Idel Rawinsky


Rheinstr. 81 heute
Eigene Aufnahme
Lage des Judenhauses Rheinstr. 81
Belegung des Judenhauses Rheinstr. 81

 

 

 

 

 

 


Passfoto aus der Nachkriegszeit
Privat

Idel Rawinsky ist für Wiesbaden allein deshalb eine besondere Person,[1] weil eines der wenigen Dokumente, das die Mitwirkung der verschiedenen Behörden und Institutionen, darunter auch die lokale Zweigstelle der ‚Reichsvereinigung der Juden in Deutschland’ bei der Zwangsumsiedlung belegt, seinen Namen enthält. Nicht nur das in dieser Quelle erwähnte Judenhaus in der Rheinstr. 81 wurde während der Zeit des Nationalsozialismus in Wiesbaden zu seiner unfreiwilligen Behausung, noch zwei weitere Judenhäuser – das in der Herrngartenstr. 11 und das in der Adolfsallee 30 – dienten ihm damals zeitweise als Unterkunft. Zwischendurch wohnte er dann aber auch in Wohnungen, die nicht in Ghettohäusern lagen. An Idel Rawinsky lässt sich somit exemplarisch zeigen, dass zumindest in Wiesbaden die NS-Bürokratie die Jüdinnen und Juden nicht einfach in Vorbereitung auf die Deportationen in den vorhandenen Judenhäusern konzentrierte, um sie anschließend möglichst ohne großen Aufwand in die Todeslager zu verbringen. Es ging vielmehr auch darum, eine gezielte Bewirtschaftung des knappen Wohnraums zu organisieren. Dirigistische und marktwirtschaftliche Elemente bei dieser Steuerung gingen dabei Hand in Hand, weshalb Spielräume für eigenes Handeln bewusst gelassen wurden.
Zudem gehörte Idel Rawinsky zu den Wenigen, die ihre Einweisung in ein Konzentrationslager überlebten und anschließend in die Stadt zurückkehrten, aus der sie deportiert worden waren. Dies ist umso erstaunlicher, als er und seine Familie, anders als etwa Claire Guthmann, Fritz Beckhardt oder Adolf Kahn, nicht schon seit langer Zeit in Wiesbaden verwurzelt waren.

Das osteuropäische Judentum zur Zeit von Idel Rawinskys Geburt

Stammbaum der Familie Rawinsky
GDB

Idel Rawinsky stammte aus Chisinau, auf Deutsch: Kischinau oder Kischinew, auf Russisch: Kishinjow. Die Stadt gehörte zu Zeiten seiner Geburt im Jahr 1875 noch zum russischen Zarenreich und ist in den deutschen Dokumenten, so auch auf seiner Gestapokarteikarte, zumeist mit Kischinew bezeichnet.[2] Heute ist die Stadt mit ihren etwa 500.000 Einwohnern die Hauptstadt der zwischen Rumänien und der Ukraine gelegenen Republik Moldau oder Moldawien. Schon immer galt die Region als Pufferzone zwischen dem russischen, dem österreichisch-ungarischen und dem osmanischen Reich.[3]

 

 

 

 

Das alte Kischinew

Nachdem dieses Gebiet 1812 in das Russische Reich einbezogen worden war, gehörte es auch zu den sogenannten Ansiedlungsrayons, die im 18. Jahrhundert von der Zarin Katharina der Großen geschaffen worden waren, um die Juden, die nach der polnischen Teilung in großer Zahl russische Staatsbürger geworden waren, aus dem weitgehend agrarisch geprägten russischen Kernland fernzuhalten. Neben dem ehemaligen polnischen Stammland war es das sogenannte Neurussland, das gesamte Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, das quasi zum Großghetto für die Juden wurde. Damals verlief die Grenze zwischen Russland und Ungarn noch quer durch das heutige Moldawien, sodass der westliche Teil zu Ungarn, der östliche Teil, das Gouvernement Bessarabien mit seinem Zentrum Kischinew, zum Zarenreich gehörte. Während Juden im 17. Jahrhundert kaum unter diskriminierenden Beschränkungen zu leiden hatten, änderte sich das typischerweise mit dem Ausbau des absolutistischen Machtapparats. Minderheiten, die Strukturen der Selbstorganisation ausgebildet hatten, Normen und Regeln des Zusammenlebens befolgten, die nicht staatlicher Gesetzgebung entsprachen, zudem für die ethnisch und religiös eingebundenen Untertanen eine ökonomische Konkurrenz darstellten, waren nicht nur der staatlichen Obrigkeit, sondern auch der übrigen Bevölkerung zunehmend suspekt. Andererseits konnten sie, die im Besonderen im Handel, Geldwesen und auch Handwerk erfolgreich waren und damit wesentlich zur Finanzierung des absolutistischen Herrschaftsapparats beitrugen, mit ihren Emanzipationsforderungen nicht gänzlich negiert werden. Diese widersprüchlichen Ziele der russischen Judenpolitik markieren dann auch die leidvolle Geschichte der Juden in den Ansiedlungsrayons und auch die derjenigen in Bessarabien und Kischinew. War die Zeit von Zar Alexander II. von deutlichen Reformschritten geprägt – Juden durften damals sogar die Rayons verlassen –, so kam es nach seinem gewaltsamen Tod 1881 unter dem Nachfolger Zar Alexander III. wieder zu einer Phase der Restauration und Diskriminierung, gepaart mit einem wachsenden Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft, der sich in vielfachen Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung Bahn brach.
Es gab allerdings in diesen Gebieten auch Orte, wo Juden die Mehrheit der Bevölkerung bildeten. So stellten sie in großen Städten wie Kischinew in der Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert mit etwa 45 Prozent fast die Hälfte der Bewohnerschaft. Die übrigen waren zumeist Russen und Rumänen.

Eine zweite Welle der Pogrome überrollte Russland am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gegenüber früheren, eher verschwörungstheoretischen Erklärungsversuchen, in denen eine bewusste Initiierung der Gewaltakte durch staatliche Behörden vermutet wurde, was nicht ausschließt, dass gerade die Presse die Unruhen bewusst schürte, geht die heutige Historiographie von einem sozial bedingten Konflikt aus, der primär von urbanen Mittel- und Unterschichten getragen wurde. Wie so oft sahen die von der wirtschaftlichen Krise Betroffenen die eigene miserable Lage nicht als ökonomisch bedingt, sondern als Resultat volksfeindlicher Akteure. In Zeiten des wachsenden Nationalismus wurden als solche unweigerlich die Juden als die „Anderen“ und somit als die Schuldigen identifiziert.

 

Idel Rawinskys Leben bis zur „Machtergreifung“ der Nazis

In dieser schwierigen, von Umbrüchen und Gewalt gezeichneten Phase der russischen Geschichte war Idel Rawinsky am 15. August 1875 in Kischinew geboren worden.[4] Vielleicht hatte er 1881 das erste große Pogrom in der Stadt als Kind noch selbst bewusst erlebt. Sein Vater, Selman Rawinsky, verheiratet mit Etel / Ettel Blechmann, war Kaufmann, vermutlich Mehlhändler,[5] und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Rawinskys damals Opfer der Übergriffe wurden. Ob Idel in Kischinew auch die zweite Pogromwelle zwischen 1903 und 1906 mit dem Höhepunkt an Ostern 1903 erlebte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Chisinau, Strada Columna 55, vormals Nikolaewsky Str. 61 (neue Nummerierung 1940) – ehem. Wohnhaus der Familie Rawinsky (kurz vor dem Abriss)
Privat

Er durfte als drittes von insgesamt sechs Kindern das örtliche Realgymnasium besuchen, welches er mit 16 Jahren mit dem Abschluss der Mittleren Reife verließ. Danach absolvierte er eine dreijährige Lehre als Elektro- und Mechanikhandwerker und trat dann als Geselle für einige Zeit ins Arbeitsleben ein. Zumindest muss man das aus der Angabe eines in Theresienstadt aufbewahrten Lebenslaufs schließen, laut dem er seiner Heimatstadt im Jahr 1900 mit etwa 25 Jahren den Rücken kehrte.[6]

Anzeige des Technikums Mittweida in einer russischen Zeitung

Er verließ damals Russland, um in Deutschland am Technikum Mittweida in Sachsen seine beruflichen Qualifikationen durch ein Ingenieursstudium zu erweitern. Wie man einer Anzeige des Instituts in der russischen Zeitung NIVA entnehmen kann, versuchte man offenbar gezielt, russische Techniker für ein Studium in Mittweida zu gewinnen – offenbar mit Erfolg, denn Idel war nicht der einzige Student aus Kischinew, der dort damals immatrikuliert war. Am 9. Oktober des Jahres 1900 wurde er mit der Matrikelnummer 11984 dort aufgenommen.[7] Die am 23. April 1901 geäußerte Bitte des „ergebenst Unterzeichneten“ an „die hohe Direktion“, ihm „die Zahlung für das Honorar des zweiten Semesters bis zum 15. Mai gütigst verlängern zu wollen“, kann man sicher als Indiz dafür ansehen, dass er finanziell nicht besonders gut ausgestattet war. Auch später musste er noch einmal darum bitten, das Studiengeld in Raten abstottern zu dürfen.[8]
Im Februar 1902 meldete er sich zur Vorprüfung an. Anschließend ging er im April 1902 wieder für eine unbestimmte Zeit zurück nach Kischinew, da er – wie er gegenüber dem Direktorium des Technikums vorgab – sein Studium unterbrechen müsse, um das geforderte Praktikum absolvieren zu können.[9] Vielleicht kehrte er aber auch damals in seine Heimatstadt zurück, weil ihn materielle Not dazu zwang. Zudem verstarb sein Vater im Frühjahr 1902, und abgesehen davon, dass er ihn wohl in seiner letzten Lebensphase begleiten wollte, wurde er möglicherweise auch zu Hause gebraucht.[10]

Opfer des Pogroms von Kischinew im Jahr 1903

 

Im März des folgenden Jahres fragte er in Mittweida an, wann das neue Semester beginnen würde. Die Antwort des Instituts war an eine Berliner Adresse gerichtet, wo Idel Rawinsky inzwischen offenbar wohnte – seit wann, ist nicht mehr auszumachen. Demnach wäre er während des schweren Pogroms an Ostern des Jahres 1903 nicht in Kischinew gewesen. Bei diesem Pogrom waren nahezu 50 jüdische Bürger ermordet worden, mehrere Hundert verletzt worden und viele Häuser zerstört oder beschädigt worden, auch in der Nikolaewskystraße, wo mit der Nummer 61 auch Idels Elternhaus stand. [11]
Offenbar hatte er damals aber sein Studium in Mittweida nicht wieder aufgenommen, obwohl er kurzzeitig dort gemeldet war. Am 28. März 1903 wurde er bei der kommunalen Verwaltung registriert und bezog für etwa eine Woche eine Wohnung, vielleicht auch eine Pension in der Bahnhofstr. 25. Auch in seiner neuen Unterkunft blieb er nur etwa vier Wochen, dann meldete er sich nach Chemnitz ab,[12] Laut den dortigen Meldeunterlagen wohnte er dort vom 6. Mai bis zum 30. Juni 1903 und arbeitete in dieser Zeit als Schlosser.[13] Vielleicht absolvierte er damals das für sein weiteres Studium erforderliche Praktikum.
Am 1. Oktober 1904 schrieb er erneut an das Technikum. Er habe wegen des Praktikums zweieinhalb Jahre sein Studium unterbrechen müssen und wolle es jetzt fortsetzen. Erneut bat er darum, ihm zu erlauben, die Studiengebühr in drei Raten bezahlen zu dürfen, was, wie eine Bleistiftnotiz auf dem Schreiben belegt, auch bewilligt wurde. Am 19. Juli 1904 meldete er sich erneut in Mittweida an, wechselte diesmal nach zwei Monaten wieder die Unterkunft. Von der Bahnhofstr. 38 zog er in die Chemnitzer Str. 12, um sich dann am 1. Oktober 1904 nach Russland abzumelden.[14] Aber schon nach wenigen Tagen, am 4. Oktober 1904, muss er zurückgekommen sein und am Technikum auch wieder Vorlesungen besucht haben.[15]

Technikum Mittweida in Sachsen um 1900

Die erhalten gebliebenen Zeugnisse über seine Leistungen während des Studiums sind durchweg gut, wurden sogar teilweise mit „sehr gut“ benotet. Umso erstaunlicher ist, dass er dann im Mai 1905 seine Zweite Vorprüfung nicht bestand. Er wurde gefragt, ob er von der Möglichkeit einer Wiederholung im Juli 1905 Gebrauch machen möchte.[16] Eine Antwort darauf ist nicht erhalten oder auch nicht abgeschickt worden, dafür aber der Vermerk auf seiner Matrikelkarteikarte, dass er am 30. Mai 1905 das Institut verlassen habe.[17] Daraus ist zu schließen, dass er sein Studium damals ohne formalen Abschluss aufgab. Ob die Ereignisse in dieser Zeit in seiner Heimatstadt, von der möglicherweise auch er und seine Familie unmittelbar betroffen waren, für diesen plötzlichen Leistungsabfall verantwortlich waren, lässt sich nur vermuten.
Man muss zudem festhalten, dass die Biographie von Idel Rawinsky aufgrund sich widersprechender Dokumente nicht sicher rekonstruierbar ist. In dem bereits erwähnten Lebenslauf aus Theresienstadt heißt es, er sei nach seiner bestandenen Ersten Vorprüfung für drei Jahre in Russland gewesen und habe dort in verschiedenen Fabriken gearbeitet. Von einer Wiederaufnahme des Studiums ist hier keine Rede. Wiederum davon abweichend heißt es in einem Lebenslauf, der von seinem Anwalt im Rahmen des Entschädigungsverfahrens eingereicht wurde, er habe eine Abschlussprüfung als Ingenieur abgelegt und habe anschließend in Berlin bei der Firma Borsig eine Anstellung gefunden.[18] Darin, dass er bis 1908 bei diesem Traditionsunternehmen als Konstrukteur beschäftigt war, und sich anschließend noch einmal für zwei Jahre in Russland aufhielt, stimmen die beiden genannten Quellen überein. In anderen Unterlagen ist sein Beruf dann wieder nur mit „Techniker“, „Mechaniker“ oder „Konstrukteur“ angegeben.[19]

Gertrud Rawinsky
Foto aus der Nachkriegszeit
Privat

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er zunächst für zwei Jahre in Fürstenwalde bei der Firma ‚Julius Pintsch’, einer der bedeutendsten Unternehmen der damaligen Zeit im Beleuchtungswesen.[20] Vermutlich lernte er in dieser Zeit dort seine zukünftige Ehefrau Gertrud Adler kennen. Sie war zwar am 12. Januar 1884 in Frankfurt an der Oder geboren worden, aber ihr Vater, Hermann Adler, lebte, nachdem seine Frau Auguste, geborene Schulz, im Jahr 1893 verstorben war, mit seinem Sohn Georg in Fürstenwalde.[21]
Wahrscheinlich war Gertrud 1913 schon mit Idel Rawinsky nach Westdeutschland gezogen, wo er bei der in Köln ansässigen ‚Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG’ eine Anstellung als Konstrukteur gefunden hatte. Am 5. Dezember 1913 gingen die beiden in Köln die Ehe ein. In dem Heiratseintrag ist sein Beruf mit „Ingenieur“ angegeben.[22]

Offenbar war Idel Rawinsky spätestens im Zusammenhang mit der Eheschließung, vielleicht aber auch schon früher, zum evangelischen Glauben seiner Ehefrau konvertiert. Entsprechend wurde auch ihr erstes Kind, der Sohn Hermann Selman, geboren am 13. Oktober 1914 in Köln, evangelisch getauft.[23] Auch heißt es in dem Eintrag, dass beide Elternteile dieser Konfession angehörig seien. Wenn dem Sohn neben dem deutschen Hermann als Zweitnamen der jüdische Name des Großvaters Selman angefügt wurde, so ist das jedoch nicht unbedingt als Reminiszenz an dessen jüdische Wurzeln misszuverstehen, denn sein erster Vorname Hermann war der des Großvaters mütterlicherseits. Offenbar ging es eher darum, an die jeweiligen familiären Wurzeln zu erinnern. Vermutlich hatte der eher an Naturwissenschaft und Technik interessierte Idel Rawinsky einen eher lockeren Bezug zu den religiösen Traditionen, weshalb ihm der Konfessionswechsel nicht allzu schwer gefallen sein wird, zumal er aus seiner Heimatstadt wusste, dass Jüdischsein immer auch Diskriminierung und Gefährdung bedeuten konnte.
Eine Tochter, die den Namen Gertrud erhielt, wurde zwei Jahre später am 10. August 1916 in Bad Oeynhausen geboren und ebenfalls evangelisch getauft.[24] Dorthin war die Familie kurz nach der Geburt des Sohnes und wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits im November 1914 verzogen. Idel Rawinsky arbeitete dort bis 1916 in einer Munitionsfabrik. Seine Frau hatte in dem Kurort eine Pension in bester Lage gegenüber den Badehäusern und dem Kurpark unter ihrem Mädchennamen als „Pension Adler“ eröffnet. In den letzten beiden Kriegsjahren wurde Idel Rawinsky als Aufseher und Dolmetscher in einer russischen Kriegsgefangenenkolonne in Bremen eingesetzt, die für die dortige Maschinenfabrik Carl Francke zwangsweise tätig war.[25] Wahrscheinlich hatte ihn seine Frau dorthin begleitet, aber belegt werden konnte das nicht.[26] Gegen Ende des Krieges, hatte sie offenbar ihren Pensionsbetrieb aufgegeben, da ein regulärer Kurbetrieb auch in Bad Oeynhausen nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Alle möglichen freien Räumlichkeiten wurden stattdessen als Lazarette genutzt. Aus Anzeigen in der lokalen Presse geht hervor, dass Gertrud Rawinsky das Mobiliar ihrer Pension veräußerte, vielleicht aus finanziellen Gründen auch veräußern musste.

Rawinsky
05 Anzeige aus dem „Löhner Tageblatt“ 17. Dez. 1917
Rawinsky
Anzeige aus dem „Bad Oeynhausener Anzeiger und Tageblatt“ 10. Jan. 1918

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Ende des Krieges und dem Untergang des Zarenreiches, was für Idel Rawinsky auch den Verlust seiner bisherigen Staatsangehörigkeit bedeutete – von nun an galt er als staatenlos –, wechselte die Familie erneut ihren Wohnort. In seinem Lebenslauf aus Theresienstadt heißt es zumindest in Bezug auf Idel Rawinsky, er habe danach in einem Textilbetrieb, einer Spinnerei und Weberei, in Landsberg an der Warthe, dem heute polnischen Gorzow Wielkopolski, für drei Jahre Arbeit gefunden. Da sein Sohn Hermann 1929 dort nach 8 Jahren seine schulische Laufbahn beendete,[27] liegt es nahe, dass die gesamte Familie sich dort niedergelassen hatte und die Mutter mit den beiden Kindern damals auch dort blieb, als Idel sich beruflich wieder neu orientierte.

Gewerbeanmeldung in Landsberg 1924
HHStAW 518 6686 (104)

Er wechselte bereits 1922 sowohl seinen Wohnort als auch den Arbeitsplatz. Auf einer Werft in Danzig war er fast ein ganzes Jahr als Betriebstechniker angestellt. In der folgenden Zeit scheinen sich seine Lebensverhältnisse, zumindest im Hinblick auf seine Berufstätigkeit, stabilisiert zu haben. Am 28. April 1924 kam er wieder zurück und meldete er wieder in Landsberg an der Warthe eine Firma an, die mit nicht genauer spezifizierten Maschinen handelte und auch deren notwendige Reparaturen versprach.[28] Von da an bis 1934 reiste er als Vertreter auf Provisionsbasis für mehrere Maschinenfabriken, mindestens aber immer für zwei gleichzeitig, durch das Reich.[29] Zuletzt war er noch für die bekannte Nähmaschinenfabrik ‚Singer’ und die Firma ‚Westfalia’, die landwirtschaftliche Maschinen herstellte, tätig. Mit Sonderaufträgen einzelner Geschäftspartner konnte er sein Einkommen zusätzlich steigern.

 

Das Schicksal der Familie in der Zeit der NS-Diktatur

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 und der schnellen Installierung der NS-Diktatur änderte sich auch für die Familie Rawinsky alles. Das am 14. Juli 1933 eingeführte „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ hatte zur Folge, dass nun auch seine bisher deutsche Frau und seine beiden Kinder, durch die Ehe mit einem „aus den östlichen und südöstlichen Ländern stammenden Element“, einem Staatenlosen, selbst auch zu Staatenlosen erklärt wurden. Idel Rawinsky selbst hatte das fragwürdige Privileg einer deutschen Staatsbürgerschaft nie genossen.
Nicht minder gravierend für die Familie war der am 1. Januar 1934 aus rassistischen Gründen vollzogene Entzug der behördlichen Legitimationskarte als Reisevertreter,[30] denn damit war es für ihn unmöglich, seine bisherige Tätigkeit für die Firmen aufrechtzuerhalten. Nach seinen Angaben hatte er in den Jahren bis zur „Machtergreifung“ einen jährlichen Verdienst von 7.000 RM erwirtschaftet, der aber ab 1933 auf 6.000 RM und dann ganz schnell auf nur noch 1.000 RM im Jahr 1935 schrumpfte. Entgegen der Anordnung versuchte er zumindest noch, laufende Aufträge zu Ende zu bringen.[31] In den folgenden drei Jahren war er dann mehr oder weniger arbeitslos.

 

Die Kinder Hermann und Gertrud Rawinsky

Die schwierige finanzielle Situation der Familie ist auch belegt durch Dokumente der Tochter Gertrud, die damals in Wien ein Kunststudium aufgenommen hatte.[32] Ihr Lehrer war der bedeutende Maler der Wiener Moderne Herbert Böckl, der seit 1935 eine Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künstler erhalten hatte.[33] Im gleichen Jahr nahm Gertrud dort ihr Studium auf. Zuvor hatte sie die Mädchen-Volksschule in Landsberg und dann noch die Handelsschule besucht, wo sie ihre Ausbildung als Kontoristin mit dem Prädikat „sehr gut“ abschloss.[34] Nebenbei oder auch erst im Anschluss an die schulische Ausbildung hatte sie begonnen, an der privaten Malakademie Castelli in Dresden[35] ihre künstlerische Neigung und Begabung zu entwickeln.[36]
In diese Zeit fällt vermutlich eine Meldung der Dresdner „Stapo“, laut der sie wegen „rasseschändenem Verhalten“ festgenommen worden sei.[37] Obwohl eigentlich evangelisch getauft, wurde sie als „Jüdin“ erfasst. Ob es sich dabei um eine Zuschreibung der Polizei oder um eine des eigenen Selbstverständnisses handelte, ist nicht mehr zu sagen. Unbekannt ist auch, welche Konsequenzen die Festnahme hatte. Ihre künstlerische Ausbildung blieb aber davon offenbar unberührt, denn sie konnte – noch war Österreich kein Teil des „Großdeutschen Reichs“ – anschließend ihr Kunststudium in Wien aufnehmen.

Dass Professor Böckl sie dort im Oktober 1935 als seine Schülerin aufnahm, zeugt ganz sicher von ihrem besonderen Talent. Die Prüfungen, die sie nach dem ersten Semester in den Fächern Anatomie, Farbenlehre und Farbenchemie abschloss, wurden alle mit „gut“ bewertet.
Im folgenden Semester musste Gertrud einen Antrag auf Erlass des Schulgeldes stellen, für den sie ein sogenanntes Mittellosigkeitszeugnis vorlegen musste.
Die Eltern wohnten offenbar bescheiden in einer aus drei kleinen Zimmern bestehenden Wohnung, für die sie eine Jahresmiete von 399,84 RM zu zahlen hatten. Ihr Vater sei zwar von Beruf Techniker, müsse aber zurzeit, wie auch seine Frau, als Vertreter bzw. Vertreterin in Landsberg arbeiten. Von ihnen könne sie monatlich nur mit 30 bis 40 Schillingen zum Lebensunterhalt unterstützt werden, schrieb sie über ihre finanzielle Situation.
Zwar wurde die Befreiung vom Schulgeld bewilligt, aber dennoch musste sie das Studium bald danach abbrechen. In einer Notiz im Sekretariat der Akademie, datiert mit dem 19. November 1936 heißt es, dass Gertrud Rawinsky „aus familiären Gründen gezwungen (sei), auf die Dauer von ½ – 1 Jahr zu ihren Eltern nach Deutschland zurückzukehren und somit ihr Studium während dieser Zeit an der Wiener Akademie zu unterbrechen.“ Einer Wiederaufnahme des Studiums würden aber keine Schwierigkeiten entgegenstehen, hieß es weiter.[38] Entsprechende Schreiben gingen auch an das Konsulat, damit ihr Aufenthaltsrecht in Österreich, das immer nur für ein Jahr gewährt wurde, auch bei einer Rückkehr gesichert sei. In der „Amtsbestätigung“ der Akademie, ausgestellt am 7. Juni 1937, die zur Vorlage für eine Visumsverlängerung erstellt worden war, heißt es dann, dass sie auch weiterhin gezwungen sei, aus familiären Gründen ihr Studium zu unterbrechen und bei ihren Eltern in Deutschland zu bleiben. Konkretisiert werden diese Gründe aber nicht. Möglicherweise war die erzwungene Arbeitslosigkeit ihres Vaters seit dem Frühsommer 1936 der Grund dafür.

Gertrud in einer Malklasse in Ungarn
Privat

Zwar kehrt sie nicht mehr nach Wien zurück, aber ihre künstlerische Laufbahn hatte sie damit keineswegs aufgegeben. Dies ist einem sehr persönlich gehaltenen Brief zu entnehmen, den sie im Juni 1937 an den heute weltberühmten Maler Edvard Munch richtete. Abgesehen von dem Brief hatte sie ihm sechs Zeichnungen aus ihrer Wiener Zeit geschickt, „nicht aus Protz und Eitelkeit“, sondern wohl eher in Erwartung eines kritischen, aber dennoch wohlwollenden Urteils. Verbunden war damit auch die Hoffnung, dass er sie bei einem für den kommenden Sommer geplanten Besuch in Norwegen, persönlich empfangen würde. Ob Munch auf den Brief antwortete, ob es gar zu der geplanten Reise und dem Treffen kam, ist nicht bekannt, aber eher unwahrscheinlich.

Als Anschrift hatte sie damals noch die Adolf-Hitler-Str. 44 in Buckow angegeben, allerdings auch schon ihre zukünftige Adresse in Köln-Dellbrück, Daubringer Str. 89. Buckow in der Märkischen Schweiz, wenige Kilometer östlich von Berlin gelegen, zog in der damaligen Zeit viele vermögende Bürger der nahe gelegenen Metropole, aber auch Künstler an. Unabhängig davon hatte in Fürstenwalde früher auch ihr Großvater Hermann Adler, gelebt, der dort zwar 1926 bereits verstorben war, aber noch immer wohnte dort ihr Onkel Georg, und auch ihre Eltern hatten sich 1937 bis zu ihrem Umzug nach Wiesbaden im folgenden Jahr dort niedergelassen. Idel Rawinsky hatte damals als Hausmeister in einem Kino eine, wenn auch wohl eher schlecht bezahlte Arbeit gefunden.

Die Entscheidung Gertruds, diesen doch recht attraktiven Ort zu verlassen und nach Dellbrück zu gehen, scheint weniger etwas damit zu tun gehabt zu haben, dass ihre Eltern dort geheiratet und einen Teil ihres Lebens dort verbracht hatten, als mit einer Freundin namens Hildegard Kreischer aus Dellbrück, die sie während ihres Aufenthalts in Dresden kennengelernt hatte, und die sich ebenfalls als Malerin bezeichnete. Bei ihr verbrachte sie wohl die Sommermonate 1937. Im Herbst ging Hildegard Kreischer nach Wien, eigentlich um dort Kunst zu studieren. Auch Gertrud erhielt – ausdrücklich „letztmalig“ – ein Visum für Österreich, ausgestellt in München.[39] Keine von beiden nahm aber das Studium auf.

Dènes Dubovitz mit seiner Frau Gertrud und Sohn Peter
Privat

Noch im selben Jahr, genauer: am 2. November 1937, meldete sich Gertrud stattdessen nach Budapest ab.[40] Und wiederum nur zehn Tage später, am 12. November, heiratete sie dort den 1913 in der ungarischen Hauptstadt geborenen Dénes Dubovitz. Aufgrund der kurzen Zeitspanne zwischen ihrer Ankunft in Budapest und der Eheschließung muss man davon ausgehen, dass sich beide schon seit längerer Zeit kannten. Wahrscheinlich waren sie sich in Wien begegnet als Gertrud dort Kunst studierte und Dénes, der eigentlich an der Universität in Budapest eingeschrieben war, im Sommer 1936/37 ein Gastsemester an der Wiener medizinischen Fakultät absolvierte. Sein Vater, Hugo Dubovitz, von Beruf Chemieingenieur, war ein konvertierter Jude, und seine Mutter Margit war ebenfalls die Tochter eines jüdischen Konvertiten, der anstelle seines jüdischen Namens Grünbaum den Namen Garami angenommen hatte. In der Ehe von Hugo Dubovitz und Margit Garami wurden zwei Söhne geboren, von denen der jüngere Dénes der Ehemann von Gertrud Rawinsky wurde.[41]

Dieser hatte Philosophie und Medizin studiert und stieg, nachdem er zunächst bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Landarzt tätig gewesen war, zum Chefarzt einer Klinik und dann als Manager im ungarischen Gesundheitsministerium auf, wo er ganz wesentlich am Ausbau des nationalen Gesundheitswesens beteiligt war. Zwar gab Gertrud nach der Eheschließung, ihrem Umzug nach Budapest und der Geburt ihres Sohnes Peter am 5. November 1945 ihre künstlerischen Ambitionen wohl auf, aber sie, Mitglied des ungarischen PEN-Clubs,[42] trat stattdessen fortan vielfach als Übersetzerin ungarischer Literatur, besonders von Märchen, in die deutsche Sprache in Erscheinung. Am 20. Mai 2009 verstarb Gertrud Dubovitz im Alter von 92 Jahren in Budapest.[43]

 

Ihr Bruder Hermann, so hatte Gertrud in ihrem Antrag auf Schulgeldbefreiung 1935/36 angegeben, sei angestellter Kaufmann und lebe in „Roitsch“ – muss heißen Roitzsch – im Kreis Bitterfeld. Nach Abschluss seiner Schulzeit hatte er eine kaufmännische Ausbildung als Getreidekaufmann absolviert und eine Anstellung bei der Raiffeisengenossenschaft in seiner Heimatstadt Landsberg gefunden. Schon in seiner Jugend engagierte er sich in der SAJ, der „Sozialistischen Arbeiterjugend“, und war später zwischen 1929 und 1933 auch als Bezirksjugendobmann in der ‚Gewerkschaft der Angestellten‘ aktiv.
Bis 1935 konnte er noch als Kontorist bei einer landwirtschaftlichen Bank und bei verschiedenen Getreidehändlern in Landsberg tätig sein. Danach zog er dann nach Roitzsch bei Bitterfeld, wo er bis 1938 weiterhin als Buchhalter und Lagerist seinen Lebensunterhalt verdiente. In diesem Jahr wechselte er – als Halbjude vermutlich gezwungenermaßen – noch mehrfach seine Arbeitsplätze. Von Luckau in der Niederlausitz, kam er nach Fürstenwalde an der Spree und von dort nach Neuhaus an der Elbe.
Dort heiratete er im Januar 1939 die am 9. Januar 1919 geborene Hedwig Auguste Großmann, die aus einem evangelischen Elternhaus in der etwa 50 km westlich von Stettin gelegenen kleinen Gemeinde Züsedom stammte. Vermutlich hatte er sie bereits während seiner Zeit in Roitzsch kennengelernt, wo ihre Eltern ganz in der Nähe inzwischen lebten.
Offenbar war wohl in Roitzsch bekannt, dass Hermann Rawinsky auch jüdische Wurzeln hatte – möglicherweise war er früher in Landsberg sogar in der Jüdischen Gemeinde aktiv gewesen –,[44] denn vermutlich wurde er deshalb vom Arbeitsamt aus seiner eigentlichen beruflichen Tätigkeit herausgeholt und im Rahmen des „Reichsarbeitsdienstes“ (RAD) zu Straßenbauarbeiten herangezogen.
In Neuhaus fand er dann doch wieder eine Anstellung bei einem Getreidehändler, der bei seiner Hochzeit schon als Trauzeuge fungiert hatte und ihn offenbar auch in der Folgezeit beschützte. In der Beziehung von Hermann und Hedwig Rawinsky waren zwischen 1938 und 1942 insgesamt vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, geboren worden. Sie erhielten alle deutsch klingende Namen, sodass nichts mehr an die auch jüdischen Wurzeln erinnerte. Da auch Hedwig Auguste Rawinsky nach damaliger Begrifflichkeit arisch war, bestand für die Kinder, die mit Idel Rawinsky nur noch einen einzigen rein jüdischen Vorfahren hatten, keine Gefahr mehr, rassistisch verfolgt zu werden.

Hermann Rawinsky mit seinen Kindern in Neuhaus/Elbe, ca. 1944
Privat

 

Idel Rawinsky in Wiesbaden

In den Jahren, als die letzten beiden Kinder von Hermann Rawinsky geboren wurden, rollten die Transporte bereits unaufhaltsam in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten, auch von Wiesbaden aus. Idel Rawinsky, der inzwischen in der einstigen Weltkurstadt lebte, war nicht gezwungen worden, einen der Züge zu besteigen. Aufgrund seines Status als Partner in einer allerdings nur noch formal existierenden Mischehe blieb er zunächst noch verschont.

Wann genau er nach Wiesbaden kam, ist nicht bekannt, da die Meldedaten der Stadt im Krieg zerstört bzw. danach noch vernichtet wurden. Im Wiesbadener Adressbuch von 1938, dem letzten Vorkriegsadressbuch mit Redaktionsschluss 31. Mai 1938, ist der Name von Idel Rawinsky noch nicht verzeichnet. Seine Gestapokarteikarte, die vermutlich, wie die Kartei selbst, im Laufe des Jahres 1938 angelegt wurde, enthält leider kein Zugangsdatum. Aber aus einem 1954 erstellten Bescheid über eine Entschädigung für die Verdrängung aus seiner beruflichen Tätigkeit geht hervor, dass das im Laufe des Jahres 1938 gewesen sein soll.[45] In einer Liste, die die Besatzungsbehörden nach dem Krieg erstellt hatten, ist zwar nicht er, aber seine Frau Gertrud aufgeführt. Sie soll sich demnach am 10. April 1938 in Wiesbaden angemeldet haben, allerdings mit dem Zusatz „m.U.“, was vermutlich „mit Unterbrechungen“ bedeutet.[46] Anzunehmen ist aber, dass auch Idel Rawinsky zu etwa diesem Zeitpunkt nach Wiesbaden kam.
Ein Rätsel ist, weshalb er sich damals, nachdem er in Fürstenwalde keine Arbeitsmöglichkeit mehr hatte, gerade nach Wiesbaden begab. Nicht auszuschließen ist auch, dass er seiner Frau gefolgt war, die mit ihren Berufserfahrungen im Hotel- und Gastgewerbe vielleicht glaubte, in der ehemals florierenden Kurstadt eine berufliche Perspektive finden zu können. Wenn es diese Hoffnung gegeben haben sollte, so muss sie sich bald zerschlagen haben. Wie lange sie damals in Wiesbaden blieb, ist nicht bekannt. Aber als die Gestapokarteikarte für ihren Mann erstellt wurde, muss sie die Stadt bereits wieder verlassen haben, denn auf ihr ist der Vermerk „Ehefrau in Neuhaus / Elbe“ zu lesen.

In diesem Ort, 60 km südwestlich von Schwerin, war im gleichen Jahr Gertrud Rawinskys Enkelin Brunhilde geboren worden, weshalb es naheliegend ist, dass die Großmutter damals zur Familie ihres Sohnes zog. Aus einer Meldekarte, die von der Gemeinde Clausthal-Zellerfeld ausgestellt wurde, geht hervor, dass sie bis Ende April 1939 in Neuhaus blieb, dann aber als Köchin bzw. Mamsell für etwa vier Monate in den Harzer Kurort ging, um im dortigen Hotel ‚Voigtlust’ in der Küche zu arbeiten. Am 8. September 1939 kehrte sie dann wieder nach Neuhaus zurück. Zudem ist auf der Meldekarte in der Zeile über den Familienstand neben „verh“ auch bereits in Klammern „getr“ für „getrennt“ eingetragen.[47]
Die Hintergründe für die Trennung sind nicht bekannt, aber es ist absolut unwahrscheinlich, dass die jüdischen Wurzeln von Idel Rawinsky dabei eine Rolle spielten. Die Ehe blieb über die ganzen weiteren Jahre des Kriegs zumindest formal bestehen. Die erst 1946 vollzogene Scheidung erlangte durch Beschluss des Landgerichts Wiesbaden am 15. Januar oder September 1947 Rechtskraft.[48] Wenn seine Frau sich von ihm aus rassischen Gründen hätte trennen wollen, dann hätte sie sicher darauf bestanden, dass die Ehe früher auch formal beendet worden wäre, denn so sicherte sie Idel Rawinsky auch weiterhin den Schutz, den der Staat Partnern in Mischehen noch zugestand.
So blieb Idel Rawinsky 1938 mit einem stets gefährdeten Schutz alleine in Wiesbaden zurück. Auch eine lukrative Arbeitsstelle fand er dort nicht mehr. In dem in Theresienstadt erstellten Lebenslauf heißt es, er habe zunächst in einem Kino in dem heute zu Wiesbaden gehörenden Vorort Bierstadt als Hausmeister und Platzanweiser gearbeitet. Erst im November 1938 habe er eine Anstellung – allerdings auch nur als Hilfsarbeiter – bei der renommierten Kamerafabrik ‚Wirgin’ gefunden. Diese Angabe ist allerdings mit Skepsis zu betrachten, denn ‚Wirgin’ war ein Unternehmen in ursprünglich jüdischer Hand. Die Eigentümer, die aus dem polnischen Radon stammenden Brüder Heinrich, Max, Josef und Wolf Wirgin waren zum Teil bereits zuvor aus Deutschland ausgewiesen worden, und das letzte Mitglied der Familie, Heinrich Wirgin, emigrierte noch 1938 in die USA, nachdem die Firma arisiert worden war.[49] Es kann sich daher nur um eine sehr kurze, vielleicht nur wenige Tage dauernde Anstellung gehandelt haben, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass der Neubesitzer, der Unternehmer Dr. Carl Schleussner aus Frankfurt a. M., weiterhin Juden in seiner Firma auf Dauer beschäftigte.
Eine Unterkunft in Wiesbaden fand er 1938 zunächst im Haus am Sedanplatz 2 bei der vierköpfigen, jüdischen Familie Saal. Josef Saal besaß früher einmal ein Manufakturwarenversandgeschäft. Auch er war Ostjude, stammte allerdings aus dem früher zur K&K-Monarchie gehörenden Westgalizien, kam also nicht aus Russland wie Idel Rawinsky. Nachdem Joseph Saal im September 1939 kurzzeitig verhaftet worden war, floh er nach Belgien. Seine Frau folgte ihm mit den Kindern im Januar 1940. Josef Saal verstarb bald danach in Belgien, seine Frau und die Kinder überlebten aber dort ihren illegalen Aufenthalt im Untergrund und kehrten – wie Idel Rawinsky – nach dem Krieg nach Wiesbaden zurück.
Vermutlich war die Flucht der Familie Saal der Grund, weshalb auch Idel Rawinsky Ende 1939 seine Wohnung wechselte, vielleicht auch wechseln musste. Am 1. Dezember 1939 zog er in die Schlichterstr. 10 zu Karl Reininger, einem österreichischen Juden, der seit 1936 dort eine Wohnung im zweiten Stock angemietet hatte. Seine erste Frau verstarb im folgenden Jahr, aber noch im gleichen Jahr ging er eine neue Ehe mit Berta Strauss aus Pirmasens ein. Aus den Unterlagen des Paares ist bekannt, dass sie nur über wenige finanzielle Mittel verfügten, sodass sie an der Aufnahme eines Untermieters in jedem Fall interessiert sein mussten.

Idel Rawinsky leistete Zwangsarbeit in der städtischen Gärtnerei im Aukammtal
HHStAW 518 6686 (32)

Seit dem 1. Januar 1939 war Idel Rawinsky als arbeitsloser Jude von der Stadt Wiesbaden bis zum 30. September zur „Notstandsarbeit“, sprich Zwangsarbeit, in der städtischen Gärtnerei im Aukammtal verpflichtet worden.[50] Den damals schon über 65-jährigen Mann zwang man, schwerste Arbeiten zu verrichten. Einmal, als er Baumstämme schleppen musste, kam es zu einem Unfall, bei dem ihm die Brust gequetscht wurde, was Verknorpelungen und Verwachsungen zur Folge hatte, an denen er auch später noch immer zu leiden hatte.[51] Ab September war er dann wieder ohne dieses kleine Einkommen und musste von der Jüdischen Gemeinde unterstützt werden. Für kleine Arbeiten, vermutlich auch für die Gemeinde, erhielt er zusätzlich 3 RM pro Woche.[52]

Am 16. März 1940 musste Idel Rawinskys bisheriger Vermieter in das nahe gelegene Judenhaus Herrngartenstr. 11 ziehen. Auf seiner eigenen Gestapokarteikarte ist das Datum des Umzugs in das Ghettohaus nicht vermerkt, aber es liegt nahe, dass das etwa zum gleichen Zeitpunkt geschehen sein wird. Als die Devisenstelle in Frankfurt am 20. Juli 1940 gegen Idel Rawinsky eine Sicherungsanordnung verhängen wollte, sandte sie den Brief an die längst überholte Adresse am Sedanplatz. Durch eine Nachfrage bei der Polizei in Wiesbaden erfuhr die Behörde dann, dass er inzwischen in der Herrngartenstr. 11 „bei Reininger“ wohnte.[53] Das Ehepaar hatte dort im Judenhaus eine 50 qm große Wohnung mit drei Zimmern und einem Mansardenraum gemietet, in der nach Angabe des zuständigen Zellenwarts im Juni 1940 insgesamt fünf Personen gelebt haben sollen.[54] Neben dem Ehepaar Reininger und Idel Rawinsky waren das noch Franziska Horowitz und Eugen Blühdorn.

Idel Rawinsky informiert die Devisenstelle im August 1940 über seine finanzielle Lage
HHStAW 519/3 5943 (6)

Dort erreichte ihn dann im August 1940 doch noch die Post der Devisenstelle mit dem üblichen Formular, auf dem der Angeschriebene seine Vermögens- und Einkommensverhältnisse darzulegen hatte. Idel Rawinsky antwortete umgehend und bat darum, ihm die Anlage eines Sicherungskontos, das zusätzliche Kosten verursacht hätte, zu ersparen. Er habe kein Vermögen und als Einkommen beziehe er von der Jüdischen Gemeinde monatlich einen Betrag von 42 RM zum Lebensunterhalt.[55] Die Formulare hatte er unausgefüllt zurückgesendet, was ihm die Devisenstelle natürlich nicht durchgehen ließ. Am 3. September 1940 forderte er ein neues Formular an, informierte die Behörde zudem, dass er ab sofort unter der Adresse Adelheidstr. 82 zu erreichen sei, wo er seit drei Tagen lebe.[56] Das Formular füllte er, wie verlangt, aus, allerdings ist jede Frage mit einem Strich „beantwortet“: kein Vermögen, kein Einkommen und keine Ausgaben und auch kein Sicherungskonto. Man könnte meinen, dass er sein Leben bereits abgeschrieben hatte, seine Existenz schon selbst nicht mehr wahrnahm.
Allerdings enthält das Formular doch noch einen wichtigen Hinweis zu seiner Frau. Er gab an, dass seine von ihm getrennt lebende Frau sich gegenwärtig in Westensee bei Kiel aufhalte.[57] Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie dorthin irgendwelche verwandtschaftlichen Bindungen hatte, aber Westensee ist noch heute eine beliebte Urlaubsregion. Vermutlich hatte sie dort damals während des Sommers wieder Arbeit in einem Hotel oder Restaurant gefunden.

Die Devisenstelle verzichtete angesichts der finanziellen Verhältnisse von Idel Rawinsky auf die Anlage eines Sicherungskontos und gewährte ihm einen monatlichen Freibetrag von 50 RM.[58] Zwar hatte er ohnehin nicht mehr zum Leben, aber ihm diesen Betrag als Freibetrag zu gewähren, ist an Zynismus kaum zu überbieten.
Das Haus, die Adelheidstr. 82, besaß seit vielen Jahren die Familie des jüdischen Pferdehändlers Grünebaum und wurde laut Jüdischem Adressbuch von 1935 in den Dreißigerjahren von einer ganzen Reihe jüdischer Mieter bewohnt. Aber es war zu keinem Judenhaus geworden, da es spätestens 1938 arisiert worden war und inzwischen einem Lackierermeister Helm gehörte. Von den ehemaligen jüdischen Bewohnern lebten dort im Erdgeschoss nur noch Alfred und Jenny Scherer, die früher einen Tabakladen in Wiesbaden besaßen. Da es den beiden finanziell nicht sehr gut ging, hatten sie, so heißt es in dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse, eines ihrer Zimmer vermieten müssen.[59] Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Idel Rawinsky ihr damaliger Untermieter war. Eigenartig ist allerdings, dass er auf dem Formular, das ihm die Devisenstelle zugesandt hatte, diese Miete – wie oben bereits erwähnt – nicht angegeben hatte. Sie kann allerdings auch nicht sehr hoch gewesen sein, denn ein Einkommen hatte er damals selbst nicht. Die Vermieter durften immerhin 200 RM von ihrem gesperrten Konto abheben. Vielleicht hat man das wenige untereinander solidarisch geteilt, vielleicht hat auch Idel Rawinsky mit seinem technischen Wissen immer wieder einmal kleine Gelegenheitsarbeiten gegen Geld verrichten können. In jedem Fall wird es für alle drei eine Zeit arger Not gewesen sein.

Nur vier Monate blieb Idel Rawinsky dort wohnen, dann zog er am 2. Januar 1941 weiter in die Adolfsallee 30, wo er die nächsten eineinhalb Jahre bis zum 31. Oktober 1942 verbrachte. Da es sich bei diesem Haus um ein Judenhaus handelte, das sich im Besitz der am 1. September 1942 deportierten Eheleute Felix und Jenny Kaufmann befand,[60] muss man davon ausgehen, dass der Wechsel nicht freiwillig, sondern unter Zwang stattgefunden hatte.

Beleg für den Einsatz als Zwangsarbeiter
HHStAW 518 6686 (33)

Vom 1. September 1941 „verbesserte“ sich seine Situation insofern, als er erneut zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde und nun 15 RM in der Woche, somit rund 60 RM im Monat, zur Verfügung hatte. Die Firma Moeller in Bad Schwalbach bestätigte nach dem Krieg diese Anstellung, allerdings nicht als Zwangsarbeiter, sondern als „Metallhilfswerker“. Die Höhe des Lohns verschwieg man ebenfalls.[61]

Idel Rawinsky hatte 1942 mit ansehen müssen, wie seine Glaubensgenossen in den letzten Monaten in vielen kleinen, aber auch drei großen Deportationen, die letzte am 1. September 1942, aus Wiesbaden in den Tod abtransportiert wurden. Wie erlebt man so etwas? Wie geht man damit um, wenn man doch eigentlich den gleichen Gang auch hätte antreten müssen und nur dank einer letztlich völlig absurden Bestimmung noch verschont blieb? Zuletzt gab es nur noch wenige, die das gleiche fragwürdige Glück teilten: Menschen, mit denen man sich vielleicht über diese irreale Situation austauschen konnte. Was überwog: die Gefühle und Gedanken – die Angst vor dem, was kommen würde, die Betroffenheit über das, was bereits geschehen war, oder die Dankbarkeit, noch am Leben zu sein? Vielleicht wurden all diese Gedanken überlagert von der Sorge, irgendwie die nächsten Stunden, den nächsten Tag bewältigen zu müssen.

Über sein Leben in all diesen Monaten liegen keine weiteren Zeugnisse oder Dokumente vor. Ein erstes Lebenszeichen nach der letzten Korrespondenz mit der Devisenstelle trägt das Datum vom 15. Oktober 1942, ein an ihn gerichteter Brief des örtlichen Büros der ‚Reichsvereinigung der Juden in Deutschland’, die unter dem Vorsitz von Berthold Guthmann ihren Sitz noch in der Wiesbadener Bahnhofstr. 25, dem Haus des Vorsitzenden, hatte.
In dem Brief heißt es:
„Wir teilen Ihnen mit, daß beabsichtigt ist, Ihnen ein Zimmer Rheinstr. Nr. 81, Gartenhaus II. Stock als Untermieter der dort nun verziehenden Eheleute Hermann Meyer, z.Zt. Cheruskerweg 3 wohnhaft, zuzuweisen. Wir beziehen uns deshalb auf die mit Ihnen gehabte Rücksprache; der Antrag für Meyer läuft noch beim Städt. Wohnungsamt, die Wohnung Rothschild-Levitta ist noch vom Finanzamt zu räumen.
Sobald Sie sich mit Herrn Meyer verständigt haben, wollen Sie uns benachrichtigen, damit auch für Sie der Antrag beim Wohnungsamt gestellt wird.“

Die Bezirksstelle Wiesbaden der Reichsvereinigung weist Idel Rawinsky in das Judenhaus Rheinstr. 81 ein
Yad Vashem Archiv O.8 43.2 (212)

Ein ähnlicher Brief ging zum gleichen Zeitpunkt an Hermann Meyer, der ebenfalls in einer Mischehe lebte und mit seiner evangelischen Frau aus dem inzwischen arisierten Judenhaus Cheruskerweg 3 auch in das Judenhaus in der Rheinstraße umziehen musste. Nach den Massendeportationen hatte es allerdings diese Funktion inzwischen im Wesentlichen verloren bzw. war zu einer Sammelunterkunft für Mischehen oder einzelne Partner aus solchen Ehen – wie etwa Idel Rawinsky – geworden. Auch das städtische Wohnungsamt wurde von den Plänen des Büros der ‚Reichsvereinigung’ unterrichtet.

Bei dem zitierten Schreiben handelt es sich um eines der wenigen Dokumente, die die Rolle der ‚Reichsvereinigung’ zumindest bei der konkreten Wohnungszuweisung in Wiesbaden belegen. Zwar steht außer Frage, dass die Leitlinien der Politik durch die Gestapo vorgegeben waren, ob es aber für diesen konkreten Wechsel eine solche Anweisung gab, ist nicht zu erkennen. Man gewinnt eher den Eindruck, dass das Büro der ‚Reichsvereinigung’ die Organisation und Durchführung der Einweisungen doch weitgehend in den eigenen Händen hatte. Zumindest gegenüber dem städtischen Wohnungsamt tritt es als Initiator und nicht als ausführendes Organ auf. Zu bedenken ist allerdings, dass es jetzt nach den großen Deportationen nur noch wenige Jüdinnen und Juden in der Stadt gab. Ob das auch in der Zeit davor der Fall war, als Hunderte ihre Wohnungen wechseln mussten, ist angesichts der dürftigen Quellenlage nur schwer zu beurteilen.

Auch dieser Wohnungswechsel war an der Devisenstelle vorbeigegangen. Offenbar hatte ein Schreiben Idel Rawinsky wieder mal nicht erreicht und war zurück an den Absender geschickt worden. Den Umzug in die Adolfsallee hatte man dort gar nicht registriert und das Schreiben wieder einmal an die längst überholte Adresse in der Adelheidstraße geschickt. Die neue Anschrift, die dem Wohnungsamt ja bekannt war, hatte man von dort aus nicht an die Frankfurter Behörde weitergeleitet. Wie schon mehrfach festgestellt, offenbart auch dieser Fall deutliche Kommunikationsmängel innerhalb des diktatorischen Herrschaftssystems. Eine völlige Überwachung und Kontrolle, wie gemeinhin angenommen wird, gab es offenbar zumindest im Hinblick auf die jeweiligen Wohnanschriften nicht. Der Apparat war somit immer wieder auf die aktive Mithilfe der Unterworfenen selbst angewiesen, wollte er seine Ziele durchsetzen. Am 24. Dezember teilte das Wohnungsamt der Devisenstelle die neue Adresse von Idel Rawinsky in der Rheinstr. 81 mit.[62] Er selbst wurde dann am 29. Dezember auf seine Pflicht aufmerksam gemacht, dass er jeden Wohnungswechsel selbst unverzüglich der Behörde zu melden habe. Ein weiteres Versäumnis dieser Art werde unweigerlich strafrechtliche Konsequenzen haben.[63]

 

Die Deportation

Das letzte Dokument in der Devisenakte von Idel Rawinsky ist eine Notiz vom 25. März 1943. Es heißt da: „In der Registratur auf Karteikarte vermerken ‚evakuiert’ u. Verfahren einstellen.“[64]
Mit der „Evakuierung“ war für die Devisenstelle der Fall Idel Rawinsky erledigt, seine Finanzen mussten nicht mehr länger kontrolliert werden. Das Verfahren konnte eingestellt werden.

Ausschnitt aus der „Wanderungsstatistik“ – die zeitliche Abfolge ist nicht richtig
Stadtarchiv Wiesbaden WI/2 2225

Die Abschiebung, die über Frankfurt a. M. und Berlin lief und bei der ihm die Transportnummer 12212-I/90 zugeteilt worden war,[65] hatte allerdings, so der Eintrag auf der Gestapokarteikarte, bereits zehn Tage zuvor am 15. März 1943 stattgefunden. In diesen Märzwochen hatte man begonnen, jetzt auch die Partner in Mischehen zu deportieren. Schaut man in das Dokument, das den unscheinbaren Titel „Wanderungsbewegung der Juden in der Stadt Wiesbaden vom 1. Januar 1934 an“ trägt,[66] in Wirklichkeit aber eine bilanzartige Erfassung der jüdischen Bevölkerung beinhaltet, in der die großen Deportationen nur zahlenmäßig, Einzeldeportationen, Sterbefälle sowie Zu- bzw. Abwanderungen von bzw. nach Wiesbaden aber auch namentlich erfasst wurden, dann offenbart die Auflistung gerade für die Märztage 1943 etwas Grauenhaftes. Zu Idel Rawinsky selbst ist nur vermerkt: „15/3 43 fortgegangen“.[67] Aber nachdem er in den Osten verbracht worden war, kam es in der Stadt unter den dort noch lebenden Jüdinnen und Juden zu einer regelrechten Welle von Selbsttötungen. Am 25. März beging Fanny Birlenbach, geboren Marx, Ehefrau des Nichtjuden Friedrich Birlenbach, als erste Suizid,[68] am folgenden Tag ging Sidonie Görgens, geborene Blumenthal, in den Tod. Für diesen Tag war die mit dem katholisch getauften Heinrich Görgens verheiratete Frau zur Gestapo zwecks anstehender Deportation einbestellt worden.[69] Als Todesursache ist auf ihrer Sterbeurkunde allerdings nicht Freitod, sondern Herzschlag eingetragen, auf ihrer Gestapokarteikarte war man ehrlicher. Dort steht „Selbstmord!“. Wieder einen Tag später wählte Julius Hallheimer die Flucht in den Tod als letzten Ausweg.[70] Seine Frau Elisabeth war evangelisch. Am 28. März ging Leo Lesem, Ehemann einer Katholikin, in den Tod.[71] Und am selben Tag verstarb auch Hermann Meyer, der zum Katholizismus konvertierte und mit einer Katholikin verheiratet war, angeblich an Herzversagen.[72] Hermann Meyer war derjenige, der sich mit Idel Rawinsky die Wohnung in dem ehemaligen Judenhaus Rheinster. 81 geteilt hatte. Die Deportation von Idel Rawinsky war somit das Fanal für viele andere in der gleichen Situation, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Außer ihm trat in diesen Tagen kein anderer den Weg in ein Konzentrationslager an.[73] Erst Ende Mai wurden solche Deportationen vereinzelt wieder aufgenommen.

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Karteikarte von Idel Rawinsky aus Theresienstadt
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Idel Rawinsky hatte noch das Glück, dass er nicht in einem der Vernichtungslager verschwand, sondern „nur“ nach Theresienstadt verbracht wurde, wo es trotz allem zumindest eine Chance zum Überleben gab. Obwohl er dort die Zeit vom März 1943 bis zum Sommer 1945 zubrachte, er somit nach seiner Rückkehr umfassend über das Geschehen und seine persönliche Leidensgeschichte dort hätte Auskunft geben können, machte er im späteren Entschädigungsverfahren nur wenige Angaben. Offenbar fiel auch ihm das Sprechen über das Geschehene schwer. Zehn Jahre nach seiner Rückkehr aus dem KZ stellte er einen Antrag auf eine Heilbehandlung. Da man offenbar nicht davon ausging, dass ihm dort körperlicher Schaden zugefügt worden war, verlangte man von ihm – welch eine Zumutung! – genau zu begründen – „Wie ist der Körperschaden entstanden ? (genaue Angaben über Ursache, Zeitpunkt und Ort) – welche Schäden durch die Verfolgung verursacht worden seien.
Er gab an, unter Herzmuskelschwäche, Herzwassersucht und Bronchitis zu leiden, verursacht durch harte Arbeit. Er habe trotz seines fortgeschrittenen Alters – er war damals knapp 70 Jahre alt – in den ersten zehn Monaten Kohlen schippen, Möbel transportieren und Klosettwache schieben müssen.[74] Sein Anwalt ergänzte, dass sein Mandant bei seiner Rückkehr an Unterernährung und Hungerödemen zu leiden gehabt habe. Allein das Nachfragen nach dem erlittenen Leid, das Insistieren auf konkreten Details, muss jeder der Befragten als Zumutung empfunden haben, verbirgt sich doch hinter jeder dieser Fragen die unausgesprochene Vermutung, der KZ-Aufenthalt als solcher könne nicht so schlimm gewesen sein. Selbstverständlich fand sich auch bei Idel Rawinsky ein Gutachter, der mit seiner „wissenschaftlichen Expertise“ dessen Gebrechen als nicht verfolgungsbedingt klassifizierte. Er, Idel Rawinsky, mache „im ganzen noch einen durchaus rüstigen und jüngeren Eindruck, als es seinem Lebensalter im Allgemeinen entspricht“, heißt es in dem Gutachten – der KZ-Aufenthalt sozusagen ein Jungbrunnen! Aber diese Verleugnung des Leidens war nur eine der vielen Demütigungen, die die Überlebenden der Lager nach dem Krieg über sich ergehen lassen mussten. Da war Idel Rawinsky keine Ausnahme.

Insgesamt waren etwa 140.000 Juden nach Theresienstadt verbracht worden. 118.000 davon kamen um oder wurden umgebracht, entweder in Theresienstadt selbst oder in einem der Vernichtungslager, in die sie von dort mit einem der mehr als 60 Transporte gebracht worden waren. 23.000 wurden gerettet, die letzten, als am 8. Mai 1945 die Rote Armee das Lager befreite, nachdem es wenige Tage zuvor bereits von der SS verlassen worden war.[75]

 

Die Rückkehr nach Wiesbaden

Idel Rawinsky war einer der Überlebenden. Am 8. Juli 1945 kehrte er nach Wiesbaden zurück, erhielt für etwa einen Monat eine Unterkunft im Dambachtal 4. Am 7. August bezog er eine Wohnung im ersten Stock des Hauses Geisbergstr. 4, in der er bis zu seinem Lebensende blieb.

Verwunderlich ist aber, dass er überhaupt nach Wiesbaden kam, obwohl er dort in den für ihn wohl bedrückendsten Jahren seines Lebens kaum Wurzeln geschlagen haben konnte. Vermutlich wusste er aber sonst keinen Ort, wohin er hätte gehen können. Seine alte Heimat, immerhin nun Teil der Sowjetunion, deren Rote Armee auch ihn befreit hatte, litt unter dem Terror des stalinistischen Systems.

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Gertrud Rawinsky wird 1946 ebenfalls in Wiesbaden registriert
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Bald nach seiner Rückkehr muss er Kontakt mit seiner Frau Gertrud aufgenommen haben, die sich während der Kriegsjahre hauptsächlich bei ihrem gemeinsamen Sohn Hermann in Neuhaus an der Elbe aufgehalten hatte. Jetzt kam auch sie für eine längere Zeit zu ihrem Mann nach Wiesbaden, wie aus einer Registrierungskarteikarte der Amerikaner vom 14. Juni 1946 hervorgeht. Auch in einer Auflistung der damals in der Stadt weilenden staatenlosen Personen durch die dortige Polizei ist Gertrud Rawinsky aufgeführt. Demnach war sie vom 12. Juni 1946 bis zum 28. Februar 1947 in der Stadt.[76] In einer weiteren, nach dem Krieg entstandenen Liste ist auch ihre damalige Adresse, die Geisbergstr. 4 vermerkt.[77] Sie hatte damals bis zum Jahresende 1946 zusammen mit ihrem Noch-Ehemann in einer gemeinsamen Wohnung gelebt, war aber dann, vermutlich nach der Scheidung, zuletzt in die Lehrstr. 29 verzogen.[78]

Nach ihrem Aufenthalt in Wiesbaden kehrte Gertrud Rawinsky wieder nach Neuhaus an der Elbe zurück, wo ihr Sohn Hermann mit seiner Familie damals noch immer lebte. Auch nach dessen Umzug 1948 in das nur wenige Kilometer entfernte Schwerin, blieb er weiterhin in der Nähe der Mutter. Im Krankenhaus der nahegelegenen Stadt Hagenow erlag Gertrud Rawinsky am 27. März 1953 im Alter von 69 Jahren einem Schlaganfall.[79]

Idel Rawinsky bestätigt, mit Lucie Lehnart aus Theresienstadt nach Wiesbaden gekommen zu sein
HHStAW 518 6802 I (11)

Idel Rawinsky war 1945 nicht alleine nach Wiesbaden zurückgekehrt. In Theresienstadt hatte er offenbar mit Lucie Lehnart eine Frau kennengelernt, deren Schicksal in vielerlei Hinsicht seinem eigenen glich. Sie war am 25. August 1900 in Breslau geboren worden und war ebenfalls die jüdische Partnerin in einer Mischehe,[80] die allerdings schon 1929 geschieden worden war. Aus dieser Ehe waren auch zwei Kinder, die Tochter Sonja und der Sohn Hardy, hervorgegangen. Am 8. Januar 1944 war Lucie Lehnart in ihrer Heimatstadt Breslau von zwei Gestapo-Beamten aufgefordert worden, mit zur Sammelstelle, der Breslauer Synagoge in der Wallstraße, zu kommen.[81] Der Transport IX/7, auf dem ihr die Nummer 61 zugeteilt worden war, brachte sie noch am selben Tag nach Theresienstadt. Wann und auf welchem Weg sich die beiden in dem Lager kennengelernt hatten, ist nicht bekannt.

Im Rahmen des Entschädigungsverfahrens hatte sie im März 1951 eidesstattlich bestätigt, dass Idel Rawinsky „mit mir zusammen im KZ-Lager Theresienstadt gewesen“ sei. Umgekehrt gab er damals an, dass Lucie Lehnart „mit mir am 7.7.1945 von dort mit dem Transport in Wiesbaden zurück kam“. Beide Formulierungen legen nahe, dass es sich um mehr als nur um eine lockere Bekanntschaft gehandelt haben wird. Sie lebten nach ihrer Rückkehr für viele Jahre zusammen im ersten Stock des Hauses Geisbergstr. 4. Auch der ablehnende Bescheid der Betreuungsstelle Wiesbaden vom 31. Juli 1948, macht deutlich, dass es sich beim Zusammenleben der beiden um kein reines Mietverhältnis handelte. Idel Rawinsky hatte um einen finanziellen Zuschuss für die Anschaffung neuer Möbel gebeten. Dies wurde abgelehnt, „da Herr Rawinsky zusammen mit der in seinem Haushalt lebenden Frau Lenhart (!) monatlich DM 300,– Rente bezieht (…).“ Beiden war jeweils ein Rentenbetrag von 150 DM bewilligt worden. Allerdings ist dies die einzige Quelle, in der von einem gemeinsamen Haushalt die Rede ist.

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So ging man in der Nachkriegszeit mit den aus den KZs zurückgekehrten Opfern um
HHStAW 518 6686 (4, 5)

Allerdings hatten beide auch nicht geplant, sich auf Dauer zusammen in Wiesbaden niederzulassen. Als Idel Rawinsky im DP-Lager, im Lager für ‚Displaced Persons‘, einen Fragebogen der Amerikaner ausfüllen musste, gab er an, nicht in Deutschland bleiben zu wollen, als Staatenloser auch keine deutsche Staatsbürgerschaft anstrebe. Er wolle vielmehr in die USA auswandern. An anderer Stelle in der gleichen Akte nannte er Palästina als Ziel, konnte aber keine genauen Angaben über mögliche Verwandte dort machen.[82] Ganz offensichtlich war er sich unmittelbar nach der Rückkehr aus dem KZ nicht im Klaren darüber, wie es mit ihm und seinem Leben weitergehen könnte.
Ähnlich sah es wohl auch bei Lucie Lehnart aus. Auch sie hatte einen Fragebogen ausgefüllt, in dem sie angab, nicht in Deutschland bleiben zu wollen. Das ursprünglich genannte Zielland, „Palästina“, war durchgestrichen und durch „USA“ ersetzt worden. Sie hatte zunächst die Gründung des Staates Israel als Motivation für ihren Wunsch, dorthin zu gehen, angegeben. Da der Fragebogen aber schon am 5. Februar 1948 ausgefüllt worden war, also ein Vierteljahr vor der tatsächlichen Staatsgründung, kann sie sich damals nur auf die Verabschiedung der entsprechenden UN-Resolution vom November 1947 bezogen haben. Ihr später formulierter ausdrücklicher Wunsch „Ich möchte nach U.S.A.“ wird sich vermutlich zum einen vor dem Hintergrund des ersten Nahostkrieges ergeben haben, wie man aus einem zweiten Datum, dem 4. November 1949, am Ende des korrigierten Fragebogens schließen kann.[83]
Zum anderen und wahrscheinlich sogar wichtiger könnte für diese Neuorientierung ein anderer Grund gewesen sein: Ihre Schwester Clara, verheiratete Hamburger, war inzwischen, im Januar 1948 aus Shanghai, wo sie mit ihrem Mann Walter und ihrem Sohn Frank, vermutlich zuletzt nach der japanischen Besetzung unter schlimmsten Bedingungen im dortigen Ghetto die NS-Zeit überlebt hatte – die Familie war im April 1939 dorthin ausgereist – in San Francisco angekommen und hatte dort die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt.[84] Idel Rawinsky hatte auf seinem Fragebogen den Namen von Clara Hamburger in San Francisco als Kontakt in den USA angegeben.[85] Da aber die Familie von Lucies Schwester erst vor so kurzer Zeit in Kalifornien angekommen war, wird sie kaum in der Lage gewesen sein, die Anforderungen zu erfüllen, die von den US-Behörden für eine gemeinsame Übersiedlung von Lucie Lehnart und Idel Rawinsky, die zudem nicht verheiratet waren, gestellt wurden.

Vielleicht waren es auch die Unwägbarkeit der Situation generell, die Angst vor den fremden Ländern USA oder Palästina, die Furcht, in einen neuen Krieg zu geraten, die letztlich dazu führten, dass sie beide sich entschieden, zumindest zunächst doch in Deutschland zu bleiben, zumal Idel Rawinsky inzwischen um die 70 Jahre alt und von der Zeit im KZ erheblich geschwächt war. Aus der vielleicht zunächst vorläufigen Entscheidung wurde dann eine endgültige.

Viel weiß man nicht über die Jahre, die Lucie Lehnart und Idel Rawinsky in ihrer Wohnung in der Geisbergstr. 4 verbrachten. Wie genau die Wohnsituation bzw. die Mietverhältnisse aussahen und wie groß die Wohnung insgesamt war, ist nicht mehr rekonstruierbar. Zeitweise muss auch Lucies Sohn Hardy dort gewohnt haben. Zumindest ist er im Wiesbadener Adressbuch von 1950 mit derselben Adresse verzeichnet. In einem Antrag aus dem Jahr 1949 heißt es sogar, dass sie als Rentnerin ihren kranken Sohn unterstützen müsse.[86]

Vermutlich traten Idel Rawinsky und Lucie Lehnart zumindest gegenüber den Behörden nicht als Paar auf, um jeweils eigene Ansprüche geltend machen zu können. Dass daraus finanzielle Nachteile erwachsen konnten, hatte sich in dem bereits zitierten Bescheid vom Juli 1947 gezeigt, in dem eine Unterstützung zum Kauf neuer Möbel mit dem Verweis auf den gemeinsamen Haushalt abgelehnt worden war. Man hatte damals von Idel Rawinsky verlangt, er solle die nach seiner Rückkehr aus dem KZ bei Nazis beschlagnahmten Möbel für die  Erstausstattung seiner Wohnung wieder an diese zurückgeben. Er habe, so hieß es, inzwischen Zeit genug gehabt, sich eigene Möbel zu beschaffen, zumal er inzwischen auch über ein eigenes Einkommen verfüge.[87] Tatsächlich verdiente er mit der Reparatur und dem Verkauf von Nähmaschinen in den Jahren 1946 und 1947 jeweils ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von etwa 1.500 RM. Er selbst gab dazu im Januar 1949 – also nach der Währungsreform – an, dass ihm nach Abzug der Steuern und Unkosten von dem monatlichen Verdienst von etwa 100 DM nur noch etwas mehr als 50 DM zum Leben bleiben würden. Seine Rente wurde ihm im selben Monat wegen seines Arbeitseinkommens – er war inzwischen 73 Jahre alt! – von der Städtischen Betreuungsstelle von bisher 150 DM auf 100 DM herabgesetzt. In den folgenden Jahren 1949 bis 1952 konnte er sein Jahreseinkommen aus seinem kleinen Gewerbe noch einmal von etwa 1.000 DM auf etwas mehr als 3.000 DM steigern. Im folgenden Jahr 1953 war er dann mit 78 Jahren in den Ruhestand eingetreten.

Zwar hatte Idel Rawinsky nach seiner Ankunft in Wiesbaden aus verschiedenen Fonds Geld zum Überleben erhalten, aber immer mit dem Hinweis, dass dies bei späteren Entschädigungszahlungen angerechnet werden würde.

So wurde ihm im März 1951 für seine Haftzeit von etwa 2 Jahren und 3 Monaten in Theresienstadt eine Haftentschädigung von 3.750 DM zugesprochen, wobei die etwa zwei Monate, die er sich nach der Befreiung des Lagers noch in Theresienstadt aufhielt, nicht anerkannt wurden. Nach Abzug aller Vorschüsse wurden ihm schließlich in zwei Raten nur noch einmal 295 DM und dann noch einmal 445 DM ausgezahlt – dies sechs Jahre, nachdem er das KZ verlassen hatte.

Beide gesundheitlich angeschlagen und finanziell in eher bescheidenen Verhältnissen lebend, führten Idel Rawinsky und Lucie Lehnart – wie alle Rückkehrer – über viele Jahre einen deprimierenden und entwürdigenden Kampf um Entschädigungen, überhaupt um Anerkennung des erfahrenen Leids.

Noch 1953 schrieb Lucie Lehnart an den Regierungspräsidenten:
“Von meinem geschiedenen Ehemann erhalte ich seit November d. J. Unterhalt in Höhe von DM 50,- monatlich. Diese Unterhaltsleistung bitte ich von meiner Rente nicht in Abzug zu bringen, da ich mir dringend notwendige Haushaltsgegenstände anschaffen muss, deren Beschaffung mir bisher wegen Geldmangels unmöglich war. Ich erhalte ein Zimmer, das ich selbst zu möblieren habe. Hinzu benötige ich ein Bettcouch, einen Zimmerofen, 4 Stühle und Gardinen. Ausserdem muss ich das Zimmer instand setzen lassen. Auch war die Anschaffung eines Wintermantels im Betrage von DM 80,- für mich unumgänglich. Das Geld hierfür habe ich mir leihen müssen und muss es nunmehr zurückzahlen. Damit ich nicht weiterhin verschulde, bitte ich nochmals, mir die von meinem geschiedenen Ehemann gezahlte Unterhaltsleistung auf meine Rente nicht anzurechnen.“[88]

Und im März des folgenden Jahres wendete sich der inzwischen fast 80-jährige Idel Rawinsky mal wieder mit der Bitte an den Regierungspräsidenten, ihm einen Vorschuss auf seine Entschädigung für den Schaden an seinem wirtschaftlichen Fortkommen zu gewähren: „Mein Einkommen ist zur Zeit nichts. (…) Meine Miete beträgt 109,89 DM. An Untermiete erhalte ich nichts. Ich habe einen Mietstreit, der noch nicht entschieden ist.
Ich bin ohne eine Beihilfe und auf die öffent. Fürsorge angewiesen. Schulden habe ich keine.“

RawinskyRawinskyNoch 1953 musste Idel Rawinsky um materielle Unterstützung bitten
HHStAW 518 6686 (72)

 

 

 

 

 

Bis 1954 waren ihm insgesamt 7.010 DM an Entschädigungsgeldern aus verschiedenen Ansprüchen ausgezahlt worden, mindestens 2.700 DM standen ihm noch zu.

1956 bewilligte man auch ihm zusätzlich die inzwischen gesetzlich generell festgelegte Soforthilfe von 6.000 DM für sogenannte Rückwanderer, und ab September des folgenden Jahres wurde ihm eine monatliche Rente von 294 DM als Entschädigung für den Schaden in seinem beruflichen Fortkommen ausgezahlt. Obwohl die Rente in den folgenden Jahren an die steigenden Lebenshaltungskosten angepasst wurde, blieben die Lebensumstände für beide prekär.

Auszug aus der Mitgliederliste der Jüdischen Gemeinde Wiesbadens nach dem Krieg
Yad Vashem Archiv M.7 1080

Inwieweit sie Unterstützung und auch einen emotionalen Rückhalt in der neu gegründeten Jüdischen Gemeinde fanden, ist nicht zu sagen. Beide waren nach ihrer Ankunft in Wiesbaden bald deren Mitglieder geworden. Das ist weniger verwunderlich im Hinblick auf Lucie Lehnart, die sich – anders als Idel Rawinsky – nie von ihrem jüdischen Glauben losgesagt hatte. Die Jüdische Gemeinde stellte 1956 eine Bescheinigung aus, dass sie seit dem 9. Juli 1945, also unmittelbar nach der Zuwanderung aus Theresienstadt, ihr Mitglied wurde. Aber auch Idel Rawinskys Name taucht auf einer Liste der Wiesbadener Gemeindemitglieder von 1945 auf, die in Yad Vashem verwahrt wird.

Idel Rawinsky (links Lucie Lehnart) auf einer der ersten Feiern zum Pessachfest in Wiesbaden nach 1945
Privat

Dass auch er wieder zurück zu seinen jüdischen Wurzeln fand, legt auch ein Foto nahe, das ihn und Lucie Lehnart bei einer Feier des Pessach-Festes in Wiesbaden in einem der Nachkriegsjahre zeigt. Beide wurden nach ihrem Tod auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße beigesetzt. Idel Rawinsky verstarb am 11. Januar 1962 im Alter von 86 Jahren in den Städtischen Kliniken.[89] Lucie Lehnart verstarb am 18. Juni 1968.[90]

 

Idel mit seiner Tochter Gertrud in Wiesbaden, ca. 1960
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v.l.n.r. Idels Sohn Hermann, Lucie Lehnart, Idel Rawinsky, Enkel Günter,
vermutlich im Kurpark Wiesbaden, ca. 1947/1948
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Vor seinem Tod hatte Hermann Rawinsky, der mit seiner Familie in der inzwischen gegründeten DDR lebte, seinen Vater noch in Wiesbaden besuchen können, wie ein Foto belegt, das ihn zusammen mit Lucie Lehnart und seinem jüngsten Sohn vermutlich im Kurpark zeigt. Auch seine Tochter Gertrud kam aus Budapest zumindest ab 1957 bis zu seinem Tod jährlich im Sommer – beide hatten im August wenige Tage nacheinander Geburtstag – immer für mehrere Wochen nach Wiesbaden. Auch war sie es, die seine Beerdigung organisiert hatte.

Idel Rawinskys Grab auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße
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Am 22. Januar 1962 wandte sie sich von Wiesbaden – sie wohnte in der Geisbergstr. 4, der Wohnung ihres verstorbenen Vaters – mit einer Bitte an den Regierungspräsidenten: Sie wisse nicht, ob ihrem Vater die Rente für den Februar noch zustehen würde, da aber „mit der Bestattung, bzw. dem Krankenhausaufenthalt hohe Kosten verbunden waren, bitte ich Sie , freundlichst zu erwägen, ob meinem Vater – numehr mir, der rechtmäßigen Erbin, nicht ein finanzieller Zuschuß übermittelt werden könnte. Dies wäre vielleicht umso begründeter, als mein lieber Vater soviel wie nichts zurückließ, sein Nachlaß in der Wohnung hat einen Wert von 50 – 80 Mark.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich meiner Bitte, die bei einem so viel und so schwer geprüften Menschen verständlich sein dürfte, wohlwollend annehmen würden.“
[91]
Eine Antwort enthält die Akte nicht, aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Bitte unerfüllt blieb.

 

Veröffentlicht: 06. 06. 2026

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Vorab sei gesagt, dass dieser Artikel über Idel Rawinsky in dieser Form nur dank der Mithilfe und kritischen Begleitung von drei seiner Urenkelfamilien zustande kommen konnte. Viele Quellen über ihn und seine Familie wurden von diesen Nachkommen gefunden und ohne Zögern für diese Dokumentation zur Verfügung gestellt. Ihnen allen gilt mein allerherzlichster Dank für die Unterstützung.

[2] In den Dokumenten wird durchweg die damals übliche Schreibweise Kischinew verwendet. Sie wird auch in diesem Text, obwohl inzwischen veraltet, benutzt.

[3] Siehe zu dem im Folgenden grob skizzierten politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der Pogrome im zaristischen Russland Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 74-85.

[4] Diese Angabe findet sich in allen Unterlagen aus den Entschädigungsverfahren, aber auch schon auf der Gestapokarteikarte. Allerdings ist nicht bekannt, ob die Angabe auf dem Julianischen oder dem Gregorianischen Kalender basiert. Sein Name Idel oder Jidel, auch Judel ist die jüdische Form des Namens Yudko bzw. Yehuda, der Name, den sein um 1800 geborener Großvater trug. Dieser war verheiratet mit Genya, geboren um 1822.

[5] Laut seinem Sterbeeintrag soll sein Vater laut der Datenbank in Jewishgen ein Yudko/Yehuda/Yidel/Idel Ravinsky gewesen sein. Die entsprechende Seite in jewishgen.org ist nur nach vorheriger Registrierung und weiterer Suche zu finden. Ein direkter Zugriff ist nicht möglich.

[6] https://infocenters.co.il/btarc/multimedia/images/DOCUMENTS/%D7%97%D7%95%D7%AA%D7%9E%D7%95%D7%AA%20%D7%9E%D7%99%D7%9D%202/982.59.385.jpg. (Zugriff: 20.10.2023). Wer diesen Lebenslauf wann und zu welchem Zweck erstellt hatte, ist nicht bekannt.

[7] Archiv Technikum Mittweida T 18788.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Das genaue Sterbedatum soll nach Jewishgen.org der 30.3.1902 gewesen sein. Die entsprechende Seite in jewishgen.org ist nur nach vorheriger Registrierung und weiterer Suche zu finden. Ein direkter Zugriff ist nicht möglich

[11] Chaim Nachman Bialik hat mit seinem Poem, „Die Stadt des Schlachtens“ – auch andere Übersetzungen des Titels sind bekannt – für die grauenvollen Ereignisse während dieses ersten Pogroms im 20. Jahrhundert eine literarische Form gefunden, die in ihrer Eindringlichkeit an Paul Celans „Todesfuge“ erinnert. Siehe auch die Fotos unter https://www.bessarabica.info/albums/100061?lang=en. (Zugriff 10.02.2026).

[12] Melderegister Mittweida 1733 / 1903.

[13] Stadtarchiv Chemnitz: Historische Meldebücher III Ra, Seite 100.

[14] Melderegister Mittweida 1699 / 1904.

[15] Archiv Technikum Mittweida ZB 4Q 154.

[16] Archiv Technikum Mittweida T 18788.

[17] Ebd.

[18] HHStAW 518 6686 B (57). In seinem Heiratseintrag ist sein Beruf ebenfalls mit Ingenieur angegeben.

[19] HHStAW 518 6686 (3, 8). Zwar gab es seit 1899 in Deutschland den geschützten Begriff des ‚Dipl. Ingenieurs‘, zuvor auch schon den Dr. Ing., aber der bloße Ingenieur war keine geschützte Berufsbezeichnung und konnte daher mit Techniker oder Mechaniker gleichgesetzt werden. Erst seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde er in Deutschland geschützt, so die Auskunft des VDI.

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Pintsch_AG. (Zugriff: 20.10.2023).

[21] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02020201_1/1336/149040454/001.jpg. (Zugriff: 20.10.2023). Hermann Adler war, ähnlich wie sein Schwiegersohn, ein Techniker, Schlossermeister und Tüftler, der sowohl Maschinen als auch Orgelpfeifen herstellte, wie man den Adressbüchern und Gewerbeverzeichnissen der Stadt Frankfurt a.d. Oder entnehmen kann.

[22] Heiratsregister Köln 514 / 1913.

[23] Geburtsregister Köln 1699 / 1914. Interessant ist der Vermerk im Taufbuch der evangelischen Pfarrgemeinde Köln-Bayerthal, KB Taufen 1899-1920, laut dem am 3.9.1936 für Hermann ein Taufschein ausgestellt wurde. Ein solcher Beleg dafür, dass man kein Geltungsjude, sondern christlich erzogen war, wurde in dieser Zeit unbedingt wichtig.

[24] Eine Geburtsurkunde konnte nicht gefunden werden, das Geburtsdatum ist aber auch belegt im Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien (= UAAbKW), Studierendenakt (Stud) Nr. 1566 Gertrud Rawinsky. Der Taufeintrag befindet sich im Kirchenbuch der evangelischen Kirchengemeinde Bad Oeynhausen, Taufen 1909-1925.

[25] https://infocenters.co.il/btarc/multimedia/images/DOCUMENTS/%D7%97%D7%95%D7%AA%D7%9E%D7%95%D7%AA%20%D7%9E%D7%99%D7%9D%202/982.59.385.jpg. (Zugriff: 20.10.2023).

[26] Eine Einwohnermeldekartei wurde in Bremen erst 1930 angelegt. Interessant ist allerdings, dass sich Gertrud Rawinsky 1939 noch einmal vom 5.12 bis zum 26.12.1939 alleine in Bremen aufhielt. Damals wurde eigens eine Meldekartei für sie angelegt. Vermutlich hatte sie dort während des Weihnachtsgeschäfts eine Anstellung als Aushilfe im Gastgewerbe gefunden.

[27] Archiv der Stadt Schwerin, Personalbogen Hermann Rawinsky 1972.

[28] HHStAW 518 6686 (104). Am 21.1.1931 wurde die Anmeldung vom Steueramt Landsberg bestätigt.

[29] Siehe https://infocenters.co.il/btarc/multimedia/images/DOCUMENTS/%D7%97%D7%95%D7%AA%D7%9E%D7%95%D7%AA%20%D7%9E%D7%99%D7%9D%202/982.59.385.jpg. (Zugriff: 20.10.2023).

[30] Ebd. (29, 62).

[31] Ebd. (29).

[32] Siehe auch im Weiteren Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien, Studierendenakt (Stud) Nr. 1566 Gertrud Rawinsky.

[33] Zu Herbert Böckl siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Boeckl. (Zugriff: 20.10.2023).

[34] Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien, Stud.-Akte Nr. 1566 Gertrud Rawinsky.

[35] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Oskar_Simonson-Castelli. (Zugriff: 30.9.2025).

[36] Zur Akademie Castelli siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Oskar_Simonson-Castelli. (Zugriff: 20.10.2023).

[37] BArch R 58/9692, Karteikarte „Gestapo-Verfolgte“ vom Reichssicherheitshauptamt.

[38] Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien, Studierendenakt (Stud) Nr. 1566 Gertrud Rawinsky.

[39] WStLA Historische Meldeunterlagen Gertrud Rawinsky, Stadt Wien.

[40] Ebd.

[41] Margit Garami unterhielt in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts enge Beziehungen zu den Protagonisten der in Wien damals in Mode gekommenen psychoanalytischen Bewegung. Über eine Beziehung zu einem Patienten von Sigmund Freud, der zudem die neue Wissenschaft mit viel Geld unterstützte, bekam die Mutter selbst auch Zugang zu den Kreisen der Psychoanalytiker und durchlief eine Analyse bei dem Freudschüler Ferenczi, der aus Budapest stammte und ebenfalls jüdische Wurzeln hatte. Anschließend nahm sie auch selbst das Studium der Psychoanalyse auf. Sie spezialisierte sich dabei auf dem Gebiet der Kinderanalyse und besuchte in diesem Rahmen auch Seminare bei Sigmund Freuds Tochter Anna, die als Kindertherapeutin einen bedeutenden Ruf genoss. Margit Dubovitz übte in den 30er Jahren in verschiedenen Institutionen des Kinderschutzes und der psychologischen Betreuung von Heranwachsenden wichtige Funktionen im ungarischen Sozial- und Gesundheitswesen aus. Nach dem Krieg und der Niederlage der deutschen Besatzer konnte sie dort noch über viele Jahre ihrem Beruf nachgehen.

[42] https://magyarpenclub.hu/de/tagok/gertrud-dubovitz/. (Zugriff 31.05.2026). Ihr Sohn Peter wurde später ein international bekannter Kameramann, der 2021 verstarb, siehe https://imago.org/news/our-hungarian-friend-peter-dubovitz-passed-away-at-the-age-of-75/. (Zugriff 31.05.2026).

[43] https://magyarpenclub.hu/de/tagok/gertrud-dubovitz/. (Zugriff 31.05.2026).

[44] Darauf deutet auch die Nachfrage hin, die ein „ehemaliger Kollegen“ 1976 an den Jüdischen Suchdienst richtete. Wegen eines Jahrgangstreffens nach 50 Jahren wollte er Hermann Rawinsky kontaktieren. Dieser sei damals in Landsberg / Warthe Mitglied der jüdischen Gemeinde gewesen. Leider konnte man dem Fragenden damals nicht helfen. Siehe https://collections-server.arolsen-archives.org/G/Part18/06030303/ab/hy/cj/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[45] HHStAW 518 6686 (122).

[46] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0691/1221393/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[47] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02020201_1/1336/149040454/001.jpg.und https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02020201_1/1336/149040454/002.jpg. (Zugriff: 20.10.2023). Auf dieser Meldekarte sind auch die Namen ihrer bereits verstorbenen Eltern und ihr eigener Hochzeitstag eingetragen.

[48] Laut der Beischrift zum Heiratseintrag Köln 514 / 1913 erhielt die Scheidung am 15. September 1947 Rechtskraft, das Stadtarchiv Wiesbaden gab hingegen an, das Urteil sei bereits am 15. Januar rechtskräftig geworden. Idel Rawinsky gab in seinem Entschädigungsverfahren an, die Ehe sei im Mai 1947 geschieden worden, HHStAW 518 6686 (3). In seiner Sterbeurkunde heißt es vage, er sei „angeblich geschieden“. Siehe Sterberegister Wiesbaden 89 / 1962.

[49] Siehe dazu den Artikel ‚Wirgin, Kamerawerke’ im Stadtlexikon Wiesbaden S, 999 f.

[50] Ebd. (32).

[51] Ebd. (153). Seine nach dem Ende des Krieges vorgetragene Bitte bei der Entschädigungsbehörde, man möge ihm doch eine Kur gewähren, um das Leiden durch eine entsprechende Heilbehandlung zu lindern, wurde selbstverständlich mit dem Argument, „der Unfall sei nicht auf nat.soz Verfolgungsmaßnahmen zurückzuführen“, abschlägig beschieden. Ebd. (154).

[52] Ebd. (130).

[53] HHStAW 519/3 5943 (1, 2, 4).

[54] HHStAW 483 10127 (79).

[55] HHStAW 519/3 5943 (6).

[56] Ebd. (7).

[57] Ebd. (8).

[58] Ebd. (9).

[59] Das Aktive Museum Spiegelgasse hat ein Erinnerungsblatt für das Ehepaar Scherer herausgebracht. Gegenwärtig stehen die Erinnerungsblätter leider nicht online zur Verfügung. Alfred und Jenny Scherer wurden am 10.6.1940 über Lublin nach Sobibor deportiert und ermordet.

[60] Siehe zu dem Ehepaar Kaufmann und dem Judenhaus Adolfsallee 30 oben. Im Wiesbadener Adressbuch von 1938 heißt es, dass das Haus im Besitz eines in Genf lebenden Dr. M. Herz sei und von dem Wiesbadener Rechtsanwalt Mogule verwaltet würde. Diese Angabe ist definitiv falsch, da das Finanzamt Wiesbaden am 28.6.1943 beim Amtsgericht beantragte, das Haus der Kaufmanns im Grundbuch auf den Reichsfiskus zu übertragen, was auch geschah. Siehe dazu Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 141 Bl. 2113 Innen.

[61] HHStAW 518 6686 (33). Unter https://chris-schuth.de/firmen-portraits.pdf. (Zugriff: 20.10.2023) findet man ein kleines Porträt der Firma, die als Produzent von Schaltapparaturen ganz sicher eine relevante Funktion für die damalige Rüstungsproduktion hatte. Dass man damals auch Zwangsarbeiter ausbeutete, bleibt in dem Artikel natürlich unerwähnt. Die Firmenporträts unter dem Titel „Wir verbinden Kompetenz – Von der Industrialisierung zur Wissensgesellschaft“ wurden herausgegeben vom VDI Rheingau – Bezirksverein.

[62] HHStAW 519/3 5943 (139:

[63] Ebd. (14).

[64] Ebd. (16).

[65] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01014202/0150/132723461/001.jpg. (Zugriff: 20.10.2023).Bei diesem Transport wurden auch das jüdische Ehepaar Arthur und Anna Straus, geborene Waller, von Frankfurt aus deportiert. Beide waren bis zu diesem Zeitpunkt von der Gestapo zusammen mit der Wiesbadener Familie Guthmann quasi als Nachlassverwalter der Wiesbadener jüdischen Gemeinde im Frankfurter Hermesweg eingesetzt worden und deshalb bisher verschont geblieben. Siehe https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020101/0028/133951852/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[66] Stadtarchiv Wiesbaden WI / 2 2225.

[67] Ebd. Fälschlicherweise wird er in einem Eintrag in Yad Vashem als Deportationsopfer des 1.9.1942 geführt. Tatsächlich erscheint sein Name auf einer Liste mit den damals Deportierten, allerdings in einem separaten Abschnitt, in dem Menschen aufgeführt sind, die möglicherweise deportiert werden sollten, inzwischen aber verstorben waren, z.B. durch kurz zuvor begangenen Suizid, oder, etwa wegen ihrer Partnerschaft in einer Mischehe, doch nicht „evakuiert“ wurden. Anders als die vorherigen Namen sind diese auch nicht mehr alphabetisch sortiert. Siehe https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/79644646?s=Idel%20Rawinsky&t=2953619&p=0. (Zugriff 10.02.2026).

[68] Sterberegister Wiesbaden 700 / 1943.

[69] Sterberegister Wiesbaden 702 / 1943.

[70] Sterberegister Wiesbaden 726 / 1943.

[71] Sterberegister Wiesbaden 716 / 1943.

[72] Sterberegister Wiesbaden 736 / 1943.

[73] Am 15.4.1943 verstarb noch Julie Richter, geborene Isaacson, angeblich an Arterienverkalkung im Polizeigefängnis in Wiesbaden. Auch sie war mit einem evangelisch getauften, allerdings aus der Kirche ausgetretenen Ehemann verheiratet. Vermutlich sollte auch sie deportiert werden.

[74] HHStAW 518 6686 (156, 186).

[75] Benz, Theresienstadt, S. 198-206

[76] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/ITS_DATA_EXPORT_DP/03010101/2473/3782652/001.jpg. und https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0691/1221393/001.jpg. (Zugriff: 20.10.2023).

[77] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0691/1221347/001.jpg. (Zugriff: 20.10.2023).

[78] Siehe oben Anm. 47.

[79] Sterberegister Hagenow 111 / 1953.

[80] Sterberegister Wiesbaden 1386 / 1968.

[81] HHStAW 518 6802 II (202).

[82] https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/79644646?s=Idel%20Rawinsky&t=2953619&p=0. (Zugriff 10.02.2026).

[83] https://collections-server.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0438/156743672/003.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[84] https://www.ancestry.de/search/collections/7949/records/1020178 und https://www.ancestry.de/search/collections/3998/records/4021140. (Zugriff 31.05.2026).

[85] https://collections.arolsen-archives.org/de/document/79644649. (Zugriff 31.05.2026).

[86] https://collections-server.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0438/156743672/002.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[87] HHStAW 518 6686 I (5).

[88] HHStAW 518 6802 I (105). Ob es sich bei dem genannten Zimmer um einen Raum in der eigenen Wohnung handelte, der neu eingerichtet werden musste, oder um ein Zimmer, das untervermietet werden sollte, ist nicht sicher zu sagen. Vermutlich aber eher Letzteres.

[89] Sterberegister Wiesbaden 89 / 1962.

[90] Sterberegister Wiesbaden 1368 / 1968.

[91] HHStAW 518 6686 (o.P.).