Abraham Jankel Jakob Lewin

 

Zu Beginn des Jahres 1939 zog noch ein weiterer alleinstehender Jude in das Judenhaus Rheinstr. 81 ein. Es handelte sich um Abraham Jankel – oder auch Jakob – Lewin, über den fast keine Informationen vorliegen. Obwohl er fast vier Jahre in Wiesbaden lebte, sind offenbar für ihn von den NS- oder den kommunalen Behörden keine Akten angelegt worden. Nicht einmal die Devisenstelle in Frankfurt hatte von ihm Notiz genommen. Möglicherweise sind aber auch die Akten verloren gegangen. So muss sein Lebens- und Leidensweg leider weitgehend im Dunkeln bleiben.
Er soll in einem Ort bzw. einem Städtchen Gelmjaseno in Polen geboren worden sein. Diese Angabe ist auf seiner Gestapokarteikarte und auch in den Listen, die nach dem Krieg von den amerikanischen Besatzungsbehörden erstellt wurden und heute im Arolsen Archiv aufbewahrt werden, notiert.[1] Aber einen Ort mit diesem oder zumindest einem ähnlichen Namen konnte in Polen nicht gefunden werden.
Vermutlich handelt es sich bei Gelmjaseno aber um eine ursprünglich im Russischen Reich gelegene Ortschaft, die erst nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden war. Denn auch sein Geburtstag ist einmal mit dem 6. November 1891, dann mit dem 19. November 1891 angegeben, was sich damit erklärt, dass die erste Angabe auf dem in Russland gültigen julianischen, die zweite auf dem gregorianischen Kalender beruht. Beide Daten sind somit richtig und meinen einen identischen Geburtstag. Wenn sich damit auch die Vermutung bestätigt, dass er ursprünglich aus Russland stammte, so bleibt das Problem mit dem Geburtsort, denn auch in Russland ist kein Ort identifizierbar, der dem genannten Namen ansatzweise entspricht.
Wer die Eltern waren und ob es weitere Verwandte gab, ist ebenfalls nicht bekannt.

Am 11. Januar 1939 kam er – so heißt es auf der Karteikarte der Gestapo – von Mainz, wo er zuletzt in der Martinstr. 40 wohnte, nach Wiesbaden. Erstmals taucht er im Mainzer Adressbuch des Jahres 1930 mit der Adresse Schulstr. 27 III auf. Eingetragen wurde er damals mit dem Vornamen Jakob und dem Nachnamen Levin. Der Beruf von Jakob Levin ist – wie schon in den Jahren zuvor –  mit „Geschäftsführer“ angegeben, aber welches und welcher Art Geschäft er führte, ist nicht vermerkt. Schon im folgenden Jahr zog er in die Breidenbachstr. 9 in den ersten Stock. Das Haus in der Altstadt von Mainz, das heute nicht mehr existiert, gehörte, wie auch dasjenige,  in dem er zuvor in der Breitenbachstraße gewohnt hatte, Adolf Plenck, einem stadtbekannten Unternehmer, der unter der genannten Adresse eine Juwelen- und Bijouterie-Fabrik betrieb. Allerdings war er selbst bereits 1922 verstorben, die Firma lief aber noch weiter auf seinen Namen. Während die Witwe nach dem Tod ihres Mannes in der Mainzer Taunusstr. 7 gezogen war, wohnte Jakob Lewin fast zehn Jahre in der Martinsstr. 40. Möglicherweise hatte er in all diesen Jahren in dem Betrieb seines ehemaligen, längst verstorbenen Vermieters die Funktion eines Geschäftsführers ausgeübt. 1938 musste er im Zuge der Maßnahmen zur „Entjudung“ der deutschen Wirtschaft dann diese Stellung, sollte er sie gehabt haben, unweigerlich verlieren. Das könnte der Anlass für seinen damaligen Umzug nach Wiesbaden gewesen sein, aber das bleibt eine vage Vermutung.

Während er in seiner Mainzer Zeit immer unter dem Namen Jakob in den Adressbüchern eingetragen war, d. h., der verdeutschten Form von Jankel, griff die Gestapo bei der Anlage seiner Karteikarte in Wiesbaden auf seinen eindeutig jüdischen Vornamen Abraham zurück. Auch war sein Nachname zunächst immer mit „v“ geschrieben worden; erst 1938 findet man Jakob Lewin sogar in einem zusätzlichen Eintrag im Mainzer Adressbuch mit „w“ geschrieben. In dieser Form, als Abraham Jankel Lewin, wurde er dann in Wiesbaden geführt.

Dort fand er nach seinem Umzug auf die rechte Rheinseite eine neue Unterkunft im Stadtteil Biebrich in der dortigen Sackgasse 2. Das Haus gehörte dem jüdischen Ehepaar Leopold und Laura Kussel. Letztere stammte ursprünglich aus Mainz-Weisenau, aber ob es dadurch zu einer Verbindung zu Jakob Lewin gekommen war, ist eher unwahrscheinlich.[2]
Leopold Kussel, von Beruf Buchbinder, hatte aber in den vergangenen Jahren in Biebrich auch ein Lädchen für Papier- und Schreibwaren sowie Schulbedarf betrieben. In der Reichspogromnacht waren sein Geschäft und auch die Wohnung von den SA-Horden mit Beilen vollkommen demoliert worden. Ihnen selbst, die vermutlich rechtzeitig hatten fliehen können, war allerdings nichts passiert.
Es muss sich um ein eher kleines Haus gehandelt haben, denn die Eigentümer bewohnten dort selbst nur 2 Zimmer. Im Laufe des Jahres 1939 waren dann zwei neue jüdische Mieter hinzugekommen: Zum einen die frühere Weißwarenhändlerin Bertha Dorner, zum anderen Abraham Jakob Lewin. Beide hatten jeweils ein Zimmer im ersten Stock des Hauses bezogen, wie aus einer im November 1939 erstellten Wohnungsliste hervorgeht.[3] Auch in einer weiteren Liste vom Sommer 1941 sind noch beide als Bewohner des Hauses eingetragen, allerdings ist bei Bertha Dorner schon der handschriftliche Vermerk „Baum, Ellenb’g“ nachgetragen.[4]

Während der Zeit, in der er in Biebrich wohnte, scheint Abraham Jakob Lewin in Konflikt mit der Justiz gekommen zu sein. Die Hintergründe der Angelegenheit konnten nicht mehr ermittelt werden. Nur ein Eintrag der Besatzungsbehörden aus der Nachkriegszeit in einer Liste, in der die Akten der Wiesbadener Kriminalpolizei während der NS-Zeit ausgewertet wurden, enthält die knappe Notiz, dass am 18. Januar 1941 vom Amtsgericht der Stadt ein Strafbefehl gegen ihn erlassen wurde.[5] Welchem „Vergehen“ er sich schuldig gemacht haben soll, muss offen bleiben.

Abraham Jakob Lewin wohnte laut seiner Gestapokarteikarte noch in der  Sackgasse 2, als die meisten Juden der Stadt im Laufe des Jahres 1942 längst deportiert worden waren, darunter auch seine Vermieter. Leopold und Laura Kussel waren am 10. Juni 1942 über Lublin nach Sobibor verbracht und ermordet worden.
Was die weitere Wohnsituation in der Sackgasse betrifft, so sind die Angaben dazu widersprüchlich. In der Liste über den freigewordenen Wohnraum in der Sackgasse 2 nach der Deportation im Juni 1942 heißt es, dass nach dem 10. Juni alle 4 Zimmer nicht mehr belegt gewesen seien. Demnach hätte auch Abraham Lewin das Haus inzwischen verlassen haben müssen, was aber laut seiner Karteikarte nicht der Fall war. Sein Umzug in die Rheinstr. 81 erfolgte demnach erst am 28. Juli 1942, d. h., an dem Tag, an dem sich die zumeist älteren Jüdinnen und Juden in der ehemaligen Synagoge in der Friedrichstraße zur Vorbereitung für ihren Transport nach Theresienstadt einzufinden hatten.

Der Grund, weshalb er selbst stattdessen in eine neue Wohnung übersiedelte, ergibt sich aus einer ebenfalls undatierten Liste, die vermutlich auch im Büro der Bezirksverwaltung der ‚Reichsvereinigung‘ erstellt worden war. Aufgelistet sind darin 17 Personen, die vermutlich ursprünglich für den Transport vorgesehen waren, dann aber aus unterschiedlichen Gründen nicht deportiert wurden – manche waren inzwischen verstorben, abgewandert oder aus anderen Gründen nicht greifbar –. Bei vier Namen ist der Vermerk „privilig“ zu lesen, darunter auch bei Abraham Lewin. Daraus ist zu schließen, dass er einmal, vielleicht sogar noch immer, verheiratet war, und sogar Vater von mindestens einem Kind war. War nämlich der männliche Partner einer Mischehe Jude, dann erhielt die Ehe gemäß der kruden patriarchalischen NS-Ideologie nur diesen Status, wenn auch Kinder vorhanden waren, die zudem christlich erzogen worden sein mussten. Wer die christliche Partnerin war, ob sie selbst und ob die Kinder noch lebten, ist nicht bekannt. Aber immerhin blieb Abraham Lewin auf diese Weise damals noch verschont. Sein Name findet sich dann auch auf einem Anhang zur Deportationsliste vom 1. September, in dem alle Personen aufgeführt sind, die wohl eigentlich ebenfalls nach Theresienstadt verbracht werden sollten, aber dann doch nicht deportiert werden konnten oder zurückgestellt worden waren.

Auf dieser Liste findet man auch den Namen von Idel Rawinsky, der ebenfalls inzwischen alleinstehender Partner aus einer Mischehe war und seit dem 31. Oktober 1942 ebenfalls im Judenhaus Rheinstr. 81 wohnte. Ein halbes Jahr gewährten die Schergen der SS und Gestapo den beiden noch einen Aufschub, dann wurden sie zusammen am 15. März 1943 verhaftet. In der zynisch-bürokratischen Bilanz der „Zu- und Abgänge“ jüdischer Bewohner der Stadt,  bezeichnet als „Wanderungsbewegung der Juden in der Stadt Wiesbaden vom 1. Januar 1934 an“,[6] die eigentlich akribisch geführt wurde, ist zwar der Name von Idel Rawinsky, eigenartigerweise nicht aber der von Abraham Lewin aufgeführt.
Beide waren zunächst nach Frankfurt gebracht worden. Vom Herbst 1942 an bis Mitte 1943 wurde, von der Staatspolizeistelle Frankfurt organisiert, die Jagd auf die Partner sogenannter Mischehen im Gau Hessen-Nassau eröffnet. Man machte sich dabei ein Verfahren zunutze, das eigentlich für Einzelfälle gedacht war, jetzt aber massenweise angewandt wurde: Wegen irgendwelcher, angeblicher und banaler Verstöße gegen die für Juden gültigen Verhaltensgebote wurde sie vorgeladen, verhört  und anschließend verhaftet. Über diese Aktionen, bei denen sich im Besonderen der Frankfurter Gestapomann Holland hervortat, liegen mehrere Berichte vor.[7]
Abraham Lewin und Idel Rawinsky blieben aber nur kurz in Frankfurt. Schon am 16. März wurden sie mit einem Transport, der 41 Juden umfasste, nach Berlin gebracht. Unmittelbar nach ihrer Ankunft beförderte sie ein Zug, der die Bezeichnung I/90 trug, mit insgesamt etwa 1 300 Insassen in das Ghetto Theresienstadt.[8] Während Idel Rawinsky das Ghetto überlebte und nach seiner Befreiung sogar nach Wiesbaden zurückkehrte, wurde Abraham Jakob Lewin am 29. September 1944 mit dem zweiten von insgesamt vier Transporten, die innerhalb weniger Tage – vom 28. September bis zum 4. Oktober – 6 000 Menschen nach Auschwitz brachten, den dortigen Gaskammern zugeführt.[9]

 

Veröffentlicht: 14. 03. 2026

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe z.B. https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0552/1361005/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[2] Zum Ehepaar Kussel hat das Aktive Museum Spiegelgasse ein Erinnerungsblatt veröffentlicht. Leider ist das Blatt z.Zt. wegen des Umbaus der Homepage online nicht abrufbar.

[3] Yad Vashem Archives Record Group O.8, File Number 43.2 (198).

[4] Yad Vashem Archiv Record Group O.8, File Number 43.2 (159). In einer weiteren, leider undatierten Liste sind weitere solcher Umzüge festgehalten, darunter auch der von Bertha Breindle Dorner in die Ellbogengassen, siehe Yad Vashem Archiv Record Group O.8, File Number 43.1 (102). Dieser Umzug ist auf ihrer Gestapokarteikarte nicht eingetragen. Von der Ellbogengasse wurde sie am 1.9.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie wenig später, am 29. September, verstarb.

[5] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0690/1222730/001.jpg. (Zugriff 10.02.2026).

[6] Stadtarchiv Wiesbaden WI/2 2225.

[7] Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 362 ff.

[8] Siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 352, dazu https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/21490-abraham-lewin/. (Zugriff 10.02.2026).

[9] Der Transport, der Abraham Jakob Lewin nach Auschwitz brachte, trug die Bezeichnung ‚El 659‘. Siehe zu diesen sogenannten Liquidationstransporten, die bis Ende Oktober durchgeführt wurden und aus insgesamt elf Transporten mit mehr als 18 000 Menschen bestanden, von denen nur wenige überlebten, Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 435-441.