Lina Still und ihre Kinder


Das ehemalige Judenhaus Ludwigstr. 3 heute
Eigene Aufnahme
Lage des ehemaligen Judenhauses Ludwigstr. 3

 

 

 

 

 

 


Mit Lina Turner wohnte neben Zerline Löwenberg und Selma Straus zuletzt noch eine weitere alleinstehende Frau im Judenhaus Ludwigstr. 3. Anders als die Genannten war sie aber zuvor verheiratet und die Mutter von insgesamt vier Kindern, die aber, vermutlich abgesehen von dem jüngsten Sohn Alexander, nicht mehr mit ihr dort untergebracht waren. Ihr geschiedener Mann Hersch / Hirsch Turner, genannt Hermann, hatte bereits im September 1938 Deutschland verlassen. Aber er konnte, so wenig wie seine frühere Frau und sein Sohn Alexander, sich vor dem Tod in der Gaskammer retten. Immerhin gelang dies den drei älteren Kindern Jakov / Jakob, Pnina / Paula und Sonja.

Stammbaum der Familie Still
GDB

Sowohl die Familie von Lina als auch die ihres Ehemanns gehörten zu der großen Zahl osteuropäischer Juden, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts aus Galizien nach Deutschland eingewandert waren. Auch gab es unter den beiden mehrere Verbindungen. Nicht immer ist es einfach, diese genealogischen Zusammenhänge zu rekonstruieren, da die Namen in den verschiedenen Dokumenten immer wieder auf andere Weise geschrieben wurden und auch die Datumsangaben nicht immer eindeutig sind.

Schachna Still
https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/18251722442/facts
Rifka Still
https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/tree/32353490/person/182066130228/media/33d75cf5-7e0f-48d7-8907-e5ba0292f0f0

Lina war die jüngste Tochter von Petrachia Schachna Still, der am 10. November 1852 in dem etwa 80 km südlich von Krakau gelegenen galizischen Städtchen Tymbark geboren wurde. Auf seinem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof am Hellkundsweg in Wiesbaden – er war am 28. März 1923 in Wiesbaden verstorben – ist zu lesen, er, der Sohn von Zwi Still, sei ein „ausgezeichneterMann“ „reinen Herzens“, „beliebt bei den Menschen“ und „ein ehrfürchtiger und fleißiger“ Mann gewesen, der morgens und abends zum Gebet ging.[1] Seine Frau und damit die Mutter von Lina war Rifka /Ryfka Regina Weis(z), die aus Krakau stammte.[2]

Grabstein von Schachna Still auf dem jüdischen Friedhof in Wiesbaden

In dem landwirtschaftlich geprägten Tymbark waren auch alle bekannten Geschwister von Lina zur Welt gekommen. Ihre älteste Schwester Rudl am 14. Dezember 1879, die folgende Schwester Rachel Rosa am 5. August 1883. Vermutlich folgte im Jahr 1885 Moshe, über den aber nur wenig bekannt ist. Mit Salomon am 1. April 1888 und Hermann am 18. Januar 1891 folgten dann zwei Söhne. Unterschiedliche Angaben liegen über das Geburtsdatum von Lina vor, die aber mit großer Wahrscheinlichkeit am 20. April 1897 zur Welt kam.[3]

Tymbark 1961
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1920 fand in Preußen angesichts der wachsenden Zuwanderung von Juden aus Osteuropa eine Erhebung statt, bei der auch alle polnischen Juden mit Namen, Beruf, Herkunftsort und Geburtsdatum erfasst wurden, die sich, ohne einen deutschen Pass zu besitzen, in Wiesbaden niedergelassen hatten und – so die auch heute wieder gängige Argumentation – die Sozialsysteme belasten würden. Ziel war es, eine weitere „ungebremste“ – wie man heute sagen würde – Zuwanderung zu verhindern.[4] Laut der damals erstellten „Judenlisten“ war Schachna Still, von Beruf Händler, mit seinem damals elfjährigen Sohn Salomon, dessen späterer Frau Etty Dürstenfeld, die ebenfalls aus Tymbark stammte und damals zehn Jahre alt war, seit dem 10. Oktober 1899 in Wiesbaden sesshaft geworden.[5] Ob die 1920 getätigten Eintragungen den Tatsachen entsprachen, muss allerdings hinterfragt werden, denn auch Anna, die spätere Tochter von Etty und Salomon, geboren am 22. Juli 1914, ist in der Liste von 1920 mit diesem Ankunftsdatum 10. Oktober 1899 aufgenommen, obwohl sie damals noch lange nicht geboren worden war.[6]
Nicht mit nach Deutschland kamen damals vermutlich die Ehefrau von Schachna, Rifka Regina Still, und die anderen Geschwister von Salomon. Zumindest sind sie in den Listen nicht erfasst worden. Erst am 18. Juli 1907 folgte dann auch Hermann, ihr jüngster Sohn, in den Westen.

Zuwanderung der Familie Still laut der „Polenliste“ von 1920
HHStAW 408 123 (48 f.)

Als die Liste erstellt wurde, wohnte Schachna in der Blücherstr. 6. Das war aber nicht die Adresse, in der er nach seiner Ankunft in Wiesbaden zunächst eine Wohnung fand. Im Wiesbadener Adressbuch von 1900/01 ist er erstmals verzeichnet, damals mit der Adresse Steingasse 7 I. Die Straße im proletarisch geprägten Bergkirchenviertel verließ er zwar schon nach einem Jahr, um eine Wohnung im Hinterhof der Bleichstr. 20 zu beziehen. Damit war er in dem Viertel angekommen, in dem die meisten der sogenannten Ostjuden in Wiesbaden siedelten. In dem Kiez zwischen Schwalbacher Straße, Emser Straße und Ring, ebenfalls proletarisch geprägt und mit einfachen und engen Wohnungen bebaut, fanden gerade die orthodoxen Juden ein Stück ihrer alten Heimat wieder. Hier war der Weg zu den eigenen Gebetsräumen nicht weit, hier gab es genügend Lebensmittelhändler und Metzger, die koschere Speisen und Lebensmittel anboten, und auf der Straße traf man Seinesgleichen, gekleidet gemäß der traditionellen Kleiderordnung.[7] Für die übrigen Bürger und auch für die assimilierten jüdischen Bürger waren diese, das Viertel bzw. – um eine heute gängige denunziatorische Begrifflichkeit zu gebrauchen – das Stadtbild prägenden Neuankömmlinge eher Anlass zur Sorge.

Wie sich aus dem oben zitierten Erlass ergibt, war eine der Hauptsorgen, dass die zumeist eher armen Zuwanderer auf die städtische Fürsorge angewiesen sein würden, denn tatsächlich versuchten viele von ihnen, sich mit kleinen Handelsgeschäften, die kein oder nur wenig Kapital bedurften, über Wasser zu halten. In den Adressbüchern wird auch Schachna zunächst immer etwas großspurig als „Handelsmann“, aber dann ab 1916 nur noch als „Althändler“ bezeichnet. Er kaufte also Gebrauchtwaren billig auf, Kleider, aber auch andere Waren, um sie dann mit geringen Aufschlägen wieder den armen Kunden in seinem Einzugsgebiet anzubieten. Ein schwieriges Geschäft, zumal es die wirtschaftliche Basis vieler Ostjuden war und die Läden nicht an der Straßenfront, sondern zumeist versteckt in den Hinterhöfen gelegen waren – so auch im Fall von Schachma Still.

Schachna und Rifka Still 1912
(Mit KI optimiert)

Im Folgenden soll dem Schicksal der sechs Kinder von Schachna und Rifka und dem ihrer jeweiligen Familien nachgegangen werden.

 

Die Familie von Rudl und David Still

Da nur Salomon in der Liste der Polizei von 1920 aufgeführt ist, lässt sich nicht sicher sagen, wann die Ehefrau und die verschiedenen Kinder von Schachna nach Wiesbaden kamen. Falls sie nicht doch alle zusammengekommen sein sollten, was zu vermuten ist, dann muss der Nachzug aber bald danach erfolgt sein, wie sich aus den Geburtsangaben der Enkel erschließen lässt.
Das älteste Kind von Schachna und Rifka, die Tochter Rudl, genannt Rosa, die in dem Eintrag als „Wäschehändlerin“ bezeichnet wird, heiratete am 23. Juni 1910 den am 24. Dezember 1882 ebenfalls in Tymbark geborenen Kaufmann David Still, Sohn von Wolf und Neche Still. Die Eltern des Bräutigams, die zuletzt in Zakopane lebten, waren zum Zeitpunkt der Eheschließung beide bereits verstorben. Es handelt sich um eine Ehe im engeren Familienkreis, denn Braut und Bräutigam waren Cousin und Cousine, und auch die Mutter von David, war nicht nur eine Verheiratete, sondern auch eine geborene Still.[8]

Identitätskarte von David Still aus Mainz von 1939
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0439.pdf

Die Ehe, die hier von dem Standesbeamten beurkundet wurde, bestand allerdings faktisch schon seit vielen Jahren und war vermutlich auf die besonders im Ostjudentum übliche Weise nur durch einen Rabbi zustande gekommen, vielleicht sogar noch in Polen. Eine standesamtliche Trauung wurde nicht als wesentlich erachtet, der religiöse Ritus allein begründete die Ehe. So ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zum Zeitpunkt der standesamtlichen Trauung bereits zusammen mit den Schwiegereltern in der Wohnung in der Blücherstr. 6 wohnten.
Auch ihre Kinder waren alle in Wiesbaden zur Welt gekommen, bevor ihre Eltern offiziell ein Ehepaar wurden. Die Geburt von Max am 24. September 1902 belegt,[9] dass auch die restliche Familie von Schachna spätestens zu Beginn des Jahrhunderts in der Stadt ansässig geworden war. Max wurde am 1. April 1909 in die Volksschule am Blücherplatz eingeschult.[10] Auf Max folgte am 23. November 1903 zunächst die Tochter Sophie,[11] bevor dann mit Wolf am 4. August 1905 und Hermann am 21. März 1907 noch zwei weitere Söhne geboren wurden.[12]
Wann die Familie Wiesbaden verließ, um auf die andere Rheinseite nach Mainz zu ziehen, ist nicht bekannt, aber alle anderen Kinder scheinen nicht mehr in Wiesbaden eingeschult worden zu sein, sodass der Umzug vermutlich zwischen 1907 und 1909 stattgefunden haben wird. In den späten Zwanzigerjahren wohnte die Familie dort in der Schönbornstr. 8.
Nach der Emigration der Familie, die in verschiedenen Etappen stattfand, wurde Mexiko für die meisten ihrer Mitglieder zum Land des unfreiwilligen Exils.

Einbürgerungsantrag von Sophie Still
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2509/images/40382_1020704762_1068-00561?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=14286
Sophie Still

Die erste, die Deutschland verließ, war Sophie, die schon Jahre vor der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ die Fahrt über den Ozean antrat. Die Gründe für ihre damalige Auswanderung sind nicht bekannt. Aus ihrem späteren Antrag auf Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft geht hervor, dass sie am 24. Juli 1927 in Mexico City den amerikanischen Kaufmann Sidney Steele heiratete.[13] Geboren worden war ihr Ehemann aber am 17. März 1896 in dem etwa 50 km östlich von Krakau gelegenen Dzwien, das früher zu Österreich, nach dem Ersten Weltkrieg aber ebenfalls zu Polen gehörte.[14] Die Vermutung liegt nahe, dass der Name Steele die amerikanisierte Form des Namens Still ist und auch ihr Ehemann dem weiteren Familienkreis entstammte.

In Mexico City waren dem Paar die beiden Kinder Mildred und Evelyn geschenkt worden, Mildred am 24. Juli 1927 und Evelyn am 6. Dezember 1929.[15] Auch sie waren somit beide zur Welt gekommen, bevor ihre Eltern offiziell verheiratet waren.
Aufgrund der amerikanischen Staatsbürgerschaft von Sidney Steele war es für die Familie kein Problem, wieder zurück in die USA zu gehen, wo Sophie am 14. Januar 1935 in Laredo / Texas beantragte, ebenfalls Bürgerin dieses Staates zu werden. Die Familie blieb dann auch in den USA, wo Mildred am 29. Juli 1946 Lawrence Feldmann heiratete.[16] Ihre Schwester Evelyn ging zu einem nicht bekannten Datum eine Ehe mit dem am 24. Februar 1924 in Wien geborenen Berthold Goldmann ein.[17]
Evelyn verstarb am 24. Mai 2018 im texanischen Pasadena,[18] ihre Schwester war bereits am 11. April 2006 in San Antonio zu Grabe getragen worden.[19] Dort war auch ihr Vater Sidney am 6. Juni 1976 verstorben und beerdigt worden.[20]

Einbürgerungsantrag von Max Still
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0426-00394?pId=6588271

Sophies älterer Bruder Max war der nächste, der 1928, als die Boomphase der Weimarer Jahre auf ihr Ende zusteuerte,  Mainz im Alter von 25 Jahren verließ. Am 30. April 1928 erreichte er auf dem Schiff ‚Deutschland‘ von Hamburg kommend den Hafen von New York.[21] Als Kontakt in der Metropole am Atlantik gab er einen Cousin Harry Steele an. Allerdings ist nicht klar, wo er in dem Familienstammbaum zu verorten ist. Über seinen weiteren Lebenslauf ist leider nicht viel bekannt. Gewiss ist allerdings, dass er nicht in den USA blieb, sondern – vermutlich wegen seiner damals schon in Mexico etablierten Schwester – sich zu einem unbestimmten Zeitpunkt ebenfalls dort niederließ und auch die mexikanische Staatsbürgerschaft erwarb. Am 11. Juli 1980 ist er dann in der mexikanischen Hauptstadt verstorben.

Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass die zurückgebliebene Familie von David Still in der Reichspogromnacht angegriffen oder der Vater sowie seine noch in Mainz lebenden Söhne verhaftet und in ein KZ überführt worden wären, so muss dieses Ereignis dennoch dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass auch sie die Koffer packten. Vorbereitungen waren sicher schon getroffen. Die Reisepässe mit dem eingestempelten „J“ tragen das Ausgabedatum 23. bzw. 24. Januar 1939.[22]

Am 24. März 1939 kamen David, seine Frau Rudl und die beiden Söhne Wolf und Hermann in New York an. Aber offenbar gab es Probleme bei der Einreise, denn in einer Liste mit „records of alliens held for special inquiry“ sind ihre Namen mit dem Vermerk „doubtf[ull] transit“ aufgeführt. 8 Tage wurden sie offenbar festgehalten, vermutlich sogar festgenommen, bevor sie weiterreisen konnten.

Kurzzeitige Inhaftierung der Familie bei ihrer Einreise in die USA
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6301-0414?pId=1004141812

Unklar ist, ob sie damals zu ihrem Sohn Max wollten, der damals vermutlich noch in den USA lebte, oder ob sie von Anfang an das Ziel hatten, weiter nach Mexiko zur Familie von Sophie zu reisen. Zumindest war David im Besitz eines von der mexikanischen Botschaft in Frankfurt ausgestellten Visums, das ihm, vermutlich auch den anderen Familienmitgliedern, die Einreise nach Mexiko erlaubte.[23]

Visum für Rudl und  David Still für die Einreise nach Mexiko

Über ihr Leben im lateinamerikanischen Exil ist nichts Genaueres bekannt. Vermutlich wird ihnen, die jetzt etwa 60 Jahre alt waren, kaum noch ein Neustart gelungen sein. Die Kinder sahen sich vermutlich in der Verantwortung, ihnen das Überleben in dem fremden Land, dessen Sprache sie nicht beherrschten, zu sichern.

Identitätskarte für Hermann Still aus Mainz von 1939
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0781.pdf

Aber schon bald wurden sie durch zwei weitere Schicksalsschläge getroffen. Am 4. Juli 1941 verstarb ihr Sohn Wolf, der sich offensichtlich in Mexico Willi nannte,[24] und nur ein Jahr später, am 14. August 1942, auch Hermann.[25]

Das Grab von Hermann Still in Mexico City

Rudl Still verstarb ebenfalls in Mexico City am 2. August 1956,[26] David gut zehn Jahre später am 11. Januar 1967.[27] Möglicherweise war nach dem Tod ihres Ehemanns Sidney dann auch Sophie wieder aus den USA nach Mexiko zurückgekehrt, wo inzwischen nur noch ihr Bruder Max lebte, der am 11. Juli 1980 in Mexico City zu Grabe getragen werden musste.[28] Auch Sophie soll am 18. August 1988 dort verstorben sein.

Falls diese Angabe richtig sein sollte, dann wurden ihre sterblichen Überreste aber wieder in die USA gebracht, wo sie auf dem Friedhof Agudas Achim Memorial Gardens in San Antonio in Texas ihre letzte Ruhe fand.[29]

 

Die Familie von Arje und Rachel Zwickler, geborene Still

Rachel Still, die, wie ihre ältere Schwester, auch Rosa gerufen wurde, lebte nur kurze Zeit in Wiesbaden. Auch bei ihr ist nicht sicher, ob sie schon mit ihrem Vater nach Wiesbaden gekommen war. Aber 1904 wohnte sie definitiv in seiner Wohnung in der Blücherstr. 6. Dort wurde in diesem Jahr am 1. Juni ihr Sohn Hermann geboren.[30] Unklar ist, ob sie zu diesem Zeitpunkt noch ledig oder bereits verheiratet war, möglicherweise ebenfalls nach jüdischem Ritus. Laut einer Beischreibung vom 16. Oktober 1922 erkannte der Handelsmann Aron Arje Zwicker den Sohn als von ihm gezeugt an. Eine offizielle Eheschließung fand dann am 28. Mai 1907 statt, allerdings weder in Wiesbaden noch in Darmstadt, wo der Kindsvater zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes wohnte, sondern in Nowy Targ, seinem galizischen Heimatort, in dem er am 2. Juni 1881 zur Welt gekommen war.[31] In dem nahe gelegenen Zakopane war zuvor am 29. Juni 1907 die Tochter Lieba / Lillian geboren worden.[32] Offenbar hielt sich das Paar für längere Zeit in der polnischen Heimat auf, denn Zakopane war auch als Wohnsitz von Rachel und Arje angegeben, als am 6. Februar 1911 mit Necha / Netti eine weitere Tochter zur Welt kam.[33] Insofern ist die Vermutung von Lillian, ihre Eltern hätten ihres Wissens nach ab 1908 in Darmstadt gewohnt, eher unwahrscheinlich.[34]
Nach der Geburt von Netti müssen die Eltern zu einem nicht genauer definierbaren Zeitpunkt aber wieder nach Deutschland zurückgekehrt sein, denn am 18. August 1914 kam in Darmstadt, dem früheren Wohnsitz von Arje, die Tochter Irma zur Welt. In den dortigen Adressbüchern erscheint er aber weder im Jahr 1904 – dem Geburtsjahr von Hermann – noch 1914, dem von Irma. Im Entschädigungsverfahren konnte die Darmstädter Meldebehörde nicht sagen, seit wann die Familie dort gelebt hatte, nur dass sie 1936 in der damaligen Schwanenstr. 20 gemeldet war, konnte man bestätigen.[35] Aber immerhin findet man erstmals 1933 im dortigen Adressbuch einen Eintrag für die Familie, auch mit einem Hinweis auf ihre geschäftliche Tätigkeit, nämlich den Handel mit Flaschen, Säcken und Textilwaren.[36] Im folgenden Jahr liest man unter dem Namen Zwickler nur noch einen Verweis auf den Namen Stiel. Der Eintrag lautet jetzt auf Arie Stiel,[37] aber noch immer mit derselben Adresse und auch dem identischen Betätigungsfeld. [38] Das bleibt auch so in den folgenden Jahren bis 1937.

Wenn somit nur vage eingegrenzt werden kann, seit wann Zwicklers bzw. Stiels in Darmstadt lebten, so ist der Umfang ihrer geschäftlichen Tätigkeit noch schwerer einzuschätzen. Sowohl Recha als auch ihre Tochter Lillian gaben im Entschädigungsverfahren an, der Geschäftsgewinn sei zwar schon 1931 zurückgegangen, habe aber in allen Jahren zuvor bei etwa 15.000 RM gelegen, in manchen Jahren sogar deutlich darüber. Erst 1932 habe er sich aufgrund der „antisemitischen Welle in Darmstadt“ halbiert und sei dann 1933 auf Null gesunken. Sie habe, so Lillian, da sie das Büro der Firma leitete, einen genauen Einblick in die damalige Geschäftsentwicklung gehabt.[39] Man habe Altmetalle – außer Edelmetalle, für die eine Lizenz ausdrücklich nicht erteilt war – [40] gesammelt oder auch, oft sogar in großen Wagenladungen, angekauft und diese dann an Schmelzöfen, sogar in Frankfurt und Gießen, und auch an die Stadt weiterverkauft. Der Betrieb ihrer Eltern sei der zweitgrößte seiner Art in Darmstadt gewesen.[41]
In den ersten Jahren habe man eine Betriebsstätte angemietet, aber schon nach wenigen Jahren ein eigenes Hausgrundstück in der damaligen Schwanenstr. 12 erworben, in dem im Hof hinreichende Lagermöglichkeiten für die gesammelten Metalle vorhanden gewesen seien.
Im Haus habe die Familie eine mit Teppichen und Gemälden gut ausgestattete 6-Zimmer-Wohnung mit drei Schlafzimmern, einem Wohn- und einem Esszimmer sowie einem Büro besessen. Die Schränke seien mit diversen Silbergegenständen bestückt gewesen. Da die Mutter nebenbei noch ein Textilgeschäft betrieben habe, sei der Haushalt von drei Angestellten geführt worden. [42] Dieses blühende Geschäft sei durch den antisemitisch motivierten Boykott seit Beginn der Dreißigerjahre dann in den Ruin getrieben worden.

Aus heutiger Sicht ist es schwierig, sich ein realistisches Bild von diesem Betrieb zu machen. Handelte es sich tatsächlich um ein gut gehendes, frühes Unternehmen in dem heute als Recyclingbranche bezeichneten Geschäftsfeld, oder hat man sich darunter eher die noch in den Fünfzigerjahren alltäglich durch die Straßen ziehenden und mit dem despektierlichen Begriff der „Lumpensammler“ titulierten schmutzigen Männer vorzustellen, die gegen wenige Pfennige Alteisen, Altpapier und abgetragene, kaputte Textilien abholten? Das eigene Haus, das 1912 einen Wert von 39.000 RM hatte und – so Lillian Zwickler – durch weitere Ausbauten bis 1933 eine Wertsteigerung auf etwa 55.000 RM erfahren haben soll, spricht eigentlich für eine zumindest früher einmal prosperierende Phase. Andererseits ist es zunächst erstaunlich, dass der Betrieb in den angeblich so guten Jahren in den Adressbüchern nicht erscheint.
Auch die Entschädigungsbehörde hatte Zweifel an der so positiven Selbstdarstellung der Familie. Steuerunterlagen zur Beurteilung konnten damals nicht mehr herangezogen werden. Allerdings wurden im Zusammenhang mit dem Antrag auf Rückerstattung des Hauses Wirtschaftsdaten vorgelegt, die die Zweifel bekräftigten.
Das Haus war bereits 1931 zwangsversteigert worden, weil Arje Zwickler seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Bank nicht mehr nachgekommen war, die auf mehreren 1925 und 1927 abgeschlossenen Krediten im Umfang von 7.000 RM beruhten.[43] 1934 belief sich der Schuldenstand auf etwa 11.500 RM. Neben den Schulden gegenüber der Bank waren bis 1931 auch solche beim Finanzamt Darmstadt in der Höhe von 1.500 RM aufgelaufen, die die Aufnahme einer Zwangshypothek auf sein Grundstück zur Folge hatte.[44]
Dass der Niedergang seines Geschäfts nicht nur oder sogar nicht primär durch den Boykott verursacht worden war, sondern Folge der allgemeinen Krise am Ende des Jahrzehnts war, hatte Arje damals in einem Schriftsatz selbst geäußert. Einen solchen Rückgang der Geschäfte in seiner Branche, habe er noch nicht erlebt. So sei der Kupferpreis von 1,20 RM pro Kilo auf 0,25 RM abgestürzt, schrieb er damals.[45]

Die genannten Zahlen waren nur schwer in Übereinstimmung mit den angeblichen jährlichen Gewinnen von etwa 15.000 RM bis 1930 zu bringen. Aber immerhin wurde, obwohl man die Zahlen infrage stellte, dennoch eine Entschädigung für den Niedergang des Geschäfts in den Dreißigerjahren gewährt.[46] Die Rückerstattung des Hauses war bereits zuvor vom Oberlandesgericht Frankfurt endgültig zurückgewiesen worden.[47]

Anders verhielt es sich mit den Ansprüchen, die auf dem reklamierten Vermögensverlust basierten. Man habe wegen eines „Ausweisbefehls plötzlich alles stehen und liegen lassen“ und das Geschäft und ein größeres Lager an Metallen zurücklassen müssen. Dadurch sei ein Vermögensschaden von etwa 40.000 RM eingetreten. Auch die Ausstattung des Hauses sei verloren gegangen und Außenstände im Wert von etwa 18.000 RM – bei dem Textilgeschäft habe es sich um ein Abzahlungsgeschäft gehandelt – hätten nicht mehr eingetrieben werden können.[48] Auch hier meldete die Entschädigungsbehörde Zweifel an, zumal zwei Zeugen angaben, die Familie habe Darmstadt „ohne übermäßige Hast verlassen und das Mobiliar sei in mehreren Lifts und Überseekoffern verpackt abtransportiert und das Altmaterialwarenlager mit Lastwagen abgefahren worden“.[49]

Weil man diesen Zeugen mehr Glauben als den eidesstattlichen Erklärungen der Betroffenen schenkte, wurden die Ansprüche abgewiesen, aber nicht nur wegen mangelnder sachlicher Fundierung, sondern weil „die Erbengemeinschaft zumindest grob fahrlässig falsche Angaben über Art und Umfang des zugefügten Schadens gemacht hat, um unrechtmäßig Entschädigungsleistungen zu erlangen“.[50] Deshalb wurden den Klägern auch zusätzlich die Kosten des Verfahrens aufgebürdet.
Necha, inzwischen verheiratete Boas, widersprach in einem Brief an den Regierungspräsidenten vehement der Unterstellung, man habe bezüglich der hinterlassenen Vermögenswerte die Unwahrheit gesagt: Sie könne nichts gegen die Aussagen der Zeugen machen. „Ich kann aber auf Ehre und Gewissen aussagen, dass meine Eltern Darmstadt ohne Lift verlassen haben, dass in den Lagerräumen Warenmengen und in der Wohnung Einrichtungsgegenstände zurückgeblieben sind. Die Eltern haben die Türe zugemacht und sind weggegangen.“[51]

Es mag sein, dass die Antragsteller in der Anmeldung ihrer Entschädigungsansprüche auch die vielen Verletzungen, Diskriminierungen und Anfeindungen der Jahre bis zu ihrer Ausreise „eingepreist“ hatten. Wer wollte es ihnen verdenken? Aber dafür gab es nach den gesetzlichen Bestimmungen keine und konnte es auch keine angemessene „Entschädigung“ geben.

Zwar stand die Familie noch 1937 in den Darmstädter Adressbüchern, aber nach den Unterlagen des Entschädigungsverfahrens hatte sie Deutschland bereits 1936 verlassen. Lillian präzisierte die Angaben dahingehend, dass sie im Mai 1937 mit dem Zug nach Triest und von dort mit dem Schiff ‚Gerusalemme‘ weiter nach Haifa gefahren seien.[52] Die Kosten von knapp 4.000 RM soll Arje Zwickler Stiel noch selbst aufgebracht haben.

Allerdings scheint Lillian damals selbst nicht mit der Familie nach Palästina ausgereist zu sein. Falls doch, dann hat sie das Land bald wieder verlassen. In New York ist unzweifelhaft sie in einem Wählerverzeichnis von 1948 erfasst, in dem auch gefragt wurde, seit wann sie im Land bzw. in der Stadt leben würde. Laut ihren eigenen Angaben war sie seit zehn Jahren, d.h. seit etwa 1938, in den USA und als Studentin in New York wohnhaft.[53] Im September 1941 war ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen worden, wie einer Passagierliste zu entnehmen ist, auf der auch Lillian bei einer Passage von Haifa nach New York aufgeführt ist.[54]
Sie hatte offensichtlich ihre Eltern und Geschwister besucht, denen es in Palästina, ihrer neuen Heimat, sehr schlecht ging. Ihr Vater war schon damals verarmt und ernstlich erkrankt. Sie selbst gab im Rahmen des Entschädigungsverfahrens an, Aron Zwickler sei nach der Ankunft in Palästina ein körperlich und seelisch gebrochener Mann gewesen, der sein Schicksal nicht verkraften konnte, zumal er auch nicht mehr in der Lage war, für sich und seine Frau angemessen zu sorgen. Das Paar habe zunächst vom Verkauf mitgebrachter Habe gelebt – demnach hatte man das Haus in Darmstadt doch nicht mit ganz leeren Händen verlassen – und sei dann von ihren Kindern und anderen Verwandten unterstützt worden. 1941 – so berichtete sie weiter – habe ihr Vater versucht, „in einem Kiosk Getraenke und Schokolade zu verkaufen. Es war nur eine Bank und ein Tisch, das (sic!) er nur auf einer abgelegenen Strasse nicht weit von seiner Wohnung aufstellte, da er schlecht gehen konnte und (zu) keiner laengeren koerperlichen Arbeit fähig war.“ Er verkauft nur wenig, tagelang auch garnichts.[55]
Am 18. Juni 1950 verstarb Arje Zwickler in Haifa, verarmt und verbittert.[56] Wann seine ebenfalls über Jahre erkrankte Frau Rachel verstarb, ist nicht bekannt. Die Mutter hatte zuletzt mit ihren drei Kindern, Hermann, Necha und Irma, verheiratete Feldmann, in der Umgebung von Haifa gelebt. Über ihr weiteres Schicksal konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Die in die USA ausgewanderte Lillian verstarb im August 1981 in New York.[57]

Moses Still

Am wenigsten bekannt ist über Moses / Mojshe / Mojzesz Still. Auch hier ist das Geburtsdatum bzw. nicht einmal das Jahr eindeutig überliefert. Vermutlich wurde er aber am 5. Juni 1885 in Tymbark geboren.[58] Aber auch im Jahr 1980 kam in Tymbark ein anderer Moses Still zur Welt, allerdings sollen seine Eltern Neta und Zeev Still gewesen sein.[59]
Laut Ancestry war der 1885 Geborene mit einer Berta verheiratet, über die aber, wie auch über ihre beiden Kinder, Izzy und Judah, ebenfalls nichts bekannt ist.[60] Belgischen Immigrationsunterlagen ist zu entnehmen, dass die Familie zwischen 1901 und 1915 dort einwanderte und sich in Antwerpen niedergelassen haben soll. Immerhin erklärt deren wahrscheinlicher Aufenthalt dort, weshalb verschiedene Familienmitglieder in der Zeit der Verfolgung später versuchten, nach Belgien zu gelangen.[61] Wann die Familie in die Niederlande weiterzog, ist ebenfalls nicht bekannt, aber von dort soll Moses laut Angabe von Yad Vashem zu einem nicht bekannten Datum nach Auschwitz deportiert worden sein, wo er am 26. Februar 1943 ermordet wurde.[62] Vermutlich mussten seine Frau und seine Kinder dasselbe Schicksal erleiden, aber Belege dafür gibt es leider nicht.

Salomon Still und seine Familie

Obwohl auch die Familie von Salomon Still während der Zeit der Verfolgung zerrissen wurde, flüchten musste und Einzelne in verschiedenen Lagern interniert wurden, überlebten letztlich alle. In den USA fanden sie dann nach dem Krieg wieder zusammen.[63]

Nach den Unterlagen der Wiesbadener Polizei war Salomon der einzige Sohn von Schachna Still, der schon im Jahr 1899 mit ihm aus Tymbark nach Wiesbaden gekommen war.[64]
Aber schon seine folgenden Lebensjahre sind nur schwer zu rekonstruieren. Als er im heiratsfähigen Alter war, ging er, so seine Tochter Rosel, noch einmal zurück, um sich eine Frau zu suchen,[65] vielleicht war die auch schon durch ein Schadchen, einer jüdischen Heiratsvermittlerin, ausgesucht worden. Im Jahr 1913 heiratete er dann in Krakau Etty Düstenfeld, die am 28. März 1889 in Jaroslaw geboren worden war.[66]
Etty Still gab im Entschädigungsverfahren an, sie und ihr Mann hätten nach der Eheschließung ihr gemeinsames Domizil in Wiesbaden aufgeschlagen. Das scheint jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die ersten beiden Kinder des Paares, Anna und Bernhard, wurden am 22. Juli 1914 und am 21. März 1916 in Darmstadt geboren.[67] Und tatsächlich findet man den Handelsmann Salomon Still im Darmstädter Adressbuch von 1915, wohnhaft in der Dieburger Str. 13. [68] In diesen Jahren lebte dort auch Samuels Schwester Rachel mit ihrem Mann Arje Zwickler.
Nach seinen eigenen Angaben übernahm Salomon erst 1920, drei Jahre vor dem Tod von Schachma Still, dessen Flaschen- und Rohproduktengeschäft, beschränkte sich aber in der folgenden Zeit auf den An- und Verkauf von Flaschen für diverse Zwecke.[69]
Daher ist anzunehmen, dass Salomon mit seinen bisherigen Kindern erst 1920 nach Wiesbaden kam. Bei seinem zweiten Eintrag in der „Judenliste“ von 1920, laut der er sich im Jahr 1909 erneut angemeldet hatte, kann es sich somit, sollte es sich nicht um einen Irrtum handeln, nur um eine erneute vorübergehende Anwesenheit gehandelt haben. Es könnte sein, dass er damals mehrfach seinen Wohnsitz zwischen Darmstadt und Wiesbaden wechselte, denn noch vor dem Zeitpunkt seiner endgültigen Übersiedlung war er bereits 1914 im Wiesbadener Adressbuch mit einer Flaschenhandlung in der Schulgasse 7 I notiert. In den folgenden Jahren fehlt allerdings ein solcher Eintrag.
Wie aus Unterlagen der Stadt Den Haag in Holland hervorgeht, hielt sich die Familie, d. h. die Eltern und die beiden in Darmstadt geborenen Kinder Anna und Bernhard, zwischenzeitlich vom 30. Juli 1918 bis zum 17. Mai 1919 in der niederländischen Stadt auf.[70] Ob sie versuchten, sich dort eine Existenz aufzubauen oder aber schon eine Emigration nach Amerika in Erwägung zogen, ist nicht bekannt. Sie kehrten aber dann doch wieder nach Deutschland zurück und ab 1920 findet man Salomon Still und seine Familie als ständige Bewohner Wiesbadens in den Büchern. Seine jetzige Wohnanschrift war der 1. Stock im Hinterhaus der Schwalbacher Str. 61.

Nach der endgültigen Niederlassung wurden Salomon und Etty Still in Wiesbaden noch die beiden Kinder Rosel, am 24. Dezember 1920, und Chaim Heinrich, genannt Heini, am 9. Oktober 1922, geboren.[71]

In diesem Jahr 1922 inserierte Salomon, offenbar in der Hoffnung auf einen wachsenden Kundenkreis, sogar im Adressbuch eine größere Anzeige und tat darin kund, nicht nur mit Flaschen, sondern auch mit Rohprodukten und allen Sorten von Metallen zu handeln. Allerdings führte auch sein Vater sein bisheriges Geschäft im Hinterhof der Blücherstr. 6 weiter und auch nach seinem Tod am 28. August 1923 ist seine Frau Rifka Regina bis 1925 als Althändlerin notiert.[72] Erst ab 1926 scheint sie das Geschäft endgültig aufgegeben zu haben, denn in diesem Jahr ist sie unter der gleichen Adresse als Privatiere eingetragen. Bisher konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, wann und wo sie verstarb, aber ein Opfer nationalsozialistischer Mordaktionen scheint sie nicht mehr geworden zu sein.

Ab 1924 hatte Salomon sein Geschäft wieder in die Philippsbergstr 2 verlegt. Erst in der Endphase der Weimarer Jahre 1932 fand er einen neuen Standort, zunächst für ein Jahr in der Walramstr. 19, dann in der Blücherstr. 3, also in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen elterlichen Geschäfts, wo er dann auch bis zu seiner Flucht bzw. Vertreibung blieb. Aber auch im Haus Nummer 6, wo zuletzt noch die Mutter wohnte, hatte er weiterhin ein Flaschenlager eingerichtet, wie man aus den Berichten über den Pogrom im November 1938 erfährt. Im Mittelbau der Blücherstr. 6 befand sich auch in einer früheren Gastwirtschaft eine der drei orthodoxen Betstuben der Stadt. Salomon Stills Tochter Rosel meinte später sogar, er selbst habe diese eingerichtet.[73]
Monju Tiefenbrunner, Mitglied des Talmud-Thora –Vereins, der dieses „Schtibl“ besuchte, konnte sich später sogar noch an die genaue Sitzordnung darin erinnern. Verwunderlich ist, dass der Name Still in seiner Aufzählung der Namen nicht vorkommt. Aber immerhin erinnerte er, dass Lina Still mit der Reinigung des Raumes beauftragt worden war, womit sie sich sicher ein kleines Zubrot verdienen konnte.[74] Gewohnt hat Salomon mit seiner Familie aber 1938 im zweiten Stock der Hellmundstr. 45.

Über die Geschäftsentwicklung liegen für die Zwanzigerjahre zumindest vonseiten der Finanzbehörden keine Unterlagen vor. Rosel meinte in dem Interview, man habe dem Wiesbadener Mittelstand angehört, habe die Flaschen auch an die großen Sektkellereien, wie Henkell, verkauft. Das mag für die Zwanzigerjahre teilweise zutreffen, aber ganz sicher nicht mehr für die Zeit gegen Ende des Jahrzehnts, in der die ganze Welt in eine große Depression geraten war. Laut Auskunft des Bankhauses Krier, dem Verwalter des Hauses in der Blücherstraße, soll sich das Geschäft, in dem auch Etty mitarbeitete, später aber „in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen befunden haben“.[75] Seit den Dreißigerjahren liegen auch Einkommenszahlen des Finanzamts vor, die die Angaben von Krier bestätigen. Demnach hatte Salomon in den Jahren der Weltwirtschaftskrise 1931 und 1932 überhaupt kein Einkommen zu versteuern. In den folgenden Jahren, stieg es dann aber an, betrug 1933 860 RM, 1934 dann schon 1.800 RM und blieb in den folgenden Jahren bis 1938 auf etwa diesem Niveau. Nur 1937 konnte er sogar mehr als 2.600 RM Einkünfte versteuern.[76] Aber im Schnitt musste die sechsköpfige Familie mit etwas mehr als 100 RM im Monat auskommen.
Die Kinder, die sich in diesen Jahren alle in der Ausbildung befanden, konnten nur wenig zum Einkommen beitragen. Bernhard sollte nach seiner Schulzeit eine Lehre bei der Eier- und Buttergroßhandlung Grünberg in der Mauergasse absolvieren, konnte diese aber nicht zu Ende bringen. Man hatte ihn dort als billige Arbeitskraft im Lager verwendet, aber keine wirkliche Ausbildung zukommen lassen. 1933 wurde er dann aus rassistischen Gründen entlassen und wurde arbeitslos. Zwar half er dann seinem Vater in der Flaschenhandlung, aber das war sicher nicht viel mehr als verdeckte Arbeitslosigkeit und wird kaum zu höheren Erträgen geführt haben.[77] Bernhard war zum einen Mitglied in der ‚Esra‘, dem orthodoxen Jugendbund, aber auch in der Sportgruppe des ‚Reichsverbands Jüdischer Frontsoldaten‘ aktiv.[78]
Sein Bruder Chaim Heinrich, der ebenfalls zunächst die Volksschule in Wiesbaden besuchte, war anschließend bis 1933 auch noch auf die Mittelschule am Riederberg gegangen, wechselte dann an die Schule in der Lahnstraße. Die musste er nach seinen Angaben zuletzt ebenfalls aus rassistischen Gründen verlassen und bis 1938 an die jüdische Schule in der Mainzer Straße wechseln.[79] Er war derjenige, der eher an technischen als an kaufmännischen Angelegenheiten interessiert war. Deshalb begann er nach Beendigung seiner Schulzeit im Sommer noch eine Lehre bei der bedeutenden Fotoapparatefabrik ‚Wirgin‘ in Wiesbaden, die von jüdischen Eigentümern geführt wurde.[80] Allerdings musste auch er, bedingt durch seine Flucht, seine Lehre nach wenigen Monaten abbrechen.

Ein Indiz dafür, dass es dem Geschäft von Salomon Still in früheren Jahren besser gegangen sein muss, ist die Tatsache, dass seine älteste Tochter Anna nach dem Umzug von Darmstadt von 1920 an bis 1930 das Lyzeum, die höhere Mädchenschule am Schlossplatz, besuchen konnte. Danach begann sie 1931 eine Buchhändlerlehre in dem auf Judaica und Reiseliteratur spezialisierten ‚Verlag Hirsch Kanel‘ in der Geisbergstr. 14. Der jüdische Verleger musste Deutschland 1933 verlassen, weshalb auch sie ihre Lehrzeit damals abbrechen musste.[81]
Im Büro des renommierten Rechtsanwalts Berthold Guthmann, der damals auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde war, erhielt sie dann eine Anstellung als Bürokraft. Nach ihren Angaben blieb sie dort bis 1938, hatte zuletzt immer mehr Arbeiten zu erledigen, da Guthmann als einer der wenigen zugelassenen Konsulenten mit immer mehr Verfahren überhäuft wurde. Auch 1938, als im November die Kanzlei und auch die Wohnung in der Bahnhofstr. 25 verwüstet worden war, sei sie dort noch gewesen und habe beim Aufräumen geholfen.
Anna hatte sich schon zuvor der kleinen, 1935 aus sieben Mitgliedern bestehenden zionistischen Gruppe der ‚Hechaluz‘, den Pionieren, angeschlossen, die sich mit dem Erwerb landwirtschaftlicher und handwerklicher Kenntnisse auf die ‚Alija‘ vorbereitete.[82]
Die größere Gruppe, in der die konkrete Arbeit stattfand, befand sich aber in Frankfurt, in einem Gebäude in der Unterlindau 21-23 in der Nähe der dortigen Synagoge. Dort lernte Anna ihren zukünftigen Mann Herbert Stern kennen. Der Sohn von David und Hedwig Stern, geborene Kaufmann, geboren am 16. Februar 1906 in Rauischholzhausen, war damals 31 Jahre alt, Anna erst 23. Am 27. Oktober 1937 gingen sie in der niederländischen Hauptstadt Den Haag die Ehe ein.[83] Zwar war Anna damals noch immer in Wiesbaden gemeldet, aber bald nach dem Novemberpogrom wird sie dann nach Holland gezogen sein. Ein Reisepass mit ihrem neuen Namen war ihr schon im Februar 1938 ausgestellt worden, der im folgenden Jahr um ein weiteres verlängert wurde. Die Ehe war auch sicher deshalb geschlossen worden, weil Herbert Stern bereits über ein Visum für Amerika verfügte, was auch ihr die Möglichkeit zur Emigration eröffnete.

Auch Rosel, die jüngste, hatte bis 1931 die Riederbergschule besucht und war danach in der Schule in der Kastellstraße aufgenommen worden. Als sie auf eine höhere Schule hätte wechseln können, kam das wegen der Machtübernahme der Nazis für sie schon nicht mehr infrage. Sie habe etwas lernen wollen, womit sie in einem fremden Land etwas würde anfangen und Geld verdienen können, sagte sie in dem Interview, ohne das zu präzisieren.

Erstaunlich ist dann, dass sie, trotz des allgemeinen politischen Klimas in den Dreißigerjahren, sich in dem Interview nicht erinnern konnte, bis 1938 irgendwelche antisemitischen Anfeindungen erfahren oder auch nur wahrgenommen zu haben. Die Familie habe mit Juden und Nichtjuden gleichermaßen freundlich verkehrt. An Weihnachten sei man von den christlichen Nachbarn eingeladen worden, um den Weihnachtsbaum zu bestaunen. Und auch in der Schule habe sie sich nicht zurückgesetzt gefühlt.[84] Nachmittags habe sie eine jüdische Schule besucht, wo sie auch die meisten Freundinnen gefunden hatte. Obwohl ihr Vater sich als orthodoxer Jude verstand, sei die Familie selbst nicht sehr religiös gewesen. Nur die Mutter, sei in ihrem Glauben sehr streng gewesen, habe vor dem täglichen Lesen der Thora nichts gegessen und auch eine Perücke getragen. Man habe zwar den Gottesdienst eigentlich im Schtibl und nicht in der Synagoge gefeiert, aber sie sei später in die Synagoge am Michelsberg gegangen und habe dort mit viel Freude im Chor mitgesungen.

Zweifel sind auch geboten, wenn Rosel meint, die Familie sei auch wegen ihrer polnischen Herkunft nie diskriminiert worden. Dass sie dies in ihrem Alter nicht wahrgenommen hat, mag sein, aber es steht außer Frage, dass die polnischen Juden selbst von ihren deutschen Glaubensbrüdern häufig verachtet und gemieden wurden.

Für Rosel war der Pogrom im November der entscheidende Wendepunkt. Mit Schrecken hatte sie selbst gesehen, wie die Synagoge am Michelsberg in Flammen stand.
Auch das Flaschenlager ihres Vaters war in dieser „Kristallnacht“ völlig in Scherben aufgegangen. Zwei Zeugen konnten später über die Ereignisse dieser Nacht berichten:
„Am 10. November 1938 morgens ca 5 Uhr wurde ich und meine Ehefrau durch einen grossen Lärm auf der Straße aufgeweckt. Ich stand auf und bemerkte, daß vor dem Hause Blücherstraße 4 ein Trupp Männer stand, die wie ich später erfuhr aus dem Hause ßlücherstrabe 6, in dem sie Zerstörungen durchführten, kamen. Von diesem Trupp lösten sich einige Männer. Sie brachen die Tür nach dem Lager des Herrn Still, Blücherstraße 3 auf und zerschlugen das Lager von leeren Flaschen. Dieses Lager war ziehmlich (sic) gross. Die Zerstörung dauerte ca 3/4 Stunden. Am Nachmittag desselben Tages wurde die Zerstörung fortgesetzt.“[85]
Salomon Still bezifferte den Schaden – etwa 70.000 Flaschen, 50.000 Parfümfläschchen und diverse Apparaturen – später auf etwa 18.000 RM.[86] Da Versicherungen, falls eine solche überhaupt abgeschlossen war, ausdrücklich angewiesen worden waren, keine Schäden zu regulieren, war damit die Existenz des Betriebes vernichtet. Zudem wurde Salomon Still auferlegt, innerhalb von 3 Stunden die Schäden zu beseitigen und die Türen und zerschlagenen Tore wieder zu reparieren. Das war schon deshalb unmöglich, weil kein Handwerker mehr für Juden arbeiten wollte. Allein der Abtransport der Scherben zog sich über mehrere Tage hin.[87]
Wohl ahnend, dass das erst nicht das Ende der Verfolgung sein würde, floh er, er hatte sich während des Überfalls versteckt gehalten, am folgenden Tag mit seinem Sohn Bernhard aus Wiesbaden, um bei Aachen über die belgische Grenze zu kommen. Damit begann die immer wieder unterbrochene Flucht, die in den folgenden Jahren die Eltern mit ihren Söhnen und ihrer Tochter Rosel in die verschiedensten Lager und in einen steten Kampf ums Überleben zwang. Eigentlich sei das Ziel Holland gewesen, so Rosel später, wohin Salomons Bruder Hermann mit seiner Familie schon zuvor emigriert war und wo auch andere, entferntere Angehörige lebten.[88]
Schon an der belgischen Grenze wurden Vater und Sohn aufgegriffen und für zwei Wochen im dortigen Polizeigefängnis inhaftiert.[89] Von dort wurden sie anschließend in das KZ Dachau überführt, Salomon mit der Häftlingsnummer 31315, Bernhard mit der 31316.[90] Beide blieben nicht lange dort, am 5. Dezember wurden sie wieder freigelassen. Etty Still hatte ein gefälschtes panamesisches Visum besorgt, das nachweisen sollte, man werde nach der Freilassung dorthin auswandern. Zunächst waren sie für kurze Zeit nach Wiesbaden zurückgekehrt, um dann aber, als ihnen erneut mit Verhaftung gedroht wurde, noch einmal zu versuchen, sich nach Belgien abzusetzen. Dieses Mal bedienten sich Salomon und Bernhard eines Schmugglerrings, der pro Person 600 RM verlangte. Da auch Etty mit den jüngeren Kindern Rosel und Chaim bald folgen sollte, wurde auch für sie das Geld bezahlt – insgesamt 3.000 RM.[91] Aber die Flucht, organisiert von Schleppern, wie man heute sagen würde, gelang, auch bei den anderen zunächst noch in Wiesbaden verbliebenen Familienmitgliedern.
Aber auch Belgien, wo die Flüchtlingsmassen von den dortigen jüdischen Hilfsorganisationen, hauptsächlich der HIAS, versorgt wurden, bot nur eine kurze Rast. Immerhin konnte Chaim dort in Merxplas, nordöstlich von Antwerpen, für eine gewisse Zeit noch eine Technikerschule besuchen. Als die deutschen Truppen dann im Frühsommer die Offensive im Westen eröffneten und bald vor Brüssel standen, setzte die Familie die Flucht nach Frankreich fort. Offenbar gingen aber die Eltern mit Rosel und die beiden Söhne getrennte Wege.
Die belgischen Hilfsorganisationen hatten, so Rosel Schipper, Züge organisiert, um die vielen Flüchtlinge nach Frankreich zu bringen, allerdings in dem Glauben, dass sie bald wieder würden zurückkehren können. Salomon, seine Frau und Rosel fuhren in einem solchen Zug, aber nicht, wie man glaubte, nach Paris, sondern in einen der vielen Orte weiter im Süden, die wegen der früheren Landflucht zum Teil leer waren und hinreichend Unterkunftsmöglichkeiten boten. Nach Salomons Schilderung wurde er mit seiner Frau und Rosel unterwegs unter dem Verdacht, Spione zu sein, erneut festgesetzt. Erst als sie glaubhaft machen konnten, Flüchtlinge zu sein, kamen sie frei und wurden in den Ort Chezelle geschickt, der nur wenige Kilometer von Vichy entfernt in der später nicht besetzten Zone lag. Es handelte sich um einen Zwangsaufenthalt, einer residence forcé, den sie nicht ohne Weiteres verlassen durften. Zum Teil wurden sie dort von der Gemeinde versorgt, aber auch als Arbeitskräfte bei den Bauern eingesetzt, so Rosel in dem Interview. Es gab auch andere jüdische Flüchtlingsfamilien im Ort, mit denen man in engem Kontakt stand.
Als aber auch im „freien“ Teil Frankreichs 1942 die systematischen Deportationen von Juden begannen, wurden Salomon, Etty und ihre Tochter Rosel im August in das Sammellager Montlucon verbracht. Von dort aus versuchten sie Anfang September 1942 ihre Söhne im Camp de Milles zu erreichen: „Wir sitzen noch immer hier und warten auf die glückliche Minute. Hoffentlich werden wir bald nach Hause können. Papa ist heute ins Krankenhaus gekommen, der Arzt meint, daß er dort 2 –- bis 3 Wochen bleiben muß. Die Rosel ist ganz lustig, manchmal weint sie auch. Wir hoffen alles gute (sic). Grüsse und Küsse Euch mehrmals.
Eure Mutter“
Dann die bange Frage: „Warum schreibt ihr nicht?“[92]
Auch Rosel setzte noch einen Gruß darunter: „Herzliche Grüße und Küsse, ein baldiges Wiedersehen
Eure Schwester Rosel.“
[93]

Die Eltern hatten, da sie die Adresse zumindest von Bernard kannten, offenbar den Kontakt mit ihren Söhnen bisher aufrechterhalten können. Diese hatten inzwischen ebenfalls Frankreich erreicht. Zusammen waren sie, da es keinen Platz mehr in den Zügen gab, mit dem Fahrrad von Brüssel nach Paris aufgebrochen,[94] wo sie sich ursprünglich mit den Eltern, die aber Paris nie erreichten, treffen wollten. Dort wurden sie sofort verhaftet und zunächst in ein Gefängnis mit normalen Kriminellen gebracht. Von dort überführte man sie im Mai 1940 in das Lager Camp de Vernet Ariége am Rand der Pyrenäen, wo sie bis zum 28. Februar 1941 blieben.[95]
Dass sie nicht von dort auf einen Transport in die Todeslager im Osten geschickt wurden, hatten sie dem brasilianischen Botschafter in Vichy zu verdanken.[96] Wieso dieser sich gerade für die Familie Still einsetzte, ist nicht bekannt. Aber auch die Eltern wurden am 4. September dank seiner Intervention aus dem Lager in Montlucon entlassen und durften alle drei wieder zurück nach Chezelle, wo sie bis zur Befreiung unter Meldeauflagen blieben.[97]
Nachdem die Brüder das Camp de Vernet Ariége am 10. November 1942 verlassen hatten, kamen sie in das Lager Les Milles bei Aix in der Procence, wo die Gefahr der Deportation nicht ganz so groß war. Aus dem nur mehr schlecht lesbaren Zertifikat für Bernhard geht hervor, dass er dort seine Emigration in die Wege leiten sollte.[98] Unmittelbar nach ihrer Überstellung nach Les Milles konnte Rosel sie dort besuchen.[99] Dort blieben die Brüder – vermutlich beide – bis zum November 1942 und genossen auch gewisse Freiheiten, wie verschiedene Passierscheine belegen. Bernhard arbeitete dort in der Werkstatt und der Versorgungsabteilung, der Techniker Chaim als Elektriker. Für Bernhard ist nachgewiesen, dass er im September 1942 die Erlaubnis hatte, das Lagergelände in bestimmten Zeiten zu verlassen, um einer Arbeit nachzugehen – vermutlich aber eine Tätigkeit, die von der Lagerleitung angeordnet war. Dass diese mit der Leistung der Brüder zufrieden war, wurde ihnen später attestiert.[100]
In Les Milles scheinen sich dann auch die Wege der Brüder getrennt zu haben, denn Chaim kam anschließend in das Camp de Accueil de Rellance, das im Luberon, östlich von Avignon, gelegen war. Auch hier scheinen die Reglementierungen nicht gar so scharf gewesen zu sein. So wurde ihm z.B. im Sommer 1943 erlaubt, sich in die nahe gelegene Stadt Forcalquier zur Erledigung persönlicher Angelegenheiten zu begeben.[101] Wohl auch deshalb gelang ihm hier die Flucht – er konnte „flitzen“, wie er schrieb – und lebte anschließend nach seinen Angaben unter falschem Namen in der Illegalität. Mit Arbeit bei Bauern habe er sich seinen Lebensunterhalt verdient. Nicht klar ist, ob die illegale Zeit davor oder danach lag. Allerdings liegt ein offizielles Schreiben mit seinem richtigen Namen vor, in dem ihm die streng befristete Erlaubnis erteilt wurde, vom 20. Juli bis zum 30. September 1943 in der Landwirtschaft arbeiten zu dürfen.[102] Ein weiteres Schreiben des Präfekten von Isere genehmigte ihm, in Grenoble eine Wohnung zu beziehen.[103] Als die alliierten Truppen 1944 auf den Kontinent übersetzten, schloss auch er sich der Resistance an [104] und konnte zuletzt in das befreite Paris gelangen, wo er sogar für kurze Zeit noch einmal seine Schulausbildung als Techniker wiederaufnahm.

Nicht gleichermaßen viele Dokumente liegen über das weitere Leben von Bernhard nach seiner Entlassung aus Les Milles vor. Er selbst gab an, in einem Arbeitslager mit dem Namen ‚148 G.T.E. Le Pontet‘ bei Avignon, in dem Holzkohle hergestellt wurde, als Holzfäller Schwerstarbeit geleistet zu haben. In dieser Zeit, war ihm allerdings auch ein einwöchiger Urlaub genehmigt worden, um seine Eltern in Chezelle zu besuchen.[105] Man wird sicher davon ausgehen können, dass er diese Möglichkeit nutzte. 1944 sei er aus dem Lager geflohen und habe sich falsche französische Papiere besorgt und sich bis zur Befreiung des Landes in den Alpen versteckt gehalten. [106]

 

Auch Rosel war zum Schluss von französischen Pfadfindern, die sich in der Résistance engagierten, mit einer falschen, auf den Namen Marie Rose Perrier ausgestellten Identitätskarte ausgestattet, die sie – wegen der nicht akzentfreien französischen Aussprache – als Elsässerin ausgab.

1946 erhielten dann alle die notwendigen Visa für eine Einreise in die USA. Die Reise, die von der Flüchtlingsorganisation HIAS vorfinanziert worden war und die sie von Marseilles aus antraten, brachte sie am 8. September 1946 auf dem Truppentransportschiff ‚Athos II‘ nach New York.[107]

Im Hinblick auf die Überfahrt in die USA machten die Entschädigungsbehörden ebenfalls Schwierigkeiten. Sie weigerten sich, die entsprechenden Kosten zu übernehmen, da die Verfolgten die Reise erst nach dem Ende des Krieges angetreten und zuvor angeblich nur Belgien als Exil angegeben hatten. Für die weitere Flucht nach Frankreich war man zwar bereit, zu zahlen, da sie aber mit dem Fahrrad bzw. kostenlos mit dem Zug stattgefunden hatte, seien keine relevanten Auslagen entstanden.
Die Familie konnte aber dann dank des gefälschten Visums für Panama nachweisen, dass sie schon immer auf den anderen Kontinent gewollt hatte, dies aber durch ihren Zwangsaufenthalt in Frankreich verhindert worden sei und sie erst nach Wiedererlangung ihrer völligen Freiheit die ursprünglichen Pläne realisieren konnte.[108]

Ein wesentlicher Grund, weshalb sie in die USA wollte, war die dort lebende Tochter Anna, die nach ihrer Verheiratung in den Niederlanden im Dezember 1938 auf dem Schiff ‚Niew Amsterdam‘ in die USA ausgereist war. Im ersten Jahr hatte das Paar vergeblich versucht, in New York Fuß zu fassen. Deswegen verließen die beiden New York und zogen nach Houston in Texas, wo viele Verwandte von Herbert Stern lebten, die zum Teil schon vor vielen Jahren aus Polen emigriert und dort inzwischen erfolgreiche Geschäftsleute geworden waren. Dort erhielten sie dann die notwendige Unterstützung und auch Arbeit.[109]

Auch Salomon mit seiner Frau und seinem Sohn Bernhard, der seinen Namen durch das Weglassen des „h“ zu Bernard „entdeutscht“ hatte und laut Angabe des Zensus von 1950 inzwischen mit einer Gertrude verheiratet war, ließ sich nach seiner Ankunft in Amerika in Houston nieder, wo sie alle im ersten Jahr im Haus von Anna unterkommen konnten.[110]
Später müssen Salomon und Etty aber wieder nach New York zurückgegangen sein, wo zunächst Etty am 10. Mai 1965, dann wesentlich später, Salomon am 24. Juli 1989 verstarben.[111]

Bernard arbeitete in den USA zum Zeitpunkt des Entschädigungsverfahrens als Kaufmann im Elektrohandel. Seine Ehe war vermutlich kinderlos geblieben. Zeitlebens litt er, wie ein ärztliches Gutachten bestätigte, unter den Folgen der Verfolgung. Der in seiner Jugend ausgezeichnete und dekorierte Sportler besaß in der Zeit des amerikanischen Exils nur noch 25 Prozent seiner eigentlichen Erwerbsfähigkeit.[112] Am 26. Mai 2005 verstarb er in El Cajon in Kalifornien.[113]

Auch Chaim, der seinen Namen in den USA in Henry ändern ließ, heiratete nach seiner Ankunft in Amerika noch in New York am 8. Mai 1947 ebenfalls eine Gertrude. Gertrude Levy war am 10. Januar 1924 in der pfälzischen Stadt Dahn zur Welt gekommen. Am 6. Oktober 1950 kam in Houston, wohin das Paar inzwischen ebenfalls verzogen war, ihr Sohn  Jerry zur Welt.[114] Ein weiteres Kind wurde 1955 geboren.[115]
Henry verstarb am 28. Juli 2004, seine Frau Gertrud am 27. Mai 2018.[116]

Rosel heiratete am 11. Januar 1949 in New York den am 18. Januar 1921 in Braunschweig geborenen Henry Schipper.[117] Ihnen wurden zwei Kinder geboren, die inzwischen ebenfalls verheiratet sind und eigene Kinder haben. Darüber, wo Rosel und Henry Schipper in den folgenden Jahren in den USA lebten, gab Rosel in dem Interview keine Auskunft. Verstorben sind sie beide in Kalifornien. Ihr Grabstein auf dem Friedhof von San Diego gibt Henrys Todesdatum mit dem 7. Januar 1992, Rosels mit dem 30. Oktober 2006 an.[118]

 

Hermann Still und seine Familie

Obwohl auch Hermann Still viele Jahre in Wiesbaden lebte, ist von ihm einzig eine Steuerakte überliefert, die aber im Hinblick auf seine tatsächliche Lebenssituation nur wenig informativ ist. Die Geschwister haben es nach dem Krieg versäumt, ein Entschädigungsverfahren für ihren Bruder einzuleiten. Möglicherweise waren sie durch den Verlauf ihrer eigenen Verfahren so frustriert, dass sie ein solches weiteres Verfahren nicht in Angriff nehmen wollten.

Laut der „Polenliste“ der Polizei von 1920 kam Hermann, geboren am 18. Januar 1891 in Draczynetz, am 18. Juli 1907, als 16-Jähriger bei seinen damals schon in Wiesbaden lebenden Eltern an.[119] 1920 war er noch in deren Wohnung in der Blücherstr. 6 gemeldet und musste wahrscheinlich auch im väterlichen Betrieb mitarbeiten.

Nicht bekannt ist, wann er die Ehe mit Mirijam Scheinker, genannt Marianne oder einfach Marie, eingegangen war, die am 26. Oktober 1893 im damaligen russischen Reich zur Welt gekommen war. Als auch sie dann in Wiesbaden lebte, gehörte ihr Geburtsort Schwekschnie, auch Schwekschna, litauisch Švėkšna, zum neu gegründeten Staat Litauen.
In seiner ersten erhaltenen Steuererklärung für das Jahr 1920, die er im April 1921 einreichte, gab er schon an, verheiratet zu sein. Auch habe er sich im Jahr 1920 länger als ein Vierteljahr in Litauen aufgehalten. Möglicherweise war in diesem Zeitraum die Eheschließung zustandegekommen. Das würde auch mit der Geburt der gemeinsamen Tochter Sonja am 22. Dezember 1921 in Wiesbaden korrespondieren.[120]

Die finanzielle Situation muss für Hermann Still damals, aber auch in den folgenden Jahren, in denen er immer wieder sein Metier wechselte, sehr schwierig gewesen sein. In seiner Steuererklärung von 1920 hatte er angegeben, zuvor viereinhalb Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht zu haben und dadurch noch immer vorübergehend erwerbsunfähig zu sein.[121] Nur im November und Dezember habe er überhaupt ein Einkommen in Wiesbaden gehabt. 1921, in diesem Jahr wohnte er laut Adressbuch zunächst im vierten Stock der Moritzstr. 13, später dann aber in der Blücherstr. 3, habe er als Geschäftsführer der Firma seines Vaters dann ein Einkommen von 9.000 RM erzielt.[122] Mit der Übernahme des Geschäfts sei er aber verpflichtet gewesen, so merkte er in seiner Steuererklärung an, für seine Eltern zu sorgen. Die oben genannten Zahlen relativieren sich aber angesichts der inzwischen grassierenden Hyperinflation, durch die alle Zahlenangaben schon im Moment der Eintragung ihre Aussagekraft verloren. Deswegen ist auch das für das Jahr 1922 geschätzte Einkommen von 367.000 RM im Hinblick auf seine Lebenssituation völlig nichtssagend.[123]
Erst die Einkommensangabe von 1924 mit 600 RM gibt wieder einen realistischen Einblick. 50 RM pro Monat waren kein Verdienst, mit dem eine Familie zu ernähren war. Offenbar zog er daraus auch die Konsequenzen und gab die bisherige Altwaren- und Flaschenhandlung auf. Er erscheint in der Ausgabe des Jahres 1924/25 als Geschäftsinhaber der Zigarettenfabrik ‚Josti‘, die bis 1927 in den Adressbüchern zu finden ist.[124] Der Markenname setzt sich zusammen aus ‚Joels‘ und ‚Still‘. Herz Joels, ebenfalls polnischer Jude, der seit 1905 in den Wiesbadener Adressbüchern zunächst als Tabakschneider, dann als Zigarettenfabrikant geführt wurde, wohnte in der Schwalbacher Str. 61, die Produktionsstätte war jedoch in der Yorckstr. 6 angesiedelt. Aber schon im folgenden Jahr 1926 schrieb Hermann Still dem Finanzamt, er betreibe seit dem 1. Oktober 1925 kein Gewerbe mehr, sondern sei bei der Firma Jakob Feigenbaum in der Adelheidstr. 36 angestellt.[125] Aber auch das scheint keine längerfristige Perspektive gewesen zu sein, denn wiederum im nächsten Jahr ist er wieder als eigenständiger Gewerbetreibender beim Finanzamt geführt, diesmal mit einer Textilwarenhandlung, die er bzw. eigentlich seine Frau, am Blücherplatz. 4, wo die Familie inzwischen auch wohnte, in zwei Zimmern der Wohnung betrieb.[126] Aus zwei Regalen und einem Tisch bestand die Geschäftseinrichtung. Vermutlich handelte es sich auch hier eher um Alt- als um Neuwaren. Der Umsatz im Jahr 1926 belief sich auf 6.700 RM, sein Einkommen laut Steuererklärung auf etwa die Hälfte.[127] Aber 1928, noch bevor die nächste Wirtschaftskrise Deutschland mit voller Wucht ergriff, musste er „wegen der schlechten Geschäftslage“ um Steuerstundung bitten, die allerdings nicht gewährt wurde.[128] Wie zu erwarten verbesserte sich seine Situation in den folgenden, noch schwierigeren Jahren nicht. 1931 gab er an, jetzt von Beruf „Wäschereisender“, zu sein, „kein Einkommen gehabt und mit Verlust gearbeitet“ zu haben. „Meine Lebenshaltungskosten habe ich durch vollständige Aufzehrung meines kleinen Betriebskapitals bestritten.“[129] Inzwischen hatte sich die Familie mit der Geburt des Sohnes Alexander am 21. März 1931 auch um einen weiteren Kostgänger vergrößert.[130]

Wie desolat die Situation war, geht aus einem Schreiben vom November 1931 hervor:
„Die von mir geschuldete Umsatzsteuer ist leider aus verschiedenen Raten aufgelaufen. Zu meinem grössten Bedauern bin ich z.Zt. ausserstande, die gesamte Summe auf einmal zu entrichten. Meine geschäftliche Lage ist augenblicklich so katastrophal, dass ich kaum meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Meinem Warenbestand von noch nicht M 300,– Wert stehen gegenüber M 4000,– Bank und sonst .Schulden, zu deren Deckung ich bereits meine gesamte Wohnungseinrichtung zu Pfand geben musste, und M 10.100,– kurzfristige Warenschulden. Die Schuldzinsen, Skonti und Diskonte, die ich monatlich aufzubringen habe, betragen über M 100,–, die Tageseinnahmen, die ich nur noch unter erheblichen Kosten an Mahngebühren und Gerichtskosten hereinbringe, bewegen sich zwischen allerhöchstem M 40,– bis M 50, – . Was von diesen Einnahmen nach Abzug der Unkosten übrig bleibt, genügt bei weitem nicht zur Deckung der Verpflichtungen, sodass ich immer wieder auf das Wohlwollen meiner Lieferanten angewiesen bin.“[131]

Im folgenden Jahr wechselte die Familie noch einmal ihre Wohnung und zog vom Blücherplatz in die Oestricher Str. 6.[132] Aber der Niedergang des Geschäfts war auch dadurch nicht mehr aufzuhalten. Aus einem Schreiben der Vollstreckungsstelle des Finanzamts vom 5. Dezember 1933 geht hervor, dass gegen Hermann Still eine Zwangsvollstreckung anberaumt war, die allerdings nicht durchgeführt werden konnte. Bereits am 5. August des Jahres hatten sich Stills nach Amsterdam abgemeldet.[133]
Sonja hatte im Sommer 1933 das städtische Lyzeum am Boseplatz, die heutige Elly-Heuss-Schule, ohne Abgangszeugnis verlassen, in die sie erst an Ostern des vorangegangenen Jahres eingetreten war. Man bescheinigte ihr immerhin „gute Anlagen“ und lobte ihr Klavierspiel. Wie bei einem Mädchen dieses Alters nicht ungewöhnlich, bemängelte man allerdings ihre Ordnung und die Aufmerksamkeit im Unterricht.[134]

Die Entscheidung, nach Amsterdam zu gehen, war wohl sowohl wirtschaftlich, als sicher auch auf politisch begründet. Der Boykott jüdischer Geschäft Anfang April des Jahres wird Hermann zwar unmittelbar kaum mehr geschadet haben, aber er zeigte auch, dass es in der Zukunft nicht möglich sein würde, in diesem Land noch einmal erfolgreich Handel treiben zu können.

Viel ist über sein Leben im holländischen Exil nicht bekannt, aber er scheint dort noch einmal einen völligen Neuanfang mit einem Gästehaus gewagt zu haben. Seit 1933 führte er die Pension zusammen mit seiner Frau in der Nieuwe Kerkstraat 119 und bot dort auch Speisen und Tabakwaren an. Wie erfolgreich er damit war, ist allerdings nicht bekannt.[135] Auf der vom Amsterdamer Judenrat erstellten Karteikarte ist zudem vermerkt, dass er „liberal“ sei, was sich vermutlich auf seine Zugehörigkeit zur entsprechenden jüdischen Gemeinde bezieht, und dass er zudem an Malaria erkrankt sei.
Sonja besuchte in Holland die Oberschule und konnte ihre musikalische Begabung noch am dortigen Konservatorium weiter fördern.

Am 26. Mai 1943 wurde die Familie in das Sammellager Westerbork  verbracht, wo sie fast noch ein ganzes Jahr bleiben durfte bzw. musste. Hermann soll, so die Angabe seiner Nichte Anna in einer ‚Page of Testimony‘, dort in einem Community-Center in der Küche mitgearbeitet haben.[136] Seine Tochter Sonja soll als Lehrerin in der dortigen jüdischen Schule beschäftigt worden sein.[137]
Am 8. Februar 1944 ging der Transport ab, der sie zusammen nach Auschwitz brachte.[138] Am 11. Februar wurden die Eltern mit ihren beiden Kindern – Sonja, inzwischen 22 Jahre alt, und Alexander, 12 Jahre alt – im Gas ermordet.

 

Lina Turner, geborene Still, und ihre Kinder

Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch Lina, die jüngste Tochter von Schachna und Rifka Still. Aber ihr Leben war bereits lange bevor die Nazis den Juden das Leben zur Hölle machten, aus den Fugen geraten. Und vieles in ihrem Leben und dem ihrer Kinder lässt sich nicht mehr im Detail rekonstruieren.

Schon ihr Geburtsdatum ist mit verschiedenen Unsicherheiten behaftet. Die weitaus häufigste Angabe – z. B. auch im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz, in der ‚Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs‘ und in diversen Listen, die nach dem Krieg erstellt wurden und im Arolsen Archiv liegen – lautet 20. April 1897 in Tymbark, wo auch ihre Geschwister zur Welt gekommen waren. Davon abweichend ist auf ihrer Gestapokarteikarte das Datum 17. April 1897 eingetragen. Es handelt sich dabei um eine handschriftliche Korrektur des ursprünglichen Eintrags – vermutlich – „28. 3. 1896“, wobei aber die „3“ wiederum durch eine „12“ überschrieben wurde. Der Geburtsort blieb hier aber unverändert. Das handschriftlich neu eingetragene Geburtsdatum wurde mit Verweis auf die Geburtsurkunde im Pass korrigiert. Daneben lieferte das ‚Internationale Rote Kreuz‘ noch eine weitere Variante, laut der sie am 21. März 1896 in dem etwa 70 km von Tymbark entfernten Tarnow geboren worden sein soll.[139] Diese Angabe entspricht wiederum der, die die Tochter Pnina in das Antragsformular für das Entschädigungsverfahren 1957 eintrug und auch im Verfahren selbst ohne weitere Überprüfung übernommen wurde.[140] Im ‚Mapping the Lives‘ ist neben dem 17. April 1897 auch noch der 21. März 1898 angeboten.[141]
Welches Datum das richtige ist, wird sich ohne Einsicht in die Geburtsurkunde nicht klären lassen, da diese aber wohl in Form einer Kopie bei der Ausstellung ihres Passes vorlag, spricht einiges dafür, dass der 17. April 1897 das richtige Datum ist.

Die nächste Unklarheit ergibt sich daraus, dass Lina auch nicht in den Polizeilisten von 1920 vermerkt ist. Sie scheint also nicht schon früh mit ihren Eltern gekommen zu sein, aber andererseits muss sie vor 1920 ihre Auswanderung aus Polen vollzogen haben. Das ergibt sich wiederum aus ihrer Eheschließung, über die aber selbst wiederum keine verlässlichen Angaben vorliegen. Die Ehe wurde auch nicht im Standesamt, sondern nur vor einem Rabbi nach jüdischem Ritus vollzogen. Der Ehepartner, Hermann Hersch/Hirsch Turner, stammte ebenfalls aus Polen, wo er am 28. August 1888 in der Stadt Lopuszka geboren wurde.[142] Laut der „Judenliste“ von 1920 war er erst kurz vor deren Erstellung am 17. Dezember 1919 nach Wiesbaden gekommen.[143] In einer 1921 abgegebenen Erklärung vor dem Jugendamt Wiesbaden hatte er angegeben, die Ehe sei am 28. November 1919 geschlossen worden.[144] Zu diesem Zeitpunkt befand er sich aber noch nicht in Deutschland. Das würde mit der ersten Aussage von Pnina Still übereinstimmen, die zunächst allgemein sagte, ihre Eltern hätten 1918/19 noch in Galizien nach kirchlichem Ritus geheiratet. Später korrigierte sie sich allerdings und meinte, die Trauung habe 1919 in Wiesbaden stattgefunden. Das könnte tatsächlich zutreffen, denn im Jugendamt befindet sich in den Akten eine Heiratsanzeige mit dem Datum 28. Dezember 1919, laut der an diesem Tag zur Hochzeitsfeier im Haus von Schachna und Rifka Still eingeladen wurde.[145] Vielleicht war die Ehe aber auch vor dem alten vertrauten Rabbi in Polen geschlossen worden und man hatte in Wiesbaden, wo schon viele enge Verwandte lebten, noch einmal zusammen gefeiert.

Ein Jahr nach der Eheschließung kam am 9. Dezember 1920 mit Jakob das erste Kind des Paares in Wiesbaden zur Welt. Da die Eltern nicht standesamtlich geheiratet hatten, das Kind somit offiziell unehelicher Geburt war, lautete sein Nachname nach dem der Mutter Still. Der Vater erkannte allerdings am 11. Oktober 1921 förmlich seine Vaterschaft an.[146]

Obwohl es außer Frage steht, dass bei den beiden folgenden Kindern, Pnina, genannt Paula, und Sonja, ebenfalls Hermann Turner der Vater war, hatte er in beiden Fällen eine solche offizielle Vaterschaftserklärung nicht abgegeben, nicht weil er diese verleugnete, sondern wohl eher aus Unwissenheit  über die damit verbundenen Konsequenzen oder aus Unachtsamkeit. Das Jugendamt, das in die gesamten Vorgänge involviert war, ging immer von seiner Vaterschaft aus. Pnina Paula wurde am 9. Oktober 1924 und Sonja am 25. Mai 1927 in Wiesbaden geboren.[147]

Das Paar lebte unter derselben Anschrift wie die Eltern damals im Hinterhaus der Blücherstr. 6, wo bis 1921 auch noch die Familie von Linas Bruder Hermann wohnte.[148] Laut Adressbuch von 1922 standen ihnen dort damals noch der erste und der zweite Stock zur Verfügung. Nach dem Tod von Schachna im Jahr 1923 wohnten sie dann nur noch im ersten Stock in einer 3-Zimmer-Wohnung zusammen mit der Mutter Rifka Regina.[149]
Hermann Turner war von Beruf Kaufmann und soll nach Angabe seiner Tochter zunächst ein eigenes Geschäft betrieben haben, über das aber nichts Genaueres bekannt ist.[150] Vielleicht arbeitete er aber auch in dem seines Schwiegervaters bzw. seines Schwagers mit. Aber ein größeres Einkommen wird er damals kaum bezogen haben.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kamen aber im Laufe der Zwanzigerjahre die noch viel gravierenderen privaten Schwierigkeiten hinzu. Auch offiziell galt die Ehe nach etwa 13 Jahren als zerrüttet. Schon zuvor soll Lina sich oft nicht zu Hause aufgehalten und sich auch nicht angemessen um die Kinder gekümmert haben. Diese Aufgabe hatten stattdessen der Vater und Linas Mutter Rifka übernommen. Als dann Lina durch eine außereheliche Beziehung erneut schwanger wurde, kam es zum endgültigen Bruch. Die Ehe wurde, wiederum nur durch einen Rabbi, geschieden und, da die Mutter durch ihren Ehebruch als Schuldige angesehen wurde, erhielt der Vater durch Beschluss des Vormundschaftsgerichts Wiesbaden vom 8. April 1932 das Sorgerecht für seine drei Kinder.[151]

Für Hermann Turner war es nicht leicht, diesem Recht, das zugleich eine Pflicht war, wegen seines Berufs und seiner finanziellen Lage angemessen nachzukommen. Ab 1932 sei er als selbstständiger Handelsvertreter für das Textilgeschäft von Siegmund Goldmann tätig gewesen.[152] Möglicherweise war er aber zunächst auch bei der Firma angestellt, denn erst für den Zeitraum 16. Januar 1936 bis 31. Oktober 1938 liegt eine Gewerbeanmeldung mit der Adresse Hellmundstr. 2, später Dotzheimer Str. 35, von ihm vor. Zumindest für diesen Zeitraum wurden keine steuerpflichtigen Erträge erwirtschaftet.[153] In der ihm eigenen Sprache skizzierte der Gutachter Blum im Rahmen des Entschädigungsverfahrens ein grobes, aber vermutlich nicht falsches Bild von der wirtschaftlichen Situation Turners in den 30er Jahren:

Herr Turner bezeichnete sich als Kaufmann. Er war nicht selbständig, arbeitete als Vertreter.
Besonders beschäftigte er sich in der Textilbranche. Herr Turner arbeitete für die Siegmund Goldmann, Wiesbaden. Herr Goldmann beschäftigte mehrere Provisionsvertreter. Diese reisten, arbeiteten für Herrn Goldmann, verkauften Wäsche und dergl. an Private durch Besuch von Privatabnehmern. Gingen vielfach von Tür zu Tür auch aufs Land. Lager hatten diese Leute nicht.
Das Einkommen der Leute war unterschiedlich. Die Verh
ältnisse des Herrn Turner waren klein. Er wohnte zur Miete, hatte Familie und reichte sein Verdienst gerade zum Unterhalt. Man schätzte ihm keinerlei Vermögen zu. Nach 1933 wurde die Tätigkeit sehr erschwert. Er war ein sehr fleißiger Mann, der sich mit seiner Tätigkeit viel Mühe gab.[154]

Abgesehen von dem geringen Einkommen war es für ihn wegen der beruflich bedingten häufigen Abwesenheit von Zuhause auch schwierig, sich um die Kinder zu kümmern, zumal er nach der Trennung aus der bisherigen gemeinsamen Wohnung ausgezogen war und auch seine Schwiegermutter ihn nicht mehr unterstützen konnte.[155] Aber immerhin sorgte er dafür, dass die Kinder in geordneten Verhältnissen aufwachsen konnten. Sie wurden zunächst in einer Pension bei einer Witwe in Selters an der Lahn untergebracht, wobei das Pflegegeld zumindest zum Teil – 25 RM – auch aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt wurde.[156]
Von 1935 bis 1940 kamen sie dann in dem jüdischen Waisenhaus in Frankfurt im Röderbergweg 87 unter.[157] Dort besuchte Pnina Paula zunächst die Volks- und anschließend die Samson-Raphael-Hirsch-Realschule. Dass sie die Krisen ihrer Kindheit weitgehend unbeschadet überstanden hatte, zeigt ihr beeindruckend gutes Abgangszeugnis von dieser Schule, das ihr im März 1939 ausgestellt wurde und ihren Wunsch, selbst Lehrerin zu werden, begründete.[158].
Ihre Schwester Sonja hat sich in ihrer Entschädigungsakte nicht sehr ausführlich zu ihrem Lebensweg geäußert, aber auch sie war in Frankfurt, vermutlich auch auf derselben Schule wie Pnina. Zumindest haben sie 1940 Deutschland  gemeinsam verlassen und kamen am 4. April  zusammen in Palästina an, wo sie anschließend in Jerusalem bis 1943 die ‚Evelyne de Rothschild-Schule‘ besuchten.[159] Zusammen belegten sie dann 1947 Kurse zur Ausbildung als „Jugendführerin“, was wiederum die Grundlage für den Erwerb des Lehrerexamens war. Nachdem Sonja bis 1949 auch noch die notwendigen Praktika in einer Ausbildungsstätte für Einwandererkinder in Jerusalem absolviert hatte, sollte sie eine Anstellung als Lehrerin erhalten. 1950 heiratete sie und trägt seitdem den Nachnamen Weinberger.[160]
Ihre Schwester war bereits 1948 eine Ehe eingegangen, wodurch ihre weitere Ausbildung zur Lehrerin unterbrochen wurde. Sie nahm dann als Frau Sussmann stattdessen eine Bürotätigkeit bei der damaligen britischen Mandatsregierung an.
Beide Schwestern blieben nach dem Ende der NS-Herrschaft mit ihren Familien in Israel.

Ihr Bruder Jakob, der zunächst in Wiesbaden die ersten vier Grundschulklassen in der Blücherschule absolviert hatte, war im Frühjahr 1932 zunächst nach einer schweren Lungenentzündung für ein halbes Jahr in eine Lungenheilanstalt im Schwarzwald untergebracht worden. Danach kam auch er zunächst nach Selters, ab 1935 aber für ein Jahr in das Israelitische Waisenhaus nach Köln. Von 1936 bis 1938 erlernte er in einer Umschichtungseinrichtung der Frankfurter jüdischen Gemeinde in der Fischerfeldstr. 13 dann das Spenglerhandwerk. Gewohnt hat er zu dieser Zeit als Untermieter in einer jüdischen Familie Dreifuss in der Herderstr. 5.
Am frühen Morgen des 28. Oktobers 1938 wurde er dort von der Gestapo abgeholt und im Rahmen der Abschiebe-Aktion polnischer Juden über die Grenze nach Beuthen verbracht. Nach vier „leidvollen Monaten“, wie er in seinen biographischen Angaben im Entschädigungsverfahren schrieb,  in denen er auf öffentliche Unterstützung angewiesen war, konnte dann auch er mithilfe einer zionistischen Organisation nach Palästina ausreisen.[161]
Da es ihm bisher nicht gelungen war, eine Berufsausbildung zu Ende zu bringen, war der Neuanfang in dem noch im Aufbau begriffenen Land, äußerst schwierig. Er habe dort als Traktorfahrer und Kranführer „immer schwer um sein Brot ringen müssen“, sei dann, nachdem der erste Krieg mit den Nachbarstaaten ausbrach, für einige Jahre zum Militär gegangen. Auch er gründete in Israel eine Familie, bekam zwei Töchter, die 1956 elf und sieben Jahre alt waren. Zusammen wanderten sie 1954 in die USA aus, in der Hoffnung, dort mehr Chancen zu finden. Zur Zeit des Entschädigungsverfahrens 1956/57 wohnten sie in Elmhurst auf Long Island, wo Jakob Still als „Expedient“ tätig war.[162]

Trotz der insgesamt schwierigen Situation war es somit dem Vater gelungen, alles Nötige zu veranlassen, damit seine drei Kinder letztlich gerettet werden konnten – auch wenn er selbst am Ende nicht mehr viel dazu beitragen konnte, vielmehr selbst Opfer des Völkermords wurde.
1938 wurde er gleich auf zweifache Weise von den Nazis um seine bisherige, ohnehin eher dürftige Erwerbsquelle gebracht. Zum einen wurde sein Arbeitgeber Goldmann als polnischer Staatsangehöriger im Vorfeld der Novemberereignisse nach Polen ausgewiesen, zum anderen wurde ihm, wie allen Juden, der Gewerbeschein für sein ambulantes Handelsgeschäft entzogen. Am 31. Oktober 1938 musste er sein Gewerbe einstellen.[163]

Anschließend zog er für eine kurze Zeit zu seiner Schwester nach Ludwigshafen, wo er laut seiner Tochter Pnina auch schon zuvor die Wochenenden verbracht hatte.[164] Bei dieser Schwester, deren Namen Pnina nicht erwähnte, muss es sich um Gittel Stiel / Still, geborene Turner und verwitwete Zwickler, gehandelt haben.[165] Auch Gittel wurde im Vorfeld der Novemberereignisse nach Bentschen in Polen abgeschoben. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt deportierte man sie nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.[166]

Die Ausweisung seiner Schwester könnte für Hirsch Turner der Anlass gewesen sein, selbst auch Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Noch im Oktober floh er über die belgische Grenze nach Antwerpen, wo eine weitere Schwester von ihm wohnte, von der aber nur bekannt ist, dass sie eine verheiratete Spindler war.[167]
Als die deutschen Truppen im Frühsommer 1940 die Offensive im Westen eröffneten, floh Hermann von Belgien aus nach Frankreich, vermutlich zusammen mit seiner Schwester und seinem Schwager. Zumindest mit ihm war er zuletzt in Marseille, denn der Onkel berichtete später seiner Nichte Pnina, dass ihr Vater dort verhaftet und nach Drancy überführt worden sei. Von dort wurde er am 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.[168]

Leider liegen fast keine Informationen über Lina Still, der Bewohnerin des Judenhauses Ludwigstr. 3, und ihr viertes Kind, den Sohn Alexander, vor. Selbst in den Entschädigungsakten, die Anträge waren von ihren Töchtern gestellt worden, erfährt man so gut wie nichts über ihr Leben nach der Trennung von ihrem Mann. Die Kinder waren, abgesehen vielleicht von Jakob, noch viel zu jung, um selbst intensivere Erinnerungen  an sie haben zu können. Nicht bekannt ist, ob es, nachdem sie in Selters und dann in Frankfurt untergebracht wurden, überhaupt noch einen engeren und kontinuierlichen Kontakt zur Mutter gab. Noch dürftiger sind die Informationen über ihren Sohn Alexander, der am 9. September 1933 zur Welt gekommen war. Zwar ist in den verschiedenen Listen, auch auf der Gestapokarteikarte, sein Geburtsort immer mit Wiesbaden angegeben, aber ein entsprechender Geburtseintrag ist für ihn laut der Einwohnerkartei jüdischer Bürger nicht vorhanden.[169] Insofern ist bisher auch nicht bekannt, wer sein Vater war; damit auch nicht, ob er nach Nazi-Kategorien ein Jude war und welchen Status daraus folgend sein Sohn hatte.

Nach der Trennung von Hermann war Lina zunächst weiterhin in der Wohnung in der Blücherstr. 6 geblieben, wo sie auch noch laut Jüdischem Adressbuch 1935 mit ihrer Mutter lebte,  während ihr geschiedener Mann sich damals schon in der Hellmundstr. 2 eingemietet hatte. Alexander ist in diesem Adressbuch, das eigentlich alle Familienmitglieder aufnahm, nicht aufgeführt, was ein Indiz dafür sein könnte, dass er damals tatsächlich mit knapp zwei Jahren bereits andernorts untergebracht war. Allerdings lebte zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch seine Großmutter Riffka, die sich vielleicht um ihn hätte kümmern können, wenn es der Gesundheitszustand der etwa 80-Jährigen zugelassen hätte. 1936 ist Leni als „Privatiere“ auch im städtischen Adressbuch mit derselben Anschrift, Mittelbau I, notiert.  Auch noch bei Anlage der sogenannten Gestapokartei im Laufe des Jahres 1938 wurde diese Adresse an erster Stelle eingetragen. Auf dieser Karte wurde sie  zudem als „arbeitsfähig“ ausgewiesen und ihr Beruf mit „Putzfrau“ angegeben.
Vermutlich waren nicht nur ihre beiden Töchter und Jakob im Oktober 1938 nach Polen abgeschoben worden, sondern auch sie selbst zusammen mit Alexander. Zumindest legt das ein Eintrag nahe, der nach dem Krieg aus einer Gestapo-Akte überliefert wurde, leider aber undatiert ist. Es heiß darin:
„Die geschiedene Still wurde mit ihren Kindern Alexander Still, geb. 9.9. 33 in ? und Jakob Still geb. am 9.12.1920 zu Wiesbaden mit Verf. des Polizeipräsidenten in Wiesbaden  – II/5 aus dem Reichsgebiet ausgewiesen (Jüdin).“[170]
Obwohl kein konkreter Bezug zur damaligen „Polenaktion“ ersichtlich ist, spricht alles dafür, dass Lina mit ihrem Sohn Alexander damals auch über die Grenze gebracht wurde, dann aber zu einem unbekannten Datum doch wieder zurückkehren durfte. Jakob wurde allerdings, wie oben bereits erwähnt, von seinem damaligen Wohnort Frankfurt aus ausgewiesen. Offenbar waren sie auch in Polen nicht mehr zusammengetroffen, denn sonst wäre Jakob vermutlich nicht alleine nach Palästina weitergezogen.
Unklar ist auch, ab wann und für welche Zeit Lina als Zwangsarbeiterin in der in Bad Schwalbach angesiedelten ‚Bonner Keramikfabrik‘ eingesetzt wurde. In einer ebenfalls nach dem Krieg erstellten Liste von damaligen Arbeiterinnen, zumeist aus Osteuropa, sind darin auch die beiden Wiesbadener Jüdinnen Lina Still und Mirel Steinberg aufgeführt. Im Unterschied zu den Übrigen ist bei ihnen kein Lohn angegeben und auch Sozialversicherungsbeiträge wurden für die beiden nicht gezahlt.[171]
Am 15. August 1939 war Lina in die Walramstr. 31 umgezogen, wo die alleinerziehende Selma Straus mit ihren beiden Kindern Hermann und Inge wohnte, die dann später auch in das Judenhaus Ludwigstr. 3 umziehen musste. Ob sie sich damals bereits näher kannten, vielleicht aufgrund einer ähnlichen Lebenssituation auch befreundet waren, ist möglich, aber nicht zu belegen. Wie lange Lina dort blieb und wann sie in das Judenhaus Ludwigstr. 3 umziehen musste, ist auf ihrer Karteikarte nicht notiert und auch aus anderen Quellen nicht abzuleiten.
Der Umzug wird aber vermutlich im Herbst 1941 stattgefunden haben. Dies ergibt sich aus einem letzten Kontakt, den die Mutter mit ihren beiden Töchtern in Palästina hatte. Am 22. September 1941 schrieben sie ihr auf einem auf 25 Worte begrenzten Briefformular des Internationalen Roten Kreuzes aus dem ‚Kinderheim Ella Schwarzstein‘ in Jerusalem:
„LIEBE MAMA – UNS GEHT ES GUT – WIR GEHEN ZUR SCHULE HABEN ES WIE FRUEHER, ES GEFAELLT UNS SEHR GUT – JAKOB BESUCHT UNS OFT – KUESSE PAULA SONJA
Den wenigen Worten kann man zumindest entnehmen, dass es auch zuvor schon Kontakt zwischen den beiden und der Mutter in Wiesbaden gegeben hatte.
Leider ist die Antwort der Mutter nicht datiert. Während die Kinder ihre Nachricht, die am 18. Oktober 1941 die palästinensische Zensur passiert hatte,  noch an die ganz alte Adresse Blücherstr. 6 gerichtet hatte, antworte Lina mit ihrer neuen Anschrift Ludwigstr. 3:
LIEBE KINDER HOCHERFREUT EUCH GESUND ZU WISSEN. BLEIBT ES WEITER. ICH BIN ES AUCH. ALLES GUTE UND BALDIGSTE NACHRICHT. HERZLICHSTE GRÜSSE UND KÜSSE – MUTTER“ [172]

Da man davon ausgehen kann, dass die Mutter sich bemühte, ihren Kindern so schnell wie möglich zu antworten, sie dabei aber auch diverse bürokratische Hürden zu überwinden hatte, wird der Umzug in das Judenhaus vermutlich im Herbst Winter 1941/42 stattgefunden haben.
Auf den Listen, die die Jüdische Gemeinde damals im Auftrag der Gestapo führte, ist sie auf zweien mit der neuen, ihrer letzten Wiesbadener Adresse, eingetragen. Einmal ist sie dort ohne weitere Angaben mit dem falschen Nachnamen Turner zu finden,[173] Ihr Sohn Alexander ist hier nicht erwähnt.
Auf einer anderen Liste findet man sie dann unter dem Namen Turner-Still. Hier sind auch die Wohnverhältnisse, nämlich 1. Zimmer und Küche, vermerkt, sogar die dafür fällige Miete ist mit 22,84 RM angegeben. Auf dieser Liste ist dann auch Alexander zu finden. [174]
Sein Schicksal in den wenigen Jahren seines Lebens bleibt ein Rätsel. Für ihn, was für ein Kind seines Alters höchst außergewöhnlich ist, wurde von der Gestapo eigens eine Karteikarte angelegt. Neben dem Namen der Mutter ist auch hier festgehalten, dass der Vater unbekannt sei. Auf ihr sind weiterhin – unter Vermerke – die beiden letzten Adressen seiner Mutter, die Walramstr. 31 und die Ludwigstr. 3, notiert. In der eigentlichen Adressenrubrik heißt es dann: „4.3.41, Kirchgasse 29“, in einer zweiten Zeile dann „28.5.41 nach Frankfurt M. Gagernstr. 36“.[175]
Was für Lina Still der Grund gewesen sein könnte, ihren Sohn Alexander für ein paar Wochen in der Kirchgasse unterzubringen, ist völlig unklar. Dort wohnten zwar laut Jüdischem Adressbuch 1935 eine größere Zahl jüdischer Mieter, darunter auch die ebenfalls aus Polen stammende Familie Goldmann, aber ob sie sich damals des 7-jährigen Kindes angenommen hatte, ist bestenfalls eine vage Vermutung.[176]
Laut dem folgenden Eintrag wurde er knapp ein Vierteljahr später, am 28. Mai 1941, nach Frankfurt in die Gagernstr. 36 gebracht, die Adresse des jüdischen Krankenhauses. Hier verlieren sich seine Spuren. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz wurde er von dort zu einem nicht bekannten Zeitpunkt und unter unbekannten Umständen in das KZ Auschwitz deportiert und ermordet.[177] Gestützt wird diese Möglichkeit durch die in der bereits erwähnten, im lokalen Büro der Reichsvereinigung geführten Liste. Darin wurde nach der Deportation vom 10. Juni 1942 zwar der Name der Mutter, nicht aber der von Alexander ausgestrichen, was nahelegt, dass er nicht unter den Deportierten war.
Allerdings steht sein Name, wie auch der von Lina Still, auf der Deportationsliste für diesen Tag. Die Gestapo muss demnach bei der Erstellung der Liste davon ausgegangen sein, dass er noch in Wiesbaden wohnte oder noch einmal von Frankfurt zurückgekommen war.
Diese Möglichkeit wird wiederum gestützt durch ein nach dem Krieg entstandenes Dokument, das die Wiesbadener Polizei im Auftrag der amerikanischen Besatzungsbehörden erstellt hatte. Aufgeführt sind darin alle Personen, hier Juden, die sich vorübergehend in Wiesbaden aufgehalten, vor dem Ende des Krieges aber die Stadt verlassen hatten. Darunter findet man auch Alexander Still. Allerdings ist sein Name dann wieder gestrichen und die ganze Zeile rot umklammert worden. Demnach hätte er Wiesbaden zwar vielleicht verlassen, müsste dann aber wieder zurückgekommen sein.[178]
Dann wäre er vermutlich doch mit dem Transport vom 10. Juni nach Sobibor, aber nicht nach Auschwitz deportiert worden. Angesichts dieser Quellenlage muss man sich eingestehen, dass das Schicksal von Alexander letztlich nicht sicher zu klären ist.

Verwunderlich ist aber, wenn im Namensband der Gedenkstätte am Michelsberg als Sterbeort für seine Mutter das Konzentrationslager Auschwitz eingraviert wurde. Es gibt – abgesehen von einem Indiz – eigentlich keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie entsprechend der Deportationsliste mit dem Transport vom 10. Juni nach Sobibor „evakuiert“ wurde. Ihr Name ist auf der Liste ausgestrichen, auf der der durch die Verschleppung freigewordene Wohnraum ermittelt wurde, und auch auf der Originaldeportationsliste ist sie mit ihrem Sohn, wenn auch unter dem Namen Turner, aufgeführt. Damit übereinstimmend lautet auch der Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.[179]
Das kleine Indiz, das Zweifel aufkommen lässt, ist der fehlende Vermerk auf der Gestapokarteikarte „10.6.42 nach dem Osten evakuiert“. Dieser knappe Eintrag ist nahezu auf allen Karteikarten der damals etwa 360 Deportierten mit gleicher Hand vorgenommen worden, aber nicht bei Lina Still und ihrem Sohn Alexander.[180] Das wiederum muss man als Indiz werten, dass vielleicht die beiden doch nicht auf dem Transport waren. Andererseits gibt es aber wiederum einen Eintrag auf dem oben bereits zitierten Dokument aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dort ist festgehalten: „Lt. Vermerk vom 9. Juli 1943 wurde Lina Still am 10.6. 42 nach dem Osten evakuiert. Der Verbleib der Kinder ist aus den Akten nicht ersichtlich.“[181]
Zumindest das Schicksal von drei ihrer Kinder ist inzwischen geklärt, das der Mutter und ihres Sohnes Alexander bleibt dagegen ungewiss, wenngleich alles dafür spricht, dass sie ihr Leben im Gas von Sobibor verloren.

Rosel Schipper bedauerte in ihrem Interview, dass viele Jüdinnen und Juden in den USA ihre Wurzeln und damit ihre jüdische Identität zusehends verleugnen würden. Damit würden sie indirekt Hitlers Plan, die Auslöschung des Judentums, vollenden. Es stellt sich allerdings die Frage, was jüdische Identität in ihrem Kernbestand in heutigen Zeiten noch ausmacht, noch ausmachen kann. Zumindest zeigt aber das Foto mit der großen Zahl der Nachkommen der ehemaligen jüdischen Familie Still aus Wiesbaden, abgedruckt auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für die Verfolgten der Familie, dass Hitlers Plan, trotz aller gebrachten Opfer zumindest in dieser Familie nicht aufgegangen ist.

 

Veröffentlicht: 26. 08. 2026

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] https://lagis.hessen.de/de/personen/juedische-grabstaetten/alle-eintraege/19198?trunkieren=0&friedhof=Wiesbaden,%20J%C3%BCdischer%20Friedhof%20am%20Hellkundweg&sortierung=alpha%2Basc&seite=10&kontext=xsearch&zeiger=243. (Zugriff:  25.08.2025). Dazu Sterberegister Wiesbaden 1183 / 1923.

[2] Die Namen der Eheleute sind auch im Heiratseintrag von Linas ältester Schwester Rudl überliefert, siehe Heiratsregister Wiesbaden 389 / 1910. In diesem Eintrag sind auch die Eltern des Bräutigams genannt. Es handelt sich um Wolf und Necha Still, geborene Still. Möglicherweise waren die beiden auch schon Cousin und Cousine, zumindest die beiden Kinder, die jetzt die Ehe eingingen waren es. Siehe Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘.

[3] In der Datenbank ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘ ist für Lina der 20. April 1897 aufgenommen. Die Geburtsdaten ihrer Geschwister wurden ebenfalls von den dort festgehaltenen Angaben übernommen. Diese werden aber auch durch die verschiedenen Akten des HHStAW bestätigt.

[4] HHStAW 408 123. In der Vorbemerkung zu Liste heißt es ausdrücklich: „Der Erlaß (bezieht sich auf einen Erlass vom 1.11.1919) ging davon aus, daß die aus dem Osten, meist aus Polen, stammenden Juden, die unter dem Druck der politischen Verhältnisse nach Deutschland gekommen waren, und hier um Asyl vor den Verfolgungen der Polen gefunden hatten, nicht lediglich deshalb zwangsweise in die Heimat abgeschoben werden sollten, weil sie unter Umgehung der Grenzsperre und, ohne im Besitze der vorgeschriebenen Legitimationspapiere und der Einreiseerlaubnis zu sein, eingewandert sind. Nicht dagegen hat der Erlaß die Einwanderung aus dem Osten erleichtern wollen. Im Gegenteil, er hebt ausdrücklich hervor, daß dieser Einwanderung nach Möglichkeit durch Sperrung der Grenze entgegengetreten worden ist und werden soll. Dabei muß es unter allen Umständen verbleiben, und zwar nicht nur den Ostjuden, sondern allen Ausländern gegenüber, weil Preußen, wie die anderen Länder und Staaten, nicht mehr in der Lage ist, beliebig viele Fremde zu beherbergen und zu verpflegen. Es wird deshalb mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dem unerlaubten Grenzübertritt Einhalt getan werden. Verschärfte Grenz- und Bahnüberwachung werden den Zustrom eindämmen; sie werden bis ins Innere des Landes verlegt werden.“ Des Weiteren wurde eine schärfere Überwachung der bereits sich im Lande befindlichen Ausländer angekündigt.

[5] Ebd. (48 f.).

[6] Die fehlerhafte Angabe ist bei Schneider, Familie Tiefenbrunner, S. 183, nicht bemerkt worden.

[7] Ebd. S. 117-149.

[8] Heiratsregister Wiesbaden 389 / 1910. Siehe dazu den ergänzenden Eintrag in der Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘, in dem der Hinweis auf die familiäre Verbindung zu finden ist.

[9] Geburtsregister Wiesbaden 1739 / 1902.

[10] Schneider, Familie Tiefenbrunner, S. 244.

[11] Geburtsregister Wiesbaden 2066 / 1903.

[12] Geburtsregister Wiesbaden 1514 / 1905 und Geburtsregister Wiesbaden 518 / 1907.

[13] Siehe auch zu den folgenden Angaben https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2509/images/40382_1020704762_1068-00561?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=14286. (Zugriff: 25.08.2026).

[14] Zur Eheschließung siehe auch https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/60430/images/004976530_00934?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=153737944. (Zugriff: 25.08.2026).

[15] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/18236539928/facts und . https://www.ancestry.com/search/collections/60525/records/135080602?geo_a=r&geo_s=us&geo_t=us&geo_v=2.0.0&o_xid=62916&o_lid=62916&o_sch=Partners. (Zugriff: 25.08.2026).

[16] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1664/images/32179_520306997_0032-00466?pId=21535. (Zugriff: 25.08.2026).

[17] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/18236813905/facts. (Zugriff: 25.08.2026).

[18] Ebd.

[19] https://www.ancestry.com/search/collections/60525/records/135080602. (Zugriff: 25.08.2026).

[20] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2272/images/33154_b062980-03402?pId=846837. (Zugriff: 25.08.2026).

[21] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_4255-0519?queryId=a7997dad-b83b-426f-a517-2e6d77011c67&usePUB=true&_phsrc=SbT2724&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=2004592552. (Zugriff: 25.08.2026).

[22] https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0439.pdf, https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0781.pdf und https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0652.pdf. (Zugriff: 25.08.2026).

[23] https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/tree/32353490/person/18236543906/media/36f1603e-1577-4768-948a-7699d08cbb9f. (Zugriff: 25.08.2026).

[24] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/60426/images/004988455_02977?pId=4501751. (Zugriff: 25.08.2026).

[25] Grab mit Sterbedatum von Hermann https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/collection/1030/tree/32353490/person/18251720725/media/be8d2a0c-0db6-40b8-8ca3-9548e576b1d0?queryId=553581b5-3120-479b-91e8-83080275e682&searchContextTreeId=&searchContextPersonId=&_phsrc=SbT2689&_phstart=successSource. (Zugriff: 25.08.2026).

[26] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/60426/images/004980064_02841?pId=5202276. (Zugriff: 25.08.2026).

[27] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/60426/images/004985371_02401?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=5775364. (Zugriff: 25.08.2026).

[28] Grabstein mit Sterbedatum unter https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/tree/32353490/person/18251720176/media/276d44e7-1caf-42a9-afe7-f5fcd6fb3f9c. (Zugriff: 25.08.2026).

[29]https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/18236543337/facts und https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/18236543337/facts. (Zugriff: 25.08.2026).

[30] Geburtsregister Wiesbaden 1104 / 1904.

[31] HHStAW 518 41994 (3).

[32] Ebd. (48).

[33] Ebd. (53).

[34] Ebd. (7).

[35] Ebd. (18).

[36] Darmstädter Adressbuch 1933, S. 196.

[37] Der Name Still ist in den verschiedenen Dokumenten immer wieder auch in dieser Schreibweise zu finden.

[38] Darmstädter Adressbuch 1934, S. 179, 200.

[39] HHStAW 518 41994 (7).

[40] Ebd. (19).

[41] Ebd. (17).

[42] Ebd., dazu ebd. (10, 13, 14, 16).

[43] Ebd. (35).

[44] Ebd. (36).

[45] Ebd. 38).

[46] Ebd. (64f.).

[47] Ebd. (35).

[48] Ebd. (7).

[49] Ebd. (99 f.).

[50] Ebd. (100).

[51] Ebd. (115).

[52] Ebd. (41).

[53] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/62363/images/rec0091_33231-00068?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=11312413. (Zugriff: 25.08.2026).

[54] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_7587-0706?queryId=f6328560-4cad-44a3-aa75-4aae9a210b51&usePUB=true&_phsrc=SbT2773&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=3023458260. (Zugriff: 25.08.2026).

[55] HHStAW 518 41994 (41).

[56] Ebd. (3).

[57] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/69929903?tid=&pid=&queryId=b23d3859-37b1-454a-a16f-8bea0fdb4155&_phsrc=SbT2775&_phstart=successSource. (Zugriff: 25.08.2026).

[58] https://collections.yadvashem.org/en/names/4297499. (Zugriff: 25.08.2026).

[59] https://collections.yadvashem.org/en/names/924889. (Zugriff: 25.08.2026). Im Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘ ist das Geburtsjahr von Moses allerdings ohne Quellenangabe auch mit 1880 angegeben, siehe. https://www.am-spiegelgasse.de/EB-Suche/EB_PDF/Still_Lina_u_Sohn_Alexander.pdf. (Zugriff: 25.08.2026).

[60] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/32353490/person/182223802460/facts. (Zugriff: 25.08.2026).

[61] https://www.ancestry.de/search/collections/9790/records/174690?tid=32353490&pid=182223802460&ssrc=pt. (Zugriff: 25.08.2026).

[62] https://collections.yadvashem.org/en/names/4297499. (Zugriff: 25.08.2026). Es handelt sich allerdings um die einzige Quelle, die diese Information liefert. Das Schicksal seiner Frau und der beiden Kinder ist nicht bekannt.

[63] Rosel Schipper, geborene Still, die jüngste Tochter von Salomon Still, hat im Januar 1998 der USC-Shoah-Foundation ein eineinhalbstündiges Interview über das Schicksal ihrer Familie gegeben, das aber nur mit einer besonderen Lizenz gehört und gesehen werden kann. Ihre Aussagen, die, sofern sie allgemeine Einschätzungen betreffen, nicht immer ohne weiteres so stehen bleiben können, sind neben den Akten des HHStAW die wesentlichen Grundlagen der folgenden Ausführungen über die Familie von Salomon Still. Wenn auf Rosel Schippers Aussagen Bezug genommen wird, dann in der allgemeinen Form: Interview Rosel Schipper.

[64] HHStAW 518 1069 (5).

[65] Interview Rosel Schipper.

[66] HHStAW 408 123 (47).

[67] Geburtsregister Darmstadt 750 / 1914 und HHStAW, 3008/1 14024.

[68] Darmstädter Adressbuch 1915 S. 241.

[69] HHStAW 518 903 I (59).

[70] https://preserve.archieven.nl/proxy/fonc-hga/0354-01/1669/NL-HaHGA_0354-01_1669_0234.jpg?h=Zm4ybWF0PWVtYmVkJmtleT0xNEBCOTYxOUM0NEhCM0NGMTVBNE9wNjMzNEc1NkY1OSZtaWFkdE01OSZtaWFoZE0yOEU0MzQzMTIxJm1pdmFzdE0xOEQmdG4rZWD4MUM2OEg2NzVGOU9DOTUzMzkwQjREN0M3NzU2MU91NzgmcmR0PTIwMjIwOEA1JnNlc3Npb25faWQ4VnFOdXd3aG5PV3c1M9ttSHFzNGdxZldnZkZKZ9ZzS3VYUzBEN9xhTGMlMkNUaW81RlM&params=. (Zugriff: 25.08.2026).

[71] Geburtsregister Wiesbaden 1929 / 1920 und HHStAW 518 1068 (6b)

[72] Wiesbadener Adressbuch 1924/25.

[73] Interview Rosel Schipper.

[74] Siehe dazu Schneider, Familie Tiefenbrunner, S.139 f.

[75] Nicht wirklich nachvollziehbar ist die ergänzende Anmerkung der Bank, dass Salomon Still wegen der schlechten finanziellen Lage eine Hauszinssteuervergünstigung gewährt worden sein soll. Weder war er Eigentümer des Hauses in der Blücherstraße noch eines der Häuser, in denen die Familie zuvor gewohnt hatte. Vielleicht wurde sie aber auf die Mieter umgelegt, wodurch dann auch er betroffen gewesen wäre.

[76] HHStAW 518 903 I (40).

[77] HHStAW 518 1066 (8 f.).

[78] Jüdisches Adressbuch von 1935, S. 236, 247.

[79] HHStAW 518 1068 (10).

[80] Siehe dazu den Artikel ‚Wirgin, Kamerawerke’ im Stadtlexikon Wiesbaden S, 999 f.

[81] HHStAW 518 81636 (16). Hirsch Kanel eröffnete dann 1935 in Tel Aviv einen kleinen Verlag, siehe https://www.lbi.org/de/german-exile-publishers/h-kanel/. (Zugriff: 25.08.2026).

[82] Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist sie auch mit einem Eintrag dort zu finden, siehe Jüdisches Adressbuch von 1935 , S. 225.

[83] https://www.wiewaswie.nl/nl/detail/118151990. (Zugriff: 25.08.2026).

[84] Interview Rosel Schipper.

[85] HHStAW 518 903 I (19).

[86] Ebd. (26).

[87] Ebd. (59).

[88] Interview Rosel Schipper. Vielleicht handelte es sich um Moses Still, der aber Rosel kaum bekannt gewesen sein dürfte.

[89] Ebd. und HHStAW 518 1066 (9 f.).

[90] HHStAW 518 903 I (63), dazu https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010607/0141/98384096/001.jpg und https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010607/0141/98384093/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[91] Siehe auch im Weiteren die Angaben von Salomon Still in HHStAW 518 903 I (59 f.).

[92] Aus den weiteren Unterlagen geht hervor, dass die Brüder zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Les Milles angekommen waren, sondern sich noch in Le Vernet befanden.

[93] Ebd. (32).

[94] Weil er mit dem Fahrrad fuhr, also kaum Kosten hatte, gewährte man als Entschädigung für die Flucht 8 DM! Siehe ebd. (46).

[95] Zusammen mit den beiden war auch der aus Wiesbaden stammende David Jacob Matzner, dessen Vater Yitzhack Matzner dort eine Sack-, später eine Textilhandlung betrieb, in Le Vernet interniert. Yitzahack Matzner war derjenige, der in letzter Minute aus der brennenden Synagoge am Michelsberg im November 1938 eine wertvolle Thorarolle rettete und dafür sorgte, dass sie in der Schweiz in Sicherheit gebracht wurde. David Matzner, der die Internierung von Bernhard Still in Le Vernet bestätigte, siehe HHStAW 518 1066 (31), wurde später über Drancy nach Deutschland deportiert, überlebte aber Groß-Rosen und kehrte nach der Befreiung nach Wiesbaden zurück. Bei der Wiedereröffnung der Synagoge in der Friedrichstraße trug er die inzwischen aus der Schweiz zurückgeholte Thorarolle, die sein Vater gerettet hatte.

[96] HHStAW 518 1066 (16).In dem Schreiben des Polizei-Generalsekretärs von Vichy an den Botschafter Brasiliens heißt es laut amtlicher Übersetzung):
„Unter Bezugnahme auf unsere Unterredung im Verlauf derselben Sie mir Mitteilung über die Lage von Herrn STILL, seiner Frau und seiner Tochter machten, habe ich die Ehre Eurer Exzellenz mitzuteilen, dass alle notwendigen Instruktionen gegeben worden sind, damit die Betreffenden befreit werden, mit der Verpflichtung, sich an ihrem Wohnort aufzuhalten.“

[97] HHStAW 518 903 I (49b, 51b), dazu HHStAW 518 1066 (118). Laut Rosel war neben dem brasilianischen Botschafter auch der des Vatikans in die Freilassung involviert, siehe Interview Rosel Schipper. Es gehört zu den skandalösen Entscheidungen in den Entschädigungsverfahren, die hier nicht unter juristischen, sondern unter moralischen Aspekten beurteilt werden sollen. Eine Entschädigung für die frühere Inhaftierung in Aachen wurde abgelehnt, weil die Betroffenen angeblich wegen illegalen Grenzübertritts inhaftiert worden seien, obwohl sie einen gültigen Reisepass vorweisen konnten. Die Inhaftierung im KZ Dachau wurde verweigert, weil die Haftzeit geringer als ein Monat war, und die Festsetzung in Chezelle blieb ebenfalls ohne Entschädigung, weil sie den Ort zwar nicht ohne Genehmigung verlassen durften und sich zwei Mal wöchentlich bei der Polizei zu melden hatten, aber es handelte sich nach Meinung der Behörde „nicht um eine derart schwerwiegende Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit, dass sie einen Entschädigungsanspruch begründen könnte“, die zudem auf eine Anordnung der französischen Fremdenpolizei und nicht deutscher Behörden erfolgt sei. Siehe ebd. S. 117-119, auch HHStAW 518 1066 (27 f.).

[98] Ebd. (14).

[99] Interview Rosel Schipper.

[100] Ebd. (15, 16).

[101] HHStAW 518 1068 (27f).

[102] Ebd. (27d).

[103] Ebd. (27c).

[104] Ebd. (39).

[105] HHStAW 518 1066 (18).

[106] HHStAW 519 1066 (10). Die komplizierte Rechtslage in den Entschädigungsverfahren kann im gegebenen Rahmen nicht erörtert werden. Dennoch scheint es nicht angemessen, dass diejenigen, die als Folge ihrer Flucht bzw. Vertreibung aus Deutschland in französischen Flüchtlingslagern interniert wurden, die sicher nicht mit deutschen Konzentrationslagern zu vergleichen sind, von einer Entschädigung meist ausgeschlossen wurden. Die Rechtsprechung war zudem nicht einheitlich. So wurde Chaim eine solche zugesprochen, Bernhard aber verweigert. Seinem Hinweis, sein Bruder habe Geld erhalten, wurde mit dem fragwürdigen Argument gekontert, es handle sich bei ihm um eine Fehlentscheidung. Ebd. (87).
Die Begründung für der Verweigerung einer Entschädigung soll hier wegen ihrer Bedeutung zumindest in einem relevanten Ausschnitt ausführlich zitiert werden:
„Eine Entschädigung für die im KL Dachau verbrachte Inhaftierung kann nicht gewährt werden, da nur für einen vollen Monat der Freiheitsentziehung Entschädigung geleistet wird (§ 45 BEG). Auch für den Aufenthalt in Belgien sowie in den im Sachverhalt genannten Arbeits- und Durchgangslagern in Frankreich kann eine Entschädigung nicht gewährt werden.
Aus den Einlassungen des Antragstellers und aus den vorgelegten Bescheinigungen ergibt sich, daß der Antragsteller sich in verschiedenen Flüchtlings-, Arbeits- und Durchgangslagern befand, die direkt den französischen Behörden und der Befehlsgewalt der französischen Regierung in Vichy unterstanden (vgl, Attest des Lagerchefs vom Camp des Milles vom 7.11. 1942). Aus den vorgelegten Bescheinigungen geht weiterhin hervor, daß es sich auch nicht um eine Inhaftierung, d.h. um eine strafhaftähnliche Absonderung gehandelt haben konnte, da der Antragsteller Urlaubs- bezw. Ausgangsscheine zum Besuch der Stadt, seines Vaters und für sonstige Angelegenheiten erhielt (vgl. OLG Frankfurt a,M., Urteil vom 24.5.1957).
Desgleichen liegen nicht die Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Ziff. 1 und 2 B£.G vor, denn der Antragsteller war polnischer Staatsangehöriger. Es ist zudem nicht erwiesen, daß er unter Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze in den erwähnten Lagern festgehalten wurde, denn es muß berücksichtigt werden, daß damals nicht nur einzelne sondern viele Flüchtlinge nach Frankreich kamen, die ohne Mittel und Existenzmöglichkeit eine erhebliche Belastung der französischen Behörden darstellten; im Interesse der Sicherheit und Ordnung war es deshalb geboten, daß die Flüchtlinge in Lager eingewiesen wurden.
Der Antragsteller hat auch nicht eine Freiheitsentziehung in Form geleisteter Zwangsarbeit im Sinne des § 43 Abs. 2 BEG erlitten, denn die polizeiliche Bewachung bei der Arbeit und die Absonderung von freien Arbeitern allein sind noch keine ausreichenden Kriterien für die Annahme haftähnlicher Bedingungen. Derartige Bedingungen erfordern ein Mehr an Freiheitsentziehung als sich aus der Arbeit unter Berücksichtigung der örtlichen und zeitlichen Umstände selbst ergibt. Es kommt auch entscheidend darauf an, ob die Haftähnlichkeit Selbstzweck oder lediglich Begleiterscheinung der Zwangsarbeit gewesen ist (vgl. BGH, Urteil vom 9.1.1957 -IV ZR 229/56). Aus dem Vorgetragenen ergibt sich, daß die Haftähnlichkeit des Lageraufenthaltes nicht Selbstzweck, sondern lediglich Begleiterscheinung der Arbeitstätigkeit der in den Lagern untergebrachten Personen gewesen ist. Die Zuerkennung eines Anspruchs auf Entschädigung wegen Zwangsarbeit unter haftähnlichen Bedingungen setzt, weiterhin voraus, daß der Verfolgte auch außerhalb der Arbeitszeit unter haftähnlichen Bedingungen gelebt hat (vgl. BGH in RssW 1960, Seite 210). Auf den Antragsteller, der auch im Anschluß an die Beendigung der täglichen Arbeitszeit die Stadt besuchen und andere Erledigungen besorgen konnte, treffen diese Voraussetzungen nicht zu.
Eine Entschädigung kann aber auch nicht für den von den französischen Behörden angeordneten Zwangsaufenthalt in einem französischen Alpendorf gewährt werden, denn dieser Aufenthalt wird von der gegenwärtigen Rechtsprechung ebenfalls nicht als entschädigungsfähiger Freiheitsentzug angesehen (vgl. BGH, Urteil vom 3.7.1957 -IV ZR 125/57-und vom 10.7.1957 -IV ZR 127/57-).“
Ebd. (53 f.).

[107] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2509/images/40382_1020704762_0463-00222?queryId=ae059ae8-6bb5-4f25-b04d-462a30156da7&usePUB=true&_phsrc=SbT2788&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=900121043 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2509/images/40382_1020704762_0463-00223?queryId=ae059ae8-6bb5-4f25-b04d-462a30156da7&usePUB=true&_phsrc=SbT2788&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=900121043 und https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_7173-0025?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=3021619003. (Zugriff: 25.08.2026).

[108] Die Kosten für die Ausreise wurden dann nach einem längeren Verfahren doch entschädigt, siehe HHStAW 518 1066 (120).

[109] https://images.findagrave.com/photos/2016/353/174166422_1482174449.jpg. (Zugriff: 25.08.2026). Bei der Volkszählung 1940 wohnte das Paar als Mieter bei der deutschen Emigrantenfamilie Hirsch aus Duisburg, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2442/images/m-t0627-04198-00915?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=160683666, (Zugriff: 25.08.2026).

[110] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/62308/images/43290879-Texas-029998-0027?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=187430743, (Zugriff: 25.08.2026).

[111] https://www.ancestry.de/search/collections/61461/records/490731 und https://www.ancestry.de/search/collections/61668/records/112876. (Zugriff: 25.08.2026).

[112] HHStAW 518 1066 (73).

[113] https://www.ancestry.de/search/collections/60901/records/31302357. (Zugriff: 25.08.2026).

[114] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2509/images/40382_1020704762_0530-00836?usePUB=true&usePUBJs=true&pId=158885. (Zugriff: 25.08.2026).

[115] HHStAW 518 1068 (1).

[116] https://de.findagrave.com/memorial/239942904/gertrude-b.-still. (Zugriff: 25.08.2026).

[117] https://www.ancestry.de/search/collections/61406/records/1823354, (Zugriff: 25.08.2026).

[118] https://images.findagrave.com/photos/2019/26/UNCEM_8003_19505063-1216-42d6-ab2b-a9055cf62e9e.jpeg, (Zugriff: 25.08.2026).

[119] HHStAW 408 123 (48).

[120] HHStAW 685 782a (79)

[121] Ebd. (5).

[122] Ebd. (9).

[123] Ebd. 22.

[124] 1929 ist das Geschäft als ‚Zigarettenhaus Josti, Joel & Still‘, allerdings jetzt mit einem Inhaber Karl Haber aus Flörsheim eingetragen.

[125] Ebd. (29).

[126] Ebd. (40), dazu HHStAW 685 782b (6, 34). Auch Herz Joels betreibt ab 1926/27 bis 1931 einen Textilhandel in seiner Wohnung in der Schwalbacher Str. 61. Nach 1931 ist er in den Adressbüchern nicht mehr aufgeführt.

[127] HHStAW 685 782b (6) und HHStAW 685 782a (40).

[128] Ebd.

[129] Ebd. (70).

[130]Geburtsregister Wiesbaden 369 / 1931.

[131] HHStAW 685 782b (37).

[132] HHStAW 685 782a (79).

[133] Ebd. (86).

[134] Stadtarchiv Wiesbaden StadtA Sch 22/80.

[135] https://www.joodsmonument.nl/en/page/534955/about-hermann-still und https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/33/01020402/aa/hn/ik/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[136] https://assets.yadvashem.org/image/upload/t_f_image/f_auto/q_auto/v1/remote_media/arch1_yadvashem/NEW_APP/200708140741_265_8193/86.jpg?_a=DAKMO2FAZAA0. (Zugriff: 25.08.2026). Allerdings geht aus der knappen Angabe nicht hervor, ob das noch in Amsterdam war, oder schon in Westerbork. Auch ist nicht nachzuvollziehen, woher sie die Information bekommen hatte.

[137] Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘ für die Familie Still. siehe https://www.am-spiegelgasse.de/EB-Suche/EB_PDF/Still_Lina_u_Sohn_Alexander.pdf. (Zugriff: 25.08.2026).

[138] https://collections-server.arolsen-archives.org/V/Ous_partitions/33/01020402/aa/hn/ik/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[139] HHStAW 518 66723 (15).

[140] Ebd. (1).

[141] https://www.mappingthelives.org/bio/1d559e62-6c16-488f-b8ee-136720114997?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&forename=Lina&surname=Still&res_single_fd=false&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de&map_loaded=1785931096087. (Zugriff: 25.08.2026).

[142] HHStAW 518 66722 (33) Mit ursprünglichem Namen hieß er Sachje Hersz Turner, genannt Hermann.

[143] HHStAW 408 123 (49).

[144] HHStAW 66722 (69).

[145] Ebd. (94 f.).

[146] Geburtsurkunde Wiesbaden 1851 /1920.

[147] HHStAW 518 66722 (68 f.).

[148] Diese wechselte allerdings im folgenden Jahr in das benachbarte Haus Blücherstr. 3.

[149] HHStAW 518 66722 (108).

[150] Ebd. (6). 1926 soll gegen ihn ein Konkursverfahren eröffnet worden sein, ebd. (50).

[151] Ebd. (109).

[152] Siegmund Goldmann, ebenfalls polnischer Jude, besaß ein Geschäft in der Kleiststr. 16. 1938 wurde er, wie viele andere polnische Juden, im Vorfeld der Novemberereignisse mit seiner Frau Ida und Tochter aus Deutschland ausgewiesen. Ihm gelang aber von Polen aus die Flucht nach Amerika, seine Tochter Edith konnte nach England entkommen.

[153] Wenn das Einkommen von Hermann Turner demnach eher gering ausgefallen sein wird, so ging man in Entschädigungsverfahren dennoch davon aus, dass er im Jahr einen Verdienst von insgesamt etwa 4.000 RM gehabt haben wird, er somit wie ein Beamter im mittleren Dienst zu entschädigen sei. HHStAW 518 66722 (56).

[154] Ebd. (52).

[155] Im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist seine Anschrift mit der Hellmundstr. 2 angegeben, in den städtischen Adressbüchern ist er nicht mehr aufgeführt. Laut einer Auskunft der Stadt Wiesbaden war seine letzte Adresse vo seiner Abmeldung am 7.2.1939 nach Belgien die Dotzheimer Str. 35 , siehe HHStAW 518 66722 (33).

[156] Ebd. (95 f.).

[157] HHStAW 518 65601 (10).

[158] Ebd. (6)

[159] HHStAW 518 66722 (44). Ein Zeugnis der Schule mit fast ausschließlich sehr guten Noten ist für Pnina in den Entschädigungsakten überliefert, siehe ebd. (77).

[160] Ebd.

[161] HHStAW 518 80936 (5).

[162] Ebd. (1, 5).

[163] Ebd. (55).

[164] Ebd. (6).

[165] https://www.mappingthelives.org/bio/1718be10-cab9-4d42-871e-3c389b46e38f?restrict_to_map_bounds=false&coordinates_show_all=false&surname=Zwickler&res_single_fd=false&res_community=Ludwigshafen&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de&map_loaded=1787136768005. (Zugriff: 25.08.2026). Verheiratet gewesen war sie vermutlich mit Ezra Yehuda Leib Zwickler, der 1885 in Tymbark geboren wurde, aber bereits 1936 verstarb. Ganz offenbar gab es eine sehr enge Verbindung zwischen den Familien Still, Zwickler und Turner, da ja auch Linas Schwester Rosa mit Aron, einem Mitglied der Familie Zwickler verheiratet war.

[166] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de977981.(Zugriff:  25.08.2026).

[167] Vermutlich handelt es sich um Ester Erna Schindler Zwickler Stiel, geboren am 14.3.1904 in Lopuszka in Galizien, dem Ort, in dem auch Hirsch Hermann geboren worden war. Der so in Ancestry angegebene Name verweist letztlich nur auf die oben bereits angesprochene enge Bindung der Familien Zwickler, Turner und Stiel/Still. Verheiratet war sie mit Alexander Moshe Spindler. Beide überlebten den Holocaust und verstarben 1994 bzw. 1995 in Israel. Siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/170041000/person/402206030924/facts?_phsrc=SbT2843&_phstart=successSource. (Zugriff: 25.08.2026).

[168] HHStAW 518 66722 (7), dazu https://collections.yadvashem.org/en/names/13890881. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist er nicht registriert. Zu dem Transport von Drancy nach Auschwitz, auf dem auch 360 jüdische Kinder waren, siehe https://collections.yadvashem.org/en/deportations/5092596. (Zugriff: 25.08.2026). Geradezu tragisch ist, dass seine Kinder, abgesehen von Jakob, den er offiziell als seinen Sohn anerkannt hatte, keine Entschädigung für den Verlust ihres Vaters erhielten, obwohl er derjenige war, der sich, solange er konnte, um sie gekümmert hatte und es außer Frage stand, dass er ihr Vater war.

[169] Datenbank: ‚Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden‘.

[170] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0690/1222553/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[171] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010102/0072/149936363/002.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[172] Die Faksimiles der beiden Briefe sind abgedruckt auf dem Erinnerungsblatt des ‚Aktiven Museums Wiesbaden‘, siehe https://www.am-spiegelgasse.de/EB-Suche/EB_PDF/Still_Lina_u_Sohn_Alexander.pdf. (Zugriff: 25.08.2026).

[173] Yad Vashem Archives Record Group O.8, File Number 43.1, (o.P.).

[174] Ebd. In dieser Liste ist auch durch einen späteren, handschriftlich vorgenommenen Eintrag eine weitere Person als Bewohnerin benannt, nämlich Hedwig Grosshut, geborene Mantel, auf deren eigener Gestapokarteikarte ein Verweis auf diese Anschrift fehlt. Da der Eintrag nicht datiert ist, bleibt offen, wann sie dort für welche Zeit einzog.

[175] Die Karte wurde offensichtlich angelegt, als Alexander die Wohnung seiner Mutter verließ, denn auf deren Karte ist er zunächst ebenfalls eingetragen, dann aber mit der Anmerkung „Eig[enes] Bl[att]“ durchgestrichen worden.

[176] Jakob Goldmann war ebenfalls Reisender in der Textilbranche und vermutlich war er verwandt mit dem früheren Arbeitgeber von Hermann Turner. Es könnte daher sein, dass sich die Familien kannten.

[177] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de977942. (Zugriff: 25.08.2026).

[178] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0692/1221256/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).

[179] https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de977956. (Zugriff: 25.08.2026).

[180] Es gibt noch zwei weitere Ausnahmen, die Gründe dafür konnten im gegebenen Rahmen nicht ermittelt werden.

[181] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0690/1222553/001.jpg. (Zugriff: 25.08.2026).