
Eigene Aufnahme

Herkunft und Vorfahren der Familie Oppenheimer
Wie so viele andere Jüdinnen und Juden hatten auch Sali und Emma Oppenheimer ihren Heimatort Laufenselden im Taunus verlassen, als das Leben in den Landgemeinden mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten, für sie zusehends schwierig wurde.[1]
Der Ort, heute zu Heidenrod gehörig, liegt etwas abseits von der sogenannten Bäderstraße, der heutigen B 260, die Wiesbaden mit den Bädern Schlangenbad, Bad Schwalbach und der ehemaligen Residenz Nassau und dann weiter mit Koblenz verbindet. Er war im späten Mittelalter, im 14. Jahrhundert, von den Grafen von Katzenellenbogen gegründet und im folgenden Jahrhundert auch mit Stadtrechten ausgestattet worden. Einen städtischen Charakter hat die Siedlung, die anfangs zeitweise durch eine Mauer und Tore gesichert war, allerdings nie erlangt. Spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts fanden auch jüdische Siedler den Weg in diesen etwas versteckten Ort. Isaak, ein Vorfahre der späteren Familie Oppenheimer, soll der erste Jude gewesen sein, der sich damals dort niederließ.[2]

GDB
Einem seiner Nachfahren, Louis Oppenheimer, war es 1936 gelungen, einen umfassenden und geschlossenen Stammbaum der Familie zu rekonstruieren, der zurück bis in das Jahr 1754 reicht und einen Meyer Feist mit exakten Lebensdaten als Wurzel der Familie identifizierte.[3] Er war am 2. Februar 1754 in Laufenselden geboren worden, hatte Malka Zahel aus Limburg geheiratet und war am 9. September 1833 in seinem Geburtsort verstorben. Mit Feist Meyer und Isaac sind zwei Kinder des Paares bekannt, von denen Feist Meyer den Laufenseldener Zweig der Familie begründete, Isaac den im nahen Nastätten. Feist Meyer, geboren 1781 und verstorben 1864, hatte mit seiner Frau, deren Identität nicht gesichert ist, vermutlich neun Kinder, von denen der am 25. November 1812 geborene Salomon der Großvater des späteren Judenhausbewohners Sali Oppenheimer war. 1841 nahmen er und sein Vater den festen Familiennamen Oppenheimer an.[4] Dass es auch schon in diesen Jahren Konflikte zwischen Juden und der christlichen Mehrheitsgesellschaft gab, zeigt ein Vorfall, von dem ein Nachkomme der Familie zu berichten wusste. Salomon hatte einen Pfarrer angeklagt, der ihn antisemitisch beleidigt und aufgefordert hatte, sich zum christlichen Glauben bekehren zu lassen. Tatsächlich soll der Pfarrer dafür von der Obrigkeit damals verurteilt worden sein.

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Aus der ersten Ehe von Salomon Oppenheimer mit Binchen Jahl ging nur die Tochter Babette, auch Bella genannt, hervor. Ihre Mutter verstarb mit 28 Jahren, weshalb er eine zweite Ehe mit der am 6. August 1824 im nahen Singhofen geborenen Bettchen Brendel Landau einging. Auch in dieser Ehe wurden dann nur noch drei weitere Kinder geboren, zunächst Ferdinand am 5. November 1845, dann sein Bruder Seligmann am 6. Dezember 1847. Eine weitere Tochter, Jettchen, verstarb schon wenige Tage nach der Geburt im März 1850. Da auch ihre Mutter am 2. März des gleichen Jahres mit nur 25 Jahren zu Tode kam, liegt die Vermutung nahe, dass sie im Zusammenhang mit dieser wohl schweren Geburt ihr Leben verlor. Ferdinand Oppenheimer selbst erreichte ein Alter von 72 Jahren.[5]
Anders als dieser Zweig der Oppenheimers wuchs die übrige jüdische Bewohnerschaft von Laufenselden gerade in diesen Jahren beträchtlich an. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte sie im Ort mit etwa 180 Personen einen Bevölkerungsanteil von immerhin 6,5 Prozent. Schon im frühen 18. Jahrhundert war die Zahl so weit gewachsen, dass auch formal eine Gemeinde gegründet werden konnte, die dann auch bald den kreditfinanzierten Bau einer eigenen Synagoge in Angriff nahm. 1861 konnte sie geweiht werden. Zu den weiteren kultischen Einrichtungen der Gemeinde zählten eine Mikwe und eine Religionsschule, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts von etwa 20 Kindern besucht wurde.[6]

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Vermutlich gehörte auch Ferdinand in seinen Kinderjahren zu ihren Besuchern. Als Erwachsener trug dann auch er dazu bei, dass nicht nur die Schule, sondern auch die jüdische Gemeinde mit neuen Mitgliedern versorgt wurde. Die Ehe von Salis Vater Ferdinand mit der am 16. September 1848 in Oberwesel geborenen Johanna Meyer war nämlich wesentlich fruchtbarer als die seiner männlichen Vorfahren. Dem Paar wurden zwischen 1871 und 1889 in Laufenselden insgesamt elf Kinder geboren, sieben davon männlichen Geschlechts.[7]
Die Bedeutung der jüdischen Bewohnerschaft erschöpfte sich aber nicht allein in deren Zahl, sie trugen auch erheblich zum wirtschaftlichen Wohlergehen der gesamten Gemeinde bei. Viele lebten in der damaligen Judengasse, der heutigen Schäfergasse, und gingen dort auch ihren jeweiligen Geschäften nach. Das waren zunächst primär die typischen Berufe, wie Metzger, Manufakturwaren- oder Viehhändler. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen mit der Industrialisierung aber auch ganz neue Geschäftszweige hinzu, etwa der Vertrieb landwirtschaftlicher Maschinen. Die gewachsene Freiheit erlaubte ihnen nun auch, handwerkliche Berufe zu ergreifen.
Die männlichen Vorfahren von Sali und seinen Geschwistern werden in den verschiedenen Dokumenten meist als „Handelsmann“ oder dergleichen bezeichnet, so auch Sali / Salomon und Ferdinand Oppenheimer im Sterbeeintrag von Letzterem.[8] Allerdings findet man zum Beispiel im Hochzeitseintrag von Ferdinands Tochter Jenny die präzisere Angabe, ihr Vater sei von Beruf Pferdehändler.[9] Und auch im Sterbeeintrag von Johanna Oppenheimer wird diese als Witwe des Pferdehändlers Ferdinand Oppenheimer bezeichnet. Da im Heiratseintrag von Louis Oppenheimer, einem Cousin von Jenny und Sali, somit dem Sohn von Ferdinands Bruder Seligmann, im Hinblick auf dessen Beruf ebenso die Angabe „Pferdehändler“ zu lesen ist,[10] kann man annehmen, dass sich die Familie insgesamt und schon seit längerer Zeit auf diese besondere und einst auch einträgliche Sparte im Viehhandel konzentriert hatte. Schon seit etwa 300 Jahren habe das Geschäft in den Händen der Familie existiert, gab die Witwe von Benny Oppenheimer im Entschädigungsverfahren an.[11]
Aber die guten Zeiten gingen allmählich vorbei. Der Pferdehandel, einst ein blühendes Geschäft, war in eine – heute würde man sagen – strukturelle Krise geraten. Die Industrialisierung und Mechanisierung ließ die Funktion der Pferde überflüssig werden. Öffentliche Verkehrsmittel, Motor- und Fahrräder, auch erste Autos ersetzen ihre Funktion im Bereich der Mobilität, und Traktoren in der Landwirtschaft. Spätestens im Verlauf des Ersten Weltkriegs, in dem die Zahl der Pferde zu Beginn noch als kriegsentscheidend angesehen werden konnte, wurden sie mit der Entwicklung der Tanks, der Panzer, völlig anachronistisch. Somit fiel auch das Militär als einer der früher wichtigsten Abnehmer im Pferdehandel zunehmend aus.
Die Geschwister von Sali Oppenheimer
Offenbar erkannten auch die älteren Brüder von Sali diese Entwicklung und sahen sich nach neuen Erwerbszweigen um. Welche Laufbahn der älteste, Max, eingeschlagen hatte, ist nicht bekannt. Der am 23. Juli 1871 Geborene verstarb schon mit 24 Jahren in Laufenselden.[12]
Auch seine wesentlich jüngere Schwester Selma, geboren am 14. Mai 1885,[13] erlebte die Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Sie verstarb bereits im Alter von 28 Jahren am 28. Mai 1916 in Vallendar.[14] In dieses Städtchen am Rhein, gegenüber von Koblenz gelegen, war sie gezogen, nachdem sie am 28. April 1912 den von dort stammenden Metzger Moritz Moses Loeb geheiratet hatte. Er war ein am 23. März 1883 geborener Sohn des Metzgers Isaak Löb und seiner Frau Karoline, geborene Götz.[15]
Im Jahr nach der Hochzeit wurde dem Paar am 28. Februar 1913 in Vallendar zunächst die Tochter Ruth geschenkt.[16] Ein Jahr später, am 18. Februar 1914, kam dort auch der Sohn Fritz, der sich später Fred nannte, zur Welt.[17]

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Nach dem frühen Tod seiner Frau soll Moritz Loeb in zweiter Ehe seine ebenfalls verwitwete Schwägerin Zilla oder Tilly Grünebaum geheiratet haben, die erste Ehefrau von Berthold Oppenheimer. Nur wenig weiß man über den Lebensweg des am 16. Juli 1880 geborenen Bruders von Sali.[18] Abgesehen von der Geburtsurkunde ist der Eintrag in die Gesindeliste aus Speyer vom März 1900 die einzige sichere Angabe aus seinem Leben. Wo der damals Zwanzigjährige arbeitete und in wessen Diensten er stand, ist nicht bekannt. Immerhin ist sein Beruf mit „Commis[sionär]“ angegeben, was darauf schließen lässt, dass er in irgendeiner Weise mit Handelsgeschäften befasst war.
Laut dem Stammbaum von Louis Oppenheimer soll auch er später in die USA ausgewandert sein, wo er am 30. November 1913 in New York verstarb. Wie bereits angemerkt, soll er nach dieser Quelle zuvor mit einer Tilly Grünebaum verheiratet gewesen sein, über die aber ebenfalls keine fundierten Informationen vorliegen. Allerdings gibt es einen Heiratseintrag in New York, laut dem am 20. März 1907 dort ein Berthold Oppenheimer eine Lilla Grunebaum geehelicht hatte, aber ob es sich hierbei um den Laufenseldener Berthold und um Moritz Loebs zweite Frau handelte, ist ungewiss. Zwar wurde bei der Volkszählung von 1910 in New York ein Ehepaar Oppenheimer, Berthold und Idla, aufgenommen,[19] aber auch hier sind im Hinblick auf eine Identität der genannten Personen Zweifel berechtigt. Das Alter von Berthold, 30 Jahre, entspricht dem des Berthold aus Laufenselden. Das Alter der Frau ist allerdings mit 26 Jahren angegeben, was nicht dem der Frau entspricht, die Berthold angeblich geheiratet hatte.[20] Obendrein ist zu bedenken, dass die Witwe nach dem Tod ihres ersten Mannes aus den USA wieder nach Deutschland hätte zurückkehren müssen, was prinzipiell nicht ausgeschlossen werden kann, aber dennoch verwunderlich ist. Wie dem auch sei, während Berthold Oppenheimer kinderlos in den USA verstarb, wurden Zilla – unklar, ob identisch mit der Witwe von Berthold – in der Ehe mit Moritz Löb noch zwei Kinder geboren. Am 4. Oktober 1919 kam in Vallendar die Tochter Lieselotte und am 10. Februar 1925 in Koblenz noch der Sohn Arno Siegbert zur Welt.[21]
Etwas genauere Angaben liegen über die übrigen Geschwister von Sali Oppenheimer vor. Von dem zweitältesten Moritz Oppenheimer wissen wir, dass er aus der überlebten Tradition des familiären Pferdehandels ausstieg und sich beruflich neu orientierte. Ob er nach Beendigung seiner Schulausbildung seinen Heimatort verließ, um sich gleich in der Mainmetropole Frankfurt niederzulassen, wo er später in Erscheinung trat, ist eher unwahrscheinlich. Als Bewohner der Stadt ist er erstmals im Adressbuch von 1905 auffindbar. Zu diesem Zeitpunkt war er aber schon verheiratet und der Vater eines am 25. Februar 1905 in Frankfurt geborenen Sohnes namens Fritz.[22] Seine Frau Olga, geborene Klugmann, kam aus Kitzingen, südöstlich von Würzburg am Main gelegen.[23] Sie war, geboren am 1. November 1880, die jüngste von insgesamt sechs Töchtern des Ehepaars Simon Klugmann und seiner Frau Regina, geborene Scheidt. Ihr Vater, zunächst Landproduktenhändler im nahen Mainstockheim, hatte die Lizenz erworben, mit seinem Bruder Ignatz in Kitzingen einen Weinhandel zu betreiben. Vermutlich befand sich auch Moritz Oppenheimer damals in dieser Region und lernte dort seine zukünftige Frau kennen. Am 8. Juni 1902 soll in Würzburg die Hochzeit zwischen dem Weinhändler Moritz Oppenheimer und Olga Klugmann stattgefunden haben.[24]

Anschließend zogen die beiden nach Frankfurt. Im Eintrag des dortigen Adressbuchs von 1905 ist dann auch Moritz Oppenheimer als Weinhändler und Inhaber der ‚Weingroßhandlung Simon Klugmann – Nachfahren‘, wohnhaft mit seiner Familie in der Straße Am Schützenbrunnen 8, eingetragen. Erst 1913 findet man ihn unter der neuen Adresse Scheffelstr. 22 III. Welche Gründe die Familie hatte, bald danach nach München zu ziehen, ist nicht bekannt, aber ab 1915 ist Moritz Oppenheimer im dortigen Adressbuch zunächst als Kaufmann, später dann als Fabrikant, wohnhaft in der Elisabethenstr. 38 I registriert. München war seitdem bis zur Flucht aus Deutschland das neue Zuhause der Familie. In den letzten beiden Jahren, 1938 und 1939, hatte sie allerdings noch einmal die Wohnung wechseln müssen und war in den dritten Stock der Ainmillerstr. 35 gezogen. Nicht geklärt werden konnte, welches Unternehmen Moritz Oppenheimer gehörte oder an welchem er beteiligt war.
Ähnlich scheint die berufliche Laufbahn von zumindest zwei seiner jüngeren Brüder, Louis und Fritz, verlaufen zu sein. Auch sie waren Kaufleute geworden und zumindest Louis war zu einem nicht bekannten Zeitpunkt zunächst nach Frankfurt übersiedelt.[25] Vermutlich arbeitete er dort in der Firma von Leo Salomon Mayer, die in den einschlägigen Adressbüchern der Stadt als ‚Export- und Kommissionsgeschäft‘ eingetragen war.
Nach dem Tod des Inhabers 1914 soll Louis Oppenheimer selbst die Geschäftsführung übernommen haben.[26] Die Firma hatte auch damals schon eine Dependance in Berlin in der dortigen Ritterstraße, was zur Folge hatte, dass Louis Oppenheimer zu einem ebenfalls nicht mehr sicher feststellbaren Zeitpunkt von Frankfurt in die Reichshauptstadt zog. Im Berliner Adressbuch ist er erstmals 1925 mit der Schöneberger Anschrift, Am Park 12, zu finden. Aber nicht nur er, sondern auch der etwa zehn Jahre jüngere Bruder Fritz, ebenfalls Kaufmann von Beruf, war damals mit ihm dort eingezogen und war ebenfalls für dieses Unternehmen tätig.
Daraus ergab sich dann eine weitere Verbindung, denn vermutlich sorgten die beiden dafür, dass ihre Nichte Thekla, die Tochter ihrer Schwester Betty, ebenfalls nach Berlin kam und in der Firma mitarbeitete. Thekla war am 28. August 1902 in Balduinstein geboren worden.[27] Ihre Mutter war dorthin gezogen, nachdem sie den dort ansässigen Metzger Emanuel Stern geheiratet hatte.[28] Nach Abschluss der Volksschule hatte Thekla noch die Gewerbeschule für Mädchen besucht und war damit bestens für die Mitarbeit in der Firma qualifiziert. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann Rudolf Mayer kennen, der ein Verwandter des ursprünglichen Eigentümers und inzwischen Direktor der Firma war. Am 18. Juni 1926 heiratete die 24-Jährige den fast doppelt so alten und durch eine Kriegsverletzung halbseitig erblindeten Mann. Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise und dem politischen Machtwechsel in Deutschland muss es dem Paar, aber sicher auch dem vermutlich ledigen Onkel Louis finanziell recht gut gegangen sein. Zumindest Thekla Mayer bewohnte mit ihrem Mann, der zunächst als Vertreter, später als Prokurist und Anteilseigner einer Firma ‚Gost & Co.‘, die sich auf die Produktion von aufwendigen Bilderrahmen und Goldleisten für Museen und Galerien spezialisiert hatte, im zweiten Stock eine große 5-Zimmer-Wohnung in der Bozener Str. 10. Ein eigenes Antiquitätengeschäft mit nur einzelnen, aber umso erleseneren Stücken warf sicher ebenfalls beträchtliche Zusatzverdienste ab.[29]
Am 16. Februar 1930 meldete sich eine Klara / Claire Oppenheimer in Schweinfurt ab und gab als ihre neue Adresse die Wohnung von Louis und Fritz Oppenheimer Am Park 12 an. Sie war wohl kurz zuvor die Frau von Fritz geworden, was zur Folge hatte, dass Louis die Wohnung verließ und sie dem jungen Paar überließ, dem ein Jahr später, am 23. Februar 1931, die Tochter Hanna geboren wurde.[30] Klara Oppenheimer war vermutlich eine entfernte Verwandte des Laufenseldener Zweiges, aber die genaue Verbindung konnte nicht rekonstruiert werden. Sie war am 28. November 1907 als Tochter des Metzgermeisters Sigmund Oppenheimer und seiner Frau Babette, geborene Blümlein, in Schweinfurt zur Welt gekommen und somit mehr als zwanzig Jahre jünger als ihr Bräutigam.[31]
Der Pferdehändler Sali Oppenheimer
Von den männlichen Nachkommen Ferdinand Oppenheimers waren nur Sali und der jüngste Bruder Benny dem väterlichen Gewerbe treu geblieben. Alle anderen hatten sich, soweit nachvollziehbar, entsprechend der weltwirtschaftlichen Entwicklung neu orientiert und hätten, wäre sie nicht durch die nationalsozialistische Rassenpolitik zerstört worden, als Kaufleute Karriere machen und einen sozialen Aufstieg realisieren können.
Sali, der vermutlich eigentlich Salomon hieß, aber nur Sali genannt wurde – in den Akten ist sein Name oft auch „Sally“ geschrieben –, hatte nach Auskunft seines Bruders Fritz Siegfried mit 14 Jahren begonnen, im Geschäft des schon damals kränkelnden Vaters mitzuarbeiten.
Wann Sali seine Frau Emma Moses, geboren am 31. März 1879 in Betziesdorf bei Marburg, kennenlernte und dann auch heiratete, konnte nicht ermittelt werden. Aber am 19. März 1907 wurde im Sterberegister von Laufenselden eine Totgeburt eingetragen, die von Emma Oppenheimer zur Welt gebracht worden war.[32] Man kann daher vermuten, dass die Hochzeit des Paares etwa 1905/06 stattgefunden haben wird. Zwei Jahre später konnte die Mutter dann eine zweite Schwangerschaft erfolgreich zu Ende bringen. Am 17. Januar 1909 kam ihre und Salis Tochter Beate Ada in Laufenselden zur Welt.[33] Sie blieb das einzige Kind der beiden.

Bundesarchiv Schweiz • CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946

Bundesarchiv Schweiz • CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946
Nach dem frühen Tod des Vaters am 6. Februar 1920 [34] übernahm Sali, möglicherweise mit Unterstützung seines jüngeren Bruders Benny, den Betrieb und führte ihn – so Fritz – in den folgenden Jahren sehr erfolgreich weiter. In dieser Zeit lebte aber auch noch ihre Mutter, die sicher auch noch eine Rolle im Geschäft spielte. Sie verstarb erst nach dem Ersten Weltkrieg am 6. Februar 1920.[35] Nur in der Zeit, in der er seine militärische Ausbildung erhielt, und dann wieder während des Ersten Weltkriegs will Fritz ihn in der Rolle als Geschäftsführer vertreten haben.[36] Auf einer Tafel mit allen Laufenseldener Kriegsteilnehmern wurden auch Sali und Benny mit ihren Schlachten und Auszeichnungen samt einem kleinen Foto verewigt. Zuletzt geriet Sali noch in Rumänien in Gefangenschaft.[37]

HHStAW 685 628b (5)
Anfangs hatte Sali seinen Pferdehandel noch als „Wandergewerbe“ ausgeübt. Erst im Januar 1927 meldete der Bürgermeister von Laufenselden dem Finanzamt Schwalbach, dass der Betrieb vor einem Jahr, also ab Januar 1926, in ein „feststehendes Gewerbe“ umgewandelt worden sei.[38] Die in vielen Entschädigungsverfahren angefragte Wirtschaftsauskunftei Blum, die sich im Allgemeinen eher negativ über frühere jüdische Geschäftsleute äußerte, musste konstatieren, dass Sali Oppenheimer „in Laufenselden gut bekannt und sehr gut angesehen“ war und er immer zwei bis drei Hilfskräfte beschäftigt habe. Er sei im Besitz eines Transportautos gewesen und habe jährlich mindestens 100 Pferde verkauft und damit einen Jahresumsatz von etwa 80.000 RM erzielt.[39]
Zwar liegen für die ersten Jahre nach dem Weltkrieg keine Zahlen mehr vor, aber die bei einer Betriebsprüfung 1929 festgehaltenen Umsatzzahlen für die Zeit nach 1925 lassen noch ein florierendes Unternehmen vermuten. Versteuert wurden in den Jahren 1925 bis 1928 Einnahmen von jährlich etwa 70.000 bis sogar fast 100.000 RM – und diese Zahlen, so stellten die mit der Untersuchung befassten Finanzbeamten fest, entsprachen nicht einmal den tatsächlichen Umsätzen. Etwa 30.000 RM musste Sali Oppenheimer sogar noch nachversteuern. Aber nicht um das Finanzamt zu betrügen, sondern aus Unkenntnis habe er zu geringe Umsätze deklariert, so konstatierten die Beamten und verzichteten auf eine Klage, zumal Sali die Fehler in seiner Buchführung anerkannte und sich prinzipiell bereitfand, die fällige Nachzahlung zu leisten. Tatsächlich war das aber nicht so einfach, denn er hatte in den vergangenen Jahren kein Einkommen mehr aus seinem Betrieb bezogen, stattdessen seit 1924 Schulden von etwa 22.000 RM angehäuft.[40] 1928 kamen noch einmal 10.000 RM Verluste hinzu.[41] Im August 1929 bat er darum, ihn von der Einkommenssteuer freizustellen, und die Nachzahlungen der Umsatzsteuern für die Jahre 1925 bis 1928 in monatlichen Raten von 80 RM abzahlen zu dürfen.[42] Bis 1930 gelang es ihm nicht, seine wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Hinzu kam noch eine offenbar schwere Krankheit seiner Frau, die über längere Zeit stationär untergebracht werden musste, was zusätzlich erhebliche Kosten verursachte.

HHStAW 685 628c (62)
In seiner Einkommenssteuererklärung des Jahres 1931 notierte er im Formular, dass er kein selbstständiger Pferdehändler mehr sei, sondern nur noch als Aufkäufer für die Alzeyer Firma Maas tätig sei. Er erhalte lediglich eine Kostenerstattung für seine Arbeit. Da er bisher aber noch keine genaue Abrechnung erhalten habe, hätte er diese auf etwa 3.000 RM geschätzt und in dieser Höhe angegeben.[43]
Auch in den folgenden Jahren verbesserte sich die Lage nicht. Die Weltwirtschaftskrise und die antijüdische Hetze, die sich schon immer besonders gern gegen die jüdischen Viehhändler richtete, taten ihr Übriges. Schon vor 1933 mussten sie mit zunehmenden Problemen auf den Märkten rechnen. Mit dem Jahr 1933 und dem für den 1. April ausgerufenen Boykotttag wurde eine neue Stufe der Ausgrenzung erreicht.

HHStAW 518 38169 (18)
Die Ereignisse an diesem Tag waren für Salis und Emmas Tochter Beate Ada der Anlass, ihren Heimatort so schnell wie möglich zu verlassen. Dass ihre Eltern damit auch finanziell entlastet würden, war vielleicht noch ein willkommener Nebeneffekt. Angesichts der wachsenden Perspektivlosigkeit und auch der Anfeindungen suchte sie einen sicheren Platz im Ausland. Sie kontaktierte damals ihren Onkel in San Francisco wegen eines Affidavits. Der riet ihr aber, erst einmal abzuwarten, am besten im grenznahen Ausland. Spätestens in einem Jahr, so vermutete – wie viele andere – auch er, sei Hitler gescheitert, und dann könne sie ohne Probleme wieder nach Deutschland zu ihren Eltern zurückkehren. Diesen Rat befolgend meldete sie sich am 31. Juli 1933 in Laufenselden ab, um zunächst einmal nach Holland zu emigrieren.[44] Vermittelt über Bekannte bekam sie die Möglichkeit, nach Amsterdam zu gehen, wo sie dann bis 1938 blieb und sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt als Hausangestellte verdiente. Eigentlich hatte sie gehofft, von dort weiter nach England zu kommen, was aber nicht gelang.

HHStAW 685 628d (20)
Allerdings war sie in den folgenden Jahren nach Recherchen des Landrats vom Untertaunuskreis noch mehrfach nach Laufenselden zu Besuch zurückgekommen und ihre Mutter soll sie in Amsterdam ebenfalls öfter besucht haben. Von einem solchen Besuch zu Hause berichtete sie auch selbst in dem Interview. Offenbar nicht ahnend, welcher Gefahr sie sich damit aussetzte, war sie schon nach einem Jahr nach Laufenselden zurückgekehrt, um ihre Eltern zu sehen. Dass sie möglicherweise nicht mehr herausgelassen würde, vielleicht sogar in ein KZ verbracht werden könnte, hatte sie nicht erwartet. Dringend gewarnt, fuhr sie am nächsten Tag schnell wieder über die niederländische Grenze zurück. Später erfuhr sie dann, dass man inzwischen tatsächlich nach ihr gefahndet hatte. Ob sie noch öfter zurückkehrte, wie der Landrat vermutete, ist nicht sicher. Gewiss ist dagegen, dass ihre Eltern sie vor ihrer Abreise nach Amerika noch einmal in Holland besuchten.

HHStAW 685 628c (110)
Für die 1933 allein in Laufenselden zurückgebliebenen Eltern blieb die finanzielle Lage weiterhin angespannt. Immer wieder, aber das sind nur die amtlich dokumentierten Schwierigkeiten, musste Sali Oppenheimer um Steuerstundung bitten. Wenn er, wie etwa 1934, anbot, seine Schulden in Raten von etwa 20 RM abzahlen zu dürfen, dann zeigt das, wie desolat die Lage damals schon war.[45] 1935 kamen noch einmal Verluste von 1.700 RM hinzu. Die wiederholten Bitten um Stundung und die Einsprüche gegen die Bescheide riefen erneut die Steuerprüfung auf den Plan. 1937 wurden die Unterlagen erneut durchleuchtet – und wieder fanden die Beamten etwas zu bemängeln. Da Sali Oppenheimer keine Geschäfte mehr auf eigene Rechnung tätigte, sondern nur noch als Agent für andere Pferdehändler auftrat, hatte er auf Anraten seiner Steuerberater diese Umsätze nicht deklariert, sondern nur die Provisionen, die er dafür erhielt, als Einkommen angemeldet. Die Prüfer kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass er „bis zum Oktober 1935 einen schwunghaften Pferdehandel betrieben“ und in den Jahren 1933-1934 mehr als 100.000 RM und im Jahr 1935 sogar fast 120.000 RM umgesetzt hatte. Man ging davon aus, dass davon etwa 11-12 Prozent Brutto- und etwa 5 Prozent Nettogewinn erzielt worden sein mussten.[46] Auch dieses Mal sahen die Beamten erstaunlicherweise darin keinen bewussten Versuch der Steuerhinterziehung, weil er alle An- und Verkäufe in seinen Büchern akkurat festgehalten hatte. Es solle aber dennoch ein Verfahren eingeleitet werden, die Prüfer plädierten jedoch für eine eher milde Strafe, weil der Steuerpflichtige sich sehr kooperativ verhalten habe.[47]
Ungeachtet dessen legte Sali Oppenheimer gegen den Bescheid Widerspruch ein, da seine realen Kosten und Aufwendungen nicht angemessen berücksichtigt worden seien und er die ihm unterstellten Nettoeinnahmen nie gehabt habe. Dabei verwies er auch auf die besondere Situation jüdischer Händler: „In unserem Berufe ist nach den Erfahrungssätzen mit einem Reingewinn zu rechnen, der zwischen 2 und 6 v.H. des Brutto-Umsatzes liegt. Dass die Höchstgrenze für mich als Nichtarier überhaupt nicht mehr in Frage kommen kann, steht wohl fest, denn ich habe ja ausweislich meiner Aufzeichnungen viele Pferde zu einem Preis abgeben müssen, der noch nicht den baren Einkaufswert, ohne Berücksichtigung irgendwelcher Unkosten, deckte.“[48] Abschließend wies er noch darauf hin, dass er „garnicht mehr die Mittel habe, um überhaupt derartige Steuerbeträge entrichten zu können. Ich habe schon seit 1936 kein selbständiges Geschäft mehr in der früheren Form, und außerdem muss ich immer wieder bemerken, dass ich als Nichtarier auch heute kaum noch in der Lage bin, überhaupt ein Geschäft zu tätigen.“[49]
Das Schreiben stammt vom 16. Juli 1937. Einen Monat später gab er den Kampf mit dem Finanzamt in Bad Schwalbach auf. Allerdings wurde von diesem zugestanden, dass sein Einspruch gegen die Veranlagung von 1932 bis 1934 zu Recht erfolgt sei, den Einspruch gegen die Veranlagungen 1935 und 1936 zog er dafür aber zurück: „Ich werde mir die grösste Mühe geben die Mehrsteuer mit Hilfe meiner Verwandten abzudecken.“[50]
Schon in seiner Einlassung vom Juni hatte er geschrieben, dass er und seine Frau von diesen unterstützt würden. Von Siegmund Moses, dem Bruder von Emma, erhielten sie monatlich 50 RM aus dessen Auswanderersperrguthaben, und auch von seinen eigenen Brüdern in Berlin, also von Louis und Fritz, gingen da schon laufend Geldbeträge bei ihnen ein.[51]
Im Herbst 1937 zahlte Sali mit geliehenem Geld noch einmal einen Abschlag von 200 RM auf seine noch vorhandene Steuerschuld von 1.500 RM, bat aber gleichzeitig darum, ihm „den Restbetrag aus Billigkeitsgründen zu erlassen“.[52]

HHStAW 685 628c (131)
Diese Bitte veranlasste das Finanzamt dazu, sich mit einer Anfrage an den Bürgermeister von Laufenselden zu wenden. Man wollte wissen, in welchen wirtschaftlichen Verhältnissen Sali tatsächlich leben würde und ob die Angabe, er habe sich das Geld geliehen, stimme. Man habe den Verdacht, dass er noch andere, verdeckte Verdienstquellen besitze.[53] Pflichtbewusst meldete der Angefragte, dass das Geld vermutlich aus Verkäufen stammen würde. Sali veräußere zurzeit Pferdegeschirre und Möbel sowie sonstige Gegenstände, da er beabsichtige, aus Laufenselden wegzuziehen. Äcker und sein Haus habe er ebenfalls bereits verkauft. Auch stehe er geschäftlich mit anderen Pferdehändlern in Verbindung, für die er weiterhin tätig sei. Einen Steuererlass für seinen jüdischen Noch-Mitbürger lehnten der Bürgermeister und dann auch das Finanzamt ab.[54] Im Oktober machte Sali noch einen weiteren vergeblichen Versuch, die Forderungen des Fiskus abzuwenden. In welch einer verzweifelten Lage er sich befand, machen die letzten Sätze des Schreibens deutlich: „Was ich tun konnte, habe ich getan, und da ich nun vollkommen am Ende meiner Kraft angekommen bin, so richte ich hiermit erneut die ergebene Bitte an Sie, mir unter Würdigung meiner traurigen Verhältnisse den jetzt noch vorhandenen Rückstand zu erlassen, da ich nicht weiss, woher ich irgendwelche Mittel hernehmen soll, um die fraglichen Steuern zu begleichen.“[55]

HHStAW 685 628c (136)
Offenbar hatte sich das Finanzamt auch an den Viehwirtschaftsverband gewandt, um Sali Oppenheimer wegen mangelhafter Buchhaltung die Lizenz zum Handeln mit Vieh, respektive Pferden, zu entziehen. Er sei als „unzuverlässig“ anzusehen. Der Beschuldigte wehrte sich gegen diesen Vorwurf und erlaubte dem Verband die Einsicht in seine Steuerunterlagen, vermutlich in der Hoffnung, die von ihm geübte Praxis, nach der er auch in den vergangenen Jahren verfahren sei, könne vom Verband nur zu seinen Gunsten bestätigt werden. Wie die Sache ausging, ist den Akten nicht zu entnehmen. Vermutlich fand sie auch kein individuelles Ende, denn die Stellungnahme der Finanzbehörden erfolgte am 11. Mai 1938. Die generelle Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben war zu diesem Zeitpunkt schon im vollen Gange. Am 6. Juli 1938 wurde für Juden durch eine Änderung der Gewerbeordnung generell der ambulante Handel verboten, was auch den Besuch von Märkten unmöglich machte und damit einem Berufsverbot gleichkam. Aber eigentlich hatte Sali Oppenheimer schon längst resigniert.
Sali und Benny Oppenheimer in Wiesbaden
Wie aus dem oben angeführten Schreiben des Bürgermeisters hervorgeht, hatten er und seine Frau inzwischen beschlossen, den Ort, in dem die Familie seit Generationen gelebt und gearbeitet hatte, zu verlassen.
Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass sich nicht alle Mitbürger in Laufenselden mit Beginn der NS-Zeit plötzlich von ihnen abwandten und ihnen feindlich gesonnen waren. Ihre Tochter berichtete später, es habe einige gegeben, die ihren Eltern in der Nacht Lebensmittel gebracht und diese mitunter anonym am Haus abgestellt hätten. Und sogar, als sie bereits in Wiesbaden wohnten, wären ehemalige Laufenseldener Mitbürger nachts mit dem Motorrad gekommen, um sie mit dem Notwendigsten zu versorgen.

HHStAW 519-A 25982 (4)
Aber es gab natürlich auch diejenigen, die aus dem Leid ihrer Mitbürger einen Nutzen zu ziehen wussten. Am 10. September 1937 war ein Kaufvertrag zwischen ihnen und einem ortsansässigen Fuhrunternehmer L. zustande gekommen, laut dem das Hausgrundstück für 6.000 RM spätestens zum 1. Januar 1938 an den Erwerber übertragen werden sollte. Am 28. März 1938 wurde der Eigentumswechsel im Grundbuch eingetragen. Eine Hypothek von 4.000 RM wurde von dem Käufer, der auch den angrenzenden Obstgarten erwarb, übernommen, sodass 2.000 RM an Oppenheimers ausgezahlt wurden.[56] Da der Einheitswert des Grundstücks auf 5.300 RM veranschlagt worden war, lag sein Verkaufspreis deutlich unter dem tatsächlichen Verkehrswert, was später im Rückerstattungsverfahren nach dem Krieg zu einem Vergleich führte, in dem die damaligen Käufer den Erben der vormaligen Besitzer 2.950 DM nachzahlen mussten, dafür aber das Hausgrundstück behalten durften.
Aber auch diese späte Nachzahlung muss insofern Erstaunen hervorrufen, als die Auskunftei Blum im Entschädigungsverfahren den Wert des Anwesens wesentlich höher ansetzte. Es heißt da: „Das Hausanwesen Hauptstrasse 4 mit Stallungen, Wirtschaftsgebäuden wurde von ihm [Sali und seiner Frau – K.F.] allein bewohnt, und soll einen schätzungsweisen Wert von 30.000 RM gehabt haben.“[57]
Möglicherweise war die Schätzung von Blum falsch. Dass aber die Preise jüdischer Immobilien von staatlicher Seite gedrückt wurden, ergibt sich auch aus einem weiteren Verkauf der Oppenheimers an den Spediteur L. Am 23. September 1938 war ein Kaufvertrag für ein Grundstück zum Betrag von 2.700 RM geschlossen worden. Der Vertrag wurde aber von der Preisbildungsstätte zunächst nicht genehmigt. Erst am 7. Februar 1940 gab diese ihre Zustimmung, nachdem der Preis auf 2.010 RM herabgesetzt worden war.[58]
Zwar ist auf ihrer Gestapokarteikarte nicht festgehalten, wann sich das Ehepaar Oppenheimer in Wiesbaden anmeldete, aber am 18. November 1937 forderte das hiesige Finanzamt die Schwalbacher Behörde auf, die Steuerunterlagen des „am 1.11.37“ nach Wiesbaden in die Aarstr. 40 verzogenen Steuerpflichtigen zu übersenden.[59]
Demnach wohnten beide seit Novemberbeginn 1937 in Wiesbaden. Allerdings scheinen sie, wenn der Eintrag auf der Gestapokarteikarte richtig ist, zunächst kurzfristig in der Karlstr. 40 untergekommen zu sein. Da aber im oben genannten Schreiben vom 18. des Monats bereits die Anschrift angegeben ist, die auf der Karteikarte der Karlstraße folgt, können sich die beiden dort nur kurz aufgehalten haben.
Ursprünglich hatten Oppenheimers geplant – wie die NS-Behörden zu Recht vermuteten –, Deutschland ebenfalls bald zu verlassen. Der Landrat hatte schon 1935 das Finanzamt, aber auch die Zollfahndungsstelle Mainz und die Gestapo darüber informiert, dass beide im Besitz gültiger Reisepässe wären und man den Verdacht hege, sie wollten Vermögenswerte – welche, muss man fragen! – illegal ins Ausland verschieben.[60] Wohl anders als geplant, blieben sie dann vorerst die nächsten drei Jahre in der Aarstr. 40 wohnen. Dort stand ihnen eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und einem Mansardenraum zur Verfügung, in der sie alle Möbel und Wertgegenstände, die sie in Laufenselden zuletzt noch besaßen, ohne Probleme unterbringen konnten.[61]
Wenn Sali Oppenheimer mit seiner Frau damals nach Wiesbaden zog – das taten damals viele Jüdinnen und Juden aus dem Taunus –, hatte das auch seinen Grund darin, dass Salis Bruder Benny zuvor aus Hahnstätten ebenfalls dorthin geflüchtet war, um mit seiner Familie von dort aus seine Emigration zu organisieren.

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Bereits zwei Jahre bevor Sali seine Pferdehandlung in Laufenselden als fest ansässiges Gewerbe anmeldete, hatte Benny seinen Heimatort verlassen, um in dem etwa 15 km nördlich gelegenen Hahnstätten ein eigenes Geschäft zu etablieren. Laut Auskunft des dortigen Bürgermeisters hatte er sich dort am 10. April 1924 polizeilich gemeldet.[62] Anlass für diese Teilung des väterlichen Betriebs wird Bennys Gründung einer eigenen Familie gewesen sein. Am 28. Oktober 1923 hatte er in Koblenz Auguste Hayum geheiratet.[63] Sie war das jüngste von sechs Kindern des jüdischen Ehepaars Joseph und Susanna Hayum, geborene Mayer, das in Könen bei Trier lebte. Am 1. Oktober 1897 war Auguste im nahen Konz zur Welt gekommen.[64] Ein Jahr nach der Eheschließung wurde am 4. Dezember 1924 dann in Hahnstätten ihre Tochter Ingeborg Johanna, später Jeane, geboren.[65]
Über die wirtschaftliche Entwicklung seines Handelsbetriebs lagen schon im Entschädigungsverfahren keine Unterlagen des Finanzamts vor. Nach Angaben seiner Ehefrau hatte er aber in den Jahren der Weimarer Republik ein „erhebliches Einkommen“. Er besaß die einzige Pferdehandlung vor Ort und Benny Oppenheimer habe regelmäßig auch entfernte Märkte, wie die in Koblenz oder Dortmund, besucht. Die Pferde seien dann per Eisenbahn nach Hahnstätten gebracht worden. Bis zu 25 Pferde habe man im eigenen Stall unterbringen können. Oft sei es aber notwendig gewesen, weitere Stellplätze anzumieten. Nach solchen Marktbesuchen seien dann die Interessenten nach Hahnstätten gekommen, um die Pferde zu begutachten und zu kaufen. Man habe vornehmlich Arbeitspferde, aber auch Dienst- und Reitpferde angeboten.[66]

HHStAW 518 63513 (16)
Mit der Machtübertragung an Hitler sei dann das Geschäft sehr schnell völlig zusammengebrochen.[67] Aber vermutlich hatte die Krise auch bei ihm schon früher eingesetzt, denn bereits 1929 war der einzige Angestellte wegen Arbeitsmangels entlassen worden. Wie sein Bruder, war auch Benny genötigt, später sein Haus zu verkaufen, und auch er war auf die finanzielle Unterstützung durch seinen in Berlin offenbar noch immer in relativem Wohlstand lebenden Bruder Louis angewiesen. Am 20. April 1937, also ein halbes Jahr vor Sali, meldete sich die Familie von Benny in Hahnstätten ab und zog nach Wiesbaden. Sie fand eine Wohnung am Kaiser-Friedrich-Ring 80, einem Mietshaus, das dem jüdischen Kaufmann Julius Selig gehörte und später zum Judenhaus wurde. Auch er wartete nun, wie sein Bruder, in Wiesbaden auf die Möglichkeit der Ausreise in die USA.
Emigration und Emigrationsversuche der Familienmitglieder
Abgesehen von ihrem Onkel Berthold gelang dies als Erster Salis und Emmas Tochter Beate Ada, die damals von Holland aus in Richtung Amerika aufbrach und vermutlich als eine Art Türöffner für die übrige Familie fungieren sollte.
Im März 1938 trat sie auf der ‚SS Volendam‘ die Fahrt von Rotterdam nach New York an, wo sie am 16. des Monats amerikanischen Boden betrat. Als Kontakt in den USA hatte sie ihren Onkel mütterlicherseits, Siegmund Moses, angegeben, der schon in den Jahren zuvor die Familie unterstützt und möglicherweise auch die Überfahrt seiner Nichte finanziert hatte. Aber es ist kaum davon auszugehen, dass er damals von seinem Wohnort San Francisco nach New York kam, um sie in Empfang zu nehmen. So musste Ada vermutlich den Start in der Neuen Welt alleine bewältigen.
Sicher war beabsichtigt, dass die Eltern, deren Lage in Wiesbaden immer schwieriger wurde, so schnell wie möglich nachkommen würden. Weshalb die Ausreise nicht wie geplant zustande kam, ist nicht ganz sicher zu klären. Visumsanträge hatten sie, wie aus den schweizerischen Unterlagen nach ihrer Befreiung hervorgeht, damals schon gestellt, aber möglicherweise war die Quotennummer so hoch, dass sie keine Chance mehr auf eine rechtzeitige Ausreise hatten. Auch dauerte es offensichtlich mehrere Monate, bis die verschiedenen Verkäufe der Grundstücke in Laufenselden tatsächlich bewilligt und damit auch rechtskräftig wurden. So befindet sich in den Akten die behördliche Genehmigung des Verkaufs von elf verschiedenen Parzellen Ackerland und Wiesen an einen Bauern R. aus Laufenselden, der vertraglich bereits im September 1938 zustande gekommen war, aber erst im März 1940 genehmigt wurde.[68] Das Geld dafür durfte Sali selbstverständlich nicht einfach vereinnahmen, es musste vielmehr auf ein gesichertes Konto eingezahlt werden. Dieses Sicherungskonto wurde erst im Februar 1940 eingerichtet.[69]
So mussten sie mit der ständigen Bedrohung, die nach der Reichspogromnacht noch viel konkreter geworden war, weiterhin in Wiesbaden ausharren. Zunächst hatten sie noch das Geld zur Verfügung, das ihnen vom Verkauf des Hauses und der Ländereien geblieben war. Mit kleinen Gartenarbeiten konnte Sali damals noch ein wenig Geld hinzuverdienen. Emma Oppenheimer, so ist auf ihrer Gestapokarteikarte notiert, war wegen Krankheit nicht arbeitsfähig. Ohne feste eigene Einkünfte und ohne Vermögen waren sie jetzt noch mehr von den Zuwendungen der Verwandten abhängig. Nur vereinzelte Belege solcher Unterstützungsgelder sind in den Akten erhalten geblieben. In seiner Einkommensteuererklärung für 1939 gab Sali Oppenheimer an, er habe 3.500 RM von Familienmitgliedern als Zuwendungen erhalten, davon 1.500 RM von noch in Deutschland lebenden Verwandten.[70]

HHStAW 519/3 5554 (11)
Im Zusammenhang mit der Errichtung des Sicherungskontos war Sali verpflichtet worden, der Devisenstelle eine Aufstellung seines Vermögens, seiner Einkünfte und seiner Ausgaben in einem vorgegebenen Formular zu übermitteln. Vermögenswerte konnte er in dem mit dem 31. Januar 1940 datierten Formular nicht angeben. Er verwies nur auf den noch nicht auseinandergesetzten Anteil an der Erbschaft seines im vorherigen Oktober in Berlin verstorbenen Bruders Louis. Seine Einkünfte – es muss sich um die oben bereits genannten Zuwendungen handeln – betrugen 3.500 RM. Seine monatlichen Ausgaben bezifferte er auf 350 RM, wobei für die Miete 100 RM, für die übrigen Lebenshaltungskosten, zu denen auch Arztkosten zählten, etwa 200 RM eingesetzt waren.[71] Der entsprechende monatliche Freibetrag, den sie von ihrem Konto abheben durften, wurde von der Devisenstelle dann auch genehmigt.[72]
Im Sommer 1940 schien es so, als käme die Emigration doch noch zustande. Am 31. Juli legten Sali und Emma Oppenheimer der Devisenstelle ein neunseitiges Verzeichnis des Umzugsguts vor, das sie mit in die USA nehmen wollten. Eingereicht wurde die Liste von der Jüdischen Gemeinde, die Rückantwort sollte aber an Moritz Liffmann gehen, der später mit ihnen zusammen im Judenhaus Rheinstr. 81 wohnte, damals aber noch als vom Regierungspräsidenten zugelassener Helfer für Auswanderungsangelegenheiten tätig war. „In Kürze“ sollte die Auswanderung zu der bereits in den USA lebenden Tochter stattfinden, hieß es auf dem Formular. Vermögen besitze man nicht, man lebe nachweislich von Zuwendungen der Verwandten. [73]
Am 19. August wurde Sali nach Überprüfung seines Gepäcks zunächst eine DEGO-Abgabe für neuwertige Güter von 400 RM auferlegt.[74] Die Jüdische Gemeinde meldete der Devisenstelle am 1. August, dass Sali Oppenheimer seiner Verpflichtung, eine mit seiner Ausreise fällig werdende Abgabe an die Gemeinde noch nicht nachgekommen sei.[75] Ob er die fällige Zahlung noch leistete, ist nicht aktenkundig, aber das war wohl auch nicht der Grund dafür, dass die Überfahrt nicht wie geplant zustande kam.

HHStAW 519/3 32646 (21)
Das nächste Dokument in der Akte stammt vom 15. April 1941, wurde also ein Dreivierteljahr später von Sali Oppenheimer verfasst. Er habe, so schrieb er, „die Auswanderung nicht weiter betreiben können, da ich infolge Passageschwierigkeiten mein Visum für USA nicht erhalten konnte. Jetzt findet meine Auswanderung nach USA in aller Kürze statt.“[76] Da er aber weder beim ersten Versuch noch jetzt die geforderte DEGO-Abgabe zahlen konnte, verzichtete er auf die Mitnahme verschiedener Gepäckstücke, darunter auch auf die einer Nähmaschine, die eigentlich zum Aufbau einer Existenz in Amerika gedacht war.[77] Daraufhin senkte die Devisenstelle die DEGO-Abgabe – „ausnahmsweise“, wie es ausdrücklich hieß – um die Hälfte auf 200 RM.
Eine Verfügung vom 29. August 1941 machte dann alle Planungen zunichte:
„Die im April 1941 neu angeforderte Degozahlung ist nicht geleistet worden.
Nach den heutigen Bestimmungen können die Reise- und Handgepäcklisten nur noch in beschränktem Umfang genehmigt werden. Die Listen sind somit ungültig geworden.
Das Verfahren wird eingestellt.
Akten weglegen.“[78]
Offenbar war die Flucht an den fehlenden 200 RM für die DEGO-Abgabe gescheitert.
Zudem hatten Sali und Emma Oppenheimer inzwischen ihre bisherige Wohnung in der Aarstraße verlassen und waren in die Rheinstr. 81 umgezogen, in ein Haus, das inzwischen auch offiziell zu den sogenannten Judenhäusern in Wiesbaden gehörte. Welche Gründe dafür maßgebend gewesen waren, ist den Akten nicht zu entnehmen. Eigentümer des Hauses war der jüdische Apotheker Fritz Hess, der im Juni 1939 mit seiner Familie in die USA flüchten konnte. Er wird ihm kaum gekündigt haben. Möglicherweise konnte er die Miete für die bisherige Wohnung nicht mehr aufbringen. Dann stand die Kündigung im Belieben der Hausverwaltung. Möglicherweise hatte auch das städtische Wohnungsamt nach der Flucht der Eigentümer von seinen neuen administrativen Möglichkeiten Gebrauch gemacht und Oppenheimers einfach die neue Wohnung im Judenhaus zugeteilt, vielleicht weil in der Aarstraße arische Mieter untergebracht werden sollten. Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, in welchem Stockwerk in der Rheinstr. 81 die beiden untergebracht wurden und wie viel Raum ihnen dort zur Verfügung stand. Auf seiner Gestapokarteikarte ist als Umzugsdatum der 6. September 1940 festgehalten, in der Devisenstelle in Frankfurt wurde die Veränderung erst am 4. Mai 1942 in der Registratur eingetragen.[79] Beide Angaben scheinen aber falsch zu sein, denn schon am 26. Januar 1940 hatte Sali Oppenheimer die Devisenstelle mit der Absenderadresse Rheinstr. 81 angeschrieben. Er bat damals darum, seinen Freibetrag zu erhöhen, da sich sein monatlicher Bedarf wesentlich erhöht habe. Wegen der Erkrankung seiner Frau, die zur Führung eines eigenen Haushalts nicht mehr imstande sei, müssten sie beide „in fester Pension leben“. Allein dafür waren monatlich 300 RM aufzubringen. Unklar ist, ob sie diese feste Pension in der Rheinstraße erhielten, indem jemand für sie kochte, oder ob sie zeitweilig sogar noch einmal ausgezogen waren. Belege dafür gibt es allerdings nicht.
Auch hätten sie, so schrieb Sali weiter, immer noch erhebliche zusätzliche Arzt- und Pflegekosten. „Überdies bemühe ich mich ständig um Beschleunigung unserer Auswanderung und habe auch hierfür laufend nicht unerhebliche Aufwendungen zu machen an Telegramm- und Telefonspesen, Reisekosten usw.“[80]
All diese Bemühungen führten zu nichts. So mussten sie miterleben, wie die ersten Massendeportationen zunächst nach Frankreich, dann auch in den Osten begannen, mussten selbst mitansehen, wie im Mai und Juni 1942 dann viele Hundert Jüdinnen und Juden auch aus Wiesbaden „evakuiert“ wurden.

HHStAW 519/3 12442 (5)
Salis Bruder Benny hatte noch vor der Reichspogromnacht seine Ausreise vorbereitet. Schon im Oktober 1938 beantragte er die entsprechenden Formulare und reichte die Listen über das Umzugsgut ein. Die Zollfahndungsstelle Mainz, die das Gepäck überprüfte, teilte der Devisenstelle am 2. November 1938 mit, dass Benny Oppenheimer nach eigenen Angaben kein Vermögen besitze und die Auswanderung von seinem in Berlin lebenden Bruder – unklar, ob Louis oder Moritz gemeint war – finanziert werde. Obwohl es sich bei dem Gepäck zum größten Teil um gebrauchte, höchstens neu aufgearbeitete Stücke handelte, sollte auch er eine DEGO-Abgabe in Höhe von 300 RM zahlen.[81] Am 15. November wurde die Quittung für die geleistete Abgabe der Devisenstelle übermittelt. Die übrigen Dokumente, wie die steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung, waren schon zuvor eingereicht worden.[82]

https://www.ancestry.de/search/collections/3998/records/900275114
Noch am selben Tag wurde in der Devisenstelle die Ausfuhr des Gepäcks genehmigt, sodass Benny, Gusti und ihre Tochter Ingeborg Johanna Oppenheimer noch 1938 ihre letztlich unfreiwillige, aber dennoch ersehnte Ausreise antreten konnten. Vom französischen Hafen Boulogne fuhren sie mit dem Schiff ‚SS Nieuw Amsterdam‘ nach New York, das sie am 15. Dezember erreichten.[83] Die Anträge auf die amerikanische Staatsbürgerschaft, denen die aufgeführten Angaben entnommen sind, wurden von ihnen im Mai des folgenden Jahres in Los Angeles gestellt.

HHStAW 518 63513 (80)
Benny und seine Frau hatten die Auswanderung ohne große Schwierigkeiten bewältigt und man begann, sich in dem Land eine neue Existenz aufzubauen. Er hatte als Nachtwächter in einem Lebensmittelgeschäft eine Arbeit gefunden und seine Frau konnte als Näherin ein wenig zum gemeinsamen Einkommen beitragen. Umso tragischer war das, was dann geschah: Bei einem Autounfall im kalifornischen Monterey kam Benny schon am 23. Juli 1941 im Alter von nur 51 Jahren ums Leben.[84]

HHStAW 518 63513 III (111)
Abgesehen von diesem jähen Verlust mit all seinen Konsequenzen, musste sich Auguste in den nächsten Jahren auch, meist erfolglos, mit den deutschen Behörden herumschlagen, um eine nach ihrer Meinung angemessene Entschädigung zu erhalten.[85] Am 6. Januar 1994 verstarb sie im hohen Alter von fast 100 Jahren.[86]
Ihre Tochter ging am 11. Juli 1946 in Los Angeles eine Ehe mit dem 1914 geborenen Österreicher Ludwig Loren Zachlupnik Zachary ein, die aber 1970 wieder geschieden wurde.[87] In einer zweiten Ehe heiratete sie am 28. Mai 1976 Louis Schwartz, über den aber keine weiteren Informationen vorliegen.[88]
Auch anderen Geschwistern von Sali war inzwischen die Flucht gelungen. Fritz Oppenheimer, der bis zur „Machtergreifung“ der Nazis in Berlin als erfolgreicher Geschäftsmann zuletzt in der Insbrucker Str. 36 gelebt hatte, war sich der drohenden Gefahr offenbar früh bewusst geworden. Bereits 1935 hatte er mit seiner Frau Klara von Antwerpen aus eine Reise in die USA angetreten. Zu dieser Zeit kann man kaum davon ausgehen, dass es sich dabei um eine reine Besuchs- oder Urlaubsreise handelte.[89] Wie lange sie dort blieben, ist nicht bekannt. Aber sie kehrten zunächst wieder nach Berlin zurück, zumal ihre sechsjährige Tochter Hanna in Deutschland zurückgeblieben war. Vermutlich hatten sie diese bei den Großeltern in Schweinfurt gelassen, wo sich auch Klara mehrfach für längere Zeit aufhielt, so auch vom Juli 1936 bis zum Januar 1937. Laut dem Melderegister von Schweinfurt war sie am 13. Juni 1941 nach Frankreich ausgewandert.[90] Diese Angabe ist aber in dieser Form nicht richtig. Es handelt sich nämlich um das Datum, an dem ihr und ihrer Familie durch Veröffentlichung im Reichsanzeiger die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde.[91] Ausgewandert war sie mit ihrem Mann schon viel früher. In einem Schreiben der Wiesbadener Spedition Rettenmayer vom 3. November 1938, die mit den Auswanderungsangelegenheiten von Benny Oppenheimer befasst war, ist zu lesen, dass Fritz Oppenheimer zu diesem Zeitpunkt, dem 3. November 1938, bereits in Paris lebte.[92] Demnach war die Familie noch vor der Reichspogromnacht aus Deutschland geflohen. Dass Klara sich damals nicht in Schweinfurt abgemeldet hatte, ist leicht nachvollziehbar, zumal sie in Berlin ihren Wohnsitz hatte.
Wann sie dann auf welchem Weg ihr Ziel, die Vereinigten Staaten, erreichten, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Am 30. Januar 1946 wurden Fritz Siegmund und Klara bei ihrer Ankunft in Florida registriert, aber wo sie sich zwischenzeitlich aufgehalten hatten, ist nicht bekannt. [93] Aufgrund des Ortes der Einreise liegt es nahe, dass sie, wie auch die Familie von Moritz Oppenheimer, die Jahre der Überbrückung in Süd- oder Mittelamerika verbrachten. Auch Fritz zog dann weiter nach New York, wo die Familie bei der Volkszählung von 1950 zusammen mit ihrer inzwischen 19-jährigen Tochter Hanna in Manhattan wohnte.[94] Ihr Vater hatte dort eine „artifical flower factory“ aufgebaut, die offenbar ein hinreichendes Einkommen für die drei abwarf.[95]
Am 28. Mai 1951 erhielten Fritz, der sich nun Siegfried nannte, aber vermutlich auch die übrigen Familienmitglieder ihre Einbürgerungsurkunde.[96]
Klara, die sich wohl seit ihrem Aufenthalt in Frankreich Claire nannte, verstarb im Staat New York im Oktober 1982.[97] Damit hatte sie ihren Ehemann, der bereits im Juli 1972 dort verstorben war, um zehn Jahre überlebt.[98]
Der in München mit seiner Frau Olga und seinem Sohn Fritz lebende Moritz Oppenheimer war nach der Pogromnacht verhaftet und in das KZ Dachau verbracht worden. Wie lange er dort bleiben musste, ist nicht dokumentiert.

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Allerdings ist seine Anwesenheit in einem „Heim für Dauermieter – Emmy Kelling’ in der Münchner Leopoldstr. 23 vom 17. Juni bis zum 29. Oktober 1941 im Arolsen-Archiv aktenkundig. Um was für eine Einrichtung es sich dabei handelte, konnte nicht ermittelt werden.[99]
Moritz und Olga Oppenheimer erhalten Geld aus den USA
https://www.ancestry.de/search/collections/1355/records/22758?tid=&pid=&queryId=15878532-c643-4b3e-8117-166ade3a8b17&_phsrc=SbT323&_phstart=successSource
Allerdings existiert eine Karteikarte des amerikanischen ‚Jewish Transmigration Bureau‘, wonach ein Dr. Schmidt eine Einzahlung für Moritz und Olga Oppenheimer, wohnhaft in der Leopoldstr. 49 im ‚Friedenheim Kelling‘, vorgenommen hat.[100] Trotz der abweichenden Hausnummer kann kaum ein Zweifel bestehen, dass es sich hier um den Bruder und die Schwägerin von Sali handelt. Der genauen Aufstellung auf der Rückseite ist zu entnehmen, dass es den beiden offenbar in letzter Minute gelang, den europäischen Kontinent zu verlassen: „Embarked: 12.1.42“, d.h., sie verließen am 1. Dezember 1942 Europa ganz sicher nicht mehr von Deutschland aus.[101] Die Überfahrt brachte sie auch nicht sofort in die USA, sondern offenbar zunächst nach Kuba.
Auf dem Schiff kam es zu einer völlig unerwarteten, aber umso emotionaleren Begegnung, von der seine Nichte Ada, die Tochter von Sali Oppenheimer, berichtete. Die Familie von Moritz und die von Fritz hatten zufällig Karten für das gleiche Schiff nach Kuba gebucht. Als Fritz bei einem Spaziergang auf Deck, etwa in der Höhe von Nordafrika, plötzlich seinen Namen hörte, drehte er sich um, konnte aber keine ihm bekannte Person wahrnehmen. Dann der erneute Ruf: „Fritz! Erkennst du mich nicht mehr?“ Es war sein Bruder Moritz, der ihm entgegentrat, aber kaum mehr wiederzuerkennen war. So sehr hatte ihn der KZ-Aufenthalt in Dachau verändert. Völlig abgemagert und gealtert stand er vor ihm. Trotz dieses traurigen Anblicks brach dann Freude aus, die bald das ganze Schiff erfasste. Alle Passagiere waren zu Tränen gerührt.[102]

https://www.ancestry.de/search/collections/8842/records/10280017
Offenbar hielten sich Moritz und Olga noch etwa eineinhalb Jahre in Kuba auf. Erst am 14. Juli 1943 erreichten sie mit dem Flugzeug von Havanna aus Miami in Florida.[103]

https://images.findagrave.com/photos/2011/176/35865435_130912435843.jpg
Bald danach müssen sie an die Ostküste gezogen sein, denn in Baltimore befindet sich vermutlich das Grab von Moritz Oppenheimer. Das auf dem Stein eingravierte Todesjahr lautet 1944. [104] Moritz scheint von den Strapazen der Verfolgung, des KZ-Aufenthalts und der Flucht so sehr geschwächt worden zu sein, dass es ihm verwehrt blieb, die Sicherheit und Freiheit, die ihm das amerikanische Exil bot, noch länger zu genießen. Seine Witwe Olga verstarb im Januar 1973 im Staat New York.[105]
Auch ihrem Sohn Fritz war es im letzten Moment gelungen, sich noch in Sicherheit zu bringen. In seinem Einbürgerungsantrag in den USA, den er im Dezember 1940 stellte, schrieb er, dass er, der sich zuvor in Marseille versteckt hatte, am 27. Mai 1940 von Le Havre aus die Überfahrt nach New York angetreten habe. Zwei Wochen zuvor waren die deutschen Truppen in Frankreich einmarschiert und die Jagd auf die dort lebenden Juden begann.

https://www.ancestry.de/search/collections/62308/records/291920446
Fritz, der in den USA für die amerikanischen Streitkräfte gemustert wurde, gab als Person, die bei einem Unglücksfall unterrichtet werden sollte, seine Cousine Beate Ada, die Tochter von Sali und Emma Oppenheimer, an.[106] Man war offensichtlich in ständigem Kontakt. Beim Zensus im Jahr 1950 wohnte er dann zusammen mit seiner verwitweten Mutter im New Yorker Stadtteil Queens und war als Versicherungsagent tätig.[107]
Gescheiterte Fluchten
Während somit doch einige Mitglieder der Oppenheimer-Familie den Weg in die Freiheit gefunden hatten, mussten andere, die die Zeit bisher irgendwie überstanden hatten, weiter in Nazi-Deutschland verharren und hoffen – nicht immer mit Erfolg. Wie bereits erwähnt, war Salis Schwager Moritz Moses Loeb, der Witwer von Selma, schon im März 1942 nach Lublin deportiert worden und blieb dort verschollen.

https://www.ancestry.de/search/collections/61758/records/6909807?nreg=1
Selmas Schwester Jenny, verheiratet mit Samuel Salomon, fiel ebenfalls dem Holocaust zum Opfer. Aber wenig ist bisher über das Schicksal des Paares bekannt, das seit 1911 in Limburg in der Dietzer Str. 21 lebte.[108] Jenny soll sich dort im ‚Israelischen Frauenverein‘ engagiert haben, ihr Mann war Vertreter und musste seine berufliche Tätigkeit Anfang 1939 aufgeben, nachdem Juden der ambulante Handel verboten worden war. Noch im selben Jahr wurden sie gezwungen, nach Frankfurt zu ziehen. Aber schon hier sind die genaueren Umstände, die dazu führten, nicht bekannt. Auch liegen keine Informationen darüber vor, weshalb sie dort dann vom 29. Oktober 1941 bis zum 18. August 1942 inhaftiert wurden, wie man einer nach dem Krieg erstellten Haftliste entnehmen kann.[109] Sie scheinen danach, so die eher vagen Angaben in den einschlägigen Datenbanken, nach Polen deportiert worden zu sein, offenbar nicht im Rahmen eines größeren Transports. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist, wie auch in Yad Vashem und im Gedenkbuch der Stadt Limburg, nur Jenny Salomon als Opfer aufgeführt, nicht aber ihr Mann. Dennoch hat die Stolpersteininitiative Limburg sicher zu Recht beiden mit der Verlegung solcher Gedenksteine in der dortigen Dietzer Straße gedacht. Ihre Nichte Thekla, die Tochter von Betty und Emanuel Stern, hat in Yad Vashem für sie eine ‚Page of Testimony‘ hinterlegt.[110]
Thekla selbst war auch das Kind von Opfern der Shoa geworden. Ihre Mutter Betty Oppenheimer hatte am 4. Oktober 1901 in Laufenselden den Metzger, Viehhändler und gläubigen Juden Emanuel Stern aus Balduinstein bei Diez geheiratet.[111] Er war dort am 30. Dezember 1871 als Sohn des Viehhändlers Josef Stern und seiner aus Isselbach stammenden Frau Bettchen, geborene Isselbächer, zur Welt gekommen.[112] Nach dem Tod des 1897 schon früh verstorbenen Vaters musste Josef den Betrieb nach einer Metzgerlehre selbst übernehmen. Ihm sei es im Laufe der Zeit gelungen, ein „solides Vermögen“ zu erwirtschaften und auch weiteres Land hinzuzukaufen.[113] Nicht zuletzt wegen ihres für den gesamten Ort wichtigen Geschäfts galt die jüdische Familie als völlig integriert. Emanuel sang im Chor und traf sich mit anderen Männern in der Dorfkneipe regelmäßig zum Skat.
In der Ehe wurden die drei Kinder Thekla, auch Thea genannt, Josef und Susanna geboren. Sie alle kamen in Balduinstein zur Welt: Thekla am 28. August 1902, Susanna am 25. Februar 1904 und Josef am 23. Februar 1908.[114]

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Die Metzgerei wurde 1929 vermutlich aus gesundheitlichen Gründen verpachtet und Sterns zogen in das benachbarte Diez, wo sie nur ihre Viehhandlung noch weiter betrieben. Dort wurden sie erstmals mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert, die 1935 ihren Höhepunkt mit dem Abtransport der Kinder des jüdischen Waisenhauses und der Inhaftierung der Heimleiterfamilie erreichten. Diese Ereignisse veranlassten Sterns noch im selben Jahr, den dortigen Viehhandel wieder aufzugeben und nach Balduinstein zurückzukehren. In dem dortigen, sich noch in ihrem Besitz befindlichen, aber vermieteten Haus hatten sie sich das Wohnrecht in den beiden Zimmern des ersten Stocks vorbehalten, sodass sie dort wieder unterkommen konnten. Die Wohnung bot ihnen genügend Platz, denn die Kinder waren längst ausgezogen und hatten inzwischen ihre eigenen Familien gegründet.
Aber auch in Balduinstein hatte sich inzwischen das Klima verändert. Zwar half Betty zunächst noch in der verpachteten Metzgerei aus und ihr Mann verkaufte gelegentlich noch ein Stück Vieh, aber die Situation wurde immer unerträglicher. Man grenzte sie überall aus, grüßte nicht mehr, und weder im Gesangsverein noch in der Skatrunde war Emanuel noch willkommen. Die wachsenden Spannungen zwischen ihnen und ihrem arischen Pächter wurden immer belastender, sodass sie zuletzt ihre Wohnung fast nicht mehr verließen. Immerhin – das soll nicht verschwiegen werden – gab es ein paar wenige Dorfbewohner, die auch weiterhin zu ihnen standen und sie unter der Hand mit Lebensmitteln versorgten.[115]
1938, als man im November überall in Deutschland gegen jüdisches Leben und jüdische Menschen mit Gewalt vorging, waren Emanuel und Betty Stern die einzigen noch in Balduinstein verbliebenen Juden. Ihr Haus hatten sie unter Druck inzwischen an den bisherigen Pächter unter Wert verkauft.[116] Dennoch stürmte eine Gruppe von Nazis, vermutlich aus einem Nachbarort, ihre Wohnung und demolierte die Einrichtung. Der Bürgermeister, der das Amt schon während der NS-Zeit innehatte und damals auch NSDAP-Ortsvorsitzender und Ortsbauernführer war, gab im Entschädigungsverfahren zu Protokoll: „Die Schäden waren jedoch nicht allzu hoch, da lediglich die Küchenschränke umgeworfen wurden, wobei das Porzellan in Trümmer ging“.[117] Auch andere Zeugen, die im Verfahren über die damals entstandenen Schäden – es ging auch um einen Besteckkasten mit Silberbesteck und um zwei Ölgemälde – aussagen sollten, wussten nichts Konkretes über die damaligen Ereignisse zu berichten. Kollektive Amnesie auch in Balduinstein. Emanuel war in der Nacht so sehr misshandelt worden, dass allein die Arztrechnung 500 RM betrug.[118] Zudem wurden er und seine Frau Betty für eine Nacht in „Schutzhaft“ genommen.
Wieder freigekommen, flüchteten sie nach Berlin zu ihrer Tochter Thekla, die aber von den Pogromen nicht minder betroffen war. [119] Mit dem in den vergangenen Jahren erworbenen Vermögen wäre ihrer Familie eine rechtzeitige Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland ohne Weiteres möglich gewesen. Aber der sehr konservative und national gesonnene Rudolf Mayer war zögerlich, hatte geglaubt, den Nazi-Spuk aussitzen zu können. Welch ein Irrtum: 1938 verlor er zunächst seine Stellung in dem arisierten Unternehmen und anschließend wurde er im Zuge der Verhaftungswelle nach dem 10. November in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Entlassung am 26. November setzte die Familie alle Hebel in Bewegung, um aus Deutschland herauszukommen. Unter großen finanziellen Verlusten konnten sie dann im Mai 1939 nach England entkommen, wo aber auch für sie zunächst, zeitweise getrennt, die Internierung als „enemy aliens“, als „feindliche Ausländer“, wartete. Das Leben in dem unter den Folgen des Krieges leidenden Land war schwierig. Deutsche, auch wenn sie selbst Opfer des Hitler-Regimes waren, blieben ungern gesehene Gäste, die man eigentlich wieder loswerden wollte. Berthold hatte nach seiner Freilassung in Heimarbeit Bilderrahmen hergestellt, dabei aber fast nichts verdient. Später versuchte er, mit einem Kompagnon sich selbstständig zu machen und Plastikarmbänder und Puderquasten auf den Markt zu bringen. Dass auch damit kaum Geld zu machen war, erklärt sich von selbst. Die Situation wurde für Thekla noch schwieriger, nachdem Rudolf Mayer am 27. Januar 1949 an Lungenkrebs verstarb.[120] Noch im Entschädigungsverfahren gab seine Witwe an, dass sie ihren Lebensunterhalt als „Schmuckfaden-Arbeiterin“ verdiene.[121]
Auch die Eltern verließen anschließend wieder Berlin. Eigentlich hatten sie geplant, sich zu ihrem Sohn Josef zu begeben, der nach Südafrika ausgewandert war. Schon bevor die Nazis an die Macht kamen, war für ihn klar, dass er den väterlichen Metzgereibetrieb nicht übernehmen und stattdessen eine kaufmännische Ausbildung anstreben würde.[122] Eine Anstellung fand er in dem Frankfurter Unternehmen ‚L[eo] S[alomon] Mayer‘, in dem früher auch seine Schwester Thekla ihre berufliche Laufbahn begonnen hatte. Auch Josef stieg in der Firma seines Schwagers in Berlin auf und übernahm die Kundenvertretung in England, die er aber 1934 auf Druck eines nationalsozialistischen Firmenangehörigen wieder verlor. Da aber damals sein Onkel Louis Oppenheimer noch einer der Direktoren war – die Stellung des unverheirateten und kinderlosen Onkels sollte Josef eigentlich später übernehmen –, konnte er zunächst in Frankfurt für die Firma weiterarbeiten. Aber auch in Frankfurt war er nicht nur ständigen Anfeindungen ausgesetzt, er verdiente auch nur noch die Hälfte seines bisherigen Einkommens, weshalb er am 11. Juni 1936 über England nach Südafrika auswanderte. In Johannesburg lernte er die Wiesbadener Emigrantin Gerda Happ kennen, die er am 29. Juni 1939 heiratete.[123] Zwei Töchter, Audrey Betty und Vivien Hazel, wurden dem Paar in den Jahren 1945 und 1948 in Pretoria geboren, wohin die Eltern inzwischen verzogen waren. Josef verstarb dort als Leiter eines Baumarkts am 17. August 1965 an Krebs, seine Frau am 9. Juni 2003 in Los Angeles, wo zuletzt auch ihre Tochter Audrey Betty lebte. Auch ihre Schwester Vivien Hazel verließ den Apartheidstaat nach dem Krieg und zog mit ihrer fünfköpfigen Familie nach Toronto in Kanada.
Woran die Ausreise von Betty und Emanuel Stern nach Südafrika genau scheiterte, ist nicht bekannt. Für kurze Zeit kehrten sie noch einmal nach Balduinstein zurück, bevor sie sich dann am 14. Juli 1939 in Friedberg anmeldeten.[124] Dort lebte ihre Tochter Susanna mit ihrem Ehemann Berthold Schloss und dem etwa neunjährigen Sohn Hans.
Die beiden hatten am 10. November 1929 in noch besseren Zeiten mit einem großen Fest im Wiesbadener ‚Hotel Kronprinz‘, einem jüdisch geführten Haus, ihre Hochzeit gefeiert. Berthold Schloss kam aus dem Städtchen Montabaur im Westerwald, wo die Eltern ursprünglich ein Kurzwarengeschäft führten, das aber inzwischen nach Friedberg verlegt und nach dem Tod des Vaters von Berthold übernommen worden war.[125] Angesichts der Vermögenswerte, die das Paar 1942 formal noch besaß, etwa 10.000 RM in Schatzbriefen, scheint es der Familie, die auch eine sehr große und bestens ausgestattete Wohnung in Friedberg besaß, über viele Jahre recht gut gegangen zu sein.[126]

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Genau neun Jahre nach der Hochzeitsfeier drang der Nazi-Mob in das Haus der Familie Schloss in der Kaiserstr. 115 ein und warf das Mobiliar aus dem zweiten Stock auf die Straße. Auch der Rollstuhl der gelähmten Mutter von Berthold Schloss, die ebenfalls dort wohnte und wegen deren Behinderung Susanna und ihr Mann Möglichkeiten der Flucht bisher nicht nutzen wollten, flog aus dem Fenster. Berthold Schloss gehörte dann auch zu den jüdischen Männern der Stadt, die am nächsten Tag den Weg nach Buchenwald antreten mussten. Nach seiner Entlassung wurde die Familie gezwungen, ihre bisherige Wohnung zu verlassen und in das baufällige Judenhaus in der Judengasse 6, das ehemalige jüdische Gemeindehaus, zu ziehen, in dem sie bis zu ihrer Deportation ausharren musste. Am 13. Juli 1939 kamen auch Betty und Emanuel Stern hinzu und zuletzt am 1. Juli 1942 noch Susannas und Bertholds knapp zwölfjähriger Sohn Hans, der bisher in einem jüdischen Kinderheim in Frankfurt untergebracht war.[127]
Mitte September wurden die ersten Friedberger Jüdinnen und Juden von ihrer anstehenden „Evakuierung“ unterrichtet. Bis zum 17. September dauerte es, bis alle aus der Umgebung zur Sammelstelle, der Friedberger Augustinerschule, herangekarrt worden waren. Mit dem Zug brachte man sie nach Darmstadt, wo etwa 2 000 Jüdinnen und Juden aus ganz Großhessen auf ihren Weitertransport warteten. Noch waren Betty und Emanuel Stern, Susi, ihr Sohn Hans und ihr Ehemann Berthold Schloss sowie dessen Mutter zusammen.

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Nach zehn Tagen des Wartens wurden sie getrennt. Für die Älteren, für Betty und Emanuel Stern sowie Frau Schloss, stand am 27. September ein Zug auf den Gleisen, der sie zusammen mit fast 1 300 anderen Opfern in das sogenannte Altersghetto Theresienstadt brachte. Betty wurde dort am 3. März, ihr Mann am 23. Juni 1943 ermordet.[128] Margaretha Schloss war schon vier Wochen nach ihrer Ankunft im Ghetto verstorben.[129]
Am 30. September 1942 verließ der nächste Transport, er trug die Bezeichnung ‚Da 84‘, mit 883 Menschen Darmstadt.[130] Sein Ziel war kein Ghetto, in dem es noch eine minimale Chance zum Überleben gab, sondern das Vernichtungslager Treblinka, in dem der industrielle Massenmord perfektionistisch an insgesamt etwa 900 000 Jüdinnen und Juden verübt wurde.[131]
Nach Ankunft auf dem Bahnsteig wurden die Menschen auf der mit Stacheldraht gesäumten sogenannten „Himmelfahrtsstraße“ in das obere Lager getrieben, wo die zynischerweise als Synagoge getarnten Gaskammern standen – es gab dort vermutlich zehn –, die die entkleideten Menschen aufnahmen. Die Abgase eines russischen Panzermotors, die in die Todeszellen von etwa 50 m2 einströmten, sorgten für deren grauenvollen Tod. Am 2. Oktober hatte der Zug aus Darmstadt Treblinka erreicht. Das wird auch der Todestag von Susi, Berthold und Hans Schloss gewesen sein.
Die Deportation von Sali und Emma Oppenheimer
Fast vier Wochen bevor Betty Stern mit ihrem Mann in Theresienstadt angekommen war, hatte der Sonderzug ‚Da 503‘ von Wiesbaden aus auf seinem Weg über Frankfurt mit 1110 ebenfalls zumeist älteren Jüdinnen und Juden, darunter Bettys Bruder Sali mit seiner Frau Emma, ebenfalls die zum Ghetto umgewandelte ehemalige Festung in Böhmen erreicht. Am Schabbat hatten sich die Menschen in der ehemaligen, inzwischen entweihten Synagoge der konservativen Austrittsgemeinde in der Friedrichstraße einfinden müssen, um registriert und ihrer letzten Habe beraubt zu werden.

HHStAW 518 38168 (6)
Die damals ausgestellte Einzugsverfügung über sein gesamtes Vermögen, datiert auf den 27. August 1942, ist mit der entsprechenden Postzustellungsurkunde erhalten geblieben. Als seine derzeitige Anschrift ist die Adresse der Synagoge in der Friedrichstr. 33 angegeben.[132]
Um welche Vermögenswerte es genau ging, ist nicht aufgeführt. Es kann nicht mehr viel gewesen sein, sonst wären sie vermutlich auch zum Abschluss eines Heimeinkaufsvertrags gezwungen worden, mit dem sich die SS in letzter Minute noch am Beutezug beteiligte. Hinweise auf einen solchen Vertrag liegen aber in diesem Fall nicht vor.
Das größte noch vorhandene Vermögen wird die zurückgelassene Wohnungseinrichtung gewesen sein, deren Wert sie im Entschädigungsverfahren mit etwa 24.000 RM angaben.[133]
Spuren dieses Inventars findet man in zwei Einzahlungen, die am 17. und 18. November 1942 als Zahlungseingänge vom Konto des bereits deportierten Sali Oppenheimer an das Finanzamt Wiesbaden weitergegeben wurden. Die Beträge von einmal 975,– RM und dann 23,10 RM wurden als „Verwertung jüdischen Vermögens“ verbucht.[134] Auch wenn Oppenheimers vielleicht schon vor ihrer Deportation manches Stück verkauft hatten, um die größte finanzielle Not zu lindern, wird man sicher zu Recht bezweifeln können, dass das tatsächlich alles gewesen sein soll, was dort noch vorhanden war und von den rührigen Auktionatoren damals den kleinen Holocaustgewinnlern angeboten wurde. Gold, Silber und andere Wertgegenstände hatten sie ohnehin schon längst abgeben müssen.[135]
Vom Aufenthalt der zumeist alten Männer und Frauen in der Friedrichstraße liegen einige seltene Fotos vor, die diese bei dem Registrierungsvorgang oder auch einfach nur beim Warten zeigen. Das Warten hatte am Morgen des 1. September ein Ende. An diesem Tag wurden sie durch die Stadt zur Viehverladestation am Hauptbahnhof geführt. Ein Fotograf hat auch hier Aufnahmen der verstörten Menschen gemacht, die im kalten Nieselregen den Zug besteigen mussten, der sie zunächst nach Frankfurt brachte. Nur wenige konnten bisher auf den Fotos identifiziert werden. Sali und Emma gehören nicht dazu.

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In Frankfurt in der Großmarkthalle waren schon mehrere hundert weitere Jüdinnen und Juden aus verschiedenen Landkreisen Hessens zusammengeführt worden. Mit insgesamt 1100 Menschen verließ der Zug dann die Bahnstation in der Markthalle und erreichte noch am Abend sein Ziel.

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Vermutlich trafen Sali und Emma nach ihrer Ankunft in Theresienstadt auf Betty und ihren Mann, denn bei jedem neu ankommenden Transport wurde nach Verwandten oder auch nur Bekannten gesucht und man versuchte, etwas über deren Schicksal und das von anderen zu erfahren. In welchem der vielen maroden Gebäude des Ghettos sie untergebracht wurden, ist nicht bekannt.
Eva Gerstle-Wertheimer, eine Wiesbadenerin, die damals ebenfalls deportiert wurde und Theresienstadt überlebte, schrieb über die dortige Situation: „Alle mussten wir arbeiten, zum Teil in deutschen Fabriken oder für das Ghetto selbst. Wir waren ausnahmslos schrecklich hungrig. Es war fürchterlich mitanzusehen, wie gerade die älteren Menschen erkrankten und immer mehr verschmutzten, bis sie schließlich verhungert waren. Ich versuchte durch zusätzliche Arbeit, so viele Extrarationen an Essen wie nur möglich für meine Eltern zu beschaffen. Aber mein armer Vater starb bereits nach vier Monaten. Meine Mutter überlebte noch den Winter und den Frühling, dann verhungerte auch sie. Es war für mich ganz furchtbar, das mitansehen zu müssen und nicht helfen zu können. […] Das Leben in Theresienstadt wäre für uns Jüngere vielleicht noch ,erträglich‘ gewesen, wenn da nicht der dauernde ,Abtransport nach dem Osten‘ gewesen wäre.“[136]
Auch Sali und Emma Oppenheimer hungerten. Im Laufe ihres Aufenthaltes hatten sie fast die Hälfte ihres 1942 durch reduzierte Lebensmittelzuteilungen wohl ohnehin schon geringen Gewichts verloren. Etwa 45 kg wogen sie noch, als sie gerettet wurden. Auch erkrankten sie, wie fast alle anderen auch. Emma hatte sich eine Blutvergiftung in der rechten Hand zugezogen, die eine Versteifung der Finger zur Folge hatte und sie den Rest ihres Lebens behinderte und partiell arbeitsunfähig machte.[137] Sali überlebte trotz allem zwei Lungen- und Rippenfellentzündungen. So paradox es klingen mag, wahrscheinlich rettete ihm und seiner Frau das sogar das Leben. Als wieder einer der Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz anstand, war er zu krank und fiebrig, um als transportfähig zu gelten, weshalb beide im Ghetto bleiben konnten.[138]

Darüber, ob sie Zwangsarbeit verrichten mussten, liegen keine Informationen vor. Bei ihrer Einvernahme durch die Schweizer Behörden nach der Rettung gab Sali an, er habe Hausdienste machen und in der Küche arbeiten müssen.[139]
Aus Unterlagen der Deutschen Bank geht hervor, dass die beiden im Ghetto von Emmas Bruder Sigmund Moses bzw. von einer ihrer Schwestern, Fanni oder Nanni, finanziell unterstützt wurden, zumindest solche Versuche unternommen worden waren. Laut einem Schreiben der Bank hatte ein Frl. Anni Moses – eine unmittelbare Verwandte mit diesem Namen gibt es allerdings nicht –[140] das Geldinstitut beauftragt, sie monatlich mit 100 RM von dem Auswanderersperrguthaben zu versorgen. Nachweislich wurden die Zahlungen im Januar 1943 aufgenommen und bis Januar 1945 insgesamt 1.500 RM an die ‚Jüdische Selbstverwaltung Theresienstadt‘ per Postscheck überwiesen. Der größte Teil der Zahlungen wurde aber wegen Unzustellbarkeit wieder zurücküberwiesen.[141] Ob Sali und Emma in ihrer Zeit dort jemals etwas davon erfuhren, ob sie jemals Geld erhielten, ist äußerst fraglich. Es bleibt in jedem Fall ein Wunder, dass die beiden fast 70 und 65 Jahre alten Menschen, die Lagerzeit mit all ihren Entbehrungen überstanden und am Ende sogar noch gerettet wurden.
Der ‚Zug in die Freiheit‘
Am 7. Februar 1945 überschritten sie die Grenze in die Schweiz. Ausgerechnet die Schweiz, die in all den Jahren zuvor aus Angst vor Überfremdung eine Politik der generellen Abschottung betrieben hatte. Zwar hatte man vereinzelt politischen Flüchtlingen Asyl gewährt, nicht aber Juden. Rassische Verfolgung galt nicht als Asylgrund. Dass diese Entscheidung von latentem oder auch offenem Antisemitismus bestimmt war, ist offensichtlich, denn es waren primär Jüdinnen und Juden, die besonders mit dem Beginn der Deportationen Einlass in das mehr oder weniger neutrale Land begehrten und nicht Geflüchtete aus Afrika oder anderen Teilen der Welt. Schon 1939 wurde vor einer „Verjudung der Schweiz“ gewarnt.[142] Bezeichnend ist, dass die Grenzen im August 1942, als die Deportationen ihren Höhepunkt erreichten, fast undurchdringlich wurden. Erst als die Niederlage des Hitler-Staates sich abzeichnete, revidierte man ab dem Sommer 1944 in kleinen Schritten diese starre Haltung,[143] was wiederum die Voraussetzung für eine Rettungsaktion war, die auf private Initiativen zurückging.
Es waren Yitzchok und Recha Sternbuch, geborene Rottenberg, Textilindustrielle aus St. Gallen, die schon länger in der Flüchtlingshilfe aktiv waren und in diesen letzten Tagen des Dritten Reiches nach einer Möglichkeit suchten, wenigstens einige ihrer Glaubensbrüder zu retten. Ihr Hilfswerk, das 1944 zum europäischen Ableger der ‚Union of Orthodox Rabbis of the United States of America and Canada‘ – kurz: ‚Union‘ – geworden war, nahm damals Kontakt mit dem ehemaligen Bundesratsmitglied Jean-Marie Musy auf, weil dieser sich zuvor erfolgreich für einen anderen Inhaftierten eingesetzt hatte.[144] Er war insofern ein geeigneter Verbündeter, als er mit Himmler persönlich bekannt war und mit ihm in der Vorkriegszeit in einem Bündnis gegen den Kommunismus zusammengearbeitet hatte. Musy war ein Mann, der dem Nationalsozialismus gegenüber also prinzipiell keineswegs feindlich gesonnen war.[145]
Als der Kontakt zustande kam, hatte Musy mit Himmler bereits ein gemeinsames Treffen ausgemacht, bei dem es eigentlich wieder um einen einzelnen Gefangenen gehen sollte. Yitzchok und Recha Sternbuch baten ihn, auch im Namen der Union ihr Anliegen – es ging damals noch um eine begrenzte Zahl orthodoxer Häftlinge – vorzutragen. Er erhielt 60.000 Franken zur Deckung seiner Kosten im Voraus, kaufte davon ein Auto, mit dem ihn sein Sohn durch Deutschland chauffierte. 30.000 Franken sollten ihm im Fall des Erfolgs als Bonus sicher sein. Nicht Humanität war für Musy das eigentliche Motiv, sondern ein Deal – wie man heute sagen würde –, an dem er selbst gut verdienen würde.
In den ersten Verhandlungen, die im November 1944 stattfanden, forderte Himmler Lastwagen, Traktoren und andere militärisch nutzbare Fahrzeuge, was von Musy als illusionär angesehen wurde. Er bot im Gegenzug Medikamente an, dann auch Geld. Zu einer Einigung kam man zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Allerdings bot Himmler damals im Gegenzug die mögliche Freilassung von bis zu 600 000 Jüdinnen und Juden an – eine Zahl, von der später nicht mehr die Rede war. Im Januar 1945 kam es bei einem weiteren Treffen zu dem Übereinkommen, dass 1 Mio. Dollar bzw. 5 Mio. Schweizer Franken auf einem Schweizer Sperrkonto deponiert werden sollten, Geld, das nach dem Krieg Deutschland zur Verfügung gestellt werden sollte. Zudem müsse die Ausreiseerlaubnis der Gefangenen als humanitärer Akt der Deutschen in der Weltpresse publizistisch begleitet werden. Dass Himmler dabei auch sein eigenes Schicksal angesichts der drohenden Niederlage im Auge hatte, steht außer Frage. Er glaubte, Deutschland mit den Westalliierten in ein Bündnis gegen Stalin einbinden zu können und damit sein eigenes, aber auch das Überleben Deutschlands sichern zu können.
Die Schweizer Regierung und die dortigen Behörden waren von den Absprachen bisher nicht unterrichtet worden. Erst einen Tag zuvor, am 6. Februar, informierte Musy den völlig überraschten Schweizer Bundespräsidenten von der Ankunft des „Zuges in die Freiheit“ am folgenden Tag.
Am 3. Februar hatten in Theresienstadt die konkreten Vorbereitungen begonnen. An diesem Tag war der damals amtierende ‚Judenälteste‘ Benjamin Murmelstein von dem Lagerkommandanten Karl Rahn unterrichtet und aufgefordert worden, Listen von potentiellen Ausreisewilligen zusammenzustellen. Nur solche aus dem Reich, dem Protektorat Böhmen / Mähren und den Niederlanden durften darin aufgenommen werden. Ausgeschlossen waren Personen, deren Verwandte bereits in die Vernichtungslager verbracht worden waren. Laut Zeitzeugen hatten auch Akademiker geringere Chancen als Handwerker oder Arbeiter. Nach den vorgegebenen Kriterien kamen 6 000 Personen in Betracht. Für die begannen jetzt Stunden der Verzweiflung. Sie mussten eine Entscheidung fällen, deren Folgen für sie gänzlich unabsehbar waren. Wie viele Transporte hatten in der Vergangenheit Theresienstadt verlassen, um nach Auschwitz oder Treblinka in den Tod zu fahren? Das Angebot, einen Transport in die Freiheit besteigen zu dürfen, musste so unglaubhaft erscheinen, dass man darin nur eine zynische Finte der Peiniger vermuten konnte. Sollte man sich auf dieses Wagnis einlassen, so kurz vor dem Zusammenbruch des Systems? Zwar hatte auch Murmelstein zur Teilnahme geraten, andere des Ältestenrats sprachen sich aber dagegen aus. Manche, die sich trotz allem auf das Wagnis eingelassen hatten, behielten ihre Zweifel, bis sie die ersten Grenzer mit dem Schweizer Kreuz auf deren Uniform vor ihren eigenen Augen sahen.
2 000 waren dann bereit, sich auf die Liste setzen zu lassen. Am Morgen vor der Abfahrt wurden sie alle noch einmal vom Lagerkommandanten oder anderen SS-Größen „begutachtet“ und befragt. Man hatte untereinander schon Tipps ausgetauscht, wie man diese letzte Hürde der Befragungen am besten überwinden könne. All das zog sich noch bis in die Nacht des 4. und sogar bis in die Morgenstunden des 5. Februar hin. Manche erhielten sogar noch neue Kleidung aus der Kleiderkammer, manchen wurden noch die Haare geschnitten, damit sie einen besseren Eindruck machen würden, was natürlich die Hoffnung verstärkte, das Versprechen würde sich nicht als Falle erweisen.
Dann verließ der Zug, zusammengestellt aus normalen Personenwagen, am Vormittag des 5. Februar 1945 mit 1100 Insassen ihren ‚anus mundi‘. Sie fuhren noch, reichlich ausgestattet mit Lebensmitteln, zwei Tage durch das für alle durch die Fenster wahrnehmbar zerbombte Deutschland. Für viele war die unterwegs erteilte Erlaubnis, den Judenstern abnehmen zu dürfen, das bedeutsamste Ereignis auf der Fahrt, die am Abend des 7. Februar in St. Gallen endete. Von Sali und Emma Oppenheimer festgehaltene Eindrücke dieser letzten Tage liegen leider nicht vor.

nach ihrer Befreuung
Bundesarchiv Schweiz • CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946
Trotz der ersten Euphorie über ihr wiedergewonnenes Leben kamen die Befreiten völlig erschöpft in St. Gallen an und zogen eher in einem Trauermarsch, wie sich eine Zeitzeugin erinnerte, durch die Stadt zu ihrer Unterkunft, kaum fähig, ihr Gepäck zu tragen. Untergebracht wurden sie zunächst für Quarantänezwecke in einem Schulgebäude, das notdürftig geräumt und mit Strohlagern ausgestattet worden war. Aber es gab trotz Rationierungen gutes Essen und man genoss die sanitären Anlagen, die Duschen und die individuellen Toilettenkabinen statt der kollektiven stinkenden Donnerbalken in Theresienstadt. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurden die Eingetroffenen in drei verschiedene Kategorien eingeteilt, wobei die erste auch geeignet für schwere Lagerarbeit bedeutete, die zweite geeignet für leichte Tätigkeiten im Hausdienst oder der Küche. In die dritte Kategorie wurden diejenigen eingeteilt, die für ein Lagerleben wegen allgemeiner Schwäche, Alters oder Krankheit nicht geeignet waren. Sali und Emma Oppenheimer waren dieser Gruppe zugeteilt worden. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Schweiz erlitt Emma Oppenheimer noch einen schweren Nervenzusammenbruch, von dem sie sich nicht mehr wirklich erholte. Beide hatten nach eigener Aussage auch mit Sprachschwierigkeiten infolge von Schlaganfällen zu leiden. Unklar ist, ob sich die noch in Theresienstadt oder erst nach der Befreiung ereignet hatten.[146]
Wegen ihres Allgemeinzustandes kamen sie nach der ersten Quarantänephase an den Genfer See nach ‚Tour Haldimond‘ in Lausanne, in ein großes Haus, das zuvor als Mädcheninternat gedient hatte.[147] Besonders die gläubigen Juden waren darüber sehr erfreut, denn dort wurde eine koschere Küche geboten, in der allerdings wegen fehlender Ausstattung an entsprechenden Kochutensilien auf ein Angebot an Fleisch verzichtet wurde.
Alleiniges Ausgehen war zunächst auch nicht gestattet, aber in Begleitung von Soldaten durften sie Spaziergänge entlang des Genfer Sees unternehmen, und auch die jüdische Gemeinde kümmerte sich um die Gestrandeten.
Die Flüchtlinge erhielten auch ein kleines Taschengeld, 30 Franken im Monat von der jüdischen Flüchtlingshilfe, mit dem sie kleinere Bedürfnisse im lagerinternen Kiosk selbst befriedigen konnten. Aber manche konnten jetzt auch Kontakt mit den in alle Welt verstreuten Verwandten aufnehmen, die, nachdem sie von dem glücklichen Ausgang der Befreiungsaktion gehört hatten, ebenfalls gerne zur finanziellen Hilfe bereit waren – sofern sie konnten.

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Bundesarchiv Schweiz • CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946
Ihre Tochter Ada gab im Entschädigungsverfahren an, ihre Eltern in der Schweiz mit Lebensmittelpaketen und Bar-Überweisungen unterstützt zu haben. Die dort gewährte Ernährung hätte zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit nicht ausgereicht. Es seien etwa 900 Dollar gewesen, die sie in den 11 Monaten des Wartens für ihre Eltern aufgebracht habe.[148] Bestätigt wurden diese Angaben von einer anderen Befreiten, die sich mit dem Ehepaar Oppenheimer angefreundet hatte und auch später mit ihnen in Kontakt blieb.[149] Auch von ihrer Nichte Thekla bzw. deren Mann Rudolf Mayer wurden am 2. Juni 1945 5 Brit. Pfund aus London überwiesen.[150]
Später mussten sie nach Auskunft ihrer Tochter ihre bisherige Unterkunft verlassen und in das Flüchtlingsheim Monte Pre bei Lugano wechseln. Wann das war und mit welchen Bedingungen sie dort konfrontiert wurden, ist nicht bekannt.


in die USA
https://www.ancestry.de/search/collections/7488/records/3021224179
Am 31. März 1946 konnten sie die Schweiz verlassen und dann auf dem Schiff ‚SS Erk V. Hauser‘ vom französischen Bassan bei Montpellier zu ihrer Tochter in die USA ausreisen.[151] Wie man aus den Aufzeichnungen der Schweizer Behörden entnehmen kann, besaßen beide gültige Visa für die USA, die sie noch vor ihrer Deportation beantragt, aber nicht mehr hatten nutzen können. Das Schiff erreichte den Hafen von New York früher als erwartet, und so mussten Sali und Emma die erste Nacht in einem Schuppen auf dem Hafengelände verbringen, bevor sie dann am folgenden Tag von ihrer Tochter Ada, die von diesem Missverständnis in ihrem Interview berichtete, in die Arme geschlossen werden konnten.
Ada hatte, nachdem sie 1938 selbst in den USA angekommen war, 1941 geheiratet und eine eigene Familie gegründet. Ihr Ehemann Ernst, geboren am 12. Juli 1915 in Fränkisch-Crumbach, trug denselben Nachnamen wie sie, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass er aus der näheren Verwandtschaft der Laufenseldener Oppenheimers kam. Er war der Sohn von Moritz und Margarete Oppenheimer, die in ihrem Heimatstädtchen früher eine Zigarrenfabrik besessen hatten. Diese war allerdings schon während der Weltwirtschaftskrise in Insolvenz geraten.[152] Als Ernst am 16. Januar 1939 in die USA einreiste, war auch er bereits Opfer des Nazi-Terrors geworden. Im Gefolge der Reichspogromnacht war er kurzzeitig in Buchenwald inhaftiert worden, aber schnell freigekommen, weil er bereits ein Visum für die USA besaß.[153] Über Holland gelang ihm dann die Ausreise. New York erreichte er auf dem Schiff ‚SS Zaandam‘[154]
Bei der Volkszählung 1940 lebten er und Ada im ‚Hebrew National Orphan Home‘, wo damals weit über hundert Menschen, vermutlich zumeist europäische Flüchtlinge, untergebracht waren. Beide wurden da noch als Singles registriert, [155] werden sich aber dort wohl kennen- und lieben gelernt haben. Die Eheschließung erfolgte dann im folgenden Jahr. Am 3. November 1947 wurde ihnen die Tochter Carol Ann geboren. Ob sie das einzige Kind war, ist nicht bekannt.[156]

HHStAW 518 38168 (84)

HHStAW 518 38169 (43)
Sali Oppenheimer und seine Frau verbrachten die letzten Jahre ihres Lebens in New York in Heimen. Beide waren physisch und seelisch gezeichnet von der Zeit der Verfolgung und ihrem Aufenthalt im Ghetto von Theresienstadt. Sali verstarb am 30. August 1955 in New York an Herzschwäche.[157] Emma, die die letzten Jahre immer stärker unter Depressionen litt und ständig in ärztlicher Behandlung war, musste nach dem Tod ihres Mannes in die Krankenabteilung des Heims aufgenommen werden. Etwa ein Jahr danach verstarb auch sie dort am 13. September 1956.[158]

https://de.findagrave.com/memorial/227261787/emma-oppenheimer#view-photo=227782296
Veröffentlicht: 28. 12. 2025
Anmerkungen:
[1] Angesichts der Vielzahl von Mitglieder der großen Familie Oppenheimer, wird es bei der Lektüre des Artikels sinnvoll sein, den beigefügten Stammbaum durch Betätigen der rechten Maustaste in einem eigenen Tab zu öffnen, damit man zur Orientierung ohne Probleme darauf zurückgreifen kann.
[2] Siehe auch im Folgenden https://www.alemannia-judaica.de/laufenselden_synagoge.htm. ( Zugriff 25.11.2025). Speziell zur Synagoge siehe Göbel / Hengstenberg, Synagoge Laufenselden.
[3] Der Stammbaum ist im Leo-Baeck-Institut hinterlegt und unter https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067 abrufbar. ( Zugriff 25.11.2025). Bei dem genannten Louis Oppenheimer handelt es sich nicht um den gleichnamigen Bruder von Sali, sondern um einen Cousin, einen Sohn von Ferdinand Oppenheimers Bruder Seligmann.
[4] https://www.a-h-b.de/de/projekte/familienforschung/name-adoption-lists/langenschwalbach. ( Zugriff 25.11.2025).
[5] https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067. ( Zugriff 25.11.2025).
[6] Göbel / Hengstenberg, Synagoge Laufenselden, S. 5-22, auch https://www.alemannia-judaica.de/laufenselden_synagoge.htm. ( Zugriff 25.11.2025).
[7] Der besseren Übersicht wegen, sollen hier die Namen und Geburtsdaten der Kinder vorab zusammengefasst werden: Max (*23.7.1871), Moritz (*8.7.1872), Louis (*14.12.1876), Sali (*19.5.1876), Betty (*28.12.1877), Berthold (*16.7.1880), Jenny (*25.11 1881), Fritz (*21.10.1885), Selma (*14.5.1888), Benny (*1410.1889). Das erste Kind, geboren am 13.11.1869, kam tot zur Welt.
[8] Sterberegister Laufenselden 5 / 1898.
[9] Heiratsregister Laufenselden 1 / 1908.
[10] Heiratsregister Frankfurt 517 / 1914. Interessant ist, dass bei dieser Eheschließung August Mohrenwitz als Trauzeuge auftrat. August Mohrenwitz war später von 1940 bis 1942 Bewohner des Judenhauses Adolfsallee 30. Er war der Onkel der Braut von Louis, nämlich von Friedel Kaufmann. Deren Mutter Louise Kaufmann, geborene Scheidt, war wiederum die Schwester von August Mohrenwitz´ Frau Jenny Scheidt. Eine weitere Schwester von Jenny und Louise war Anna Scheidt, die mit dem Wiesbadener Juden Otto Frank verheiratet war, der Eigentümer des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 65 war. Deutlich wird hier, durch welch vielfältige familiäre Beziehungen die Wiesbadener Judenschaft miteinander verbunden war.
[11] HHStAW 518 63513.
[12] https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067. ( Zugriff 25.11.2025).
[13] Geburtsregister Laufenselden 17 / 1888.
[14] https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067. ( Zugriff 25.11.2025).
[15] Heiratsregister Laufenselden 2 / 1912.
[16] https://www.ancestry.de/search/collections/9800/records/2252493. ( Zugriff 25.11.2025).
[17] https://www.ancestry.de/search/collections/9800/records/2252493. ( Zugriff 25.11.2025).
[18] Geburtsregister Laufenselden 21 / 1880.
[19] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7884/images/4449603_00320?pId=110339939. ( Zugriff 25.11.2025).
[20] Wenn es sich um die Zilla Grünebaum handeln sollte, die am 17.4.1880 in Neuhof bei Fulda geboren wurde, dann hätte sie 30 Jahre alt sein müssen, siehe Geburtsregister Neuhof 38 / 1880.
[21] Lieselotte heiratete nach ihrer Flucht nach England dort den Ungarn Mikulas Berkovits, geboren am 3.4.1908. Siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/169517200/person/102193578846/facts. ( Zugriff 25.11.2025). Arno Siegbert wurde am 12.8.1942 in Izbica ermordet, siehe https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de917387. ( Zugriff 25.11.2025).
[22] https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067. ( Zugriff 25.11.2025).
[23] Siehe zur Familie Klugmann https://rijo.hier-im-netz.de/pdf/en_de_ju_sky10104.pdf (S. 17). ( Zugriff 25.11.2025).
[24] Eine Heiratsurkunde konnte nicht gefunden werden, insofern sind die Angaben nicht sicher, zumal es in dem kurzen Artikel heißt, Moritz Oppenheimer sei in Kitzingen geboren worden, was definitiv falsch ist. Ebd.
[25] Louis, der bei der Hochzeit seiner Schwester Selma 1912 als Trauzeuge fungierte, wohnte damals in Frankfurt.
[26] https://www.stolpersteine-berlin.de/de/bozener-strasse/10/thekla-mayer. ( Zugriff 25.11.2025).
[27] Bode, Juden in Balduinstein, S. 165.
[28] Das Schicksal der Familie Stern ist umfassend im Buch von Bode dargestellt, ebd. passim, und kann hier nur punktuell referiert werden.
[29], Ebd. S. 169.
[30] https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8567067. ( Zugriff 25.11.2025).
[31] https://juf.stadtarchiv-digital.de/render/85?IdNr=41481&friedhofsquelle=. ( Zugriff 25.11.2025).
[32] Sterberegister Laufenselden 2 1907.
[33] HHStAW 518 38161 (1). Im Stammbaum von Louis Oppenheimer ist fälschlicherweise ihr Geburtsdatum mit dem 14.1.1909 angegeben.
[34] Sterberegister Laufenselden 5 / 1898.
[35] Sterberegister Laufenselden 1 / 1920.
[36] HHStAW 518 38168 (67). Laut dem ‚Ehrenbuch‘ von Laufenselden waren allerdings alle drei Brüder, Sali, Benny und Fritz, während des Ersten Weltkriegs eingezogen, siehe Göbel / Hengstenberg, Synagoge Laufenselden, S. 23.
[37] HHStAW 518 38168 (98).
[38] HHStAW 685 628b (5).
[39] HHStAW 518 38168 (74).
[40] HHStAW 685 628b (16).
[41] HHStAW 685 628c (27).
[42] Ebd. (35, 36).
[43] Ebd. (62, 66).
[44] Ada Beate Oppenheimer audio interview: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn631167. (Zugriff 25.11.2025).
[45] HHStAW 685 628c (77).
[46] Ebd. (109).
[47] Ebd. (100, 110).
[48] Ebd. (113).
[49] Ebd. (115).
[50] Ebd. (116).
[51] Ebd. (108).
[52] HHStAW 685 628c (129).
[53] Ebd.
[54] Ebd. (130).
[55] Ebd. (131).
[56] HHStAW 519-A 25465 (15). Siehe auch HHStAW 519-A 25982 und HHStAW 519-A 25676.
[57] HHStAW 518 38168 (74).
[58] HHStAW 685 628d (22, 23).
[59] HHStAW 685 628c (132). Im Entschädigungsverfahren gab die URO (United Restitution Organization) unter Bezugnahme auf eine Wohnsitzbescheinigung der Stadt, die sich wiederum auf die Gestapokarteikarte bezog, an, der Verfolgte sei am 26. September 1940 in der Karlsstr. 40 gemeldet gewesen. Diese Angabe ist völlig falsch. Auf der Gestapokarteikarte steht bezüglich der ersten beiden Adressen kein Datum und an dem angegebenen Datum wohnten Oppenheimers laut dieser Karte bereits im Judenhaus Rheinstr. 81.
[60] HHStAW 685 628d (20).
[61] HHStAW 518 38168 (215).
[62] HHStAW 518 63513 (12).
[63] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1193/images/30627_151000-00173?pId=904199211. ( Zugriff 25.11.2025).
[64] HHStAW 518 63513 (291).
[65] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1193/images/30627_151000-00173?pId=4550462. ( Zugriff 25.11.2025).
[66] HHStAW 518 63513 (28, 218).
[67] Der Boykottschaden wurde dementsprechend schon vom 1.2.1933 an anerkannt, ebd. (151).
[68] HHStAW 519/3 5554 (14).
[69] Ebd. (10).
[70] HHStAW 685 628c (5).
[71] Ebd. (11).
[72] Ebd. (12).
[73] HHStAW 519/3 32464 (2).
[74] Ebd. (20).
[75] Ebd. (4).
[76] Ebd. (21).
[77] Ebd.
[78] Ebd. (22).
[79] HHStAW 519/3 5554 (17).
[80] Ebd. (16).
[81] HHStAW 519/3 12442 (5).
[82] Ebd. (7).
[83] https://www.ancestry.de/search/collections/1193/records/4199211?nreg=1 und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/900275114:3998. ( Zugriff 25.11.2025). Auf dem Schiff befanden sich zwei weitere jüdische Passagiere aus Wiesbaden, nämlich Siegbert Moch und seine Frau Rosa, geborene Ehrenfeld, die ebenfalls aus Laufenselden stammte, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6260-0553?pId=25192825. ( Zugriff 25.11.2025). Ob es sich um einen Zufall oder eine gemeinsam geplante Reise handelte, ist nicht sicher.
[84] HHStAW 518 63513 (80).
[85] Ebd. Bde. I-III (passim).
[86] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/46499059?tid=119380228&pid=162227576272&ssrc=pt. ( Zugriff 25.11.2025).
[87] https://www.ancestry.de/search/collections/1141/records/4584999. ( Zugriff 25.11.2025).
[88] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/119380228/person/162227576548/facts. ( Zugriff 25.11.2025).
[89] https://www.ancestry.de/search/collections/7488/records/22046017. ( Zugriff 25.11.2025).
[90] https://juf.stadtarchiv-digital.de/render/85?IdNr=41481&friedhofsquelle=. ( Zugriff 25.11.2025). Siehe den Eintrag in der biographischen Datenbank unter der Id.Nr.41481.
[91] https://www.ancestry.de/search/collections/2027/records/10683?tid=&pid=&queryId=c72fb8c2-4fe3-4eef-a325-37e3c72d8b65&_phsrc=SbT259&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/search/collections/2027/records/10682?tid=&pid=&queryId=1ab442fa-aa11-46f4-96bc-a5565bec402a&_phsrc=SbT371&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[92] HHStAW 518 63513 (20).
[93] https://www.ancestry.de/search/collections/8842/records/2733202 und https://www.ancestry.de/search/collections/63303/records/5152045. ( Zugriff 25.11.2025).
[94] Hanna heiratete 1955 den aus Indien stammenden, um 1924 geborenen Prayag Akerkar, mit dem sie mehrere Kinder hatte. https://www.familysearch.org/de/search/record/results?count=20&q.anyDate.from=1920&q.anyDate.to=1950&q.anyPlace=New%20York%2C%20Vereinigte%20Staaten&q.givenName=Prayag&q.surname=Akerkar. (Zugriff 25.11.2025).
[95] https://www.ancestry.de/search/collections/62308/records/291920447?tid=&pid=&queryId=4b1d0075-1338-4a1e-9f9e-5d1d6213d93a&_phsrc=SbT355&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[96] https://www.ancestry.de/search/collections/7733/records/2495709. ( Zugriff 25.11.2025).
[97] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/46499282. ( Zugriff 25.11.2025).
[98] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/46499642. ( Zugriff 25.11.2025).
[99] https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0332/1399183/001.jpg. ( Zugriff 25.11.2025).
[100] https://www.ancestry.de/search/collections/1355/records/22758?tid=&pid=&queryId=15878532-c643-4b3e-8117-166ade3a8b17&_phsrc=SbT323&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[101] und https://www.ancestry.de/search/collections/1355/records/55248?tid=&pid=&queryId=b37c93e3-a8a4-42a7-aa97-c0791deb8a0f&_phsrc=SbT325&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[102] https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn631167. (Zugriff 25.10.2025).
[103] https://www.ancestry.de/search/collections/8842/records/10280017. ( Zugriff 25.11.2025).
[104] https://images.findagrave.com/photos/2011/176/35865435_130912435843.jpg. ( Zugriff 25.11.2025). Ob es sich dabei tatsächlich um sein Grab handelt, ist nicht gewiss, aber auch Louis Oppenheimer nennt in seinem Stammbaum Baltimore als dessen Sterbeort.
[105] https://www.ancestry.de/search/collections/3693/records/46499503?tid=&pid=&queryId=c2709acf-86d2-463e-a26c-3431e7435ddf&_phsrc=SbT334&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[106] https://www.ancestry.de/search/collections/2238/records/302696893. ( Zugriff 25.11.2025).
[107] https://www.ancestry.de/search/collections/62308/records/281965818?nreg=1. ( Zugriff 25.11.2025).
[108] https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/2367/salomon-samuel-und-jenny. ( Zugriff 25.11.2025).
[109] https://www.ancestry.de/search/collections/61758/records/6909807?tid=&pid=&queryId=68817a25-6d8b-4c78-83f5-10eabb951857&_phsrc=SbT178&_phstart=successSource. ( Zugriff 25.11.2025).
[110] https://assets.yadvashem.org/image/upload/t_f_image/f_auto/v1/remote_media/arch1_yadvashem/01031801_246_2296/245.jpg?_a=BAKAACDY0. ( Zugriff 25.11.2025). Müller, Juden in Friedberg, Eintrag 1768, S. 309.
[111] Heiratsregister Laufenselden 9 / 1901. Die Familie Stern gehörte zu den seit Generationen dort ansässigen Juden. Ihr Stammbaum ist abgedruckt in Bode, Juden in Balduinstein, S. 102 f. Ein großer Teil der umfassenden und sehr detaillierten, mit Faksimiles von Dokumenten und Bildern versehenen wirklich ausgezeichneten Arbeit von Bode über die Juden in Balduinstein befasst sich mit dem Schicksal der Familie Stern. Da die Darstellung nicht nur auf Dokumenten, sondern auch auf vielen lokalen Zeitzeugenaussagen und Gesprächen mit Nachkommen beruht, ist das Buch, auf das im Folgenden immer wieder zurückgegriffen wird, unbedingt zu empfehlen.
[112] Das hier angegebene Geburtsdatum ist der Heiratsurkunde entnommen, es ist auch bei Bode, Juden in Balduinstein, S. 146 und Müller, Juden in Friedberg, Eintrag 1768, S. 309, angegeben. In den verschiedenen Dokumenten des Entschädigungsverfahrens sind unterschiedliche Geburtsdaten genannt. So ist auf dem Aktendeckel der Entschädigungsakte das Datum mit dem 28.12.1870 angegeben, siehe HHStAW 518 28633. Dieses stimmt auch mit dem im Entschädigungsantrag der Kinder angegebenen Geburtsdatum überein, ebd. (1). Auch der Bürgermeister von Balduinstein nennt dieses Datum, ebd. (51). Im Stammbaum von Louis Oppenheimer ist dagegen das gleiche Datum wie in der Heiratsurkunde genannt.
Auch über den Geburtstag seiner Frau Betty kursieren unterschiedliche Angaben, wobei dank des Geburtseintrags aus Laufenselden 44 / 1877 am richtigen Datum 28.12.1877 kein Zweifel bestehen kann. Auf dem bereits zitierten Aktendeckel steht stattdessen der 25.12.1876, so auch in einem der Bescheide, ebd. (86).
[113] Bode, Juden in Balduinstein, S. 147.
[114] Ebd., S. 165.
[115] Ebd., S. 164 f.
[116] Zu den Umständen des Verkaufs der landwirtschaftlichen Flächen und des Hausgrundstücks siehe ebd. S.227-235.
[117] HHStAW 518 28633 (24).
[118] Ebd. (74).
[119] Zum Schicksal der Familie von Thekla siehe ausführlich Bode, Juden in Balduinstein, S. 165-193.
[120] Ebd. S. 188.
[121] HHStAW 518 13084 (o.P.).
[122] Siehe im Folgenden seine eigenen biografischen Angaben in HHStAW 518 81529 (3).
[123] Ebd. (20). Sie war die am 22.9.1913 geborene Tochter von Ernst und Goldine Happ, geborene Steinberg. Die Eltern waren im Januar 1939 auch auf dem Weg nach Südafrika. Auf der Schiffsreise verstarb der Vater auf See, die Mutter gelangte aber noch zu ihrer Tochter.
[124] HHStAW 518 28633 (14).
[125] Zur Familie Schloss siehe Bode, Juden in Balduinstein, S. 239 ff.
[126] Müller, Juden in Friedberg, Eintrag 1546, S. 275.
[127] Bode, Juden in Balduinstein, S. 249.
[128] https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/4/4/6/68264_ca_object_representations_media_44677_large.jpg und https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/4/5/5/16736_ca_object_representations_media_45521_large.jpg. ( Zugriff 25.11.2025).
[129] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/31214-karoline-schloss/. ( Zugriff 25.11.2025). Sie war dort unter dem Namen Karoline registriert worden.
[130] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 228 und umfassend Kingreen, Deportation der Juden aus Hessen, S. 356-359.
[131] Siehe zu der Organisation des Massenmordes in Treblinka Berger, Treblinka, S.98-115.
[132] HHStAW 518 38168 (6, 7).
[133] Ebd. (58).
[134] Ebd. (11).
[135] Im Entschädigungsverfahren fand man im Oktober 1970 wegen verschiedener nicht mehr aufzuklärender Sachverhalte, etwa der Frage, welches Mobiliar bereits beim Umzug von Laufenselden nach Wiesbaden verschleudert wurde, einen Vergleich, bei dem alle entzogenen Vermögenswerte, welcher Art auch immer, mit rund 11.500 DM entschädigt wurden. Siehe ebd. (221).
[136] Bembenek / Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S. 308 f.
[137] HHStAW 518 38168 (34, 66).
[138] Ebd. (13, 66).
[139] CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946.
[140] Es wird sich aber um eine Verwandte von Emma Oppenheimer, geborene Moses, handeln.
[141] HHStAW 518 38168 (8).
[142] Metzger / Kaufmann, Schritt ins Leben, S. 25
[143] Insgesamt nahm die Schweiz nur 21 000 Flüchtlinge auf, 24 000 wurden zurückgewiesen, nicht zu beziffern ist die Zahl derjenigen, die wegen der Chancenlosigkeit gar nicht erst den Versuch unternahm. Ebd. S. 28.
[144] Siehe im Weiteren ebd. S. 32-47.
[145] „Musy selbst hatte versucht, in der Schweiz eine sogenannte Erneuerungsbewegung zu lancieren. Er hatte zudem antisemitische Positionen vertreten und war offen gegenüber Verschwörungsnarrativen. 1938 hatte er zusammen mit seinem damaligen Privatsekretär Franz Riedweg, der später Karriere in der SS machte, mit «Die rote Pest» einen antikommunistischen Hetzfilm in deutschen Studios für die Schweiz produzieren lassen, der sich ebenfalls antisemitischer Stereotype bediente. 1876 in Albeuve im Kanton Freiburg geboren, durchlief der Jurist eine steile politische Karriere in der Katholisch-Konservativen Partei. Von 1914 bis 1919 sass er für den zweisprachigen Kanton im Nationalrat. 1919 errang er für seine Partei nach den erstmals im Proporzsystem durchgeführten Parlamentswahlen einen zweiten Sitz im Bundesrat. Er übernahm das Eidgenössische Finanz- und Zolldepartement und bekleidete 1925 und 1930 das Bundespräsidentenamt. Nachdem ein verschärftes Staatsschutzgesetz 1934 an den Urnen gescheitert war, legte er seinen Bundesratskollegen ein Programm für den Umbau des Schweizerischen Bundesstaates vor. Diese lehnten das Programm jedoch ab, und er trat aus dem Bundesrat zurück.“ Ebd. S. 35 f.
[146] HHStAW 518 38168 (13), auch 518 38169 (42).
[147] Siehe zu Tour Haldimond Metzger / Kaufmann, Schritt ins Leben, S. 143-146.
[148] HHStAW 518 38161 (14, 16).
[149] Ebd. (17).
[150] CH-BAR E4264#1985/196#50068*, N31823, OPPENHEIMER, EMMA, 31.03.1879; OPPENHEIMER, SALI, 19.05.1876, 1945 – 1946.
[151] https://www.ancestry.de/search/collections/1315/records/98100. ( Zugriff 25.11.2025).
[152] Umfassend hat die Ruth, die Schwester von Ernst, deren Überleben die Eltern durch einen Kindertransport nach England gesichert hatten, das Schicksal der Familie in einer anrührenden Autobiographie beschrieben. Auf ihren Bruder ist sie allerdings darin nur am Rande eingegangen. Die Eltern wurden im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion 1940 nach Frankreich deportiert und im Lager Gurs inhaftiert. 1942 wurden sie über Drancy nach Auschwitz verbracht und ermordet. Siehe David, Ein Kind unserer Zeit.
[153] Ebd. S. 60.
[154] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2504/images/40338_1821100522_0908-00218?pId=900019490. ( Zugriff 25.11.2025).
[155] https://www.ancestry.de/search/collections/2442/records/8894568. ( Zugriff 25.11.2025).
[156] Carol Ann heiratete am 13.10.1987 Henry Salomon Wolinsky. Sie muss aber bereits zuvor verheiratet gewesen sein, denn ihr Nachname ist in dem Eintrag mit Baker, geborene Oppenheimer angegeben. Siehe https://www.ancestry.de/search/collections/9279/records/1528509623. ( Zugriff 25.11.2025).
[157] HHStAW 518 38168 (o.P.).
[158] HHStAW 38169 (43, 54 f.).

