Selma Straus, ihre Geschwister und ihre Kinder Hermann und Inge

 

Zerline Löwenberg war nicht die einzige ledige Mutter, die zuletzt im Judenhaus Ludwigstr. 3 wohnte. Auch Selma Straus lebte dort zuletzt seit November 1940 mit ihren beiden Kindern Hermann und Inge, die etwas jünger als die drei Kinder von Zerline waren, aber sicher dennoch dem ansonsten tristen Alltag durch gemeinsames Spielen im Hinterhof des Gebäudes zu entfliehen suchten. Dass diese zuletzt noch mit den vielen Kindern der anderen nichtjüdischen Familien in der Straße spielten, ist kaum vorstellbar. Aber im Haus selbst gab es mit den beiden Kindern von Johanna und James Stock, Rosel und Josef, die 1940 drei und sechs Jahre alt waren, noch weitere potentielle Spielkameraden.[1] Während die Löwenberg-Kinder 1940 17, 15 und 8 Jahre alt waren, hatten Selmas Kinder, der ältere Hermann, geboren am 28. September 1930, gerade das 10., seine Schwester, geboren am 9. Juni 1934, im Sommer das 7. Lebensjahr vollendet.[2] Es gab somit zuletzt Kinder in jeder Altersstufe in dem Haus, wenngleich ihre Lebensbedingungen in jeder Hinsicht völlig unzureichend waren, sie zudem jeden Tag mit ihrer Deportation rechnen mussten. Sicher konnten nicht alle ahnen, was das bedeuten würde.

Die Familien Löwenstein und Straus aus dem rheinhessischen Schornsheim

Da die Kinder von Selma Straus beide in Wiesbaden zur Welt kamen, kann man davon ausgehen, dass ihre Mutter bereits seit mindestens 1930 auch Bewohnerin der Stadt war. Den ersten Eintrag im Wiesbadener Adressbuch findet man aber erst in dem des Jahres 1936/37. Der Name Straus ist hier zwar mit „ß“ geschrieben und der Vorname nur mit einem „S.“ abgekürzt, da sie aber im Jüdischen Adressbuch von 1935 mit eben der gleichen Adresse Walramstr. 31 als „Selma Strauß, Hausgehilfin“ verzeichnet ist, muss es sich um die identische Person handeln.[3] Ihr Beruf der Hausgehilfin erklärt zudem, dass sie nicht schon früher in einem der Adressbücher in Erscheinung trat. Leider ist nicht bekannt, wann sie ihren Heimatort Schornsheim verlassen hatte, um, wie viele andere junge Frauen aus den Landgemeinden Rheinhessens, in einer der nahegelegenen Städte wie Mainz, Wiesbaden oder sogar Frankfurt eine Anstellung zu suchen.

Die kleinen Orte der Region, die oft schon auf eine lange Tradition jüdischen Lebens zurückblicken konnten, boten den Nachkommen der oft kinderreichen Familien mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts kaum noch eine Perspektive. Erste Spuren jüdischen Lebens lassen sich in Schornsheim zu Beginn des 18. Jahrhunderts nachweisen. Die meisten Namen der damals dort ansässigen Juden waren schon zu Beginn des folgenden Jahrhunderts wieder verschwunden, aber dafür waren damals noch andere hinzugezogen, darunter auch die Familie Löb, die Vorfahren von Selma, die später den Namen Löwenstein annahm und bald eine ganz zentrale Rolle in der Gemeinde spielte. Um 1850 gab es dort sechs Familien mit diesem Namen.[4] Deren Mitglieder waren als Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, als Schochet, aber auch in der bürgerlichen Gemeinde aktiv, etwa in der Funktion als stellvertretender Bürgermeister. Von den ausgewanderten Familienmitgliedern, die in Amerika zu Reichtum gekommen waren, flossen immer wieder Gelder in die Heimat zurück, die sowohl für die Renovierung der Synagoge als auch für die der evangelischen Kirche genutzt wurden. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Familie Löwenstein im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Ort ein hohes Ansehen genoss, zumal auch sie im Ersten Weltkrieg vorbehaltlos die deutschen Truppen in ihrem vermeintlichen Kampf zur Rettung des Vaterlandes unterstützt hatte.[5]
Ein Heymann Löwenstein, der älteste bekannte Ahn der Familie, war 1798 in Schornsheim verstorben und hatte mit seiner Frau Sara, geborene Beno, drei Söhne hinterlassen.[6] Hermann Heyum, der mittlere der drei und von Beruf Metzger, hatte am 24. November 1857 Magdalena Blum geheiratet und mit ihr mindestens vier Kinder gezeugt.[7] Der um 1804 geborene Abraham / Affrom, das letzte der vier Kinder, wurde zusammen mit seiner Frau Johanetta Michel, die ebenfalls aus Schornsheim stammte, Vater von sieben Kindern.[8] Der Zweitälteste Hermann II., geboren am 5. Januar 1830, und seine Frau Magdalena Blum, geboren am 24. Juni 1829 in Steinbach, waren die Großeltern mütterlicherseits von Selma.[9]
Ihre Tochter Sara, geboren am 19. Juni 1866, hatte am 1. November 1892 im benachbarten, aber zur selben jüdischen Gemeinde gehörenden Udenheim den dort geborenen Pferdehändler Leopold Straus geheiratet. Er war am 27. Juni 1858 als Sohn von Abraham und Rosina Straus, geborene Sommerfeld, zur Welt gekommen. Insgesamt waren in dieser Ehe sechs Kinder geboren worden, von denen Selma das zweitjüngste war.[10]

Abraham, geboren am 12. März 1893, war der älteste.[11] Drei Jahre später kam am 26. Januar 1896 seine Schwester Rosa zur Welt,[12] gefolgt von einem weiteren Mädchen: Irma wurde am 21. September 1897 geboren.[13] Am 24. Juni 1899 wurde Leopold und Sara Straus wieder ein Sohn geboren, der aber bereits mit 19 Jahren am 28. Mai 1918 im Ersten Weltkrieg fiel.[14] Selma Straus selbst kam am 26. Juli 1901 im neuen Jahrhundert auf die Welt.[15] Als Nachzügler wurde dann zehn Jahre später am 15. Juli 1911 noch einmal ein Junge geboren, der den Namen Erwin erhielt.[16]
Abgesehen von dem früh im Krieg gefallenen Hermann, gelang es drei der Geschwister – Abraham, Irma und Erwin –, sich in der NS-Zeit vor ihren Verfolgern oft unter schwierigsten Bedingungen in Sicherheit zu bringen. Nicht so Rosa und Selma, die mit ihren jeweiligen Familien und auch mit ihrer Mutter Sara in der Shoa ermordet wurden. Der Vater Leopold Straus war verstorben, bevor die Nazis ihre Gewaltherrschaft über Deutschland ausbreiteten.
Ausgenommen von dem ältesten Abraham, der eigene Wege ging, spielten für die übrigen Geschwister die beiden Städte Wiesbaden und Frankfurt in den Jahren, nachdem sie aus unterschiedlichen Gründen ihren Heimatort verlassen hatten, eine zentrale Rolle.

 

Erwin / Irving Straus

Erwin, der jüngste der Geschwister, war derjenige, der wohl als erster Verbindungen in beide Städte im Rhein-Main-Gebiet aufgebaut hatte. Nach dem Besuch der Volksschule von 1917 bis 1921 in seiner Heimatgemeinde ermöglichten ihm die Eltern anschließend den Besuch des Philantropien in Frankfurt, wo er bis 1928, bis zum Abschluss der Untersekunda, der zehnten Klasse, blieb.[17] Ob er damals privat oder in einem zur Schule gehörenden Internat untergebracht war, ließ sich nicht ermitteln, aber man kann kaum davon ausgehen, dass er täglich nach Hause fuhr.
In seinem knappen Lebenslauf, den er im Rahmen der Entschädigungsverfahren erstellt hatte, gab er an, er habe damals beschlossen, eine Metzgerlehre zu absolvieren und somit einen Beruf zu ergreifen, der üblicherweise in familiär geführten jüdischen Viehhandelsbetrieben zum Gesamtunternehmen gehörte. Diese Entscheidung brachte ihn dann in Kontakt mit dem jüdischen Metzger Rudolf Stein in Wiesbaden, wo er 1928 seine Lehre begann. Er könnte also genau zu dem Zeitpunkt nach Wiesbaden gekommen sein, als auch seine zehn Jahre ältere Schwester dort ihre Arbeit aufnahm und vermutlich auch die Aufgabe hatte, nach dem kleinen Bruder zu schauen. Nicht auszuschließen ist, dass sie, sollte er nicht bei Steins untergekommen sein, auch zusammen wohnten.
In Wiesbaden gab es damals viele jüdische Metzgereien, man kann, wenn man an die Metzgersfamilie Baum oder Stein denkt, sogar von Dynastien sprechen, die, geleitet von Söhnen, Neffen, Cousins oder anderen Verwandten, jeweils viele Geschäfte in der Stadt betrieben.[18] Der Metzger Rudolf Stein war zwar kein, zumindest kein naher Verwandter der bekannteren Metzgerfamilie Stein aus Dotzheim, sondern stammte aus der Taunusgemeinde Laufenselden, konnte sich aber trotz der großen Konkurrenz dennoch in Wiesbaden etablieren. Möglicherweise lag das auch daran, dass er, anders als andere jüdische Metzger, keine Probleme hatte, auch die Wünsche nichtjüdischer Kunden zu bedienen. Über ihn heißt es: „Neben der nichtjüdischen koscheren Metzgerei handelte in Wiesbaden auch der westjüdische Metzger Rudolf Stein in der Moritzstraße 35 mit koscherem Fleisch und Fleischwaren. Nach Einschätzung der Galizier wurde dieses Geschäft rituell nicht so streng geführt, wie sie es erwarteten. Stein genoss unter seinen nichtjüdischen Berufskollegen bis 1933 große Achtung. Er bekleidete bis zu seiner von den nationalsozialistischen Machthabern erzwungenen Abwahl lange Jahre das Amt des Schriftführers im Vorstand der Wiesbadener Metzgerinnung.“[19]

In Wiesbaden legte Erwin 1931 seine Gesellenprüfung ab und arbeitete anschließend für zwei Jahre in einer jüdischen Metzgerei – Hirsch oder Baum – in Alzey. 1933 ging er dann wieder zurück nach Frankfurt, wo er eine Anstellung in der bekannten jüdischen Metzgerei und Spezialitätenhandlung ‚Bloch & Falk‘ auf der Zeil 51 fand. Hier konnte er noch so viel Neues lernen, dass er sich zutraute, die Meisterprüfung abzulegen und sich selbstständig zu machen. Als er sich zur Prüfung anmelden wollte, wurde ihm das aber jetzt von der von Nazis durchsetzten Innung bzw. Handwerkskammer verweigert.
Ein körperlicher Angriff auf seine Person im Sommer 1937 – er hatte auf der Friedberger Landstraße einer Gruppe uniformierter NS-Männer durch Abbiegen in eine Nebenstraße ausweichen wollen, war von diesen verfolgt und so heftig zusammengeschlagen worden, dass er mehrere Tage nicht zur Arbeit gehen konnte – war dann der endgültige Anlass für ihn, seine bisherigen Pläne aufzugeben und Deutschland zu verlassen.[20]

Das war aber insofern keine leichte Entscheidung, als Erwin inzwischen verlobt war und kurz vor der Verheiratung stand. Seine Verlobte war Ilse Frenkel aus Bad Hersfeld, wo sie am 7. Juli 1915 als Tochter von Hermann Heinemann Frenkel und seiner Frau Frieda, geborene Neuhaus, zur Welt gekommen war.[21] Da ihr Vater noch im Ersten Weltkrieg gefallen war, hatte sie ihn nicht wirklich kennenlernen können. Ihre Eltern und auch ihre Tante besaßen in der Stadt ein bekanntes Hutgeschäft, das von der Mutter und deren Schwester Flora Speier, beide ausgebildete Modistinnen, die die Hüte selbst herstellten, nach dem Tod von Hermann Frenkel eigenständig weiterführten.
Ilse Frenkel, die eine jüdische Schule besucht hatte, beabsichtigte, beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Am Ende der Lehre, die sie bei ihrer Tante absolvierte, wollte sie die Gesellenprüfung ablegen, bekam aber wegen ihrer jüdischen Herkunft ebenfalls damals Schwierigkeiten. Nur aufgrund der Tatsache, dass ihr Vater im Krieg gefallen war, erhielt sie dann doch noch die Zulassung zur Gesellenprüfung, die sie erfolgreich bestand. Weil die judenfeindliche Stimmung in Bad Hersfeld schon zu Beginn der Nazi-Zeit weitverbreitet war, verließ sie die Stadt und arbeitete in ihrem Beruf in Osnabrück, von wo sie aber 1934 nach nur einem Jahr wieder zurückkehrte. Nach einer Phase der Arbeitslosigkeit fand sie noch einmal eine Anstellung in einem Hutgeschäft in Gießen.[22]
Ilse verlor wegen des geschäftlichen Niedergangs ihres Arbeitgebers auch bald diese Arbeitsstelle und verdingte sich als Hausmädchen in Frankfurt, wo sie in einem gemeinsamen Haushalt mit ihrer Mutter und Tante lebte, die inzwischen, 1936, ebenfalls nach Frankfurt verzogen waren, weil auch für sie die Lage in ihrer Heimatstadt unerträglich geworden war.
Wann und wo Ilse ihren Ehemann, Erwin Straus, kennengelernt hatte, ist nicht bekannt.[23] Aber bereits 1936 schafften sie sich für rund 5.000 RM Möbel und andere Ausstattungsgegenstände für einen gemeinsamen Hausstand an.[24] Zwar konnten sie einige Kisten mit Umzugsgut mitnehmen, aber das meiste wurde zurückgelassen und musste verschleudert werden, als die beiden Deutschland verließen

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, konnte Erwin mit seiner Verlobten im August 1938 von Hamburg aus gemeinsam auf der später berühmt gewordenen ‚St. Louis‘ die Reise in die USA antreten. Am 1. September erreichten sie den New Yorker Hafen und vier Wochen später, am 8. Oktober, schlossen sie dort den Bund fürs Leben.[25] Sie bekamen zwei Kinder, die, als Erwin 1957 einen Antrag auf Entschädigung stellte, 16 und 10 Jahre alt waren.[26]
Auch für das junge Paar waren die ersten Jahre in der Fremde sehr schwierig. Es fehlte nicht nur an Sprachkenntnissen, auch zweifelte man in den USA wegen der fehlenden Meisterprüfung an der beruflichen Qualifikation von Erwin, der in den USA den Namen Irving annahm. So musste er in den ersten Jahren den Unterhalt für die Familie mit schlecht bezahlten Aushilfstätigkeiten erarbeiten. Immerhin schaffte er es schon ab 1948 dann doch, seinen Metzgerberuf als Selbstständiger auszuüben, sodass auch das gemeinsame Einkommen ab 1950 sukzessive anstieg.[27] Dass er in seinem Beruf letztlich erfolgreich war, wertete die Entschädigungsbehörde als Beleg dafür, dass die körperlichen und psychischen Schäden, die Irving wegen des Überfalls auf ihn in Frankfurt reklamierte, nicht so gravierend gewesen sein können, und verweigerte ihm eine entsprechende Zahlung. Seine Frau, die sich in den USA Elsie nannte, hatte es beruflich noch schwerer. Putzmacherinnen, zumal ohne Meisterprüfung, hatten auf dem Arbeitsmarkt keine Chance, und so musste auch sie als Hilfsarbeiterin zum gemeinsamen Einkommen beitragen.[28] Auch für sie bedeutete der Kampf um eine angemessene Entschädigung langwierige Auseinandersetzungen mit den Behörden, die immer wieder die Angaben der Vertriebenen bezweifelten und sich dann, da hinreichende Belege nicht erbracht werden konnten, oft nur auf einen Vergleich einließen.

Elsie Straus hatte von Amerika noch versucht, auch ihre Mutter zu retten, hatte das Affidavit besorgt und auch ein Visum war bereits erteilt. Dennoch scheiterte die Ausreise im letzten Moment, denn Frieda Frenkel wurde am 12. November 1941 mit dem ersten großen Transport, der Frankfurt verließ, in das Ghetto Minsk verbracht. Dort blieb sie verschollen.[29]

Irwing verstarb am 7. Mai 1987 in New York, seine Frau Elsie erst im Jahr 2015.[30]

 

Rosa und Irma Straus

Frankfurt wurde für Selmas Schwestern Rosa und Irma durch ihre jeweiligen Eheschließungen zum zeitweiligen Mittelpunkt ihres Lebens. Die erste, die diese Verbindung schuf, war Rosa. Sie hatte am 15. November 1920 in Schornsheim Alfred Koch geheiratet.[31] Es handelte sich vermutlich um eine Ehe, die nicht nur auf Liebe beruhte, sondern auch geschäftlichen Interessen diente und zudem wohl auch auf einer langen Bekanntschaft der beiden jüdischen Familien gründete, denn Alfred Koch, geboren am 14. Mai 1893, war der Sohn des Pferdehändlers Heinrich Koch aus dem nahen Ober-Olm.[32]
Alfred hatte nach Beendigung seiner Volksschulzeit noch die Handelsschule besucht und war dann in den väterlichen Betrieb eingestiegen. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm, zog er aber dann nach Frankfurt, um dort mit seinem Bruder Josef einen eigenen Pferdehandel aufzubauen. Obwohl das Geschäft nach Aussagen seiner Tochter hervorragend lief und in der Umgebung von Frankfurt einen sehr guten Ruf genoss, zogen Rosa und Alfred Koch, denen am 10. Dezember 1921 die Tochter Beatrice, genannt Beate, geboren worden war, um das Jahr 1922/23 auf Drängen von Leopold Straus wieder zurück nach Schornsheim. Dieser war wegen einer Erkrankung dringend auf Hilfe bei der Führung seines ebenfalls florierenden Geschäfts angewiesen. Die Eltern bzw. Schwiegereltern besaßen dort ein großes Wohnhaus, das für alle Platz bot, dazu eigene Stallungen und genügend Weideland für die Pferde.[33] Leopold Straus zog sich zunehmend aus dem Geschäft zurück, das zuletzt von seinem Schwiegersohn alleine geführt wurde. Beatrice Weiss, geborene Koch, die älteste Tochter des Paares, konnte zwar im Entschädigungsverfahren keine genauen Auskünfte über das frühere Einkommen ihrer Eltern machen, meinte aber, es müsse bei 6 bis 8.000 RM gelegen haben.[34]
In Schornsheim waren dem Paar noch zwei weitere Töchter geboren worden. Zunächst kam am 11. April 1926 Ruth, dann am 22. Mai des folgenden Jahres Lotte zur Welt.[35]

Am 18. Dezember 1932, nur wenige Wochen vor der sogenannten Machtergreifung der Nazis, verstarb Leopold Straus in Schornsheim, der noch in der Mitte der Zwanzigerjahre das Amt des Gemeindevorsitzenden ausgeübt hatte.[36] Bald darauf muss sich die Stimmung im Ort schnell gewandelt haben, man muss eigentlich sogar davon ausgehen, dass das bereits in der Zeit davor geschehen war. Schon 1933 verließ ein großer Teil der noch 28 ansässigen Juden den Ort, in dem es angesichts der Boykottaktionen gegen ihre Geschäfte keine Perspektive mehr gab. Der Verkauf der Synagoge bedeutete dann faktisch auch das Ende der Gemeinde.

Die Familie von Rosa Koch zog ebenfalls 1933 wieder zurück nach Frankfurt, wo sie in der Herderstr. 252 eine 5-Zimmer-Wohnung anmietete, die weitgehend mit ihrem mitgebrachten Mobiliar bestückt war: „In dieser Wohnung hat es an nichts gefehlt, was in einer auf das beste eingerichteten Wohnung vorhanden zu sein pflegt. Wir hatten 2 Schlafzimmer, 1 Wohnzimmer, 1 Speisezimmer, Kueche und Halle. Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern auch wertvolle Teppiche, Silber und Cristall hatten.“[37] Auch die verwitwete Sara Straus wird damals schon mit nach Frankfurt gekommen oder aber sehr bald ihrer Tochter gefolgt sein. Auch sie wohnte in den folgenden Jahren im zweiten Stock der Herderstr. 25.
Offen ist, was aus dem großen Elternhaus in Schornsheim wurde, in dem der Pferdehandel betrieben worden war und in dem die Kinder aufgewachsen waren. Vermutlich wurde es in diesem frühen Stadium der NS-Machteroberung noch verkauft, ohne daraus Rückerstattungsansprüche ableiten zu können.

Eine berufliche Perspektive gab es jedoch für Alfred Koch nach seiner Rückkehr auch in Frankfurt nicht mehr.[38] Beatrice Weiss gab an, die Familie habe weitgehend von Ersparnissen gelebt. Ihr Vater habe sich als Fabrikarbeiter bei der in Wiesbaden ansässigen Firma ‚Rossel, Schwarz & Co. AG‘, die eine internationale Vorreiterrolle bei der Entwicklung von medico-mechanischen Geräten einnahm und deren Geräte sogar auf dem havarierten Luxusliner ‚Titanic‘ eingesetzt wurden, verdingen müssen.[39] 1938 wurde die Firma arisiert, sodass spätestens jetzt auch diese Einkommensquelle versiegte.

Beatrice war, nachdem sie die Volksschule noch in Schornsheim besucht hatte, in Frankfurt auf das Philantropin, die dortige höhere Schule für jüdische Kinder, gewechselt, um die Voraussetzungen für ihren Berufswunsch, Lehrerin zu werden, zu erwerben. Da sie erkannte, dass sie in Deutschland keine Chance haben würde, diesen Wunsch zu realisieren, verließ sie 1936 das Philantropin und bemühte sich schon damals um ein Visum für die USA. Welche Schule ihre jüngeren Schwestern besuchten, ist nicht bekannt.

Frankfurt war für die Familie Koch nicht nur deshalb zum ersten Fluchtort geworden, weil sie dort zuvor bereits gewohnt hatte und sich vermutlich in der großen jüdischen Gemeinde dort sicher glaubte, sondern dort lebte inzwischen auch Rosas Schwester Irma. Wann sie ihren Heimatort verlassen hatte, ist nicht bekannt, aber schon 1927, also unabhängig von der politischen Entwicklung zu Hause, war sie als Hausangestellte nach Mainz gegangen, wo im selben Jahr auch ihre Schwester Selma gemeldet war.[40] In welchen Haushalten die beiden tätig waren, ob sie eventuell auch zusammen wohnten, ist nicht bekannt. Aber 1928 soll zumindest Irma auf die andere Rheinseite nach Wiesbaden gezogen sein, um dort eine neue Stelle anzutreten.[41] Es liegt nahe, dass auch Selma damals nach Wiesbaden zog, wo 1930 ihr erstes Kind geboren wurde, aber einen sicheren Beleg dafür gibt es nicht.

Irma verließ Wiesbaden aber spätestens im Jahr 1932 wieder, denn am 6. Dezember des Jahres heiratete sie in dessen Heimatstadt Frankfurt den katholischen Handlungsgehilfen Emil Franz Hett.[42] In der Heiratsurkunde heißt es, dass sie in seiner Wohnung in der Spessartstr. 20 gemeldet sei. Am 19. Februar 1886 war ihr Ehemann in der Mainmetropole als Sohn des Gärtners Johann Heinrich Hett und seiner Frau Maria, geborene Müller, geboren worden.[43] Kinder kamen in dieser Ehe nicht mehr zur Welt, womit ihnen aber auch der Status einer privilegierten Mischehe versagt blieb. Beide wurden somit in den folgenden Jahren Opfer der rassistischen Verfolgung.

1933 wohnte das Paar nicht mehr in der bisherigen Wohnung, sondern war noch bevor auch die Familie Koch nach Frankfurt kam, in die Herderstr. 24 umgezogen, sodass die beiden Familien in derselben Straße und sogar unmittelbar gegenüber lebten.[44] Offenbar wechselte man häufig zwischen den beiden Wohnungen hin und her. Irma bezeugte, dass man sich täglich begegnet sei und wohl auch versuchte, das immer schwierigere Leben gemeinsam zu bewältigen.

Emil Franz Hett hatte zu Beginn der Dreißigerjahre noch eine Anstellung in dem in Frankfurt bekannten jüdischen Geschäft „S. Salomon & Co.“ in der Fahrgasse 80/82,[45] das ein großes Sortiment für Berufsbekleidung aller Art offerierte. Die antisemitische Hetze bekam das Geschäft und damit auch seine Angestellten unmittelbar zu spüren. Nach dem Boykotttag Anfang April 1933 wurde Emils Gehalt nahezu halbiert, d.h. von 240 RM auf 137 RM herabgesetzt. Die Chance, als „jüdisch versippter“ Arbeitnehmer eine andere Anstellung zu finden, war schon damals fast aussichtslos.[46] Nach der Arisierung schien es mit dem Geschäft wieder aufwärtszugehen, zumindest hob der neue Eigentümer den Lohn von Emil Hett wieder auf etwa das frühere Niveau an. Wie lange er dort noch arbeiten konnte, ist nicht bekannt.
Auch für die Familie Koch bedeutete der 10. November 1938 eine einschneidende Zäsur. Alfred Koch wurde verhaftet und mit mehr als 3 000 anderen Männern, die zunächst in der Festhalle am Messegelände festgehalten, gedemütigt und beraubt wurden, dann in die Konzentrationslager nach Buchenwald und Dachau verbracht. Bis Ende Dezember blieb Alfred in Buchenwald inhaftiert.

Beatrice hatte inzwischen ihren Ausreiseantrag weiterverfolgt und am 5. Dezember, kurz bevor ihr Vater entlassen wurde, das begehrte Visum für die USA erhalten. Es blieben ihnen noch knapp drei gemeinsame Wochen, dann bestieg sie am 19. Januar 1939 in Bremerhaven das Schiff, das sie nach Amerika brachte.[47] Die gesamten Kosten von etwa 1.900 RM hatte die Familie damals noch aufbringen können.[48]
In den USA, wo sie zunächst von Verwandten aufgenommen wurde – Namen nannte sie nicht –, besuchte sie erst noch einmal eine Elementarschule, um sich die nötigsten Sprachkenntnisse anzueignen. Aber ihren früheren Wunsch, eine akademische Ausbildung zu erlangen und Lehrerin zu werden, musste sie bald aufgeben. Als Fabrikarbeiterin, Hausgehilfin und Laufmädchen verdiente sie sich zunächst ihren Lebensunterhalt in eher prekären Arbeitsverhältnissen. Ab 1944 hatte sie dann zwar eine feste, aber schlecht bezahlte Anstellung als Näherin. Im selben Jahr war auch ihr 1941 gestellter Einbürgerungsantrag positiv beschieden worden.[49]
Am 29. November 1946 ging sie eine Ehe mit Jerome Weiss ein,[50] in der zwei Kinder geboren wurden.[51]

Seit ihrer Ankunft in Amerika hatte Beatrice verzweifelt versucht, auch ihren Eltern und Geschwistern die Ausreise zu ermöglichen – jedoch ohne Erfolg. Die Visa, die sie erhalten hatten, trugen Nummern, die ihnen keine Chance mehr boten. Seit 1941 war durch den Kriegseintritt der USA auch der Briefverkehr weitgehend zum Erliegen gekommen, sodass auch Beatrice in keinem Kontakt mit ihrer Familie mehr stand. Darüber, wie es ihnen in Frankfurt erging, bekam sie keine Informationen mehr. Ihr blieb nur Hoffen und Bangen.

In der Zeit nach dem Novemberpogrom fanden in der Wohnung der Familie Koch im dritten Stock der Herderstr. 24, die sie nahezu während der gesamten NS-Zeit behalten konnte, immer wieder Hausdurchsuchungen statt. Um für alle deutlich zu machen, dass ihre Mitbewohner als Juden und somit als Parias zu behandeln seien, wurden nicht nur sie seit September 1941 gezwungen, einen Davidstern zu tragen, auch an ihrer Wohnungstür war ein solcher anzubringen.
Aber diese Drangsalierungen und Schikanen waren nichts im Vergleich zu dem, was bald auf die jüdische Familie zukommen sollte. Vereinzelt hatten bereits 1940 Massendeportationen von Juden stattgefunden, etwa die der Stettiner Juden nach Lublin im Februar 1940 oder die der Juden aus Baden und dem Saarland nach Frankreich im Oktober des gleichen Jahres. Insofern war es nicht verwunderlich, dass in Frankfurt Panik ausbrach, als im Herbst 1941 die jüdische Gemeinde von der Gestapo aufgefordert wurde, auf vorgelegten Listen von etwa 1200 Gemeindemitgliedern, deren Berufe bzw. deren gegenwärtige Arbeitsverhältnisse zu ergänzen.[52] Was das zu bedeuten hatte, ahnten viele. Rabbi Neuhaus wurde deshalb gezwungen, mit seiner Autorität diese Vermutungen als üble Gerüchte zu dementieren. Als dann am 19. Oktober 1941 frühmorgens bewaffnete SA-Leute die Wohnungen vieler der zuvor Gelisteten stürmten und sie aufforderten, innerhalb von zwei Stunden mit gepackten Koffern sich zur Großmarkthalle zu begeben, von wo aus sie in den Osten gebracht würden, da war allen klar, dass die letzte Etappe ihres Leidensweges angebrochen war. Dieser Transport am 20. Oktober 1941 ging mit mehr als 1 100 Menschen in das Ghetto Litzmannstadt / Lodz. Der nächste, am 11./12. November, mit fast einer gleichgroßen Anzahl Deportierter, hatte Minsk zum Ziel. Der dritte wurde auf Samstag, den 22. November terminiert. Sein ursprüngliches Ziel Riga, war geändert und durch Kaunas / Kowno in Litauen ersetzt worden. Diesmal waren es knapp 1000 Jüdinnen und Juden, darunter zumeist jüngere Menschen und viele Kinder, die man auf die Reise in den Tod schickte – darunter auch Rosa und Alfred Koch und ihre beiden Kinder Ruth und Lotte, 14 und 13 Jahre alt.

Auch sie hatten sich in der Großmarkthalle einzufinden, von wo der Sonderzug mit der Bezeichnung ‚Da 28‘ sein Ziel in Litauen ansteuerte. Kaunas / Kowno wurde nach drei Tagen erreicht. Streng bewacht von Angehörigen des Polizeibataillons 11 und der litauischen Polizei, ohne ihr Gepäck mitnehmen zu können, wurde der Zug der verängstigten Menschen durch die Stadt Kaunas hindurch und am Ghetto vorbei zum weiter außerhalb auf einem Hügel gelegenen Fort IX geleitet, wo sie die folgende Nacht verbrachten.
Am nächsten Morgen mussten sie jeweils in Gruppen von etwa 80 Personen in einem als Frühsport getarnten Dauerlauf aus dem Innenhof des Forts zu einem nicht einsehbaren Gelände laufen, wo zuvor russische Kriegsgefangene Gruben ausgehoben hatten. Bei minus 18 Grad mussten sie sich völlig entkleiden, wurden dann unter Schlägen in diese vorbereiteten Gräber getrieben und mit Maschinengewehrsalven niedergemäht. Anschließend wurden Granaten hineingeworfen und die Gruben, ohne zu überprüfen, ob irgendwelche Opfer noch am Leben waren, zugeschüttet. Ein Jahr später mussten jüdische Häftlinge die Gruben wieder öffnen, die zum Teil verwesten Leichen herausholen und verbrennen. Die Asche der etwa 12 000 Leichen wurde mit Sand vermischt und in der Landschaft verstreut. Keiner, so hofften die Täter – SS, Sicherheitspolizei und Litauer – sollte von diesem Verbrechen erfahren.[53]

Auch die in Frankfurt Zurückgebliebenen, wussten nicht, was mit ihren Verwandten geschehen war, aber die schlimmsten Ahnungen werden sich aufgedrängt haben, nachdem keine Nachricht mehr von ihnen eintraf.

Es dauerte fast noch ein ganzes Jahr, bis dann auch Sara Straus auf einer der Listen mit insgesamt 1 378 Namen stand, die zur Vorbereitung für den Transport am 15. September 1942 diente. 60 Prozent der Gelisteten waren Menschen, älter als 65 Jahre, viele krank, geschwächt oder sogar aufgrund von Verletzungen aus dem letzten Krieg invalide und auf unmittelbare Hilfe angewiesen. Diesmal wurden die ausgewählten Opfer zwei Wochen vor dem Termin von ihrer anstehenden „Evakuierung“ unterrichtet, eine Zeit kaum zu ertragender Verunsicherung. Zwar sickert durch, dass man nach Theresienstadt gebracht werden sollte, aber was erwartete einen dort tatsächlich? Was würde man mitnehmen und dort brauchen können? Was musste alles getan werden in dieser kurzen und zugleich so langen Frist bis zu dem gesetzten Termin? Ob diese Zeitspanne ein bewusstes zynisches Zeitgeschenk der Gestapo war oder ob sie gebraucht wurde, um die diversen bürokratischen Abläufe zu organisieren, sei dahingestellt. Manche der Opfer nutzten sie, um sich in letzten bewegenden Worten von ihren Liebsten oder noch in Frankfurt verbleibenden Bekannten zu verabschieden, andere, um sich der Deportation durch die Flucht in den Tod zu entziehen.
Am 13. September hatte man sich an den Sammelstellen einzufinden, von denen es offenbar mehrere gab. In den Erinnerungen von Überlebenden ist vom Börneplatz, vom Hermesweg und wegen der vielen alten Menschen auch vom jüdischen Altersheim am Rechneigraben die Rede. Besonders in der letzteren müssen nach späteren Zeugenaussagen unbeschreibliche Zustände geherrscht haben, ein Vorgeschmack auf das KZ. Auf offenen Lastwagen wurden Menschen an ein offenes Gleis am Osthafen befördert, unterwegs begleitet von hasserfüllten Rufen wie „Schlagt sie tot! Zu was die teuren Kohlen für den Transportzug?“ Dort wurden sie in den Zug mit der Nummer ‚Da 515‘ gepfercht, der sie am folgenden Tag im böhmischen Ghetto wieder auswarf.
Sara Straus hatte man auf dem Transport, der in Theresienstadt die Nummer ‚XII/3‘ erhielt, die Nummer 1252 zugeteilt. Als solche, nicht als Mensch, blieb sie noch etwa zwei Monate am Leben. Am 9. November 1942, genau vier Jahre nach dem Novemberpogrom, wurde sie Opfer der Zustände im Ghetto.[54]

Zuletzt, am 8. September 1944, wurde Emil Franz Hett noch für mehrere Wochen zur Zwangsarbeit an den Westwall beordert. Allerdings hielt man dort einen jüdisch versippten Arbeiter nicht für würdig, um die Verteidigungslinie des deutschen Volkes zu bauen, und schickte ihn wieder zurück.[55] Als dann im Frühjahr 1945 auch die Partner in Mischehen in Konzentrationslager geschickt wurden, traf es auch noch ihn und seine Frau Irma. Am 14. März 1945 wurde Emil Franz Hett auf Veranlassung der Gestapo in das Konzentrationslager Clausthal-Zellerfeld eingeliefert, wo in einer Fabrik der Sprengstoff TNT produziert wurde.[56] Wohl nicht zuletzt deswegen geriet die Stadt in den letzten Kriegstagen vielfach unter Beschuss der Alliierten. Doch er überlebte diese Bombardierungen und auch die Zwangsarbeit. Am 1. Mai, faktisch nach der endgültigen Niederlage Deutschlands, kam Emil Hett frei.[57]
Irma selbst scheint über viele Monate in dem Zwangsarbeitslager in Friedrichsdorf / Ts., in dem hauptsächlich osteuropäische Arbeitskräfte festgehalten wurden, eingesetzt worden zu sein. Laut einer Liste aus der Nachkriegszeit, die von der dortigen Gemeinde aufgestellt wurde, hielt sie sich dort vom 15. Juni 1942 bis zum 10. Februar 1945 auf.[58] Nicht klar ist, ob sie dort einquartiert war oder über Nacht nach Hause durfte. Nach ihrer dortigen Entlassung kam sie aber nicht frei, sondern wurde am 17. Februar, noch in das Konzentrationslager Theresienstadt eingeliefert. Wie ihr Mann konnte auch sie nach dem Ende des NS-Regimes zunächst nach Frankfurt zurückkehren. Dort mussten sie dann feststellen, dass ihre Wohnung in der Zeit ihrer Abwesenheit von ausgebombten Personen besetzt worden war und diese sich auch an ihrem Eigentum vergriffen hatten. Kleidung und verschiedene Teile des Hausrats im Wert von insgesamt etwa 1.600 RM waren verschwunden.[59]

Jedoch gab es vermutlich weitaus gewichtigere Gründe für die beiden, weshalb sie Deutschland baldmöglichst verlassen wollten. Aber es dauerte noch etwa ein Jahr, bis sie dann tatsächlich in New York ankamen: Am 29. Juli 1946 wurden sie in den USA als Immigranten registriert.[60]
Sie blieben den Rest ihres gemeinsamen Lebens in New York wohnen, wo Emil Hett, der zuletzt als Portier gearbeitet hatte, am 5. November 1953 verstarb.[61] Irma überlebte ihn um mehr als 20 Jahre. Sie wurde im Dezember 1976 ebenfalls in New York zu Grabe getragen.[62]

Ihre Nichte Beatrice Weiss, die inzwischen selbst Großmutter geworden war, verstarb am 9. Mai 2013 in Florida im Alter von 91 Jahren.[63]

 

Selma Straus

Leider lassen sich gerade von denjenigen, die als „kleine Leute“ Mitbürger der Stadt Wiesbaden waren und ihr Leben ohne viele Berührungen mit amtlichen Stellen eher unscheinbar verbrachten, nur wenige Spuren ihres Lebens finden. Gerade dann, wenn diese Spuren sich im Rauch der Krematorien eines Vernichtungslagers auflösen, gibt es auch nichts mehr aus einem Leben nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zu berichten, und auch die überlebenden Verwandten, die schon zuvor ausgereist waren, wussten nur wenig über das Schicksal der Zurückgebliebenen zu berichten. Oft sind es Mutmaßungen, was geschehen sein könnte, oft vermischt mit in anderen Quellen Gelesenem. Eigentlich interessante Informationen, die aber im Rahmen der Entschädigungsverfahren als irrelevant angesehen wurden, sind inzwischen in der nächsten Generation verschüttgegangen.

All das trifft auch auf Selma Straus und ihre beiden Kinder Hermann Ferdinand und Inge zu, den Bewohnern des Judenhauses in der Ludwigstraße. Wie bereits erwähnt, muss Selma zwischen 1928 und 1930 mit ihrer Schwester Irma, aber noch ohne Kinder, von Mainz nach Wiesbaden gekommen sein, um hier eine Anstellung als Hausgehilfin anzunehmen. Da sie entweder zur Untermiete oder aber in der Wohnung ihrer Arbeitgeber eine Unterkunft hatte, findet man sie auch nicht in den städtischen Adressbüchern. Die Geburten ihrer beiden Kinder geben zumindest vage Orientierungen, wo sie damals wohnte, bevor die Nationalsozialisten ihre Überwachungsnetze über die jüdischen Bewohner ausbreiteten.

Am 18. September 1930 wurde in den Städtischen Kliniken ihr Sohn Hermann Ferdinand geboren.[64] Die „unverheiratete Hausangestellte“ – so in dem Geburtseintrag vermerkt – wohnte damals in der Wagemannstr. 20. In dem Haus, das dem Kolonialwarenhändler Wiedemann gehörte, der dort auch seinen Laden betrieb, wohnte im zweiten Stock die alleinstehende Helene Astheimer – ein recht häufig vorkommender jüdischer Familienname. Eine jüdische Familie Astheimer, in der es ein Mitglied mit dem Vornamen Helene gab, konnte in Wiesbaden jedoch für diese Zeit nicht gefunden werden. Möglicherweise war sie damals, vor den Nürnberger Gesetzen, auch bei einer nichtjüdischen Familie angestellt, vielleicht auch bei den Hauseigentümern Wiedemann.
Bei der Geburt ihres zweiten Kindes, der Tochter Inge Rosa am 19. Juni 1934, wohnte sie dann in der Walramstr. 31,[65] die Adresse, die auch als erste auf ihrer Gestapokarteikarte eingetragen ist. In diesem Viertel im Wiesbadener Westend wohnten viele Arbeiter und eher arme Familien, gerade auch Juden, die aus Osteuropa eingewandert waren und dort relativ preiswerte Unterkünfte vorfanden. Eine Familie, die im selben Haus lebte, waren die Stocks, arme polnische Juden, die später auch Mitbewohner im Judenhaus in der Ludwigstraße wurden. Auch die geschiedene Lina Turner, wohnte seit dem Sommer 1939 zusammen mit ihrem damals 6-jährigen Sohn Alexander in der Walramstr. 31 und zuletzt ebenfalls in der Ludwigstraße.
Selma scheint aber in der Walramstraße nicht immer allein mit ihren Kindern gelebt zu haben. Im Geburtseintrag von Inge findet man nämlich auch einen Hinweis auf deren Vater: „Tochter Inge hat einen katholischen Vater.“ Genaueres über ihn erfährt man dann in einer später vorgenommenen Beischreibung. Dort ist am 5. September 1934 festgehalten, dass „der Hilfsschlosser August Eduard Scholl, wohnhaft in Wiesbaden, Walramstr. 31, deutscher Reichsangehöriger, durch Erklärung am 14. Juli 1934 vor dem Jugendamt der Stadt Wiesbaden, das bezeichnete Kind als von ihm erzeugt anerkannt (hat).“[66]
Dass er auch der Vater von Hermann war, ist daraus allerdings nicht abzuleiten.[67] Wieso hätte er die Vaterschaft für seine Tochter, aber nicht die für einen Sohn anerkennen sollen? Allerdings wohnte er damals offensichtlich zusammen mit Selma unter der angegebenen Adresse, wo er aber wohl offiziell nicht gemeldet war, denn auch er ist in den Adressbüchern nicht zu finden. Wie lange die vier quasi als Familie in der Walramstraße zusammenlebten, ist nicht bekannt. Auch über die Identität des Vaters ist man auf Mutmaßungen angewiesen. Einen möglichen Hinweis liefert ein Sterbeeintrag vom 9. September 1938, laut dem ein Arbeiter, August Eduard Scholl, wohnhaft in der Schwalbacher Str. 62, in den Städtischen Kliniken verstorben war. Der Verstorbene war am 26. September 1894 in Dahlhausen bei Bochum als Sohn des Fuhrmanns Bernhard Scholl und seiner Frau Marie, geborene Weber, zur Welt gekommen. Eine frühere, 1917 in Dahlhausen geschlossene Ehe, war 1932 geschieden worden.[68] Zwar gibt es keine letzte Sicherheit, aber es spricht doch sehr viel dafür, dass dieser August Eduard Scholl der frühere Lebenspartner von Selma Straus und auch der Vater zumindest von Inge war.

Auch im Jüdischen Adressbuch von 1935 sind Selma und ihre Kinder mit der Adresse Walramstr. 31 zu finden, allerdings ohne die sonst übliche Anmerkung bei Inge, dass sie Halbjüdin sei. Auch 1940 müssen sie dort im ersten Stock noch gemeldet gewesen sein, denn unter dieser Adresse erreichte sie im August die Aufforderung, der Devisenstelle, ihre finanziellen Verhältnisse darzulegen. In Frankfurt, wo die Behörde in der Goethestraße residierte, war am 15. August eine sogenannte ‚JS-Akte‘, eine Judensicherungsakte, für sie angelegt worden, die die Nummer 9759 trug.[69] Am 6. September ging das ausgefüllte Formular dort wieder ein.[70] Selma gab darin an, über keine Vermögenswerte zu verfügen und kein Bankkonto zu besitzen, aber ein jährliches Einkommen von etwa 1.100 RM zu beziehen. Auch für das folgende Jahr rechnete sie mit dieser Summe. Ob der monatliche Betrag von 30 RM als Rente für ihre Tochter darin enthalten war oder noch hinzu kam, ist nicht ganz klar zu erkennen – der Vater des Kindes musste zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben sein, was auf den oben genannten August Scholl zutrifft –, aber vermutlich blieben ihr nicht einmal 100 RM im Monat zum Leben. Diesen Betrag gab sie auch als ihre monatlichen Lebenshaltungskosten an: 38 RM für Miete und 60 RM für Nahrung und Kleidung – ein mehr als dürftiges Budget für einen Drei-Personen-Haushalt. Sie bat daher, sie nicht zur Einrichtung eines Sicherheitskontos zu verpflichten, worauf dann auch verzichtet wurde. Auf die Frage, wovon sie lebe, gab sie an, dass sie von der jüdischen Wohlfahrt unterstützt werde. Man erlaubte ihr daraufhin, diesen Betrag und auch die Rente in bar entgegenzunehmen.[71]

In der folgenden Zeit wurde sie von der Frankfurter Behörde in Ruhe gelassen, aber offenbar nicht vom kommunalen Wohnungsamt, denn bald darauf zog sie dann in das Judenhaus in der Ludwigstraße. Aus dieser letzten Zeit in Wiesbaden liegen keine Korrespondenzen mit irgendeiner Behörde mehr vor, sodass die letzten beiden Jahre ihres Lebens und das ihrer Kinder weitgehend im Dunkeln bleiben müssen.
Der Tag ihres Umzugs ist auf ihrer Gestapokarteikarte mit dem 28. November 1940 festgehalten. Ob eine amtliche Verfügung oder aber die finanzielle Not sie dazu zwang, ist letztlich gleichgültig. Immerhin brauchte sie in der Ludwigstraße für die zwei Zimmer, die sie in dem zum Hof ausgerichteten Seitenbau erhielt, mit etwa 30 RM nur noch die Hälfte ihrer bisherigen Miete zahlen. Diese Auskunft erteilte nach dem Krieg eine frühere Mitbewohnerin des Hauses, die weiterhin bezeugte, dass außer ihr und den beiden Kindern keine weitere Person in den beiden Zimmern gewohnt habe. Frau Straus „habe als Putzfrau gearbeitet“ und „für ihre Kinder alleine gesorgt“. „Unterhaltsbeiträge habe sie nicht erhalten“ und „die Kinder seien gut erzogen und sauber gekleidet“ gewesen. Bei Frau Straus – unklar ist, ob die verwendete Bezeichnung „die Verstorbene“, nicht die Ermordete (!), von dem ermittelnden Beamten oder der Zeugin selbst stammt – sei eine „ruhige, ordentliche und fleißige Person“ gewesen.[72]

Im Hinblick auf ihre berufliche Tätigkeit gibt es noch einen interessanten Hinweis ihrer Geschwister in den Entschädigungsakten. Sie gaben nämlich an, Selma sei Hausangestellte und Kindergärtnerin gewesen. Zwar befindet sich in den weiteren Unterlagen kein Dokument, das eine solche Ausbildung oder auch nur Tätigkeit belegen würde, aber ein späterer Zeitzeuge erwähnte in seinen schon mehrfach zitierten Kindheitserinnerungen eine Judenschule,[73] vielleicht auch einen Kindergarten, die bzw. der sich in diesem Wohngebiet zwischen Hartingstraße und Knausstraße befunden haben soll. Der Autor schrieb:
„Eines schönen Tages packte meine Mutter den alten Kinderwagen. Der Freundeskreis um Heini Roos hatte intern seine Mitglieder aufgefordert, den bedrängten Juden zu helfen. Es kamen Lebensmittel, Kinderkleider, Seife, Spielsachen und sonstige Utensilien des täglichen Lebens hinein. Alles wurde mit einer Wolldecke sorgsam abgedeckt, um den Inhalt vor neugierigen Augen zu schützen. Dann tippelten wir die Platter Straße hinunter, am Alten Friedhof vorbei, bis zur Maria Hilf Kirche.
Von da über verschiedene Umwege von unten in die Hochstraße hinein. In einer Toreinfahrt wartete meine Mutter eine ganze Weile. Dann ging es beherzt über die Straße in einen Hauseingang hinein. Wir waren in einer der letzten funktionierenden Judenschulen Wiesbadens. Als wir dann zögerlich eintraten, wurden wir von Lehrern und Schülern freundlich begrüßt. Zuerst fiel mir das unglaubliche Chaos auf. Kinder und Erwachsene liefen durcheinander, redeten durcheinander. Die Lautstärke war gewaltig. In einigen Ecken gab es Unterricht, der dauernd durch laufende Kinder oder Erwachsene gestört wurde. Dann wurden wir von freudestrahlenden Gesichtern umringt. Bis heute kann ich die Dankbarkeit und das Glück in der Judenschule nicht vergessen. Da kamen ganz normale Deutsche und hatten für ein paar Stunden Hoffnung gebracht. Für uns ging auch alles gut.“
[74]
Möglicherweise erinnerte der Junge das Haus in der Ludwigstr. 3. Und Selma hatte tatsächlich damals die Rolle einer Erzieherin für die vielen, auch jüdischen Kinder unterschiedlichen Alters im Haus übernommen.

Wann genau sich die geschilderte Episode zugetragen haben soll, ist nicht bekannt. Bemerkenswert ist dennoch, dass die Geschwister von Selma sie mit dieser Rolle als Kindergärtnerin identifizierten, obwohl sonst nirgends ein Hinweis auf eine solche Tätigkeit zu finden ist.

Wenn es auch sonst keine Quellen gibt, die Licht in diese letzte Zeit der Familie Straus bringen würden, so gibt es doch noch eine nicht sicher zu deutende Information, die den Wohnungslisten entstammt, die bei der jüdischen Gemeinde geführt wurden. Auf dieser Liste ist Selma mit den beiden Kindern aufgeführt, Inge ist nachträglich allerdings wieder rot ausgestrichen und die Zahl der Personen, die in der 2-Zimmer-Wohnung untergebracht waren, ist von 3 auf 2 korrigiert worden.[75] Leider enthalten weder die Liste selbst noch die Korrektur eine Zeitangabe. Allerdings gibt es in der Aufstellung insgesamt neun gleiche Korrekturen, die alle in den Monaten Juni und Juli 1942 vorgenommen wurden. Anhand der Gestapokarteikarten kann man nachvollziehen, dass die so markierten Personen damals alle umgezogen waren, abgesehen von zweien, die in diesem Zeitraum verstorben waren bzw. Suizid begangen hatten. Das lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass auch Inge im Juni oder Juli aus der Wohnung und dem Haus in der Ludwigstraße ausgezogen war. Aber wohin? Wer hatte nach der Deportation vom 10. Juni versucht, sie zu retten? Der Vater war tot – vielleicht jemand anderes aus dessen Familie? Aber es gibt keinen Hinweis auf Angehörige von ihm, die in Wiesbaden lebten, und in Wiesbaden ist Inge mit großer Wahrscheinlichkeit geblieben. War es vielleicht jemand aus der katholischen Kirche – Inge war katholisch getauft –, der versuchte, sich der halbjüdischen Christin anzunehmen?

Wenn es einen solchen Versuch gegeben haben sollte, dann scheiterte er. Inge stand mit ihrem Bruder Hermann und der Mutter Selma auf der Deportationsliste vom 1. September 1942, alle drei mit der Adresse Ludwigstr. 3, Hinterhof, 2. Stock. Verwunderlich ist, dass die drei für diese Deportation bestimmt waren und nicht bereits für die im Juni, die weitgehend aus jüngeren Menschen zusammengestellt war. Bei der am Anfang September hatten sich zumeist alte und nicht mehr arbeitsfähige Personen am Wochenende vor dem anberaumten Termin in der früheren Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden, um die letzten organisatorischen Maßnahmen über sich ergehen zu lassen.

Am frühen Morgen des 1. September mussten dann alle, die laufen konnten, von dort mit ihrem Gepäck, das genauestens reglementiert war, zum Bahnhof marschieren. An der Viehverladestation des Schlachthofs wartete der Zug, der sie über Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt bringen würde. Ein Fotograf, der schon in der Synagoge mehrere Aufnahmen gemacht hatte – vermutlich handelt es sich um Willi Rudolph –, schoss auch eine Reihe von Bildern auf dem Bahnsteig unmittelbar vor Abfahrt des Zuges. Bis heute ist es nur in Ausnahmefällen gelungen, einzelne der insgesamt 371 Deportierten auf diesen Fotos zu identifizieren. Allerdings gab es darunter nur fünf Kinder, die jünger als 15 Jahre waren, und darunter mit Inge wiederum nur ein einziges Mädchen: Die Jungen waren der 13-jährige Günther Wolf, der 12-jährige Markus Lubasch, der 11-jährige Hermann Straus, Inges Bruder, und der 5-jährige Walter Kahn.

In der Reihe der Fotos gibt es eines, auf dem eine Frau in einem weißen Mantel und einem weißen, breitkrempigen Hut, vielleicht einem Regenhut, kurz vor dem Einsteigen in den Zug abgebildet ist. An ihr hält sich ein Kind ebenfalls in einem Regenmantel fest. Leider steht das Kind mit dem Rücken zum Fotografen, sodass nicht zu erkennen ist, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Nach der Größe und dem Alter zu urteilen kann es sich eigentlich nur um Inge Straus handeln. Und so, wie sie sich an die erwachsene Person hält, die wegen des Gepäcks selbst keine Hand frei hat, liegt es nahe, dass diese Frau vor der offenen Wagentür ihre Mutter Selma ist.
Wenn man das annimmt, dann kann aber das zweite aufgenommene Kind, das vermutlich auf einem Koffer oder einer Kiste hockt, und deutlich jünger als Inge ist, nur Walter Kahn und nicht Hermann Straus sein, wie in der Bildunterschrift in der Dokumentation zu den aus Hessen deportierten Juden vermutet wurde.[76] Obwohl der Blick der hinter dem Jungen stehenden Frau auf das Kind gerichtet zu sein scheint, muss es sich aber nicht notwendig um seine Mutter Emilie Kahn, geborene Teutsch, handeln.

Auch wenn im Hinblick auf die Fotos eine gewisse Unsicherheit bleibt, so steht außer Frage, dass die Mutter mit ihren beiden Kindern an diesem Morgen mit dem Transport XII/2 über Frankfurt nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie am folgenden Tag ankam.[77] Etwa zwei Jahre gelang es allen dreien, dort zu überleben.

Wie sie das schafften, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Vermutlich wurden sie getrennt untergebracht, konnten aber den Kontakt untereinander aufrechterhalten. Es gab unterschiedliche Gebäude für die Erwachsenen und die Kinder, wiederum nach Geschlecht getrennt.[78] Und in den Kinderhäusern wurde trotz Verboten auch Schulunterricht organisiert. Insgesamt waren es etwa 15 000 Kinder, die in dem Lager hausen mussten, etwa 100 von ihnen erlebten ihre Befreiung. Viele derjenigen, die nicht schon an den erbärmlichen Zuständen, dem ständigen Hunger oder an den kursierenden Krankheiten zugrunde gegangen waren, mussten noch einmal einen weiteren Zug in eines der Vernichtungslager besteigen.
Wieder zusammen mit ihrer Mutter brachte der Transport mit der Bezeichnung ‚Et‘ die drei am 23. Oktober 1944 zusammen mit mehr als 1 700 anderen Opfern nach Auschwitz. Was über diesen Transport bekannt ist, mag man sich nicht vorstellen. 219 Männer wurden nach einer Selektion als arbeitsfähig in verschiedene Nebenlager zur Arbeit geschickt, 215 Frauen wurden in Auschwitz-Birkenau festgehalten. Die übrigen wurden in die Gaskammern geschickt. Wir wissen nicht, ob vor der Gaskammer Selma von ihren Kindern getrennt wurde und diese alleine ins Gas gehen mussten. Zu den 197 Überlebenden dieses Transports gehörte aber auch Selma nicht.[79]

 

Abraham Straus

Die NS-Zeit überlebt hatte aber Abraham, der älteste Bruder von Selma. Seine anderen Geschwister, denen die Flucht in die USA gelungen war, wussten nach dem Krieg jedoch nichts davon. In ihrem Entschädigungsantrag, den sie im Juli 1957 stellten, heißt es noch: „Abraham Straus war vor Ausbruch des 2. Weltkrieges in Suedfrankreich. Nach Beendigung des Krieges ist nichts mehr von ihm gehoert worden. Er muss also als tot betrachtet werden.“[80] Erst ein Jahr später, im Oktober 1958, hatte man eine Adresse von ihm ausfindig gemacht und ihn kontaktiert. Ob es danach einen intensiveren Austausch der Geschwister über ihr jeweiliges Schicksal gab, ist nicht bekannt, aber er wurde daraufhin in das Entschädigungsverfahren mit eingeschlossen und seine Kinder erhielten einen Anteil an den gezahlten Geldern.

Das frühere Leben von Abraham Straus ist nur in groben Zügen zu rekonstruieren. Offenbar hatte er auch den Beruf eines Kaufmanns ergriffen und war zunächst noch in der Nähe seines Heimatorts geblieben.
Aus einem anderen Entschädigungsverfahren, das in Köln beantragt wurde, geht hervor, dass sein letzter dort bekannter Aufenthaltsort Wörrstadt im Kreis Oppenheim gewesen sein soll. Dort war er verheiratet mit Frieda Fröhlich. Sie war am 18. November 1897 in Sinzenich / Köln als Tochter von Bernhard und Mechthild Fröhlich, geborene Lucas, zur Welt gekommen.[81] Die Ehe wurde 1924 wieder geschieden. Aus dieser Ehe waren zuvor aber zwei Kinder hervorgegangen: Zunächst eine Tochter, Edith, von der in dem genannten Entschädigungsverfahren gesagt wird, sie sei deportiert worden. Leider wurden sonst keine Angaben gemacht, auch kein Geburtsdatum angegeben. Es liegt auch keine Geburtsurkunde vor, die die Vaterschaft von Abraham sicher belegen würde, aber eine Edith Straus, geboren am 7. November 1920 in Wörrstadt, wurde von Köln aus am 30. Oktober 1941 zunächst nach Litzmannstadt / Lodz, dann von dort aus am 27. September 1944 nach Stutthof in Ostpreußen deportiert und dort zu einem unbekannten Datum ermordet.[82] Man kann mit größter Sicherheit davon ausgehen, dass diese ermordete Edith die Tochter von Abraham und Frieda Straus war.
Ein Sohn namens Bernard lebte später in Neuss. Er hatte das Entschädigungsverfahren angestoßen, in dem es auch um seine deportierte Schwester ging. Er selbst hatte aber später nach der Scheidung der Eltern keinen Kontakt mehr zu seinem Vater und konnte auch nichts über dessen weiteres Schicksal aussagen.[83] Er war am 13. August 1922 geboren worden und lebte nach dem Krieg in Neuss.[84] Später wanderte er nach Palästina aus, wo er den Namen Dov Amir annahm. Verstorben ist er zu einem nicht bekannten Zeitpunkt, vermutlich im israelischen Kfar Sava.

Wo sich Abraham Straus nach der Trennung zunächst aufhielt, ist nicht bekannt. 1933 war er dann vom 2. August bis zum 1. Dezember in Frankenberg an der Eder, Untermarkt 16, gemeldet, wo er mit Mathilde Richter, einer nichtjüdischen Frau, aber eindeutigen Gegnerin der Nationalsozialisten, für mehrere Monate zusammenlebte. Auch zuvor in den Zwanzigerjahren war sie mit Unterbrechungen dort wohnhaft gewesen, und auch im April 1933 kehrte sie nach ihrem letzten Aufenthalt im Jahr 1927 wieder dorthin zurück. Was der konkrete Anlass war, der Abraham Straus veranlasste, im Dezember die Stadt wohl relativ überstürzt zu verlassen, ist nicht bekannt. Über Holland hatte er sich in das saarländische Dillingen abgesetzt,[85] das damals noch unter französischer Kontrolle stand, sodass eine Verfolgung durch die Nazis dort nicht möglich war. Mathilde Richter folgte ihm am 8. Oktober 1934.[86]
Sie brachte zwei Kinder mit, deren Vater Abraham Straus war. Irma war am 20. November 1932, Max am 25. Dezember 1933 geboren worden.[87] Während letzterer in Frankenberg zur Welt gekommen sein muss, ist der Geburtsort von Irma nicht bekannt. Zu dieser Zeit lebte ihre Mutter noch nicht in der nordhessischen Stadt.

Vermutlich handelt es sich um einen Tippfehler im Dokument, laut dem Mathilde Richter angegeben haben soll, sie habe am 14. November 1932 die Ehe mit Abraham Straus in Dillingen geschlossen, da im gleichen Schreiben festgestellt wird, dass das Aufgebot am 24. Oktober 1934 bestellt worden sei. Die Ehe sei aber nach Auskunft des dortigen Standesamts damals nicht geschlossen worden, weil die beiden zuvor, ohne den anberaumten Termin abzuwarten, Dillingen verlassen hätten, um sich nach Frankreich abzusetzen.[88] Am 13. Januar 1935 fand im Saarland die Volksabstimmung über die Zugehörigkeit des Landes statt, in der eine überwältigende Mehrheit der Saarländer sich, der Parole „Heim ins Reich“ folgend, faktisch für die Diktatur entschieden. Das war sicher auch schon in den Wochen zuvor spürbar und Abraham Straus und Mathilde Richter ergriffen erneut die Flucht, wohl ahnend, was passieren könnte, wenn sie zu lange bleiben würden.

Am 20. Januar 1935 meldeten sie sich in dem französischen Städtchen Muret in der Nähe von Clermont-Ferrand an.[89] Dort lebten sie die folgenden fünf Jahre in relativer Sicherheit, bekamen am 21. November 1938 sogar noch eine weitere Tochter mit Namen Rosette bzw. Rose.[90] Als dann die Verfolgung der Juden 1942 auch im Vichy-Frankreich durchgesetzt wurde, verließ Abraham Straus erneut seine Familie und ging in den Untergrund. In Lherm bei Toulouse, etwa 350 km entfernt von Muret, hielt er sich versteckt, zum Teil in Scheunen und Kellern. Er lebte, so die Zeugenaussagen von Unterstützern, die ihn auch mit Lebensmitteln versorgten, „in erbärmlichen Verhältnissen und in ständiger Angst vor einer Verhaftung“.[91] Man beschaffte ihm später zwar gefälschte französische Ausweispapiere auf den Namen Albert Eftroi, aber auch die, nur für größte Notfälle gedacht, erlaubten ihm keine Rückkehr in das normale Leben.

Ob und wenn ja, auf welchem Weg er in dieser Zeit den Kontakt zu seiner Familie aufrechterhalten konnte, ist nicht bekannt, aber schon vor der endgültigen Befreiung des Landes muss es ein Wiedersehen gegeben haben, denn am 20. November 1944 wurde ihnen mit Norbert ein weiterer Sohn geschenkt, ein Kind, das schon im befreiten Frankreich zur Welt kam. Mit Eugène folgte am 3. April 1946 dann das letzte Kind.
Verständlicherweise wollte die Familie nach dem Sieg über Hitler-Deutschland nicht zurück. Wann Mathilde und Abraham dort die Ehe dann auch formal schlossen, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.
Wenn die Geschwister in den USA nichts vom Schicksal ihres Bruders wussten, so hatte das sicher seinen Grund darin, dass er in Frankreich zuletzt in der Illegalität leben musste und er wiederum nach dem Krieg keine aktuellen Adressen von ihnen in Amerika hatte.
Es blieb ihnen aber nur noch eine kurze Zeit, um sich auszutauschen. Ob sie die Zeit noch nutzten, ist nicht bekannt. Abraham Straus verstarb am 10. April 1961 im französischen Muret.[92]

 

Veröffentlicht: 25. 07. 2026

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Unklar ist, ob auch noch Alexander Turner, geboren am 9.9.1933 damals noch in der Ludwigstr. 3 lebte.

[2] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 130.

[3] In der Entschädigungsakte ist ein ausdrücklicher Vermerk, dass der Nachname von Selma Straus und nicht Strauss sei. HHStAW 518 43185 (33). Auch in ihrer Geburtsurkunde ist der Name eindeutig mit einfachem „s“ geschrieben. Geburtsregister Schornsheim 21 / 1901. Allerdings haben auch die Geschwister, wie bei diesem Namen häufig der Fall, unterschiedliche Schreibweisen, sowohl mit „ss“ als auch mit „ß“, verwendet.

[4] Ebd. S. 44.

[5] Siehe insgesamt zur Rolle der Juden in Schornsheim http://www.gemeinde-schornsheim.de/juden_in_schornsheim.htm. (Zugriff 31.05.2026).

[6] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 94, Eintrag 215.

[7] Ebd. Eintrag 217.

[8] Ebd. S. 96, Eintrag 223. Die Ehe war am 2.4.1829 in Schornsheim geschlossen worden.

[9] Ebd. S. 97, Eintrag 228.

[10] Ebd. S. 130, Eintrag 383.

[11] HHStAW 518 71483.

[12] Geburtsregister Schornsheim 4 / 1896.

[13] Geburtsregister Schornsheim 21 / 1897.

[14] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 130, Eintrag 383; auch Gedenkbuch des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten, S. 332.

[15] Geburtsregister Schornsheim 21 / 1901.

[16] HHStAW 518 81554 (32).

[17] Siehe auch im Weiteren HHStAW 518 81554 (113).

[18] Laut Bembeneck gab es 1934 noch 80 jüdische Metzgereien in der Stadt, siehe Bembenek / Dickel, Kein deutscher Patriot mehr, S. 31.

[19] Schneider, Familie Tiefenbrunner, S. 148. Die Familie von Rudolf Stein konnte, übrigens zusammen mit Mitgliedern der Dotzheimer Metzgerfamilie Stein, im Sommer 1938 in die USA auswandern.

[20] HHStAW 518 81554 (4, 6, 27 106). Eine Entschädigung für den körperlichen Schaden wurde am 22.8.1963 abgelehnt, ebd. (139-1941).

[21] Geburtsregister Bad Hersfeld 111 / 1915. Ilse hat im Rahmen ihres Entschädigungsverfahrens einen umfassenden Lebenslauf hinterlassen, auf den im Folgenden Bezug genommen wird, siehe HHStAW 518 21535 (6 f.). Siehe auch https://stolpersteine.hersfeld.hassia-judaica.de/files/HEF_Stolpersteine_16-17.pdf. (Zugriff 31.05.2026).

[22] In Müller, Juden in Gießen, ist ein jüdisches Hutgeschäft mit diesem Namen nicht aufgeführt.

[23] Nicht zutreffend scheint die Angabe in https://www.hassia-judaica.de/Orte/Hersfeld/Stadtrundgang/inhalt/10_index.htm. (Zugriff 31.05.2026) zu sein, Ilse habe auch in Wiesbaden gearbeitet. Weder in ihrem ausführlichen Lebenslauf, noch in der detaillierten Aufstellung ihrer Erwerbsbiografie ist Wiesbaden erwähnt.

[24] HHStAW 518 81554 (7, 95-98).

[25] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0595-00044?queryId=8ceab35e-2c50-41d4-ae46-0ac14a157f76&usePUB=true&_phsrc=SbT2624&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6716203. (Zugriff 31.05.2026).

[26] HHStAW 518 81554 (1).

[27] Ebd. (10, 28).

[28] HHStAW 518 21535 (5, 65). Über viele Jahre war sie auch arbeitslos, vermutlich aber auch, um sich um die Kinder zu kümmern.

[29] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de869079. (Zugriff 31.05.2026).

[30] https://www.ancestry.de/search/collections/61260/records/4649618. (Zugriff 31.05.2026).

[31] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 86, Eintrag 173.

[32] HHStAW 518 57149 (15).

[33] Ebd. Zumindest von dem jüngeren Sohn Lion gab Irving im Verfahren das Geburtsdatum mit dem 30.9. 1946, New York, an. Ebd. (114).

[34] Ebd. (16).

[35] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 86, Eintrag 173. Beatrice Weis gibt den Geburtsmonat ihrer Schwester in den Entschädigungsakten fälschlicherweise mit Juli statt April an, HHStAW 518 20695 (14).

[36] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 130, Eintrag 383.

[37] HHStAW 518 20695 (14).

[38] Was aus der ehemaligen Pferdehandlung, die er mit seinem Bruder dort betrieben hatte, geworden war, konnte nicht ermittelt werden.

[39] Zur Firma ‚Rossel, Schwarz & Co. AG‘ siehe die Recherchen der Wiesbadener Stadtteilhistorikerin Andrea Wecker in den verschiedenen Broschüren der Stadtteilhistoriker, z.B. https://stadtteilhistoriker-wi.de/pages/broschuere.php. (Zugriff 31.05.2026). Zum Schicksal der Mitinhaberfamilie Max und Margot Berger siehe das Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘, auf das leider derzeit nicht online zugegriffen werden kann. Die Familie wurde bei ihrer Flucht in den Pyrenäen aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert.

[40] Schwamb, Jüdische Bewohner der Selzbachtalgemeinden, S. 130, Eintrag 383 und S. 25.

[41] Ebd.

[42] Heiratsregister Frankfurt 1026 / 1932. Es war nicht die erste Ehe von Emil Franz Hett. Am 4.4.1911 hatte er ebenfalls in Frankfurt die evangelische Karolina Dannhof aus Marbach geheiratet, Heiratsregister Frankfurt 225 / 1911. Aus dieser Ehe war am 14.11.1914 der Sohn Emil Franz geboren worden, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat ums Leben kam. Sterberegister Frankfurt 813/I / 1948. Ob Karolina Hett vor der zweiten Ehe ihres Mannes verstorben war oder die Ehe geschieden worden war, konnte nicht ermittelt werden.

[43] Geburtsregister Frankfurt 197 / 1886.

[44] HHStAW 518 57149 (20).

[45] https://www.veikkos-archiv.com/index.php?title=Fahrgasse_80-82_(Frankfurt/Main). (Zugriff 31.05.2026).

[46] HHStAW 518 15628 (13).

[47] HHStAW 518 57149 (49). In ihrem Einbürgerungsantrag gab sie allerdings an, von Hamburg aus nach New York gefahren zu sein. Siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0641-00120?queryId=5ecb0ae1-8567-462a-98fb-219a9486e87d&usePUB=true&_phsrc=SbT2615&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6739478. (Zugriff 31.05.2026).

[48] HHStAW 518 57149 (17).

[49] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0641-00120?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=6739478 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7733/images/imusany1824_1635-00230?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=2903132. (Zugriff 31.05.2026).

[50] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61406/images/47512_546387-00727?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=2020700 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61406/images/47512_546387-00389?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=2006313. (Zugriff 31.05.2026).

[51] HHStAW 518 57149 (1, 17). Die Kinder waren, als sie im Mai 1955 den Entschädigungsantrag stellte, dreieinhalb und sieben Jahre alt.

[52] Siehe im Folgenden die Dokumentation von Kingreen über die Deportationen aus Frankfurt im Herbst 1941 in Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 42-95, zur Deportation vom 23. November S. 85-96.

[53] Noch erinnern in Frankfurt keine Stolpersteine an die vier Ermordeten der Familie Koch.

[54] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/34623-sara-strauss/. (Zugriff 31.05.2026).

[55] Ebd. (10). Eine Entschädigung für diese Zeit wurde später mit dem Argument verweigert, dass es sich dabei um einen Kriegseinsatz gehandelt habe, zu dem nicht nur NS.Verfolgte herangezogen worden seien, sondern auch andere Staatsbürger. Er müsse nachweisen, dass er dort unter quasi Haftbedingungen zu leben gezwungen gewesen sei. Ebd. (43).

[56] Siehe zum KZ Clausthal-Zellerfeld https://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/Mediathek/Infotafel_Low_Clausthal-1-6-2025.pdf. (Zugriff 31.05.2026).

[57] HHStAW 518 57149 (13).

[58] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61758/images/0290_70460156_1?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=7888013. (Zugriff 31.05.2026).

[59] HHStAW 518 57149 (10, 11, 23).

[60] https://collections-server.arolsen-archives.org/H/Ous_partitions/29/@Maint/aa/dv/px/001.jpg und https://collections-server.arolsen-archives.org/G/ITS_DATA_EXPORT_DP/03010101/0977/5684337/001.jpg. (Zugriff 31.05.2026).

[61] HHStAW 518 15628 (6, 18).

[62] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/27372047 (Zugriff 31.05.2026).

[63] https://www.ancestry.de/search/collections/60525/records/82566015. (Zugriff 31.05.2026).

[64] Geburtsregister Wiesbaden 1166 / 1930.

[65] Geburtsregister Wiesbaden 856 / 1934.

[66] Ebd.

[67] Dies ist fälschlicherweise in der Bildunterschrift zu einem der Deportationsfotos gemacht, wo vermutet wird, bei dem abgebildeten Jungen würde es sich um Hermann Straus handeln. Er und seine ebenfalls unehelich geborene Schwester würden von einem arischen Vater abstammen, siehe Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 160.

[68] Sterberegister Wiesbaden 1411 / 1938.

[69] HHStAW 519/3 8034 (1, 2).

[70] Ebd. (3). Irritierend ist, dass Selma in dem Formular ihr Geburtsjahr zweimal fälschlicherweise mit 1902 statt mit 1901 angab. Es kann sich kaum um ein Versehen oder Absicht gehandelt haben. Offensichtlich kannte sie ihr richtiges Geburtsdatum nicht.

[71] Ebd. (4, 5).

[72] HHStAW 518 43183 (49).

[73] Die hier wiedergegebene Episode wurde bereits im Kapitel über die Familie Abraham und Löwenberg zitiert.

[74] Auer, Erben der Nazis, S. 31.f.

[75] Yad Vashem Archives Record Group O.8, File Number 43.1 (66).

[76] Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 160. Die gleiche Vermutung wird in den Erläuterungen zu #LastSeen gegeben, https://atlas.lastseen.org/wiesbaden-1942/26. Anders Dr. Eichler, ehemaliger Leiter des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden, der in einem nicht veröffentlichten Vortrag über die Fotoserie die hier übernommene Einschätzung vortrug.

[77] Selma und Hermann Straus sind in der Opferdatenbank von Theresienstadt enthalten, siehe https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/34629-selma-strauss/ und https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/34491-hermann-strauss/, eigenartigerweise aber nicht Inge.

[78] Zu den Kindertrakten siehe Benz, Theresienstadt, S. 173-185, auch Klüger, Weiter leben, S. 87-93. Auch Charlotte Guthmann / Opfermann, die Tochter des früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, berichtet über ihre Zeit in Theresienstadt in der sie sich in der Betreuung der Kinder engagierte. Sie hätte eigentlich die beiden Straus-Kinder kennen müssen, erwähnt sie aber in ihren Erinnerungen an Theresienstadt nicht. Siehe Opfermann, Remembering Theresienstadt.

[79] https://www.holocaust.cz/de/transport/60-et-theresienstadt-auschwitz/ (Zugriff 31.05.2026).

[80] HHStAW 518 43185 (11).

[81] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/56744688/person/242374153385/facts?_phsrc=SbT2660&_phstart=successSource. (Zugriff 31.05.2026).

[82] https://www.mappingthelives.org/bio/0b47569b-bcc6-4833-b2cf-802748ccae22?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&forename=Edith&surname=Straus&res_single_fd=false&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de, dazu https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de978664. (Zugriff 31.05.2026),

[83] HHStAW 518 71483 (21).

[84] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/56744688/person/242375376780/facts. (Zugriff 31.05.2026).

[85] HHStAW 518 71483 (14).

[86] Ebd. (72).

[87] Ebd. (30).

[88] Ebd. (24).

[89] Ebd. (30).

[90] Ebd.

[91] Ebd. (32, 35).

[92] Ebd. (45).

Rheinstr. 81

 

Eisig Philipp und Mina Rottenberg, geb. Hanauer, sowie ihre sieben Kinder

Als Philipp und Mina Rottenberg im Sommer 1921 das Hausgrundstück Rheinstr 81 erwarben, zeugte das nicht nur von einem gelungenen gesellschaftlichen Aufstieg, die Investition offenbart auch das kaufmännische Geschick des neuen Besitzers. Wir befinden uns in der Hochzeit der Nachkriegsinflation nach dem ersten großen Krieg im zwanzigsten

Jahrhundert, in dem kluge Köpfe versuchten, ihr Geld in Immobilien anzulegen, um so dem drohenden Wertverlust zu entgehen. Noch war die Geldentwertung aber nicht zur Hyperinflation ausgeartet, sodass man die Vorzüge der Verschuldung auch bei schon sehr hohen Immobilienpreisen noch kalkulieren konnte.
Einschränkend muss man allerdings festhalten, dass zwar der Kaufmann Philipp Rottenberg wahrscheinlich die treibende Kraft beim Erwerb war, das Haus aber formal nur seiner Frau Mina gehörte. Im Grundbuch ist als Besitzer in einer etwas umständlichen Formulierung „Frau Kaufmann Philipp Rottenberg, Mina, geb. Hanauer zu Wiesbaden“ eingetragen.[1]
Leider ist nicht mehr feststellbar, welche Summe Rottenbergs zahlen und welche Hypothek sie damals aufnehmen mussten. Aus einer Aktennotiz aus dem Jahr 1939 geht allerdings hervor, dass der Wert des Gebäudes im besagten Jahr rund 40.000 RM betrug, das Ehepaar aber mit 32.000 RM verschuldet war.[2] Ein beträchtlicher Teil dieser Schulden resultierte vermutlich aus dem Hauskauf im Jahr 1921. Dem Grundbuch ist zu entnehmen, dass ein Louis Friedman aus Newark in den USA 18.000 Goldmark als verzinsliches Darlehen zur Verfügung gestellt hatte. Er war kein Unbekannter, sondern der Ehemann von Minas Schwester Augusta, die 1879 geboren wurde und als 17-Jährige nach Amerika aufgebrochen war.[3] Dort heiratete sie 1905 Louis Friedmann, eine offenbar gute Partie, denn er war zeitweise Präsident einer Motorcorporation, dann auch Börsenmakler. Auf jeden Fall verfügte er über genügend Vermögen, um seinem Schwager einen solchen Betrag zur Verfügung zu stellen. Und auch später, als es um die Auswanderung der Kinder ging, stellten er und seine Frau die notwendigen Affidavits zur Verfügung.

Trotz der hohen Summe ging der Kaufmann Philipp Rottenberg offenbar davon aus, dass er diese Belastung in den folgenden Jahren angesichts der bisherigen Entwicklung seines Geschäfts problemlos würde abtragen können. Er betrieb, seitdem er sich in Wiesbaden niedergelassen hatte, recht erfolgreich einen Klein- und Großhandel mit Weißwaren. Unterlagen der Finanzbehörden über die Geschäftsentwicklung sind nicht erhalten geblieben, aber auch anhand der Wohngeschichte der Familie in Wiesbaden lässt sich der allmähliche Aufstieg der Familie nachvollziehen.

Ursprünglich stammte Philipp Rottenberg aus dem früheren Oberschlesien, einem Ort namens Rozniatow, auf Deutsch Rosniontau, der während des Kaiserreichs im ehemaligen Regierungsbezirk Oppeln lag und der Gemeinde Groß Strelitz zugeordnet war.[4] Damit lag die Ortschaft nicht nur im politischen Spannungsfeld zwischen den früheren Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland, sondern auch im Grenzland zwischen dem vom Chassidismus geprägten osteuropäischen und dem westeuropäischen Judentum.

Eisig Philipp Rottenberg, wie er mit vollem Namen hieß, war am 5. Mai 1882 als Sohn von Chaim und Recha Rottenberg, geborene Brotfeld, zur Welt gekommen. Welchen Beruf die Eltern ausübten, ist nicht bekannt, aber vermutlich waren auch sie, wie die meisten Juden dort, einfache Handelsleute oder Handwerker. Wenige fanden ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in dieser Gegend auch eine kleine Schicht bürgerlicher, jüdischer Intellektueller, die als Juristen oder Beamte neue Erwerbsmöglichkeiten fanden. Immerhin gab es dort Anfang des 20. Jahrhunderts eine hebräische Schule mit mehr als einhundert Schülern, woraus man auch ansatzweise auf die Größe der jüdischen Gemeinde insgesamt schließen kann.

Abgesehen von den Namen seiner Eltern, weiß man leider nichts über den familiären Hintergrund von Philipp Rottenberg. So ist nicht bekannt, ob er weitere Geschwister besaß, und welche Gründe ihn veranlasst hatten, seine schlesische Heimat zu verlassen. Ob es die wirtschaftliche Not war oder die Angst vor antisemitischen Pogromen, die die jüdische Bevölkerung besonders jenseits der Grenzen in der Zeit um die Jahrhundertwende erschütterten, ist nicht mehr zu sagen. Es waren aber Abertausende von ihnen, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nach Westen strömten. Eine neue Welle der Fluchtbewegung aus dem Osten erfolgte während und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wie aus einem Schreiben des Innenministeriums des Deutschen Reichs vom 1. November 1919 hervorgeht. Wenngleich die meisten von ihnen versuchten, weiter nach Amerika zu kommen, blieben viele von ihnen aber auch in Deutschland, etwa im Berliner Scheunenviertel, hängen. Die oft verarmten Flüchtlinge stellten angesichts der insgesamt miserablen Versorgungslage für die neu gegründete Republik zweifellos eine Herausforderung dar und man versuchte damals durch eine allgemeine Registrierung der polnischen Juden, sich einen Überblick über deren Zahl zu verschaffen. Dass bei dieser Maßnahme unzweifelhaft auch antipolnische, aber noch mehr antisemitische Haltungen eine wesentliche Rolle spielten, ergibt sich aus der Diktion des Erlasses des Reichsinnenministers vom 1. Juni 1920. Hatte man im vorausgehenden Erlass vom November 1919 noch primär die schwierige Situation auch der Flüchtlinge im Auge, so wurde in dem neuen Erlass primär auf die durch die Immigration entstandenen Gefahren und die angeblich notwendige Gefahrenabwehr abgehoben – bis in die Wortwahl hinein gleichen die damaligen Argumente denen in der heute aktuellen Diskussion um die angebliche „Asylantenschwemme“. Da war jetzt von „lichtscheuen Elementen“ die Rede, die „zu entfernen“ seien und gegen die „mit aller Schärfe vorgegangen werden solle“. Ein Ausländer, der sich den Gesetzen und Vorschriften des Landes nicht fügt, in dem er ein Asylrecht beansprucht, habe keine Rücksicht verdient und sich des Asylrechts unwürdig erwiesen. „Gegen diejenigen aus dem Osten eingewanderten Elemente, die sich des Lebensmittelwuchers oder irgendwelcher Schieberhandlungen – sei es auf dem Gebiet der Ernährung oder des Warenhandels, vornehmlich auf dem des Gold-, Silber- und Juwelenhandels oder auf dem der Valutaspekulation – verdächtig machen, (sei) ohne Rücksichtnahme vorzugehen.“ Zwar wurde betont, dass konfessionelle oder rassische Gesichtspunkte dabei keine Rolle spielen würden, aber die vorausgegangene Aufzählung ließ keinen Zweifel daran, wer gemeint war.[5] Für diejenigen, die man nicht wieder in den Osten abschieben konnte, wurden die ersten Sammellager eingerichtet.[6]
Auch in Wiesbaden wurde die Polizeidirektion aktiv und bat unter dem Betreff ‚Behandlung von Ostjuden’ am 26. Februar 1920 um Meldung derjenigen, die durch Silberschmuggel aufgefallen waren. Nicht wenige der mit dem Etikett „Ostjude“ versehenen Migranten waren nämlich auch in die Kurstadt gekommen. Etwa ein Drittel der in den zwanziger und dreißiger Jahren hier lebenden etwa 3200 Jüdinnen und Juden hatte osteuropäische Wurzeln und zählte sich im Hinblick auf seine religiöse Orientierung zum orthodoxen Judentum. Ihre Zuwanderung wurde wegen ihrer als fremdartig empfundenen Kultur und Lebensweise, überall wahrnehmbar durch die traditionelle Kleidung, von der einheimischen Bevölkerung und auch von ihren assimilierten Glaubensbrüdern mit wachsendem Missbehagen gesehen. Besonders das innere Westend zwischen Schwalbacher Straße, Emser Straße und Goebenstraße zählte zu ihrem bevorzugten Wohngebiet. Dort befanden sich zumeist in privaten Räumen die kleinen Gebetstuben, Schtibl genannt. Dort wurden koschere Speisen angeboten und man konnte sich in seinem schwarzen Kaftan bewegen, ohne schief angesehen zu werden. Die dortigen Straßen beherbergten die kleinen Trödel- und Krämerläden, die dem Viertel wenigstens ansatzweise den vertrauten Anblick der heimischen Schtetl gaben.

Dem Erlass der Reichsregierung kam auch die Stadt Wiesbaden nach und erstellte anhand der Unterlagen des Meldeamts entsprechende Listen. In dieser Liste ist auch Philipp Rottenberg aufgenommen, der danach seit dem 10. Mai 1906 in der Stadt gemeldet war.[7] Allerdings wirft dieser Eintrag weitere Fragen auf. Zunächst muss man fragen, wieso er überhaupt in dieser Liste erscheint, denn sein Geburtsort bei Groß Strelitz lag zum Zeitpunkt seiner Geburt im Deutschen Reich. Und auch nach dem Ersten Weltkrieg und den in Oberschlesien abgehaltenen Abstimmungen über die territoriale Zugehörigkeit blieb dieses umstrittene Gebiet bei Deutschland. Möglicherweise waren seine Eltern polnische Staatsbürger und diese Staatsangehörigkeit war dann auf ihn übertragen worden. Offenbar betrachtete sich die Familie selbst auch als polnische Juden, denn nie hat sie diese Zuschreibung, die ihr eher Probleme als Vorteile bereitete, je infrage gestellt und dagegen protestiert.[8] All die Jahre zuvor war sie auch von der Polizei als Polen geführt und von ihren Mitbürgern auch als solche behandelt worden.
Die zweite Frage stellt sich im Hinblick auf den Zeitpunkt seiner Anmeldung in Wiesbaden und damit verbunden das Jahr seiner Eheschließung. Auf der 1920 erstellten Liste der polnischen Juden ist auch seine Frau Mina, geborene Hanauer, mit dem gleichen Meldedatum, dem 10. Mai 1906, aufgeführt. Laut Eintrag auf seiner Sterbeurkunde war die Ehe aber erst am 26. Dezember 1907 geschlossen worden.[9]
Eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch könnte sein, dass die beiden zuvor die Ehe nach jüdischem Ritus geschlossen und die amtliche Eheschließung erst wesentlich später vollzogen hatten. Vielleicht übernahm man bei der Erstellung der Liste der Einfachheit halber mit der Staatsangehörigkeit auch das Meldedatum von Eisig Philipp für seine Frau.
Auch Mina Hanauer kam aus einer jüdischen, allerdings nicht polnischen Familie, die in der kleinen Gemeinde Richen, etwa 25 km westlich von Heilbronn, beheimatet war.[10] Sie hatte dort am 2. Oktober 1881 als Tochter des Handelsmanns Herrmann Hanauer und seiner Frau Fanny, geborene Wolfheimer, das Licht der Welt erblickt.[11] Wegen ihrer Ehe mit einem Ostjuden verlor sie nach geltendem Recht des Kaiserreichs ihre deutsche Staatsangehörigkeit, womit auch sie automatisch der diskriminierten Gruppe der polnischen Ostjuden zugeschlagen wurde. Wann sie ihre südfränkische Heimat verlassen hatte, vielleicht mit ihren Eltern, ist nicht bekannt, aber die Hochzeit fand im badischen Reilingen, südlich von Heidelberg, statt.

Erst drei Jahre nach ihrer Anmeldung in Wiesbaden erscheint das Ehepaar Rottenberg erstmals im Wiesbadener Adressbuch von 1909. Nicht, wie in der Judenliste angegeben, mit der Adresse Schwalbacher Str. 43, sondern mit der Anschrift Hermannstr. 17. Diese Straße liegt in dem klassischen Wohngebiet der Ostjuden im Herzen des Westends. Dass sie damals noch wenig vermögend gewesen sein müssen, kann man auch daraus schließen, dass sie in der ohnehin eher bescheidenen Wohngegend die erste Etage in einem Hinterhaus bezogen hatten. Der Umzug in die Schwalbacher Straße erfolgte um das Jahr 1913 und markiert den allmählichen sozialen Aufstieg. Die Straße, heute eine vielspurige Verkehrsader, trennte schon damals das traditionelle geschäftliche Zentrum der Stadt von dem westlich davon gelegenen Viertel der einfachen Leute und eben auch der ostjüdischen Migranten. Auch innerhalb des Gebäudes war er vorgerückt. Statt im Hinterhof bewohnte er jetzt eine Wohnung im ersten Stock des Mittelbaus. Da er mit seinem Weißwäschegeschäft primär den Einzelhandel belieferte und nur nebenbei auch direkt eigene Verbraucher bediente, war er auf einen Laden, der mit Auslagen Kunden anziehen musste, nicht angewiesen. Ein Lagerraum genügte völlig.

[Bild Schwalbacher Str 57]

Vermutlich erfolgte der Umzug in die bessere Lage aber nicht nur aus geschäftlichen Gründen. Inzwischen hatte sich die Familie durch die Geburt der ersten fünf Kinder schon erheblich vergrößert. Als Erster war am 7. November 1908 der Sohn Hermann zur Welt gekommen.[12] Ihm folgten zwei Töchter, zunächst Jette am 24. Juni 1910 und dann Auguste am 21. Dezember.[13] Der Umzug hatte im Zeitraum stattgefunden, in dem Henny am 2. September 1913 zur Welt kam.[14] Noch während man sich in Deutschland der Hoffnung hingab, man könne den Ersten Weltkrieg gewinnen, wurde am 4. November 1917 der Sohn Emanuel geboren.[15] Die beiden Töchter Regina, geboren am 13. Mai 1920, und Ruth Dina, geboren am 23.5.1923, waren dann Kinder der Weimarer Republik.[16] Eine weitere Bewohnerin war Fanny / Fanni Hanauer, geborene Wolf, die verwitwete Mutter von Mina. Nicht bekannt ist, ob sie auch schon unter den bisherigen Adressen der Rottenbergs zusammen mit diesen gelebt hatte.[17]

In dem 1921 neu erworbenen Haus in der Rheinstr. 81 stand ihnen eine Wohnung mit 7 Zimmern zur Verfügung, die – so eine Zeugin in einer eidesstattlichen Erklärung – „sehr gut und elegant möbliert war (wertvolle Möbel, Teppiche, ein Flügel, wunderbares Silber und Tafelgeschirr)“.[18] Dazu gehörten noch zwei Mansardenzimmer, von denen das eine als Lager, das andere als Büro genutzt wurde.[19]
Über die Umsatzentwicklung und die erwirtschafteten Gewinne konnten im Entschädigungsverfahren keiner der Befragten konkrete Aussagen machen, Akten des Finanzamts lagen nicht mehr vor, aber sogar die Auskunftei Blum, die zumeist eher negative Gutachten über frühere jüdische Unternehmen machte, musste konstatieren, dass Philipp Rottenberg „sich mit seinem Geschäft sehr viel Mühe“ gab, wenngleich die Formulierung auch weniger positive Interpretationsmöglichkeiten offenlässt. Die gesamte Familie habe im Geschäft mitgearbeitet und fremde Hilfskräfte seien nur von Fall zu Fall eingestellt worden. Er habe ein ständiges Lager im Wert von etwa 20.000 RM unterhalten. „Seinen Verbindlichkeiten kam er immer vereinbarungsgemäß nach.[20] Trotz der fehlenden Zahlen kam auch die Entschädigungsbehörde zu dem Schluss, dass es sich um ein früher „gut gehendes Weiß- und Wollwaren Wäsche-Versandgeschäft“ gehandelt haben muss.[21] Eine Freundin der Töchter der Familie vermutete, dass die Einnahmen „erheblich über dem Durchschnitt gelegen haben (müssen), denn die Familie Rottenberg führte ein großes Haus.“[22]

Der frühere, ebenfalls aus Polen stammende Verleger und Druckereibesitzer Heinz Henry Spett, der 1933 zunächst nach Frankreich und später in die USA emigrieren konnte, bestätigte, dass die Familie Rottenberg bis zu seiner Flucht in gediegenen Verhältnissen gelebt habe. „Sein mustergültiges Familienleben, das sich auch darin zeigte, dass er seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen ließ, und seine freundschaftliche Einstellung zu seinen Mitbürgern, machten ihn zu einer allgemein beliebten und geschätzten Persönlichkeit, sowohl in jüdischen wie auch in nichtjüdischen Kreisen in Wiesbaden.“ Besonders in der jüdischen Gemeinde sei er ein „angesehenes und hochgeachtetes aktives Mitglied“ gewesen.[23] Ob diese Aussage tatsächlich zutreffend war, muss allerdings hinterfragt werden. Sein Name erscheint in den vielen Vereinen und Gruppierungen der Gemeinde nur ein einziges Mal: Seine Mitgliedschaft beschränkte sich auf die ‚Agudas Isroel’, die in Wiesbaden knapp zwanzig, fast ausschließlich aus dem osteuropäischen Judentum zugehörige Mitglieder besaß. Als ihre Aufgabe sah diese orthodoxe Vereinigung die „Pflege des Thorageistes und die Stärkung des gesetzestreuen Judentums“ an. Gegründet worden war sie 1912 im oberschlesischen Kattowitz, also ganz in der Nähe des Geburtsorts von Philipp Rottenberg, ursprünglich als Gegenbewegung zum weltlich orientierten Zionismus. Dass sich die Anhänger dieser extrem konservativen Strömung aber in einer Gemeinde mit mehrheitlich liberal orientierten Juden wohlfühlten und sich mit gegenseitiger Achtung begegneten, muss doch eher bezweifelt werden.

Auch drei der Töchter von Philipp Rottenberg, Auguste, Regina und Ruth Dina, engagierten sich nachweislich zumindest in einer der orthodoxen Gruppen. Die beiden Jüngsten sind im Jüdischen Adressbuch als Mitglieder der ‚Esra’, dem orthodoxen Jugendbund genannt und Auguste /. Gusti, ist auf der rückseitigen Beschriftung eines Fotos der Gruppe aus dem Jahr 1932 aufgeführt.[24] Der Bund war die jüdisch-orthodoxe Antwort auf die deutsche Jugendbewegung. Die neun bis fünfzehnjährigen Jungen und Mädchen unternahmen genauso wie ihr „deutsches“ Pendant viele Wanderungen, allerdings geschlechtlich getrennt, übten sich in sportlichen Spielen und pflegten den gemeinsamen Gesang. Ihr Ziel war – ähnlich wie das der Agudas Isroel’ – die Entwicklung einer jüdischen Persönlichkeit, in der das Thora- und das Weltwissen in einem gesunden Körper zur Entfaltung kommen sollte.[25]

Unabhängig davon mussten die Kinder auch die öffentlichen Schulen besuchen. Zumindest von Regina ist dokumentiert, dass sie bis zum März 1930 im Lyzeum II und 1933 auch an der Mittelschule in der Rheinstraße unterrichtet wurde.[26] Emanuel besuchte von 1929 bis 1936 die Gutenbergschule.[27] Von seinem Alter her hätte er dort noch sein Abitur ablegen können.

Wann der Niedergang des Geschäfts begann, war schon im Entschädigungsverfahren nicht mehr genau feststellbar. Bezeugt wurde zwar, dass die Umsätze mit der Machtübernahme der Nazis zurückgegangen seien und viele Kunden, die die Waren auf Ratenbasis bezogen hatten, jetzt glaubten, ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen zu müssen. Einzig das Steueramt beim Magistrat der Stadt Wiesbaden konnte wenigstens für die Jahre 1933 bis 1938 Zahlen liefern, die aber bestenfalls einen tendenziellen Einblick in die Situation nach 1933 ermöglichen. Demnach wurden dort schon von diesem Jahr an keine Erträge mehr registriert und entsprechend fand auch keine Veranlagung für die Gewerbesteuer mehr statt.[28] Diese Daten lassen vermuten, dass bereits zuvor während der Weltwirtschaftskrise die zuvor unzweifelhaft positive Lage sich verschlechtert haben muss und die folgenden Boykottaktionen dann faktisch das Ende der Firma einläuteten. Über die Einkünfte der Familie liegen drei Zahlen aus den Jahren 1936 bis 1938 vor. In den Jahren 1936 und 1938 belief sich das jährliche Gesamteinkommen aus dem Geschäft auf jeweils etwa 1.000 RM, 1937 auf knapp 1.400 RM.[29] Das sind zumeist nicht einmal 100 RM im Monat zum Unterhalt einer zeitweise noch achtköpfigen Familie. Möglicherweise konnten die älteren Kinder, sofern sie noch Arbeit gefunden hatten, noch einen finanziellen Beitrag leisten. Wie auch andere jüdische Familien werden auch Rottenbergs auf ihre Ersparnisse zurückgegriffen haben. Zuwendungen von amerikanischen Verwandten wurden allerdings nicht genutzt, sondern für noch größere Notzeiten gespart.

Auch wenn man annimmt, dass sich gerade in den zwanziger Jahren die Lage des Geschäfts wesentlich besser darstellte, so muss doch allen klar gewesen sein, dass ein solcher Laden auf Dauer kaum eine so große Familie würde ernähren können, zumal in diesem Sektor die Konkurrenz gerade auch unter jüdischen Händlern sehr groß war. Der älteste Sohn Hermann wanderte daher schon als 18-Jähriger 1926 nach Amerika aus. Am 13. April landete er von Hamburg kommend auf dem Schiff „Deutschland“ in New York an.[30]
Noch mindestens zweimal kehrte er in den zwanziger Jahren nach Europa bzw. zurück. Wenn man die Kosten solcher Schiffsreisen bedenkt, dann kann man daraus schließen, dass es ihm in Amerika gelungen war, Fuß zu fassen. Im Oktober 1940 wurde er, noch immer in New York wohnend, für die Army registriert. Am 3. März 1942 heiratete er in New York Bertha Bressler, geborene Rand,[31] die, wie die Vorfahren von Hermann, aus Polen stammte, aber schon 1920 mit ihren Eltern Baruch und Rose Rand sowie ihren Geschwistern nach Amerika ausgewandert war.[32] Ob aus der Ehe Kinder hervorgingen, ist nicht bekannt. Sein 1939 gestellter Antrag auf Erteilung der amerikanischen Staatsbürgerschaft, wurde 1944 bewilligt.[33] Herman Rottenberg wurde nicht einmal 60 Jahre alt. Er verstarb am 11. August 1955 in New York, bevor das Entschädigungsverfahren für seine Eltern zu ihrem Ende gekommen war.[34]

Die nächsten beiden Kinder, die Deutschland noch vor der Reichspogromnacht verließen, waren Auguste, genannt Gusti, und ihr Bruder Emanuel. Beeinflusst wurde diese Entscheidung ganz sicher durch den unmittelbaren Eingriff des NS-Staates in die innere Sphäre der Familie Rottenberg, veranlasst durch die psychische Erkrankung der Tochter Jette, die ihren Namen vermutlich im Andenken an ihre Urgroßmutter erhalten hatte. Jette war laut einer Diagnose an Schizophrenie erkrankt, nach NS-Jargon ein „unwertes Leben“, das für den „gesunden Volkskörper“ eine Last darstellte. Noch war man nicht so weit, die späteren Euthanasiepläne umzusetzen,[35] aber an die schon in den zwanziger Jahren intensiv geführte Diskussion unter Eugenikern und Medizinern, wie man mit solchen „Volksschädlingen“ umgehen sollte, konnte die Partei andocken. Schon 1932 war eine Gesetzesvorlage in den Reichstag eingebracht worden, die die Zwangssterilisation zur Verhütung von erbkrankem Nachwuchs vorsah. Unter der NS-Regierung wurde das Gesetz am 14. Juli 1933 verabschiedet.[36]
Ärztliche Gutachten entschieden darüber, wer auf Basis dieser Gesetze sterilisiert werden sollte. Ein solches Gutachten wurde für Jette am 16. Februar 1934 erstellt. Über einen Widerspruch entschieden dann sogenannte Erbgesundheitsgerichte, die mit einem vorsitzenden Richter und zwei ärztlichen Beisitzern besetzt waren. Ein solches Gericht entschied am 25. April des gleichen Jahres positiv über die beschlossene Maßnahme. Offenbar legten die Eltern auch dagegen Widerspruch ein, denn die nächsthöhere Instanz, ein Erbgesundheitsobergericht, bestätigte die vorausgegangene Entscheidung. Am 11. September 1934 wurde Jette im Stadtkrankenhaus von Koblenz sterilisiert.[37] Da danach aus Sicht der Rassenhygieniker keine Gefahr mehr für das deutsche Volk von ihr ausging – ein „Ballast“ blieb sie natürlich auch weiterhin –, durfte sie anschließend wieder zurück zu ihren Eltern nach Wiesbaden.

Wenn der NS-Staat die Persönlichkeitsrechte der Menschen derart mit Füßen trat, dann war für jeden offenbar, dass Juden, die gemäß alltäglicher Propaganda die schlimmsten aller Volksschädlinge waren, von dieser Regierung nur das Schlimmste zu erwarten hatten. Wenn daher die übrigen Kinder von Philipp und Mina Rottenberg so schnell wie möglich aus Deutschland flüchteten, dann hatten sie diese Botschaft verstanden.
Gusti, über die nur wenig bekannt ist, war gerade 25 Jahre alt geworden, als sie im Dezember 1936 über den holländischen Hafen Rotterdam in die USA flüchtete. In New York erwartete sie bei ihrer Ankunft am 17. Dezember ihr Onkel Louis Friedmann.[38] 1943 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1937 noch beantragt hatte. Wann sie ihren Ehemann, den russischstämmigen Pharmakologen Abraham Goldstein, heiratete, ist nicht bekannt. Aber das Paar wohnte beim Zensus im Jahr 1950 noch immer in New York und hatte mit dem eineinhalbjährigen Jay auch schon Nachwuchs bekommen. Mit der Familie zusammen lebte auch noch die Mutter von Abraham, die 68-jährige Anna Goldstein.[39]
Begraben wurde Gusti auf dem Mount-Moriah-Cemetery Fairview im Staate New Jersey, nachdem sie am 12. August 1989 dort verstorben war.[40]

Der nächste, der angesichts der schwierigen finanziellen Lage und der politischen Verhältnisse insgesamt Wiesbaden und Deutschland verließ, war Emanuel David, der zweite Sohn von Philipp und Mina Rottenberg. Sein Weg nach Amerika führte über den holländischen Hafen Rotterdam, wo er auf dem Schiff ‚Statendam’ am 25. Mai 1937 New York erreichte.[41] Als Kontakt in den USA hatte er einen Emil Lippmann oder Loppmann, einen Cousin seiner Mutter, angegeben, der in Newark lebte. Noch im Jahr seiner Ankunft beantragte er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Als er dann im Oktober 1940 für die Armee registriert wurde, gab er als Person, die im Zweifelsfall informiert werden sollte, seinen damals in New York lebenden Onkel Louis Friedman an. Auch er selbst hatte in der Metropole an der Ostküste eine Wohnung gefunden. Am theologischen Seminar des Rabbis Isaak Elchanan studierte er Theologie.[42] Das weitere Schicksal von Emanuel David Rottenberg ist ungewiss. Allerdings existiert ein Mitgliedsantrag für einen Jugendclub in New York vom Januar 1946, mit dem ein Rabbi Emanuel D. Rothenburg, gebürtig in Deutschland am 4. November 1917, um Aufnahme ersucht.[43] Angesichts des Geburtsdatums muss es sich trotz unterschiedlicher Schreibweise des Familiennamens mit größter Wahrscheinlichkeit um den Sohn von Eisig Philipp und Mina Rottenberg handeln. Am 12. Juni 1944 soll er die Schweizerin Blanche Flaks, geboren am 5. Dezember 1919 in St. Gallen, geheiratet haben. Dass er 1946 verheiratet war, ist dem oben genannten Antrag zu entnehmen.
Nach dem Tod seiner Frau ehelichte er nach Angaben bei Ancestry 1987 in New York / Brooklyn die Ungarin Gabriella Farkas, die am 11. Juli 1914 geboren worden und verwitwete Mutter von zwei Kindern war. Sie verstarb am 12. August 2013 in New York im Stadtteil Monsey, einem der Zentren des orthodoxen Judentums der Stadt.[44] Emanuel Rottenberg selbst soll am 21. Dezember 1997 verstorben sein.[45]

Auch die beiden jüngsten Schwestern, Regina und Ruth Dina, hatten ursprünglich die Absicht, ihrer Schwester Gusti nach Amerika zu folgen. Dies ist einem Brief zu entnehmen, den Regina im Rahmen des Entschädigungsverfahrens 1956 an die Behörde schickte.[46] In einem knappen Lebenslauf gab sie damals auch Auskunft über ihr bisheriges Schicksal. Sie hatte ab dem Jahr 1926 zunächst für vier Jahre die Hebbelschule, eine Wiesbadener Volksschule, dann ab 1930 bis zum Schuljahr 1936/37 eine Mittelschule in der Rheinstraße besucht. Anschließend zog sie nach München, um im dortigen Antonienheim eine Ausbildung als Kinderpflegerin zu absolvieren. Die Ausbildung musste sie nach fünf Monaten „durch den schrecklichen Antisemitismus, mit der Hitler-Regierung“, wie sie formulierte, abbrechen. Das Heim war damals von der NS-Regierung für eigene Zwecke übernommen worden. Eigentlicher Zweck der Ausbildung war es, im Wunschland der Emigration, in den USA, mit diesem Beruf eine Anstellung zu finden. Dass sie diese Absicht hatte, wurde von ihrer Schwester Gusti, mit der sie all die Jahre korrespondierte, in einer eidesstattlichen Erklärung bestätigt.[47] Zur Ausreise kam es aber nicht, weil die Einwanderungsquote für polnische Emigranten, und eine solche war sie trotz ihrer Geburt in Wiesbaden, so beschränkt war, dass sie kaum eine Chance hatte, rechtzeitig aus Deutschland herauszukommen. Für die Bereitstellung eines Affidavits besaß ihre Schwester noch nicht die finanziellen Mittel. Aber sie kontaktierte weitere Verwandte. Der auch sonst hilfreiche Onkel Louis Friedmann wurde eingeschaltet, allerdings kam das von ihm zugesagte Affidavit nie in Deutschland an. Ein zweiter Versuch über Aron Hanauer, einen Bruder der Mutter, der amerikanischer Staatsbürger war, sich damals aber in Rotterdam befand, konnte wenigstens ein Permit-Visum für die schnelle Ausreise nach England besorgen. Auch hatte er für jede der beiden Schwestern 1.000 Brit. Pfund und die Schiffskarten für die Weiterreise in die USA gestellt.[48]
Nicht eindeutig sind die Angaben, wann die Ausreise stattgefunden hatte. Am verwirrendsten sind dabei die beiden Devisenakten der Schwestern, die Unterlagen über die Mitnahme von Umzugsgut enthalten. Beide nehmen Bezug auf einen Ausweisungsbefehl vom 2. Juni 1939 und sind datiert mit dem 26. Juni 1939. Beide tragen die Unterschrift „Ruth u. Regina Rottenberg“. Da alles mit einer Hand geschrieben ist, kann die Unterschrift nicht von beiden einzeln vorgenommen worden sein. Die jeweiligen Unterschriften der handschriftlichen Briefe in den Entschädigungsakten der beiden unterscheiden sich zudem deutlich von der hier vorliegenden Schrift, sodass man vermuten kann, dass das Formular vom Vater oder der Mutter der beiden ausgefüllt wurde, zumal beide damals ganz sicher nicht mehr in Wiesbaden wohnten. Es ging wohl nur noch darum, wenigstens die noch zu Hause vorhandene Kleidung den beiden zukommen zu lassen
Ein anderes Datum, der 25. Juli 1939, ist auf der Gestapokarteikarte der Eltern genannt. Regina selbst gab in einem Brief an die Entschädigungsbehörde an, bereits im März 1938 ausgewandert zu sein. Ihre Schwester Ruth bestätigte, dass sie die Reise gemeinsam angetreten hatten, sie selbst also auch schon im Frühjahr nach London kam.[49] Die erste Etappe der Flucht war beiden somit noch gelungen, aber dann brach der Krieg aus und die britische Regierung lehnte ihre Anträge für die Weiterreise nach Amerika ab. Sie ließen sich allerdings schon damals im amerikanischen Konsulat für die Auswanderung nach dem Ende des Krieges registrieren. [50] Und zumindest für Regina ist die mit Datum 24. Juli 1939 versehene Einreisegenehmigung für die USA, gültig bis zum 1. Juli 1946, noch erhalten. Vorausgesetzt wurde, dass sie bis dahin ihre Ausbildung beendet hatte.[51]

Beide Schwestern besuchten daraufhin in London eine Schule, um sich jetzt dort als Kinderpflegerin ausbilden zu lassen. Aber auch dieser Versuch scheiterte. Die Schule wurde bei deutschen Luftschlägen zerstört. Viele Nächte hatten die beiden damals in ungeheizten Luftschutzbunkern verbringen müssen, weshalb Regina später auch einen Anspruch auf Entschädigung für leibliche Schäden geltend machte, der allerdings von den deutschen Behörden abgelehnt wurde.[52]
Beide verdienten sich ihren Lebensunterhalt in England als Hausangestellte, Regina später auch als Verkäuferin.[53] Auf den Einreisepapieren für die USA, auf denen beide jetzt als „stateless“ bezeichnet werden, ist der Beruf von Ruth weiterhin mit „Domestic Worker“,[54] der von Regina jetzt mit „Finishing gowns and dresses“ angegeben.[55] Mit einem Flugzeug waren sie am 15. März 1946 in New York gelandet und dort zunächst bei ihrer Schwester untergekommen.
Am 4. Juni 1951 wurde Ruth, am 28. Januar 1952 Regina Bürgerin der Vereinigten Staaten.[56]
Aber auch im gelobten Land war das Leben nicht einfach. Ruth, die ihre Ausbildung nicht zu einem Abschluss bringen konnte, war noch 1950 ohne Arbeit, als sie beim damaligen Zensus aufgenommen wurde. Ihre Schwester konnte auch wegen der verschiedenen körperlichen Leiden ihren Beruf als Verkäuferin nicht immer ausüben. Am 9. Januar 1954 heiratete Regina Joseph Cohen, über den keine weiteren Informationen vorliegen. Diese Ehe, die im Zeitraum 1957/58 noch bestand, wurde später geschieden. Am 4. Mai 1963 ging sie in New York im Stadtteil Brooklyn eine zweite Ehe mit Herbert Cantor ein.[57]
Regina Cantor soll am 13. März 2003 in New York verstorben sein.[58]
Das weitere Schicksal ihrer Schwester Ruth konnte nicht geklärt werden

Wenn die Angaben der Geschwister in Bezug auf das Datum ihrer Ausreise richtig sind, dann erlebten sie die schrecklichen Ereignisse während der Reichspogromnacht, von der auch ihre Eltern unmittelbar betroffen waren, selbst nicht mehr. Eine Zeugin berichtete im Entschädigungsverfahren, der Mob sei in die Räumlichkeiten der Rottenbergs eingedrungen und habe die noch vorhandenen Waren aus den Regalen gezerrt und sie auf die Straße geworfen. Was noch verwertbar und nicht geplündert worden war, hatte Philipp Rottenberg nach dem Überfall wieder aufgesammelt.[59] Aber das war nur mehr ein verzweifelter Akt, mit dem das Unausweichliche nicht verhindert werden konnte. Nach diesem Überfall gab er sein Geschäft zum Ende des Jahres 1938 auf.

Offenbar hatten die drei noch in Deutschland verbliebenen Familienmitglieder ebenfalls ihre Emigration geplant. Am 28. Juli 1939 ging bei der Devisenstelle in Frankfurt der entsprechende Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut ein.[60] Als Ziel war New York angegeben. In den Unterlagen für die Emigration lagen auch zwei Unbedenklichkeitsbescheinigungen, eine von der Stadt, die andere vom Finanzamt, laut denen Rottenbergs allen steuerlichen Verpflichtungen nachgekommen waren. Das bedeutet, dass sie sowohl die Judenvermögensabgabe als auch die Reichsfluchtsteuer bezahlt haben mussten. Belege über deren Höhe und mit welchen Mitteln sie wann bezahlt wurden, sind aber nicht erhalten geblieben.

Als vorhandenes Vermögen gab Philipp Rottenberg den Wert seines Hauses mit 40.300 RM an. Es war allerdings durch eine Hypothek mit 32.120 RM belastet, sodass das tatsächliche Vermögen rund 8.200 RM betrug. Die Umzugslisten wurden genehmigt, nachdem alle Gegenstände mit Edelmetallanteil gestrichen worden waren.
Die Behörde wusste allerdings nicht, dass im Umzugsgut, genauer im Sofa, 3.500 Dollar versteckt waren, die die Schwester von Mina, vermutlich die Ehefrau des mehrfach erwähnten Schwagers Louis Friedmann, zwischen 1923 und 1933 regelmäßig nach Deutschland geschickt hatte. Das Geld sollte eigentlich zum Unterhalt der Mutter der beiden Schwestern, Fanny Hanauer, dienen, die ebenfalls in der Rheinstr. 81 wohnte. Da Mina und Philipp Rottenberg aber damals offenbar nicht auf dieses Geld angewiesen waren, hatten sie es angespart und wollten es jetzt für ihren Neuanfang in den USA nutzen.[61]
Wieso sie die Ausreise nicht antraten bzw. nicht antreten konnten, ist aber nicht dokumentiert. Möglicherweise hatten sie wegen des hohen Alters ihrer Mitbewohnerin Fanny Hanauer schon die ganzen Jahre mit der Ausreise gezögert. Wer sollte sich um die alte Frau kümmern? Vielleicht hatten sie zu lange gewartet und Kontingentsnummern für ihre Visen erhalten, die zu hoch waren und ihnen keine Chance mehr boten. Wahrscheinlicher ist aber eine andere Möglichkeit. Zwar ist nicht bekannt, wann die Krebserkrankung erstmals diagnostiziert wurde, an der Eisig Philipp Rottenberg am 6. November 1941 in Wiesbaden in seiner Wohnung verstarb, [62] aber die kleinste Erkrankung war für die amerikanischen Einwanderungsbehörden hinreichender Grund, eine Immigration abzulehnen. Somit war der Zeitraum von 1939 bis 1941 nicht nur von den bedrückenden politischen Umständen geprägt, sondern auch durch die zusätzliche persönliche Leidensgeschichte von Philipp Rottenberg.

Jette hatte das Sterben ihres Vaters nicht mehr mitbekommen. Sie war seit dem 21. April 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf Sayn untergebracht.[63] Die dortige „Jacobysche Heil- und Pflegeanstalt“ war eine 1869 von einem jüdischen Bürger gegründete Einrichtung, die psychisch erkrankten Jüdinnen und Juden die Möglichkeit bot, auch als Patienten ein Leben nach den Gesetzen und Traditionen des Judentums zu leben. So gab es dort eine Synagoge und es wurde koscheres Essen gereicht. Durchgängig wurden dort in den zwanziger und dreißiger Jahren etwa 130 Kranke gepflegt, darunter auch nicht wenige aus dem Ausland.
In Vorbereitung auf die Euthanasie bestimmte der Reichsinnenminister im Dezember 1940, dass Bendorf-Sayn die einzige Heil- und Pflegeanstalt in Deutschland für Juden sein sollte. Die Enkel des Gründers Meier Jacoby, Dr. Fritz Jacoby und Dr. Paul Jacoby, die damals die Leitung innehatten, konnten über Russland nach Südamerika fliehen. Die Anstalt wurde daraufhin an die ‚Reichsvereinigung der Juden’ übergeben, die nicht verhindern konnte, dass die Insassen und die jüdischen Ärzte und Pfleger zwischen März und November 1942 in fünf Transporten in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. 142 Juden, die zwischen 1940 und 1942 in der Anstalt verstorben waren, fanden auf dem dortigen Judenfriedhof ihre letzte Ruhe, 573 zum Teil nicht transportfähige Kranke wurden in die jeweiligen Züge „verladen“. Statt dieses Begriffs, den die Frau des damaligen Anstaltsleiters in ihren Tagebucheintragungen bewusst verwendete – „anders kann man es nicht nennen“ –, stellte der Standesbeamte von Bendorf im Juli 1949 noch eine Bescheinigung aus, laut der Jette Rottenberg am 30.4.1942 „ausgesiedelt“ worden sei.[64]
Der Transport, der Jette in den Tod brachte, trug die Bezeichnung ‚Da 9’. Er startete entweder am 30. April oder am 3. Mai mit den etwa 100 Patienten der Anstalt in Koblenz. Darunter befand sich auch der berühmte Dichter Jakob von Hoddis, dessen berühmtes Gedicht „Weltende“ am Anfang der berühmten Sammlung expressionistischer Gedichte „Menschheitsdämmerung“ steht. Insgesamt waren es etwa 1000 Menschen, die ohne Wasser und nur mit der wenigen Verpflegung, die sie selbst mitgebracht hatten, mit diesem Zug in das Ghetto Krasnicyn südöstlich von Lublin deportiert wurden. Wie viele auf der Fahrt bereits verendet waren, ist nicht bekannt. In der unmittelbaren Umgebung des Zielorts lagen das Ghetto Izbica und die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Kurz zuvor waren die etwa 500 bisher in Krasnicyn lebenden Juden zusammengetrieben worden und in Belzec ermordet worden. Es waren schrecklichste Bedingungen, die die Neuankömmlinge im Ghetto vorfanden, die noch gesunden, aber erst recht die Patienten der Anstalt. Was mit ihnen geschah, ob sie einfach ihrem Schicksal überlassen wurden, ob sie in Krasniczyn ermordet oder noch ins Gas geschickt wurden, wird sich nicht mehr feststellen lassen. Nichts erinnert heute in dem Ort selbst an sie, kein Mahnmal, kein Gedenkstein, nicht einmal ein einfaches Schild. Ein würdiges Mahnmal ist für die 573 ermordeten Frauen und Männer aus den Jacoby-Anstalten immerhin im Jahr 2002 in Bendorf-Sayn errichtet worden.

Auch Jettes Schwester Henni Rosalie wurde ein Opfer der Shoa. Auch bei ihr und den übrigen Mitgliedern ihrer Familie ist das genaue Datum ihres Todes nicht bekannt. Überhaupt konnten nur wenige Informationen über sie gefunden werden. Sie verließ Wiesbaden nicht, um sich im Ausland in Sicherheit zu bringen, sondern als sie eine Ehe mit Wolf Karliner einging. Wann das war, ist nicht bekannt, aber ihr erstes Kind wurde im Frühjahr 1936 geboren, was zumindest eine zeitliche Orientierung ermöglicht.
Auch Wolf Karliner hatte einen polnischen und ostjüdischen Hintergrund. Er war am 3. Mai 1901 im polnischen bzw. galizischen Ort Bohorodczanny als Sohn des Kaufmanns Abraham Karliner und seiner Frau Zivie, geborene Sokel, zur Welt gekommen.[65] Wenn sein Beruf in den Unterlagen der Gestapo mit „Stricker“ angegeben ist, dann unterschlägt das seine qualifizierte Ausbildung, die er in seiner Jugend erfahren hatte. Nach dem Besuch der Volksschule war er acht Jahre aufs Gymnasium gegangen und hatte anschließend noch einen Abschluss an der Handelshochschule erworben.[66] 1928 lebte er als kaufmännischer Angestellter in Chemnitz. Offensichtlich wohnte das Ehepaar aber nach der Eheschließung zumindest zeitweise in Berlin, wo am 12. Februar 1936 ihr erstes Kind, der Sohn Abraham, geboren wurde.[67]

Die beiden folgenden Kinder, Joachim Mendel und Sylvia Hannah, kamen am 3. Juli 1937 bzw. am 22. Juli 1938 dann aber wieder in Chemnitz zur Welt.[68] Am 17. November 1940 verließ die Familie Deutschland und zog nach Polen,[69] ob aus freien Stücken oder in Folge einer Ausweisung, ist nicht bekannt. Die Gründe, die sie veranlassten, sich in der Stadt Bendsburg in Oberschlesien, dem heutigen Bedzin, in der Nähe von Kattowitz / Katowice niederzulassen, sollten sie freiwillig dorthin gegangen sein, sind naheliegend. Der Ort liegt unweit des Geburtsorts von Hennys Vater und es gab dort vermutlich Verwandte, bei denen sie unterkommen konnten. Aber auch eine zwangsweise Verbringung dorthin ist nicht auszuschließen. Dieses Gebiet entwickelte sich unter der NS-Herrschaft zu einer der wichtigsten Regionen der Textilerzeugung im Deutschen Reich – und Bendsburg war eines der Zentren.[70] Mehr als 20.000 Juden lebten in der Stadt in jüdischen Wohnvierteln, die aber erst im Mai 1942 zu einem geschlossenen Ghetto zusammengefasst wurden. Von überall wurden Zwangsarbeiter herbeigekarrt, sogar die Transporte aus Frankreich oder Holland durften nach arbeitsfähigen Juden für die oberschlesische Textilindustrie durchsucht werden. Zum Teil waren sie in von der SS geführten Arbeitslagern zusammengefasst, zum Teil mussten bzw. durften sie auch in der Privatindustrie arbeiten, wo im Allgemeinen die Arbeitsbedingungen besser waren. Für die Arbeitsfähigen bedeutete der Einsatz einen gewissen Schutz vor der Deportation in das nahe gelegene Auschwitz, die aber für viele andere schon damals das unausweichliche Schicksal war. Wenn auf den Karteikarten von Wolf Karliner der Beruf Stricker oder Strumpfstricker angegeben ist, dann ist ziemlich sicher, dass auch er zu diesen abertausenden von jüdischen Zwangsarbeitern zählte. Zwar wurden Frauen ab dem Jahresende 1941 ebenfalls herangezogen, ob aber auch Henny Zwangsarbeit leisten musste, ist nicht belegt.

Am 21. März 1942 wurde Wolf Karliner in Bendsburg verhaftet und in ein Konzentrationslager eingeliefert. Die meisten der aus diesem Raum Deportierten kamen nach Auschwitz. Nicht völlig klar ist, ob auch er dorthin verbracht wurde. Auf einer ausführlich beschrifteten Karteikarte aus Buchenwald ist zu lesen, dass er am 9. Februar 1945 aus Auschwitz als „Polit. Pole-Jude“ dort eingeliefert wurde.[71] Die Zuschreibung als politischer Häftling könnte ein Indiz dafür sein, dass er sich bei den immer wieder aufflammenden Protesten in Oberschlesien gegen die Arbeitsbedingungen hervorgetan hatte und deshalb in Auschwitz entsprechend kategorisiert worden war. Auf einer weiteren Karteikarte, ebenfalls aus Buchenwald, die weitere persönliche Daten enthält, ist oberhalb der vorgegebenen Formulareinträge per Hand „P Jude Aus 177623“ , wobei „P“ wohl wieder auf den politischen Haftgrund verweist, das „Aus“ wohl auf Auschwitz und die Zahl seine Häftlingsnummer dort angibt. In Buchenwald erhielt er die neue Nummer 125297. Ebenfalls außerhalb der eigentlichen Formulareinträge ist quer mit einem Stempel „10.2.45 KL Gr Rosen“ zu lesen. Außerdem existiert im Arolsen-Archiv eine weitere Karteikarte aus Buchenwald, auf der ebenfalls mit dem Datum 10. Februar 1945 „KL Gross-Rosen“ per Stempel eingetragen wurde.[72] Auch wenn diese eher widersprüchlichen Angaben über seinen KZ-Aufenthalt nicht mit letzter Sicherheit zu klären sind, so lassen sich vor dem Hintergrund der Ereignisse in den letzten Kriegswochen doch plausible Vermutungen anstellen.[73]

Der Vormarsch der Roten Armee im Laufe des Jahres 1944 veranlasste die SS bereits im Sommer 1944, Pläne zur Evakuierung des Konzentrationslagers Auschwitz aufzustellen und mit den ersten Maßnahmen zu beginnen. Tausende Häftlinge und Gerätschaften wurden nach Westen gebracht, die Gefangenen in die dort bestehenden KZs. Man begann, die industriellen Tötungsanlagen abzubauen und zu demolieren, wenngleich dem Morden damit kaum Einhalt geboten wurde. Im Januar 1945 stand die Rote Armee vor Krakau und hatte Oberschlesien weitgehend unter ihrer Kontrolle. Die endgültige Evakuierung der verschiedenen Lagerbereiche von Auschwitz begann. Zu Fuß wurden die völlig entkräfteten und kranken Häftlinge, sofern sie überhaupt noch dazu in der Lage waren, auf die berüchtigten Todesmärsche gen Westen geschickt, bei denen etwa ein Viertel der noch Lebenden in den letzten Wochen den Tod fand. Etwa 15.000 Häftlinge wurden in das KZ Gross-Rosen westlich von Breslau geschickt, das mit seinen vielen Außenlagern selbst schon völlig überfüllt war und ebenfalls vor der Evakuierung stand. Ein Weg von rund 280 km war zu bewältigen, zumeist zu Fuß, in eisiger Winterkälte, weitgehend ohne Verpflegung. Und auch Gross-Rosen war nur eine Zwischenstation. Es ging bald weiter nach Westen. Während die Frauen eher nach Bergen-Belsen weitergetrieben wurden, musste der größte Teil der männlichen Gefangenen sich weiter nach Buchenwald schleppen. Auch Wolf Karliner war unter ihnen. Am 9. Februar kam er dort an, hatte also vermutlich sowohl Auschwitz als auch Gross-Rosen hinter sich. Erstaunlich ist, dass die Bürokraten des Massenmords bei allem Chaos in diesen letzten Tagen, noch alles akkurat auf ihren Karteikarten notierten.
Wolf Karliner gehörte zu denjenigen, die die Strapazen des Marsches nicht überlebten. Am 18. März 1945, wenige Wochen vor der Befreiung, wurde er in die lange Liste der an diesem Tag „verendeten“ eingetragen. Als Todesursache notierte man „Herzschwäche b[ei] feuchter Rippenfellentzündung“, so als sei er eines ganz natürlichen Todes gestorben.[74]

Anders als bei seiner Frau und seinen Kindern kennt man immerhin den Ort und den Tag seines Todes. Zwar ist in Yad Vashem eine ‚Page of Testimony’ eines entfernten Cousins hinterlegt, auf der angegeben ist, Henny sei in Auschwitz ermordet worden, aber einen Beleg dafür gibt es nicht. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz macht weder für sie noch für ihre Kinder eine diesbezügliche Angabe. Für alle vier ist deshalb das Ende des Krieges, der 8. Mai 1945, der offizielle Tag ihres Todes. Das Leid, das Henny Karliner, die nicht einmal 10-jährigen Kinder Abraham Leib, Joachim Mendel und Sylvia Hannah ertragen mussten, bleibt unbekannt.

Zuletzt, nachdem ihr Mann verstorben war, die Kinder emigriert oder sich schon in den Fängen ihrer Peiniger befanden, war Mina Rottenberg alleine in Wiesbaden zurückgeblieben. Ob es noch Kontakte mit den Kindern in den USA bzw. England gab, weiß man nicht, ist aber eher unwahrscheinlich.
Unklarheiten gab es im späteren Entschädigungsverfahren auch im Hinblick auf ihre Deportation und Ermordung. Befragte Nachbarn konnten im Verfahren zur Feststellung ihres Todes keine genauen Angaben machen. In einer ersten Ausfertigung der Todeserklärung vom 14. November 1949 wurde ihr Todestag auf den 29. September 1940 festgelegt.[75] Zunächst hatte ihr Sohn Hermann Rottenberg angegeben, seine Mutter sei 1938 mit Jette nach Polen abgeschoben worden. Vermutlich glaubte er, dass die beiden im Zuge der Ausweisung polnischer Staatsbürger vor der Reichspogromnacht Deutschland hatten verlassen müssen. Wieso aber nicht auch der Vater betroffen gewesen sein soll, wurde nicht hinterfragt. In der Liste der damals Ausgewiesenen ist mit dem Namen Rottenberg nur die Familie des Wiesbadener Naphtali Rottenberg aufgeführt.

Eine zweite Variante brachte Emanuel Rottenberg ins Spiel, basierend auf der Aussage von einem Zeugen Jack Matzner gegenüber der Jüdischen Gemeinde. Er hatte ausgesagt, Mina Rottenberg sei am 28. September 1942 nach Polen deportiert worden. Da sie aber beim Tod ihres Mannes unzweifelhaft in Wiesbaden zugegen war, ging Emanuel Rottenberg davon aus, dass sie wieder nach Wiesbaden zurückgekehrt war. Dafür, dass eine solche Ausweisung damals angeordnet worden war, gibt es allerdings keine Belege. Eine handschriftliche, undatierte Anmerkung eines Mitarbeiters der Entschädigungsbehörde auf diesem Dokument lautet entsprechend „offensichtlich unrichtig“.[76] Man wird also davon ausgehen können, dass die Familie Rottenberg weder 1938, noch Mina Rottenberg 1939 nach Polen abgeschoben wurde.
Emanuel Rottenberg gab dann an, seine Mutter sei am 29. Mai 1942 nach Bendsburg bei Kattowitz ausgewiesen worden, also in die Stadt, in der zuletzt ihre Tochter Henny mit ihrer Familie gelebt hatte, vielleicht sogar damals noch lebte. Die Stadt erscheint tatsächlich zusammen mit dem Namen Mina Rottenberg auf einer nach dem Krieg erstellten Liste, auf der Verstorbene bzw. Ermordete auf Grundlage von Karteikarten verschiedener jüdischer Gemeinden erfasst wurden, in diesem Fall eine Karteikarte aus Bendsburg. Zwar fehlen genauere Angaben zu den genannten Personen, aber man kann angesichts der verwandtschaftlichen Verbindungen sicher davon ausgehen, dass die hier aufgeführte Mina Rottenberg identisch mit der aus Wiesbaden ist.[77] Bestätigt wird die Vermutung auch durch die Aufzeichnungen der Wiesbadener Gestapo, die in ihrer Wanderungsstatistik der Wiesbadener Juden für den 26. Mai 1942 den „Abgang“ von Mina Sara Rottenberg nach Bendsburg ebenfalls verzeichnet hat.[78] Es handelt sich um den einzigen „Abgang“, der an diesem Tag notiert wurde. Sie hatte die Stadt offensichtlich alleine verlassen. Auch die Jüdische Gemeinde Wiesbadens besaß nach dem Krieg offenbar noch eine „Zählkarte“ von ihr – vermutlich eine Karte, auf der die Beitragszahlungen festgehalten wurden –, auf der vermerkt war: „29.5.42 n / Bendsburg bei Kattowitz“.[79]

Unklar ist, ob sie abgeschoben wurde oder aber, vielleicht weil sie damals noch in Kontakt mit Henny stand, sich selbst dorthin begeben hatte. Vielleicht hatte sie auf irgendeine Weise auch von der Deportation ihrer Tochter Jette nach Polen erfahren. Da auf der Gestapokarteikarte von Philipp und Mina Rottenberg kein Eintrag der Gestapo erfolgte, könnte das als Indiz für eine freiwillige Ausreise sprechen. Allerdings wurde von der Entschädigungsbehörde im Verfahren mit Bezug auf eine Information des IRK angenommen, sie sei damals von der Gestapo verhaftet und deportiert worden.[80] Liest man aber das Schreiben, auf das Bezug genommen wurde, dann findet man nichts darin, was auf eine Verhaftung hinweist, allein der bekannte Vermerk der Jüdischen Gemeinde „29.5.42 n/Bendsburg bei Kattowitz“ ist hier noch einmal zitiert.[81] Eine mehr oder weniger freiwillige Ausreise ist daher weiterhin nicht ausgeschlossen.

Genauso wie wir nicht wissen, was mit ihrer Tochter Henny und deren Kindern geschah, ist auch das Schicksal von Mina Rottenberg nach ihrer Übersiedlung oder Deportation nach Polen unbekannt. Am 13. November 1958 wurde der frühere Beschluss über den Todeszeitpunkt aufgehoben und nun auch bei ihr der 8. Mai 1945 als solcher festgelegt.[82] Dafür, dass sie, Henny und die Kinder in Auschwitz ermordet wurden, spricht die Nähe ihres letzten Wohnorts, aber ein sicherer Beleg dafür existiert nicht.

 

In die schöne, große Wohnung der Rottenbergs zog nach Aussage einer früheren Nachbarin nun ein SS-Mann mit seiner Familie ein. Einige der jüdischen Bewohner wurden nur wenige Tage nach der Abwanderung der Hausbesitzerin mit der ersten großen Deportation am 10. Juni 1942 nach Sobibor verbracht, darunter die Ehepaare Metzler und Rosenthal. Andere, etwa die Ehepaare Oppenheimer und Rothschild, mussten das Haus verlassen, als mit der zweiten großen Deportation die alten Menschen am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Andere, Mischehen oder Partner aus solchen Ehen, wie Idel Rawinsky oder das Ehepaar Ullman, durften zunächst noch bleiben. Und manche überlebten dort sogar noch die Zeit bis zum Ende der NS-Herrschaft.
Das Haus selbst wurde bei dem schweren Bombenangriff der Royal Airforce in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar getroffen und erheblich beschädigt.[83] Der zur Straße ausgerichtete Gebäudeteil blieb allerdings weitgehend verschont, sodass er auch weiterhin bewohnbar war, aber die hinteren und seitlichen Teile konnten nicht länger genutzt werden. Angesichts der allgemeinen Not sei es damals auch zu Plünderungen gekommen. Vermutlich waren aber die Einrichtung der Wohnung von Mina Rottenberg und auch andere Wertgegenstände, die sie nicht mit nach Polen hatte nehmen können, schon zuvor versteigert oder gestohlen worden. In einem Rückerstattungsverfahren, das die überlebenden Kinder nach dem Krieg angestrengt hatten, wurden ihnen 1960 dafür 13.000 DM zugesprochen.[84]

Das Haus selbst war vom Deutschen Reich nicht eingezogen und im Grundbuch auf dieses übertragen worden. Allerdings hatte man wohl inzwischen die frühere Ansicht, die Eigentümer seien ehemalige österreichische Staatsbürger, weshalb der Einzug nicht möglich sei, revidiert. Am 20. November 1942 beantragte die Geheime Staatspolizei, Stabspolizeistelle Frankfurt, über das Reichssicherheitshauptamt in Berlin den Einzug des gesamten Vermögens von Mina Rottenberg auf Grundlage der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941. Diese Verordnung ermöglichte den Einzug des Vermögens von Reichsbürgern, die die deutsche Grenze überschritten hatten, auch von deportierten Juden. In dem Schreiben heißt es jetzt auf einmal, Mina Rottenberg habe „zuletzt die deutsche Staatsbürgerschaft besessen“.[85]
Wie üblich brauchte auch diesmal der bürokratische Prozess der Enteignung Zeit. Erst am 19. Mai 1943 beauftragte der Vorsteher des Finanzamts Wiesbaden die Liegenschaftsabteilung, sich der Sache anzunehmen. Diese musste erst einmal einen Grundbuchauszug beantragen, um festzustellen, dass Mina Rottenberg tatsächlich Eigentümerin der Immobilie war. Am 6. November 1944 erreichte dann das Ersuchen des Oberfinanzpräsidenten in Kassel die zuständige Behörde, nämlich das Wiesbadener Amtsgericht: „Ich ersuche das obengenannte Hausgrundstück auf das Großdeutsche Reich (Reichsfinanzverwaltung) umzuschreiben“, hieß es darin.[86]
Am 6. Dezember 1944 informierte der Vorsteher des Finanzamts den Verwalter des Hauses, das Bankhaus Krier, dass das Haus dem Reich verfallen sei, er aber weiterhin die Verwaltung fortsetzen und Mitte Januar 1945 eine Abrechnung vorlegen solle. Ob das noch geschah, ist der Akte nicht zu entnehmen. Aber zu einer Umschreibung des Hausgrundstücks kam es in jedem Fall nicht mehr. Der Nazi-Staat befand sich in Auflösung.
Am 1. Juni 1949 wurde ein Antrag auf Rückerstattung von den noch lebenden Kindern der Rottenbergs gestellt. Zwar lag ein entsprechender Antrag auf Eigentumsübertragung an das Reich vom 6. November 1944 vor, aber dieser war nicht mehr ausgeführt worden. Im Grundbuch stand noch immer Mina Rottenberg als Eigentümerin der Immobilie.
Am 14. September 1950 wurden die noch lebenden Kinder Hermann, Gusti, Emanuel, Regina und Ruth Dina Rottenberg aufgrund eines rechtskräftigen Beschlusses der Vermögenskontrollstelle wieder in ihre Rechte als Eigentümer des ehemaligen Judenhauses in der Rheinstr. 81 eingesetzt.[87]
Im Frühjahr 1960 verkauften die Erben, die alle in den USA lebten, das Hausgrundstück.

[1] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 171 Bl. 249 Innen.

[2] HHStAW 518 867 (14). Die Notiz basiert auf der Angabe, die Philipp Rottenberg in seiner Devisenakte 1939 selbst gemacht hatte, siehe HHStAW 519/3 21295 (2).

[3] https://www.ancestry.de/search/collections/1068/records/553776?tid=&pid=&queryId=301cc96f-0fb9-4add-b2d1-afa96a64b462&_phsrc=svo7649&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.9.2025).

[4] Eine ganz sichere Lokalisierung seines Geburtsorts ist allerdings nicht möglich, da der Ort in unterschiedlichen Dokumenten immer wieder unterschiedlich geschrieben wurde. So gibt es die Varianten Rotzniatop [HHStAW 518 3872 (59)], Rotzmiatop [ebd. (25)], Rozniatow [HHStAW 518 867 (53) und Sterbeurkunde Wiesbaden 1894 / 1941]. Alle diese Schreibweisen beziehen sich auf die Ortschaft bei Neu-Strelitz in Schlesien. Es gibt aber auch noch ein Rozniatowice bei Lodz, das tatsächlich im polnischen Stammland liegt. Allerdings sprechen alle weiteren Umstände dafür, dass Eisig Philipp Rottenberg aus Oberschlesien stammte. Siehe zur jüdischen Gemeinde von Rozniatow https://sztetl.org.pl/de/stadte/r/1082-roschnjatiw/99-geschichte/137955-geschichte-der-gemeinde. (Zugriff: 30.9.2025).

[5] HHStAW 408 123.

[6] Siehe dazu Promutico, Alternative zur Abschiebung – Die Einrichtung der ersten Konzentrationslager, online unter file:///C:/Users/Nutzer/Downloads/heiBOOKS-182-978-3-946531-29-6-CH17.pdf. (Zugriff: 30.9.2025).

[7] HHStAW 408 123.

[8] Erst als Mina Rottenberg bereits in Polen lebte und die Hauptreuhandstelle Ost das Haus der Rottenbergs einziehen wollte, wurde sie von der Wiesbadener Polizei darauf aufmerksam gemacht, dass diese früher Angehörige des österreichischen Staates waren. Das Einzugsbegehren wurde daraufhin zurückgenommen. Siehe Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 171 Bl. 249 Innen (70). Wieso sie allerdings als österreichische Staatsbürger geführt wurden, bleibt ebenso rätselhaft, wie die bisherige. Der Raum um Groß-Strelitz war nie Teil der österreichischen Doppelmonarchie. Allerdings könnten die Eltern von Philipp Rottenberg auch aus dem früheren galizischen Teil der Monarchie und nicht aus Polen bzw. damals dem russischen Reich gestammt haben.

[9] Sterberegister Wiesbaden 1894 / 1941. In verschiedenen Schreiben von Rechtsanwälten im Zusammenhang mit der amtlichen Todeserklärung heißt es zwar, die Ehe sei im Dezember 1906 geschlossen worden, aber einen amtlichen Beleg für die Behauptung wird nicht vorgelegt. Siehe z.B. HHStAW 469/33 2526 (13, 14).

[10] Fälschlicherweise ist der Ortsname in Schneider, Familie Tiefenbrunner, S. 182 mit Rühen falsch transkribiert.

[11] Geburtsurkunde Richen 31 / 1881.

[12] Geburtsregister Wiesbaden 2110 / 1908.

[13] Für Jette Geburtsregister Wiesbaden 1110 / 1910, für Auguste Geburtsregister Wiesbaden 1839 / 1911.

[14] Geburtsregister Wiesbaden 1199 / 1913.

[15] Geburtsregister Wiesbaden 807 / 1917.

[16] Für Regina Geburtsregister Wiesbaden 758 / 1920, für Ruth Dina Geburtsregister Wiesbaden 643 / 1923.

[17] Fanny Wolf war am 5.3.1852 in Reilingen als Tochter von Michael und Jette Wolf, geborene Dinkelspiel, zur Welt gekommen. Sie verstarb am 30. 9.1940 in der Rheinstr. 81 in Wiesbaden im Alter von 88 Jahren an Altersschwäche. Siehe Sterberegister Wiesbaden 1808 / 1940.

[18] HHStAW 518 867 (32).

[19] Ebd. (38).

[20] Ebd. (39a).

[21] Ebd. (41).

[22] Ebd. (33).

[23] Ebd. (27).

[24] HHStAW 3008/1 14200 und 14201. Das Foto passt allerdings nicht zu der mitgelieferten Bildunterschrift, sodass die Rottenberg-Kinder nicht identifiziert werden können.

[25] Siehe Voigts, Esra, S. 5 f. Auch online unter https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/index/docId/2166/file/vjs_04_Art03.pdf.

[26] HHStAW 1156/81.

[27] Erziehung im Nationalsozialismus, S. 122.

[28] HHStAW 518 867 (24).

[29] HHStAW 519/3 21295 (2).

[30] Der Einbürgerungsantrag auf https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0587-00350?pId=6712003. Dazu die Passagierliste https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1068/images/K_1869_080628-0527?pId=11466479. (Zugriff: 30.9.2025). In Newark gab es einen Onkel namens Louis Friedmann, den der damals 18-jährige Buchhalter als Kontakt angegeben hatte. https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_3979-0638?pId=2003193648. (Zugriff: 30.9.2025). In den USA ließ er das zweite ‚n’ in seinem Vornamen weg. Und nannte sich fortan Herman.

[31] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61406/images/47512_546358-01099?pId=1244621. (Zugriff: 30.9.2025).

[32] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_2798-1110?pId=4017998479. (Zugriff: 30.9.2025).

[33] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1192/images/M1164_114-1621?pId=2562238. (Zugriff: 30.9.2025).

[34] HHStAW 518 867 (20). Die Witwe verzichtete auf den ihr zustehenden Erbanteil zugunsten ihrer Schwägerinnen und ihres Schwagers, siehe HHStAW 518 38272 (28, 29).

[35] Aber schon 1930 konnte man in den ‚Nationalsozialistischen Monatsheften’ die Parole „Tod dem lebensunwerten Leben!“ lesen, zit. nach Klee, „Euthanasie“, S. 32.

[36] Begründet wurde es von dem Ministerialdirektor im Innenministerium Gütt folgendermaßen: „Es ist aber nicht nur der Rückgang der Volkszahl, der zu schwersten Bedenken Anlaß gibt, sondern in gleichem Maße die mehr und mehr in Erscheinung tretende Verschlechterung des Erbgutes unseres Volkes, die dauernde Zunahme von Menschen mit geistig und körperlich krankhaften Erbanlagen, die aus Gründen der Vererbung minderwertig und asozial, also völlig unbrauchbar für das Leben sind. Während die erbgesunden Familien größtenteils zum Ein- und Kein-Kind-System übergegangen sind, pflanzen sich unzählige erblich Belastete hemmungslos fort, deren kranke und asoziale Nachkommen der Gesamtheit zur Last fallen. Es ist eine leider bedenkliche Tatsache, daß z. B. gerade oft Minderbegabte und Schwachsinnige sich erheblich stärker vermehren als die wertvollen Gruppen. Während die gesunde deutsche Familie, besonders der gebildeten Schichten, nur etwa zwei Kinder im Durchschnitt hat, weisen Schwachsinnige und andere erblich Minderwertige durchschnittliche Geburtenziffern von drei bis vier Kindern pro Ehe auf.“ Zit. nach ebd. S. 32 f.

[37] Die Angaben zur Sterilisation verdanken wir den Unterlagen von Frau Rosenau, die die Krankenakten von Jette Rottenberg in der Anstalt Bendorf-Sayn bearbeitet hat.

[38] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5913-0208?pId=21323648. (Zugriff: 30.9.2025).

[39] https://www.ancestry.de/search/collections/62308/records/286555390?tid=&pid=&queryId=69b36e27-3e18-4c71-8aa5-f0f4b785c24f&_phsrc=svo7579&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.9.2025).

[40] https://www.ancestry.de/search/collections/60525/records/137531301?tid=&pid=&queryId=e58ec330-91ad-4a09-8f5d-a94a1696b994&_phsrc=svo7591&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.9.2025).

[41] https://www.ancestry.de/search/collections/2280/records/6671134. (Zugriff: 30.9.2025).

[42] https://www.ancestry.de/search/collections/2238/records/193282323?tid=&pid=&queryId=29e180cf-1169-4138-aa7f-d99a0364afc7&_phsrc=svo7522&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.9.2025).

[43] https://www.ancestry.de/search/collections/63085/records/8520. (Zugriff: 30.9.2025).

[44] https://www.ancestry.com/family-tree/person/tree/192535984/person/122651351096/facts. (Zugriff: 30.9.2025).

[45] https://www.ancestry.com/family-tree/person/tree/192535984/person/122651580448/facts. (Zugriff: 30.9.2025). In den Stadtteilen Monsey und Brookly gibt es heute mehrere Rabbis mit dem Namen Rottenberg

[46] HHStAW 518 40288 (9 f.).

[47] Ebd. (24). Ihre Schwester Ruth gab sogar an, sie habe diese Absicht seit 1934 gehabt, ebd. (33).

[48] Vor diesem Hintergrund ist die Angabe im 2009 erstellten Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse, die beiden seien mit einem Kindertransport nach England gekommen, sicher nicht richtig. Das Erinnerungsblatt ist derzeit nicht online einsehbar.

[49] Ebd. (9, 33 f.).

[50] Ebd. (50).

[51] Ebd.(52 f.). Möglicherweise steht das falsche, aber fast gleiche Datum der Ausreise auf der Gestapokarteikarte mit dem hier genannten Datum in einem Zusammenhang. In jedem Fall bedurfte es eines langen Kampfes, bis die Auswanderungskosten von England in die USA von der Entschädigungsbehörde zumindest soweit anerkannt wurden, dass die vorherige Verweigerung in einen Vergleich übergeleitet wurde. Die Entschädigungsbehörde sah die Emigration mit der Flucht nach England als beendet an. Ebd. (55).

[52] Ebd. (70, 74, 93, 115-117).

[53] Ebd. (107)

[54] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_7076-0420?pId=3021136084. (Zugriff: 30.9.2025).

[55] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_7076-0422?pId=3021136084. (Zugriff: 30.9.2025).

[56] https://www.ancestry.de/search/collections/7733/records/2603152?tid=&pid=&queryId=ba22074c-844b-4b2c-a771-4da070027098&_phsrc=vFm194&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/search/collections/7733/records/2374786?tid=&pid=&queryId=c754ccfc-fe8b-44c5-96fc-7c7aac66fbd9&_phsrc=vFm189&_phstart=successSource. (Zugriff: 30.9.2025).

[57] HHStAW 518 40288 (o.P.).

[58] https://www.geni.com/people/Regina-Cantor/6000000217983140871?through=6000000217987052851#/tab/source

[59] HHStAW 518 867 (36).

[60] HHStAW 519/3 21295 (1 ff.).

[61] Da die Möbel samt dem Sofa mit den Dollarnoten später nicht mehr auffindbar waren, wurde das Geld aufgrund einer glaubhaften eidesstattlichen Erklärung und verschiedener Zeugenaussagen im Rückerstattungsverfahren nach dem Krieg tatsächlich ausgezahlt, siehe HHStAW Wi-Ffm- 13367 (o.P.).

[62] Sterberegister Wiesbaden 1894 / 1941. Er verstarb an einem Sarkom im Oberarm. In dem Sterbeeintrag ist fälschlicherweise als Todesursache ein „Saroom“ angegeben, vermutlich hatte der Arzt „Sarcom“ geschrieben, was dann von dem Standesbeamten falsch gelesen wurde.

[63] Siehe im Folgenden https://www.bendorf.de/stadt-buerger/juden-in-bendorf/jacoby-sche-anstalt/, https://www.mahnmalkoblenz.de/index.php/die-staetten-der-verfolgung/staetten-der-verfolgung-die-generalgouvernements/002-das-durchgangsghetto-krasniczyn (Zugriff: 30.9.2025) und zum Transport Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 204. In Klee, „Euthanasie“, S. 261, sind weitere Details über die Deportationen aus Bendorf-Sayn zu lesen, allerdings beziehen sich die auf einen anderen Transport.

[64] HHStAW 469/33 2526 (18).

[65] Sterberegister Arolsen 1431 / 1953.

[66] https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/33/01010206/aa/bg/qn/001.jpg. (Zugriff: 30.9.2025).

[67] Geburtsregister Berlin 283 / 1936

[68] Geburtsregister Chemnitz 595 / 1937 und 648 / 1938.

[69] https://www.mappingthelives.org/?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&forename=Henny&surname=Karliner&res_single_fd=false&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de. (Zugriff: 30.9.2025).

[70] Siehe im Folgenden VEJ 10

, S. 40-47, dazu die entsprechenden Dokumente.

[71] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0931/52658102/001.jpg. (Zugriff: 30.9.2025).

[72] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0931/52658103/001.jpg. (Zugriff: 30.9.2025).

[73] Siehe im Folgenden Wachsmann, KL, S. 637-643.

[74] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/0931/52658102/001.jpg. (Zugriff: 30.9.2025).

[75] HHStAW 469/33 2526 (25).

[76] HHStAW 518 38272 (27).

[77] https://collections-server.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03010104/0001/159551005/002.jpg. (Zugriff: 30.9.2025).

[78] Stadtarchiv Wiesbaden WI 2 2225.

[79] HHStAW 518 38272 (19). Nicht nachvollziehbar ist die Angabe im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz, wonach Mina Rottenberg am 24.5.1942 von Frankfurt aus mit dem Transport ‚Da 60’ nach Izbica deportiert und später in Auschwitz ermordet worden sein soll, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de954842. Auf der erhaltenen Liste der damals aus Wiesbaden Deportierten ist ihr Name nicht verzeichnet. Siehe HHStAW 519/2 1381 (1). Diese Angabe des Bundesarchivs ist auch in Yad Vashem übernommen worden, allerdings mit der obendrein falschen Angabe über die Abfahrt des Zuges. Statt dem 24.5.1942 ist hier der 26.5.1942 genannt. https://collections.yadvashem.org/en/names/11619972. (Zugriff: 30.9.2025). Auch auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für die Familie Rottenberg wird diese nicht haltbare These vertreten.

[80] HHStAW 518 38272 (50).

[81] Ebd. (19).

[82] HHStAW 469/33 2526 (35).

[83] Siehe Weichel, Wiesbaden im Bombenkrieg, S. 70–75.

[84] HHStAW Wi-Ffm- 13367 N (73).

[85] HHStAW 519/2 2082 (o.P.).

[86] Ebd. (o.P.).

[87] Ebd. (33).