geschäftsvermittlungen erhalten hatte.[18]
Auch in den folgenden Jahren, während der sogenannten Stabilisierungsphase von etwa 1924 bis 1928/29, verbesserte sich die Situation nicht wirklich. Die zu versteuernden Einkommen lagen im Jahr 1925 bei 1.200 RM, 1927, dem besten Jahr, bei knapp 2.700 RM.[19] Das sind, bezogen auf das monatliche Familienbudget, 100 bis 200 RM. Die jeweils fälligen Steuern blieb er immer wieder schuldig bzw. bat mit sicher realistischen Beschreibungen seiner Lage wenigstens um Stundung derselben.[20] Mehrfach versäumte er, vermutlich aus Angst vor den finanziellen Konsequenzen, überhaupt die fällige Steuererklärung abzugeben, sodass ihm sogar mit Gefängnis gedroht wurde.
So schrieb er im Juni 1924:
„Unterzeichnender bittet, da mein Geschäft vollständig lahmgelegt ist, um Erlass der Steuer. Ich habe das erste Vierteljahr 1924 hundertzweiundzwanzig Mark eingenommen, wovon ich zirka vierzig Mark verdient habe. Um aber leben zu können habe ich Wäsche & Kleider etc. von meiner Familie herunter verkauft. Ich befinde mich in äußerster Not & kann meine Miete seit Monat Mai nicht aufbringen. Außerdem sind zwei Mitglieder der Familie krank & sind wir in großer Sorge, wie ich den Lebensunterhalt aufbringen soll
Daher bitte ich dringend mich in dieser schweren Zeit von Steuer zu befreien.“
Offenbar war es danach zu einem Gespräch auf dem Amt gekommen, denn der Brief enthält eine weitere, auch von Ludwig Grosshut unterschriebene Notiz des dortigen Bearbeiters, laut der er gegenwärtig nicht in der Lage sei, auch nur den geringsten Betrag aufzubringen.[21]
Offenbar war es zu einem Kompromiss gekommen, durch den ihm die Möglichkeit gegeben wurde, die Schulden zeitverschoben abzutragen. Allerdings schon im November desselben Jahres musste er wieder darum bitten, die fälligen 30 RM für das zweite Quartal 1924 auf 10 RM zu ermäßigen. Auch das wurde vom Finanzamt genehmigt.[22]
Später, unmittelbar vor und während der Weltwirtschaftskrise, wurde die Situation immer bedrohlicher. In seiner Einkommensteuererklärung 1928/29 notierte er unter „sonstige Bemerkungen“, dass er von Verwandten Lebensmittel erhalten würde.
Nachdem er im März 1931 einen Offenbarungseid geleistet hatte,[23] verzichtete das Finanzamt dann auf weitere Steuerforderungen. Im August 1931 wurden die Steuerschulden, die auf 287 RM angewachsen waren, niedergeschlagen.[24] Eigentlich keine riesige Summe, aber für Ludwig Grosshut dennoch unbezahlbar. Der Laden bestand zwar auch noch danach, aber zu einer Stabilisierung kam es nicht mehr, was auch nicht zu erwarten war.
Im Sommer 1932 fand noch einmal eine Prüfung durch die Finanzbehörden statt, von der noch der Bericht erhalten geblieben ist. Im Hinblick auf die von ihm an- und verkauften Waren heißt es, er habe mit „Edelmetallen, Brillanten, optischen Waren, photograph. Apparaten p.p. und gebrauchten Herren- und Damenkleidern“ gehandelt. Im vergangenen Jahr sei er viermal, im laufenden Jahr 1932 bereits dreimal kontrolliert worden, was sicher nicht in allen Geschäften üblich war. Sein Umsatz hatte 1931 bei 2.330 RM gelegen. Nicht enthalten waren dabei wiederum die Einkünfte, die er aus Vermittlertätigkeiten bezogen hatte. Man einigte sich dann, dass Umsatzsteuern für 7.900 RM zu zahlen seien.[25]
Auch wenn das Einkommen angesichts dieser geringen Umsätze nicht gestiegen sein kann, so hatte sich seine Situation insofern verbessert, als zumindest ein Teil der Kinder inzwischen einen Beitrag zu den gemeinsamen Kosten beisteuern konnte. Es heißt sogar in dem Bericht, „der Lebensunterhalt wird zum größten Teil von seinen Kindern bestritten“.[26]
Vermutlich war es die älteste, Irma, die den Hauptteil des Geldes mit nach Hause brachte. Seit Anfang der Zwanzigerjahre war sie als Verkäuferin in dem in Wiesbaden damals noch sehr angesehenen jüdischen Schuhgeschäft Sandel in der Kirchgasse 60, direkt am Mauritiusplatz gelegen, angestellt, nahm dort sogar die Rolle der ersten Verkäuferin ein. Eigentlich sollte sie später einmal die dortige Filiale leiten. Wie hoch ihr damaliges Gehalt war, blieb im Entschädigungsverfahren strittig. Ihre Schwester Franziska gab an, Irma habe monatlich ein festes Gehalt von 200 RM verdient, zusätzlich aber noch Prämien bis zu 100 RM sowie freie Kost und Logis bei Sandels erhalten.[27] Zumindest letzteres wurde allein deshalb infrage gestellt, weil ihre Anschrift während der Zeit immer die elterliche Wohnung in der Wagemannstraße blieb. Zwar wurde auf die Notiz in der Steuerakte von Ludwig Grosshut damals kein Bezug genommen, aber darin heißt es, dass Irma 1934 einen monatlichen Verdienst von rund 130 RM hatte.[28] Möglicherweise war ihr Gehalt auch inzwischen zurückgegangen, denn auch das Schuhgeschäft hatte sehr unter den antisemitischen Boykottaktionen zu leiden,[29] dennoch blieb sie bis zu ihrer Deportation 1938 in der Firma angestellt.
Schon für diese Zeit am Ende der Republik müssen die Angaben über die Lebenssituation der späteren Judenhausbewohnerin Hedwig vage bleiben. In dem oben erwähnten Bericht heißt es, dass sie und ihre Schwester Amalie im elterlichen Haushalt helfen würden. Letztere sei seit zwei Jahren arbeitslos. Zuvor, so ist dem Bericht weiterhin zu entnehmen, sei sie ebenfalls als Verkäuferin bei einem „Kaufhaus Guthmann“ erwerbstätig gewesen.[30]. Unterstützungsleistungen würde sie während der Zeit der Arbeitslosigkeit nicht erhalten.
In Hedwigs Leben hatte sich in dieser Zeit eine grundlegende Veränderung auf andere Weise ergeben: Die Fünfundzwanzigjährige war schwanger geworden und am 20. März 1933 in Frankfurt von einem Sohn namens Heinz entbunden worden. Der Vater des Jungen blieb unbekannt.[31]
Im Arolsen-Archiv existiert neben der im Wiesbadener Stadtarchiv aufbewahrten Gestapokarteikarte eine weitere Karte für Hedwig und ihren Sohn – eine Abschrift, wie darauf notiert –, auf der festgehalten ist, dass Hedwig zwar früher in der Wagemannstraße wohnte, aber etwa vier Wochen vor der Geburt ihres Sohnes am 19. Februar 1933 nach Frankfurt verzog.[32] Am 14. Mai 1933 kam sie wieder zurück nach Wiesbaden, aber nicht aus Frankfurt, sondern aus Neu-Isenburg. Dies begründet die Vermutung, dass Hedwig sich angesichts der schwierigen finanziellen Situation zu Hause, vielleicht auch, weil das Kind unehelich war, es dieses dem Heim des Jüdischen Frauenbundes, benannt nach der jüdischen Frauenrechtlerin und Sozialarbeiterin Bertha Pappenheim, übergeben hatte. Vermutlich verbrachte Heinz dort die ersten Jahre seines Lebens.[33] Immerhin befanden sich damals mit Josef Stock und Alexander Still in diesem Heim noch zwei weitere Kinder jüdischer Frauen aus Wiesbaden in etwa dem gleichen Alter. Vermutlich kannten sich die Mütter der Kinder, die auch später zusammen im Judenhaus in der Ludwigstr. 3 lebten, damals schon. Unbekannt ist, wie eng in dieser Zeit der Kontakt zwischen Heinz und seiner Mutter war, wie oft sie ihn besuchen konnte und ob er damals vielleicht auch zu Besuch nach Wiesbaden kommen durfte.
Franziska, die jüngste der Geschwister, hatte im bekannten Kaufhaus Blumenthal in der Langgasse eine Lehre als Verkäuferin begonnen. Sie erhielt 1934 als Lehrgeld 76 RM im Monat,[34] was sicher auch in die knappe Haushaltskasse geflossen ist.
Ebenfalls wurde die Familie von der zweitältesten Tochter Gisela unterstützt, die bereits 1925 Elias Duell, geboren am 23. Juni 1901 in Dortmund, geheiratet hatte.[35] Zum Zeitpunkt der Eheschließung wohnte er noch in Bad Oeynhausen, aber sein Vater, Bernhard Duell, war bereits nach dem Krieg nach Wiesbaden gekommen und hatte eine Wohnung im Haus Bierstadter Höhe 1. Sein Sohn war ebenfalls bereits 1925 unter dieser Anschrift im Adressbuch zu finden. Von Beruf war er Künstler, genauer: Kapellmeister, woraus sich vielleicht der wohl eher kurzfristige Aufenthalt in der Kurstadt bei Minden erklärt.
In dem oben genannten Bericht der Finanzbehörden heißt es, dass Ludwig Grosshut auch von seinem Schwiegersohn Bernhard einen monatlichen Geldbetrag erhalten würde, dessen Höhe aber nicht angegeben wurde. Aber dieser selbst soll damals ein monatliches Einkommen von etwa 1.000 holländischen Gulden gehabt haben, was umgerechnet etwa 1.700 RM entsprach – somit ein recht ordentliches Gehalt. Das Ehepaar lebte seit 1928 in Batavia, dem früheren und auch heute wieder so genannten Jakarta auf Indonesien. Aber vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vor der Endkolonisierung war Batavia noch die Hauptstadt Niederländisch-Indiens. Was Gisela und Elias Duell dort machten, wovon und wie lange sie dort lebten, all das ist nicht bekannt. Gisela erscheint erst wieder 1959 im Rahmen des Entschädigungsverfahrens, jetzt aber als Gisela Zwart, wohnhaft in New Orleans in den USA. Sie war, so ist im Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘ über die Familie Grosshut zu lesen, nach dem Tod ihres Mannes – wann, ist nicht bekannt – dorthin ausgewandert, lebte allerdings seit Ende der 50er Jahre in Den Haag in den Niederlanden.[36]
Auch wenn es sicher nicht gerecht war und die Töchter damit um die Entfaltung ihrer Möglichkeiten gebracht wurden, so war es in der damaligen Zeit dennoch üblich, dem Sohn, Sally, zumal dem einzigen Sohn, alleine die Ressourcen zu Verfügung zu stellen, die die Familie für seine Ausbildung aufbringen konnte.[37] Er durfte zunächst von 1912 bis 1916 die Mittelschule in der Stiftstraße und danach das humanistische Gymnasium am Luisenplatz besuchen, wo er 1925 das Abitur ablegte. um anschließend im Jahr 1925 in Frankfurt das Studium der Rechtswissenschaften aufzunehmen. Damit schien sich eine Berufsperspektive zu eröffnen, die sowohl ihm selbst als auch der Familie eine sichere materielle Existenz zu versprechen schien. Dies umso mehr, als er 1929 nicht nur ein gutes Examen ablegte, sondern auch gleich eine Anstellung bei dem jüdischen Wiesbadener Anwalt Dr. Leo Harry in der Kirchgasse fand, die ihm zwar noch kein Einkommen, aber dafür Kenntnisse im juristischen Alltag einbrachte. Nebenbei begann er in Frankfurt bei Prof. Giese mit seiner Doktorarbeit, die den damals sicher brisanten wie auch aktuellen Titel „Das polizeiliche Notstandsrecht – Staatsnotstand und Staatsnotwehr“ trug. Am 21. Dezember 1932 wurde er nach Ablegung des Rigorosums mit der Note „cum laude“ zum Doktor der Jurisprudenz promoviert.[38]
Es ging in der Arbeit um Versammlungsverbote, Einschränkungen der Kunstfreiheit aus polizeilichen Notstandsgründen. Große Teile der Arbeit wurden auch in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht und auch von Professoren angefordert, die selbst nicht in das Prüfungsverfahren eingebunden waren – darunter auch von dem später als NS-Staatsrechtler bekannt gewordenen Prof. Carl Schmitt.[39] Der Name von Sally Grosshut war somit bereits vor 1933 in juristischen Fach-, aber auch in höchsten NS-Kreisen bekannt.
In der Wiesbadener Bevölkerung hatte er sich aber auf ganz andere Weise, nämlich als Sportler, einen Namen gemacht.[40] Bereits 1926 hatte er – gegen den Widerstand der assimilierten Juden, so Bembenek – den jüdischen Sportverein ‚Hakoah‘ gegründet, mit dem er zum einen das Ziel der Integration der unterschiedlichen jüdischen Gruppierungen verfolgte, zum anderen aber, dem von den Antisemiten gerne hochgehaltenen Bild des verweichlichten Juden etwas entgegenzusetzen.[41] Und die Hakoah-Mannschaft war sehr erfolgreich. Mit Sally, ihrem besten Spieler, gelang der Handballmannschaft der Aufstieg in die Bezirksliga und er selbst wurde immer wieder in Auswahlmannschaften der Stadt und des Kreises berufen, sogar für die Nationalmannschaft soll er vorgesehen gewesen sein.[42]
Am 8. Dezember 1932 wurde ihm für seine Verdienste die ‚Goldene Handballnadel‘ des Deutschen Sportbunds verliehen. Als Trainer und Schiedsrichter hatte er in den Jahren zuvor beim Polizei-Sport-Verein Wiesbaden gewirkt und war von diesem für seine Arbeit 1928 in besonderer Weise gelobt und geehrt worden:
„ Bei unseren Vereinsmitgliedern sowohl als auch in den anderen Sportverbänden des hiesigen Kreises ist Grosshut wegen seiner hervorragenden sportlichen Eigenschaften, seiner vornehmen Gesinnung und seinem bescheidenen und besonnenen Wesen sehr geschätzt.“[43]
Solche Sätze aus Polizeikreisen über einen Juden waren 1928 noch möglich, aber dennoch erstaunlich, zumal Sally während seines Studiums an der Universität in Frankfurt bereits hinreichend mit dem antisemitischen Klima an der Hochschule konfrontiert worden war. Und Ende 1932 – zwei Wochen, nachdem man ihm die ‚Goldene Handballnadel‘ ans Revers gesteckt und seine Dissertation hochgelobt hatte – wurde dem Polen Sally Grosshut, als er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, von dem Oberregierungsrat v. d. Tann mit Verweis auf seine Doktorarbeit beschieden, dass „Deutschland keine Juden und Ausländer brauche“.[44] Ohne deutsche Staatsbürgerschaft und mit der Machtübernahme der Nazis vier Wochen später lösten sich alle Pläne, die einmal mit seinem eigentlich bisher sehr erfolgreichen beruflichen Werdegang verbunden waren, endgültig in Luft auf. Weder gab es für ihn noch eine Chance, als Rechtsanwalt zu arbeiten, und schon gar nicht die als Alternative angedachte Möglichkeit, sich zu habilitieren. Auch verlor er seine Anstellung bei Rechtsanwalt Harry, der selbst auch gezwungen wurde, seine Kanzlei aufzugeben, und deshalb, nachdem er zuvor verhaftet worden war, noch im Oktober 1933 nach Frankreich auswanderte.[45]
Immerhin lag Sally in all den Jahren seinen Eltern nicht oder kaum auf der Tasche. Dank seiner vielfältigen Begabungen hatte er sich als Trainer, als Autor von kleineren juristischen Abhandlungen und Gutachten, aber auch mit Nachhilfeunterricht in Sprachen immer etwas Geld verdienen können.[46]
Im letzten Quartal des Jahres 1932 kam es noch zu einem weiteren Ereignis, das das weitere Leben von Sally Grosshut entscheidend bestimmen sollte: Er begegnete damals seiner zukünftigen Frau Sina oder auch Sanida Rosenstrauch.
Ihre erste Begegnung mit Sally beschrieb sie in ihrer Autobiografie so:
„Es war einige Monate vor meiner Abreise nach Biscra, als eines Abends die Türglocke von unserer Wohnung läutete. Ich öffnete. Ein junger Mann mit tiefblauen, intelligent blickenden Augen, leuchtend rotem Haar und der blassen, mit unzähligen Sommersprossen übersäten Gesichtshaut, die den Menschen mit dieser Haarfarbe gemein ist, stand vor der Tür. Er wollte erstmals einen der allwöchentlich stattfindenden Tischtennisabende meines Bruders Victor, zu denen immer eine große Anzahl junger Leute erschien, besuchen. Dieser junge Mann trug einen dunkelgrauen Mantel, dessen Taschen dermaßen mit Heften und Büchern überfüllt waren, daß sie zu beiden Seiten seines Körpers weit abstanden. (…) Als wir Victors Tischtenniszimmer betraten, war gerade ein erstklassiges Spiel im Gange, doch meine Mutter, die interessiert zugesehen hatte, nahm den jungen Mann sofort in Empfang und zog ihn in ein Gespräch. Sie war auf der Stelle von seinem sprudelnden Geist und seiner farbenreichen, poetischen Sprache gefesselt, denn sie hatte ein geübtes Ohr für Nuancen und konnte gut zwischen menschlicher Qualität und Oberflächlichkeit unterscheiden. (…) Von seinem Freund, der mit ihm zusammen an der Frankfurter Universität studierte, hörten wir, daß er kurz vor seinem juristischen Doktorexamen stand und daß seine Professoren große Stücke auf ihn hielten, ihm angesichts seines ungewöhnlichen Geistes und seiner bilderreichen Sprache eine glänzende Karriere voraussagten. (…) Nach diesem ersten Pingpongabend kam der junge Mann, Sally mit Vornamen, beinahe jeden Tag einige Stunden zu uns. Seine ungemein farbige Sprache entzückte mich, doch am tiefsten war ich von seiner kindlich-reinen Seele berührt. (…) Zu diesem jungen Mann fühlte ich mich auf eine ganz seltsame Weise hingezogen, und das tiefe Mißtrauen, das ich in den meisten Fällen Männern gegenüber empfand, da von Natur aus untreue Wesen sah, dieses Mißtrauen schmolz in seiner Gegenwart zu nichts zusammen. Das, was Sally von allen jungen Leuten, die ich bis dahin kennengelernt hatte, abhob, war die Reinheit seines Charakters, den ich zu lieben begann.“[47]
Sina war die am 26. November 1904 im polnischen Lodz geborene Tochter von Salomon Samuel Rosenstrauch und seiner Frau Sarah, geborene Gostynski, die aus dem polnischen Lecyca stammte. Ihr Vater war zunächst häufig von zu Hause abwesend, weil er als Vertreter der Firma seines Vaters, die luxuriöse Grußkarten herstellte und weiterhin in Lodz angesiedelt war, oft monatelang durch Russland reiste. Eigentlich war er aber Fachmann für Seidenweberei und Seidenstoffe, ein Beruf, mit dem er, nachdem er sich in Wiesbaden selbstständig gemacht hatte, ein beträchtliches Vermögen erwarb und auf diese Weise für sich und seine Familie einen aufwendigen Lebensstil pflegen konnte. Während des Ersten Weltkriegs hatten Rosenstrauchs als polnische Juden in der Schweiz im Exil gelebt, waren dann aber 1921 wieder nach Wiesbaden zurückgekehrt und eine Villa – ein Schlösschen von „verschwenderischer Pracht“, so Sina – in der Humboldstr. 12 gefunden.[48] Später hatte man das Haus Wilhelmstr. 20, ein klassizistischer Bau in der Prachtstraße der Stadt, unmittelbar gegenüber dem Theater, erworben und dort sowohl das Geschäft „Seidenspinner“ als auch die Wohnung eingerichtet. Dort fand dann auch die erste Begegnung von Sally und Sina statt. Es kam danach zu der eher außergewöhnlichen Verbindung zwischen der Upper-Class-Tochter Sina, die übrigens während eines längeren Klinikaufenthalts in der Schweiz so sehr von den christlichen Pflegerinnen bedrängt worden war,[49] dass sie formal zum Christentum konvertierte, und dem, allerdings aufstrebenden, Spross jüdischer Underdogs.
All das hatte sich in den letzten Wochen des Jahres 1932 zugetragen, kurze Zeit, bevor sich mit der Übertragung der Reichskanzlerschaft an Hitler alles änderte. Sinas Vater Salomon Rosenstrauch war neben dem Milchhändler Max Kassel das erste Todesopfer der brutalen Machtdemonstration der Nazihorden in Wiesbaden. Sina selbst war nicht zugegen, sondern in Algerien im Urlaub, als sie vom gewaltsamen Tod ihres Vaters aus der Zeitung erfuhr. Der erste Mord an einem Juden in Deutschland durch die Nazis nach der sogenannten „Machtergreifung“ fand Beachtung in der gesamten Weltpresse. Bereits am „Boykotttag“, dem 1. April 1933, war es zwischen SA-Männern und Salomon Rosenstrauch zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung in seinem Geschäft „Seidenspinner“ in der Wilhelmstraße gekommen. Mit Stiefelabsätzen hatte man ihm ins Gesicht getreten, sodass beide Backenknochen brachen. Dieses Mal waren sie abends in die Wohnung gekommen, wo außer ihm selbst nur die Haushälterin anwesend war. Nachdem sie mit einer Pistole eingeschüchtert worden war, stürmten die Männer das Arbeitszimmer des Hausherren – und dann fiel ein Schuss. Die SA-Leute brachten den Schwerverletzten oder auch schon Toten mit einem Lkw in das nächstgelegene Krankenhaus, wo seine Frau und ihr Sohn Victor wenige Stunden später nur noch die völlig in Bandagen eingehüllte Leiche ihres Mannes bzw. Vaters zu Gesicht bekamen.
Den Hinterbliebenen drohte man in einem Brief, es würde ihnen Gleiches geschehen, wenn sie nicht umgehend ihre Auswanderung in die Wege leiten würden.[50] Bald darauf erhielt auch Sally Grosshut die Botschaft, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe, Anlass sei seine Dissertation. Schnell und ohne lange über die damit verbundenen Risiken nachzudenken, entschlossen sich Sally und Sina nach Palästina auszuwandern, was zu diesem Zeitpunkt noch ohne größere Hindernisse möglich war.
„Nicht , daß wir plötzlich unsere jüdische Seele entdeckt hätten, das war es ganz und gar nicht, wir dachten nur, daß der Haß auf Juden in allen nichtjüdischen Ländern, wenn auch versteckter als in Deutschland, wach sei. Lediglich diese Erkenntnis und nicht etwa die Liebe zu der uns seit Jahrtausenden gehörenden Erde, zu Israel, bestimmte uns, bereits im Sommer nach Palästina auszuwandern.“[51]
Eindringlich schildert Sina, wie schwierig ihr Leben dort war, vielleicht ohne die Motivation und den Pioniergeist der Zionisten auch sein musste. Mehr noch als die harte Arbeit – als Landvermessungsgehilfe trug er monatelang schwere Eisenstangen und anderes Gerät durch die quälend heiße Sonne – litt Sally unter dem Verlust an intellektuellen Anregungen und Herausforderungen. Wegen der mangelnden Hebräischkenntnisse konnte er keine anderen als einfache Hilfstätigkeiten übernehmen. Seine spätere Arbeit als Kellner in einem Gartenlokal war zumindest körperlich nicht mehr ganz so herausfordernd, erforderte stattdessen aber eine unterwürfige, dienerhafte Haltung gegenüber den Gästen.
Ende 1934 erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters in Wiesbaden. Ein Jahr zuvor hatte ihn ein Nachbar, ein Antiquitätenhändler und SA-Mann der ersten Stunde, denunziert, Ludwig Grosshut habe den Führer Adolf Hitler beleidigt. Bevor er für etwa einen Monat in Schutzhaft genommen wurde, erlaubten sich die Nazis noch ein besonderes Vergnügen. Sie zwangen ihn, seinen christlichen Freund, der mit einer Jüdin verheiratet war, in einem eisernen Kohlekarren durch die Straßen Wiesbadens zu schieben. Um den Hals des Freundes hatten sie ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich bin Schwein. Ich habe meine arische Rasse geschändet!“ umhängt. Der schon lange herzleidende Ludwig Grosshut starb, so sein Sohn ein Jahr später, an den Folgen dieser Demütigung und der Misshandlungen, die er in der Haft ertragen musste.[52] Obwohl er nicht durch unmittelbare Gewalt von Nazischergen zu Tode kam, wird auch er zu Recht auf dem Namensband der Wiesbadener Gedenkstätte am Michelsberg als Opfer des Nationalsozialismus aufgeführt.[53]
Am 9. Juni 1936 gingen Sally und Sina, die in Palästina den Namen Zenajda annahm, in Haifa die Ehe ein.[54] Die Situation verbesserte sich für Sally und Sina ein wenig, nachdem sie nach Haifa mit seinen vielen kulturellen Angeboten gezogen waren und dort ein Antiquariat für deutschsprachige Literatur eröffnet hatten. Grundstock waren zunächst ihre eigenen mitgebrachten Bücher, insgesamt etwa 1500, mit deren Verkauf sie ihr bescheidenes Leben fristeten. Noch kamen auch viele Emigranten, die ebenfalls ihre Bibliotheken mitgebracht hatten und sich angesichts der sehr beschränkten Möglichkeiten, eine Erwerbsarbeit zu finden, ebenfalls gezwungen sahen, sich davon zu trennen. Aber diese Quelle versiegte zunehmend, weil die Neuankömmlinge nach 1938 nichts mehr von zu Hause mitbringen durften. Auch bekamen Sina und Sally Grosshut zunehmend Probleme, besonders mit russischen und polnischen Immigranten, die nicht verstehen konnten, wie man die Literatur des „Mördervolks“ in Palästina vertreiben könne.
Obwohl der Laden keinen großen Gewinn abwarf, so lag seine Bedeutung darin, dass sich über ihn, im Besonderen für Sally, die Möglichkeit eröffnete, in Kontakt mit den vielen aus Deutschland geflohenen Intellektuellen, besonders den Literaten, zu treten, darunter so bekannte Autoren wie Arnold Zweig, Else Lasker-Schüler oder Max Brod, um nur einige zu nennen. Diese Kontakte ergaben sich beim An- und Verkauf der Bücher, weiteten sich aber schnell aus, weil der Laden zum Zentrum des literarischen, aber auch des politischen Austauschs wurde. Man veranstaltete Lesungen, Diskussionen und Vorträge, aber letztlich blieb es ein Ort, an dem man nur seine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit teilen konnte – dies sowohl im Hinblick auf die eigene Situation im Exil, aber noch mehr angesichts der Nachrichten, die aus Deutschland herüberkamen.
Und diese wurden im Laufe des Jahres 1938 immer besorgniserregender. Nicht nur war mit dem „Anschluss“ Österreichs der Machtbereich der Nazis erheblich erweitert worden, was eine neue Flut von Emigranten zur Folge hatte, im April wurden die Juden gezwungen, ihr Vermögen anzumelden, und im August wurde das Gesetz über die Zwangsnamen verabschiedet, das zum 1. Januar des folgenden Jahres in Kraft trat. Im Oktober waren ihre Reisepässe eingezogen worden und die neu beantragten und ausgegebenen Dokumente „zierte“ ein dickes, rotes „J“.
Am folgenschwersten war allerdings die Abschiebung der in Deutschland lebenden Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, eine Maßnahme des NS-Staates als Reaktion auf den Beschluss der polnischen Regierung, alle Pässe ihrer in Deutschland lebenden Bürger überprüfen und diese gegebenenfalls für ungültig erklären zu lassen. Die deutschen Behörden befürchteten, dass ihnen dann keine Möglichkeit mehr bleiben würde, die polnischen Juden, die dann staatenlos wären, in ihr Heimatland abzuschieben. So gerieten die etwa 60 000 polnischen Juden, die oft schon seit Jahrzehnten in Deutschland gelebt hatten, zwischen die Mühlsteine zweier gleichermaßen antisemitischer Regierungen. Da die Überprüfungsfrist nur zwei Wochen betrug, glaubte die Reichsregierung, sofort handeln zu müssen. Am 26. Oktober wies der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei die nachgeordneten Behörden in zwei aufeinanderfolgenden Schnellbriefen an, „unter Einsatz aller Kräfte der Sicherheits- und Ordnungspolizei und unter Zurückstellung anderer Aufgaben alle polnischen Juden, die im Besitz gültiger Pässe sind, sofort unter Ankündigung formularmäßiger Aufenthaltsverbote für das Reichsgebiet in Abschiebungshaft zu nehmen und unverzüglich nach der polnischen Grenze im Sammeltransport abzuschieben. Die Sammeltransporte sind so durchzuführen, daß die Überstellung über die polnische Grenze noch vor Ablauf des 29. Oktober 1938 erfolgen kann. Es muß erreicht werden, daß eine möglichst große Zahl polnischer Juden, namentlich der männlichen Erwachsenen, rechtzeitig vor dem genannten Zeitpunkt über die Grenze nach Polen geschafft wird.“[55] 17.000, so die Schätzungen, waren letztendlich von der Anordnung betroffen.[56]
Auch wenn darin im Besonderen von Männern die Rede ist, die abgeschoben werden sollen, so blieben Frauen keineswegs verschont. Auf der Liste der am 28. Oktober Deportierten standen auch Rosa Rude Grosshut-Mantel und ihre ledige Tochter Irma. Im Entschädigungsantrag für ihre Mutter und Schwester Irma schrieb Franziska, die beiden genannten seien bei der „Polenaktion“ mit „meiner anderen unverheirateten Schwester“ deportiert worden.[57] Wen sie mit der „anderen Schwester“ gemeint haben könnte, bleibt unklar. Es gibt allerdings von dieser eher vagen Aussage Franziskas abgesehen, keinen Hinweis darauf, dass damals auch Hedwig oder Amalie Deutschland verlassen mussten. An anderer Stelle spricht Franziska auch eindeutig nur von ihrer Mutter und im Singular von ihrer Schwester, also Irma.[58] Weshalb aber die drei damals alle noch unverheirateten Schwestern, die ebenfalls alle die polnische Staatsangehörigkeit besaßen, nicht betroffen waren, ist nicht nachzuvollziehen. Dass aber die ganze Aktion durch reine Willkür und auch durch Zufälle gekennzeichnet war, die Betroffenen mancherorts nackter Brutalität ausgesetzt waren, anderen wiederum auch tendenziell human begegnet wurde – all das lässt sich den verschiedenen Zeugenberichten entnehmen.[59] Immerhin ist aber erklärbar, wieso Amalie vermutlich nicht dabei war. In seiner Steuererklärung des Jahres 1933, die am 9. Februar 1934 abgegeben wurde, notierte Ludwig Grosshut, seine Tochter Amalie befände sich zur Zeit in der Nervenheilanstalt Katzenellenbogen.[60] Unbekannt ist allerdings, wie lange sie dort bleiben musste, ob sie überhaupt noch einmal nach Hause kam, bevor sie dem Euthanasieverbrechen der Nazis zum Opfer fiel. Am 5. April 1941 wurde sie aus der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Kiedrich im Rheingau in die Tötungsanstalt Hadamar transportiert und ermordet.[61]
Neben Rosa und Irma Grosshut gehörte aber auch Rywa Horowitz, geborene Stern, die Schwester von Rosa Rude zu den damals Zwangsausgesiedelten.[62]
Nach dem Tod von Ludwig Grosshut hatte seine Frau das Geschäft in den folgenden Jahren bis zu ihrer Deportation im Oktober 1938 noch weitergeführt, allerdings ohne noch irgendwelche steuerlich relevanten Einkünfte zu erzielen.[63] Und auch die noch in Wiesbaden lebenden Töchter wohnten nach Angaben des Jüdischen Adressbuchs von 1935 damals noch alle bei ihr in der Wagemannstraße. Ob das auch noch im Herbst 1938 der Fall war, lässt sich nicht mehr sagen.
Anders als viele andere der Ausgewiesenen hatten Irma, ihre Mutter und Tante immerhin noch das Glück, nicht wochenlang im Niemandsland zwischen den Grenzzäunen ausharren zu müssen, der Kälte ausgesetzt und nur notdürftig mit Nahrungsmitteln versorgt.[64] Sie konnten nach Krakau gehen, der Geburtsstadt von Rosa und Rywa, wo mit Sara Friediger noch immer eine Schwester der beiden lebte. Verheiratet war sie mit dem Kirschner Herzel Friediger. Das Paar wohnte in einer Dreizimmerwohnung in der Burgstr. 39, der Grodzka 39, im alten Zentrum von Krakau, wo das Paar damals vermutlich sogar noch ihre Werkstätte hatten. Diese wurde, so ist auf dem Erfassungsbogen, datiert mit dem 22. Februar 1941, eingetragen, erst im Juni 1940 liquidiert.[65]
Die drei Wiesbadener Frauen wurden in der Wohnung aufgenommen, wie man dem Meldebogen entnehmen kann. Und vermutlich profitierten sie zunächst auch noch davon, dass Herzel Friediger als Kirschner von der Krakauer Firma ‚Futra‘, die für die Wehrmacht Pelze produzierte, angefordert worden war. Zwangsarbeit war unter diesen Umständen eine, wenn auch befristete, Lebensversicherung. Der Erfassungsbogen ist mit einem Stempel „Ausweisungsanweisung ausgestellt am 22. Feb. 1941 für 27. Feb. 1941“ versehen, was wahrscheinlich bedeutet, dass damit das Ende der Schonzeit gekommen war. Abgelegt wurde der Bogen dann am 11. März 1941.[66] Die Bewohner waren damals zunächst in das Ghetto Bychawa in der Nähe von Lublin verbracht worden.
Ob und wie lange Rosa mit ihrer Tochter Irma in Polen noch zusammenbleiben konnte, ist nicht sicher zu sagen. Sie sollen laut Gedenkbuch des Bundesarchivs zunächst nach Izbica deportiert worden sein,[67] aber Anhaltspunkte für diese Angabe liegen nicht vor. Dagegen ist ein letztes Lebenszeichen aus dem etwa 25 km südlich von Lublin gelegenen Ghetto Bychawa erhalten geblieben, nämlich eine Postkarte, die Irma im Frühjahr 1942 an ihre inzwischen nach Schweden geflohene Schwester Franziska schicken konnte. Irma beschrieb darin die schrecklichen Bedingungen, unter denen sie im dortigen Lager, in dem 1942 etwa 2600 Juden interniert waren, vegetieren mussten, beschrieb den Hunger und die Kälte, und bat ihre Schwester, Pakete mit dem Nötigsten zu schicken: „Hoffentlich haben wir dann die Sachen, die wir so dringend brauchen. Wir sind ohne Kleidungsstücke, Wäsche, Schuhe u. schlafen ohne Bettwäsche. Warum habt ihr uns inzwischen keine Fischkonserven geschickt, die letzten von dem Fischgeschäft habe richtig erhalten (!). Wenn ihr wüsstet wie dringend nötig wir das alles haben und so schrecklich für uns so lange auf das Paket gewartet zu haben, was das für uns bedeutet ist kaum zu schildern. Noch sind wir gottlob gesund aber wir wären glücklich, wenn ihr uns bald helfen würdet mit Lebensmitteln u. Sardinen. Ich habe immer für zu hause gesorgt und stehe mit gebundenen Händen u. kann mir selbst nicht helfen.“[68] Da Irma in der Karte immer von „wir“ bzw. „uns“ schreibt, wird man vermuten dürfen, dass sich ihre Mutter und Tante auch in diesem Lager befanden. Franziska gab an, bis 1942 noch in Kontakt mit ihren Verwandten gestanden zu haben, dann sei dieser abgebrochen.[69] Am 11. Oktober 1942 wurde das Ghetto aufgelöst und die noch dort lebenden Juden wurden über Belzec nach Sobibor in den Tod geschickt.[70] Ihr Todestag wurde nach dem Krieg amtlich auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.
Hedwig und Franziska waren die beiden, die nach der Zwangsaussiedlung von Irma und ihrer Mutter noch in Wiesbaden verblieben waren und zunächst auch weiterhin in der Wagemannstraße wohnten. Während Letzterer noch die Flucht aus Deutschland gelang, musste Hedwig mit ihrem Sohn Heinz der Mutter und der Schwester Irma in den „Osten“ folgen, sprich: in den Tod.
Leider liegen auch kaum Informationen über Hedwigs Leben in dem Zeitraum zwischen der „Machtergreifung“ und der Deportation im Jahr 1942 vor. Immerhin wurde auf ihrer älteren Gestapokarteikarte festgehalten, dass sie am 13. Januar 1937 ihren Sohn aus Neu-Isenburg nach Wiesbaden holte. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Aber es könnte sein, dass die jüdischen Kinder auch in Neu-Isenburg zunehmend antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren. Bekannt ist, dass sie deswegen ab 1937 nicht mehr in die dortige Volksschule gehen durften, sondern nach Frankfurt gebracht werden mussten. Aber davon kann der vierjährige Heinz noch nicht betroffen gewesen sein.
Auffällig ist, dass Hedwig am Tag der Reichspogromnacht, am 9. November 1938, ihre bisherige Wohnung verließ, die sie nach der Eheschließung ihrer Schwester im März 1937 vermutlich alleine mit Heinz bewohnt hatte. Ob dieser Umzug vermutlich in die Herderstr. 11 – der Eintrag ist nur noch schwer zu lesen – aus finanziellen Gründen geschah oder ob entsprechender Druck auf sie ausgeübt worden war, lässt sich nicht mehr sagen. Lange blieben die beiden dort aber nicht. Die neu angelegte Gestapokarteikarte belegt, dass sie bereits vier Wochen später am 28. Dezember 1938 in die Pagenstecherstr. 1 – „bei Pohl“ – umgezogen waren.[71]
Vermutlich ist aus dem Jahr 1939 ein Foto von Heinz erhalten geblieben.[72] Es zeigt ihn mit einer Schultüte und wurde wohl am Tag der Einschulung aufgenommen. Man sieht ein glücklich lächelndes Kind, das offenbar glaubte, sein Leben noch vor sich zu haben. Die Spuren des ertragenen Leids, die Trennung von der Mutter, der Verlust der Großmutter und der Tante, die materielle Not – all das sucht man im Gesicht, in den Augen des Jungen vergebens. Er konnte nicht ahnen, dass über sein Leben bereits das Todesurteil gefällt war.
Wenn auf der genannten Karteikarte kein weiterer Umzug von Hedwig und Heinz eingetragen ist, dann zeigt das einmal mehr, wie wenig verlässlich diese von der Bezirksstelle geführte Kartei ist. Denn es gab noch weitere belegte Wohnungswechsel in der folgenden Zeit. Am 22. Januar 1940 wurde eine „JS-Mappe“, eine Judensicherungsmappe, für Hedwig Grosshut angelegt, die damals noch in der Pagenstecher Straße wohnhaft war.[73] Diese von der Devisenstelle in Frankfurt geführten Mappen dienten zur Kontrolle jüdischer Vermögen. Mit der Festlegung eines bestimmten Freibetrags, der abhängig vom jeweiligen Einkommen und Vermögen war, wurde den Betroffenen faktisch das Verfügungsrecht über ihre Finanzen entzogen. Hedwig wurde damals ein zunächst vorläufiger Freibetrag von 150 RM zugestanden, den sie für ihren monatlichen Lebensunterhalt ausgeben durfte.[74] Eine endgültige Festlegung dieses Betrags erfolge nach Abgabe einer sogenannten Vermögenserklärung, in der dieses sowie das jährliche Einkommen und die monatlichen Ausgaben detailliert aufzuführen waren.
Hedwigs Angaben machen deutlich, in welcher schwierigen Lage sie sich befand. Vermögen hatte sie keines und auch ihr gesamtes Einkommen für das Jahr 1939 gab sie mit 444 RM an, einschließlich der ihr von der Jüdischen Wohlfahrt gewährten Unterstützungsgelder. Von den knapp 40 RM, die ihr und ihrem Sohn monatlich zur Verfügung standen, gingen dann noch einmal 16 RM Miete ab.[75] Welcher Kampf ums tägliche Überleben, unabhängig von all den anderen Drangsalen, damit verbunden war, lässt sich nur vage erahnen. Ein Sicherungskonto musste sie angesichts dieser Situation nicht anlegen und man erlaubte ihr, die Hilfsgelder in bar entgegennehmen zu dürfen.
Während dieser Zeit kam es zu einer erneuten Trennung von ihrem Sohn. Auf der ersten Gestapokarteikarte heißt es, Heinz sei am 14. Juli 1941 nach Neu-Isenburg abgemeldet worden. Offenbar wurde in den Unterlagen des Heims festgehalten, dass er damals nur vier Wochen blieb und am 16. August 1941 wieder nach Wiesbaden zurückkehrte.[76] Dies wurde vermutlich im Heim selbst festgehalten, auf einer der Gestapokarteikarten ist dieser Termin nicht notiert. Möglicherweise war die schwierige Situation, in die das Heim unter dem wachsenden Druck der Nazis selbst inzwischen geraten war, der Grund dafür, dass er dort nicht bleiben konnte.
Vielleicht war die Rückkehr von Heinz auch der Grund dafür, dass sie erneut umzog, vielleicht auch umziehen musste. Vermutlich auf eine Anfrage der Devisenstelle schrieb sie am 22. September 1941 eine Karte an die Behörde, in der es heißt:
„Ich möchte Ihnen mitteilen, daß sich in meiner Angelegenheit nichts geändert hat, nur meine Anschrift ; dieselbe lautet: Hedwig Grosshut, bei Rottenberg, Wiesbaden, Rheinstr. 81“.[77] Als sie das schrieb, wohnte sie bereits in dem Haus, das inzwischen auch zu einem Judenhaus geworden war. Aber auch hier ist nirgendwo festgehalten, wie lange sie dort bleiben konnte.
Ihre nächste und wohl auch letzte Station in Wiesbaden war dann das Judenhaus Ludwigstr. 3. Auf einer der in der Jüdischen Gemeinde geführten Listen, die leider keine Datierungen enthält, ist sie ohne Heinz zunächst nur handschriftlich eingetragen worden. Ihr Name steht unter denen von Lina und Alexander Turner-Still, was vermutlich bedeutet, dass sie, vielleicht auch sie und Heinz, in deren Wohnung, bestehend aus einem Zimmer plus Küche, einquartiert worden war resp. waren.[78]
Auf einer weiteren, später entstandenen Liste, bei der der freigewordene Wohnraum nach der Deportation vom 10. Juni 1942 erfasst und die ebenfalls bei der Bezirksstelle erstellt wurde, sind Hedwig und Heinz jetzt maschinenschriftlich mit der dortigen Adresse und der Anmerkung „Teilwohnung (mit Turner-Still)“ eingetragen. Diese bestand weiterhin aus dem einen Zimmer und der Küche.[79]
Beide Namen sind durchgestrichen. Die Wohnung war inzwischen frei. Hedwig Grosshut und ihr 9-jähriger Sohn Heinz waren mit etwa 360 anderen Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden, darunter auch viele Bewohner des Judenhauses Ludwigstr. 3, am 10. Juni 1942 über Frankfurt nach Lublin und dann von dort in das Vernichtungslager Sobibor deportiert worden.
Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft versuchte Hedwigs Schwester Franziska, etwas über das Schicksal der beiden in Erfahrung zu bringen.[80] Vergebens. Der „Meister aus Deutschland“ hatte auch ihnen ein „Grab in den Wolken“ bereitet.
Bis 1935 war Franzi, wie Franziska genannt wurde, auch noch bei Blumenthal angestellt. Am 31. August 1935 stellte ihr die jüdische Prokuristin Rosa Schartenberg noch ein hervorragendes Zeugnis aus, in dem es heißt:
„Fräulein Grosshut besitzt gute Warenkenntnisse, ist sehr gewandt im Verkauf, sodass wir sie auch vorübergehend an jedem anderen Lager, speziell Modewaren und Putz etc. verwenden konnten. Auch ist Fräulein Grosshut durchaus ehrlich, fleissig und zuverlässig, sodass wir sie in jeder Hinsicht empfehlen können.“ Der Grund für das Ende ihrer Beschäftigung war die Übernahme, sprich: Arisierung, des Kaufhauses durch ‚Krüger & Brandt‘.[81]
Die Empfehlung nutzte ihr leider nur wenig. Ende September, also nach nur 4 Wochen wurde sie dann von den neuen Eigentümern entlassen.[82] In einem weiteren Schreiben wurde der Firma bestätigt – vom wem ist dem Dokument leider nicht zu entnehmen –, dass die Firma bereit sei, „im Austausch für Franzi Grosshut eine Verkäuferin, die Spezialistin für Kleider- bzw. Kleiderstoffe sein muss, bei uns einzustellen.“[83] Gebraucht hätte man sie also schon, aber für eine Jüdin gab es keinen Platz mehr in dem deutschen Unternehmen.
Franzi fand dann in Mainz in der Firma ‚Stubbs-Quelle ab November 1935 eine neue Anstellung, allerdings mit einem Gehalt, das mit 125 RM nur noch halb so groß wie bisher war.[84]
Im März 1937 heiratete sie den gelernten Metzger Sally Kahn aus Nordenstadt bei Wiesbaden. Der am 18. November 1909 geborene einzige Sohn von Alfred und Martha Kahn, geborene Meyer, hatte zunächst für 9 Jahre die Volksschule seines Heimatorts besucht, schloss aber dann seine schulische Ausbildung mit dem sogenannten Einjährigen, der heutigen Mittleren Reife, ab, um dann gemäß der Familientradition ebenfalls eine Ausbildung zum Schlachter zu machen. Sein Vater hatte neben seiner Metzgerei auch einen bescheidenen Viehhandel. Nach Aussagen von Dorfbewohnern im Entschädigungsverfahren konnten beide Betriebe nur einen eher geringen Umsatz erwirtschaften, aber es reichte aus, um davon die kleine Familie zu ernähren.
Eine gewisse Berühmtheit erlangte aber die Familie durch die sportlichen Erfolge ihres Sohnes in einer eher außergewöhnlichen Sportart, nämlich dem Kunstradfahren. Zusammen mit zwei anderen „Norschter“, Nordenstadter, Jungen, beide keine Juden, bildete er ein Team, das mehrfach die Deutsche Meisterschaft und sogar einen europäischen Titel gewann. Nach 1933 durfte Sally dann nicht mehr mitfahren, was das Ende dieses erfolgreichen Teams bedeutete.[85]
Nach dem Tod seines Vaters im November 1933 übernahm Sally die Stellung seines Vaters als Metzger und auch als Viehhändler. Ob die Familie auch einen Laden in Nordenstadt hatte, ist nicht
sicher. Sally selbst gab an, dass er im Schlachthof Kälber schlachtete und das Fleisch dort anschließend direkt an die anwesenden Metzger oder Hotels verkaufte.[86] Die jüdischen Metzger waren die Berufsgruppe, die den wachsenden Antisemitismus in Wiesbaden als Erste kollektiv und in organisierter Form, nämlich durch ihre „christlichen“ Kollegen, zu spüren bekam.[87] Auch Sally Kahn wurde der Zutritt im Schlachthof verwehrt und auch er wurde mit etwa 80 seiner jüdischen Berufsgenossen 1934 von der SA durch die Wiesbadener Straßen getrieben, ohne dass einer der Passanten dagegen eingeschritten wäre. Auch er wurde trotz seiner Bekanntheit Opfer von Pöbeleien und schlimmer noch, von Schlägen und Tritten.[88]
1936 gab er die Metzgerei und den kleinen Viehhandel auf, fand aber eine Anstellung bei der Weingroßhandlung Walter Siegel, die auch Weinberge und eine Kellerei in Osthofen besaß. Von Anfang 1937 bis zum 10. November 1938 arbeitete er dann im Büro der Adolf Salberg GmbH. in der Taunusstr. 1, einem Vertrieb für Geschenkartikel. Beides waren Unternehmen in jüdischer Hand und beide stellten Sally Kahn später ausgezeichnete Zeugnisse aus,[89] allerdings war der Berufswechsel jeweils mit erheblichen Lohneinbußen verbunden.
Nachdem im März 1937 die Ehe geschlossen worden war, zog das Paar zusammen in die Luisenstr. 47,[90] in ein Haus, das der Alteisenhandlung ‚Gebr. Ackermann‘ gehörte, deren Besitzer die Brüder Wilhelm und Adolf Ackermann waren. Letzterer wohnte selbst auch dort im Vorderhaus.
Am 10. November 1938 wurde dann im Gefolge der Pogromnacht auch Sally Kahn verhaftet und als „Aktionsjude“ in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Der Mitgefangene Walter Rosengart, der mit ihm zusammen im Block V festgehalten wurde, bezeugte in einem Schreiben, dass Sally während seines Aufenthalts von Kapo-Leuten und SS-Wachmannschaften mehrfach zusammengeschlagen wurde und er – es war kalter Winter auf dem Ettersberg – 4 Wochen ohne Schuhe barfuß umherlaufen musste, weil er seine Schuhe im Morast verloren hatte,. Er sei ganz verzweifelt gewesen, als er eines Abends über eine Lautsprecheranlage zum „Großen Tor“ gerufen wurde, wo er die ganze Nacht, Sally gab sogar 24 Stunden an, strammstehen musste. Er sei am nächsten Morgen „völlig niedergebrochen“ zurück in die Baracke gekommen.[91]
Am 16. Januar 1939 wurde er entlassen, nachdem seine Frau Visa für eine Ausreise – zu Recht spricht Sally von „Flucht“ – nach Schweden besorgt hatte. In Wiesbaden hatte er sich bis dahin täglich bei der Gestapo zu melden, musste sich sogar noch einer Blinddarmoperation unterziehen, bevor er 9 Tage danach mit seiner Mutter Martha und seiner Frau Franziska die Fahrt nach Schweden antreten konnte.[92] Das Datum, der 13. Februar 1939, ist auch auf seiner Gestapokarteikarte eingetragen.
Dort kamen sie völlig mittellos an, denn auch sie durften nur die üblichen 10 RM mitnehmen. Das Inventar der Wohnung hatte Franziska zuvor verkaufen müssen, um die Kosten für die Ausreise aufbringen zu können. Erworben, besser: erpresst hatte das Mobiliar ein SA-Mann aus Wiesbaden-Bierstadt, der dafür nur 250 RM zu zahlen bereit war.[93]
In Stockholm, wo die Familie zunächst angekommen war, durfte sie nicht bleiben, sondern musste nach Malmö umziehen, wo sie in der ersten Zeit von einer Wohlfahrtsorganisation unterstützt wurde. Ab Sommer wurden Franziska und Sally als landwirtschaftliche Hilfskräfte eingesetzt, eine ungewohnte und schwere Arbeit für beide. Während des Winters, wenn die Arbeit eingestellt wurde, blieben sie wieder auf Unterstützung angewiesen. Erst 1941 erhielt Sally, weil er körperlich nicht mehr für die harte Arbeit geeignet war, eine nur schlecht bezahlte Stelle als Lagerarbeiter. Es ging ihnen damals, als sie der Hilferuf der nach Polen deportierten Angehörigen erreichte, auch selbst nicht gut, aber ohne Frage entscheidend besser als diesen. Ihr Leben war nicht mehr bedroht. Immerhin reichte auch der Lohn aus, um ein gemeinsames möbliertes Zimmer anzumieten.[94] Am 14. Februar 1944 und am 17. Januar 1947 wurden dem Paar die beiden Söhne Fred und Rolf geboren.[95]
Als Folge der Verfolgung, besonders der Wochen in Buchenwald, blieb Sally Kahn Zeit seines Lebens ein gezeichneter Mann, physisch wie auch psychisch. Geplagt von Schlaflosigkeit und Angstattacken war er oft für längere Perioden nicht arbeitsfähig. 1957 wurde die Firma, die sehr viel Rücksicht auf seine Leiden genommen hatte, geschlossen. Einen neuen Arbeitsplatz fand er nicht mehr, weshalb Franzi für den Lebensunterhalt der inzwischen vierköpfigen Familie sorgen musste. Seit 1953 war sie zunächst als angestellte Vertreterin für Stoffkollektionen unterwegs. 1957 machte sie sich in diesem Beruf selbstständig. Zusammen mit einer Angestellten betrieb sie das Geschäft in ihrer Wohnung in Malmö.
Im Jahr 2013 besuchte ein Sohn von Franzi und Sally Kahn mit zwei seiner Söhne Nordenstadt, den Heimatort seines Vaters, und ließ sich im Heimatmuseum die verschiedenen Pokale zeigen, die sein Vater bzw. ihr Großvater in seiner Jugend, bevor er zum Paria geworden war, auch zur Ehre Nordenstadts errungen hatte.[96]
Das Exilland von Franziskas Familie wurde nach dem Ende des Krieges auch für kurze Zeit der Aufenthaltsort für Sally und Sina Grosshut. Palästina war aus verschiedensten Gründen nicht zu ihrer neuen Heimat geworden. Nachdem Sally und Sina ihr Antiquariat verkauft hatten, engagierte sich Sally noch mehrere Jahre ehrenamtlich für die Umerziehung deutscher Kriegsgefangener im Lager 307 Fanara in Ägypten. Er schrieb Artikel für die in Haifa hergestellte Lagerzeitung, veröffentlichte im ‚Tribünenverlag‘ einen Roman für die Gefangenen und produzierte sogar ein Hörspiel, das im Lager aufgeführt wurde.[97] In dem Schreiben eines ehemaligen Mitarbeiters des Camps und des ‚Tribüne-Verlags‘ wurde im Rahmen des Entschädigungsverfahrens die Rolle von Grosshut besonders hervorgehoben: „Viele der Arbeiten Dr. Grosshuts wurden in den Zeitschriften unseres Tribueneverlags veröffentlicht. Es ist unzweifelhaft, dass der durchaus positive demokratische Geist, der die Arbeiten Dr. Grosshuts durchwehte, sich günstig auf die Mentalität der deutschen Gefangenen ausgewirkt hat.“[98]
Für Sally bedeutete diese Aufgabe noch einmal eine höchst produktive Phase in seinem Leben, die ihn auch mental noch einmal aufrichtete,[99] aber finanziell brachte diese ehrenamtliche Tätigkeit leider keine Verbesserung seiner Lage.
Aber letztendlich waren nicht die materielle Not, auch nicht das Gefühl, von der eigenen ursprünglichen Kultur weitgehend abgeschnitten zu sein, sondern eine ganz andere Veränderung der Grund dafür, dass die beiden 1948 das Land verließen.
Schon in Palästina hatten sich bei Sally erstmals Symptome einer Krankheit gezeigt, der er später erliegen sollte. Sina beschreibt in ihrer Biografie eindringlich, wie sie erstmals in einer Nacht einen epileptischen Anfall ihres Mannes erleben musste. Dass es sich um keinen einmaligen Anfall handelte, wie zunächst geglaubt, stellte sich bald heraus. Um die Kosten für die medizinische Versorgung aufbringen zu können, entschlossen sich die beiden, ihren ohnehin nur noch schlecht gehenden Laden zu verkaufen. Der neue Inhaber ersetzte umgehend die deutsche, durch hebräische und englische Literatur.
Im April 1948 konnten sie dann Palästina verlassen. Schweden hatte ihnen ein Einreisevisum ausgestellt, nachdem eine Bekannte ihnen einen Untersuchungstermin bei einem Stockholmer Neurologen verschafft hatte. Die Zeit in Schweden war für die beiden nach all den Entbehrungen eine glückliche Zeit. Sally konnte dort seine Interviews mit Thomas Mann, mit Max Brod oder Hermann Kesten veröffentlichen und fand so auch wieder die lange vermisste öffentliche Anerkennung. Sina erhielt eine Arbeitserlaubnis und lernte in einer Handtaschenfabrik die Produktion dieser Modewaren und schuf mit der Bemalung derselben sogar eigene Kreationen, die sie verkaufen konnte, um damit ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Inzwischen hatte sich Sallys Schwester um Visa für die USA gekümmert, sodass die beiden bald den eigentlich schon lange gehegten Plan, nach Amerika zu gehen, realisieren konnten. Am 14. Oktober 1949 kamen sie in New York an.[100] Aber die damit verbundenen Hoffnungen erwiesen sich bald als Illusion. Zwar fand Sina schnell einen schlecht bezahlten Job als Porzellan-Dekormalerin, den sie aber nach einem halben Jahr wieder aufgab. Ein reiches jüdisches Ehepaar mit zwei Kindern bot ihnen eine Anstellung in ihrem Haushalt an. Sie sollte die Rolle der Köchin, Sally die des Butlers übernehmen. Für jemanden, der nicht kochen konnte, und für jemanden, dem das Antichambrieren schon immer ein Gräuel war, keine leichte Aufgabe. Geradezu groteske Situationen müssen sich in dieser einen Woche, die sie dort durchhielten, zugetragen haben.[101]
Anschließend fanden sie Arbeit in einer Kostümfabrik: Hilfsarbeiten, die intelligenten und kreativen Menschen wie Sally und Sina keine Befriedigung und Erfüllung bringen konnten. Aber sie hielten sieben Jahre durch, Jahre, in denen sich die Krankheit von Sally zunehmend verschlimmerte, sich die Anfälle häuften und sich auch die Beziehung der beiden zueinander veränderte. „Ich ertrug dieses Leben mit zusammengebissenen Zähnen, denn mir war klar, daß zumindest im Moment keine andere Möglichkeit existierte, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, aber für Sally war es eine wahre Tragödie. Daß das sein Leben sein sollte, vermochte er nicht zu fassen. Er war verbittert, weil er einfach nichtglauben konnte, daß er, der promovierte Jurist, dem sich einst eine große Zukunft als Anwalt zu öffnen schien, in einer solch sinnlosen und dummen Arbeit untergehen sollte. (…) Er verließ kaum das Haus – ausgenommen den Gang zur Fabrik –, nicht nur Furcht vor einem Anfall, sondern weil er überhaupt Angst hatte, die Straße zu betreten.“[102]
Was ihn noch aufrecht erhielt bzw. immer wieder aufrichtete, waren Briefe bekannter oder sogar befreundeter Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Arnold Zweig oder Lion Feuchtwanger.[103] Gerne hätte er zu diesem Kreis erlauchter Autoren dazugehört, aber er brachte nicht mehr die Kraft für eine solche schöpferische Arbeit auf, begann stattdessen zu resignieren, hoffte bestenfalls noch, „daß der eine oder andre Verleger ihn eines Tages aus dem Halbdunkel hervor ans Licht ziehen würde“.[104] Aber nichts dergleichen geschah.
Immerhin wurde Sally nach langem Kampf, der erst durch ein Urteil des Oberlandesgerichts in Frankfurt 1965 beendet wurde, eine Entschädigung von 35.000 DM für seinen Schaden im beruflichen Fortkommen zugestanden.[105] In einer ersten Entscheidung hatte die Behörde den Antrag abgelehnt, ihm nur einen Pauschalbetrag von 5.000 DM zugestehen wollen.[106] Ohne Erfolg blieb dagegen ein Antrag auf Entschädigung für das körperliche und psychische Leiden. Sally sah seine Erkrankung an Epilepsie im Wesentlichen als verfolgungsbedingt an, was aber von Gutachtern bestritten wurde.[107]
Mit der Entschädigung kauften die beiden von Sinas Schwester eines von deren zwei Geschäften für Modeschmuck und Taschen ab.[108] Durch seine Mitarbeit im Laden, die er recht frei bestimmen konnte, sollte Sally aus der für ihn als Fron empfundenen Fabrikarbeit befreit werden. Aber eine Verbesserung seines seelischen Zustands brachte auch diese Veränderung erwartungsgemäß nicht. Seine Anfälle traten mit der Zeit immer häufiger auf, oft mehrmals am Tag, sodass der Laden oft geschlossen bleiben musste. Das Zusammenleben wurde immer schwieriger.
Als er 1966 vom Internationalen PEN-Club zu einem Kongress nach New York eingeladen wurde, konnte er dieser Einladung schon nicht mehr Folge leisten, Sina fuhr an seiner Stelle, kehrte aber völlig desillusioniert von dort zurück. In ihren Gesprächen mit anderen „Schriftstellerfrauen“ hatte sie, die von Bemebenek als eine der ersten Feministinnen Palästinas bezeichnet wurde,[109] weitgehend vergebens versucht, deren Rolle im Literaturbetrieb zu problematisieren.
Es klingt eigenartig, aber Sina wandte sich angesichts der Enttäuschungen, die sie mit Menschen, auch mit ihrem Mann Sally, erlebt hatte, Affen zu, die sie in ihrem Haus hielt, anfangs auch noch zusammen mit Sally, der aber für diese Tiere nichts empfand, sich vielmehr durch sie gestört fühlte, was die Beziehung des Paares noch zusätzlich belastete. Auch wenn die beiden noch zusammen wohnten, hatten sie sich tatsächlich schon längst getrennt. Und auch für die Affen, die zumeist in einem engen Käfig gehalten wurden, muss, trotz bester Absichten von Sina, das Leben eine Qual gewesen sein.
Kurz vor seinem Lebensende hatte Lion Feuchtwanger Sally gebeten, einen Beitrag für einen Gedenkband zu seiner Person zu schreiben. Dieser sah das als große und letzte Chance für seinen eigenen literarischen Durchbruch an. Am 6. Oktober 1969 vertraute er Sina an, dass er am kommenden Morgen mit dem Artikel über den hochgeschätzten und so erfolgreichen Kollegen beginnen wolle. Noch in der Nacht, am 7. Oktober, verstarb er im Badezimmer des Hauses in New Jersey in einem schweren Todeskampf, den Sina hilflos mitansehen musste, vermutlich an einem Herzinfarkt.[110]
Zwei Jahre nach seinem Tod verkaufte Sina den Nachlass ihres Mannes an die Universität von New Hampshire und zog mit ihren beiden Affen nach Kalifornien. Weitere Tiere kamen im Laufe der Zeit hinzu. Sina verstarb am 7. Mai 1998 im Alter von 93 Jahren in New Jersey.[111]
Abend 1945
Der Abend ist mild und die Lampe brennt,
ich suche, ich suche …..
Die Zeitung hunderte Namen nennt,
Ich suche, ich suche
Es stehen die Namen in Glied und Reih,
Sie kommen aus vielen Landen,
Und ihre Martern stehen dabei,
Bei den Toten, die erstanden.
Ach, die ich liebte, sind nicht dabei,
Nicht dabei bei den lebenden Toten,
Es stehen die Namen in Glied und Reih,
Die apokalyptischen Boten.
Doch die ich liebte, sie sind es nicht,
Die Hände zittern im Scheine,
Die Augen, gerötet, wandern im Licht,
Ich weine.
Der Abend ist mild und die Lampe brennt,
Ich suche, ich suche …..
Die Zeitung hunderte Namen nennt,
Ich suche, ich suche …..
S. Grosshut [112]
Veröffentlicht: 27. 10. 2026
<< zurück weiter >>
Anmerkungen:
[1] Bergmann, Tumulte-Excesse-Pogrome, S. 718 ff.
[2] Siehe z.B. im Geburtseintrag von Sally Grosshut, Geburtsregister Wiesbaden 1447 / 1906, oder im Vorwort von Lothar Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 5.
[3] Ludwig hatte noch mindestens einen älteren, um 1871 geborenen Bruder Dwoje und zwei Schwestern, die um 1876 geborene Ryfka und die 1880 geborene Fradel, deren Schicksal aber im gegebenen Rahmen nicht verfolgt werden kann. Zur Genealogie der Familie Grosshut siehe online die Angaben unter Jewish-Gen, die allerdings eine Registrierung erfordern, https://www.jewishgen.org/. (Zugriff 30.10.2026).
[4] https://www.jewishgen.org/search/record-list.php?df=PLKRAKVRM. (Zugriff: 28.10.2026). In einer Familienchronik wird dieses Datum als das tatsächliche Heiratsdatum ausgegeben, siehe https://ics.uci.edu/~dhirschb/genealogy/Krakow/Families/Grosshut.html. (Zugriff: 28.10.2026).
[5] HHStAW 469/33 4369 (2).
[6] Vorwort Bembenek zu Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 5.
[7] HHStAW 405 2926 (573).
[8] Geburtsregister Wiesbaden 899 / 1902
[9] HHStAW 408 123.
[10] Geburtsregister Wiesbaden 1441 / 1903,
[11] Geburtsregister Wiesbaden 1447 / 1906.
[12] HHStAW 519/3 2005 (3).
[13] Geburtsregister Wiesbaden 1990 / 1908 und Sterberegister Wiesbaden 868 / 1910.
[14] Geburtsregister Wiesbaden 1620 / 1910.
[15] Geburtsregister Wiesbaden 872 / 1914.
[16] Vorwort Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 5.
[17] HHStAW 685 216a (5, 8).
[18] Ebd. ((9).
[19] Ebd. (28-41).
[20] Ebd. (17).
[21] Ebd. (19 f.).
[22] Ebd. (21).
[23] Ebd. (72).
[24] Ebd. (70).
[25] Ebd. 76.
[26] Ebd. Die aufgeführten Einkommen der Kinder sind in ebd. (12) angegeben.
[27] HHStAW 518 757 (13, 14, 53 ff.).
[28] HHStAW 685 216a (12).
[29] 1939 konnte die Familie Sandel über England in die USA ausreisen.
[30] Ebd. (76). Unklar ist, welches Geschäft damit gemeint sein könnte. Ein großes Kaufhaus mit diesem Namen gab es in Wiesbaden nicht. In der Wilhelmstr. 16 lag damals ein Korsettgeschäft Guthmann, möglicherweise war aber auch das Kaufhaus Marx Guthmann in Groß-Gerau gemeint.
[31] Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘
[32] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020310/0001/112132897/001.jpg und https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020310/0001/112132897/002.jpg. (Zugriff 28.10.2026).
[33] https://www.neu-isenburg.de/de/microsite/gedenkbuch/namen/grosshut-heinz. (Zugriff 28.10.2026).
[34] HHStAW 685 216a (12).
[35] Heiratsregister Wiesbaden 363 / 1925.
[36] HHStAW 518 2090 (4, 24, 25, 41).
[37] Zu seiner Biografie siehe HHStAW 518 12516 (23).
[38] Ebd.
[39] HHStAW 518 12516 (8 f.).
[40] Auch Hedwig und Franziska waren laut Jüdischem Adressbuch Mitglieder in der ‚Sportgruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten‘, siehe Jüdisches Adressbuch von 1935, S. 245. Ob sie das aktiv aber 1935 noch waren, ist eher zweifelhaft.
[41] Vorwort Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 7. Siehe dazu die folgende Nachricht aus dem „Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt“ vom Januar 1928:
„In Wiesbaden wurde vor zirka einem Jahre der Sportklub Hakoah Wiesbaden gegründet, der zurzeit über 50 Mitglieder zählt. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Sportleute, die bürgerlichen Vereinen dem Judentum entfremdet werden, in seine Reihen zu bringen. Der Vorstand, dem als Vorsitzender Herr Rückersberg angehört, hält die Mitglieder strengstens an, nichts zu tun, was gegen die heiligen Gesetze verstößt. Im letzten Jahre konnte der Sportklub Hakoah Wiesbaden die A-Meisterschaft im Handball erringen und kämpft heute in der Liga des Frankfurter Landesverbandes. (…)“
[42] HHStAW 518 12516 (10).
[43] Ebd. (12, 13). Ein ähnlich lautendes Dankschreiben wurde 1928 auch vom Süddeutschen Fußballverband verfasst, ebd. (14).
[44] HHStAW 518 12516 (23)..
[45]Zu seiner Leidensgeschichte – dass er überhaupt am Leben blieb, verdankte er eher zufällig einem Streik der französischen Bahnarbeiter – siehe den Artikel von Rolf Faber in Faber / Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 92-95.
[46] HHStAW 518 12516 (73).
[47] S. Grosshut, Mosaik eines Lebens, S. 43-45.
[48] Ebd. S. 27.
[49] Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Sina sich in ihrer Biografie intensiv mit dem Verhältnis zu ihrem Vater auseinandergesetzt hat, einem Mann, den sie, wie sie selbst schrieb, wegen seiner Selbstbezogenheit und seiner Haltung gegenüber Frauen hasste. Bei einer absolut ungerechtfertigten Bestrafung hatte der jähzornige Mann sie so schwer verletzt, dass sie zeitlebens ein verkürztes Bein und einen humpligen Gang davontrug. Zwei Jahre befand sich Sina als junges Mädchen alleine in der Schweiz, wo sie einer Therapie unterzogen wurde, die man aus heutiger Sicht nur als Folter bezeichnen kann: „Zwei endlos lange Jahre wurde ich also dort in eine Art Korsett geschnallt, das fest mit dem Bett verbunden war und auch mich so zu vollständiger Bewegungslosigkeit verurteilte. Nur während des zwei- stündigen allmorgendlichen Sonnenbads wurde ich davon befreit und dann noch einmal pro Monat für jeweils eine halbe Stunde, um ein Bad nehmen zu können. Ansonsten durfte ich weder sitzen noch mich für auch nur einen Moment auf die Seite legen. Immer lag ich flach, ohne Kopfkissen, ans Bett festgeschnallt, auch beim Essen und Trinken. Die seelische Qual, die mir dieses Sich-nicht-bewegen-Dürfen verursachte, grenzte ans Unerträgliche, und manchmal hatte ich das Empfinden, daß mir vor Sehnsucht das Herz brechen würde, denn ich wollte so gerne gehen und lag doch wie eine Tote im Bett.“ Ebd. S. 17.
[50] Die Darstellung folgt den Ausführungen von Sina Grosshut, Mosaik eines Lebens S. 36. Siehe dazu auch HHStAW 518 12517 (9-11). Laut einem Bericht in der Frankfurt Zeitung vom 24.4.1933 starb Salomon Rosenstrauch an den Folgen eines Herzinfarkts, nachdem zwei junge Männer in die Wohnung eingedrungen waren. Irgendwelche Verletzungen habe der Körper nicht aufgewiesen, so der behandelnde Arzt. Laut einer Meldung des ‚Evening Standard‘ hatte man Frau Grosshut zwingen wollen, den Tod durch Herzversagen zu bescheinigen. Im Entschädigungsverfahren wurde vonseiten der Behörden die hanebüchene Auffassung vertreten, Sina, die bereits seit Längerem formal Inhaberin war, und ihre Mutter hätten das Geschäft durch freiwilligen Entschluss und nicht infolge der Ermordung ihres Vaters resp. Ehemannes und der anschließenden Drohungen aufgegeben, was allerdings später revidiert wurde.
[51] Grosshut, Mosaik eines Lebens, S. 45 f.
[52] Sally Grosshut sagte im Entschädigungsverfahren aus, der Tod seines Vaters habe etwa ein Jahr nach dieser Aktion stattgefunden, HHStAW 518 12516 (12). Anders Sina Grosshut, die in ihrem Buch angibt, der Tod sei bereits einen Monat nach diesem Ereignis eingetreten, siehe Grosshut, Mosaik eines Lebens, S. 69. Diese Chronologie wurde, anders als von Bembenek, auch von Faber übernommen, siehe Faber / Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 92-95.
[53] https://www.michelsberg-wiesbaden.de/alle-namen-mit-den-nachtraegen-aus-dem-jahre-2023/. (Zugriff 28.10.2026).
[54] HHStAW 518 12516 (139).
[55] Zit. nach Maurer, Abschiebung und Attentat, S. 61.
[56] Broszat; Frei, Dritte Reich im Überblick, S. 247.
[57] Im Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘ für die Familie Grosshut heißt es, dass „Rosa Großhut, ihre beiden Töchter Irma und Hedwig sowie deren fünfjähriger Sohn Heinz als staatenlose Ostjuden an die polnische Grenze abgeschoben (wurden)“. Diese Aussage ist in doppelter Weise nicht richtig, denn Hedwig und Heinz wurden damals nicht abgeschoben. Sie waren zudem auch keine „staatenlosen Ostjuden“, sondern alle Ostjuden mit polnischer Staatsangehörigkeit. Genau Letzteres war bzw. wäre die Voraussetzung dafür gewesen, dass sie überhaupt hätten abgeschoben werden können. Leider ist ein Zugriff auf das Erinnerungsblatt zurzeit online nicht möglich. Auch K. Rönsch hat in ‚Wiesbadens jüdische Juristen‘ die Auffassung, dass auch Hedwig mit ihrem Sohn damals deportiert und anschließend in Sobibor oder Majdanek ermordet worden seien, übernommen. Siehe Faber / Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 64 Anm. 13. Wenn dem tatsächlich so gewesen wäre, hätten sie kaum vier Jahre später auf der Deportationsliste vom 10.6.1942 stehen können.
[58] HHStAW 518 2099 (2).
[59] Ebd. S. 62 ff.
[60] HHStAW 685 216a (7).
[61] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de924631. (Zugriff: 28.10.2026).
[62] Zu Rywa Horowitz, deren Tochter Franziska zeitweise Bewohnerin des Judenhauses Herngartenstr. 11 war, siehe den dortigen Artikel über das Schicksal dieser Familie.
[63] HHStAW 518 2090 (13). Das Geschäft war aber offensichtlich nie auf ihren Namen umgeschrieben worden.
[64] Die letzten provisorisch eingerichteten Lager mit schlimmsten hygienischen Bedingungen wurden erst im Juli 1939 aufgelöst. Maurer, Abschiebung und Attentat, S. 65 f. In einem dieser Lager waren die Eltern von Herschel Grynspan, der, nachdem er von der Deportation seiner Eltern erfahren hatte, das Attentat auf den Legationsrat vom Rat in der Pariser Botschaft verübte, was dann wiederum die Reichspogromnacht zur Folge hatte.
[65] www.ushmm.org/online/hsv/wexner/cache/1602088086-1971444-RG-15.098M.0107.00000692.jpg. (Zugriff 28.10.2026).
[66] https://www.ushmm.org/online/hsv/wexner/cache/1602088086-1971444-RG-15.098M.0107.00000692.jpg. (Zugriff 28.10.2026).
[67] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1538194 und https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de245147. (Zugriff 28.10.2026).
[68] HHStAW 3008/1 (14).
[69] HHStAW 518 2099 (2).
[70] https://en.wikipedia.org/wiki/Bychawa. (Zugriff 28.10.2026). Die Mutter soll – so zumindest die Angabe im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz – allerdings in Majdanek ermordet worden sein, nachdem sie zuvor im Ghetto Izbica war, siehe https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de245147. (Zugriff 28.10.2026), aber im Gefangenenbuch von Majdanek ist sie nicht aufgeführt. Auch Bembenek / Dickel, Kein deutscher Patriot mehr, S. 13 nennen Majdanek als Sterbeort. Ebenfalls im Vorwort zu Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 15. Dass sie dort ermordet wurde, ist nicht ausgeschlossen, aber doch eher unwahrscheinlich. Problematisch ist auch die Angabe auf dem Namensband der Gedenkstätte am Michelsberg, wo als Ort von Rosa Mantel-Grosshuts Tod Lublin angegeben ist. Vermutlich wurde hier die Information ihrer Tochter Franzi übernommen. Sie hatte auf der 1991 in Yad Vashem eingereichten ‚Page of Testimony‘ Lublin eingetragen, damit aber vermutlich nur die Region gemeint. Dass Sobibor der tatsächliche Ort ihres Todes war, ist hingegen sehr wahrscheinlich. Für Irma ist in der Namensliste der Opfer aus Wiesbaden kein Ort angegeben. Siehe zur Namensliste, wo man die Angehörigen der Familie Grosshut unter ‚Mantel‘ findet, unter https://www.michelsberg-wiesbaden.de/alle-namen-mit-den-nachtraegen-aus-dem-jahre-2023/. (Zugriff 28.10.2026). Aber mit großer Wahrscheinlichkeit wurde auch sie, wie die anderen Ghettobewohner auch, in Sobibor ermordet.
[71] Ob es sich bei den beiden im Adressbuch von 1938 dort gemeldeten P. und E. Pohl um jüdische Eigentümer handelte, ist nicht bekannt. Zwar gab es jüdische Bürger mit diesem Nachnamen, aber solche mit den genannten Initialen bei den Vornamen nicht.
[72] https://collections.yadvashem.org/en/photos/14166598. (Zugriff 28.10.2026).
[73] HHStAW 519/3 2005.
[74] Ebd. (1).
[75] Ebd. (3).
[76] https://www.neu-isenburg.de/de/microsite/gedenkbuch/namen/grosshut-heinz. (Zugriff 28.10.2026).
[77] Ebd. (5).
[78] Yad Vashem Archiv Record Group O.8, File Number 43.2 (142).
[79] Unter dem Namen von Lina Still ist auch der Mietpreis von 22,84 RM festgehalten, Yad Vashem Archiv Record Group O.8. File Number 43.1. (31, 33).
[80] https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/33/071401/aa/od/hd/001.jpg. (Zugriff 28.10.2026).
[81] HHStAW 518 18001 (8).
[82] Ebd., dazu (9).
[83] Ebd. (10).
[84] Ebd. (11).
[85] https://norschter-news.de/bericht-gedenken-an-die-deportation-1942/. (Zugriff 28.10.2026).
[86] HHStAW 518 18716 I (44).
[87] Bembenek / Dickel, Kein deutscher Patriot mehr, S. 31-34.
[88] HHStAW 518 18716 I (44).
[89] Ebd. (48, 49, 50).
[90] Ebd. (18).
[91] Ebd. (202).
[92] Ebd. (86).
[93] Über den Wert der Einrichtung konnte im Entschädigungsverfahren trotz zahlreicher Zeugenaussagen, von denen sich allerdings auch einige im Hinblick auf den Wert unsicher zeigten, keine Einigung erzielt werden. Kahns hatten ihren Wert mit insgesamt etwa 12.000 bis 14.000 RM angegeben, die Entschädigungsbehörde zweifelte angesichts der finanziellen Not, in der sich die Familie in den vergangenen Jahren befunden hatte, an einem so wertvollen Inventar. Ebd. (51, 52, 53, 102, 103, 104, 116, 118).
[94] Ebd. (44a).
[95] Ebd. (129). Dazu https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2262/images/816543-0-05230-00000?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=73609850. (Zugriff 28.10.2026).
[96] https://www.spd-wiesbaden.de/wp-content/uploads/sites/420/2023/03/NN-Jahrgang-2012_compressed-.pdf. (Zugriff 28.10.2026).
[97] HHStAW 518 12516 (6).
[98] Ebd. (26).
[99] Was alles in dieser Zeit entstanden ist, hat L. Bemebenek, der später auch noch mit Sina Grosshut in Kontakt stand und zumindest Teile des Nachlasses von Sally Grosshut sichten konnte, umfassend recherchiert. Siehe Vorwort von Lothar Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 14-17. Siehe aber auch die Zusammenstellung in Faber / Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 66.
[100] https://www.ancestry.de/search/collections/63303/records/4865888. (Zugriff 28.10.2026).
[101] Grosshut, Mosaik eines Lebens, S. 73 ff.
[102] Ebd. S. 75 f.
[103] Letzterer schickte Sally jährlich zu Geburtstag einen Scheck über 35 Dollar, die Sina angesichts des finanziellen Erfolgs, den Feuchtwanger mit seinen Romanen erzielte als Frechheit empfand, für Sally war weniger das Geld, als die in dem Stück Papier sichtbare Beziehung zu diesem großen Autoren der eigentliche Wert des Schecks. Damit fühlte er sich, obwohl weitgehend unbeachtet, doch dieser geistigen Elite zugehörig.
[104] Ebd. S. 78.
[105] HHStAW 518 (104-116).
[106] Ebd. (49-52).
[107] Ebd. (222-227).
[108] Es handelt sich um keine Buchhandlung, wie von Rönsch fälschlicherweise behauptet, siehe Faber / Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 65.
[109] Vorwort von Lothar Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 12.
[110] Grosshut, Mosaik eines Lebens, S. 142 f.
[111] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61260/images/death_index_1998_a-g-00445?queryId=b391209b-e6cf-4e96-ace2-12d64b1be1b8&usePUB=true&_phsrc=SbT3136&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=2366353. (Zugriff 28.10.2026). Nicht bekannt ist, wann sie nach New Jersey zurückkehrte.
[112] Zit nach Vorwort von Lothar Bembenek zu, Sally Grosshut, Schiedsrichter Rissing, S. 15 f.