Harry Holländer und Greta Levy

Nur wenige Tage hielten sich zwei weitere Personen in dem Judenhaus in der Grillparzerstr. 9 auf, ebenfalls als Besucher bei Steinbergs. Harry Holländer und Greta / Grete Levy waren am 28. Juli 1941 zusammen nach Wiesbaden gekommen und hatten Steinbergs einen einwöchigen Besuch abgestattet. Die Gestapo-Karteikarten, die eigens für diesen Besuch angelegt wurden, geben keine Auskunft über den Zweck des Besuchs. Es heißt da nur lapidar: „8 Tage zu Besuch“. Es liegt aber in dieser Zeit nahe, dass das junge Paar sich von den Steinbergs Hilfe erhoffte, um noch aus Deutschland herauszukommen. Immerhin waren sie verwandtschaftlich miteinander verbunden, Moritz Steinberg verfügte zumindest formal noch immer über ein ansehnliches Vermögen und seine beiden Söhne waren bereits in die USA emigriert.

Judenhaus Grillparzerstr 9 Steinberg Kaufmann Horn Holländer
Stammbaum der Familien Steinberg und Kaufmann
(GDB-PLS)

Grete Levy, die Nichte des Gastgebers, war am 28. Oktober 1907 in Kassel geboren worden. Ihre Mutter Johanette Steinberg war die Schwester von Moritz Steinberg, somit auch die Tochter von Feist Philipp Steinberg und seiner Frau Helene, geborene Löwenstern.[1] Johanette – in den verschiedenen Quellen einmal als Jettchen, dann als Hanni oder Hanny bezeichnet – war am 23. Dezember 1897 in Warburg geboren worden.[2] Verheiratet war sie mit einem Max Levy,[3] mit dem sie insgesamt fünf Kinder hatte.[4] 1928 war die Familie von Kassel nach Recklinghausen gezogen, der Vater schon im Februar, die Mutter vermutlich mit den Kindern erst im Dezember. Nur Grete war als einzige in Kassel geblieben, war allerdings dann auch noch mehrfach umgezogen. Sie hatte zwischenzeitlich auch in Berlin, zuletzt aber in Essen gelebt, wo ihr Lebenspartner Harry Holländer, geboren am 8. Februar 1906 im Stadtteil Steele, herstammte. Zum Zeitpunkt ihres gemeinsamen Aufenthalts in Wiesbaden waren sie aber offensichtlich noch nicht verheiratet,[5] denn sonst wären sicher von der Gestapo nicht zwei Karten angelegt worden. Ihren späteren Weg in die Vernichtung traten sie aber dann als Ehepaar an.

Harry Holländer war ein Sohn von Max und Laura Elli Holländer, geb. Rosenberg.[6] Die Eltern waren nach der Eheschließung 1902 nach Essen-Steele gezogen, wo zunächst im Jahr 1903 der ältere Sohn Heinz geboren worden war. Der Vater der beiden Söhne, lange Jahre Repräsentant der dortigen jüdischen Gemeinde, war von Beruf Kaufmann und hatte eine Generalvertretung für eine nicht bekannte Firma inne. Er verlor nach dem Machtantritt der Nazis, trotz seines im Ersten Weltkrieg erhaltenen Ehrenkreuzes als Fronkämpfer, zunehmend seine Kundschaft und 1938 auch seine Selbstständigkeit. Im Zuge der Verhaftungen in der Reichspogromnacht wurden er und auch sein Sohn Harry in der Wohnung verhaftet. Während man den Vater, vermutlich wegen seiner Tapferkeitsmedaillen, nach wenigen Tagen wieder aus dem Polizeigefängnis entließ, wurde Harry nach Dachau verbracht. Er konnte erst am 10. Dezember zurück in seine Heimatstadt.[7]

Sein Bruder Heinz hatte zu diesem Zeitpunkt schon Erfahrungen mit einem deutschen Konzentrationslager machen müssen. Er war auf Grund einer nachbarschaftlichen Denunziation unmittelbar nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze wegen sogenannter „Rasseschande“ zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.[8] Seine nachfolgende Flucht nach Holland, der Übertritt zur Altkatholischen Kirche und auch die Ehe mit einer Nichtjüdin bedeutete für ihn keine Rettung vor der Vernichtung. In Holland wurde er nach dem deutschen Überfall festgenommen und als „Schutzhäftling“ in das Lager Groß-Rosen überstellt. Am 17. Juni 1942 teilte die Gestapo seiner Frau mit, dass man ihren Mann am 11. Juni „auf der Flucht“ erschossen habe.

Über das Leben von Harry und seiner Frau Greta ist so gut wie nichts bekannt. Beide werden auf der Gestapo-Karteikarte als Arbeiter bezeichnet, es ist aber zu vermuten, dass das nicht ihr ursprünglicher Beruf war, sie vielmehr, wie auch Max Holländer, inzwischen zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Die Eltern von Harry und Heinz mussten 1940 aus ihrer Wohnung in ein Essener Judenhaus ziehen. Am 22. April 1942 wurden sie und auch Harry und Greta von Düsseldorf aus nach Izbica deportiert.[9] Wo und wann sie umgebracht wurden, ist nicht bekannt.

Den Eltern und Geschwistern von Grete Levi gelang hingegen rechtzeitig die Flucht. Sie waren zusammen am 26. Juni 1939 nach Bolivien ausgewandert und haben in La Paz die NS-Zeit überlebt.[10]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Siehe umfassend zu Steinbergs oben.

[2] Geburtsregistereintrag von Warburg 1897 / 145. Jettchen und Hanni sind jeweils Koseformen ihres Geburtsnamens Johanette.

[3] Bei ihrem Mann, dem Kaufmann Max oder Moritz Levy, auch Levi, gibt es gewisse Unstimmigkeiten bei der Identität. Laut Geburtseintrag seines Heimatortes Röhrenfurth war er am 14. Juni 1875 als Max, Sohn des Handelsmanns Isai Levy und dessen Frau Mariane (!) Goldberg geboren worden. In allen späteren Quellen trägt dieser Max Levy jetzt eigenartigerweise den Vornamen Moritz. Geburtsdatum, Geburtsort und auch die Ehefrau weisen ihn aber mit größter Sicherheit als die identische Person aus. Siehe Geburtsregister  Röhrenfurth 1875 / 62, auch http://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf%5Bpage%5D=23&tx_dlf%5Bid%5D=http%3A%2F%2Fdigitalisate.hadis.hessen.de%2Fhhstaw%2F365%2F735.xml&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=7fa784a875ae9a414bdad59f4a1f693e. (Zugriff: 17.6.2018). Anders dagegen im Opferbuch von Recklinghausen, siehe https://www.recklinghausen.de/Inhalte/Startseite/Ruhrfestspiele_Kultur/Gedenkbuch/_Opferbuch_selfdb.asp?form=detail&db=545&id=361 (Zugriff: 17.6.2018) und auch in Thiele, Helmut, Die jüdischen Einwohner zu Kassel 1700-1942 in StadtA Kassel, ist er als Moritz angegeben. Auskunft des Stadtarchivs Kassel.

[4] Geboren wurde zuerst Maria am 10.1.1906, dann Grete am 28.10.1907. Ihre folgten am 10.5.1911 noch Margot und am 10.11.1912 Julius. Am 13.10.1921 wurde noch Horst geboren. Die Angaben stammen, bis auf die zu Grete, aus dem Opferbuch der Stadt Recklinghausen. In diesem Buch ist Grete nicht unter den Kindern des Paares aufgeführt. Der Grund wird darin zu suchen sein, dass Grete, anders als die übrige Familie nicht mit nach Recklinghausen gezogen war.

[5] Auf der Gestapo-Karteikarte ist allerdings bei Grete ein Vermerk „verheiratete Holländer“ gemacht worden. Dieser Eintrag in roter Schrift auf der kopierten Karteikarte kann erst nach 1945, nachdem die Kopie erstellt wurde, vorgenommen worden sein.

[6] Die Informationen zur Familie Holländer beruhen im Wesentlichen auf den Recherchen von Niemann, Ingrid und Hülskemper-Niemann, Ludger, Stolpersteine in Steele, Hrg. Steeler Archiv e.V., Essen 2015.
https://geschichte.essen.de/historischesportal_namen/stolpersteine_1/stolpersteine_kartenuebersicht.de.html. (Zugriff: 26.5.2018). Max Holländer war 1875 in Röhe bei Eschweiler geboren worden, er war der Sohn von Moses und Hubertina Holländer.

[7] Im Gedenkbuch des Bundesarchivs wird die Verhaftung von Harry erst auf den 17.11.1938 datiert, die Aussage einer Zeugin der Ereignisse legt dagegen nahe, dass seine Verhaftung bereits in der Pogromnacht erfolgte.

[8] Sein Bild war unter anderen in der berüchtigten Sondernummer des „Stürmer“, in der für „Rassenschänder“ die Todesstrafe gefordert wurde, abgebildet worden, siehe https://geschichte.essen.de/historischesportal_namen/stolpersteine_1/stolpersteine_detailseite_1011575.de.html. (Zugriff: 26.5.2018).

[9] Siehe die entsprechenden Einträge im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de939301. (Zugriff: 17.6.2018).
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de939319 (Zugriff: 17.6.2018).
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de939354 (Zugriff: 17.6.2018).

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de939381 (Zugriff: 17.6.2018).

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de939373 (Zugriff: 17.6.2018).

[10] Siehe die entsprechenden Einträge im Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen.